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Programmheft »Le nozze di Figaro«

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LE NOZZE DI FIGARO Wolfgang Amadeus Mozart


ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH

Die Gräfin Almaviva hat gerade ihr »Porgi amor« beendet: jene Arie, die so ruhig und gemessen beginnt und sich zu dem leidenschaftlich geäußerten Wunsch steigert, wenigstens sterben zu können, wenn schon nicht alles – die Liebe, das Leben – wieder gut werden könne. Die eintretende Susanna berichtet ihr mit einer Spur von Ironie: Nein, mit Verführungskünsten halte sich der Graf bei Frauen ihres Standes nicht auf. Er habe ihr gleich Geld angeboten. Wie reagiert die Gräfin auf die Nachricht, dass ihr Ehemann die Braut seines Kammerdieners am Tag von deren Hochzeit zur Prostitution auffordert? »Der Grausame!«, ruft sie aus, »er liebt mich nicht mehr!« Liebe und Intrige, Eifersucht und Verzeihen, die große Kunst der Komödie: Das sind die Ingredienzien für »Mozarts vielleicht am perfektesten gebaute Schöpfung für die Opernbühne«, wie Musikdirektor Philippe Jordan die ›comedia per musica‹ – so die singuläre Genrebezeichnung des Originallibrettos – in seinem Beitrag nennt (ab S. 20). Lorenzo Da Ponte schreibt in seinen Memoiren, er habe Kaiser Joseph II. garantiert, dass er für die Oper »alles Anstößige« – also auch alles Adelskritische – aus dem verbotenen Theaterstück Beaumachais’ entfernen werde. Dass sich subtile – und ausnehmend aktuelle – Gesellschafts- und Machtkritik auch in Da Pontes Dialogen und den von Beaumarchais für La Folle journée entworfenen Personenkonstellationen erzählt, zeigt die oben beschriebene 1. Szene des 2. Aktes. Die Musikwissenschaftlerin Silke Leopold analysiert in ihrem Essay (S. 36), wie Mozart mit Witz und Leichtigkeit Gesellschaftskritik in seine Partitur versetzt hat. »Denkt daran, dass Figaro und Susanna nicht mit dem Grafen und der Gräfin befreundet sind. Sie arbeiten für sie.« Das hat Regisseur Barrie Kosky seinen Sängerdarstellerinnen und -darstellern während der Proben mitgegeben. Im Gespräch mit Nikolaus Stenitzer (S. 28) erklärt er den kritischen Gehalt von Mozarts und Da Pontes Meisterstück: »Es ist ein Mikrokosmos, der in seiner detaillierten Alltäglichkeit mehr über die Welt zu sagen hat als große Abstraktionen.« ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH

