la fille mal gardée
über die heutige vorstellung
Das Ausleben junger Liebe unter schwierigen Umständen ist oftmals die Spielfläche für Komödien. Auch das Ballett La Fille mal gardée dreht sich um ein junges Pärchen – Lise und Colas –, das nicht nur Lises Mutter, die Witwe Simone, einfallsreich austrickst, um einander zu sehen, sondern auch gegen gesellschaftliche Standards und andere Widrigkeiten kämpft. Beruhend auf dem Ballet de la Paille ou Il n’est qu’un pas du mal au bien von Jean Dauberval, das am Vorabend der Französischen Revolution 1789 in Bordeaux Premiere feierte, kreierte der englische Choreograph Sir Frederick Ashton 1960 die bis heute erfolgreichste Fassung der Geschichte über »das schlecht behütete Mädchen« und vereint charmant eine technisch höchst anspruchsvolle Ballettchoreographie mit englischen Volkstanzelementen und humorvollen Pantomimen. Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich Daubervals Ballett als wahrscheinlich erstes Tanzstück, das nicht in repräsentativer höfischer Pracht von antiken Göttern und Helden, sondern von »normalen« Menschen handelte, äußerster Beliebtheit erfreut – vor allem in der gewitzten Lise fand das damalige Publikum eine Identifikationsfigur. Ashtons Choreographie bringt bis heute die Menschen zum Lachen. Das Entfliehen in den Zauber einer vergangenen, idealisierten Welt der Landleute, in der ein pralles, farbenfrohes Leben ins Zentrum rückt und Sorgen mit viel Witz und Humor aus dem Weg geräumt werden, sowie Ashtons hinreißend-liebevolle, komischmenschliche Figurenzeichnung machen La Fille mal gardée im internationalen Repertoire zum zeitlosen Vertreter des Demi-Caractère-Balletts.
ÜBER DIE HEUTIGE VORSTELLUNG
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about today’s performance
Realising young love under adverse circumstances often provides the scenario for comedy. The ballet La Fille mal gardée revolves around two young people – Lise and Colas – who not only resourcefully deceive Lise’s mother, the widow Simone, in order to see each other but are also required overcome the prevailing standards of society and other obstacles. Based on the Ballet de la Paille ou Il n’est qu’un pas du mal au bien by Jean Dauberval, which premiered in Bordeaux on the eve of the French Revolution in 1789, the English choreographer Sir Frederick Ashton created the most successful version of the story of »the poorly watched girl« in 1960 with a charming combination of highly ambitious technical choreography with elements of English folk dances and comic mimes. At the end of the 18th century, Dauberval’s ballet achieved vast popularity as probably the first dance piece to be populated not by the representative court splendour of ancient gods and heroes but by »normal« people – with audiences of the time particularly identifying with the character of the shrewd Lise. Even today, Ashton’s choreography still makes people laugh. The chance to escape into the magic of an idealised, pastoral past bursting with bold and exuberant life, in which worries are dispelled with wit and humour together Ashton’s charmingly affectionate, humorous but humane characterization place La Fille mal gardée within the international repertoire as a timeless example of demi-caractère ballet.
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ABOUT TODAY’S PERFORMANCE
im wechselspiel von komik und romantik MIKE DIXON, EHEMALIGER TANZKRITIKER UND ENGER VERTRAUTER DES LA FILLE MAL GARDÉE-RECHTEINHABERS JEAN-PIERRE GASQUET, IM GESPRÄCH MIT NASTASJA FISCHER
Marie Rambert sagte einst über Frederick Ashton: »Fred hat etwas getan, das nicht einmal Fokine und Massine geschafft haben. Mit La Fille mal gardée schuf er einen puren Klassiker, ein echtes klassisches Ballett, das den englischen Tanzstil kreierte.« Wodurch definiert sich Frederick Ashtons »English Style«? Der Englische Stil ist der Ashton-Stil, der sich aus seinen frühen Einflüssen durch Enrico Cecchetti, Anna Pawlowa, Léonide Massine und Bronislava Nijinska ableitet. Er zeichnet sich durch eine schnelle, präzise Fußarbeit, die Betonung des Épaulement und einen flexiblen Oberkörper aus (das von Ashton bei den Proben am häufigsten verwendete Wort war »beugen«). Ashton hat die Bewegungen des Kopfes und der Augen stets sehr genau choreographiert, was in La Fille mal gardée häufig zu sehen ist, wenn die Tänzer*innen im Profil nach links schauen, während sich ihre Körper nach rechts bewegen und umgekehrt. Es gibt sogar Momente, in denen Lise und Colas von den sich gegenüberliegenden Seiten der Bühne aus eine bedeutungsvolle Verbindung allein mit ihren Augen herstellen.
