Page 1

Ausgabe 10/Special-Edition 2, 01/14, AT: 12,90 €

Ausgabe 10/Special-Edition 2, 01/14, AT: 12,90 €

Das österreichische Kunst-, Kultur- und Kreativmagazin

#10

10

ISSN 2224-4999

Das österreichische Kunst-, Kultur- und Kreativmagazin

#10

10

ISSN 2224-4999


Anzeige

Ihr habt den wir haben d

ConradCard

hr Service.

hr Vorteile. Me

Mehr Ideen. Me

Conrad ist Megastores & Homeshopping

ews! Mehr rNVorteile! Meh

nn Max Musterma 789 mmer 123456 Kundennu


n Spaß, die Technik.

Österreichs größtes Megastore Graz

Center West, Weblinger Gürtel 25, 8054 Graz

400.000 Artikel online auf www.conrad.at/graz

Technikparadies

Persönlich für Sie da

Tel. 050 - 20 40 73 00

Ihre Ware kommt an

Lieferung nach Hause | oder in den Megastore


Anzeige


Editorial IMPRESSUM/INFO X-Rockz-Magazin web: www.x-rockz-magazin.com e-mail: redaktion@x-rockz-magazin.com fax: +43(0)316 8363 12 mobil: +43(0)650 215 0975 Herausgeber/Initiator: Günther Golob

Chefredaktion: Günther Golob Redaktion & Koordination: Günther Golob, Cornelia Schwingenschlögl, Ursula Raberger Layout/Gestaltung, Covergestaltung: Petra Höfler Cornelia Schwingenschlögl Cover-Illustration: Carola Deutsch, Decasa Fotografen: alpenpost.at, Decasa, Anna M. Fiala, Christopher Mavric, James Vaughan/flickr, David Ruehm/Thimfilm, Filmstills-Domenigg/Epofilm, FunnyBiz/flickr, Matthias Klang/flickr, Fritz Fitzke, Olivia Fürnschuß, Günther Golob, aepg/flickr, Nick Harris, Irita Kirsbluma/Flickr, Christian Neuwirt, Rene Oblak, Sean Russell/flickr.com, MCG/Wiesner, MCG/Illemann, MCG/Krug, HM&ES, Steinegger Film, Anne Geier, Erwin Schuh, Peter Purgar, Anita Raid, Theresa Hager, MCG/Illemann, Bruce Irving/flickr, Viktoria Kager, Anna Grivas, Jacqueline Korber, Lea Leitner, MCG/Krug, Hannes Loske, HM&ES, MTG312, Henrik C. Niemann, Daniel Rizik-Baer, Open Acting Academy Wien, Barbara Palffy, Christian Plach, Sascha Pseiner, Sean Russell/flickr.com, Cornelia Schwingenschlögl, Eva Vujic, Emil Srkalovic, sxc.hu, MCG/Wiesner, Perry Zmugg, Vjeran Lisjak, www.rjdj.me, Vinzenz Brinkmann, OchoReSotto, Helmuth Lunghammer, Martin G. Wanko Autoren: Miriam Frühstück, Birgit Kniebeiß, Lea Leitner, Martina Kettner, Christoph Schattleitner, Lisz Hirn, Mag. Irmgard Neumann, Christian Neuwirth, Rene Oblak, Sascha Pseiner, Johann Holzleitner, Jenny Jameson, Ursula Raberger, Anita Raidl, Stefan Rothbart, Cornelia Schwingenschlögl, Tali Tormoche, MMag. Chia Tyan Yang, Doppelpunkt.at, Martin G. Wanko Lektorat: Mag. Silvia Münzer Verlag: Günther Golob – Buch-, Kunst- & Musikalienverlag Moserhofgasse 54 Top 53, 8010 Graz/Styria/Austria/Europe Country of Distribution: Austria (AUT) – ISSN: 2224-4999 Vertrieb: Valora Service Austria GmbH St. Leonharder Straße 10 5081 Anif/Salzburg

Liebe Freunde, geschätzte Kollegen, werte Leser, 2013 liegt hinter uns und wir können auf ein produktives, kunstvolles und aufregendes Jahr zurückblicken. Wir haben Euch wieder die besten Storys, Interviews, Portraits und Wissensartikel als Gesamtpaket in unserer Best Of 2013, die Ihr gerade in Händen haltet bzw. auf Euren iPad oder iPhone lest, zusammengefasst. Da sind wir auch schon beim Thema App: 2014 wird digital! Holt Euch die kostenlose X-Rockz-App im App-Store und ebenfalls gratis dazu die Best of 2012! Ihr unterstützt automatisch mit jedem Download der App österreichische Künstler. Weitersagen strengstens erlaubt! Erfreut Euch an der neuen Technologie mit fantastischen interaktiven Inhalten und schont dabei nicht nur das Geldbörserl, sondern auch die Umwelt! Den direkten Link in den App-Store findet Ihr auf unserer Webseite www.x-rockz-magazin.com, auf unserer Facebook-Seite oder mittels QR-Code am Ende der Seite. Es ist uns wieder gelungen, ein einzigartiges und spartenreiches Art-Magazin zu kreieren, das inspiriert, informiert und Synergien schafft, und dies ohne jegliche Wirtschafts-, Kulturförderung oder Bankfinanzierung. An dieser Stelle möchte ich mich sehr herzlich bei unseren Investoren, Werbepartnern, Lesern, wie auch bei meinen begeisterten – großteils ehrenamtlich arbeitenden – Mitarbeitern, bedanken, ohne die das nicht möglich gewesen wäre. Nun wünsche ich Euch viel Spaß mit der neuen Best of 2013 des X-Rockz-Magazins. Wir haben uns wieder mächtig ins Zeug gelegt, um Euch zu informieren, zu unterhalten und zu inspirieren. Ich wünsche Euch allen einen erfolgreiches, spannendes und kreatives Jahr 2014. Das Leben ist ein Theater und die Welt ist ein Zirkus!

Anzeigenleitung: Günther Golob Mobil: +43 650 215 0975 E-Mail: sales@x-rockz-magazin.com X-Rockz-Magazin – verantwortlich für Bild und Text: Günther Golob Diversity-Magazin „ZEITUNG“ (Beilage Seite 59-78) – verantwortlich für Bild und Text: Tatjana Petrovic Mobil: +43 660 1656212 www.cuntra.at, www.kunsthure.at

X-Rockz-Magazin behält sich sämtliche Rechte, Satz- und Druckfehler vor. Aus Gründen der Satzschönheit und Lesbarkeit verzichten wir auf explizites Gendern. Alle unsere Artikel sind an offene, interessierte Menschen gerichtet, und zwar unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe oder ihrer Lieblingsspeise.

Günther Golob P. S. Besucht das X-Rockz auch auf

Foto: Anna M. Fiala

Sitz/Abonnenten-Verwaltung: Moserhofgasse 54 Top 53, 8010 Graz/Styria/Austria/Europe


Inhal

59-78 „Zeitung“ – das Magazin im Magazin 58

Unser aktuelles Titel-Sujet von Decasa

05

Editorial & Impressum

Juristisch, Wissen & Wissen-Shorts

18-22 Mag. Irmgard Neumann

Juristische Themen speziell zur Künstlerbranche

23 08

Was ist Sounddesign Music X-days Konzerte Drehbuchakademie München-Steiermark Kino und Realismus Warum uns die Deutschen beneiden Die Kunst der Werbung Wie finanziert sich Hollywood? Krimi – ein todsicheres Genre Was ist das Bokeh? Einführung SLR Kommunikation in 160 Zeichen Der historische Roman Digital versus analog 1963: Hard Rain, Twist & Shout

09

10

11

12 13

14

Anzeige

| STATIK & KONSTRUKTION | ÖBA - BAU- & PROJEKTMANAGEMENT |

Körösistr. 21, 8010 Graz, Austria | Tel. +43 0316 | 681 621- 0 o f f i c e @ z t e i s n e r. a t | w w w. z t e i s n e r. a t

| S T R A S S E & I N F R A S T R U K T U R | WA S S E R & U M W E L T |


15

17 88

Musik aus der Cloud On the Road Voice-Academy Blue Jeans – ein Klassiker Die Hollywood-Blase Fotografie

Zuerst das Negativ, dann die Schuhe

90

Fotografie

16

Das „Nasse Kollodiumverfahren“

92

Fotografie

Gut für die Kasse, Produktion für die Masse

95

Augmented Reality

Ich habe eine App dafür

96

Der Körper des Menschen

Teil 1: Von den ersten Auseinandersetzungen

98

Der Körper des Menschen

40

Scarecrow N. W. A.

Kraftvoller Death- umarmt Melodic- und Black-Metal

42

Kunst Ein Pionier der Malerei

oder: Die Kunst, sich neu zu definieren

52

Hartwig Walcher

Aus dem Leben gegriffen

44

Design (CIS) Saint-Etienne

Industriestadt im Designer-Glanz

46

(CIS) Künstlerportrait - OchoReSotto

Projektkünstler und Filmemacher

47

(CIS) Künstlerportrait - Raimund Gamerith

Licht und Holz

48

Cacau Cassel Florale Motive und verspielte Designs

50

Mi casa es su casa

Teil 2: Menschenbild in der Kunst der Antike und im Mittelalter

100 102

Die Geburtsstunde der Kreativität Die Entstehung der Schrift

Designstudio Decasa in Graz

Teil 1: Am Anfang war das Bild

104

Die Entstehung der Schrift

54

Fotografie Peter Purgar

Aus dem Bauch heraus

56

Sascha Pseiner

Das Licht und die Dunkelheit

80

Bühne & Film Stefan Rothbart

Geht nicht gibt‘s nicht

82

Markus Sulzbacher

Ich spreche also bin ich

84

Joe Tödtling

Teil 2: Die Magie der lateinischen und arabischen Schrift

Szene 24 Business meets Passion

Christof Strimitzer

29

Musik Sprudeln is a guats Wort

Ein Festival rund um Kunst, Kultur, Natur und Mensch in Gössl am Grundlsee.

32

Fritz Stingl

Austro-Alpenreggae vom Feinsten

34

Birgit Denk

Eine Situationsanalyse der österreichischen Musikszene

36

Stefan Weber – „Drahdiwaberl“

Literatur 86 Alfred Kolleritsch

Nicht umsonst gelebt

Stunt up your live

Immer auf Spurensuche


WissenShorts

Music X-days Konzerte Shortfact von Stefan Rothbart

Wer würde schon auf den Gedanken kommen, dass sich ausgerechnet im steirischen Kapfenberg eine Hochburg der österreichischen Musikszene befindet? Doch die Stadt hat nicht nur die größte Musikschule der Steiermark, sondern exportiert schon seit Jahren hochkarätige Musiker quasi in alle Welt. Mit den Music X-days soll ein Teil dieses kreativen Potenzials wieder zurückfließen, so zumindest der Gedanke hinter der neunteiligen Konzertreihe, die von den Organisatoren Thomas und Werner Radzik heuer das erste Mal durchgeführt wurde. Die Palette reicht von Jazz und Pop bis Salsa und Klassik und bietet den ausgezeichneten Musikern der Region eine Plattform. Gute Konzerte gibt’s also nicht nur in Wien und Graz, sondern auch die Provinz hat einiges zu bieten!

Drehbuchakademie München-Steiermark Shortfact von Stefan Rothbart, Foto von Christopher Mavric

Was haben Graz und München gemeinsam? Richtig, eine gemeinsame Drehbuchwerkstatt. Nachdem die Murmetropole jahrelang ihre cineastischen Kreativ­ köpfe exportiert hat, versucht nun der Regisseur und Drehbuch­ autor Markus Mörth, der in München Film studiert hat, das Potenzial für die Steiermark zu halten. In Zusammenarbeit mit der Drehbuchwerkstatt München und gefördert von der Cine Art des Landes Steiermark, werden heuer erstmals drei Kandidaten ausgewählt und zusammen mit Produzenten und Autoren Geschichten für die Steiermark bis zur Kurbelreife entwickelt. Erste Ansätze einer steirischen Filmausbildung. Wir sagen: gut so, weiter so!

www.musicxdays.at

Kino und Realismus

Ist das noch realistisch? Das denkt man sich bei einem Kinobesuch in letzter Zeit wohl öfter.

Betrachtung von Stefan Rothbart, Fotos von James Vaughan/flickr und sneakertalk.yuku.com Tatsächlich erleben wir derzeit einen Trend hin zu einer immer unrealistischeren Filmsprache, eine deutliche Abkehr von der ursprünglichen Prämisse des Kinofilms. Seit der Erfindung der bewegten Bilder waren Generationen von Filmemachern bestrebt, ihre Streifen möglichst realistisch aussehen zu lassen. Anfangs musste das neue Medium noch stark mit dem Theater konkurrieren und eine Möglichkeit, sich davon zu unterscheiden, war der Realis­mus. Auf der Bühne konnte man die echte Welt nicht darstellen, aber im Film schon. Seither hat sich die Technik dahin ent­wickelt, die Dinge möglichst noch realistischer zeigen zu können. Zuerst waren es nur die Farben. Man wollte die Welt so bunt zeigen können, wie sie wirklich ist. Es folgten immer echter aussehende Filmsets, realis­ tische Action und sogar realistisches Blut. Alles sollte möglichst

8

echt wirken. Über schlechte 3-D-Animationen hat man sich in den 90ern noch amüsiert, doch inzwi­schen hat die moderne digitale Filmtechnik die Realität eingeholt. Heute ist es den Filmemachern möglich, alles zu realisieren und jegliche Fantasiewelt entstehen zu lassen. Spätestens seit James Camerons Avatar gibt es keine Grenzen mehr. Die Realität ist für das Kino uninteressant geworden. Die neue Herausforderung für die Filmemacher besteht darin, das Unwirkliche zu zeigen. Dahin­gehend verändert sich momentan die komplette Machart der Filme. Rasend schneller Schnitt, völlig übertriebene Stunts und Actionsequenzen, verwinkelte Kameraeinstellungen, Lense-Flairs und oftmals nicht mal mehr echte Schauspieler. Längst überlegt Hollywood, selbst alte Filmlegenden wie John Wayne mittels 3-D-Technik wieder lebendig zu machen. Alles ist möglich in der cineastischen Welt von Heute.


Warum uns die Deutschen beneiden? Artikel von Stefan Rothbart, Fotos von David Ruehm/Thimfilm und Filmstills-Domenigg/Epofilm

Es kommt wohl nicht oft vor, dass unsere nördlichen Nachbarn mit einem gewissen Neid auf uns blicken. Zumindest in Sachen Film ist dies momentan so. Obwohl die deutsche Filmwirtschaft jährlich ein Vielfaches an Umsatz einspielt und die staatliche Filmförderung jährlich fast 50 Millionen Euro beträgt – hinzu kommen noch mal ca. 150 Millionen Euro von regionalen Förderstellen – steckt der deutsche Film seit einigen Jahren in einer echten Krise. Nicht finanziell, aber kreativ. In Österreich hingegen kann man von solchen Summen im wahrsten Sinne des Wortes nur träumen. Dennoch war der heimi­ sche Film in den letzten Jahren eine fixe Größe der internationalen Filmszene und praktisch immer bei jedem bedeutenden Filmfestival vertreten. Zwar handelt es sich hierbei immer um die üblichen Verdächtigen, sprich Haneke und Co, während der Großteil der heimischen Filmemacher eher ein beschauliches Dasein fristet. In Deutschland gibt es aber nicht einmal einen nennenswerten Regisseur, der in

letzter Zeit von sich Reden gemacht hätte. In letzter Zeit hat sich daher bei den nördlichen Kollegen die Ansicht durchgesetzt, dass es den Filmemachern in Österreich anscheinend besser geht, wie selbst das Branchenportal crew-united.de neulich berichtete. Doch beneidenswert ist die Filmszene in Österreich bei weitem nicht, wie ein nüchterner Blick in die Förderzahlen verrät. Hierzulande wurden vom Staat im Durchschnitt seit 1981 jährlich ca. 7,5 Millionen für Filmförderung bereitgestellt, was durch die regionalen Förderstellen mit 16 Millionen ergänzt wird. Ein eher bescheidener Anteil. Selbst wesentlich kleinere Länder wie Luxem­ burg oder die Niederlande geben wesentlich mehr für den Film aus. Unter den westlichen Euroländern ist Österreich in Punkto Filmförderung sogar Schlusslicht. Eine Tatsache, um die man uns wirklich nicht beneiden muss.

Die Kunst der Werbung Werbebotschaft von Stefan Rothbart, Fotos von FunnyBiz/Flickr und Matthias Klang/Flickr

Wer kennt das nicht: Das Fußballspiel geht in die Pause, der Werbeblock setzt ein und wir stehen erstmal gemütlich auf um uns ein Bier zu holen. So sieht heutzutage die Realität aus. Werbung wird ignoriert. Der Werbeblock vor den abendlichen Hauptnachrichten gehört zu den teuersten Sendezeiten überhaupt, doch erst wenn die Sendung beginnt, ist auch der Zuseher aufmerksam dabei, die Werbung davor überspringen die meisten. Früher war das anders. In den 60er und 70er Jahren war Fernseh­ werbung etwas Neues. Gebannt blieb man vor der Flimmerkiste sitzen, wenn die neuesten Autofabrikate oder die Wunder der Waschmittelindustrie vorgeführt wurden. Werbung war einmal auf­regend, heute ist sie eher lästig und wird möglichst ausgeblendet. Im Fernsehen wird in der Werbepause umgeschaltet und in der Zeitung die Inserate überblättert. Die Werbeindustrie hat es immer schwerer, ihre Zielgruppen zu erreichen. Eine Tatsache, die nun auch immer mehr Firmen bewusst wird. Um die Aufmerksamkeit der Kunden wieder zurückzugewinnen, setzen daher viele Agenturen auf neue künstlerische Konzepte.

Es geht nicht mehr darum, die Vorzüge eines Produktes zu preisen, sondern über die Werbung eine Geschichte zu erzählen und den Zuseher oder Betrachter emotional zu berühren. Daher setzt die Branche verstärkt auf den Einsatz von Künstlern aus allen Sparten. Während die einen noch berühmte Schauspieler verpflichten, um für Kaffee zu werben, inszenieren die anderen schon einen Fallschirmsprung aus der Stratosphäre. In letzterem Fall wird Werbung zu einem Event, dem man sich als Zuseher gar nicht mehr entziehen kann bzw. will. Im Gegenteil: Diese Werbung muss man gesehen haben. Glaubt man den Werbestrategen, so sieht so die Zukunft des Marketings aus. Es geht nicht mehr um das Produkt, es geht um das Erschaffen eines emotionalen Erlebnisses in Verbindung mit dem Produkt.

9


WissenShorts

Wie finanziert sich

Hollywood? Artikel von Stefan Rothbart, Foto von aepg/Flickr

Berichte von den gigantischen Geldsummen, die inzwischen in so manchen Hollywood-Streifen fließen, lösen unter Europas Filmemachern nur mehr Neid und oft auch Unverständnis aus. Spätestens seit Avatar von James Cameron, der offiziell fast eine Milliarde Dollar gekostet haben soll, fragt man sich, woher die Studios eigentlich so viel Geld haben? Dieser Frage ist der bekannte Aufdeckungsjournalist Edward Jay Epstein in seinem neuen Buch The Hollywood Economist nachgegangen. Darin deckt er nicht nur auf, wofür in Hollywood Geld ausgegeben wird, sondern auch, woher dieses stammt. Über­ raschenderweise führt die Spur dabei nach Europa. Um ihre Blockbuster finanziert zu bekommen, greifen die großen Film­studios immer öfters auf zahlreiche Finanztricks zurück, z.B. Filmförderung aus Deutschland. Um diese zu bekommen, verkauft ein Studio die Rechte an einem Filmstoff an eine deutsche Filmproduk-

tion und least diese anschließend zurück. Zusätzlich wird jedoch über die deutsche Co-Produktion Filmförderung kassiert. Ähnliches wird mit der „Film-Tax“ in England angestellt. Dort wird die Steuer abgeschrieben und das Studio kauft die Filmrechte zum Netto-Kaufpreis wieder zurück. Prompt hat man ein paar Millionen eingespart. Epstein deckt in seinem Buch ein gigantisches Netzwerk aus Finanzkonstrukten auf, nach welchem Hollywood heutzutage arbei­ tet. Zusätzlich kommen noch Einnahmen aus Produkt-Placement und Sponsoring, sodass ein Film, der offiziell ein Budget von 100 Millionen Euro hat, dem Studio in Wirklichkeit nur 20 Millionen gekostet hat. Der Rest wurde finanztechnisch erwirtschaftet, wie man in der Branche zu sagen pflegt.

Krimi –

ein todsicheres Genre Artikel von Stefan Rothbart, Foto von James Vaughan/Flickr

„Egal worüber Sie schreiben, aber schreiben Sie einen Krimi!” Diesen Satz hat sich wohl schon jeder Schriftsteller und Drehbuchautor im deutschsprachigen Raum anhören müssen. Das Krimi-Genre gilt hierzulande als das beliebteste Publikums­ genre, ob im Fernsehen oder in der Literatur. Jeder Fernsehsender hat zumindest ein eigenes Krimiformat und ohne Ausnahme jeder Buchverlag seinen Kriminalroman im Programm. Der Krimi ist das wirtschaftliche Zugpferd im deutsprachigen Raum. Fragt man seinen Buchhändler, was er am meisten verkauft, wird er antworten: „Krimis“. Und ein kurzer Blick in das Fernsehprogramm genügt, um zu wissen, dass auch dort ein Genre ganz klar dominiert. Tatsächlich ist es für junge Drehbuchautoren oder Schriftsteller ratsam, den Einstieg mit einem Krimi zu versuchen. Die Wahrscheinlichkeit, seine Geschichte zu verkaufen, ist um ein Vielfaches höher als bei jedem anderen Stoffgebiet.

10


Was ist das Bokeh? Shortfact von Martina Kettner, Foto von Nick Harris

„Ein Objektiv mit ausgezeichnetem Bokeh“, ist von Fotografen oft zu hören oder in der Beschreibung eines Objektivs zu lesen. Der geheimnisvolle Ausdruck stellt Anfänger meist vor ein Rätsel und wird von Fotografen oft heiß diskutiert. Abgeleitet wurde der Begriff vom japanischen „boke“, was so viel wie „zerstreut/verwirrt“ bedeutet. Das Bokeh bezeichnet ästhetische Unschärfebereiche innerhalb einer fotografischen Aufnahme. Als Gestaltungselement kann das Bokeh dazu verwendet werden, den Blick auf die wesentlichen Aspekte eines Motivs zu lenken und Unwesentliches in Unschärfe verschwinden zu lassen. Die Schärfedifferenz verhilft der Aufnahme außerdem zu räumlicher Tiefe. Alle Punkte, die im Motiv außerhalb der Schärfeebene liegen, werden im Bild nicht als Punkte, sondern als kleine Scheiben, sogenannte Zerstreuungskreise, abgebildet. Für das Bokeh sind die Blendenform und die optische Korrektur eines Objektivs verantwortlich. Kreisrunde Blendenöffnungen zaubern runde Zerstreuungskreise, formen die Blendenlamellen eine eckige Öffnung, werden auch die Zerstreuungskreise eckig.

Einführung SLR Info und Fotos von Sascha Pseiner

Schnauze voll von der Programmautomatik deiner Kamera? Dann trau dich mal, manuell zu fotografieren! Mit der Blende (mechanische Einrichtung im Objektiv) steuerst du einfach gesagt die Menge an Licht, die auf deinen Sensor/Film kommt. Das heißt, je kleiner die Blendenzahl, desto mehr Licht fällt auf den Sensor/Film und desto geringer ist die Schärfentiefe, also der Bereich, wo das Bild scharf ist. Dadurch lässt sich auch die Belichtungszeit verkürzen. Mit einer großen Blendenzahl fällt nur noch wenig Licht auf den Sensor/Film, was auch bedeutet, dass sich die Belichtungszeit verlängert. Aber dadurch ist die Schärfentiefe größer. Achtung! Eine zu kleine Blende erzeugt auch wieder eine Unschärfe (Beugungsunschärfe), da das Licht es einfach nicht mehr schafft, gebündelt auf der Sensor-/Film-Ebene anzukommen. Mit der Belichtungszeit regelst du die Dauer an Licht, welches auf den Sensor/Film fällt. Das heißt auch, du kannst damit steuern, ob eine Bewegung eingefroren ist oder ob sie unscharf ist (Bewegungs­ unschärfe). Eine Faustregel ohne Bildstabilisator ist die längste Belichtungszeit „Freihand“ 1/60s (bei 50mm), es besteht die Gefahr der Verwacklung, ab diesem Zeitpunkt ist ein Stativ eine große Hilfe. Je länger die Brennweite, desto kürzer wird die „Freihandgrenze“. Mit einem Bildstabilisator lässt sich, je nach Qualität des Objektivs, die Belichtungszeit ca. um ein Vierfaches verlängern. Diese Verlängerung wird vor allem in der Low Light Photography sehr interessant, wenn es gewünscht ist, ohne Blitz bzw. Stativ zu arbeiten. Eine größere Blende ist hier auch von Vorteil, da dadurch auch die Belichtungszeit verkürzt wird. Also man sieht schon,

Welche Form die Blende bewirkt, lässt sich gut testen, indem man Lichter fotografiert. Rundes Bokeh wird von vielen Fotografen gegen­über den manchmal unruhig wirkenden eckigen Kreisen bevorzugt. Ein schönes Bokeh zeichnet sich durch weiche, fließende Übergänge der Unschärfe aus, Linien erscheinen nicht doppelt. Objektive mit großer Anfangslichtstärke (1.4f oder 1.8f) eignen sich sehr gut für Aufnahmen mit selektiver Schärfe. Je offener die Blende (niedrige Blendenzahl), desto kleiner wird der Schärfebereich. Im Gegensatz zu Parametern, die für Blende oder Brennweite verwendet werden, lässt sich das Bokeh nicht so einfach in Zahlen fassen und ist eine sehr subjektive Angelegenheit. Nicht zuletzt scheiden sich deshalb oft die Geister, wenn es um das Bokeh eines Objektivs geht. In japanischen Tests wird dem Bokeh eines Objektivs allerdings genauso viel Bedeutung wie beispielsweise der Schärfe beigemessen.

Eigentlich ist es einfach, wenn ein paar Basics geklärt sind. • Blende (f) • Belichtungszeit (t) • ISO (Lichtempfindlichkeit Sensor/Film)

f2,8

inwiefern die Blende die Belichtungs­ zeit beeinflusst. Man kann natürlich die Be­ lichtungszeit mit einem höheren ISO-Wert verkürzen, was aber auch zu einem, oft als störend empfundenen, Bild­ rauschen führen kann. Nun sind wir auch schon beim ISO-Wert angekommen. Damit erhöht bzw. mindert man die Lichtempfindlichkeit des Sensors/Films. Nebenbei kann man mit dem ISO-Wert auch noch den Kontrast beeinflussen. Je niedriger der ISO-Wert, desto höher der Kontrast. Welche Nachteile gibt es bei hoher ISO, also ab 1600+? Ein ziemlich derbes Rauschen ist garantiert, welches nur in genauer Nachbearbeitung effektiv entfernt wird. Ich persönlich finde, dass gerade ein Rauschen in der Portrait­fotografie sehr schön wirken kann, aber das ist Geschmacksache. In der analogen Fotografie gibt es das Korn, welches bei niedriger ISO sehr fein und bei hoher ISO sehr grob ist. Das variierte je nach Hersteller und Entwicklungsmethode, doch dafür reicht hier der Platz nicht – mehr dazu im analogen Teil der Technik der Fotografie.

11


WissenShorts

Kommunikation in 160 Zeichen Artikel von Christoph Schattleitner/FH Joanneum, Foto von Irita Kirsbluma/Flickr

Die SMS ist – abgesehen vom Telefonieren – die beliebteste Funktion am Handy. Vor Kurzem feierte das Short Message Service seinen 20. Geburtstag. Zeit für einen wissenswerten Rück- und Ausblick eines Dienstes, der unser Kommunikationsverhalten beeinflusst hat. Chronik Am 3. Dezember 1992 schickte Ingenieur Neil Papworth die erste SMS von einem PC an ein Mobiltelefon. Inhalt der Nachricht? – “Merry Christmas“. Ab 1994 war es möglich, SMS zwischen zwei Mobiltelefonen zu versenden. Mit dem Siegeszug der Handys Ende der 90er stieg auch die Anzahl der versandten SMS und der Service wurde kostenpflichtig. Im Jahr 2002 ist der Begriff “simsen” schon so weit verbreitet, dass dieser in den Duden aufgenommen wird.

Zuwächse In den ersten Jahren hat sich die Nutzung der SMS explosionsartig entwickelt. Auch heute werden noch Zuwächse verzeichnet: Im Jahr 2010 wurden – laut Forum Mobilkommunikation – in Österreich 6,4 Milliarden versendet, 2011 waren es 7,3 Milliarden. Das entspricht einer Steigerung von 13 Prozent. Besonders viele SMS werden zu Silvester versandt. Zum Jahreswechsel versenden die 8,4 Millionen Österreich stolze 66 Millionen SMS.

Preissturz Der Anstieg der Nutzungszahlen könnte auch mit dem Fallen der Preise zu tun haben. Allein in den letzten fünf Jahren sind die Prei­se für Telefonieren, SMS und Datendienste um rund 60 Prozent gefallen. Österreich ist damit Spitzenreiter in der EU. Aber auch in anderen Ländern zeigt die Preisspirale nach unten. Trotz sinkender Preise ist die SMS die „Cashcow“ der Mobilfunkanbieter.

12

25 Prozent der Gewinne entstehen in der USA-Mobilfunkbranche durch das Short Message Service. Diese Geldkuh droht ihnen nun abhanden zu kommen, da die Konkurrenz, das sogenannten „Instant Messaging“, wächst.

Zukunftsmodell Instant Messaging? Instant Messaging ist mit den Smartphones möglich geworden. Die 160-Zeichen-Grenze braucht man nicht mehr, da nicht mehr die Anzahl der SMS verrechnet wird, sondern das genutzte Datenvolumen. Instant-Messaging Anbieter wie WhatsApp oder der MessageDienst von Facebook bedrohen damit zunehmend die SMS und in weiterer Folge die Mobilfunker. Ein gänzlicher Untergang der SMS scheint aber für die nahe Zukunft ausgeschlossen. Vor allem in ärmeren Ländern, in denen Smartphones noch nicht verbreitet sind, ist die SMS ohne Konkurrenz.

Beeinflussung des Kommunikationsverhaltens Während die Zukunft der SMS ungewiss ist, lässt sich rückblickend eine wesentliche Beeinflussung des Short Message Services auf unser Kommunikationsverhalten feststellen. Zwischenmenschliche Zuneigung wird seit Einführung der SMS gerne auf „ILD“ („Ich liebe dich“) oder „HDL“ („Hab dich lieb“) verkürzt. Neben dem Netzjargon, der vor allem aus Abkürzungen besteht, gibt es bei österreichischen Jugendlichen eine zusätzliche Spracheigenheit: Jeder dritte Jugendliche verfasst seine SMS im Dialekt.

Quellen: http://schattleitner.wordpress.com/2012/12/04/happy-birthday-liebe-sms/, http://futurezone.at/digitallife/15550-whatsapp-und-co-ueberholen-sms.ph, http://futurezone.at/digitallife/4142-sms-der-anfang-vom-ende-einer-aera.php, http://wirtschaftsblatt.at/home/life/techzone/1319514/20-Jahre-SMS_Kommunikation-in-160-Zeichen, http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/716498/Telekoms-die-grossen-Verlierer?from=suche.intern.portal


WissenShorts

Der historische Roman Text von Stefan Rothbart

Man sagt ja, die Geschichte schreibt die besten Geschichten. Ob das so ist, wird wohl jeder Leser selbst beurteilen müssen, doch Tatsache ist, der historische Roman wird bei der Leserschaft immer beliebter. Auffällig ist, dass der klassische Historienroman eher selten geworden ist. Seitensprünge mit anderen Schreibgattungen lassen sich offenbar besser verkaufen und viele Verlage setzen mittlerweile verstärkt auf GenrePaarungen als auf eine ganz klassische Ausrichtung. So haben sich zahlreiche Verlage in den letzten Jahren auf historische Krimis oder historische Liebesromane spezialisiert. Auch wird im Literaturgeschäft immer mehr auf Regionalität gesetzt. So wie im Krimi-Genre, bieten auch einige Verlage, wie Gmeiner, Emons, Sutton u.a. eine große Palette an regionalen Historienromanen an. Das hat in den letzten Jahren zu einem positiven Effekt für die deutsche Literaturszene geführt, nämlich, dass Übersetzungen aus dem englischen Raum etwas zurückgegangen sind.

Digital versus analog

Da möchte man jetzt meinen, dass es als junger Autor gute Chancen gibt, sich an einen historischen Roman zu wagen, doch Vorsicht. Historische Romane erfordern neben einer guten Schreibe auch sorgfältige Recherche und gute Sachkenntnisse. Oft sitzen in den Lektoraten Geschichtsdokto­ ren, die einen Mittelalterroman, in dem plötzlich Kartoffeln oder Tomaten vorkommen, gleich mal in den Schredder werfen. Wenig bekannt ist außerdem, dass es im deutsprachigen Raum nur eine Handvoll namhafter Autoren gibt, die regelmäßig historische Romane herausbringen. Diese wenigen Schriftsteller schreiben noch dazu nicht selten unter mehreren Synonymen für verschiedene Verlage. Was also nach Vielfalt bei den Autoren aussieht, täuscht. Hinter vielen bekannten Namen steckt oft derselbe Schreiber.

Apple Quick Take 100

Info und Fotos von Sascha Pseiner

Digital oder analog? Was ist jetzt besser? Eine Frage, die schon so lange existiert wie die digitale Fotografie selbst. In meinen Augen gibt es kein Besser oder Schlechter, nur hat die digitale Fotografie den Ruf, dass sehr Vieles Bildmanipulation ist. Doch ist die Bildmanipulation schon so alt wie die Fotografie selbst. Gute Beispiele lieferte Man Ray (* 27. August 1890 in Philadelphia, Pennsylvania; † 18. November 1976 in Paris), wenn es um experimentelle Dunkelkammer und Bildmanipulation geht, genauso entwickelte er Lichtmalerei weiter oder wie er es nannte Space Writing (Lichtmalerei entsteht im Gegensatz dazu schon bei der Aufnahme). Also auch in analogen Zeiten gab es schon Retusche, Manipulation, im Nachhinein veränderte Bildaussagen und so weiter … Also nichts für ungut, es ist nicht nur Photoshop schuld! Aber warum noch analog fotografieren, wenn Digitalkameras eh schon Spitzenqualität liefern? Eines kann die Digicam nicht, und zwar das Gefühl vermitteln, die Geburt eines Fotos miterleben zu dürfen. Den Film in die Kamera einlegen, aufziehen, aufspulen, aus der Kamera nehmen, einige Zeit später den Film ent­ wickeln und dann vorsichtig aus der Spule nehmen und auf einmal hältst du

vergangene Emotionen in deinen eigenen Händen.

13

Eine der ersten Digitalkameras für den Massenmarkt kam 1994 auf den Markt, die Apple Quick Take 100. Die ersten Sensoren wurden schon in den 1960er Jahren entwickelt, hauptsächlich für industrielle und wissenschaftliche Zwecke, und waren für die breite Masse kaum leistbar. Um die Fotografie wirklich zu erlernen, empfehle ich jedem, der sich ernst­haft damit auseinander setzen möchte, die ersten Schritte analog zu machen. Am besten mit einem etwas älteren Model. Und dies aus gutem Grund: Grundlegende Techniken lassen sich damit besser erlernen, da es keine digitalen Helferlein gibt. Es gilt genau zu überlegen, wann und wo ausgelöst wird, da Film und dessen Entwicklung Geld kosten. Und der wichtigste Punkt: Der Glücksmoment, wenn das erste gelungene Foto im „fotografischen Rotlichtmilieu“ das Licht der Welt erblickt. Mit dieser Weisheit und den damit verbundenen Emotionen ging ich ganz anders an die digitale Fotografie heran. Also, nochmal zum Mitschreiben: Zuerst überlegen und dann erst den Auslöser drücken, egal ob analog oder digital!


WissenShorts

1963:

Hard Rain, Twist & Shout Rückblick von Christian Neuwirth

Die Welt vor 50 Jahren – Zwischen Bürgerrechtsbewegung und Kaltem Krieg entstehen Filmklassiker und legendäre Musikwerke. Am 28. August 1963 teilt Martin Luther King seinen Traum von einem besseren Amerika in einem rhetorischen Feuerwerk mit 250.000 Menschen. Es ist eine der bekanntesten Reden aller Zeiten und als Höhepunkt des March on Washington ein Schlüssel­ ereignis der Bürgerrechtsbewegung. Auch andere Konflikte rund um den Globus schlagen Funken, die die Welt für immer verändern werden. Nach der Kuba-Krise im vorangegangenen Jahr befindet sich der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt. Es herrscht Eiszeit zwi­ schen Washington und Moskau und beide Supermächte kämpfen um politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Die Leidtragenden dieses ideologischen Tauziehens findet man überall. Am 11. Juni 1963 schießt der Fotograf Malcolm W. Browne eines der wohl bekanntesten Pressefotos dieser Zeit: Der Mönch Thich Quang Duc verbrennt sich auf einer belebten Straße in Saigon selbst. Der Mann erträgt die Qualen regungslos und ohne einen Laut von sich zu geben, um gegen die Unterdrückung der Buddhisten in Südvietnam zu protestieren. Der von den USA unterstützte Präsident Ngo Dinh Diem will, trotz der buddhistischen Bevölkerungsmehrheit, einen christlichen Staat errichten. Das tragische Ende des Mönchs sorgt für einen internationalen Aufschrei und zwingt die KennedyAdministration, ihre Asienpolitik zu überdenken. Dennoch wird der Vietnamkrieg noch weitere 12 Jahre andauern, Millionen Leben fordern und zu einem wahren Desaster für die USA werden. Es sind harte Zeiten, der Ausblick in die Zukunft düster. „A Hard Rain‘s a-Gonna Fall“, gibt sich Bob Dylan auf seinem 1963 erschienenen Album prophetisch. Um einiges entspannter geht es da schon bei den Beatles zu, die im März dieses Jahres ihre erste Langspielplatte Please, Please Me herausbringen. Es ist ein Album

14

voller Energie, das größtenteils in einer langen Session aufgenommen wurde, was deutlich an John Lennons rauer Stimme am Abschlusstrack Twist and Shout zu hören ist. Die Beach Boys sorgen mit dem Album Surfin’ USA für einen Meilenstein der Surfmusik und verbreiten mit dem gleichnamigen Song Lebensfreude und Unbeschwertheit. 1963 wird auch Kinogeschichte geschrieben: Klassiker wie Hitchcocks Die Vögel oder Fellinis 8 ½ sind gefeierte Meisterwerke. Der britische Sketch Dinner for One wird vom Norddeutschen Rundfunk aufgezeichnet und wird als Sylvester-Klassiker zu meistgezeigten Fernsehsendung der Welt werden. Der niederländische Hersteller Phillips stellt die Compact Cassette vor, die es der zukünf­ tigen Generation erlauben wird, zum ersten Mal eigene Playlists auf einem Tonträger zusammenzustellen. Die Konsumgesellschaft der westlichen Welt hat noch nie da gewesene Dimensionen angenommen, die Wirtschaft floriert und die Probleme dieser Erde verschwinden langsam hinter einem ständig wachsenden Berg von Fernsehern, Staubsaugern und anderen essentiellen Dingen. Doch dann fällt ein Schuss. John F. Kennedy wird am 22. November in Dallas, Texas erschossen. Einige Verschwörungstheorien ranken sich um das Attentat, doch gilt der überzeugte Kommunist Lee Harvey Oswald als Todes­ schütze. Der Tod des charismatischen Staatsmanns trifft viele Menschen auf der Welt schwer und rückt die Probleme und Gefahren dieser Welt wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Am letzten Tag des Jahres zieht ein schwerer Schneesturm über den Süden der USA. Mittlerweile ist Lyndon B. Johnson Präsident mit neuen Versprechungen für eine bessere Welt. Voller Hoffnung und Erwartungen blicken die Menschen in Richtung 1964.


