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DAS MAGAZIN ZU FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG AUSGABE 02/2015

IN TIROL

STROM SPAREN Wie Programme lernen, Energieverbrauch und Kosten zu senken

AUSGESCHENKT

Warum Getr채nke bald l채nger frisch schmecken

ABGESTRAMPELT

Wie Patienten im Tomographen Treppen steigen

ANGESTUPST

Was uns dabei hilft, ges체nder zu essen


Forschen... f端r Ihre Gesundheit. www.i-med.ac.at


EDITORIAL

Inhalt INTERNATIONALES TIROL

Liebe Leserinnen, liebe Leser

06 © SHUTTERSTOCK

Zwischen Praxis und Forschung

TECHNIK 10

Natürliche Keime lassen es schneien

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Präzision ist Trumpf

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Ein schwebendes Mechatronik-Projekt

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© SHUTTERSTOCK

Sanft gezapft

MEDIZIN Treppensteigen im Tomographen

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Neues Know-how bei Infektionskrankheiten

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Theorie und Praxis

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WG statt Seniorenheim

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Die Angst vor dem Vergessen

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Barrieren, die keine sein müssen

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Nudge – da geht’s lang

35 © FRANZ OSS

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issenschaft und Forschung bestimmen unser Leben, meist ohne, dass wir davon viel bemerken. Dabei finden sich in Tirol Entwicklungen und Innovationen in allen Bereichen – im Labor und an der Universität ebenso wie im Familienunternehmen im eigenen Heimatort. So verschmilzt der Alltag mit modernster Technik, die zum Beispiel dafür sorgt, dass der Zapfhahn im Wirtshaus Getränke ausschenkt, die länger frisch schmecken. Zugleich durchdringt die stetig wachsende Welt des Digitalen immer neue, aber auch alte Bereiche: Computer entschlüsseln historische Texte, Apps dienen als Frühwarnsystem bei psychischen Erkrankungen und Software hilft, Events abzuwickeln. Das Fundament all dieser Innovationen bildet die Grundlagenforschung. Sie liefert die Erkenntnisse, die den Weg für zukünftige Entwicklungen ebnen. Und auch sie wird in Tirol großgeschrieben. Diese oft versteckte Leistung zu präsentieren, hat sich „Innovation in Tirol“ zur Aufgabe gemacht. Auf den kommenden Seiten erwartet Sie ein kleiner Einblick in die Vielfalt des Forschungslands Tirol – um zu zeigen, was hinter oft verschlossenen Türen geschieht, und die Neugierde zu wecken, die jedem Forscher- und Erfindergeist zugrunde liegt. Die Redaktion

DIGITAL & WIRTSCHAFT

Impressum Innovation in Tirol Beilage in der „Tiroler Tageszeitung“ Herausgeber, Medieninhaber und Verleger: TARGET GROUP Publishing GmbH Redaktion: Daniel Feichtner, Barbara Wohlsein, Max Schnabl, Eva-Maria Hotter, Klaus Erler, Rebecca Müller, Theresa Kirchmair, Eva Schwienbacher, Nina Zacke, Steffen Arora | Layout: Kristina Fallenegger, Eva Lobenwein | Illustrationen: Monika Cichoń | Anzeigenverkauf: Wolfgang Mayr | Anschrift für alle: Brunecker Straße 3, 6020 Innsbruck, T: +43 (0)512/58 60 20 E: office@target-group.at, www.target-group.at | Druck: Intergraphik GmbH, Innsbruck

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Diagnose to go

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Alte Schriften lesbar gemacht

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Ausgeglichene Energie

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Aufs Stromsparen programmiert

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Wiederverwendbare IT-Lösung

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Die Preise hinter dem Preis

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SERENDIPITÄT


Internationale FORSCHUNG IN TIROL Gemeinsam mit internationalen Partnern wird in Tirol hochklassige Forschung und Entwicklung betrieben. Dazu finden sich Projekte in jedem Bezirk. Von Theresa Kirchmair

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Firma: GE Jenbacher Bezirk: Schwaz Partner: LEC Graz & Kyushu University Herkunftsland: USA & Japan

Firma: Bartenbach Bezirk: Innsbruck-Land Partner: Högskolan Dalarna Herkunftsland: Schweden Gemeinsam mit der schwedischen Universität und 21 weiteren Partnern entwickelt Bartenbach im Zuge des EU-Projektes iNSPiRe Methoden, die zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden dienen.

In dem Projekt geht es um die Optimierung von Dimethylmotoren, die sowohl mit Diesel als auch mit Gas fahren können. Ziel ist es, geeignete Simulationswerkzeuge zu entwickeln. Die Kooperation umfasst noch viele weitere Partner, besonders eng wird aber mit dem LEC in Graz zusammengearbeitet. GE selbst stammt aus den USA.

3 Tiroler Standort Internationaler Partner

Firma: Plansee Bezirk: Reutte Partner: Ceramatec Herkunftsland: USA MOXIE ist ein System, das bei künftigen Marsmissionen Sauerstoff bereitstellen soll. Ein Teil der Technologie für diese umgekehrte Brennstoffzelle wird von Plansee entwickelt. Die Partnerfirma Ceramatec ist von der NASA mit der Herstellung der Zelle beauftragt.

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4 Firma: Universität Innsbruck Bezirk: Kitzbühel Partner: Dt. Bergbaumuseum, Curt Engelhorn Zentrum Herkunftsland: Deutschland In Kitzbühel befindet sich eines der wichtigsten prähistorischen Abbaugebiete für Kupfer in ganz Europa. Bei Ausgrabungen wurden einige Kupferschmelzplätze freigelegt und es konnte gezeigt werden, dass sich die Siedlungsaktivität in Tirol mit der Blütezeit des Kupferabbaus in Kitzbühel deutlich verstärkt hat.

Firma: Sandoz Bezirk: Kufstein Partner: Novartis Herkunftsland: Schweiz

Firma: Universität Innsbruck Bezirk: Innsbruck Partner: CNRS Paris, Max Planck Institut, Weizmann Institut Herkunftsland: Frankreich, Deutschland, Israel An der Universität Innsbruck wird gemeinsam mit den Partnern am Projekt Ultracold Quantum Matter geforscht. Es befasst sich mit Quantenmechanik, dem Verhalten von Materie bei sehr niedrigen Temperaturen und wie man sie kontrollieren kann.

Sandoz ist die Generika-Division des Schweizer Pharmaunternehmens Novartis. Am Standort in Tirol entwickelt man Nachahmerpräparate, die in ihrer Wirkung und Sicherheit bereits auf dem Markt erschienenen Mitteln gleichen. Der Patentschutz dieser Medikamente muss bereits ausgelaufen sein.

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Firma: Durst Fototechnik Bezirk: Lienz Partner: Korea University Herkunftsland: Italien, Korea Firma: General Solutions Bezirk: Landeck Partner: Lufthansa, AUA Herkunftsland: Deutschland

Die italienische Firma Durst hat in Osttirol ihr Forschungszentrum aufgebaut. Derzeit forscht man dort gemeinsam mit zwölf weiteren Partnern, unter anderem der Korea University, am EUProjekt MEM4WIN. Es befasst sich mit intelligenten Fenstern zur Energieproduktion und -einsparung.

Gemeinsam mit Lufthansa und AUA arbeitet General Solutions an der Callcenter-Software CASE 2, die auf Krisenmanagement bei Flugzeugunglücken ausgelegt ist. Sie erlaubt es, eine Vielzahl von Informationen zu erfassen, zu bündeln und zu filtern.

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Firma: Universität Innsbruck Bezirk: Imst Partner: University of Granada Herkunftsland: Spanien

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Tirol 5

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Zusammen mit weiteren Partnern wird erforscht, inwiefern sich Mikroorganismen via atmosphärischem Langstreckentransport verbreiten. Die Aufmerksamkeit gilt weit abgelegenen Seen wie dem Gossenköllesee in Imst, die auch als Indikatoren für den Klimawandel dienen.

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INTERVIEW

Zwischen Praxis und Forschung Seit Oktober 2014 trägt die Wirtschaftskammer Tirol die Stiftungsprofessur „Innovation und Entrepreneurship“. Professor Johann Füller erzählt im Gespräch von neuen Ideen, ihrer Umsetzung und Unternehmertum. Von Eva-Maria Hotter

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err Füller, zusammengefasst auf einige Bullet Points, woran forscht Ihr Lehrstuhl? Johann Füller: Innovation und Entrepreneurship (lacht). Grundsätzlich geht es zum einen darum, dass man Studierenden das nötige Rüstzeug mitgibt, um im Unternehmen als Innovationsmanager oder Berater tätig sein zu können. Zum anderen aber auch sie auf den Geschmack zu bringen, wie es wäre, selbst als Unternehmer aktiv zu sein. In der Forschung beschäftigen wir uns hauptsächlich mit Themen wie Open-Innovation, Crowdsourcing, oder auch, wie sich Innovationsmanagement und Entrepreneurship-Prozesse verändern. Und wie man heute Innovationen, Dienstleistungen und Produkte neu entwickelt und gestaltet – im Vergleich zu früher. Was verstehen Sie unter Innovation? Innovation bedeutet etwas Neues zu kreieren, das zugleich einen Mehrwert schafft – einen zusätzlichen Kundennutzen, weil es sonst schließlich niemand braucht. Aber es ist nicht nur das Erfinden, sondern es gehört auch die erfolgreiche Kommerzialisierung dazu. Also es reicht nicht nur eine tolle Idee zu haben, sondern auch: Wie kann ich

diese erfolgreich platzieren und damit ein Geschäft machen? Und unter Entrepreneurship? Hier gibt es unterschiedliche Spielarten. Unternehmer-Sein heißt eigenständig etwas zu schaffen – ein Unternehmen zu gründen, unternehmerisch zu denken oder auch im sozialen Bereich eine Organisation ins Leben zu rufen. Das Ziel ist, möglichst viel Impact zu generieren. Eine Person mit Unternehmergeist kann solche Möglichkeiten identifizieren und ist zudem in der Lage, diese Möglichkeiten auch umzusetzen. Gibt es Schnittschnellen zwischen Forschung und Praxis? Hier gibt es zunächst zwei unterschiedliche Dimensionen: Einerseits gibt es die Grundlagenforschung an den Universitäten. Wo neue Erkenntnisse entstehen, kann und muss man sich auch immer Gedanken machen, wie man diese kommerziell verwertet. Dort entsteht dann eine Schnittstelle zur Wirtschaft, die man allerdings künftig noch besser gestalten kann. Inwiefern besser gestalten? Wichtig ist, sich hier zu fragen, wie die Zusammenarbeit zwischen Forschern, Industrie und einzelnen Unternehmen aussieht. 6

Auch die Rollen des Forschers und des Praktikers. Zudem sollte man sich im Unternehmen überlegen, wie innoviert wird und welche neuen Zugänge es gibt. Holt man sich den Innovationsprozess selber ins Haus oder lagert man ihn aus? Hier gibt es verschiedene Ansätze und Erkenntnisse in der Managementlehre, bei denen es primär nicht darum geht, Forschungsergebnisse zu kommerzialisieren, sondern wie sich ein Unternehmen oder ein Innovationsprozess anders aufstellen lässt, um effektiver zu sein. Es ist somit also eine Annäherung von zwei Seiten – seitens Universitäten und seitens Unternehmen. Forschung und Praxis.


© DOMINIQUE HUTER

INTERVIEW

Johann Füller hat Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen, International Business (MIB) und Betriebswirtschaftslehre (Ph.D.) und Marketing studiert. Er leitet das Institut für Entrepreneurship und Innovation an der Universität Innsbruck. Die Stiftungsprofessur wird von der Wirtschaftskammer Tirol getragen. Johann Füller ist unter anderem auch Fellow am NASA Tournament Lab-Research der Harvard University.

Johann Füller

Wie kann die Zusammenarbeit zwischen diesen Bereichen aussehen? Zum Beispiel klassisch, dass ein Forscher und ein Praktiker miteinander kooperieren. Es gibt aber auch Hybride, damit diese zwei unterschiedlichen Lebenswelten auch miteinander kommunizieren können. Dazu zählen Forscher, die sich besonders für die Praxis interessieren. Aber auch umgekehrt Unternehmer oder Manager, die offen für die neusten Forschungserkenntnisse sind. Ich glaube, beide Bereiche sind sehr wichtig. An den Universitäten und in der Forschung entsteht viel Neues, was einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz

„Innovation bedeutet etwas Neues zu kreieren, das zugleich einen Mehrwert schafft – einen zusätzlichen Kundennutzen, weil es sonst schließlich niemand braucht.“ schaffen kann. Und jedes Unternehmen sucht natürlich nach Wegen und Möglichkeiten, sich im Wettbewerb zu differenzieren. Die Forschung hat hier 7

gute Chancen, diese Möglichkeiten zu erkennen. Andererseits ist es auch für die Forschung vorteilhaft, Feedback aus der Praxis zu bekommen: Was ist wirklich relevant? Was sind Themen, für die man dringend Lösungen braucht? Das beeinflusst dann die Forschungsagenda, wodurch sich unter Umständen die Projekte besser aufsetzen. Wie könnte das als konkretes Beispiel aussehen? Beispielsweise können Praktiker für eine Zusammenarbeit die Universität besuchen, oder Universitäten ein Labor in einem Unternehmen unterhalten, damit die Strukturen


INTERVIEW

← Johann Füller

„Wir sind ein Land guter Ideen, nun gilt es, auch vermehrt neue Unternehmen hervorzubringen.“

durchlässiger werden. Die große Sorge mancher ist, dass es dann nur mehr um die Anwendung geht, und die Forscher und Professoren zu Handlangern der Wirtschaft werden. Und dass dabei wichtige Grundlagenforschung, die nicht unmittelbar direkt zur Anwendung kommt, verloren geht. Wie sehen Sie diese Bedenken? Ich persönlich empfinde dieses Problem nicht als gravierend. Man muss sich einfach darüber Gedanken machen, welche Verantwortungen und Aufgaben – nach wie vor – bei der Universität sind und welche beim Unternehmen. So wird diese Durchmischung möglich. Das lässt sich zum Beispiel durch Zielvorgaben im Vorfeld bereits festhalten. Mit welchem dieser Modelle arbeiten Sie bereits? Ich bin selbst ein Hybrid, aber ein ganz gutes Beispiel, dass es funktionieren kann. Ich bin ein sehr praxisorientierter Wissenschaftler und Forscher. Die Idee entstand, als ich 2000 meine Dissertation schrieb. Dabei habe ich mich insbesondere mit Ansätzen und Vorgangsweisen beschäftigt, wie man innoviert. Ich fand das so spannend, dass ich mich gefragt habe: Warum gibt es das in der Praxis noch nicht? Und dass es so was unbedingt bräuchte. Welche Rolle spielen Vernetzung und interdisziplinäres Denken? Aus meiner Sicht ist das besonders wichtig, weil Innovationen oft genau an den Grenzen

zwischen den einzelnen Bereichen entstehen. Manchmal entstehen dort auch ganz neue Bereiche. Modelle oder Ähnliches werden vielfach seit Jahren in einem Bereich bereits verwendet. Dort ist fachspezifisches Know-how vorhanden – in dem anderen Bereich ebenso. Doch beide Fachbereiche wissen nicht, was in dem jeweils anderen gerade geforscht wird. Werden Erkenntnisse und Wissen jedoch gegenseitig ausgetauscht, lässt sich einiges übertragen und verwenden. Erfolgreich sind jene, die dann sachübergreifend zusammenarbeiten – so entstehen neue Synergien. Innovationen früher und heute? Die Vorgehensweise hat sich insgesamt fundamental geändert: Früher gab es lange Planungs- und Konzeptphasen, weil die Umsetzung automatisch mit hohen Investitionen in Maschinen-, Formenbau oder unterschiedlichen Lieferanten verbunden war. Heutzutage lassen sich beispielsweise mit einem 3D-Drucker 8

Bauteile, wenn auch nicht perfekt, über Nacht ausdrucken. Die Geschwindigkeit und Umsetzbarkeit hat durch diese neuen Technologien enorm zugenommen. Auch die richtigen Partner zu finden, war früher nicht einfach. Mit Internet, Community und Open-Innovation geht das jetzt viel schneller. Und das nicht ausschließlich, um das benötigte Wissen einzubringen, sondern auch bei der Umsetzung. Das wirkt sich vor allem positiv auf die Kosten aus. Es ist auch eine gewisse Demokratisierung festzustellen: Nicht nur große, gut aufgestellte Unternehmen können Lösungen hervorbringen, sondern aufgrund des Kostenrückgangs auch kleine Betriebe – gerade sie können viel bewegen. Wie beurteilen Sie Tirol als Wirtschaftsstandort? Gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Tirol haben wir hier vor kurzem eine Studie gemacht. Diese heißt „Zukunft Tirol“. Dabei wurden 40 ausgewählte Visionäre, Vordenker und Unternehmer aus Wirtschaft und sozialen Bereichen befragt. Das Ergebnis: Wir sind ein Land guter Ideen, insbesondere was das Know-how betrifft. Es ist viel Potential vorhanden, aber gerade in Schlüsselbereichen wie Digitalisierung, 3D-Druck, Energiegewinnung, Nachhaltigkeit ist noch Wachstumspotential vorhanden. Wir sind ein Land guter Ideen, nun gilt es, auch vermehrt neue Unternehmen hervorzubringen. Danke für das Gespräch.


Wenn es um’s Arbeitsrecht, um neue Märkte oder Innovationen geht. Wir sind für Dich da. In allen Tiroler Bezirken. Deine Servicecenter der Wirtschaftskammer Tirol.

. R E M M A K WAS T? S N O S

information@wktirol.at

UNSERE BOTSCHAFT AN TIROLS UNTERNEHMEN: DU BIST NICHT ALLEIN.


TECHNIK

Sanft gezapft Getränke, die länger frisch schmecken: Daran arbeitet das Innsbrucker MCI gemeinsam mit Gruber Schanksysteme. Der Trick dabei liegt nicht in der Flüssigkeit selbst, sondern in der Technik, mit der die Getränke ausgeschenkt werden. Von Daniel Feichtner

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gal ob Bier oder sogenannte Post-MixGetränke, bei denen Sirup mit Sodawasser kombiniert wird: Steht ein kohlensäurehaltiges Getränk länger, wird es schal und verliert an Geschmack. „Schuld daran ist das CO2, oder vielmehr sein Verlust“, erklärt Günther Gruber, Geschäftsführer von Gruber Schanksysteme. „Kohlensäure ist ein wichtiger Geschmacksträger. Erst sie lässt Getränke erfrischend und vollmundig schmecken.“ Mit dem Problem dieses „Ausgasens“ beschäftigt sich der Schanksystemhersteller, der unter anderem das Münchner Hofbräuhaus – den größten Schankbetrieb der Welt – ausstattet, schon seit längerem. Dazu hat Gruber das Konzept eines neuartigen Zapfhahns entwickelt. Bei der Umsetzung arbeitet er nun eng mit dem Management Center Innsbruck zusammen.

