SALOME Richard Strauss
DIE HANDLUNG
Im Kreis einer erlesenen Gästeschar feiert der Tetrarch Herodes seinen Geburtstag. Zwei Soldaten und der Hauptmann Narraboth bewachen den Gefangenen Jochanaan. Narraboth ist verliebt in Herodes’ Stieftochter Salome. Die Warnungen des Pagen ignoriert er. Aus dem Kerker ertönt die Stimme des Propheten. Er verkündet die Ankunft des Messias. Angewidert von der Zudringlichkeit ihres Stiefvaters verlässt Salome die Tafel. Sie lauscht den Mahnungen des Propheten und möchte ihn sehen. Sie überredet Narraboth, dem ausdrücklichen Verbot des Tetrarchen zuwiderzuhandeln und ihren Wunsch zu erfüllen. Jochanaan erscheint vor Salome. Ohne ihr zunächst Beachtung zu schenken, klagt er ihren Stiefvater der blutschänderischen Ehe mit ihrer Mutter Herodias an. Der fremdartige Mann erweckt Salomes Sehnsucht und Begierde. Es überkommt sie das Verlangen, seine Haare und seinen Körper zu berühren und seinen Mund zu küssen. Ihre Verzückung treibt Narraboth in den Selbstmord. Der Prophet weist Salome ab, nur einen gäbe es, der sie retten könne: Jesus von Nazareth. Als Salome nicht von Jochanaan ablässt, verflucht er sie und zieht sich in sein Gefängnis zurück. Der Tetrarch erscheint auf der Suche nach Salome. Erneut ist die mahnende Stimme des Propheten zu hören. Herodias verlangt seine Auslieferung an die Juden. Herodes widersetzt sich, denn er hält Jochanaan für einen heiligen Mann, eine Ansicht, die einen heftigen Streit unter den Juden provoziert: während einige in ihm einen Scharlatan sehen, verehren ihn die Nazarener als Vorboten der Erlösung. Herodes fordert Salome auf, für ihn zu tanzen. Sie willigt erst ein, nachdem er den Eid geleistet hat, ihr zum Lohn jeden Wunsch zu erfüllen. Salome tanzt und verlangt den Kopf des Jochanaan. Der entsetzte Herodes bietet ihr die kostbarsten Schätze, doch Salome besteht auf ihrer Forderung. Selbstvergessen versinkt sie in den Anblick des abgeschlagenen Hauptes. Als sie schließlich den blutigen Mund des Propheten küsst, befiehlt Herodes, sie zu töten. DIE H A N DLU NG
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SYNOPSIS
Herod, the Tetrarch, is celebrating his birthday with a select group of guests. Two soldiers and the captain of the guard, Narraboth, are watching the prisoner, Jochanaan (the prophet, John the Baptist). Narraboth loves Herod’s step-daughter, Salome. He ignores the warnings of the Page. The voice of the prophet sounds from the dungeon. He is announcing the arrival of the Messiah. Repelled by her stepfather’s advances, Salome leaves the feast. She hears the prophet’s warnings and wants to see him. She persuades Narraboth to ignore the Tetrarch’s explicit ban and grant her wish. Jochanaan appears before Salome. Without at first paying attention to her, he accuses her stepfather of his incestuous marriage with her mother, Herodias. The strange man arouses Salome’s curiosity and desire. She is seized by a longing to touch his hair and his body, and to kiss his lips. Her ecstasy drives Narraboth to suicide. The prophet spurns Salome, saying there is only one who can save her – Jesus of Nazareth. When Salome continues to haress Jochanaan, he curses her and returns to his prison. The Tetrarch enters, looking for Salome. The prophet’s voice is heard again, reprimanding. Herodias demands that he be given into the hands of the Jews. Herod refuses, as he believes Jochanaan is a holy man, an opinion which prompts a sharp disagreement among the Jews – while some believe he is a charlatan, the Nazarenes honour him as a herald of the Saviour. Herod presses Salome to dance for him. She refuses until he swears to give her anything she wants. Salome dances, and demands Jochanaan’s head. Appalled, Herod offers her his most precious treasures, but Salome insists on her demand. She loses herself in gazing on the severed head. When she finally kisses the prophet’s bloody mouth, Herod orders the soldiers to kill her.
