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Programmheft »Dornröschen«

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dornröschen Ballett in einem Prolog & drei Akten

Musik Dornröschen op. 66 von Piotr Iljitsch Tschaikowski Ferne Landschaft II für Orchester von Toshio Hosokawa Libretto Martin Schläpfer nach dem Märchen La Belle au bois dormant von Charles Perrault sowie nach Iwan Alexandrowitsch Wsewoloschski & Marius Petipa Choreographie Martin Schläpfer & Marius Petipa Musikalische Leitung Patrick Lange Bühne Florian Etti Kostüme Catherine Voeffray Licht & Video Thomas Diek Dramaturgie Anne do Paço URAUFFÜHRUNG 24. OKTOBER 2022 – WIENER STAATSBALLETT, WIENER STAATSOPER


über die heutige vorstellung Das Märchen von Prinzessin Aurora, die – von Carabosse verflucht, aber von der Fliederfee beschützt – in einen hundertjährigen Schlaf fällt, bis es schließlich Prinz Désiré gelingt, in ihr von Rosen umwuchertes Schloss einzudringen, existiert in unzähligen Varianten. Die Geschichte einer Frau, die schläft, bis sie von einem tapferen Helden wachgeküsst wird, ist ein Topos vieler Sagen und Märchen. Dornröschen ist eines der zartesten und schönsten unter diesen, in anderen Versionen aber auch eines der gewaltvollsten und grausamsten. Seine Offenheit und Durchlässigkeit hat es sich bis heute bewahrt: im Erzählen einer Geschichte über den Kampf des Hellen gegen das Dunkle, der Zeit gegen das Böse bzw. die Bitterkeit, aber auch die Selbstverständlichkeit einer Welt der Feen und anderer Wesen im Alltag der Menschen. 1636 wurde die bereits damals in zahlreichen Varianten erzählte Fabel durch den Italiener Giambattista Basile festgeschrieben. Von Charles Perrault und den Brüdern Grimm stammen die bekanntesten Überlieferungen. 1829 fand das Märchen an der Opéra de Paris auch seinen Weg auf die Ballettbühne in einer Choreographie JeanPierre Aumers zur Musik Louis Joseph Ferdinand Hérolds und dem Libretto Eugène Scribes – erfahrene Theatermacher, deren Erfolg in diesem Fall aber ausblieb. Durch den Theaterdirektor Iwan Alexandrowitsch Wsewoloschski zusammengebracht gelang es schließlich Piotr Iljitsch Tschaikowski mit seiner prächtigen Partitur Spiaschtschaya Krassawitsa sowie dem Choreographen Marius Petipa in einer Architektur aus perfekt gebauten Proportionen das vielleicht vollkommenste Werk des russischen Balletts zu schaffen, uraufgeführt am 15. Jänner 1890 im St. Petersburger Mariinski-Theater. Bis heute zählt es zu den schönsten und zugleich größten Herausforderungen, das an Figuren, Tänzen und Fragestellungen so reiche Werk auf die Bühne zu bringen. Mit dem Wiener Staatsballett hat Martin Schläpfer nun seine eigene Version erarbeitet, die mit einem Tanz voller Virtuosität und Schönheit in die inneren Welten der Figuren vordringt. Martin Schläpfers Dornröschen zielt ins Herz des Märchens und öffnet dieses zugleich für die Fragen unserer Zeit.

ÜBER DIE HEUTIGE VORSTELLUNG

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about today’s performance There are countless variations on the fairy tale of Princess Aurora who is cursed by Carabosse and protected by the Lilac Fairy and falls into a hundred-year sleep until Prince Désiré finally manages to find his way into her castle overgrown with roses. The story of a woman who remains dormant until she is reawakened by the kiss of a brave hero is a trope of numerous sagas and myths. Sleeping Beauty is one of the gentlest and most beautiful of these, while other versions are more violent and cruel. Its openness to interpretation persists to this day: in telling a story about the battle of light against darkness, time against evil and bitterness, and also a story where fairies and other creatures are a natural part of people’s everyday life. The folk tale, which already existed in a number of variations, was first written down in 1636 by the Italian Giambattista Basile. The best-known versions are by Charles Perrault and the Brothers Grimm. The story found its way on to the ballet stage as early as 1829, where it was performed at the Paris Opera, choreographed by Jean-Pierre Aumer to music by Louis Joseph Ferdinand Hérold and with a libretto by Eugène Scribe – established theatre makers who did not, however, score a hit on this occasion. Brought together at the behest of the theatre director Ivan Alexandrovich Vsevolozhsky, Pyotr Ilyich Tchaikovsky – with his magnificent score Spyashchaya krasavitsa – and the choreographer Marius Petipa – with a structure of perfect proportions – managed to create perhaps the most complete work of the Russian ballet repertoire, which was first performed on 15 January 1890 at the Mariinsky Theatre in St. Petersburg. To this day, staging this work with such a rich array of characters, dances and themes remains a sublime and challenging task. Martin Schläpfer has now created his own version with the Vienna State Ballet, using dance of beauty and virtuosity to probe the inner life of its characters. Martin Schläpfer’s Sleeping Beauty aims at the very heart of the fairy tale, exposing it to the questions of our own time.