Wissen im Bereich Fluid- und Strömungsdynamik. Deswegen wandte er sich mit seinem Konzept an das MCI. Zusammenarbeit Dort nahm sich Benjamin Massow, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Studiengang für Mechatronik, der Entwicklung an. „Reguläre Zapfanlagen besitzen einen Mechanismus, der als Absperrung und Ventil dient. So gibt es nur eine Stelle, die die Flüssigkeit stoppt“, erklärt er. „Dadurch ist der Druckabfall beim Öffnen rapide und die Kohlen-

Kälte & Druck Die beiden Hauptfaktoren, die die Kohlensäure in der Flüssigkeit halten, sind Druck und Kühlung. „Solange die Getränke verschlossen gelagert werden, ist die Verdichtung hoch genug, um das Gas gelöst zu halten“, erklärt Gruber. „Beim Ausschenken wird dieser Sättigungsdruck aber unterschritten.“ Doch nicht erst im Glas verlieren Bier und Softdrinks Kohlensäure. Auch auf dem Weg durch den Zapfhahn, wenn sich die Flüssigkeit an den Umgebungsdruck anpasst, formt CO2 Bläschen. Ein Prinzip, das dieses Problem beseitigt, hat Gruber bereits vor einer Weile entwickelt und inzwischen patentiert. Zur Umsetzung besaß er zwar das technische Know-how, es fehlte ihm aber an Erfahrung und

Günther Gruber, der Geschäftsführer von der Privatquelle Gruber mit dem Unternehmensbereich Gruber Schanksysteme ist nicht nur maßgeblich an der Herstellung, sondern auch an der Entwicklung neuer Technologien beteiligt. Sein Familienunternehmen stellt sowohl Hard- als auch Software selbst her und beschäftigt 80 Mitarbeiter.

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TECHNIK

säure geht verloren – wie beim Schütteln und Öffnen einer Getränkeflasche.“ Zudem gibt es im Inneren klassischer Zapfhähne Ecken, Kanten und Räume, in denen beim Durchfließen ein Unterdruck entsteht. Das begünstigt die Bläschenbildung zusätzlich. Grubers Konzept sieht vor, die Absperrung und das Ventil zu trennen und das Getränk im Verlauf des Zapfhahns sanft abzubremsen. Geometrische Lösung Daran, dieses Prinzip zu optimieren, hat Massow gemeinsam mit seinen Kollegen gearbeitet. „Unsere Aufgabe war es, die Strömungsdynamik konstruktiv zu verbessern und dafür zu sorgen, dass die Flüssigkeit sanft auf Atmosphärendruck entspannt wird“, erzählt er. „Dazu haben wir ein Computermodell erstellt und in einer Computational Fluid Dynamics (CFD) Simulations-Daten wie Durchflussgeschwindigkeit und die Druckverteilung ermittelt.“ Dieses Modell wurde so lange verbessert, bis sich die Benjamin Massow

„Unsere Aufgabe war es, die Strömungsdynamik konstruktiv zu verbessern und dafür zu sorgen, dass die Flüssigkeit sanft auf Atmosphärendruck entspannt wird.“ Wissenschaftler an den ersten Prototypen wagten. Anstelle durch zeit- und kostenintensives Fräsen von Metall fertigen sie die Prototypen direkt im MCI im 3D-Drucker. So ist es möglich, in kurzer Zeit die Abfolge von Optimierung, Simulation und praktischem Test mehrfach zu durchlaufen. Und bereits jetzt zeigt die Technologie Wirkung und hat einen zusätzlichen, positiven Effekt: Dadurch, dass die Rückstände im Hahn minimiert werden, wird das System es erstmals ermöglichen, unterschiedliche Post-Mix-Getränke wie Cola und gespritzten Apfelsaft über einen Hahn zu zapfen. Es gibt aber noch Raum für Verbesserungen. So soll der neue Hahn auch die Komplettreinigung erleichtern, die in Deutschland zum Beispiel alle

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Benjamin Massow hat bei der SMS Siemag AG die Berufsausbildung zum Mechatroniker im Maschinen- und Anlagenbau absolviert sowie dort im Bereich Funktionstechnik gearbeitet. Am MCI in Innsbruck studierte er von 2008 bis 2013 Mechatronik und schloss das Studium als Master of Science in Engineering ab. Seither ist er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Forschung und Lehre tätig.

14 Tage durchgeführt werden muss. Bislang ist das nur möglich, indem die Hähne zerlegt und von Hand geputzt werden – bei rund 15 Minuten pro Hahn und Anlagen mit 20 und mehr Hähnen ein beträchtlicher Aufwand. Das neue System soll mit wenigen Handgriffen zerlegbar und zu einem großen Teil spülmaschinentauglich sein. Schnell, schwarz und individuell „Das Ziel ist es, so schnell ausschenken zu können, dass das System auch in Großbetrieben eingesetzt werden kann, und dabei ‚schwarz‘ zu zapfen“, beschreibt Massow. „Das bedeutet, dass ein klarer Strahl ohne Gaseinschlüsse aus dem Hahn läuft. Daran zeigt sich der minimale Kohlensäureverlust.“ Außerdem sollen die Hähne bald auch „Zapfprofile“ unterstützen. Anhand des Kellnerschlosses erkennen Zapfanlagen schon heute, wer sie bedient. Diese Funktion wird mit einem Mikrocomputer im Hahn erweitert, sodass jeder individuell einstellen kann, ob zum Beispiel im ersten Drittel mit weniger Druck oder am Ende mit einer Druckspitze ausgeschenkt werden soll. Dadurch kann jeder Mitarbeiter die Anlage an seinen persönlichen Zapfstil anpassen und sie so schnell und möglichst verlustfrei bedienen. „So verschmilzt in dem Projekt Mechanik, Elektronik und Informationstechnologie zu einem fertigen Produkt mit echtem Innovationspotenzial“, meint Massow. „Genau so, wie es in der Mechatronik sein sollte.“


© G. LIBBRECHT

TECHNIK

Natürliche Keime lassen es schneien Technisch Schnee herzustellen ist bislang nur unter bestimmten Bedingungen und mit großem Energieaufwand möglich. Innsbrucker Chemiker wollen nun den Wasserund Energieverbrauch von Schneekanonen verbessern – und zwar mithilfe von Kristallisationskeimen. Von Eva Schwienbacher

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ber 40 Millionen Kubikmeter Schnee werden in Tirol jeden Winter künstlich erzeugt, um den Skibetrieb in schneearmen Zeiten zu sichern. Doch die aktuellen technischen Verfahren zur Schneeproduktion sind mit einer Reihe von Nachteilen verbunden. Der hohe Wasserund Stromverbrauch ist ökonomisch aufwendig und ökologisch nicht unbedenklich. Speziell im Frühling sowie in milden Wintern steigt der Energieeinsatz. Zudem entspricht die Qualität des Kunstschnees oft nicht den Wünschen der Wintersportler, da er kompakter als Naturschnee ist. Wissen aus der Chemie nutzen Genau dort wo Skibetriebe momentan an ihre Grenzen stoßen, also bei Temperaturen um die Null Grad, Schnee zu produzieren, setzt Earlysnow an. Das dreijährige Gemeinschaftsprojekt von Chemikern der Uni Innsbruck und TU Wien sowie zwei Technologiefirmen und einem Seilbahnbetreiber aus Tirol wird von der FFG (Forschungsförderungsgesellschaft) gefördert. Ziel ist es, effizientere und um-

Thomas Lörting studierte Chemie an der Universität Innsbruck und arbeitete anschließend am Massachusetts Institute of Technology im Labor von Nobelpreisträger Mario J. Molina. Im Zentrum seiner Forschungstätigkeit steht das Wasser.

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weltverträglichere Möglichkeiten zur Schneeerzeugung zu finden. Earlysnow wird mit rund 300.000 Euro unterstützt und ist im Rahmen der Forschungsplattform Material- und Nanowissenschaften der Uni Innsbruck entstanden. „Eine Schlüsselrolle im Projekt spielen Kristallisationskeime“, sagt Projektleiter Thomas Lörting vom Institut für physikalische Chemie in Innsbruck. Der Chemiker erklärt: „Wir wissen, dass Eis bei Null Grad schmilzt. Das Umgekehrte ist allerdings nicht der Fall, was für Schneimeister zum Problem werden kann.“ Gibt man beispielsweise eine Flasche mit Wasser in eine –18 Grad kalte Gefriertruhe, kann es vorkommen, dass es nach einer Stunde immer noch flüssig ist. Das liegt daran, dass Wasser unterkühlt, ohne zu gefrieren. Für die Bildung von Eiskristallen braucht es einen zusätzlichen Anstoß. Lörting: „Der Auslöser kann physikalischer Natur sein. Im Falle des Flaschenexperiments könnte man das Wasser durch Schütteln gefrieren lassen.“ Eine weitere Möglichkeit ist, natürliche Kristallisationskeime hinzu zu geben. An ihnen entstehen dann mi-


TECHNIK

01-02 Unter dem Mikroskop wird der Unterschied sichtbar, der auf der Piste zu spüren ist: Während Kunstschnee-Kristalle kugelförmig sind, hat Naturschnee eine sechseckige Struktur.

Kunst- und Naturschneekristalle im Vergleich

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kroskopisch kleine Eispartikel im unterkühlten Wasser, die schließlich zu sichtbaren Eiskristallen heranwachsen. Fehlt dieser Kristallisationskeim, bleibt Wasser bis zu –38 Grad flüssig. In jeder Schneeflocke ein Fremdkörper Das Wissen um die Begünstigung der Schneebildung durch solche Keime ist der Ausgangspunkt für die Leistungssteigerung der Beschneiungsanlagen. Zunächst gilt es herauszufinden, welcher natürliche Keim bei einer bestimmten Luftfeuchtigkeit und -temperatur das Wachstum der Schneeflocken auslöst. Lörting erklärt: „Erfahrungen der Liftbetreiber haben gezeigt, dass sich bei bestimmten meteorologischen Bedingungen Stauseewasser etwa besser zum Beschneien eignet als Gletscherwasser – oder umgekehrt.“ Dieses Phänomen liege an den unterschiedlichen Eigenschaften der Keime, die sich in Gewässern, im Gletscherschliff oder in der Luft befinden. Im Prinzip können laut dem WasserExperten jegliche Partikel, die in der Natur vorkommen, als Keim fungieren. Aus der Schneeforschung weiß man

Thomas Lörting

„Besonders interessant sind bestimmte Eiweiße, die bei etwa –2 Grad Eiskristalle wachsen lassen.“ aber bereits, dass sich gut die Hälfte der Schneeflocken um Staubkörner in der Atmosphäre bilden. Auch biologische Materialien, wie Pilzsporen, Algen oder Pollen, spielen eine wichtige Rolle. Aufwendige Untersuchungsmethode Um den perfekten Kristallisationskeim ausfindig zu machen, werden Proben im Labor von Professor Lörting untersucht. Da rund 1.000 Keime infrage kommen, führt eine Arbeitsgruppe um Klaus Liedl am Institut für allgemeine, anorganische und theoretische Chemie zusätzlich Computersimulationen durch. Erste Ergebnisse liegen bereits vor: „Besonders interessant sind bestimmte Eiweiße, die 13

bei etwa –2 Grad Eiskristalle wachsen lassen“, sagt Lörting. Diese will man nun genauer unter die Lupe nehmen. Es werde dabei auch ihr Einfluss auf den Menschen und die Umwelt berücksichtigt, sagt Lörting. Zukunftsvisionen Bevor Partikel technischen Schnee wachsen lassen, bedarf es allerdings auch einer Methode, die Keime in die Beschneiungsanlagen zu befördern. Daher arbeitet man parallel an Dosiersystemen für ihren Einsatz. Noch steckt Earlysnow in den Kinderschuhen. Doch in drei Jahren soll dieses Szenario Wirklichkeit sein: „Idealerweise wissen wir, welche von den Tausenden Kristallisationskeimen am besten zum Beschneien funktionieren, und verfügen über eine Technik, sie einzusetzen. Die Schneimeister könnten dann unter Berücksichtigung der Luftfeuchtigkeit und -temperatur den entsprechenden Keim dem Wasser beifügen und schließlich den optimalen Schnee produzieren.“ Erste Feldversuche will man noch in diesem Winter durchführen. 


TECHNIK

Präzision ist Trumpf An der UMIT in Hall forschen Mechatroniker zusammen mit dem Tiroler Unternehmen Besi Austria an der Optimierung von hochpräzisen Bestückungsmaschinen. Sie arbeiten damit an der Weltspitze eines rasant wachsenden Marktes. Von Steffen Arora

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ir alle nutzen sie, aber nur wenige mit einer Platzierungsgenauigkeit von 2 Mikwissen, wie sie hergestellt werden: rometern, also 2 Tausendstel Millimetern. „Am Mikrochips. Diese winzigen Probesten lässt sich das im Vergleich mit einem zessoren und Speicher, die im Allmenschlichen Haar veranschaulichen, das einen gemeinen Halbleiterelemente genannt werden, Durchmesser von 70 Mikrometern aufweist“, wohnen praktisch jedem elektronischen Gerät erklärt Neumayr, der an der Montanuniversität auf meist grünen Leiterplatten inne. Der VerLeoben Montanmaschinenbau/Automatisierung braucher bekommt sie nur dann zu Gesicht, studiert und den die Liebe nach Tirol verschlawenn das entsprechende gen hat. Für den KooperatiRichard Neumayr Teil seinen Geist aufgeonspartner Besi Austria, opgeben hat. An der UMIT timieren die Haller Forscher Hall forscht ein Team von Bestückungsmaschinen „Am besten lässt sich das die Mechatronikern unter der mit denen solche Mikrochips im Vergleich mit einem Leitung von Richard Neuhergestellt werden. Dafür mayr an der Optimierung menschlichen Haar ver- werden die Pick-and-Placeder Herstellung dieser Roboter, die automatisiert die kleinen, aber leistungs- anschaulichen, das einen Mikrochips auf die Platinen starken Komponenten. In setzen, akribisch überwacht. Durchmesser von 70 Kooperation mit dem Ti„Wir suchen nach möglichen Mikrometern aufweist.“ Fehlerquellen, die zu Lasten roler Unternehmen Besi Austria, das zuvor unter der Platzierungsgenauigkeit dem Namen Datacon firmierte und zur absogehen“, erklärt Neumayr. Die Roboter verfügen luten Weltspitze in diesem Bereich zählt, werüber hochgenaue progressive Achsregelungen den die so genannten Bestückungsmaschinen, und werden mit Hilfe von hochsensiblen Kamedie zur Herstellung von Mikrochips verwendet ras bestückt, deren Aufnahmen in der Folge mit werden, noch präziser gemacht. speziellen Bildverarbeitungssystemen analysiert werden. Doch allzu viel darf nicht verraten werden, da es sich bei der Mikrochip-Herstellung um 1/35 eines Haardurchmessers einen Wirtschaftszweig handelt, in dem großer Neumayr und sein Team beschäftigen sich mit Wettbewerbsdruck herrscht. Auf Grund von InMaßeinheiten, die kaum noch vorstellbar sind. dustriespionage sind Neumayr und seine MitarDenn die Pick-and-Place-Roboter, die diese beiter daher zum Schweigen verpflichtet, was die Handhabungsprozesse durchführen, arbeiten

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TECHNIK

Details ihrer Arbeit anbelangt. Neben Schweigeklauseln zählt der Umgang mit verschlüsselten Festplatten und Rechnern daher zum Alltag der Wissenschaftler. Besi Austria als weltweit führender Partner Die Zusammenarbeit mit dem Radfelder Unternehmen Besi Austria birgt für die Mechatroniker der UMIT aber die Chance, auf internationalem Top-Niveau zu forschen. „Nur wenige Firmen spielen wie Besi Austria in diesem Bereich ganz oben mit“, erklärt Neumayr. Konzepte, die die Genauigkeit der Bestückungsmaschinen verbessern, sind daher Gold wert. Schließlich sind Mikrochips aus der digitalen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken und kommen in fast jedem Lebensbereich zum

Richard Neumayr ist gebürtiger Salzburger und studierte an der Montanuniversität Leoben Montanmaschinenwesen mit Fachbereich Automatisierung. Durch seine Frau, eine Innsbruckerin, verschlug es den Wissenschaftler nach Tirol, wo er am Institut für Automatisierungs- und Regelungstechnik der UMIT forscht.

Richard Neumayr

Beispiel auch mit internationalen Playern wie GE Jenbacher. Und langfristig sollen weitere Projekte dazukommen.

„In Tirol stecken solche Firmenkooperationen im Bereich Mechatronik noch in den Kinderschuhen.“

Wachsender Markt Gerade die Produktion von Mikrochips ist ein vielversprechender Einsatzbereich für die Mechatronik. „Der Markt dafür wird immer größer und wir beschäftigen uns hier mit Grundlagenforschung“, so Neumayr. Insgesamt vier Wissenschaftler arbeiten derzeit am Institut für Automatisierungs- und Regelungstechnik der UMIT Hall an dem Projekt für Besi Austria. Es handelt sich dabei um „klassische Mechatronik“ – also Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik, wie Neumayr erklärt. Seit 2012 läuft die Zusammenarbeit, die ursprünglich auf ein Jahr begrenzt war, mittlerweile aber ausgedehnt wurde. „In Tirol stecken solche Firmenkooperationen im Bereich Mechatronik noch in den Kinderschuhen“, sagt Neumayr. In der Steiermark, wo er zuvor geforscht hat, seien diese aber längst gängige Praxis. „Für uns stellen sie die perfekte Gelegenheit dar, unsere Arbeit bekannter zu machen und weitere Aufträge zu generieren.“ Aufgrund des Erfolges steht bereits eine Verlängerung der Kooperation mit Besi Austria bis 2018 in Aussicht.

