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Ansichtskarte 1926

Ortsmuseum Matzingen

Matzingen – uuuhue … schööö ! Männer und Frauen aus Matzingen, Dingenhart, Halingen und Ristenbühl berichten von vergangenen Zeiten


Ortsmuseum Matzingen

Matzingen – uuuhue … schööö ! Männer und Frauen aus Matzingen, Dingenhart, Halingen und Ristenbühl berichten von vergangenen Zeiten


Inhaltsverzeichnis

Grusswort des Gemeindepräsidenten

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Vorwort des Stiftungsratspräsidenten

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Doris Riedener-Haueisen: Persönliche Erinnerungen

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Geschichten aus dem Alltag

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2. Weltkrieg und Polen-Internierung

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Kindheitserinnerungen

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Lebensgeschichten

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Handwerk und Gewerbe

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Kirche

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Sponsoren, Impressum

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Grusswort des Gemeindepräsidenten Liebe Leserin, lieber Leser Sie halten eine schmucke Publikation mit Matzinger Geschichten in Ihren Händen. Bestimmt sind Sie genau so gespannt wie ich, was Sie bei der Lektüre alles Neues aus alter Zeit erfahren, wie manchmal Ihnen ein wissendes Lächeln über Ihr Gesicht huschen wird, wie manchmal Sie für sich sagen können: das weiss ich doch! oder: unglaublich, wer hätte das gedacht! Der Gemeinderat ist hocherfreut über die Initiative der Stiftung Ortsmuseum Matzingen, eine solche Publikation zu lancieren. Die Geschichten werden dadurch fassbar, bleiben erhalten, werden vor dem Vergessen bewahrt. Dafür sei herzlich gedankt.

Der Anlass ist ein trauriger. Der plötzliche Tod unserer Geschichtenerzählerin und Geschichtensammlerin Frau Doris Riedener-Haueisen hat den Anstoss dazu gegeben. Das Resultat ist ein ehrendes: mit dieser Schrift werden nicht nur die von ihr gesammelten Geschichten überliefert, mit ihr wird auch die Erinnerung an die sprudelnde Fabuliererin aus dem Ortsmuseum wach gehalten. Eine wertvolle Erinnerung, die ihrem Schaffen und Wirken in Matzingen gerecht wird. Im Namen des Gemeinderates wünsche ich Ihnen jetzt, liebe Leserin, lieber Leser, viel Erhellendes, Erheiterndes, Erinnerndes, Neues und Faszinierendes beim Stöbern in den Matzinger Geschichten. Matzingen im Herbst 2018 Walter Hugentobler

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Vorwort des Stiftungsratspräsidenten Ortsmuseum Matzingen Doris Riedener-Haueisen hat den Buchtitel mit einem Zitat aus den zahlreichen Geschichten geliefert. «Matzingen, uuuhue … schööö!» Sie hinterlässt so der Nachwelt aus der politischen Gemeinde Matzingen Berichte und Erinnerungen von Einwohnerinnen und Einwohnern unserer Gemeinde, spannend und unterhaltend geschrieben. Doris Riedener-Haueisen hat den grössten Teil ihres Erwachsenlebens als Lehrerin an der Primarschule Matzingen unterrichtet. Aktiv bis zu ihrem Tode erfüllte sie verschiedene Aufgaben. Unter anderem wirkte sie im Pensionsalter auch in unserem Ortsmuseum. Viele Klassentreffen führte sie durch unser Museum und begeisterte auch mit ihren eigenen Erinnerungen. Ihr Interesse galt den geschichtlichen Zusammenhängen in unserer Gemeinde. Durch ihr Wirken fand sie auch Zugang zu vielen Menschen.

So kam bei ihr der Gedanke auf, mit Frauen und Männern Interviews zu führen. Im Sommer 2017 überbrachte sie mir die von ihr verfassten und höchst interessanten Erinnerungen aus vergangenen Zeiten in Ordnern, mit dem Zusatzvermerk «fürs Museum». Ein grosses «Dankeschön» durfte ich fast nicht aussprechen, habe es aber aus Überzeugung doch getan. Eine heimtückische Krankheit hat Doris RiedenerHaueisen für uns alle überraschend am Neujahrstag 2018 zu schnell aus ihrem aktiven Leben gerissen. Die Stiftung Ortsmuseum Matzingen hat im Nachhinein entschieden, aus den «Ordner-Geschichten» ein Buch zu Ehren und als Erinnerung an Doris RiedenerHaueisen zu erstellen. Möglich gemacht haben dies die Stiftung Ortsmuseum Matzingen, der Kulturpool der Regio Frauenfeld, zusammen mit der Politischen Gemeinde und weiteren Sponsoren. Im Namen der Stiftung Ortsmuseum Matzingen danke ich allen Beteiligten, die zum Gelingen dieses Werkes beigetragen haben und wünsche viel Freude beim Lesen. im Herbst 2018 Elmar Bissegger, Präsident Stiftungsrat Ortsmuseum Matzingen

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Haus Kirchstrasse 3, gebaut 1903 von Jakob und Elise Ammann-Osterwalder. Jakob Ammann war Wirt im Restaurant NeubrĂźcke und Gemeindeammann. Da ein neues Gesetz bestimmte, dass ein Gemeindeammann keine Sitzungen mehr in der Wirtsstube abhalten durfte, baute er dieses Haus.

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Doris Riedener-Haueisen: Persรถnliche Erinnerungen

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DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN

Kindheitserinnerungen aus den Kriegsjahren an das «Mühlehaus» Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Fischen vom Stubenboden aus Zur damaligen Zeit lebten manche Familien in diesem riesigen Haus. Einer unserer Spielkameraden, ein schmächtiger Junge, wohnte mit seiner Mutter, Frau Waldvogel im Parterre. Wir nannten den Buben «Waldvögeli». Nun, er erzählte mir, dass man von seiner Stube aus fischen könne. Etwas ungläubig folgte ich ihm in die Wohnung. «Waldvögeli» hob sogleich vom Stubenboden ein grosses Brett hoch. Tatsächlich. Darunter floss ein Bach. Ein richtiger Bach. Viel später erfuhr ich, dass das der Mühlekanal gewesen war, der sich, wie heute noch, etwas westlich mit der Murg und der Lauche vereinigt. Stehlen – und ganz ohne schlechtes Gewissen Alle paar Tage wurden von einem Traktor vom Bahnhöfli her Güterwagen auf dem Strassengeleise angefahren und zwischen Mühle und Mühlehaus abgestellt. Die Wagen waren mit Getreidekörnern gefüllt. Ein Arbeiter öffnete dann auf der Unterseite des ersten Wagens einen Schieber. Die Körner strömten nun in einem kleinen Kanal direkt in die Mühle.

Doris Riedener-Haueisen an der Eröffnung der Sonderausstellung «Küche und Waschküche einst» im Ortsmuseum Matzingen, 2015

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DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN

Doris Riedener-Haueisen · Geboren am 24. Januar 1935 in Zürich · Hielt sich in den Ferien beim Grossvater in Matzingen auf · Primar-, Sekundar- und Mittelschule in Zürich-Altstetten · Lehrererin in Ramallah und Altstetten · 1972 Umzug nach Matzingen · Bis zur Pensionierung Lehrerin in Matzingen · Verheiratet vom 27. Juni 1981 bis 11. Juni 2007 · Gestorben am 1. Januar 2018 Kaum war der Arbeiter jeweils verschwunden, krochen wir Gofen unter den Wagen und grabschten mit blossen Händen nach dem Weizen. Die Buben stopften die Hosensäcke voll, aber wir Mädchen waren erfolgreicher. Mit prall gefüllten Schürzen rannten wir rasch nach Hause, luden unser Diebesgut aus und versuchten das Glück erneut und erneut. Es war Kriegszeit und sicher hatten es die Leute in der Mühle längst gemerkt, aber niemand schimpfte uns aus. Daheim war man um das zusätzliche Hühnerfutter froh. Von dort hatten wir sowieso nur Lob zu erwarten.

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Versteckis – Agschlage für … Es war wieder einmal Versteckis angesagt. In Windeseile suchte sich jedes einen geeigneten Unterschlupf. Konrad Ringold zeigte mir rasch den absoluten Wunderplatz: einen grossen, leeren Kaninchenstall an der Südseite des Mühlehauses. Er half mir schnell hinein und hängte den Jutesack darüber, der den Hasen sonst Schutz vor der Sonne bot. Mir war pudelwohl. Belustigt hörte ich, wie das Spiel seinen Verlauf nahm. Es fiel mir mit der Zeit zwar auf, dass das «Agschlage für … » langsam verstummte, sich überhaupt sämtliche Stimmen zu entfernen schienen. Also beschloss ich mein Versteck zu verlassen. Aber oha lätz! Ich musste mit einer ungeschickten Bewegung aussen den Riegel ins Schloss gedrückt haben. Ich begann zu schreien, aber keine Menschenseele war zugegen. Ich wartete ein Weilchen, schrie erneut, weinte, schrie. Nichts. Absolut nichts! Erst lange Zeit später hatte Obermüller Schneider Feierabend und kam, um nach seinen Hasen zu schauen. Das war der Wundermann, der mich schliesslich aus meiner misslichen Lage befreite. Dank sei ihm noch heute.


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Altes Mühlehaus

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August Haueisen-Kübler, «en Schwob», wird in Matzingen eingebürgert Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Herkunft und Jugend August Haueisen wurde 1873 im kleinen Ort Ittendorf im Linzgau unweit des Bodensees geboren. Ittendorf liegt auf halbem Weg zwischen Meersburg und Markdorf. Erwähnt sei hier noch, dass die Ortschaft kurze Zeit schweizerisch war. 1650 wurde sie von Abt Placidus in Einsiedeln für 12930 Gulden gekauft, aber schon 1693 an den Konstanzer Bischof weitergegeben. Die Mutter von August Haueisen war eine Rosa Gröber aus Kluftern, aus der Gegend von Immenstaad. Sie hatte in Ittendorf in den Bauernhof der Haueisen eingeheiratet. Mit ihrem Gatten Kamill hatte sie nur ein einziges Kind, August. Vater Kamill starb bereits ein Jahr darauf 1874. Die Mutter

August Haueisen mit Gattin Elise

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DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN

führte mit den Schwiegereltern den Bauernbetrieb. Sie verheiratete sich wieder mit einem Xaver Pfleghaar. Die Familie wuchs; 9 Kinder wurden geboren. Der Erstgeborene August erlebte aus manchen Gründen eine harte Jugendzeit. So erzählte er, wie er im kalten Herbst barfuss die Kühe hüten musste und um sich zu wärmen in die frischen Kuhfladen stand. Vor dem Elternhaus befand sich ein riesiger, runder Backofen. Dort hinein verkroch er sich, wenn er Strafe zu gewärtigen hatte. Die Prozessionen in eine nahgelegene Kapelle gehörten zu den schönen Jugenderinnerungen. Ebenso das alljährliche Kirchweihfest, die Kirmes. Die Kinder erhofften sich, dass doch ja vorher ein Gemeindebürger sterben würde. Dann konnten sie mit dem Pfarrer die «Letzte Ölung» bringen und erhielten dafür etwas Geld.

Militär Wie alle jungen Männer wurde er zum Militärdienst aufgeboten und absolvierte seine Dienstzeit in Breisach. In Altbreisach, am rechten Rheinufer gelegen war die Kaserne, während auf der anderen Seite des Flusses, in Neubreisach geschossen, exerziert und gedrillt wurde. Neubreisach im Elsass gehörte damals zu Deutschland. Es gibt aus jener Zeit noch eine Aufnahme vor einem Tor. Es gehört zu der immer noch bestehenden riesigen Befestigungsanlage in Neubreisach.

Geburtsort Ittendorf zwischen Meersburg und Markdorf

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DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN

August Haueisen mit dem Motorrad seines Sohnes an der Aadorferstrasse unterwegs

August Haueisen mit Sohn Eugen und Haushälterin Emma Horisberger

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Schweiz August kam ca. 1899/1900 in die Schweiz und wurde dort von seinem Onkel Roman Gröber in Häuslenen aufgenommen. Sein Onkel war mit einer Müller, wahrscheinlich aus diesem Dorf stammend, verheiratet. Sie führten das Restaurant «Frohe Aussicht» und einen Bauernhof. Sein Onkel amtete auch als Stör-Metzger. August wurde überall eingesetzt und erwies sich bald als Zimmermann und Schreiner sehr geschickt, obwohl er nie eine Lehre absolviert hatte. In Häuslenen, in der «Frohen Aussicht» muss es gewesen sein, dass er seine spätere Frau, eine Elise Kübler aus Gundetswil kennenlernte. Sie war vielleicht als Magd angestellt. Einmal, so berichtete er, schenkte sie ihm einen grossen Biberfladen. Vor lauter Liebe platzierte er ihn abends auf seiner Bettdecke und stellte am nächsten Morgen beim Erwachen erschrocken fest, dass das ganze Bett braun verschmiert war. Die Familie Kübler in Gundetswil, die dort das Restaurant «Lindenhof», einen Bauernhof und einen Laden führten, waren vom Liebsten der Elise überhaupt nicht angetan: Deutscher, «Schwob», arm, katholisch und viel jünger als Elise! Aber die beiden hielten zusammen. Das Einzige, das August an seiner Lage verbessern konnte, war, dass er zum reformierten Glauben übertrat. Aber seine Mutter in Ittendorf bat ihn buchstäblich auf den Knien dies rückgängig zu machen, weil sie glaubte, dass Gott sie nun strafen werde, weil sie ihren


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Sohn schlecht erzogen hätte. August und Elise heirateten trotzdem und zogen nach Aadorf, wo sie das Restaurant «Sternen» neben der katholischen Kirche an der Hauptstrasse 19 führten und August als Zimmermann arbeitete. An dieses Restaurant erinnert noch ein Stern am schmiedeisernen Gitter eines Balkons, die grossen Fenster im Erdgeschoss und eine Gartenwirtschaft ist auszumachen. In Aadorf wurden zwei Kinder geboren: Oskar und 1903 Eugen. Oskar starb als Kleinkind. Tod von Onkel Gröber in Häuslenen Nun ein Rückblick auf die Familie Gröber-Müller in Häuslenen. Sie hatten vier Kinder: drei Knaben und ein Mädchen. Schon früh wurden sie von Unglück heimgesucht. Das Mädchen erkrankte an Kinderlähmung und der Vater verstarb früh. Die Mutter verkaufte Restaurant und Bauernhof und zog mit ihren Kindern nach Frauenfeld, wo sie als Hausangestellte mit Waschen, Putzen und Kochen ihre Familie durchbrachte. Sie muss eine sehr tatkräftige Frau gewesen sein. Jedem Kind ermöglichte sie eine gute Ausbildung. Das Mädchen wurde Klavierlehrerin, ein Knabe Chemiker und die beiden andern reformierte Pfarrherren. Matzingen Familie Haueisen zieht von Aadorf weg nach Matzingen. Vorerst wohnten sie an der Oberdorfstrasse 11/ Ecke Thundorferstrasse. Dieses schöne Riegelhaus war in viel früherer Zeit eine Gastwirtschaft gewesen. Im oberen Stock liess sich damals noch eine Gaststube ausmachen. Man vermutet, dass in diesem Haus einst Vorspannpferde eingestellt waren, die an

der Alten Landstrasse Frauenfeld-Wil im Gebiet Oberdorf und Ruggenbühl gebraucht worden waren. Wenig später zog die Familie in die alte Käserei an der Stettfurterstrasse 4. Als es einen Wechsel des Käsermeisters gab und die Wohnung gebraucht wurde, zogen Haueisens an die Aadorferstrasse 10 bei der Lauchebrücke. 1. Weltkrieg – Einbürgerung Der 1. Weltkrieg brach aus. August wurde aufgefordert sich sofort nach Konstanz zu begeben und als deutscher Staatsbürger am Krieg teilzunehmen. Sein Sohn Eugen erzählte später Folgendes: Vater hätte seine «Montur» und das Gewehr aus dem Kasten geholt und sich von ihm und der tränenüberströmten Mutter verabschiedet. Man musste ja annehmen, dass er nie wieder zurückkommen würde! Immer hätten sie geheult, bis drei Tage danach der Vater plötzlich total wortkarg wieder aufgetaucht sei und seinen Militär­plunder versorgt hätte. Nie habe er jemandem erzählt, wo er gewesen war und wie und weshalb er zurückgekehrt sei. Einige Zeit später bemühte er sich um eine Einbürgerung. Wie der Neutralisationsakte im Archiv Frauenfeld zu entnehmen ist, war das damals eine sehr teure Angelegenheit, die sich ein Arbeiter nie hätte leisten können und nur dank der Mitgift seiner Frau möglich war. Lange nach dem Krieg erhielt er aus Deutschland die Nachricht, dass er nicht mehr als Fahnenflüchtiger betrachtet und beim Betreten des Landes nicht erschossen werde. Aber das war durch die Einbürgerung ohnehin gegenstandslos geworden.

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DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN

den Haushalt. Mit ihr lebte er in der Folgezeit länger zusammen als mit seiner Frau.

90. Geburtstag – Erster Flug, Lommis 1963

Dorfleben – Tod der Gattin Elise August arbeitete weiterhin als Zimmermann und Schreiner beim Sägewerk Bischoff auf vielen Baustellen in der Umgebung. Frühmorgens schon hatte er mit dem Velo auf den Arbeitsplätzen zu sein. Er galt als geschickt und fleissig. Er war Kettenraucher und trug stets drei Pfeifen bei sich: eine im Mund, eine zum Auskühlen in der Schürzentasche und eine gestopfte im Wams. Durch seinen komischen Humor und seine mit Flüchen reich gespickte Schwöbelisprache war er ein eigentliches Dorforiginal. «Hausi» nannte man ihn. Seine Frau starb, als er etwa 55 Jahre zählte. Emma Horisberger führte ihm fortan

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Alter Wohl auf Grund seiner harten Jugend und da er stets in ärmlichen, kargen Verhältnissen gelebt hatte, blieb er bis ins hohe Alter gestählt. Mit 87 fuhr er mit dem Velo samt Sense zu seiner letzten noch verbliebenen Schwester nach Ittendorf, um ihr bei der Heuernte zu helfen. Ein Jahr darauf besuchte er ebenfalls per Velo die Familie seines Sohnes in Zürich. Als er seinen 90. Geburtstag feierte, flog er zum ersten Mal. Von Lommis aus machte er mit seinem Sohn einen Rundflug. Nachher wurde an der Aadorferstrasse 10 zwischen Haus und Scheune ein grosses Fest gefeiert, an dem die ganze Bevölkerung teilnahm. August konnte noch den 92. Geburtstag feiern und bis kurz vor seinem Tod war er bei recht guter Gesundheit, stets am Rauchen und etwas «Schäffele». Er starb am 19. September 1965. Von seinem Haus aus bis zur Kirche wurde noch einer der letzten Leichenzüge durchgeführt. Ein Bauer Gerber aus Halingen kam extra mit Pferd und Leichenwagen ins Dorf hinunter. Nach der Beerdigung begaben sich alle zum Leichenmahl. Bauer Gerber führte das Pferd über den Dorfplatz und nach einem aufmunternden Klaps auf die Flanke sagte er: «So, jetzt chasch hei!» Und das Pferd trottete samt Leichenwagen ganz allein nach Halingen zurück.


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August Haueisen hat den Schopf erstellt, 1945

Spielende Kinder, 1945

Blick auf die Matzinger Kirche, 1945

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DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN

«Ja, Emmeli, häs s'fest s'muset?»

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Nur für Frauen Ganz am Schluss der dreitägigen Waschzeit fischten die Frauen vom Grund des Waschhafens Dutzende von länglichen, etwas dicklichen weissen Dingern heraus. Die hatten während all der Zeit dort geschmort und gekocht. Ich guckte mir die komischen Sachen von allen Seiten an und fragte meine Spielkameradinnen, wozu die dienen. Sie schauten sich belustigt an und lachten ein wenig, aber das war alles. Kurz darauf flüsterte mir eine Neunmalkluge ins Ohr: «Das ist wegen dem Blut!» «Blut», dachte ich, «Blut ist doch rot!» Ich inspizierte die merkwürdigen Wäschestücke nochmals. Alles weiss! Ich war wirklich noch klein und glaubte allen Ernstes, es würde vielleicht auch weisses Blut geben, von dem ich bisher noch nichts gehört hatte. Doch die Art und Weise, wie meine Kollegin das gesagt hatte, liess auf ein riesiges Geheimnis schliessen. Nun, ich vergass die Sache für lange Zeit, bis ich – ach – buchstäblich am eigenen Leib die Auflösung des Rätsels erfahren musste und plötzlich wusste, wozu die Dinger gedient hatten. In den Jahren zuvor

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hatte aber die Menschheit nicht nur die Atombombe erfunden, sondern auch etwas Gescheites für uns Frauen. Und so war ich ganz unbemerkt glücklicherweise vom B- ins T-Zeitalter hineingerutscht. Gott sei Dank! Sei wirklich Dank! Die Fahrenden Jährlich einmal erschienen die Fahrenden im alten Matzingen. Es waren Scherenschleifer und Pfannenflicker. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich jeweils die Kunde durchs Dorf. Alle Frauen rannten zu den Ställen und Scheunen, schlossen sie ab und verriegelten auch Hühnerhöfe und Kaninchenverschläge, zudem sämtliche Türen am Haus. Selbst der Bäcker machte seinen Laden dicht. Dann wartete man hinter den Vorhängen und schaute, was sich so auf den menschenleeren Strassen tat. Kamen die Fahrenden in die Nähe, holte man die kaputten Pfannen aus dem Keller und trat damit vor die Türe. Man übergab sie in der Hoffnung, sie würden bald wieder geflickt zurückkommen.


DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN

Die Haushälterin meines Grossvaters hiess Emma und war kurz vorher von der Treppe gestürzt. Sie trug noch Blessuren im Gesicht. Ein Pfannenflicker nun, der an die Tür kam, erkannte sie von früher her wieder und meinte ganz schalkhaft in seinem gebrochenen Deutsch: «Ja, Emmeli, häs s'fest s'muset?» Milch, Rahm, Butter Eine spezielle Sache war die Buttermacherei. Die Milch wurde in flachen Schüsseln in den Keller gestellt. Nach einiger Zeit bildete sich an der Oberfläche Rahm. Man trug die Schüsseln dann sorgfältig in die Küche hoch und schöpfte den Rahm langsam in die handbetriebene Buttermaschine ab. In aufreibender Dreharbeit wurde er sodann von uns Gofen zu Butter verarbeitet. Nun das dicke Ende: Die verbleibende Milch wurde in die Pfanne geschüttet. Aber oh Schreck! Was da zum Vorschein kam! Jede Menge Spinnenleichen und ab und zu sogar eine tote Maus. Doch es war Kriegszeit und die Nahrungsmittel knapp. Man fischte alles heraus und sott die Milch etwas länger. Der Milchkaffee am Abend mundete trotzdem allen gut.

Alte Käserei Die nachfolgende Erzählung muss sich ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts zugetragen haben. Der damalige Käser hiess Horisberger und bewohnte mit seiner Familie ein eigenes Haus an der Altholzstrasse. Benützt wurde nur das untere Geschoss, wo die Käse­ kessel standen. Die obere Wohnung war hinter dem Haus, gegen die Liegenschaft Stettfurterstrasse 6, durch eine Aussentreppe zugänglich. Hier wohnte August Haueisen mit Frau und Sohn. August war ein eifriges Mitglied der Musikgesellschaft Aadorf. Es war nach einer winterlichen Musikprobe. Wie er es in dieser Jahreszeit samt Tuba nach Hause schaffte, und ob es vielleicht etwas Durst gegeben hatte, ist nicht bekannt. Aber nun ereilte ihn das Unheil. Die Aussentreppe war vereist. Schon fast vor der Haustür muss es gewesen sein, als er ausglitt und unter einem Riesenkrach samt Tuba die Stufen hinunter polterte und glücklicherweise in einem Schneehaufen landete. Trotz der schon vorgerückten Stunde seien viele Nachbarn mit Laternen zu Hilfe geeilt.

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DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN

An einem sehr windigen Sonntagmorgen vor der Liegenschaft Haueisen, 1945

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DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN

Sonntagsspaziergang auf der Aawangerstrasse , rechts August Haueisen, 1945

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DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN

Erinnerungen an Kenya

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018 Es war 1957. Ein Jahr nach meiner Ausbildung reiste ich nach Kenya, wo ich als Kinderbetreuerin zu einer englischen Familie kam. Ort: Kericho, in der Nähe des Victoriasees. Teeplantagen so weit das Auge reichte. Jeder Tag gleich. Regen zwischen 13 und 15 Uhr. Tropische Hitze. Nichts, aber auch gar nichts liess vermuten dass Adventszeit war. Meine Gastfamilie machte es mir dann möglich, den Weihnachtsgottesdienst in der weit entfernten Kirche zu besuchen. Sie zauberten mir einen jungen, hübschen Mann her. Das war nicht schwierig, weil es Dutzende von ledigen Teepflanzern gab, aber fast keine Frauen. Okey! Wir fuhren also los und ich konnte nicht ahnen, was mich im Städtchen erwarten würde. Wir traten durch die Kirchentür, und da war alles festlich geschmückt. Wie in der Schweiz! Kerzen, Kugeln, Tannenbaum mit Tannenduft, Orgelklang. Mir stockte der Atem. Ich schluckte und schluckte. Wir beide zwängten uns in eine Bank. Der Gottesdienst begann. «Oh, wenn nur schon alles vorüber wäre», dachte ich und zweifelte, ob ich durchhalten würde. Die Predigt liess ich über mich herunterrieseln. Meine Gedanken weilten weit, weit weg. In Zürich bei meinen Eltern, bei Schnee, Kälte, Liebe und Freude.

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Plötzlich knieten alle nieder. Da war es um mich geschehen. Das ganze aufgestaute Heimweh meines jungen Lebens kam über mich. Ich legte den Kopf auf die Bank und weinte bitterlich. Einmal schaute ich kurz hoch und blickte in das erschrockene und ratlose Gesicht meines Begleiters, der mir doch eine Freude hatte machen wollen. Zum Glück fischte er aus seiner Hosentasche ein grosses Nastuch und schob es mir diskret zu. Das rettete mich vor dem gänzlichen Untergang. Später, wieder draussen, wünschten sich die fröhlichen Kirchbesucher: «Merry Christmas, merry Christmas to you.» Ach oh jeh! Mir kam es vor wie Hohn. Mit mir war nichts mehr anzufangen. Still fuhren wir heim. Der junge Mann liefert mich bei meiner Familie ab. Sicher hatte sich der Arme den Abend völlig anders vorgestellt. Kurze Zeit später verliess ich die Gegend und trat eine Stelle als Hauslehrerin am Fusse des Mt. Kenya an. Ich konnte mich nie mehr bei meinem schönen, jungen Begleiter entschuldigen. Wenn ich seinen Namen wüsste, würde ich es heute noch tun. Ob er wohl immer noch so hübsch, so handsome ist? Und wie mag es ihm im Leben ergangen sein?