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IM WECHSELSPIEL VON KOMIK UND ROMANTIK
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Das Komödiantische ist entscheidend für Ashtons Choreographie. Einerseits gibt es Szenen wie den Hühnertanz, die das Komische erzeugen, aber auch die Figuren selbst bewegen sich innerhalb komischer Möglichkeiten. Können Sie uns Einblicke in Ashtons Auffassung von Komik geben? Ashton war abseits der Bühne ein großer Witzbold und Mimiker und ein sehr aufmerksamer Mensch. In seinen Balletten gelang es ihm immer wieder auf unvergleichliche Weise, visuelle Witze zu machen. In La Fille mal gardée wechselt er in vielen Szenen von intensiver Romantik zur Komik, zum Beispiel wenn Colas aus den Maisstangen herausfällt und Lise, die seine Anwesenheit nicht bemerkt hat, überrascht. Was dann im Stück folgt, ist sehr zärtlich, wechselt sich aber mit gut beobachteter Komik, die typisch für die körperliche Interaktion zwischen Liebespaaren ist, ab. Ashton verstand die Macht der Pantomime und setzte sie häufig ein.
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Die liebevolle Zeichnung der Figuren ist ein weiteres Highlight in Ashtons Ballett. Das Publikum kann sich von Lise und Colas und deren Liebesgeschichte verzaubern lassen, aber es gibt auch die wirklich komödiantischen Figuren wie Alain und die Witwe Simone. Was war für Ashton das Wichtigste, als er diese Rollen schuf? Ashton wurde schon zu seinen Lebzeiten als »Shakespeare of Dance« bezeichnet, weil seine Charaktere so vollkommen sind. Keine der Figuren ist nur komisch oder nur romantisch und jede Generation versteht das Ballett auf etwas andere Weise. Kinder, verliebte junge Menschen und Eltern filtern die Ereignisse durch ihre eigenen Erfahrungen. In La Fille mal gardée gibt es drei verschiedene Liebesbeziehungen: die junge romantische Liebe von Lise und Colas, die Liebe von Simone zu ihrer Tochter Lise und die Liebe von Thomas zu seinem Sohn Alain. Es wird also eine ganze Reihe von Zuneigungen gezeigt. Interessant ist, dass Jean Daubervals La Fille mal gardée 1789 ihrer Zeit bei der Darstellung menschlicher Beziehungen voraus war und auch im 21. Jahrhundert noch die Kraft hat, das Publikum emotional zu bewegen.
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Die Rolle der Witwe Simone kreierte Ashton en travestie. Was bedeutet das für den Tanz und die Choreographie? Die britische Tradition der Travestie geht auf das 17. Jahrhundert zurück, in welchem diese einzigartige hybride Kunstform der Pantomime sich aus der italienischen Commedia dell’arte-Tradition entwickelte. Der in Ecuador geborene und in Peru aufgewachsene Ashton lernte diese Tradition in England kennen und entschloss sich, ein solches »Cross-Dressing« für die Figur der Simone zu nutzen. Ein Mann, der eine Frau spielt, erweitert die physischen Möglichkeiten der Komödie und ermöglicht dem Choreographen andere Spielräume. So kann ein Tänzer, der Simone
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IM WECHSELSPIEL VON KOMIK UND ROMANTIK
zur entstehung GUNHILD OBERZAUCHER-SCHÜLLER
Pierre Antoine Baudouin: La Paysanne querellée par sa mère (um 1765)
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Berühmtes wird oft sagenumwoben überliefert, so auch die vielbeschriebene Entstehungsgeschichte von La Fille mal gardée. Der 47-jährige Dauberval sei, so berichtet die Legende, am Gipfel seines Beliebtheitsgrades stehend, eines Tages durch eine Gasse in Bordeaux geschlendert. Von einem natürlichen Gefühl bedrängt, habe er, heißt es weiter, sich darangemacht, sich zu erleichtern. Dies tuend, sei sein Blick in die Auslage eines Glasereigeschäftes gefallen, in dem ein Stich ausgestellt war. Dieser Stich, nach einer Gouache von Pierre Antoine Baudouin angefertigt, der eine der galanten Malerei angehörige Genreszene zeigt, erinnerte Dauberval vielleicht an ein Stück namens La Fille mal gardée, das er im Théâtre-Italien in Paris vor einigen Jahren gesehen