Einsatz. „Das reicht vom Handy oder Computer über Autos bis hin zur elektrischen Zahnbürste.“ Wirklichen Bezug zur Medizin hat die Forschung zwar nicht, wie Neumayr bestätigt, doch auch in Herzschrittmachern kommen Mikrochips vor. Zudem ist die UMIT nicht allein auf medizinische Fachgebiete beschränkt. Gerade der noch junge Studienzweig Mechatronik ist durchaus auch im industriellen Segment angesiedelt. Die Zusammenarbeit mit Besi Austria ist ein zu 100 Prozent mit Drittmitteln finanziertes Forschungsprojekt, das für die Mechatronik die Chance birgt, ihre Arbeit in der heimischen Wirtschaft zu etablieren. „Das Studium ist noch jung und viele Firmen wissen noch nicht, dass wir das hier anbieten“, erzählt Neumayr vom Nutzen der Kooperation für den Studiengang. Neben der Zusammenarbeit mit Besi Austria kooperiert die UMIT in diesem Bereich zum

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TECHNIK

Ein schwebendes Mechatronik-Projekt Drohnen gibt es zu Tausenden in Modellbaugeschäften zu kaufen. Auch Studierende des MCI haben im Rahmen ihres Mechatronikstudiums eine Drohne gebaut. Das Besondere daran? Sie haben sie von Grund auf selbst konzipiert. Von Nina Zacke

© FRANZ OSS

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irol ist für seinen Erfindergeist bekannt. Das ist auch nicht an dem österreichischen Unternehmen Infineon, das sich unter anderem als Hersteller für Halbleiter einen Namen gemacht hat, vorbeigegangen. Aus diesem Grund kam Infineon auf das Management Center Innsbruck zu, um im Rahmen eines Projektes mit Mechatronikstudierenden zu testen, welches Kreativpotenzial tatsächlich im Land Tirol vorhanden ist. So entstand im September vergangenen Jahres die Idee, gemeinsam mit der Unterstützung von Infineon eine Quadcopterdrohne zu bauen. „Das ist ein Thema, das doch sehr viele begeistert. Obwohl wir am Anfang auch skeptisch waren. Denn Drohnen gibt es Tausende – warum also noch eine bauen?“, erklärt der Projektleiter und Hochschullektor Ronald Stärz die anfänglichen Bedenken und sagt weiter, „aber

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TECHNIK

01 Von Grund auf entwickelt: Mit Hardware von Infineon lernen Mechatronik-Studierende am Innsbrucker MCI, ihr Wissen in die Praxis umzusetzen.

die Idee passte, da auf einer Drohne alle Bereiche, die für Infineon wichtig sind, vereint sind – vom Microcontroller über die Sensorik bis hin zu den Sicherheitschips und der Leistungselektronik. Kurz gesagt: Infineon auf einer Drohne.“ Alles zurück auf Null Die Herausforderung für die Studierenden war aber die, dass es für die Microcontroller, die von Infineon hergestellt werden, keine Software gab, um ein derartiges Quadcopter-Projekt abdecken

sche Domäne der Mechatronik offenbart. Denn dabei muss man sehr viele unterschiedliche Gebiete miteinander verknüpfen – nicht nur im Kopf, sondern auch auf Papier, um zu einer fertigen Lösung zu kommen“, fasst Ronald Stärz die schwierige Aufgabe für seine Studierenden zusammen. Gearbeitet wurde zu Beginn mit einem vorgefertigten Flightframe. Das heißt, dass die Studierenden die Geometrie, Motoren und Luftschrauben sowie die Leistungselektronik schon in Form handelsüblicher Bauteile vorge-

Ronald Stärz

„Wir haben recht schnell gesehen, welche Dynamik sich dabei entwickelt hat, und wussten, dass dieses Projekt Zukunft hat.“

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zu können. So war das Team gefordert, komplett von Null anzufangen, wie diejenigen, die sich als Allererste an die Konzeption eines Quadcopters wagten. Die Mechatronikstudierenden mussten sich also überlegen: Warum fliegt so ein Quadcopter? Wie kann er fliegen? Welche mechanischen, aerodynamischen Modellierungen sind dafür notwendig? Wie kann man die Flugeigenschaften mit der Geometrie von den Luftschrauben mit der Leistungsfähigkeit der Motoren korrelieren? Dieses Know-how musste erarbeitet werden, um letztendlich ein Steuerungskonzept zu entwickeln, das es ermöglicht, dass die Drohne erstmals einfach nur schweben kann. „Diese Herausforderung, zu den Grundlagen zurückzugehen und von der Basis an zu starten, hat sich schnell als eine klassi17

geben bekamen. „Und wir haben im ersten Schritt einfach nur die Steuerelektronik und die Software entwickelt, um die Lageregelung zu realisieren.“ Kein Ende in Sicht Das Ende des Vorhabens ist bislang nicht absehbar. „Wir haben recht schnell gesehen, welche Dynamik sich dabei entwickelt hat, und wussten, dass dieses Projekt Zukunft hat“, sagt Ronald Stärz. So gibt es seitens des MCI schon einige Ideen. „Mittlerweile ist von den vier Drohnen, die wir gebaut haben, keine einzige mehr im Haus. Zwei davon fliegen bei Infineon, eine in Kalifornien und eine in Norwegen; eine ist beim Vorstand in München und die vierte ist bei einem unserer Kooperationspartner, bei Prof. Mathias Harders, an der Universität Innsbruck. Und


TECHNIK

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Ronald Stärz hat Experimentalphysik an der Universität Innsbruck studiert und arbeitet seit 2009 als Hochschullektor im Bereich Mechatronik am MCI – Management Center Innsbruck. Seit 2013 ist er CTO der Firma IonoXess GmbH und beschäftigt sich mit der Entwicklung von Ionisierungssystemen.

02 Die ersten Drohnen, die aus dem Projekt entstanden sind, fliegen bereits. Das Potenzial ist aber noch lange nicht ausgeschöpft und an weiteren Modellen wird bereits gearbeitet.

daher ist es absolut unabsehbar, welche Richtung dieses Projekt noch einschlagen wird. Aktuell sind wir dabei, zwei komplette Drohnen zu entwickeln, bei denen wir keine zugekauften Elektronikbauteile mehr verwenden, sondern alles selbst fertigen“, erzählt Stärz stolz. Dabei wurde die Plattform für eine Drohne einerseits aus Zirbe gefräst und die anderen Komponenten nach Tiroler Baumarten benannt, um auch den Bezug zu Tirol herzustellen. Entstehen soll so zum einen eine kleine Drohne, die wirklich nur fliegen und über eine App am Smartphone gesteuert werden kann, und zum anderen ein Open-Source-Projekt, insbesondere für Hochschulen und Universitäten. Der Open-Source-Gedanke bezieht sich hier nicht nur auf die Freigabe der gesamten Software, sondern auch der ganzen Hardware-Pläne, um den Quadcopter entweder nachbauen oder auch gegen einen Materialkostenersatz den Bausatz vom MCI bekommen zu können. Aktuell hat das Team bereits einige unterschiedliche Sensoren auf den Quadcoptern

befestigt. Zum Beispiel wurde ein Luftdrucksensor verbaut, der einerseits für die meteorologische Datenerfassung verwendet werden kann und andererseits zur Flughöhenstabilisierung dient. Was noch relativ einfach klingt, hat Zukunft. Es gibt eine Vielzahl von Szenarien, wie die Fluggeräte eingesetzt werden können. Sei es im militärischen Bereich als visuelle Informationsquelle, als Transportsystem, wie es der Konzern Amazon aktuell andenkt, oder zur Untersuchung von meteorologischen oder geologischen Vorgängen. In welche Richtung sich das Projekt des MCI noch weiterentwickeln wird, steht dementsprechend in den Sternen. Motivation durch Herausforderung „Ich habe der Studentengruppe damals ein Motivationsvideo über ein First Person View Race, also einem Rennen von Quadcoptern in der Ego-Perspektive, durch den Wald präsentiert und habe zu ihnen gesagt: So, am Ende des Semesters fliegen wir selbst. Das hat zu einer unheimlichen Motivation der Studenten 18

geführt“, sagt der MCI-Hochschullektor. Und dahinter verbarg sich kein leeres Versprechen: Am Ende des Semesters traten vier Teams gegeneinander an. Den Gewinnern winkte eine Einladung von Infineon zu einer Führung in die Halbleiterfabrikation in Villach und zur Messe „embedded world 2015“ in Nürnberg, auf der diese Ergebnisse vorgestellt wurden. So stand Ronald Stärz trotz anfänglicher Bedenken von Beginn an hinter dem Projekt: „Es ist immer schön, wenn man ein konkretes Beispiel zur Verfügung hat, anhand dessen die einzelnen Aspekte des Mechatronikstudiums par exellence erläutert werden können. Wenn man als Studierender in der Lage ist, ein derartiges, komplexes System mathematisch zu beschreiben, dann stehen einem in der Industrie Türen und Tore offen. Die Regelungstechnik ist essentiell für sämtliche Produktionsbetriebe, da gibt es auch ein großes Defizit in Tirol“. Und das Interesse seitens der Studierenden ist ungebrochen. „Da ist sicher auch der Spieltrieb ein nicht unwesentlicher Faktor“, meint Stärz und ergänzt: „Und schließlich hat man diese Drohne auch noch selbst gebaut und besitzt die Möglichkeit, auf sämtliche Eigenschaften einzugreifen – sei es die eigene Kamera oder die Abschusseinrichtung für die Silvesterraketen darauf zu montieren.“


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Tiroler Health & Life Sciences Universität UMIT Forschung und Lehre auf höchstem Niveau

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ie Tiroler Landesuniversität UMIT in Hall in Tirol hat sich als akkreditierte Universität den innovativen und zukunftsorientierten Themen Mechatronik, Medizin- und Bioinformatik, Gesundheitswissenschaften, Psychologie, Physiotherapie, Pflegewissenschaft, Gerontologie und verwandten Fächern verschrieben. Die UMIT bietet in diesen Bereichen universitäre Forschung und Lehre auf höchstem Niveau. Im Bereich der Forschung kooperieren die Institute der UMIT mit Forschungseinrichtungen aus aller Welt. Die Studien an der UMIT werden mit den international anerkannten akademischen Titeln Bachelor, Master/ Diplomingenieur und mit dem Doktorat abgeschlossen. Die Universität UMIT legt großen Wert auf eine intensive Ausbildung und auf engen persönlichen Kontakt

mit den Studierenden und Lehrenden. Dementsprechend bietet die UMIT beste Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium mit individueller Betreuung. Kleine und überschaubare Studiengruppen stellen eine Lehre auf dem höchsten Niveau sicher. Trotz ihres relativ kurzen Bestehens verfügt die UMIT bereits heute über eine hervorragende Forschungskompetenz. Die Forschung an der UMIT wird in regelmäßigen Abständen durch unabhängige Expertengremien im Zuge von Evaluierungsmaßnahmen überprüft. Namhafte Persönlichkeiten aus den Bereichen Gesundheitswissenschaften, Mechatronik, biomedizinische Technik und Ernährungswissenschaften, Pflegewissenschaft, Gerontologie und Public Health betreiben auf der UMIT Forschung und Lehre auf höchstem Niveau. Pro Jahr resultieren aus den

Forschungsprojekten zahlreiche Publikationen. Die UMIT steht für internationale wissenschaftliche Kompetenz, die auch den Studierenden zu Gute kommt. Derzeit sind an der UMIT 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung, Lehre und Verwaltung tätig. Ca. 1500 Studierende sind an der Universität inskribiert. Das Gesamtbudget der UMIT, die sich im Eigentum des Landes Tirol befindet, beträgt ca. 13 Millionen Euro.

Kontakt: UMIT – Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik, Eduard Wallnöfer-Zentrum 1, 6060 Hall in Tirol, Tel. +43(0)50/8648-3000, lehre@umit.at, www.umit.at


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Treppensteigen im Tomographen Um zu erkennen, wie gut die Blutversorgung des Herzmuskels unter Belastung funktioniert, muss dieser während der Durchleuchtung im Magnetresonanz-Tomographen (MRT) künstlich in Stress versetzt werden. Ein Innsbrucker Technologie-Startup hat für diesen Zweck ein Gerät entwickelt, das weltweit Anklang findet. Von Max Schnabl

Klemens Mairer ist studierter Betriebswirt und Sportwissenschaftler. Vor seiner gegenwärtigen Position als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Innsbrucker Universitätsklinik für Radiologie war er bei Ergospect an der Entwicklung von MRI-tauglichen Ergometern beteiligt.

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ormalerweise ist während einer MRT-Untersuchung vollkommenes Stillhalten geboten, da jede körperliche Bewegung das Abbilden der inneren Organe beeinträchtigt. Da scheint es auf den ersten Blick ungewöhnlich, einen Stepper zu entwickeln, der die in der Röhre liegenden Patienten mit den Beinen gegen einen Widerstand antreten lässt. Die Funktion des Ergometers besteht darin, „zum Zeitpunkt der Bildgebung eine körperliche Anstrengung zu erzeugen“, erklärt Klemens Mairer, der an der Entwicklung des Steppers beteiligt war. Manche Erkrankungen des HerzKreislauf-Systems, die Auswirkungen, aber auch Vorboten eines Herzinfarkts sein können, lassen sich nämlich erst in einem Zustand der Belastung diagnostizieren. So zum Beispiel Angina Pectoris, eine Verengung oder teilweise Verstopfung eines Herzkranzgefäßes, die im Ruhezustand ohne Folgen bleibt, aber zu schweren akuten Brustschmerzen führen kann, wenn die Herztätigkeit gesteigert wird.

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Verfahren schließt eine Lücke Dass bei Patienten mit Herzbeschwerden der Herzmuskel in Belastung versetzt wird, um zu prüfen, ob dieser auch bei erhöhtem Blut- und Sauerstoffbedarf noch seine Funktion einwandfrei erfüllen kann, ist schon länger Standard in der Medizin. Allerdings hatten die bisher verwendeten Methoden, körperliche Anstrengung zu simulieren, einige Nachteile, wie Mairer erklärt: „Es gibt die Möglichkeit, den Patienten bestimmte Medikamente zu verabreichen, um die Herztätigkeit zu steigern. Patienten empfinden das in den meisten Fällen aber als sehr unangenehm, da der Herz20

schlag beschleunigt wird, ohne dass sie irgendeine Kontrolle darüber haben.“ Wenn im Alltag eine Überbelastung des Herzmuskels auftrete, würden die Betroffenen automatisch eine Ruhepause einlegen, schildert Mairer, „wird das Herzrasen durch Medikamente ausgelöst, ist das jedoch nicht möglich“. Der große Vorteil der Medikamente besteht freilich darin, dass das Herz zwar im gewünschten Stresszustand ist, der Patient aber trotzdem reglos in der MRT-Röhre liegt. Wollen Ärzte die für den Patienten unangenehmen Medikamente umgehen, werden die zu Untersuchenden mitunter angewiesen, sich kurz vor dem Scan auf


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Bewegung der Beine kann trotz des geringen Platzes ein hohes Maß an Energie erzeugt werden. Interesse auch außerhalb Europas Der Widerstand des Steppers wird über Luftdruck reguliert. Die Platte, auf der die Tretvorrichtung montiert ist und auf welcher der Patient angegurtet wird, saugt sich mittels Vakuum am MRTTisch fest, bevor dieser in die Röhre gefahren wird. „Damit ist gewährleistet, dass trotz der Beinbewegungen nichts verrutscht“, so Mairer, der betont, dass das Herz-Ergometer mit allen gängigen MR-Geräten kompatibel sei. Seit heuer werden die 2011 entwickelten Cardio-Module in Kleinserien gebaut. Das Innsbrucker Unternehmen mit aktuell 02 01 Durch die neuartige, flache Stepp-Bewegung des Cardio-Moduls kann im engen Tomographen das nötige Maß an Energie und damit Belastung erzeugt werden. Der Patient tritt gegen einen stufenlos regelbaren Widerstand an. 02 Ergospect stellt nicht nur Geräte her, die zu Diagnosezwecken das Herz in einen Stresszustand versetzen. Hier ist eine ähnliche Vorrichtung zu sehen, die im Inneren der MRT-Röhre eine Belastung der Wadenmuskulatur simuliert, um deren Funktion zu testen.

dem Laufband oder Fahrrad „auf Touren“ zu bringen. „Bis der Patient dann aber auf dem Tisch in die Röhre gefahren wird und der Tomograph so weit eingerichtet ist, dass mit dem Scan begonnen werden kann, hat sich der Herzmuskel schon wieder beruhigt“, erklärt Mairer. Wenig Beinfreiheit Die große Herausforderung, eine möglichst alltagsgetreue Belastung während der Untersuchung zu erzielen, liegt im beschränkten Durchmesser der Röhre von maximal 70 Zentimetern. So existieren schon länger Vorrichtungen mit Pedalen, auf denen der Herzmuskel durch

Klemens Mairer

„Für ein Krankenhaus in Sydney haben wir ein kindertaugliches MRErgometer hergestellt.“

„liegendes Radfahren“ angetrieben wird – „die Enge des Tomographen schränkt aber den Bewegungsspielraum insbesondere der Knie sehr stark ein. Dadurch ist es schwierig, ausreichend kräftig zu kurbeln, um eine angemessene HerzBelastung zu erreichen.“ Diese Beobachtung veranlasste Mairer gemeinsam mit Ergospect-Geschäftsführer Thomas Hugl und zwei Ärzten der Innsbrucker Universitätskliniken für Radiologie und Kardiologie dazu, 2008 in einem von Land Tirol und EU geförderten universitären Forschungsprojekt den weltweit ersten MRT-tauglichen Stepper zu entwickeln. Durch die relativ flache Stepp21

sechs Mitarbeitern erfüllt aber ebenso Sonderwünsche: „Für ein Krankenhaus in Sydney haben wir ein kindertaugliches MR-Ergometer hergestellt“, erzählt Mairer. Die Nachfrage nach den Ergometern steigt kontinuierlich, 2015 war das bisher erfolgreichste Jahr für das junge Startup-Unternehmen, das bereits Gewinn erzielt. Insgesamt wurden bisher rund 30 dieser Geräte an Krankenhäuser und sportmedizinische Institute auf vier Kontinenten verkauft“, bilanziert Mairer. Zusammengebaut, getestet und gewartet werden die High-TechProdukte nach wie vor ausschließlich in Innsbruck. Bei der Finanzierung und Zertifizierung des Prototypen sowie der Erstellung eines Businessplans wurde Ergospect vom CAST Gründungszentrum unterstützt.


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Neues Know-how bei Infektionskrankheiten An der Medizinischen Universität Innsbruck untersuchen Forscher das Immunsystem und den Stoffwechsel im menschlichen Körper, um dadurch in Zukunft Infektionen effektiver behandeln zu können. Von Eva-Maria Hotter

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eder erkrankt jährlich an mehreren Infektionen, also einer durch Erreger ausgelösten Krankheit. Solche Keime können zum Beispiel Bakterien, Viren oder Pilze sein. „Die überwiegende Mehrheit dieser Infektionen ist banal und zieht keine Folgen nach sich. Doch andererseits stellen Infektionskrankheiten immer noch eine der größten medizinischen Herausforderungen dar, weil nach wie vor ein Drittel der Weltbevölkerung an ihnen stirbt“, erklärt Günter Weiss, Universitätsprofessor und Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin VI in Innsbruck. Unterschiedliche Aspekte Dabei ist man dem Mediziner zufolge mit mehreren Dimensionen konfrontiert: Zum einen können sich Infektionskrankheiten durch die größere Mobilität in unserer globalisierten Welt immer rascher ausbreiten. Zum anderen werden durch die Klimaerwärmung auch häufiger Krankheiten in unseren Breiten heimisch, die es zuvor nicht (oder schon lange nicht mehr) gab. Ein Beispiel dafür sind Tropenkrankheiten, die durch bestimmte Stechmücken übertragen werden. „Zudem treten auch ‚alte‘ Infektionen wie Masern oder Keuchhusten wieder auf, die viele Jahre verschwun-

den waren“, berichtet Weiss. „Das liegt unter anderem daran, dass sich viele Menschen nicht mehr dagegen impfen lassen, weil sie diese Infektionskrankheiten und deren Folgen nicht mehr kennen.“ Mit der sinkenden Anzahl geimpfter Personen in der gesamten Bevölkerung steigt wiederum das Risiko, wie jüngste Masern-Ausbrüche zeigen. Kampf gegen Multiresistenz Wesentliche Herausforderungen für die Forschung ist die Tatsache, dass es wenige neue Antibiotika – vor allem gegen durch von Bakterien verursachte Infektionskrankheiten – gibt. Zudem finden sich bei Bakterien immer häufiger Resistenzen gegen konventionelle Antibiotika, sodass diese nicht mehr in gewünschter Weise wirken und mitunter keine effektive Therapie mehr gegen bestimmte Keime verfügbar ist. „Diese resistenten oder multiresistenten Erreger werden häufig mit Infektionen im Krankenhaus assoziiert, finden sich aber auch zunehmend im niedergelassenen Bereich“, sagt Weiss. Das habe vor allem damit zu tun, dass die Bevölkerung älter wird, aber auch damit, dass schwere und lebensbedrohende Erkrankungen effektiver behandelt werden, etwa durch Chemotherapie bei Krebs, 22

Günter Weiss ist Professor an der Medizinischen Universität Innsbruck und Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin VI mit den Schwerpunkten Infektiologie und Immunologie, Tropenmedizin, Rheumatologie und Pneumologie. Günter Weiss ist habilitiert für Medizinische Biochemie und Innere Medizin und seit 2015 korrespondierendes Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften.