DORIS RIEDENER-HAUEISEN: PERSร–NLICHE ERINNERUNGEN

Emma mit Erwin Keller, 1945

Rรถbi Leuthold, Gerda Wenger, Erwin Keller, Herbert Wenger, 1944 (die restlichen sind nicht bekannt)

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Geschichten aus dem Alltag

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GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG

Waschtage in früherer Zeit

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

An der Ecke Aadorfer-, Kirchstrasse gleich neben der Lauchebrücke wohnten Mohns, die damals eine kleine Landwirtschaft hatten und eine Spenglerei betrieben. Da waren Vater, Mutter, die Knaben Otto und Heini und die Mädchen Trudi, Rös und Olgi. Während des ganzen Winters war es der grossen Familie nicht möglich gewesen Bettwäsche und andere Tuchstücke zu waschen. Alles wurde in Körben im Estrich aufgestapelt, bis es endlich wieder einmal Frühling wurde. Und nun galt es den günstigen Zeitpunkt zu finden. Während Tagen beobachtete man das Wetter: Oberluft (Bise prima), Unterluft (Westwind Regen). Föhn: es stank aus dem Abort, nicht zu trauen. Unzählige Male wurde an den Barometer geklopft und im Appenzellerkalender nachgeschaut, was wohl der «Hundertjährige» meine. Also, wenn dann feststand, dass der Oberluft einige Tage halten würde, trugen die Männer den grossen Waschhafen auf den Hofplatz zwischen Stall, Miststock und Scheune, und

heizten tüchtig ein. Die Frauen schleppten derweil die Körbe mit der Schmutzwäsche vom Estrich. Die Hühner wurden eingesperrt; hatten Hausarrest. Die konnte man bei dieser Unternehmung nicht brauchen. Wenn dann das Wasser langsam warm wurde, konnte es losgehen. Omo, Enka, Persil und Sträuliseife waren die gängigen Waschmittel. Ganz schmutzige, ölige Dinge wurden auch mal mit Asche vorgewaschen. Die Frauen rieben sich an den Waschbrettern die Finger wund und schlugen die nassen Stücke über den Zuberrand. Schweisstropfen rannen vom Kopf und man strich sich mit den feuchten Händen die Haare, die sich aus dem «Ribel» oder den Zöpfen gelöst hatten, aus dem Gesicht. Am Schluss wurden die Leintücher in die «Waschbläuni» getaucht, so dass sie nicht nur weiss, sondern etwas bläulich, das heisst ganz edel aussahen. Die ganze Wascherei bestand aber nicht nur aus «schwitze und chrampfe». Es wurde viel gespasst und gelacht. Wenn dann ein Vorübergehender gar noch

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GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG

Doris Riedener, 1946

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einen faulen Spruch machte, im Stil: «So, ihr Fraue, tüend er au emol e chli schaffe». Da konnte es geschehen, dass ihm rätsch ein Schwall Wasser ins Gesicht spritzte oder ihm die Mädchen kreischend mit dem Schöpf­löffel nachrannten. Schon lange vorher hatte man zwischen den Bäumen die Wäscheseile gespannt, und nun ging's ans Aufhängen. Da die grossen Stücke trotz dem «Auswinden» noch recht feucht waren, bedeutete das ein schweres Stück Arbeit. Der Anblick der im Wind wehenden, aufgeblähten Leintücher zwischen den blühenden Obstbäumen, blieb mir als Stadtkind in unauslöschlicher Erinnerung. Etwa drei Tage lang dauerte es, bis alles gewaschen, getrocknet und zusammengelegt war. Während dieser Zeit hatte ein steter Seifenduft um Haus und Hof geweht. Wenn der Oberluft seine Pflicht getan und nicht «gekehrt» hatte, waren am Schluss alle glücklich und erlöst. Der Waschhafen wurde versorgt und langsam trocknete auch der «matschige» Hofplatz ab. Das Federvieh konnte erneut ins Freie hinaus und gackerte in der Gegend herum. Es war wieder alles wie zuvor.


GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG

Entsorgung anno dazumal «à la Matzingen» Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Das fast trockene Bachbett der Lauche bei der Bornhauser-Brücke, die damals einfach «Lauchebrugg» hiess, war für uns Kinder ein unglaublicher Tummelund Spielplatz. Kleine Rinnsale flossen da, die man stauen und zu herrlichen Weihern, Seelein und Meeren auflaufen lassen konnte. Man gab ihnen auch manchmal eine völlig neue Richtung, die dann unsere Sandbauten umflossen. Das Schönste aber war, dass es hier Spielzeug zu finden gab. Jede Menge! Man musste nur ein wenig stochern, den Kies wegwischen und schon ragten kaputte Teller heraus, zerbrochene Henkel, löchrige Pfannen, Besenstiele, Puppenarme und manches mehr. Alles war zu gebrauchen. Manchmal fanden wir auch einen ganz glitzerigen Stein oder ein farbiges Glasstück. Ausserordentlich kostbar in unseren Augen! Hatte das eine verwunschene Prinzessin irgendwo verloren? Die Buben kämpften derweil mit den ausgegrabenen Sensenstiele und den verroste-

ten Büchsen ihre aufregenden Indianer- und Kriegsspiele. Und dann nahm die Herrlichkeit ein Ende – zum Glück nur ein vorübergehendes. Gewitter waren angesagt. Radio Beromünster warnte! Tatsächlich! Schwarze Wolken zogen bald auf und der Regen begann. Zuerst sah es nicht so schlimm aus, aber dann ging's los. Alle Leute, besonders die Bauern mit ihren Pferde- oder Kuhfuhrwerken schauten, dass sie noch rechtzeitig über die Brücken nach Hause kamen, bevor Unwetter und Hochwasser eintrafen. Wenn es dann soweit war, standen wir Gofen mit übergezogenen Kartoffelsack-Pelerinen unter den Haustüren. Nun geschah wirklich mal was Spannendes. Die meisten wussten, dass dies nun der Tag der eindeutig besten Entsorgungsmöglichkeit war. Die Frauen stiegen in die Keller hinunter, suchten weiter in Ställen, Scheunen und Küchen nach unbrauchbarem und beschädigtem Zeug. Das durften wir Kinder natür-

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GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG

lich nur unter strengsten Vorsichtsmassnahmen, in die Lauche werfen. Wir wählten das kirchenseitige Geländer schmissen alles blitzschnell hinunter und rannten dann auf die gegenüberliegende Seite. Belustigt konnten wir jetzt zusehen, wie die Sachen davon schwammen: «Lueg det din alte Bäse! Gsesch det, de Chorb hauts devo! Jetzt isch grad mini Pfanne undergange!» Wo die Sachen hinflossen, interessierte niemanden. Hauptsache fort! Wir Fünfjährigen glaubten sowieso, dass das Meer gleich unterhalb von Matzingen beginne. Nur die Älteren hatten schon mal etwas von einer Thur gehört. Fasziniert schauten wir immer wieder ins Wasser hinunter. Ganze Bettgestelle, Kasten, kleine Wägelchen und mehr schossen da in grosser Geschwindigkeit an uns vorüber.

Manchmal dauerte es Tage, bis sich das Wetter und die Lauche wieder beruhigt hatten. Sobald es uns die Mütter erlaubten, stiegen wir wieder ins Bachbett hinunter. Alles war zwar noch recht feucht, aber schon konnte man die grosse Herrlichkeit ausmachen. Was uns da alles beschert worden war! Total neues Spielzeug! Und so toll! Wir konnten wieder suchen, stochern, finden, uns überraschen lassen und mit der angeschwemmten Ware ganz neue «lustige Spiele» erfinden. Grossartig! Dank Unwetter und Hochwasser war allen geholfen. Für die Bevölkerung gab's Entsorgung pur und für uns Kinder unglaubliche Recycling- und Wiederverwertungsmöglichkeiten.

Von links: Liselotte, Doris Riedener, der Kanbe hat den Nachnamen Fischbach, Mädchen unbekannt 4. April 1947

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GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG

Rund um den heutigen Bahnhof

Walter Hugentobler und Röbi Leuthold

Walter (* 1938) wuchs zunächst an der Altholzstrasse und später am Chatzebuggel 3 auf. Röbi (* 1938) an der Frauenfelderstrasse 17. Röbis Vater arbeitete als Speditionschef bei Sigg in Frauenfeld und war später für den Produkte Vertrieb (Weberei, Schreinerei) bei der Strafanstalt Tobel zuständig. Abnehmer waren da vor allem andere kantonale Anstalten, wie Spitäler etc. Aus Stoffresten wurden auch Teppiche gewoben. Der Kundenkreis begann sich auszuweiten, zum Teil bis Basel. Nach 13 Jahren wurde das Lager zu eng und die Familie zog nach Frauenfeld. Die Lage war günstiger, zentraler.

Während der Kriegsjahre waren «Kriegerlispiele» beliebt. So wurden u. a. Büchsen mit Karbid gefüllt; bei einem Loch hielt man ein Zündholz hin und die Büchse explodierte. Weniger kriegerisch war das Drachen steigen lassen. Bei Schreiner Hugentobler erhielt man immer wieder das nötige Holz für den Rahmen. An die «Polenzeit» verband sich die Erinnerung, dass sie von den Internierten in die damalige Handlung Greuter zum Zigarettenkauf geschickt wurden; das Retourgeld durften sie dann behalten. Wenn die Internierten Ausgang hatten, oblagen sie ausser dem

Wirtshausbesuch der Pilzsammlerei. Das schien ein sehr beliebtes Hobby zu sein. Der polnische Arzt hatte seine «Praxis» im Haus des heutigen Arztes Dr. Aujesky, Altholzstrasse 12. Gelegentlich wurden auch Einwohner der Gemeinde dort behandelt. Während und auch geraume Zeit nach dem Krieg war man um jeden Essenszustupf froh. Man sammelte überall auf den Feldern Ähren, besonders als die Mähmaschinen aufkamen. Bei Bauer Keller, damals noch hinter der Mühle (das Haus brannte später ab) konnte man beim Erbsenablesen helfen und bekam seinen Lohn in Naturalie. Übrigens geschah

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in jener Bauernfamilie in einer nächsten Generation ein Unglück. Sie hatten acht Kinder und ein Sohn geriet mit seinem Arm in eine landwirtschaftliche Maschine. Der Arm konnte nicht mehr gerettet werden. Die Firma Hero in Frauenfeld lieferte Säcke mit Bohnen und Erbsen an, die die Frauen zum Abfädeln holen konnten. Das gab einen kleinen Nebenverdienst. Zwetschgen konnten sie an Ort und Stelle entsteinen. Es war nicht verboten, auch welche zu essen; es wurden nachher nur die Steine gewogen! Baden im Kanal war beliebt. Es gab neben dem offiziellen, löchrigen Badehäuschen auch Kabinen zu mieten. Es wird mit Schmunzeln berichtet, dass Lehrer Stäheli einmal einer eher beleibten Frau mit grosser Mühe, aber mässigem Erfolg das Schwimmen beibringen wollte! Wo sich heute der Bahnhof befindet, stand einst ein grösseres Haus und dahinter eine Art Scheune. Zahlreiche Leute und Handwerker wohnten und arbeiteten dort. Da war zunächst Sattler Beerli, dann Sattler Künzli, der nachher an die Kirchstrasse zog. Dann war dort ein Herr Komak, Schneider, ein Herr Pappet, Lampenschirme, Lohner mit Velos. Zuletzt zog Pfarrer Malgaroli ein und im Hinterhaus wurde die katholische Kirche eingerichtet, bis die neue Kirche erbaut werden konnte. Eine Familie Giger aus Bern, stammend aus der Wirtefamilie im Freihof, kaufte das dazu nötige Land und spendete auch eine beträchtliche Summe Geld für den Bau. So besassen nun Katholiken und Reformierte eine eigene Kirche. Es wird erzählt, dass noch lange bei Todesfällen Leichenzüge üblich waren. Wenn ein solcher Zug aus Dingenhart her kam, wurde ein «Spion» ausgeschickt, der meldete, wenn der Zug bei der Waldegg ange-

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kommen war, damit der Messmer mit dem Läuten beginnen konnte. Das Haus Frauenfelderstrasse 16 (heute Familie Fuchs) war ursprünglich für die italienischen Gastarbeiterinnen erbaut worden. Da so manche der Bewohnerinnen Maria hiess, wurde das Haus von den Matzingern scherzhaft Villa Maria genannt. Junge Burschen, so auch Walter, schlichen abends um das Haus herum und ergatterten so manchmal einen verstohlenen Blick ins Badezimmer, wo sich die Mädchen wuschen. Wow! Aus ganz früher Kindheit an der Altholzstrasse weiss Walter noch, dass ihn einst der Sohn des Lehrers Stäheli, Theo, mit einem «Chärreli» um den Miststock herumfuhr. Das Gefährt kippte aber und er flog hinaus und brach sich das Schlüsselbein. Neben Röbis Haus befand sich die Ofenbauerei und Kachelbrennerei Mauch. Manchmal durfte er selbst beim Formen der Kacheln mithelfen. Wenn gebrannt wurde, dauerte das mehrere Tage. Da musste Tag und Nacht gefeuert und kontrolliert werden. An einem solchen Ereignis nahmen alle Nachbarn teil und verbrachten viele Stunden mit der Familie Mauch im Brennkeller. Etwas ausserhalb von Matzingen, an der Strasse nach Aawangen dehnte sich die grosse Anlage der Gärtnerei Schweizer aus. Gleich beim Eingang standen zwei grosse Blautannen. Diese lieferten Äste für die Gestecke. Röbi und Walter und manche mehr fuhren oft auf ihren Rollern dort hinaus ins Kaffee «Blautanne». Ihr Besuch galt weniger der Gärtnerei als der schönen Tochter Trudi. Schweizers waren nette Leute. Einen Kaffee gab es immer!


Bahnhof Matzingen mit Frauenfeld-Wil-Bahn, 1923

Bahnhof Matzingen, 1933

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Immer Geld im Portemonnaie

Ferdinand Stutz

Ferdi Stutz wuchs an der unteren Aadorferstrasse, Nähe Lauchebrücke auf. Er ist Autor zahlreicher Schriften über sein Heimatdorf, ein eigentlicher Historiker. Er ist Hauptsponsor des Dorfmuseums. Die Bevölkerung hat ihm viel zu verdanken.

Weibel Sein Vater amtete als Dorfweibel. Dieser musste von Haus zu Haus gehen, um unter anderem Folgendes zu verteilen: Dekrete des Kantons oder der Gemeinde, Abstimmungsunterlagen und während des Krieges Lebensmittelkarten. Er hatte Gemeindesteuern einzuziehen und als Leichenbitter zu fungieren. Er war auch als Abdecker eingesetzt. Ferdi erinnert sich da an eine besonders «grausige» Geschichte. Im Gebiet der Waldegg lag ein totes Rind, das entsorgt werden sollte. Als Ferdis Vater den Kadaver sah, stellte er fest, dass er übersät war mit tausenden von Schmeissfliegen. Ein Näherkommen oder gar Abtransport war unmöglich. Guter Rat war teuer.

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Da entschloss sich der Vater sich wie ein Imker einzumummeln und dann Petrol auf das verendete Tier zu giessen und es anzuzünden. Immer Geld im Portemonnaie Zu jener Zeit existierte auch noch ein merkwürdiger Aberglaube: wer in der Geldbörse das Stück eines Strickes, an dem sich ein Selbstmörder aufgehängt hatte, bei sich trug, konnte sicher sein, dass ihm das Geld nie ausging! Uuuhhh! Makaber! Karl Eckert Er war Ferdis Nachbar, zur damaligen Zeit Gemeindeammann und sein Götti. Trotz eigentlich gutem Ein-


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vernehmen geschah einmal etwas Aussergewöhnliches. Eines Abends spielten die Kinder zwischen den Häusern und machten halt Radau. Das gefiel Eckert gar nicht, der seine Ruhe haben wollte und die Kinder vom offenen Fenster her anbrüllte. Elise, Ferdis Mutter, suchte zu beschwichtigen und meinte, da gäbe es nichts zu befürchten, die Kinder bräuchten eben etwas Auslauf. Er solle doch nicht so aufgebracht sein. Eckert gab darauf prompt zurück: «Elise nichts ist da zu befürchten, ausser dein freches Maul!» Die Jungtürken Die Geschehnisse in der damaligen Türkei unter Atatürk, der die alte Ordnung und die alte Regierung stürzte, drangen später bis nach Matzingen durch. Auch hier hatten plötzlich junge Männer die Idee man müsse statt der Alteingesessenen im Gemeinderat neue wählen. So wurde bei einer Abstimmung Karl Eckert abgewählt und an seine Stelle trat Daniel Greuter (Kolonialwarenhändler). Dieser musste jedoch sein Amt nach nur einem halben Jahr infolge Krankheit abgeben. Gyr, Besitzer der Weberei Matzingen Zur damaligen Zeit bestanden zwischen Arbeitgeber und Arbeiter fast familiäre Bande. Es gab eine gegen-

seitige hohe Wertschätzung. Pünktlich um 10.30 Uhr kam jeweils Gyr Senior mit dem Güterzug der FW in seine Fabrik. Manchmal war es aber auch sein Sohn; dieser führte einen Doktortitel. Dann hiess es bei den Arbeitnehmern entweder: «Dä Vater isch cho oder dä Tockter isch cho!» Brand bei Schuhmacher Osterwalder ca. 1913/14 Wo sich heute der Parkplatz vor der Post befindet, stand einst das Haus des Schuhmachers Osterwalder. Schuhmacher fertigten damals selbst Schuhe an. Statt Socken wurden die Füsse mit sehr weichen sogenannten Fusslappen eingewickelt, die vor jeglichen Blasen schützten. Schuhmacher genossen ein hohes Ansehen. Man nannte sie wie viele Handwerker Professionisten (Profession). Sie waren meistens habliche Leute. Weshalb nun Osterwalders Haus niederbrannte ist nicht bekannt. Man weiss nur, dass der bärenstarke Metzger Steiner die Lederpresse aus der Verankerung in der Werkstatt reissen und so retten konnte. Wo Osterwalder nachher lebte ist ungewiss. Wahrscheinlich war er der Erbauer des Hauses an der Stettfurterstrasse 18. Dieses nannte man immer das Osterwalder Haus. Seine Tochter vermachte diese Liegenschaft sowie Land, Wald und Geld nach ihrem Ableben der Schulgemeinde Matzingen.

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Geschichten rund ums Wasser

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Die Gemeinde ist wahrhaftig reich an Wasser mit den Bächen Murg, Lützelmurg, Lauche, Thunbach, Krebsbach, dem Mühleweiher ( jetzt Tierparkweiher) und dem zugehörigen Kanal. In der Vergangenheit führte dies immer wieder zu Überschwemmungen.

Baden Ältere Matzinger wissen zu berichten, dass das Baden mit den Schülern streng getrennt verlief. Mit Lehrer Kuttler badeten die Mädchen im Weiher, die Knaben mit Lehrer Stähelin im Kanal. Richtig schwimmen lernte man da kaum. Der Weiher war schmutzig, und nur nach einem Sprung in den Kanal war man wieder halbwegs sauber. Es existierte eine «offizielle» Umkleidekabine, die war aber voller Löcher und von Intimität beim Umziehen konnte keine Rede sein. Es gab aber auch kleine Umkleidekabinen zu mieten. Vor dem Wuhr beim Weiher war stets eine zentime-

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terdicke Schmutzschicht mit allerlei totem Getier. Da war ein starkes Stück Überwindung gefragt, und man musste sich Augen und Nase zuhalten, um dort hineinzuspringen, und kaum war man in dieser Sauce drin, wurde man mit toten Fischen bombardiert. Heute unvorstellbar! Eislauf-Rettung Im Winter diente der Weiher zum Eislaufen. Ein Schlittschuhparadies. Man schraubte sich sogenannte «Örgelischlittschuhe» oder «Schraubendampfer» an die Schuhe. Sehr oft hielten die Sohlen dem aber nicht


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Stand und der Spass hatte ein vorzeitiges Ende. In der Mühle wurde auch immer wieder Wasser gebraucht und verursachte ein brüchig werden der Eisdecke. So geschah es einst, dass das Mädchen Ruth Scholl einsank. Glücklicherweise holte der beherzte Knabe Werner Schär ein langes Brett. Er legte sich darauf und so gelang es ihm, das Kind zu retten. Ungeziefer An der unteren Thundorferstrasse gab es offene Ablaufrohre in den Thunbach hinunter. So gelangten immer wieder Ratten bis in die Küchen hinauf! Kanal Die Mühle war durch einen Kanal mit dem Weiher verbunden. Der Kanal floss nachher in die Murg. Vor der Mühle stand einst ein riesiges Wohnhaus. Die Wohnungen im unteren Bereich lagen direkt über dem Kanal. Es war somit möglich die grossen Bodenbretter

zu heben und das durchlaufende Wasser zu beobachten. Fischen quasi vom Stubenboden aus! Sturz ins Wasser Vor der ehemaligen Käserei an der Stettfurterstrasse hatte ein Bauer seinen Traktor parkiert; offenbar ohne die Handbremse anzuziehen. Als er aus der Käserei zurückkehrte, war sein Traktor verschwunden. Zum Glück sah man ihn aus der Lauche herausragen! Fritz Schneider, ein Nachbar konnte das Gefährt wieder herausziehen. Der Verschönerungsverein Matzingen wird 1946 gegründet – Pacht des Weihers In diesem Jahr wurde der Verschönerungsverein Matzingen gegründet und es wurde in der darauffolgenden Zeit möglich den Weiher zu pachten und einen kleinen Tierpark zu eröffnen.

Kartoffelernte Jahr unbekannt

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Beim Wuhr am Kanal, hinter den «Kosthäusern», 1947 Heute unterhalb der Wührestrasse

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Geschichten aus Halingen Walter Horber (* 1927) und Fridi Horber (* 1930)

1780 – 1834 eigene Schule Jakob Osterwalder, letzter Schulmeister. Ca. 1800 – 1900 gab es ein Wirtshaus in Hinterhalingen Hinter dem Wirtshaus war ein kleines Schlachthaus in den Berg eingelassen, damit das Fleisch kühl blieb. An dieser Stelle steht heute das Haus Reusser. Ca. 1800 – 1910 grosser Rebberg Der Wein von diesem Rebberg war der beste der ganzen Gemeinde Matzingen. Es gab nämlich noch sehr viele weitere Rebberge. Die Reben fielen der Reblaus und einer weiteren Krankheit zum Opfer und mussten alle ausgerissen werden. 1916 Elektra Halingen-Köll mit Stangentransformator im Staudenhof Mit einem Hebel konnte der ein- und ausgeschaltet werden. Dieses wichtige Amt durfte nur Albert Osterwalder ausführen. Später wurde für den Transformer ein Häuschen gebaut. In einer Sturmnacht Ende der 40er-Jahre schlug der Blitz ein, weil an jener Stelle so viele Leitungen zusammen kamen. Der Blitz ging durchs ganze Haus und riss riesige Furchen in die Stallwand. Zum Glück blieben die Tiere verschont.

Ca. 1940 – 1970 war Albert Osterwalder im Staudenhof Ortsvorsteher Halingen hatte eine eigene Kiesgrube und einen eigenen Pfadschlitten, gezogen von vier bis sechs Pferden. Es gab auch drei Feuerwehrweiher (und ein Füürhorn). Inzwischen wurde jener bei der Liegenschaft Lieberherr zugedeckt. Zwei Feldmauser arbeiteten im Nebenamt. Sie mussten die Mauseschwänze bei Osterwalders abgeben und erhielten 10 bis 20 Rappen. 2. Januar: Ein wichtiger Tag Da war jeder Hausbesitzer eingeladen vom Ortsvorsteher zu einem halben Liter Wein und einer Salzisse. Nachher wurden die Amtsgeschäfte erledigt. Später kam der gemütliche Teil. Wir spendierten Kaffee, Guetzli und Birnwecken; es wurde auch gejasst und gesungen. Samuel Mosimann nahm die Handorgel mit und erzählte Witze. Das war immer ein schöner Abend; es wurde spät oder auch früh! 1958 nach der Landvermessung und der Güterzusammenlegung wurde alles von Matzingen her bestimmt. Auch «gestrasst» und gepfadet wurde von Matzingen aus.

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Als Halingen (fr체her auch Haldingen genannt) noch eigenst채ndig war, mussten die Einwohner selber f체rs Schneepfl체gen sorgen. Jahr unbekannt

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Staudenhof Es existierte bis 1710 ein Haus mitten in einem Eichenwald. Es brannte ab. Irgendwann wurde gerodet und ein neues Haus ca. 200 m höher erbaut; ca. 1714. Dabei stiess man auf die Fundamente des ehemaligen Staudenhofs. Das neue Haus erbaute eine Familie Störchli. Weiher Auf der Höhe des Staudenhofes links an der Strasse nach Thundorf befand sich einst ein Weiher mit vielen Inselchen und hohen Wasserpflanzen. Im Sommer war er mit Seerosen übersät. Wer sich ins Wasser wagte, war im Nu mit Blutegeln behaftet. Nach der Güterzusammenlegung wurde der Weiher melioriert. Von diesem Weiher wurde ein Foto gefunden. Nach dieser Vorlage malte Hanni Künzli-Stutz, Ettenhausen, (in Halingen aufgewachsen) ein Bild. Halinger Badi In Halingen gab es früher drei Feuerwehrweiher; heute noch zwei. Einer davon befindet sich in Hinterhalingen gegenüber dem Haus von Frida Horber. Da es in Stettfurt noch kein Schwimmbad gab, wurde diese Wasserstelle im Sommer zum Bade­spass der Halinger Jugend. Fridi Horbers Mann Walter bescherte den Kindern jedes Jahr dieses Vergnügen. Und so wurde uns das überliefert. Juhui, de Walter Horber putzt de Füürwehrweiher! In Halingen hatte in den 50er und 60er Jahren noch niemand ein Badezimmer. Wenn die Runkeln gesät

und die Kartoffeln im Boden waren, wurde es Zeit den Füürwehrweiher zu putzen. Die Wände wurden geschabt, der Boden unzählige Male gewischt, und dann mit dem Schlauch alles abgespritzt und gespült. Dann konnte das frische Wasser einfliessen. Es dauerte fast drei Wochen, bis der Weiher voll war. Ganz Halingen freute sich auf das Freibad. Zuletzt wurde noch eine starke Kette über den Weiher gespannt, damit sich die Kinder daran halten konnten. Aus Napoleonischer Zeit 1973 oder 1974 hatte Paul Stucki bei einem Sekundarschulexamen eine kurze Ansprache. Er freute sich, dass wir damals so ruhig und gemütlich da sitzen konnten. Im Jahre 1798 war das ganz anders. Die Dörfer Matzingen, Halingen, Thundorf, Stettfurt und Köll waren voll von französischen Soldaten. Das betraf auch unser Stammhaus (erbaut ca. 1750) der Familie Osterwalder in Hinterhalingen. Zwei Wochen vorher war ihnen eine gesunde Susanne geboren worden. Die Soldaten kamen und nahmen sofort das ganze Wohnhaus und die kleine Susanne in Beschlag. Die Mutter und die Familienmitglieder mussten in der Scheune und im Stall wohnen. Der Mutter wurde nur erlaubt das Kleinkind bei den Soldaten zu stillen und trocken zu legen. Dann musste sie wieder gehen. Wollte die Familie einen Ochsen oder sonst ein Tier nicht zum Schlachten geben, nahmen sie die kleine Susanne mit in die Scheune, warfen sie etwas in die Höhe, fingen sie mit den Armen wieder auf und riefen: «Susanne caputt!» So ging es weiter, bis die Familie keine Tiere und keine Nahrung mehr hatte. Dann zogen die Soldaten ab. Susanne aber überlebte.

