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ÖSTERREICHISCHE POST AG MZ 14Z040084 M ÖSTERREICHISCHE OFFIZIERSGESELLSCHAFT SCHWARZENBERGPLATZ 1, 1010 WIEN

Offizier DER

Ausgabe 4/2020 Zeitschrift der Österreichischen Offiziersgesellschaft

Wieder mehr Leutnante für die Armee. Ein Freudentag nicht nur für die Staatsspitze!


Unseren Egoismus überwinden

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ätze wie „Ich lasse mir doch kein Maskentragen anschaffen, das ist eine Einschränkung meiner Grundund Freiheitsrechte!“ oder „Ich mache Party, wann und wo ich will!“ sind wohl typische Erscheinungen eines Alltagshedonismus. Eine Haltung, die nur eine Maxime kennt: Lustgewinn, wenn es um eigene Bedürfnisse geht, aber zurücklehnen und andere machen lassen, wenn gemeinsame Werte auf dem Spiel stehen. Der Hang zu immer Mehr an ständigem Amüsement lässt die Bedürfnisse der Mitmenschen in den Hintergrund treten. Das zeigt sich eben auch sehr deutlich in den die Gesellschaft spaltenden Ansichten zum Maskentragen oder zu Maßnahmen, die dazu dienen, auch weiterhin für alle eine optimale medizinische Versorgung sicherzustellen. Verbunden ist das meist mit Halbwissen über die Gefahr oder mit selektiv verwendeten Informationen von Fachleuten oder solchen, die es gerne sein würden. Nun finden wir aber solche Verhaltensweisen leider auch in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, wie uns der „Trendradar“ 3/2020 (siehe auch Seite 16 dieser Ausgabe) deutlich vermittelt. Wenn Österreich angegriffen werden würde, wären offensichtlich nur 29 % der zuletzt dazu Befragten bereit, sich mit der Waffe zu verteidigen, während das 60 % verneinen. Die gleichen Leute sind aber zu 73 % damit einverstanden, dass die EU in so einem Fall den Österreichern militärisch helfen sollte. Es überrascht nun wenig, wenn dann aber umgekehrt nur 30 % der befragten Österreicher einem anderen EU-Land in so einer Not beistehen würden. Getragen wird diese Haltung von Menschen, die sich zwar zu 48 % für Politik interessieren, aber nur zu 23 % für Verteidigungspolitik. Trotz diesem mangelnden Interesse für Verteidigungspolitik sind dann aber 78 % der Ansicht, dass man die Neutralität beibehalten muss, was wiederum nicht überrascht, wenn 67 % der Befragten daran glauben, dass Österreich ja wegen der Neutralität nicht in internationale Konflikte hineingezogen wird. Die 70 % der befragten Frauen, die sich einer Verteidigung verweigern, müsste man fragen, wer denn dann die

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Verteidigung tragen sollte: Die 60 % Männer, die sich nicht verteidigen wollen, werden es vermutlich auch nicht übernehmen. Ja, hier kommen deutlich mangelndes Wissen und Verständnis um Grundpfeiler eines Staatswesens zum Ausdruck, aber natürlich auch der zuvor beschriebene Alltagshedonismus. / Im „Arbeitsprogramm der österreichischen Bundesregierung 2013–2018 – Erfolgreich. Österreich.“ finden wir im Kapitel „Sicherheit und Rechtsstaat“ zum Thema „Sicherheitspolitik“ die geplante Maßnahme: „laufende und umfassende Information der Bevölkerung über sicherheitspolitische Belange“. Die damals erkannte Notwendigkeit, die Bevölkerung zu informieren, wurde jedoch kaum bis gar nicht umgesetzt, und in folgenden Regierungsprogrammen wurde das Thema gleich gar nicht mehr aufgegriffen. Maßnahmen erschöpfen sich meist in populistischem Herbeireden von Ausbildungsreformen, aber völliger Außerachtlassung der Notwendigkeit, Grundlagen für einen Wehrwillen zu schaffen. Der Teufelskreis schließt sich dann, wenn die Politik ihre Investitionen an der Meinung einer unwissenden Mehrheit festmacht, um den scheinbaren Willen des Volkes zu berücksichtigen. Welch fundamentales Bedürfnis allerdings die Sicherheit ist, zeigen die Reaktionen auf den Terroranschlag in Wien. Das Bundesheer ist eine der wenigen Einrichtungen, wo es systemimmanent darauf ankommt, dass man seine persönlichen Wünsche dem Gruppenwohl unterzuordnen hat, nicht zuletzt, um Sicherheit zu produzieren. Dieses unbequeme und unpopuläre Wesen von Streitkräften kann natürlich nur in einer Gesellschaft gedeihen, die diesen Wert als Wert anerkennt und ihn nicht als anachronistisch und unzeitgemäß verteufelt. Ich möchte kein moralisierender Apostel sein, aber irgendwie scheint doch die Zeit gekommen, den vorherrschenden gesellschaftspolitischen Strömungen und Entwicklungen eines ungesunden Egoismus entgegenzuwirken, sonst werden das Leben und das Schicksal eine Triage vornehmen.

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Ausgabe 4/2020


Inhalt 4

Brief des Präsidenten

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Sponsion, Ausmusterung und Übernahme von Leutnanten an der Theresianischen Militärakademie

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Beschaffung neuer leichter Mehrzweckhubschrauber für das Bundesheer

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„Mein Dienst für Österreich“ – Attraktivierung des Grundwehrdienstes und der Miliz

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Interview mit dem Milizbeauftragten Generalmajor Mag. Hameseder

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Krieg der Drohnen – was uns in Zukunft auf dem Gefechtsfeld erwarten wird!

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Verteidigungsministerin Tanner startet Aktion „Achtung Kriegsrelikte“

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Kurzmeldungen

Vorwort Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, das erste Jahr der Amtsführung von Bundesministerin Mag.a Klaudia Tanner als Verteidigungsministerin neigt sich dem Ende zu, und es war ein wahrlich ereignisreiches Jahr mit allen Höhen und Tiefen, welche die Sicherheits- und Verteidigungspolitik Österreichs im krisengeschüttelten Jahr 2020 durchzustehen hatte. / Auf der Positivseite verbleibt, dass mit den eingeleiteten legistischen Maßnahmen die Milizkomponente des Bundesheeres wieder gestärkt wird und sich das Bundesheer wieder in Richtung Einsatzarmee entwickeln kann. Gestärkt wird auch die Truppe durch die Ausmusterung von einer größeren Zahl an jungen Offizieren als in den Vorjahren, was auch als Indiz gewertet werden kann, dass der Offiziersberuf wieder attraktiver geworden ist. Des Weiteren wird mit der Beschaffung neuer Hubschrauber eine Kampfwertsteigerung einhergehen. / Als ein weiteres großes Plus wird in die Annalen des Bundesheeres wohl das großartige Engagement der Streitkräfte während der Coronakrise eingehen. Überalldort, wo andere Organisationen nicht mehr in der Lage waren, die Situation zu beherrschen, war das Bundesheer mit seiner Expertise und seinem exzellenten Kader- und Milizpersonal zur Stelle und hat geholfen, jede kritische Situation zu meistern. / Auf der Negativseite verbleibt aber – und dies mehr als nur eine buchhalterische Erinnerungsposition – das weiterhin ungelöste Problem „Teurer Betrieb des Eurofighter“, da die ernsthaften Bemühungen des Ressorts, Airbus auf dem Gerichtswege zur Kassa zu bitten, durch die Einstellung der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen einen argen Dämpfer bekommen haben. Die Causa Eurofighter wird uns daher noch die nächsten Jahre beschäftigen. Ein weiterer negativer Saldo bleibt beim Budget. Obwohl es eine Steigerung für das nächste Jahr geben wird, sind wir von der – von der Österreichischen Offiziersgesellschaft immer wieder geforderten – Höhe des Verteidigungsbudgets von zumindest 1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes noch sehr weit entfernt.

Wehrhaftes Estland

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Interview mit Hauptmann Jaritz über den Sommerkongress der Interalliierten Reserveoffiziersgesellschaft (CIOR)

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60 Jahre Österreichische Offiziersgesellschaft

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Start für neuen BundesheerPodcast „SportRapport“

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Die 100 erfolgreichsten Rüstungs­ unternehmen weltweit

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Neidvoller Blick über die Grenze zu einem guten Nachbarn: Obwohl von Freunden umgeben, rüstet Ungarn kräftig auf

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Das Gebot der Stunde: Planen wir die lückenlose Sicherung der Außengrenze des EWR

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100 Jahre Bundesheer der Republik Österreich – eine Nachlese

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Getting out Most of the Budget: Besetzung von Leitungsfunktionen mit „weisen Führungskräften“

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Buchvorstellung „Sicher im Netz“

DER OFFIZIER Medieninhaber und Herausgeber: Österreichische Offiziersgesellschaft, Schwarzenbergplatz 1, 1010 Wien, ZVR-Zahl: 795014511 | Chefredakteur: Bgdr Hon. Univ.-Prof. (NKE) Dr. Harald Pöcher | Erscheinungsort: Wien Marketing: Dr. Michael Radike, marketing@oeog.at Hersteller: TARGET GROUP Publishing GmbH, Brunecker Straße 3, 6020 Innsbruck Druck: druckhaus scharmer GmbH, 8280 Fürstenfeld, Flurstraße 67 Fotos: Titelbild Bundesheer/Lechner; andere gem. Einzelnachweis

Verbringen Sie schöne Weihnachtsfeiertage und bleiben Sie vor allem gesund, wünscht Ihnen Ihr Chefredakteur

Namentlich gezeichnete Beiträge und Ausführungen des „Wächters“ müssen sich nicht mit der Meinung des Herausgebers decken.

Harald Pöcher

Offenlegung gemäß § 24 und § 25 Mediengesetz: Die Zeitschrift befindet sich zu 100 Prozent im Eigentum der Österreichischen Offiziersgesellschaft, Schwarzenbergplatz 1, 1010 Wien. Die Richtung der überparteilichen Zeitschrift ist durch die Statuten der ÖOG bestimmt und bezweckt Informationen in Wort und Bild zu Themen der internationalen und nationalen Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

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Brief des Präsidenten Der Blick in die Zukunft

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Sicherheitspolitische Vorschau Für die gültige „Österreichische Sicherheitsstrategie“ (ÖSS, 2013) wurden derartige Analysen vorgenommen. Die ÖSS beschreibt daher eine Reihe von Bedrohungen, die im 21. Jahrhundert denkbar sind. 2018 wurde das „Bedrohungsbild 2030“ erstellt, und jährlich publiziert die Direktion für Sicherheitspolitik eine aktualisierte Jahresvorschau. Diese konstatiert einen Trend zur laufenden Verschlechterung der internationalen Sicherheitslage. / Soldaten lernen vom Beginn ihrer Kaderausbildung an, den Konfliktparteien kein Verhalten zu unterstellen, das den eigenen Vorteil beschönigt und Gefahren ignoriert. Folglich sind militärische Experten in ihren Analysen stets näher am Worst-Case-Szenario als Zivilisten. Die Logik dabei ist: Wenn ich das

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heitspolitischen Jahresauftakt gewarnt, seit März hält sie uns fest im Griff; der Terroranschlag von Wien zeigt auf, dass bereits ein Einzeltäter eine gewaltige Zahl an Einsatzkräften bindet.

Black Swan

© ÖOG/FOTOSTUDIO WILKE

enn im Herbst und im Advent die Tage immer kürzer werden, dann haben wir die Gewissheit, dass mit Weihnachten ein Umschwung erfolgen wird. Die Tages- und Jahresrhythmen wiederholen sich verlässlich. Es braucht wenig prophetisches Geschick, um in der Nacht einen neuen Tagesanbruch vorauszusagen. / In den Zeiten des alten Ägypten war die korrekte Voraussage der Nilüberschwemmungen die Grundlage der Landwirtschaft und damit des Wohlstandes. Heute verwenden wir Szenariotechniken, um zukünftige Entwicklungen zu prognostizieren. Da gibt es dann das Trendszenario, das heutige Verhältnisse in die Zukunft fortschreibt. Aber auch Best-Case- und Worst-CaseSzenarien sind denkbar. Im Ägypten des Altertums oblag es dem Gottkönig, dem Pharao, die Sterne zu deuten. Heute definieren Experten, welches Szenario als das wahrscheinlichste angenommen wird.

schlimmste Szenario bewältigen kann, dann schaffe ich auch die anderen. Und nachdem der Auftrag an das Bundesheer lautet, die strategische Handlungsreserve der Republik zu sein – also zu helfen, wenn andere nicht mehr können –, ist es auch legitim, sich gerade auf diese Szenarien vorzubereiten.

Sicherheitspolitik nach Pippi Langstrumpf „Ich mach mir die Welt, wi di wi di wie sie mir gefällt“, singt Pippi Langstrumpf. Wenn man dieses Prinzip auf das Bundesheer anwendet, dann dreht man den Strategieprozess einfach um. Man leitet nicht mehr die Mittel von den Aufgaben ab, sondern passt die Aufgaben an die Mittel an. „So viel Geld, so viel Bundesheer“ lautet dann die Devise, der in Österreich tatsächlich seit Jahren gefolgt wird. Dazu muss die Bedrohungslage verniedlicht oder die Eintrittswahrscheinlichkeit reduziert werden. / Allerdings kann man heute feststellen, dass die Szenarien der militärischen Experten sehr treffsicher waren: Die Massenmigration führte 2015/2016 zu einem Zusammenbruch der Grenzkontrollen; die Cyberattacken auf das Außenministerium und systemrelevante Unternehmen weisen darauf hin, dass hybride Bedrohungen kein Fantasieprodukt sind; vor einer Pandemie wurde im Jänner 2020 beim Sicher-

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Angesichts dramatischer Ereignisse werden politische Verantwortungsträger nicht müde darauf hinzuweisen, dass alles sehr überraschend gekommen sei. Gerne wird dann die Metapher vom schwarzen Schwan verwendet. Meistens wird noch hinzugefügt, dass man aber trotzdem rasch Herr der Lage gewesen sei. Doch wahr ist vielmehr, dass es sich eben meist nicht um strategische Überraschungen gehandelt hat, sondern dass man sich auf bekannte Gefahren einfach nicht ausreichend vorbereitet hat. / Wer übernimmt die Verantwortung dafür, dass Warnungen ignoriert wurden? Muss immer erst etwas geschehen, damit etwas geschieht?

Wer hört Kassandra? In der antiken Mythologie hatte Kassandra, die Tochter des trojanischen Königs, die Fähigkeit der Weissagung, aber das Schicksal, dass ihren Warnungen kein Gehör geschenkt wurde. Die List des Odysseus ging auf, das trojanische Pferd wurde in die Stadt gelassen, Troja fiel den Flammen zum Opfer und wurde völlig zerstört. / Sind auch die Warnungen aus den militärstrategischen Papieren Kassandra-Rufe? Warum werden die Analysen des Zustandsberichts „Unser Heer 2030“ ignoriert? Warum werden jene, die den Istzustand des Bundesheeres ansprechen, als Nestbeschmutzer bezeichnet? Wieso behandelt man Brandmelder wie Brandstifter? / Die Österreichische Offiziersgesellschaft vertritt seit vielen Jahren klare Positionen. Minister kamen, Minister gingen. Verschiedene Parteien

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waren in der Verantwortung für die Landesverteidigung. Als Offiziere sind wir keine Parteisoldaten, sondern dienen dem Land. Unser Herz schlägt für Rot-Weiß-Rot. Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen, ist unser Leitgedanke. Si vis pacem para bellum – wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor. Es klingt paradox, das Bundesheer als den bewaffneten Arm der Friedensbewegung zu bezeichnen. Und doch hat es seine Berechtigung.

Blackout – die größte Gefahr Eine Bedrohung mit hoher Eintrittswahrscheinlichkeit und größten negativen Auswirkungen ist ein sogenanntes Blackout – also ein längerfristiger überregionaler Stromausfall. Dabei ist die Ursache – technisches Gebrechen, menschliches Versagen, kriminelle oder terroristische Erpressung, hybride Kriegsführung – hinsichtlich der Folgen für die Bevölkerung irrelevant. / Der Pandemielockdown führt uns bereits vor Augen, welche Probleme durch den Wegfall zahlreicher Leistungen entstehen. Wenn dann aber noch der Strom, das Wasser, die Heizung, Radio und TV, die Telekommunikation und das Internet, die Lebensmittelversorgung, das Verkehrs- und Gesundheitssystem nicht mehr verfügbar sind, kommt unsere Gesellschaft ganz schnell an ihre Grenzen. Und es muss bezweifelt werden, dass die Einsatzkräfte darauf ausreichend vorbereitet und durchhaltefähig sind.

der militärischen Komponente sollen in den nächsten Jahren durch neue Milizinitiativen die Personalstärke und damit die Durchhaltefähigkeit erhöht werden. Doch es wird auch Investitionen in die verloren gegangene Autarkie brauchen. Und ebenso ohne schwere Waffen und Lufthoheit ist militärische Landesverteidigung nicht möglich. Doch auch die anderen Ressorts werden sich ihrer Verantwortung besinnen müssen – für geistige Landesverteidigung, für Bevorratung und staatliche Autarkie, für Zivilschutz und Eigenvorsorge. / In diesem Sinne wünsche ich allen Mitgliedern der Offiziersgesellschaft und allen Lesern ein friedliches Jahresende und einen guten Rutsch – möge

uns „Murphy’s law“, nämlich dass alles schiefgehen wird, was schiefgehen kann, möglichst lange verschonen. Mag. Erich Cibulka, Brigadier Präsident der Österreichischen Offiziersgesellschaft PS: Im „Offizier“ 3/2020 wurde ein offener Brief der Plattform Wehrhaftes Österreich vom 15. Juli 2020 an den Bundeskanzler und den Vizekanzler abgedruckt. Nach nochmaliger Urgenz per Einschreiben hat eine Assistentin von Vizekanzler Werner Kogler eine recht floskelhafte Antwort gesendet. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat bis zum Redaktionsschluss nicht geantwortet.