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SY NOPSIS
ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH Erzählungen, die den Tod Johannes des Täufers mit dem Tanz einer Prinzessin verknüpfen, finden sich im Markus- und Matthäus-Evangelium sowie in den Jüdischen Altertümern des Flavius Josephus. Die in zeitlichem Abstand zu den mutmaßlichen Ereignissen entstandenen Quellen weisen Widersprüche auf, die zahlreiche Bearbeiter des Salome-Stoffes zu neuen Lösungen und Erweiterungen anregten. Zweifellos ist die auf einem Drama Oscar Wildes beruhende, den (gekürzten) Wortlaut der Dichtung vertonende, 1905 uraufgeführte Oper von Richard Strauss seine wirkungsmächtigste Fassung. In die Partitur des Einakters ging die flamboyante Instrumentations- und Satzkunst der orchestralen Tondichtungen ein, mit denen Strauss seit 1886 Furore gemacht hatte; in die effektvolle Behandlung der Singstimmen floss die in München, Bayreuth und Weimar gesammelte Erfahrung seiner Opernkapellmeisterkarriere ein. Die Oper ist ein musikdramaturgisches Meisterstück an Timing und Suspense, bei differenziertester Auffächerung des äußeren und innerpsychologischen Geschehens. Premierendirigent Philippe Jordan erläutert in seinem Beitrag ab S. 8 die Schönheit und Kühnheit der Partitur. Regisseur Cyril Teste, der mit dieser Inszenierung sein Regiedebut außerhalb Frankreichs gibt, erkennt in der begehrenswerten jungen Frau ein vaterlos aufgewachsenes, vom Stiefvater bedrängtes und traumatisiertes Kind. Informationen zu Testes bisherigem Schaffen finden Sie ab S. 68, er selbst gibt ab S. 15 im Gespräch Auskunft über seine Annäherung an das Stück. Das Porträt eines seiner Theaterarbeit verbundenen Parfumeurs lesen Sie ab S. 64. Mehrere Beiträge skizzieren die Geschichte des Salome-Stoffes, seine Gestaltung durch Oscar Wilde sowie zentrale Momente der Entstehungs- und Aufführungsgeschichte der Oper. Überschattet war die Rezeption zunächst durch die Entrüstung über das als dekadent geächtete Geschehen, die auch zum Verbot der von Gustav Mahler angestrebten Erstaufführung an der Wiener Hofoper führte. Dass Moral kein Maßstab für die Be- und Verurteilung von Kunstwerken ist, sondern allein auf menschliches Verhalten erkenntnisfördernd anwendbar ist, macht ein Vergleich des Schicksals beider Autoren des Werks deutlich: Während der Dichter wegen »homosexueller Unzucht« zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, führte der Opportunismus des Erfolgskomponisten zu seinem Versagen angesichts der moralischen Katastrophe des Nationalsozialismus. Aspekte von Strauss’ Sozialcharakter und künstlerischer Physiognomie erkunden die Texte von Klaus Mann (S. 52) und Anette Unger (S. 56). ÜBER DIESES PROGR A M MBUCH
→ Malin Byström als Salome und Pablo Delgado als Henker
← Das Fest des Herodes von Peter Paul Rubens (1577–1640), Öl auf Leinwand, 1635–1638 (Ausschnitt)