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Transplantation oder intensivmedizinische Maßnahmen. „Das schwächt das Immunsystem und man wird anfälliger für Infektionen, an denen Patienten mitunter auch sterben können.“ Aufgaben für die Wissenschaft Ziel und Herausforderung zugleich sei für die Wissenschaft, neue Ansätze für die Bekämpfung von Infektionen zu finden, besonders in einer Zeit, in der Bakterien gegen Antibiotika immer resistenter werden. „Wir beschäftigen uns in der Forschung deshalb seit vielen Jahren mit der Immunologie von Infektionserkrankungen und Veränderungen des Stoffwechsels, die bei Infektionen auftreten oder diese begünstigen“, so Günter Weiss. Ziel ist es, durch die gewonnenen Erkenntnisse neue therapeutische Ansatzpunkte zu entwickeln, die Mikroben abtöten, oder ein Umfeld zu schaffen, in dem diese sich möglichst schlecht verbreiten können. Auch umgekehrt fra-

gen sich die Forscher: „Was braucht ein ‚erfolgreicher‘ Erreger, um überleben zu können?“ Der zentrale Begriff ist da-

Mikroben „aushungern“ „Wir untersuchen insbesondere den Eisenstoffwechsel. Gerade dieses Spurenelement ist wichtig für die Funktion unseres Körpers und des Immunsystems.“ Aber auch Mikroben benötigen Eisen, um ihr Wachstum zu fördern und ihre Pathogenität, die Fähigkeit, krank zu machen, zu entwickeln. „Für den Fall, dass Mikroben in den Körper eindringen, hat der Körper deshalb Strategien entwickelt, um das Mineral vor den Mikroorganismen zu verstecken. „Mikroben verwenden bis zu 30 Prozent ihrer Gene dafür, um Eisen zu akquirieren. Wir konnten bereits zeigen: Wenn man die Eisenverfügbarkeit für die Organismen verändert, lässt sich ihr Wachstum blockieren. Dadurch kann die Effektivität von Antibiotika und Immunsystem gesteigert und die Infektion erfolgreich bekämpft werden.“ Das klinische Know-how bei der Behandlung sei laut dem Experten bei Infektionskrankheiten das entscheidende Kriterium, das den positiven Ausgang für den Patienten sichert. „Wenn man sofort erkennt, welche Diagnose am wahr-

Günter Weiss

„Wir untersuchen insbesondere den Eisenstoffwechsel. Gerade dieses Spurenelement ist wichtig für die Funktion unseres Körpers und des Immunsystems.“ bei die Gast-Wirt-Beziehung. „Gast ist in diesem Fall die ungebetene Mikrobe und der Wirt ist der Mensch“, konkretisiert Weiss. Man versuche zu verstehen, wie man auf diese Beziehungen positiv Einfluss nehmen kann, wie durch die Verbesserung der immunologischen Abwehrmechanismen im Körper oder über Veränderung des Stoffwechsels und der „Ernährung“ von Mikroben. 23

scheinlichsten ist, welche Erreger hinter einer schweren Infektion oder Sepsis stecken und wie man richtig therapiert, erhöhen sich die Überlebenschancen ungemein. Es gibt kaum ein anderes Gebiet in der Medizin, in dem die unmittelbare Umsetzung des Wissens am Krankenbett einen solch hohen Einfluss auf das Behandlungsergebnis hat wie bei einer schweren Infektion.“


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Theorie und Praxis Im Biozentrum Innsbruck wird Grundlagenforschung zum Zelltod betrieben, die unter anderem wichtige Erkenntnisse für die Krebsforschung liefert. Vor allem im Zusammenhang mit individualisierter Therapie. Von Rebecca Müller

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ie Zellen in unserem Körper haben eine natürliche Lebensspanne. Ihr Tod, oft auch Apoptose genannt, ist teilweise vorprogrammiert und kann genetisch kontrolliert werden. Dieses „Suizidprogramm“ ist Teil ihrer genetischen Programmierung und kann vom Inneren der Zelle aus selbst kontrolliert und induziert werden, z. B. wenn eine schwere Schädigung des Erbguts vorliegt. Gesundes Nachbargewebe wird dabei nicht beschädigt. Der Apoptose gegenüber steht die Nekrose, in deren Fall auch Zellen absterben. Sie wird aber durch schädigende Einflussnahme von außen ausgelöst, wie z. B. durch bakterielle Gifte, Viren oder Nährstoff- und Sauerstoffmangel, aber auch durch physikalischen Stress, wie etwa bei Verbrennungen oder Erfrierungen. In der Medizin wird Zelltod auch bewusst herbeigeführt, zum Beispiel in der Krebstherapie. „In der Tumortherapie wird seit Jahren über Strahlen- und Chemotherapie versucht, DNA-Schädigungen zu induzieren, um Tumore sterben zu lassen“, erklärt Andreas Villunger, der am Innsbrucker Biozentrum der Medizinischen Universität die Sektion für Entwicklungsimmunologie als auch das Tiroler Krebsforschungsinstitut leitet. Der programmierte Zelltod bei der

Entwicklung des Immunsystems und bei Krebs sind die zwei zentralen Forschungsgebiete seines Teams. Die BCL2-Familie Kontrolliert und ausgeführt wird die Apoptose von einer Familie von Proteinen, der BCL2-Familie, die wiederum aus zwei Gruppen besteht, die sich in einer gesunden Zelle die Balance halten. Eine forciert und die andere blockiert den Zelltod. Tritt eine Schädigung in einer Zelle auf, steigt die Anzahl der Pro-Zelltod-Proteine, das Gleichgewicht kippt und die Zelle

Andreas Villunger

„Man könnte salopp sagen, die Medizin arbeitet mit dem, was funktioniert, auch wenn sie nicht zur Gänze versteht, wie genau es funktioniert.“

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stirbt. „Von der Existenz dieser Proteine wissen wir seit 30 Jahren“, erklärt Villunger und ergänzt: „Den komplexen Kontext des Zelltods müssen wir jedoch im Detail noch entschlüsseln.“ Wie wird der Zelltod exekutiert? Was passiert auf molekularer Ebene, wenn Tumorzellen sterben? Warum sind manche Tumorzellen resistent gegen Therapien? Wie und warum entstehen diese Resistenzen? Diesen Fragen gehen Villunger und sein Team nach. Neben der wissenschaftlichen Erkenntnis, steht dabei auch die Optimierung von Krebstherapien im Fokus der Motivation der Forscher. Die Wege der Medizin Der Ursprung der konventionellen Chemotherapie liegt wohl im Ersten Weltkrieg mit der Entwicklung von Senfgas und Beobachtungen im Feldlazarett überlebender Soldaten. Im Zweiten Weltkrieg wurde erkannt, dass die chemische Waffe Senfgas hauptsächlich die weißen Blutkörperchen stark reduziert und das Knochenmark schädigt. 1943 wurde der chemische Kampfstoff erstmals therapeutisch zur Behandlung von Leukämie bei Patienten eingesetzt. Folglich wurden diese Gifte in der Krebstherapie etabliert und werden bis heute, in verbesserter Form, angewandt. „An diesem Beispiel sieht man, dass die Medizin eine sehr empirische Wissenschaft ist“, meint Andreas Villunger und ergänzt: „Man könnte salopp sagen, sie arbeitet mit dem, was funktioniert, auch wenn sie nicht zur Gänze versteht, wie genau es funktioniert.“ Grundlagenforschung wie sie am Biozentrum Innsbruck in puncto Zelltod betrieben wird will eben diese Wissenslücke schließen. „Der Nachteil von derzeitigen Tumortherapien liegt darin, dass auch gesunde Zellen mit dem verwendeten Gift umgehen müssen“, führt Villunger aus. Je mehr

dieses Puzzle zu vervollständigen“, bestätigt Villunger die Relevanz solcher Kooperationen. Andreas Villunger hat in Salzburg und Innsbruck Biologie studiert. Seine Dissertation brachte ihn jedoch in Kontakt mit der onkologischen Grundlagenforschung. Nach einem langjährigen Aufenthalt an einem renommierten Forschungsinstitut in Melbourne Australien forscht er wieder seit 2003 an der Medizinischen Universität Innsbruck

man aber über den Zelltod weiß, desto spezifischer und in weiterer Folge individueller auf die Patienten abgestimmt können Therapien schließlich auch eingesetzt werden. Andreas Villunger und seine Kollegen arbeiten in drei verknüpften Themen. Die erste beschäftigt sich konkret mit den den Zelltod verhindernden Proteinen der BCL2Familie und Therapie-Resistenzen von verschiedenen Tumoren. Eine weitere Gruppe untersucht das Zusammenspiel von Apoptose, Glucocortikoiden und der Funktion des

Der Schritt in die Praxis Grundlagenforschung verlangt viel Ausdauer und jahrelange Arbeit liefert nicht immer die erhofften Ergebnisse. Dementsprechend wird sie, vor allem was Fördermittel anbelangt, stiefmütterlich behandelt. Andreas Villunger und sein Team durften vor Kurzem allerdings einen wesentlichen Durchbruch vermelden. Die Forscher konnten erstmals das Protein NOXA als einen der Hauptakteure in der Auslösung des Zelltods bei einer bereits lang-bekannten und angewandten Form der Tumortherapie bei Brustkrebs identifizieren. Dies könnte nun einen bedeutenden Schritt in Richtung individualisierter Therapie bedeuten. „Unter Umständen kann anhand der Menge dieses Proteins in der Tumorzelle eine Prognose für das Ansprechen auf diese Form der Therapie bei Brustkrebs, gemacht werden“, erklärt Villunger. Gelingt dieser Schritt, ist er jedoch

Andreas Villunger

„Wann immer wir uns in diesem Kreis treffen, wissen wir, dass wir einen Schritt weitergekommen sind, dieses Puzzle zu vervollständigen.“ Immunsystems und die dritte Gruppe befasst sich mit der Kontrolle des Immunsystems durch kleine RNAMoleküle, die auch bei Krebs von Bedeutung sind. Die einzelnen Ergebnisse der verschiedenen Forscher ergänzen sich dabei immer wieder. „Wann immer wir uns in diesem Kreis treffen, wissen wir, dass wir einen Schritt weitergekommen sind,

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ein gutes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn die Grundlagenforschung in der Praxis ankommt. Jetzt fehle nur noch das Geld, diese Erkenntnisse auch anhand von Gewebeproben von Patienten zu bestätigen“, klagt Villunger und ergänzt: „Denn die Mittel, die in Österreich für Grundlagenforschung verwendet werden, sind rar.“


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WG statt Seniorenheim – neue Ideen für Wohnen und Leben im Alter Die Betreuung älterer Menschen ist eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft. Eva Fleischer, Professorin für Soziale Arbeit, beschäftigt sich mit Alternativen zum Seniorenheim und der Frage, wie pflegende Angehörige entlastet werden können. Von Max Schnabl

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irol altert. Prognosen von Land und Bund zeigen, dass bereits bis 2020 der Anteil der Menschen über 75 Jahre um etwa ein Fünftel ansteigen wird. Danach wird sich diese Entwicklung aufgrund der geburtenstarken Jahrgänge nach dem Zweiten Weltkrieg sogar noch deutlich beschleunigen. Während sich Altersstrukturen relativ gut vorhersagen lassen, herrscht über die Auswirkungen auf das Ausmaß der künftig benötigten Pflege und Betreuung älterer Menschen weniger Einigkeit. Medizinischer Fortschritt, Wandel des Lebensstils und Zuwanderung erschweren Vorhersagen über den Pflegebedarf in den kommenden Jahrzehnten. Konkretere Antworten darauf, wie sich das Leben älterer Menschen verändert, lassen sich aus dem Rückblick auf die Vergangenheit ableiten. Früher sei die Gruppe der Über-75-Jährigen homogener gewesen, erklärt Eva Fleischer, Professorin für Soziale Arbeit am Management Center Innsbruck (MCI). Die Senioren von heute teilt sie grob in vier Gruppen ein: Da gibt es die aktiven und engagierten Senioren, die

ihre Zeit gerne anderen Menschen, etwa ihren Enkelkindern, widmen. Die zweite Gruppe umfasst jene, die durch Krankheit eingeschränkt sind. Ihnen ist es, ähnlich wie den von Altersarmut betroffenen Senioren der dritten Gruppe, nur in geringem Umfang möglich, ihren Lebensabend nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten – im Unterschied zu Gruppe vier, jenen Senioren, denen ihre eigenen Bedürfnisse wichtig sind und die über ausreichend Mittel verfügen, das Leben zu genießen. Den steigenden Ansprüchen an den Lebensabend steht eine immer größere Gefahr von Altersarmut gegenüber. Teilzeitarbeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und ein relativ frühes Ausscheiden aus der Erwerbstätigkeit führen durch die lebenslange Durchrechnung seit der Pensionsreform 2004 insbesondere bei Frauen zu geringeren Pensionen, so Fleischer. Aber nicht nur steigende Altersarmut, auch die Organisation der Pflege und Betreuung älterer Personen ist eine zentrale Herausforderung für die Zukunft. 26


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Angehörige zahlen einen hohen Preis „Schon jetzt sind die Angehörigen diejenigen, die den Löwenanteil der notwendigen Pflege und Betreuung übernehmen und damit den Kollaps des Systems verhindern“, stellt die Professorin klar. Dass Menschen ihre älteren Angehörigen pflegen, ist per se nicht das Problem. Dieses wird erst anhand von Studien deutlich, die zeigen, wie belastend die Betreuung Angehöriger sein kann und wie wenig Unterstützung die pflegenden Personen – großteils sind es Frauen – bei ihrer physisch und psychisch fordernden Tätigkeit erhalten. „Pflegende Angehörige erkranken überdurchschnitt-

immer schwieriger wird. „Bereits heute greifen viele auf 24-Stunden-Betreuerinnen zurück, die allerdings zu Bedingungen arbeiten, die für heimische Kräfte inakzeptabel wären“, sagt Fleischer. In Zukunft brauche es neben Pflegeheimen ein breiteres Spektrum an Angeboten. Die Lebensstile und Wohnbedürfnisse älterer Menschen wandeln sich.

Eva Fleischer

„Bereits heute greifen viele auf 24-StundenBetreuerinnen zurück, die allerdings zu Bedingungen arbeiten, die für heimische Kräfte inakzeptabel wären.“

Eva Fleischer hat Soziale Arbeit, Politikwissenschaft und Erziehungswissenschaft studiert. Seit 2009 ist sie Professorin am Department für Soziale Arbeit des Management Centers Innsbruck. Sie forscht unter anderem im Bereich soziale Gerontologie.

lich häufig, außerdem klagen viele von ihnen über chronische Beschwerden im Bewegungsapparat, Stress- und Belastungsgefühle und Depressionen“, zählt Fleischer auf. Die pflegenden Angehörigen von heute haben ein deutlich höheres Risiko, die Pflegebedürftigen von morgen zu werden. In Österreich werden derzeit rund vier von fünf pflegebedürftigen Senioren von Verwandten betreut. Der Großteil dieser Angehörigen nimmt dabei keine mobilen Hilfsdienste in Anspruch. Insgesamt wird bundesweit mehr als die Hälfte der gesamten Pflegetätigkeit von Angehörigen geleistet, die auf keinerlei unterstützende Dienstleistungen wie Besuche durch Pflegepersonal oder eine Tagesbetreuung zurückgreifen. Steigende Lebenserwartung, veränderte Familienverhältnisse mit weniger Kindern und mehr Singles, höhere Erwerbstätigkeit von Frauen und verstärkte Mobilität führen dazu, dass die Betreuung durch Angehörige in Zukunft 27

Für rüstige Senioren, die gewohnt sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, stellt sich in einem Wohnheim das Problem, dass sie dort „kaum etwas nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten können. Sie können nicht selbst entscheiden, wann sie aufstehen, essen oder schlafen gehen.“ Wie selbstbestimmte und dennoch ausreichend betreute Alternativen zum Heim funktionieren können, zeigen Senioren-Wohngemeinschaften, die in skandinavischen Staaten bereits etabliert sind. „Meistens sind diese WGs privat organisiert. Menschen mieten gemeinsam eine Wohnung an, in denen ihre älteren Angehörigen zusammen leben“, erklärt Fleischer, „als Träger können aber auch Kommunen oder NGOs auftreten.“ Flexibilität auf beiden Seiten Welche täglichen Aufgaben die Senioren selbst erledigen, wie viel der Betreuungsarbeit die Angehörigen übernehmen und für welche Aufgaben professionelles Per-


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← Eva Fleischer

„Beim Wohnbau dürfen WG-taugliche und behindertengerechte Wohnungen nicht vergessen werden. Am sinnvollsten wäre es, in jedem neu konzipierten Block ein bis zwei solcher Senioren-WGs vorzusehen.“

sonal engagiert wird, kann in einer WG flexibel organisiert werden. „Dadurch, dass ältere Menschen aus mehreren Familien zusammenwohnen, gibt es auch mehrere Angehörige, die sich bei WG-Besuchen abwechseln können. So ist denkbar, dass am Vormittag ein Verwandter das Frühstück für die WG zubereitet und abends ein anderer sich um die Sauberkeit der Wohnung kümmert“, beschreibt Fleischer ein mögliches Szenario – ergänzend könne ein Hilfsdienst hinzukommen, der das Mittagessen liefert, und eine Pflegekraft, die zwei Mal täglich bei medizinischen Anliegen zur Verfügung steht. „Dass selbstverwaltete WGs viel Raum für individuelle Bedürfnisse lassen, sehen wir in mehreren Staaten, in denen dieses Modell forciert wird.“ Die Wissenschaftlerin verweist auf WG-Projekte in Deutschland, Finnland und Schweden mit dem Ziel, ältere Menschen gemeinsam unterzubringen, die auch in ihren Persönlichkeiten und Haltungen zueinander passen. „Für die Lebensqualität ist es enorm wichtig, dass die Senioren, die den Großteil ihres Alltags miteinander verbringen, sich auch etwas zu sagen haben“, plädiert Fleischer dafür, Sprache, Religionszugehörigkeit, aber auch Ernährungsgewohnheiten oder die sexuelle Orientierung bei der Zusammensetzung von Senioren-WGs zu berücksichtigen. In manchen deutschen Großstädten existieren bereits Wohngemeinschaften für homosexuelle Senioren, in der Schweiz spezifisch für italienischstämmige Migranten. „Gerade Senioren, die körperlich und geistig eingeschränkt sind, benötigen ein Umfeld, in dem sie sich zuhause fühlen“, sagt Fleischer. Als Beispiel nennt sie Migranten, die an Demenz erkranken: „Wir wissen, dass Menschen – auch wenn

sie eine Zweitsprache über viele Jahre beherrscht haben – dazu tendieren, wieder in die Muttersprache zurückzufallen.“

Altenbetreuung in Österreich: • 16 % Seniorenheim • 29 % Betreutes Wohnen und Unterstützung durch ambulante Dienste (oft mit Betreuung durch Angehörige kombiniert) • 2 % 24h-Betreuung zu Hause • 53 % Betreuung ausschließlich durch Angehörige Quelle: Appelt /Fleischer (2014): Familiale Sorgearbeit in Österreich.