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Heinrich Fitzli erinnert sich

Heinrich Fitzli, Ristenbühl, Gemeinderat 1983 – 1995

In diese stürmischen Jahre fielen folgende offizielle Bauten: Schulhausanbau, Neugestaltung Turnhalle, Schiessplatz, Mehrzweckgebäude, Gemeindehaus, Bahnhof, Friedhofgestaltung, ARA Lauchetal.

Wasser Ganz Ristenbühl bezieht sein Wasser aus der Gegend unterhalb von Häuslenen. Früher waren dort die «Tüchelweiher». Tüchel oder Teuchel waren einst die Wasser-Holzleitungen. Die einzelnen ausgebohrten Stücke wurden ineinandergeschoben und in Wasser eingelegt, damit sie dicht wurden. Die heutige Pumpstation befindet sich zwischen den Höfen Gubler und Ammann. Fitzli-Haus Das ehemalige Haus der Familie befand sich nördlich des Hauses von Kurt König. 1899 wurde es durch einen Blitzschlag getroffen und brannte vollständig nieder.

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Maul- und Klauenseuche 1939 Das Vieh der Familien Würmli und Fitzli blieb verschont. Die Tiere wurden geimpft. Die anderen Ställe wurden geräumt und das Vieh getötet. Kindergarten Der erste Kindergarten wurde 1966 eröffnet. Frau Enz, eine Verwandte von H. Fitzli war die erste Kindergärtnerin. Von einer anderen Verwandten, Frau Fitzli-Enz (Mutter) wird berichtet, dass sie dreispännig mit dem Bindemäher aufs Feld fuhr und mähte. Kantonsstrasse Wurde 1900 erbaut. Früher existierte eine Wegackerstrasse, die dann aufgehoben wurde.


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Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Dingenhart im Jahre 1949 Gottfried Nadler-Lüthi * 1937, im Dorf 22

Dem Ehepaar Gottfried und Elsbeth Nadler wurden die Söhne Fredy, Bruno, René und die Tochter Susi geboren. Gottfried Nadler, ehemals Landwirt, beschäftigte sich von jeher in seiner Freizeit mit dem Herstellen von geflochtenen Körben und Sesseln, sowie der Malerei. Er ist zudem dem Sport sehr verbunden. Seit 60 Jahren turnt er, früher sogar als Kunstturner.

Im Jahre 1949 brach in Dingenhart die Maul- und Klauen­seuche aus. Sieben Ställe waren betroffen. Damals gab es insgesamt acht Milchbauern und nur eine Person arbeitete auswärts. Heute beschäftigt sich kein Landwirt mehr mit Milchwirtschaft, und viele Leute arbeiten ausserhalb des Dorfes. Jahrzehnte zuvor hatte die Maul- und Klauenseuche in Stettfurt grassiert. Die Kühe litten unter wunden Mäulern und konnten nicht mehr stehen. Die Bauern mussten die schweren Tiere mit Seilen drehen, damit sie nicht immer auf der gleichen Seite liegen mussten. Die Kühe blieben zwar am Leben, aber sie hatten nachher Schwierigkeiten beim «trächtig» wer-

den und gaben nicht mehr viel Milch. In Dingenhart wollte man dies von Anfang an verhindern und einer Ausbreitung zuvorkommen. So wurde der Ausbruch der Seuche von Anfang an rigoros bekämpft. Also wurde damals 1949 das ganze Dorf hermetisch abgeriegelt. Es gelang, die Seuche auf Dingenhart beschränkt zu halten. Es war das Ereignis des Jahrhunderts und fand in den Medien grosses Interesse. Niemand durfte mehr ins Dorf hinein ausser den Tierärzten. Auswärts Arbeitende mussten sich am Arbeitsort eine vorübergehende Bleibe suchen. Katzen und Hunde wurden eingesperrt. An den Dorfeingängen wurden aus Sägemehl Sperren errichtet. Diese

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Sperren wurden durch Strassenarbeiter täglich mit Natronlauge getränkt. Die Kinder «durften» nicht mehr zur Schule gehen. Die Aufgaben brachten die Schulkameraden von ausserhalb bis zur Seuchensperre. Auch die Post musste an der Sperre abgeholt und von einem Dorfbewohner verteilt werden. Alles Vieh wurde mit speziellen Seuchenwagen abtransportiert und in einem separaten Schlachthof getötet. Danach folgte die grosse Reinigung der Ställe, der Futtertennen und der Hofplätze. Nachher erschien eine Desinfektionsequipe, die alles mit Natronlauge desinfiszierte. Die Landwirte wurden durch den Seuchenfonds entschädigt. Aber erst nach einem halben Jahr durfte neues Vieh in die Ställe geholt werden. Im Herbst organisierte das Bauernsekretariat in Grabs einen speziellen Viehmarkt für die Dingenharter Bauern. Am Tag darauf konnten die Landwirte mit dem erworbenen Vieh per SBB und Wilerbahn nach Matzingen fahren. Die ganze Dorfbevölkerung half die 50 Tiere nach Dingenhart zu treiben. Durch die gemeinsam durchgestandene Seuchenkatastrophe entstand ein grosser, zuvor nicht gekannter Zusammenhalt im Dorf. Man half sich in jeder Hinsicht aus. Trotz dieser schlimmen Zeit gab es aber auch lustige Begebenheiten. Albert Osterwalder musste während diesen Monaten alle herumstreunenden Katzen und Hunde abschiessen. Paul Osterwalder aber wollte seinen Kater vor diesem Schicksal bewahren.

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Er sperrte ihn ein, aber bald hielt er das Geschrei nicht mehr aus. Also band er ihn mit einer Leine am Tischbein fest. So war es wieder einmal, als er seinen Znüni einnahm: Cervelat und Brot mit Most. Da wurde Paul ans Telefon gerufen. Zur damaligen Zeit gab es nur zwei Sprechstellen, eine im Unter-, die andere im Oberdorf. Die Besitzer waren verpflichtet Ausrichtungen zu machen oder die Leute ans Telefon zu holen. Maudi nahm nun diese günstige Wendung blitzschnell wahr. Er sprang schwupps auf den Tisch und frass mit grossem Genuss die ganze Wurst. Beim Hin­ unterspringen verhedderte er sich in der Leine und riss Glas und Krug zu Boden. Voilà! Pfarrer Schädelin in Matzingen hatte auch die Pfarrgemeinde Lommis zu betreuen. Darum war die Kinderlehre erst auf 13.30 Uhr angesetzt. Besonders für die Dingenharter Kinder mit diesem langen Weg war das nicht eben lustig. So spät konnte man nachher nichts Richtiges mehr am Sonntagnachmittag beginnen! So genossen sie die «Seuchenferien», da sie von der Kinderlehre befreit waren. Nun, wie es halt so geht, auch das nahm ein Ende. Doch die Dingenharter Jugend hielt Stillschweigen. Brav trabten sie zwar aus dem Elternhaus, aber nur um am Thunbach unten zu spielen. Sie trudelten auch zur erwarteten Zeit zu Hause scheinheilig wieder ein. Doch die Sache wurde ruchbar. An einer Sitzung des Kirchenrates erzählte der strenge, etwas gefürchtete Mesmer Ammann, dass die Seuchenzeit längst vorbei sei. Das war der Schluss der kinderlehrfreien Zeit.


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Bubenstreiche und andere Geschichten

Erwin Keller * 1937

Erwin Keller war an der Aadorferstrasse 10, später an der Ristenbühlstrasse 21 wohnhaft. Jetzt wohnt er in Bauma.

Restaurant Sonne Das Restaurant Sonne an der St. Gallerstrasse hinterliess bei mir einen nachhaltigen Eindruck. Der Eigentümer hiess Fritz Schneider. Dort war es stets sauber und gemütlich. Es war das einzige Gasthaus mit Saal und Bühne. Dort hielten die Vereine ihre Abendunterhaltungen (damals Kränzlein genannt) ab. Ich spielte im Handorgelclub, geleitet von Ursula Gabrieli. Bei einer Abendunterhaltung konnten wir dann jeweils unsere Vereinskasse füllen. Einmal wurde in der Sonne von der Schulgemeinde aus ein Film gezeigt. Ein Film in Matzingen war zu jener Zeit etwas ganz Spezielles. Der Film trug den Titel «Marie Louise». Ein trauriger Kriegsfilm, der sehr unter die Haut ging. Das Gasthaus musste dem wachsenden Verkehr weichen und wurde Ende der 60er-Jahre abgebrochen.

Bäckerei Mohn Am Freitagmorgen konnte man Früchte und «Guss» vorbeibringen. Bäcker Mohn buk dann mit seinem eigenen Teig eine «Tülle» (Wähe). Auf grossen Brettern konnte man die am Mittag abholen. Die Bretter brachte man nachher wieder zurück. Bei Mohns gab es in grossen Gläsern Fünfermocken, Himbeerzeltli, Orangen- und Zitronenschnitze, Schifflizeltli und Bäredreck. Mohns führten eine Usego-Ablage und es gab Mehl und Paniermehl zu kaufen. Im Sommer stellten sie auch selbst Glace her. Handlung Greuter an der Stettfurterstrasse Dort gab es wirklich alles zu kaufen. Berühmt waren insbesondere die Merceriewaren. Schule Für damalige Verhältnisse machte man eigentlich recht ausgedehnte Schulreisen. Per Bahn nach Stein am Rhein oder auf den Bürgenstock.

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Kirche In der Kinderlehre ging's oft turbulent her und zu. Einmal verliess ein Aushilfspfarrer demonstrativ die Kinderlehrschüler, als wir uns total daneben aufführten. Hochzeitspaare kamen mit der Kutsche an. Manchmal auch sehr unpünktlich. Nach der Feier stellten wir Kinder uns draussen auf und schrien unablässig: Füferli, Füürstee!» Dann «grabschten» wir die Sachen auf. Manches war auf den Boden, zwischen die «Rossbolle» oder die nahe Wiese gefallen. Wilerbähnli Alljährlich wurden nach den Alpabfahrten die Rinder der Matzinger Bauern mit der Wilerbahn her transportiert. Die Tiere gebärdeten sich nach der langen Fahrt sehr widerspenstig und die Bauern hatten grosse Mühe sie in ihre Ställe zu treiben. Gemeindeammann Bevor das Gemeindehaus bezogen werden konnte, hatte jeder Gemeindeammann sein Büro bei sich zu Hause. Notschlachtstelle Bei der Käserei befand sich ein kleines, hohes Häuschen. Dort wurden Tiere, aus welchen Gründen auch immer, notgeschlachtet. Man konnte dort dann billig Fleisch kaufen. An jener Stelle fiel übrigens einmal jemand in die Lauche, konnte aber gerettet werden. Das gab im kleinen Matzingen damals viel zu reden.

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Fahrende Sie waren für alle etwas unheimlich. Sie campierten stets beim Mühleweiher. Viel gestohlen wurde aber nicht. Bubenstreich Neben dem Haus Aadorferstrasse 10, steht heute noch eine kleine Scheune. Für uns bedeutete es ein grosses Vergnügen von der «Brügi» aus, wo das Heu lagerte, ins Tenn hinunter zu «jucken». Da geschah es einmal, dass der Tennboden nachgab und einer von uns in den Stall hinunter fiel. August Haueisen, dem die Scheune gehörte, wetterte mit uns und besserte unter viel Gefluche den Boden wieder aus. Weberei Das war damals der grösste Arbeitgeber in der Region. Es gab neben der Fabrik auch Heimarbeit. Meine Tante Rosy Brunner-Merz «putzte» daheim Tuch­stücke aus der Fabrik. Mein Vater Mein Vater, Konrad Keller arbeitete lange in der Sägerei Bischof. In späteren Jahren amtete er als Nachtwächter in der Weberei Matzingen. Er wurde stets von seinem treuen Hund Rex begleitet. In einer eisigen Winternacht geschah es. Beim Nachhauseweg über den Murgsteg zum Schiessplatz rutschte Rex aus und fiel ins Wasser hinunter. Erst viel später wurde er tot wieder aufgefunden. Das war für meinen Vater ein ganz furchtbares Erlebnis.


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Milchkafi – wäh !

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Wenn ich als «Stadtgoof» während des Krieges in den Ferien bei meinem Grossvater in Matzingen weilte, war die Milchkaffeezeit morgens und abends ein wahrer Graus.

Im Herbst wurden wir Kinder zum Eicheln-Suchen ausgeschickt. Die Eicheln wurden in der Bratpfanne geröstet und dann im besten Fall als «Streckungsmittel» mit den Kaffeebohnen gemahlen oder eben auch pur verwendet. Es war ein merkwürdiges Gesöff, aber das war meiner Meinung nach nicht das Schlimmste. Das Kaffeepulver wurde in das siedende Wasser geleert und eine Weile stehen gelassen, bevor man es durch ein Sieb in die blecherne Kaffeekanne goss. Und nun zur Milch. Die bekam schon kurz nach dem Aufkochen einen fürchterlichen, zentimeterdicken Pelz. Sie wurde in die weisse Milchkanne umgeleert, und man sah und hörte wie die grossen Fetzen hineinplumpsten. Niemand schien das gross zu stören. Ich versuchte dann zwar mit einem Sieb dem grausigen Zeug ein wenig Herr zu werden, aber mit

wenig Erfolg. Mein Grossvater und seine Haushälterin Emma «brockten» Brot in ihre Kacheln. Das bekam gar nie die Chance nass zu werden. Die Brocken schwammen einfach auf dem Pelz hin und her und wurden seelenruhig und mit Genuss aufgegessen. Nicht zum Zuschauen. Mir drehte sich fast der Magen um. Wenn sie ihr fürchterliches Mahl beendet hatten, standen sie auf und spülten ihre Kacheln unter dem Kaltwasserhahn ab, während ich noch immer in meiner Tasse her­umstocherte. Dann befahl der Grossvater streng: «Du blibsch da ine, bis dini Tasse lär isch! Verschtande!» Manchmal schlossen sie sogar die Türe ab. Nun, mein Problem war aber rasch gelöst. Blitzschnell leerte ich die eklige Brühe in den Schüttstein und rief: «Uustrunke! Färtig!» Der Schlüssel drehte sich und ich war frei. Ob sie mir das tatsächlich jedes Mal glaubten?

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Haltbarmachen in früheren Zeiten

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Eier im Wasserglas In Zeiten, wenn das Hühnervolk viele Eier legte und man mit dem Aufessen nicht nachkam, wurden die überzähligen Eier in Tontöpfe eingelegt und haltbar gemacht. Man goss sogenanntes Wasserglas darüber, eine gallertartige, durchsichtige Flüssigkeit. Diese eingelegten Eier waren noch nach Monaten zu gebrauchen. Während des Krieges wurde auch Eipulver hergestellt, das in städtischen Gebieten die Frischeier ersetzte. Dörren Auf vielfältige Art und Weise, besonder aber im Kachelofen, wurden Apfel- und Birnenschnitze gedörrt und dann in einem Leinensack in der Bauernstube beim Ofen aufgehängt. Diese «Schnitze» waren nicht nur als Delikatesse beliebt, sondern galten bei allerlei Krankheiten als Heilbringer. Das gebe gutes Blut, hiess es allgemein.

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Entsaften In den Sommermonaten wurden mit dem Entsaften verschiedene Gemüse- und Obstsäfte hergestellt. Sie wurden erhitzt, in Flaschen abgefüllt und im Winter gerne getrunken. Sie galten als besonders vitamin­ reich und gesund. Sterilisieren Diese Art des Haltbarmachens konnte bei allen Gemüsen, Beeren und jeglichen Obstsorten angewendet werden. Die gefüllten Sterilisiergläser wurden in den Topf gestellt und vollständig mit Wasser überdeckt. Dann erhitzte man auf ca. 95 Grad. Es durfte nicht sieden. Während einer Stunde liess man den Topf bei dieser Temperatur auf dem Herd. Noch nach mehreren Jahren konnten sterilisierte Lebensmittel problemlos gegessen werden.


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«Hue … Belgrad»

Paul Stucki, Käser, 1927 – 2017

Käser Utiger Von ihm wird erzählt, dass er eines der ersten Autos in der Gemeinde besass. Aber da man schliesslich nicht nur immer in der Käserei stehen kann, waren ausgiebige Wirtshausbesuche keine Seltenheit. Als er wieder einmal aus einem Restaurant trat und sich in seinen Wagen setzte, war das Gefährt nicht mehr in Gang zu bringen. «Dä Charre isch eifach nüme gloffe! Punkt!» Erst als man Utiger darauf hinwies, dass er ja hinten eingestiegen war, liess sich das Problem lösen. Siebenmann-Traktoren Garage Siebenmann stellte tatsächlich eigene Traktoren her. Daneben existierte aber eine «Light-Variante». Einige Bauern liessen sich ihre alten Autos in der Weise umbauen, dass man den Heckteil mit aufmontiertem Gestell für den Milchkannen-Transport gebrauchen konnte.

Mit dem Pferdefuhrwerk in die Käserei Bauer Zahnd liess es sich nicht nehmen, bis 1972 mit seinem Pferd zur Käserei zu fahren. Eben war man mit dem Umbau beschäftigt. Der alte Dampfkessel lagerte vor dem Stall. Da geschah es, dass das Pferd beim Wegfahren scheute und den Dampfkessel mit lautem «Geschepper» bis auf die Strasse hinaus mitschleppte. Wirt und Landwirt Gubler aus dem Frohsinn, genannt Belgrad Er galt als Original. Sein Lieblingsausdruck «Belgrad» wandte er auf alle möglichen und unmöglichen Dinge an, meist in Verbindung mit einer damals gängigen Vorsilbe «Hue … Belgrad». Er beobachtete offenbar auch das Wetter sehr genau und sobald er in die Käserei eintrat, verkündete er lautstark etwa: «Hüt gaht de Oberluft» (Bise). So wusste jedermann, dass das Wetter wohl noch etwas «halte», dass es aber kalt

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sei. Oder aber: «Hüt gaht de Underluft.» (Westwind), will heissen, dass das Wetter kehre und Regen in Sicht sei. So wussten die Käsersleute und die Gehilfen, ohne nur einen Schritt ins Freie zu machen, was vom Wetter zu erwarten war. Belgrad ersetzte quasi die heutigen Moderatoren der TV-Meteo. Und was mit dem Siebenmann-Traktor geschah Bauer Mühlemann vom Ruggenbühl war mit seinem umgebauten Auto vorgefahren und hatte die «Milchtausen» abgeladen und in die Käserei getragen. Bei der Rückkehr staunte er nicht schlecht, dass er sein Gefährt nicht mehr vorfand. Er hatte vergessen, die Bremsen anzuziehen. Sein «Traktor» hatte sich selbständig gemacht und war in die Lauche hinuntergestürzt. Glücklicherweise gelang es dann Bauer Fritz Schneider, den Wagen mit seinen Pferden wieder her­aufzuziehen. Ginggi-Frei So nannte man Bauer Frei von der Oberdorfstrasse. Er war ein sehr arbeitsamer Mann und absoluter Frühaufsteher. Doch abends, besonders wenn er an der Wärme war, fielen ihm regelmässig die Augen zu. So geschah dies auch einmal, als die Bauern beisammensassen für die Jauche-Versteigerung des Schweine­ betriebes. Die Männer boten und jedes Mal schrie Frei vor Abschluss eine höhere Summe in die Runde. Das geschah immer und immer wieder. Die Bauern lachten, sie boten längst nicht mehr, aber Frei fuhr unbeirrt weiter. Schliesslich überliess man ihm die Sache unter allgemeinem Gelächter für eine nie dagewesene hohe Summe.

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Jauchetransport Bauer Schär, der Bruder des damaligen Gemeindeammanns, holte mit seinem Kastenwagen Jauche vom «Käsistall» ab. Zügig fuhr er mit seinem Traktor gegen die Stettfurterstrasse hinaus. Da nahte in schnellem Tempo ein Auto. Schär hielt brüsk an. Dabei verrutschte der Deckel des Kastenwagens und die «Gülle» ergoss sich über Schär und seinen Traktor. Die Leute aus der Käserei eilten herbei und spritzten mit dem Schlauch Wagen und Fahrer gründlich ab. Und alles war gut! Fast gut! Lehrer Kuttler Er kam als sehr junger Lehrer direkt vom Seminar Kreuzlingen nach Matzingen. Er war ein eher klein gewachsener Mann und, wie es halt in einem Dorf so geht, manchmal Zielscheibe von etwas Spott. Er hatte eine Freundin, seine spätere Ehefrau, in Lommis. Sie war die Tochter des Wirts in der Krone. Manchmal sei er halt ein wenig spät heimgekommen und hätte sich bei einer solchen Gelegenheit einmal fast verschlafen. Aber seine Hauswirtin, so heisst es wenigstens, hätte das noch verhindern können mit den Worten: «Schang (Jean) stand schnäll uf, die andere Buebe gönd scho i d'Schuel!»


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Wie's Heirihansuereche-n-Uechel zu-n-ere Frau cho isch «Von ihm selber verzellt» Erste Seite des Originadokuments

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Transkription

Will mir jetz grad so schön binenand sind dä Obed, hani gmeint, wenn niemert nüt dergege hät, i well emol churz verzelle wie-n-ich z’hürote cho sei, oder besser, us was für Gründe ich eigetli dä Schritt tue heb und müesse heb tue. Ich vo mir us ha nämli nid eso übermässig Lust g’ha. Ha denkt es chosti nu und nachher müess me dra ha, wies do au use cho ist! Aber wies denn dumm cha go, min Elste hät eis mols e so e fixi Idee in Chopf g’fasst. Was hani welle mache. Er het mir kei rüebigi Stund meh g’loh. «Lueg Ulerech», sust seit er mer bloss Uechel, aber wenn er denn öppis Wichtigs hät, gits en Uelerech. Lueg Uelerech; Wenns no lang eso got, chas nüme lang eso goh. Es mues es Wibervolch i eusers Hus ie. D’Nochberi dena s’Böllerägeli, hat mer grad nächt wieder as Herz gredt wege dine, äbe du gäbist en alte Grachli, me sött luege dasst eini über chämischt. Du söttischt doch emol wüsse wies sei, wenn menen eigene Rauch füeri. Do hani natürli en feste Zug tue us mim Stinkmugel. So en eigne Rauch? Säb füeri frili scho lang! Und was s’hürote betrifft! I dem Hus ine hett ich doch lieber selber d’Ornig g’ha. Zu was au e Frau? Wänd mir zwei eus das bitzeli Lebe däwäg verbitttere? Chan ich nid Härdöpfelchnöpfli mache trotz enere alte g’wärete

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Chlosterchöchin? Und Habermuesschlemgi und Chäsnudle-n-au! De Chuchibode hetti vor zwei Johre n-uf-d’Ostere ganz bestimmt uf’putz wämer do nid ordeli am Güllefüere g’si wärid und was goht’s Bölle-Rägeli die Bludertrucke euse Ruehrchübel a? Welle Löhli wett’s jez au in Si cho en Ruehrchübel z’wäsche …me rührt jo wieder. Denn bappelet si schints no wägem Gschier und wegen Kafibeklene. Jo nu. Wenn denn eusen Meuder nüme de Zit hät, jede Morge zwee Teller und zwei Kafi­chächeli us z’schlecke, denn söll menem en Stei an Hals binde und en i Fürross abe z’Weicki tue. I de Stube ine darf me au luege, säb darf ma. De Bode ist nonig wüest, s’ist erst e Johr vieri sid er g’leit worde ist. Es tuet em Holz vil weniger, wäme mit de Schuenegel nid direkt uf de Bode chunt. Mit de Fensterschibe isch wieder eso. Wenns nid e bitzeli en Schutz hend und wenns au grad nu atrochnete Staub ist verheit jo eini um die ander.


