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genannt. Urkunden und andere Belege über die Almen treten nun vermehrt nach 1600 auf; dies hat wohl den Grund, weil in den Bauernkriegen und der Reformationszeit mit der anschließenden Gegenreformation viel vernichtet wurde. Es wurden auch Almmeister und Waldvögte zur Überwachung der Wald- und Weidegesetze eingesetzt. Sie mussten das Schwenden, Reuten und Viehtreiben überwachen, auch schritten sie gegen die verbotene Schaf- und Ziegenhaltung ein. Gerade für das obere Ennstal erschien 1695 die erste „Landsteirische Waldordnung“. Ein halbes Jahrhundert später, unter Maria Theresia, wurde zur Überprüfung und Festsetzung dieser Rechte und Verbote die „Generalwaldbereit- Berain- und Schätzungskommission“ eingerichtet, die 1767 den „Waldtomus“, eine exakte Flächenwidmungsordnung herausgab. 1819 erforschte die von Erzherzog Johann initiierte „k.k. Landwirtschaftsgesellschaft in der Steiermark“ die wirtschaftliche Situation in den klimatisch exponierten Lagen. Anlass war die Hungersnot von 1816/17, die eine wissenschaftliche Erforschung notwendig erscheinen ließ. Regulierung brachte bis heute verbindliche Spielregeln Das Jahr 1848 brachte auch hier die Befreiung von der Grundherrschaft, von allen Abgaben, Zinsen und vor allem von der ungeliebten Robot. Durch die Entrechtung der Grundherren wurde das Bauerntum vor ganz neue Aufgaben gestellt, die sich oft als unüberwindliche Hindernisse erwiesen. So musstn Grund und Boden käuflich erworben werden und diese finanziellen Aufwendungen konnten die wenigsten tätigen. Die Folge war, dass sie wiederum ihre vorher bewirtschafteten Gründe oder gar ihre Höfe an die ehemaligen Grundherrn verkaufen mussten. Eine Regelung der Nutzungsrechte blieb aber aus. Sie wurden erst 20 Jahre später in den Regulierungsakten aufgenommen. Diese um 1867 erfolgte neue Bestandsaufnahme mit genauen Regelungen für den Auftrieb auf die Almen, hat heute noch ihre Gültigkeit. Die Grundentlastung war eine der Ursachen allem für das Bauernsterben im 19. Jahrhundert, und besonders betroffen waren die Bergbauern. Neue Verkehrsmittel, wie die Eisenbahn, schränkten die Nebenerwerbsmöglichkeiten der Bauern durch das Säumen mit Fuhrwerken stark ein. Auch die gleichzeitig einsetzende industrielle Revolution mit der Gründung von Großbetrieben führte zur Landflucht, weil sich viele bessere Lebensbedingungen in den Städten erhofften und damit verbunden, herrschte ein Mangel an Knechten und Mägden. Es mussten gerade in exponierten Lagen viele Höfe aufgegeben werden; bestenfalls wurden sie in Zulehen oder Niederalmen verwandelt. Ab 1901 gewährte die Almsektion der k.k. Landwirtschaftsgesellschaft Zuschüsse für Almverbesserungen und zwischen 1907 und 1909 wurde das erste moderne Landesgesetz zum Schutze der Almen und zur Förderung der Almwirtschaft

beschlossen, novelliert wurde es 1919 und 1948. Die letzten Almfahrten der Sennerinnen Die größten Veränderungen auf unseren Almen gab es sicherlich im 20. Jahrhundert. Nicht durch die zwei Weltkriege, sondern durch den technischen Fortschritt brachen auch auf den Almen neue Zeiten aus. Die politischen und wirtschaftlichen Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gingen auf unseren Almen sicher nicht spurlos vorbei, aber sie bildeten doch einen gewissen Rückhalt für die Landwirtschaft. Die Sennerinnen gingen gerade auf den Almen im Toten Gebirge der traditionellen Almwirtschaft nach. Aber seit den 1960er und 70er Jahren „fuhren“ immer weniger Sennerinnen auf die Almen. Es wurden fast keine Milchkühe mehr aufgetrieben und damit wurden auch Almkäse und Almbutter eine Seltenheit. Nun sollte man allmählich von dem strengen Begriff „Almwirtschaft“ abgehen. So wurden die Almen mit Galtvieh-Bestoßung Galtvieh sind die Rinder bis zu drei Jahren - als Hochweiden bezeichnet. Obwohl bereits im Almschutzgesetz von 1948 „nicht nur Almboden, sondern alles Grundstücke, wie Alpe, Weide, Wiese und auch Wald, welche in ihrer Zusammenfassung zu einer Einheit die Almwirtschaft ermöglichen“ zum Begriff „Alm“ gehören. Mit dem Rückgang der klein strukturierten Landwirtschaft, gerade im Ausseerland, wurden viele Almhütten nicht mehr gebraucht und sie begannen zu verfallen. Aber trotzdem kann man sich bei jeder Almwanderung überzeugen, dass diese besondere Kulturlandschaft immer noch besteht. Die Hütten wurden in den letzten Jahren erneuert und gerade an den Wochenenden kann man oft ein reges Almleben beobachten. Vom sorgenfreien Almleben Die Entfernung von Haus und Hof bedingte zu den entlegenen Almen einmal eine andere Lebensweise. Im östlichen Teil Österreich, der Inn bildet da etwa die Grenze, war in den Alpen meist weibliches Almpersonal anzutreffen. Im Westen dagegen waren durchwegs nur Männer auf den Almen. Die wichtigste Person war also die Sennerin. In der bäuerlichen Rangordnung stand sie gleich hinter der Bäuerin, noch vor den Knechten. Sie hatte ja eine große Verantwortung für das aufgetriebene Vieh. der Sennerin zur Seite standen hier höchstens Hüter, die noch im Schulalter waren oder ältere Männer, die bei der schweren Almarbeit halfen. Diese Konstellation führte schon im Mittelalter zu einer Lebensweise, die vom Tal aus schwer zu kontrollieren war. „Auf der Alm da gibts ka Sünd“ wurde ja oft zurecht als bare Münze genommen, obwohl das Almleben besonders der Sennerinnen doch unter einer gewissen Kontrolle stand und damit dem „sündigen“ Leben Einhalt geboten wurde. Abschreckend wirkten die Sagen und Erzählungen, die in ihrer Anschaulichkeit vor Ausschweifungen warnten. Das beginnt mit den Sagen von den „übergossenen Almen“, wo die

Sennerinnen mit ihren Käselaiben Wege pflasterten und sich nur mehr mit Männern vergnügten und damit eine Strafe herausforderten. Es begann zu schneien und die Alm versank im ewigen Eis. Heutige Funde in den Gletschergebieten bestätigen zumindest, dass es in höheren Lagen Almen in historischer Zeit gab. So wurden nicht die sündigen Sennerinnen, sondern die Almen ein Opfer von Klimaänderungen. Gerade die Milchwirtschaft in so exponierten Lagen forderte eine saubere Arbeit, um Butter und Käse zu erzeugen. Der weiße Schurz der Sennerin ist hier das äußere Zeichen und Symbol. Fabelwesen, wie die „Kaswürmer“ drohten schlampigen Sennerinnen und auch die „wilde Horde“, die das Almvieh verschrecken könne, war immer im Bewusstsein der Almdirnen. Die Almen als Erholungs- und “Anregungs”gebiet Im 19. Jahrhundert begann nun das städtische Bürgertum die Almen zu entdecken. Gerade die Sennerin wurde von den ersten Reiseschriftstellern und Malern als eine ideale Personifizierung von Schönheit und Sauberkeit gesehen. Es wurde eine Idylle geschaffen die es sicher nicht so gegeben hat. Auch die Reiseschriftsteller entdeckten unsere Almen. Der in Wien geborene Mediziner, Botaniker und Alpinist Schultes schilderte eine „Exkursion auf dem Dachsteingletscher“ als er müde in einer Almhütte einkehrte: „....kaum waren wir eingeschlafen, als ungefähr zur zweyten Stunde nach Mitternacht ein rüstiger Bursche, ein Holzknecht, mit Steigeisen an den Beinen und einem mächtigen Griesbeile hereintrat, und durch die Gewalt seiner Tritte uns weckte. Wir stutzten anfangs über den Besuch, als wir aber bald sahen, daß er nicht uns, sondern unserer Hausjungfer galt, waren wir beruhigt, und wir wären eingeschlafen, wenn nicht Scenen, die kein Dichter üppiger und derber mahlen kann, und wir unglücklicherweise durch die offen stehenden Fugen unseres Verschlags sehen mußten, uns hätte kein Auge schließen lassen.