Renaissance der Umfassenden Landesverteidigung Vor diesem Hintergrund sind alle Anstrengungen, die derzeit unternommen werden, um die Umfassende Landesverteidigung wieder mit Leben zu erfüllen, zu begrüßen. Denn die Bewältigung staatsbedrohender Gefahren kann nur im Zusammenwirken aller Akteure erfolgen. Die Resilienz, also die Wehrhaftigkeit einer Gesellschaft, ist ein Produkt aus Wehrwillen und Wehrfähigkeit. Diese könnte in Österreich am Ende des Jahres 2020 besser sein. Es gibt also noch viel zu tun. Bei

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Sponsion, Ausmusterung und Übernahme von Leutnanten an der Theresianischen Militärakademie

© BUNDESHEER/SEEGER

sowohl national als auch international dazu beitragen, dass Frieden und Sicherheit in unserer Heimat und in Europa erhalten bleiben. Die Verteidigungsministerin Klaudia Tanner gratulierte allen Soldatinnen und Soldaten zu ihren erbrachten Leistungen und Anstrengungen und wünschte ihnen alles Gute auf dem weiteren Weg und viel Soldatenglück. Der Chef des Generalstabes, General Robert Brieger, hieß die neuen Offiziere im Offizierskorps des Bundesheeres herzlich willkommen. Er erinnerte die Leutnante an die Verantwortung für Untergebene und die Gesellschaft, die sie ab nächster Woche übernehmen werden. Der Höhepunkt des Festaktes bildete das Treuegelöbnis auf die Republik Österreich, das die 77 Offiziere, darunter fünf Frauen, sprachen. / Bereits am Freitag, den 2. Oktober 2020, erhielten die Berufsoffiziere, darunter zwei Frauen, und vier zivile Hörer im Rahmen der Sponsion ihre Sponsionsurkunden, welche sie berechtigen, den akademischen Grad „Bachelor of Arts in Military Leadership/Bachelor (FH) Militärische Führung“ zu tragen. Der sechssemestrige Studiengang ist der wissenschaftliche Teil der Ausbildung zum Offizier. Aus einem breiten Spektrum von Sozial- und Geisteswissenschaften lernt der angehende Offizier, was er zur Verbesserung seiner militärischen Führungskompetenz benötigt: beispielsweise Pädagogik und

Beeindruckende Kulisse beim Festakt zur Verabschiedung des Ausmusterungsjahrganges

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© BUNDESHEER/TRIPPOLT

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m Samstag, den 3. Oktober 2020, wurden am Tag der Leutnante auf dem MariaTheresien-Platz in Wiener Neustadt unter Anwesenheit des Bundespräsidenten und der Frau Bundesministerin für Landesverteidigung 53 Berufsoffiziere und 24 Milizoffiziere in die Armee übernommen. Die Zahl von insgesamt 77 neuen Leutnanten für die Armee ist ein erfreuliches Signal, dass es mit der Armee wieder bergauf geht und der Beruf eines Offiziers der Streitkräfte wieder beliebter geworden ist. Erinnern wir uns an die letzten fünf Jahre zurück, welche einen Minusrekord mit lediglich 20 bis 30 ausgemusterten Berufsoffizieren und ebenso wenigen Milizoffizieren pro Jahr brachten. In Anbetracht der hohen Pensionsabgänge von durchschnittlich fast 100 Berufsoffizieren pro Jahr in den nächsten zehn Jahren wird es noch große Anstrengungen erfordern, die klaffende Lücke von jungen Offizieren bei der Truppe aufzufüllen. / Der Tag der Leutnante begann am Samstag traditionsgemäß mit einer Messe in der St.-Georgs-Kathedrale in der Burg zu Wiener Neustadt. Mit dem donnernden Gruß der Luftstreitkräfte begann danach die Zeremonie. Dazu überflogen vier Saab-105 und drei Eurofighter den Maria-Theresien-Platz. Im Rahmen der Übernahme der Leutnante betonte der Bundespräsident Alexander Van der Bellen, dass die neuen Offiziere

Psychologie, um die menschliche Seite des Führens zu verinnerlichen; Rechtsund Wirtschaftswissenschaften, so weit auch jene, welche zur Umsetzung militärischer Aufgaben erforderlich sind, etwa Sprachen – vor allem Englisch und Französisch –, um für internationale Einsätze fit zu sein. Außerdem sind ein Auslandssemester und ein Berufspraktikum bei einem Partnerverband im Ausland vorgesehen. Viel Sport und eine Fallschirmsprungausbildung sorgen dafür, dass der angehende Offizier im Lehrsaal kein Fett ansetzt und sein Wissen auch abrufen kann, wenn er ermüdet oder unter Stress ist. / Im Rahmen des Festaktes am Freitag erfolgten auch die Ausmusterung zum Leutnant und die Übergabe des Akademierings in Silber an die Jahrgangsangehörigen beziehungsweise des Akademiering in Gold und des Offizierssäbels an den Jahrgangssprecher. Aufgrund der Auflagen in der Coronakrise fand dieser Festakt in der speziell dafür adaptierten Reithalle statt. Den Abschluss der Veranstaltung am Freitag bildeten die Verabschiedung des Jahrganges am Maria-Theresien-Platz mit dem Schwur „Treu bis in den Tod“, die Übergabe der Akademiefahne an den nächsten Ausmusterungsjahrgang, Jahrgang „Dragonerregiment 7“, die Säbelübergabe an alle Jahrgangsangehörigen, die Aufführung „Großer Österreichischer Zapfenstreich“ und ein abschließendes Feuerwerk. (red.ha_pö)

Ausmusterung unter Coronabedingungen: Der Maria-Theresien-Platz bietet viel Raum.

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Beschaffung neuer Mehrzweckhubschrauber für das Bundesheer

Kaufentscheidung unter höchstmöglicher Transparenz In der engeren Entscheidung, welcher Hubschrauber von welcher Firma gekauft werden soll, waren die von den USA forcierten Bell 429, der Airbus H-145 und der AW169M. Das BMLV war bei der Kaufentscheidung von Anfang an auf der Suche nach einem Partner, mit dem eine Kooperation in allen Bereichen möglich ist, um über den gesamten Lebenslauf eines

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© LEONARDO-AEROSPACE-DEFENCE-AND-SECURITY

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m Regierungsprogramm ist eine Nachbeschaffung von leichten Mehrzweckhubschraubern festgeschrieben worden. Nun ist die Entscheidung gefallen: Das Verteidigungsministerium kauft 18 Hubschrauber des Typs Leonardo AW169M. Der Agusta Westland AW169 ist ein zehnsitziger, zweimotoriger Hubschrauber mit Turbinenantrieb. Er wurde von der italienischen Firma Agusta Westland entwickelt, die 2016 in dem Unternehmen Leonardo S.p.A. aufgegangen ist. Mit Hubschraubern von Agusta Westland gibt es im Bundesheer bereits Erfahrungen. Es betreibt den AB-212, der von Agusta Westland hergestellt wurde. Auch der AB-204 sowie der AB-206, die vom Bundesheer betrieben wurden bzw. werden, stammen von Agusta Westland. Des Weiteren sind die Radaranlagen der Luftraumüberwachung sowie der Militärflugplätze Produkte des Leonardo-Konzerns. / Die Beschaffung erfolgt in Kooperation mit Italien und beläuft sich auf rund 300 Millionen Euro. Mit dieser Summe sind die Gesamtheit der Beschaffung – Hubschrauber, Technik, Logistik –, aber auch die Ausbildung sowie infrastrukturelle Erfordernisse abzudecken. Mit einer Auslieferung des ersten Hubschraubers ist Mitte 2022 zu rechnen.

Der Mehrzweckhubschrauber AW169M kann mit verschiedenen Missions­ einrüstungspaketen versehen werden, beispielsweise mit ungelenkten Raketen.

Systems kostenoptimiert arbeiten zu können. Daher wählte man ein sogenanntes Government-to-GovernmentGeschäft. Die Wahl dieses Verfahrens garantiert auch, dass durch die Ausschaltung von Lobbyisten und anderen Zwischenhändlern für Korruption kein Platz ist. Da mit den USA eine Kooperation in den Bereichen Betrieb, Ausbildung und Logistik auszuschließen ist, da dieser Hubschrauber bei den US-Streitkräften nicht betrieben wird, wurde der Kauf der Bell 429 nicht weiterverfolgt. Da in Deutschland ca. 60 leichte Mehrzweckhubschrauber erst ab Oktober 2024 zulaufen sollen und die Alouette III Ende 2023 abzustellen ist, wäre bei einer Kooperation mit Deutschland für das Bundesheer eine Fähigkeitslücke von mehreren Jahren (Zulauf für Österreich bei dieser Variante vermeintlich erst 2025 sowie mindestens ein Jahr zur Erreichung eines Regelflugbetriebs) entstanden. Darüber hinaus plant Deutschland in Bezug auf die Logistik eine Abstützung auf die eigene Industrie, was eine Kooperation erschwert bzw. unmöglich macht.

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/ Das BMLV hat daher mit Italien einen Partner gefunden, der willens ist, in allen Bereichen des Betriebs von Militärhubschraubern mit dem Österreichischen Bundesheer zu kooperieren. Da Italien bis zu 100 Stück AW169, die auch den österreichischen Forderungen entsprechen, besorgen wird (40 Hubschrauber wurden bereits vertraglich fixiert und sind zum Teil schon ausgeliefert), wird dieser Hubschrauber als Teil einer Gesamtkooperation beschafft.

„Investition in die Sicherheit“ Verteidigungsministerin Klaudia Tanner gab die Entscheidung am 28. September 2020 bekannt: „Wir kaufen mit diesem Hubschrauber ein hocheffizientes und modernes Gerät, das nicht nur der Sicherheit unserer Soldaten dient, sondern der Sicherheit der gesamten Bevölkerung. Wir investieren damit in die Sicherheit Österreichs.“

Ersatz für alte Flotte Die neuen Hubschrauber werden die leichten Verbindungs- und Trans- ›

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© LEONARDO-AEROSPACE-DEFENCE-AND-SECURITY

porthubschrauber Alouette III ersetzen, die seit 1967 im Dienst stehen und aus technischen Gründen Ende 2023 ausgeschieden werden müssen.

Leistungsstark und vielseitig

Der Hubschrauber ist besonders vielseitig einsetzbar.

ward Looking Infrared – deutsch etwa: vorwärts gerichtetes Infrarotgerät – ist ein bildgebendes Verfahren, das Infrarotstrahlung in Richtung der Fahrzeugoder Flugkörperachse wahrnehmen, auswerten und gegebenenfalls für die Benutzer aufbereiten kann), das neben Luftaufklärungsaufgaben auch für einen präzisen Waffeneinsatz verwendet werden kann, und ein im Hubschrauber integrierter Waffenrechner inklusive Visiermöglichkeit. Die Waffen sollen auf einem Träger aufgebaut sein, der innerhalb weniger Stunden in den Hub-

schrauber ein- und ausbaubar ist. Die genauen Spezifikationen sind noch im Detail mit dem Partner zu verhandeln.

Effiziente Ausbildung Einige der neuen Hubschrauber werden als Schulhubschrauber Verwendung finden. Dadurch kann die Ausbildung effizienter gestaltet werden, und die Einsatzstaffeln werden von Ausbildungsaufgaben entlastet. Bei Bedarf können die Schulhubschrauber aber jederzeit auch für Einsatzaufgaben herangezogen werden. (red.ha_pö)

© BMLV

Der AW169M ist besonders leistungsstark und damit auch für Einsätze im Gebirge bestens geeignet. Seine Avionik ermöglicht das Fliegen auch bei Nacht bzw. bei schlechten Witterungsbedingungen. Das System beinhaltet mehrere Ausstattungen, die den Hubschrauber für eine Vielzahl von Missionen einsetzbar machen: für Personenund Materialtransporte ebenso wie zum Löschen von Waldbränden, zur Luftaufklärung und vieles mehr. / Es gibt auch verschiedene Missionseinrüstungspakete, mit welchen der Hubschrauber für verschiedenste Einsatzaufgaben ausgestattet werden kann. Das Waffensystem sollte gemäß dem militärischen Pflichtenheft aus folgenden Komponenten bestehen: Bordkanone (12,7 mm oder 2 cm), gelenkte beziehungsweise ungelenkte Raketen, idealerweise eine mit Laser endphasengesteuerte Lenkrakete, ein FLIR (For-

Die Zeitleiste der Einführung der neuen Hubschrauber ist ambitioniert, aber durchaus umsetzbar.

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„Mein Dienst für Österreich“

© BUNDESHEER LUKAS KRAENKL

© BUNDESHEER MICHAEL STEINBERGER

Attraktivierung des Grundwehrdienstes und der Miliz

Der Fokus der Grundwehrdienstausbildung liegt klar auf der Einsatzfunktion und der Beorderung als Milizsoldat.

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m Regierungsprogramm 2020– 2024 wurden die Notwendigkeit dargestellt, den Grundwehrdienst attraktiv zu machen, und entsprechende konkrete Maßnahmen in Aussicht gestellt. Des Weiteren ist im Regierungsprogramm auch die Schaffung eines neuen Berufsbildes Soldatin und Soldat verankert. / Im Zuge der traditionellen Ministerratssitzung am Nationalfeiertag hat die Regierung beschlossen, die Miliz und den Grundwehrdienst des Bundesheeres attraktiver zu gestalten. Im Vortrag an den Ministerrat wurde von der Bundesministerin für Landesverteidigung eindringlich darauf hingewiesen, dass Österreich, auch als Teil der Europäischen Union, vor dem Hintergrund einer sich verschlechternden globalen Sicherheitslage sowie des technischen Fortschritts neue Herausforderungen und Bedrohungen ernst nehmen und entsprechend vorbereitet sein muss. Ein wesentliches Element hierfür ist in einer auf der allgemeinen Wehrpflicht aufgebauten Armee die Ausbildung der Wehrpflichtigen. Erreicht werden soll dies durch ein Bundesheer, das über eine zukunftsfähige Struktur verfügen und das Berufsbild Soldatin und Soldat neu ausrichten wird. / Erreicht werden soll die Attraktivierung des Berufs Soldatin und Soldat durch geeignete Maßnahmen im Dienst-, Besoldungs- und Pensionsrecht, durch die Stärkung der

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Durch ihr militärisches Engagement abseits von Berufs- und Privatleben tragen sie wesentlich zur Verankerung der Streitkräfte in der österreichischen Gesellschaft bei.

Durchlässigkeit zwischen Bundesheer und Wirtschaft und die Prüfung einer verbesserten Anschlussfähigkeit der militärischen Ausbildungen für spätere Verwendungen im Öffentlichen Dienst, wie Polizei, Justiz etc. / Im Zusammenhang mit der Attraktivierung des Grundwehrdienstes wurde bereits im Vorfeld des Ministerratsbeschlusses angekündigt, dass mit der Attraktivierung des Grundwehrdienstes auch eine Verbesserung der Stellungsstraßen – Stichwort: Stellung als Vorsorgeuntersuchung – einhergehen wird. Zudem sollen die digitale Mündigkeit und das Erkennen von Fake News, die Integration durch bedarfsgerechte Deutschkurse und politische Bildung gefördert werden. Im Detail sieht das attraktive Maßnahmenpaket für Grundwehrdienst und Miliz vor: 1.  Grundwehrdiener sollen künftig für drei Monate verlängern können Interessierte GWD können freiwillig, um bis zu drei Monate, auf Basis Funktionsdienst verlängern, damit ihr Wissen festigen und in die Praxis umsetzen, wie zum Beispiel im sicherheitspolizeilichen Assistenzeinsatz in ganz Österreich. Dabei erhalten sie monatlich 3.034,74 Euro netto. 2. Milizbonus GWD, die sich freiwillig zur Miliz melden, erhalten eine Anerkennungsprämie ab dem dritten Aus-

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bildungsmonat in der Höhe von monatlich 400 Euro. 3. Milizkaderausbildung während des Präsenzdienstes GWD, die sich zusätzlich für eine Milizkaderausbildung melden, erhalten weitere 200 Euro monatlich. Dazu startete im Oktober 2020 das Pilotprojekt der modularen Milizkaderausbildung. Für GWD wird es somit bereits während des Grundwehrdienstes möglich, entsprechende und integrierte Ausbildungsabschnitte der Milizkaderausbildung zu absolvieren. 4. Fokus auf militärischer Ausbildung Der Grundwehrdienst soll eine Zeit der Weiterbildung und Integration in die Gesellschaft sein. Die Soldaten sollen mithilfe der neuen Modelle sich ganz auf die Ausbildung konzentrieren können. Der Fokus der Grundwehrdienstausbildung liegt somit klar auf der Einsatzfunktion und der Beorderung als Milizsoldat.