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Aufholbedarf in Tirol In Tirol gebe es aktuell noch keine derartigen Senioren-WGs. „Hier braucht es ein Umdenken“, fordert Fleischer, die Öffentlichkeit müsse solche Modelle stärker unterstützen, indem sie Geld, vor allem aber Dienste bereitstellt. Das reicht von Menschen, die in Senioren-WGs kochen, bis zu flexiblen Shuttle-Services, die Transfers zwischen alten Menschen und deren Angehörigen durchführen. „Das jetzige System ist für viele zu starr. Bisher erhalten Betroffene beim Sozialsprengel Betreuungsdienste für höchstens drei Stunden pro Tag. Darüber hinaus bleibt nur mehr die Entscheidung zwischen einem Heimplatz oder einer 24-Stunden-Betreuung für zuhause. Manche Menschen sind gezwungen, in ein Heim zu ziehen, weil es kein Angebot gibt, dass einmal pro Nacht ein Mitarbeiter eines Betreuungsdiensts nach dem Rechten sieht“, erzählt Fleischer. Außerdem brauche es mehr stundenweise buchbare Tagesbetreuungsstätten und Sozialarbeiter, die in den Sprengeln als Ansprechpartner für Angehörige greifbar sind. Diese können das Zusammenleben in Mehrgenerationen-Wohnanlagen und Wohngemeinschaften unterstützend begleiten und Fragen klären, die über medizinische Pflege hinausgehen. Und nicht zuletzt sei die Baupolitik gefordert, schließt Fleischer: „Beim Wohnbau dürfen WG-taugliche und behindertengerechte Wohnungen nicht vergessen werden. Am sinnvollsten wäre es, in jedem neu konzipierten Block ein bis zwei solcher Senioren-WGs vorzusehen.“


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Die Angst vor dem Vergessen Eine wissenschaftliche Studie der UMIT hat erstmals in Tirol Daten über die Situation von Demenzkranken in der stationären Altenpflege generiert. Damit soll der Istzustand der Lebensqualität dieser Patienten analysiert werden.

Daniela Deufert

„Die Angst, zum Arzt zu gehen, ist einfach gegeben und darf nicht unterschätzt werden.“

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emenz zählt immer noch zu den beängstigendsten, medizinischen Diagnosen unserer Zeit. Denn die Erkrankung ist bis heute unheilbar. So sind es vor allem die Symptome, die den Betroffenen Angst bereiten: der Verlust der kognitiven Bereiche wie Gedächtnis, Orientierung, Sprache, Auffassungsgabe, Urteilsvermögen und Lernfähigkeit. Weltweit gibt es 25 Millionen Demenzkranke. In Deutschland sind es derzeit in etwa 1,4 Millionen, österreichweit rund 130.000 und in Tirol circa 10.000. Wie viele davon in Pflegeheimen untergebracht sind, ist aktuell nicht bekannt. „Das sind Schätzungen. Ein Hauptproblem bei Demenzkranken ist die sehr hohe Dunkelziffer, weil nicht

jede Erkrankung diagnostiziert wird“, weiß Daniela Deufert, Pflege- und Gesundheitswissenschaftlerin der UMIT. Das hängt vor allem damit zusammen, dass das gesellschaftliche Bild von Demenz nach wie vor stigmatisiert ist und Betroffene die Erkrankung selbst verheimlichen. „Die Angst, zum 29

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Von Nina Zacke


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Daniela Deufert

„Es war wichtig, dass der oder die Einschätzende eine Person ist, die den Demenzkranken über einen längeren Zeitraum gut kennt und mit seinem Verhalten, seiner Gestik und Mimik vertraut ist.“

Arzt zu gehen, ist einfach gegeben und darf nicht unterschätzt werden. Die Betroffenen selbst als auch die Angehörigen merken schon am Anfang, dass sich etwas verändert hat. Aber zu sagen, jetzt gehen wir in die Klinik und lassen dies untersuchen, ist ein großer Schritt. Wenn die Diagnose da ist, ist sie da und damit unveränderbar“, erklärt die Pflegewissenschaftlerin.

dass der oder die Einschätzende eine Person ist, die den Demenzkranken über einen längeren Zeitraum gut kennt und mit seinem Verhalten, seiner Gestik und Mimik vertraut ist.“ Aktuell ist die Erhebung abgeschlossen und das Team ist dabei, die Daten auszuwerten. Im Frühjahr soll diese Phase abgeschlossen sein. Erste Ergebnisse „Eine Kollegin, die für ihre Masterarbeit eine Fragestellung aus dem Projekt herausgegriffen hat, konnte bereits eine Erkenntnis hinsichtlich der Pflegebedürftigkeit aufzeigen. Sie hat eine kleinere Stichprobe – insgesamt 80 Personen – analysiert und die Daten ausgewertet“, sagt Deufert. Im Rahmen dieser Stichprobe konnte die Pflegebedürftigkeit als für die Lebensqualität wichtiger Faktor festgestellt werden. Weiters war es möglich, geschlechtsspezifische Unterschiede aufzuzeigen. So zeigte sich unter anderem, dass Männer aufgrund des Beschäftigungsangebotes in den Pflegeheimen eine niedrigere Lebensqualität erfahren. Dieses ist nämlich häufig nicht auf männliche Bewohner zugeschnitten, da die klassische Tagesgestaltung eher hauswirtschaftliche oder jetzt in der Vorweihnachtszeit handwerkliche Tätigkeiten wie Basteln oder Stricken beinhaltet. „Was man weniger findet, sind konkrete Angebote wie zum Beispiel eine Werkstatt für Männer“, ist sich die Pflege- und Gesundheitswissenschaftlerin über das wenige Vorhandensein eines konkreten männlichen Beschäftigungsangebotes sicher.

Unbekannter Faktor Lebensqualität Über die Lebensqualität der Demenzkranken, die in Alten- und Pflegeheimen leben, ist in Österreich noch wenig erforscht. Insbesondere ist über die möglichen Faktoren, die diese beeinflussen, noch kaum etwas bekannt. Ein wissenschaftliches Projekt der UMIT mit dem Namen LQ-DEM soll hier in Tirol erste Daten liefern. „Die Literatur zeigt, dass diese Thematik in internationalen Studien schon bearbeitet worden ist. Der Fokus lag international zumeist auf der Pflegebedürftigkeit, dann auf herausforderndem, also aggressivem, aber auch apathischem Verhalten. Zusätzlich gibt es noch die typischen Weglauf-Tendenzen. Diese bereits vorhandenen Studienergebnisse haben belegt, dass es hier sehr wohl einen Zusammenhang gibt, vor allem mit steigender Pflegeabhängigkeit, da die Lebensqualität sinkt. Und an dieser Stelle haben wir auch unseren Ausgangspunkt gewählt, um herauszufinden, wie die Daten hierzu in Tirol sind“, erläutert Daniela Deufert. Rückgriff auf Fremdeinschätzung Ein Problem bei der Datenerhebung für ein solches Vorhaben ist, dass Menschen mit Demenz ab einem gewissen Stadium der Krankheit keine adäquate Auskunft mehr geben können. Daher mussten die Wissenschaftler auf andere Instrumente zurückgreifen – das heißt in diesem Fall die Fremdeinschätzung der Lebensqualität der Demenzerkrankten durch eine vertraute Pflegeperson vornehmen. „Es war wichtig,

Erste Schritte Die Pflegewissenschaft steht gerade im deutschsprachigen Raum zu manchen Themen noch am Anfang. Ein Grund ist zweifelsohne das bisherige Fehlen der entsprechenden Forschungsgelder. Dessen ist sich auch Daniela Deufert bewusst. „Es gibt von medizinischer Seite schon recht viel – zur Entstehung, zu den Formen und im diagnostischen Bereich. Aber 30


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Aufklärung und Enttabuisierung Daneben muss die Thematik aber noch publiker gemacht werden, ist Deufert überzeugt. In unserer heutigen, modernen Gesellschaft werden an den Einzelnen hohe Anforderungen bezüglich der kognitiven und sozialen Fähigkeiten sowie der Selbstkontrolle und Autonomie gestellt. Daher ist es nur verständlich, dass die Beeinträchtigung des Selbst, die die Krankheit mit sich bringt, zu Scham und Angst führt. Auch das Fehlen von Anlaufstellen in Tirol ist ein Problem. Die Demenzdiagnostik ist ein sehr aufwendiges Verfahren. „Hier liegt die Problematik mit Sicherheit auch an den Strukturen. Vor allem die fachärztliche Betreuung, gerade in den Pflegeheimen, ist noch nicht so, wie sie eigentlich

Daniela Deufert ist Universitätsassistentin am Department für Pflegewissenschaft und Gerontologie sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pflegewissenschaft der UMIT Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik in Hall in Tirol. Sie hat Pflege- und Gesundheitswissenschaften an der Martin Luther Universität in Halle/Saale studiert.

Daniela Deufert

„Es gibt von medizinischer Seite schon recht viel – zur Entstehung, zu den Formen und im diagnostischen Bereich. Aber gerade über die Versorgung und Betreuung wissen wir noch ganz wenig.“

gerade über die Versorgung und Betreuung wissen wir noch ganz wenig.“ Das aktuelle Projekt soll hier ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Nationale Demenzstrategie Das Heilmittel für eine Demenzerkrankung gibt es nicht. Aktuell kann man lediglich den Istzustand bestimmter Formen von Demenz durch Medikamente erhalten und das Fortschreiten hinauszögern. In der medizinischen Forschung ist leider auch keine Möglichkeit zur Heilung in Sicht. Deswegen ist es umso wichtiger, sich mit der Thematik sowohl fachlich als auch gesellschaftlich auseinanderzusetzen. „Was sicher ein großer Schritt war und ist, ist die Entwicklung der nationalen Demenzstrategie für Österreich. Diese hatte bislang gefehlt. Die Demenzstrategie ist gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit und dem Sozialministerium entwickelt worden und wird im Dezember veröffentlicht werden. Ich war in der wissenschaftlichen Expertengruppe. Dort wurde beschlossen, dass Österreich eine Forschungsstrategie für Demenz mit den dementsprechenden Forschungsgeldern braucht“, berichtet Deufert über die nationalen Anstrengungen, der Herausforderung der Demenzerkrankungen zu begegnen.

sein sollte – das muss man ganz klar sagen“, weiß Deufert. Für die Zukunft wünscht sich die Assistenzprofessorin noch mehr Aufklärung und eine Enttabuisierung der Erkrankung: „In Ansätzen ist in der Vergangenheit schon einiges passiert, allein schon durch den Film von Til Schweiger ‚Honig im Kopf‘, der das Thema zu einem viel stärkeren, öffentlichen Diskurs gemacht hat. Aber es muss noch mehr geschehen, damit die Krankheit nicht mehr verheimlicht werden muss. Denn wie viele Demenzerkrankte zu Hause gepflegt werden, wissen wir auch heute nicht.“ 31


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Barrieren, die keine sein müssen Chancengleichheit bei der Geburtshilfe ist ein Wissenschaftsfeld, in dem noch viel zu tun ist. In einem ersten Schritt wurde an der fh gesundheit in Innsbruck in Kooperation mit dem Studiengang Hebamme der FH Gesundheitsberufe OÖ die Barrierefreiheit von geburtshilflichen Abteilungen untersucht. Von Barbara Wohlsein

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und 8,1 Prozent aller österreichischen Frauen im gebärfähigen Alter leben mit dauerhaften motorischen oder sensorischen Beeinträchtigungen. Für diese Frauen ist der Alltag immer noch voller Herausforderungen. Wenn sie sich entscheiden, ein Kind zu bekommen, stellt sich natürlich auch die Frage, inwieweit geburtshilfliche Einrichtungen auf ihre Bedürfnisse vorbereitet sind. Diesem Themenkomplex hat sich ein Forschungsteam der fhg-Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH (kurz fh gesundheit) Hebammenstudiengang in Kooperation mit dem Studiengang Hebamme FH Gesundheitsberufe OÖ gewidmet. „Im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Behinderung 2012–2020 haben wir uns die chancengleiche Versorgung in der Geburtshilfe in quantitativer und qualitativer Hinsicht näher angesehen“, erklärt Martina König-Bachmann, Studiengangsleiterin des FH-Bachelor-Studiengangs Hebamme. Das österreichische Hebammengremium sah den Bedarf ebenfalls und unterstützte dieses Forschungsvorhaben finanziell.

bereits bestehen und welche Leistungs- und Unterstützungsangebote für Frauen mit Beeinträchtigung angeboten werden. Die Anfrage wurde an die Leitungen der Pflegedirektionen geschickt. 19 Prozent der Fragebögen kamen vollständig ausgefüllt an das Innsbrucker Forschungsteam zurück. „Damit haben wir natürlich nur eine relativ geringe Rücklaufquote und auch nur ein kleines Sample. Dieses Feedback zeigt aber auch, dass das Thema immer noch nicht so präsent ist, wie es sein sollte“, sagt Martina König-Bachmann. Die Auswertung der erhaltenen Daten ergab, dass die baulichen Auflagen zur Barrierefreiheit teilweise bereits umgesetzt sind. Weiterführende Maßnahmen für motorisch oder sensorisch beeinträchtige Frauen liegen jedoch im Ermessensspielraum der jeweiligen Einrichtung und werden kaum implementiert. „Es zeigt sich, dass in Österreich in vielen Bereichen noch kaum Strukturen vorhanden sind, um Frauen mit motorischer oder sensorischer Beeinträchtigung in der Geburtshilfe zu unterstützen.“

Oft fehlt das Bewusstsein Im quantitativen Teil der Studie wurde ein selbstentwickelter, nicht-standardisierter Fragebogen an 84 geburtshilfliche Abteilungen in ganz Österreich versendet. Über diesen Fragebogen wurde erhoben, welche baulichen Maßnahmen zur Barrierefreiheit 32


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Frau und Hebamme bilden ein Team Um nicht nur den infrastrukturellen Ist-Stand zu erheben, sondern auch ganz konkret herauszufinden, was betroffene Frauen rund um das Thema Elternschaft brauchen, startete das Forschungsteam im zweiten Schritt auch eine qualitative Erhebung, in der Frauen mit motorischen und sensorischen Beeinträchtigungen interviewt wurden. „Hier wurde ganz schnell klar, dass die Frauen selbst die Expertinnen sind, was ihre eigene Beeinträchtigung angeht“, so die Hebamme. „Deshalb ist es auch für uns als Gesundheitspersonal wichtig einzusehen, dass wir nicht alles wissen und deshalb auch nicht einschätzen können, was das Gegenüber gerade braucht.“ Die meisten praktizierenden Hebammen wurden in ihrer Ausbildung noch nicht speziell auf Geburtshilfe bei Beeinträchtigung geschult und lernen daher erst im Laufe ihre Tätigkeit, damit richtig umzugehen. „Auch zu meiner Studienzeit war dieses Thema noch nicht Teil des Curriculums. Erst als ich eine Frau mit Sehbehinderung bei der

Martina König-Bachmann

„Es zeigt sich, dass in Österreich in vielen Bereichen noch kaum Strukturen vorhanden sind, um Frauen mit motorischer oder sensorischer Beeinträchtigung in der Geburtshilfe zu unterstützen.“

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← Martina König-Bachmann

„Wir sind österreichweit die erste Hebammeneinrichtung, die sich in der aktiven Forschung um Chancengleichheit bei der Geburtshilfe kümmert.“

Martina König-Bachmann ist Leiterin des FH-Bachelor-Studiengangs Hebamme und des Master-Studiengangs in Advanced Practice Midwifery an der fhg-Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH. Zudem leitet sie den Lehrgang Akademische Hebammen für perinatales Management, ist Familienhebamme-Fortbildungskoordinatorin und betreibt eine private Praxis für Psychotherapie.

Um auch in der Hebammenausbildung am neusten Stand zu sein, holt sich der fhg-Studiengang die praktische Hilfe von Organisationen, die sich seit vielen Jahren mit Beeinträchtigungen beschäftigen und über ein riesiges Know-how verfügen. So gibt es zum Beispiel Kontakt mit dem Tiroler Landesverband der Gehörlosenvereine und auch mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband Tirol. Beide Verbände zeigen großes Interesse an einer Zusammenarbeit, die beiden Seiten zugutekommen soll. Der Innovationscharakter dieser Kooperationen ist beachtlich. „Wir sind österreichweit die erste Hebammeneinrichtung, die sich in der aktiven Forschung um Chancengleichheit bei der Geburtshilfe kümmert. Die Erkenntnisse fließen direkt in den Lehrplan ein“, erklärt Martina König-Bachmann. Das Ziel ist, sich noch besser mit den Fachverbänden zu vernetzen und die Erfahrungen sinnvoll zu verknüpfen.

Geburt begleiten durfte, wurde ich für diese Lücke im Gesundheitssystem sensibilisiert“, erzählt König-Bachmann. Ihrer Ansicht nach ist vor allem das Nachfragen wichtig. Was braucht die Frau in einer bestimmten Phase der Schwangerschaft oder Geburt? Was braucht sie im Wochenbett? Beim Stillen? Wann überschreitet die Hebamme eine Grenze, derer sie sich nicht bewusst ist? Martina KönigBachmann erklärt die angestrebte Konstellation so: „Ich bin die Expertin, was die Geburtshilfe betrifft, die Frau ist die Expertin, was ihre Beeinträchtigung betrifft – und gemeinsam sind wir ein starkes Team.“

Ziel: Selbstbestimmtheit Die Interviews des qualitativen Teils der Studie wurden mit Hilfe von Gebärdendolmetscherinnen geführt und zum Teil von Studierenden transkribiert. Die interviewten Frauen verorteten in den Gesprächen auch einen klaren Mangel an Angeboten, die Frauen mit Beeinträchtigungen auf die Elternschaft vorbereiten. Um eine höhere Selbstbestimmtheit der Frauen zu erzielen, sei ein Ausbau der Unterstützung aber essenziell, so eine Schlussfolgerung der Innsbrucker Studie. Vor allem der psychosoziale und emotionale Support sei wichtig, um Frauen selbstbewusst und gestärkt durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett gehen zu lassen.

Innovative Zusammenarbeit Für Frauen mit sensorischen Beeinträchtigung kann schon ein Vibrationskissen im Krankenhausbett oder ein taktiles Armband mit dem Namen des Babys einen riesigen Unterschied machen. Bei Untersuchungen muss die Hebamme einer beeinträchtigten Frau genauer bzw. anders erklären, was gerade passiert. Bei Frauen mit motorischer Beeinträchtigung, etwa einer Querschnittslähmung, hat zum Beispiel die Frage, welche Art der Betäubung bei einem Kaiserschnitt passiert, viel mit dem Gefühl von Selbstbestimmung zu tun. 34


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01 Gesunde Ernährung kann eine echte Herausforderung sein. Die Stupser sollen den Weg dahin erleichtern.