WissenShorts

Musik aus der Cloud Text & Illustration von Christian Neuwirth

Die Beliebtheit von Streamingdiensten bei Musikern hält sich im All­ gemeinen in Grenzen. Black-Keys-Drummer Patrick Carney ging letztes Jahr so weit, Spotify-Vorstandsmitglied Sean Parker ein Arschloch zu nennen – was steckt dahinter? Der Verkauf von digitaler Musik über Downloads im Internet ist ein milliardenschwerer Markt und bereits seit Jahren etabliert. Auch Abos bei Streamingdiensten wie Spotify, Deezer und Rhapsody haben in den letzten Jahren deutlich Zulauf bekommen. Durch Zahlung eines monatlichen Betrags haben die Nutzer solcher Dienste unlimitierten Zugang zu einer riesigen und stetig wachsenden Musikbibliothek. Bei Marktführer Spotify bekommt man für 4,99 Euro pro Monat das Unlimited-Abo und damit Zugriff auf rund 20 Millionen Songs. Ein geniales Schnäppchen für die User, doch stellt sich die Frage: Was bleibt da eigentlich für die Künstler übrig? Gerade mal 0,003 Euro pro Stream eines Liedes, abhängig von Beliebtheit und Vertrag, verdienen Musiker auf Spotify im besten Fall. Anders ausgedrückt ist erst nach zirka 333 Plays der erste Euro erwirtschaftet. Gerade

unbekanntere Bands können aber schon froh sein, wenn ihre Songs ein paar hundert Mal pro Monat angehört werden. Sicher muss man diesen Diensten zu Gute halten, dass sie viele Internet-User mit ihren günstigen Konditionen aus der Illegalität locken, doch besteht die Gefahr, dass StreamingAbos dem Verkauf von Musik zunehmend schaden werden. Für die meisten Musiker ist es ohnehin unrealistisch, alleinig vom Verkauf ihrer Musik zu leben, doch von Spotify-Erlösen ist es schlichtweg unmöglich: Um in Österreich ein monatliches Einkommen in Höhe der Min­ destsicherung zu beziehen, wären für eine fünfköpfige Band 1.324.850 Plays notwendig. Bleibt nur zu hoffen, dass Streamingdienste mit steigenden Mitgliederzahlen auch höhere Provisionen an die Musiker auszahlen und somit einen ernstzunehmenden Beitrag zum Künstlereinkommen leisten.

On the Road mit der Street Bob (FXDB) vom legendären Unternehmen Harley Davidson! Ein Ausritt von Günther Golob

Harley Davidson wurde 1903 in Milwaukee, Wisconsin/USA von William S. „Bill“ Harley und Arthur Davidson gegründet. Auch nach 110 Jahren ist die Marke der Inbegriff für Spaß, Freiheit und für viele der Traum auf zwei Rädern! Bei Sommersonne und 34°C mit 1585 Kubikzentimetern unterm Hintern unterwegs – da wird der Weg zum Ziel! Wobei der Sound der neuen Street Bob BJ. 2013 mittlerweile den gesetzlichen Richt­ linien angepasst wurde – für meinen Geschmack also fast ein bisschen zu brav. Nichtsdestotrotz Musik in den Ohren und mit unverkennbarem Harley-Charakter! Dieses Modell ist nicht nur zum Cruisen auf langen Landstraßen designed. Die fast 90 PS mit 6-Gang-Getriebe fahren sich auch auf Stadt- und Bergstraßen angenehm. Die Gänge fallen so elegant und gutgelaunt in die Schaltgasse, als wären sie auf den Weg in den Süden. Und mit dem großzügigen 18-Liter-Tank darf man auch schon mal gerne die Landkarte aus den Augen verlieren und sich am späten Nachmittag irgendwo auf einem Strand im Süden wiederf­inden.

Meeresluft und Harley, eine geniale sinnliche Kombination. Das einzige, was auf dem regulären Einsitzer fehlt, ist standardmäßiger Platz für eine hübsche Sozia. Also, wer nun Lust verspürt, sich bei diesem sommerlichen Wetter mal eine Harley zu checken, sollte nicht lange zögern! Die wirklich nette Crew von Clocktower in der Kärtnerstraße in Graz berät euch ausführlich und kompetent. Und nicht vergessen: Auch bei über 30°C und wolkenlos blauem Himmel immer sicher­ heitshalber eine Regenhaut mitnehmen! Mir bleibt nur noch zu sagen: Eine Harley ist eben eine Harley – ein Motorrad mit Charakter, das man mit nichts anderem vergleichen kann. Ich freue mich schon sehr darauf, euch bald von einem weiteren Modell berichten zu können.

15


WissenShorts

Voice-Academy Text & Foto von Rene Oblak

Stimmklang: Angeboren oder angeeignet? Wie gefällt Ihnen der Klang Ihrer Stimme? Eine Frage, die nur in den seltensten Fällen mit „Sehr gut“, „Wunderbar“ oder „Klasse“ beantwortet wird. Vielmehr ist diese Frage oft der Auslöser eines teilweise unangenehmen Denkprozesses, der in manchen Fällen sehr schnell mit Aussagen wie „Ich kann meine Stimme nicht hören, das ist ganz schlimm“, „Ich habe meine Mobilbox nicht besprochen, weil das ist ganz schlimm“ beantwortet wird. Egal, ob es die persönliche Präsentation bei einem Seminar, das Vorstellen in einer Gesprächsrunde oder das Sprechen vor mehreren oder/und fremden Menschen ist: Das Wissen um die Qualität der eigenen Stimme versetzt Menschen bei solchen Situationen in Stress und das manchmal bis an die Grenzen des Erträglichen. Beim Thema Singen wird es leider auch nicht besser. Unglaublich viele Menschen sind vom Gedanken, nicht singen zu können, beherrscht. „Singen zu können wäre ja wunderbar, aber leider konnte ich es nie und werde es auch nie können“ heißt es da immer wieder. Auffällig in diesem Zusammenhang ist nur, dass diese Menschen meist aufgrund von Aussagen Dritter den Entschluss gefasst haben, nicht singen bzw. sprechen zu können. Aber Moment, es kann doch nicht sein, dass so viele Menschen nicht rich-

tig singen oder sprechen können. Stimmt! Entscheidend ist, wie Stimme in ihrer Familie gelebt wurde und welche Vorbilder bzw. Lehrer man hatte. Dass die Stimme einem in die Wiege ge­ legt wird ist schon irgendwie richtig, jedoch neben dem Mythos „vererbte Stimme“ ist es wichtig zu wissen, dass wir die Stimme kopieren. Und zwar als erstes von den Eltern und im weiteren Leben von Menschen, die uns umgeben. Haben Sie schon über die Aussage nachgedacht „Am Telefon klingst du ganz wie deine Mutter/dein Vater“? Die Stimme ist ein eigenes Universum, das uns Menschen Unglaubliches zu bieten hat. Ob als Spiegel der Seele oder als kraftvolles Ausdrucksmittel unserer Wünsche und Gedanken. Stimmtipp: Setzen Sie sich mit Ihrer Stimme auseinander und beginnen Sie Ihre Stimme anzunehmen. Ihre Stimme gehört Ihnen, also stehen Sie dazu. „Love it“, und wenn´s für Sie nicht passt „Change it“ – „Leave it“ geht nicht! Nehmen Sie unterschiedliche Stimmproben mit einem technischen Hilfsmittel Ihrer Wahl auf, und beurteilen Sie danach die Qualität Ihrer Stimme.

www.voice-academy.at, office@voice-academy.at

Blue Jeans – ein Klassiker Von Christian Neuwirth, Foto von Ozan Uzel

San Francisco in den 1850ern: Es ist die Zeit des kalifornischen Goldrausches und tausende Menschen versuchen ihr Glück mit der Suche nach dem Edelmetall. Während die Meisten niemals reich wurden, inspirierte die harte Arbeit zwei Männer zur Erfindung des Hosenklassikers schlechthin. Stars wie James Dean machten die Blue Jeans vor 60 Jahren zum Symbol der Jugendkultur. Heute lässt sich der klassische Jeans­ träger nicht mehr definieren. Das Kleidungsstück durchdringt alle Altersstufen, sozialen Schichten, Geschlechter, Religionen und Staatsgrenzen. Auf 66 Milliarden US-Dollar wird der internatio­ nale Jeansmarkt aktuell geschätzt. Doch bevor die Hose als All­ tagsbekleidung ihren Weg in unsere Kleiderschränke fand, hatte sie bereits einen langen Weg hinter sich. Vor 140 Jahren verlangte der Arbeitsalltag vieler Menschen ihren Hosen einiges ab, doch kein erhältliches Modell schien den Anforderungen gerecht zu werden. Die revolutionäre Idee zur Lösung des Problems kam vom in Lettland geborenen Schneider Jacob Davis: Er verstärkte Arbeitshosen an den Taschen mit Nieten. Mangels Eigenkapitals wandte er sich an seinen Stoffhändler, den deutschstämmigen Levi Strauss, um

16

mit ihm gemeinsam am 20. Mai 1873 die Urform der Jeans zum Patent anzumelden. Schnell wurde die robuste Hose bei Arbeitern sehr beliebt. Der Einsatz von strapazierfähigem Denim machte die Jeans endgültig zum Kassenschlager. Anfangs wurde der Baumwoll­ stoff mittels natürlichen Indigos gefärbt. Die Farbwahl hatte vor allem praktische Gründe: Mit damaligen Methoden war diese Art der Färbung am einfachsten, da das Gewebe den blauen Farbstoff am besten aufnahm. Zeitgleich zur Entstehung der Jeans forschten auch zwei deutsche Chemiker an der Entwicklung synthetischen Indigos, der dann im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts zum neuen Standard wurde. Mittlerweile gibt es die Kulthosen in allen erdenklichen Farben, Schnitten und Waschungen. Modetrends kommen und gehen, doch die Zeichen stehen gut, dass die klassischen Blue Jeans auch in der Zukunft noch als zeitlos gelten werden.


WissenShorts

Die Hollywood-Blase Text von Stefan Rothbart, Fotos von Sean Russell/flickr.com

Steven Spielberg und George Lucas haben neulich in einem Interview vor einer einschneidenden Veränderung in der bunten, glamourösen Filmwelt von Hollywood gewarnt. Beide gelten als absolute Branchengrößen und ihre Worte sollte man ernst nehmen. Und es kommt noch dicker. Immer mehr ihrer Kollegen melden sich ebenfalls mit kritischen Vorahnungen zu Wort. Das Fazit der Filmemacher: Hollywood geht langsam die Luft aus! Droht der Filmmetropole der finanzielle Kollaps? Schauplatzwechsel. Hongkong, die Filmmetropole Asiens, das Hollywood Chinas. Was hier gerade abgeht, stellt alles andere in den Schatten. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas hat auch die Unterhaltungsbranche einen unglaublichen Zuwachs vorzuweisen. Die neue chinesische Mittelschicht stürmt förmlich die Kinos. Marktpotenzial: eine Milliarde Chinesen! Um diese gigantische Nachfrage, von der jeder Hollywood­ produzent nur träumen kann, zu befriedigen, wird in der chinesischen Filmstadt produziert bis zum Abwinken. Spezialisiert hat sich die Hongkong-Traumfabrik auf knallharte Genrefilme. Thriller, Historienepen und natürlich Kung-FuFilme aller Art. Anfang der 2000er Jahre waren es noch die Amerikaner, die aufgrund günstiger Produktionsbedingungen nach China kamen, um dort zu drehen. Doch die Amis sind längst wieder verschwunden. Jetzt machen die Chinesen ihr eigenes Kino und kopieren ungeniert auch zahlreiche Blockbuster wie Kill Bill oder Mission Impossible. Die Produktionskosten liegen oft bei wenigen Millionen Dollar, aber die

Gewinne sind astronomisch hoch. Dabei ist es nicht lange her, dass die chinesische Filmindustrie selbst in einer großen Krise war. In den 90ern brachen die Märkte in Ost-Asien ein und viele Studios reagierten auf die veränderte Marktsituation mit immer teureren Filmen. Erst der China-Boom zur Jahrtausendwende rettete Hongkongs Filmindustrie, die seither aus ihrer Krise gelernt hat. Zurück in Hollywood. Gerade erst vor wenigen Wochen musste der Disney-Konzern die größte Abschreibung in seiner Firmengeschichte bekannt geben. Grund dafür war der Blockbuster Lone Ranger mit Jonny Depp in der Hauptrolle, der zu einem finanziellen Desaster wurde. Der 100-Millionen Dollar-Streifen hat bisher nur magere 30 Millionen weltweit eingespielt. Die Blase platzt bereits! Um weltweit konkurrenzfähig zu bleiben, hat die US-Filmindustrie in den letzten Jahren die Budgets ihrer Filme ständig erhöht. Mit Avatar von James Cameron war vorläufig die Spitze erreicht, der sagenhafte 800 Millionen Dollar gekostet hat. Cameron hatte noch Erfolg, aber immer öfters setzen die Studios auf teure Blockbuster und immer öfters geht dabei die Rechnung nicht mehr auf. Branchen-Primus Spielberg tue sich inzwischen schwer, Filme finanziert zu bekommen, klagt er in einem Interview. Es zählt nicht mehr ein gutes Drehbuch oder der Name eines Regisseurs, sondern nur

mehr das, was die Finanzexperten sagen. Diese raten den Studios lieber auf teure Blockbuster nach Schema F zu setzen, als einen billigeren Qualitätsfilm zu machen. Marktforscher haben sogar ein Musterdrehbuch entwickelt, wo genau untersucht wurde, wie lange die Aufmerksamkeits­ spanne der Zuseher bei Dialogen ist, wie lange Actionsequenzen dauern dürfen usw. Viele Studios lassen inzwischen nur mehr nach dieser Vorlage Drehbücher schreiben. Was herauskommt, ist Einheitsbrei. Die Mechanik dahinter ist erschreckend. Finanzexperten verpassen Filmen bereits vor Drehstart ein Rating. Wenn ein Studio z.B. 300 Millionen Dollar braucht, um seine laufenden Kosten abzudecken, so ist es nach Logik der Experten viel wahrscheinlicher, dass ein 100-Millionen-Streifen das Dreifache seiner Kosten einspielt, als ein 10-Millionen-Streifen das 30fache. Ergo setzen die Studios auf immer teurere Blockbuster. In Wahrheit ist damit aber nur ein höheres Risiko gegeben, finanziell baden zu gehen, aber es zeigt, wie aufgebläht der Hollywoodtanker inzwischen ist. Zu groß, um sich noch selbst über Wasser zu halten. Steven Spielberg hat die Entwicklung anscheinend erkannt. Er sagt, der gesamte Markt werde sich in den nächsten Jahren verändern. In Zukunft wird es wieder weniger große Blockbuster und wieder mehr billigere Produktionen geben. Die Preise an der Kinokasse werden sich auch anpassen. Für teure Filme wird man auch wesentlich mehr zahlen müssen, sagt Spielberg voraus.

17


Recht

Mag. Irmgard Neumann Foto von Hannes Loske

R e c h t s a n w ä lt i n M ag . Irm g a r d N e u m a n n i s t auf Werbe- und Wettbewerbsr e c h t, V e r a n s ta lt u n g r e c h t, Ur h e b e r - , M e d i e n - u n d I n t e r n e t r e c h t s p e z i a l i s i e rt.

Während ihrer Studienzeit hat sie mehrere Jahre Berufserfahrung in Marketing-, Marktforschungsund Eventagenturen, wie auch beim Steirischen Presseclub, gesammelt und zahlreiche Marketing- und PR-Ausbildungen absolviert. Ihre Spezialisierung auf Rechtsgebiete dieser Branchen ermÜglicht nun die umfassende und praxisorientierte Vertretung von Werbern, Veranstaltern, Medien, Verlegern, Musikern und sonstigen Kreativen. 18


RECHT starkes Event statt RECHTswidrige Überraschungen Nicht nur für Großveranstalter, sondern auch für Organisatoren kleiner öffentlicher Feste oder Musikauftritte sind zahlreiche Vorschriften zu beachten. Das neue Steiermärkische Veranstaltungsgesetz (StVAG) ist mit 01.11.2012 in Kraft getreten und normiert – unter anderem – neue Pflichten für Veranstalter und den ordnungsgemäßen Ablauf von Events (z.B. zur allgemeinen Sicherheit oder zum Ausschank von Alkohol). Alle Veranstaltungen im Sinne des StVAG sind künftig den Behörden zu melden, d. h. bereits Klein­ veranstaltungen, „mobile Events“ oder Veranstal­ tungen, die bereits von einer Veranstaltungsstätten- oder gewerbe­ rechtlichen Betriebsanlagengenehmigung umfasst sind (etwa in Gastgewerbebetrieben, sofern sie nicht durch den Betriebsinhaber durchgeführt werden). Die Fristen hierfür betragen für meldepflichtige Veranstaltungen zwei Wochen, anzeigepflichtige Veranstaltungen sechs Wochen und bewilligungspflichtige Großveranstaltungen mit mehr als 20.000 Teilnehmern drei Monate.

Freie Werknutzung Musik- und Videodownload Nach dem österreichischen Urheberrecht dürfen Privatpersonen zum rein eigenen und privaten Gebrauch einzelne Kopien von urheberrechtlich geschützten Werken herstellen. Vor dem Kopieren sollte darauf geachtet werden, dass eine legale Quelle vorliegt. Die Kopie darf allerdings nicht (etwa durch „Filesharing in P2P-Netzwerken“) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Bei der Weitergabe innerhalb der Privatsphäre, z. B. an eine Handvoll Freunde, liegt noch eigener Gebrauch vor.

Das Comeback der Privatsphäre In einer Zeit von Facebook, Twitter und Realityshows machen sich wieder Gegentrends zum Schutz der Privatsphäre bemerkbar. Auch das Medienrecht nimmt eine Abwägung zwischen der Meinungsäußerungsfreiheit und dem Schutz des höchstpersönlichen Lebensbereichs (Familienleben, Kontakte zu Vertrauten, Gesundheit, Sexualleben) vor. Gemäß § 7 (1) MedienG bestehen Ansprüche auf eine finanzielle Entschädigung, wenn der höchstpersönliche Lebensbereich eines Betroffenen in einem Medium in einer Weise dargestellt wurde, die geeignet ist, ihn in der Öffentlichkeit bloßzustellen; dies gilt u. a. nicht, wenn der Medieninhaber annehmen konnte, dass der Betroffene mit der Ver­ öffentlichung einverstanden war oder die Veröffentlichung wahr ist und in unmittelbarem Zusammenhang mit dem öffentlichen Leben steht.

ACHTUNG: Alle Angaben erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr; diesen kommt kein Anspruch auf Vollständigkeit zu; eine Haftung der Autorin oder der Herausgeber ist ausgeschlossen.

19


t h c e r s g n u Veranstalt

kompakt

Welche Vorschriften sind zu beachten? An wen kann ich mich wenden? (Veranstaltungsrecht) Jeder Veranstalter hat die im „Bundesland der Veranstaltung“ spezifischen landesrechtlichen Vorschriften zu beachten (insbesondere Veranstaltungs- und Jugendschutzgesetze). Ob eine Veranstaltung melde-, anzeige- oder bewilligungspflichtig ist, hängt stark von der Art der Veranstaltung ab. Bereits bei der Vorbereitung eines Events empfiehlt sich die Kontaktaufnahme mit dem zuständigen Gemeindeamt, um sich über die gemeindespezifischen Voraussetzungen zu informieren. Einige Behörden (z. B. BürgerInnen-Service unter www.graz.at) bieten online Musterformulare zur Eventanmeldung.

20

Welche Musik darf ich spielen?

Wie alt müssen Gäste sein?

(Urheberrecht )

(Jugendschutzgesetz)

Der Urheber von Musik, Filmen, Fotos, etc. hat das Recht, die öffentliche Vorführung seiner Werke zu erlauben oder zu verbieten. Die Verletzung von Urheberrechten ist gerichtlich strafbar. Das Verwertungsrecht überträgt der Urheber meist einer Verwertungsgesellschaft (AKM und austro mechana), die Aufführungsbewilligungen gegen Entgelt an Einzelveranstalter erteilt. Ein Veranstalter hat die notwendigen Werknutzungsbewilligungen im Vorhinein bei der AKM einzuholen. Nur Veranstaltungen, die rein privaten Charakter haben (mit einer beschränkten Zahl von Gästen, die untereinander und zum Gastgeber in persönlicher Beziehung stehen), gelten als „nicht öffentlich“ im Sinne des Urheberrechtsgesetzes. „Freie Werknutzungen“ bestehen u.a. für Aufführungen, die keinerlei Erwerbszweck dienen und für die kein Eintritt oder sonstiges Entgelt zu entrichten ist, aber auch für Aufführungen reiner Hobbymusiker oder Wohltätigkeitsveranstaltungen. Die Nutzungsentgelte können auf der Homepage www.akm.at selbst berechnet werden; da die AKM keine Behörde ist, besteht Verhandlungsspielraum!

Vor dem Event sollte auch ein Blick ins jeweilige Jugendschutzgesetz des Bundeslandes geworfen werden, da Verstöße gegen diese Bestimmungen – vor allem hinsichtlich der Altersgrenzen bei den Ausgehzeiten und beim Ausschank von Alkohol – besonders streng geahndet werden.

Welche Abgaben sind zu leisten? (Steuerrecht ) In steuerlicher Hinsicht sind vor allem Werbeabgaben (für die Ankündigung der Veranstaltung) und die Lustbarkeitsabgabe zu beachten. Bei letzterer richtet sich die „Kartenabgabe“ nach der Anzahl der verkauften Eintrittskarten und die „Pauschalabgabe“ (wenn keine Eintrittskarten ausgegeben werden) nach der Größe der Veranstaltungsräume und der Personenanzahl.


Braucht mein Verein eine Gewerbeberechtigung? (Gewerbeordnung) Ein Verein unterliegt nur dann nicht den Bestimmungen der Gewerbeordnung, wenn keine Ertragsabsicht besteht und aus der Tätigkeit seiner Mitglieder kein wie immer gearteter wirtschaftlicher Vorteil entsteht. Für Vereine, die häufig Veranstaltungen durchführen, empfiehlt sich die vorherige Abklärung mit der Gewerbebehörde.

Wer haftet, wenn etwas passiert? (Versicherungsrecht) Je nach Höhe der Prämie können Versicherungen gegen Einnahmenausfälle, Regen, Beschädigungen der Anlage, Verletzungen von Gästen oder Diebstahl abgeschlossen werden. Eine Haftpflichtversicherung sollte Forderungen wegen fahrlässiger Beschädigungen aller Art abdecken.

Wer darf bei der Veranstaltung arbeiten? (Arbeitsrecht) Sollten Personen bei der Veranstaltung beschäftigt werden, ist auch deren ordnungs-gemäße Anmeldung bei der GKK zu beachten. Auch die Bestimmungen des Ausländerbeschäftigungsgesetzes können im Einzelfall relevant sein und bei Nichtbeachtung hohe Strafen auslösen.

Urheberrecht Plagiate und Coversongs, Samplen und Remixen Ein Plagiat ist ein „Diebesgut des geistigen Eigentums“, wobei die Urheberschaft eines anderen als „die eigene“ in Anspruch genommen wird. Alle Elemente, die für ein Werk charakteristisch sind, dürfen daher nicht nachgeahmt werden. Auch Be­ arbeitungen eines vorhandenen Werkes durch musikalische und/oder text­ liche Änderung eines Werkes sind sohin urheberrecht­ lich geschützt; dies gilt auch für Bearbeitungen von frei gewordenen Werken, die nicht mehr unter die urheberrechtliche Schutzfrist (von 70 Jahren ab dem Tod aller an der Werkschaffung beteiligten Urheber) fallen oder für kurze Musikausschnitte (mehrere Sekunden/Takte) eines Werkes. Für die Verwertung ei­ner Be­ arbeitung ist die vorherige Zustimmung des Rechteinhabers notwendig. Beim Covern ist zwischen Interpretationen und Bearbeitungen zu unterscheiden. Bei einer „Interpretation“ wird der Originalsong im Wesentlichen nicht verändert; für diese (egal ob live oder auf einem Tonträger) ist daher keine Einwilligung des Urhebers erforderlich; dieser hat aber Anspruch auf Tantiemen und es sind auch Interpretationen bei der AKM anzumelden. „Bearbeitungen” machen aus dem Original etwas Neues. Für eine Bearbeitung (LiveAuftritt oder Aufnahme) ist stets die Einwilligung des Urhebers oder Rechteinhabers erforderlich. Auch das Samplen, Remixen und Mashup gelten im Regelfall als Bearbeitung und erfordern die Einwilligung des Urhebers und des Rechteinha­bers, zumal man dabei meist mit einem schon aufgenommenen Musikstück arbeitet.

21


Mythos “AGB” A l l g e m e i n e G e s c h ä f t s b e d i n g u n g e n f ü r K ü n s t l e r u n d a n d e r e K r e at i v e

In zahlreichen Branchen haben sich „Allgemeine Geschäftsbedingungen“ (abgekürzt AGB) in den vergangenen Jahrzehnten etabliert und machen nun auch vor Künstlern und anderen Kreativen nicht Halt. Dabei herrscht vor allem Unklarheit darüber, was AGB sind, ob es für jeden Unternehmer erforderlich ist, eigene AGB zu haben und was für jenen Fall gilt, dass beide Geschäftspartner auf ihre jeweiligen AGB verweisen.

Was sind AGB?

Allgemeine Geschäftsbedingungen sind alle – für eine Vielzahl von Verträgen vorformulierte – Vertragsbedingungen, die ein Vertragspartner dem anderen Vertragspartner bei Abschluss eines Vertrages stellt. Dies bedeutet, dass jeder Unternehmer die Möglichkeit hat, seine Bedingungen festzulegen, zu denen er Verträge abschließen möchte. Idealerweise sollte der andere Vertragsteil (unter)schriftlich betätigen, dass er diese AGB zur Kenntnis genommen hat und als Vertragsgrundlage akzeptiert. Anderenfalls kann es in einem Rechtsstreit schwer beweisbar sein, dass die AGB (in einer bestimmten Variante) tatsächlich Vertraginhalt geworden sind. Für internationale Geschäfte empfiehlt es sich zu vereinbaren, dass österreichisches Recht zur Anwendung gelangt und Gerichtsstand der Sitz des eigenen Unternehmens ist. Werden keine Vereinbarungen getroffen, gelten stets die gesetzlichen Bestimmungen.

Brauche ich AGB für mein Unternehmen?

Die Fachverbände der Wirtschaftskammern stellen für einzelne Branchen teilweise vorformulierte AGB zur Verfügung; für andere Branchen – insbesondere die Kreativen – existieren oft überhaupt keine AGB-Vorlagen. Allerdings ist es gerade in der Kreativbranche stark auslegungsbedürf­ tig, welche Leistungen wechselseitig geschuldet werden. Je genauer also Leistungen und Gegenleistungen formu­ liert werden, desto weniger Auslegungsspielraum bleibt in einem allfälligen Rechtsstreit. Werden auch die Konsequenzen mangelhafter oder nicht erbrachter Leistungen fest­ge­legt, können im Streitfall aufwendige Sachverständi­ gen­ gutachten erspart bleiben. Haftungsregelungen er-

möglichen die Einschränkung oder den Ausschluss der eigenen Haftung für Mängel und Schäden; andererseits kann die Haftung des Vertragspartners verschäft werden. Je konkreter sich ein Unternehmer mit den Schwierigkeiten seiner Branche auseinandersetzt und diese auch dem Er­ richter seiner AGB mitteilt, desto leichter und kostengünstiger können AGB auch für exotischere Geschäftszweige erstellt werden.

Wie umgehe ich die AGB des anderen?

Manche Unternehmer vertreten die rechtsirrige Ansicht, man könne dem Geshäftspartner seine eigenen AGB dadurch „unterjubeln“, indem man ihm diese noch knapp vor Leistungserbringung „als letzter“ übersende. Vor Gericht gilt allerdings nur das, was tatsächlich vereinbart wurde und in dieser Form auch beweisbar ist. Hat jeder Vertrags­ partner dem anderen betätigt, dass er die jeweils anderen AGB akzeptiert, so spricht man von „kreuzenden AGB“. Diese heben sich auf, wenn sie einander widersprechen. Diesfalls gelten erst wieder die gesetzlichen Bestimmungen und man ist nicht nur die AGB des anderen, sondern auch seine eigenen umgangen.

Fazit für Kreative

Auch im Kreativbereich sollten alle Leistungen, die ein Vertragspartner zu erbringen hat, so genau wie nur möglich beschrieben werden. Darüber hinaus ist festzulegen, welche Nutzungs- und Verwertungsrechte dem Vertragspartner an urheberrechtlich geschützten Werken zukommen sollen und welche Konsequenzen (Zahlungen) drohen, falls Rechte überschritten werden.

WiR GebeN iHNeN RecHT LippiTscH.NeumaNN

22

Mag. Irmgard Neumann Lippitsch.Neumann Rechtsanwälte GmbH Wastiangasse 7, 8010 Graz T +43 316 82 74 32 0 F +43 316 82 74 32 34 recht@anwaeltin-graz.at www.anwaeltin-graz.at


Wissen

Was ist Sounddesign? Ein Bericht aus der Praxis von Horst Schnattler, Fotos von Renate Buchgraber und Gregor Gschank

Sounddesign ist alles, was klingt. Ein Job, der früher von Komponist, Tonschnittmeister oder -techniker erledigt wurde, geht nun häufig an den Sounddesigner. Einen Einblick in die Arbeitswelt gewährt der Inhaber der Klangkulisse: Gehört zum guten Ton. Bei einem Seminar sollten die Teilneh­ merInnen mit einfachen Mitteln darstellen, was sie beruflich machen. Mir fiel auf, dass eine Kollegin beim Sprechen irritierende Geräusche machte und diese von ihrem Kopf ausgingen. Als ich an der Reihe war, fragte ich die Dame höflich, ob sie sich zu mir gesellt. Ich bat sie, etwas zu sagen. Die SeminarteilnehmerInnen blickten mich verdutzt an. Nun bat ich sie, ihre Brille abzunehmen, erneut sollte sie etwas sagen. Tatsächlich! Das scheppernde Geräusch, das von ihrer Brille ausging war verschwunden und ich hatte mein anschauliches Beispiel für Sounddesign. „Ich kenn’ mich da irgendwie nicht mehr aus. Was macht ein Sounddesigner?“ Diese Frage stellte mir die Produktionsleitung einer großen Werbeagentur. Als außerordentliches Mitglied im VOESD (Verband der Österreichischen Sounddesigner) möchte ich in so einem Moment aufspringen und voller Leidenschaft darüber erzählen. Stattdessen war die Marketingkollegin schneller und rettet die Ehre der Werbeagentur: „Ein Sounddesigner macht Soundeffekte.“ Gut, dachte ich mir. Das ist ein Anfang. Die Soundeffekte in Filmen wie Star Wars, oder in Videos-Games begeisterten mich für diesen Beruf. Fantasiewelten zu vertonen, hat einen gewissen Reiz. Die gängige Praxis ist, auf Audiosamples zurückzugreifen. Für Filme oder Video-Games empfiehlt es sich, nicht ausschließlich Standard-Ge­ räuschdatenbanken zu verwenden, denn: Diese Sounds nutzen sich mit der Zeit ab. Deswegen gilt es mit Mikrofonen, den richtigen klangerzeugenden Materialien und der Synthese am Computer neue Wege zu finden, um Schwerter zum Klingen zu bringen und Raumstationen explodieren zu lassen. Die Audioproduktion von VideoGames ist deswegen besonders reizvoll,

weil es sich hier nicht nur um die Geräusche selbst handelt, sondern auch, wie diese eingesetzt werden. Zum Beispiel werden die Geräusche bei Grand Theft Auto dynamisch vom Programmcode gesteuert. So können Autos, je nach Spielverlauf, von links nach rechts und umgekehrt im Stereopanorama erscheinen. Zu meiner Arbeit zählt auch das Anlegen von Geräuschen für Filmton mittels Software. Was der Zuseher zu hören bekommt, hat oft mit der akustischen Realität wenig zu tun. Bei Tonaufnahmen am Filmset kommt es häufig vor, dass der Originalton (O-Ton) nicht verwendet werden kann. Weil der Kühlschrank surrt, die Lüftung dröhnt oder ein Helikopter über die Köpfe donnert, der einfach nicht in die Drama­ turgie des Filmes passt. Die Aufgabe an das Sounddesign lautet dann, die Zuseher nicht zu irritieren und eine akustische Szenerie zu schaffen, die für eine Szene glaubwürdig erscheint. Ganz allgemein gesagt: Mit kreativen Mitteln und Methoden wird die Dramaturgie des Filmes unterstützt. Bei der Besprechung für diesen Artikel läutet das Handy des Herausgebers, und zwar mit dem standardmäßigen iPhone-Klingelton. Natürlich greifen der Herausgeber, der ebenso anwesende Filmproduzent und ich gleichzeitig mit hektischen Bewegungen zu der jeweiligen Tasche. Fehlalarm. Alle drei, also Verleger, Filmproduzent und Sounddesigner haben es nicht geschafft, einen eigenen Klingelton auszuwählen. Der Sounddesigner von Apple, der diesen Klingelton produziert hat, wurde vor eine große Aufgabe gestellt: Wie klingelt es in dieser Welt? Bei weiterer Betrachtung ent­stehen neue Fragen: Wie zum Beispiel tönen Türklingeln, Spielzeug oder Bahnhofsdurchsagen? Das Beispiel der sounddesignten Autotüren gilt als bekannt. Als Sounddesigner für Produkte hat man die

spannende Verantwortung, seine klangliche Umwelt zu gestalten. Ein Anfang wäre, für sich selbst einen personalisierten Klingelton einzurichten. „Welchen Stil hast du als Sounddesigner?“ Diese nicht einfach zu beantwortende Frage stellte mir ein Produzent beim ersten Treffen. Für mich geht es um die akustische Unterstützung der Botschaft eines Produkts. Welchen Stil hat ein Installateur, ein Tischler? Das bringt mich auch zum Kern mei­ ner Aussage: Als Sounddesigner verstehe ich mich als vielseitigen Handwerker, nicht als Künstler. Die Stilfrage ist für mich also eine Qualitätsfrage, möglichst genau zu arbeiten und die Geräusche, wie sie in der Realität vorkommen, für die bessere Verständlichkeit zu überzeichnen. Klänge an sich sind flüchtig. Gutes Sounddesign er­reicht man meines Erachtens nach mit einem Hang zur Perfektion. Auch in der Musik findet man Sound­ design. Im Laufe der Musikgeschichte kamen immer mehr Geräusche in die Musik (zum Beispiel Musique Concrete im Paris der 40er-Jahre oder bei Pink Floyd, The Dark Side of the Moon in den 70er Jahren). Die Musik von Skrillex kann als eine Mi­ schung von Sounddesign und Komposition gelten. In diesem Bereich sind die Grenzen fließend. Was nun also ist Sounddesign? Sounddesign ist Klanggestaltung für Film, Fernsehen, Radio, Video-Games, Produkte und Marken und beinhaltet Ton- und Sprachaufnahmen, Geräusche und zum Teil auch Musik (hier gerne mit Stil). Sounddesign ist ein Handwerk für die akustische Gestaltung unserer Umwelt und für die Unterstützung der Botschaft eines Produkts. Oft erleichtert Sounddesign die zwischenmenschliche Kommunikation und eliminiert Störge­ räusche, auch wenn es nur der lose Brillenbügel meiner Seminarkollegin ist.

23


Szene

Business meets Passion Bericht von Lea Leitner, Fotos von MCG/Wiesner, MCG/Illemann, MCG/Krug und Cornelia Schwingenschlögl

Offenherzig, freundlich und ausgeglichen – das wären die ersten Schlagworte, die einem sofort in den Sinn kommen, wenn man Christof Strimitzer zum ersten Mal begegnet. Dass er eigentlich die Verantwortung für das gesamte Marketing der Messe Congress Graz GmbH über hat, sieht man ihm nicht einmal beim dritten Blick an. Wir vom X-Rockz-Team hatten den sympathischen Konzertfreund zu Besuch in unserer Redaktion.