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den Tanz in Unordnung geraten, ihre Füße ruhen auf einem Raubtierfell. Der goldene Hintergrund des Bildes war in der Kunst zuvor für Heilige reserviert. Oscar Wilde kannte viele Salome-Bilder, er schätzte aber weder die Darstellungen von Rubens oder Leonardo noch die von Regnault. Von besonderer Bedeutung für ihn waren jedoch zwei 1876 gemalte Bilder von Gustave Moreau, die auch Joris-Karl Huysmans in seinem 1884 erschienenen Roman Gegen den Strich (Originaltitel: A rebours) als Lieblingsbilder des Romanhelden Jean des Esseintes beschrieb: »[Er] wünschte Gemälde, die zarte und köstliche Phantasien alter Zeit und klassischer Verderbtheit vorstellten, die unsern Tagen und Sitten fern liegen. Er brauchte zum Ergötzen seines Geistes wie zur Freude seiner Augen einige Gemälde, die ihn in eine unbekannte Welt einführen, ihm die Spuren neuer Ideen enthüllen und sein Nervensystem durch hysterische Sensationen erschüttern sollten.« Jeans Lieblingsbilder sind das Ölgemälde Salome tanzt für Herodes und das Aquarell Die Erscheinung (L’Apparition): »In dem Werk von Gustave Moreau, in seinem Entwurfe frei von aller Tradition, sah Herzog Jean endlich diese übermenschliche und seltsame Salome verkörpert. Sie war nicht allein die Tänzerin, die durch wollüstige Windungen ihrer Hüften einem geschwächten Greise den Schrei frivoler Begier entlockt, indem sie sich den Willen eines Königs durch die Bewegungen ihres Leibes und das Zittern ihrer Schenkel unterwirft; sie wurde sozusagen die sinnbildliche Gottheit unzerstörbarer Wollust, die Göttin der unsterblichen Hysterie; jenes einfache Sinnentier, ungeheuer, gefühllos, unempfindlich, die alles, was sich ihr nähert, sie berührt und sie sieht, vergiftet.« Oscar Wilde bewunderte Gustave Moreaus Salome-Bilder ebenso wie den Roman von Huysmans. Gustave Flauberts Erzählung Herodias (Hérodiade) von 1877 enthält viele Elemente, die Oscar Wilde ebenfalls verwendete. Im Zentrum der Erzählung steht Herodes Antipas, der zwischen den politischen Interessen verschiedener Bevölkerungsgruppen vermitteln muss und einerseits von Herodias unter Druck gesetzt wird, Jochanaan endlich zu töten, andererseits befürchtet, er könnte tatsächlich den zurückgekehrten Propheten Elias festgesetzt haben. Herodias setzt sich durch, indem sie ihre entfernt aufwachsende Tochter Salome heimlich zur Tänzerin ausbilden lässt, die Herodes mit einem erotischen Tanz dazu bringt, ihr die Erfüllung eines beliebigen Wunsches zu versprechen – mit den bekannten Folgen. Salome selbst hat keine Beziehung zu Jocha naan: »›Ich will, dass du mir gibst auf einer Schüssel den Kopf ...‹ Sie hatte den Namen vergessen, fuhr aber gleich lächelnd fort: ›Den Kopf Jochanaans!‹ Der Tetrarch sank, gebrochen, in sich zusammen. Er war durch sein Wort gebunden, und das Volk wartete.« Flauberts Herodias ist ein wichtiges Vorbild für Oscar Wildes Salomé, aber der Stoff war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in aller Munde: Neben zahlreichen Malern beschäftigten sich unter anderem Stéphane Mallarmé und Jules Laforgue mit der Figur, und sogar ein unbedeutendes Salome-Theaterstück von Joseph Heywood hatte Oscar Wilde für eine Zeitschrift rezensiert, bevor er sich selbst für diesen Stoff entschied. DER SA LOME -STOFF IN DER LIT ER AT U R- U N D K U NSTGE SCHICH T E
Tina Hartmann
ZWISCHEN JUNGFRAU UND MÖRDERIN
Zur Salomé-Dichtung Oscar Wildes
DIE UNERHÖRTE SCHWIERIGKEIT DES WERKES Aus Briefen von Richard Strauss an Ernst von Schuch Der Dirigent Ernst von Schuch leitete die Uraufführung der Salome an der Hofoper Dresden
Dietmar Holland
EIN EINMALIGES EXPERIMENT AN EINEM BESONDEREN STOFF