haben mochte. Ein junges Mädchen, leicht derangiert, stand da in einem Haufen Stroh. Jedermann konnte die scheltende Mutter mit dem im Bildhintergrund sich davonmachenden jungen Mann in Verbindung bringen. Die Grundsituation für Daubervals neues Ballett war geboren. Gewiss führte sein erster Weg zu Franz Beck, dem Mannheimer Musiker, der seit 1761 in Bordeaux als Chef d’orchestre tätig war. Schnell stellte man für das Stück passende Musik zusammen. Schlichte Tanzmelodien gab es da, man borgte von französischen Volksliedern, etwa: Sur le pont d’Avignon oder La jeune et gentille Lisette. Eine ganze Passage entlieh man der MonsignyOper Le Roi et le fermier (Uraufführung 1762) und ließ sogar einige Verse daraus singen: »Il ne faut s’étonner de rien, Il n’est qu’un pas du mal au bien«. Nun hatte Dauberval auch seinen Titel: Er verband das Mädchen im Stroh mit dem kleinen Schritt, der zwischen dem Bösen und dem Guten liegt. Das Ballett, am 1. Juli 1789 uraufgeführt, trug den Titel: Le Ballet de la paille, ou Il n’est qu’un pas du mal au bien. Über den Premierenerfolg des Balletts ist nichts bekannt. Als sicher gilt, dass Madame Théodore, die Ehefrau Daubervals, die Lison*, wie die Rolle bei der Uraufführung hieß, tanzte. Ihr Witz, ihre Virtuosität, ihr Temperament und ihr Ballon machten sie zu einer idealen Interpretin der Rolle. Als sicher gilt auch, dass Eugène Hus, Daubervals erster Ballettmeister, die Rolle des Colas tanzte, sicher ist weiterhin, dass Lisons Mutter, die Bäuerin Ragotte, von einem Mann getanzt wurde, eine Usance, die sich bis zum heutigen Tag gehalten hat. Mit Fug und Recht kann also angenommen werden, dass die Bewohner von Bordeaux, die sich in diesen Jahren besonders laut und undiszipliniert im Theater gaben, das Ballett, den von ihnen so geliebten Choreographen und die Tänzer enthusiastisch feierten. Dauberval hatte die Geschichte des jungen Mädchens, das den von der Mutter zugedachten Bräutigam zugunsten des jungen Mannes ihrer Wahl zurückweist, der Wirklichkeit abgeschaut. Mit viel Gespür für das ländliche Milieu schildert er Situationen, in denen sich Gefühl und Handfestigkeit die Waage halten, die nötige Portion Witz aber nicht zu kurz kommt. Dauberval selbst stellte dieses Ballett gewiss über seinen Flatterhaften Pagen, studierte er doch 1791, als er an das Pantheon in London als Ballettmeister berufen worden war, Le Ballet de la paille ein, gab dem Werk aber nun den Titel La Fille mal gardée. * Im Laufe der Aufführungsgeschichte dieses Balletts wechselten oft die Namen der Rollen: Aus Lison wurde Lise oder Lisette, aus Colas Colin, aus Ragotte Simone oder Marcelline, aus Alain Nicaise. Frederick Ashton hielt sich in seinem Ballett an die Namen des 1803 erstmals in Druck erschienenen Librettos: Lise, Colas, Simone und Alain.
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ZUR ENTSTEHUNG
Sonia Dvořák (Lise), Ensemble
wandlungen eines balletts
ALFRED OBERZAUCHER
Wie ist ein Ballett beschaffen, das eine mehr als 200-jährige Aufführungstradition aufweisen kann, das wenige Jahre nach seiner Uraufführung in Bordeaux bereits in London, Venedig, Wien, Philadelphia, Marseille, Lyon, Neapel, Mailand, Madrid, Brüssel, Moskau, Paris, St. Petersburg, Stockholm, Kopenhagen und New York gespielt wurde und das man heute in China ebenso kennt wie in Australien und Südafrika? Tamara Karsawina, eine der großen Interpretinnen der Lise im vorigen Jahrhundert, gibt Antwort auf diese Frage: »Die Handlung von La Fille mal gardée eignet sich vortrefflich für ein Ballett; es gibt darin keinen Tanz, der nicht direkt einer wirklichen Situation entspringt. Es ist ein bezauberndes Stück aus einer anderen Zeit, eigenartigerweise der künstlerischen Richtung unserer Zeit entsprechend – eine künstlerische Reaktion auf das heutige Leben.« Das Geheimnis des Erfolgs ist also die ebenso simple wie lebensnahe Geschichte, dargestellt von Figuren, die aus dem Leben gegriffen sind, Rollen, die prall sind vor Vitalität.
