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Programmheft »Der Ring des Nibelungen«

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DER RING DES NIBELUNGEN Richard Wagner


ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH

← Juha Uusitalo als Wotan, Die Walküre (2011)

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Richard Wagners Der Ring des Nibelungen ist eines der raumgreifendsten und faszinierendsten Werke der gesamten Musikgeschichte. Vier Teile lang verhandelt Wagner Themen wie Macht und Liebe, über Besitzverhältnisse und den (freien) Willen. Über kein anderes Opernwerk gibt es so viel Literatur, selten findet man so widersprüchliche Sichtweisen und Interpretationsansätze wie zu diesem Werk. Das vorliegende Programmbuch wird durch ein Gespräch mit dem Dirigenten Franz Welser-Möst eröffnet, der ab 2007 die Neuproduktion der Tetralogie leitete; wie rote Fäden ziehen sich Auseinandersetzungen mit Einzelaspekten des Werks durch das Buch: Regisseur Sven-Eric Bechtolf nähert sich in (Selbst-)Gesprächen und einem Essay den vier Opern, der Musikwissenschaftler Tobias Janz steuert zu jedem der vier Teile eine musikalische Analyse bei, die auf Besonderheiten der Klangsprache und der Kompositionstechnik Wagners eingeht. Und Konrad Paul Liessmann beleuchtet Fragen rund um den philosophischen Gehalt der Werke und zeigt Einflüsse etwa Schopenhauers und Feuerbachs. Die Aufführungsgeschichte im Haus am Ring wird von Peter Blaha skizziert, Judith Staudinger stellt die Frage nach den besonderen Kennzeichen des Musikdramas, Joachim Reiber beschäftigt sich mit dem Dichter und Musiker Wagner. Der Jurist Peter Lewisch analysiert die vier Teile auf das reichhaltige strafrechtsrelevante Handeln der Beteiligten hin und Andreas Láng zeigt auf, auf welche Figuren der unterschiedlichsten Sagenkreise, die Wagner als Steinbruch benutzte, das Ring-Personal zurückgreift. ÜBER DIESES PROGR A M MBUCH


Judith Staudinger

WAS IST MUSIKDRAMA?

Heldensage und Göttermythos, Auseinandersetzung mit der menschlichen Gesellschaft und den archetypischen Motiven Liebe, Macht, Verrat und Vergebung – der Ring des Nibelungen stellt als Musikdrama von ungeheurem Ausmaß seit seiner Entstehung ein Faszinosum sondergleichen dar. Dabei ist dieser gigantische Opernzyklus in vier Teilen eine Umsetzung der zentralen kunstästhetischen Vision Richard Wagners: Die Verwirklichung des Gesamtkunstwerks. Die Oper als Kunstform scheint dafür prädestiniert, vereint sie doch vier Künste: Musik, Dichtung, bildende und darstellende Kunst. Was jedoch unterscheidet das Musikdrama im Sinne Richard Wagners von anderen Opern? In seiner theoretischen Schrift Oper und Drama (Zürich, 1851), die mit der Entstehungsgeschichte der Ring-Tetralogie eng verbunden ist, deckt Richard Wagner den »Irrtum«, der seines Verständnisses nach dem Kunstgenre der Oper innewohnte, in einem oft zitierten Satz auf: dass nämlich »ein Mittel des Ausdrucks (die Musik) zum Zwecke, der Zweck des Ausdrucks (das Drama) aber zum Mittel gemacht war.« Oder anders gesagt: »Bloß um der J U DIT H STAU DINGER

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Egon Friedell → Kulturgeschichte der Neuzeit

Wagners Musikdrama ist nicht bloß Gesang und Begleitung, sondern auch Bewegung und wird dadurch erst zum wahren Gesamtkunstwerk. Schritte, Gesten, Blicke sind bei ihm nicht dem Zufall oder der Willkür überlassen, sondern durch die Musik genau bestimmt. Dies erstreckt sich sogar auf die Bewegungen der stummen Natur: Der Strom im Rheingold, der Wald im Siegfried sind beseelte Wesen, deren Lebensäußerungen das Orchester aufmerksam begleitet. Hierin zeigt sich Wagner wiederum als grandioser Regisseur.