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Transkription

Min Elste hät aber no meh well wüsse, er hät no wägem Bett a g’fange, äbe dass mer nu eis hebid und dass emol sött i d’Wösch! So i d’Wösch? Dass mer no gär chönt abenand ribe, was no zäme hebet? sNochbers händ au Flöh, nid nu mir. Und was en guete Barchet ist, da butztsi selber. Nu – wie ist es wenn en alte Ma Grille-n-in Chopf überchunnt. Er hät halt eifach und eifach nid abggäh. Z’letscht am End seit er: Jo nu, Uelech mach wat wit, wenn du nid wetscht dribisse, so hürot ich no emol. Weischt was das ist. Wenns pressiert hani eini vor dir. Wa hani do welle mache. I ha denkt i sei emend de Jünger, wenn ein mue sOpfer si so mög ichs eh verliede. Churz ich ha am andere Morge d’Schue g’salbet und s’süberschti lini Hemp agleit woni gfunde ha. I ha d’Brust und d’Brisli extra nomol übers Tischegg abe zoge dass e chli e Gattig machi, i weiss scho die Chind lueget uf dere Chlinikeite. An Hose het au e bitzeli g’fehlt, aber nid wichtig und sist au amen Ort g’si wos niemert sieht, wenn nu d’Chrage-Fekete na chli wit abe zieht. Affüri, ich ha mi dörfe füre loh. S’Phorhüetli (?) ist mer wol efange -n-ums Merki

(?) z’chli gsi und de Rand en Zoll zwee us n abgriffe. Aber de Huet macht nid alles us. Woni in Spiegel luege g’sehni, dass er kei Glas meh hätt. Aber ich ha jo sunnst gwüsst, dass ich e Gattig mache. Na, losed jez nu ihr Lüt, wies mer do gange ist. I wills grad na fertig verzelle, wenn niemert nüt dergege hät. Woni am schönste Alegge g’si bi und scho drei Zwänzger i d’Westetäsche ie druckt ha für all Fell, goht Türe uf und wer chunt ie? S’Nochbers Töchter sBöllerägis Kierede Jöde (?) mit der Milchfläsche i der Hand. Üsi hinder Chue hät nämli grad d’Zit us g’ha di säb Wucha und die ander git sust keini, do muess me enand ushelfe. «Potz tusig, wetscht uf dWibi Uelerech, dass di eso ufputzt häst» seit dJöde ganz verlege und hät mi denn aglachet derzue, dass mer ganz warm worde ist dodura. I will nöd säga, dass Jöde grad ne Schöni g’si seig als ledig, aber immerhin hani scho wüeschter g’seh. Sie schielet halt ä bitzeli und hät e chlises Wärzli do am Bagge, nid emol e Hand gross. Jetzt mit der Postur hani denkt, säb

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GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG

Transkription

chön scho no cho, das Chind isch do z’mol nonig emol sechsedrissgi gsi. Churzum i wills nid lang useschiebe, es hät agfange boppere i mim inwendige Mensch ine wie mit eme Tampf­ hammer. Das ist de Wink von obe, hani denkt. Was will i go d’Schue verheie und d’Rappe uslegge? Zit isch Gält. Und wenn ein weiss, dass er all Tag chönt e Chalberchue übercho goht er allwäg nid i dWiti z’liecht. Also i nid ful und eis, zwei, drei, frog ich das Chind ums Hürote. Herr Jesis nei, ist die rot worde! Me cha jo denke e Meitli vo chum sechsedrissig Johr! Sie hät halt no nüt so ghört gha, hät mit Not au g’wüsst dass zweierlei Lüt git. I weiss nüme recht wies do gange ist, öb ich g’mächer g’sibi oder sie g’schwinder, churz, eimol si mer enand id Arme gsunke und sie hät mir is Ohr gflüsteret, ganz liesig: mein einzig Geliebter, mein einzig Geliebter, do hanis gwüsst. I glaube fast si hät dozmol en Chuss übercho, wenn i Zit g’ha hett.

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Aber s’ist mer grad just in Si cho, i sött emol go luege wege de Chalberchue. Si hät au würkli de glich Tag no g’chalberet, e Stierchalb. Es wer sowit alles guet gange, nu en winzig chlis Ungfell ist unterloffe. Mis lieb Jödeli hät bi der stürmische n’Umarmig vergesse d’Milchfläsche abstelle; dä ganz Glunge – es seigid guet gmesse zwee Liter g’si, ist mer über de Schope und über die rechte Hose abegletteret. Jo nu, es hät am End g’rendiert: d’Milch hät nüt chost und d’Jode hät e schöni Usstür brocht, au no drühundert Franke bar und en Bueb händ mer im Frühlig druf übercho. Und wenn früener en grosse Aberwille g’ha ha geges Hürote, will i jetzt nid bestritte, dass ledig si au sini schöne Site hät. I möchte e kein abmache. Hanichs Pflaster müese n’übercho, so mag is ama n’andere au gunne


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An die Schweine schlachtende, nach Speck schmachtende … Eine Schnitzelbank aus dem Jahre 1902 Erste Seite des Originadokuments

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Transkription

An die Schweine schlachtende nach Speck schmachtende Hochverehrte, Bibelgelehrte Blutwurstgeniessende

Au d’Muetter isch e gueti Frau hät mängmol gfuetteret die Sau. Jetzt isch sie gschwind und holt uf jetzt hört da Sauefuettere uf.

Most in die Rehlein giessende Siebenzöpfige, zehnköpfige Stützenvereinigung in Vorderhalingen im Töberiler(?)

Die Regi het scho schwachi Zäh. Sie cha kei Chnoche gnage meh Drum stoht sie uf und seit dezue mer chönts in Chratte ine tue.

Potz tusig, ist das au en Lärm! Was los ist, möcht i wüsse gern es chit und wichset, s’ist en Schur was hends ächt au bim Nochberpur?

Die Luise guet choche cha de Brote brenntere selte a. Und chüechle, bögle cha si au ich wett bigoscht es wär mi Frau.

Jaso, jetzt chum i währli druf de Metzger isch scho früe duruf er hett en Chratte binem gha drum wird’s der Sau an Chrage gah.

Vo der Lisett weiss i gar nöd viel das chunt devo, sie ist meist still doch wär i no en ledige Maa do wett i so e stilli ha.

Jetz bini währli nüme fuhl. Ich möcht au öppis ha is Muul. Drum leg ich schnell de Schoope a und gang und henk de Chratte a.

Der Ulrich ist en grosse Burscht für ihn häts denk e chlini Wurscht die grösser chönt er mir jo geh. Ich tät si morn zum Znüni neh.

De Vater ist en ältere Maa, er würd nöd s’best Stück welle ha, drum nimmt er schnell de Chorb zur Hand und füllt en bis zum obere Rand.

dElise isch e Neieri sie führt hurtig e Nodle i. Me seit, sie heig e hitzigs Bluet für sie wär denki s’Schwänzli guet.

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GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG

Transkription

Und Berta isch e Buffetdam Sie ist zum metzge no diham. Sobald die Blutwurschtzeine leer, so denkt si, wenn i furt no wär.

Jetz ist au s’Bluetwurstliedli us drum nehmed vom Säuli s’besti drus. Und denkt ihr au an Chrattemaa muess au vom Säuli öppis ha.

Der Emil möcht d’Sublotere ha denn bald got jo scho dFasnacht a. De Speck dunkt ihn scho gar nid guet drum schnell e Stuck in Chratte er tuet.

Eu selber no ihr liebe Lüt wünsch i en guete Appetitt. Jetz isch es aber gnueg für hüt drum lebed wohl und spared nüt!

Und d’Mina ist en Konfirmand die henkt jetzt schnell den Chorb a d’Wand mit Schpeck und Wurst ecettera i ha sit gescht nüt zässe gha.

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2. Weltkrieg 1939 – 1945 Polen-Internierung

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2. WELTKRIEG 1939 – 1945 · POLEN-INTERNIERUNG

Kriegszeit 1939 – 1945

Erinnerungen von Trudi Mohn-Lenggenhager * 1922

Die Erzählerin kam 1929 nach Matzingen und wuchs an der St. Gallerstrasse 32 auf, wo ihr Vater eine Süssmosterei betrieb.

Es musste im Frühling 1941 gewesen sein, als die Strassen vollgestopft mit Autos und Fuhrwerken waren, die alle Richtung Wil und in die Berge unterwegs waren. Auf den Gefährten türmte sich der gesamte Hausrat der «Fliehenden». Wir konnten nicht fort, da unser Vater (Karl senior) in der Ortswehr eingeteilt und Stellvertreter war. Chef war wahrscheinlich Albert Keller, Espel. Viele Leute hatten damals stets einen Rucksack für jede Person bereit, falls sie hätten fliehen müssen. Natürlich hatte man auch einen Notvorrat. Wir lagerten besonders gesottenes Fett im Keller. Ich erinnere mich mit Freuden an die Rationierungsmarken. Da gab es spezielle Schokoladebons. Zuvor hatten wir kaum je Schoggi gekriegt, aber nun kauften selbst unsere Eltern die begehrten Süssigkeiten. Wir mussten auch einen Benzinvorrat anlegen. Aber eben, immer wieder brauchte man etwas davon und als die Heerespolizei eine Kontrolle durchführte stellte sich heraus, dass fast alles aufge-

braucht war. Auch die Verdunkelung wurde streng kontrolliert. Niemand durfte nachts hinaus. Ein grosses Problem stellte unser Lastwagen dar. Unser Vater musste zwar nicht einrücken, aber der Lastwagen war «im Dienst». Mein Vater kaufte einen neuen Wagen, der dann für ein Jahr dienstfrei war. Nachher versuchte man ein Pferd zu mieten und «spannte» mit dem Mühlebetrieb zusammen. Ein Verwandter, Willi Kollbrunner (Wilhof, Wängi) hatte eine glänzende Idee: man könnte doch einen grossen Hund zum Ziehen kaufen, wie das die Berner täten. Gesagt, getan. Als dann der Hund mit der Wilerbahn in einem Käfig ankam, berichtete der Stationsvorstand Hanhart, wir müssten augenblicklich kommen, denn der Hund tue in seinem Käfig wie verrückt. Mit einem Handwagen wurde er abgeholt. Die Männer gingen bei uns in der Garage in Deckung und mit einem Seil wurde aus der Entfernung geöffnet, um das Monster herauszulassen. Und tatsächlich, der Hund sprang

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2. WELTKRIEG 1939 – 1945 · POLEN-INTERNIERUNG

heraus. Und was tat er? Minutenlang versäuberte er sich. Ganz lange. Nachher war das das liebste Tier. Zum Ziehen hätte er sich gut geeignet. Kräftig war er. Aber leider rannte er samt Wagen jeder Katze und jedem Hund nach. So fand er später ein schönes Plätzchen bei unserem Verwandten. Als die polnischen Internierten ins Dorf kamen, hausten die Soldaten in den Baracken, während die Offiziere und Unteroffiziere in Privathaushalten untergebracht wurden. Es gab nirgends viele Zimmer. Überall musste man zusammenrücken. So auch bei uns. Lisbeth und ich waren nun in einem Zimmer und Bruder Karl im Abstellraum. Bevor in der Barackensiedlung eine Waschanlage eingerichtet war, wurde die Schmutzwäsche unter die Haushalte verteilt. Die Frauen mussten das alles waschen. Die Polen waren schicke, galante, rassige Männer. Die Schweizer waren ungeheuer eifersüchtig, wenn sie den Matzinger Mädchen schöne Augen machten und ihnen nachliefen. Während diesen Jahren kamen auch französische Kriegskinder in die Schweiz. Bei uns war Georges aus Marseille. Er war etwa 12-jährig und blieb ein halbes Jahr bei uns. Er wollte unbedingt gut Deutsch lernen, damit er dann bei einem eventuellen Einmarsch der Deutschen mit diesen sprechen könne. Ich erinnere mich auch an den deutschen Nachrichtensender. Da hörte man unter anderem Folgendes: «Wenn wir fahren gegen Engelland. Und die Schweiz, das Stachelschwein, das nehmen wir auf dem Heimweg ein.» Lili Marlen: «Vor der Kaserne, vor dem grossen Tor, stand eine Laterne und steht sie noch davor … »

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Anderes Es existierte schon damals eine Schulbibliothek. Ich war eine echte Leseratte. Zuerst las ich alle Mädchenund dann die Bubenbücher. Einmal trat meine Mutter in mein Zimmer. Als sie mich nicht sah, trat sie ans Fenster und rief mich. Ich hielt mich still in meinem Versteck, bis sie sich wieder entfernt und mich überhaupt nicht bemerkt hatte. Unser Lehrer, Herr Stähli, hatte 50 Schüler (fünfte, sechste, siebte, eventuell achte Klasse). Ich sass in der hintersten Reihe und niemand merkte , dass ich meiner Freundin die ganze Geschichte von Nils Holgerson erzählte. Einmal mussten mein Bruder Karl und ich einen «Schwitzkasten» eine Art Kleinsauna, zu Paul Gubler (heute Reto Gantenbein) an der Aadorferstrasse zurückbringen. Unser Weg führte uns zur Mühle. Dort stand zur damaligen Zeit noch das Bauernhaus Keller, das später abbrannte. Von dort führte ein Steg, den es auch nicht mehr gibt, über die Murg. Es war Winter und der Schwitzkasten war auf einem Schlitten festgezurrt. Ich weiss nicht mehr, wie es kam, dass der Schlitten samt Kasten in die Murg fiel. Ich erinnere mich auch nicht mehr, wie wir ihn wieder heraufholten und ob uns ein Donnerwetter erwartete. Es zogen immer wieder «Kundi» durch die Gegend, um angeblich Arbeit zu suchen. Aber es ging ihnen nur darum einen Stempel zu kriegen, den sie dann auf einem Amt vorweisen konnten. Der Weiher in unserer Nähe war im Winter unser Schlittschuhparadies. Aber wenn in der Mühle Wasser gebraucht wurde, sank der Wasserspiegel und das Eis wurde brüchig. Im Frühling suchten die Buben mit Laternen Frösche, rissen ihnen die Beine aus, die sie dann verkauften.


2. WELTKRIEG 1939 – 1945 · POLEN-INTERNIERUNG

Es muss 1962 oder 1963 gewesen sein, als die riesige Sägerei unseres Nachbarn Bischof abbrannte. Familie Bischof war selbst nicht mehr dort wohnhaft. Sie hatten einen Mieter. Nichts konnte mehr gerettet werden. Selbst das schöne sogenannte «Herrenhaus» wurde ein Raub der Flammen.

Erinnerungen von Walter Gamper * 1929

Walter Gamper wohnt an der Ristenbühlstrasse 7. Er wuchs in der «Gass» als Sohn des Dachdeckers und Landwirts Gamper auf.

Es war im Jahre 1944 als die Amerikaner Friedrichshafen bombardierten. Den Feuerschein sah man natürlich im Thurgau weit herum. Einige amer­ikanische Flieger flogen (wahrscheinlich aus Versehen) auch über unser Gebiet. Die schweizerische Fliegerabwehr versuchte diese Maschinen zu beschiessen. Walter stand draussen beim Stall und hörte die Schüsse. Ganz in seiner Nähe fiel dann der Kopf einer Granate (eines Flabgeschosses) nieder. Dieses Stück ist heute noch in seinem Besitz. Als Walter Gamper sein jetziges Wohnhaus kaufte (ein ehemaliges Stickereilokal ) und es umzubauen begann, fand man Knochen und Asche, die von einer

Archäologin ins 14. Jahrhundert zurückdatiert wurden. Eine Lanzenspitze, glaubte man, stamme aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Bei den Grabungen stiess man in grosser Tiefe auf Kies, das den Schluss zu lässt, dass möglicherweise die Murg früher einem anderen Flussbett gefolgt war. Walter Gamper war stets ein begeisterter Fotograph und interessierte sich für alle Veränderungen im Dorf, die er minutiös dokumentierte. Er besitzt einen eigens dafür eingerichteten Raum in dem alle Bilder, Dokumente, Zeitungsausschnitte etc. fein säuberlich untergebracht und geordnet sind. Bravo!

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Halinger Jugendzeit während des 2. Weltkrieges Kindheitserinnerungen von Heinrich Stutz * 1938

Heinrich Stutz wuchs in Halingen an der Thundorferstrasse 88 auf, heute Haus Nelly Abegglen-Stutz. Ganz in der Nähe, auf der gegenüberliegenden Strassenseite, wo heute noch ein Brunnen zu sehen ist, stand einst das Haus Nadler, das abbrannte. Nadlers bauten dann ein neues Haus weiter unten, Thundorferstrasse 80, heute Elliker.

Meine Kindheitserinnerungen gehen zurück in die Mitte des 2. Weltkrieges. Da war der Lumpensammler Egli aus Frauenfeld ein bekannter Mann, welcher mit seinem Lastwagen von Zeit zu Zeit vorbei kam. Altes Eisen, Textilien, Altpapier und Kupferdrähte waren vor allem gefragt. Wir Kleinen hatten die Nase immer ganz vorne. Natürlich wollten wir auch wissen, wieviel der Vater für die Dinge erhielt. So konnten wir den Wert der Abfälle einordnen. Eglis Auto brauchte weder Diesel noch Benzin. Es gab nämlich keinen Brennstoff für zivilen Gebrauch. Auf einer Seite des Fahrzeugs befand sich ein Holzvergaser, der aussah wie ein dickes, stehendes Rohr von ca. zwei Meter Höhe. Einmal füllte Herr

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Egli vor der Weiterfahrt Holzklötze nach. Am unteren Ende des Vergasers öffnete er einen kleinen Hahn, und es floss etwas Dunkles auf die Strasse. In kurzer Zeit wurde die Flüssigkeit glashart. «Das ist Teer», erklärte er uns. Höchst interessant, nicht wahr? Die Bemerkung unseres Vaters zu uns Buben: «Ihr habt eine Ordnung wie Lumpensammler Egli», konnte ich erst später richtig einordnen. Es war natürlich übertrieben. Tatsächlich suchte ich Egli einmal in Frauenfeld auf. Er hatte sein Lager an der Murg­ strasse, unterhalb der Post. Da war wirklich alles «aufgebeigt» bis zur Decke. Seine Frau begegnete mir und meinte gutmütig: «Wissen Sie, ich habe den allerliebsten Mann, den es gibt.»


2. WELTKRIEG 1939 – 1945 · POLEN-INTERNIERUNG

Matzingen am Ende des 2. Weltkrieges, 1945

Neben Lumpensammler Egli kam manchmal auch Herr Parmentier aus Wängi vorbei. Er hausierte mit Kleidern. Er führte auch Stoffmuster mit sich und erhoffte sich besonders bei Konfirmanden einen Auftrag. In der Kriegszeit waren wir fast zu 100 % Selbstversorger. Ausser Getreide pflanzten wir auch Mohn

für Öl, Zichorien für Kaffee, Mais für Polenta, Flachs für Stoffe etc. an. Unsere Mutter verstand es auch, uns zum Sammeln von Beeren aller Art zu begeistern. Auch die liegengelassenen Ähren auf unseren Feldern wurden alle aufgelesen. Im Wald wussten wir genau, wann und wo viele Tannzapfen zu finden waren. Jene Zeit prägte mich bis auf den heutigen Tag.

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2. WELTKRIEG 1939 – 1945 · POLEN-INTERNIERUNG

Ankunft der internierten Polen, 12. Februar 1941

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Blick vom Kirchturm Interniertenlager im Hintergrund März 1943

Die internierten Polen vor einer der Baracken

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Die Polenzeit 1940 – 1945 Während des 2. Weltkrieges waren 1000 Polen in Matzingen interniert. Das war eines der aufregendsten Ereignisse in der Geschichte des damaligen Dorfes. Für je 100 Leute wurden Baracken erstellt. An das Polenlager erinnert heute nur noch ein gemauertes Haus, das damals als Küche benützt worden war. Ein anderes gemauertes Gebäude und die Holzbaracken existieren längst nicht mehr.

Erinnerungen von Hans Lobsiger * 1930

Hans Lobsiger wohnt in der Waldegg an der Altholzstrasse. Er wohnte während seiner Jugendzeit an der unteren Ruggenbühlstrasse in der Nähe des Polenlagers an der Hardstrasse. Die Internierten arbeiteten während des Tages auf den umliegenden Bauernhöfen. Sie galten als sehr gute Kräfte. Einige jedoch benützten diese Freiheit und stahlen Kleider bei ihren Bauernfamilien. So gelang ihnen dann die Flucht nach Frankreich. Abends hatten sich die Internierten in den Baracken einzufinden. Ein Schweizer Wachsoldat hatte die Aufgabe jeden Abend zu kontrollieren, ob die Lichter rechtzeitig gelöscht worden waren. An einem bestimmten Tag aber war dies nicht überall der Fall. Eine Ermahnung nützte nichts; im Gegenteil. Die Polen besassen einen eigenen Hund, der nun Zähne fletschend auf den Soldaten losstürzte und nicht zu-

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rückgepfiffen wurde. Der Soldat fühlte sich bedroht und erschoss den Hund. Sofort ging im ganzen Lager das Licht an. Der polnische Lagerkommandant wurde geholt. Es gab eine riesige Auseinandersetzung. Um den Wachsoldaten zu schützen, wurde ihm nahe gelegt sofort zu packen und zu verschwinden. Es wäre nicht auszudenken gewesen, was sonst hätte passieren können. Während der langen Internierungszeit wurden in Matzingen von Schweizerfrauen einige «Polenkinder» geboren. Kurz vor Ende des Krieges konnten dann die Internierten nach Frankreich ausreisen. In einem Zug wurden sie weggefahren. Im hintersten Wagen


2. WELTKRIEG 1939 – 1945 · POLEN-INTERNIERUNG

der Zugskomposition hatten die Frauen mit den polnischen Kindern Platz genommen. Als man an die Schweizer Grenze kam, konnte der Zug wohl weiterfahren, aber der hinterste Wagen mit den ca. 20 Personen wurde abgehängt. War wohl von den Behörden so arrangiert worden.

Erinnerungen von Ruth Sax-Gehring An den Sonntagmorgen wurde neben dem Schulhaus am Dorfplatz jeweils ein Altar errichtet. In Vierreihen, in strenger militärischer Formation, marschierten die Internierten aus dem Lager, um die Messe zu besuchen. Nachher wurde der Altar wieder abgebaut. Die Polen hatten am Sonntag auch Ausgang und besuchten die Wirtschaften. Viele waren danach völlig betrunken, da sie vor allem hochprozentige Getränke konsumierten. Manche erhielten auch Wirtshausverbot. Sie versuchten dann bei meiner Grossmutter, die das Restaurant «Neubrücke» führte, durch die Hintertür etwas zu bekommen. Das Gefängnis für Polen und Einheimische befand sich im Keller des Schulhauses. Wir Kinder guckten dann neugierig zu ihnen in die Zelle hinunter.

Erinnerungen von Berta Gamper-Sprenger Die Familie Sprenger betrieb den Landwirtschaftlichen Konsum. Alles wurde in 50 kg-Säcken angeliefert und musste dann in kleine Portionen abgewogen und in Papiersäcke abgefüllt werden. Daneben galt es auch Rationierungsmarken aufzukleben. Das war die Hauptarbeit der Kinder. Sie wurden jedoch von den Internierten kräftig unterstützt. Andere Polen, die etwas deutsch sprachen, fanden Arbeit im Büro oder in einem Betrieb. So kam es, dass einige der weiblichen Angestellten sich dem Charme der Polen nicht entziehen konnten und Kinder zur Welt brachten.

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Ein polnischer Offizier im Interniertenlager, 1941

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Skifahren in der Umgebung von Matzingen, 1941


2. WELTKRIEG 1939 – 1945 · POLEN-INTERNIERUNG

Paul Polachowski im Spital Frauenfeld

Agatha und Paul Polachowski vor dem Polendenkmal in Matzingen

Agatha und Paul Polachowski in Matzingen

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Kindheitserinnerungen

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KINDHEITSERINNERUNGEN

Jugendzeit an der unteren Thundorferstrasse Hans Schärer * 1928

Unsere Familie stammte ursprünglich aus Obersteckholz bei Langenthal. Viele Berner Familien wanderten damals in den Thurgau aus. 1935 kamen wir nach Matzingen an die Thundorferstrasse 5. Ich hatte zwei Brüder und sechs Schwestern, insgesamt neun Kinder. Die früheren Besitzer hiessen Fehr. Die alte Frau Fehr lebte noch lange mit einem Sohn im etwas zurückgesetzten Haus Thundorferstrasse 3, das ursprünglich zum Bauernhaus gehörte. Unser Haupthaus wurde umgebaut, ein neuer Eingang entstand und der Scheunenbereich wurde verändert; ein Schopf wurde angebaut. Der Miststock war vor dem heutigen Haus Bommer und nahe dem Eingang zum Coop. Etwas versetzt befindet sich hinter unserem damaligen Haus eine Liegenschaft, die dem Sägereibesitzer Bischof gehörte. Darin wohnte Chueri (Konrad) Keller mit seiner Familie. Als dieser einmal nach einem feuchtfröhlichen Abend heimkam, stieg unser

grosser Hund aus lauter Freude an ihm hoch. Die beiden mochten sich nämlich gut. Das war aber an jenem Abend zu viel. Chueri fiel hin und erst, als ich herbeieilte und den unglücklichen Chueri wieder aufstellte, war die Situation gerettet. Es war nicht so selten, dass Alkohol eine Rolle spielte. Unsere andern Nachbarn, an der Oberdorfstrasse (rechts) hiessen Langhart und oben Gubler, Malerei. (links) Bauer Frei. Die Brücke über den Thunbach wurde von vielen Leuten benützt, da die Schopftür der Liegenschaft Guntersweiler immer offen stand und man so auf kürzestem Weg zum Tönler gelangen konnte. Fräulein Kammerer beispielsweise, die den kleinen Konsum, das «Konsümli» führte, ging täglich mehrmals auf diesem Weg. Der Thunbach war damals offen und die Abwasserrohre aus den Häusern gingen direkt in den Bach. So kam es oft vor, dass die Wasserratten bis in die Küche heraufkamen. Metzger Scholl hatte in seinem

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KINDHEITSERINNERUNGEN

Garten (jetzt Haus am Bach) eine Grube mit Knochen und Schlachtabfällen. Alle paar Wochen kam Lumpensammler Egli und leerte die Grube. Sie war jedes Mal voller Ratten. Ansonsten war man sehr auf Sauberkeit bedacht. Am Abend, besonders samstags wischten wir die Strasse und sämtlicher Unrat wurde in den Thunbach hinunter geleert. Zur Zeit als Werner Schär und ich die Unterstufe besuchten, hatte die Lehrerin Fräulein Hanselmann in der ersten Klasse 25 und in der zweiten Klasse 32, also insgesamt 57 Schüler zu betreuen. In der Mittelstufe gingen die Lehrer mit uns schwimmen. Streng getrennt natürlich. Lehrer Kuttler mit den Mädchen im Weiher und Lehrer Stähli mit den Buben im Kanal. Im Winter war Eislaufen angesagt. Da die Lauche im Gebiet Wühre gestaut war, fror zuweilen der Bach vor unserem Schulhaus zu. In ganz schneereichen, sehr kalten Wintern, bei total gefrorenem Boden gelang es uns mit dem Schlitten von der Altholzstrasse her über die Brücke bis zum damaligen Restaurant Sonne zu kommen. Während des grössten Teils des Jahres gingen wir barfuss. Sonst trugen wir «Holzböden», die an der Sohle mit Gummiplätzchen bestückt waren, damit sie nicht so klapperten. Eine schöne Erinnerung aus der Schulzeit war auch das Sylvesterläuten. Von ca. zehn Jahren an durfte man da mitmachen. Frühmorgens vier Uhr ging's los. Man läutete das ganze Dorf aus dem Schlaf. Am Abend besuchte man die Leute, bekam Naturalien und manchmal Geld geschenkt. Man wünschte ihnen ein gutes Neues Jahr und zog weiter. Zuletzt wurden die Gaben verteilt.

