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Programmheft »The Tempest«

Page 1

THOMAS ADÈS

THE TEMPEST


INHALT

S.

4

DIE HANDLUNG S.

8

ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH S.

11

OPER IST WIE EINE ÖFFENTLICHE SKULPTUR GESPRÄCH MIT DEM KOMPONISTEN UND DIRIGENTEN THOMAS ADÈS S.

17

DAS THEATER ALS WERKZEUGKISTE DER MAGIE GESPRÄCH MIT REGISSEUR ROBERT LEPAGE S.

22

PRÄCHTIG & FREMDARTIG ALEX ROSS S.

26

ENDLICH VERSÖHNT & GEHEILT GAVIN PLUMLEY S.

34

TROTZ UNTERSCHIEDEN SEHR NAH AN SHAKESPEARE ANDREAS LÁNG

S.

41

WARUM ZERBRICHT PROSPERO SEINEN STAB? ADRIAN MOURBY S.

46

SHAKESPEARES STURM IN DER MUSIK CHRISTOPH WELLNER S.

54

THE TEMPEST – SHAKESPEARE UND RACHE ADRIAN MOURBY S.

60

LIBRETTO MEREDITH OAKES S.

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IMPRESSUM


Friends, don’t fear, the island’s full of noises, sounds and voices. Freunde, keine Angst, die Insel ist voller Geräusche, Klänge und Stimmen. CALIBAN, 2. AKT


RAINER MARIA RILKE, DER GEIST ARIEL

» Man hat ihn einmal irgendwo befreit mit jenem Ruck, mit dem man sich als Jüngling ans Große hinriss, weg von jeder Rücksicht. Da ward er willens, sieh: und seither dient er, nach jeder Tat gefasst auf seine Freiheit. Und halb sehr herrisch, halb beinah verschämt, bringt mans ihm vor, dass man für dies und dies ihn weiter brauche, ach, und muss es sagen, was man ihm half. Und dennoch fühlt man selbst, wie alles das, was man mit ihm zurückhält, fehlt in der Luft. «

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ADRIAN MOURBY

THE TEMPEST – SHAKESPEARE & RACHE Rache war in der Zeit Shakespeares ein sehr wichtiges Thema. Sie hatte sowohl auf der Bühne als auch im Alltagsleben große Auswirkungen. Eine weit verbreitete Ansicht besagte, dass ein Sohn, der den Mord an seinem Vater nicht rächte, nicht erben konnte. Dafür gab es zwar keine rechtliche Grundlage, aber dieser Volksglaube wurde häufig zur Verteidigung eines Rachemordes zitiert – was zeigt, wie sehr die Rache Teil des Alltagslebens im Elisabethanischen Zeitalter war. Sehr oft geriet die Rache völlig außer Kontrolle. In Shakespeares Romeo und Julia befehden sich die Familien Montague und Capulet wegen Ehrenbeleidigungen, an die sie sich kaum erinnern können, aber das hält sie nicht davon ab, Rache auf Rache folgen zu lassen. Tybalt will Rache an Romeo wegen einer Beleidigung seiner Tante und seines Onkels, Romeo möchte sich an Tybalt wegen des Todes von Mercutio rächen, und Graf Paris versucht Romeo aus Rache für Tybalt zu töten. Shakespeares Prinz versucht erfolglos, diesen Rachezyklus unter Kontrolle zu bringen, indem er Romeo aus Verona verbannt, doch dieser kehrt zurück, als er von Julias Tod erfährt, und so setzt sich der Zyklus fort, bis beide Protagonisten tot sind. Das Gesetz in Gestalt des Prinzen kann sich nicht durchsetzen. Nur die verfeindeten Familien können das regeln.

Rache war im elisabethanischen und jakobinischen Drama ein so zentrales Thema, dass der amerikanische Gelehrte A. H. Thorndike ihr im Jahr 1900 eine eigene Unterkategorie zuordnete, die Rachetragödie. Shakespeares frühes Stück Titus Andronicus war ein typisches blutiges Beispiel, in dem Titus, ein General der römischen Armee, mit der Gotenkönigin Tamora in einen Teufelskreis der Rache verstrickt ist. In einem späteren Drama richtet Jago Othello zugrunde, aus einem nie vollständig erklärten Bedürfnis, sich an ihm zu rächen. Macduff tötet Macbeth aus Rache, und Richmond ermordet Richard III. aus Rache für viele Untaten. Edmund in König Lear schmiedet Ränke, um sich an der Welt für seine uneheliche Geburt zu rächen; und Hamlet könnte man als Rachetragödie des denkenden Menschen bezeichnen, weil unser Held so viel Zeit mit seiner Rachebesessenheit verbringt, aber an der Durchführung scheitert. Auch in vielen Komödien Shakespeares taucht Rache auf: als grausame Heimsuchung von Malvolio in Was ihr wollt, vereitelt von Portia in Der Kaufmann von Venedig und aufgegeben von Oberon in Ein Sommernachtstraum. Außerhalb des Shakespeare-Kanons gab uns Thomas Kydd die Figur des Hieronymo, der in The Spanish Tragedy (1592) Rache sucht; Thomas Middleton

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