24

www.mcg.at/


Linkin Park, 2008

Die Fantastischen Vier, 2010

Night Of The Jumps, 2011

Kiss – Alive II – stand am Geburtstagswunschzettel des damals 8-Jährigen und das kann man durchaus als Wendepunkt in seinem Leben bezeichnen, der in ihm eine Liebe zur Musik und zum Livegeschehen erweckte, die ihn bis heute nicht mehr losließ. „Die Atmosphäre und Energie bei Konzerten hat mich schon zu Kindeszeiten sehr fasziniert“, so der 41-Jährige. Verstärkt wurde dieses Interesse zusätzlich durch regelmäßige Konzertbesuche und vor allem gelegentliche Jobs auf Konzerten – Tina Turner, Joe Cocker, Herbert Grönemeyer, Bryan Adams oder AC/DC waren u.a. jene Künstler, für die Christof als Stagehand arbeitete, wenn sie in Graz gastierten. Nach Beendigung der Schule schlug Christof jedoch eine ganz andere Richtung ein und entschied sich für das Studium der Rechts­ wissenschaften, das er 2001 abschloss. Parallel dazu war er über 13 Jahre für Herwig Straka tätig und hat in dieser Zeit zahlreiche Großprojekte wie z.B. den Tennis Davis Cup, European-Tour-GolfTurniere, Tourneen der Spanischen Hofreitschule oder auch die Eröffnung der Stadthalle abgewickelt. Nach einem zweijährigen Ausflug in die Marketingabteilung der Graz2003-Kulturhauptstadt Europas GmbH war der Wunsch nach einer weiteren Veränderung da und es ergab sich die Möglichkeit, in den Marketingbereich der Stadthalle einzusteigen. Über die vergangenen Jahre hat sich in diesem Bereich sehr viel entwickelt und es sind Standorte hinzugekommen, ebenso wurde intern neu strukturiert, sodass heute die Gesamtverantwortung im Bereich Marketing und Kommunikation für alle Standorte (Congress, Stadthalle, Messe, UPC ARENA und Eishalle) in seinen bewährten Händen liegt.

Zusätzlich ist die Akquisition von Veranstaltungen ein wesentli­ cher Schwerpunkt seiner Tätigkeit und da zählt „gute internationale Netzwerktätigkeit zur wichtigen Basis des Erfolges“. Das ist auch mit einer guten Vermarktung der Standorte sowie der Stadt selbst verknüpft, auf die sich die Verantwortungsbereiche erweitern. „Wir bieten vollkommene räumliche Flexibilität und Full-Service für den Veranstalter. Mangels bestehender fixer Einbauten können wir die Stadthalle in allen erdenklichen Varianten anbieten und den Raum auf die jeweilige Veranstaltungsgröße anpassen. Diese breite Palette an Möglichkeiten ist auch die Herausforderung und der Reiz im Verkauf. Es macht einfach Spaß zu sehen, dass sich am Wochenende noch 10.000 Besucher von den Artisten des Cirque du Soleil verzaubern ließen, zeitgleich im Obergeschoss der Stadthalle ein Wissenschaftskongress stattfand und wenige Tage später in der gleichen Halle vielleicht ein Hallenmotocross-Rennen stattfindet. Die Zeiträume, in denen auf-, ab- oder umgebaut wird, werden immer extremer – unser Team vollbringt hier wirklich logistische Höchstleistungen, um diese Abläufe geregelt über die Bühne zu bringen, und in diesem Bereich hat sich das Haus in den vergangenen Jahren einen exzellenten Ruf erarbeitet“. Tatsächlich hat es bis dato noch keine Veranstaltung gegeben, die nicht ihren Raum in der Stadthalle hätte finden können. Selbst als 2008 die World Choir Games 20.000 Sänger nach Graz lockte, hatte die Halle genug Kapazität, um über 100.000 Menschen innerhalb von zwei Wochen unterzubringen. Nicht nur Flexibilität, sondern auch eine Vielfalt im Veranstaltungs­ programm spielt für Christof Strimitzer eine wichtige Rolle:

25


Wetten dass …?, 2008

Die Toten Hosen, 2012

Cirque du Soleil, 2012

„Neben einer entsprechenden Auslastung ist es auch unser Antrieb, ein möglichst breites Programm anzubieten – und dazu gehört neben Hansi Hinterseer genauso die andere Ecke wie Linkin Park, Family Entertainment wie AFRIKA!AFRIKA, mit dem Bauernbund­ ball der größte Ball des Alpenlandes, große Messen, Tagungen, Kongresse und Firmenevents, diverse sportliche Begegnungen oder eine Samstagabend-Unterhaltungsshow wie Wetten, dass…?“ Was uns besonders interessierte, war das Besondere an Live-Übertragungen im Fernsehen. Christof bezeichnete es als eigene Welt, vor allem in Bezug auf den Raumbedarf. Er beschrieb als Beispiel die Musikshow The Dome, für die über 10 Tage hinweg vier Hallen gebraucht wurden. Täglich waren im Schnitt 250 Mitarbeiter für den Aufbau tätig, was sich steigerte, als die Proben – erst mit Doubles, dann mit den originalen Künstlern – begannen. Am Sendetag selbst waren es 700 bis 800 Leute, die hinter den Bühnen arbeiteten. Für den Silvesterstadl beispielsweise wurden sämtliche Kulissen, Veranstaltungs- und Übertragungstechnik in einem sogenannten „cross loading“ in 90 Container verpackt und per Zug angeliefert. „Es gibt vergleichsweise keine Halle, die annähernd viele TV-Produktionen beherbergt hat wie die Stadthalle Graz. Derartige Formate rücken nicht nur die Location selbst in internationales Licht, sondern bringen auch für Stadt und Land einen wichtigen touristischen Wert – am Beispiel des Silvesterstadls kann man abseits des Wertes, der durch die Reichweite erzielt wird, von etwa 10.000 zusätzlichen Nächtigungen ausgehen, die durch die Produktion generiert werden“, so Christof Strimitzer. Intern ist der Betrieb sehr straff organisiert – etwa 90 Mitarbeiter sind in den von der MCG betriebenen Venues beschäftigt. Über 400 Veranstaltungen werden im Schnitt pro Jahr abgewickelt, über 1,1 Millionen Besucher frequentierten im vergangenen Jahr die Veranstaltungen in den Räumlichkeiten der MCG. Im internatio­ nalen Bereich hat sich die Stadthalle einen guten Namen gemacht, auch der dieser Kundenstock gewinnt stetig an Größe – besonders 26

Bauernbundball 2013

deutsche Produzenten haben in den letzten Jahren ihre Liebe zu Graz entdeckt. Zwei internationale Auszeichnungen durch den EVVC (Verband der europäischen Veranstaltungszentren mit über 300 Mitgliedern, darunter so prominente Häuser wie die Olympiahalle München, Westfalenhalle Dortmund etc.) durfte das Stadthallen-Team in den letzten Jahren ebenso in Empfang neh­ men, wie mehrfach gute Platzierungen in internationalen Ran­ kings des Verbandes. Durch das hautnahe Miterleben des Live-Geschehens vor Ort bekommt Christof natürlich mit, wie diverse Stars und Künstler „ticken“ – die scheinen oft ihrem eigenen Rhythmus zu folgen: Justin Timberlake wünschte sich eine spezielle Kaugummisorte, die allerdings außerhalb Amerikas nicht zu bekommen war. Iron Maiden wollten vorab eine Info zur lokalen Gastro-Szene und machten einen Streifzug durch die Grazer Schanigärten, Die Ärzte feierten mit 80-Mann-Crew bei einem Fußballspiel im Gösser-Bräu, Linkin Park ließen sich vorab die Speisekarten aus den Restaurants in die Stadthallen-Garderobe bringen, um die Speisen für den nächtlichen Weiterflug nach Finnland zu ordern, David Copperfield schickte gleich im Vorfeld einen 36-Seiten starken Catering-Rider und auch Nicolas Cage bestand auf seine spezielle Behandlung, als er vom Flughafen aus den StadthallenCaterer Toni Legenstein anrufen ließ, um mitzuteilen, dass sein Steak nun gegrillt werden durfte. Im Rückblick kann sich Christof noch gut an seine persönlichen Highlights im Laufe seiner Tätigkeit erinnern. „Zum ersten Mal bei Linkin Park das volle Haus mit 11.000 Personen zu erleben, erzeugte unter uns allen Gänsehaut. Es ist vor allem dann immer wieder aufregend, wenn eine entsprechend lange Akquisitionszeit hinter einem Projekt steht, oder man weiß, dass auch andere Hallen sich sehr bemüht haben, die eine oder andere Veranstaltung zu bekommen. Und wenn dann auch noch die Eurovisions-Fanfare eingespielt wird und Florian Silbereisen mit dem Helikopter von


Handball-Europameisterschaft, 2010

Peter Fox, 2009

Volbeat, 2010

der UPC ARENA in die Stadthalle eingeflogen wird und das sechs Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum live zu sehen bekommen, bringt das ein breites Lächeln auf mein Gesicht“. Besonders in Erinnerung bleiben natürlich ungeplante Einlagen der Künstler selbst. Er erinnerte sich, wie Farin Urlaub vor Beginn des Songs Unrockbar 11.000 Fans aufforderte, sich mal eben auf den Hallenboden zu setzen, um beim Refrain kollektiv in die Höhe zu springen. Seinen Ausgleich findet Christof im Privatleben: bei seiner Frau Ina, mit der er stolze 21 Jahre verheiratet ist, und seinen Kindern Moritz und Flora. „Meine Familie ist für mich wichtigster Energie-Geber und bietet mir ein gesundes Gegengewicht zu meinem Job“. Als erklärter Familienmensch versucht er auch, jede Minute seiner Freizeit derselben zu widmen. Darüber hinaus wirkt er dem „Stress“ der Arbeit mit Sport wie Badminton oder Joggen entgegen. „Ich liebe meine Arbeit und könnte mir auch nach über 20 Jahren Erfahrung nichts Aufregenderes vorstellen, als in der Live-Entertainment-Branche zu arbeiten. Zu guter Letzt wollten wir noch vorfühlen, was man in nächster Zukunft an Events in Graz erwarten darf, was bereits fix geplant ist und welche Events noch auf Christofs eigener Wunschliste stehen. „Der Konzertmarkt ist hart, der Mitbewerb hat sich in den vergangenen Jahren auch verstärkt und gut aufgestellt und die Planungs­ phasen werden immer kurzfristiger“, meint Christof. Ein paar Details dürfen allerdings schon verraten werden. Die Rückkehr der Hallenmotocross-Show Night of the Jumps Ende Jänner 2014 so­wie Gastspiele wie AFRIKA!AFRIKA! und der Sportfreunde Stiller stehen bereits am Programm. Rolando Villazon gastiert im Frühjahr 2014 im Stefaniensaal. Der Silvesterstadl wird 2014 wieder live aus der Stadthalle Graz gesendet. Im Sportbereich ist die Endrunde der American Football Europameisterschaft in der UPC Arena ein absolutes Highlight. Angesprochen auf die Veranstaltungen, die sich Christof persönlich in der Stadthalle wünschen würde, führt

Springfestival, 2011

unser Gespräch wieder zurück zum Anfang, als er meint: „KISS, AC/DC, Black Sabbath oder Metallica in der Halle zu haben, wäre ein kaum zu toppendes Ereignis“. Auch eine Open-Air-Veranstaltung steht weit oben auf der Liste. Wir wünschen Christof persönlich, dass sich diese Wünsche bald realisieren werden.

Christof Strimitzer – Shortfacts Geburtsdatum: 11.08.1972 Interessen und Hobbies: Musik, Sport Was ich noch erleben möchte / Lebensziel / Wunschträume: Beruflich: Viele tolle Veranstaltungen in unseren Venues. Privat: Viele schöne Momente mit meiner Familie. Die Stadthalle bedeutet für mich: 1. Ein toller Arbeitgeber 2. Ein tolles Team 3. Eine tolle Möglichkeit für die Stadt Graz, im internationalen Rampen licht zu stehen. Über 4,5 Millionen Besucher haben in den vergangenen 10 Jahren die Stadthalle besucht. Über 1800 Veranstaltungen fanden statt – vielfach in einer Dimension, die ohne Stadthalle in Graz nicht durchführbar gewesen wäre..

27


Foto von Michael Saechang

Anzeige

JETZT GANZ FRISCH: www.concarne.at


Sophie Rastl und Toni Burger, Foto: Jacqueline Korber

Musik

„Sprudeln

is a guats Wort“

Ein Bericht von Anita Raidl, Fotos von Fritz Fitzke, Jacqueline Korber, alpenpost.at und HM&ES

Ü b e r d i e Ru h e vo r d e m S t u rm . Ü b e r da s A n ko mm e n u n d da s L e b e n i m M o m e n t. A n i ta R a i d l e r i n n e rt s i c h a n „ S p ru d e l , S p ru d e l & M u s i k “ i m A u g u s t 2 0 1 3 – e i n F e s t i va l ru n d u m K u n s t, K u lt u r , N at u r u n d M e n s c h i n G ö s s l a m Gru n d l s e e .

Soundritual, Foto: Fritz Fitzke

Glen Hansard, Foto: alpenpost.at

29


Dani Mayu und Sebastian Rastl, Foto: alpenpost.at

„Muschel“ von Mizzi Pur, Foto: alpenpost.at

Martin Klein, Foto: Jacqueline Korber

Das Wasser sprudelt, die Gedanken sprudeln, die Worte sprudeln aus einem heraus. Es sprudelt! Sprudeln ist ein vielseitiges Wort. „Sprudeln is a guats Wort“, sagt Franz Steinegger, Veranstalter von „Sprudel, Sprudel & Musik“ und blickt auf die sommerlich blühende Wiese hinaus. In diesem Jahr zieht „das Sprudeln“, wie man das Festival hier liebevoll nennt, schon zum neunten Mal ins Land – keine Selbstverständlichkeit, denn Franz Steinegger überlegt stets aufs Neue, ob er die damit verbundenen Herausforderungen und Risiken auf sich nehmen möchte. Vielleicht ist es die Liebe zum Experiment, die ihn dann doch immer wieder dazu bewegt. Oder die Leidenschaft für die Musik und die Freude an einem kreativen, inspirierenden Miteinander. Franz Steinegger, der mit seiner Familie in einem Bauernhof im Zentrum von Gössl lebt, hat die Sache jedenfalls fest im Griff und man spürt: Das Dorf steht hinter ihm. Das Telefon klingelt, Franz muss weiter. Es gibt noch viel zu tun am Tag vor dem Tag. Sachen müssen transportiert, Wichtiges ausdiskutiert und das ganze Dorf in eine Bühne verwandelt werden. Die Scheune, der Garten, die sogenannte „Fuchskirche“, die große Wiese, wo das diesjährige Experiment, das „Soundritual“, uraufgeführt wird. Die Hauptbühne, auf der Otto Lechner & das Ziehharmonische Orchester und Oscar-Preisträger Glen Hansard auftreten werden. Alles wird zurechtgemacht, Traktoren drehen ihre Runden und die Künstler treffen ein. Man umarmt sich, man kennt sich oft schon aus vergangenen Jahren. Auch Musiker und Almhirte Toni Burger ist wieder mit von der Partie. „Ich entdecke sehr gerne Gemeinsamkeiten zwischen traditioneller und mo­ derner Musik. Wichtig dabei ist aber Liebe und Respekt zum traditionellen Gut“, lautet sein Credo, das stellvertretend auch für die gesamte Sprudel-Kultur stehen kann. Während wir miteinander Foto: alpenpost.at

30

Mizzi Pur, Foto: Jacqueline Korber

sprechen, beginnt die Bildhauerin Mizzi Pur ihren „Kürbis“ aus Holz und Spiegelfedern auf einen Traktor zu laden. Im gemütlichen „Briggl“ nebenan sitzen Wolfgang Kuthan, Karl Ritter und Projektionskünstler Fritz Fitzke, sie treffen letzte Vorbereitungen für das Soundritual, das die Menschheitsgeschichte von der Schöpfung weg mit einem einzigartigen Sound vor Augen und ins Ohr führen wird. Daran beteiligt sind Künstler wie Susanna Ridler, Peter Herbert, Hans Tschiritsch, Battista Acquaviva und auch die Ausseer Soundfactory. Ich höre bei den Proben von Toni Burger, Matthias Jakisic, Sophie und Sebastian Rastl zu und merke: Hier ist es möglich, den Moment zu leben. Was danach passiert, ist eine Erinnerung der Erinnerung. Ich wache auf und weiß: Es wird ein langer Tag werden. Ich spreche mit Glen Hansard und vielen anderen, ich massiere den Rücken von Battista Acquaviva, ich esse „Hasenöhrl“ und selbstgemachtes Brot, ich versuche, meine Haut vor der Sonne zu schützen. Ich beobachte, wie Besucher durchs Dorf und in den Wald hinein mäandern, wie manche ihr Herz an Glen Hansard verlieren und erstaunt eine Butoh-Tänzerin in der „Fuchskirche“ entdecken. Ich warte. Ich versuche, alles einzufangen und aufzusaugen. Ich stehe vor der Gössler Wand, bewundere Mizzi Purs „Muschel“ im Bach und höre Jazzsängerin Susanna Ridler sagen: „Es nimmt dir den Atem, es ist wirklich beeindruckend in dieser Kulisse von purer Wildnis und Natur.“ Ich lausche den Klängen von Martin Klein, Paul Gulda & Marwan Abado, Martin Spengler und die foischn Wiener. Wörter wie „magisch“ fallen. Ich trinke mit dem „Annerl“ Sepp, dem Vater vom Franz, einen Schnaps im „Briggl“. Ich bin vom Soundritual gebannt. Ich bin bis in die Nacht hinein dabei. Die

Spontanes Jodeln, Foto: alpenpost.at

Foto: HM&ES


Thalhammer, Eidlhuber, Eder, Foto: alpenpost.at

Gespräche werden länger und zu wundersamen Geschichten über das Leben. Dann wandere ich in mein Nachtquartier, das Musikzimmer vom Franz, und ruhe mich aus. Zwischen Piano und Waschbecken. Zwischen musikalischen Nachklängen und sprudelnden Gedanken. Am Tag nach dem Tag blicke ich vom Balkon aus übers Dorf. Viele sind schon wach und klagen beim Frühstück im Garten über die kurze Nacht. Am Nachmittag schwimme ich im Grundlsee, das Wasser ist warm und der Abschied von diesem wunderbaren Ort zum Greifen nah. Später lese ich in einem fm4-Interview, dass für Glen Hansard „Sprudel, Sprudel & Musik“ das größere Highlight war als der Auftritt seiner Band am Glastonbury Festival. Für mich war das Sprudeln sicherlich das herzlichste Kultur-Festival, das ich bis jetzt erlebt habe.

Martin Spengler & die foischn Wiener, Foto: alpenpost.at

Nachsatz: Anfang 2014 erscheint eine Dokumentation (Regie: Angi Poganitsch) über das Dorf Gössl. Mit dabei: Viele Gespräche mit Künstler/innen vom diesjährigen Sprudeln. Infos: www.steineggerfilm.at Außerdem lockt im Oktober und November die „Sprudel Nachspeis“ nach Gössl: 31.10. – Streich Quartett (Toni Burger, Matthias Jakisic, Sophie Rastl, Sebastian Rastl) 09.11. – Martin Spengler & die foischn Wiener 16.11. – Der Alpenblues Mann (Franz Thalhammer, Christian Eidlhuber, Georg Eder) 22.11. – Von Bach bis Beirut (Marwan Abado und Paul Gulda) 29.11. – Martin Klein solo Mehr dazu auf www.sprudelsprudel-musik.com Anzeige

Komm zu den Guten! Wir lassen dich nicht im Wald stehen. Webdesign IT-Optimierung & Security Verkauf von umweltfreundlichen Rebuilt-Tonern Auf die Profis von wootwoot kannst du vertrauen.

www.wootwoot.at 31


Musik

Fritz Stingl Austro-Alpenreggae vom Feinsten Interview von Lisz Hirn, Fotos von Steinegger Film und Anne Geier

Die 2010 gegründete Band FRITZ STINGL aus Ebensee blickt tief in die österreichische Volksseele. Dass das gut gelingen kann, hat Initiator und Urgestein Fritz Stingl bereits mehrfach bewiesen: als jahrelanger Bandleader von Hans Söllners „Bayaman Sissdem“ und auch in seiner Arbeit als Sozialpädagoge. Mitterlerweile kann er auf zwei MundartReggae-Alben (STÜNGÖ – Zwizah, Um wos gehts’n) verweisen.

32

fritz.stingl@gmx.at, Video auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=2Fp4A6idTuE


F. S.: Ich sehe mich als einen Teil der „Volksseele“ – und nenne alles beim Namen, ob gut oder schlecht …

Die erste Single Die Lösung von FRITZ STINGL wird am 21. März 2013 digital released, wie auch das dazugehörige Video. Dem X-Rockz-Magazin steht „Maestro“ Fritz Stingl vorab Rede und Antwort. XRM: Man sagt immer, dass Kunst etwas sagen „will“. Warum heißt euer kommendes Album Voiksmund?

F. S.: Für mich ist Tradition schon wichtig, jedoch habe ich auch einen etwas iro­ nischen Blick darauf, der sich in meinen Texten deutlich niederschlägt.

Fritz Stingl: Voiksmund deshalb, weil ich verschiedene Themen in meinen Texten aufgreifen kann, die der „Voiksmund“ so spricht … also eine breite Palette.

Wen, glaubst Du, spricht euer neues Album VOIKSMUND besonders an? Die Unkonventionellen oder die Traditionellen?

Wer sind VOIKSMUND? Da hätten wir zu­ allererst Fritz Stingl, dann ...

F.S.: Bei meinem neuen Projekt habe ich sehr gute Musiker an meiner Seite, wie: Georg Wild, Vrony Kosch, Thomas Faltin, Sigi Lemmerer, Julia Sitz, usw. Wie letzt­ endlich die Tourbesetzung aussieht, das wird demnächst besprochen. Die alpenländischen Wurzeln sind unüberhörbar. Was ihr macht ist echter “Alpenreggae”. Wie wichtig ist Tradition für euch?

F. S.: Ich glaube und hoffe, dass es alle anspricht, da sehr viele Menschen die Themen durchleben, die wir in unseren Liedern wie­dergeben. Was hat dich eigentlich auf die Idee gebracht, FRITZ STINGL zu gründen? Was hat Dich ge­ reizt?

F. S.: Ich habe schon seit Jahren eine Dialekt-Reggae-Band namens Stüngö, mit der wir erfolgreich durch die Lande ziehen. Mit dem Projekt Fritz Stingl geht es in Richtung „neue Volksmusik“, Funk, Rock, usw. Es ergibt sich also eine sehr große Bandbrei­ te. Den Grund­ stein für das Projekt Fritz Stingl legte ich mit Thomas Faltin, der sich auch für die sehr gute Qualität der Songs verantwortlich zeigt.

Wie heißt der Song, der euch am besten charakterisiert? Verrätst Du uns den bandinternen Fritz-Stingl-Favoriten?

F. S.: Unser Favorit ist natürlich Die Lösung, die am 21. März als Single und Videoclip erscheint. Wenn man die Fotos zu euren Drehs sieht, denkt man, dass ihr wirklich viel Spaß habt … Wie viel davon ist Show?

F. S.: Keine Show … es ist kaum zu glauben, aber wir haben wirklich Spaß an unserer Arbeit. Wohin geht Fritz Stingls Reise als Nächstes? Was sind die nächsten Ziele?

F. S.: Ziel ist es, mit dieser Band den Leuten unsere Musik erfolgreich zu unterbreiten – vom Nova-Rock bis zum Heimatabend in Jodlhofen … Dein Wunsch an die gute Fee lautet:

F. S.: Gesund bleiben, um weiter gute Musik zu machen.

Ehrlich, bodenständig und mit einer reichlichen Portion schwarzen Humors - ist Fritz Stingl die Antwort auf die Frage nach der österreichischen „Volksseele”?

33


Musik

„Wenn du nicht in die vorgegebene Schublade passt, wirst du augenblicklich abserviert.“ E i n e S i t uat i o n s a n a ly s e d e r ö s t e rr e i c h i s c h e n M u s i k s z e n e . Austropop war lange out. Die goldenen Zeiten eines Wolfgang Ambros und Georg Danzers sind lange vorbei. Eine Musikerin lässt sich aber davon wenig beeindrucken und feiert das Mundart-Genre mit Inbrunst. Birgit Denk zählt in Österreich inzwischen längst zu einer Institution in Sachen Mundartpop. Wohl kaum eine andere heimische Künstlerin steht so sehr für die Wiederbelebung dieser Musikrichtung wie die gebürtige Hainburgerin. 2010 feierten die Sängerin und ihre Band DENK mit einer ausgedehnten und höchst erfolg­ reichen Tour durch den deutschen Sprachraum ihr zehnjähriges Bestehen. Mit Tua weida gab es zudem auch ein weiteres Album, das einmal mehr von den Kritikern des Landes mit viel Lob bedacht worden ist. 2012 hauchte die Band alten österreichischen Kabarett­ liedern aus den 50er Jahren neues Leben ein und mischte unter dem Projektnamen Birgit Denk & Die Novaks die Wiener Musikszene auf. Denk moderiert außerdem wöchentlich die Sendung Was gibt es Neues? auf Radio Orange 94.0 (immer donnerstags von 14:00-15:00 Uhr), in der sie musikalische Neuerscheinungen vorstellt. Mit X-Rockz sprach die Sängerin über ihre Karriere, Projekte und die schwierige Situation der österreichischen Musikszene.

Interview von Ursula Raberger und Johann Holzleitner, Fotos von Erwin Schuh, Miggl

Schon als Kleinkind habe ich mit der Familie musiziert, gesungen und außerdem ab meinem 4. Lebensjahr die Musikschule besucht. Mit 17 musste ich meinem damaligen Gitarrenlehrer Roland Neuwirth versprechen, dass ich weiterhin Musik mache. Daraufhin hab ich im Bazar eine Annonce geschaltet: „Musikerin sucht Kommerzband“. Gemeldet hat sich schließlich eine Indieband und wir haben im Stil von Skunk Anansie die Band Hertz gegründet. Im Laufe der Jahre sind auch meine jetzigen Bandkollegen Alex Horstman und Thomas Tinhof bei Hertz eingestiegen. Nach einigen Streitigkeiten mit den anderen Bandkollegen haben wir uns schließlich aufgelöst und DENK wurde gegründet. Wo müssen sich junge Musiker hinwenden, wenn sie vom muffigen Probenkeller auf die große Bühnen wollen?

Momentan ist es für talentierte junge Musiker das Beste ins Ausland zu gehen. Budapest, Berlin, Madrid, Rom, … ganz egal wohin. Fragt nach Open Stages und spielt einfach drauf los. Ganz wichtig ist es heutzutage, international zu networken und sich zu verknüpfen. Du bist ja doch jetzt schon über 10 Jahre mit deiner Band DENK unterwegs und spielst in ausverkauften Häusern, trittst sogar im ORF auf. Es dürfte ja kein Problem sein, in den österreichischen Radios Airplay zu bekommen …

Wie hat dein Start in der österreichischen Musikszene ausgesehen?

Einstieg im eigentlichen Sinne gab es bei mir nicht. Musik war von frühester Jugend an ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. 34

Das Problem ist einfach, dass unsere Generation nicht mehr bei dem Boom, den österreichische Musik noch in den 80er-Jahren auslöste, mitwirken konnte. Wir haben die Erfahrung gemacht,

http://www.bdenk.at/


dass wir damals auf ein auslaufendes Modell gesetzt wurden. Dieses Problem haben aber nicht nur wir, sondern auch viele andere österreichische Musikerinnen und Musiker. Wiener Dialekt ist die Sprache der Musik, der du dich verschrieben hast und stehst damit in einer Tradition von Cissy Kraner, Marianne Mendt, Kurti Ostbahn und Hansi Lang. Musi­ker also, die sich in den 70er-Jahren und früher etabliert haben, in einer Zeit, in der Dialekt­musik massentauglich war. Was hat sich hier konkret geändert?

Vieles! Musik aus Österreich ist im Moment ein Nischenprodukt und Dialekt gilt allgemein als uncool. Es ist schwieriger geworden Livekonzerte aufzustellen, im Radio gespielt zu werden und im Internet seinen Platz zu finden. Im letzten Jahr hast du mit deiner Band ein neues Musikprogramm in Angriff genommen. Warum kam es zur Erweiterung von DENK zu den Novaks?

Die Idee zu dem neuen Programm wurde 2011 geboren. Preiser Records und das Casino Baumgarten haben Künstler für eine Jubiläums-CD gesucht, die alte Nummern von österreichischen Sängerinnen und Sängern neu interpretieren. Wir wurden angesprochen, haben gleich begeistert mitgemacht und den Song Aber der Novak lässt mich nicht verkommen von Cissy Kraner für dieses Album aufgenommen. Danach waren wir so begeistert von den alten Preiser-Nummern, dass wir beschlossen haben, auch mehr daraus zu machen und ein eigenes Programm zusammen zu stellen. Mein Bandkollege Ludwig Ebner hat daraufhin die Lieder von Hermann Leopoldi, Topsi Küpers, Helmut Qualtinger, Louise Martini und Co neu arrangiert und wir haben unsere Band durch eine Geigerin und eine Bratschistin erweitert.

dass sie anonym bleiben. Ich habe noch nie gehört, dass ein CD-Projekt auf eine solche Art und Weise zustande gekommen ist und Menschen aus einem persönlichen Engagement heraus Musik fördern. Darauf bin ich natürlich besonders stolz. In Deutschland gibt’s den Echo, in Österreich den Musikpreis Amadeus. Wie wichtig ist so ein Award für einen österreichischen Musiker?

Der Amadeus ist ja die einzige Auszeichnung, die man in Österreich als Musikschaffender erreichen kann. Insofern ist es für einen Künstler natürlich sehr wichtig einen zu gewinnen bzw. nominiert zu werden. Man bekommt dadurch die Chance, sich „ins Spiel“ zu bringen. Auch für das Konzert-Booking ist der Amadeus essentiell. Für Veranstalter ist es heute wichtiger, einen Amadeus-Gewinner bzw. -Nominee anzupreisen, als eine Band, die beispielsweise das Metropol in Wien schon mehrmals gefüllt hat. Außerdem bietet die Amadeus-Verleihung eine gute Plattform zum Netzwerken und mit Kolleginnen und Kollegen aus der Musikbranche in Kontakt zu bleiben. DENK war schon zweimal nominiert für den Preis, bekommen haben wir ihn allerdings noch nie.

Die Novak-CD hätte ja aus finanziellen Gründen gar nicht entstehen können, trotzdem gibt es sie. Wie kam es dazu?

In Deutschland werden jährlich mehrere junge Bands zu Stars gemacht; in Österreich sieht es diesbezüglich düster aus. Seit Christina Stürmer tut sich nicht mehr viel. Und sie ist ja auch das Produkt einer Castingshow. Woran liegt das?

Als wir bemerkten, dass dieses neue Programm auf fruchtbaren Boden gefallen war und sowohl bei Publikum als auch bei der Presse gut ankommt, wollten wir natürlich eine CD aufnehmen. Ich habe daraufhin ein Konzept geschrieben und einige Firmen um ein Sponsoring gebeten. Leider kam von allen umgehend eine Absage. Im Endeffekt hat uns ein Ehepaar den Betrag privat zur Verfügung gestellt. Die einzige Auflage, die sie an uns gestellt haben, ist,

Meiner Meinung nach liegt es in erster Linie daran, dass du heute perfekt funktionieren musst, wenn du auf Ö3, FM4 und Co gespielt werden möchtest. Junge Künstlerinnen und Künstler bekommen heute nicht mehr die Gelegenheit zu experimentieren. Wenn du nicht in die vorgegebene Schublade passt, wirst du augenblicklich abserviert. Ich vergleiche die österreichische Musikförderung immer gerne mit einem Garten, den man zehn

Jahre zuwuchern ließ und sich heute wundert, dass keine Erdbeeren und Zierrosen darin wachsen. Das ist ein Problem, das sich so schnell nicht lösen lässt. Veranstalter buchen nur Musiker, die ihnen volle Hallen bescheren, die Menschen wollen nur mehr das hören, was ihnen das Fernsehen vor­gibt. Durch diesen Teufelskreis fehlt es heute auch stark am Selbstbewusstsein der Musiker. Es wäre auch wichtig, endlich von diesem Prinzip „Mach’ du Musik - aber ich zahl’ nichts dafür“ wegzukommen. Du hast ja wöchentlich deine eigene Radiosendung, in der du junge Bands und ihre Musik vorstellst. Welche Erfahrungen machen diese auf dem Weg zum Plattenvertrag?

Radio Orange ist ja ein freier Radiosender und ganz nach diesem Prinzip können sich junge Bands und Musiker hier selbst zu meiner Sendung einladen und die Chance nutzen, eine Stunde über ihre Musik zu plaudern. Ich persönlich finde es toll, neue junge Bands kennen zu lernen und zu sehen, was die nächste Generation so macht. Oft habe ich testosteronschwangere 17-Jährige bei mir im Studio stehen, die davon überzeugt sind, demnächst Welt­ karriere zu machen. Diesen Optimismus finde ich extrem wichtig und schön. Außerdem versuche ich auch, soweit es mir möglich ist, gute neue Bands zu unterstützen. Nach allem was wir bisher gehört haben, interessiert uns natürlich jetzt brennend, wie es mit DENK bzw. den Novaks weiter geht? Wie sehen deine Zukunftspläne aus?

Wir sind gerade dabei, neue DENK-Lieder für eine CD zu schreiben. 2012 haben wir fast ausschließlich nur unser Novak-Programm gespielt – in diesem Jahr wird’s wieder ausgewogener und wir werden unseren Fans wieder beides bieten. Danke für das Gespräch! (Das Interview wurde ausschließlich im Wiener und Oberösterreichischen Dialekt geführt)

35


Musik

Nicht umsonst gelebt Bericht von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Cornelia Schwingenschlögl und Eva Vujic

Da s l e t z t e Dr a h d i wa b e r l - Ko n z e rt – d i e s m a l i s t e s w i rk l i c h s ow e i t. N ac h v i e r z i g J a h r e n m u s i k a l i s c h e m Ak t i o n i s m u s l e g t S t e fa n W e b e r s e i n e n „ S u p e r s h e r i f f - S t e r n “ e n d g ü lt i g a b . Unbedingt wollte er kein Interview geben, ist eh stressig genug heute, vor dem tatsächlich letzten Drahdiwaberl-Konzert. Glücklicherweise sitze ich dann doch mit ihm zusammen – mit Stefan Weber höchstpersönlich. Erst einmal wird angestoßen, dann sagt er: „Dieser Schmäh rennt seit 20 Jahren, jetzt wird’s fad, weil das glaubt eh keiner mehr. Nein, ich muss ehrlich gestehen, es ist das Alter.“ Er ist jetzt 66 und die Unfallgefahr, die mittlerweile nicht nur seine legendären Auftritte, sondern zunehmend auch der Alltag mit sich bringen, steigt. Es ist Zeit für den Abschied von der Bühne.