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Drei Anekdoten zum Schluss Zur damaligen Zeit war die Strasse vor unserem Haus natürlich nicht geteert und ohne Trottoir. Nach dem Ausmisten im Stall fuhr ich mit meiner «Benne» aus dem Stall auf die Strasse hinaus. In diesem Moment kam Pfarrer Oettli auf seinem Velo von Halingen her. Der Zusammenstoss war nicht zu vermeiden und Pfarrer Oettli fiel hin. Er nahm's aber gelassen und fragte mich sogar beim Aufstehen, ob es mir nichts gemacht hätte. Immer wieder kam ein Hausierer mit allerlei Nähzeug bei den Familien vorbei. So auch bei einer Familie Stutz an der Juchstrasse. Das war just gegen zwölf Uhr. Als der Familienvater von der Arbeit zum Mittag­essen erschien und noch nichts auf dem Tisch stand, nahm er kurzer Hand den Hausiererkoffer und schmiss ihn in die nahe Wiese hinaus. Familie Hübscher wohnte im Brächli. Sie hatten schöne Töchter. Das wusste jedermann. Einmal kamen wir als junge Männer von Wittenwil her und beschlossen den Mädchen ein Ständchen zu bringen. Keines erschien. Aber dafür rannte der Vater mit einem Stecken herbei und jagte uns fort.


KINDHEITSERINNERUNGEN

Kinderspiele an der Stettfurterstrasse und bei der Grossmutter an der Frauenfelderstrasse Doris Hugentobler * 1945

Ich wuchs im sogenannten Osterwalder-Haus an der Stettfurterstrasse 18 auf. Das Haus gehörte Fräulein Berti Osterwalder. Sie war Kindergärtnerin in Müllheim. Ich erinnere mich, dass sie lange kränklich war und dann ca. 1950 im Alter von 37 Jahren starb. Sie vermachte darauf ihr ganzes Vermögen der Schulgemeinde Matzingen: Haus, Land, Wald und eine beträchtliche Summe Geld. So war es der Gemeinde möglich, gleich neben ihrem Haus den ersten Kindergarten des Dorfes zu errichten. Mein Vater war Schreiner. Seine Arbeitsstätte war an der Frauenfelderstrasse. Mein Vater hatte die Schreinerei erbaut. Jetzt Schreinerei Wüthrich. Solange wir an der Stettfurterstrasse wohnten, hatte ich das Glück, ganz viele Spielkameraden aus der nächsten Umgebung zu haben. Es waren dies die Kinder der Familien Schmid, Sprenger, Wirth, Kaufmann, Rosenkranz, Mosimann und Wick. Im Winter

schlittelten wir beim Tönler das sogenannte KuttlersBergli hinunter (Kuttler hiess die Besitzersfamilie). Im Sommer badeten wir in der Lauche zwischen Käserei und der heutigen Hardstrasse. Dort wurden auch immer wieder Hütten gebaut. Grossen Spass hatten wir mit der Aufführung von Hochzeitsfeiern. Als Bräutigam war mein Favorit eindeutig Heini Schmid. Bei Nachbar Sprenger konnten wir ein kleines «Bruggewägeli» für die Hochzeitsfahrt ausleihen. Von dort herunter warfen wir – wie echt – den zuschauenden Kindern «Zückerli» zu. Meine Grossmutter wohnte in einem grossen stattlichen Haus an der Frauenfelderstrasse 21. Ihre Nachbarn im Nr 17. hiessen Leuthold. Ihr Sohn Röbi war etwas älter als ich. Er hatte ein Flair für Aufführungen. So stellte er für uns Kinder ein Zelt auf und führte uns darin seine Zauberkunststücke vor. Es ist nicht verwunderlich, dass Röbi nachher in Frauenfeld eine Firma für Festzeltvermietungen führte.

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KINDHEITSERINNERUNGEN

Kindervorführung zwischen den Häusern Frauenfelderstrasse 17 und 21 (damals Häuser Leuthold und Mauch). Röbi Leuthold führt vor der Kinderschar seine Zauberkunststücke vor.

Ganz beliebt waren die Spielnachmittage im Estrich des Landwirtschaftlichen Konsums. Dort karrten wir mit ausgedienten Kinderwagen herum und vergnügten uns mit den Schaukeln. Alte Autopneus waren mit Seilen am Dach befestigt. Eine herrliche Einrichtung. Eines Tages geschah aber ein schwerer Unfall. Und von da weg blieben wir von un-

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serem herrlichen Spielparadies ausgesperrt. Das kam so: im Konsum gab es einen offenen Lift zum Aufziehen der schweren Säcke. Irgendwie geschah es, dass der Arm von Ruedi Sprenger (Sohn des Besitzers) im Lift eingeklemmt wurde. Man befürchtete das Schlimmste. Zum Glück konnte der Arm aber gerettet werden, doch Ruedi litt zeitlebens unter Schmerzen und Problemen seit jenem Geschehen. An unserer Schule wirkten Fräulein Hanselmann (1./2. Klasse), Herr Kuttler (3./4./7. Klasse). Nach ihm kam ein sehr junger Lehrer direkt aus dem Seminar, ein Herr Huser. Lehrer Herr Stähli ( 5./6./8. Klasse). An der Abschlussklasse Herr Wüthrich. Herr Wüthrich unterrichtete aus Gründen des Platzmangels die ersten Jahre im neu erbauten Kindergarten. In guter Erinnerung blieben mir die Winter, wenn wir während der Pause auf der Altholzstrasse schlitteln konnten. Damit wir das Vergnügen etwas länger geniessen konnten, verlängerten die Lehrer die Pausenzeit. Vor dem Restaurant Rössli war eine Waage. Zuerst wurden die leeren Wagen gewogen und nachher mit Fracht (Heu etc.) beladen. Die Wilerbahn diente neben dem Personentransport vor allem den Industrien, der Mühle Matzingen, der Weberei und der Färberei Schlumpf in der Murkart. Mein Vater baute schliesslich an der Halden­strasse 2 ein eigenes Haus. Das war ca. 1960, also zu einer Zeit, als ich bereits aus der Schule kam.


KINDHEITSERINNERUNGEN

Schule Matzingen, Jahrgang ca. 1903

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Arbeitsschulkommission, ca. 1900 Links aussen stehend Frau Gemeindeammann Ammann-Osterwalder, rechts vom Tisch sitzend Arbeitsschullehrerin Fräulein FrÜhlich, rechts aussen sitzend Frau Lehrer Greminger

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KINDHEITSERINNERUNGEN

Grossvaters Hasen Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Die Matzingerkinder waren mir alle turmhoch überlegen. Sie konnten mit blossen Händen Fische fangen, barfuss über abgemähte Stoppelfelder rennen, blitzschnell lügen und auf Gräsern Melodien pfeifen.

Ich beschloss auch einmal zu glänzen. Nur ein einziges Mal. Also behauptete ich keck, ich hätte Grossvaters Hasen dressiert: sie alle würden sofort zu mir kommen, wenn ich nur riefe. Die Kinder guckten misstrauisch - belustigt drein und halfen mir aber die Hasen aus den Ställen zu jagen. Die fröhliche Schar hoppelte sofort los, die meisten ins nahe Kartoffelfeld. Alles war ganz schnell gegangen. Nun kam die Stunde der Wahrheit, die Rückkehr quasi auf Kommando. Ich rief wie angekündigt, ich rief und rief: «Viktörli, Jaköbli, André.» Keiner der Vierpfoter dachte nur im Traum daran, aus eigenen Stücken die herrliche Freiheit gegen den engen Verschlag einzutauschen. Und der Spott der Kinder. Diese Scham und Schande. Grauenhaft. Schliesslich dämmerte mir auch auf, ob nun die Hasen für immer und ewig verloren seien. Jeh, der Grossvater. Schliesslich hatten die Buben und Mädchen Erbarmen und halfen mir die Ausreisser wieder einzufangen, alle bis auf einen, den Jaköbli. Er war und blieb verschwunden. Langsam dunkelte es. Die Kinder mussten heim. Nun kro-

chen nur noch der Grossvater und seine Haushälterin Emma im Acker herum. Ich hielt mich weitab. Mir war wind und weh, hatte ich doch etwas vom Fuchs und Hasen holen gehört. Auch liess Grossvaters Donnerstimme Böses erahnen. Schliesslich wurde ich ins Bett geschickt, wo ich heulte und betete und endlich auf tränennassem Kissen einschlief. Leider graute auch jenes Mal wieder ein Morgen. Sofort stand der Schrecken wieder neben meinem Bett. «Jaköbli, lieber, guter Jaköbli, so komm doch wieder heim.» Ich schlich hinaus, um abermals einen Versuch zu unternehmen. Mein Weg führte an den Hasenställen vorbei. Sah ich recht? Ja, sah ich wirklich recht? Dort sass doch Jaköbli und zupfte die Gräser aus der Raufe, als ob nichts geschehen wäre. Ich unterliess es das Törchen zu öffnen und rannte in den Stall. Da war der Grossvater wie immer mit der Pfeife im Mund an der Arbeit. «Grossvater, hast du ihn gefunden? Wo war er? Oh, Grossvater». Er guckte mich kurz von der Seite an und brummte: «Isch dänk sälber hei cho. Isch ebe ä paar Mal gschider als än Zürigoof.»

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KINDHEITSERINNERUNGEN

Doris Riedeners Grossvater Haueisen Jahr unbekannt

Doris Riedeners Mutter und Vater Jahr unbekannt

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KINDHEITSERINNERUNGEN

Der erste Kuss hinter dem «Sefihaag»

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Es fiel mir auf, dass selbst die faulsten Buben und Mädchen in Matzingen sofort bereit waren in der Käsi Milch zu holen. Ich verbrachte damals – während der Kriegsjahre – oft die Ferien oder das Wochenende im Dorf bei meinem Grossvater. An meinem Wohnort in Zürich konnten wir keine Milch holen. Der Milchmann brachte sie. Also wanderte ich abends mit allen andern in die Käserei. Fast feierlich ging es da her. In Reih und Glied warteten wir mit dem Kesseli in der Hand. Mit der Schöpfkelle wurden die Kesseli mit Milch aus dem Riesenbecken gefüllt. Es roch hier eigenartig nach Käse und Molke. Nachher versammelten wir uns draussen. Einige zeigten das Kunststück, dass man die Milchkesseli mit gestrecktem Arm rundum schwingen konnte, ohne dass Milch ausfloss.

Da wo sich heute die kleine Wiese neben dem Laden befindet, war damals ein ziemlich hoher «Sefihaag», wie sie ihn nannten. Da hörte man oft lustiges Gekicher dahinter. So stand ich auch einmal dort mit dem vollen Kessel. Da wurde ich gepackt – und ehe ich mich versah – befand ich mich mit dem Kesseli hinter dem Haag. Bevor ich wusste, wie mir geschah, drückte mir ein junger Bursche einen heissen Kuss auf die Backe. Mein erster Kuss. Wow! Auf Wolke sieben oder neun kehrte ich heim. Tagelang spürte ich eine warme Stelle auf der Wange und ein Kribbeln im Bauch. Sei absolut normal, nichts Pathologisches, haben die heutigen Psychologen herausgefunden. Gott sei Dank!

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Doris Riedener, Silvia und Liselotte Stutz, 1945

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KINDHEITSERINNERUNGEN

Ferien in Matzingen – uuuhue … schööö !

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Das inzwischen abgerissene Gasthaus Sonne hatte einen Saal. Wie auf dem Land so üblich, führten im Winter die Vereine ihre Abendunterhaltungen durch. An einem Turneranlass durfte ich auch dabei sein. Mir imponierten die schönen jungen Männer in ihren straff sitzenden, weissen Hosen. Mir fiel auf, dass nach jedem Absprung am Barren oder am Pferd das nachherige Strammstehen fast so wichtig war wie die Übung selbst. Toll fand ich das. Dann kam das Theater. Von Anfang an hatte ich kaum eine Ahnung, worum es ging. Etwas mit Liebe oder so. Alle redeten heftig und laut aufeinander ein, um sich kurz nachher zu umarmen und zu küssen. Komisch. Aber dennoch interessierte mich alles, und gespannt verfolgte ich die Sache. Nun war die Szene mit dem Sonnenuntergang an der Reihe. Auf einer Bank sass ein Pärchen. Hinter ihnen eine glühend rote Sonne, die offenbar versinken sollte. Aber sie wollte nicht. Die Kulissen zitterten heftig und die jungen Leute begannen erneut ihren Dialog. Plötzlich wurde es ganz dunkel. Ich glaubte,

das gehöre zum Stück. Alle pfiffen, klatschten und kicherten. Nach langer Zeit, wie mir schien, wurde es wieder hell. Die Sonne war nicht mehr zu sehen, aber im Saal hatte sich vieles verändert. Junge Mädchen sassen plötzlich auf den Knien einiger Burschen und ein paar waren derart in den gegenseitigen Anblick versunken, dass sie gar nicht merkten, dass es weiterging. Bald war Gott sei Dank Schluss. Tombola. Eine gute Seele hatte mir ein Los gekauft – und man höre und staune – ich «zog» einen riesigen, braunen Milchkrug. Irrsinnig freute ich mich. Wollen Sie wissen, wie ich den zu meinen Eltern nach Zürich heimbrachte? Das ging so: einige Tage später war es so weit. Mein Grossvater setzte mich in Frauenfeld in den Zug. Im Abteil versprach jemand, mir in Zürich weiterzuhelfen. Den Krug hielt ich krampfhaft auf meinen Knien fest und erzählte allen, dass ich den gewonnen hätte, dass es eben in Matzingen ein richtiges Thea-

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KINDHEITSERINNERUNGEN

ter gebe und die Sonne nicht habe untergehen wollen, dass ich beim Grossvater in den Ferien gewesen sei, dass er Hasen habe, die ich alle mit Wasser getauft hätte und die nun so hiessen wie meine Schätze im Kindergarten: Jaköbli Weber, Ernstli, Viktörli und Hansruedi. Die Leute lachten. Mir passte das. Endlich jemand, der mir zuhörte. Ein so dankbares Publikum hatte ich lange nicht gehabt. Ich plauderte munter weiter, dass man fürs WC Papierli schneiden müsse und die Hühner immer wieder aus dem Puppenwagen geflattert seien, dass der Grossvater immer Pfeife rauche und darum so stinke, und dass es vom «Herumjucken» im Heuboden ein Loch gegeben habe. Zu guter Letzt sang ich ihnen noch mein neu gelerntes Lied vor: «I der EPA, i der EPA, da cha mer alles ha. Für 75 Rappe en ganz en Huufe Waar.» Man könne am Schluss aber auch sagen : «En ganz en schöne Maa». Schade gibt's die EPA nicht mehr! «Z‘Matzinge isch es ebe uuuschööö», schloss ich. Zürich. Man hievte mich samt Krug von der Bahn. Ich stürzte auf Mutti los, die vorne wartete. Sie entdeckte zuerst meine Zahnlücke. «Jo weisch, dä hät ebe scho lang

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gwaggelet», erklärte ich ihr in reinstem, hellstem Thurgauerdialekt. Dann folgte die Sache mit dem Riesenkrug. «Was denn das sei?» Schnell zog meine Mutter ihre Strickjacke aus und wickelte meinen kostbaren Tombolapreis hinein, weil man sonst unmöglich ins Tram steigen könne! Ich war etwas enttäuscht, aber berichtete dann auch ihr eifrig und laut von meinen Erlebnissen und weil mir das «uuuschööö» so gut gefiel, brachte ich es auch hier an und ergänzte es noch mit einer oft gehörten Endung «uuuuuuuuhue…..schööö». Erschreckt sah sich meine Mutter um. Einige Passagiere lachten, andere machten bedenkliche Mienen. Wir stiegen aus. Zwei Stationen zu früh. Daheim waren sich meine Eltern für einmal schnell einig. Sie beschlossen, dass ich vorerst nicht zu den anderen Kindern dürfe, bis ich mir meine neue Sprache abgewöhnt hätte. Das konnte man eben den edlen «Zürigoofen» nicht zumuten. Ich fügte mich. Aber abends im Bett, wenn meine Mutter das Licht gelöscht und die Türe hinter sich geschlossen hatte, hauchte ich leise meine lustigen Matzingerwörter – ich hatte noch andere auf Lager – in die Dunkelheit hinaus, freute mich daran und schlief selig ein.


KINDHEITSERINNERUNGEN

Turnverein Matzingen auf der Wiese hinter der alten Post, Jahr unbekannt Doris Riedener-Haueisen schreibt in ihrem Bericht «Ferien in Matzingen – uuuhue … schööö !»: «An einem Turneranlass durfte ich auch dabei sein. Mir imponierten die schönen jungen Männer in ihren straff sitzenden, weissen Hosen. Mir fiel auf, dass nach jedem Absprung am Barren oder am Pferd das nachherige Strammstehen fast so wichtig war wie die Übung selbst. Toll fand ich das.» Hier sehen wir die Matzinger Turner zwar nicht auf der Bühne, aber man kann sich sehr gut vorstellen, was Doris Riedener so begeisterte.

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KINDHEITSERINNERUNGEN

Theatergesellschaft beim Restaurant Sonne Doris Riedener-Haueisen schreibt in ihrem Bericht «Ferien in Matzingen – uuuhue … schööö !»: «Dann kam das Theater. Von Anfang an hatte ich kaum eine Ahnung, worum es ging. Etwas mit Liebe oder so. Alle redeten heftig und laut aufeinander ein, um sich kurz nachher zu umarmen und zu küssen. Komisch. … ».

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KINDHEITSERINNERUNGEN

Stille Nacht, heilige Nacht auf der «Hüchlerkommode» Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Frau Horlacher bewohnte das Häuschen gleich neben der Lauchebrücke. Sie war eine nette, stille Frau. Manchmal kamen abends ein paar Leute zu ihr. Auf meine neugierige Frage, was die dort täten, meinte Grossvater lakonisch: «Die singen halt und spielen auf der Hüchlerkommode.» «Auf der was?» Grossvater lächelte verschmitzt. Mehr war nicht heraus zu bekommen. So schlichen wir uns dann manchmal in der Dunkelheit vor die Tür des kleinen Hauses und lauschten. Tatsächlich: wunderschöner Gesang ertönte und dazwischen war ein Instrument zu hören: voll, melodiös, fast an eine Chilbiorgel erinnernd. Wir verstanden nichts von Musik. So blieb das Rätsel ungelöst. Dann starb Frau Horlacher. Einige Tage später begann man Möbel hinauszutragen. Als einmal niemand zugegen war, versuchten wir die Tür zu öffnen. Es ging. Im halbleeren Raum entdeckten wir ein Instrument, ähnlich einem Klavier. Ja, das musste sie sein, die Hüchlerkommode. Vorsichtig versuchten wir, ihr einige Töne zu entlocken. Nichts. Da verwiesen die

Klügsten unter uns auf die Tretpedalen. Aber unsere Beine waren noch zu kurz, um treten und gleichzeitig spielen zu können. Also übernahmen zwei die Pedale. Als Liedervorschlag kam nur «Stille Nacht» in Frage. Das war das Einzige, das ich mehr oder weniger auswendig spielen konnte und alle singen konnten. So begannen wir denn mitten unter dem Jahr mächtig und falsch: «Stii – llee – Naaacht – heiei – lii – gee – Naaacht. Aaa – llees – schlääft.» Dann folgten immer wieder lange Verschnaufpausen – Atem holen – verschnaufen. «Nuur – daas – traute – hooch – heilige … » Hier mussten die Pedaleure ausgewechselt werden. « … hooch – hei – lige Paaar, das … » Tapfer kämpften wir uns schliesslich bis zur « … hiimm – liischen – Ruuh … » durch. Wir schnauften wie die Vorspannpferde und gleich darauf brachen wir in schallendes, erlösendes Lachen aus. Darauf schlugen wir den Deckel zu, trabten aus Frau Horlachers Häuschen und auf zu weiteren Taten.

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Lebensgeschichten

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LEBENSGESCHICHTEN

Aus Handnotizen von Werner Schönholzer Werner Schönholzer

Ausschnitte aus Erzählungen zur Familiengeschichte von Werner Schönholzer, Aadorferstrasse 26, Matzingen

Mein Vater, Werner Schönholzer, Bürger von Istighofen-Bürglen wurde im Jahre 1894 in Wittenwil geboren. Mit zwei Schwestern und einem Bruder (August) wuchs er dort auf. Mein Grossvater war gelernter Zimmermann oder Schreiner. In diesem Bauerndörfli waren die Arbeitsaufträge für die Handwerker nicht allzu lukrativ. Die ganze Familie kam nach meiner Auffassung so recht und schlecht über die Runden. Die vier Kinder gingen in Wittenwil in die Schule. Die grösseren Kinder wurden auf die Bauernhöfe als billige Arbeiter verpflichtet. Zu jener Zeit gab es auf keinen Fall Sozialhilfe. In den grösseren Dörfern bestanden wohl Armenhäuser. Gesunde Knaben und Mädchen lernten sehr früh arbeiten und halfen somit die Familie zu ernähren.

Kinder aus armen Familien hatten keine schulische Weiterbildungsmöglichkeit. So erging es auch meinem Vater. Noch während der Schule (Winterschule) musste gearbeitet werden. Doch eines Morgens war der Grossvater spurlos verschwunden. Seine Reise und sicher auch Hoffnung auf ein besseres Leben führten ihn nach Amerika. Seine Frau und Familie bekamen jedoch nie ein Lebenszeichen von ihrem Vater in Amerika. Die Situation war hoffnungslos. Ihr Ernährer fehlte. So musste die Mutter überall, wo es Arbeit gab einen äusserst kargen Lohn erarbeiten. Nach einiger Zeit wurde notgedrungen die Werkstatt in Wittenwil verkauft. Als mögliche Variante boten sich in Matzingen zwei kleine Heimetli zum Kaufe

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LEBENSGESCHICHTEN

Werner Schönholzer (links) mit Max Kummli

an. Die alleinstehende Frau mit ihren vier Kindern entschloss sich nach Matzingen zu ziehen. In diesem sehr alten Bauernhaus mit ca. 1 ½  Hektaren Umschwung erhoffte sie mit den vier Kindern eine bescheidene Exi­ stenz zu finden. Mein Vater, ein aufgeweckter Knabe, musste nun die Primarschule in der dritten Klasse in Matzingen beginnen. Es war sehr schwer für alle Kinder von der Gesamtschule, in der Matzingerschule mit dortigen Schülern mitzukommen. Doch kaum der Schule entlassen, musste mein Vater in

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der Sägerei Bischof beim Arbeiten mithelfen. Der jüngere Bruder August konnte sogar die Sekundarschule besuchen. Die Mädchen in früheren Jahren hatten keine Möglichkeit auf schulischer Ebene weiterzukommen. Die Mädchen waren für den Haushalt bestimmt und wurden bald in grössere Haushalte zur Entlastung der Mutter verdingt. Die Jahre vergingen, die Familie konnte sich mit grosser Mühe über Wasser halten. Mein Vater bekam eine Stelle beim Kanton als Strassenmeister. Dieses Amt konnte er etwa 28 Jahre ausführen. Im Jahre 1918 verheiratete sich mein Vater mit meiner Mutter Anna Wiesmann aus Oberneunforn. Nun kurz zu meinen Grosseltern aus Oberneunforn. Meinen Grossvater habe ich nie gekannt. Als meine Mutter (Anna Wiesmann) in die 8. Klasse der Primarschule Neunforn ging, verstarb ihr Vater sehr jung an einem geplatzten Blinddarm. In der Eile wurden damals zwei Bauernpferde vor einen Gestellwagen gespannt. Dieser Wagen wurde mit Stroh belegt und ein Bauer führte den jungen Vater, so schnell es möglich war, nach Frauenfeld in den Spital. Trotz aller Eile verstarb der junge Landwirt und Familienvater. Eine in der Hoffnung stehende «Wittfrau» mit vier Kindern und einem Landwirtschaftsbetrieb blieb auf sich allein gestellt. Für damalige Verhältnisse mit einem grösseren Betrieb gab es viel Arbeit und Verpflichtungen, die man nach Möglichkeit erledigen musste.


LEBENSGESCHICHTEN

Mit der Hilfe von Nachbarn konnten die nötigsten Arbeiten erledigt werden. So vergingen die Jahre, bis auch die Kinder für die Mutter eine grössere Stütze waren. Doch die Jungen waren bald nicht mehr zu Hause. Der junge Jakob lernte den Beruf eines Metzgers. Die anderen zwei Söhne waren in der Landwirtschaft beschäftigt. Meine Mutter Anna Wiesmann kam schon in ein heiratsfähiges Alter. Nach einer Haushaltungsschule lernte sie bald meinen Vater Werner Schönholzer kennen. Ich glaube im Jahre 1918 heiratete sie nach Matzingen. Auf diesem noch kleinen Betrieb mit Nebenerwerb kam ich am 27. Mai 1920 auf die Welt. 2 ½ Jahre später wurde meine Schwester Hanni Schönholzer geboren. Wir zwei Kinder sind im jetzigen Bauernhaus aufgewachsen und in Matzingen in die Schule gegangen. Unser eher kleiner Landwirtschaftsbetrieb wurde jedes Jahr etwas grösser. Um das Jahr 1925 konnte man an Versteigerungen Kulturland und Wald zu günstigen Bedingungen kaufen. Nach der Primarschule konnte ich in Wängi die Sekundarschule besuchen. Nach zwei Jahren Sekundarschule war ich etwas schulmüde und ich mochte mich in der Landwirtschaft vermehrt betätigen. Dieser Wunsch kam meinen Eltern entgegen, denn so konnten sie auf einen Pflegejungen oder Knechtli verzichten. Doch schon nach einem halben Jahr bereute ich diesen Entscheid sehr. Das Rad der Entwicklung dreht sich nur vorwärts und so konnte ich an verschiedenen Weiterbildungskursen teilnehmen. Die Einstellung meines Vaters war klar und hatte gewissen Einfluss in meinem späteren Tun: «Man hat nie ausgelernt und die Entwicklung in der Landwirtschaft kann nicht still stehen.»

