schwanen see
Olga Esina (Odette), Damenensemble
über die heutige vorstellung ANNE DO PAÇO
Märchen haben eine besondere Anziehungskraft. Dies mag an ihren ambivalenten Bildwelten liegen, die – meist illusionistisch – sich stets der Imagination des Lesers oder Zuschauers öffnen. Märchen sind magische Vorformen der Vernunft. Sie duplizieren nicht das Leben, sondern stellen Werte, Sehnsüchte und Wunschwelten dar. Sie handeln oft von Menschen, die in stiller Verzweiflung leben, zeigen ihre Ratlosigkeit, Leere oder Einsamkeit. Ihr Held bricht aus dieser Welt auf, in der Hoffnung, eine bessere zu finden. Doch mit jedem Märchen kehren auch die Geister und Dämonen, die Ängste und Albträume zurück und lehren uns: Es gibt kein vollständig behütetes Zuhause – keinen Innenraum, der vor jedem Zugriff geschützt ist. Märchen sind Arsenale der Fantasie. Zwischen den Bereichen des Alltäglichen und des gänzlich Unbegehbaren angesiedelt erlauben sie eine scheinbar paradoxe Erfahrung: Das absolute Andere innerhalb der Welt des Diesseits in sich aufzunehmen. Wie viele Künstler der Romantik fühlte sich auch Piotr I. Tschaikowski von märchenhaften Stoffen angezogen und machte sie nicht nur zur Basis seiner drei großen Ballettpartituren Schwanensee (1877), Dornröschen (1890) und Nussknacker (1892), sondern komponierte auch eine – von ihm selbst wieder vernichtete – Undine-Oper sowie den zum Pantöffelchen umgearbeiteten Wakula der Schmid. Bereits 1870 hätte er im Auftrag des Moskauer Bolschoi-Theaters außerdem die Musik zu einem Cendrillon-Ballett schreiben sollen. Wieso er diese nicht ausführte, ist nicht bekannt. Wenig später setzte er sich mit der Gattung dann aber in einem Kinderballett auseinander, das er im Sommer 1871 im ukrainischen Kamenka für die Kinder seiner Schwester Alexandra Dawidowa schrieb. Wie dieses genau beschaffen war, ist nicht überliefert. Doch sein Titel lautete Der See der Schwäne und seine Partitur enthielt – so berichtet es sein Neffe Juri Dawidow – bereits jenes sehnsüchtige Thema, das Tschaikowski später zum prägenden Leitmotiv seiner Schwanensee-Partitur machte.
ÜBER DIE HEUTIGE VORSTELLUNG
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der Sobeschtschanskaja, die in der vierten Vorstellung erstmals die Hauptrolle tanzte, kann man feststellen, dass die Schwäne Flügel hatten, aber ob sie sie ablegten, wenn sie sich in Mädchen verwandelten, weiß man nicht. Auch der Kritiker Hermann Laroche behauptete, die Tänze seien »langweilig und banal« gewesen. Aber man sollte die Schuld an dem Misserfolg von Schwanensee nicht nur dem Choreographen geben. Verschiedene Gründe waren maßgeblich dafür. Einer davon mag die Enttäuschung über die Besetzung der Hauptrolle gewesen sein. Ein weiterer Grund war vermutlich die Musik, die doch sehr anders als die gewöhnlich im Ballett verwendete war. Nicht nur der durchschnittliche Ballettbesucher, auch Reisinger hatte Schwierigkeiten damit, die er auch nie überwinden konnte, ebenso wie der Ballettdirigent Stepan Rjabow und das Orchester. Und schließlich hat sicher auch die lächerlich geringe Summe, die für die Produktion aufgewendet wurde, zum Misserfolg beigetragen, wenn man überhaupt von einem Misserfolg sprechen kann. Und da habe ich meine Zweifel. Heute natürlich, wo man erkannt hat, dass Schwanensee ein Meisterwerk ist, glaubt man, dass die erste Produktion ein Triumph gewesen sein musste und sich auch jahrelang im Repertoire gehalten haben musste. Nun, dem war nicht so, aber alles in allem ging es dem Schwanensee nicht schlechter als den anderen Balletten jener Zeit. Zwischen Februar 1877 und Jänner 1879 gab es 27 Aufführungen, nach der Wiederaufnahme 1880 und 1882 durch Joseph Hansen mit einigen Änderungen zwölf weitere. 39 Vorstellungen sind ja nicht so wenig. Und gleiches trifft auf die Einnahmen zu: Obwohl die Vorstellungen – außer der Premiere – kaum jemals ausverkauft waren, hielten sich die Einnahmen durchaus im damals üblichen Rahmen. Schade ist nur, dass die St. Petersburger Compagnie zu jener Zeit kein Interesse an Schwanensee zeigte. Da Marius Petipa im selben Jahr La Bayadère mit dem großen weißen Schattenakt herausgebracht hatte, hatte man auch von Schwanensee eine erfolgreichere Produktion erwarten können. Aber erst 1895, zwei Jahre nach Tschaikowskis Tod, entstand eine Inszenierung, die seiner Musik gerecht wurde.
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DUNKLE GEHEIMNISSE DES SEES
zustandsschilderungen in weiß
GUNHILD OBERZAUCHER-SCHÜLLER
Nicht viel schien anders an dieser neuen St. Petersburger Schwanensee-Produktion von 1895. Nicht die Musik: Tschaikowski hatte sie vor knapp 20 Jahren für eine andere Stadt (Moskau), für einen anderen Ballettmeister (Wenzel Reisinger) komponiert; nun hatte man bloß einige Nummern ergänzt. Nicht die Thematik: sie entstammte einer deutschen Märchensammlung, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufgezeichnet worden war; nun hatte man andere dramaturgische Akzente gesetzt. Nicht die tänzerischen Mittel: in Moskau hatte man vor 20 Jahren technisch vielleicht etwas weniger fortgeschritten, aber doch ähnlich getanzt; nun war man nur bestrebt gewesen eine größere tänzerische Ausgewogenheit zu erzielen. Und doch: plötzlich hatte sich alles – Thematik, Musik, Choreographie – zu einem magisch scheinenden Ganzen gefügt. Der »neue« Schwanensee, von gleich zwei Ballettmeistern, Marius Petipa und Lew Iwanow, auf die Bühne des St. Petersburger Mariinski-Theaters gebracht, wurde zum »eigentlichen« Schwanensee, zu jenem Werk also, das heute als Synonym für eine ganze Kunstgattung steht.
ZUSTANDSSCHILDERUNGEN IN WEISS
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Liudmila Konovalova (Odette)
Liudmila Konovalova (Odette)
Timoor Afshar (Prinz Siegfried), Olga Esina (Odette)
Masayu Kimoto (Prinz Siegfried), Liudmila Konovalova (Odette), Damenensemble
Daniel Vizcayo, Anita Manolova (Neapolitanischer Tanz), Ensemble
ensemble & biographien
tänzerinnen & tänzer
Ioanna Avraam Erste Solotänzerin
Elena Bottaro Erste Solotänzerin
Davide Dato Erster Solotänzer
Olga Esina Erste Solotänzerin
Kiyoka Hashimoto Erste Solotänzerin
Hyo-Jung Kang Erste Solotänzerin
Masayu Kimoto Erster Solotänzer
Liudmila Konovalova Erste Solotänzerin
Marcos Menha Erster Solotänzer
Ketevan Papava Erste Solotänzerin
ENSEMBLE
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