Nudge – da geht’s lang Wie bringt man Menschen dazu, zu ihrem Besten zu handeln? Die Antwort auf diese Frage will die Nudge-Theorie geben. Birgit Trenkwalder, Diaetologin an der fh gesundheit in Innsbruck, beschäftigt sich mit dem Schubsen in Richtung gesunder Ernährung. Von Theresa Kirchmair

D Birgit Trenkwalder hat an der fh Gesundheit Diaetologie und Pädagogik in Gesundheitsberufen studiert. Ihre Masterarbeit schrieb sie zum Thema NudgeTheory. Seit fünf Jahren arbeitet sie als Diaetologin, seit einem halben Jahr ist sie an der fh gesundheit in Innsbruck tätig.

er englische Begriff „to nudge“ bedeutet so viel wie anstupsen. Was wir bisher als Begriff aus sozialen Medien kannten, hat es dank der US-Wissenschaftler Thaler und Sunstein in den Fokus der Sozialwissenschaften geschafft. 2008 veröffentlichten die beiden ihre ersten Publikationen zum sogenannten NudgePrinzip. Das Interesse an der Theorie war und ist groß, Birgit Trenkwalder hat dazu sogar ihre Masterarbeit mit Bezug auf Ernährung geschrieben. Der Ansatz befasst sich mit einem weit verbreiteten Problem: Wider besseren Wissens entscheiden wir uns gegen die beste Handlungsvariante. Meist liegt das daran, dass die alternative Lösung sowohl schneller als auch einfacher umzusetzen ist. Stupsen für die Gesundheit Viele der Studien setzen sich mit dem Angebot von Kantinen auseinander. Diese stellen die guten Vorsätze der Konsumenten auf den Prüfstand. Man 35


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hat sich vorgenommen, gesund zu essen. Doch das Schnitzel liegt verlockend nahe und verspricht eine schnelle Befriedigung des Hungergefühls. Um die Wahl in Richtung empfohlener Speisen zu lenken, wird die sogenannte Entscheidungsarchitektur angewandt. In der Kantine werden mit dieser Technik gesunde Lebensmittel gut sichtbar und leicht erreichbar platziert. Das Schnitzel ist nach wie vor verfügbar, doch man muss sich bücken oder einen weiteren Weg zurücklegen, um zu ihm zu gelangen. Zudem kann mit einer farblich abgestuften Ampelkennzeichnung darauf hingewiesen werden, welche Lebensmittel gesund sind und welche nicht. Mit diesen einfachen Tricks wird die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO umgesetzt: Mach aus der gesünderen Wahl die einfachere. Die Relevanz dieser Bestrebung wird schnell ersichtlich. Gerade durch die ständige Verfügbarkeit von Essen sieht Birgit Trenkwalder ein großes Problem aufkeimen: „In allen Industrienationen nimmt die Zahl der Betroffenen von Übergewicht und Adipositas, der Fettleibigkeit, zu. Unter letzterer leiden Birgit Trenkwalder

„Nudge kann als Methode erfolgreich sein, wo vieles andere versagt. Die meisten haben eine Ahnung von guter Ernährung, lassen sich dann jedoch vom Hunger leiten.“

einen Schritt weiter. Auf politischer Ebene gibt es eine eigene Nudge-Unit, bestehend aus Wissenschaftlern mit dem Ziel, durch Stupsen etwas zu erreichen. Thema ist etwa, wie man die Bevölkerung dazu anhalten kann, sich zu versichern und gesünder zu leben. In der fh gesundheit in Innsbruck selbst werden Nudges auch im Alltag umgesetzt. Beim Betreten des Gebäudes fällt der erste Blick auf die große Treppe, die Lifte bleiben hinter der Ecke verborgen. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Stiege statt der Aufzüge benutzt wird. Mit solchen Details könnte die Umgebung im Sinne der Gesellschaft verändert werden.

heute dreimal so viele Europäer wie 1980. Alleine in Österreich betreffen diese Diagnosen beinahe die Hälfte aller Erwachsenen und ca. ein Viertel aller Kinder. Das Problem ist, dass die starke Gewichtszunahme mit schweren Erkrankungen einhergehen kann. Speziell durch das viszerale Bauchfett, auch Organfett genannt, werden im Körper mehr entzündungsfördernde Stoffe produziert. Diese rufen Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfälle und Herzinfarkte hervor. Solche Zivilisationserkrankungen wirken sich nicht nur zunehmend auf die Lebensqualität aus, sie führen auch zu massiv steigenden Kosten für die Gesundheitssysteme.“

Kritik und Vorteile Diese gezielte Lenkung des Verhaltens hat natürlich auch Kritiker, die sie als reine Manipulation betrachten. Laut Trenkwalder ist der Sachverhalt jedoch ein anderer. Im Gegensatz zur Werbeindustrie, die auf den Vorteil des Manipulierenden abzielt, steht Nudge auf Seiten des Konsumenten. „Es ist ein sehr menschenfreundlicher Ansatz“, erklärt Trenkwalder. Durch ein Verbot etwa wäre nur noch Obst als Nachtisch verfügbar. Die Umsetzung der neuen Theorie hingegen bietet sowohl Früchte als auch Schokolade an, nur steht die Süßigkeit weiter weg. In Kantinen wird nicht das Sortiment, sondern die Anordnung geändert. Die Preise der

Theorie und Praxis Trotz ihres Potenzials zur Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten werden Nudges in Österreich noch kaum genutzt. Anders verhält es sich in den USA und Großbritannien. Besonders in Krankenhauskantinen versucht man dort, das Prinzip anzuwenden. Im Vereinigten Königreich geht man noch 36


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fh gesundheit wir bilden die zukunft Die fh gesundheit bietet FH-BachelorStudiengänge für die gehobenen medizinisch-technischen Dienste und Hebammen sowie Weiterbildungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten für Angehörige der Gesundheitsberufe mit international anerkannten akademischen Abschlüssen.

PPFH-Bachelor-Studiengänge ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

Biomedizinische Analytik Diaetologie Ergotherapie Hebamme Logopädie Physiotherapie Radiologietechnologie

PPFH-Master-Studiengang

■ Qualitäts- und Prozessmanagement im Gesundheitswesen

PPMaster-Lehrgänge

02 Besonders gut anwenden lässt sich das Nudge-Prinzip in Kantinen.

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Advanced Practice Midwifery Biomedical Sciences Ergotherapie Klinische Diaetologie Pädagogik in Gesundheitsberufen Osteopathie

PPAkademische Lehrgänge

AtempädagogIn Biomedizinische Analytik Ergotherapie Gesundheitspädagogik Hebamme Intensivpflege Kinder- und Jugendlichenpflege OP-Pflege Psychiatrische Gesundheitsund Krankenpflege ■ Qualitäts- und ProzessmanagerIn ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

Speisen verändern sich nicht, denn das Prinzip sieht keine wirtschaftlichen Anreize zur besseren Ernährung vor. Außerdem erspart es den Konsumenten langes Überlegen. Der automatische Griff zu hochwertiger Nahrung soll auf Bevölkerungsebene funktionieren, also ungeachtet von Einkommen, sozialem Status und Bildungsniveau. Mehr als nur ein Tipp „Nudge kann als Methode erfolgreich sein, wo vieles andere versagt. Die meisten haben eine Ahnung von guter Ernährung, lassen sich dann jedoch vom Hunger leiten“, erklärt die Expertin. Ernährungsempfehlungen und Beratung greifen oft nicht langanhaltend. „Es liegt nicht daran, dass die Menschen die Information nicht verstehen, die Umsetzung im Alltag ist aber häufig schwierig. Bloße Empfehlungen führen nicht zu besserem Essverhalten. Zur Unterstützung der individuellen Gesundheit muss man also neue Wege gehen“, erläutert Trenkwalder. Auch unser Lern- und Gruppenverhalten kann zu gesunder Ernährung beitragen. Wir imitieren das Verhalten anderer und agieren in der Regel entsprechend dem, was uns soziale Anerkennung einbringt. Essen die Menschen um uns richtig, tun wir es mit großer Wahrscheinlichkeit auch. Somit lohnt es sich durchaus, der Gesundheit zuliebe über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. 37

www.fhg-tirol.ac.at


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Diagnose to go Ein sechsköpfiges Team rund um Univ. Prof. Dr. Christian Haring, Primar des Psychiatrischen Krankenhauses in Hall, entwickelt mit „Animys“ eine Smartphone-App zur Frühwarnung bei Verschlechterung psychischer Erkrankungen. Von Klaus Erler

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Agnes Grünerbl promovierte 2007 in Biomedizinischer Informatik an der UMIT, Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik, Hall. Seit 2008 war sie in der Entwicklung von Animys und ist seit einem Jahr in der Projektleitung. Zudem ist sie Mitarbeiterin in der Embedded Intelligence Group von Prof. Paul Lukowicz an der Technischen Universität und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern.

Wearable Computing Die App Animys wird seit 2012 mit der Unterstützung des Center for Academic Spin-Offs Tyrol (CAST) von einem sechsköpfigen Team rund um den Primar des Psychiatrischen Krankenhauses in Hall, Dr. Christian Haring, entwickelt. Die Ursprünge von Animys reichen bis in das Jahr 2006 zurück. Damals arbeitete Prof. Paul Lukowicz von der Haller Privatuniversität UMIT an einem Projekt, das mittels am Körper angebrachter Sensoren Bewegungsmuster von Probanden aufzeichnete. Nicht nur geografisch ganz in der Nähe angesiedelt, sondern auch von dieser Forschung zum Thema „Wearable Computing“ fasziniert, begann Dr. Christian Haring, das Projekt zu unterstützen und in eine psychiatrische Richtung weiterzuentwickeln: Zielgruppe waren Patienten mit bipolarer Störung. Bei diesen Patienten lassen sensorisch gemessene Fluktuationen im Bereich des Aktivitätsniveaus sehr genaue Rückschlüsse auf den momentanen Gesundheitszustand zu. Fehlinformationen, wie sie durch krankheitsbedingt-geringe Selbstwahrnehmung der Patienten vorkommen können, werden weitestgehend verhindert. Dort wo diese Idee in der Umsetzung zunächst problematisch war – Sensorwesten tragen sich im Alltag leider äußerst unkomfortabel –, halfen dem Entwickler-Team die Fortschritte im Bereich der mobilen Telefonie. Die

damals ganz neue Smartphone-Technologie funktionierte erstmals mit diversen Bewegungssensoren, die auch für die Messung von Bewegungsdaten bei Betroffenen genutzt werden konnten. Erkennungsgenauigkeit bei 95 Prozent Agnes Grünerbl, seit 2008 in der Projektleitung von Animys, erklärt die Funktionsweise der daraus entwickelten App: „Animys sammelt durch das Smartphone rund um die Uhr anonymisierte Daten über physische Aktivität und soziale Interaktion des Patienten, wie zum Beispiel Bewegungsintensität. Diese Daten werden regelmäßig mit Zustimmung des Patienten an den behandelnden Arzt geschickt. Der erkennt anhand dieser für Dritte nicht deutbarer Informationen, in welcher Phase der Krankheit 38

© EMANUEL KASER

er Name „Animys“ ist eine Wortkreation, die das lateinische „Animi“ (Seelen oder Launen) mit einem Smiley kombiniert, für den das „y“ im Wort steht. Mit diesem Begriff wird auch gleich das Ziel der gleichnamigen Smartphone-App mittransportiert: Menschen mit psychischen Problemen – genauer: affektiver Störung – zu helfen, aus ihrer depressiven Befindlichkeit heraus wieder zum Lachen zu finden.


DIGITAL & WIRTSCHAFT

01 Der medizinische Forscher und Berater Dr. Christian Haring und Projektleiterin Agnes Grünerbl im Innsbrucker Animys-Büro.

sich der Patient gerade befindet und ob eine Konsultation des Arztes sinnvoll wäre.“ Die zugrundeliegenden und zum Abgleich notwendigen Datensätze wurden im Rahmen einer vor zwei Jahren abgeschlossenen klinischen Studie mit insgesamt 20 Patienten erhoben. Diese Studie verhilft der App auch zu einer bemerkenswerten Performance: Im Erkennen von Stimmungs-Veränderungen ist Animys wesentlich schneller als der Patient selbst, die Erkennungs-Genauigkeit liegt bei 95 Prozent. Ein großer Vorteil für Animys-Nutzer ist zudem die Verbesserung der Selbstwahrnehmung. Prof. Dr. Haring: „Anhand der aufgezeichneten Daten lässt sich zum Beispiel leicht wiederlegen, dass es dem Patienten seit Tagen gut geht – wie er selbst es in einer manischen Phase behaupten würde – oder dass er seit Wochen nicht aus dem Tief kommt –

Animys-Projektteam: Animys ist ein in Innsbruck ansässiges CAST-InkubatorStartup in der Pre-Seed-Phase. Es wird von international anerkannten Universitäten, Forschungszentren und Kliniken unterstützt. Projektmitarbeiter sind:

Agnes Grünerbl

„Animys sammelt durch das Smartphone rund um die Uhr anonymisierte Daten über physische Aktivität und soziale Interaktion des Patienten, wie zum Beispiel Bewegungsintensität.“

·A  gnes Grünerbl, Medizinische Informatikerin, Produkt Design und Entwicklung · Gernot Bahle, IT-Experte, Entwicklung · Silvia Gabrielli, Psychotherapeutin, User Experience · Julian Haring, Gesundheits-Ökonom, Marktanalyse · Waclaw Lukowicz, Business-Experte ·U  niv. Prof. Dr. Christian Haring, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Medizinische Forschung und Beratung

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DIGITAL & WIRTSCHAFT

← 02 Animys nutzt die Bewegungssensoren von Smartphones. Das Aktivitätsniveau lässt Rückschlüsse auf die momentane Befindlichkeit von Patienten mit Bipolarer Störung zu.

wie er es im depressiven Schub fälschlicherweise erfahren könnte.“ Ziel des von Animys unterstützten Selbstwahrnehmungstrainings sei es, schließlich ganz auf Animys verzichten zu können. Dr. Haring: „Wer gelernt hat, die eigene Symptomatik zu erkennen und zu verstehen, wird irgendwann unser System nicht mehr brauchen!“ Ein weiteres Ziel sei laut Dr. Haring, durch optimierte Behandlung möglichst viele der 80.000 in Österreich diagnostizierten Patienten mit bipolarer Störung arbeitsfähig zu erhalten. Dies würde nicht nur den Betroffenen zu Selbstvertrauen und wichtiger Alltags-Struktur verhelfen, sondern auch volkswirtschaftliche Vorteile generieren. Dr. Haring: „Die Hauptkostenlast bei bipolarer Störung entsteht nicht durch die Behandlung, sondern durch den Entfall der Arbeitsleistung!“

kommende weitere Gesundheits-Apps. Momentan braucht Animys jedoch keine Konkurrenz zu fürchten: Die Innsbrucker App-Entwickler sind derzeit sowohl was Datenlage als auch was die Technologie der Sensornutzung betrifft, weltweit führend.

Weltweit führend 2016 soll Animys in den App-Stores von Apple und Google erhältlich sein, bis dahin gilt es nicht nur, weitere technische Hürden zu überwinden, sondern auch, die beste Vermarktungsstrategie zu entwickeln. Sollte sich herausstellen, dass Animys wie eine medizinische Leistung am besten über die Sozialversicherung abzurechnen ist, wäre die App so etwas wie ein Präzedenzfall für mit Sicherheit

Univ. Prof. Dr. Christian Haring ist Primar der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie B im Landeskrankenhaus Hall und Medizinischer Forscher und Berater bei Animys. 2006 begann er, ein „Wearable Computing“-Projekt von Prof. Paul Lukowicz an der Haller UMIT zu unterstützen und konnte damit den wissenschaftlichen Grundstein zu Animys legen.

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Forschung, die zündet! Die Gewinner des CAST technology award 2015 durften sich über Preisgelder in Gesamthöhe von € 6.600,- freuen. Foto: © CAST / Fabian Irsara

Im November zeichneten das CAST Gründungszentrum und das Wissenstransferzentrum West gemeinsam mit Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf fünf innovative Tiroler Forschungsprojekte mit großem Marktpotenzial mit dem CAST technology award 2015 aus. Beim Wettbewerb eingereicht wurden insgesamt 15 Forschungsprojekte aus den verschiedensten akademischen Fachbereichen. Prämiert wurden jene fünf Projekte mit dem höchsten Marktpotenzial.

Den ersten Platz belegte „SPIDER Connector“, ein Projekt aus dem Arbeitsbereich Holzbau des Instituts für Konstruktion und Materialwissenschaften der Universität Innsbruck. Das Team rund um Dipl.-Ing. Roland Maderebner entwickelt ein innovatives Verbindungsmittel für den Flachdeckenbau in Brettsperrholzbauweise. Damit wird ein richtungsweisender Schritt in einen leistungsfähigen und qualitativ hochwertigen Holzbau gesetzt.

Bewertet wurden die Einreichungen von Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fachbereichen. Die Kriterien Marktpotenzial, Innovationskraft, Kundennutzen, Wettbewerbssituation und wirtschaftliche Realisierbarkeit waren Maßstab für die Juryentscheidung.

Die ausgezeichneten Forschungsprojekte durften sich am Prämierungsabend in der Zentrale der Hypo Tirol Bank nicht nur über attraktive Preisgelder sondern auch über die kostenlose Teilnahme an der CAST Winter School freuen – einem mehrtägigen Intensivprogramm zur Geschäftsmodellentwicklung und nächster Schritt in Richtung erfolgreiche wirtschaftliche Umsetzung. „Die Qualität der Einreichungen ist beeindruckend. An den Tiroler Hochschulen ist ein enormes Potenzial vorhanden, um aus Forschungsergebnissen Produkte zu entwickeln und diese erfolgreich auf den Markt zu bringen“, freut sich CAST-Geschäftsführer Dr. Florian Becke. CAST ist das Gründungszentrum der Tiroler Universitäten, Fachhochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie der AkademikerInnen am Standort und wird vom Land Tirol unterstützt. Zentrale Aufgabe ist die Stimulierung, intensive Beratung, Begleitung und Förderung von technologiegetriebenen Unternehmensgründungen aus der Forschung.

DIE GEWINNER 2015 Platz 1: EUR 3.000,Dipl.-Ing. Roland Maderebner, Universität Innsbruck

Platz 2: EUR 1.500,Univ.-Prof. Dr. Christoph Scher�ler & Dr. Thomas Potrusil, Medizinische Universität Innsbruck Platz 3: EUR 800,- (ex aequo) Mag. Michael Zechmann, Universität Innsbruck Dr. Dr. Johannes Laimer, Medizinische Universität Innsbruck Platz 4: EUR 500,Dr. Thorsten Schwerte, Universität Innsbruck

Ausführliche Infos zu den Projekten & zu CAST �inden Sie auf: www.cast-tyrol.com


DIGITAL & WIRTSCHAFT

Alte Schriften lesbar gemacht Die Spuren der Geschichte sind auf Papier zu finden. Doch Briefe, Bücher und Handschriften zu entziffern, ist oft schwierig. Mit einem EU-Projekt, das an der Universität Innsbruck koordiniert wird, holen sich Wissenschaftler nun Software zu Hilfe. Von Daniel Feichtner

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ür Historiker sind Aufzeichnungen aller Art von immensem Wert. Sie stellen in vielen Fällen die wichtigsten Quellen für ihre Arbeit und einen unverzichtbaren Schlüssel zur Vergangenheit dar. Doch sie zu entziffern kann schwierig sein, denn jede Handschrift ist individuell. „Das Schriftbild unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Niemand schreibt wie jemand anderer“, meint Günter Mühlberger von der Abteilung für Digitalisierung und Elektronische Archivierung, kurz DEA, der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät in Innsbruck. „Umso schwieriger wird es, wenn man es mit einer Schrift zu tun hat, die nicht mehr gebräuchlich ist.“ Wer beispielsweise schon einmal einen alten Brief oder eine Postkarte seiner Großeltern in Händen gehalten hat, weiß das aus eigener Erfahrung: Anstatt der heute üblichen lateinischen Schrift, war im deutschen Sprachraum seit der Frühen Neuzeit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die sogenannte Kurrentschrift gebräuchlich. Und auch wenn sich in ihr viele Parallelen zu unserer modernen Art zu schreiben finden, ist sie für ungeübte Leser nur schwer entzifferbar – selbst wenn der Verfasser des Dokuments gestochen schön geschrieben hat.