„Unser Heer online“ Alle Personen des ÖBH, von Stellungspflichtigen bis hin zu Milizsoldatinnen, sollen künftig in digitaler Form mit einem elektronischen Tool „Unser Heer online“ laufend informiert werden; die Informationen reichen von Karrieremöglichkeiten bis hin zur Kommunikation mit der entsprechenden Militärbehörde. (red.ha_pö)

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Interview mit dem Milizbeauftragten

© BUNDESHEER CARINA KARLOVITS

Generalmajor Mag. Erwin Hameseder

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz stellten Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und der Milizbeauftragte Generalmajor Erwin Hameseder das neue Investitionspaket für Miliz vor.

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ehr geehrter Herr Generalmajor, danke, dass Sie sich für die Zeitschrift „Der Offizier“ zu aktuellen Fragen und Problemen das Bundesheer betreffend Zeit nehmen. 1. Ein für das Bundesheer ereignisreiches Jahr liegt hinter uns. Die Offiziersgesellschaft begrüßte den Einsatzpräsenzdienst und sieht die Miliz wieder im Fokus der militärischen Planungen. Sehen Sie das Bundesheer heute in einem verfassungskonformen Zustand? Im aktuellen Regierungsprogramm werden für eine zukunftsfähige Struktur für das Bundesheer konkrete Forderungen und Vorgaben bezogen auf die Miliz angeführt. An der Spitze steht „Die Wiederherstellung des verfassungsmäßigen Zustandes des Österreichischen Bundesheeres nach den Grundsätzen eines Milizsystems!“ Ich stelle mich voll hinter diese Forderung. Wir sind auf einem sehr guten Weg und ich bin guten Mutes, dass noch in dieser Legislaturperiode weitere entscheidende Schritte gelingen. Jahrzehntelange Versäumnisse sind nicht kurzfristig aufholbar, dessen muss man sich bewusst sein. 2. Die „Ausmusterungszahlen“ der Berufsoffiziere und Unteroffiziere und die Zahlen der Milizoffiziere

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und -unteroffiziere gehen wieder bergauf. Im Vergleich zu den besten Jahren, in denen beispielsweise 1980 130 Leutnante und ca. 300 Leutnante der Miliz in die Armee übernommen wurden, sind die 74 Leutnante bescheiden. Welche Maßnahmen des Ressorts sollten gesetzt werden, um die bestehende Lücke zeitnah schließen zu können? Die Personalentwicklung Miliz und auch der Berufsoffiziere der letzten 10–15 Jahre war von „Dauerreformen“ und Einspardruck wegen drastischer Budgetkürzungen geprägt. Die Gesamtstruktur hat darunter sehr gelitten, und damit war eine positive Vorwärtsentwicklung nicht möglich. Ich bin aber überzeugt, dass wir die Talsohle durchschritten haben, und nun geht es wieder hoffentlich bergauf. Die wichtigste Voraussetzung dafür sind ein klares Bekenntnis der Politik zur Landesverteidigung und die Bereitschaft, dafür auch – wie schon oben angesprochen – die notwendigen budgetären Mittel zur Verfügung zu stellen. 3. Das Bundesheer war während der Raumverteidigung in den 1980erund 1990er-Jahren nicht zuletzt wegen der vielen Übungen im freien Gelände in der Bevölkerung stark verankert. Mit dem Grad der Ver-

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ankerung des Bundesheeres in der Bevölkerung steht und fällt der Zustrom zur Miliz. Welche Maßnahmen sollten rasch gesetzt werden, um diese Verankerung wieder zu stärken? Der Milizsoldat als „Bürger in Uniform“ war zu Zeiten der Hochkonjunktur der Raumverteidigung ein vertrautes Bild in der Gesellschaft, war er doch Teil eines 200.000-Mann-Heeres, das durch die regelmäßigen Übungen ständig in der Öffentlichkeit stand. Heute sind von den rund 34.000 Beorderten nur ca. die Hälfte übungspflichtig, das sind ca. 0,4 Prozent der Arbeitnehmer. In dieser Größenordnung sinkt die Wahrnehmungsschwelle des Milizsoldaten, der zu Übungen einrücken muss, in der Arbeitswelt und damit auch in der Gesellschaft deutlich und stellt eher die Ausnahme dar. Den alten Zustand werden wir nie mehr erreichen, aber wir müssen ernsthaft daran arbeiten, dass die Miliz innerhalb des Bundesheeres den ihr gemäß den verfassungsmäßigen Vorgaben zustehenden Stellenwert bekommt. Damit rückt sie auch für die Gesellschaft wieder mehr in den Focus. Die Covidpandemie hat die Bevölkerung diesbezüglich wachgerüttelt, die erstmalige Teilaufbietung der Miliz in der Zweiten Republik hat der Bevölkerung die wesentliche Rolle der Miliz wieder bewusst gemacht. Die aktuell verordneten und zukünftig geplanten Maßnahmen der Frau Bundesministerin stimmen mich da sehr zuversichtlich. 4. Ich möchte mit Ihnen kurz einen Vergleich andiskutieren: Im Nachbarland Schweiz hat die Miliz einen hohen Stellenwert, welcher es attraktiv macht, auch Milizsoldat zu sein. In Österreich war während der Raumverteidigung in den 1980erund 1990er-Jahren die Miliz in der Gesellschaft weit stärker verankert, als sie dies heute ist. Gibt es von Ihrer Seite Überlegungen und Empfehlungen an die Politik, damit wir mit

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unserer Miliz wieder dorthinkommen können? Im aktuellen Regierungsprogramm ist unter anderem sehr klar geregelt, dass der verfassungsmäßige Zustand des Österreichischen Bundesheeres nach den Grundsätzen eines Milizsystems wiederherzustellen ist und für eine ausreichende personelle und materielle Ausstattung der Miliz gesorgt werden muss. Damit gibt es ein sehr klares Bekenntnis der österreichischen Bundesregierung zur Miliz, und es geht jetzt auch darum, dass durch das Projekt „Miliz neu denken“ neue Wege beschritten werden. 5. Kommen wir zur Bewaffnung und Ausrüstung der Miliz. Dank Ihren Bemühungen ist die Miliz von heute besser ausgerüstet und mobiler geworden als noch vor zehn Jahren. Welche weiteren Schritte sind von Ihrer Seite angedacht, um das Fehl an Ausrüstung bei der Miliz rascher aufzuholen? Mit dem „200-€-Miliz-Paket“, für das ich sehr dankbar bin, wurde nun ein erster signifikanter Schritt gesetzt, um die dramatischen Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen. Bis sich die Investitionen bei der Miliz sichtbar und spürbar breitflächig auswirken, wird es noch einige Jahre dauern. Dieser Sonderinvest-Miliz ist eben ein erster wesentlicher Schritt, womit von den derzeit zehn Jägerbataillonen vier Bataillone zusätzlich voll ausgestattet werden können. Das ist eine erste relevante Verbesserung der Einsatzfähigkeit der strukturierten Miliz. In einer nächsten Phase muss der Investitionsstau rasch und effizient im Hinblick auf Ausrüstung, Bewaffnung, Gerät und insbesondere Mobilität weiter abgebaut werden. 6. Ich darf auch ein politisch heikles Thema aufgreifen. Vor mehr als zehn Jahren im Wahlkampf fielen die 6 plus 2 Monate, und es kam danach zu einem Einbruch bei der Aufbringung von Milizpersonal. Sehen Sie eine Chance, wieder zu dem alten Modell zurückzukehren, oder muss man andere Lösungen andenken,

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um wieder mehr Milizsoldaten, vor allem der unteren Dienstgrade, zu erhalten? Sechs Monate plus zwei ist politisch derzeit fernab der politischen Umsetzbarkeit. Eine Kehrtwende müsste wohl einhergehen mit drastischen Änderungen in der Bedrohungslage bezogen auf Europa und damit auch deutlich spürbar auf Österreich. Entscheidend sind aus meiner Sicht die diesbezüglich notwendigen „sicherheitspolitischen Denkprozesse“, die leider in der parteipolitischen Landschaft oft zu kurz kommen. Es ist hier ein strategischer Weitblick erforderlich, unabhängig von wahltaktischen Manövern und Legislaturperioden. Um wieder mehr „Mannschaften“ zu gewinnen, wird ab sofort in die Ausbildung deutlich mehr investiert, und ich verweise in diesem Zusammenhang auf die neue modulare UO-Ausbildung – in Verbindung mit attraktiven Verdienstmöglichkeiten im Anschluss an den Grundwehrdienst. Es ist wohl zu erwarten, dass im Inland auch in den nächsten Jahren fast ständig ca. 1.000 Soldaten im Einsatz sind; vorrangig sollen diese richtigerweise durch die Miliz bewältigt werden. Ganz entscheidend wird sein, dass möglichst alle Grundwehrdiener sechs Monate lang ausgebildet werden, damit sie die Voraussetzung haben, in die Miliz beordert zu werden. 7. Sie waren mehr als zehn Jahre beim Bundesheer im Truppendienst erfolgreich tätig. Was hat Sie dabei besonders für Ihr weiteres Berufsleben geprägt und welche Ausbildungen und Erfahrungen konnten Sie in Ihrem Beruf nutzbar machen? Das Österreichische Bundesheer und insbesondere die Ausbildung zum Offizier ist eine ausgezeichnete „Lebensschule“. Man lernt bereits in sehr jungen Jahren, Menschen zu führen und verantwortungsvoll Entscheidungen zu treffen. Die genossene Ausbildung einerseits, aber auch die verschiedenen Funktionen als Offizier waren für mich stets ein unverzichtbarer Zweitberuf. Davon habe ich bis zum heutigen Tag auch in meinem beruflichen Werdegang intensiv profitiert. Natürlich war

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damals noch nicht absehbar, dass dieser Weg einmal zum Milizbeauftragten führen würde. Die Milizarbeit ist mir seit jeher eine echte Herzensangelegenheit und ich gehe ihr mit großer Freude und Engagement nach. 8. Die Privatwirtschaft und der öffentliche Dienst haben viele Gemeinsamkeiten, aber auch viel Trennendes. Sie kennen durch Ihr langes berufliches Leben beide Organisationen. Dem öffentlichen Dienst wird oft Trägheit im Erreichen von gesetzten Zielen nachgesagt. Organisationen in beiden Welten müssen sogenannte lernende Organisationen sein, um stets Klassenbeste ihrer Zunft zu sein. Das Bundesheer hat zwar eine Art Alleinstellungsmerkmal und kann sich im Inland nicht an Konkurrenten messen, aber dennoch darf es nicht aufhören zu lernen und muss auch Kritik ernst nehmen. Welche Empfehlungen würden Sie abgeben, damit das Bundesheer als Ganzes besser in der öffentlichen Meinung dasteht? Das Bundesheer ist keine private Erfindung, sondern gemäß Bundesverfassung die strategische Reserve der Republik Österreich. Letztendlich geht es um die umfassende Sicherheitsvorsorge des Staates. Es sollte eine klare Kommunikationsstrategie erarbeitet werden, die die Fähigkeiten und Kompetenzen des Österreichischen Bundesheeres zum Schutz der Bevölkerung und unserer Heimat Österreich in den Mittelpunkt stellt. Ein Forcieren der geistigen Landesverteidigung ist für mich eine unabdingbare Maßnahme und es ist ein Gebot der Stunde, alle analogen und digitalen Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen. Ganz wichtig ist aber auch die Botschaft unserer Bundesregierung, dass man die entsprechenden personellen und materiellen Ressourcen nachhaltig sicherstellt, damit alle Aufgaben, die sich in Zukunft für das Österreichische Bundesheer stellen, bestmöglich erfüllt werden können. Die Heeresangehörigen haben stets ihr Bestes gegeben und verdienen daher höchsten Respekt und Anerkennung.

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© BUNDESHEER ROLAND LACKINGER

Bundesheersoldaten mit der Drohne Tracker

Krieg der Drohnen Was uns in Zukunft auf dem Gefechtsfeld erwarten wird!

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n der Peripherie der Europäischen Union entstehen zunehmend mehr gewaltsame Auseinandersetzungen und Unruhen. In Syrien, im Libanon, in Libyen, Marokko, Eritrea, in der Ukraine und in Weißrussland sowie im Südkaukasus herrschen tödliche Konflikte vor oder entstehen neue gefährliche Krisen. Europa ist mit der Eindämmung der Covid-19-Pandemie beschäftigt, während sich neue disruptive Entwicklungen ankündigen. In den Räumen, in denen die aktuellen Auseinandersetzungen bereits jetzt gewaltsam ausgefochten werden, zeigt sich langsam, aber stetig ein nachhaltiger und umfassender Wandel in der Kriegsführung. So nimmt immer mehr – und dies zum Teil in einem entscheidenden Umfang – die Bedeutung von unbemannten Aufklärungs- und Waffensystemen zu. / Die sich überschlagenden Ereignisse in Armenien und Aserbaidschan im September und Oktober 2020 zeigen die neue Realität. Der Krieg der Zukunft wird vor allem mit Drohnen geführt werden. Die Kämpfe in Bergkarabach wurden unter Einsatz einer ganzen Reihe unterschiedlicher Drohnensysteme geführt. Am potentesten hatte dabei Aserbeidschan in den letzten Jahren

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aufgerüstet. Es konnte auf die Unterstützung aus dem Ausland zählen. Und dies nicht nur bei der Beschaffung sogenannter Loitering-Drohnen (umgangssprachlich auch Kamikaze-Drohnen genannt) vom Typ Harop, Orbiter 1K oder SkyStriker. Zusätzlich beschaffte man mit einer Medium-AltitudeHigh-Endurance-Drohne (MALE-Drohne) vom Typ Hermes 900 der israelischen Firma Elbit ein potentes bewaffnetes System. Vergleichbar in seiner Leistungsfähigkeit mit den amerikanischen MQ-9 Reaper oder chinesischen Wing Long Unmanned-Combat-AerialVehicle-Systemen (UCAV-Systemen). / Betrachtet man die von Aserbeidschan veröffentlichten Videos über die Erfolge ihrer Drohnen gegen die Streitkräfte von Artsakh bzw. Armenien, so erkennt man aber vor allem den Einsatz bewaffneter türkischer TB2-BayraktarDrohnen. Die von den türkischen TB2 eingesetzten MAM-L-Luft-Boden-Raketen waren neben den eingesetzten Loitering-Drohnen für die verheerenden Verluste der Streitkräfte Armeniens bzw. Bergkarabachs verantwortlich. Und es zeigt sich, wie zuvor in Libyen, auch hier die Leistungsfähigkeit der türkischen TB2. Es war den armenischen Fliegerabwehrsystemen aufgrund des

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kleinen Radarquerschnitts der angreifenden Drohnen nicht gelungen, diese zu detektieren. Zusätzlich sorgen unterstützende Störmaßnahmen im elektromagnetischen Feld für das Ausbleiben einer effektiven Luftabwehr. Drohnen waren also das ideale Mittel für den Einsatz. Gerade Loitering-Drohnen sind billig, schwer zu detektieren und zugleich präzise tödliche Waffensysteme. Und das zum Vorteil, keine eigenen Piloten einsetzen zu müssen. Bewaffnete MALE-Drohnen ermöglichen es hingegen, ein Ziel exakt aufzuklären und mit Luft-Boden-Raketen bekämpfen zu können. Auch hier bedeutet ein möglicher Abschuss kein Risiko eines Pilotenverlusts. / Doch im September 2020 spielten Drohnen nicht nur in Karabach eine wichtige Rolle. Anfang September 2020 verkündete ein Sprecher der jemenitischen, von den Huthis unterstützten Armee in einer Pressekonferenz, dass es neuerlich gelungen wäre, den saudischen Flughafen von Abha mit weitreichenden, eigenen Drohnen anzugreifen. Diese Meldung wirft neuerlich Licht auf einen Konfliktherd, welcher von der öffentlichen Berichterstattung gerne vernachlässigt wird. In Jemen und Saudi-Arabien tobt ein regelrechter

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war selbst für die Israelis eine böse Überraschung. Somit wäre der Gegner in der Lage gewesen, gezielt ein beliebiges Objekt auf israelischem Boden anzugreifen! Entsprechend öffentlichkeitswirksam wurden (u. a. auf der Münchner Sicherheitskonferenz) daher vom israelischen Premier Netanjahu die Überreste der Drohne präsentiert. / Die aktuellen Konflikträume stellen ein sehr erfolgreiches Testgelände für die Technologieerprobung von unbemannten Systemen dar. Angriffe wie die beschriebenen zeigen, dass die Kriegsführung mittels Drohnen mittlerweile zum festen Bestandteil jedes Konfliktraums gehört. Nicht nur poten-

Hisbollah hatte offensichtlich damit begonnen, Minidrohnen zur Aufklärung einzusetzen. Innerhalb der nächsten 24 Monate wurde diese Fähigkeit weiter ausgebaut, und im Jahr 2006 erfolgte die nächste Überraschung: Hisbollah-Kämpfer versuchten mit Sprengstoff bestückte Drohnen gezielt bei Angriffen gegen israelische Soldaten zu verwenden. / Die rasanten technischen Entwicklungen der folgenden Jahre führten bis zum heutigen Zeitpunkt dazu, dass Minidrohnensysteme bald für jedermann erreich- und nutzbar wurden. Diese neuen Möglichkeiten blieben Terrororganisationen nicht verborgen. Und so