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Genaues Hinhören ist, so Markus Krajewski, beim Verhältnis von Herrschaft und Dienerschaft immer gefragt. Der Kulturwissenschaftler und Medienhistoriker zieht in seinem Beitrag (S. 44) die Fäden dieses Verhältnisses von den Dienerfiguren in der antiken Literatur über Beaumarchais und Da Ponte bis zu dienstbaren digitalen Geistern unserer Tage. Der Beitrag von Gerhard Scheit (S. 56) beschreibt die eröffnenden Duettini zwischen Susanna und Figaro als eine Lehrstunde für den ehemaligen Barbier, an deren Ende klar wird, wie weit der Weg vom ersten Akt bis zum lieto fine, dem frohen Ende, tatsächlich ist. Die Gräfin von Almaviva leidet in Le nozze di Figaro so sehr, weil sie aus Liebe geheiratet hat und nun laufend enttäuscht wird. Tatsächlich ist im Hochadel über Jahrhunderte ein pragmatischerer Zugang zur Ehe verbreitet. Die Romanfigur De Marsay hält im Auszug aus Honoré de Balzacs Roman Der Ehekontrakt (Le Contrat de mariage, 1835, ab S. 62) ein flammendes Plädoyer für die »fürstliche« Idee von Ehe. Ist er ein unschuldiges Kind, ein angehender oder bereits ein aktiver Verführer? In Nikolaus Stenitzers Beitrag (S. 68) geht es darum, dass der Page Cherubino neben seiner jugendlichen Attraktivität noch eine weitere interessante Eigenschaft hat: Er ist ein Dichter. Dass das Werk eigentlich »Le nozze di Susanna« heißen müsste, ist zu einem geflügelten Wort geworden. Die Zofe der Gräfin und Verlobte Figaros ist die zentrale Figur für die Handlung der comedia per musica – das zeigt sich schon daran, dass sie an sämtlichen Ensembles beteiligt ist. Was zeichnet Susanna aus? Die Schriftstellerin Monika Helfer umkreist in ihrer Erzählung Susanna und die Alten (S. 96), die für dieses Programmbuch entstanden ist, eine »Idee« von Susanna, die nicht die Figur aus Le nozze di Figaro beschreibt, sondern sich literarisch mit der Frage auseinandersetzt, welche Art Frau eine »Susanna« heute sein könnte. Eine der meistgespielten Opern der Geschichte ist zugleich die meistgespielte im Haus am Ring: Oliver Láng zeigt in seinem Beitrag (S. 84) die Konjunkturen der comedia per musica an der Wiener Hof- und Staatsoper auf. Als Le nozze di Figaro uraufgeführt wurde, war Denis Didérots Großprojekt einer Enzyklopädie, die systematisch das Wissen der (westlichen) Welt aufarbeiten sollte, bereits seit über zehn Jahren abgeschlossen. Aus den von verschiedenen Autoren verfassten Einträgen der bahnbrechenden Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, die dieses Programmbuch als roter Faden durchziehen, spricht der (Zeit-)Geist der Aufklärung: Manches wirkt überkommen, anderes auch für unsere Gegenwart radikal – und alles spiegelt die Atmosphäre, in der Le nozze di Figaro entstand. ↓ Folgende Seite: Andrè Schuen als Graf Almaviva

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LIEBE IST EIN VERB Barrie Kosky im Gespräch mit Nikolaus Stenitzer

Du hast in der Konzeptionsphase deiner Inszenierung einmal gesagt, in Le nozze di Figaro geht es zuallererst um zwei Fragen: Die nach der Zeit und die nach dem Raum. Das wirkt auf den ersten Blick wie eine formale Konzeption, ist aber das Gegenteil: Bei den Fragen nach Raum und Zeit geht es sofort darum, wer über beides in welcher Weise verfügen kann. Ein sehr aktuelles Werk? BARRIE KOSKY Unbedingt, in verschiedener Hinsicht. Zeit und Raum sind unheimlich wichtige Aspekte von Le nozze di Figaro, auch im Unterschied zu den beiden anderen Zusammenarbeiten von Da Ponte und Mozart, Don Giovanni und Così fan tutte. In Don Giovanni gibt es Angaben über Innen und Außen, aber es hat nichts damit zu tun, wie das Stück verläuft. Così fan tutte ist eine Abstraktion und ein Laboratorium, der Raum hat nichts mit der Interaktion zwischen den sechs Figuren zu tun. Figaro kann man nicht inszenieren, ohne sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Was die Räume für eine Bedeutung haben, wird schon in den ersten paar Minuten klar: Der Raum, den Figaro und Susanna bewohnen sollen, dieser Zwischenraum, ist ein Geschenk des Grafen. Und es ist ein Raum, in den permanent BA R R IE KOSK Y IM GE SPR ÄCH MIT N IKOLAUS ST EN ITZER