Günter Mühlberger hat 1991 sein Germanistik-Studium in Innsbruck abgeschlossen und leitet seit 2002 die Gruppe Digitalisierung und Elektronische Archivierung an der Universität Innsbruck. Schon vor der Arbeit an Transkribus hat er diverse EU-Forschungsprojekte zum Thema Digitalisierung, digitale Schriftenerkennung und Informations- und Kommunikationstechnologie als Projektmanager betreut.

zu lesen, haben die meisten privat Interessierten keine Chance mehr“, meint der Experte. „Und auch für die Wissenschaftler wird die Arbeit dadurch langwieriger und mühsamer.“ Die Lesbarkeit ist dabei nur ein Aspekt. Bei ihrer Recherche wenden Historiker oft enorm viel Zeit auf, um von Hand nach themenverwandten Dokumenten zu suchen. Bei dieser Herausforderung soll ihnen nun moderne Technologie unter die Arme greifen. Dazu wurde das Projekt READ (Recognition and Enrichment of Archival Documents) ins Leben gerufen. Gemeinsam mit 13 Partnern aus ganz Europa – von Spanien über Finnland und Deutschland bis Griechenland – entsteht dabei die Online-Plattform Transkribus, die dabei

Unterstützung durch Software „Spätestens, wenn es für Historiker, die in Kurrent oder einer anderen alten Schrift geübt sind, schwierig wird, Geschriebenes

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DIGITAL & WIRTSCHAFT

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helfen kann, alte, handgeschriebene Texte zu entziffern – egal ob sie in Kurrent oder einer anderen gängigen Schrift verfasst wurden. Das System hat Anfang 2015 seinen Probebetrieb aufgenommen und ist öffentlich und gratis zugänglich. Langfristiges Ziel ist es, alte Dokumente nicht nur lesbar zu machen, sondern ihren Text komplett digital zu erfassen. Anstatt sich händisch auf die Suche nach Quellen zu begeben, könnten Geschichtsforscher digitalisierte Archive mithilfe einer Volltextsuche in kürzester Zeit durchforsten. Die Software, die dabei zum Einsatz kommt, arbeitet ähnlich wie die bereits weit entwickelte Optical Character Recognition, kurz OCR, mit der schon seit Jahren auch am Heimcomputer gedruckte Schriften eingescannt und am PC wieder vom Bild in Text umgewandelt werden.

01 Auch wenn sich Parallelen zu unserer heute üblichen Schreibschrift finden, fällt es schwer, Kurrentschrift , wie sie bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bei uns üblich war, zu lesen.

Herausforderung Handschrift Allerdings bringen Handschriften besondere Charakteristika mit, über die man sich bei Druckbuchstaben keine Gedanken machen muss. Deswegen wird bei Transkribus kein OCR, sondern die sogenannte HTR – Handwritten Text Recognition – eingesetzt. „Der Hauptunterschied liegt darin, dass es für die Software schwieriger ist, einzelne Buchstaben zu erkennen, weil diese – anders als bei Druckschriften – ineinander übergehen“, meint Mühlberger. Deswegen arbeitet das System auf Zeilen-Ebene – wofür es die Hilfe des Benutzers braucht. Handschrift folgt nur in den wenigsten Fällen der genauen Zeilenführung. Ober- und Unterlängen, die sich zum Teil mit darüber- und darunterliegendem Text überschneiden, sorgen für zusätzliche Schwierigkeiten bei der Erkennung – ganz zu schweigen von Verschmutzungen und Rissen im Papier und Randanmerkungen, den sogenannten Marginalien. Nimmt der User den Computer aber bei der Hand und markiert die Zeilen, kann dieser seine Arbeit beginnen und das bereits jetzt mit erstaunlich großem Erfolg. Die Software scannt die Zeile mit einem Fenster und sucht so nach bekannten Mustern. „Dabei versucht sie nicht einzelne Buchstaben, sondern ganze Wörter zu identifizieren, die mit einem Lexikon abgeglichen werden“, erklärt der Leiter der DEA. „Dazu verwenden wir vorgegebene Sprachmodelle. Je näher das Modell an der Schreibweise

des Autors ist, desto höher ist die Erfolgsquote.“ Aktuell kann Transkribus anhand der Algorithmen, die von der Technischen Universität Valencia und dem Nationalen Forschungszentrum in Athen entwickelt wurden, so rund 70 bis 80 Prozent eines Textes entziffern. Zudem soll das System auch die Handschrift einzelner Schreiber identifizieren können. Anhand von Aufbau, Schriftbild und unabhängig vom Inhalt kann es mit nur einer Seite in der Datenbank auf die Suche geschickt werden, um andere Dokumente aufzuspüren, die von derselben Person geschrieben wurden. Dadurch lassen sich miteinander verknüpfte Texte schnell und effizient aufspüren. Lernpotenzial Dennoch steht die Plattform noch ganz am Anfang. Aktuell verfügt Transkribus über zehn verschiedene Modelle, anhand derer es Schriften entziffern kann. Daraus sollen aber schon bald mehr werden, nicht zuletzt dank der Hilfe der Benutzer. „Komplett automatisch funktioniert die Erkennung noch nicht“, sagt Mühlberger. „Die Software schlägt für jedes Wort verschiedene Varianten vor. Dann ist der User gefragt,

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© UNIVERSITÄT INNSBRUCK, CC0

02 Transkribus übersetzt Texte Zeile für Zeile. Für jedes Wort bietet es dem Benutzer einen oder mehrere Vorschläge zur Auswahl. Dabei lernt die Software stetig dazu.

die richtige auszuwählen.“ Daraus lernt Transkribus und erweitert sein Wissen von Zeile zu Zeile und Text zu Text. Nicht zuletzt deswegen steht das System sowohl in einer Experten-Version für Wissenschaftler zur Verfügung als auch als abgespeckte Crowdsourcing-Variante für private Nutzer. „Je mehr Material die Plattform verarbeitet, desto besser wird sie. Leider sind digitalisierte, historische Texte relativ rar. Bislang wurde weniger als ein Prozent der Archivbestände digitalisiert“, meint er. „Vorbildlich arbeitet hier das Stadtarchiv Bozen“. Dort wurden bereits rund 70.000 Seiten Ratsprotokolle in digitale Form umgewandelt, die 2015 mit Transkribus bearbeiten werden. Für das große Unterfangen, diese Texte zu erfassen, steht der Plattform Rechenzeit am LEO III High Performance Cluster Rechner des Instituts für Informatik in Innsbruck zur Verfügung. Nur so kann dieser Aufwand bewältigt werden, was auch dem Archiv zugutekommt.

Bausteinen arbeiten und sie in das Gesamtsystem einfügen. So haben sie die Möglichkeit, anhand einer großen Datenmenge Algorithmen zu erarbeiten, zu testen und miteinander zu vergleichen. „Die mathematischen Modelle, die von den Kollegen eingesetzt werden, brauchen Vorlagen“, erläutert Mühlberger. „Anhand einer umfangreichen Datenbank und möglichst vieler Schrifterkennungsmodelle lassen sich auch die Methoden selbst verbessern.“ Dank dieser permanenten Weiterentwicklung glaubt Mühlberger, dass es schon in wenigen Jahren möglich sein wird, geläufige Kanzleischriften wie Kurrent vollautomatisch vom Computer lesen und entziffern zu lassen. Damit erleichtert Transkribus nicht nur Geschichtsforschern die Arbeit und macht historische Texte der Allgemeinheit zugänglicher: „Wir ebnen auch den Geisteswissenschaften den Weg in die digitale Welt“, erhofft sich der Experte. „Historiker sind noch immer größtenteils auf Bücher angewiesen. Das macht die Forschung in vielen Belangen schwieriger. Mit Transkribus erleichtern wir nicht nur das Lesen der Texte. Wir treiben auch ihre Digitalisierung voran und machen sie damit weltweit verfügbar.“ Transkribus ist darauf ausgelegt, auch von privaten Anwendern genutzt zu werden. Die Software dazu sowie Hintergrundinformationen und ein Tutorial stehen unter www.transkribus.eu zur Verfügung.

Digitale Geschichtsforschung So profitieren sowohl Wissenschaftler als auch sogenannte „Citizen Scientists“, also interessierte Privatpersonen, von dem Projekt. Aber auch diejenigen, die die dahinterstehende Technologie entwickeln, gehen nicht leer aus. Weil Transkribus als Plattform aufgebaut ist, die sich aus Modulen zusammensetzt, können sie an einzelnen

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DIGITAL & WIRTSCHAFT

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50 Hz 51

Verbraucher

Erzeuger

Ausgeglichene Energie Erneuerbare Energiequellen sind zukunftsträchtig. Doch mit ihnen kommen neue Herausforderungen auf uns zu. World-Direct aus Sistrans hilft dabei, das Stromnetz dafür fit zu machen. Von Daniel Feichtner

S

trom aus Wind- und Sonnenenergie findet immer mehr Verbreitung. Für die Umwelt hat das viele Vorteile. Doch die europäischen Stromnetze sind auf traditionelle Methoden der Energieerzeugung ausgelegt. „Kohle-, Wasser- und Atomkraftwerke liefern verlässliche, regulierbare Energie“, erklärt Tarek Ayoub vom A1-Tochterunternehmen World-Direct. „Sie können langfristig und vorausschauend regulieren, wie viel Elektrizität sie erzeugen.“ Wind- und Sonnenenergie ist dagegen von natürlichen Phänomenen abhängig, die oft starken Schwankungen unterworfen sind. Balanceakt Und genau diese mangelnde Vorhersagbarkeit ist das Problem: Bei Flauten oder schlechtem Wetter kann die Stromproduktion schnell einbrechen. Herrscht besonders starker Wind oder Sonneneinstrahlung entsteht ein Überschuss. „Unser Stromnetz ist auf eine Frequenz von 50 Hertz ausgelegt“, meint Ayoub. „Diese sinkt, wenn mehr Energie verbraucht als eingespeist wird. Kommt es

Tarek Ayoub ist Projektmanager und hat Wirtschaftsinformatik am MCI in Innsbruck studiert. Seit 2009 ist er für World-Direct tätig. Viel zusätzliches Know-how hat er über weitere Schulungen unter anderem bei Experten der TU-Graz erworben.

jedoch zu einer Energiespitze, für die nicht genügend Verbraucher am Netz sind, steigt sie. In beiden Fällen droht ein Blackout.“ Für diese Balance wird sogenannte Regelenergie benötigt. Sie wurde bislang von Speicherkraftwerken zur Verfügung gestellt. Aber mit mehr Strom aus erneuerbaren Quellen verschärft sich die Problematik. 45

Ein neuer Weg Der Tiroler IT-Dienstleister WorldDirect liefert nun eine Möglichkeit, für Ausgleich zu sorgen. „Mit dem A1 Energy Pool holen wir private Unternehmen an Bord“, beschreibt Ayoub. „Industriebetriebe können große Energiemengen verbrauchen. Und private Kraftwerke und industrielle Notstromaggregate haben die Möglichkeit, in kurzer Zeit Strom zu liefern.“ So tragen viele einzelne Mitwirkende dazu bei, Überschüsse abzubauen und erhöhten Bedarf zu decken. Koordiniert wird dieses „Energie-Ballett“ durch Hard- und Software von World-Direct, die über das Mobilfunknetz von A1 kommuniziert. Die Unternehmen, die sich an dem Pool beteiligen, werden dafür entlohnt. Sie erhalten ein Entgelt dafür bereitzustehen und können zusätzliche Erträge erwirtschaften, wenn ihre Anlagen tatsächlich zum Einsatz kommen. Damit tragen sie dazu bei, das österreichische Stromnetz stabil zu halten“, meint Ayoub. „Und zugleich fördern sie den Einsatz und die Nutzung von alternativen Energiequellen.“


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Aufs Stromsparen programmiert Rechenleistung kostet Elektrizität. Doch nicht immer ist die Hardware daran schuld, wenn der Handy-Akku schon nach einem halben Tag leer ist. Auch Programme können lernen, Storm zu sparen. © FRANZ OSS

Von Daniel Feichtner

I

n einer Welt, die zunehmend digitaler wird, ist Energieeffizienz ein großes Thema. Hardwareentwickler arbeiten daran, immer effizientere Chips zu designen. Physiker und Chemiker forschen, um Akkus noch leistungsfähiger zu machen. Doch Thomas Fahringer vom Institut für Informatik der Universität Innsbruck hat einen noch viel größeren Stromfresser ins Visier genommen: die Software. Mehrkern-Revolution Mitte der 1990er bahnte sich ein großer Entwicklungssprung in der Architektur von Prozessoren an. Weil der Platz auf den Chips immer enger wurde und es bald nicht mehr möglich war, ihre Leistung ohne Kostenexplosion zu steigern, began-

Thomas Fahringer schloss 1993 sein Informatik-Studium in Wien ab. Seither war er nicht nur in Österreich, sondern auch in Australien, Brasilien und in den USA tätig und arbeitete auch für die Raumfahrtbehörde NASA. Seit 2003 unterrichtet und forscht er am Institut für Informatik an der Universität Innsbruck.

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nen Hersteller, zu stapeln. So entstanden Mehrkernprozessoren, die mittlerweile sogar in Mobiltelefonen zum Standard gehören. „Ein definitiver Fortschritt bei der Hardware“, attestiert Fahringer. „Allerdings erfordert ihr effizienter Einsatz entsprechende Software – und die ist rar.“ Das Problem ist das sogenannte parallele Programmieren, eine Fertigkeit, die nur wenige Softwareentwickler besitzen: Ein normales Programm ist darauf ausgelegt, den Prozessor der Reihe nach – also seriell – mit Daten zu füttern, die dort verarbeitet werden. Erst dank parallelem Programmieren wird es möglich, dass unterschiedliche Prozessorkerne unterschiedliche Aufgaben zeitgleich erfüllen. Geschieht das nicht, läuft der Prozessor bei voller Energielast, benutzt wird je-


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01 Mit Insieme können Programme nach verschiedenen Gesichtspunkten optimiert werden. Auf Supercomputern und in der Cloud lassen sich so Kosten, Rechenzeit oder Energiebedarf optimieren. 02 Aber auch Anwendungen auf mobilen Geräten profitieren davon. Bei Handys, Tablets und Co. steht vor allem die Akkulaufzeit im Vordergrund.

doch nur ein Kern. „So wie wenn bei einem Acht-Zylinder-Motor nur ein Zylinder Kraft übertragen würde, obwohl alle Treibstoff verbrauchen“, meint Fahringer. 02

Compiler Jedes Programm wird als Quellcode in einer Programmiersprache verfasst, die aus Wörtern, Zahlen und Satzzeichen besteht. Diese Kommandos kann die Hardware eines Computers aber nicht verarbeiten. Deswegen muss der fertig geschriebene Quellcode zuerst von einem Compiler übersetzt werden. Dieser wandelt die für Menschen lesbare Programmiersprache in die Maschinensprache um, die der Computer „versteht“.

Energiebewusster Übersetzer So liegen bei Heim-PCs bis zu 80 Prozent der Leistung brach, schätzt der Experte. Und um Mobiltelefone steht es nicht besser – nicht zuletzt, weil die einzelnen Kerne von Mehrkernprozessoren oft etwas langsamer als die des Vorgängermodells sind. Rechnerisch ergibt sich mit mehr Kernen zwar eine höhere Leistung, diese zu nutzen vermögen die meisten Programme aber nicht. „Deswegen haben wir einen Weg gefunden, der Hardware im vorhinein mitzuteilen, welche Teile gerade Strom benötigen.“ Dazu hat er zusammen mit seinem Team einen eigenen Compiler entwickelt – ein Programm, das eine Programmiersprache in Befehle umwandelt, die der Computer „versteht“. Diese „Übersetzer“ sind beim Programmieren üblich. Allerdings hat Fahringers Compiler mit dem Namen Insieme einen Trick im Ärmel: Er übersetzt nicht nur die Programmiersprachen C und C++, sondern parallelisiert und optimiert die Programme auch. Dabei erkennt Insieme, welche Hardware wann benutzt wird und versieht das übersetzte Programm mit entsprechenden Vermerken. Das System kann dann einzelne Bereiche drosseln. „So verbraucht zum Beispiel nur noch ein statt acht Prozessorkernen Strom“, meint Fahringer. „Wenn es das Handy oder der Computer unterstützt, lässt sich der Energiebedarf zahlreicher HardwareKomponenten wie Prozessoren oder Speicher ganz drastisch reduzieren.“ Von Klein bis Groß Dabei geht es nicht „nur“ darum, umweltbewusst Strom zu sparen. Im Bereich der Wearables – vom Handy bis zur Smartwatch – macht sich Stromersparnis bei der Akkulaufzeit bemerkbar. Muss ein 47

Gerät weniger häufig aufgeladen werden, kommt das zum einen der Benutzbarkeit entgegen. Selteneres Laden bedeutet außerdem eine längere Lebensdauer für den Akku und damit oft für das Gerät selbst. „Bei Supercomputern geht das noch deutlich weiter. Für solche Großrechner gilt die Faustregel, dass der Betrieb in etwa noch einmal halb so viel kostet wie die Anschaffung selbst.“ Computer, die oft hunderte Millionen kosten, bieten dementsprechend großes Einsparungspotenzial bei den Energiekosten. Und Insieme Thomas Fahringer

„Es gibt weltweit vielleicht zwei oder drei andere Systeme, die das können.“ kann noch mehr. Der Compiler ist in der Lage, Programme nach verschiedenen Gesichtspunkten zu verbessern. Dazu nutzt Insieme eine Vielzahl verschiedener Hardware- und Software-Parameter. Diese bestimmen, ob die Software besonders niedrigen Energiebedarf hat, besonders schnell ist, Ressourcen schont oder die ökonomischen Kosten so niedrig wie möglich hält. Der letzte Aspekt ist besonders bei Projekten wichtig, die auf Supercomputern laufen, auf denen Rechenzeit zum Beispiel auf der Cloud gemietet werden kann. Damit ist Insieme ein absolutes Vorzeigeprojekt, das internationales Aufsehen erregt. „Es gibt weltweit vielleicht zwei oder drei andere Systeme, die das können“, meint Fahringer nicht ohne Stolz. „Und wir haben damit sicherlich einen wichtigen Grundstein gelegt. Ressourcenschonende Programmierung ist ein Aspekt, der in Zukunft noch viel wichtiger werden wird.“


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Wiederverwendbare IT-Lösung In Zusammenarbeit mit der innsbruck-tirol sports GmbH (ITS) entwickeln Wissenschaftler und Studierende der Fachhochschule Kufstein Tirol eine wiederverwendbare IT-Lösung für Sport-Großveranstaltungen. Von Steffen Arora

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on 12. bis 16. Jänner 2016 werden in Innsbruck die International Children’s Games (ICG) stattfinden. Rund 1.000 internationale Athleten und Betreuer aus mehr als 54 Städten weltweit werden dazu nach Tirol reisen. Ein logistischer Kraftakt für den Veranstalter ITS. Im digitalen Zeitalter wird ein Gutteil der Aufgaben dafür mittels Computern erledigt. Und genau hier setzt die Kooperation von ITS mit der FH Kufstein Tirol an. Im Rahmen des Projekts „SpoEVIT“ arbeitet eine Praxisprojektgruppe des Bachelorstudiengangs Web Business & Technology seit rund einem Jahr an einer nachhaltigen IT-Lösung für die ICG. Projektleiter Karsten Böhm erklärt den Grundgedanken dahinter: „Die ICG sind ein wiederkehrendes Event. Doch die IT-Lösungen, die bisher dafür von den jeweiligen Austragungsorten genutzt wurden, eignen sich nicht für Innsbruck. Wir haben nun eine Lösung entwickelt, die sozusagen wiederverwendbar ist.“ Die Idee war, für den Veranstalter ITS eine IT-Lösung zu entwickeln, die mit geringem Adaptierungsaufwand auch für andere Großevents genutzt werden kann. Schließlich organisiert ITS regelmäßig ähnliche Events.