Kaum der Schule entlassen konnte ich bereits mit einem gelernten Baumwärter diesen Beruf kennen lernen. Man kannte ausschliesslich Hochstammbäume, von denen die Tafeläpfel gepflückt wurden. Auch mein Vater hatte bereits ein grosses Interesse an Bäumen und Pflanzen. Die Veredlung von Bäumen konnte ich von meinem Vater erlernen, dies bereits in der vierten Klasse. Exakte Arbeit war auch damals erstes Gebot für einen Erfolg. Bäume – als Wildlinge im Walde gewachsen – haben wir als Schüler in der Ruhephase ausgegraben und mit viel Freude in der Hauswiese neu eingepflanzt. Mein erster Lehrmeister in diesem Fach war ein Jean Frei von Ristenbühl. Mit diesem Fachmann durfte ich bei seiner Kundschaft mithelfen beim Bäume schneiden. In der Landwirtschaft hatte man Vorstellungen, die der damaligen Zeit entsprachen. Von einer Motorisierung war man weit entfernt für einen Fortschritt. Die Bauern in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg waren alles Kleinbauern und mussten in srenger Handarbeit mühsam ihr Brot verdienen. Auch die Bäuerinnen kannten nur harte Handarbeit. Ohne die Mithilfe eines jeden Familienmitgliedes konnten die kleinen Betriebe unmöglich überleben. Trotz aller Mühe haben in den Jahren um 1930 sehr zahlreiche Betriebe ihren unvermeidlichen Konkurs anmelden müssen.

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LEBENSGESCHICHTEN

Auf dem politischen Weltgefüge, speziell in Europa, häuften sich die Spannungen auf gefährliche Art und Weise. Im Winter 1938/39 durfte ich die landwirtschaftliche Schule auf dem Arenenberg besuchen. Der Lernwille bei allen Schülern war vorbildlich. In jenem Winter herrschte die Maul- und Klauen­seuche bei den Kühen und Rindern. Bei meinen Eltern in Matzingen wurden die Tiere auch von dieser schweren, ansteckenden Krankheit befallen. Wie sonst üblich, war es den ganzen Winter über verboten aufgrund der Seuchengefahr nach Hause auf einen Kurzbesuch mit dem Velo zu fahren. In der Schule, so glaube ich, war ich ein sehr lernbegieriger Schüler. Der Pflanzen­ bau und im speziellen der Obstbau haben in mir das ganze Interesse geweckt. Nicht ohne Stolz darf ich sagen, dass ich im Obstbau (Bäume schneiden) den anderen Kameraden mit dem Fachwissen etwas vor­ aus war. Doch auch dieser schöne Winter in der Schule ging vorüber. Im Frühling ging es nach der Schule wieder zurück nach Matzingen. Kaum dieser Winterschule entlassen lernte ich den Beruf eines Baumwärters, der mich in der Freizeit bald voll in Anspruch nahm. Dieser Beruf hat mich nebst der Landwirtschaft voll befriedigt. Ich habe die Probleme im Sektor Obst-

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bau erkannt und dauernd die neueste Entwicklung auf dem Sektor Pflanzenbau mitverfolgt. Der zweite Weltkrieg hatte mit all seinen Grausamkeiten bereits begonnen. Mein Vater musste wie alle anderen Wehrmänner an der Grenze zur Bewachung der Heimat stehen. Alle zu Hause gebliebenen Frauen und alle jungen Leute mussten so gut wie möglich die anfallenden Arbeiten auf dem Betrieb bewältigen. Doch auch ich musste in die Rekrutenschule und Aktivdienst leisten. Männerchor Matzingen Im Männerchor habe ich alle Fortschritte und auch die Rückschläge miterlebt. Im Jahre 1980 war der Männerchor in der Auflösung, es waren kaum noch aktive Mitglieder im Verein. Ich selber hatte schriftlich meinen Rücktritt bekannt gegeben. Jetzt kam das Rad ins Rollen. An einer einberufenen Mitgliederversammlung wurde diese unerfreuliche Situation besprochen. Von den 13 anwesenden Sängern wusste keiner eine Lösung. Nach langer Diskussion wurde über eine Auflösung des Vereins diskutiert. Sechs Mitglieder waren für eine Auflösung des Chores, sieben waren für einen Versuch des Weiterbestehens des Rumpfgebildes Männerchor. Nach langer Diskussion habe ich als Versuch das bereits gesunkene Schiff als Präsident


LEBENSGESCHICHTEN

übernommen, selber dies jedoch als Versuch verstanden. Nun ging meine Planung und Arbeit an. Nach einer Sängerpause konnte ich eine noch junge, bestens qualifizierte, Dirigentin namens Ruth Schär von Elgg finden. Nach zwei intensiven Gesprächen war Ruth bereit, dieses Restgebilde von einem Gesangsverein als Versuch zu übernehmen. Nach der ersten Gesangsstunde, es waren noch 14 ehemalige Sänger anwesend, ging ein Dorfgespräch vom Neueginn des Männerchores über die Runde. Die Jahre vergingen und unser Chor wurde grösser und grösser. In Matzingen wurde schon in früheren Zeiten Politik betrieben. Ich war auch Mitgründer der damaligen Freisinnigen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei. Als Präsident war ich bei anstehenden Wahlen mitverantwortlich für Wahlvorschläge und deren Wahlen. Unser Dorf war weitgehend geprägt von der Landwirtschaft. In unseren Aussenhöfen Ristenbühl, Halingen und Dingenhart herrschte die Landwirtschaft vor. Aus früheren Zeitepochen waren es vorwiegend

Kleinbetriebe mit einer kleinflächigen Parzellierung. Eine anstehende Güterzusammenlegung wurde 1958 beschlossen und bis 1972 durchgeführt. Im Vorstand dieser Zusammenlegung war ich bis 1972 tätig. Anschliessend habe ich als Präsident die Nachfolgekorporation übernommen und vorgenannte Organisa­ tionen geleitet. Dieser Korporation unterstanden ca. 52 km Flur- und Waldstrassen sowie alle Entwässerungsanlagen. Zahlreiche Jahre hatten wir nur ein Pferd und mussten mit einem Nachbarn – wie man damals sagte – zusammenspannen. In unserer Gemeinde hatte kaum ein Landwirt zwei Pferde für das Ackerfeld zur Verfügung. In unserer Gemeinde hatte jeder Landwirt eine grössere Fläche mit Ackerbau unter dem Pflug. Nach dem 2. Weltkrieg setzte eine intensive Motorisierung in der Landwirtschaft ein. Auch unser Betrieb schloss sich diesem Fortschritt an. In unserer Landwirtschaft hatten wir einen recht guten Erfolg. Laufend wurden neue Maschinen, der Zeit und Entwicklung entsprechend angepasst, zugekauft.

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LEBENSGESCHICHTEN

«Wohl keine Generation hat so grosse Veränderungen erlebt.» Heinrich Fitzli, Ristenbühl, geboren 9. April 1932

Während der Schulzeit tobte der 2. Weltkrieg 1939 – 1945 in Europa. Im Anschluss folgte eine stürmische Entwicklung, die auch heute noch andauert.

Ich erblickte das Leben in unserem Weiler mit acht Bauemfamilien und hatte mit meinen zwei Schwestern eine glückliche Kinderzeit auf unserem Bauernhof in Ristenbühl. Meine Grossmutter lebte auch im Dorfe und so war ich auch oft in jenem Haushalt Gast und wurde von ihr und ihrer Schwester mit Geschichten eingedeckt. Die Primarschulzeit verbrachte ich im gelben Schulhaus in der Dorfmitte von Matzingen. Unsere drei Lehrer Mina Hanselmann, Jean Kuttler und Theo Stäheli spazierten während der Pause die Kirchstrasse auf und ab und sorgten dabei, dass wir Schüler nicht zu grosse Lausbubenstreiche machen konnten. Unvergessen blieb mir die Tatsache, dass wir im Sommer barfuss die Schule besuchten. War mal eine

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Beerdigung und unser Lehrer musste Orgel spielen, so übernahmen die Lehrergattinnen den Hütedienst der Klassen. Das war keine leichte Aufgabe, so versuchten wir Schabernack zu treiben, um die Grenzen auszuloten. Zur Sekundarschule ging ich als Frauenfelder Bürger in die Kantonshauptstadt, im Sommer mit dem Velo und im Winter mit dem Wilerbähnli. Dort wurde ich von Pfarrer Vögeli aus Nussbaumen in der Stadtkirche 1948 konfirmiert. Als einziger Sohn war meine berufliche Laufbahn vorgezeichnet. Das Lehrjahr verbrachte ich bei Familie Duc im Gros du Vaud in Rueyeres pres Bercher. Die Velomarke des Kantons Waadt zierte noch viele Jahre mein Velo. Hier erlebte ich noch die Bauernarbeit ohne Traktor. Tage-


LEBENSGESCHICHTEN

weise mit zwei Pferden hinter dem Pflug um am Ackerende den Plug zu kehren um eine neue Furche zu ziehen. Da hatte man noch Zeit den Gedanken freien Lauf zu lassen. Dann in den 50er-Jahren machten Traktoren und immer mehr Maschinen die Arbeit schneller und körperlich «ringer», aber dafür mit mehr Stress. Bis Ende des 19. Jahrhunderts hielt uns die Mechanisierung in Atem. Die Motorsäge und die Schälmaschine revolutionierten die Waldarbeit und so änderte sich der Lebensstil von uns Bauern radikal. In dieser Zeit durfte ich anstelle des üblichen Kavalleriepferdes einen Dienstjeep kaufen und damit die Rekrutenschule und WKs leisten. Auch in diese Zeit fiel meine Verheiratung mit Elsa, geb. Ammann von Wittenwil. Es wurden uns vier Mädchen geschenkt und zur Erziehung anvertraut. Es sind dies Margrit 1960, Heidi 1961, Silvia 1965, und Dora 1970. Sie besuchten den neuen Kindergarten und später die neue Sekundarschule der Dörfer Matzingen Stettfurt und Thundorf an bester Lage in Halingen. Meine berufliche Ausbildung schloss ich erst 1967 als Meisterlandwirt ab.

Nachdem ich meine Sporen im Turnverein abverdient hatte, konnte ich auch im Dorfe Ämter bekleiden und die stürmischen Jahre mitgestalten. Es waren das 12 Jahre im Gemeinderat und 19 Jahre als erster Laienpräsident unserer Kirchgemeinde. Während 16 Jahren vertrat ich unsere Kirchgemeinde als Synodaler von Matzingen. In guter Erinnerung ist mir heute noch das Fest 100 Jahre Kirchenglocken. Ich schrieb ein Festspiel dazu, das auf dem Schulhausplatz aufgeführt wurde. 1980 erkrankte meine gute Ehefrau schwer und bereits im Jahre 1983 verliess sie unsere schöne Heimat für immer. Mit Hilfe der Kinder konnte der Betrieb aufrecht erhalten bleiben. Ein neuer Stall und Remise wurde gebaut. 1991 mit 59 Jahren konnte ich den Betrieb mit viel Wald an die nächste Generation weitergeben. Ich baute ein Stöckli und wechselte nochmals den Beruf. Als Gemeindeschreiber durfte ich noch 6 1/2 Jahre die Geschicke der Gemeinde Hüttlingen leiten. Ich machte noch den Wechsel auf Computer und EDV mit. Das war beruflich für mich eine glückliche Zeit. Im Alter von 65 Jahren wurde ich pensioniert. Doch nicht nur die AHV kommt, sondern auch Krankheiten, Unfälle und Gebrechen ziehen ins Land. Die Altersbeschwerden machen sich bemerkbar. Doch bin ich dankbar für jeden neuen Tag.

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«Ein Badezimmer und WC mit Spülung kannten wir nicht.» Erinnerungen von Erika Schmutz-Frei * 1943, damals wohnhaft in Ristenbühl

Ich habe Jahrgang 1943 und bin als älteste von fünf Kindern im Ristenbühl aufgewachsen. Meine Eltern hatten ein «Gwärbli» mit sechs Kühen. Wir hatten nie Pferde aber einen Bührertraktor. Während und nach dem Krieg war das Benzin knapp (schon richtig, es war kein Diesel) so wurden halt für leichtere Arbeiten zwei Kühe eingespannt. Die machten das richtig gut, konnte man mit ihnen doch am Leitseil fahren. Das Wohnhaus war für heutige Begriffe sehr einfach ausgestattet. In der Stube war ein Kachelofen, und in der Küche ein Holzherd. Gekocht wurde in versenkten Pfannen, die waren aussen ganz voll Russ. Mutter musste aufpassen, dass beim Anrichten kein Russ in die Schüssel kam. Von Kaffeemaschine war keine Rede, nicht einmal einen Kaffeefilter kannte man. Der gemahlene Kaffee wurde mit Frank-Aroma gemischt und davon ein Löffel voll in siedendes Wasser gegeben. Anschliessend über ein Kaffeesiebli geleert, und fertig war der Kaffee.

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Wir hatten ja richtig Selbstversorgung. So gab es halt viel Kartoffeln. Die Rösti wurde in eine grosse Schüssel angerichtet und kam mitten auf den Tisch. Jedes hatte einen Suppenlöffel und alle assen aus der Schüssel. Einen Kühlschrank kannten wir nicht. Es wurde halt alles auf den Kellerboden an die Kühle gestellt. Damit es die Katzen nicht wegfressen konnten, stülpte man eine Harasse darüber. Bei der Taufe meiner jüngsten Schwester – sie hat immerhin Jahrgang 1958 – sollte es als Nachtessen etwas Besonderes geben. Mutter hat eine Aufschnittplatte gemacht und sie in den Keller gestellt. Leider war der Deckel zur Kellertreppe nicht zu. So war der gute Aufschnitt von den Katzen weggefressen. Zum Glück gab es dazumal im Restaurant Rössli eine Metzgerei. So blieb nichts anderes übrig, als nach lautem Schimpfen und Fluchen über die blöden Viecher, nach Matzingen zu gehen und frischen Aufschnitt zu posten.


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Ein Badezimmer und WC mit Spülung kannten wir nicht. Es gab halt ein Plumpsklo. In der Küche gab es Wasser, aber nur kaltes. So machte man unter der Woche eine Katzenwäsche. Am Samstag abend machte man warmes Wasser in eine Waschschüssel, stellte sie in der Stube zum Ofen und wusch sich ein bisschen intensiver. Ungefähr einmal im Monat hatte Mutter grosse Wäsche. Auf dem Hofplatz stand ein Wasserkessi, das mit Holz eingeheizt wurde. Die ganze Wäsche wurde von Hand, oder mit dem Waschbrett geschrubbt. Zum Trocknen der Wäsche wurde ein Seil von Baum zu Baum gespannt. So etwa 1952 gab es dann eine Hoovermaschine und eine Waschküche. War das ein Luxus. So konnten wir doch in der Waschküche baden. Einen Kindergarten gab es dazumal noch nicht. Wir mussten direkt in die Schule eintreten. Das war streng, hatten wir doch zwei Kilometer zu gehen, und das viermal am Tag. Ein Elterntaxi kannten wir nicht. Die Lastwagen von der Wellauer Kiesgrube fuhren viel nach Matzingen. So sagte Mutter oft: «Geh über die Staatsstrasse zur Schule. Herr Höllenstein oder Ambrosetti (die Chauffeure) sehen dich dann und nehmen dich mit.» Wir waren viel in der Grube und kannten alle Männer. Als ledig hatte unser Vater auch dort gearbeitet.

Wir hatten ja einen langen, aber auch schönen Schulweg. Kurt mein Bruder ging zusammen mit Albert Frei und Hanspeter Gubler zur Schule. Einmal reklamierte die Lehrerin Fräulein Hanselmann Kurt müsse einfach sauberer zur Schule kommen, er hätte immer so schmutzige Hände. Mutter ganz erstaunt, aber der geht doch immer sauber von zu Hause weg. Sie wusste ja nicht, dass auf dem Schulweg noch Mäuse gefangen wurden! In der Webi war damals die Weberei Gyr. Die Arbeiter hatten eine Stunde Mittagszeit. Um eins mussten sie wieder mit der Arbeit beginnen. Damit sicher niemand einen Mittagsschlaf einlegte, hatte es auf dem Dach der Weberei eine laute Pfeife, die ging um viertel vor eins los. Die war auch für uns gut. Manchmal spielten wir halt im Bengelhölzli noch Verstecken und mussten dann los legen, wenn gepfiffen wurde. Das war dann noch ein gutes Stück zum rennen. Die Sekundarschule in Halingen war damals noch nicht. Wir Matzinger mussten mit dem Velo nach Wängi fahren. Auch dieser Schulweg war schön. Beim Restaurant Sonne warteten wir aufeinander und fuhren dann im Rudel los, bis uns die Polizei wieder einmal ermahnen musste: «Jetzt fahred endlich hinterenand, oder es langet eu doch emol!»

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Die einstigen Bewohner des Weierhüsli

Alois Bachmann * 1930 und Johann Müller * 1935

Eine kurze Familiengeschichte der beiden Stiefbrüder Die Familie Bachmann lebte einst in der Taamühle am Dorfrand von Bütschwil. 1929 wurde aber die Mühle ein Raub der Flammen. Die Familie kam einige Zeit später nach Matzingen, wo sie das Weierhüsli kaufen konnten. Der Name des Verkäufers ist nicht mehr bekannt. Die Familie Bachmann schien irgendwie vom Unglück verfolgt worden zu sein. Neben dem Brand der Taamühle musste sie auch den Tod von vier ihrer zehn Kinder beklagen. Vater Bachmann konnte sein neu erworbenes Gut nicht lange geniessen. Er starb 1933. Von behördlicher Seite her wollte man nun den Hof verpfänden und die Familie irgendwie «verteilen». Zum Glück gab es Leute, die dies zu verhindern suchten und der Frau einen neuen Ehemann finden konnten. Es war Johann Müller, der bisher als Knecht auf dem Sonnenberg gearbeitet hatte. Dieser neuen Ehe entsprossen nochmals vier Kinder.

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Johann Müllers Erinnerungen Gemeinde Der damalige Gemeindeammann hiess Schär. Er wohnte gegenüber der Sägerei Bischof und arbeitete auch dort. Später baute er sich ein Haus an der Ruggen­bühlstrasse. Er verwaltete alles in Personalunion: Einwohnerkontrolle, Steuern, Zivilstandsamt etc. Schule Zwei Lehrer: Stähli und Kuttler und eine Lehrerin Hanselmann. Es gab damals auf den Schulwegen eigentliche Bubenkriege. So waren Streitereien mit den Buben der «Gass» (der Familien Gubler, Matzinger, Keller und Kübler) gegen jene der Aadorferstrasse (der Familien Wegmann, Weber, Bachmann/Müller) an der Tagesordnung. Einmal endete das schlimm. Johann wurde von den Gass-Buben zusammengeschlagen, worauf die Angreifer flüchteten. Johann wurde dann bei der Spenglerei Mohn, Aadorfer-/Kirchstrasse verarztet. Das war aber das Ende jeglicher Schlägereien. Johann musste vor der Schule stets die Milch in die Käserei bringen. Den Karren stellte er beim Friedhof ab und nahm ihn am Mittag wieder nach Hause. Die Sekundarschule besuchte er in Wängi. Kirche Gottesdienst und Unterricht waren für die Katholiken in Wängi. Eine Stunde zu Fuss. Die Pfarrherren hiessen Keller und Isenegger.

Beruf Landwirtschaftliche Schule in Arenenberg: verschiedene Handarbeiten wie melken, zetten, heuen, Mädli machen, Heu laden. Ein Mann auf dem Wagen, ein anderer mit der Gabel aufladen, mit der Mähmaschine umgehen. Getreide mähen von Hand, Maschine mit «Ableger» zum Garben machen und «Bändli» legen, Bindemäher, «Puppen» machen, Getreide einführen und abladen, dreschen. Im Jahre 1956 wurde mit Stettfurt zusammen eine Dreschmaschine angeschafft. Zeitweise fungierte Johann als Dreschmeister. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass in den 50er-Jahren eine absolute Wende stattfand von der Handarbeit hin zu Mechanisierung mit total neuen Methoden. Vereine Unter anderem Samariterverein, der bereits 1917 gegründet worden war, zusammen mit den Gemeinden Stettfurt und Wittenwil. Erste Hilfe wurde angeboten, künstliche Beatmung geschah nach System «HolgerNillsen», in Bauchlage. Später wurden vermehrt Unfälle im Strassenverkehr ins Visier genommen. Militär Johann hatte seine erste Bahnreise als 15-Jähriger nach Lausanne fürs Welschlandjahr gemacht. Nun konnte er dank RS seine zweite Reise über den Gotthard ins Tessin antreten.

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Feuerwehr Das Feuerwehrdepot befand sich an der unteren Altholzstrasse. Es war ausgerüstet mit Schlauchwagen, Motorspritze und Leiter. Den Traktor stellte damals Albert Keller, Espel. Es gab auch eine Alarmierung. Einmal wurde eine solche Alarmierungsübung vorgeschrieben, da stellte sich aber heraus, dass die dazu notwendigen Raketen feucht und überhaupt nicht mehr brauchbar waren. Mosterei Besitzer Lenggenhager. Es wurde auch Süssmost hergestellt. Ein Mischprodukt mit Orangen (Halb-Halb) fand viele Liebhaber. Lenggenhagers betrieben auch eine Grastrocknerei. Karl Lenggenhager erzählte folgende Geschichte über den Erwerb seines Führerscheins für den Lastwagen. Etwa 20 bis 30 Leute seien in einem Kreis gestanden und hätten einige Fragen beantworten müssen. Nachher sei ein Experte der fahrenden Gruppe gefolgt. Schluss. So gemütlich ging das damals noch her. Sägerei Bischof Funken aus der Hobelmaschine führten zu einem furchtbaren Brand. Alarmraketen riefen einige Feuer­ wehren ins Dorf, aber es konnte nichts mehr gerettet werden.

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Alois Bachmann erinnert sich an zwei Streiche Unterhalb des Gebietes Au, Dietlike beim alten Scheibenstand an der Murg besass August Haueisen ein Stück Land. Aus den Strohballen hatte er einen grossen Turm errichtet. Das reizte die Matzinger Buben und sie zündeten ihn eines Tages kurzer Hand an. Das gab wohl ein Donnerwetter! Aber wie ging es weiter? Von besagtem Mann hatten sie auch folgenden Spruch gehört und natürlich selbst zitiert: «Hörst du auf dem Feld die Wachteln. Aus schönen Mädchen gibt es alte Schachteln!» Die Geschichte mit der Waldhütte Sie stand auf dem Gebiet der heutigen Autobahn und gehörte Max Ammann im Neuhof. Es musste ca. 1942 gewesen sein, als Wisi (Alois) und Hugo Wegmann einst Kartoffeln und Eier mitlaufen liessen, um in der Hütte ein Festessen zu halten. Beim Braten fing die Hütte aber Feuer. Sie schmissen schnell Pfanne und Rost weg und es gelang ihnen wenigstens einen Teil der Hütte zu retten. Die Sache wurde dem Besitzer gebeichtet und der befahl ihnen nur die Sache wieder aufzubauen. Also stahlen die beiden bei der Sägerei Bretter, schwänzten ein paarmal die Schule und brachten die Sache wieder in Ordnung. Jahre später suchte die Polizei einen Verbrecher. Sie fanden ihn in eben jener Hütte, wo er Unterschlupf gesucht hatte.


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Ein Hundertjähriger erzählt

Max Kummli 1914 – 1916

Max Kummli, wohnhaft an der Aadorferstrasse 48 kam als junger Mann nach Matzingen. Dieses Interview fand wenige Monate nach seinem 100. Geburtstag im Jahre 2014 statt. Die Autorin des Berichts konnte nur staunen über die geistige und körperliche Frische und das fabelhafte Gedächtnis des Interviewpartners, der selbst nach dreistündigem Gespräch keine Ermüdungserscheinungen zeigte.

Max Kummli kam am 23. Januar 1914 in Liestal zur Welt. Sein Vater war zweimal verheiratet. Aus der ersten Ehe stammten vier Kinder. Als die Mutter starb, verehelichte er sich erneut und drei weitere Kinder wurden geboren. Das letzte Kind war Max. Ein Monat vor seiner Geburt war sein Vater verstorben. Die Mutter war nach diesem Schicksalsschlag untröstlich und krank. Hinzu kam, dass die Bürgen, die für das noch neue Haus Geld geliehen hatten, sie drängten, das Haus zu verkaufen. Da war sie nun, eben Witwe geworden, mit sieben Kindern, ohne Haus und Ernährer. Der Vormund befand, dass die beiden ältesten

Kinder die Familie verlassen müssten. Eine Schwester arbeitete fortan in einer Fabrik und ein Bruder kam zu einem Bauern. Für die Mutter bedeutete das zeitlebens ein grosser Schmerz, dass sie diese beiden Kinder weggeben musste. Die Familie fand nun ein Zuhause auf einem abgelegenen Hof. Die Mutter brachte ihre Kinder mit Heimarbeit durch. Später fand die Familie eine neue Heimat in Frenkendorf in der Wohnung einer Methodistenkapelle. Sie konnten nun sogar noch ein «Kostkind» aufnehmen. Max absolvierte die Primar- und Bezirksschule in Liestal und machte nachher eine KV-Lehre beim Konsumverein,

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ebenfalls in Liestal. Allerdings bekam er nach der Lehre während drei Jahren nur Aushilfsstellen, denn es war die Zeit der grossen Arbeitslosigkeit.