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Drohnenkrieg. Während amerikanische MALE-Drohnen vom Typ MQ-9 Reaper Jagd auf Al-Quaida-Kämpfer auf jemenitischem Staatsgebiet machen, wehren sich Huthi-Rebellen gegen die Angriffe einer von Saudi-Arabien geführten Koalition, indem sie selbst mit Sprengstoff beladene Drohnen einsetzen. Drohnen, die wiederum aus dem Iran angeliefert werden. Diese Kampfführung bringt immer wieder spektakuläre Erfolge mit sich. So gelang es vor einem Jahr, im September 2019, in einem ähnlichen Angriff, die bedeutenden Erdölproduktions- und -verteileranlagen Khurais und Abqaiq mitten in der saudischen Wüste anzugreifen. Einschlägige Fachzeitschriften bezeichneten die resultierenden Folgen als die „größte tägliche Unterbrechung der Ölversorgung in der Geschichte der Menschheit“. Tatsächlich soll der durch den Ausfall verursachte Gesamtversorgungsverlust der saudischen Anlagen rund 5,7 Millionen Barrel Ölproduktion pro Tag – mehr als die Hälfte der jüngsten Produktion Saudi-Arabiens und rund sechs Prozent des weltweiten Angebots – sowie zwei Milliarden Kubikfuß Gasproduktion pro Tag umfasst haben. / Bereits zuvor brachte das Jahr 2018 eine erste bemerkenswerte Qualitätssteigerung mit sich. Es gelang im Februar einer Drohne vom (iranischen) Typ Saegheh-2, aus Syrien in den israelischen Luftraum zu fliegen. Auch hier erfolgte ein rascher Abschuss, beim Angriff auf die Bodenkontrollstation wurde jedoch eine israelische F-16I abgeschossen. Dies stellte eine Zäsur dar. Delikaterweise ähnelte die abgeschossene Saegheh-2 frappant einer amerikanischen Drohne vom Typ RQ170 Sentinel. Ein Exemplar dieses Typs war im Dezember 2011 im iranischen Luftraum verloren gegangen. Zuerst wurde dies von amerikanischer Seite dementiert, bis schließlich der damalige US-Präsident Obama die Rückgabe amerikanischen „Eigentums“ vom Iran forderte. Es scheint, als ob es dem Iran gelungen war, die amerikanische Drohne mittels „reverse engineering“ nachzubauen. Das Bedeutende an dem Vorfall in Israel war jedoch der Umstand, dass die Saegheh-2 offensichtlich mit Sprengstoff beladen gewesen war. Dies

Die Drohne Baykar ist vielseitig verwendbar. Auch beispielsweise die Ukraine wird diesen Typ einsetzen.

ten State Actors (z. B. den USA, Israel, Großbritannien und Frankreich) vorbehalten, sondern vor allem angewandt von Non State Actors. Tatsächlich ist das Phänomen von Drohnenangriffen durch Non State Actors in der Konfliktregion Naher und Mittlerer Osten nichts Neues. Die Konfliktherde im Irak, in Syrien, im Jemen und in der Levante (sprich Israel gegen seine Vielzahl von Feinden) sind bereits seit einigen Jahren voller Berichte von sogenannten „Drohnenangriffen“. Diese reichen vom Einsatz von improvisierten bewaffneten Minidrohnen bis zu unbemannten Systemen in der Größe von Kleinflugzeugen. Bereits im Jahr 2004 machten israelische Soldaten eine unangenehme Entdeckung: Die Terrororganisation

war es schließlich der Islamische Staat (IS), welcher damit begann, im großen Umfang handelsübliche Minidrohnen einzusetzen. Zuerst vorrangig zur Aufklärung möglicher Angriffsziele für (von Selbstmordattentätern gesteuerte) fahrende Autobomben (Suicide Vehicle Borne Improvised Explosive Device, SVBIED), doch rasch hatte man noch innovativere Ideen entwickelt. So wurden von den IS-Kämpfern überaus erfolgreich kleine Sprengsätze aus handelsüblichen Drohnen abgeworfen bzw. ließ man mit Sprengstoff beladene Minidrohnen kamikazegleich auf Ziele stürzen. / Dem Vorbild des Einsatzes von Minidrohnen durch den IS folgten viele andere terroristische Organisa- ›

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© AUTOR

ZUR PERSON

Oberst des Generalstabsdienstes Dr. Markus Reisner, PhD Geboren 1978; Offizier des Österreichischen Bundesheeres; wiederholte Auslandsaufenthalte und -einsätze in Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Afghanistan, Irak, Tschad, Zentralafrika und Mali; Forschungsschwerpunkte: Einsatz und Zukunft von unbemannten Waffensystemen, historische und aktuelle militärische Themenstellungen; Leiter der Entwicklungsabteilung der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.

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© SHUTTERSTOCK.COM

tionen, so tauchten erste Videos der Taliban auf. Diese filmten ihre spektakulären Anschläge nun praktischerweise mit Minidrohnen. In der Ukraine hingegen häuften sich Berichte über Minidrohnen, welche von den sogenannten „Separatisten“ geflogen wurden. Eine Analyse der verwendeten Modelle zeigte klar, dass die Fertigung der Drohnen nicht in Luhansk und Donetsk erfolgt war, sondern dass es sich um russische Armeemodelle handelte. In Syrien kopierten hingegen Regimetruppen und Rebellengruppierungen die Einsatztaktiken des IS. Aus Syrien wurde auch eine weitere Qualitätssteigerung in der Einsatzführung bekannt: Ab Jänner 2018 griffen hier wiederholt ganze Drohnenschwärme den russischen Luftwaffenstützpunkt Hmeimim an mit dem Ergebnis, dass mehrere russische Kampfflugzeuge schwer beschädigt bzw. zerstört wurden. Eine Analyse des Angriffs legt die Vermutung nahe, dass der Angreifer die einzelnen Drohnen über einen Leitstrahl zum Ziel dirigiert hatte – eine Fähigkeit, welche in ihrer Komplexität nicht unbedingt

Drohnenschwärme sind eine große Herausforderung für die Abwehr.

den syrischen Rebellen zuordenbar ist. Der Urheber dieses über eine weite Distanz geführten Angriffs bleibt weiterhin im Dunkeln. Fakt ist jedoch, dass die Einsätze der russischen Luftwaffe entscheidend zu den Erfolgen der syrischen Streitkräfte beitragen, also eine Störung dieser Einsätze im Interesse einer Vielzahl von Akteuren liegt. Es zeigte sich somit, dass der Einsatz von Minidrohnen nicht nur für Non State Actors interessant ist, sondern auch für Staaten, welche nicht unbedingt ein Interesse daran haben, dass sie mit einem erfolgten Angriff in Verbindung gebracht werden. Die Drohne ist dafür das perfekte Einsatzmittel. Ohne Kennzeichnung – und vor allem ohne menschlichen Piloten – lässt sich nach Auffindung möglicher Überreste nur darüber spekulieren, wer der Urheber des Einsatzes gewesen ist. Und selbst wenn die technische Bauart auf eine bestimmte Herkunft hinweist, so lässt sich immer behaupten, dass die Verwendung durch andere oder gar missbräuchlich erfolgt war. / Diese laufenden Drohnenangriffe machen uns bewusst, dass unbemannte Waffensysteme zum Mittel der ersten Wahl in der modernen Kriegsführung geworden sind, und zeigen zugleich, welche Leistungskapazitäten derartige Drohnen heutzutage bereits haben. All diese dargestellten Entwicklungen deuten klar darauf hin, dass Drohnen – eingesetzt von staatlichen und nicht-

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staatlichen Akteuren – mittlerweile zum Mittel erster Wahl in den aktuellen Konfliktgebieten zählen. Die aktuelle Drohnenkriegsführung ist ein klares Phänomen moderner Kriege. Abgesehen von der berechtigten Argumentation westlicher Staaten hinsichtlich der Fähigkeit einer präziseren und somit möglicherweise humaneren Art der Kriegsführung liegt es auf der Hand, dass auch andere Akteure erkannt haben, welchen Nutzen der Einsatz von Drohnen mit sich bringt. Sie sind ein billiges und effizientes Mittel und können bei richtigem Einsatz strategische Wirkung erzielen. Sie machen es möglich, dass terroristische Organisationen über große Entfernung zuschlagen können. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die erste von Terroristen gesteuerte Drohne ein Fußballstadion oder eine kritische Infrastruktur in vermeintlich sicheren Staaten ansteuern wird – in verbrecherischer Absicht und mit verheerender Wirkung. Wie dargestellt, eignen sich Drohnen bereits jetzt in einem hohen Maße als Waffenträger, sei es durch das Mitführen von Luft-Boden-Waffen, sei es durch eine Beladung mit Sprengstoff. Drohnen könnten aber auch für den Einsatz von chemischen oder biologischen Waffen verwendet werden. Würde ein derartiger Einsatz gar in Schwarmform erfolgen, könnte dies katastrophale Auswirkungen haben. (Oberst des Generalstabes Dr. Markus Reisner, PhD)

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Verteidigungsministerin Klaudia Tanner startet Aktion „Achtung Kriegsrelikte“ 1.140 Funde an Kriegsmaterial verteilt in ganz Österreich; diese wurden vom Entminungsdienst entsorgt bzw. vernichtet.

Ministerin Klaudia Tanner und GemeindebundPräsident Alfred Riedl bei der Präsentation der Aktion „Achtung Kriegsrelikte“

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emeinsam mit dem Präsidenten des Österreichischen Gemeindebundes Alfred Riedl ersucht Ministerin Tanner die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aller österreichischen Gemeinden um öffentlich wirksames Aushängen von mehr als 6.285 Plakaten; diese werden in den nächsten Tagen an alle Gemeinden Österreichs verteilt. Ziel ist es, die österreichische Bevölkerung im Umgang mit Kriegsrelikten zu sensibilisieren. / Verteidigungsministerin Tanner: „Jährlich werden über 1.100 gefährliche Kriegsrelikte beim Wandern, Spazieren oder anderen Freizeitaktivitäten, aber auch bei Bauarbeiten gefunden. Mit unserer Plakataktion wollen wir die Österreicherinnen und Österreicher auf die Gefahr aufmerksam machen und was im Fall eines Fundes zu tun ist. Wichtig ist, das Fundstück nicht zu berühren, bewegen oder aufzuheben und sofort die nächste Polizeidienststelle aufzusuchen oder die 133 anzurufen und den Fund zu melden.“

26.404 Kilogramm Kriegsrelikte im Jahr 2019 Der Entminungsdienst verzeichnete im ersten Halbjahr 2020 bereits 592 Einsätze; dabei haben die Experten bisher in Summe rund 7.000 Kilogramm an Kriegsmaterial einzeln geborgen, untersucht, beurteilt, abtransportiert und vernichtet. Im Jahr 2019 waren es insgesamt

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Ein Hantieren mit diesen Kriegsrelikten ist für Unbefugte äußerst gefährlich; sie sollten unter keinen Umständen berührt werden. Wird ein Objekt gefunden, dessen Herkunft und Beschaffenheit verdächtig erscheinen, sollte man unverzüglich die nächste Polizeidienststelle kontaktieren. In weiterer Folge werden die Mitarbeiter des Entminungsdienstes des Bundesheeres angefordert, die das Kriegsrelikt entschärfen und sicher abtransportieren. Der Entminungsdienst entsorgt jegliches Kriegsmaterial, welches aus den Jahren vor 1955 entstammt.

„Achtung Kriegsrelikte“ Die Aktion wurde vom Bundesministerium für Landesverteidigung ins Leben gerufen, um die Bevölkerung auf die Gefahr von Kriegsrelikten aufmerksam zu machen. Hier steht die Sicherheit der Österreicher klar im Vordergrund. Die Gemeinden sind ersucht, die Plakate öffentlich sichtbar für die Bevölkerung auszuhängen und diese so darüber zu informieren.

1.000 Einsätze pro Jahr Rund 1.000 Mal pro Jahr rücken die Mitarbeiter des Entminungsdienstes zu Einsätzen aus. Seen und Flüsse zählen dabei ebenso zum Einsatzgebiet wie Waldgebiete, Städte oder alpines Gelände, in dem nach wie vor große Mengen an Munition aus dem Ersten Weltkrieg liegen. / Der Entminungsdienst ist eine selbst­ ständige Dienststelle innerhalb der Heeresverwaltung, die mit 1. Jänner 2013 vom Innenministerium in das Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport gewechselt ist.

Das breitflächig verteilte Plakat „Achtung Kriegsrelikte“ macht auf die Gefahren von Kriegsrelikten aufmerksam.

Entminungsdienst Die Mitarbeiter des Entminungsdienstes sind Experten für alle Arten von Munition, die aus der Zeit vor 1955 stammt und auf österreichischem Bundesgebiet aufgefunden wird. / Durch die Dienststelle in Wien sowie Außenstellen in Graz und Hörsching und eine 24-Stunden-Rufbereitschaft können die Spezialisten innerhalb kürzester Zeit vor Ort sein, um verdächtige Funde zu untersuchen und Gefahren für die Bevölkerung zu beseitigen. Die Bergung von aufgefundenen Kriegsrelikten erfolgt kostenlos.

© BUNDESHEER DANIEL TRIPPOLT

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Verhalten bei Auffinden von Kriegsrelikten

• das Identifizieren, • das Untersuchen und • das Bergen der sogenannten „sprengkräftigen Kriegs­relikte“ aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. In weiterer Folge werden die Kampfmittel entschärft, abtransportiert und später unschädlich gemacht. In besonders schwierigen Fällen werden die Relikte an Ort und Stelle vernichtet.

Aufgaben Die Aufgaben des Entminungsdienstes umfassen:

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Kurzmeldungen Höchstes Budget in der Geschichte unseres Heeres um zweiten Mal in Folge gibt es einen Höchststand im Verteidigungsbudget: Um 8,3 Prozent steigt das Budget für das Bundesheer. Das Verteidigungsbudget ist für 2021 zumindest mit 2,672 Milliarden Euro eingeplant. / Verteidigungsministerin Klaudia Tanner dazu: „Gerade die Coronakrise hat uns gezeigt, wie wichtig unser Heer in Krisen ist. Über Jahre wurde das Budget des Heeres gesenkt, und die Reduktion der Leistungsfähigkeit war die Folge. Die Schubumkehr haben wir im heurigen Jahr – mit einer Budgetsteigerung um 9,9 Prozent – herbeigeführt, und diesen Kurs behalten wir im nächs-

ten Jahr bei und schalten dabei noch einen Gang höher.“ Denn auch nächstes Jahr werde das Budget wieder erhöht, so die Ministerin weiter. „Um 204 Millionen (8,3 Prozent) wird unser Heeresbudget gesteigert, und wir werden damit viele notwendige Investitionen tätigen, auf die unser Heer schon so lange wartet. Die Zeit des Stillstandes und des Abbaus ist vorbei.“ Konkret wird es zusätzliche Mittel für die Miliz, die Terrorabwehr, die Bereiche Cyber- und ABC-Abwehr sowie für den Katastrophenschutz geben. / Anmerkungen der Redaktion dazu: Bemerkenswert und durchaus positiv dabei ist, dass in Zeiten eines erhöh-

ten Budgetbedarfes in nahezu allen Politikbereichen diesmal beim Bundesheer nicht gespart wurde, jedoch fehlen noch immer bei einem prognostizierten Bruttoinlandsprodukt 2021 von rund 400 Milliarden Euro rund 1,4 Milliarden Euro, damit wir in Österreich endlich auf zumindest 1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes bei unseren Landesverteidigungsausgaben kommen. Geld, das das Bundesheer dringend benötigen würde, da viele Kasernen sich in einem erbärmlichen Zustand befinden und auch nahezu alle schweren Waffensysteme eine Kampfwertsteigerung nötig hätten.