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ABOUT TODAY’S PERFORMANCE


Ketevan Papava (Königin), Gala Jovanovic (Carabosse), Ensemble


Jackson Carroll (Catalabutte), Ensemble


Claudine Schoch (Carabosse), Igor Milos & Calogero Failla (Carabosses Gefolge), Ensemble


Hyo-Jung Kang (Aurora), Kristián Pokorný, Rashaen Arts, Arne Vandervelde, Géraud Wielick (Vier Prinzen), Ensemble


Masayu Kimoto (König), Olga Esina (Königin), Ensemble


rhythmus raum imagination

THOMAS STEIERT

Zwei knappe musikalische Porträts der beiden Gegenspielerinnen aus der Feenwelt, der bösen, wild und kantig gestikulierenden Carabosse, und der guten, sanft schwebenden Fliederfee – dann öffnet sich unter den Klängen eines aus der Ferne tönenden Marsches der Vorhang zum Auftritt der Damen und Herren des Hofes. Nachdem Catalabutte, der Zeremonienmeister, mit der ihm eigenen Gewichtigkeit die Liste der an die Feen gesandten Einladungen geprüft hat, kündigen feierlich-erhabene Fanfaren die Ankunft von König und Königin mit ihrem Gefolge und der Wiege Auroras an. Wie selbstverständlich fügen sich in dieser Eröffnung des Dornröschen-Balletts szenisches Geschehen, choreographischer Plan und musikalische Form zur Einheit. Die Musik setzt den Rhythmus, die Choreographie durchmisst den Raum, in dem das Geschehen sich formt; dieses wiederum gewinnt aus dem Musikalischen seine dramatische Dimension. Handlung, Tanz und Musik sind so auf eine Weise miteinander verflochten, dass jeder dieser Bereiche in seiner Eigenständigkeit erkennbar bleibt, obwohl er gleichzeitig auch durch die übrigen bestimmt wird. Auf die Musik bezogen heißt dies: Sie entwickelt weder eine symphonische Selbständigkeit, noch beschränkt sie sich auf die bloße rhythmische Begleitung der tänzerischen Bewegung oder das Illustrieren des Geschehens. Die Gesetzmäßigkeiten der Ballettmusik erwachsen viel-

RHYTHMUS RAUM IMAGINATION

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la belle au bois dormant CHARLES PERRAULT

Da war in alten Zeiten, in sehr alten Zeiten, ein König und eine Königin, die hatten alles, nur keine Kinder. Endlich, nach jahrelangem Warten, ward ihre Sehnsucht gestillt, ihr höchster Wunsch erfüllt. Die Königin gebar eine Prinzessin. Man richtete eine große Taufe her und lud dazu sämtliche sieben Feen des Landes. Nach der Taufe begab man sich in den Saal zu einem großen Festessen. Jeder der sieben Feen legte man ein herrliches goldenes, mit Diamanten und Rubinen besetztes Besteck vor, Messer, Gabel und Löffel, in einem prächtigen Futteral. Als schon alles am Tische saß, trat plötzlich noch eine alte Fee ein, die nicht eingeladen war und die man vergessen hatte, weil man seit mehr als hundert Jahren nichts von ihr wusste und sie für tot oder verschollen hielt. Man bat sie, Platz zu nehmen, aber betreffs des goldenen Bestecks war der König in großer Verlegenheit, denn schon damals hatten die Könige nicht immer so viel Gold, wie sie brauchten. Man legte ihr also ein gewöhnliches Besteck vor und entschuldigte sich. Die alte Fee aber fühlte sich beleidigt, murmelte etwas zwischen den falschen Zähnen und machte ein böses Gesicht. Eine der jüngeren bemerkte das, und besorgt, dass die Alte der Prinzessin irgendwas Böses erfinden und anwünschen könnte, versteckte sie sich hinter einem Vorhang, um im entscheidenden Moment hervorzutreten und den bösen Zauber so viel wie möglich zu entkräften.

LA BELLE AU BOIS DORMANT

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