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Innen

06.07.2006

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A P O K RY P H EN / Z W EI - Q U ELLEN - T H E O RI E

Was sind frühchristliche Apokryphen? Die ersten Christen hatten zunächst keinen Bedarf an einer eigenen heiligen Schrift, denn sie besaßen von Anfang an eine: Die jüdische Bibel, das Alte Testament, das sie auf Jesus Christus hin lasen und auslegten. Außerdem rechneten viele Christen, darunter der Apostel Paulus, mit dem baldigen Wiedererscheinen des Herrn Jesus Christus, sodass für sie anfangs kein Grund bestand, eine eigene schriftliche Tradition zu begründen. Gleichzeitig gab es aber schon im 1. Jahrhundert n.Chr. unter Christinnen und Christen ein Interesse, sich der Worte und Taten Jesu zu erinnern und diese Erinnerung auch schriftlich festzuhalten. So entstanden etwa in den Jahren 50 bis 100 n.Chr. nebeneinander zahlreiche Texte, die unterschiedlichen persönlichen und gemeindlichen Zwecken dienten; etliche von ihnen wurden später zum Neuen Testament zusammengefügt. Die Briefe des Apostels Paulus, die ältesten Schriften im Neuen Testament, sind Gebrauchstexte, mit denen der Apostel die Verbindung zu fernen Gemeinden hält, in ihnen versucht er Probleme zu lösen, er trägt Anliegen vor, tauscht Grüße und Empfehlungen aus. Der Apostel hatte weder die Absicht noch die Ahnung, dass diese Briefe einmal gesammelt und Teil einer heiligen Schrift werden würden. Auch die Evangelien stellten zunächst wohl einfach Versuche dar, sich der Geschichte Jesu und damit der eigenen Geschichte zu vergewissern.

Exkurs: Die Zwei-Quellen-Theorie Eine Seite aus dem Codex Sinaiticus. Erste komplett erhaltene christliche Vollbibel mit Altem und Neuem Testament aus dem 4. Jahrhundert.

Wer die ersten drei Evangelien des Neuen Testaments (Matthäus, Markus und Lukas) aufmerksam liest, wird rasch feststellen, dass sie sowohl im Ablauf des Erzählens als auch im Wortlaut häufig übereinstimmen. Weiterhin fällt auf, dass das Matthäusevangelium und das Lukasevangelium über die Texte, die sie mit dem Markusevangelium gemeinsam haben, hinaus vor allem Redegut Jesu berichten, das man im Markusevangelium nicht findet. 11


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P E TRUSEVANGELIUM

Das Petrusevangelium

Der Apostel Petrus. Ikone aus dem Katharinenkloster im Sinai, 5. Jahrhundert

Von der Existenz eines Petrusevangeliums (abgekürzt EvPetr) in der alten Kirche wusste man lange Zeit nur aus vereinzelten Nachrichten bei einigen Kirchenvätern. So berichtet zum Beispiel der erste Kirchenhistoriker, Euseb von Cäsarea (vor 264 bis etwa 340), über den Bischof Serapion von Antiochia (um 200), dieser habe auf die Anfrage einer Gemeinde hin das Verlesen des Petrusevangeliums im Gottesdienst zunächst gestattet, nach eingehender Prüfung des Textes aber verboten. Aus dieser Nachricht geht immerhin hervor, dass das Petrusevangelium Ende des 2. Jahrhunderts in Syrien in Gebrauch war. Auch in Ägypten kannte man die Schrift. Der alexandrinische Theologe Origenes (um 185 bis 253) erwähnt das Petrusevangelium, zitiert allerdings nicht daraus. Erst durch einen Handschriftenfund etwa 1886/87 im Grab eines christlichen Mönches im oberägyptischen Achmim wurde ein Teil des griechischen Textes des Petrusevangeliums wiederentdeckt. Dieser Text beginnt abrupt am Ende des Verhörs Jesu vor Herodes Antipas und Pontius Pilatus und bricht kurz vor dem Bericht einer (oder mehrerer) Ostergeschichte(n) in Galiläa ab. Die Handschrift selbst, die aus dem 8. oder 9. Jahrhundert stammt, ist jedoch vollständig, Anfang und Schluss sind deutlich markiert. Das bedeutet, dass dem Abschreiber des 8. oder 9. Jahrhunderts selbst nur noch ein fragmentarisches Petrusevangelium als Vorlage zur Verfügung stand. Das Petrusevangelium war um diese Zeit offenbar schon weitgehend verdrängt worden und nicht mehr allgemein zugänglich. Der Text aus Achmim hat keinen Titel. Dass es sich bei ihm um das Petrusevangelium handelt, geht am deutlichsten aus dem »Ich« des Erzählers hervor, der sich selbst am Ende des Textes als Simon Petrus zu erkennen gibt. Der Passions- und Osterbericht des Petrusevangeliums weist zahlreiche Gemeinsamkeiten mit den Berichten der neutestamentlichen Evangelien auf, ohne jedoch direkt aus ihnen zu zitieren. So erzählt beispielsweise auch das Lukasevangelium von 17