Andreas Láng

WOHER KOMMEN DIE PERSONEN IM » RING « ?

Auch wenn die Ring des Nibelungen-Tetralogie bezüglich Handlung, psychologischer Ausformung der Akteure sowie philosophischen Überbaus eindeutig eine Schöpfung Richard Wagners darstellt, so finden sich in diversen von ihm benutzten Quellen sehr wohl für alle wesentlichen Figuren dieses gewaltigen Musiktheaterwerkes Vorbilder, deren Eigenschaften, Taten und Schicksale Wagner aufgriff und in seine Konzeption einbaute und nach Bedarf entsprechend umformte. Im Folgenden sollen nun überblicksmäßig einige dieser mythologischen Vorbilder aufgezeigt werden, die in die Charaktere des Ring eingeflossen sind. A N DR EAS LÁ NG

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Sieglinde → Die Walküre

Ein Fremder trat da herein: Ein Greis in grauem Gewand, tief hing ihm der Hut, der deckt ihm der Augen eines.


Peter Blaha

» DER RING DES NIBELUNGEN « IM HAUS AM RING Der erste Wiener Ring Mit der ersten kompletten Aufführung des Ring des Nibelungen wurden 1876 die Bayreuther Festspiele eröffnet. Am Pult stand Hans Richter, die Brünnhilde hat Amalie Materna gesungen. Beide Künstler gehörten dem Ensemble der Wiener Hofoper an und konnten in Bayreuth nicht ohne Zustimmung des Wiener Operndirektors Franz Jauner mitwirken. Und Jauner hatte diese Zustimmung von einer Gegenleistung Wagners abhängig gemacht: Er sicherte sich für Wien die Aufführungsrechte der Walküre, die nach 254 Einzelproben am 5. März 1877 in Anwesenheit der kaiserlichen Familie PET ER BLA H A

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und aller Erzherzöge über die Bühne ging. Wie in Bayreuth wirkten auch in Wien Hans Richter und Amalie Materna sowie Emil Scaria als Wotan mit. Die Ausstattung basierte auf Entwürfen Josef Hoffmanns, die dieser für Bayreuth geschaffen hatte. Der Erfolg war groß: Allein im Jahr 1877 wurde Die Walküre 19 Mal gezeigt, sodass Franz Jauner den Entschluss fasste, die gesamte Tetralogie an der Wiener Oper zur Aufführung zu bringen. Dabei kam ihm zugute, dass die ersten Bayreuther Festspiele mit einem finanziellen Debakel geendet hatten. Wagner benötigte Geld und trat daher die Aufführungsrechte des kompletten Ring an Jauner ab, wofür ihm zehn Prozent an Tantiemen zugesagt wurden. Am 24. Jänner 1878 hatte Das Rheingold Premiere, am 9. November 1878 folgte Siegfried, und am 14. Februar 1879 war mit der Götterdämmerung der erste Wiener Ring zu Ende geschmiedet. Die erste Gesamtaufführung der Tetralogie ging zwischen 26. und 30. Mai über die Bühne. Am Pult stand Hans Richter, für die Ausstattung waren Carlo Brioschi, Hermann Burghart und Johann Kautsky verantwortlich. Das Rheingold wurde damals noch mit Pause gespielt, in den anderen Teilen wiederum hat man etliche Szenen gestrichen, in der Götterdämmerung etwa die gesamte Nornenszenen, bei späteren Reprisen auch den Auftritt Waltrautes sowie die Szene zwischen Siegfried und den Rheintöchtern. Diese Striche stammen allerdings von Wagner selbst, an dessen Anweisungen sich Hans Richter penibel hielt. In der Saison 1896/97 wurden die Dekorationen von Anton Brioschi teilweise erneuert, im Prinzip blieb diese erste Wiener Ring-Inszenierung jedoch fast 30 Jahre lang im Repertoire.