Als Richard Strauss sich dazu entschloss, Oscar Wildes Einakter Salome ohne den Umweg über die traditionelle Librettistik – die Umformung lite rarischer Vorlagen in opernspezifische, affektbestimmte Situationen und in komponierbare Verse – zu vertonen, war das zwar ein Novum in der Geschichte der deutschen Oper nach Richard Wagner, vom Komponisten aber nicht als programmatischer Vorgang gemeint, sondern eher als glücklicher Zufall gewertet: »Ich war in Berlin in Max Reinhardts ›Kleinem Theater‹, um Gertrud Eysoldt in Wildes Salome zu sehen. Nach der Vorstellung traf ich Heinrich Grünfeld, der mir sagte: ›Strauss, das wäre doch ein Opernstoff für Sie.‹ Ich konnte erwidern: ›Bin bereits beim Komponieren.‹ Der Wiener Lyriker Anton Lindner hatte mir das köstliche Stück schon geschickt und sich erboten, mir daraus einen ›Operntext‹ zu machen. Auf meine Zustimmung hin schickte er mir ein paar geschickt versifizierte Anfangsszenen, ohne dass ich mich zur Komposition entschließen konnte, bis es mir eines Tages aufstieg: Warum komponiere ich nicht gleich ohne weiteres ›Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!‹ Von da ab war es nicht schwer, das Stück so weit von schönster Literatur zu reinigen, dass es nun ein recht schönes ›Libretto‹ geworden ist.« 42
JA, SO EINER ›WURSCHTELT SICH DURCH
Klaus Mann an Prof. Thomas Mann US Press Camp, Rosenheim (Bayern), den 16. Mai 1945
Ambroise Thomas’ Hamlet an der Opéra-Comique Ich berichte über einen bemerkenswerten Abend: Der Besuch der Orchesterhauptprobe von Thomas’ Hamlet am 14. Dezember 2018 an der Opéra- Comique erwies sich als regelrechter Zufallstreffer: Eine bewundernswert durchdachte und durchhörte Aufführung einer Oper, die ich – bis auf Ophélies Wahnsinnsszene von der Callas natürlich – nicht kannte. Der Re gisseur Cyril Teste hat mit hohem Raffinement und Kunstverstand gearbeitet, sehr französisch in der strengen Form, die er kreiert, aber er ruht sich eben nicht aus auf abstrakten ästhetischen Setzungen, sondern ihm geht es um die Durchdringung der Figuren und ihrer Geschichte: Mit Stéphane Degout in der Titelrolle und Sabine Devieilhe als Ophélie stehen ihm hochintelligente Sänger zur Verfügung, deren kognitives und darstellerisches Potenzial er zu subtiler Entfaltung bringt. Ebenfalls hervorragend Jérome Vanier als Geist von Hamlets Vater und Laurent Alvaro als Claudius; Sylvie Brunet-Grupposo als Gertrude musste aufgrund von Indis position markieren. Der Kammerchor Les Élements braucht, was Frische und Stimmkultur und auch optische Jugendlichkeit angeht, keinen Vergleich zu scheuen, Louis Langrée macht sich zum überzeugenden Anwalt einer offenbar unterschätzten Partitur. Aber das eigentliche Ereignis bleibt für mich die souveräne Regie, die umso erstaunlicher ist, als mit ihr ein Schauspielregisseur in der Oper sein Debüt gegeben hat. Das Thema des »Theaters auf dem Theater« ist wohl eine Konstante im Schauspielschaffen von Cyril Teste, insofern steckt hinter seinem Engagement offenbar ein inhaltlicher Gedanke: Auch in Thomas’ Opernfassung ist die »mouse trap« zentral, und so ist Teil des Regiekonzepts eine »mise en éspace«, welche neben dem Zuschauerraum und Publikumsräumen auch die Hinter- und Seitenbühnen umfasst. Diese Spielorte werden durch Livekameras vergegenwärtigt. Die für die Kamera inszenierten Bilder begnügen sich nicht mit der heute gängigen, oft trashigen Live-Video-Ästhetik, sondern besitzen eine geradezu filmisch-opulente Qualität. Virtuos wird so die Musik zum Soundtrack einer »subjektiven Kamerafahrt«, die mit Hamlets Augen