Lk 23,6–12


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UNBEKANNTES BERLINER EVANGELIUM

Das Unbekannte Berliner Evangelium (Das Evangelium des Erlösers)

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Die Wiederentdeckung des Unbekannten Berliner Evangeliums (abgekürzt UBE) ist ein schönes Beispiel dafür, dass Funde antiker Handschriften heutzutage nicht nur im ägyptischen Wüstensand möglich sind, sondern ebenso in Bibliotheken und Museen. Die Fragmente des UBE waren im März 1967 zu dem auch für damalige Verhältnisse geringen Preis von 300,– DM für das Berliner Ägyptische Museum erworben worden. Sie wurden auch gleich als Reste einer Pergamenthandschrift aus dem 6. Jahrhundert erkannt und ihr Inhalt zutreffend als »neutestamentliches Apokryphon (angebliche Reden Jesu)« bestimmt. Die einzelnen Pergamentblätter hat man dann aber nicht zwischen Glasplatten gesichert, sondern unkonserviert eingelagert, sie gerieten offenbar in Vergessenheit. Erst 1991 wurde der koptische Text (vermutlich eine Übersetzung aus dem Griechischen) durch Paul A. Mirecki wieder entdeckt und 1997 gemeinsam mit Charles W. Hedrick unter dem Titel Gospel of the Savior (= Evangelium des Erlösers, die Fragmente selbst enthalten keinen Titel) erstmals veröffentlicht. Auf der Basis von vier noch erhaltenen Seitenzahlen (99/100, 107/108), aus denen hervorgeht, dass das UBE aus einem ursprünglich recht umfangreichen Pergamentcodex stammt, haben Mirecki und Hedrick dann versucht, die erhaltenen Fragmente in die richtige Reihenfolge zu bringen. Sie sind dabei jedoch konsequent nach einem falschen Prinzip vorgegangen, sodass ihre Edition zwar einen lesbaren, in seiner Abfolge aber verwirrenden und unlogischen Text enthält. Erst Stephen Emmel gelang es, die richtige Reihenfolge festzustellen und zu beweisen. Die hier gebotene erste Übersetzung der korrekten Textabfolge basiert denn auch auf Emmels Einsichten. Da die Seitenzahlen der Handschrift in der Erstedition des Textes teilweise falsch rekonstruiert sind, werden sie hier (mit Ausnahme der wirklich erhaltenen) nicht angegeben. Stattdessen wurde eine proviso27

 Brennpunkt: Neuzeitliche Handschriftenfunde


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G EH EI M E S M A R KU S EVA N G ELIU M

Textstück 1: Die Auferweckung des Jünglings (im Anschluss an Mk 10,34) Und sie kommen nach Bethanien. Und dort war eine Frau, deren Sohn gestorben war. Und sie kam und warf sich vor Jesus verehrend nieder und sagt zu ihm: »Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Die Jünger aber schalten sie. Und erzürnt ging Jesus mit ihr weg in den Garten, wo das Grabmal war. Und sogleich wurde aus dem Grabmal eine laute Stimme gehört. Und Jesus trat herzu und wälzte den Stein vom Eingang des Grabmals weg. Und sogleich ging er hinein, wo der Jüngling war, streckte die Hand aus und richtete ihn auf, indem er ihn bei der Hand fasste. Der Jüngling aber blickte ihn an und gewann ihn lieb und fing an, ihn zu bitten, dass er bei ihm bleibe. Und sie gingen aus dem Grabmal heraus und kamen in das Haus des Jünglings. Er war nämlich reich. Und nach sechs Tagen gebot ihm Jesus; und als es Abend geworden war, kommt der Jüngling zu ihm, bekleidet mit einem Leinengewand auf dem nackten Leib. Und er blieb bei ihm jene Nacht. Denn Jesus lehrte ihn das Geheimnis des Reiches Gottes. Und er erhob sich und kehrte von dort zurück an das jenseitige Ufer des Jordans. Textstück 2: Die Begegnung in Jericho (im Anschluss an Mk 10,45) Und er kommt nach Jericho. Und dort waren die Schwester des Jünglings, den Jesus liebte, und seine Mutter und Salome. Und Jesus nahm sie nicht auf.