Gustav Mahler und der Ring 1897 übernahm Gustav Mahler die Direktion der Wiener Hofoper. Schon im August dieses Jahres leitete er erstmals eine Gesamtaufführung der Tetralogie. Ein Jahr später konfrontierte er das Wiener Publikum erstmals mit dem ungestrichenen Ring, was von der Kritik nicht nur mit Wohlwollen quittiert wurde. Mahler setzte den Der Ring des Nibelungen darüber hinaus auch nur mehr in einheitlichen Zyklen an, wovon 1898/99 vier, 1899/1900 fünf zur Aufführung gelangten. 1903 holte Mahler Alfred Roller als Ausstattungsleiter an die Wiener Oper, mit dem er sich an eine Neuinszenierung des Ring machte. Roller löste sich in seinen Bühnenbildern von den Bayreuther Stilvorgaben, zukunftsweisend wurden der Einsatz von plastischen Dekorationsteilen und farbigem Licht anstelle von gemalten Bildern und Pappmaché. Am 23. Jänner 1905 hatte Das Rheingold – erstmals in Wien in einer pausenlosen Aufführung – Premiere, am 4. Februar 1907 folgte Die Walküre. Anna Bahr-Mildenburg sang im Rheingold die Fricka, in der Walküre die Brünnhilde, Erik Schmedes verkörperte Loge und Siegmund. Im Sommer 1907 legte Mahler sein Amt als Hofoperndirektor nieder. Er hatte im Kampf gegen die Hofbürokratie, »DER R ING DE S N IBELU NGEN« IM H AUS A M R ING


Loge → Das Rheingold

»Was ein Diebstahl, das stiehlst du dem Dieb; ward leichter ein Eigen erlangt?«


Peter Lewisch

» DER RING DES NIBELUNGEN « IN HEUTIGER STRAFRECHTLICHER SICHT

Der Ring zeigt eine Entwicklung vom »Göttlichen« zum »Menschlichen«. Die Anwendung des Strafrechts auf einen solchen Sachverhalt muss naturgemäß darüber hinwegsehen, dass für sich genommen nach geltendem Recht Zwerge, Riesen und Götter weder Deliktssubjekt sind noch als solche Strafrechtsschutz genießen und es die Götter wohl für sich in Anspruch nehmen würden, außerhalb der menschlichen Verantwortlichkeitsregeln zu stehen. Ein – wenn auch nur skizzenhafter – Blick auf den Ring durch die Brille des geltenden Strafrechts verspricht aber jedenfalls Lug und Trug sowie Mord und Totschlag in großer Zahl. 65

PET ER LEW ISCH


DAS RHEINGOLD → Vorabend des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen Musik & Dichtung Richard Wagner

Orchesterbesetzung 3 Flöten, Piccoloflöte, 3 Oboen, Englischhorn, 3 Klarinetten, Bassklarinette, 3 Fagotte (3. auch Kontrafagott), 8 Hörner (5. und 6. auch Tenortuba, 7. und 8. auch Basstuba), 3 Trompeten, Basstrompete, 4 Posaunen (4. auch Kontrabassposaune), Kontrabasstuba, Pauken, Schlagwerk (Becken, Triangel, Tamtam), 3 Harfen, Violine I, Violine II, Viola, Violoncello, Kontrabass Bühnenmusik 18 Ambosse, Hammer, Harfe Spieldauer ca. 2,5 Stunden (keine Pause) Autograph Partitur-Erstschrift teilweise Richard-WagnerNational-Archiv Bayreuth, teils verschollen Uraufführung 22. September 1869, Hoftheater, München Erstaufführung im Rahmen der ersten Gesamtaufführung des Ring des Nibelungen im Bayreuther Festspielhaus 13. August 1876 Erstaufführung an der Wiener Hofoper 24. Jänner 1878


DIE WALKÜRE → Erster Tag des Der Ring des Nibelungen Musik & Dichtung Richard Wagner