Drei Themengebiete „Wir haben uns angesehen, was für die Abwicklung eines solchen Events am wichtigsten ist und dabei drei Themengebiete festgelegt“, erklärt Böhm. Das ist zum einen das Management der Sportdelegationen, also aller Aktiven, der Trainer und Betreuer. Darüber hinaus müssen die freiwilligen Helfer erfasst und koordiniert werden. Im Falle der ICG sind das immerhin rund 500 Personen, die im Rahmen des so genannten Volunteer Managements rekrutiert und gemäß ihren Kenntnissen eingesetzt werden müssen. Als drittes Aufgabenfeld befassen sich die Arbeitsgruppen der FH Kufstein Tirol mit den Akkreditierungen. Dieser Punkt befindet sich bereits im praktischen Testlauf, weil die Anmeldungen zu den ICG bereits begonnen haben. „Der Event im Jänner ist für uns zugleich der erste Praxistest“, sagt Böhm. Es gilt nun zu beobachten, wie das IT-System funktioniert und wo es Handlungsbedarf gibt. Flexible nachhaltige Lösung „Der Teufel liegt im Detail“, meint Böhm. Denn die Fehlerquellen seien oft nicht gleich zu finden. Es bedarf dazu genauer Analysen: „Wir müssen die 48

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Karsten Böhm studierte Informatik mit den Vertiefungsrichtungen Automatische Sprachverarbeitung und Intelligente Systeme an den Universitäten in Leipzig und London. Seit 2006 arbeitet er im Rahmen der Forschungsprofessur für Wirtschaftsinformatik an der University of Applied Sciences in Kufstein.


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©INNSBRUCK-TIROL SPORTS GMBH

Karsten Böhm

„Wir müssen die fachlichen Prozesse, die im Rahmen der Abwicklung eines solchen Sport-Großereignisses zum Tragen kommen, bis ins Detail verstehen.“

01 Im Rahmen des Projekts SpoEVIT entwickeln die Studierenden auch Teile der Software selbst und sammeln so wertvolle Praxiserfahrung. 02 Ein wichtiger Bereich, in dem IT-Lösungen zum Tragen kommen und nachhaltig gearbeitet werden kann, ist die Akkreditierung. 03 Denn die dabei ausgehändigten Badges müssen nicht nur diesmal ihren Zweck erfüllen. In ihnen müssen auch vorausschauend Standards implementiert werden, die bei zukünftigen Veranstaltungen benötigt werden.

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fachlichen Prozesse, die im Rahmen der Abwicklung eines solchen SportGroßereignisses zum Tragen kommen, bis ins Detail verstehen.“ Erst wenn man alle Abläufe einmal durchgespielt hat und dabei die IT-Anwendungen auf ihre Tauglichkeit überprüft wurden, können die nötigen Schlüsse für eine weitere Verwendung gezogen werden. Die besondere Crux dabei: „Man muss den unmittelbaren Bedarf abdecken – in dem Fall jenen der ICG – und zugleich flexibel genug sein, um auch für andere Events anwendbar zu sein.“

Gelebtes Wissen Die Zusammenarbeit mit der ITS gestaltet sich als kontinuierlicher Kommunikationsprozess. Denn dort sitzen die Fachleute in Sachen Eventorganisation, deren Know-how für die Entwicklung der IT-Lösung unabdingbar ist. „Es handelt sich um gelebtes Wissen, das wir uns aneignen und verstehen müssen“, erklärt Böhm. „Schließlich gilt es, zukünftige Events mitzudenken, die wir noch nicht kennen.“ So ist die für die ICG entwickelte Plattform beispielsweise derzeit zweisprachig ausgelegt. Für künftige Einsätze musste aber auch eine Option mitgedacht werden, die mehr Sprachen ermöglicht. Ähnliches gilt für die Zahl der Sportarten. Doch je flexibler das System werden soll, umso komplexer muss es sein. Für den 44-jährigen FH-Studiengangleiter Böhm, dessen Fachgebiet IT-basiertes Wissensmanagement ist, bedeutet die Kooperation im Rahmen des Projekts „SpoEVIT“ daher eine besondere Herausforderung: „Nehmen wir als Beispiel die Akkreditierung. Die Badges, die dabei erstellt werden, sehen 49

bei jedem Event anders aus. Doch es gibt grundlegende Dinge, wie etwa einzelne Funktionen bzw. Zonen, die immer gleich bleiben.“ Diese Vielfalt an Möglichkeiten macht die Aufgabe für die ITEntwickler so spannend. Studenten arbeiten mit Karsten Böhm arbeitet mit einem Team aus wissenschaftlichen Mitarbeitern und studentischen Hilfskräften. Die Studierenden werden voll in die Entwicklungsarbeit eingebunden und haben Teile des Codes selbst programmiert. Für die jungen Wissenschaftler eine willkommene Gelegenheit, Praxiserfahrung zu sammeln. Insgesamt zwei Projektteams bestehend aus rund zehn Mitarbeitern beschäftigen sich seit gut einem Jahr mit „SpoEVIT“. Kooperationspartner und Auftraggeber ist die ITS, für die diese nachhaltige ITLösung geschaffen wird. Zugleich denkt man aber bereits einen Schritt weiter: „Im Sinne der Nachhaltigkeit sollte das fertige System auch anderen zur Verfügung gestellt werden.“ 


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Die Preise hinter dem Preis Wie kommen Immobilienpreise zustande? Das Institut für Facility Management & Immobilienwirtschaft an der FH Kufstein Tirol hat in langjähriger Forschungsarbeit Parameter für die Bewertung von Grundstücken und Gebäuden identifiziert. Nicht immer ist dabei die Lage der ausschlaggebende Faktor.

© SHUTTERSTOCK

Von Eva-Maria Hotter

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ede Immobilie ist anders – selbst bei gleichem Grundrissplan variiert zum Beispiel Lage oder Innenausstattung. „Um diese individuellen Unterschiede bei der Berechnung auszugleichen, bieten sich hedonische Preismodelle besonders an“, erklärt David Koch, Professor am Institut für Facility Management & Immobilienwirtschaft an der FH Kufstein Tirol. Denn das Berechnungsmodell gibt über die impliziten Preise Aufschluss, also dem Wert der nutzenstiftenden Eigenschaften, die schlussendlich den Immobilienpreis beeinflussen. Vom Markt zur Immobilie Die Theorie zum hedonischen Preismodell besagt, dass jedes Gut in seine Einzelteile zerlegt werden kann. „Ähnlich wie ein Warenkorb, ist der Warenwert die Summe aller eingekauften Artikel“, veranschaulicht Koch. Der Name leitet sich

folgt vorstellen: „Man hat beispielsweise zwei Wohnungen, die ident sind – eine hat aber einen Balkon, die andere nicht. Werden beide verkauft, kann man anhand des Preisunterschieds feststellen, dass Wohnungen mit Balkon am Markt beispielsweise fünf Prozent teurer gehandelt werden“, konkretisiert Koch die Systematik. Im letzten Schritt lässt sich von den nutzenstiftenden Immobilieneigenschaften der Marktwert ableiten. So kann die Immobilie zu einem Verkaufspreis angeboten werden, bei dem es am Markt auch Interessenten gibt. Unterschiedlicher Ansatz Zum Vergleich: Ein Gutachter berechnet den Immobilienpreis nach einer VorOrt-Begehung – ausgehend vom Objekt selbst und aufgrund seiner Erfahrungssätze oder Marktkenntnis. Dafür gibt es drei Methoden: Ertragswert-, Sachwert- und Vergleichswertverfahren. „Das hedonische Preismodell macht im Grunde nichts anderes, als Immobilien miteinander zu vergleichen und dadurch den Preis zu eruieren. Grob ausgedrückt kann es als ein erweitertes Vergleichswertverfahren angesehen werden“, so Koch, „das Modell setzt aber nicht am

David Koch

„Ähnlich wie ein Warenkorb, ist der Warenwert die Summe aller eingekauften Artikel.“ von dem griechischen Wort „hedone“ ab, was so viel wie Freude, Genuss oder Vergnügen heißt. „Im wirtschaftlichen Zusammenhang beschreibt es den zusätzlichen Nutzen, der durch eine bestimmte Eigenschaft gewonnen wird.“ Im ersten Schritt stellt das hedonische Modell durch ein statistisches Verfahren den Immobilienmarkt dar. Mithilfe der Angaben zu den Preisen und jeweiligen Eigenschaften wird dann im nächsten Schritt errechnet, wo sich Wertzu- bzw. abschläge für einzelne Merkmale ergeben. Vereinfacht kann man sich das wie 51

zu bewertenden Objekt an – sondern am Markt selbst“. Der gesamte Immobilienmarkt wird somit analysiert. Dadurch können differenziert Preisanstiege festgestellt und gezeigt werden, ob es nur einzelne Gegenden oder die Preise generell betrifft. In weiterer Folge lassen sich aus der Marktanalyse auch die Preise für Immobilien berechnen – anhand ihrer nutzenstiftenden Eigenschaften. Diese Merkmale lassen sich dabei in gebäude-, lage- und umweltrelevante Aspekte gliedern. Letzterer bezieht sich dabei nicht


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← David Koch

„Eine Herausforderung ist, dass man einige Beobachtungen braucht. Circa tausend Datensätze sind für ein Berechnungsmodell notwendig – abhängig von der Komplexität.“

David Koch ist Professor an der FH Kufstein Tirol für Immobilienökonomie und stellvertretender Leiter des Instituts für Facility Management & Immobilienwirtschaft. Sein Forschungsgebiet umfasst immobilienökonomische Fragestellungen, unter anderem hedonische Bewertungsmodelle für Immobilien.

nur auf die Umgebung, sondern auch das wirtschaftliche Umfeld: Liegt die Immobilie in einem Tourismusgebiet oder nicht? Ebenso wirken sich Punkte wie Lärm oder der Weg bis zur nächsten Bushaltestelle oder Schule auf den Immobilienpreis aus. „In Tirol spielt die Sonnenscheindauer wegen der Berge zusätzlich eine Rolle“, weiß Koch, „das ist im Osten Österreichs beispielsweise kein so wesentlicher Faktor, der zu berücksichtigen ist.“ Die verschiedenen Annahmen und Faktoren sind insbesondere vor dem Erstellen eines Preismodells wesentlich. Sie werden laufend aktualisiert und das Modell neu gerechnet. Breites Anwendungsgebiet Grundsätzlich könnte man jede Art von Immobilien mit dem Modell schätzen: „Aber es wird bisher nur für Eigentumswohnungen, Einfamilienhäuser und unbebaute Grundstücke verwendet, weil hier Daten vorhanden sind.“ So werden Büroimmobilien zum Beispiel seltener

verkauft, deshalb gibt es kaum vorhandene Werte. Nur bedingte Aussagekraft habe das Modell für Spezialimmobilien, wie etwa eine Werkhalle oder ein Hotel. Sie unterscheiden sich stets grundlegend voneinander. Das Preismodell könne daher in diesen Fällen nur einen groben Anhaltspunkt liefern. „Allein deshalb kann ein hedonisches Modell eine vollständige Bewertung durch einen Sachverständigen nicht ersetzen, weil dazu eine Begehung und ein Gutachten notwendig sind.“ Neben der Immobilienwirtschaft gibt es im Finanzbereich ebenfalls derartige Modelle: „Banken verwenden hedonische Systeme bereits im Sektor Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser“, berichtet Koch und ergänzt: „Bei Kreditvergaben haben die Institute eine hohe Umschlaghäufigkeit. Deshalb lohnt es sich nicht, jedes Gebäude einzeln anzusehen.“ Bisher wird das Modell in Österreich vorrangig bei Kaufimmobilien angewendet, wohingegen in Deutschland zum Beispiel auch die Mietpreisspiegel in Großstädten auf hedonischen Preismodellen fußen. Große Datenmengen „Eine Herausforderung ist, dass man einige Beobachtungen braucht. Circa tausend Datensätze sind für ein Berechnungsmodell notwendig – abhängig von der Komplexität“, meint Koch. Entscheidend ist, dass die Daten in gewissem Umfang, inklusive Qualität und Vollständigkeit, vorhanden sind. „Das System ist nur so gut wie die Daten, die man eingibt.“ Will man eine bestimmte Eigenschaft untersuchen, müssen die Angaben aus 52

der Vergangenheit mit allen wertbeeinflussenden Eigenschaften vorhanden sein – inklusive jener, die man sucht. Nur so sind Rückschlüsse daraus möglich. Auch die Modellanwender sind längst nicht mehr nur fachkundige Experten: „In Deutschland gibt es schon OnlinePortale, die mit wenigen Klicks den zu erwartenden Immobilienwert preisgeben, um sich zum Beispiel vor einem Gutachten einen Überblick zu verschaffen“, erklärt Koch. Wichtig ist dann immer, dass der Nutzer versteht, was einzugeben ist. „Problematisch sind dabei die komplexen unterschiedlichen Begrifflichkeiten, wie die Fläche – zum Beispiel wird ihr ein Gang zugerechnet oder nicht?“ Nur wenn die Bedienung einheitlich erfolgt, kann sich ein realistischer Preis ergeben. Eine sorgfältige Definition und Wahl der Eigenschaften ist für die Vergleichbarkeit unerlässlich. „Gerade der Online-Bereich wird künftig noch weiterwachsen – nicht nur für Immobilien, sondern zum Beispiel auch für die Autobewertung.“


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ZUM SCHLUSS

Serendipität 1.

Die Gabe, durch Zufall interessante oder wertvolle Entdeckungen zu machen Von Theresa Kirchmair

Die wortwörtlich größte zufällige Entdeckung machte der Seefahrer Christoph Columbus mit einem ganzen Kontinent. Eigentlich suchte er nach einem kürzeren Handelsweg nach Indien. Allerdings verschätze er sich ein klein wenig und landete stattdessen 1492 an der Küste Nordamerikas.

3.

1938 war Albert Hofmann auf der Suche nach einem Medikament zur Kreislaufstimulation, jedoch ohne Erfolg. 1943 stellte er sein altes Mittel noch einmal her und nahm versehentlich etwas davon ein. Die folgenden halluzinogenen Erlebnisse wiederholte er in einem vorsichtigen Selbstversuch, der ihm eine wilde Fahrt auf dem Fahrrad bescherte. So entdeckte der Chemiker LSD, von dem er bei seinem Versuch mehr als die dreifache wirksame Dosis zu sich genommen hatte.

4.

1992 suchten Forscher nach einem Wirkstoff gegen Herzerkrankungen. Das Testmedikament sollte eigentlich den Herzmuskel durchbluten, stattdessen sprachen tiefer gelegene Körperregionen der männlichen Probanden darauf an. Diese wollten die Tabletten nach Ende der Versuche nicht zurückgeben, was die Forscher auf den Effekt aufmerksam machte. 1998 kamen sie als Viagra gegen Erektionsstörungen auf den Markt.

1. 2.

2.

Pluto hat inzwischen nicht nur seinen Planetenstatus eingebüßt, er verdankt seine Entdeckung auch einem Rechenfehler. 1930 glaubte man, Uranus und Neptun würden auf schiefen Bahnen kreisen. Clyde Tombaugh stieß bei der Suche nach einem möglichen Grund auf Pluto. Die Raumsonde Voyager 2 bewies jedoch, dass es die ursprünglich vermutete Bahnabweichung niemals gegeben hat.

3.

6.

5.

4.

5.

Die Technik der Mikrowelle wurde ursprünglich zur Ortung von Flugzeugen eingesetzt. 1945 arbeitete Percy Spencer an Magnetronen für Radaranlagen. Da bemerkte er, dass die Schokolade in seiner Hosentasche zu schmelzen begann. Seinen Kollegen war schon ähnliches passiert, doch er stellte als erster eine Verbindung zwischen den Mikrowellen und der Erwärmung von Speisen her.

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6.

Auf der Suche nach einem Weg, den Goldgehalt einer Krone festzustellen, entdeckte Archimedes die Lösung beim Steigen in die Badewanne. Dabei beobachtete er, dass eine bestimmte Menge Wasser überschwappte. Statt die Pfütze aufzuwischen, lief er daraufhin freudig und angeblich nackt zum König und jubelte „Heureka!“ (Heißt in etwa: Ich hab`s!). Er hatte erkannt, dass die Menge des verdrängten Wassers seinem Körpervolumen entsprach – das Archimedische Prinzip war entdeckt.


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= in englischer Sprache, = in deutscher Sprache, = in deutscher und englischer Sprache; = Vollzeit, = berufsbegleitend; = in englischer Sprache in Vorbereitung; = Blended Learning (Online- & Präsenzmodule); *vorbehaltlich Akkreditierung; © Stubaier Gletscher


Wirtschaftsfaktor Universität Mit ihren 4.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und 28.000 Studierenden ist die Universität Innsbruck auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Tirol.

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ie forschungsgeleitete Lehre, also die aktuellsten Forschungserkenntnisse direkt in den Unterricht einbringen, das ist das Alleinstellungsmerkmal von Universitäten. Die Universität Innsbruck bietet hierfür beste Voraussetzungen, denn sie ist eine der führenden Forschungsuniversitäten in Österreich. Neben den 16 Fakultäten verfügt sie über 5 große Forschungsschwerpunkte: Alpiner Raum – Mensch und Umwelt, Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte, Molekulare Biowissenschaften,

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Wertschöpfung Die Universität Innsbruck ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Stadt und das Land Tirol. Mit ihren über 4.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie

28.000 Studierenden trägt sie maßgeblich zur heimischen Wertschöpfung bei. Rund eine Milliarde Euro pro Jahr fließt so, angestoßen durch die Universität Innsbruck, in die Region. 290 Millionen Euro davon kommen alleine aus dem Budget, den Drittmitteleinnahmen, den selbsterwirtschafteten Einnahmen und den laufenden Bauvorhaben, die wiederum vor Ort investiert werden. Zudem geben die Studierenden jährlich rund 230 Millionen Euro aus. Weitere 450 Millionen Euro kommen aus den Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekten dazu.

Universität Innsbruck Die Uni Innsbruck versteht sich als Forschungsuniversität. Durch Schwerpunktsetzung, die Vernetzung in interdisziplinären Plattformen und die Etablierung von über 30 Forschungszentren fördert die Universität Innsbruck die Forschungsexzellenz. Mit Themen von Klimaforschung und Nachhaltigkeit über Migration und Globalisierung bis hin zur alternden Gesellschaft gehen wir als Universität auf den sozialen Wandel und neue Bedürfnisse ein und unterstreichen damit unsere wichtige Rolle in der Gesellschaft. Die große Zahl von Forschungszentren spiegelt die Vielfalt der behandelten Fragen, die sich oft auch jenseits des aktuellen Mainstreams bewegen. Aber gerade diese breit aufgestellte Grundlagenforschung bereitet den Boden für die Ideen und Konzepte von morgen.

Wir bauen Brücken in die Zukunft

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Innovation in Tirol (Dezember 2015)  
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