36

Sein aktuelles Team, zu dem auch seine Tochter Monika gehört, ist im Schnitt dreißig Jahre jünger als er. Spaß hätte er zwar noch immer dran, aber nicht mehr so sehr wie früher: „Die Interessen verlagern sich schon ein bisschen.“ Natürlich wird es ihm hie und da fehlen, auf der Bühne zu stehen. Ein Show-Mensch ist er ja immer


gewesen: „Ich hab ja als Säugling angefangen, Shows zu machen.“ Naja, das ist vielleicht übertrieben, aber schon im Kinder­ garten hat er immer die Haupt­rolle gespielt. Der heutige Auftritt findet auch als Auftakt zur Ver­ nissage Blutrausch statt: „Ich hab nie eine Ausstellung gemacht, wo nur einer oder zwei Reden schwingen und dann gehen die Leute rum, essen ein paar Soletti

und trinken ein paar Achterl.“ Immer hat er dem interessierten Publikum eine ZusatzAction geboten, ein Kabarett oder Ähnliches. Die aktuelle Ausstellung ist seine bisher größte: „Es war ja höchste Zeit, dass s’ mi’ mal entdecken, ich bin ja bis jetzt nicht richtig gewürdigt worden.“ Doch nun endlich hat er’s ins Wien Museum am Karlsplatz geschafft. Das gab ihm auch die Gelegenheit, einmal mit dem Museums­ direktor Wolfgang Kos zu diskutieren, den er bis dato kaum gekannt hatte. Ihn kennt man auch durch die le­gendäre Ö3-Radiosendung Die Musicbox, die er zusammen mit André Heller, Michael Schrott und Alfred Treiber ab 1968 aufgebaut hatte. „Die haben Drahdiwaberl aber eher verrissen.“ Generell hatte die Band nur wenige Medien musikalisch auf ihrer Seite, schon aufgrund ihres rockigen Sounds. Viele Kritiker waren eher reserviert. „Im Falter haben s’ wenigstens geschrieben: ‚Die Drahdiwaberl sind

vielleicht etwas altmodisch, aber sie waren zumindest lustig.’“ Auch beim Kurier gab und gibt es eine Fürsprecherin, die Kolumnistin Magdalena Rauscher: „Die hat zum Beispiel einen unheimlich lieben Artikel zu meinem 60er geschrieben.“ Wenn er so etwas liest, möchte er nicht aufhören. Die Drahdiwaberl-Texte wurden meist von ihm verfasst: „Das ist schon oft viel mit Sex. Das schockiert nach wie vor, das ist irre.“ Jetzt ist seine Autobiografie in Arbeit: „Die wird lustig, sicher lustiger als der Ambros.“ Das reizt ihn im Moment mehr, es ist auch sicherer als Live-Auftritte: „Do muaß i net von der Bühne fliag’n oder so.“ Als Musiker sieht er sich selbst eigentlich überhaupt nicht, hat er noch nie. Wie es kommt, dass dann ausgerechnet er eine Band mit so großem Namen hat? „Schon als Kind wollte ich nicht umsonst gelebt

37


„Man kann ohne einen einzigen Tropfen Blut schockieren.“ haben. Ich wollte berühmt werden.“ Also hat er sich „einig’haut“, alles Mögliche gemacht und Erfahrungen gesammelt. Dabei ist er draufgekommen, dass man nur dann eine Chance hat, wenn man über­rascht und Unerwartetes liefert. Sein Talent, die dafür richtigen Leute kennenzulernen, kam ihm bei der Umsetzung seines Plans zugute. „Natürlich muss man sich schon was trauen, die Anlage dazu haben.“ Seiner Mei­ nung nach sind die Österreicher überhaupt die besten Schockierer, sogar besser als die Engländer. Drahdiwaberl selbst liefert dafür den überzeugendsten Beweis. Wobei die Band es nie nötig hatte, Fäkalien zu verwenden oder ernsthaft Grauslichkeiten zu veranstalten: „Man kann ohne einen einzigen Tropfen Blut schockieren.“ Lustig soll es sein. Das Wichtigste für Stefan war immer, eine gute Show zu liefern. Ein bisschen Unruhe entsteht im Hinter­ grund, Stefan, aufgeregt: „Müssen wir gehen oder was?“ Nein, nein, 20 Minuten haben wir noch Zeit. Weiterer Besuch ist in der Wohnung eingetroffen und wird

38

mit den Worten begrüßt: „Ja hallo, du störst uns sowieso, wir führen da wichtige Gespräche.“ Die Ausstellung Blutrausch sollte übrigens drei neue Werke beinhalten. Stefan hat es aber zeitlich nicht geschafft, sie fertigzu­ stellen – einfach zu beschäftigt. Nicht einmal Zeit für seine Hobbys ist geblieben: „Ich bin ja ein Kino-Freak und wenn ich früher nicht drei Mal pro Woche ins Kino gekommen bin, ist es mir nicht gut gegangen. Und jetzt war ich schon drei oder vier Wochen nicht.“ Zuletzt hat er Die Jagd von Thomas Vinterberg gesehen, den er sehr erschütternd fand: „Da war ich fertig!“ und davor hat er drei Mal hintereinander Django geschaut. Für ihn etwas ganz Besonderes. In einem „Westler“ hätte der alteingesessene Cowboy- und Westernfan schon immer gern mal mitmachen wollen. Einmal besaß er sogar einen echten Stetson, der ihm aber leider gestohlen wurde. Zwischendurch flackert wieder die Auf­ regung wegen des Auftritts auf. Zu spät

kommen will er auf keinen Fall. Aber seine Tochter Monika und das restliche Team haben alles bereits organisiert, telefonisch abgeklärt und fest im Griff. Also bleibt noch ein bisschen Zeit zum Quatschen, unter anderem über das X-Rockz-Magazin und Graz. „Graz ist, glaub ich, die einzige Stadt in Österreich, wo ich – außer in Wien – auch leben könnte“, sagt Stefan. Einige nette Leute hat er dort kennengelernt und es gibt dort sehr viele Bands. „Wenn ich an den Beiseln am Kaiser-Josef-Platz vorbeigeh’, gibt’s immer gleich ein Gejohle … da weiß ich schon vorher, das wird immer ein Absturz.“ Auch der Dokumentar-, Kon­ zert- und Spielfilm Weltrevolution, der von Drahdiwaberl handelt, feierte in Graz fulminante Erfolge. Stefans Tatendrang wird nur durch eins eingeschränkt: Seine Parkinson-Erkrankung, die sich vor vier Jahren innerhalb weniger Monate merkbar verschlimmert hat. „Das ist eine Scheiß-Krankheit, aber es gibt Ärgeres“, meint er dazu, „Krebs möchte ich nicht haben. Parkinson tut nicht weh und


verkürzt das Leben nicht.“ Was ihm leid tut, ist, dass er deswegen nicht mehr zeichnen kann. Schriften muss er nun am Computer machen, anstatt sie freihand zu entwerfen. Zurück zum Konzert: Für den heutigen Auftritt ist nichts allzu Wildes geplant, eher „ein nostalgischer Abend“, wie Stefan es ausdrückt. Da fällt ihm wieder ein: „Müssen wir nicht schon fahren? Wie spät ist es denn?“ Die „Zeit-Nervosität“ hat er nie ganz ablegen können. Egal, ob es um einen Gig oder einen Kinobesuch ging – immer hatte er Angst, zu spät zu kommen. Das hat er in abgeschwächter Form von seinem Vater geerbt, der immer „wenn er wo hin hat müssen, drei Stunden vorher dort gewesen ist“. Auch bei den Proben mit seiner im Moment aus „dreißig Wahnsinnigen“ bestehenden Band ist er immer überpünktlich. Rund um Drahdiwaberl gibt es auch einen großen Pool an Leuten, die nicht fix dabei sind, die aber immer wieder mitmachen oder geistigen Beitrag leisten. Jetzt wird es aber wirklich Zeit zum Auf-

brechen. Schnell wird noch überprüft, ob alles Wichtige eingepackt ist, zum Beispiel ein riesiger Umschnall-Gummi-Dildo, der um ein Haar zurückgeblieben wäre („Vergessz ma den Beidl net, den kann sicher wer brauchen!“). Dann geht’s per Taxi samt Tequila aus dem Flachmann und Falco aus dem Radio ab zum Ort des Geschehens. Es hat sich schon eine Fan-Meute angesammelt, die zur Begrüßung lauthals „Stefan! Stefan!“ skandiert. Im Backstage-Bereich herrscht reges Treiben. Monika Weber verteilt Gurken an „Kieberer“. Ein Mann mit Gummimaske trockenvögelt probeweise eine Mönchin in enger brauner Kutte. Hektisch wird nach einem Leatherman gesucht. Es ist ein ständiges Begrüßen, Besprechen, Aus-, Umziehen und Hantieren mit abstrusen und noch abstruseren Requisiten im Gange. Doch schließlich sind alle fertig ausgestattet und bereit. Vor der Open-Air-Bühne am Karlsplatz/ Resselpark hat sich trotz unangenehmster Wetterbedingungen eine beachtliche Zuschauermenge zusammengerottet. Dann legt Drahdiwaberl los. Zum Abschied

gibt’s den Stechschrittmambo, Lonely, Bück dich und viele weitere, wohlbekannte Stücke. Ununterbrochen geht es auf jedem Qua­ dratzentimeter der Bühne so richtig ab. Jeder einzelne Mitwirkende ist jede Sekunde lang Darsteller und gibt alles. Wie immer geht die Tatsache, was für originelle, hochwertige Musik einem da eigentlich geboten wird, hinter dem grellen Schauspiel fast unter. Und mittendrin Stefan Weber, flankiert von zwei „Muskelmännern“, die ihn stützen, in seinem Element. Als das Konzert zu Ende geht, sind die ersten vier Publikumsreihen von oben bis unten eingesaut, ganz wie es sich gehört. Die Menge zerstreut sich. Ein großer Teil strömt in Richtung Blutrausch-Vernissage, ein Teil bleibt noch, um sich an einem der Standeln mit Bier zu stärken, einige fliehen wohl vor dem kalt-nassen Abend direkt nachhause. Ein bisschen traurig ist es schon, dass man den „Supersheriff“ zum (jetzt wirklich!) letzten Mal live on stage gesehen hat … aber schön ist es auch, dass man dabei ge­ wesen ist. Im Herzen zurück bleibt ja für immer ein kleines Stück Werwolfromantik.

39


Musik

Scarecrow N.W. A. Bericht von Jenny Jameson, Fotos von Anna Grivas

K R AFT VOLLE R DEATH - U M A R M T M ELODIC UND BLAC K M ETAL Die fünf Grazer zeigen uns in ihrem brandneuen Werk Transgression wie sich so was gefälligst anzuhören hat – eben „advanced death-metal art“. Wer Scarecrow N. W. A. (noch) nicht kennt, wird mit diesem Begriff vorerst nicht viel anfangen können, wurde dieser Stil doch eigens von der Band definiert. Bereits beim ersten Reinhören in die frischgebackene Schöpfung wird einem schnell klar, dass es sich hier nicht um simples, typisches Death-Metal-Geprügel handelt, sondern weitaus mehr dahinter steckt. Und das obwohl sich das fünfte full-length Album Transgression lediglich der bodenständigen Metalwerkzeuge bedient: wuchtige Gitarren, ausdrucksvollem Bass, schlagartigen Drums und kraftstrotzenden Vocals. Worin nun die künstlerische Komplexität besteht? „Einerseits ist bei unserer Musik das kompositorische Element nicht zu unterschätzen“, erklärt uns Bernd K., der Sänger und Textschreiber des Quintetts, „und andererseits ist auch die klangvolle Kompo40

nente durch die Black- und Melodic-Metal-Einflüsse keinesfalls anspruchslos, weder für uns noch für den aufmerksamen Zu­ hörer“. Transgression hat jedoch noch eine weitere Besonderheit. Ursprünglich als Album geplant, das noch vor der großartig pro­phezeiten Apokalypse 2012 anlässlich derselben veröffentlicht hätte werden sollen, konnte dieses leider erst 2013 fertiggestellt werden. Dafür aber umso durchdachter und sinnvoller. Die Besonderheit liegt hier in den Lyrics, die auf den ersten Blick zwar das typische Death-Metal-Klischee von Sehnsucht, Tod und bloßem Verderben zu erfüllen scheinen, aber bei genauerer Betrach­tung eine große Bandbreite an Subjektivität und Auslegungsmöglichkeiten bieten. Und da der Grat zwischen Hass, Liebe und dem Wunsch nach einer besseren Welt bekanntlich ein sehr


schmaler ist, bilden die Pointen jedes einzelnen dieser neun Tracks einen roten Faden: die (für jeden) verschiedenartige Suche danach. In den Hintergrund geraten sollte hierbei trotz allen Anspruchs jedoch nicht die Tatsache, dass Transgression jedem Hörer eine Druckwelle an angenehmer Heftigkeit ans Ohr knallt, welche jedes Metallerherz höher schlagen und dessen Besitzers Kopf rotieren lässt. So unterschiedlich die Nummern hier vom melodischen Aspekt aus auch sind, so sehr gehen sie dennoch voll ins Hirn. Die kraftvollen und gleichzeitig äußerst melodischen Riffs verdanken wir den sieben Saiten der beiden Klampfisten Gsputi und Alex D., der Gründervater der mittlerweile 18-jährigen Scarecrow N. W. A. Mit von der Partie sind außerdem Stef K., der das Schlagzeug hemmungslos durchprügelt, sowie Oliver R., der erst durch Scarecrow N. W. A. seine Leidenschaft für das Bassspielen entdeckte, zupfte er doch davor lieber an einer Gitarre. In dieser

Konstellation, die erst seit 2008 als solche besteht und zu guter Letzt durch Gsputi bereichert wurde, haben sich die fünf Jungs zu einem eingespielten Team entwickelt, das mit seinem Letztlingswerk genau das zum Ausdruck bringt. Scarecrow N. W. A. sind nun stärker und gefestigter als je zuvor. Ursprünglich eine Metalband mit Wurzeln aus beinahe jedem Genre und enormen Hang zur Experimentierfreudigkeit, hat sich mit der endgültigen Aufstellung, wie sie heute ist, im Laufe der Zeit ein ganz eigener Stil entwickelt – „ADVANCED DEATH-METAL ART“. Kleine Anekdote nebenbei: Selbst der Herausgeber, unser Chef vom Dienst Günther Golob hatte im Jahre 2004 die Ehre, Scarecrow N. W. A. mit seiner Bass­ gitarre zu unterstützen und wirkte sogar beim Album Northern Lights mit. Die Band kann bereits einiges an Konzert­ erfahrung auf Festivals sowie als Support vorweisen. Bernd erzählt mit einem erinnerndem Lächeln von ihrem Auftritt im Jahre 2008 als Vorband von Within Temptation: „Es war Wahnsinn. Ich stand dort auf der Bühne, experimentierte mit verschiedenen Gesangsstilen und die Leute jubelten uns zu! Das als lokaler Act bei ei­ner ausverkauften Veranstaltung zu er­ leben, ist überwältigend.“ Vielleicht mitunter ein Grund dafür, dass er sich bei den aktuellen Werken über seinen ursprünglichen Teller­ rand hinausgewagt hat und neben dem üblichen Growling auch mal cleanen Gesang zum Besten gibt. „Unsere Songs klingen in deren Entstehungsphasen von fünf Liveauftritten fünf Mal anders“, erklärt Bernd, „aber solange nicht jeder Einzelne von uns zufrieden ist, ist es nicht fertig. Die Idee beginnt im Proberaum, die Ausführung passiert auf der Bühne und erst wenn es aufgenommen ist, betrachten wir es als erledigt.“ Alex wirft noch ein: „Zuerst wird gejammt, dann wird es zusammen ausgereift. So etwas wie Notenvorgabe gibt es bei uns nicht, da kann der Weg zur Aufnahme schon mal zwei,

drei Proben bis hin zu mehreren Monaten dauern.“ – „Es ist grundsätzlich Musik, die wir für UNS machen – da kann man sich so was schon mal erlauben“, lächelt Bernd, „Lieber vor zehn Leuten spielen, denen es gefällt als vor 1000, die nicht wissen, was sie dort tun.“ Eine Taktik, die anscheinend recht gut funktioniert. „Diesmal hielten wir die aktuellen Lieder für zu gut um sie, wie sonst immer, in Eigenregie aufzunehmen“, strahlen die Death-Metaller. Und so fanden die Fünf ihren perfekten Partner im Label Noise Head Records und veröffentlichten mit ihnen das Promovideo Self Enslavement. Mit Georg Walt hatte die Band außerdem einen verantwortungsbewussten Produzenten, der sie von den Aufnahmen des Albums bis hin zum Mastering unterstützte. Bereits der Silberling Ishmael (2009) wurde von Walt produziert, jedoch liegt der Unterschied zu Transgression laut den Angaben der Burschen darin, dass das Hauptaugenmerk nun auf Authentizität und Reproduzier­ barkeit gelegt wird. Derzeit wird auch das Video zum Song At Dead Of Night gedreht, in dem die Jungs „Tote auferstehen lassen“ – vielleicht ein unbewusster Gedanke zur neu gewonnenen Motivation? Bei der erfolgreichen, österreichweiten Transgression-Releasetour im Herbst 2013 konnten wir uns persönlich vom Scarecrow’schen Sinneswandel überzeugen und kamen nach über eineinhalb Stunden Lauschen, Schädeln und Mitgröhlen zum Fazit: Gut so, mehr davon!

Info: Official Web Site: www.scarecrow.at Facebook: www.facebook.com/ScarecrowNWA Twitter: www.twitter.com/ScarecrowNWA Youtube: www.youtube.com/NewWorldAnnihilation Booking: Heimo Zlöbl - booking@scarecrow.at Press: Bernd Krumböck - bernd@scarecrow.at

41


Kunst

Ein Pionier der Malerei oder: Die Kunst, sich neu zu definieren

Die Galerie ARTiS (lat. der Maler) ist definitiv anders als herkömmliche Galerien. Man kann die Räumlich­ keiten als eine Mischung aus Galerie und Atelier mit einem Hauch Wohnzimmeratmosphäre bezeichnen. Die teilweise grauen Wände bringen Wärme in den Raum; gezielt zwischen den Gemälden eingesetzte Pflanzen und Möbelstück sowie ein prächtiges Aquarium vermitteln ein Gefühl von daheim. Es spricht für die Liebe zum Detail des Besitzers. 42

Bericht: Lea Leitner Fotos: Lea Leitner, Emil Srkalovic


Kontakt: Galerie ARTiS, Jakoministraße 15, 8010 Graz Homepage: www.atelier-artis.at/galerie-artis/ www.facebook.com/GalerieARTIS

Er hat zweifellos schon Beachtliches erreicht: Maler (den Ausdruck „Künstler“ alleine versucht er aufgrund schlechter Assoziationen mit demselben zu vermeiden) Emil Srkalovic besitzt mit 30 Jahren bereits seine eigene Galerie. Aus Gründen der Effizienz dient diese zugleich auch als Atelier. Somit kann man hier nicht nur seine Werke betrachten und kaufen, sondern dem Meister auch beim Schöpfungsprozess zusehen. Als Maler ist Emil bereits genetisch „vorbelastet“: Seine Eltern Lalo und Ida Srkalovic sind selbst seit Langem in der Branche tätig. Die aus Bosnien stammende Familie zog (dank einer Vorahnung Idas) rechtzeitig vor Ausbruch des Balkankrieges nach Österreich und baute sich in Graz ein neues Leben auf. Sie verkauften Gemälde in der Herrengasse, gaben Kunstunterricht und machten sich zunehmend einen Namen als renommierte Künstlerpersönlichkeiten. Heute leben sie mit Haus und Galerie im schönen St. Leonhard am Fuße des Ruckerlbergs. Emil selbst begann schon im Kindesalter permanent zu zeichnen und zu „kritzeln“ – das legte er niemals ab. Spielzeug baute er sich meist selbst, z.B. wenn er für seine Figuren keine Gebäude in den passenden Größen hatte. Manchmal wünschte er sich auch Haustiere, die etwas schwer zu bekommen waren – wie Dinosaurier – und fand seine eigene Lösung, indem er sie kurzerhand aus Pappmaché und Küchenrolle bastelte. Emil holte sich dadurch die Welt nach Hause – der Eiffelturm, der schiefe Turm von Pisa – all dies war in verkleinerter Version bei ihm daheim zu finden. Emils Eltern hatten nicht nur genetisch einen günstigen Einfluss auf ihn: Sie unterstützten ihren Sohn, wo sie konnten, und förderten sein Talent, indem sie ihm stets alle Materialien zur Verfügung stellten. Im Teenager-Alter von 16 stellte er seine ersten Bilder in ihrer Galerie aus und auch als er 2012 seine eigene Galerie eröffnete, waren sie an seiner Seite. Doch während seine Eltern jeweils eigenen klaren Stilen folgen, weist Emils Malerei selbst noch unterschiedliche Einflüsse, wie Abstraktion, Pop Art und klassische Malerei auf. Diese Stilrichtungen verschmelzen gerade zu einer neuen Hybridform

der Malerei, die er eigens für sich entwickelt – man könnte sie schon als „Art of Emil“ oder „Emilismus“ bezeichnen. Dessen Richtlinien setzt er selbst. Unverändert bleibt nur seine Maltechnik, die logischen Gesetzmäßigkeiten folgt: Die Balance steht im Vordergrund, ein schweres Element muss mit mehreren leichteren ausgeglichen werden. Auf diese Art wirkt ein Bild „rund“ und ruft ein angenehmes Gefühl im Betrachter hervor. Die Motive inkludieren meist Tiere oder reale Personen – letztere dominieren besonders bei Portraits und Auftragsarbeiten. Werden Menschen auf Bildern verewigt, dient ein Foto als Vorlage – trotzdem möchte Emil die Modelle auch kennenlernen, um deren Charaktere in die Portraits einfließen zu lassen. Ebenso wichtig ist ihm, dass das jeweilige Werk farblich auf seinen zukünftigen Wandplatz abgestimmt ist. Die Distribution von Emils Bildern kann telefonisch oder online erfolgen, aber meist kommen seine Kunden persönlich in die Galerie, entweder, um ein Bild aus dem aktuellen Repertoire zu erstehen, oder, um ein bestimmtes Motiv in Auftrag zu geben. Oft auch verleiht er Werke an öffentliche Gebäude wie Rechtskanzleien oder Ärztepraxen, solange, bis er sie wieder abnehmen möchte. In fast allen Fällen werden die Gemälde jedoch auch gekauft. Beachtlich ist dabei das ausgezeichnete Preis-Leistungsverhältnis. Die Kosten für Emils Bilder bewegen sich in einem Bereich, der auch für den Durchschnittsbürger durchaus leistbar ist. Neben seiner Haupttätigkeit als Maler bietet Emil auch Kunstunterricht an und bereitet Bewerber diverser Kunstschulen auf deren Aufnahmeprüfungen vor, macht mit ihnen Portfolios und gestaltet Prüfungssituationen. Darüber hinaus ist er als Art Director für die Grazer Kultband Knife Fighting Monkeys tätig: Er sorgt für visuelle Untermalung ihrer Live Shows, koordinierte zuletzt den Video­ teaser für deren nächstes Konzertfestival Funk’n’Roll Circus Ende Oktober und fertigte selbst das Werbeplakat dafür an. Unterm Strich ist das Klischee des armen Künstlerdaseins bei Emil fehl am Platz. Zu Recht, er ist ja auch nicht Künstler, sondern Maler!

43


Design

Saint-Etienne: Industriestadt im Designer-Glanz

City & Bim – die moderne Stadt!

Bericht und Fotos von Martin G. Wanko

Die französische Design-Metropole Saint-Etienne wird 2014 die Partnerstadt im Designmonat Graz sein. Grund genug, eine kleine Netzwerkreise dorthin zu machen. Im Herbst 2013 organisierte die Creative Industries Styria (CIS) mit dem Amt für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung der Stadt Graz eine dementsprechende Reise in die Stadt im französischen Zentralmassiv. Die Netzwerkreisen der CIS haben schon Tradition. So hat man bereits Reisen nach Berlin oder Helsinki durchgeführt, auf denen sich die CIS-Networker sowie die „Gründer“ (Jungunternehmer) Ratschläge von Kollegen anderer Länder holen oder Impressionen aus der Arbeitswelt anderer Länder infiltrieren können. Wie der Name schon sagt, eignen sich die Reisen sehr gut zum professionellen Networking. Mit dabei war eine „gute Mischung“ aus Architekten, IT-Spezialisten, Fotografen, Textern, Designern, Fashion-Spezialisten, Image-Beratern oder Maschinenbauer. Sie waren natürlich alle wissbegierig, wie das denn so läuft in St. Etienne! 44

Von der Kohle zum Design „Black City“ nannte man die Stadt, da sie vom Kohleabbau „hübsch“ eingefärt wurde. Nach diversen Krisen in der Schwerindustrie wurde die regionale Kunstakademie zur Hochschule für Kunst und Design Saint-Etienne (ESADSE) umstrukturiert. Sie ist nun auch das Herzstück der Cité du Design. Was macht die Cité du Design so besonders? Sie kümmert sich um ihre Designer ziemlich super und schenkt der Stadt ein klasse Image und Outfit. Die Karriere beginnt vor der Haustüre Also, die Cité du Design, ist so etwas wie das Silicon Valley des Designs in Frankreich. Hier ist mörderisch viel los. „Ausbildung, Forschung und Unterricht in Sachen Design. Dazu kommen Shops, Restaurants und ein Radiosender“, so Nathalie Arnould, die Designmanagerin von Saint-Etienne. Es hat fast den Anschein, es würde


Designerinnen an der Arbeit.

Die Lampe „Made in Saint-Etienne“

Ein von lokalen Designern gestaltetes Lokal

Charismatische Straßen sind auch bei schlechtem Wetter toll – alte Tourismusweisheit.

Joysane Franc & Nathalie Arnould vor der Hochschule für Kunst und Design Saint-Etienne.

Der Vorteil an nicht-winkenden Personen auf Gruppenfotos ist, dass die Pfoten unten bleiben und so niemandem die Sicht nehmen können.

sich fast jeden Tag etwas ändern. Und beinahe ist es auch so: Erst im Mai wurde in der Cité das Living-Lab eröffnet, das ist eine Art Gründerzentrum für Designer, Künstler und Kreative. In Saint-Etienne will man so den Jung-Designern eine Möglichkeit bie­ ten, in der Stadt zu bleiben. Denn merke: Deine Karriere kann immer schon vor dei­ner Haustüre beginnen, zumindest im St. Stephan von Frankreich. Vom Labor in die Welt Neben großen staatlich geförderten Projekten weiß man, dass Klein- und Mittelbetriebe der Humus der Kreativwirtschaft

sind. Designer und Kreative können in der Cité auf drei Jahre befristet ein sehr günstiges Büro bzw. Arbeitsraum anmieten. Es geht hier ums Miteinander: Es soll ein Ort des Austauschs sein und nennt sich le Mixeur, also „der Mixer“. An die Labors sind Räume für kreative Prozesse zur Präsentation und zur Zusammenarbeit angeschlossen. Lambert Henckens zum Beispiel hat sich auf Nobelverpackungen spezialisiert und hat sein Büro ebenso hier. „Es ist für Absolven­ ten eine gute Chance sich auszuprobieren“, so Lambert, „außerdem lernt man hier immer wieder neue Leute kennen, mit denen man seine Projekte durchführen kann.“

Made in Saint-Etienne So entsteht Großes und die Stadt identifiziert sich damit. In Saint-Etienne bemüht man sich, die Kreativwirtschaft sichtbar einzubauen. Im Tourismus-Zentrum sieht man zum Beispiel die Lampen von den Designern Numero 111 und die Lautsprecher von Focal, einer Firma mit Weltruf. Dazu wird unermüdlich versucht, die Geschäftsszene im Zentrum von SaintEtienne mit Designern in Verbindung zu bringen. Preise wie der Commerce Design Saint-Etienne helfen natürlich, für mediales Aufsehen zu sorgen – es ist also immer was los in Saint-Etienne! 45


Design

Projektionskünstler und Filmemacher Unternehmensportrait von Doppelpunkt.at, Fotos von OchoReSotto

Räume und Fassaden sind Präsentationsflächen, die laut Stefan SobotkaGrünewald von OchoReSotto viel zu wenig genutzt werden. Die Grazer Medienproduktionsfirma hat sich auf Raumprojektionen spezialisiert. Ob das Grazer Rathaus seine Fassade im Advent mit Licht und Farbe schmückt oder der Erzberg ein Symbol für den Bergbau in die Nacht strahlt – dahinter steht jeweils das Team von OchoReSot-to. Lia Rädler, Stefan Sobotka-Grünewald und Volker Sernetz konzeptionieren Projektionen und produzieren Kundenfilme. „Bei der Projektionskunst geht es darum, den ganzen Raum miteinzube-ziehen. Bei der List-Halle haben wir zum Beispiel eine Fassadenprojektion und Visuals in der Halle miteinander kombiniert“, beschreibt Lia Rädler. Eingesetzt wird Projektionskunst sowohl für Veranstaltungen wie den Life Ball, aber genauso auch für permanente Installationen in Museen oder in Kombination mit Architektur. „Unternehmer, Werbe- und

Eventagenturen wissen aber zu wenig, was hier noch alles möglich ist und wie man einen Raum optisch verändern kann, ohne viel Geld für Deko auszugeben oder nur Rollups aufzustellen. Denn man kann Räume viel stärker als Präsentationsflächen auch für ein Logo oder eine Message nutzen, ein Bühnenbild designen und mit Projektionen arbeiten“, erklärt Stefan Sobotka. Die Projek-tionen würden dabei immer in Abstimmung mit dem Kunden entstehen, beschreibt Volker Sernetz die Arbeit von OchoReSotto: „Wir erarbeiten ein Konzept und Pläne, wie eine Lösung ausschauen könnte und wie sie grafisch oder videotechnisch umgesetzt werden kann.“ Die technische Umsetzung liegt dabei oft bei Partnerfirmen; für 3D-Animationen

und Grafik arbeitet man mit Freelancern zusammen. Denn Netzwerke sind für das Unternehmen wesentlich: Ocho-ReSotto ist auch Begründer der „strictly analog“-Studios, die es in Graz, Triest, Wien, Lubljana und Tokyo gibt. Über diese Studios will man unter anderem die weltweite Vernetzung von analoger Kunst forcieren. Aktuell haben OchoReSotto einen Restaurantfilm über den von Gault&Millau zum „Koch des Jahres 2014“ gewählten Silvio Nickol aus dem Palais Coburg in Wien gemacht und sie zeichnen wieder für die Advent-Projektionen auf dem Grazer Rathaus verantwortlich. Außerdem wird an Raumprojektio-nen für den Wiener Opernball, die Vienna Design Week und die Salzburger Festspiele gearbeitet. Kontakt: Stefan Sobotka-Grünewald, Volker Sernetz, Lia Rädler Grazbachgasse 6 8010 Graz T. +43 (0) 650 680 10 66 oder +43 (0) 699 121 812 88 office@ochoresotto.com

46


Design

Licht und Holz Portrait von Doppelpunkt.at, Fotos von Helmuth Lunghammer

Unikatherstellung und Design sind die Schwerpunkte des Grazer Designers Raimund Gamerith. In Kooperation mit einer Forschungseinrichtung arbeitet er im Spannungsfeld des edlen, organischen Materials Holz und zugleich hohen technischen Anforderungen. Ausgangspunkt der Arbeit von Raimund Gamerith ist das Holz- und Möbeldesign. In seiner Möbel-gestaltung, die im Zusammenspiel mit den Kunden entsteht, setzt er auf eine klare Linienführung, betont aber auch organisch Gewachsenes. Weil der Kreative immer wieder auf das Problem stieß, für seine Kunden keine optimalen Leuchten zu finden, nahm er sich des Themas, der LEDTechnologie, 2010 schließlich selbst an. Individuelles Licht Das Ergebnis sind Steuerungen für mehrfach weißes Licht, bei denen man das

Licht nach seinem subjektiven Bedürfnis selbst einstellen kann. „Wir arbeiten mit mehreren Weiß-Tönen, die man mit-einander mischen und individuell einstellen kann“, sagt der Designer. Die Bandbreite reicht von kühlerem Tageslicht bis zu ange­ nehmem Licht für den Abend. Basis für diese Entwicklung war eine befruchtende Zusammenarbeit mit der Montanuniversität Leoben. Dass die Kooperation von Forschungseinrichtung und Designer zukunftsweisend ist, kann man auch an den Details erkennen: die Lichtsensoren lassen sich vollautomatisch

programmieren oder per Fernbedienung, Smartphone oder Touchpanel steuern. Lampen als Unikate Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, will Gamerith unter anderem Architekten näherbringen und allen, die für individuelle Gestaltungsmöglichkeiten offen sind. „Wir haben Unikatherstellung schließlich ganz bewusst in unseren Firmenwortlaut aufgenommen, denn das gibt es gerade im Lampenbereich nur sehr selten“, betont er. Im Atelier Gamerith kann man den offenen Prozess der Entstehung miterleben, im Holzlager den Weg zur Fertigung einsehen und auch den Geruch wahrnehmen, wenn Holz geölt wird, beschreibt Gamerith, dass er gerne einsichtig und offen arbeitet. Kontakt: Raimund Gamerith Jakoministraße 16 8010 Graz T. +43 (0)699 108 126 38 raimund@gamerith.at

47


Design

Flower-Power à la

Cacau Cassel Reportage von Anita Raidl, Fotos von Anita Raidl und Rudi Federer

Mit ihrem Label „Tropicália Couture“ setzt die brasilianische Künstlerin Cacau Cassel nun auch in Graz modische Akzente. Ihre floralen Motive und verspielten Designs erinnern an die „Tropicália“-Bewegung in Brasilien und stimmen glücklich. Garantiert! Cacau Cassel legt einen zarten Ledergürtel mit aufgenähter, selbst gehäkelter Blume in eine Folie und verschließt sie mit einem bunt gemusterten Karton, der die Aufschrift Tropicália Couture trägt. Hier, beim internationalen Mode- und Designfestival assembly in Graz macht sie mit den geblümten, gestreiften, in jedem Fall farben­ frohen Kleidungs- und Schmuckstücken ihres Ein-FrauUnter­nehmens Tropicália Couture von sich reden. Cassel selbst ist groß, schlank und anmutig, ganz so, wie man sich eine Modedesignerin vorstellt. Immer wieder halten Besucher/ innen an, um mit der hübschen Brasilianerin zu plaudern und das eine oder andere Kleid zu bewundern. Indes befürchtet Cassel, dass die Menschen hierzulande noch nicht bereit sind für ihren Stil. „Ich verwende zu viele Farben, zu viele Muster“, erklärt sie. Dabei sind ihre Stücke trotz der Buntheit keinesfalls schreiend, sind fein gearbeitet und zeichnen sich durch feminine Schnitte aus. Sind noch dazu erschwinglich und immer exklusiv. „Jedes Modell gibt

es nur einmal und nur in einer Größe“, bestätigt Cassel, die auf Wunsch Länge und Weite in ihrem Atelier anpasst. Derzeit liegt die Werkstätte in ihrem Haus, das sie zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern bewohnt. Bald aber möchte Cassel eine Galerie für bildende Kunst, Design, Mode und mehr mit brasilianischem Touch eröffnen und damit ein Stück Heimat nach Graz holen. An Brasilien denkt die 1981 geborene Cassel, die mit richtigem Namen Claudia de Oliveira Cassel heißt, immer wieder. „Mir fehlen meine Freunde, Familie, die Samba-Runden und die Musik“. Aber zurück nach Brasilien? „Das kann ich mir nicht vorstellen, ich mag die Luft, das Leben, ich fühle mich wohl hier“, so Cassel. Nach Graz übersiedelte die Modekünstlerin, die schon seit 2002 eine romantische Beziehung zu einem Grazer pflegt, erst im Jahr 2010. „Ich bin sehr eigenständig. Ich wollte mein Leben auf die Reihe bringen, wollte studieren“, begründet sie die jahrelange Liebe auf Distanz und fügt hinzu: „Damit eine Beziehung für mich funktio­nieren

48

www.facebook.com/tropicalia.couture.9


kann, muss auch ich was dazu beitragen können.“ Und das kann sie heute mit gleich zwei Ausbildungen. Cassel studierte Mode und Journalismus in Brasilien und war auch in beiden Metiers tätig. „Arbeiten möchte ich aber nur noch als Modedesig­nerin, das ist meines“, sagt Cassel, die bereits als Kind Kleidung für ihre Barbie-Puppen nähte. In ihrem Heimatort Campo Grande ist sie eine bekannte Modedesignerin. Eine Zeit lang brachte sie Jugendlichen aus schwie­ rigen Verhältnissen bei, was mit Zwirn und Faden alles möglich ist und baute nebenbei ihr eigenes Atelier auf. Sie erinnert sich an eine in Campo Grande legendäre Modenschau, die sie gemeinsam mit Produzentin Angela Finger auf einem Schrottplatz ausrichtete. „Ich benutzte organische Stoffe für meine Modelle. Das besondere Ambiente soll­ te das Bewusstsein für Müll schärfen, denn bei uns gibt es keine Mülltrennung.“ Mit derselben Kollek­ tion veranstaltete Cassel 2009 ihre erste Modenschau in Graz.

„Es war ein Erfolg, ich habe vieles verkauft“, sagt sie. „Danach hatte ich das Gefühl, hier herziehen und arbeiten zu können.“ Cassel wagte einen Neubeginn und setzt heute mit Tropicália Couture brasilianische Akzente in Graz. Tropicália Couture – der Labelname hat es in sich, denn Tropicália Couture ist eine Hommage an die „Tropicália“-Bewegung, die in den 1960er Jahren als Reaktion auf den Militärputsch in Brasilien und die damit einhergehende repressive Politik entstanden ist. „Initiiert wurde die Bewegung von vier Künstlern“, berichtet die Designerin. „Sie wollten mit ihrer Kunst Liebe und Frieden stiften, ihre Kleidung hatte viele Farben und viele Muster“. Cassel führt die Bewegung mit ihrer Mode fort. „Farbige Stoffe mit Blumen, Früchten und Pflanzen verweisen auf die brasiliani­ sche Flower-Power“, erklärt Cassel, die mit ihrer Mode Freiheit ausdrücken und den Moment leben will. „Farben und Muster

Danke an Carine Carvalho Barbosa fürs Dolmetschen.

sorgen für gute Stimmung“, so die Modeschöpferin. Eine weitere Inspirationsquelle ist die brasilianische Musik. „Brasiliani­ sche Lieder erzählen viele Geschichten. Ich mache Mode mit Musik“, gibt sie schmunzelnd preis. Auch internationale Labels wie Dolce & Gabbana inspirieren sie. Cassel: „Jeder Designer hat eine eigene Sprache“. So wie sie. Neben der Vorliebe für gemusterte Stoffe, die sie eigens aus Brasilien importiert, favorisiert sie länger geschnittene Röcke und Kleider. Wo Cassels Pracht­ exemplare, Overalls, Röcke, Kleider, kurze wie lange, Ohrringe, Ketten, Armbänder, Taschen und mehr zu haben sind? Bei ihr im Atelier, beim Latin Jam im iKU Graz und bei Modefestivals wie assembly. assembly ist nun vorüber und Cassel um einige schöne Teile leichter. „Ein paar Damen wollen gleich zu mir ins Atelier kommen“, zeigt sich die Künstlerin zufrieden. Wen wundert’s? Daumen hoch für Flower-Power à la Cacau Cassel!

49


Design

Mi casa es su casa Portrait von Anita Raidl, Fotos von Cornelia Schwingenschlögl, Viktoria Kager und DECASA

Seit nunmehr einem Jahr tätowieren, designen und malen sie nach Art des Hauses. Carola und Sabrina Deutsch sind Inhaberinnen von „DECASA“ in Graz und plädieren für ein schönes, selbstbestimmtes Leben. Wenn sich zwei Menschen finden, gilt hierzulande das Sprichwort „Jeder Topf findet seinen Deckel“. Gilt der Spruch auch für Geschäftsbeziehungen? Gar für Geschwisterbeziehungen? Warum eigentlich nicht. Wasser in einem Topf mit Deckel kocht schneller und das spart Energie. Wer nun Topf und wer Deckel ist, darüber kann man bei Carola und Sabrina Deutsch streiten. Das tun die beiden auch. Manchmal. Die meiste Zeit aber harmonieren sie ganz ohne Worte: Carola, die Künstlerin und Täto­ wiererin, und Sabrina, die Graphikdesignerin und Organisatorin. Seit Dezember 2012 betreiben die zwei Schwestern das Kreativ­ studio DECASA in der Grazer Innenstadt.