Trendradar 3/2020 zeigt ein eklatantes Versagen der Geistigen Landesverteidigung

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ie die Studie des BMLV zeigt (https://www.bundesheer. at/pdf_pool/publikationen/trend_ radar_3_2020_web.pdf), ist das Interesse für Verteidigungspolitik grundsätzlich gering. Während rund die Hälfte der Bevölkerung (48 %) angibt, sich sehr oder eher stark für Politik im Allgemeinen zu interessieren, wird dies in Bezug auf Verteidigungspolitik nur von knapp einem Viertel bekundet (23 %). Frauen (12 %) äußern zudem ein wesentlich geringeres Interesse an Verteidigungspolitik als Männer (35 %). Weiters zeigen sich die jüngeren Generationen (bis 39 Jahre: 18–20 %) weniger interessiert als Personen über 40 Jahre (23–26 %). Kern des verteidigungspolitischen Selbstverständnisses ist die Neutralität, die wie bereits im Vorjahr bei knapp acht von zehn Österreicherinnen und Österreichern (78 %) Zustimmung findet. Die höchste Befürwortung zeigt sich dabei unter Frauen (80 %, Männer: 75 %) und älteren Personen (bis 23 Jahre: 66 %, ab 60 Jahre: 82 %). Deutlichen Einfluss hat auch das Bildungsniveau, wobei sich noch mehr Personen mit Pflichtschul-

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COVID-19

Sicherheits- und verteidigungspolitische Meinungsbilder in Zeiten der Pandemie

abschluss (81 %) als Akademikerinnen bzw. Akademiker (73 %) für die Neutralität aussprechen. Österreich sollte neutral bleiben. Die Neutralität wird dabei vor allem in ihrer identitätsstiftenden und solidarischen Funktion (im Sinne einer Vermittlerrolle Österreichs in internationalen Konflikten) interpretiert. Sicherheitspolitische Funktionen rücken hingegen eher in den Hintergrund. Auch in Bezug auf die allgemeine Wehrbereitschaft ergibt sich ein ähnliches Bild: Demzufolge ist nur knapp ein Drittel (29 %) der Bevölkerung bereit, Österreich im Falle eines militärischen Angriffs mit der Waffe zu verteidigen. Dabei zeigen sich insbesondere erhebliche Unterschiede zwischen Männern (42 %) und Frauen (17 %). Die Sicherheitslage wird pessimistischer als im Vorjahr eingeschätzt. Der Großteil der Bevölkerung fühlt sich jedoch persönlich sicher. Neben der Pandemie dominieren Klimawandel, Verunsicherung in Zusammenhang mit neuen Medien, existenzielle Sorgen, Zuwanderung und Katastrophen das subjektive Bedrohungserleben. Die Neutralität findet unverändert bei ~80

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% der Bevölkerung Zuspruch. Obwohl nach wie vor eine Mehrheit das 2020 Engagement Österreichs im Rahmen des internationalen Krisenmanagements gutheißt, ist die Zustimmung hierzu im Vorjahresvergleich gesunken. Trotz eines leichten Rückgangs befürwortet nach wie vor die Mehrheit der Bevölkerung die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU sowie eine europäische Streitkräftekooperation. Drei von vier Österreicherinnen und Österreichern erwarten sich militärische Hilfe der EU-Staaten im Falle eines Angriffs auf Österreich. Umgekehrt zeigt sich lediglich knapp ein Drittel der Bevölkerung bereit, andere EU-Staaten militärisch zu unterstützen. Das Verhältnis zu NATO und USA ist nach wie vor von großer Skepsis geprägt und auch Russland wird heuer kritischer als im Vorjahr gesehen.

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Kompakte Ergebnisse zur inneren und sozialen Lage

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Soldatin des Bundesheeres ist „Sportlerin des Jahres 2020“

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Klaudia Tanner mit Heeressportlerin Ivona Dadic

© BUNDESHEER CARINA KARLOVITS

m Rahmen der Lotterien-SporthilfeGala wurde Korporal Ivona Dadic als „Sportlerin des Jahres“ ausgezeichnet. Dies unterstreicht einmal mehr die Bedeutung der Spitzensportförderung des Österreichischen Bundesheeres. Dadic, seit 2012 Leistungssportlerin des Bundesheeres, kürte sich bei den Hallenmeisterschaften in Birmingham 2018 zur Vizeweltmeisterin und stellte dieses Jahr im Mehrkampfmeeting in Götzis die Jahresweltbestleistung auf. 

Hercules-Täuschkörpertest: „Flammende Engel“ über Allentsteig

© BUNDESHEER HORST GORUP

Eine C-130 Hercules-Transportmaschine stößt Täuschkörper – „Flares“ – aus.

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itte November testeten die Luftstreitkräfte des Bundesheeres das neue Selbstschutzsystem der C-130-Hercules-Transportmaschinen. Nach dem Start in Linz-Hörsching flogen zwei Maschinen des Kommandos Luftunterstützung aus dem Nebel auf sonnige 1.400 Meter über Grund und

führten über dem Truppenübungsplatz Allentsteig erfolgreich den Ausstoß von Täuschkörpern – sogenannten „Flares“ – durch. Der Test war ein wichtiger Schritt in der Weiterentwicklung des Lufttransportsystems C-130 Hercules. Das Selbstschutzsystem wird nach Abschluss der Entwicklungen den

Luftstreitkräften in Zukunft ermöglichen, „unter Bedrohung Soldaten und Zivilisten sicherer aus Krisengebieten zu evakuieren“, so Brigadier Wolfgang Wagner, Kommandant des Kommandos Luftunterstützung. Als nächster Schritt ist die Ausbildung der Besatzungen in allen notwendigen Verfahren vorgesehen, um diese neue Fähigkeit zum Einsatz bringen zu können. Das Schutzsystem wird reihenweise in alle drei C-130-Maschinen eingebaut und beinhaltet passive Sensoren, die vor einem Abschuss von hitzesuchenden Raketen warnen. Evakuierung aus Krisengebieten: Im Notfall evakuieren die Hercules-Piloten auch österreichische Staatsbürger aus dem Ausland. Die C130-Maschinen der Lufttransportstaffel haben sich dabei als besonders robust und zuverlässig erwiesen.

Dank an Wachsoldaten nach Terrornacht

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er Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, hat sich bei der Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und dem Militärkommandanten von Wien Brigadier Mag. Wagner für die schnelle Hilfeleistung des Bundesheeres bedankt. Die Soldatinnen und Soldaten waren in der Nacht des Terroranschlages am 2. November 2020 sofort einsatzbereit und übernahmen den Objektschutz in Wien. An zahlreichen Gebäuden der Stadt stehen Wachsol-

Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Oskar Deutsch (re.), Verteidigungs­ ministerin Klaudia Tanner und Brigadier Kurt Wagner

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daten des Bundesheeres, hauptsächlich der Militärpolizei. Durch die Übernahme dieser Objektschutzaufgaben wird die Polizei des Innenministeriums für andere Aufgaben freigespielt. Verteidigungsministerin Tanner hob zu Recht diese Leistung hervor: „Unser Bundesheer sorgt täglich für die Sicherheit in Österreich und ist immer dann da, wenn es gebraucht wird! Ich danke den Soldatinnen und Soldaten, die im Einsatz stehen“, so Verteidigungsministerin Tanner.

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Wehrhaftes Estland

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er diesjährige Kongress der Confédération Interalliée des Officiers de Réserve, der Interalliierten Reserveoffiziersgesellschaft, (CIOR) fand in Tallinn, der Hauptstand Estlands, statt. Gastgeber und Organisatoren waren die Estnischen Streitkräfte. Grund genug, sich mit der Geschichte und der Armee dieses Landes auseinanderzusetzen.

I. Estland:

© ARCHIV AUTOR

Lage: Der nördlichste der drei baltischen Staaten grenzt im Osten an die Russische Föderation, im Süden an Lettland, im Westen an die Ostsee, von den Esten „Westmeer“ genannt, im Norden an den Finnischen Meerbusen. Aus militärischer Sicht bedeutsam ist, dass die 300 Kilometer lange Ostgrenze zur Russischen Föderation keine durchgehende Landgrenze bildet, sondern mit dem Peipussee, siebenmal so groß wie der Bodensee, ein Wasserhindernis mehr als die Hälfte der Grenze abdeckt. / Staat und Bevölkerung: Mit 45.000 km² ist Estland etwa halb so groß wie Österreich. Die Bevölkerung

Auf dem Gebiet des heutigen Staates vermischten sie sich mit indoeuropäischen Einwanderern, die aus südlicher Richtung kamen. / Christianisierung: Lange Zeit galten die Esten als „die Heiden von der Ostsee“. Erst im 12. Jahrhundert begann allmählich die Christianisierung. Wesentlich trugen die Missionierung durch den Deutschen Orden sowie territoriale Ansprüche der Schweden und Dänen dazu bei. Durch die Christianisierung wurde Estland ein Vorposten westlicher Kultur. Symbol dieser Grenze der Kulturen sind die beiden Festungen, die einander am Grenzfluss Narwa gegenüberstehen: die Ordensburg Hermannsfeste auf der westlichen, die russische Festung Iwangorod auf der östlichen Seite des Grenzflusses. / Russland: Bis heute problematisch ist das Verhältnis zur Großmacht im Osten: Angriffe gab es beispielsweise 1588 unter Iwan dem Schrecklichen, auch seine Nachfolger versuchten mehrfach ihre Macht nach Westen auszudehnen. / Schließlich kam Estland im Frieden von Nystad 1712 unter russische

Die Mitglieder der Waldbrüderschaft waren sehr diszipliniert und hatten durch ihre hohe Moral einen großen Kampfwert.

beträgt rund 1,3 Millionen Einwohner, das politische System ist eine parlamentarische Demokratie.

II. Zur Geschichte Estlands: Ursprung: Historiker vermuten die Herkunft der Esten aus der finno-ugrischen Völkerfamilie, die aus der Urheimat im Uralgebirge langsam westwärts zogen.

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Herrschaft. In dieser Zeit wurde der deutschbaltische Adel zur herrschenden Oberschicht. / Unabhängigkeit: 1917 brach in Russland die Revolution aus. Die Esten versuchten nach der Februarrevolution ihre Autonomie zu erkämpfen. Am 26. März 1917 fand in St. Petersburg eine Kundgebung mit der Forderung um Un-

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abhängigkeit und staatliche Eigenständigkeit statt, die am 30. März von der provisorischen Regierung gewährt wurde. Im Oktober 1917 ergriffen jedoch in Tallinn und anderen Orten Estlands die Bolschewisten die Macht, wurden aber Anfang 1918 von kaiserlichen deutschen Truppen vertrieben. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges erfolgte am 28. November 1918 der Angriff der Roten Armee auf Estland. In einem zweijährigen Unabhängigkeitskrieg, unterstützt von der englischen Flotte, erfolgten wechselnde Kämpfe gegen die von Osten angreifende neugeschaffene Rote Armee und aus dem Süden vordringende deutsche Freikorps. Da sich Estland zäh verteidigte, konnte am 2. Februar 1920 in Tartu ein Friedensvertrag unterzeichnet werden, in dem Russland die Unabhängigkeit anerkannte. / Die Friedensjahre brachten einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine positive innere Entwicklung des Landes mit sich, trotz oftmaliger Versuche der Sowjetunion, Einfluss zu nehmen. So konnte 1924 ein Versuch eines kommunistischen Staatsstreiches abgewehrt werden. Aufgrund der innenpolitischen Krisen etablierte Präsident Konstantin Päts eine autoritäre Regierung. / Der rote Terror: In dem im August 1939 geschlossenen Molotow-Ribbentrop-Pakt wurden die baltischen Staaten dem sowjetischen Einflussbereich zugeschlagen. Unter Druck eines angedrohten Einmarsches stimmte die Regierung der Errichtung sowjetischer Basen auf ihrem Territorium gegen die Zusicherung der Erhaltung der weiteren Unabhängigkeit zu. Im Juni 1940 okkupierte die Sowjetunion unter Bruch dieses Abkommens Estland. Noch im Frieden begannen Terror und Deportationen. Allein am 14. Juni 1941 wurden 10.000 Menschen nach Sibirien verschleppt, insgesamt verlor Estland in einem Jahr 60.000 Menschen. Dies, obwohl sich zum damaligen Zeitpunkt die Sowjetunion im Friedenszustand befand! / Der Zweite Weltkrieg in Estland: Bald nach Beginn des deutschen Angriffes auf die Sowjetunion am 22. Ju­ ni 1941 erreichte der Zweite Weltkrieg

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Die Waldbrüder – der vergessene Widerstandskampf in Estland Die Esten gaben nicht auf. Nach der neuerlichen Besetzung durch die Sowjetunion gingen zahlreiche Esten in den Wald, um den Widerstandskampf fortzusetzen. Die Widerstandsgruppen gründeten auch ein politisches Repräsentationsorgan, das Nationalkomitee der Republik Estland. Man hielt Kontakt zu estnischen Diplomaten im Westen. Zwischen Abzug der Deutschen Wehrmacht und Invasion der Sowjettruppen gelang es für nur vier Tage (!) eine unabhängige Regierung unter Premier Otto Tief einzusetzen. Sowjetische Panzer walzten sie nieder. Die estnische Bevölkerung erwartete, dass der Westen nicht nur die eine Diktatur, sondern auch die andere Diktatur im Osten bekämpfen würde. Eine Konfrontation des freien Westens mit der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) schien unausweichlich. / Unmittelbar nach der Besetzung Estlands im Herbst 1944 flohen zahlrei-

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che Menschen in die Wälder, um dem roten Terror zu entkommen. Auch wollten so junge Männer der Einberufung in die Sowjetarmee entgehen. Die Taktik war die klassische des Partisanenkampfes: zuschlagen und sich wieder in die Wälder absetzen. Die Waldbrüder setzten Aktionen gegen Kollaborateure und griffen auch Gefängnisse an, um politische Gefangene zu befreien und die Esten vor ihrer Verschleppung nach Sibirien zu bewahren. / Jede Widerstandsorganisation benötigt neben der militärischen Komponente auch eine politische Führung. Der ehemalige Offizier der estnischen Armee, Endel Redlich, gründete das „Bündnis für den bewaffneten Kampf, estnisch Relvastatud Voitluse Liit, kurz RVL“, das versuchte, die Aktivitäten der verschiedenen Waldbrüdergruppen zu koordinieren sowie vor allem wieder die Verbindung zu den Esten im westlichen Exil aufzunehmen. Ziel des RVL war es, einen bewaffneten Aufstand vorzubereiten, der bei Ausbruch des erwarteten Krieges zwischen dem Westen und der Sowjetunion ausgelöst werden sollte. Der RVL kontrollierte zeitweise größere Gebiete. / Dies führte zu Reaktionen der sowjetischen Besatzungsmacht. Ziel war vor allem die Landbevölkerung, die mit Nahrung, Informationen und Unterkunft die Waldbrüder unterstützte. Repressionen gegen die örtliche Bevölkerung, Folter, um Informationen über die Verstecke zu erlangen, waren die Mittel. Später organisierten die sowjetischen Sicherheitsorgane Gruppen „falscher Waldbrüder“, welche die Widerstandskämpfer infiltrierten und in Hinterhalte lockten. Zum Teil war der Widerstand der Waldbrüder so heftig, dass schwere Waffen zum Brechen desselben eingesetzt werden mussten. / Doch der bewaffnete Widerstand konnte nicht verhindern, dass die sowjetischen Behörden mit der Kollektivierung der Landwirtschaft zur Liquidierung des unabhängigen Bauernstandes begannen. Parallel dazu wurden wieder massive Deportationen zur Brechung des Widerstandes sowie Vernichtung tatsächlicher oder vermuteter Gegner des Sowjetregimes vorgenommen. Durch die Vernichtung ihrer Versorgungsbasis waren die Waldbrüder in ei-

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im August Estland. Anfangs als Befreier begrüßt, erkannten die Esten bald, dass das Deutsche Reich nicht an der Unabhängigkeit Estlands interessiert war. Das Okkupationsregime begann mit der Verfolgung der jüdischen Minderheit. Auch gegen die deutsche Besatzung formierte sich ein estnischer Untergrund. Als 1944 die Leningrader Blockade durchbrochen wurde, drang die Rote Armee zur estnischen Grenze vor. In dieser Situation unterstützten die Esten die deutschen Kräfte gegen die Sowjetunion. In der Zeit zwischen dem Abzug der deutschen Armee und der sich nähernden Sowjetarmee amtierte für vier Tage wieder eine unabhängige Regierung unter Otto Tief. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges setzte wiederum blutiger Terror ein. 1949 wurden 20.000 Menschen nach Sibirien verschleppt, eine Zwangskollektivierung der Landwirtschaft setzte ein. Insgesamt musste ein Drittel der Bevölkerung unter den sowjetischen Repressalien leiden. / Zur Festigung ihrer Herrschaft wurden auch zahlreiche Russen angesiedelt, mit dem Ziel, die Esten im eigenen Land zur Minderheit werden zu lassen.

Der Ruf nach Freiheit: Die baltische Kette im Baltikum am 23. August 1989 reichte von Vilnius in Litauen über Riga in Lettland bis nach Tallinn in Estland. Sie ist die längste bekannte Menschenkette der Geschichte.

ner verzweifelten Situation: „Lieber der Tod hier als in Sibirien“ war das Motto. / Den moralisch schwersten Schlag versetzten die Nachrichten über den Aufstand in Ungarn 1956: Die Widerstandskämpfer sahen, dass Ungarn keinerlei Hilfe aus dem Westen erhielt und daher auch Estland auf keinerlei Hilfe aus dem Westen hoffen konnte. / Nicht alle beendeten den Widerstand: Im Jahr 1978 fiel einer der letzten Waldbrüder nach dreieinhalb Jahrzehnten Kampf.

Wiedererlangung der Freiheit Der Geist der Waldbrüder lebte in der politischen Opposition weiter. 1972 wandten sich mehrere Widerstandsorganisationen an die UNO mit der Forderung, die Unabhängigkeit Estlands wiederherzustellen. 1979 forderten Oppositionelle im sogenannten „Baltischen Apell“ die Annullierung des Molotow-Ribbentrop-Pakts. 1986 gründete sich die Denkmalschutzbewegung mit dem Ziel der Erhaltung der eigenen Identität. Im Jahr 1988 wurde im Rahmen der Denkmalschutzbewegung das Recht auf das Tragen der estnischen blau-schwarz-weißen Flaggen erkämpft. Eine Besonderheit waren die „Sängerfeste“, die zu politischen Kundgebungen für die Unabhängigkeit wurden. Bürgerkomitees registrierten die rechtmäßigen Bürger der Republik Estland, um einen estnischen Kongress einzuberufen. Die „Baltische Kette“, eine lückenlose Menschenkette durch alle drei baltischen Staaten, sollte der Welt die Entschlossenheit zur Wie- ›

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dererlangung der Freiheit zeigen. 1990 erklärten die drei baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit. Im Zuge der Auflösung der Sowjetunion verzichtete sie schließlich auf diese Gebiete. Am 17. September 1991 erfolgte die Aufnahme in die UNO.