“ Wie es zum Liebesleben kam, beschrieb Schultes voller Bewunderung, weil dieser Holzknecht stundenlange Märsche absolvieren musste und das nach einem harten Arbeitstag. Damit sind auch einige vergessene Bräuche verbunden, dem „Bauen“ und dem „Nachpacken“. Wer sich bei einem heimlichen Treffen erwischen ließ, musste mit einigen Unannehmlichkeiten rechnen. Oft kampierten die Holzknechte in ihren Hütten und Unterständen in der Nähe der Almen und wenn die Kameraden bemerkten, dass einer von ihnen eine Sennerin aufsuchte, dann „packten“ sie sein ganzes Hab und Gut und trugen sie auf die Alm nach. Die Eifersucht der nicht erhörten Männer ging noch weiter und sie wollten dem Liebhaber eine ungestörte Nacht vermiesen. Sie stapelten alles vor der Hütte auf und sie versuchten mit einem höllischen Lärm das Liebespaar zu trennen. Gelang das auch nicht, so wurde „gebaut“. Sie deckten Teile des Bretterdaches ab, um in die Hütte einzudringen und nun war es um die

Liebenden geschehen. Nur genug Branntwein und ein „Koch“ der Sennerin versprachen einen versöhnlichen Ausgang. War einmal eine Liaison bekannt, so ließ man das Paar in Ruhe. Nicht vergessen darf man auch die vielen Liebesgaben, die die Sennerin an ihren Freund erinnerten. Im Universalmuseum Schloss Trautenfels kann man besonders die Rahmzwecke mit Liebessymbolen bewundern. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts trat eine starke Veränderung des Almpersonals ein. Die Rationalisierungsbestrebungen im Tal merkte man auch auf den Almen. Es war kaum mehr qualifiziertes Personal zu finden. Die familieneigenen Leute am Bauernhof hatten immer weniger Lust und durch andere Beschäftigungen auch keine Zeit, die Sommer auf der Alm zu verbringen. Diese Marktlücke haben vor allem Studenten, Künstler und zeitweise Aussteiger für sich entdeckt. Auf der Universität für Bodenkultur werden Almseminare angeboten und interessierte Halter und Senner, auch weiblich, werden oft von den Bauern eigens eingeschult. So kann man immer mehr Dichter und Musiker, Maler und Studenten bei der Arbeit auf den Almen treffen. Toni Burger, Peter Gruber und Bodo Hell erzählen immer wieder von ihren Zugängen zur Natur, Gebirge und den oft nicht leichten Aufgaben, die diese Arbeit mit sich bringt. Einer der Höhepunkte des Almlebens ist der „Almabtrieb“. Ist der Sommer ohne Schaden überstanden und kein Vieh verunglückt, dann wird das Vieh geschmückt, die Sennerinnen bereiten köstliche „Almraunggerln“, und damit ist der Almsommer beendet. Natürlich hat der Tourismus dies entdeckt und gerade im Ennstal und über dem Pötschen gibt es organisierte Almabtriebe mit einem stattlichen Beiprogramm. Es werden Almkirtage abgehalten, bäuerliches Handwerk gezeigt und selbstverständlich wird auch für das leibliche Wohl gesorgt. Diese Veranstaltungen stoßen auf ein großes Interesse und zeigen, dass das Almwesen noch immer etwas Besonderes und Erhaltenswertes ist und aus dem alpinen Leben nicht wegzudenken ist. Mag. Dr. Christoph Auerböck, Jahrgang 1954, Ethnologe und Historiker, Kurator Ausstellungen und Museen (u.a. Schloss Trautenfels, Landesausstellung 2005, Gräf & Stift Museum); Publikationen in einschlägigen Zeitschriften. Vater zweier erwachsener Töchter. Literaturhinweise: Abrahamczik, Walter: Die Almen und Wälder im steirischen Teil des Dachsteinstockes. München 1962. Auerböck, Christoph: Das Schwe(a)igen der Almen, DA Wien 2001. Mandl, Franz (Hg.): Vier Jahrtausende Almen im Hochgebirge, Haus im Ennstal 1998. 17

Alpenpost 23 2015  
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