Die Eröffnungsvorbereitungen nahmen ein halbes Jahr in Anspruch. Die Kreativität begleitet sie schon ein Leben lang. „Als wir klein waren, haben wir alles in unserer Umgebung niedergezeichnet“, erinnert sich Carola. Klingt fast so, also wäre der Weg selbst schon ein vorgezeichneter gewesen. Und tatsächlich: Als Jugendliche besuchen Carola und Sabrina die Ortweinschule in Graz. Carola wählt den Produkt- und Sabrina den Grafik-Zweig. „Unsere Eltern haben schon damals ge­ sagt: ‚Ihr könnt einmal zusammenarbeiten. Du machst das Produkt und du die Werbung‘“, erzählt Sabrina. Damals wie heute

50

www.decasa.at

können die zwei darüber schmunzeln und be­richten, dass ihr Entschluss, sich selbst­ ständig zu machen, nicht bei allen auf Zustimmung fiel. „Viele waren verwundert, wie das zusammenpassen kann“, so Carola. „Es gab viele Skeptiker“, bestätigt Sabrina, die mit ihren 26 Jahren die Ältere ist. Carola ist 23. Die beiden sind sich einig: „Für uns war das nie eine Frage. Wir passen zusammen.“ Nachdem Carola die Meisterklasse für Malerei an der Ortweinschule und die Meisterprüfung fürs Tätowieren mit Bravour bestanden hat, kündigt Sabrina ihren bisherigen Job als Art-Director. Was nun


auf das selbstbewusste Geschwisterpaar zu­ kommt, ist ein oft mühsames Zurecht­finden im Behördendschungel, das Aufspüren der passenden Location, der Umbau. Viel Warterei, viele Diskussionen. Die Eröffnung muss geplant, die Homepage gestaltet und erste Termine fixiert werden. „Da gehören viel Ehrgeiz, Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen dazu“, resümiert Sabrina. Es hilft, einen zweiten an seiner Seite zu haben. Carola: „Du kannst deine Sorgen, vor allem auch am Anfang, miteinander teilen.“ Macht es eigentlich einen Unterschied, ob man mit der Schwester oder einer Freundin zusammenarbeitet? „Bei der Schwester weißt du genau, wie sie reagiert. Die kann nicht einfach abhauen. Man kann Sachen viel direkter und ehrlicher sagen. Mit einer Freundin ist das sicher eine kleine Herausforderung“, gibt Carola zu bedenken. Sabrina kümmert sich neben ihrer Tätigkeit als Grafikdesignerin auch um Marketing, Buchhaltung und Organisation. „Damit die Carola wirklich Zeit für ihre Talente hat. Sprich, den ganzen Tag malen, zeichnen, tätowieren.“ Die beiden lachen. Auf dem Tisch wartet ein Schachbrett, dort

hängt ein Geweih, vereinzelt liegen alte Zeitschriften, in der Ecke ist ein Grammo­ phon. Die Bilder an den Wänden geben einen Einblick in Carolas künstlerisches Schaffen. „Ich bin dann angekommen, wenn ich meine Kunst tätowieren kann. Dass das schon jetzt soweit ist, damit hätte ich nie gerechnet“. Carola zaubert mit wenigen Strichen Kunstwerke auf Haut und Papier. Ihr „Skizzenstil“ spiegelt sich zum Teil auch in ihren figurativen Bildern wider. Dazu Carola: „In jedem Gesicht kann man etwas Neues entdecken. Man ist gezeichnet vom Leben, aber auch fürs Leben.“ Carolas Seelenblicke wandern demnächst in die Räume des Wirtschaftsbundes. Was dann mit den stilvollen Altbau-Wänden im Studio passieren wird? Die nützen die jungen Frauen als Ausstellungsfläche für Künstlerkolleg/ innen. „Netzwerken ist für unser Denken wichtig. Damit man den Bezug nach außen nicht verliert“, erläutert Sabrina. Hier im Studio, das sich im 2. Stock eines Gebäudes am Franziskanerplatz befindet, steht alles an seinem Platz. Ein stimmiger Ort mit liebevollen Details und motivierten Geschäftsführerinnen. „Ich will etwas

bewegen. Und wenn ich nur einen Menschen inspirieren kann, habe ich mein Ziel schon erreicht“, beschreibt Sabrina ihren Ansporn und führt aus: „Es waren schon einige junge Menschen hier, die gesagt haben, ‘Wenn ihr das schafft, dann schaff‘ ich das auch‘“. Sind die Ziele also schon erreicht? „Wir wollen ein schönes Leben. Und einfach nach bestem Wissen und Gewissen ar­ beiten“, sagt Carola. Bleibt noch, den beiden charmanten jungen Frauen alles Gute zum ersten Geburtstag zu wünschen. Und bevor wir’s vergessen. Wie kommt’s eigentlich zum Firmennamen? „Früher haben wir immer ‘mi casa es su casa’ ge­sagt“, erklärt Carola. „Wir wollen, dass sich die Kunden bei uns zu Hause fühlen“. Der kon­zeptuelle Anspruch der beiden forderte eine kleine Anpassung: DECASA. De/utsch Ca/rola Sa/brina. Besser als die Topf-DeckelGeschichte. Aber beides kochend heiß.

TIPP: Ausstellung „Gezeichnet fürs Leben“ von Carola Deutsch, zu sehen bis Dezember 2013. Wirtschaftsbund Steiermark, Zusertalgasse 2, 8010 Graz

51


Kunst

Aus dem

Leben

gegriffen

support the family

Von Denise Matuschka

„Klassische Inspirationsquellen“ gibt es für Hartwig Walcher nicht. Er greift auf Erlebtes und Erfahrenes zurück und verleiht so seinen Kunstwerken eine ganz besondere Note. Die große Leidenschaft zum Beruf zu machen – ein Traum, den sich der gebürtige Kärntner Hartwig Walcher schon längst erfüllt hat. Spätestens dann, wenn der Kunstpädagoge oder der „Künstler, der unterrichtet“, wie er sich selbst gerne bezeichnet, anfängt, mit Begeisterung über seine Arbeit zu sprechen, wird klar, dass es sich für ihn dabei nicht lediglich um Gelderwerb handelt. Aus unterschiedlichen Materialien Kunstwerke zu schaffen, alten Gegenständen neue Formen zu geben und zwischendurch das ein oder andere Bild zu malen, war für Walcher bereits lange vor seinem Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien Bestandteil seines Alltags gewesen; schließlich hatte er seine erste Holzskulptur im Alter von 17 Jahren gefertigt. Einen richtigen Titel trägt das Erstlingswerk zwar nicht, einzuordnen ist es aber in die Kategorie „Mutter-Kind-Beziehung“. Während seines Studiums unternahm Walcher Reisen nach Westafrika und in den Sudan, um über Hautmodifikationen und Skarifikationen seine Diplomarbeit zu verfassen. Seine Eindrücke und Erkenntnisse, die er auf seinen Reisen gewonnen hatte, spiegeln sich zu einem großen Teil in seinen Kunstwerken wider. Rise of a trolley

52

In seinem ersten großen Projekt mit dem Namen Dismorphophobie, setzte sich Walcher mit den Schönheitsidealen der westlichen Gesellschaft auseinander: Fitting Noses oder Tits on running meter lassen die Möglichkeit, Körperteile einfach „auszutauschen“ oder zu erneuern, erstmals völlig absurd erscheinen. Latex war hier das bevorzugte, vorherrschende Material. Relatives ist jenes Projekt, das der Dismorphophobie folgte. Der erste in Walchers Katalog abgebildete Zyklus Rise of a trolley stiftet zunächst Verwirrung und lässt vermutlich keine Assoziationen mit dem Begriff Relatives zu. Rise of a trolley – zu deutsch „Tierhaut auf Elementen von Einkaufswagen“ – handelt von der Evolutionsgeschichte eines Einkaufswagens. Damit hatte Walcher eine Form der ironischen Aufarbeitung der Konsumgesellschaft angestrebt.


Fitting Noses

Tits on running meter

Hartwig Walcher, geb. 1967 in Bad Bleiberg Auswahl an Ausstellungen

mother

Um dem Titel tatsächlich gerecht zu werden, sind auch Familienangehörige Bestandteil der Relatives-Serie. Aus Kupfer, Aluminium und Stahlblech fertigte Walcher Brüder und Schwestern sowie Vater und Mutter. Seit 2003 ist Walcher bereits stolzer Besitzer eines Ateliers im 3. Bezirk in Wien, das zurzeit eher als Werkstätte denn als Schauraum dient, und unterrichtet an einem Gymnasium. Den Job als

2000: 2006: 2007: 2011:

„Coming out“ Künstlerhaus Klagenfurt „Barriere II“ WUK, Wien „Hypermorphophilie“ Heiligenkreuzerhof, Wien „One before Messe+“, Wien

Lehrer bezeichnet Walcher als Herzensangelegenheit, der ihm gleichzeitig die Möglichkeit gibt, sich als Kunstschaffender freier zu bewegen. Aufträge nimmt er nur an, wenn er mit den Vorstellungen seines Gegenübers konform geht und ihm ein gewisser kreativer Spielraum gewährt wird. Bei Ausstellungen geht es ihm nicht um potenzielle Verkaufschancen, sondern lediglich darum, wie die Rahmenbedingungen sind und welche Künstlerinnen und Künstler noch ausgestellt werden.

53


Fotografie

Aus dem

Bauch

heraus Er lebt im Moment, liebt die freie Musik und ist selbst sein strengster Kritiker – Jazzfotograf Peter Purgar im Profil

afie sbüro. Die Fotogr r ein Vermessung fü ja er t ibt. ite tre be be ar nebenbei Eigentlich idenschaft, die er Le e ein ht ar sie rg Pu 06 r ich. Seit 20 ist für Pete s nicht nebensächl ng di er n. all ne et io ut at de ik Nebenbei be en und Publ ig in Ausstellung äß lm ge tire ak s pr to en Fo man seine schon seit 30 Jahr die er immerhin iten er zu Anfangsze Die Jazzfotografie, ezialgebieten. Als Sp rs te ene Pe eig e zu in t ziert, zähl möglich, se ng, war es noch gi n te er ter nz Pe ko rte zz privat zu Ja änderten, ände s sich die Regeln Al n. n. ge te rin er ub nz itz af zu den Ko Kamera m d kam als Fotogr un e eis m sw ko en e eh di t ng n an – nich seine Hera ht ihn am meiste ric sp en ist “ ein nt em an lg sp ge Musik im Al , die „nicht so ein n die freie Musik merzielle, sonder ie Jazz. – wie auch der fre n, “ Fotos zu mache tion ist es, „echte iva ot s tm er up nd Ha so s be ar t Das spiel Peter Purg entisch einfangen. th au t len m Ge e Mo Di n . de lle Fotos, die n eine wichtige Ro afie auf Konzerte hne ganz in Bü r de f in der Jazzfotogr au er sik wenn der Mu t, eis m h inen sic bt gi egenheit er Geschehen mit se ganz abseits vom er od , nn ist da t d en sin em s hält. Da seinem El gar ein Nickerchen er od t eif hw sc ab Gedanken er ihren Rollen. die Menschen hint erist es kaum üb alischen Präferenz ik us m it ke er tig in Tä se s er Angesicht , frei in sein am wichtigsten ist r , te en Pe ed es hi ss tsc da , en raschend h dagegen swegen hat er sic de – d in un se en zu m af m als Fotogr Motive selbst besti so kann er seine ziell davon zu leben – hmen. Er ist finan llen Aufträge anne zie er m chm tsä ko e up in ha “ ke braucht t „Aufträge hängig und nimm ab un e afi gr to Fo von der haftsdienst an. lich als Freundsc tler­ r Bildenden Küns rufsvereinigung de Be r de RT d kA lie ac tg rh Mi ve Peter ist rkollektivs lied des Künstle itg nsm llu ng te du ss ün au to Gr Innen, . Die Fo gruppe Polychrom to Fo im r ls de de d lie Mo tg en sowie Mi emen. Das könn mer bestimmte Th gen behandeln im 54

jazzimbild.at

www.jazzimbild.at, info@

r

r, Fotos: Peter Purga

Bericht: Lea Leitne


Denn das Aussehen ist nur Fassade und wenn die erst mal abfällt, ft o r e t in h a d h c s n e M r e d n n a k langweilig wirken. t von Menschen – Peter ist faszinier . in se en en sz gs sonders „fesch“ Studio oder Allta cht unbedingt be ni e di , en ch ns d eine Geschichte interessanten Me Ausstrahlung un em all r vo e di wenn die erst mal aussehen, aber nur Fassade und ist en eh ss Au s rken. Deswegen haben. Denn da er oft langweilig wi nt hi da ch ns Me r n bevorzugt jene, abfällt, kann de nschen ab, sonder Me s lo hl wa t ch lichtet Peter ni kennt. die er persönlich – egal ob es um inem Bauchgefühl se h lic ch tsä up KameraeinstelPeter folgt ha oder die richtige tiv Mo s te gu ein nden Fotografen einen Auftrag, s er jedem angehe wa s, da ch au ist h schon vor dem lung geht. Das . Das schaltet sic hl efü hg uc Ba in odelle“ bei einem rät: Hör auf de , wenn er seine „M ein en er afi gr to gen stellt er nicht. eigentlichen Fo . Fixe Anforderun nt ler en nn s ke al m ll aktiv am Prozes Gespräch erst , wenn das Mode es t ug rz t vo of be h er ten lässt er sic Im Gegenteil, Auch auf Konzer t. er gi ra er te in ich d gl wird. Mö teilnimmt un nach Fotos gefragt ls fal t, er nz afi ga gr to er ss inspirieren, fo eingenommen, da so von der Musik weise wird er auch vergisst. aufs Fotografieren r von sich, als er ngt Peter oft meh rla ve st ni s io kt rfe e Chaos, über da Als ewiger Pe ugt das geordnet rz vo be Er er . od ste ch üs tis eigentlich m auf seinem Schreib ht behält – sei es deswegen ; llt fü ge er er stets die Übersic m kalender ist im in rm Te in Se . te oben werden, denn seiner Festplat e schon mal versch in rm Te e nft ig ist rfr kaum an die Zuku können länge Moment lebt und im r de , t. ch m ns om Me selten vork Peter ist ein heutzutage viel zu e di , aft ch ns ge Ei denkt – eine

Canon ID Kamera: fühl s/w und Farbe, manuell, je nach Ge : ik Fototechn ss stimmig sein ein gutes Foto ... mu chen, Alltagsszenen, r, interessante Mens ike us zm Jaz Motive: Streetfotogr afie eln ives Gefühl vermitt Fotos, die ein posit , Motiv: en ch ns e Me zmusik, interessant haben Inspirationen: Jaz ich ... alles er ledigt ll wi e, rb ste vor ich be

ngen 2013 Geplante Ausstellu ll Manipulierter Zufa ld, Graz mit verhackART rfe ise Ka fé Ca Grand ost & Jazz Festivals Jazz im Bild ing im Zuge des M hr Fe , us ha er eb G Galerie Stockwer k, Graz 2012“ im Jazzcafé Z AZ KJ ER W CK „STO

55


Fotografie

Der Regen hat wieder begonnen und tropft auf mein Handy-Display. Ich versuche erneut, Sascha anzurufen, doch er scheint keinen Empfang zu haben. In der Dunkelheit scheinen sich alle möglichen Schatten von der riesigen Lagerhalle und dem verlassenen Hof rundherum abzuzeichnen. Sascha Pseiner ist Fotograf und hatte mich eingeladen, ihm bei einem seiner Fotoshoots zuzusehen. Dafür hatte er sich eine leer stehende Lagerhalle als Location ausgesucht, um die Kamera vor dem Regen zu schützen. Ich nehme meinen Mut zusammen und gehe mit Herzklopfen um die Halle herum – dann sehe ich eine große Einfahrt, an deren Ende eine Frau im weißen Kleid und mit langen, schwarzen Haaren reglos dasteht. Ich spürte Erleichterung. Hier war ich richtig! Ich kannte Alex, das Model, bereits von früheren Ablichtungen. Und kurz darauf war auch Sascha zu sehen – in Form eines schwarzen Schattens mit einem hellen Licht auf der Stirn. Und erst jetzt begann ich zu verstehen, wie die Technik der Lichtmalerei funktionierte.

Das Licht

+

Die Halle sah von innen noch gruseliger aus als von außen. Das Shooting war bereits in vollem Gange. Alte Möbel und riesige, verdorrte Tannen lagen herum, auf dem Boden verteilte sich Regenwasser und ein unangenehmer Geruch stieg einem in die Nase. Aus dem Laptop klang Apocalyptica und während Alex reglos vor der Kamera stand, bewegte sich Sascha mit verschiedenen Lichtern um sie herum, als würde er sie verzaubern. Tatsächlich ist jede dieser Bewegungen akribisch genau geplant, denn damit kreiert Sascha langsam seine Lichtfiguren. Saschas Arbeitszeiten sind grundsätzlich nachts, denn nur in der Dunkelheit entstehen seine Bilder. Sascha produziert sogenannte Lichtmalereien: Im Grunde genommen ist dazu die Belichtungsdauer für eine sehr lange Zeit geöffnet. Dadurch verschwimmen bewegte Figuren, Lichter und alles, was die Linse einfängt. Das kann dann schon mal über 10 Minuten dauern – Saschas Rekordzeit war sogar über eine Stunde. Und es sind die simpelsten Mittel, mit denen Sascha die großartigsten Bilder entstehen lässt. Zu seinem Repertoire gehören verschiedene Arten von Taschenlampen, kleine Feuerwerke und Neonlichter – durch die Dunkelheit kann er damit die unterschiedlichsten Figuren und Effekte erzielen. 56

Neben seinen Endmotiven ist auch sein Werdegang beachtlich: Mit der Fotografie begonnen hat Sascha vor etwa vier Jahren – damals hörte er zum ersten Mal von light graffiti und startete schon die ersten Gehversuche mit einer simplen Digicam. Drei Monate später besorgte er sich eine analoge Spiegelreflexkamera – eine digitale besitzt er erst seit einem halben Jahr. Seit seinem Beginn als Fotograf entwickelte sich Sascha mit rasantem Tempo: Erst begann er nur damit, die Kamera zu bewegen, dann machte er die Lichter mobil und entwickelte daraus schließlich eine Light-Art-


Für Sascha Pseiner gehören Taschenlampen und Knicklichter zum Beruf – sie sind essentielle Bestandteile seiner Fotokunst. Was es damit auf sich hat, hat er uns gezeigt. Kamera: Was begeistert dich: Inspiration: Bevor ich sterbe, will ich…: Lieblingsmotive:

+

Canon 5D, Objektiv 17-40mm EFL 1-4, wobei die meisten Aufnahmen im Bereich von 17-28mm entstehen. Licht!, mein Sohn (der ist auch der Grund, warum ich gern in der Nacht arbeite) Science-Fiction (wie Star Trek), Strommasten erleuchten, spontan bleiben lernen Leerstehende Räumlichkeiten, haben eigene Sprache

Sydney People at Confest Festival

die Dunkelheit

Performance. Von 2011 bis 2012 besuchte Sascha die Fotoakademie, an der er viel über Fototechnik lernte und in zahlreiche Bereiche der Fotografie reinschnuppern konnte – doch am Ende des Lehrganges wandte er sich wieder der Lichtmalerei zu. Zusätz­ lich eignete er sich theoretisches Grundwissen an – besonders fasziniert ihn das Buch Faszination Lichtmalerei von Jan Leonardo Wöllert und Jörg Miedza. Laut Sascha heben sich die beiden von der normalen Lichtmalerei ab, indem sie jeden Aspekt der Lichtmalerei einbeziehen.

Als er anfangs noch alleine für seine Aufnahmen unterwegs war und die Locations oft verlassene Hallen oder Wälder waren, musste er oft genug seinen Mut zusammennehmen – doch die Mühe machte sich bereits bezahlt. Seit Anfang des Jahres gewann Sascha gleich auf zwei Fotowettbewerben den ersten Preis. Er nimmt auch regelmäßig an Fotoausstellungen Teil, wie zuletzt heuer mit Angelika Reicher in der Rathausgalerie, wobei sein Bild mit dem Titel lightgames#IV das meiste Feedback bekam. Mittlerweile kollaboriert er für die meisten Light Painting Fotografien mit Markus Hartinger. Gemeinsam starteten sie das Projekt Photonendesign, auf der unter anderem fantastische Kreationen, wie das Ufo vor dem Kesselfall zu sehen sein werden (siehe Foto). Wie sieht nun ein normaler Arbeitsablauf für Sascha aus? Sobald er eine geeignete Location für seine Fotografien findet, kundschaftet er sie erst einmal im Tageslicht aus und überlegt sich, wo er überall die Kamera platzieren könnte, und mögliche Motive. Darüber-

Bericht von Lea Leitner, Fotos von Sascha Pseiner

hinaus prüft er die Sicherheit des Ortes, um mögliche Unfälle zu vermeiden. Dann schießt er erste Probefotos, fertigt Skizzen an und plant sein Fotoshooting bis ins Detail. Sascha braucht die volle Kontrolle über die Lichtverhältnisse – er muss jede Lichtquelle lenken, um seine Fotomotive optimal abzulichten, was sich als besonders schwierig erweisen kann, wenn natürliche Elemente wie der Mond oder Nebel ins Spiel kommen. Da kann es schon mal vorkommen, dass er nicht vor Sonnenaufgang nach Hause kommt. Doch mittlerweile ist Sascha so routiniert, dass er selbst durchaus zufrieden mit seinen Ergebnissen ist. Und so intensiv und experimentell wie die letzten Jahre waren, geht es für ihn auch in Zu­ kunft weiter. Sascha hat vor, weitere Ausstellungen zu machen und mit Markus an weiteren Projekten zu arbeiten. Er möchte auch zunehmend analog mit Mittelformat fotografieren und seine Bilder selbst entwickeln. Aufträge nimmt er nicht mehr an, da seine eigenen Projekte genug Zeit in Anspruch nehmen. Dadurch, dass Light Art Photography noch recht unentdeckt in Graz ist, hofft Sascha, diese kommerziell nutzen zu können. Er plant auch, gemeinsam mit Markus Fotoworkshops zu leiten, in denen bisher wohlbehütete Geheimnisse darüber gelüftet werden. Sascha teilt sein Wissen gerne, denn er weiß, dass in Workshops immer wieder neue Ideen entstehen, und dass dadurch viel mehr zurückkommt, als das, was man an technischem Wissen preisgibt. Wer sich bereits jetzt informieren möchte, kann Sascha auf Facebook kontaktieren, unter: https://www.facebook.com/nichtspunktaus?fref=ts.


Wir bedanken uns ganz herzlich bei der Grazer Künstlerin Carola Deutsch vom Designstudio Decasa für die wunderbare Illustration zum Thema X-Rockz-Best-Of 2013.

Unser aktuelles

Titel-Cover von Decasa

Da s B i l d Ein Rad beschreibt X-Geschichten. Unterschiedliche Elemente stellen Themen und Artikel der X-RockzGeschichte 2013 dar, das Rad der Zeit visualsiert in Skizzen und Symbolik. Sehen – Hören – Fühlen – Schmecken – Sprechen – Singen – Gedanken, Empfindungen und Erinnerungen an das vergangene (für uns einmalige!) Jahr frei interpretiert und auf Papier gebracht. Auf ein spannendes Neues. Rock on! „Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe.“ Rainer Maria Rilke

http://www.vogeltanz.at/


ALONA BAKIROVA

* ZU SEIN CK DRUCK, UNTER DRU Was denkt die Welt zum Thema „Unter Druck stehen“? Die Suchmaschinen verraten: Nicht besonders viel, oder? Viele Firmen sind unter Druck, der Euro ist unter Druck, interessanterweise berichtet das erste Dutzend Treffer nur über wirtschaftlichen Druck … Ob das wirklich interessant wäre? OHNE TITEL eder von uns war schon einmal auf einer Ausstellung, wo alle zur Schau gestellten Objekte den Titel „ohne Titel“ hatten. Vielleicht sogar öfter als umgekehrt. Ein Werk von „Kleinformat“, ein Einzelstück, ist schwieriger zu benennen, das verstehe ich, besonders in dem Fall, wenn das Werk so intuitiv ist, dass man gar nicht weiß, welche Grenze man setzen kann, zu welchem Diskurs man sich bekennen darf. Deswegen wählt man oft keine Grenzen, freien Fluss, Liebe zur Vorstellungskraft und so weiter… „Aber was ist dann weiter?“, fragt sich ein Zuschauer, der sich bemüht, einen Sinn zu finden. Besonders schwierig wird es, wenn die Werke suggerieren, dass die Kunst nur Form, nicht Inhalt ist. Auf den Spuren des Inhalts zur Form zu kommen, ist eine große Herausforderung, die oft vom Zuschauer nicht nur Einbildungskraft, sondern auch Bildung verlangt. Aber was machen wir damit, mit unserem Wunsch, dass niemand von uns etwas verlangen darf? Wer hat so einen Wunsch nicht? Da frage ich mich auch, in welcher Form dieser Wunsch dann zur Schau kommt.

MARCUSE: ABSORBIERTES BEWUSSTSEIN Wie der Leser sieht, hab ich für meinen Artikel einen Titel, aber damit will ich keinesfalls jemanden unter Druck setzen, meinen Artikel nur in dem Sinne zu verstehen. Es ist eher so, dass ich mich selbst unter Druck setze, um zu verstehen, was denn eigentlich mein unbekannter Leser und meine unbekannte Leserin unter diesem Ausdruck verstehen würden.. Also wie alle heutzutage habe ich meinen Titel in eine Suchmaschine getippt, um herauszufinden, was die Welt zum Thema denkt. Und: Man denkt nicht besonders viel. Interessanterweise berichten Dutzende Treffer nur über wirtschaftlichen Druck... das ist schon Tatsache, dass viele Firmen unter Druck sind, der Euro unter Druck ist … aber ob das wirklich interessant ist?

Wir wissen von Herbert Marcuse, dass emanzipatorisches menschliches Bewusstsein in das System-Innere der Industriegesellschaft absorbiert wird. Ob wir wollen oder nicht, wir sind da drin. Aber wir wollen es nicht, bitte schön, auf keinen Fall! Wo beginnt unser oder nur mein Bewusstsein, absorbiert zu werden?

FREIZEIT NICHT GESTATTET Eine gute Bekannte von mir, Frau Dr. N., hat einmal eine Stelle für ein Semester an einem Forschungsinstitut bekommen. Perfekt! Sie war sehr glücklich, das war eine sehr seriöse Organisation, die an ihre Mitarbeiter denkt, und die Frau Dr. N. hat sogar einen kleinen Raum bekommen für ihre hochengagierte Freizeit. Sie hatte da einen Computer, eine Kaffeemaschine, einen ganz bequemen Stuhl, einen pastoralen Ausblick und einen Schlüssel, den sie jedes Mal beim Verlassen bei dem Portier des Instituts abgeben und natürlich beim Kommen abholen sollte. Ihre Aufgaben waren: Zwei Mal pro Woche die Vorlesungen zu halten und ein Mal eine Forschungsgruppe zu betreuen. Ihr Raum diente hauptsächlich ihren Bedürfnissen, damit sie einfach als „geehrte Gastdozentin“ und als Wissenschaftlerin einen Raum hatte, wo sie in ihrer Freizeit was auch immer machen konnte. Und sie machte, was sie wollte. Die Stadt war ihr unbekannt, deswegen besuchte sie in ihrer Freizeit Museen und ist einfach spazieren gegangen. Einen Tag war sie einmal nicht in ihrem Raum, nennen wir es Büro. Gleich beim Schlüsselabholen am nächsten Tag fragte der nette Portier, ob ihr es gut geht. „Sehr gut“, hat sie geantwortet. Die Woche darauf, als sie wieder ihre Freizeit in der Bibliothek verbrachte und erst am kommenden Tag im Büro erschien, war der Portier besorgt, ob sie krank sei, ob alles in Ordnung wäre? „Danke, es ist alles perfekt“, war ihre Antwort, aber dann hat sie aufgehört, ihre Freizeit frei zu gestalten, denn die Moral war: Wenn du schon den Raum hast, dann verbringe auch die Zeit da.


REINHARD SCHUCH

* UNSERER GATTUNG VON DER TORHEIT Wenn es um Stress geht, sind Neandertaler, Buddhisten und Immanuel Kant gute Referenzen. In unterschiedlichem Sinn, versteht sich. atürlich habe ich Druck, lieber Leser, ich bekenne es und greife mir jetzt gleich theatralisch an die Herzgegend. Es gehört heute zum guten Ton, gestresst zu sein, denn Druck heißt auf Neudeutsch Stress, und das klingt gleich besser und erinnert nicht so sehr an Druckerei-Werbesprüche wie „Wir machen Druck“ oder an Intimitäten auf Örtchen, die jeder allein besucht. Stress ist cool und steht Erfolgsmenschen gut zu Gesicht. Wer keinen Stress hat, macht was falsch. Oder?

BRIEF TRÄGER UND BUDDHISTEN Stress haben fast alle. Die Briefträger haben ihn, die Lehrer, die Autofahrer, wenn sie in Graz vom Parkraumservice gejagt werden, Maturanten vor der Matura haben Stress, der Marcel Hirscher, weil er in Sotschi gewinnen muss, alleinerziehende Mütter sowieso, aber auch Trinker, Nichttrinker und so weiter und so fort. Sogar mein Bekannter, ein bekennender Buddhist, hat Stress, weil es mit seiner Kunst nicht einfach ist, wohingegen möglicherweise Buddhisten in China, Japan, Kambodscha oder Thailand weniger Stress haben. Nein, in China und Japan haben sie wahrscheinlich genauso Stress.

DEN NEANDERTALERN GING’S NOCH GUT Stress gilt als Phänomen unserer Zeit, aber in Wahrheit ist er so alt wie die Menschheit. Denken wir nur an die Neandertaler, die immer wieder aufs Neue loszogen, um Brennholz und Essbares zu besorgen, die mit Bären und Mammuts kämpften, um die Sippe durchzubringen. DAS war Stress. Wir gehen einfach zum Billa. Wir gehen nicht einmal, wir fahren mit dem Auto. Beim Autofahren kommt allerdings der Stress – siehe oben – durch die Hintertür wieder herein, und wir lernen daraus: Stress ist wandelbar, jede Zeit hat ihren eigenen. Es ist zum Beispiel heute nicht so sehr das Problem, dass das Feuer in der Höhle ausgeht, sondern wie viele Mails wir täglich beantworten können, wie viele SMS und Facebook-Kommentare wir rauszuschießen imstande sind.

Und während der Neandertaler gelassen sein Bärenfell überstreifte, treiben unsere Teenies mit ihrem Markenbewusstsein bei Kleidern und Kleidchen uns in den finanziellen Ruin. Auch DAS kann Stress sein.

STRESS ÜBERSTEIGT SOGAR BIBEL Heute wird allerdings mehr über Stress geschrieben als vor 30.000 Jahren. Es gibt inzwischen Literatur über Stress, die vermutlich die Kommentare zur Bibel übersteigt. Die Literatur über Herzinfarkte, Schienbeinbrüche und sogar über die englische Königin ist verschwindend klein im Vergleich zu den Bergen von Stress-Büchern, -Aufsätzen und -Zeitungsartikeln. Und jetzt reden wir noch gar nicht vom Burnout. Das Burnout ist so etwas wie das Kind des Stresses, es kriecht aus ihm heraus und wird viel größer als sein Erzeuger. Das Burnout ist hässlich, sieht ein bisschen aus wie der einäugige Riese im alten Griechenland (man sieht ja auch im Burnout nur ganz schlecht) und hängt als Damoklesschwert fast überall, nur nicht in Amtsstuben. Ich weiß jetzt nicht, worüber mehr geschrieben wurde, über Stress oder Burnout, aber gemeinsam sind die beiden unschlagbar.

KANT HAT IMMER RECHT Zum härtesten Monat des Jahres, gerade haben wir ihn überstanden, gibt es ein schönes Wort: Im Dezember geht am besten man aus dem Weg den Gestressten. Immanuel Kant hat denselben Sachverhalt in unübertroffen eleganter, philosophischer Diktion so ausgedrückt: Geschäftige Torheit ist der Charakter unserer Gattung. Ach, Kant, wie recht du hast! Dem Alltagsstress kann nur entgehen, wer’s vermeidet, aufzustehen, sagt Oblomow, der Held im gleichnamigen Roman von Gontscharow, der beschließt, seine Tage im Bett zu verbringen und sich von seinem Diener alles bringen zu lassen. Seit Abschaffung der Aristokratie auch keine Lösung mehr. Und weil es keine Lösung gibt, haben wir Stress. Oder?


PHILIPP STROHMEIER

* SIND SCHULD DIE PORNOS Wenn du schon näher an der Dreißig als der Zwanzig bist, nicht weißt, was „Vines“ sind, und „twerken“ bei Wikipedia nachlesen musstest, dann bist du in einem Alter, in dem du deine Nachfolgegeneration nicht mehr ohne Weiteres begreifst. ährend dein Haaransatz unaufhaltsam nach oben wandert, rutscht die Hose der heutigen Teenager immer weiter nach unten. Apropos Hosen runter: Sex sollen sie ja auch immer früher haben und die Mädchen passen ihre Geschlechtsreife diesem Umstand gleich mal an. Was ist die Ursache?

Hier sind sich besorgte Eltern, Konservative und streng Religiöse einig: Die Pornos sind schuld! Was hat sich an den Masturbationsvorlagen geändert, seit ich mir als pubertierender Junge mehrmals täglich einen runtergeholt habe, um in der Schule halbwegs klar denken zu können? Ich wollte dem auf den Grund gehen und habe mich einem Selbsttest unterzogen. Hier das Resultat.

OMAS, DOMINAS UND FÄKALIEN Es ist Sonntagabend, die Mitbewohnerin verbringt das Wochenende bei ihren Eltern, Freundin ist auch keine da und die Hausmiezen sind versorgt. Ich kann mich in Ruhe, mit Taschentüchern und ohne Hose, der Recherche widmen. Auf die zerknitterten Pornoheftchen mit den verklebten Seiten war ich schon mit 15 nicht mehr angewiesen. Ich habe das Passwort des Computers meines Stiefvaters geknackt! Damals lauerte noch hinter jeder digitalen Brustwarze ein Virus (was ich erst in einer peinlichen Familienkonferenz erfuhr). Daraufhin konnte ich mir die Filme nur noch heimlich von anderen ausleihen.

Mein bester Freund hatte ein Faible für Asiatinnen, ich für Rothaarige, allerdings saß er an der Quelle, und so musste ich mir über Jahre hinweg vorstellen, wie eine Vagina hinter den groben Zensurpixeln aussieht. Mein junges Ich ist eifersüchtig. Heute sind nicht nur die Bilder zur banalen Google-Suche „Nackte Frau“ um ein Vielfaches offener als jedes Video, das ich damals gesehen habe. Es gibt ein eigenes Pornoportal im Stil von YouTube. Ich kenne die Seite, heute sehe ich sie mir aber bewusster an. Für nahezu jeden Fetisch findet man dort eine eigene Kategorie. Du stehst auf Fesseln, Dominas, Fäkalien, Großmütter, silikonbepackte Lehrerinnen mit einem bis 30 Schülern oder alles zusammen?


Willkommen in der Welt der Selbstbefriedigung, bediene dich! Für Nostalgiker gibt es Vintage, für Manga-Fans Tentakel und ich bin mir sicher, dass auch für deine heimlichen Vorlieben genug Stoff vorhanden ist. Was die sexuelle Orientierung angeht, hat man die freie Wahl. Lesbian, Gay, Bi, Straight, Transsexual – alles da. Trotzdem lässt mich das Gefühl nicht los, dass ich mich in einer von Männern für Männer geschaffenen Welt bewege. Ich kenne zwar die Studien, die besagen, dass sich über 70 Prozent der Frauen immer wieder einmal einen Sex-Clip reinziehen, aber offen gesprochen hat darüber noch keine mit mir.

Am häufigsten vertreten sind Amateur und Anal. Ich hätte ja kein Problem mit Amateur, aber die Kameraführung! Die ist so beschissen, da kann ich gleich wieder auf die klebrigen Heftchen umsteigen. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob die Darsteller wirklich Amateure sind. Wäre ich nicht mit einem gesunden Selbstwertgefühl geboren, hätten mir die vielen riesigen Penisse die Lust versaut. Zum Glück gibt es – laut der andauernd aufpoppenden Werbung – genug Möglichkeiten, auch so ein Monsterteil zu bekommen.

Und Anal, ich hab´s ja schon gesagt, ich bin verklemmt, ich steh halt auf langweiligen Blümchensex und den finde ich auch endlich, sogar mit einer Rothaarigen.

WANNA GROW YOUR DICK? Ich habe gerade bemerkt, dass ich verklemmt bin. Vorbei an Gang Bang Parties und Cumshot Compilations, weg von 3D Comics und Double Penetration, treibt es mich in Richtung des gewöhnlichen vaginalen Rein-raus-Sex. Wenn man bedenkt, wie lange ich gebraucht habe, um so einen Clip zu finden, dann kann die Nachfrage danach nicht sonderlich groß sein.

Ganz so schlimm steht es wohl doch nicht um meine Sexualität: Als eine Asiatin das Set betritt, um dem Paar unter die Arme zu greifen, schließe ich kurz die Augen, lächle und klopfe meinem Jugendfreund in Gedanken zustimmend auf die Schulter.

>


MENTHOLTASCHENTÜCHER, MASTURBATION UND MIEZEN Ganz so blumig ist es doch nicht. Nach zwei Minuten haben sich die drei in einen erregten Knoten aus Lecken, Blasen und – da ist er wieder! – Analsex verknüpft. Ich will nichts Neues mehr suchen. Das war ein Vorteil an der guten alten Zeit. Bei einer mickrigen Auswahl von vielleicht 10 Filmen auf einer CD brauchte man wenigstens nicht zwei Stunden mit der Suche nach dem richtigen verbringen. Nach ein paar Minuten ist es vorbei. Noch bevor mein Penis ganz erschlafft ist, ändert sich mein Blick auf den Computerbildschirm von „Geil, Sex, Yeah!“ zu Ekel und Scham. Wirklich, dazu habe ich gerade masturbiert? Die Frauen sind nicht mehr schön, sie liegen verdreht auf dem Bett, Schweiß und Sperma tropfen von ihrem Gesicht. Der Mann, dessen Gesicht man erstmals zu sehen bekommt, läuft noch immer mit einem Ständer herum und wartet auf die nächste Runde. Ich weiß ja nicht, wie das bei euch so ist, ich brauche nach der Ejakulation auf jeden Fall eine kurze Pause. Ich nehme mir vor, in Zukunft keine Menthol-Taschentücher mehr zu kaufen, werfe die benutzten in die Toilette und wasche mich. Vor meiner Zimmertür stehen die zwei Hausmiezen und blicken mich vorwurfsvoll an.

VOM SYSTEM GEKÖDERT Während ich eine Zigarette rauche, schaue ich mir, diesmal ohne lustvolle Erwartungen, die Internetseite noch einmal an. Ich sehe keine Erotik mehr, ich sehe Aufforderungen. Sex sells ist die Devise und es funktioniert, sonst wäre diese Sparte nicht so erfolgreich. Die Aufgabe der Videos ist nicht Befriedigung, sondern das Gegenteil. Sie suggerieren dir –, wie es sich für ein anständiges kapitalistisches System gehört – du müsstest besser sein, länger durchhalten, dich dem anderen anpassen und die Werbung, die überall blinkt und leuchtet, bekräftigt das – auch die in Zeitschriften und auf der Straße. Erotik oder Leidenschaft gehen dabei völlig verloren und am gefährlichsten ist wohl das Frauenbild, das dabei vermittelt wird.

CHEMIE STATT FIKTION Pornographie ist für viele ein obligates Programm in der sexuellen Entwicklung. Aber es sollte jedem User bewusst sein, dass diese Welt nur eine Fiktion über Ficken ist. Frauen sind in Realität eben keine Sexobjekte, die darum betteln, in jede mögliche Körperöffnung gevögelt zu werden, um dankbar Sperma mit ihrem Gesicht aufzufangen. Und eine vierstündige Penetration mit einem 30 Zentimeter langen Penis ist eher nicht förderlich für einen Orgasmus. Viel wichtiger dafür ist, dass die „Chemie“ stimmt.