Die Estnischen Streitkräfte bestehen aus: • den auf allgemeiner Wehrpflicht beruhenden Estnischen Verteidigungsstreitkräften und • einer Besonderheit, dem Kaitseliit, einer zusätzlichen Freiwilligenstreitkraft, dem „Verteidigungsbund“. / Seit 1994 nimmt Estland an der Partnerschaft für den Frieden teil, 2004 erfolgt der Beitritt zur NATO. / Die Stärke beträgt 6.400 in der aktiven Organisation, zusätzlich 15.800 Re­servisten, insgesamt also 21.500 Soldaten, zusätzlich 9.000 Soldaten des Kaitseliit.

Zu den Estnischen Verteidigungsstreitkräften

Bgdr Dr. Peter Fender, Präsident OG NÖ

wehrrohre. Im Wesentlichen besteht das Heer aus zwei Infanteriebrigaden. / Marine: Die aktive Stärke beträgt etwa 300 Soldaten. Aufgabe ist es vor allem: Seezufahrtswege und Hafen zu verteidigen, mit alliierten Einheiten zu kooperieren sowie die Minenräumung. An Schiffen sind einige Minenjagdboote vorhanden. / Luftwaffe: Die aktive Stärke beträgt etwa 200 Soldaten. Ziel ist vor allem der Aufbau eines Luftraumüberwachungssystems, um die Zusammenarbeit mit dem NATO-Luftverteidigungssystem zu ermöglichen. Als Luftfahrzeuge stehen einige Hubschrauber sowie leichte Transportflugzeuge und Trainingsflugzeuge zur Verfügung. / NATO-Battlegroup Estonia: Zur Abhaltung eines potenziellen Agressors ist ein multinationales Bataillon, bestehend aus rotierenden Kontingenten verschiedener NATO-Mitglieder, stationiert. Hintergrund ist die NATO Enhanced Forward Presence (eFP), die im Juli 2016 am NATO-Gipfel in Warschau beschlossen wurde. Zur Stärkung der Ostflanke und Abschreckung gegenüber Russland rotieren in den drei baltischen Ländern sowie in Polen jeweils Kontingente aus den Mitgliedstaaten. / NATO Air Policing Baltikum: Die Luftraumüberwachung der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen

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Die heutigen Streitkräfte wurden 1991 nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit gegründet, ein Jahr später wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Der Grundwehrdienst dauert acht Monate. / Im Verteidigungsfall ist es neben der Verteidigung des eigenen Staatsgebietes vor allem Aufgabe der Streitkräfte, ankommende Kontingente anderer Bündnispartner aufzunehmen. / Heer: Die aktive Stärke beträgt etwa 3.300 Soldaten, davon 1.500 Wehrpflichtige. Die Ausrüstung umfasst rund 160 Schützenpanzer, 66 Artilleriegeschütze, etwa 300 Granatwerfer, Panzerabwehrlenkwaffen und Panzerab-

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III. Die Estnischen Streitkräfte:

wurde seit dem NATO-Beitritt 2004 von anderen Mitgliedstaaten übernommen. Es sind rotierend etwa zehn Abfangjäger im Baltikum stationiert.

Hinterhalte und Überfälle auf gegnerische Fahrzeuge und Einrichtungen waren die begehrtesten Ziele der Waldbrüder.

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Kaitseliit – der freiwillige Verteidigungsbund Eine solche Verteidigungsorganisation neben den „offiziellen“ Streitkräften existiert auch in anderen skandinavischen Staaten, wie die dänische oder die schwedische Heimwehr. / Der Verteidigungsbund bildet die Basis für die Führung eines Jagdkampfes im Falle der Besetzung des Landes oder von Landesteilen. Die Einheiten und Verbände sind streng regional organisiert, die Bewaffnung ist die übliche Infanteriebewaffnung, für die Panzerabwehr jedoch auch mit Panzerabwehrlenkwaffen ausgestattet. / Mit dieser Organisation wird die Tradition der Waldbrüder fortgesetzt, die jahrelang den Widerstandskampf gegen die sowjetische Besetzung fortführten. Außerdem ist der Verteidigungsbund ein deutliches Signal an jeden potenziellen Aggressor, dass auch bei einem Zurückdrängen der regulären Armee der militärische Widerstand im besetzten Gebiet fortgeführt werden wird. Die Verteidigung wird somit in die Tiefe der Zeit getragen. In Österreich hatten wir eine ähnliche Struktur in Form der Jagdkampfbataillone, die mit dem Ende der Raumverteidigung im Jahr 1992 leider aufgelöst wurden. Die Organisation ist strikt territorial in 15 regionale Einheiten nach der Struktur der Landkreise gegliedert. / Die Stärke des Kaitseliit ist beachtlich: 11.000 Männer und Frauen sowie weitere 9.000 Freiwillige in Nebenorganisationen, wie dem Frauenverband sowie in Jugendverbänden für Mädchen und Jungen. 20.000 Freiwillige neben der regulären Armee in einem Land mit 1,3 Millionen Einwohnern! (Bgdr MinR Dr. Peter Fender) Literatur: Truppendienst-Taschenbuch: Die Nachkriegszeit 1918–1922. Kämpfe, Staaten und Armeen nach dem Ersten Weltkrieg, Verlag Ueberreuther, Wien 1973. Kasekamp, Andres: A History of the Baltic States, Palgrave Macmilan, Houndsmills, Hampshire 2010. Laar, Mart: Bird’s-Eye view of Estonian History, Verlag Grenader, Tallinn 2017. Laar, Mart: Estland im zweiten Weltkrieg, Verlag Grenader, Tallinn 2005. Laar, Mart: Der vergessene Krieg, Die bewaffnete Widerstandsbewegung in Estland 1944–1956, Verlag Grenader, Tallinn 2005. (Anmerkung: Mart Laar ist estnischer Politiker und Historiker. Er war von 1992 bis 1994 sowie von 1999 bis 2002 Ministerpräsident der Republik Estland.) Estnische Verteidigungsstreitkräfte: Wikipedia https://de.wikipedia.org/ wiki/Estnische_Verteidigungsstreitkräfte Estland: Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Estland

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Interview mit Hauptmann Patrick Jaritz

über den Sommerkongress der Interalliierten Reserveoffiziersgesellschaft (CIOR)

© PATRICK JARITZ

Visibility of our Reserves“ ein breites Themenfeld voranzubringen. Mit dem Motto „Stronger together“ verdeutlicht Deutschland, dass alle davon profitieren, gemeinsame Ziele auch gemeinschaftlich zu verfolgen, anstatt sich in nationalen Eigeninteressen zu ergehen. Ich kenne die deutsche Mannschaft und habe großen Respekt vor der breiten militärischen und zivilen Expertise.

Konferenzteilnehmer

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it pandemiebedingter Verspätung fand der traditionelle Sommerkongress der Interalliierten Reserveoffiziersgesellschaft (CIOR) heuer vom 27. September bis 2. Oktober in Tallinn und erstmals auch online statt. In Vertretung von Österreichs CIOR-Vice-President (VP) Brigadier Erich Cibulka war Assistant Secretary General (ASG) Hauptmann Patrick Jaritz vor Ort. „Der Offizier“ hat mit ihm gesprochen. Herr Hauptmann, was ist der Zweck der CIOR? Die CIOR stärkt die Rolle der nationalen Interessenverbände gegenüber der NATO und zugleich auf nationaler Ebene als internationaler Multiplikator für sicherheits- und verteidigungspolitische Interessen.

Welche Aufgaben umfasst Ihre Funktion als ASG? In erster Linie fungiert der ASG als rechte Hand des VP. Ich übernehme koordinative und administrative Aufgaben, behalte die Kommunikation aller Stakeholder im Überblick (etwa Aussendungen des CIOR-Präsidiums oder von Committee Chairs) und lege in Abstimmung mit dem VP Kommuni-

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kationsthemen fest (z. B. eine Zusammenfassung des Einsatzes der Miliz im Rahmen von Corona). Auch Beratung und Informationsgewinnung für den VP ist eine Hauptaufgabe. Es geht z. B. darum zu identifizieren, welche (geo)politischen Themen für welche Mitgliedsländer relevant sind, welche Koalitionen sich zu bestimmten Abstimmungsthemen bilden oder auch, wie andere Staaten aktuelle militärische Entwicklungen einschätzen. Und natürlich vertritt man den VP bei dessen Verhinderung. Wie sehen Sie die britische CIORPräsidentschaft im Rückblick? Was erwarten Sie vom Nachfolger Deutschland? Die Briten waren sehr ambitioniert und haben sich hohe Ziele gesteckt. Ich finde, das Ergebnis verdient hohe Anerkennung. Es wurden einige grundlegende Meilensteine für die Organisation gelegt. Die gestiegene Bedeutung der Reservekräfte für die NATO hat wohl auch zum Erfolg beigetragen. Ein weiteres Kernanliegen waren Konzepte zur Gewinnung und Ausbildung junger Offiziere – mit bemerkenswerten Resultaten. Nicht minder engagiert tritt das deutsche Präsidentschaftsteam an, um unter dem Titel „Resilience and

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„Junge Offiziere“ waren also ein zentrales Thema der letzten Jahre. Covid-19 kam heuer dazu. Wie steht Österreich hier im Vergleich zu anderen Nationen da? Nachwuchsgewinnung betreffend Führungskräfte genießt in vielen Ländern hohe Priorität. Hintergrund ist, dass in einer zunehmend komplexen, unsicheren und konfliktreichen Welt die kommenden Generationen mit wesentlich diffizileren Problemen umgehen können müssen. Meiner Meinung nach ist Österreich hier bereits gut aufgestellt. Junge Offiziere zu internationalen Veranstaltungen zu schicken, ist jedenfalls ein unerlässlicher Bestandteil dafür – das könnte noch weiter ausgebaut werden. Beim Thema Bewältigung der Pandemie steht Österreich internationalen Partnern um nichts nach. In etlichen Nationen war die Aktivierung der Reserven alternativlos und hat sich als effektive Methode zur Krisenbewältigung bewährt. Der Aufbietungsvorgang war bei einigen Nachbarn sicher effizienter und schneller, aber das wird hoffentlich in Österreich unter Lessons learned verbucht. Herr Hauptmann, danke sehr!  Das ungekürzte Interview können Sie unter https://oeog.at/lsc2020 nachlesen.

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60 Jahre Österreichische Offiziersgesellschaft

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m 26. Jänner 1960 wurde in Wien von General der Artillerie i. R. Ing. Dr. Emil Liebitzky die Österreichische Offiziersgesellschaft (ÖOG) gegründet. Der erste Vorstand bestand nach der Wahl aus folgenden Herren: Präsident – General der Artillerie in Ruhe Ing. Dr. Emil Liebitzky, 1. Stellvertreter und Vizepräsident – Generalmajor in Ruhe Paul Wittas, 2. Stellvertreter – Generaltruppeninspektor General Erwin Fussenegger, 3. Stellvertreter – Ministerialrat Dr. Karl Perelli, 4. Stellvertreter – Oberst im Generalstab in Ruhe Friedrich Ossmann. Bei der Gründung der Österreichischen Offiziersgesellschaft wollte man von Beginn an das Offizierskorps (Berufs- und Reserve/Milizoffiziere), wie bis 1918 üblich, geschlossen halten. Die Gründung geschah nach dem Vorbild neutraler Staaten, ähnlich dem der Schweizer Offiziersgesellschaft, nach föderalistischen Grundsätzen: Die Delegierten der bestehenden Landesgesellschaften gründen den Dachverband und wählen erst dann aus ihrer Mitte den Vorstand und Präsidenten der ÖOG. Dieser Grundsatz ist bis heute beibehalten. Die neue Österreichische Offiziersgesellschaft wurde auch vom Ministerrat als Nachfolgegesellschaft des 1939 aufgelösten Österreichischen Offiziersvereines anerkannt. Bereits vor der Gründung der Österreichischen Offiziersgesellschaft bestanden die Landesgesellschaften Salzburg, Niederösterreich, Oberösterreich, Wien, Tirol und Vorarlberg. Nach der Gründung der Österreichischen Offiziersgesellschaft wurden die Landesgesellschaften Burgenland, Kärnten und Steiermark gegründet. Das schriftliche Sprachrohr der ÖOG ist die Quartalszeitschrift „Der Offizier“, welche seit Anfang 1992 regelmäßig erscheint. / Die Österreichische Offiziersgesellschaft (https://oeog.at) ist ein unabhängiger Verein und verfolgt keine parteipolitischen Ziele. Die ÖOG vertritt und koordiniert die Interessen ihrer Mitglieder (Landesoffiziersgesell-

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schaften – LOG) als Dachverband nach innen und außen, ist den Zielen einer umfassenden Sicherheitspolitik und Landesverteidigung verpflichtet und versteht sich als sicherheitspolitisches Gewissen Österreichs in allen sicherheits-, wehr- und verteidigungspolitischen Belangen. Sie ist das Sprachrohr aller Landesoffiziersgesellschaften für Themen, deren grundsätzliche Bedeutung für ganz Österreich außer Streit steht. Der amtierende Präsident ist Brigadier Mag. Erich Cibulka, ihm zur Seite stehen die drei Vizepräsidenten Generalmajor Mag. Rudolf Striedinger, Oberst des Generalstabsdienstes Mag. Stefan Fuchs und Oberstleutnant Elmar Rizzoli. Der Generalsekretär ist Oberstleutnant Dr. Michael Radike. Die ÖOG ist Mitglied in der Plattform für ein Wehrhaftes Österreich (Dachverband der wehrpolitischen Vereine Österreichs; siehe: http://www.wehrhaftes-oesterreich.at), welche mit ihren Mitgliedsvereinen zum Zweck des Erhalts und Ausbaus der Wehrhaftigkeit und Verteidigungsbereitschaft Österreichs gegründet wurde. Die Plattform tritt für die allgemeine Wehrpflicht gem. Art. 9a Abs. 3 B-VG, die umfassende Landesverteidigung gem. Art. 9a Abs. 1 und 2 B-VG und für die militärische Landesverteidigung als solche, insbesondere für das Milizsystem, gem. Art. 79 Abs. 1 B-VG. / Erwähnung finden soll in diesem Jubeljahr auch, dass die ÖOG zwischen 1960 und 1962 eine Zeitschrift mit dem Titel „Landesverteidigung“ mit dem Untertitel „Österreichische Militärische Zeitschrift“ herausgegeben hat. Der Vorsitz der Schriftleitung lag in den Händen des damaligen Präsidenten der Österreichischen Offiziersgesellschaft General i. R. Dr. Emil Liebitzky. Mit dieser Zeitschrift versuchte man bewusst, an die Tradition der ehemaligen „Österreichischen Militärischen Zeitschrift“ anzuknüpfen. In diesem Medium publizierten der damalige Generaltruppeninspektor General Erwin

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Fussenegger und der damalige Kommandant der 9. Panzergrenadierbrigade Oberstleutnant des Generalstabes Emil Spannocchi. Erst als das Bundesministerium für Landesverteidigung den Wert dieser Publikation erkannte, entschloss es sich, die „Österreichische Militärische Zeitschrift“ wieder als Publikation des Ministeriums erscheinen zu lassen. Die Österreichische Offiziersgesellschaft war damit von der Veröffentlichung dieses traditionsreichen Mediums entbunden. / Die ÖOG hat sich in den zurückliegenden 60 Jahren ihres Bestandes als mahnendes Gewissen bei Entwicklungen, die sich nicht mit dem wehr- und sicherheitspolitischen Verständnis der Mitglieder der Offiziersgesellschaft in ihrer besonderen Verbundenheit zur Republik Österreich decken, bewährt, beispielsweise bei der Abhaltung der Volksbefragung über das zukünftige Wehrsystem, bei der im Vorfeld die ÖOG sich klar zur Beibehaltung der Wehrpflicht bekannt hatte und dadurch von der damaligen Ressortleitung nicht gerade geliebt wurde.

Mit geeigneten Publikationen versucht die ÖOG die Anliegen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik auch medial darzustellen.

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Start für neuen Bundesheer-Podcast „SportRapport“

In der ersten Folge des Sport-Podcasts waren das Seglerduo Zajac und Matz, in der zweiten Folge Dadic zu Gast.