WANDLUNGEN EINES BALLETTS
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Nie war die Musik von vorrangiger Bedeutung für die Beliebtheit von La Fille mal gardée. Sie wechselte im Laufe der Jahre fast so oft wie die Titel dieses Balletts. Auf Franz Ignaz Becks Potpourri folgten zahllose andere Musikzusammenstellungen, Ferdinand Hérolds Neufassung wurde von Peter Ludwig Hertels Komposition abgelöst, bis schließlich John Lanchbery die heute gültige Fassung erarbeitete. Selbstverständlich war auch die Choreographie einem ständigen Wandel unterzogen, brachte doch jede neue Einstudierung durch die individuelle Handschrift des Choreographen neue Akzente. Aber so sehr sich auch Stil und Geschmack im Laufe der langen Geschichte dieses Balletts gewandelt haben, einzelne Grundmotive aus Daubervals Ballett sind bis heute unverändert geblieben. Ob Das Strohballett, oder Es ist nur ein Schritt vom Bösen zum Guten, ob Das übelgehütete Mädchen, ob Vergebliche Vorsicht oder schlicht Lise und Colin genannt, der Charme dieses Balletts hat seine Wirkung nie verloren. Man muss kein Prophet sein, um Lise und Colas, Alain und der Witwe Simone, wie die Rollen in Frederick Ashtons Ballett heißen, ein weiteres Lebensjahrhundert in anhaltender Frische vorauszusagen. Hunderte von Einstudierungen dieses Balletts sind verzeichnet; im Folgenden seien nur die wichtigsten herausgegriffen. Die Londoner Einstudierung von La Fille mal gardée im Jahre 1791 war die letzte, die Dauberval selbst besorgte. Die Besetzung war für die Rezeption des Balletts von eminenter Bedeutung, wurden doch die ersten Einstudierungen nach Dauberval von Charles Didelot, der die Rolle des Colas verkörperte, und Salvatore Viganò, der den Alain übernommen hatte, vorgenommen. Viganò brachte das Ballett 1793 in Venedig heraus, ein Jahr darauf folgte Wien. Didelot studierte das Werk 1808 in St. Petersburg ein. Das Verdienst, La Fille mal gardée nach Paris gebracht zu haben, fällt Eugène Hus, dem Colin der Uraufführung, zu. Das Ballett wurde allerdings 1803 im Théâtre de la Porte-SaintMartin gegeben, einem anderen Choreographen, dem Dauberval-Schüler Jean Aumer, blieb es vorbehalten, das Werk 1828 in die Pariser Opéra einzuführen. Es präsentierte sich nun in einem neuen musikalischen Gewand von Louis Joseph Ferdinand Hérold, dem Chordirektor der Opéra. Er konnte schon auf einige erfolgreiche Ballettkompositionen zurückblicken, als ihm die Aufgabe übertragen wurde, die unzulängliche Originalmusik durch eine neue zu ersetzen. Hérold behielt die besten Nummern der Fassung von Bordeaux bei, borgte Passagen aus Opern von Gioachino Rossini und komponierte alles Übrige neu. Diese Fassung blieb ein Vierteljahrhundert am Spielplan der Opéra und gab 1837 Fanny Elßler Gelegenheit, ihr großes darstellerisches Können auszuspielen. Sie hatte schon in Amerika, wo man das Ballett bereits drei Jahre nach seiner Uraufführung gegeben hatte, Triumphe mit ihrer Interpretation der Lise gefeiert und diese wiederholt, als sie 1848 in St. Petersburg und 1850 in Moskau gastierte. Damals war das Ballett in Russland schon seit 50 Jahren bekannt. Giuseppe Solomoni hatte es 1800 erstmals in Moskau einstudiert, einen festen Platz im Repertoire sicherten ihm die Einstudierung Didelots in St. Petersburg, an der sich auch Irakli Nikitin 1845 in Moskau und Jules Perrot 1854 in St. Petersburg orientiert haben. Von großer Bedeutung für den weiteren Weg des Übelgehüteten Mädchens war 1864 eine Berliner Aufführung, die Paul Taglioni zu neuer Musik von Peter Ludwig Hertel einstudierte. Diese Musik verwendeten Lew Iwanow und Marius Petipa 1885 für ihre St. 35
WANDLUNGEN EINES BALLETTS