LILLI SCHUCH

*

HAMSTERRAD


ich habe DRUCK, ausgeschlafen und gut gelaunt aufzuwachen. ich habe DRUCK, meinen kids ein super frühstück zu machen. ich habe DRUCK, immer oliven und gemüse zum frühstück einzukaufen. ich habe DRUCK, nett mit den kids in der früh zu plaudern und unangenehme themen wie: hast du wirklich alles für die schule gemacht?, zu vermeiden. ich habe DRUCK, die kids bis zur tür zu begleiten. vorher habe ich natürlich DRUCK, zu kontrollieren, ob der kleinere die zähne ordent-

lich geputzt hat. ich habe DRUCK, das haus zu lüften, betten zu machen, den hund zu füttern, die waschmaschine voll zu machen und einzuschalten, die trockene wäsche abzunehmen, zu schlichten, in den bügelkorb zu geben. ich habe DRUCK, die küche zu räumen und dabei zu überlegen, was wird zu mittag gekocht. ich habe DRUCK, einen kaf-

>


winterferien und zehn in den sommerferien zu lesen. ich habe DRUCK, ins theater, in die oper, ins kino, in konzerte und ins beisl zu gehen. ich habe DRUCK, veranstaltungen mit einigen kulturellen instituten zu organisieren. ich habe DRUCK, politisch up-to-date zu sein. ich habe DRUCK, öfter torten zu backen und endlich quittenmarmelade zu machen. ich habe DRUCK, das zimmer meines jüngsten endlich umzubauen. ich habe DRUCK, abzunehmen, mehr sport zu machen und netter zu meinem mann zu sein. ich habe DRUCK, weniger mit den kids zu schimpfen und immer zuzuhören zuzuhören zuzuhören. ich habe DRUCK, weniger zu reden, zu schreiben und zu telefonieren.

ich habe DRUCK, endlich an mich zu denken und KEINEN DRUCK mehr zu haben. ich habe gott sei dank oft ein bier zu hause. falls nicht, gehe ich zu nachbarn. für die notfälle habe ich passedan, relax, bachblütenzucker. falls das nicht hilft, habe ich xanor oder psychopax. dann bin ich endlich DRUCKLOS. für ein paar stunden. gleich danach bekomme ich DRUCK, ohne xanor oder psychopax wieder UNTER DRUCK zu kommen. und grüble lang in der nacht, was ich hier falsch mache und bekomme DRUCK, nicht genug ausgeschlafen und fit für den kommenden tag zu sein.


fee zu trinken und zwei zigaretten zu rauchen. das muss ich tun, sonst halte ich das oben geschriebene nicht aus. ich habe DRUCK, eigentlich in der früh einen tee zu trinken. ich habe enormen DRUCK, mit dem rauchen aufzuhören. ich habe DRUCK, yoga, tibetanische übungen und atemübungen zu machen. ich habe DRUCK, vitamin d, magnesium und salbei tee zu trinken und ins büro zwei äpfel mitzunehmen. ich habe DRUCK, mich nach dem duschen einzucremen, sonst ist meine haut trocken und verliert schneller die adriafarbe. Ich habe DRUCK, mindestens neun stunden pro tag zu arbeiten. ich habe DRUCK, die mails zu beantworten, gute umsätze zu machen, interessante geschichten zu recherchieren, ab und zu welche zu schreiben. ich habe DRUCK, meinem texter alles vorzubereiten. ich habe DRUCK, meine grafiker nicht zu überfordern und die unterlagen systematisch und tutti completamente zu senden. ich habe DRUCK, dem lektor alles rechtzeitig zukommen zu lassen und die fotografin mit unklaren themen nicht zu nerven. ich habe DRUCK, meine models zu entlohnen und ständig aber wirklich ständig ein wenig buchhaltung zu machen. ich habe DRUCK, wenn die steuerberaterin etwas von mir will. ich habe DRUCK, wenn bei übersetzungen die agenturen zu viele korrekturen nachträglich bringen. ich habe DRUCK, dass mein schreibtisch einigermaßen ordentlich aufgeräumt ist, sonst finde ich nichts. ich habe DRUCK, der praktikantin klare anweisungen zu geben. ich habe DRUCK, ständig meine mitarbeiter beschleunigen zu müssen. ich habe DRUCK, mehr anfragen für inserenten zu versenden. ich habe DRUCK, immer mehr umsatz zu erzielen. ich habe DRUCK, wirtschaften zu müssen. ich habe DRUCK, wenn die druckerei mir einen fixen drucktermin gibt. Ich habe DRUCK, dass die kids jeden tag eine warme mahlzeit bekommen, wenn möglich immer mit suppe und salat. ich habe DRUCK, wenn mein mann drei tage hintereinander kocht und ich nicht, oder wenn er ständig frühstück für die kids macht. Ich habe DRUCK, mit meinen kids beim mittagessen ein gespräch zu führen. ich habe DRUCK, meine arbeit beim mittagessen vergessen zu müs-

sen. ich habe DRUCK, schnell nach dem mittagessen wieder arbeiten zu gehen. ich habe DRUCK, dass die kinder mitbekommen, dass ich eigentlich schnell weg will. ich habe DRUCK, mit den kids zu lernen (ab und zu lerne ich gerne mit ihnen). Ich habe DRUCK, mit den kids über ihre freunde, die schule oder spiele immer dann, wenn sie wollen, reden zu müssen. ich habe DRUCK, tausende zettel für die schule unterschreiben zu müssen. ich habe DRUCK, elternabende auszuhalten, wenn mein mann nicht geht. ich habe DRUCK, mit andren mamas trainingstermine, geburtstagsparties, ausflüge oder übernachtungen beim freund besprechen zu müssen. ich habe DRUCK, dem lehrer nicht die wahrheit zu sagen (fehlstunden). Ich habe DRUCK, den nachbarn nicht meine meinung über lächerliche dinge, wie unordung im müllhaus, zu sagen. ich habe ununterbrochen DRUCK, nicht zu aggressiv mich über spezifische österreichische merkmale (grant, neid und nie über honorare und gehälter offen reden zu wollen) auszulassen. ich habe DRUCK, meinen kroaten nicht zu sagen, dass sie so oft angeber und nationalisten und rechte spießer sind. ich habe DRUCK, bei langweiligen geburtstagsparties nicht sagen zu dürfen, dass sie langweilig sind. ich habe DRUCK, langweiligen leuten nicht sagen zu dürfen, dass ich sie nicht in meinem leben brauche. ich habe DRUCK, englisch- und italienisch-kurse zu besuchen. ich habe DRUCK, yoga zu machen, jeden tag mit dem hund zu spazieren. ich habe DRUCK, jeden tag frische luft zu schnappen. ich habe DRUCK, dreimal pro woche ins fitnessstudio zu gehen und alles mit dem fahrrad zu erledigen. ich habe DRUCK, mehr zu reisen und mich mehr zu pflegen und mehr zu schlafen. ich habe DRUCK, meine familie in kroatien öfter zu besuchen. ich habe DRUCK, öfter alten freunden zu schreiben. ich habe DRUCK, endlich in ruhe mein buch fertigzumachen. ich habe DRUCK, die kidstagebücher täglich zu schreiben. ich habe DRUCK, weil mein mann diesen text korrigieren muss. ich habe DRUCK, die kinderfotos zu schlichten und weil ich die zeit, vice, spiegel, jutarnji, eltern, geo, standard und presse lesen möchte. ich habe mindestens vier bücher in der


Es muss freilich einen Grund geben, warum dieses bekannte Modell seit Jahrtausenden zum Scheitern verurteilt ist; man nehme als Beispiel dazu nur die Flower-Power-Generation der 1960er Jahre, ebenfalls eine Zeit, in der man der Spießigkeit der Gesellschaft mit freier Liebe, Drogenkonsum und Menschen- wie Umweltschutz begegnete. Schwer zu glauben, dass es der Generation der Blumenkinder zu verdanken ist, dass wir nun in einer Gesellschaft voller Überwachung, Verboten, Ausbeutung und Unfreiheiten leben. Kapitalismus und Kiffen. Egal, wie oft es bereits versucht wurde, die Polyamorie scheitert ironischerweise an dem, was sie propagiert, der menschlichen Liebe, die, auch wenn es niemand zugeben will, oft von Besitzdenken, Eifersucht und Egoismus bestimmt wird.

Der Gedanke, ein so komplexes und doch seit Urzeiten konstantes Gefühl innerhalb einer Generation neu auslegen zu können, um weiteren Generationen das Leid der Untreue, des Liebeskummers oder des endlosen Wartens zu ersparen, klingt verlockend, der Druck dieses Unterfangens ist jedoch enorm. Muster abstellen, die seit tausenden Jahren in uns verankert sind, ist sicherlich nicht etwas, was innerhalb von kurzer Zeit möglich ist. Sexuelle Evolution statt Revolution. Was mich betrifft, so kann ich in einer Stadt ohne Einzelbetten meine Ruhe und Erholung manchmal auch in mir selbst finden. Nicht einsam, sondern allein. Das ist ein Unterschied.


Mittlerweile sind Dominika und Josef so was wie ein lokales Phänomen. Egal, wen man trifft, jeder kennt sie, entweder persönlich oder über drei Ecken. Aber was hat es mit diesen Liegenschaften nun auf sich? So viel darf gesagt sein, egal wie viele Geschichten man gehört hat, man muss es selbst erlebt haben. Aber was genau ist nun eigentlich so faszinierend an dem Thema Polygamie, dass es uns schon seit Menschengedenken beschäftigt? Dass sich der Mensch gerne als Krone der Schöpfung sieht, ist weithin bekannt. Nichtsdestotrotz muss der nächste Verwandte des Menschen, der Affe, trotzdem immer wieder als Entschuldigung für das Tier im Menschen herhalten. Besonders dann, wenn es um das heikle Thema Treue geht. Wir stammen nun mal von Affen ab. Und die sind nicht monogam. Basta. Ob der Mensch nun biologisch gesehen ungeeignet für die Monogamie ist oder nicht, bleibt weiterhin ein Thema, das diverse (Pseudo-)Wissenschaftler beschäftigen wird. Die stetig wachsende Anhängerschaft des Polyamorismus verblüfft. Darauf angesprochen, was ihn am Polyamorismus reizt, antwortete mir ein guter Freund folgendermaßen: „Es gibt einfach zu viele lässige, schöne Mädchen, wieso sollte ich mich dazu zwingen, unglücklich mit nur einer Person zu leben? Außerdem kann ich nicht anders, ich liebe sie einfach alle. Eigentlich bin ich der perfekte Freund, ich liebe jede gleich und lasse ihnen trotzdem jegliche Freiheit.“ Was vor ein paar Jahren noch als Ausrede eines notorischen Fremdgängers belächelt wurde, ist heute schon beinahe Standard und gemeinhin akzeptiert.

MONOGAME EIFERSUCHT Polyamorismus als Ausbruch aus gesellschaftlichen Normen und Zwängen, Polyamorismus als Meilenstein im Kampf für mehr Selbstliebe und Akzeptanz, Polyamorismus als Heilsbringer einer ganzen Generation? Die Realität sieht leider nicht immer ganz so rosig aus, denn selbst über diesem vermeintlichen Paradies schwebt dunkel und schwer die Wolke der Eifersucht. Und genau die kann zu einem großen Druckpunkt werden, in einer Welt, in der alle cool und lässig und über jegliche menschliche Neigung erhaben sind. Denn so betont locker sich die Polys auch geben, so gnadenlos ist ihre Meinung zum Mainstream, monogam lebende Pärchen werden als ungebildet und unglücklich verlacht, Frauen, die dazu stehen, sich mit rasierter Schambehaarung wohler zu fühlen, als Opfer des Systems verspottet und der Wunsch nach einem einzigen Sexualpartner als prüde und verklemmt abgestempelt.

KAPITALISMUS UND KIFFEN Paradoxerweise ist der Druck, dem man versucht durch den Polyamorismus zu entkommen, dadurch um ein Vielfaches gestiegen, denn Verständnis oder gar Akzeptanz – falls jemand doch Zweifel an der (sexuellen) Freiheit hat – sind nur schwer zu bekommen, da Eifersucht und Besitzdenken in jedem Fall hinderlich sind, wenn es darum geht, die Grenzen der Sexualität auszuloten.

>


SEXUELLE (

(

SUSANNE ARLT

* EVOLUTION

Egal, wo wir sind, unsere Eltern waren bereits da. Betrunkener, eingerauchter und verrückter, als wir es jemals sein können. Blaue Haare und ein Anarchy-T-Shirt zu zerrissenen Hosen und zur Bierfahne schockieren schon lange nicht mehr. ie Generation Null muss sich etwas Neues einfallen lassen, um ihr Anderssein, ihre Emanzipation von daheim ausdrücken zu können. Momentan sind zwei völlig gegensätzliche Phänomene zu beobachten. Auf der einen Seite die Flucht ins Traditionelle. Trachtengewand wird wieder mit Stolz zu diversen Anlässen getragen, 20-Jährige, die verheiratet sind und Kinder mit ihrer Jugendliebe haben, sind keine Seltenheit und Andreas Gabalier füllt mit seichter Schlagermusik die Konzerthallen: Spießigkeit als Flucht vor dieser neuen, schnellen Welt, in der es in der Tat schwer ist, seinen Platz zu finden.

BEHAARTE P O LY G A M I E Als besonders „links“ einzuordnende Jugendliche und Jungebliebene, vorwiegend Studenten und Akademiker, haben ein seit Jahrtausenden bekanntes Modell wieder ausgegraben, es für gut befunden und es nach ihren eigenen Regeln neu ausgelegt: die Polygamie. Doch wer denkt, hierbei handelt es sich bloß um ein nettes Fremdwort, welches wilde Orgien beschönigen soll, der irrt gewaltig. Den Polyamoristen, auch Polys genannt, geht es um mehr als das bloße Zusammenführen von Geschlechtsteilen, es geht um Liebe zu sich selbst und zu anderen, um die Schönheit des Körpers und des Geistes mit all seinen Makeln und Unvollkommenheiten, frei nach dem Motto: Was in unserer Gesellschaft als hässlich oder störend empfunden wird, wird einfach so lange geliebt und zelebriert, bis es als schön betrachtet werden kann. Schamhaare zum Beispiel. Die sind bei jungen Leuten gar nicht gerne gesehen, stehen sie doch für Unreinheit und üble Gerüche. Schlussfolgernd ist das Rasieren bei den meisten natürlich ein Muss. Anders bei den meisten Polys, welche die Schönheit eines natürlichen Körpers mit jeglicher Behaarung zelebrieren und somit nicht nur gegen den krankhaften Perfektionswahn unserer Gesellschaft rebellieren, sondern auch einen neuen Trend setzen und damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln, in einer Welt, die an Perfektionswahn und Schnelllebigkeit zu zerbrechen droht.

POLYAMORISTEN IM ANMARSCH Maßgeblich beteiligt an dem polyamoren Hype, der in Graz nun schon seit über einem Jahr grassiert, sind Dominika und Josef, Polyamoristen der ersten Stunde. Sie sind es auch, die die berühmtberüchtigten „Liegenschaften“ abhalten.


PRESSURE

PUSHING DOWN ON ME PRESSING DOWN O N YO U,

NO MAN ASK FOR UNDER PRESSURE

THAT BURNS A BUILDING DOWN S P L I T S A FA M I LY I N T W O PUTS PEOPLE ON STREETS IT‘S THE OF KNOWING WHAT THIS WORLD IS ABOUT WATCHING SOME GOOD FRIENDS SCREAMING, "LET ME OUT!“...

TERROR

FREDDY MERCURY & DAVID BOWIE


HOL DIR JETZT DAS KOSTENLOSE X-ROCKZ-APP (iOS)

Alle Infos: www.x-rockz-magazin.com Das รถsterreichische Kunst, Kultur & Kreativmagazin!


Bühne & Film

Geht nicht gibt’s nicht! Ein Autodidakt auf Überholkurs Bericht: Lea Leitner, Fotos: Chris Plach

A u to r u n d F i l m e m ac h e r S t e fa n Rot h b a rt f ü h rt u n s i n s e i n e W e lt d e r F i l m e u n d L i t e r at u r u n d z e i g t, da s s m a n a l l e s s c h a f f t – e g a l , w i e u to p i s c h e s a m A n fa n g s c h e i n e n m ag . Man muss nicht lange seinen Erzählungen zuhören, damit einem die Kinnlade runterfällt: Mit seinen jungen 26 Jahren hat der Grazer Stefan Rothbart schon ein beachtliches Resümee an eigens initi­ ierten Projekten vorzuweisen. Er ist hauptsächlich im Literatur- und Filmbereich daheim und begann damit schon im Jugendalter. Stefans Interesse am Film wurde geweckt, als er noch die HTL besuchte: Als ersten Schritt las er sich mit hilfreicher Fachliteratur ein, dann mit 17 nahm er am Filmworkshop der Sommerakademie Graz teil. Dabei hat er Blut geleckt. Neben vielen lehr­ reichen Erfahrungen lernte Stefan Gleichgesinnte kennen, mit denen er gemeinsam die Plattform Dropout Films Graz gründete und erste eigene Filmprojekte auf die Beine stellte – mit nur wenig oder keinem Budget. Die Filme wurden mit einfachen Mitteln produziert, doch das Lernausmaß dabei war gewaltig, und bereits sein zweiter, von ihm produzierter Kurzfilm Das Leben ist ein Traum schaffte es ins UCI-Kino. Neben weiteren kleinen Projekten begann Stefan in dieser Zeit auch, sein erstes Buch Zur Hölle mit der Welt zu schreiben, eine satirische Abhandlung von politischen und gesellschaftlichen Themen. Damals war er gerade 18 Jahre alt und ist durch den 80

11. September und George Bush politisiert worden. In dem Buch vermittelt er seine Gedanken zu vielen aktuellen Themen, denn es war auch eine Zeit, in der er vieles hinterfragte. Sein zweites Buch Die kleine Satire des Lebens, das er 2009 veröffentlichte, ist ein interessanter Anreger dazu, zu reflektieren, wie man eigentlich sein Leben führt. 2008 beschloss Stefan, seinen ersten Langspielfilm zu drehen: Bell Canto, eine Verfilmung des bereits existierenden, gleichnamigen Buches. 2010 fand der Film den Weg in die Kinos UCI und Rechbauer, wo er jeweils 2 Wochen auf den Programmen stand. Seit 2011 ist Bell Canto auch als DVD erhältlich. Sowohl seine Bücher als auch Filme waren für Stefan primär Projekte, durch die er Erfahrungen sammeln und ausprobieren wollte, in welche Richtung er gehen wollte. „Ich glaube, als Künstler geht es sowieso um die Erfahrung und darum, dass du Dinge machst, egal ob es ein Erfolg wird“, kommentiert er. Der Erfolg ist für Stefan die Erfahrung selbst, denn sie bringt einem Künstler in seinem Schaffen irrsinnig viel. An diesem Motto hielt er fest: Wenn er etwas machen wollte, hat er es einfach gemacht, ungeachtet dessen, ob er es konnte oder nicht. Im Fall von Bell Canto wollte er bewusst den gesamten Prozess, einen Kinofilm zu produzieren, durchgehen, „weil das sind so Erfahrungen, die kannst du nicht wirklich auf einer Filmschule lernen, sondern die musst du sowieso mal machen“. Mittlerweile fällt es ihm um einiges leichter, Projekte zu realisieren. Stefan spricht an, was vermutlich viele Künstler beschäftigt: die Angst davor, bei einem Projekt zu versagen. „Du kannst als Künstler nix falsch machen. Kunst ist immer ein Abriss des Moments, deiner momentanen Persönlichkeit.“ Allgemein wird gesagt, dass man als Autor nur über das schreiben kann, was man selbst erfahren hat. Dem stimmt Stefan zum Teil zu, denn in der Kunst geht es immer um Echtheit, und „echt ist das, was du im


Moment produzieren kannst“. Stefan selbst hat es immer Spaß gemacht, Dinge machen zu können, wenn er es wollte. Was andere dazu sagen, besonders wenn das Gegenargumente waren, ignoriert er – schließlich kann man nur wissen, ob ein Projekt Erfolg hat, wenn man es versucht. 2011 rief er mit Kollegen redscriptfilms ins Leben, ein Independent-Label, unter dem er Spielfilme, Dokus, commercial arts und vieles mehr produziert. Der Grazer Schlossberg Nach der Veröffentlichung von Bell Canto konzentrierte Stefan sich wieder auf die Schriftstellerei. Das ging Hand in Hand mit seinem kürzlich erwachten Interesse an Geschichte, denn besonders die Schlossbergbelagerung faszinierte ihn. Ihm kam der Gedanke, dass es eigentlich nie einen Roman darüber gab, obwohl die Geschichte ideal dafür wäre. Also begann er, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen – er entschloss sich, einen historischen Roman zu schreiben. 2010 begannen die Recherchen, etwa ein Jahr später ging es ans Schreiben, und 2012 war 1809 – die letzte Festung fertiggestellt: Ein 900-seitiger historischer Roman über die Belagerung der Stadt Graz im Jahre 1809 durch die Franzosen. Im Mittelpunkt stehen Major Hackher und seine Recken, die den Schlossberg einen Monat lang verteidigten, aber auch Geschichten aus der Bevölkerung werden aufgegriffen und das Leben unter einer Besatzungsmacht wird thematisiert. Stefan ist für den Schloßbergroman gerade in Verhandlung mit verschiedenen Verlagen – ihm ist es wichtig, dass es ein steirischer Verlag wird, passend zum Buch. Seine Verlagssuche brachte ihm mehr, als er erwartet hatte: Zur gleichen Zeit suchte Pichler Verlag selbst nach einem Schreiber, der ein Sachbuch über den Grazer Schlossberg zusammenstellen würde. Sie erinnerten sich, dass Stefan einen Romanvorschlag über den Schlossberg geschrieben hatte und wandten sich kurzerhand an ihn. Diesmal war das Buch in einem halben Jahr geschrieben, inklusive Recherchen. Dabei war ihm vor allem wichtig, nicht nur über trockene Fakten zu schreiben, sondern vor allem interessante Geschichten herauszugreifen. Das Buch ist nun bei Moser erhältlich; eine zweite Auflage wurde bereits bestellt. Momentan arbeitet Stefan am Drehbuch zu Suller und einem Roadmovie, genannt Griechenland ist überall. Ersteres ist ebenfalls eine semi-historische Geschichte aus der Napoleonischen Zeit und handelt von einem Kriegsheimkehrer, der in sein steirisches Heimatdorf zurückkehrt und eine veränderte Welt vorfindet. Obwohl er eigentlich nur sein altes Leben weiterführen möchte, muss Suller sich gegen korrupte Adlige, Großbauer und Grundherren durchsetzen. Mit dem Drehbuch möchte Stefan zeigen, dass auch Österreich seine Rebellen hatte, die für Gerechtigkeit kämpften. Weitere Projekte sind darüber hinaus schon in Planung: Zum einen wird Stefan ein Buch über die unglaubliche letzte Reise der S.M.S. Kaiserin Elisabeth schreiben – ein k.u.k.-Kriegsschiff, welches zu Beginn des 1. Weltkriegs ausgerechnet in China gegen Japaner und Engländer kämpft und deren Besatzung eine wahre Odyssee durchmachen musste, sowie einen Dokumentarfilm über junge Filmemacher im deutschsprachigen Raum, insbesondere in Österreich. Daneben schweben noch Dutzende weitere Ideen und Konzepte in Stefans Hinterkopf, die den Rahmen dieses Artikels sprengen würden. Jedenfalls dürfen wir schon gespannt sein, was uns in den nächsten Jahren noch alles erwartet – es wird auf jeden Fall Großes sein. 81


Ich spreche,

also bin ich

Portrait von Anita Raidl, Fotos von Jacqueline Korber und Theresa Hager

„Salzige Gewässer“ sind hierzulande selten. Der Sprecher Markus Sulzbacher ist eines davon: leidenschaftlich, sprachgewaltig und entdeckungsfreudig. Ein charmanter, fescher Mann mit tiefer Stimme. So könnte man Markus Sulzbacher im Vorbeigehen beschreiben, flüchtig und momentbezogen, aber im nächsten Moment: Da bleiben wir stehen, um unter die erste Wahrnehmungsschicht zu tauchen, die sich bei mir aus Begrüßungen, E-Mail-Verkehr, Sprachaufnahmen sowie fragwürdiger Recherche zusammensetzt. Nomen est omen? Sulzbacher. Sulz und Bach. Das Wort „Sulz“ war ein im Mittelalter gebräuchlicher Begriff für Salzwasser, weiß Wikipedia. Sulzbach, ein Bach mit dem gewissen Etwas also. Sulzbacher und ich treffen uns kurz vor Mitternacht in der Grazer Innenstadt und eröffnen den Redefluss. Markus zündet sich eine Zigarette an. Ob das Rauchen denn gut für seine Stimme sei, frage ich ihn. Markus antwortet, dass es sicher nicht gut sei, aber „eine Rebellion gegen eine Gesellschaft, die versucht, uns möglichst clean und klein zu halten“. Die Tür ins Sulzbachersche Universum, das sich beruflich über den ganzen deutschsprachigen Raum und privat hauptsächlich über Berlin erstreckt, steht nun offen. Es ist ein Universum, das sich vor fünf Jahren durch den Entschluss, professioneller Sprecher werden zu wollen, aufgetan hat. Kein plötz­ licher Götterfunke, sondern ein jahrelanger Prozess, getragen von 82

der Auseinandersetzung mit Stimme, Ton und Musik, war der Anlass dafür. So war Markus – geboren 1978 – mitunter Frontman der Falco Revival Formation und umtriebiger Tontechniker. Ab dem Jahr 2005 arbeitete er als Producer bei einem österreichischen Radiosender, wo er auch als Sprecher eingesetzt wurde. „Ich bin da reingerutscht, hab dann eine Sprechausbildung gemacht und in der täglichen Arbeit gemerkt, dass mir das unglaublichen Spaß macht“, erinnert sich Markus, den gut synchronisierte Filme und charismatisch gesprochene Dokumentationen schon immer fasziniert haben. Im Jänner 2012 siedelte er nach Berlin, „dorthin, wo in der Sprecher-Szene am meisten lost ist“, es war eine „Flucht nach vorne“, wie er sagt. Um in der Berliner Sprecherszene als Synchronsprecher akzeptiert zu werden, startete er eine Schauspielausbildung. Markus dreht sich die nächste Zigarette (Filter: Gizeh, Papers: OCB Blau, Tabak: American Spirit) und erklärt, dass Sprecher und Schauspieler sehr nahe beieinander liegen, denn beide müssen unterschiedlichste Texte und Themen möglichst authentisch transportieren. In der Schauspielausbildung lernt er, sich mit dem, was zwischen den Zeilen steht, auseinanderzusetzen. „Das klingt dann

www.markussulzbacher.com

Foto: Jacqueline Korber

Bühne & Film


Foto: Jacqueline Korber

plötzlich anders. Es verändert die Stimme und für den Zuhörer ist es natürlich wesentlich spannender“, führt er an. Mit Schauspiellehrer Johannes Hitzblech hat Markus einen Mentor gefunden – zumindest einmal die Woche nimmt er bei ihm Impro-TheaterUnterricht, besucht aber auch Workshops wie „Stimm-Toning“ oder macht Schauspiel nach der „Meisner Technik“. Abseits vom Schauspiel hält er sich mit Laufen und der Kampfkunstart Kara Ho fit und entspannt. „Ich hab‘ immer versucht, eine Szene so gut wie möglich runter zu spielen“, fasst Markus seinen anfänglichen Zugang zum Schauspiel in Worte und verrät sein neues Credo: „Erlebe es so, als würdest du es zum ersten Mal erleben“. Aktuell versucht er diesen Leitsatz, den ihm sein Mentor gelehrt hat, in seinem ersten SchauspielEngagement als Pizza-Bote Eddie in der Komödie Pizza Man umzusetzen. „Du gehst an dein Innerstes und du kehrst dein Innerstes nach außen“, sagt er und bestätigt mir, dass das natürlich auch ein gewisser Kick sein kann. Ob eine Schauspielkarriere für ihn eine Option ist? Er möchte das nicht ausschließen, betont aber, dass der Markt unfassbar überschwemmt sei. „Ich möchte an mir arbeiten. Nicht nur für mein Sprecher-Sein und als Schauspieler, sondern als Gesamtformung des Lebens.“

Foto: Jacqueline Korber

Markus spricht ruhig und oft in Bildern. Es ist schon weit nach Mitternacht und der Kellner ruft die letzte Runde aus. Nach und nach spricht Markus manche Wörter „österreichischer“ aus als zu Beginn und wir gelangen zu seinen Wurzeln, die in Bad Aussee liegen. Er erzählt vom Aufwachsen im Salzkammergut, das schön war, seiner vergeblichen Suche nach einem Platz in der Gesellschaft und davon, dass er sich in seiner Heimatstadt manchmal wie ein Beobachter gefühlt habe. „Das Beobachten ist natürlich in einer Stadt wie Berlin viel spannender“, gibt er schmunzelnd zu bedenken und beschreibt Berlin als „unfertige, kontrastreiche Stadt“, als eine Stadt, in der er sich daheim fühlt und die für ihn zur Inspirationsquelle geworden ist. Eine weitere Inspirationsquelle ist wohl auch seine Großmutter, die zu Lebzeiten leidenschaftliche Sängerin, Schauspielerin und Sennerin war. Als die Großmutter ihren Leidenschaften nicht mehr nachgehen konnte, ging ihre Lebensenergie verloren. „Das war für mich eine so große Erfahrung, dass jemand für etwas so viel Leidenschaft aufbringen kann, dass, wenn’s einem weggenommen wird, das Leben keinen Sinn mehr macht.“ Ich denke, „leidenschaftlich sein“ ist etwas, das auch Markus auszeichnet (und dem Bach sein Salz gibt). Es geht darum, Neues zu entdecken, sich aus der Komfortzone zu bewegen und ein Risiko einzugehen, um die Lebensqualität zu verbessern, aber auch, um seine Ziele zu erreichen. Die da wären? Zum Beispiel Sprecherrollen für Animationsfilme und Dokumentationen. Der letzte Schluck ist getrunken, das letzte Wort aber noch lange nicht gesprochen. Wir ziehen weiter. 83 Foto: Theresa Hager


Bühne & Film

Stunt up your life Bericht von Stefan Rothbart, Fotos von Christian Plach und Perry Zmugg

Wenn sich im Film Autos überschlagen, Häuser in Flammen aufgehen und Kugeln durch die Gegend zischen, dann sind sie nicht weit – die Männer und Frauen des Stuntgeschäfts. Nach Hollywood muss man dabei schon längst nicht mehr auswandern, um in der Branche Fuß zu fassen. Die beiden Steirer Joe und Perry sind aus jenem Holz geschnitzt, das in der Traumfabrik seit Jahrzehnten für feurige Action sorgt. Ein Portrait über eine knallharte Branche. Joe Tödtling und Perry Zmugg sind zwei Kerle für das Grobe, zumindest beim Film. Während Schauspieler den Ruhm ernten, machen beide die Knochenarbeit auf einem Filmset, nämlich Stunts. Ob Schwertkampf, Kung-Fu-Fight oder Explosionen jeder Art. Was schwer nach zwei abgebrühten Stuntprofis aus Hollywood klingt, sind eigentlich zwei ganz normale Typen aus der Steiermark. Der eine wohnt in Passail, der andere in Stattegg bei Graz. Beide haben Familie und führen auf den ersten Blick ein mehr oder weniger gewöhnliches Leben. Joe arbeitet bei der Bundesbahn und steuert regelmäßig Züge durch die Gegend. Anders als im Film explodiert dabei hoffentlich nichts. Perry ist Kampfsportler und betreibt eine Kampfsportschule in Graz. Doch ganz normal sind die beiden dann doch nicht, was einem sofort klar wird, wenn man sie genauer kennenlernt, denn sie lassen es im Film und Fernsehen regelmäßig krachen. Ihre Lebensgeschichten und Werdegänge lassen dann doch einen Hauch von Hollywood aufkommen. Joe, der Experte für alles, was brennen und explodieren kann

(manch­mal auch er selber), machte ursprünglich Karriere als Pilot beim österreichischen Bundesheer. Nach seinem Ausscheiden kam ihm die Idee, er könne ja Stuntman werden. Nicht mit Gottes, sondern mit Googles Hilfe fand er eine Stuntschule in Florida und ging bei Kim Kahana, dem ehemaligen Stunt-Double von Charles Branson quasi in die Lehre. Seine Bundesheerausbildung kam Joe natürlich sehr zugute, denn viele Grundlagen, wie Abseilen, Abrollen oder Nahkampf beherrschte er bereits. Viel wichtiger waren die filmtechnischen Basics, durch die Joe den Einstieg in die harte Branche schaffte. Doch bis er seinen ersten Stuntjob an Land zog, sollten weitere sechs Jahre vergehen. Eine andere Geschichte hat Perry zu erzählen. Aufgewachsen bei Pflegeeltern, schlich er sich als Teenager anfangs heimlich zum Hap-Ki-Do-Training, bis seine Eltern sein Talent erkannten und ihn zu fördern begannen. Mit dem Kampfsport scheint er seitdem seinen Lebensmittelpunkt gefunden zu haben. 1995 entschloss er sich schließlich, professionell ins Geschäft einzusteigen, er­

84

www.joetoedtling.com, www.centerzmugg.com


lernte neben Hap-Ki-Do mehrere weitere Kampfsportarten, begründete sogar seinen eigenen, weltweit anerkannten Stil und eröffnete schließlich im Jahr 2000 seine Kampfsportschule in Graz. Ungefähr zur selben Zeit begann auch seine Stuntkarriere. Zunächst allerdings hauptsächlich mit Shows und Vorführungen. Über einen sei­ ner damaligen Schüler lernte er schließlich Joe kennen, der ihn auch ins Filmgeschäft brachte. Zusammen haben sie neben heimischen Projekten auch schon für Hollywood und Bollywood gearbeitet. Dem Kampfsport ist Perry jedoch immer treu geblieben. Neben zahlreichen WMund EM-Medaillen und anderen Wettkämpfen, hält er auch den Weltrekord im Essstäbchen-Zerbrechen. 42 Stäbchen in 55 Sekunden schafft Perry. Diese bricht er aber keineswegs mit der bloßen Hand – das kann ja jeder. Nein, er bricht sie mit seinem Gaumen. Joe hingegen hat in der Zwischenzeit auch einige Auszeichnungen und Rekorde aufzuweisen, z.B. den für die längste Selbstentzündung. Unlängst wurde er so­ gar für den besten Stunt in einem Film in Deutschland ausgezeichnet. Doch wie ist das Leben als Stuntman eigentlich so? Nicht besonders lustig, kommentiert Joe mit einem Lachen. Zunächst einmal sehr viel harte Arbeit, wie Joe und Perry gleichermaßen zu berichten wissen. Neben seinem durchaus auch gefährlichen Handwerk muss Joe zudem auch Geschäftsmann sein, sich verkaufen und regelmäßig zu Castings fahren. Wichtig ist es, stetig gute Kontakte zu unterhalten und sich ein Netzwerk aufzubauen. Vor allem am Anfang ist Durchhaltevermögen gefragt. „Man muss sich eben auch in der Branche ein bisschen einen Namen machen und Aufmerksamkeit erregen, bis einen die Leute von selbst anrufen“, erzählt Joe. „Stuntgeschäft ist auch viel Vertrauenssache. Die Produzenten müssen einem auch vertrauen

können, dass man einen Stunt wirklich machen kann“. Dafür muss man schon mal weit durch die Gegend fahren und den direkten Kontakt zu den Regisseuren oder Produzen­ ten suchen. Daneben ist auch stetiges Training nötig, wie Joe und Perry gleichermaßen bezeugen können. „Körperliche Fitness ist das Wichtigste“, erklärt Joe. „Man muss einen Stunt ja oft nicht nur einmal durchhalten können, sondern um sechs Uhr abends immer noch gleich frisch aussehen, wie um sechs Uhr morgens. So ist nun mal das Filmgeschäft.“ Um so ein hartes Arbeitsprogramm durchzuhalten, braucht es eisernen Willen und Ausdauer. Für Perry ist dabei die Kampfkunst die beste Schule. „In keinem Sport lernt man mehr Disziplin und Körperbeherrschung als im Kampfsport“, ist Perry überzeugt. „Berühmt wird man als Stuntman sowieso nicht“, fügt Joe hinzu, „ es geht um den Spaß und ums Geld.“ Für das Stuntgeschäft muss man zudem sehr flexibel sein. Die meisten Aufträge kommen aus dem Ausland, in Österreich gibt es nur sehr wenige Stuntleute, weil der heimische Markt einfach zu klein dafür ist. Hierzulande sind auch die Budgets zu niedrig, als dass sich jemand einen anständigen Stunt leisten könnte. Joe und Perry zieht es daher beruflich immer wieder ins Ausland. Dennoch kommen beide auch gerne wieder in die Heimat zurück und genießen dann nach all der Action zum Ausgleich das ruhige und gemütliche Leben. Obwohl schon längst Hollywood und Co. bei Joe angeklopft haben und Perry im internationalen Kampfsport eine fixe Größe geworden ist, haben sie nach wie vor ein Herz für heimische Filmemacher und un-

terstützen hierzulande auch immer wieder Nachwuchsprojekte mit ihrem Know-how. In Zukunft wollen sich beide noch mehr spezialisieren. Joe auf Stuntkoordination und Perry auf Kampfchoreographie. Allen Nachwuchsstuntleuten raten die beiden, zunächst eine gute Ausbildung zu machen und durchzuhalten. „Halbe G’schichten gibt’s in Österreich genug. Wichtig ist, dass man die Dinge auch durchzieht. Joe war einer, der nicht nur geredet hat, sondern auch getan hat“, weiß Perry über seinen Kollegen zu berichten. Von den heimischen Filmemachern wünschen sich beide allerdings etwas mehr Mut. Es gibt in den modernen Hollywoodfilmen nichts mehr, was man nicht auch in Österreich machen kann. Gute Leute gibt’s auch hier. Die Zeiten eines Jacky Chans, wo die Stuntleute noch wirklich körperlichen Einsatz leisten mussten, sind aufgrund der technischen Entwicklung beim Film ohnehin vorbei. Laut Joe und Perry hat Österreich im Filmbereich sowieso noch viel ungenütztes Potenzial. Wer die beiden einmal in Action erleben will, hat demnächst wieder Gelegenheit dazu. Joe wird im kommenden Film The Monuments Men mit George Clooney zu sehen sein und Perry startet im Herbst mit neuen Kursen und Workshops in seiner Kampfsportschule.