Max Kummli

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Die Verbindung nach Matzingen Ein Cousin von Max, ein väterlicher Freund, heiratete die jüngste Tochter des Wagners Gehring aus Matzingen. Die Freude an der Musik brachte die jungen Leute zusammen. Max spielte Geige. So kam es, dass er erfuhr, dass ein weiterer Sohn aus der Familie des Wagners Gehring, Prokurist in der Mühle Matzingen war. Zu eben jener Zeit suchte die Mühle einen Gehilfen für den Prokuristen. So schrieb Max eine Bewerbung und wurde angenommen. Das war am 5. November 1935. Da war die Freude gross; doch bald darauf kam die Nachricht, dass man einer anderen Person die Stelle versprochen hatte. Ach jeh! Nach weiteren zwei Wochen kam der Bescheid, dass die Stelle doch für ihn frei sei. Vorher schon hatte Max bei einem Besuch Matzingen lieb gewonnen. Die schöne grüne Landschaft hatte es ihm angetan. Nun wohnte er bei Fritz Gehring senior. Verpflegt wurde er bei Werner Gehring, einem Bruder des Prokuristen Arnold Gehring. Dieser war im Aussendienst des Blindenheims St. Gallen und später auch des Gebrechlichenheims tätig. Er wohnte an der St. Gallerstrasse 6 in Matzin-


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gen. Er gestaltete in seinem Haus Gottesdienste der «Freien Christlichen Gemeinde». Zugleich betreute er auch Gruppen in Müllheim, Degersheim, St. Gallen, Flawil und Uzwil. Da Max nie einer Kirche angehörte, war es selbstverständlich, dass er sich dieser Gruppe anschloss. Werner Gehring leitete die Matzinger Gemeinschaft bis zu seinem Tod. Dann übernahm die Chrischona diese Gruppe. Mit der Zeit gab es nur noch Abendgottesdienste. Ein Teil des Landes des verstorbenen Werner Gehring, wurde an die Schulgemeinde verkauft. Dafür erhielt die Gemeinschaft Gastrecht für ihre Zusammenkünfte im Schulhaus, viel später dann noch im Kirchgemeindezentrum. Im Jahre 1945 verehelichte sich Max Kummli mit Martha Oppliger aus Uzwil. Sie bewohnten das Haus Nr. 34 an der Aadorferstrasse. Es gehörte der Mühle. Erst 1953 konnten sie ihr eigenes Haus an der Aadorferstrasse 48 bauen und beziehen. Das Land hatte vorher Spengler Mohn gehört. Der Ehe wurden die Kinder Magdalena * 1953, Elsbeth * 1955 und Wilfried * 1958 geschenkt. Die kleine Elsbeth starb leider schon nach 11 Monaten. In dieser langen Zeit wirkte Max Kummli in unzähligen Vereinen und Organisationen mit. VVM 1946 erging ein Aufruf an die Bevölkerung zur Gründung eines Verschönerungsvereins. Ruhebänke wurden erstellt und im Wald Nistkästen aufgehängt und für deren Unterhalt gesorgt. Später konnte man die Pacht am Weiher übernehmen und es wurden Wasservögel und Damhirsche eingesetzt. Heinrich Mohn hatte zuvor in unzähligen Freistunden einen Zaun erstellt.

Güterzusammenlegung Max Kummli amtete von 1958 bis 1983 als Kassier. Er nahm dieses Amt gerne an. Die finanzielle Entschädigung konnte die Familie gut brauchen. Samariterverein. Nach dem Besuch eines Samariter Kurses 1939 und eines Krankenpflege-Kurses 1941 trat er dem Samariterverein Matzingen als Aktivmitglied bei und amtete von 1947 bis 1967 als Präsident. Zur damaligen Zeit wurde den Leuten auch beigebracht kleine Stege auf- und auch wieder abzubauen. Bei einer solchen Übung ereignete sich folgendes: beim Murgkanal hatte sich viel Laub gestaut, das aussah wie fester Boden. Jakob Burgermeister sprang auf diese laubbedeckte «Platte» hinunter und erfuhr zu seinem jähen Schrecken, dass da ja Wasser darunter war. Doch die Sache lief glimpflich ab. Schwimmbad Stettfurt Relativ früh hatte man am Kanal eine Badehütte erstellt. Man suchte später nach einer Möglichkeit, um eine bessere Badegelegenheit schaffen zu können. Als man hörte, dass Stettfurt ein Schwimmbad realisieren wollte, schloss man sich zusammen. Einzelne Mitglieder der Schwimmbadgenossenschaft arbeiteten aktiv an der Realisierung mit.

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Fotoclub Schon lange hatte Gottfried Mohn mit dem Fotografieren begonnen. Nun aber erhielten die Interessierten vom Fotografen Weber aus Frauenfeld Anleitung zum selber Entwickeln. Krankenkasse Matzingen Als Max Kummli nach Matzingen kam, musste er sich bei der Krankenkasse Matzingen anmelden. Die Beiträge waren damals sehr bescheiden. Mit der Zeit wurden aber die Ausgaben immer grösser, so dass man unbedingt eine neue Finanzierungslösung suchen musste. Er wurde beauftragt mit «Helvetia» zu verhandeln. Zum Glück waren sie sofort bereit die Kasse zu akzeptablen Bedingungen zu übernehmen. Kirchenchor Matzingen Max erhielt von der damaligen Leiterin, Frau Spörri, 1985 eine Einladung, um an verschiedenen Konzerten des Figuralchores in der Kreuzkirche Wil ad hoc mitzuwirken. Der Kirchenchor Matzingen musste leider mangels Interesse aufgelöst werden. Heute existiert dafür ein Gospelchor. Genossenschaft Alterswohnungen Dr. Aujesky stellte den Antrag zur Gründung einer Genossenschaft für Alterswohnungen. Max Kummli wirkte in diesem Gremium mit.

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Prokurist in der Mühle Sein ganzes Erwerbsleben lang arbeitete Max Kummli als Prokurist in der Mühle. Er überlebte dort drei Generationen. Die Kriegsjahre waren die schlimmsten. Es wurde alles von Bern aus kontingentiert und strengstens kontrolliert. Einziger Vorteil für ihn war, dass er vom Wehrdienst dispensiert war. In der Nachkriegszeit wurde die Gries- und Mehlmühle still gelegt, da es in der Ostschweiz zu viele Mühlen gab. Ein Lohnmischfutterwerk entstand, bis Frau Ringold auch dieses Werk aufgab und die Gebäulichkeiten zu Wohnungen und einem wunderschönen Restaurant umbauen liess. Max Kummli kann als Prokurist und Mitwirkender in all den vielen Gremien wahrlich auf ein äusserst ausgefülltes Leben zurückblicken. Seit wenigen Jahren ist Max Witwer. Er lebt im eigenen Haus, arbeitet noch im Garten, geht einkaufen und kocht meist selbst. So ist es nicht verwunderlich, dass sich eine riesige Schar von Gratulanten mit ihm an seinem 100. Geburtstag freute. Max strahlte wie immer grosse Bescheidenheit und Dankbarkeit aus. Er weiss, dass Gott ihm durch sein langes Leben hindurch geholfen hat und ihn stets seine Fürsorge und Liebe spüren liess.


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Interview mit meiner Mutter Frida Horber

Silvia Horber, Tochter von Frida Horber

Ort Datum Zeit Name der Befragerin

Halingen, Gemeinde Matzingen TG 8. Mai 1994 14 – 19 Uhr Silvia Horber, Tochter der befragten Person

Angaben zur befragten Person

Name Frida Horber-Osterwalder Geburtsjahr 1930 Geburtsort Staudenhof (Halingen), Gemeinde Stettfurt

Lebensstationen

· Aufgewachsen auf alleinstehendem Bauernhof zusammen mit vier Jahre älteren Schwester · Besuch der Primarschule in Matzingen · Zehn Jahre Verantwortliche für Näherei (Familienbetrieb Lüscher, Näherei und Weberei) in Stettfurt · Dazwischen ein Jahr landwirtschaftliche Haushaltungsschule in Brugg AG · 1958 Heirat mit Bauer Walter Horber in Halingen · Zwei Kinder, neben Arbeit auf eigenem und elterlichem Hof, Betreuung und Pflege zahlreicher Familienmitglieder · Heute ist sie Witwe und wohnt gegenüber dem einstigen Bauernhaus, Mithilfe auf dem Hof des verheirateten Sohnes, da dieser noch einen Zweitberuf ausübt

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Wie war deine persönliche Situation in den Dreissigerjahren? Wir lebten sehr bescheiden. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte waren tief. Allerdings hatte ich als Kind nicht das Gefühl, es fehle mir etwas. Wir lebten hauptsächlich von eigenen Erzeugnissen, die wir auf alle möglichen Arten zu konservieren versuchten. Hatten wir ein Schaf oder ein Kalb geschlachtet, so bereiteten wir das Fleisch mit Sauce fertig zu. Wir hatten, wie andere Familien auch, einen Apparat für 200 Franken angeschafft, womit man das Fleisch in 1 – 2kg-Büchsen abfüllen konnte, die darauf allerdings noch sterilisiert werden mussten. Für die Zeit, während der die Hühner kaum Eier legten, sorgte man ebenfalls vor. In einen Tontopf legte man rohe Eier in sogenanntes Wasserglas (leimige Masse), das man im Verhältnis 1 : 10 mit Wasser verdünnte. Bis hundert Eier konnten so in einem Topf etwa ein Jahr aufbewahrt werden. Bohnen, Aepfel, Birnen, Zwetschgen und Kirschen dörrten wir, ebenso Gewürzkräuter und Tee (Kamille, Lindenblüte, Pfefferminze, Huflattich und Frauen­ mänteli).

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Statt «Melisana» benutzte man Nusswasser. Dazu wurden die Johannisnüsse, das heisst die grünen Nüsse, die um den Johannistag am Boden lagen, eingesammelt und in Schnaps an die Sonne gestellt. Wahrscheinlich kam noch Zucker dazu. Sogar Essig stellten wir aus saurem Most mit Hilfe einer «Essigmuettere» selber her. Ich besass zwei Paar hohe Schuhe, für die Werktage und für den Sonntag. Im Sommer gingen wir meist barfuss zur Schule (ca. 2,5 km). Erst mit zehn Jahren bekam ich meine ersten Halbschuhe. In der dritten Klasse erhielt ich meinen ersten Mantel, einen blauen. Vorher war eine schwarze Pelerine der einzige Schutz im Winter. Ich hasste dieses dunkle, unförmige Ding und trug es nur im äussersten Notfall. Ein Nachbarmädchen lieh sich meinen neuen Mantel zur Beerdigung ihres Bruders aus, der beim Holzfällen ums Leben gekommen war. Hattest du Verwandte oder Bekannte, die arbeitslos waren? Ein Cousin meines Vaters, der Lokführer bei Sulzer in Winterthur war, konnte nur noch während zweieinhalb Tagen in der Woche arbeiten. In den Jahren 1934 – 1936 verbrachte er fast alle Wochenenden mit seiner Frau und seinen beiden Kindern bei uns, um sich über Wasser halten zu können. Viele Tagelöhner fragten damals nach Arbeit. Die meisten übernachteten im «Kreuz» in Frauenfeld. Neben den Mahlzeiten bekamen die «Tippelbrüder» zwei Franken pro Arbeitstag.


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Es kam auch vor, dass ein solcher «Kundi» ohne unser Wissen nachts in unserem Hof Unterschlupf suchte. Mein Vater bemerkte oft nur Anzeichen dafür. Als er einen von ihnen zufällig entdeckte, machte der sich davon und kam nie wieder. Ein bekannter Landstreicher war Heiri B. aus Matzingen. Er war ein uneheliches Kind und später ständig unterwegs. Man hatte ihn sogar zwangsweise «sterilisiert». Oft brachte ihn die Polizei von irgendwoher in der Schweiz zurück, weil er ohne Papiere angehalten worden war. Dann sperrte man ihn meist einige Tage im Schulhauskeller ein, im Arrestlokal der Gemeinde. Zum Griffelspitzen mussten wir jeweils in den Kellerhals, wo wir die Inhaftierten hörten. Später waren oft Polen da unten. Einer, der furchtbar gewütet hat, ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich fürchtete mich sehr. Wahrscheinlich waren die Polen zu spät vom Ausgang zurückgekehrt oder hatten verbotenerweise Handel betrieben.

Als Kind spürte ich manchmal die finanziellen Sorgen meiner Eltern. In den Zwanzigerjahren waren Berner nach Halingen gekommen. Sie hatten Betriebe von Thurgauer Bauern übernommen, die wahrscheinlich den Strukturwandel vom Reb- und Obstbau zur Milchwirtschaft nicht verkraftet hatten. Ein Bauernhof kostete damals zwischen 30 000 und 35 000 Franken. Einer der Berner konnte 3000 Franken, die drei anderen 2500 Franken anzahlen. Den Rest bekamen sie nur dann von der Bank, wenn andere Leute für sie bürgten. Mein Vater bürgte zum Teil allein, zum Teil mit anderen für die vier Berner Bauern. Zu den schwierigen Bedingungen während der Dreissigerjahre und des Zweiten Weltkrieges kamen noch Unglücksfälle (Hausbrand, Tod einer der Frauen bei der Geburt ihres zehnten Kindes). Meine Eltern fürchteten, wegen ihrer Verpflichtungen um Haus und Hof zu kommen. Erst 1958 wurden die Bürgschaften aufgelöst. Wie hast du deine freien Stunden verbracht? Am Sonntagnachmittag trafen wir Kinder uns häufig am nahe gelegenen Seerosenweiher. Fritz war der Chefkoch. Für die Mädchen brutzelte er Spiegeleier. Die Knaben assen gebratene Froschschenkel. Als Getränk lösten wir etwas Konfitüre in Wasser auf. Manchmal schenkten mir meine Eltern ein Zwanzig­ rappenstück. Zusammen mit anderen Halingermädchen spazierte ich dann zum nahe gelegenen Schloss Sonnenberg hinauf. Hier legten wir alle unser Geld zusammen. Wir brachten es meist auf einen Franken sechzig. Damit bestellten wir Brot und Speck. Wasser holten wir am Schlossbrunnen.

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Viel Zeit verbrachte ich mit unserem Neufundländer Hund Fino und meinem Lieblingspferd Fani. Später trafen wir Jungen uns in einem Nachbarhaus und tanzten zur Handorgel. Eine Kollegin brachte uns auf den Geschmack von Pfefferminzlikör. Wie stand es mit Reisen? In der ersten Klasse war ich auf dem Hohenklingen, in der vierten auf dem Rütli und in der siebten auf dem Gäbris, wo wir wegen dem «Fliegerposten» nicht einmal im Restaurant einkehren durften. Das waren meine einzigen Reisen in der Schulzeit. Erzähle bitte etwas über deine Wohnsituation. Geheizt wurde unser Haus mit dem Herd und dem Kachelofen, womit Stube und Küche die einzigen warmen Räume waren. Unsere Betten wärmten wir im Winter mit Steinsäcken (Kirschensteine), die wir jeweils vorher für einige Zeit ins Ofenrohr geschoben hatten. Eine Pumpe im Keller sorgte für den Druck des Wassers in der Küche. Wollten wir warmes Wasser, so mussten wir es auf dem Herd aufkochen. Wir wuschen uns in der Küche. Eine Badewanne besassen wir nicht. Doch als Kind setzte ich mich an Waschtagen manchmal in den Wäschezuber. Zähne putzen kannten wir nicht. Wie war deine Schulsituation? Wir waren 33 Kinder in meiner Klasse. Pro Schulzimmer ergab das ca. 70 Kinder.

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In Matzingen unterrichteten eine Lehrerin und zwei Lehrer. Schon meine Eltern besuchten den Unterricht bei den gleichen Lehrern. Die Unterteilung war wir folgt:  Ab dem 4. Schuljahr besuchte ich bis zum 9. Schuljahr an zwei Nachmittagen pro Woche die Nähschule. Während der Kriegsjahre 1942/43 wurde dieser Unterricht in den Saal des Restaurants Sonne verlegt, damit die Schule Kohle sparen konnte. Im 9. Schuljahr besuchte ich während zwei Stunden am Vormittag den religiösen Unterricht in Stettfurt, im 10. Schuljahr an zwei Vormittagen pro Woche. Wir lernten lesen, schreiben, auswendig lernen, rechnen, zeichnen, Geografie, Geschichte, singen und in der 5. und 6. Klasse die deutsche Schrift. Im Sommer machten wir Freiübungen und Stafetten unter den Kastanienbäumen. Das Reck benutzten wir nur in den Pausen. Im 7. und 8. Schuljahr stand uns neu eine Turnwiese zur Verfügung. Beim einen Lehrer sangen wir morgens immer ein Lied und beteten. Der andere Lehrer betete nicht. Die Unterschullehrerin war sehr herzlich und bemühte sich auch um schwache Kinder. Der Mittelschullehrer war ein gutmütiger Mensch, hatte aber für schwierige und schwache Schüler keine Geduld. Der Oberschullehrer war ein «Militärkopf», behandelte aber alle gleich. Unsere Lehrer hatten immer einen Haselstecken bei sich, den sie täglich mehrmals über die Rücken fehlbarer Schüler niedersausen liessen. Manchmal stocherte unser Lehrer während des Lesens auch in den Samthaarbändern der Mädchen.


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Ich erinnere mich an den Tag, als die alten Drehschalter mit modernen Kipplichtschaltern ausgewechselt wurden. In der Pause wollten wir alle einmal den neuen Schalter betätigen. Das setzte für uns alle einen «Tatzen» ab. Oft zerbrachen die Knaben in der Pause den Haselstecken. Der Lehrer besorgte sich jeweils kommentarlos einen neuen. Es kursierte folgender Spruch: «Dä Schangli mit em Besästiel, dä haut dä Chindä all zu viel. All zu viel isch ungesund, dä Schangli isch en Lumpähund.» Seltener kam es vor, dass einem Mitschüler mit dem Strick der Hintern versohlt wurde. Diese Strafe setzte es ab, als unserem Lehrer zu Ohren kam, gewisse Knaben hätten Eidechsen gebraten. Gab es konfessionelle Probleme? In unseren Klassen gab es nur sehr wenige Katholiken. Das war völlig problemlos. Unsere nächsten Nachbarn im Staudenhof waren Katholiken. Wir halfen uns oft gegenseitig. An konfessionellen Feiertagen nahm man aufeinander Rücksicht. Schlimme Zustände herrschten in der Gemeinde Wängi. Da hetzten die beiden Pfarrer die Leute gegenseitig auf. Hast du als Kind von Krisenmassnahmen gehört? Ich hatte gehört, dass das Geld weniger wert sei. Doch uns wurde gesagt: «Wenn du einen Franken im Kässeli hast, so ist es immer noch ein Franken.»

Was war das Besondere an eurer damaligen Kleidung? Wir Mädchen trugen immer Schürzen, bis zur 3. Klasse «Schlüüfschössli», dann Trägerschürzen. Die Knaben trugen bis zur 3. Klasse Rundschürzen. Aus Grossmutters Röcken fertigte meine Schwester Jupes an mit je einer Falte hinten und vorn. Darauf waren wir sehr stolz. Wir achteten darauf, dass sie nur knapp die Knie bedeckten. Das dünkte uns modern. In der Handarbeit durfte ich als Nebenarbeit passende Blusen nähen, da ich immer rasch fertig war. Die Mädchen trugen damals Unterwäsche aus farbiger Popeline, auch der Unterrock bestand aus dem selben, knisternden Material. Frida Horbers Mann fügt bei: Die Knaben trugen im Sommer keine Unterwäsche. Im Winter trugen wir eine Art «Kombi», bestehend aus langen Ärmeln und Beinen. Durch einen Schlitz am Rückenteil konnte man hineinschlüpfen. Beim Schliessen der Knöpfe musste jeweils jemand behilflich sein. Die wollenen Strümpfe befestigten wir mit einem Gummiband an diesem «Kombi». Unsere Hosen reichten bis zu den Knieen, nur die Berner trugen sie wadenlang. Lag Schnee, zogen wir Ueberstrümpfe (Bössli) an, die zum Schuh zurückgeschlagen wurden. Mit Knöpfen und einem Gummiband unter den Schuhen durch wurden sie befestigt. Frida Horber fährt fort: Das «Bösslinähen» für die Kaserne Frauenfeld war um 1904 der Nebenverdienst der Vorgängerfamilie im Staudenhof.

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Wann hast du das erste Mal von Hitler gehört? Meine Eltern, diskutierten, was sie in der Thurgauer Zeitung über Hitler gelesen hatten. Wir besassen erst ab 1941 ein Radio. Kannst du dich an den Anschluss von Österreich ans Dritte Reich erinnern? Viele Leute hatten damals Angst vor einem Krieg. Persönlich betraf mich das noch nicht. Unser Vater beruhigte uns. Stichwort: Kriegsausbruch Das war am 28. August 1939. Das erste Aufgebot zum Einrücken erhielt mein Vater um 20 Uhr, das zweite um 22 Uhr und um halb zwei Uhr nachts brachte der Weibel von Stettfurt mit dem Velo das dritte Aufgebot. Der Vater packte in der Nacht und rückte am Morgen in Amriswil ein. Er war in der Grenzschutzkompanie III/13O eingeteilt. Es war ein nasser Sommer. Wir waren spät dran. Die Ernte war noch nicht unter Dach. Als wir am Morgen zur Schule gingen, war mein Lehrer noch da. Der andere war weg. Später halfen oft pensionierte Lehrer aus.

Wie hast du den Mai 1940 erlebt? Beim Nachbar Jakob Stutz hörte ich aus dem Radio den Fall der Maginotlinie. Am 10. Mai war die 2.Generalmobilmachung. Auf dem Staudenhof hörten wir die ganze Nacht Truppen, die in Richtung Grenze unterwegs waren. Der Vater berichtete uns von Truppenzusammenzügen über dem Bodensee. Er schrieb aber auch, dass wir Mut und Gottvertrauen haben sollen. Man holte unser Pferd samt Wagen. Der Wagen wurde nach Lommis gebracht, um den Flughafen zu sperren. Wie sollten wir nun heuen? Da kam nach zwei Wochen am Freitag der Wagen zurück, am Samstag das Pferd und am Sonntag der Vater in Urlaub. 1941 überfiel Hitler die Sowjetunion … Russland war für mich unvorstellbar weit weg. Das Wort «Kaukasus» prägte sich ein. Dezember 1941 – Japanischer Luftangriff auf Pearl Harbour … Als Kind erfasste ich nicht, was da geschah. Was bedeutete die deutsche Kapitulation in Stalingrad 1943? Wir waren erleichtert. Jetzt kommt Hitler nicht mehr in die Schweiz. Hast du von der Bombardierung in Friedrichshafen und Schaffhausen gehört? Als Friedrichshafen bombardiert wurde, standen wir alle auf der Strasse. Wir hatten die Bomber gehört und nahmen das Ganze wie ein Gewitter wahr. Scheinwerfer suchten nach Flugzeugen.

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An einem ersten April mittags um elf Uhr glaubten wir Donnergrollen zu hören. Später vernahmen wir, dass Schaffhausen bombardiert worden sei. Ein Hausierer berichtete aufgeregt von der Bombardierung in Buhwil: «Dörfet's glaube, dörfet's glaube, ha's sälber gseh.» Kannst du noch mehr berichten von Bombern über der Schweiz? Am 1. August 1944 quartierte sich eine Scheinwerfertruppe für fünf Wochen auf unserm Hof ein. Im Umkreis gab es fünf weitere Scheinwerferstationen. Neben dem Staudenhof war eine in Tuttwil und eine in Eschlikon. An die andern beiden Orte erinnere ich mich nicht mehr. Für uns Kinder war das eine aufregende Sache. Die Scheinwerfer nahmen die Flugzeuge (zu Übungszwecken auch schweizerische) ins Fadenkreuz. Von Tuttwil aus wurde mit der schweren Flab (7,5cm Durchmesser) geschossen. «Unsere 12 bis 15 Soldaten» waren Elektromonteure, Freileiter und in ähnlichen Berufen tätig. Bis auf die beiden Jurassier stammten alle aus der Genferseegegend. Sie benutzten zum Kochen unsere Küche und zum Essen unsere Stube. Zum Schlafen hatten sie sich in der Scheune eingerichtet. Zweimal wöchentlich bekamen sie Nahrungsmittel von Aadorf, nämlich am

Dienstag und am Freitag. So veranstalteten sie jeden Dienstag ein Festmahl. Dazu luden sie jeweils noch zwei befreundete Leutnants und einen Korporal ein. Das hatte zur Folge, dass ihre Vorräte am Mittwochabend stets schon aufgegessen waren. Meine Mutter lud sie dann am Donnerstagmittag meist zu einer einfachen Mahlzeit ein und für das Abendessen suchte Buillard dann Pilze. Eigentlich sollte die ganze Nacht jemand aus der welschen Scheinwerfertruppe Wache halten. Doch so gegen drei Uhr morgens verzogen sich meist alle zum Schlafen. Mein Vater weckte die Gruppe einige Male, als frühmorgens ein Offizier auftauchte. Das grösste Ereignis bahnte sich an einem Mittag um elf Uhr an. Die Deutschen hatten scheinbar einen Bomber getroffen und nun sah man fünf Fallschirmspringer, die in nordöstlicher Richtung in ca. 2 km Entfernung niedergingen. Der Korporal versprach: «Frau Osterwalder, heute bringen wir Ihnen Franzosen oder Engländer zum Mittagessen.» Und die ganze Scheinwerfertruppe rannte los, querfeldein. Doch ein anderer Militärposten schnappte ihnen die fünf Amerikaner knapp vor der Nase weg. Meine Mutter lud die bitter enttäuschte Gruppe daraufhin zu Wähe und Kaffee ein, damit sie nicht auch noch auf das Mittagessen verzichten mussten. Was hast du über die Judenverfolgung und -vernichtung gehört? Ich hatte gehört, dass Juden aus Polen vertrieben wurden. Man sprach aber wenig darüber. Persönlich kannte ich jüdische Vieh- und Pferdehändler. Ein Kleidergeschäft in Frauenfeld gehörte einem Juden. Sie waren bei uns anerkannt.

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Wie dachte man über General Guisan? Im Gegensatz zu General Wille war er beliebt. Wie wurde der Bundesrat beurteilt? Man vertraute ihm. Es fallen mir die Namen Minger, Motta und Etter ein. Welche Bedeutung hatte das Reduit? Wir hörten, dass sich Frauen von hohen Offizieren und auch Offiziere selber in die Innerschweiz in Sicherheit begaben. Meine Tante arbeitete bei einem Major, der ein Rechtsanwaltsbüro in Zürich führte. Er bezichtigte seine deutsche Frau der Spionage. 1940 stellte er Frau und Tochter mit je hundert tausend Franken an die Konstanzer Grenze. Warum wurde die Schweiz von Hitler nicht überrollt? Was hast du damals geglaubt? Ich hörte, dass Hitler die Schweiz als Transportland brauche. Ich glaubte auch, dass Hitler doch einen gewissen Respekt hätte: «Vor dem Krieg hat niemand gerüstet als Deutschland und die kleine, freche Schweiz.» Was glaubst du heute? Es sind viele Konzessionen gemacht worden, von denen ich damals nichts gewusst habe.