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itte November 2020 startet offiziell der neue Pod­ cast „SportRapport“ des Österreichischen Bundesheeres. Andreas Onea, Paralympic-Schwimmer und Heeressportler, führt als Moderator durch die Gespräche mit den Spitzensportlern des Österreichischen Bundesheeres. Mit diesem neuen Talkformat präsentiert das Heeressportzentrum seine Leistungssportlerinnen und Leistungssportler. „SportRapport“ bietet dem österreichischen Heeressport dazu die Plattform. Die neue Podcast-Reihe lässt den Zuhörer und die Zuhörerin tief in die Welt der Sportarten und Sportler eintauchen. Alle 14 Tage wird es neue Folgen geben; „SportRapport“ ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen zu finden. Zum Start des neuen Bundesheerformates besuchte Verteidigungsministerin Klaudia Tanner gemeinsam mit der frischgebackenen „Sportlerin des Jahres 2020“, Korporal Ivona Dadic, das Aufnahmestudio. Dabei konnten sie einen Einblick in die Produktion des Pod­casts „SportRapport“ gewinnen. / Ministerin Tanner zeigt sich erfreut über das neue Projekt: „Mit der Serie ‚SportRapport‘ des Heeressportzentrums geben wir all diesen tollen Menschen und Sportlern eine Plattform und holen sie vor den Vorhang. Unser Podcast bildet die ganze Bandbreite und Leistungsfähigkeit des österreichischen Heeressports ab und ermöglicht den Zuhörern und Zuhörerinnen einen tieferen Einblick in das Leben eines Sportlers.

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Gerade in Zeiten von Corona, während so viele von uns zu Hause sein müssen, kann man das neue Angebot im Sport nutzen. Glauben Sie mir, es wird sehr interessant, manchmal spannend und oft auch humorvoll!“ / Heeressportlerin Ivona Dadic, die am Dienstag zur „Sportlerin des Jahres“ gekürt wurde, war bereits am nächsten Tag für Aufnahmen im Studio. Für die aktuelle Folge von „SportRapport“ stand die Sportlerin dem Moderator Rede und Antwort und gewährte tiefe Einblicke in die Welt der Leichtathletik: „Ich freue mich sehr über die Wahl zur ‚Sportlerin des Jahres‘ angesichts der großen Anzahl und Leistungen der anderen Qualifizierten. Das zeigt auch, wie vielfältig der österreichische Leistungssport ist. Genau deshalb ist auch dieser Podcast so wichtig, weil er diese Vielfalt veranschaulichen kann“, freut sich Dadic. / Zur Erfüllung der dem Österreichischen Bundesheer primär übertragenen Aufgaben der militärischen Landesverteidigung sind nicht nur geistige, sondern auch körperliche Spitzenleistungen von Angehörigen des Bundesheeres ständig erforderlich. Herausragende körperliche Spitzenleistungen entsprechen den Erfordernissen der militärischen Landesverteidigung, stellen im Sinne einer sozialintegrativen Landesverteidigung („Wir Österreicher“) ein bedeutendes Instrument der Öffentlichkeitsarbeit dar und tragen allgemein zum Ansehen der Republik Österreich bei. Ein tieferer Sinn der militärischen Leistungssportförderung ergibt sich auch aus der seit 1958 bestehenden Mitgliedschaft des Bundesheeres beim Internationalen Militärsportverband (CISM – Conseil International du Sport Militaire). Der Verteidigungsminister wurde darüber hinaus in einer parlamentarischen Entschließung im Jahre 1997 ersucht, in seinem Vollziehungsbereich den Leistungssport im Österreichischen Bundesheer intensiv zu fördern und insbesondere Spitzensportler durch die Realisierung von Förderungsprogrammen besonders zu unterstützen. Die Leistungssportför-

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derung erfolgt nach den Vorgaben eines praxisorientierten, wissenschaftlichen Konzeptes, womit dem Verteidigungsministerium die Möglichkeit eröffnet wird, durch Vorbildwirkung den Breitensport zu forcieren und damit einen wesentlichen Beitrag für die Volksgesundheit und ein einsatzbereites Heer zu leisten. Der Leistungssport ist auch richtungweisend für neue Erkenntnisse und Entwicklungen, die ihren Niederschlag in der Aktualisierung der militärischen Körperausbildung finden sollen. Diesem Konzept angepasst, wurde das HeeresSportzentrum als Durchführungsorgan eingerichtet. Das zuständige Fachorgan im Verteidigungsministerium ist das Referat 5 in der Ausbildungsabteilung A in der Gruppe Ausbildungswesen und Leitung. Das Heeressportzentrum fördert mit seinen zehn Heeresleistungssportzentren seit 1962 den österreichischen Leistungssport. Derzeit sind über 450 Personen Teil des Förderprogramms des Heeressports. Traditionell stellt der Heeressport zahlreiche Teilnehmer bei sportlichen Großveranstaltungen, wie den Olympischen Spielen, Europa- und Weltmeisterschaften; diese konnten zahlreiche Erfolge und Medaillen für Österreich erringen. Seit 2016 werden auch Sportler mit besonderen Bedürfnissen gefördert.

Viele Heeresleistungssportler sind bei Olympischen Spielen erfolgreich, beispielsweise 2014 in Sotschi gab es Gold für Zugsführer Dujmovits.

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Die USA, als unangefochtene Nummer eins, produziert alle Waffensysteme, welche heute moderne Streitkräfte benötigen.

Die 100 erfolgreichsten Rüstungsunternehmen weltweit

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USA (Lockheed Martin. Boeing, General Dynamics, Northrop Grumman, Raytheon Company, L3Harris Technologies, United Technologies Corp.), 5 Unternehmen aus der Volksrepublik China, 1 Unternehmen aus dem Vereinigten Königreich (BAE Systems), 1 Unternehmen aus Italien (Leonardo) und Airbus. Betrachtet man die einzelnen exzellenten Unternehmen näher, so sprechen weitere Zahlen für sich selbst, beispielsweise erwirtschaftete Lockheed Martin im Jahre 2019 einen Umsatz aus Rüstungsgeschäften von nahezu 57 Milliarden US-Dollar und

beschäftigt mehr als 100.000 Arbeitnehmer. Selbst die nur an der 33. Stelle befindliche deutsche Unternehmung Rheinmetall AG erwirtschaftete fast 4 Milliarden US-Dollar Umsatz aus Rüstungsgeschäft, dort sind auch die Umsätze enthalten, welche das Werk in Liesing in Wien erzielt. Österreich spielt in dieser Liga schon lange keine Rolle mehr, allerdings gab es Chancen vor Jahrzehnten, als unsere Rüstungsindustrie noch intakt war, sodass wir unser Paradeunternehmen SteyrDaimler-Puch in dieser Liga hätten mitspielen lassen können. (red.ha_poe)

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er von der Fachzeitschrift (www.defensenews.com) veröffentlichte Bericht über die Top-100-Waffenlieferanten 2020 gibt tiefe Einblicke, welche Unternehmen aus welchen Staaten das große Geschäft mit von ihnen produzierten Waffen machen. In der Rangliste finden sich 41 Unternehmen aus den USA, 10 aus dem Vereinigten Königreich, 8 aus China, 7 aus der Türkei, 4 aus Frankreich. Weitere große Staaten mit Rüstungsunternehmen in den Top 100 sind Russland mit 2, Deutschland mit 3 und Italien mit 2, Spanien mit 1, Indien mit 2 sowie Südkorea mit 3 und Brasilien, Australien, Kanada, Japan mit 1 Unternehmen. Bemerkenswert ist auch, dass Staaten, welche in Bezug auf die Wirtschaftskraft mit Österreich vergleichbar sind, ihre Rüstungsunternehmen platzieren konnten, etwa Schweden mit SAAB an 40. Stelle, die Schweiz mit der RUAG an 76. Stelle, Belgien mit John Cockerill Defence an 88. Stelle, Finnland mit Patria an 90. Stelle, Singapur mit ST Engineering an 57. Stelle, Israel sogar mit 3 Unternehmen (Elbit an 31. Stelle, Israel Aerospace Industries an 41. Stelle und Rafael an der 44. Stelle) und Norwegen mit Kongsberg 77. und Nammo an 94. Stelle. Einige Zahlen zeigen die Dominanz der USA-Unternehmen deutlich auf: Unter den 15 umsatzstärksten Unternehmen befinden sich 7 Unternehmen aus den

Europäische Rüstungsunternehmen können nur mehr um Platz drei mitkämpfen, beispielsweise Airbus.

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Neidvoller Blick über die Grenze zu einem guten Nachbarn:

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Obwohl von Freunden umgeben, rüstet Ungarn kräftig auf

Für die ungarische Luftwaffe wurden acht der zwölf Mi-24 modernisiert.

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as EU-Mitgliedsland Ungarn ist flächenmäßig und von der Einwohnerzahl her betrachtet ein wenig größer als Österreich. Ungarn war aber im Jahre 2019 signifikant ärmer als Österreich, wenn man die beiden Bruttoinlandsprodukte pro Einwohner vergleicht; Ungarn hatte gerade mal 33.979 US$, Österreich demgegenüber 59.111 US$. Ungarn ist seit 1999 Mitglied der NATO und hat größere Abschnitte, wo es an die NATO-Mitglieder Slowenien, Kroatien und an Rumänien grenzt. Im Westen grenzt es an Österreich in gut nachbarschaftlicher Beziehung. An der EU-Außengrenze hat Ungarn im Osten etwa 136 Kilometer Grenze zur Ukraine und im Süden 151 Kilometer zu Serbien. Angesichts der Flüchtlingsströme über die Balkanroute sichert Ungarn die EU-Außengrenze zu Serbien vorbildlich mit einem Grenzzaun ab. Zurzeit sieht Ungarn noch keine Notwendigkeit, die Grenze zur Ukraine mit einem Grenzzaun zu sichern, da Flüchtlinge noch nicht über die Route durch die Ukraine in die EU wollen. / Ungarn unterhält seit 2004 eine Berufsarmee von etwa 29.700 Personen. Die Verteidigungsausgaben beliefen sich 2019 auf rund 1,7 Milliarden US$. Dies entsprach 1,28 % des Bruttoinlandsprodukts. Der Trend ist steigend auf bis zu 2,8 Milliarden US$ im Jahr 2024 (= 1,6 % BIP). Ungarn nähert

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Die ungarischen Landstreitkräfte werden 44 neue Leopard 2A7 24 und neue Panzerhaubitzen 2000 (hier im Bild) erhalten.

sich damit langsam der 2-%-Hürde an, welche von der NATO für alle Mitgliedstaaten als Zielwert (verbindlich) festgelegt wurde. / Ungarn will kein Trittbrettfahrer sein und hat den Plan Zrinyi 2026 entwickelt, wie es seine Streitkräfte mit bestmöglichem Gerät aufrüsten will. Bereits seit März 2006 betreibt Ungarn 14 Saab JAS-39 Gripen für seine Luftraumsicherung. 2018 bestellte Ungarn bei Krauss-Maffei Wegmann (KMW) 44 Leopard 2A7 und zwölf gebrauchte Leopard 2A4s für Trainingszwecke. Die ersten dieser generalüberholten Leopard 2A4HU wurden bereits im Juli 2020 geliefert. Die Leopard 2A7 werden 2023 geliefert werden. Zusätzlich zu den Kampffahrzeugen wurden auch Bergepanzer „Büffel“ bestellt und ein Vertrag zu Ausbildung und Training an Simulatoren sowie der Lieferung von Ersatzteilen und Wartung abgeschlossen. Des Weiteren werden von KMW 24 neue Panzerhaubitzen 2000 geliefert. Insgesamt ist dieser Rüstungsauftrag 1,9 Mrd. Euro wert. Das ungarische Verteidigungsministerium hat nunmehr auch 218 Stück Lynx-Schützenpanzer bestellt. Ungarn ist damit der erste Kunde aus dem NATO- und EU-Raum für den neuentwickelten Panzer des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall. / Und auch für die Luftwaffe wurden acht der zwölf Mi-24 bereits 2018 mo-

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dernisiert. Des Weiteren bestellte man 2018 20 H145M und 16 H225M von Airbus Helicopters, welche in Tranchen bis 2021 geliefert werden. Noch keine Entscheidung ist für den Ersatz der alten 32 Mi-8/17 gefallen. Ein Ersatz ist ab 2025 vorgesehen. Ferner wurden je zwei Transportflugzeuge Airbus A319 und Dassault Falcon 7X bestellt, welche bereits geliefert wurden. / Das Aufrüsten Ungarns ist eigentlich umso bemerkenswerter, als auch ungarische Sicherheitspolitiker wehmütig und mit viel Sarkasmus immer wieder sagen, dass Ungarn der sicherste Staat in Europa sei, denn seit dem Friedensvertrag von Trianon nach dem Ersten Weltkrieg ist Ungarn nur von Ungarn umgeben. Anmerkung der Redaktion: Die Siegermächte des Ersten Weltkrieges haben Ungarn ohne Rücksicht auf ethnische Gegebenheiten derart zerstückelt, dass es in den angrenzenden Ländern große ungarische Minderheiten gibt. Oder ist bei dem Aufrüsten mehr dahinter als nur Bündnistreue? Für Österreich kann es nur gut sein, da wieder ein weiterer Nachbarstaat starke Streitkräfte besitzt, welche Österreich im Anlassfall schützen könnten, da sich ein ähnlich milliardenschweres Beschaffungspaket für schwere Waffensysteme für das Österreichische Bundesheer in den nächsten Jahren nicht abzeichnet. (red_ha_poe)

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Das Gebot der Stunde: Planen wir die lückenlose Sicherung der Außengrenze des EWR

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(EFTA) besteht, aber bis auf Großbritannien, die Schweiz und einige Balkanstaaten sind alle demokratischen europäischen Staaten Mittel-, West-, Süd- und Nordeuropas damit umfasst. Der EWR fußt auf den Werten, welche auch für die Mitgliedstaaten der EU gelten, und es sollten daher auch für den EWR bestimmte Politikfelder, welche seit Jahren ein Diskussionsschwerpunkt in der EU sind, gelten. Dies betrifft besonders die Diskussion, wie man mit der Außengrenze dieses Raumes umgehen sollte, damit der EWR auch noch für unsere Enkelkinder ein lebenswerter Wirtschaftsraum mit hohem Wohlstand auf demokratischen und christlichen Werten basierend darstellt. / Viele kluge Köpfe im EWR veröffentlichen periodische Einschätzungen, welche Gefahren in Zukunft den Wohlstand im EWR am ehesten gefährden könnten. Neben der schrankenlosen Globalisierung mit deren negativen mannigfaltigen Auswirkungen ist es die nichtkontrollierte Migration nach Europa, welche die Gesundheitsund Sozialsysteme stark belasten und damit die Chancen für die autochthone

Bevölkerung in Zukunft mindern wird. Gering bis fast nicht wahrscheinlich werden große konventionelle Kriege zwischen Staaten in Europa eingeschätzt und damit auch implizit das Nichtstattfinden einer Panzerschlacht im Marchfeld angesprochen. / Die Migrationskrise von 2015 und die Terroranschläge in mehreren Mitgliedstaaten haben deutlich gemacht, dass die Sicherung der EU-Außengrenzen verstärkt werden muss. Als ein erster Schritt wurde 2016 die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (die immer noch gemeinhin als „Frontex“ bezeichnet wird) ins Leben gerufen. Frontex ist aber durch zu geringe personelle und materielle Mittel überfordert. Die EU beabsichtigt zwar, die Grenz- und Küstenwache bis 2027 auf 10.000 Personen aufzustocken, jedoch ist dies nur der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. / Der EWR hat eine lange Landgrenze zu Russland, Weißrussland, Ukraine und der Türkei, wobei aktuell die Grenzabschnitte zu Russland und den beiden anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion nicht als potenzielle Ein-

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ratuliere unserem Herrn Bundeskanzler, dass er mit seiner Einstellung zur Migration standhaft bleibt und damit ein deutliches Signal gegen unkontrollierte Migration nach Europa und die in einigen europäischen Ländern praktizierte Willkommenskultur setzt. Des Weiteren sollte seine Sichtweise der Sicherung der Außengrenze der EU richtungweisend für vertiefende Planungen auf europäischer Ebene sein. Für die militärischen Planer in Europa müsste eigentlich dieser politische Weitblick jedenfalls zum Anlass genommen werden, ernsthaft darüber nachzudenken, welche militärischen Maßnahmen die EU zu setzen hat, um die Außengrenze in ihrer gesamten Länge genau so dichtzuhalten, wie es auch die nationalstaatlichen Grenzen etwa zum Zeitpunkt des Kalten Krieges mit ihrem technischen Sperrwert und auch mit den starken Grenztruppen gewesen waren. / Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) ist zwar nur eine erweiterte Freihandelszone, welche aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelszone

Das Österreichische Bundesheer hat während der Flüchtlingskrise große Erfahrungen im Umgang mit Flüchtlingsströmen gewonnen.

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Spätestens seit der großen Flüchtlingsbewegung des Jahres 2015 ist die Sicherung der Außengrenze der EU weit vorne auf der Tagesordnung.

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Die Außengrenze der EU wird zunehmend mit Zäunen abgesichert, welche in ihrer Form und Wirkungsweise jenen Zäunen der ehemaligen Ostblockländer während des Kalten Krieges ähneln.