85


Literatur

Immer auf

Spurensuche A l f r e d Ko l l e r i t s c h ü b e r da s U n h e i m l i c h e u n d L i t e r at u r i n Gr a z . Interview von Anita Raidl, Fotos von Helga Höhn

Er ist Herausgeber der Literaturzeitschrift „manuskripte“, Mitbegründer und ehemals auch Präsident des „Forum Stadtpark“, pensionierter Lehrer und nicht zuletzt Schriftsteller und Lyriker. 2013 veröffentlicht der 1931 geborene Alfred Kolleritsch einen Gedichtband und die 200. Nummer der manuskripte. Das X-Rockz-Magazin/Anita Raidl gratuliert und besucht den charismatischen Literatur­ liebhaber und -ermöglicher im manuskripte-Büro. 86

XRM: Herr Kolleritsch, Ihr neuer Gedichtband trägt den Titel „Es gibt den ungeheuren Anderen“. Wer ist dieser ungeheure Andere?

Alfred Kolleritsch: Es ist der Andere schlechthin. Die anderen Menschen. Menschen, die einem etwas bedeuten sollen und wollen, und an die man nicht herankommt. Es ist der Versuch, den Verlust der anderen in den Gedichten spürbar zu machen. Ihr letzter Lyrikband liegt fast zehn Jahre zurück.

A. K.: Ich war zwischendurch ziemlich krank und überbeschäftigt. Mir scheint, dass diese Gedichte eine neue Entwicklungsstufe meiner Lyrik sind. Früher waren die Gedichte welthaltiger, ja konkreter. Jetzt habe ich mich auf das Andere, das Unheimliche, das immer fremd bleiben wird, konzentriert. Was bedeutet Ihnen das Fremde, das Unheimliche?

A. K.: Für mich war das immer ein Problem und für den Schreiben­ den muss es ja auch ein Problem bleiben. Denn Schreiben heißt, dass man festgefahrene Identitäten zerbricht und hinausgeht, um neue und andere Erfahrungen zu finden.


Wann haben Sie eigentlich mit dem Schreiben begonnen?

A. K.: Ich habe relativ spät, erst mit dem 40sten Lebensjahr, intensiv zu schreiben begonnen. Geschrieben habe ich immer schon, aber die Jahre davor waren für nichts, ich hab‘ die Sprache und Problematik einfach nicht erfasst. Indem ich mich dann mit vielen anderen Dichtern im Zusammenhang mit den manuskripten beschäftigt habe, ist mir die Notwendigkeit, selber zu schreiben und mich da zu entwickeln gekommen. Das ist ein fortlaufender Prozess gewesen. Als Herausgeber der Literaturzeitschrift manuskripte haben Sie zahlreiche Auto­ren und Autorinnen begleitet, darunter Peter Handke, Oswald Wiener, Wolfgang Bauer und Barbara Frischmuth. Die manuskripte wurden oft als Avantgarde-Zeitschrift bezeichnet.

A. K.: Ja natürlich, Avantgarde im Sinne von plötzlich veränderten Schreibweisen, wo etwas Neues, Fortschrittliches spürbar ist. Der Begriff der Avantgarde ist heute aber schon zu abgenützt, um ihn noch verwenden zu können, er beschreibt eigentlich nichts mehr. Die Zeitschrift möchte den Lauf der Literatur, die hier in Österreich und im deutschsprachigen Raum überhaupt geschrieben wird, verfolgen, begleiten, wahrnehmen, aufnehmen und publizieren. Als Vorfeld der Verlage. Das war und ist Spurensuche. Welche Strömungen sind da erkennbar?

A. K.: In einer Phase kamen Texte, die Nähe zu Thomas Bernhard hatten, dann war politisch engagiertes Schreiben von Bedeutung, dann sind wieder ruhigere Zeiten gewesen. Zwischendurch war der Zug zum experimentellen Schreiben, der in den manuskripten in Zusammenarbeit mit den Autoren der Wiener Gruppe sehr ernst genommen wurde, stark. Dann ist die Krise in der Literatur gekommen, man sollte überhaupt nicht mehr schreiben, sondern nur politisch engagiert auftreten. Zeugen dieses Miterlebens sind die Texte, die man ausgewählt hat.

kete gestartet, meine frühere Mitarbeiterin, die Andrea Stift, ist bekannt geworden, die Valerie Fritsch schreibt bei uns. Ich glaube, es ist eine fruchtbare Zeit. Die Zeitschrift manuskripte wurde 1960 als literarische Plattform des Forum Stadtpark gegründet. Was war zu dieser Zeit in Graz los?

A. K.: Es war nichts los. Graz war ja ein fürchterliches Nazi-Nest mit den dümmsten, ästhetischen Verkrüppelungen. In der zweiten manuskripte-Nummer habe ich Gedichte von Gerhard Rühm gebracht, es wurden vielleicht 200 Hefte gedruckt und verteilt. Da gab es gleich eine große Aufregung, man hat gesagt, denen muss man das Handwerk legen. Wir wurden der Verbreitung von Pornographie bezichtigt. Der Hauptvorwurf war damals ein Satz von Oswald Wiener in „Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman“. Ein Kind fragt das andere: „Vögelt deine Mutter auch noch.“ Es ist lächerlich gewesen. Heute muss ich denen, die uns da an den Kragen wollten, dankbar sein. Weil wir so ins Gespräch gekommen sind. Aus dem Forum Stadtpark heraus hat sich dann Vieles ent­wickelt, auch der „steirische herbst“. Plötzlich ist das Zeitgenössische notwendigerweise auf den Tisch gekommen, der Konsument konnte sehen, was auf der Welt geschieht. Sie waren 1958 Mitbegründer und von 1968 bis 1995 Präsident des Forum Stadtpark. Aus welchen Gründen sind Sie damals zurückgetreten?

Wie betrachten Sie den Prozess des Auswählens?

A. K.: Jeden Tag kommen einige Einsendungen, brauchbare, unbrauchbare. Der Herausgeber einer Literaturzeitschrift hat die Funktion eines Trainers. Der Fußballtrainer muss aus einer Fülle von herumkickenden Menschen, wir aus einer Fülle von schreibenden Menschen, eine Auswahl treffen. Der Trainer trägt das Risiko. Manchmal greift er daneben, manchmal gelingt etwas. Was können Sie den Menschen, die schreiben, raten?

A. K.: Immer weiter schreiben. Nicht glauben, dass das, was man da produziert, schon ein Endprodukt ist. Ich könnte bei jedem Einzelnen, aus dem was geworden ist, nachweisen, dass er an seiner Entwicklung gearbeitet hat. Gelesen hat, kritisch war und nicht nur eigene Stimmungen zu Papier gebracht hat. Es ist harte Arbeit.

A. K.: Ich habe das schon zu lange gemacht, es war erschöpfend, ich wollte nur noch die manuskripte machen. Herr Kolleritsch, kann Sie Literatur noch überraschen?

A. K.: Immer wieder. Wenn ich zurückdenke, war die Elfriede Jelinek eine Überraschung, der Peter Handke, der Thomas Bernhard. Der Werner Schwab ist mit seinen Theaterstücken einen ganz neuen Weg gegangen, der Wolfi Bauer, die Friedericke Mayröcker, der Josef Winkler. Das Überraschende ist, dass immer wieder gute Bücher erscheinen. Was machen Sie am liebsten?

A. K.: Am liebsten Wiener Schnitzel essen (lacht) – was ich am liebs­ten mache, oh mein Gott, ja eh mich mit Literatur beschäftigen.

Was tut sich momentan in der Grazer Literaturszene?

Was planen Sie für die Zukunft?

A. K.: Es geschieht sehr viel. Der Clemens Setz ist ja wie eine Ra-

A. K.: Ein bisschen überleben, sagen wir so, weiterleben. 87


Wissen

Zuerst das Negativ, dann die Schuhe Nun stand der unbegrenzten Vervielfältigung der Bilder nichts mehr im Weg. Zeitreise von Birgit Kniebeiß

Fast zur gleichen Zeit wie Daguerre in Frankreich, entwickelte William Henry Fox Talbot in England ein praktikables fotografisches Verfahren. Talbot war ein Angehöriger der gebildeten Oberschicht, welcher sich auch für viele andere Wissenschaften interessierte. Seine Hauptmotivation, sich mit der Fotografie zu beschäftigen, entstand wohl daraus, dass er auf zahlreichen Bildungsreisen die wunderschöne und fremde Landschaft abbilden wollte. Es war für ihn äußerst unbefriedigend, die Natur nur nachzeichnen zu können, da für ihn der „… treulose Stift auf dem Papier nur traurige Spuren hinterlassen hatte“. Im Frühjahr 1834 arbeitete er – im Unterschied zu Daguerre, der Metallplatten verwendete – mit durch Kochsalz und Silbernitrat lichtempfindlich gemachtem normalem Schreibpapier. Zuerst platzierte er Gegenstände auf dem Papier und ließ es durch die Sonne belichten, womit er zum Urvater der Fotogramme wurde. Was ist ein Fotogramm? Bei einem Fotogramm benötigt man keine Kamera wie bei der Fotografie, sondern lediglich lichtempfindliches Material, Gegenstände, die man darauf platzieren möchte und eine Lichtquelle wie zum Beispiel die Sonne. Je nachdem, wie lichtdurchlässig die platzierten Gegenstände sind oder in welchem Abstand sie sich zum lichtempfindlichen Material befinden, werden die entstehen88

William Henry Fox Talbot den Konturen und Schatten des Objekts abgebildet. Durch das Bewegen der Gegenstände oder der Lichtquelle während der Belichtung ist es möglich, auch andere Effekte hervorzurufen. Später nahmen sich einige Künstler dieser Technik an, wie zum Beispiel Moholy-Nagy, Schad und Man Ray, um nur einige zu nennen. Talbot verfeinerte seine Technik so, dass er die präparierten Papierstücke auch in einer Kamera verwenden konnte. Am 8. Februar 1841 ließ er sein verbessertes Verfahren unter dem Namen Kalotypie patentieren. Der Name leitet sich aus dem Griechischen von kalos = schön und typos = Druck her. Der größte und wichtigste Unterschied zur Daguerreotypie liegt wohl darin, dass die Kalotypie ein Negativ-Positiv-Verfahren ist, welches die Vervielfältigung eines fotografischen Bildes erlaubte. Ein weiterer Vorteil ergab sich durch das Einführen einer Entwicklerflüssigkeit, welche die Belichtungszeit drastisch verkürzte. Ein relativ schwaches Lichtsignal lässt sich durch Entwicklung erheblich verstärken. Das Prinzip funktioniert so: Früher belichtete man ein Bild solange, bis das Abzubildende darauf erschien, Talbot entdeckte, dass sich schon bei einem kurzen Belichtungsvorgang die Beschaffen-


heit der Silbersalze veränderte, sodass sie durch eine chemische Nachbehandlung zu Silber reduziert werden konnten. Nur wenige Atome werden durch die direkte Lichteinwirkung zu Silber reduziert, Zehntausende jedoch durch die Entwicklung. Er belichtete das Negativ nur kurze Zeit, bis sich ein latentes Bild (nicht sichtbar) darauf ergab, welches dann erst durch die Entwicklerflüssigkeit im Labor sichtbar wurde. Dieses Verfahren, die Entwicklung des „latenten Bildes“, erwies sich auch für die meisten späteren Verfahren als grundlegend. Dieses Positiv-Negativ-Verfahren wurde von Talbot so optimiert, dass es ihm möglich war, einen Bildband mit dem Titel The Pencil of Nature herauszugeben. Pro Ausgabe benötigte er 24 Kalotypien. Insgesamt brauchte er Tausende von Abzügen für sein Vorhaben. Seine Motivation, solch ein Buch herauszugeben, war nach eigener Aussage „etwas von den ersten Anfängen eines neuen Verfahrens zu dokumentieren“. Obwohl dieses Verfahren mehr Vorteile hatte, fand es bis etwa 1960 keine starke Verbreitung. Dies lag zum einen daran, dass die Daguerreotypie stark von der französischen Regierung und der Öffentlichkeit getragen wurde. Man betrachtete die Weitergabe der Erfindung als Geschenk Frankreichs an die Welt. Talbot dagegen bekam keine offizielle Unterstützung, die Royal Society lehnte es sogar ab, seine Arbeit über die Fotografie in ihren regelmäßigen Veröffentlichungen zu berücksichtigen. Auch in den Verei­nigten Staaten war sein Verfahren so gut wie nicht existent. Ein weiterer Grund für die zaghafte Verbreitung dieses Verfahrens war Talbot wohl selbst zuzuschreiben. Talbot bestand sehr vehement auf die Kontrolle seines Patents und das Einheben von 100 bis 150 Pfund jährlich von jedem, der Kalotypien herstellte. Dies wurde zu einer fast unerträg­ lichen Belastung für die Fotografen,

weshalb Vorsitzende der Royal Academy an Talbot appellierten, seinen Griff diesbezüglich zu lockern. 1852 gab er die Kontrolle über sein Patent auf, außer in den Fällen der gewerblichen Nutzung. William Henry Fox Talbot baute mit der Erfindung des Positiv-Negativ-Verfahrens, welches die Vervielfältigung eines Bildes ermöglicht, die Grundlage für die Fotografie wie sie verwendet wurde, bis die digitale Fotografie ihren Vormarsch hatte. Nicht nur Talbot musste unter der Vorherrschaft der Daguerreotypie leiden – auch ein Landsmann von Daguerre schaffte es mit seiner Erfindung nicht zu Ruhm oder Geld. Zur gleichen Zeit wie Talbot oder Daguerre, ab 1839, entwickelte der Franzose Hippolyte Bayard seine „Dessins photogéniques“ – Fotogramme von Pflanzen und gewebten Spitzen. Er verwendete genauso wie Talbot keine Metallplatten, sondern behandeltes Schreibpapier. Der Weg zu Ruhm und Erfolg wurde ihm leider von den französischen Behörden verwehrt. Diese hatten sich entschlossen, die Daguerreotypie zu verwerten. Obwohl Bayards Verfahren genauer dokumentiert war und vielversprechender erschien, wurde es abgelehnt. Betroffen von der verlorenen Anerkennung verarbeitete er sein Scheitern als Erfinder in einem der ersten Selbstportraits, die je gemacht wurden. Er stellte sich selbst als Leiche dar, mit einem „Abschiedsbrief“ auf der Rückseite: „Die Leiche des Mannes, die Sie umseitig sehen, ist diejenige des Herrn

Bayard … Die Akademie, der König und alle diejenigen, die diese Bilder gesehen haben, waren von Bewunderung erfüllt, wie Sie selber sie gegenwärtig bewundern, obwohl er selbst sie mangelhaft fand. Das hat ihm viel Ehre, aber keinen Pfennig eingebracht. Die Regierung, die Herrn Daguerre viel zu viel gegeben hatte, er­klärte, nichts für Herrn Bayard tun zu können. Da hat der Unglückliche sich ertränkt. H.B., 18. Oktober 1840.“ – Auszug zitiert nach André Jammes: Hippolyte Bayard: ein verkannter Erfinder und Meister der Photographie. Bucher, Frankfurt/Main, Luzern 1975, Abb. 21 Dieses doch etwas makabere Selbstportrait sicherte Bayard schließlich einen festen Platz in der Geschichte der Fotografie als erster Fotofälscher der Welt. Der Name Talbot taucht nicht nur im Bereich der Fotografie auf – auch in vielen anderen Wissenschaften fühlte sich der Engländer heimisch und verewigte sich mit Entdeckungen wie zum Beispiel in der Mathematik mit „Talbots Kurve“, in der Physik mit dem „Talbot-Effekt“ und dem „Talbot“ (einem Namen der Einheit der Lichtmenge), in der Psychologie mit „Talbots Gesetz“, in der Botanik mit zwei Spezies, die nach ihm benannt sind und in der Astronomie mit dem Mondkrater Talbot, der 1976 nach ihm benannt wurde. Seinen Lebensabend verbrachte er mit Übersetzungen aus dem Assyrischen. Der beste Nachruf auf einen der Urväter der Fotografie erschien nicht in einer Foto­ zeitschrift, sondern in den „Transactions“ der Gesellschaft für biblische Archäologie. 89


Wissen

Das „Nasse Kollodiumverfahren“ Eine wahrlich schwere Zeit für Fotografen Zeitreise von Birgit Kniebeiß

Die Ausrüstung eines Wanderfotografen war mindestens 50 Kilogramm schwer und im Regelfall wog sie weit über 100. Verreist wurde nicht nur mit Kamera und Stativ, auch die gesamte Dunkelkammer musste man in Form eines Zelts oder Pferdewagens immer mit sich führen.

1852

Kriegserklärung des Osmanischen Reiches an Russland – Beginn des Krimkrieges (bis 1856).

Dresden, Köln und München überschreiten die 100.000-Einwohner-Grenze und werden damit zur Großstadt.

1855

Trotz dieser doch etwas umständlichen Prozedur hielt sich das Verfahren bis ungefähr 1880 – also ganze 30 Jahre hatte es die Vorherrschaft am Markt. Die Vorteile lagen zum einen darin, dass das Trägermaterial Glas einen glatten Untergrund hat und nicht die störende Faserstruktur des Papiers aufwies. Mit der Idee, Glas als Trägermaterial zu verwenden, experimentierten schon einige andere vor ihm, allerdings erfolglos. Um die Silbersalze auf der Glasplatte anzuhaften, probierte man die verschiedensten Substanzen aus – unter anderem startete man auch Versuche mit klebrigem Schleim, der von Schnecken abgesondert wird. Zum anderen liegt die Lichtempfindlichkeit des Verfahrens um den Faktor 100 höher als jene der Daguerreotypie.

1853

Frederick Scott Archer veröffentlicht eine Beschreibung des nassen Kollodiumverfahrens.

Kalifornien wird 31. Bundesstaat der USA.

90

Bei Außenaufnahmen musste als erstes die mobile Dunkelkammer aufgebaut, dann darin die Glasplatten mit dem lichtempfindlichen Kollodium vorbereitet werden und diese wurden dann unverzüglich belichtet und danach gleich wieder in die Dunkelkammer gebracht, um sie zu entwickeln.

Jean Bernard Léon Foucault beweist im Pariser Panthéon mit Hilfe eines Pendels, welches an einem 67 Meter langen, herabhängenden Seil hing, die Erdrotation.

1850

1851

Entwickelt vom britischen Bildhauer Frederick Scott Archer, der 1851 eine Beschreibung des nassen Kollodiumverfahrens veröffentlichte. Kollodium ist eine farblose, zähflüssige Lösung aus Nitrozellulose in Alkohol und Äther. Es trocknet schnell und bildet dann eine feste, wasserdichte Haut. In der Medizin findet es Verwendung als Verschlussmittel für kleinere Wunden. Frederick Scott Archer, der sich mit der Fotografie beschäftigte, um Vorlagen für seine Skulpturen zu fertigen, setzte dem Kollodium noch Jodkalium zu und überzog mit dieser Flüssigkeit eine Glasplatte, die er in Silbernitratlösung tauchte. Die Silber-Ionen und die Jod-Ionen verbinden sich zu lichtempfindlichem Jodsilber. Nun konnte die Platte in eine Kamera eingelegt und belichtet werden. Mann musste mit der Platte arbeiten, solange sie noch nass war, denn wenn sie trocknete, wurde sie unempfindlich gegen den Entwickler und das Fixierbad. Der Fotograf war somit an seine Dunkelkammer gebunden. Bei Aufnahmen im Freien reisten Fotografen nicht gerade mit leichtem Gebäck, zur Standardausrüstung zählten nicht nur die voluminöse Kamera, sondern auch Glasplatten, Plattenhalter, Pinsel, Küvette, Gläser, Trichter,

Filterpapier, Kollodium, Silbernitratlösung, Pyrogallusentwickler, Fixierer und eine tragbare oder fahrbare Dunkelkammer. Das Ganze wog im Minimum 50 Kilogramm, es wurde berichtet, dass die fotografische Ausrüstung der Mont-Blanc-Expedition im Jahre 1860 gar 250 Kilogramm wog.

1854

Fast zeitgleich mit der Aufgabe von Talbots Patent erscheint ein neues photografisches Verfahren auf der Bildfläche, welches innerhalb der nächsten Jahre die Daguerreotypie und die Kalotypie vollständig verdrängte, die Rede ist vom „Nasse Kollodiumverfahren“.

In London wird die Tageszeitung „The Daily” Telegraph gegründet.

Der französische Erfinder Charles Bourseul beschreibt in der Zeitschrift „L’illustration“ das Telefon. Er wird jedoch nicht ernst genommen und verfolgt seine Idee nicht weiter, noch im selben Jahr erfindet der Italiener Antonio Santi Giuseppe Meucci das Telefon.


Anonym. Die Solarkamera „Jupiter“ auf dem Dach des Ateliers „Van Stavoren“ in Nashville, Tennessee.

Wie die Daguerreotypie ist die Kollodiumplatte ein Unikat. Um sie zu vervielfältigen, wurden von Kollodiumaufnahmen Kontaktkopien hergestellt. Man legte die Kolodiumplatte (das Negativ) auf ein lichtempfindliches Papier und belichtete es an der Sonne. Nachdem das Papier entwickelt wurde, hatte man das Positiv der gemachten Aufnahme. Das beliebteste Kopierpapier war Albuminpapier, welches 1850 erfunden und bis 1900 stark verwendet wurde. Dieses Papier wird mit Hilfe von Eiweiß beschichtet und dann in der Dunkelkammer lichtempfindlich gemacht. Derartiges Papier hatte eine so hohe Nachfrage, dass es in den Fabriken, wo es hergestellt wurde, Mädchen gab, die den ganzen Tag nichts anderes taten, als Eier aufzuschlagen und das Eigelb vom Eiweiß zu trennen. Die größte Fabrik in Dresden verbrauchte zu Spitzenzeiten 60.000 Eier am Tag. Man konnte mit diesem Papier schon zwischen matt und glänzend wählen. Wird das Albuminpapier nach der Entwicklung no-

chmals mit Eiweiß überzogen, entstehen Bilder von hohem Glanz, macht man dasselbe mit Stärke, entstehen stumpfe Bilder. Da das Albuminpapier feinste Details abbildet, wird es in der künstlerischen Fotografie noch heute verwendet. Da die meisten Fotografien zu dieser Zeit Kontaktkopien waren, waren die Positive immer gleich groß wie die Negative. Selten, aber doch wurden auch Vergrößerungen von Portraits hergestellt – zu diesem Zweck erfand man Tageslichtvergrößerungsapparate, auch Solarkameras genannt, welche wie ein trichterförmiger Holzkasten aussahen und kolossale Ausmaße annahmen. Diese Solarkameras nutzten die Sonne als Lichtquelle, deshalb waren sie meist auf dem Dach des Ateliers aufgestellt. Sie waren beweglich gebaut, weil man sie immer nach der Sonne drehen musste, da die Belichtung eines Fotos meist einige Stunden bis zu einigen Tagen dauerte. Die Funktionsweise dieser Kameras ist mit

einem Diaprojektor zu vergleichen. Am schmalen Ende, welches der Sonne zugewandt ist, fällt das Licht durch eine Linse auf das Negativ und am breiten, hinteren Ende der Solarkamera fällt das vergrößerte Bild auf das lichtempfindliche Papier. Schon damals konnte man lebensgroße Abzüge von Aufnahmen herstellen, bekannt sind uns Formatgrößen von 180x300cm. Die Qualität dieser Aufnahmen ließ allerdings stark zu wünschen übrig, sie waren so detailarm und diffus, dass eine starke Retusche vonnöten war. Der Fotograf Aurelius Root schrieb 1864: „Seit der Einführung der Solarkameras haben lebensgroße und andere vergrößerte Photographien allgemein Aufmerksamkeit erregt. Aus den dem Verfahren innewohnenden, wie auch aus äußeren Ursachen bedürfen diese Bilder mehr als alle anderen Photografien der Nachhilfe durch die Hand des Künstlers“.

Erste geglückte Verlegung eines Unterseekabels Europa–USA.

Charles Darwin veröffentlicht The Origin of Species, die grundlegende Arbeit im Bereich seiner Evolutionstheorie.

1860

Der Dritte Pariser Frieden wird unterzeichnet, der Krimkrieg ist damit beendet.

1859

Der Franzose Édouard-Léon Scott de Martinville konstruiert das erste bekannte Gerät zur Aufzeichnung von Tönen und nennt es Phonautograph.

1858

1856

1857

Elisha Graves Otis stellt in einem Kaufhausgebäude mit der Anschrift „488, Broadway“ in New York City den weltweit ersten Personenaufzug fertig.

Der belgische Erfinder Étienne Lenoir führt am 23. Januar in Paris vor etwa 20 Personen den im Vorjahr von ihm erfundenen ersten brauchbaren Gasmotor vor. 91


Wissen

Gut für die Kasse, Produktion für die Masse Zeitreise von Birgit Kniebeiß

Bis jetzt war es in der Geschichte der Fotografie noch immer so, dass Abbilder von sich, Freunden und Verwandten etwas Besonderes und eher den betuchteren Bürgern vorbehalten waren – und gerade dies sollte sich nun ändern. 1854 ließ sich André Adolphe-Eugène Disdéri, ein Pariser Fotograf, eine spezielle Anwendung des Kollodiumverfahrens patentieren, die Carte-de-visite, das Visitenkartenportrait. Mit einer von ihm entwickelten, speziellen Kamera, welche anstelle des einen üblichen Objektivs vier Objektive und eine verschiebbare Rückplatte besaß, konnte Disdéri anstatt wie sonst üblich, mit einer Platte eine große Aufnahme zu machen, nun mit einer Platte acht kleinere, aber natürlich preiswertere Bilder produzieren. Den Namen Visitenkartenportrait verdankt die Aufnahme ihrem Format von 6x9cm, das in etwa dem Format der damals üblichen Visitenkarten entsprach. Damals trugen die Visitenkarten Namen, Adresse und zuweilen den Titel der Personen, welche sie vorstellten. Manch findiger Besitzer eines Kleinportraits mag sich wohl gefragt haben, weshalb nicht den Namen durch das Bildnis ersetzen, aber dieser Trend hat sich nicht weiter durchgesetzt. Was sich aller­ dings wie ein Lauffeuer um die ganze Welt verbreitete, waren die kleinen Bildchen. Dies geschah vor allem dadurch, dass Disdéri selbst einen sehr guten Sinn für Reklame hatte. Der Trend startete von Frankreich aus, wo Disdéri sein Fotostudio hatte. Um schneller arbeiten zu können, stellte er ungelernte Arbeitskräfte ein – der Kameraoperateur kümmerte sich nur noch um das Einrichten der Modelle. So konnte er die Produktion rapide steigern. Zu seinen Höchstzeiten soll sein Fotostudio täglich Bilder im Wert von 3000–4000 Franc produziert haben. Disdéri, über dessen Vermögen viele Vermutungen angestellt wurden, starb allerdings als verarmter Mann. Die Einfachheit seines Verfahrens dürfte ihm das Bein gestellt haben, denn es war zu leicht zu kopieren und die Konkurrenz stieg extrem schnell an. Von Frankreich aus verbreitete es sich um die ganze Welt und so mancher alteingesessene Daguerretypist, wie zum Beispiel der New Yorker Abraham Bogardus, standen dem neuem Format etwas skeptisch gegenüber – wie er sich erinnert: „Das kleine Ding: ein Mann an einer kannelierten Säule stehend, in ganzer Figur, sein Kopf etwa zweimal so groß wie ein Stecknadelkopf. Ich lachte darüber und ahnte nicht, dass ich selbst eines nicht zu fernen Tages tausend Stück davon am Tag machen würde.“ Dieses Zitat beschreibt eigentlich sehr gut, wie man sich eine CDV (Kf. f. Carte-de-visite) vorstellen sollte. Es war immer eine Ganzkörperaufnahme mit geringem ästhetischem Wert. Da die Produktion in Massen vonstattenging, blieb keine Zeit für Individualität 92

Carte-de-visite (Visitenkartenportrait) oder Charakterdarstellungen. Auf Gesichtsausdrücke wurde auch kein Wert gelegt, da die Bilder zu klein waren, um die Züge im Gesicht genauer studieren zu können. Die Beleuchtung wurde nur einmal am Tag eingestellt und blieb dann für alle Kunden gleich. Aus all den genannten Gründen sind heute die Visitenkartenportraits weniger interessant für Kunsthistoriker als für Soziologen. Sie sind mehr Zeitdokumente als eine Darstellung von schöpferischer Kraft.


Nadar, Tausendsassa und Pionier der Fotografie

Nichtsdestotrotz stürzten sich die Menschen auf die angebotenen Kleinportraits – jeder wollte eines haben und zwischen 1861 und 1867 wurden allein in England zwischen 300 und 400 Millionen der kleinen Bildchen jährlich verkauft. Dies lag vor allem daran, dass sie günstig und für jedermann erschwinglich waren. Um 1880 entsprach der Preis von 2,50 Mark für sechs Abzüge nur noch dem Tageslohn eines Arbeiters. Dies ist auch die Zeit, in der die ersten Fotoalben entstanden – Sie waren schwere Bücher mit samtenem Einband und vorgeschnittenen Einschiebemöglichkeiten für die Visitenkartenportraits. Solch ein Familienalbum wurde bald zum Standard einer jeden bürgerlichen Familie im viktorianischen Zeitalter. Gesammelt wurden nicht nur Bilder von Familienangehörigen und Freunden, auch Prominente wurden in diesen Büchern verewigt. Es brach eine regelrechte Kartomanie aus. Nach dem Tod des britischen Prinzgemahls sollen 70.000 Porträts mit seinem Abbild verkauft worden sein. In Amerika wurden von Major Robert Anderson, dem Helden von Ford Summer, pro Tag 1000 Abzüge verkauft. Die Rückseite der CDV erwies sich als wandlungsfähiger als die Vorderseite. Auch wenn sich die Posen, die Abmessungen und die Beleuchtung auf der Frontseite über rund 50 Jahre, in denen die CDVs produziert wurden, kaum veränderten, kann man auf der Rückseite deutliche Unterschiede wahrnehmen. Auf der Hinterseite präsentierte sich traditionellerweise das Atelier, welches das Portrait produzierte. Die Werbung ist der Mode der Zeit stärker unterlegen, sodass man im Nachhinein an der Gestaltung der Rückseite die CDV noch recht gut datieren kann. Zu Beginn (um 1860) war die Gestaltung einfach gehalten: nur Schriftzeichen, welche über die Produktionsstätte Auskunft gaben. Ab 1870 schlängeln sich Ornamente um die Schrift, ab 1880 wird die komplette Rückseite bis zum Rand hin ausgestaltet, 1890 ist es beliebt, den Ateliernamen in großem, oft diagonalem Schriftzug anzubringen und ab 1900 ziehen florale Muster ein.

„Ernsthafte“ Fotografen arbeiten mit größeren Formaten

auch das erste Fotointerview ist ihm zuzuschreiben.

Diese Art der Carte-de-visite zu fotografieren machte aus Fotografen kaum mehr als Handwerker. Doch nicht alle Fotostudios machten ausschließlich die Kleinportraits, es gab zu dieser Zeit auch „ernsthafte“ Fotografen, die sich auch als Künstler begriffen und das Potenzial, welches dieses Medium hat und hatte, erkannten und ausnutzten. Der nennenswerteste Europäer dieser Epoche war vermutlich Nadar, der sich zu der „Kartomanie“ der damaligen Zeit wie folgt äußerte: „Die Photographie ist eine wunderbare Entdeckung, eine Wissenschaft, welche die größten Geister angezogen hat, eine Kunst, welche die klügsten Denker angeregt – und doch von jedem Dummkopf betrieben werden kann.“

In Amerika ist das Fotostudio Brady nennenswert: Sie schufen das wohl bis heute noch bekannteste Portrait, welches zumindest jedem Amerikaner geläufig sein sollte. Die Rede ist von dem Abbild Abraham Lincolns, welches heute noch auf der Fünf-Dollar-Note verwendet wird. Lincoln soll einmal gesagt haben, dass seine Rede im New Yorker Cooper Union-College und Bradys Fotografien ihn ins Weiße Haus gebracht hätten. Bemerkenswert ist auch die Dokumentation des Amerikanischen Bürgerkrieges. Das gesamte Fotostudio zog auf das Schlachtfeld und schuf Brady so einen sicheren Platz in den Geschichtsbüchern.

Nadar, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Gaspar Félix Tournachon hieß, war ein richtiger Tausendsassa und Pionier der Fotografie. Zu Beginn seiner künstlerischen Karriere arbeitete er als Zeichner und Karikaturist. 1854 eignete er sich das Fotografieren an und eröffnete noch im selben Jahr sein Fotostudio. Seine Portraits waren individuell und erfassten mit einer besonderen Natürlichkeit den Charakter des Portraitierten. Dennoch sind nicht nur seine Portrait-Aufnahmen hervorzuheben. Nadar, der sich auch für die Luftfahrt interessierte, schuf die ersten Luftbildaufnahmen aus einem Heißluftballon heraus. Auch war er der Erste, der mit künstlichem Licht arbeitete (Magnesium), und somit auch die ersten unterirdischen Fotos von den Pariser Katakomben schaffen konnte,

Der Einzug der Eitelkeit in das Medium, das sich rühmte, die Natur originalgetreu abzubilden – die Rede ist vom Beginn der Bildbearbeitung

Von einigen Fotografen, wie zum Beispiel Nadar, komplett abgelehnt, von den Kunden jedoch vehement gefordert. Kleine Unreinheiten im Gesicht oder Altersfalten sollten beseitigt werden. Dies geschah entweder durch Retusche mit Hilfe von Pinseln direkt am Negativ oder danach am ausgearbeiteten Bild. Das Verlangen danach war so groß, dass fast jedes große Atelier Künstler zur Retusche und als Koloristen beschäftigte. Und obwohl Bildretusche uns schon so lange bekannt ist, sind wir immer noch versucht, einem Foto zu glauben, dass es die Wirklichkeit so abbildet, wie sie ist. 93


Anzeige


Wissen

Augmented Reality Ich habe eine App dafür Text: Simone Jahrmann, Fotos: Vjeran Lisjak und www.rjdj.me

Stell dir vor, deine Musik in deinen Ohrstöpseln versucht nicht, gegen den ganzen Alltagslärm, gegen den du dich damit schützen willst, anzukämpfen, sondern nimmt sie wahr und verändert sie so stark, dass er erträglich wird. Oder macht daraus ein Spiel, oder gleich eine neue Dimension. Und dies kann für mehrere Bereiche sinnvoll sein. Beispielsweise gibt es genug Apps, die dir beim Einschlafen helfen sollen – Geplätscher, Vogelge­ zwitscher und Ambient Music sind nur einige der „Methoden“. Aber dass dir dein Smartphone die störenden Umgebungsgeräusche aufnimmt, sie filtert und mit angenehmen Sounds sampled, ist die Königsklasse der Einschlaf-Apps. Die wohl bekannteste App zu Augmented Reality Sounds ist die zu dem Film Inception. Hans Zimmer, der Komponist des Soundtracks, wollte eine Möglichkeit zur Veränderung der Umgebungsgeräusche auf das Smartphone bringen, um wie im Film Realität und Virtualität verschwimmen zu lassen. Sobald du die „Traumwelt“ betrittst, ändern sich die Geräusche deiner Umgebung, kommen zu dir zurück, oder vermischen sich mit den Sounds von Inception. Es ist durchaus auch unheimlich, diese Welt zu betreten. Du musst in diesem „Spiel“ nicht nur aktiv sein, sondern meisterst manche Stadien in absoluter Stille. Oder es muss einfach nur Mitternacht werden. Oder Vollmond. Es passiert mehr um dich herum als auf deinem iPhone-Screen oder deinen Ohrstöpseln. Die App kann auch dein täglicher Begleiter werden, der deinen Alltag etwas aufmischt.

Auch der Film The Dark Knight Rises hat seine AR-App bekommen. Ähnlich gedacht ist von den gleichen Machern auch Dimensions, die verspricht, dich in andere Dimensionen zu entführen. Noch interessanter ist dies für Musik. Wenn sich die Musik je nach Umgebung verändert, bekommt man das Gefühl, sich in der Musik zu befinden. Dafür entwickelten die Männer von Rjdj die gleichnamige App, die allerdings nicht mehr erhältlich ist. Aber gerade für Musiker bietet es viele neue Möglichkeiten, Musik zu machen oder herumzuexperimentieren. Um Umgebungssounds selbst zu mischen und deren Herr zu sein, kannst du mit Rj Voyager mit mehreren Tracks als DJ deine eigenen Mixes kreieren. Mach doch einfach aus Baustellenlärm einen Dubstep Mix! Google bastelt gerade an einem Augmented Reality Music Player. Er soll die Musik danach auswählen, wo wir uns gerade befinden. Die Air France hat sich etwas anderes überlegt und nutzte für ihre App Air France Music Augmented Reality, in der man das Album erst durch gewisse Aktionen (z.B. Handy gegen den Himmel halten) nach und nach freischaltet und auch „hidden tracks“ finden kann. Alle geschilderten Apps gibt es nur für iPhone, iPad und iPod Touch.

Augmented Reality, zu Deutsch „erweiterte Wirklichkeit“, meint eine virtuelle Erweiterung der Realitätswahrnehmung durch digitale Zusatzinformationen. Eine visuelle Einblendung von Objekten und Inhalten ist bereits weit verbreitet, doch auch mit Geräuschen und Wahrnehmung lassen sich einige Experimente anstellen.

95


Wissen

Der Körper des Menschen: Teil 1: Von den ersten Auseinandersetzungen Bericht: Miriam Frühstück

Was ist der Mensch? Das ist die Frage auf die – seit es den Menschen gibt – nach Antwort gesucht wird. Auf dieser Suche werden unterschiedlichste Konzepte, Theorien und Diskurse produziert, wobei nicht nur der Geist bzw. die Seele im Fokus steht, sondern auch der Körper, welcher das grundsätzliche Funktionieren des Menschen und eine wirkliche, erfahrbare Existenz auf und mit der Welt gewährleistet. Seine Beziehung zu Geist bzw. Seele. Körpergeschichte, Körperkult, Körpersymbolik, Soziologie des Körpers usw. sind Resultate der lebendigen und immerwährenden Auseinandersetzung mit dem Körper, dem Leib, der Körperlichkeit des Menschen. Dabei begegnet man der Beschäftigung mit dem Sichtbaren des Menschen schon im Alltag.