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Markus Krajewski

ZUR LAGE DER BEDIENTEN Wer sich auf der Suche nach etwas Zerstreuung oder Erbauung befindet, möge sich an sein Personal halten. Einem solchen Drang nach Unterhaltung nachgebend, spricht ein Hausherr in seinem leeren Wohnzimmer mit gebieterischer Stimme: »Alexa, spiel mir das Lied von der Hochzeit …« Statt Henry Purcells »Trumpet Tune and Air« ertönt die Sinfonia zu Le nozze di Figaro und eröffnet ein kurzweiliges Verwechslungs- und Verwirrspiel um Macht, ihren Missbrauch und ihre Subversion. Die im Figaro aufscheinende, lange Geschichte der vertrackten Verhältnisse zwischen Herrschaft und Dienerschaft basiert auf wenigstens drei wiederkehrenden Motiven: dem – zumindest nach außen gut sichtbaren – Gehorsam gegenüber dem Herrn; dem kreativen oder auch untergründigen Ausnutzen von Freiräumen; und auf einem umfassenden, bisweilen überlegenen Wissen gegenüber der Herrschaft. Deshalb überrascht es kaum, dass ein dienstbarer Geist der Gegenwart, der als »Personal Digital Assistant« üblicherweise auf einen Namen wie Alexa, Siri oder Cortana hört, sich ebenso vertraut zeigt mit den Vorlieben und Eigenarten seines Gebieters und auf Wunsch nach einem Hochzeitslied eben Mozart auflegt statt Purcell. Hätte eine Hausherrin diese Aufforderung vor rund 125 Jahren ausgesprochen, während sie sich allein in ihrem Salon befindet, wäre die Resonanz auf diesen Befehl vermutlich weniger prompt ausgefallen. Wäre doch von ihr erwartet worden, zuvor laut vernehmlich zu rufen oder elektrisch M A R K US K R AJ EWSK I

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kurz als möglich zu machen; so wird es doch nicht eines der kürzesten seyn, die auf unserem Theater aufgeführet worden. Darinn, hoffen wir, wird uns genugsam entschuldigen die Verschiedenheit der Fäden, welche die Handlung dieses Schauspiels durchweben, das Neue und die Größe desselben, die Vielfältigkeit und Verschiedenheit der musikalischen Stüke, die man hineinbringen mußte, um nicht leider oft die Akteurs unthätig zu lassen, um den Eckei und die Einförmigkeit der langen Rezitativen zu vermeiden, um verschiedene Leidenschaften, die da vorkommen, mit verschiedenen Farben auszudrücken, besonders aber wegen der fast neuen Art des Schauspiels, so wir diesem gnädigsten, verehrungswürdigsten Publiko zu geben wünschten. * Mit »Kapellmeister« ist der Komponist gemeint.

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VORWORT IM DEU TSCHEN T EX T BUCH Z U R U R AU FF Ü HRU NG VON »LE NOZZE DI FIGA RO«


Wolfgang Amadeus Mozart an Leopold Mozart, 7. Mai 1783

Mon três cher Pêre! Wieder ein kleines Briefchen! – ich habe, da heute in eine Akademie gehen muß, das schreiben auf künftigen Samstag sparren wollen – da ich aber etwas sehr Nothwendiges für mich zu schreiben habe, so muß ich schon die zeit stehlen um wenigstens dieses schreiben zu könen. – die bewuste Musique habe bis Dato noch nicht erhalten. ich weis nicht was es damit für eine bewandtnüss hat. – Nun hat die italienische opera Buffa alhier wider angefangen; und gefällt sehr. – der Buffo ist besonders gut. er heist Benuci. – ich habe leicht 100 – Ja wohl mehr bücheln durchgesehen – allein – ich habe fast kein einziges gefunden mit welchem ich zufrieden seÿn könte; – wenigstens müsste da und dort vieles verändert werden. – und wen sich schon ein dichter mit diesem abgeben will, so wird er vieleicht leichter ein ganz Neues machen. – und Neu – ist es halt doch imer besser. – wir haben hier einen gewissen abate da Ponte als Poeten. – dieser hat nunmehro mit der Correctur im theater rasend zu thun. – muß per obligo ein ganz Neues büchel für dem Salieri machen. – das wird vor 2 Monathen nicht fertig werden. – dan hat er mir ein Neues zu machen versprochen; – wer weis nun ob er dan auch sein Wort halten kan – oder will! – sie wissen wohl die Herrn Italiener sind ins gesicht sehr artig! – genug, wir kenen sie! – ist er mit Salieri verstanden, so bekome ich mein lebtage keins – und ich möchte gar zu gerne mich auch in einer Welschen opera zeigen. WOLFGA NG A M A DUS MOZA RT A N LEOPOLD MOZA RT

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Aus dem Burgtheater-Zettel vom 12. Mai 1786

NB. Es wird Jedermann zu wissen gemacht, daß von nun an, um die für die Singspiele bestimmte Dauerzeit nicht zu überschreiten, kein aus mehr als einer Singstimme be­stehendes Stück mehr wird wiederholt werden. [An diesem Abend wurde Domenico Cimarosas LʼItaliana in Londra gegeben]


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