durch das Festgeschehen der Heirat Claudius’ mit Gertrude führt. Oder sie ermöglichen einen kühnen Perspektivwechsel, mit dem der Protagonist am Ende dieser Fahrt – und wir uns mit ihm – sich nach außen auf die Schlossterrasse versetzt sehen, wo er den Geist erwartet, den er dann unter den Zuschauern entdeckt. Das Understatement und unaufgeregte Fingerspitzengefühl, mit dem alle Setzungen, auch die gelegentlichen ironischen Brechungen sich nie wichtig machen, sondern mit einer Schlicht- und Klarheit realisiert sind, die zutiefst berührt, ist außerordentlich. Nicht dass es keine Details gegeben hätte, über die man unterschiedlicher Meinung sein darf – aber der grundsätzliche Angang ist wunderbar stimmig, und zudem habe ich ja nur eine Prégénerale 77
SERGIO MOR A BITO
erlebt, bei der man in diesem Fall sicher sein kann, dass sich das Ergebnis bis zur Premiere noch einmal potenzieren wird. Die Premierenbesprechungen scheinen dies zu bestätigen: »... eine außerordentlich gelungene Produktion ...« – »... eine höchst selten erreichte musikalische und theatrale Kohärenz ...« – »Das Werk Ambroise Thomas’ erlebt eine Wiedergeburt dank superben Sängern und einer von Cyril Teste erarbeiteten visuellen Partitur.« – »Man hat im Theater selten das Gefühl einer vollkommenen Erfüllung. Bei Hamlet hat man die Gewissheit, einem musiktheatralischen Ereignis von größter Kraft und atemberaubender künstlerischer Qualität beigewohnt zu haben.« SERGIO MOR A BITO
← Sabine Devieilhe als Ophélie in Hamlet
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Oscar Wilde
SALOMES ENDE Sooft die Leute von der Prinzessin Salome reden, denken sie nicht daran, dass sie später eine Heilige geworden ist ... Lesen Sie es nur nach bei Nikephoros, dem würdigen Patriarchen von Byzanz. Als Herodes sah, wie die Tochter seiner Frau das Haupt des Gerichteten auf den Mund küsste, überwältigten ihn Grimm und Wut; so befahl er seinen Leibwächtern, das wunderbare Geschöpf unter ihren schweren schwarzen Schilden zu zermalmen. Doch auf das Flehen der Herodias stand er ab davon und begnügte sich, das verdorbene Ding aus dem Palast zu jagen. Die Verstoßene ging davon, immer einfach geradeaus vor sich hin, bis sie in die Wüste kam; dort hauste sie viele Jahre lang, verachtet und verflucht, als Einsiedlerin; ihre Blöße bedeckte sie mit dem Vlies eines Tieres, und sie nährte sich nur von Beeren, Wurzeln und Heuschrecken, ganz wie der Prophet selbst. Da nun Jesus durch die Wüste zog, erkannte sie Ihn als den, dessen Kommen die tote Stimme verkündet hatte, und sie glaubte an Ihn. Doch sie fühlte sich unwert, Seinem Schatten zu folgen. So machte sie sich wiederum auf, immer einfach geradeaus vor sich hin, um die frohe Botschaft in die Ferne zu tragen. Ihr Weg führte sie über Flüsse und über Meere, und nach den Feuerwüsten durchschritt sie nun Wüsten von Schnee. Als sie eines Tages einen zugefrorenen See überquerte, da brach das Eis unter ihren Füßen; sie sank ins Wasser, und die scharfe Eisscholle durchschnitt ihr den Hals und enthauptete sie so; gerade, dass sie noch »Jesus« und »Jochanaan« sagen konnte. Und das Eis schloss sich wieder. Später kamen Menschen zum Ufer, und sie sahen auf dem glatten Silberschild des Eises, leuchtend wie eine Blüte mit rubinroten Staubfäden, das wunderschöne Haupt einer Frau, und darüber einen goldenen Heiligenschein, glänzend wie eine Krone.