Tattoos und Co. – Körperkult mit langer Tradition Durch die Salonfähigkeit von Körperschmuck und -bemalung, angefangen bei den harmlosen Ohrringen bis hin zum Ganzkörpertattoo, kam auch das öffentliche Interesse am Ursprung dieses Körperkultes. Die Verzierung des Körpers – oftmals mit rituellen sowie auch religiöser Praxis und Bedeutung verbunden – hat sich häufig parallel in unterschiedlichen Kulturkreisen entwickelt. So hat sich dieser Kult schon vor über 7.000 Jahren nicht nur in Lateinamerika entwickelt, wo in Chile mumifizierte Tote von einem Ritual der Hautbemalung erzählen, sondern auch an der Gletschermumie Ötzi aus der Jungsteinzeit finden sich bis zu 47 Tattoos, die aufgrund der Form – Punkte, Striche und geometrische Zeichen – und der Platzierung entlang wichtiger Akupunkturpunkte vermutlich therapeutischen Charakter besessen haben. Demnach waren Tattoos nicht nur Verzierung des Körpers, sondern sollten auch Wirkung haben. Sie wurden zur Therapie gegen Beschwerden wie Rheuma und Kopfschmerzen, aber auch als Schutz für äußere Einflüsse und zur Sicherung der Fruchtbarkeit eingesetzt. Zudem

96

sollten Tätowierungen seelischen Schmerz durch den körperlichen verdrängen, wie in Indien oder auch am Körper die Geschichte des Trägers und dessen Familie erzählen, wie es in Afrika aber auch heute noch in der kriminellen Szene der Fall ist. Das Tattoo hat sich aus der traditionellen Körperbemalung, die es schon seit der Höhlenmalerei gegeben hat entwickelt und hat sich über ihren religiösen und rituellen Charakter hinaus zu einem Ausdruck von Individualität aber auch der Zusammengehörigkeit entwickelt. Über die Seefahrt im 17. Jahrhundert fand die dauerhafte Körperbemalung in Europa unter seinem Namen, dessen Ursprung im polynesischen „tatau“ (kunstgerecht) liegt, durch Captain Cook Verbreitung. Auch das Piercing stammt im Ursprung von den rituellen und spirituellen Praktiken der Urvölker Amerikas, Afrikas und Asiens ab. Das Durchstechen und im Weiteren das Dehnen verschiedenster Körperteile gilt nicht nur wie bei den Mursi in Äthiopien als Schönheitsideal, sondern auch als Reinigung, Schutz vor Krankheiten und Abwehr des Bösen. Doch die Auseinandersetzung mit dem Körper und seine Beziehung zur Welt drückt sich nicht nur durch den Körperkult, der bis heute vorfindbar ist, in einer praktischen Form aus, sondern auch in theoretischer in der antiken und christlichen Körperauffassung und -verständnis, sowie der Körpersymbolik, die sich vor allem in der christlichen Tradition entwickelt hat.

Antike und christliche Körperauffassung Die um 700 v.Chr. entstandenen homerischen Epen geben einen Blick auf das Menschenbild der archaischen Zeit frei, der von einem Leib ausgeht, welcher keine geschlossene Einheit bildet, sondern die Summe von Gliedern und Organen ist. Körperlichkeit bestimmt sich durch das sichtbare Äußere (eídos, phyé), der Statur (démas) und der Hülle (chrós). Geistige und und leibliche Regungen entstammen dem Sitz der Vernunft, also der Brustgegend oder im Zwerchfell (phrénes). Weder für Körper noch für Seele gibt es einen einheitlichen Begriff wodurch sie voneinander nicht eindeutig unterschieden sind. Das Seelisch-Geistige besitzt neben thymós – Lebenskraft und Gefühlszentrum – auch psyché (Hauch/ Atem) als Lebensprinzip und nóos als Vorstellungskraft und Verstand. Dadurch existiert keine geschlossenes geistiges Zentrum wodurch der Mensch im Handeln bis zu einem gewissen Grade von Schicksal bzw. von den Göttern abhängig sei. Trotz dem Fehlen einer Summe von Körper und Seele und dem Bestehen des Leibes als uneinheitlicher Organismus, stellt der Körper ein Ganzes dar. In der frühgriechischen Philosophie erhält die Seele eine vom organischen Körper unterschiedene Qualität. Somit wird dem Menschen ein vernunftmäßiges Denken zugeschrieben und der Verstand hat Anteil am Logos als Weltgesetz, wodurch der Mensch Erkenntnis erlangen kann. Die Vorstellung vom Leib entwickelt sich parallel dazu in verschiedene Richtungen. Durch die Vier-Elemente-Lehre (Feuer, Wasser, Luft, Erde) – vor allem durch Empedokles vertreten – erweitert sich die Vorstellung


Antiker Sarkophag, München, Stiftung Archäologie Foto: Vinzenz Brinkmann

vom Leib als Gliederkonzept, da Leib und Kosmos gleiche Grundkomponenten besitzen und somit Fleisch eine Mischung der vier Elemente darstellt. Einzelnen Gliedern werden Elemente und somit Eigenschaften zugeschrieben. Die Störung des Gleichgewichts der Elemente ruft Krankheiten hervor. Die Atomisten stellen den Körper aus unzerlegbaren Teilen dar und Demokrit sieht den Menschen selbst als Mikrokosmos. Dadurch wird dem Mythos, dass Prometheus den Menschen aus Lehm formte und Athena ihm Leben einhauchte naturgesetzliche Erklärungsmodelle gegenübergestellt. In diesen Modellen ist die Seele jedoch auch der Sterblichkeit ausgesetzt. Diese Reduktion des Körpers und der Seele auf Atome ist mit Platon überwunden, da er die Seele für unsterblich hält. Körperliche Gebrechen und Deformationen wurden in der Antike oft als unglücksbringend stigmatisiert und ausgegrenzt, dienten aber auch der Unterhaltung und Belustigung. Dem Gegenüber wurden je­ doch Gebrechen und Deformationen auch auf göttliche Wesen und Mischwesen übertragen: Satyrn, Kentauren, Kyklopen etc und blinden Dichtern und Sehern wurden besondere Begabung nachgesagt. In der Antike war Behinderung nicht klar definiert, weshalb diese sowohl in besonderen Fällen gewinnbringend als auch nachteilig sein konnte. Grundsätzlich war aber körperliche Beeinträchtigung nur im Falle von Kriegsinvaliden und Kriegswaisen mit Anerkennung verbunden. Auch im Christentum gab es unterschiedliche Betrachtungsweisen des Körperlichen, die sich sowohl aus der jüdischen als auch aus der griechisch-orthodoxen Tradition heraus formulierten. Ausgangspunkte sind

die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott und die Geschlechtlichkeit von Mann und Frau. Gott hat den Menschen aus der Erde (adamah) geschaffen, wodurch der Mensch wesenhaft an die Materie gebunden ist. Die Seele sichert die personale Existenz in Form von Lebenskraft (nepesh – ähnlich der Psyché) im Herzen und Atem/Geist (ruach) im Kopf. Bei Clemens von Ale­ xandria ist der Körper gottgewollter Bestandteil des Menschen, so wie die Geschlechtlichkeit zur Erzeugung der Kinder. Erst nach der Auferstehung sei durch die Leiblosigkeit die Geschlechtlichkeit aufgehoben. Beim Kirchenvater Origines findet sich die Idee des beseelten Körpers: die präexistente Seele ist Ebenbild Gottes und aufgrund des Sündenfalls vorübergehend an den Körper – als Tempel Gottes – gebunden.

Schon im frühen Christentum wurden Züchtigung des Körpers und Askese durch den Apostel Paulus propagiert. Durch die Lehre von Menschwerdung sowie der Herabkunft im jungfräulichen Körper, der leidende Körper welcher mit Jesus zum Leitsymbol wird und die Auferstehung von Leib und Seele ist der Körper zentrales Element der Heilsgeschichte. Sowohl in der antiken als auch in der christlichen Tradition ist Körper nicht nur Ort, sondern Werkzeug des Menschen, dass durch körperliche Ertüchtigung – Arbeit und Leibeserziehung – sowie Züchtigung – Askese und Dietätik – rein gehalten werden soll und auch heute noch in glei­ cher oder modulierter Form – Fitness, Diät, Enthaltsamkeit, Arbeit – weiterhin praktiziert wird.

Ötzi, Foto:Südtiroler Archäologiemuseum/EURAC/Samadelli/Staschitz

97


Wissen

Der Körper des Menschen Teil 2: Menschenbild in der Kunst der Antike und im Mittelalter Bericht von Miriam Frühstück

Der Mensch ist nicht erst seit gestern Gegenstand der Kunst. Schon in den Höhlenmalereien, den Grabmalereien sowie Bildhauereien der Ägypter und auch in den Bronze- und Steinskulpturen und Vasen aus frühester Zeit und vor allem aus dem asiatischen Bereich findet seit jeher eine Ausei­ nandersetzung mit dem Mensch und seiner ihn umgebenden Umwelt statt. Dabei ging es oft nicht nur um einen bloß künstlerischästhetischen Ausdruck, sondern um den Versuch, die eigene Wahrnehmung realitätsgetreu zu dokumentieren und seine Identität in Beziehung zu sich und anderen zu kommunizieren. Durch dieses Vermittlungsbedürfnis entwickelten sich Formen der künstlerischen Darstellung, die sich im Laufe der Jahrhunderte und bis heute herausbilden. Jede Epoche weist dabei ihre je spezifischen Auseinandersetzungen und ästhetischen Resultate auf, die für die heutige Kunst Wegbereitung und Inspiration sind. So verhält es sich auch mit den künstlerischen Schöpfungen der Antike und des Mittelalters.

Das antike Ideal Durch das im 5. Jh. v. Chr. gewonnene Selbstvertrauen durch den Sieg nach langem Kampf gegen die Perser und der folgenden Stärkung der eigenen Gemeinschaft unter anderem durch die Schaffung der Demokratie, konnte die Kunst in Griechenland nun eine Blütezeit erleben, wodurch die Antike künstlerische und architektonische Maßstäbe setzt. Das eigene Selbstverständnis und die Auseinandersetzung mit der Leiblichkeit manifestierten sich nicht nur in der Philosophie und Literatur, sondern wohl in der Perfektion der Darstellung in Form von Statuen. Vor allem die – vornehmlich – männliche Statue ist wohl die wesentlichste Bildschöpfung der griechischen Antike. Bei ihr fließen Konzepte von Männlichkeit und das Ideal eines männlichen Körpers zusammen und sie ist somit Ausdruck griechischer Wesensart. Am Anfang dieser Perfektion menschlicher Darstellung stehen die schon seit dem 7.Jh.v.Chr. bekannten Kuroi (kouros): in Jugendlichkeit und Nacktheit dargestellte Körper, die als Denkmäler über dem Grab errichtet, aber auch als Votivstatuen in Heiligtümern gestiftet wurden. Der kouros (Abb. 1; griech.: junger Mann) leitet sich in Grundform und seinen Proportionen von der in der ägyptischen Bildhauerei entwickelten pharaonischen Großplastik ab 98

Abb. 1, Kouros

und ist die früheste lebens- oder überlebensgroße Statuenform in Griechenland. Charakteristisch ist bei dieser Statue, dass sie starr, symmetrisch und streng frontal ausgerichtet ist. Die Arme liegen seitlich am Körper an, das jugendliche Gesicht ist von langem Haar gerahmt und auf den Lippen liegt ein Lächeln, das durch die arete (griech.: Vortrefflichkeit) entstandene Zufriedenheit. Der kouros transportiert somit bewusst ideelle Werte, wie eben der arete, die für die jungen Männer der herrschenden Klasse eng mit der Ehre verbunden ist. Zudem repräsentiert er durch langes Haar und gesunden, trainierten Körperbau den aristokratischen Lebensstil. Mit Ende des Krieges und dem Aufschwung in Kunst und Kultur wandte man sich auch neuen Möglichkeiten in der Darstellung zu. Balance, Rhythmus, Proportion, Harmonie und Symmetrie waren nicht nur Schlagworte der ganzheitlichen Medizin, die in Griechenland im Vormarsch war, sondern auch der bildenden Kunst. Die Darstellung des männlichen Körpers wurde dynamischer, plötzlich wirkten die Statuen durch ein angedeutetes Gehen, einen bevorstehenden Diskuswurfes oder einen in Händen gehaltenen Speer lebendig (Abb. 2). Der Mann wurde hierbei in all seiner Pracht – als Krieger und Athlet – gezeigt. Dass der Körperkult in der Antike sehr groß war, zeigt sich in der dargestellten Nacktheit. Sowohl männliche als auch weibliche Körper repräsentierten in ihrem Nacktsein heldenhafte Eroberung und persönliche Fruchtbarkeit. Eine Besonderheit in der Darstellung männlicher Nacktheit ist die geringe Größe der Geschlechtsteile. Dies soll nicht als reales Ab-


Abb. 2 Myrons Diskuswerfer

bild verstanden werden, sondern als Metapher für das nicht vorhandene sexuelle Bewusstsein in Situationen, in welchen ein erregter Zustand unangemessen ist und gesellschaftlich als unanständig gilt. Bei der Darstellung der Frau verhält es sich dann umgekehrt. Die dargestellte nackte Frau ist im höchsten Maße sexuell konnotiert und diente nicht selten dazu, erotische Gefühle zu wecken. Dem weiblichen Körper blieben Bezugnahmen zu Aristokratie und Ideal versagt und dies spiegelt somit auch ein Stück weit die Stellung der Frau in der Antike wider.

Der mittelalterliche Mensch und das Überirdische Schon in der Antike findet in der bildenden Kunst religiöser Kult und Darstellung des Göttlichen sowie gesellschaftlichpolitisches Bewusstsein ihren Ausdruck. Ähnlich und doch anders verhält es sich im Mittelalter. Weniger plastisch, dafür in ausgeprägter malerischer Form wurde in dieser Zeit das Verhältnis zwischen Gott, Mensch und Welt (unter anderem im politischen Sinne) dargestellt. Die mittelalterliche Kunst ist vor allem eine christlich geprägte Kunst und dokumen­ tiert, was mit dem Christentum und dessen geschichtlicher Entwicklung in Zusammenhang steht. So wurde Kunst nicht unbedingt ihretwillen produziert, sondern war mehr Mittel zum Zweck. Zu Beginn war man in der Darstellung des Menschen zurückhaltend und beschränkte sich auf die Darstellung der Passion Christi oder aber auch der Maria Mutter Gottes. Es ging nicht unbedingt um die Darstellung eines Individuums, sondern um die einer Idee, welche formelhaft, fixiert und schematisiert eingesetzt wurde. Erst langsam wur-

den bestimmte Menschentypen herausgebildet und an passender Stelle eingesetzt – wie in der Darstellung eines Hirten, Soldaten oder des Pöbels. Grundsätzlich jedoch – auch wenn die Physiognomie des Menschen immer mehr Einkehr in die künstlerische Darstellung gefunden hat und wenn es sich nicht gerade um Portraits handelt – bleibt eine gewisse Schematisierung in der Darstellung, nicht zuletzt durch beigefügte Attribute wie den Heiligenschein oder aber auch der tieferen Bedeutung der Farben, wie z. B. Gelb, das für Eifersucht und Verrat steht und somit auch schon Judas in der einen oder anderen Darstellung ausweist. Eine Besonderheit, die sich in der mittel­ alterlichen Kunst findet, ist die Darstellung von Kosmos und Körper. Das Kosmosverständnis des Mittelalters bestand im Fundament aus Versatzstücken antiker Naturphilosophie. Die Welt besteht demnach aus vier Elementen, die sich in je unterschiedlicher Weise mit vier verschiedenen Eigenschaften verbinden. Das Gleichgewicht der Welt fußt auf der instabilen Ba­ lance dieser Komponenten. Dies gilt nicht nur für den Kosmos und kommt in den vier Himmelsrichtungen und dem Ablauf des Jahres in Form der vier Jahres-zeiten zum Ausdruck, sondern auch für den Menschen.

Dieses Verhältnis wurde schon in karolin­ gischer Zeit in als Figura bezeichneten Darstellungen ausgestaltet. Diese waren jedoch noch sehr abstrakt und geometrisch. Mit der Zeit wurden die Darstellungen jedoch mit antiken Personifikationen angereichert, um so die Potenz unsichtbarer Naturkräfte – wie den Wind – zu veranschaulichen. Erst ab dem 12. Jahrhundert trat der Körper des Menschen bildlich in das kosmische Gefüge ein, wodurch die bekannten Darstellungen des nackten Menschen umgeben von kosmischen Kräften entstanden. Der Mensch wird zum Angelpunkt der Schöpfung, da er an Geist und Materie Teilhabe besitzt. Mit dem Körper ist er Teil der Natur und somit Prozess und Verfall dieser unterworfen. Mit Geist und Seele hat er jedoch Teilhabe an der göttlichen Freiheit. Trotz der zentralen Stellung des Menschen wird durch die doppelte Teilhabe jedoch deutlich, dass der Mensch die Hierarchie nicht bestimmt, sondern Teil dieser ist. Sowohl in der Antike als auch im Mittelalter zeichnet sich deutlich ab, dass obschon der Mensch zentrales Thema der Kunst ist, dieser in Beziehung gesetzt dargestellt wird. Über die Jahrhunderte hinweg findet sich dieser Ansatz auch noch in der heutigen Kunst, auch wenn diese mittlerweile verstärkt auch ihretwillen gemacht wird.

Die mittelalterliche Kunst ist vor allem eine christlich geprägte Kunst.

99


Wissen

Die Geburtsstunde der

Kreativität Bericht von Eva Maria Hofmann, Fotos von MTG312, Henrik C. Niemann und Daniel Rizik-Baer

o d e r : Wa s Fr e e s t y l e - R a p p e n

m i t u n s e r e m G e h i r n a n s t e l lt Dumpfe Rhythmen, auf Knopfdruck geforderte Kreativität und eine riesige Auswahl an verwendbaren Wörtern: willkommen beim Freestyle-Rappen. Jener Kunst, die durch ihr Tempo schon fast an eine Sportart erinnert. Welche Leistung dem Gehirn während einer solchen Performance tatsächlich abverlangt wird, dem gingen US-Forscher nun auf den Grund. Als sich die Wissenschaftler des National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD) dieser Frage annahmen, stand bereits eine Sache fest. Ein kreativer Prozess besteht immer aus zwei Phasen: Er beginnt mit dem improvisatorischen Teil, in welchem neues Material erfunden wird und endet mit jener Phase, in der das Hervorgebrachte noch einmal fokussiert beurteilt wird. Die neuralen Vorgänge, die der improvisatorischen Phase zu Grunde liegen, galten jedoch lange Zeit als unerforscht. Bis Ende vergangenen Jahres das Forscherteam rund um Siyuan Liu die zündende Idee hatte. Wenn es gelingen würde, einen Freestyle-Rapper

100

während des Ausführens seiner Kunst unter einem Magnetreso­ nanz­tomografen (MRT) zu untersuchen – ja, dann wäre es möglich, dem geheimnisvolle Ursprung der Kreativität auf die Schliche zu kommen. Gesagt, getan. Zwölf professionelle Freestyle-Rap-Künstler, alle­ samt mit mehr als fünf Jahren Rap-Erfahrung, wurden rekrutiert. In einem MRT-Gerät liegend, rappten die Künstler zu einer Sequenz von acht Takten, 85 Schläge pro Minute. Im ersten Durchgang wurde der Text frei zum Beat passend improvisiert. Im zweiten Teil der Untersuchung gaben die Rapper ein bereits vertrautes Stück


zum Besten. Im Anschluss wurden die MRTAufzeichnungen der beiden Untersuchungen gegenübergestellt. Und das Ergebnis war verblüffend. Bei der Darbietung der improvisierten Texte zeigte ein Teil des Gehirns – innerhalb des präfrontalen Cortex – unterschiedliche Aktivitätsmuster auf. Wie ist das möglich? Durch seine Verbindung mit dem limbi­ schen System wird dem präfrontalen Cortex die Verantwortung für die Kontrolle über das angeborene Verhalten zugeschrieben. Hier wird an Problemlösungsstrategien getüftelt, an Argumentationen gefeilt. Wie die Ergebnisse der MRT-Untersuchung zeigten, steigt beim freien Improvisieren von Texten die Gehirnaktivität innerhalb des medialen präfrontalen Cortex deutlich an, während sie im dorsolateralen präfrontalen Cortex anfangs sinkt. Beide genannten Regionen haben ihren Sitz an der Vorderseite des Gehirns, direkt hinter der Stirn. Wobei der dorsolaterale präfrontale Cortex weiter außen, also näher an der Hirnrinde lokalisiert ist. Er verleiht uns Menschen Fähigkeiten wie die Sinneswahr­ nehmung oder die Einschätzung von Geschehnissen und ermöglicht uns außerdem selbstbestim­m­

tes Handeln. Im Gegensatz dazu liegen die Aufgaben des medialen präfrontalen Cortex in der Beschaffung und Verarbeitung neuer Informationen, der Lösung von kognitiven Aufgaben und der Bildung unseres persönlichen Selbstbildes. Parallel zum Aktivitätsanstieg im medialen präfrontalen Cortex konnte bei der MRT-Untersuchung eine erhöhte Aktivität im motorischen- und Sprachzentrum beobachtet werden. Ein Ergebnis, das eigentlich nicht weiter überrascht, bedenkt man die schnelle Ent­ scheidung der Künstler für neue Wörter und die Bildung innovativer, sich reimen­ der Phrasen während des Freestyle-Rappens. All das verlangt den Rappern vollen Muskel­ einsatz ab. Einerseits vom Gehirn selbst, um neue Sätze zu bilden. Andererseits von Zunge und Kiefer, um die gefundenen Wörter zu artikulieren. Ebenso angeregt wird eine mandelförmige Region im Zentrum unseres Gehirns, namens Amygdala. Eigentlich ist sie die Hauptverantwortliche bei der Entstehung der menschlichen Angst - aber im Falle des Freestyle-Rappens lässt sie sich aus einem anderen Grund vom präfrontalen Cortex zur erhöhten Aktivität verleiten. Als Ausdruck erhöhter emotionaler Erregung, die der Künstler während seiner Performance

Quelle: „Neural Correlates of Lyrical Improvisation: An fMRI Study of Freestyle Rap“ von Siyuan Liu et al., erschienen am 15. November 2012, Nature.

empfindet. Erst gegen Ende der acht ge­ rappten Takte beginnt endlich auch der dorsolaterale präfrontale Cortex in Stimmung zu geraten. Seine verspätete Aktivierung ist notwendig, da am Ende des Raps noch einmal volle Konzentration und Aufmerksamkeit vom Künstler gefordert ist. Durch die Erkenntnis der unterschiedlichen Aktivierungsmuster innerhalb des Gehirns, gelang es Siyuan Lui und seinem Team mit dieser Studie erstmals zu demonstrieren, dass improvisierte Lyrik – egal ob Freestyle-Rappen oder Poetry-Slam – Verschaltungen in unserem Gehirn verändern, die diese Kunstformen überhaupt erst ermöglichen. Denn durch das Umgehen von im dorsolateralen präfrontalen Cortex liegenden Kontrollsystemen erleben die Künstler ihre spontanen Entscheidungen für die passenden Worte, aber auch die Darbietung ihrer Performance so, als ob sie außerhalb des eigenen Bewusstseins erfolgen würden. Der Künstler kommt in einen Zustand des „Flows“ und seinem Gehirn gelingt es, neue, unvorhersehbare Assoziationen zu erstellen. Mit anderen Worten: In diesem Moment wird schöpferische Kreativität geboren. Egal, ob beim Freestyle-Rappen oder einer anderen Form der Kunst. 101


Wissen

Die Entstehung der Schrift | Teil 1

Am Anfang war das Bild Wie das Gemalte zur Schrift wurde Serie von MMag. Chia-Tyan Yang

Sie ist DAS Kulturphänomen, das von unseren Vorfahren entwickelt und von uns perfektioniert wurde. Sie regelt unser zwischenmenschliches Zusammenleben und dient zeitlich oder räumlich versetzter Kommu­ nikation. Die Schrift wurde erfunden, um gelesen zu werden. Und wir „lesen“ tatsächlich mehr und öfter als wir glauben. Stellen wir uns folgendes Morgenritual vor (sämtliche in den runden Klammern stehende Be­griffe sind im Zusammenhang mit der Kulturtechnik Schrift zu betrachten): Wir wachen auf, schauen auf die Uhr (Ziffer als Begriffszeichen) am Handy, gleichzeitig blinkt ein Briefchen-Symbol (Piktogramm) unermüdlich, das eine nichtgelesene SMS signalisiert. Im Halbschlaf lesen wir die SMS (Informationsaufnahme und -verarbeitung), tippen schnell mit oder ohne Hilfe eines eingebauten Wörterbuchs eine Antwort (sprachliches und soziales Handeln), klicken auf das Pfeil-Symbol (Anwendung eines Begriffszeichens), das den Befehl „Senden“ darstellen soll (Kommunikationsbedürfnis). Wir stehen auf, holen die Zeitung und die Post herein, gehen in die Küche, schauen auf die verschiedenen Knöpfe mit niedlichen grafischen Symbolen (Auswahlmöglichkeiten für eine konkrete Entscheidung), die auf der Vorderwand der Kaffeemaschine angebracht sind, und drücken zielstrebig den Knopf mit dem Bild einer kleinen Kaffeetasse (Überlebensstrategie!). Während die Küche langsam nach Kaffee duftet, überfliegen wir die Schlagzeilen (Informationsbeschaffung). Jetzt machen wir uns an die Post – es handelt sich hierbei um eine Rechnung – und stellen fest, dass neben dem harmlosen Rechnungsbetrag nicht €, sondern £ steht (Erkennen eines Währungszeichens/Logogramms und

102

Auslösen negativer Gefühlszustände). In diesem Moment blinken verschiedene Bildsymbole auf dem Handybildschirm (Ordnungs-, Orientierungs- und Archivierungsbedürfnis). Das alltägliche Abenteuer kann beginnen und die Schrift ist unsere engste Gefährtin. Über Jahrmillionen entwickelte der Mensch sprachliches Ausdrucks- und Kommunikationsvermögen, dabei wurden Erinnerungen und Wissen zunächst mündlich weitergegeben. Die Lebensumstände des Menschen erhielten jedoch immer komplexere Rahmen, folglich reichte die mündliche Überlieferung nicht mehr, um z.B. Besitztümer, Vereinbarungen und Machtverhältnisse zu be- und kennzeichnen. Der Mensch begann, Gegenstände und abstrakte Begriffe zu kritzeln und zu malen, so entstanden Bilder bzw. grafische Symbole, die fortlaufend modifiziert, stilisiert und von der Gemeinschaft verstanden und akzeptiert werden mussten. Die Anfänge findet man in den eiszeitlichen Höhlenmalereien. Obwohl es sich hierbei nicht um grafische Systeme oder Schriftzeichen handelte, waren es die ersten konkreten Versuche des Menschen, die Wirklichkeit darzustellen, aufzuzeichnen und zu verändern.


MMag. Chia-Tyan Yang ist Musikerin, Bloggerin und Spricht mehrere Sprachen. Sie wird uns noch öfter in die Welt der Schrift entführen.

Mit den sogenannten Piktogrammen kam der Mensch der eigent­ lichen Schrift um einiges näher. Die Piktogramme sind natura­ listische oder stilisierte Bilder, die Gegenstände und Bedeutungen darstellen und Bestandteile einer Piktografie (lat. pictus „gemalt“, griech. gráphein „schreiben“, also „Bilderschrift“) bilden. Piktogramme können grundsätzlich weder gelesen noch gesprochen werden. Beim Wiedererkennen („Lesen“) eines Piktogramms werden die Bedeutungen, die gedanklichen Inhalte oder Gegenstände, die mit ihm assoziiert sind, für den Leser aktualisiert. Verschiedene Piktografien haben sich vielenorts in der Schriftgeschichte entwickelt (Sumer, Ägypten, China, Industal, Kreta, Zypern, Mittelamerika) und waren unter anderem Vorläufer für die Hieroglyphen Ägyptens, die sumerische Keilschrift und die chinesischen Schriftzeichen. Mit Höhlenmalereien und Piktogrammen wurde das Fundament der Schrift gelegt, die sich in der Menschengeschichte teilweise zu ehrfurchterregenden Labyrinthsystemen entwickelt hat. Die Schrift ist also im engeren Sinne eine Form des graphischen Ausdrucks von Sprache. Allerdings ist die Schrift nicht einfach ein neutraler Spiegel für gesprochene Sprache. Als visuelles Medium entwickelt die Schrift eine Eigendynamik: Sie ändert etwa unsere Auffassung der Sprache, indem sie Strukturen visualisiert, die unhörbar sind – man kann z.B. Interpunktionszeichen wie die Klammern oder den Gedankenstrich (übrigens ein schöner Name) nicht hören.

Die Verschriftung einer Sprache schafft neue Handlungsmög­ lichkeiten auf sprach­licher und künstlerischer Ebene (vom Wörterbuch bis hin zur Poesie). Zu guter Letzt nimmt sie Einfluss auf unsere kognitiven Fähigkeiten wie Erinnerung, Aufmerksamkeit, Lernen, Planen und Kreativität etc. Unsere heutigen Schriftsysteme sind systematisch und hoch komplex aufgebaut. Bis auf wenige Ausnahmen wie Chinesisch besitzen die meisten Schriftsysteme keine Piktogramme mehr: Das lateini­sche Alphabet ist phonetisch und nicht piktografisch. Das heißt, jedem Buchstaben wird ein Laut zugeordnet und er besitzt keine grafische Information (mehr). Dafür wurden in den letzten 40 Jahren gerade in mehreren „piktogrammfreien“ Sprachen eine Vielzahl von piktografischen Zeicheninventaren entwickelt. Im Vergleich zu schriftlichen Texten können Piktogramme zwar nicht „gelesen“, jedoch in jeder Sprache verstanden werden (im Verkehrswesen, in Sportstätten, im Gesundheitswesen). Die Piktogramme sind gerade im Zeit­ alter der Globalisierung und Internationalisierung von großer Bedeutung, um Informationen sprachunabhängig oder möglichst schnell zu vermitteln oder vor Gefahren zu warnen. Also wenn ein Grafikdesigner am Computer ein Icon in hoher Auflösung entwickelt, beschwört er im Grunde genommen unsere Vorfahren in den eiskalten Höhlen herauf.

103


Wissen

Die Entstehung der Schrift | Teil 2

Die Magie

der lateinischen und arabischen Schrift Serie von MMag. Chia-Tyan Yang, Foto von Cornelia Schwingenschlögl

… weil dort der Herr die Sprache aller Erdbewohner verwirrt hatte. Die sogenannte Babylonische Sprachverwirrung wurde einst als Gottesstrafe an der Menschheit interpretiert. Tatsächlich haben die Erdbewohner eine Menge an labyrinthartigen Sprach- und Schriftsystemen entwickelt, allerdings haben sie sich auch schon früh die Fähigkeit angeeignet, völlig unterschiedliche Sprachen und Schriften zu erlernen. Das Alphabet folgt der Religion Der renommierte Linguist David Diringer stellte seinerseits eine für die Forschung der Schriftgeschichte wichtige These auf, die besagt, dass „das Alphabet der Religion folgt“. Er meint, dass die Weltreligionen mit der Entwicklung der großen Schriftsysteme eng zusammenhängen, auch wenn die Verschriftungen der Sprachen älter als die Weltreligionen sind: In den katholisch und evangelisch beeinflussten Regionen dominiert die lateinische Schrift, in Ge­ bieten der christlich orthodoxen Religion wird die kyrillische oder griechische und in islamischen Regionen die arabische Schrift angewendet. Das indische Schriftsystem wiederum kam mit dem Buddhismus in den Fernen Osten und die chinesischen Schriftzeichen über die Mönche nach Japan, Korea usw. Schriftsprache? Schrifttyp? Schriftart? Schriftsystem? Häh? Eins nach dem anderen: Unter dem Schriftsystem versteht man die einzelsprachliche Verschriftung. Eine Sprache, die über ein Schriftsystem verfügt, nennt man Schriftsprache. Grundsätzlich

104

gehören alle Schriftsprachen zu einem bestimmten Schrifttyp und einer bestimmten Schriftart. Die deutsche Sprache z.B. verfügt über ein Schriftsystem, ist also eine Schriftsprache. Zudem gehört sie zum alphabetischen Schrifttyp und zur lateinischen Schriftart. Die Regeln, die ein Schriftsystem konstituieren, werden in der Orthographie der jeweiligen Sprache festgelegt (Wir erinnern uns an die sich immer wieder reformierende Rechtschreibreform). Jede einzelne Schriftsprache tritt auf der Erscheinungsebene – also in laufenden Texten – als Ausdruck eines spezifischen und einzig für diese Sprache charakteristischen Schriftsystems auf (Lasst euch doch diesen für die deutsche Sprache so typischen, unendlich langen Satz ruhig noch einmal auf der Zunge zergehen, bevor ihr weiterlest). Die Spezifika können z.B. in dem erweiterten Alphabet (deutsches ß, schwedisches ø, französisches ç) liegen. Die am weitesten verbreitete Schrift der Welt In engerem Sinn meint die Lateinschrift die römische Alphabetschrift, die aus der griechisch-beeinflussten etruskischen Schrift


wort: Kalligrafie oder Schönschriftkunst). Hierbei wurde immer mehr Gewicht auf die künstlerische Weiterentwicklung der Schrift gelegt und es bildete sich im arabischen Sprachraum zunehmend eine anspruchsvolle Kalligrafie, die heute noch immer praktiziert wird und wir auch in den (historischen) Gebäuden, Büchern, Kunsthandwerken etc. bestaunen können.

MMag. Chia-Tyan Yang ist Musikerin, Bloggerin und Spricht mehrere Sprachen. In der nächsten Ausgabe wird sie uns in ihre Muttersprache – Chinesisch – einführen.

abgeleitet und seit dem 6. Jh. v. Chr. nachzuweisen ist. Anfangs umfasste das Alphabet 21 Buchstaben und drei griechische Zahlzeichen. Die Schreibung erfolgte zunächst ohne Worttrennung (Leerstelle), die chinesische Schrift kennt z.B. heute noch immer keine Leerstellen. Die Rechtsläufigkeit setzt sich bald durch, obwohl ursprünglich boustrophedon geschrieben wurde, d.h. eine Schreibweise mit zeilenweise abwechselnder Schreibrichtung von links nach rechts und von rechts nach links. Um ca. 300 n. Chr. liegen die Buchstaben in ihren Grundformen fest, in der Folgezeit gibt es nur mehr schreibtechnisch bedingte Veränderungen. Insgesamt „teilen“ sich romanische, germanische, slawische, finno-ugrische und weitere Sprachen das lateinische Alphabet, somit ist es das am weitesten verbreitete Alphabet der Welt. Eine Schrift für die Schönschreibkunst Die arabische Schrift ist eine linksläufige Alphabetschrift, d.h. man schreibt von rechts nach links. Sie ist hauptsächlich phonographisch (= Laute repräsentierend) orientiert und keine Konsonantenschrift, auch wenn der Vokalismus nur teilweise repräsentiert wird. Mit der Ausbreitung des Islams wurde die arabische Schrift auch zur Schreibung anderer Sprachen wie Persisch, Urdu, der Berbersprachen, Malaiisch, Hausa, Swahili und Türkisch (bis zu den türkischen Schriftreformen der 1920er Jahre) u. a. übertragen. Der Ornamentik und der arabischen Schrift kommt aufgrund des Bildverbots in der islamischen Kunst große Bedeutung zu (Stich-

Lateinisch vs. Arabisch Sprachen wie die malaiische, das Swahili, zum Teil auch schon die Hausa-Sprache, die früher mit den arabischen Schriftzeichen geschrieben wurden, werden heute fast nur noch mit der lateinischen Schrift wiedergegeben. Auch bei den osmanischen Türken wurde die arabische durch die lateinische Schrift von Atatürk ersetzt. Oftmals war die Abschaffung der arabischen Schrift ein Instrument, die entsprechenden Bevölkerungsschichten dem kulturellen Einfluss des Islams zu entziehen. So diente erklärtermaßen der Übergang der meisten Turksprachen zum lateinischen (oder kyrillischen) Alphabet diesem Zweck. In der Türkei wurde das lateinische Alphabet im Zuge der Säkularisierung nach europäi­ schem Vorbild durchgesetzt. Zudem wurde auf dem Turkologi­ schen Kongress von 1926 in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, der Beschluss gefasst, in allen Schulen und im Schrifttum der Türken und Tataren das lateinische Alphabet zu verwenden. Dies wurde 1928 nur zum Teil verwirklicht, denn die zentralasiati­schen Turksprachen wurden zur Sowjetzeit kyrillisch geschrieben. Diese sind heute aber teilweise nach dem Vorbild des türkei-türki­ schen zum lateinischen Alphabet (mit einigen neuen Zeichen) übergegangen. Einzig Uighurisch (Uighuren bilden die größte turksprachige Ethnie im uigurischen autonomen Gebiet Xinjiang/ Westchina) benutzt offiziell arabische Schriftzeichen und ist als anerkannte Schriftsprache z.B. auch auf den chinesischen Banknoten zu sehen. Auch wenn die lateinische Schrift ihren Siegeszug gerade im Internetzeitalter genießt, soll man nicht vergessen, wie sehr sie einst durch die arabische Sprache bereichert wurde: ein Admiral, ein Koffer samt Mütze, Jacke, Joppe und Gamaschen, eine Tasse Bohnenkaffee mit Kandiszucker in einer Konditorei, eine Ka­raffe voll Limonade … diese Wörter sind alle arabischen Ursprungs und haben sich auf dem Umweg meistens über die romanischen Sprachen auch im Deutschen eingebürgert. Die scheinbar so mitteleuropäische Lärche, selbst das nur vermeintlich alpenländische Tarock, ebenso Sandel- und Ebenholz, entspringen dem Arabi­ schen. Auch wenn die babylonische Sprachverwirrung uns vermeintlich zu trennen versuchte, sind wir heute durch die jahrhundertelange Verwobenheit der Sprachen mehr miteinander verbunden denn je. Diesen Artikel möchte ich mit einem Gedicht von Goethe abschließen, das bis heute seine Gültigkeit nicht verloren hat: Wer sich selbst und andere kennt Wird auch hier erkennen: Orient und Okzident Sind nicht mehr zu trennen

105


Anzeige

www.x-rockz-magazin.com www.facebook.com/XRockZMagazin

Foto von Phil Hawksworth/Flickr

Kultur ist 端berall.


106.443 verkaufte Tickets und immer das gleiche Ergebnis.

Andreas Egger Geschäftsführer oeticket.com

Mehrzweckhallen sind üblicherweise der Schrecken jedes Veranstalters - und auch des Publikums. Die stadthalle|graz zeigt, dass es auch anders geht: So gut wie vollkommene Flexibilität in der Gestaltung des Innenraums, angenehme Atmosphäre für Künstler und Publikum, professionelle Beratung und Full Service für den Veranstalter. Das Ergebnis ist somit immer das gleiche.

T. 0043 316 8088-228 www.mcg.at

X-Rockz Magazin - Ausgabe 10 | Jänner 2014  
Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you