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NE UZEI TLICH E HANDSCHRIF TENF UNDE

Brennpunkt: Neuzeitliche Handschriftenfunde

Der berühmteste Handschriftenfund des 20. Jahrhunderts ist wahrscheinlich die Entdeckung der Schriftrollen von Qumran. Durch Zufall kamen 1947 in den Höhlen am Nordwestufer des Toten Meeres die ersten sieben Schriftrollen zutage, durch systematische Ausgrabungen wurde anschließend eine Vielzahl weiterer Schriften entdeckt. Neben Abschriften fast aller Bücher des Alten Testaments enthält der Fund vor allem Schriften einer in Qumran bis 68 n.Chr. ansässigen jüdischen Gemeinschaft. Die allmähliche Erschließung der Texte erweitert erheblich die Kenntnis über das zeitgenössische Judentum zur Zeit Jesu. Allerdings enthält der Fund keine frühchristlichen Texte, auch gibt es in den Schriften aus Qumran keinen direkten oder indirekten Verweis auf Jesus und das frühe Christentum. Weniger bekannt, aber ähnlich bedeutend wie der Schriftrollenfund von Qumran, ist die Entdeckung von Tonkrügen mit insgesamt dreizehn Papyruscodices, die – wiederum durch Zufall – im Dezember 1945 in der Nähe von Nag Hammadi in Oberägypten gemacht wurde. Der exakte Fundort ließ sich dort allerdings nicht mehr feststellen, die Handschriften kamen sofort in den Antiquitätenhandel und mussten erst wieder mühsam zusammengekauft werden. Codex I gelangte gar zunächst in die Schweiz. Heute werden alle Texte im Koptischen Museum zu Kairo aufbewahrt. Spätere Untersuchungen am vermuteten Fundort verliefen ergebnislos. Die Sammlung der dreizehn Codices enthält mehr als 50 sehr verschiedene, in koptischer Sprache geschriebene Texte. Manche dieser Texte sind christlich, manche christlich-gnostisch, manche nichtchristlich. Der berühmteste Text dieses Fundes ist das Thomasevangelium, das bis zu seiner Entdeckung nur durch vereinzelte Zitate bei Kirchenvätern bekannt war und große Bedeutung für die Erforschung des Neuen Testaments hat. Neben dem Thomasevangelium werden hier aus dem Fund von Nag Hammadi noch 39

Koptisch: die letzte Entwicklungsstufe des Ägyptischen  Brennpunkt: Was ist Gnosis?


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GNOSIS

nach dem Ursprung und dem Wesen der Gnosis, in: J. B. Bauer/H. D. Galter (Hg.), Gnosis, Grazer Theologische Studien 16, Graz 1994, 179–207. Karl-Wolfgang Tröger (Hg.), Gnosis und Neues Testament. Studien aus Religionswissenschaft und Theologie, Berlin 1973. Christoph Markschies, Die Gnosis, München 2001. Karl-Wolfgang Tröger, Die Gnosis. Heilslehre und Ketzerglaube, Freiburg 2001.

Die letzte Seite des Evangeliums nach Maria mit dem Titel der Schrift

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EVANGELIUM NACH MARIA

Das Evangelium nach Maria

Der Text des Evangeliums nach Maria (abgekürzt EvMar) findet sich in einem kleinen Papyruscodex, der 1896 in Kairo für die Papyrussammlung in Berlin angekauft wurde. Der Codex stammt vermutlich vom Anfang des 5. Jahrhunderts und bietet den Text des Evangeliums in koptischer Übersetzung aus dem Griechischen. Zwei erheblich ältere Papyrusfragmente (etwa 3. Jahrhundert) in der Originalsprache Griechisch bezeugen ebenfalls die Existenz des Evangeliums nach Maria. Sie enthalten allerdings nur wenig Text und tragen zum Verständnis der Schrift kaum etwas bei. Das Evangelium nach Maria selbst ist vermutlich schon im 2. Jahrhundert entstanden. Die hier gebotene Übersetzung folgt dem koptischen Text des Berliner Codex. Dieser Text des Evangeliums der Maria umfasste ursprünglich die ersten 18 Seiten des Codex sowie den Anfang der Seite 19, doch fehlen die Seiten 1–6 und die Seiten 11–14, sodass weniger als die Hälfte des ursprünglichen Textes erhalten ist. Der erste erhaltene Teil des Evangeliums berichtet das letzte Gespräch des Erlösers – das ist Jesus, aber sein Name fällt im Evangelium nach Maria nie – mit seinen Jüngern, seine letzten Anweisungen, seinen Abschied und Weggang. Durch den Weggang des Erlösers geraten die Jünger in große Verzagtheit, aus der sie erst der Auftritt Marias befreit. Mit Maria ist Maria von Magdala (= Maria Magdalena) gemeint, nicht Maria, die Mutter Jesu. Sie tröstet die Jünger, indem sie sie küsst – so wie der Erlöser die Jünger zum Abschied geküsst hatte. Maria nimmt also eine Art Stellvertreterrolle des Erlösers ein. Diese Funktion und die besondere Wertschätzung Marias durch den Erlöser erinnern an die Rolle des geheimnisvollen Lieblingsjüngers im Johannesevangelium des Neuen Testaments. Auf Wunsch der Jünger hebt Maria zu einem umfänglichen Monolog an, in dem sie ihnen geheime Offenbarungen mitteilt, die der Erlöser nur ihr hat zu137


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