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rung nur im Rahmen eines Bündels von Maßnahmen, welche sich zu ergänzen haben, Aussicht auf Erfolg hat. Ohne in die Zeiten des Kalten Krieges zurückfallen zu wollen, funktioniert eine Grenzsicherung nur im Zusammenwirken von intelligenten technischen Sperren und der Aufbietung patrouillierender und rasch verfügbarer Soldaten. Lange Landgrenzabschnitte bedeuten eine große Anzahl Soldaten, welche ständig eingesetzt werden müssen. Die Überwachung einer langen Grenze am offenen Meer ist nicht gänzlich ausgeschlossen, jedoch sehr kostspielig. / Der Autor maßt sich mit der Veröffentlichung des gegenständlichen Aufsatzes nicht an, dass er für alle Problemfelder durch die Sicherung der Außengrenze des EWR Lösungen parat hat. Er will jedoch eindringlich darauf hinweisen, dass trotz der geringen

Wahrscheinlichkeit von konventionellen größeren Konflikten im EWR Streitkräfte und schwere Waffensysteme nicht obsolet geworden sind, denn er geht davon aus, dass das sogenannte Kern­ europa auf jeden Fall Streitkräfte mit spürbarer Manpower für die lückenlose Überwachung der Außengrenze benötigen wird, weil die Streitkräfte in Europa durch die begrenzten Personalstände der Exekutive und der Frontex die einzige strategische Reserve des EWR darstellen, welche die Lebensgrundlage der autochthonen Bevölkerung in Europa heute und auch für zukünftige Generationen schützen kann. Blickt man auf andere Kontinente, gibt es Staaten, welche bereits mit ihren Maßnahmen der Grenzsicherung Erfolge beim Eindämmen einer extensiven Migration erzielt haben, etwa die USA, Australien und Japan. (red_ha_pö)

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trittspforten in den EWR gelten, der Grenzabschnitt aber zur Türkei sehr wohl eine lückenlose Überwachung und Sicherung notwendig macht. Die wohl bedeutendste Außengrenze liegt im Meeresgebiet zur Türkei und den nordafrikanischen Staaten. / Im Zusammenhang mit der Migration nach Europa muss die Situation in Afrika beurteilt werden. Afrika, ein Kontinent, welcher in Bezug auf die Fläche etwa dreimal so groß wie Europa ist, hat aktuell etwa 1,3 Milliarden Einwohner. Im Jahr 2050, also in nicht einmal 30 Jahren, erwartet die UNO, dass in Afrika rund 2,5 Milliarden Menschen leben werden. Bereits heute ist die Erwartung der Menschen, ein würdevolles Leben führen zu können, nicht gegeben, da es zu wenig Arbeit gibt und die Menschen trotz niedriger Preise nur einen Bruchteil der Jahreseinkommens eines durchschnittlichen europäischen Arbeitnehmers verdienen können. Arbeitnehmer in reicheren Staaten Afrikas ausgenommen, können diese in Afrika nur mit einem Jahreseinkommen von etwa 1.500 US-­ Dollar rechnen. Demgegenüber kann ein Arbeitnehmer in Europa über durchschnittlich rund 40.000 US-Dollar verfügen. Die Folge der wirtschaftlichen Schieflage in Afrika sind viele junge Arbeitslose ohne Perspektive, wie sich ihr Leben weiterentwickeln könnte. Angespornt durch die global erhältlichen Bilder eines prosperierenden Europa und einer Willkommenskultur sehen viele junge Afrikanerinnen und Afrikaner ihr einziges Heil in der gefahrvollen Migration nach Europa. / Spätestens seit dem Assistenzeinsatz an der Ostgrenze von Österreich 1990 wissen wir, dass eine Grenzsiche-

Bei der Grenzsicherung kann es mehrere Eskalationsstufen geben. Auch der Einsatz im Rahmen der Grenzverteidigung sichert eine Grenze.

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100 Jahre Bundesheer der Republik Österreich – eine Nachlese

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er Friedensvertrag von SaintGermain-en-Laye, welcher am 20. Juli 1920 in Kraft trat, sah für Österreich ein Berufsheer in einer Stärke von lediglich 30.000 Mann mit einer genau festgelegten Bewaffnung vor. Verboten waren der Besitz

und die Verwendung von Panzerkampfwagen, Flugzeugen und Artilleriegeschützen über 10,4 Zentimeter. Die Streitkräfte der Republik Österreich waren somit keine Streitkräfte, über deren Zustand das Volk frei bestimmen durfte, sie waren von den Siegermäch-

ten des Ersten Weltkrieges der jungen Republik aufgezwungen worden. 2020 erschienen anlässlich des runden Geburtstages der Streitkräfte der Republik Österreich zwei Publikationen, welche nachstehend kurz vorgestellt werden.

Harald Pöcher und Roland Schaffer Das Österreichische Bundesheer der Ersten Republik zwischen 1920 und 1930 Ein Heer, das keines sein durfte Erschienen ist das Buch im Milizverlag.

Mario Rauchenbichler Die 5. Brigade/Division 1920–1938 Militär in der Steiermark Erschienen ist das Buch als Publikation des BMLV.

Die Republik Österreich durfte gemäß dem Friedensdiktat nur ein 30.000 Mann starkes Berufsheer aufstellen, welchem es nicht erlaubt war über Kampfpanzer und Flugzeuge zu verfügen. Es war daher in seinem Einsatzwert stark eingeschränkt und eine ernstzunehmende Landesverteidigung nicht möglich. Das Buch analysiert im ersten Teil die ersten zehn Jahre des Bestandes des Österreichischen Bundesheeres der Ersten Republik. In der Zeit zwischen 1920 und 1930 litt das Heer an einem permanenten Personal- und auch Geldmangel, sodass das Heer nur über etwas mehr als 22.000 Mann verfügte und das Verteidigungsbudget keine großen Investitionen zuließ. Dennoch leistete das Heer während der Landnahme des Burgenlandes 1921 und bei unzähligen Naturkatstrophen Großartiges. Ein dunkles Kapitel dieses Heeres wird aber für immer sein Einschreiten auf Befehl der damaligen Regierungen während Aufständen im Inneren sein, beispielsweise im Februar 1934. Der zweite Teil dient dem Abdruck einer Publikation über das Österreichische Bundesheer, welche 1929 vom Bundesministerium für Heerwesen veröffentlicht wurde und welche den Gedanken der Wehrhaftigkeit im Volk fördern sollte. Es ist, soweit es die Autoren als Nichtzeitzeugen zu beurteilen vermögen, eine ungeschminkte Darstellung des Bundesheeres der Ersten Republik Österreich.

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Der Milizoffizier Mario Rauchenbichler studierte Geschichte und Anglistik in Graz und ist seither bemüht, alles rund um das Bundesheer der Ersten Republik in der Steiermark zu erforschen. Er gehört seit Jahren zu den fleißigsten Autoren im Panther, der Verbandszeitung des Jägerbataillons 17 in Straß in der Südsteiermark. Mit dem Band „Die 5. Brigade/ Division“ liegt nunmehr eine Darstellung vergangener Zeit vor, welche auch in anderen Bundesländern Nachahmer finden sollte. In neun Kapiteln schildert der Autor die Aufstellung der Verbände, die Garnisonierung, die Ausbildung, Bewaffnung und Uniformierung. Weitere Kapitel dienen der Darstellung der Einsätze, der Traditionspflege und der Überleitung der Verbände in die deutsche Wehrmacht im Jahre 1938. Besondere Beachtung finden auch Soldatenbiografien, durch die man einen Einblick in das Leben von Soldaten verschiedener Dienstgrade des Bundesheeres der Ersten Republik bekommt. Des Weiteren besticht das Buch durch seine reichhaltigen Illustrationen, zumeist altes, noch nie in zeitgenössischen Publikationen veröffentlichtes Bildmaterial, anhand dessen man einen sehr guten Eindruck über das Bundesheer jener Zeitspanne gewinnen kann.

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Getting out Most of the Budget

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Besetzung von Leitungsfunktionen mit „weisen Führungskräften“

Professor Nonaka ist sehr an Militärgeschichte interessiert. Bei seinem kurzen Aufenthalt in Wien besuchte Professor Nonaka (Bildmitte neben dem Chefredakteur des „Offiziers“) auch das Heeresgeschichtliche Museum, von dem er sich sehr beeindruckt zeigte.

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nde August 2012 hielt an der Wirtschaftsuniversität Wien in einem bis zum letzten Platz gefüllten Auditorium Maximum der bekannte japanische Professor Nonaka Ikujiro einen bemerkenswerten Vortrag über „Die weise Führungskraft“. Professor Nonaka gilt in Fachkreisen als einer der großen Vordenker und Managementforscher weltweit. Im Laufe seiner langen akademischen Karriere beeinflusste er durch seine Forschungsergebnisse nicht unbeträchtlich den aktuellen Stand der Forschungen zum Wissensmanagement und zur Führungskräfteschulung. Professor Nonaka hat auch eine starke Verbindung zum Militär; zwischen 1979 und 1982 war er der Vorstand des Departments für Sozialwissenschaften an der Verteidigungsuniversität der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte.

Anleitung aus der Antike für den Fortschritt von morgen Nonaka versteht unter „Weisheit“ nicht eine abstrakte theoretische Einsicht,

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sondern eine praktische Weisheit, die er in Anlehnung an Aristoteles als „Phronesis“ (= Klugheit) bezeichnet. Er meint damit die Fähigkeit, in einer konkreten Situation das moralisch Gute und Angemessene zu erkennen und danach zu handeln. Eine Führungskraft muss sich immer fragen: Was ist das Gut, das wir anbieten, inwiefern verbessert es die Lebensqualität des Kunden und was macht Lebensqualität überhaupt aus? Eines der Erkenntnisse seiner aktuellen Forschungsergebnisse ist, dass er feststellen musste, dass bei den heutigen Führungskräften ein Mangel an Weisheit erkennbar und dieses Defizit gerade in der andauernden Finanz- und Wirtschaftskrise erkennbar geworden ist. Eine weitere Schlussfolgerung, welche er aus seinen Forschungsergebnissen zieht, ist die Feststellung, dass vielen Führungskräften das Verständnis für die eigenen Produkte und auch das richtige Verständnis von Wissen fehlt. Nach seinem Verständnis ist „Wissen“ nicht eine einfache Information, die man erlangen kann; Wissen entsteht vielmehr

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aus einem Bedeutungszusammenhang heraus. Neues Wissen entstehe dort, wo verschiedene Menschen mit individuellen Sichtweisen zusammentreffen und sich austauschen. Seiner Meinung nach ist eine der wichtigsten Aufgaben von Führungskräften, Räume in Unternehmen zu schaffen, welche diesen Austausch gewährleisten können.

Die sechs Fähigkeiten von weisen Führungskräften Weise Führungskräfte müssen über bestimmte Fähigkeiten verfügen, um ihre Rolle im Unternehmen voll ausfüllen zu können. Die Fähigkeit, das Gute zu beurteilen Führungskräfte müssen moralisch und ethisch korrekt handeln. Eine zentrale Rolle muss für sie die Vermittlung von Werten und die Verfolgung von Prinzipien sein. Dieses Rollenverständnis geht daher weit über das Bild eines kapitalistisch denkenden Managers hinaus, da sich für diesen die Frage des gesellschaftlichen Nutzens kaum stellt.

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Die Fähigkeit, das Essenzielle zu erfassen Führungskräfte müssen über hohe Intelligenz verfügen und Situationen rasch und richtig gesamthaft erfassen können. Nur damit kann sichergestellt werden, dass rasch die richtigen Maßnahmen ergriffen werden. Die Fähigkeit, Räume zu gestalten Eine der wichtigsten Aufgaben von Führungskräften ist es, Räume in Unternehmen zu schaffen, welche den Austausch von Wissen gewährleisten können. Phronetische Führungskräfte sind in der Lage, diese Räume (Nonaka nennt diese Räume „ba“, nach dem japanischen Wort für Raum, Platz) bestmöglich auszugestalten. Damit kann im Unternehmen neues Wissen generiert werden. Die Fähigkeit, das Essenzielle zu kommunizieren Führungsmaßnahmen müssen im gesamten Unternehmen auch verständlich kommuniziert werden. Um andere mit Ideen und Visionen anstecken zu können, müssen diese klar und deutlich kommuniziert werden. Der phronetische Führer beherrscht die Kommunikation des Essenziellen. Die Fähigkeit, politischen Einfluss auszuüben Es ist nicht genug, das Essenzielle zu erkennen und zu kommunizieren, sondern die weise Führungskraft muss auch in der Lage sein, Menschen zusammenzubringen und sie zum Handeln anzuspornen, deren Bemühungen und Wissen zur Synthese verschmelzen zu lassen, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Bei dieser Fähigkeit geht es auch darum, andere Menschen von der eigenen Vision zu überzeugen und unterschiedliche Ansichten und Kontexte zu bündeln. Die Fähigkeit, Phronesis bei anderen zu fördern Zu guter Letzt muss die weise Führungskraft ein System schaffen, in dem Phronesis zwischen den Personen weitergegeben wird, um eine dynamische Organisation zu erreichen, die auf verändernde Bedingungen flexibel und kreativ reagieren kann.

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Weise Führungskräfte dürfen keine Buchhalter sein Während seines Vortrages nannte Nonaka einige Beispiele von herausragenden Führungskräften, welche in seinem Verständnis als phronetische Führungskräfte bezeichnet werden können und seiner Meinung nach alle sechs oben genannten Fähigkeiten besaßen. Nonaka nannte den Gründer von Apple, Steve Jobs, und den Gründer des Automobilkonzerns Honda, Soichiro Honda. / Nonaka sprach auch über die größten Hindernisse und Herausforde-

rungen für Führungskräfte. Er meint, dass gerade die erste und die sechste Fähigkeit die größte Herausforderung darstellen, denn gerade große Unternehmen haben oft starre Strukturen, die sich zu sehr auf die Analyse des Bestehenden konzentrieren und dabei in vielen Bereichen gleichermaßen buchhalterisch denken. Weise Unternehmensführung liegt aber nicht im Detail, sondern beim ganzheitlichen Blick. Nonaka vertritt daher auch die Wichtigkeit einer breiten Allgemeinbildung. (Redaktion; ha_pö)

„Sicher im Netz“ (Linde-Verlag: ISBN: 978370930669) von Dipl.-Kfm. Manfred Lappe, OberstdG Mag. Walter J. Unger Kennen Sie WLAN-Schnüffler, WIFI-Ananas, gefährliche Schildkröten oder eine mitlesende Tastatur? Falls nicht, dann sind Sie nicht allein. Auch IT-Experten kennen nicht alle Tricks von Hackern und Betrügern. Der normale Bürger ohne IT-Hintergrund zumeist erst recht nicht. Dies führt zu (gesundem) Misstrauen und auch Unsicherheit im Umgang mit PC, Tablet und auch Handy. / Wer im Internet surft, macht auch mit den Schattenseiten dieser schönen neuen Welt Bekanntschaft. Nicht nur Behörden, große Firmen und Prominente, sondern auch private User sind längst ins Visier von Hackern und Betrügern geraten. Ob Schadsoftware, Identitätsdiebstahl oder Erpressung – dieses Buch hilft dabei, Risiken und Bedrohungen zu erkennen und sich, aber auch seine Kinder davor zu schützen. / Das Buch „Sicher im Netz“ wendet sich in einfachen Worten und ohne unverständliche Fachbegriffe speziell an den Normalbürger. Mit leicht verständlichen Beispielen aus dem Leben wird zuerst in eine Falle von Hacker und Betrügern eingeführt, dann erläutert, wie der Betrüger vorgegangen ist, danach werden einfache Abwehrstrategien genannt. Durch die bildhafte Darstellung mittels Geschichten vermitteln die Autoren an sich komplexe Sachverhalte verständlich und nachvollziehbar. / Für die Leser, die weniger an den Geschichten und fallbezogenen Abwehrmaßnahmen interessiert sind, werden in einem weiteren Kapitel wirksame Abwehrstrategien für wenig Geld verständlich vorgestellt. Der Aufbau von sicheren Passwörtern wird hier ebenso behandelt wie das Löschen von Daten auf Festplatte und Handy, die Nutzung von Virenschutz und Firewall. So kann mit wenig Aufwand die Sicherheit des eigenen PCs oder auch Handys wesentlich verbessert werden. Nicht nur in Zeiten von Homeoffice und Homelearning ein Muss für jedermann/-frau. Für Eltern geht das Buch speziell auf die Gefahren für die Heranwachsenden ein. Cybermobbing wird hier ebenso angesprochen wie Hassreden im Netz, Essstörungen, Internetsucht und der Unterschied zwischen sexy Aufnahmen und Kinderpornografie. / Abgeleitet von den Fallbeispielen zeigt das Buch, welche Schutzmaßnahmen man immer treffen muss und wie das geht. Wer trotz aller Vorsicht mit einem Hacker unliebsame Bekanntschaft gemacht hat, findet Anleitungen und Tipps, wie er ihn wieder loswird. Links zu vertrauenswürdigen Seiten, auf denen man sich weiterführende Informationen oder Hilfe holen kann, bieten konkrete Unterstützung.

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UNSER EINSATZ

FÜR ÖSTERREICH.

Wir sind dort im Einsatz wo Österreich uns braucht. An den Grenzen zur Abwehr von illegaler Migration. Zur Hilfe bei Unwettern und Katastrophen. Und im Kampf gegen Corona. Wir unterstützen beim Contact Tracing und den Covid19-Testungen.

WIR SCHÜTZEN ÖSTERREICH. bundesheer.at


Das sicherheitspolitische Gewissen der Republik Ă–sterreich

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Der Offizier (Dezember 2020)  

Magazin der österreichischen Offiziersgesellschaft

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