Orchesterbesetzung Piccoloflöte, 3 Flöten (3. auch 2. Piccoloflöte), 4 Oboen (4. auch Englischhorn), 3 Klarinetten, Bassklarinette, 3 Fagotte (3. auch Kontrafagott), 8 Hörner (5. und 6. auch Tenortuba, 7. und 8. auch Basstuba), 3 Trompeten, Basstrompete, 4 Posaunen (4. auch Kontrabassposaune), Kontrabasstuba, Pauken, Schlagwerk (Rührtrommel, Becken, Triangel, Glockenspiel, Tamtam), 3 Harfen, Violine I, Violine II, Viola, Violoncello, Kontrabass Bühnenmusik Stierhorn, Donnermaschine Spieldauer ca. 4 Stunden 45 Minuten (inkl. 2 Pausen) Autograph Partitur-Erstschrift teilweise Richard-WagnerNational-Archiv Bayreuth, teils verschollen Uraufführung 26. Juni 1870, Hoftheater, München Erstaufführung im Rahmen der ersten Gesamtaufführung des Ring des Nibelungen im Bayreuther Festspielhaus 14. August 1876 Erstaufführung an der Wiener Hofsoper 5. März 1877


SIEGFRIED → Zweiter Tag des Der Ring des Nibelungen Musik & Dichtung Richard Wagner

Orchesterbesetzung Piccoloflöte, 3 Flöten (3. auch 2. Piccoloflöte), 4 Oboen (4. auch Englischhorn), 3 Klarinetten, Bassklarinette, 3 Fagotte (3. auch Kontrafagott), 8 Hörner (5. und 6. auch Tenortuba, 7. und 8. auch Basstuba), 3 Trompeten, Basstrompete, 4 Posaunen (4. auch Kontrabassposaune), Kontrabasstuba, Pauken, Schlagwerk (Becken, Triangel, Glockenspiel, Tamtam), 3 Harfen, Violine I, Violine II, Viola, Violoncello, Kontrabass Bühnenmusik Englischhorn, Horn, Schmiedehammer, Donnermaschine Spieldauer ca. 4 Stunden 45 Minuten (inkl. 2 Pausen) Autograph Partitur-Erstschrift teilweise Richard-WagnerNational-Archiv Bayreuth, teils verschollen Uraufführung im Rahmen der ersten Gesamtaufführung des Ring des Nibelungen im Bayreuther Festspielhaus 16. August 1876 Erstaufführung an der Wiener Hofoper 9. November 1878


GÖTTERDÄMMERUNG → Dritter Tag des Der Ring des Nibelungen Musik & Dichtung Richard Wagner

Orchesterbesetzung Piccoloflöte, 3 Flöten (3. auch 2. Piccoloflöte), 3 Oboen, Englischhorn, 3 Klarinetten, Bassklarinette, 3 Fagotte, 8 Hörner (5. und 6. auch Tenortuba, 7. und 8. auch Basstuba), 3 Trompeten, Basstrompete, 4 Posaunen (4. auch Kontrabassposaune), Kontrabasstuba, Pauken, Schlagwerk (Rührtrommel, Becken, Triangel, Glockenspiel), 3 Harfen, Violine I, Violine II, Viola, Violoncello, Kontrabass Bühnenmusik 3 Stierhörner, in C, Des und D, Hörner Spieldauer ca. 5 Stunden 15 Minuten (inkl. 2 Pausen) Autograph Partitur-Erstschrift teilweise Richard-WagnerNational-Archiv Bayreuth, teils verschollen Uraufführung im Rahmen der ersten Gesamtaufführung des Ring des Nibelungen im Bayreuther Festspielhaus 17. August 1876 Erstaufführung an der Wiener Hofoper 14. Februar 1879


vielleicht stärker als in solchen Kontinuitäten. Die Visionen des Unheils sind von dieser Mächtigkeit in einem ähnlichen Maße immer schon affiziert wie auch der nachträgliche Blick auf den Untergang selbst. Nach diesem aber ging es weiter. Der gleichsam aus dem Naturgeschehen selbst abgeleitete Untergang der Kultur lässt ebenso auf sich warten wie die große Entscheidungsschlacht, nach der alles anders werden sollte.

→ Eric Halfvarson als Hagen und KS Stephen Gould als Siegfried, Götterdämmerung (2011)

DER W ELT EN BR A N D

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