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Wie hast du das Kriegsende erlebt? Anfangs Mai 1945 hörte ich die Nachricht im Radio. Alle Kirchenglocken läuteten. Frida Horbers Mann fügt bei: Ich arbeitete damals in Kyburg. Zuerst fand ein Gottesdienst statt. Nachher trafen sich alle Dorfbewohner in der «Linde», auch der Pfarrer. Ein solches Fest habe ich nie mehr erlebt. Und das Kriegsende in Japan … Ich hörte von den Atombomben, glaubte an die schreckliche Notwendigkeit. An den Zeitpunkt kann ich mich nicht mehr erinnern. Was bedeutete die Rationierung? Wir hatten auf unserm Bauernhof immer genug zu essen. Es mangelte eher an Kleidern und Schuhen. Wir liessen in Grabs Schafwolle verarbeiten. Aus alten Kleidern fertigten wir neue. Verwandten und Bekannten aus der Stadt verschenkten wir Brot, Eier und Fleisch. An eine kinderreiche Familie gaben wir verbotenerweise etwas Milch ab. Leute kamen zum Ährenlesen und baten mich: «Heb dä Räche nöd z'fescht abe.» Einige Male wurde uns von der «Beige» Holz gestohlen. Schwer arbeitende Männer bekamen Zusatzkarten für Nahrungsmittel. Mein Vater bekam drei kleine Zusatzkarten.


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Welche Auswirkungen hatte die Anbauschlacht (Plan Wahlen)? Da wir sowieso ziemlich viel Ackerfläche hatten, mussten wir unseren Hof nicht anders bewirtschaften. Neu pflanzten wir nur Raps und Mohn zur Ölgewinnung und Bohnen für die Konservenfabrik. Während mein Vater abwesend war, pflügte ein Bauer aus Bottighofen unsere Äcker mit einem Holzvergasertraktor. Der grosse Vorteil war, dass die Leute nicht wählerisch waren. Auch weniger schöne Feldfrüchte konnten mühelos verkauft werden. Zweimal pro Jahr wurden die Hühner gezählt, damit wir auch ja genügend Eier ablieferten. Habt ihr euch an die Verdunkelung gehalten? Wir hielten uns streng daran. Der Weibel machte regelmässig Kontrollen. Die Scheunespalten vernagelten wir mit Wellkarton, an den Stallfenstern wurden Säcke befestigt. Im Haus benutzten wir Verdunkelungsvorhänge. An Orten, die nur sehr schwer zu verdunkeln waren, gebrauchten wir blaue und schwarze Glühbirnen, die nur ganz vorne eine kleine, helle Stelle aufwiesen. Welche Bedeutung hatte das Radio? Meine Mutter war überzeugt, dass man sich auf die wöchentlichen Ausführungen von R. von Salis zur aktuellen politischen Lage am ehesten verlassen konnte. Deutsche Sender wurden zum Teil gestört. Allerdings konnte man jeweils am Sonntagnachmittag aus vielen Fenstern die schneidige Musik des deutschen Wunschkonzertes hören.

Stichwort «Internierte» Im Juni 1940 kamen die Franzosen. In den meisten umliegenden Dörfern wurden dreissig bis vierzig Mann einquartiert. In Thundorf waren sie in der ehemaligen Stickerei untergebracht. Bauern, die Arbeit hatten, konnten sich melden. Neben der Verpflegung war ein festgelegter Lohn vorgeschrieben. Viele Franzosen halfen damals beim Fällen alter Birnbäume. Auch im Wald wurden sie eingesetzt, um das «Pflichtholz» zu beschaffen, das abgeliefert werden musste. Am meisten beeindruckt hatten mich die dunklen Franzosen auf ihren Schimmeln. «Spaj» nannte man die Nordafrikaner. Es waren die ersten dunklen Männer, die ich zu Gesicht bekam. 1942 kamen die Polen. Ich war an diesem Nachmittag in der Nähschule, als sie in Matzingen aus dem Zug stiegen. Etwa zehn Militärbaracken auf Pfählen waren für sie hergerichtet worden. Wieder konnten sich Bauern melden, die Arbeitskräfte benötigten . Der erste Pole, der bei uns arbeitete, hiess Stanislaus Waldzak. Er sprach nur polnisch. Das machte die Verständigung mit ihm ziemlich schwierig. Unser zweiter Pole war Stanislaw Luzniak. Er stammte von Schneidemühl an der deutsch/polnischen Grenze. Stanislaw sprach gut deutsch, wollte aber unbedingt meine Schwester zur Frau haben, ansonsten drohte er uns mit Schlimmem. Wir begannen ihn zu fürchten. Auf Veranlassung meines Vaters wurde er in die Innerschweiz verlegt. Nach dem Krieg schickte er meiner Schwester aus Schneidemühl immer noch Heiratsanträge.

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Unser dritter Pole hiess Adam Wojtalewitch. Er stammte aus einem Gebiet in Polen, wo der Boden topfeben sei. Ihre Wagen hätten daher keine Bremsen. Adam war ein «Franzosenpole» und hatte vor dem Krieg auf einem riesigen Zuckerrübenbetrieb in Frankreich gearbeitet. Viele Polen arbeiteten in den DreissigerJahren auf heruntergekommenen französischen Bauerngütern. Wir alle hatten Adam sehr gern und er gehörte schon beinahe zu unserer Familie. Zur landwirtschaftlichen Weiterbildung besuchte er regelmässig eine Schule in Frauenfeld. Mit dem einen Polen hatten wir stets eine ganze Gruppe übers Wochenende oder an Abenden zu Hause. Bis um 23 Uhr hatten sie Ausgang. Einer der Kollegen war Johan Kirzek aus Warschau. Er studierte Wirtschaft. Auch er hatte die Möglichkeit, sich in einem beschränkten Rahmen weiterzubilden. Dazu gehörten unter anderem Betriebsbesichtigungen. Seine Bücher hatte er bei uns deponiert, ebenso seine Schreibmaschine, die für uns Kinder das Grösste war. Nach der Schule rannten wir oft um die Wette nach Hause, um als erste die Maschine in Beschlag nehmen zu können. Wir machten uns einen Spass daraus, die Radionachrichten laufend abzutippen. Wer den längsten Text mit den wenigsten Fehlern nachweisen konnte, war Siegerin.

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Nach dem Krieg holte Kirzek seine Bücher ab. Er hat eine Schweizerin geheiratet und lebt(e) in Paris. Gregor Rhehorez war ein polnischer Jude und handelte mit Wolldecken und Stricken. Er besass immer Geld. Wir mochten ihn alle. Stefan Perkoski war ein ehemaliger Polizist. Er freundete sich mit meiner Schwester an. Meine Eltern bemühten sich sehr um ihn. Er hatte mitansehen müssen, wie seine Eltern und seine sechs Geschwister an eine Wand gestellt und erschossen worden waren. Ich erinnere mich nicht, warum Stefan damals verschont worden war. Noch vor Kriegsende nahm er sich selber das Leben. Anton Tondel war immer «up to date». Er trug die ersten Hosen mit Reissverschlüssen (an Taschen und Schlitz), die ich zu sehen bekam. Ausserdem betonte er seine schicke Erscheinung durch weisse Pullover mit Zopfmuster, die ihm seine vielen Verehrerinnen strickten. Ludwig sorgte mit seiner Mundharmonika für gute Stimmung. (F. Horber singt spontan drei Lieder in polnischer Sprache, die sie schon jahrzehntelang nicht mehr angestimmt hat.) Wenn die Polen ein Fest veranstalteten, kamen oft auch andere Halingermädchen zu uns nach Hause. Ich wurde dann jeweils beauftragt, nach der Schule in die Dorfbäckerei zu gehen, wo ebenfalls ein Pole arbeitete. Ihm hatte ich folgendes auszurichten: «Tschi a tschteri franki, danja dobre tort.» Das bedeutete «für drei bis vier Franken eine gute bis sehr gute Torte».


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Als die Amerikaner in der Normandie gelandet waren, gingen die Polen nach Frankreich in den Widerstand. Ich war bereits im Bett, als sich Adam mit Tränen in den Augen verabschiedete. Seine Bücher konnten wir ihm nie nachschicken. Ausser Kirzek und Luzniak waren wahrscheinlich die meisten «unserer Polen» gefallen. Was bedeutete der Aktivdienst deines Vaters? Den grössten Teil seines Aktivdienstes verbrachte mein Vater in Güttingen. Er leitete dort eine Holzergruppe. Er war froh, «richtig» beschäftigt zu sein. Zwar war er auch eine Weile in Elm, Bilten und Mollis, sowie im luzernischen Ettiswil und Alberswil, doch die meiste Zeit verbrachte er am Bodensee. Das bedeutete, dass die ganze Arbeit auf dem Hof meiner Mutter, meiner Schwester und mir überlassen war. Zum Glück halfen unsere beiden nicht dienstpflichtigen Nachbarn bei schwierigen, strengen Arbeiten. Als Drittklässlerin stand ich noch vor halb sechs auf, um vor der Schule zwei Kühe zu melken. Öfters kam es vor, dass wir während dem Heuet oder der Ernte zwei, drei Tage fehlten in der Schule. Ich freute mich nie auf die Ferien. Stets war ich froh, wenn die Schule wieder begann und die strenge Zeit endlich ein Ende hatte.

Mein Vater hatte uns verboten, während seiner Abwesenheit die Rübenmühle oder die Kurzfutterschneidemaschine mit Motor und Riemen zu betätigen. Unfälle von Nachbarn, die dabei ihre Hand verloren hatten, schreckten ihn auf. Das bedeutete für uns Mehrarbeit. Später wohnte ein Nachbarsknabe einer kinderreichen Bernerfamilie bei uns. Ernst besuchte noch den Religionsunterricht, half aber sonst tüchtig mit. Seine Eltern waren froh, für ein Kind weniger sorgen zu müssen. Eine weitere Hilfe war ein Verwandter, der seine Kantiferien meist bei uns verbrachte. Am leichtesten war die Zeit, als Adam, der Pole, bei uns war. Was bedeutete die Normalisierung für dich? Wir brauchten keine Angst mehr zu haben. Der Vater entlastete uns mit seiner Anwesenheit vom grössten Teil unserer Alltagssorgen. Mein Vater hatte uns stets angespornt mit seiner Überzeugung, wie wichtig unsere Arbeit sei, damit die Schweiz genug zu essen hätte. Es bleibt das Gefühl, dass unser grosser Einsatz kaum anerkannt wird und dass ich um meine Schulzeit betrogen worden bin.

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Zwei der fünf Söhne von Jakob Osterwalder, Schulmeister in Halingen, und Elisabeth Geuggis von Eschenz

Katharina Ammann «Fürmes Käther» und Heinrich Osterwalder geb. 24. Jui 1821

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Isaak Osterwalder geb. 21. April 1810

Beide sind in Hinterhalingen im heutigen Haus Krähenbühl aufgewachsen. Zusammen mussten sie unter General Dufour in den Sonderbundskrieg einrücken. Mit ihnen ging auch ein Hannes Stutz aus Halingen (Haus Mosimann) und ein Hofmann aus Matzingen. Die Mutter von Irma Frei musste als 15-jähriges Mädchen die Stiere einspannen und den alten Grossvater und dessen Bruder Isaak zur Kriegsveteranen-Tagung nach Frauenfeld fahren. Elise Osterwalder war die letzte Trägerin mit dem Zunamen «sFürmes». Sie lebte vom 29. Februar 1884 bis 29. Juli 1947 in Halingen. Isaak ist der Vorfahre der Osterwalder im Försterhaus. Eines Tages ging Isaak mit seinem Freund zu dessen «Schatz» Emma Wipf in Wellhausen. Doch das Emmeli fand mehr Gefallen am Isaak. Vater Wipf hatte in einem alten Spicher eine Drechslerei eingerichtet. Heute steht dieser Spicher auf dem Ballenberg.


LEBENSGESCHICHTEN

Jakob Osterwalder, Schulmeister in Halingen, berichtet von seiner Familie Unveränderte Transkription des Originaldokuments (nicht mehr vorhanden)

Den 18ten November Anno 1806 haben wir … Ehverlobte – welche sind Jakob Osterwalder Schulmeister von Halingen. Und Elisabeth Geuggis von Eschenz In der Kirchen zu Mazingen uns Cupulieren lassen unter dem Pfarer Freytag, Er hat uns den Hochzeit Text gehabt im 1. Buch der … am 17 Capitel Vers 27. Lautet Also: So sollest du … das Hausse deines Knechtes segnen, dass es … dir seyn Ewiglich: dann was der herr segnet, das ist gesegnet ewiglich. Gott geb G … heit … und Segen hier Zeitlich … einst das ewig Leben am 24ten April Anno 1807 ist mir ein Kind gebohren im Zeichen des Schüzes. Sein nam war Abraham das ward in der heiligen Taufe in den Gnadenbund Gottes aufgenohmen, am 26. Tag April anno 1807. Seine Taufzeugen waren Abraham Geugis von Eschenz und Anna Osterwalder von Halingen. Den 31ten Heumonat Anno 1808. Ist mir ein Kind gebohren im Zeichen des Skorpions. Sein Nam war Hans Jakob, der ward in der heiligen Taufe in den Gnadenbund Gottes aufgenohmen am 7ten August Anno 1808 Seine Taufzeugen waren die vo dem obigen. Den 21ten April Anno 1810. Ist mir ein Sohn gebohren im Zeichen des Steinbocks. Sein Nam war Isaak, der ward … Tauffe in den Gnadenbund Gottes auf-

genohmen. am 29ten Tag Abril 1810. Seine Taufzeugen waren die vo dem obigen Den 9ten Tag Wintermonat, im Zeichen des Steinbocks. und ward getauft den 12ten Tag Wintermonat 1812 Sein nam war Elisabetha Osterwalder. Seine Taufzeugen waren Ulrich Strubler aus dem Langdorf und Anna Osterwalder in Halingen. Mir ist ein Kind gebohren den 25ten Tag Hornung Anno 1816. im Zeichen des Wassermans und ward getauft den 29.ten Tag Hornung 1816. Seine Taufzeugen waren die vo dem obigen, und sein nam war Anna Osterwalder. Mir ist ein Kind gebohren den 24ten Tag Brachmonat Anno 1821. im Zeichen des Stieres, und ward getauft den 1. tag Heumonat 1821. Seine Taufzeugen waren die vo dem obigen, und sein nam war Heinrich Osterwalder. Mir ist ein Sohn gebohren den 10ten Tag Herbstmonat Anno 1823. im Zeichen des Schüzes, und ward getauft den 11ten Tag Herbstmonat 1823. Seine Taufzeugen waren Heinrich Strupler aus dem Langdorf und Anna Barbara Stutz von Halingen, und sein nam war Jakob Osterwalder.

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LEBENSGESCHICHTEN

Sonderbundskrieg 1847

Eine Geschichte aus Halingen, erzählt von Elsi Stutz

Genau gleich wie Heinrich und Isaak Osterwalder mussten andere junge Männer aus der Region Matzingen in den Sonderbundskrieg unter General Dufour einrücken. Elsi Stutz berichtet von einer lustigen Begebenheit aus jener Zeit.

«Fuhrmanns Heieri» aus Vorderhalingen hätte wie alle jungen Männer aus der Nachbarschaft in den Krieg einrücken sollen. Doch beim Heieri siegte der sture Kopf. «Fällt mir beim Hagel nicht ein!» Einige Tage später aber, auf Drängen der Eltern und aus Angst, vielleicht eingesperrt zu werden, holte er doch seine Montur aus dem Kasten und zog allein gen Frauenfeld. Heieri hatte aber nicht nur einen dicken Schädel, sondern auch ein ängstliches Gemüt. Er fand nach kurzer Zeit eine Waldhütte und dort blieb er, tauchte einfach unter. General Dufour war daran interessiert, kein unnötiges Blutvergiessen zu inszenieren. So war der Kampf vorbei, ehe die eingerückten Halinger überhaupt in

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die Innerschweiz an die Front kamen. Die Soldaten konnten unverrichteter Dinge wieder heimkehren. Von dieser Entwicklung hörte der Heieri natürlich nichts. Nach einer Woche beschloss er sich wieder unter die Leute zu wagen, nicht ohne vorher in einem Industriebetrieb, wo man mit Ochsenblut Tuch färbte, sich etwas «Material» beschafft und sein Gewand damit beschmiert zu haben. Auf dem Heimweg hängte er zudem seinen Kittel an einen Baum und schoss ein paarmal hinein. Zurück in Halingen brüstete er sich mit seinen Kriegserlebnissen. Aber oha lätz! Jetzt erfuhr der Aufschneider die Wahrheit. Für Spott und Gelächter war gesorgt – und das Zeit seines Lebens.


LEBENSGESCHICHTEN

Marie Horber-Osterwalder

Frida Horber-Osterwalder

Marie Horber-Osterwalder (meine Gross­ mutter) erhielt dieses Bild zum Andenken an Alfred Freis 70. Geburtstag am 6. April 1955. Marie war damals 78. Sie starb kurz nach Lieni Horbers Geburt am 1. Juli 1961. Alfred wurde von seinen Eltern oft zu Marie Horber geschickt um Licht (Petrol) zu sparen. Marie nähte an der Aussteuer und Alfred musste Hausaufgaben lösen. Er besuchte das Seminar Kreuzlingen. Alfred wohnte mit seinen Eltern im Nachbarhaus von Horbers. Reussers liessen das Haus ca. 1963 abreissen und bauten ein neues am jetzigen Platz. Von links: Marie Horber, Irma und Elsa Frei, Vater Alfred Frei, Sekundarlehrer in Felben

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Handwerk und Gewerbe

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Handwerk und Gewerbe

Weberei Matzingen – eine kleine Chronologie

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

1861 1871 1873

1897

1899

Der Textilunternehmer Lüthi (Jakobstal, Grüneck) errichtet eine Spinnerei. Adolf Arter-Kochaus Neumünster-Zürich übernimmt die Anlage. Er richtet darin eine Baumwollspinnerei ein. Arter erhält die Rechte zur Stauung der Lützelmurg, um seiner erweiterten Anlage mehr Wasserkraft zuführen zu können. Johannes Gyr aus Zürich-Neumünster kauft von Arter die Fabrik. Als Gyr und Co. wird diese von seinem Sohn Hans Gyr (junger Maschineningenieur) betrieben. Brand der Fabrik. Mobiliarversicherung und kantonale Versicherung bezahlen zusammen 100 000 Franken Schadenersatz. Der Wiederaufbau verzögert sich. Die Anlage wird als Wollweberei wieder aufgebaut.

1900/1901 ist der Betrieb wieder arbeitsfähig. 1912 Im Besitzstandsregister der Gemeinde Matzingen erscheint die Fabrikanlage in einem Wert von 350 000 Franken, dazu kommen noch die Angestellten- und Arbeiterhäuser von 160 000 Franken. 1928 Bau der Kammgarnspinnerei. Sie hat stets nur einen kleinen Teil des Garnbedarfs der Weberei abgedeckt. 1937 Eintritt von Max Gyr, Textilkaufmann und Dr. jur. – Sohn von Hans Gyr – in die Firma.

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Handwerk und Gewerbe

1963

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Bau der Shedhalle zwischen der Spinnerei und dem alten Weberei­gebäude, um die neuen, hochleistungsfähigen Webstühle unterzubringen. Das alte Webereigebäude hätte diese Webstühle vom Gewicht her nicht aufnehmen können. Konkurrenzdruck zwingt die Firma immer stärker zur Produktion von bestimmten Spezialitäten: elastischer Wollstoff für Skibekleidung, feine Wollschleier für Nonnen von ameri­kanischen Kongregationen. Die Spezialisierung hat schon anfangs der 50er-Jahre angefangen. Die elastischen Skihosenstoffe wurden in Zusammenarbeit mit Heberlein Wattwil (Helanca) und der Färberei Schütz & Co. entwickelt und unter der Marke «Derbystar» durch Croydor AG Zürich als Ski­ hosen verkauft. Auch ein amerikanischer Konfektionär wurde zum Kunden. Erst das Aufkommen der wattierten Skianzüge hat das Gewebe vom Markt verdrängt. Wollschleierstoffe waren eine Folge der schon seit 20 Jahren produzierten feinen Mousslinegewebe aus reiner Wolle, die zum Grossteil für die Textildruckerei in den Kantonen St. Gallen und Glarus verwendet wurden.

1966

1970

Hansrudolf Gyr, Textilkaufmann und lic. jur. wie sein Vater Max, tritt in die Firma ein. Bis anhin war sie als Kommandit­ gesellschaft geführt worden. Nun wird sie in eine AG umgewandelt, unter dem Namen Gyr & Co. AG. Einstellung der Produktion (Konkurrenzdruck, Schwarzenbach-Initiative, Entschluss, weder zu expandieren noch die Produktion zu verlagern). Die bestehenden Gebäude werden von nun an vermietet und so durch verschiedene Gewerbe umgenutzt.


Handwerk und Gewerbe

Die Dynastie Gyr

aufgezeichnet von Heinz Roggenbauch, Stettfurt

Einst ein blühendes Gewerbe und grösster Arbeitgeber in der Gemeinde, musste die Weberei Matzingen 1970 ihren Betrieb einstellen. Die Textilindustrie wurde durch zunehmend starke Konkurrenz aus Billiglohnländern aus der Schweiz verdrängt. Es konnten nur noch diejenigen überleben die sich auf Spezialitäten konzentrierten wie zum Beispiel das St. Galler Stickerei-Gewerbe. Was die verschiedenen Generationen Gyr in den nahezu 75 Jahren vor der Betriebsschliessung leisteten, ist ein Musterbeispiel für seriöses Unternehmertum. Johannes Gyr aus Zürich erwarb 1897 die damalige Baumwollspinnerei Matzingen von Herrn Arter. Die Geschäftsführung übertrug Johannes Gyr kurz nach dem Kauf seinem Sohn Hans, ausgebildeter Maschineningenieur. Nur zwei Jahre nach dem Kauf zerstörte ein Brand grosse Teile der Fabrik. Tatkräftig bauten die beiden Herren Gyr die Fabrik wieder auf, neu aber als Wollweberei.

In der beginnenden Industrialisierung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es recht üblich für Arbeiter und Angestellte fabrikeigene Wohnhäuser zu bauen und günstig zu vermieten. Man wollte damit auch erreichen, dass diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dem Unternehmen langfristig dienten. Auch die Inhaberschaft der Weberei Matzingen verfügte über mehrere solcher Mitarbeiterhäuser. Diejenigen für die Angestellten, sechs Einheiten, stehen noch immer an der Brächlistrasse; diejenigen für die Arbeiter, Kosthäuser genannt, befinden sich an der Frauenfelderstrasse. Schon 1920 errichtete Hans Gyr einen Unterstützungsfonds, welcher Beiträge für die Folgen des Alters oder Krankheit der Mitarbeiter entrichtete.

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Handwerk und Gewerbe

Als Ergänzung zur Weberei errichtete Hans Gyr eine Kammgarnspinnerei. 1937 trat mit Max Gyr, Sohn von Hans, Textilkaufmann und studierter Jurist, bereits die dritte Generation Gyr in den familieneigenen Textilbetrieb ein. Max Gyr begann anfangs der 1960er Jahre die Weberei zu modernisieren und die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens zu verbessern. Zu diesem Zweck kaufte er neue Hochleistungswebstühle. Dies bedingte aber, eine neue Shedhalle, weil für den Altbau die Erschütterungen dieser gewichtigen Maschinen, zu gross waren. In den 1950er und 1960er Jahren war der Bestand an Arbeitern und Angestellten auf rund 100 gestiegen, für die Gemeinde Matzingen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Viele der Arbeiterinnen und Arbeiter im Betrieb kamen aus verschiedenen Ländern, die Fachspezialisten und Kader dagegen waren Schweizer. In der genannten Zeitspanne machte sich die Konkurrenz ähnlicher Unternehmen auch für die Weberei Gyr zunehmend bemerkbar. Man musste sich auch hier auf Spezialitäten (Produktnischen) konzentrieren. Solche Produkte waren in der Weberei Gyr etwa ein elastischer Wollstoff. Diese Stoffe wurden in Zusammenarbeit mit Heberlein Wattwil (Helanca) und der Färberei Schütze & Co. unter der Marke «Derbystar» durch eine Drittfirma als Skihosen (auch Keilhosen genannt) verkauft. Sehr bedeutend war auch der Export dieser Stoffe nach USA. Das Aufkommen von wattierten Skianzügen verdrängte die elastischen Skihosen vom Markt.

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1966 trat Hans Rudolf Gyr, wie sein Vater Textilkaufmann und Jurist in die Firma ein. Aus mehreren Gründen wie Fragen der persönlichen Haftung und Fragen der Erbteilung, empfahl der junge Hans Rudolf seinem Vater die bisherige Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, was dieser denn auch akzeptierte. Die neue Firmabezeichnung lautete fortan «Gyr & Co. AG». Die Situation in der Textilindustrie generell und für die Weberei Matzingen im Besonderen verschärfte sich weiter. So mussten die Herren Max und Hans Rudolf Gyr im Jahre 1970 schweren Herzens, die Einstellung des Betriebes beschliessen, ein Entscheid der Respekt verdient. Eine gesamthaft über 100-jährige Geschichte der Textilindustrie in Matzingen ging damit zu Ende. Mit tatkräftiger Hilfe der bisherigen Arbeitgeberin mussten sich die noch vorhandenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach neuen Arbeitsmöglichkeiten umsehen. Auch für die Gemeinde ein herber Verlust. Die Rechtsperson «Gyr & Co. AG» existiert weiter. Sie verwaltet die historischen Gebäulichkeiten der einstigen Weberei. Anfänglich stellte die Weberei Wängi für eine beschränkte Zeit ihre Produkte in diesem Betrieb her. Mittlerweile konnte eine Vielzahl von kleinen und mittleren Unternehmen hier in einem Mietverhältnis eine Arbeitsbasis finden.


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Arbeit in der Weberei Gyr

Hermine Hofmann-Kübler * 1922

Grossvater Kübler wohnte in der Gass. Sein Sohn Gottlieb war verheiratet in Diessenhofen. Dieser hatte zwei Söhne (Edi und Jakob) und zwei Töchter (Hermine und Herta). Gottlieb war Privatchauffeur bei einem Juden und kam viel in Europa herum. Dieses interessante Leben nahm ein jähes Ende, als Gottlieb von einem Pferd geschlagen wurde. Die Verletzung besserte sich nie mehr. Er starb 43 jährig im Jahre 1941. Kurz vorher war die Familie nach Matzingen in sein Elternhaus gezogen, wo die Eltern noch lebten. Die beiden Töchter mussten von ihren Ausbildungs­

plätzen in Flawil und Basel zurückkehren, um die Mutter zu unterstützen. Beide Töchter fanden Arbeit in der Weberei Gyr in Matzingen. Nachher zog die Familie in ein sogenanntes Kosthaus an der Frauenfelder­strasse. Die beiden Arbeiterinnen wurden in den fabrik­eigenen Zivilschutz eingeteilt und erhielten eine Uniform. Über 20 Jahre (1941 – 1960) arbeitete Hermine bei Gyr und heiratete mit 38 Jahren Ueli Hofmann. Ueli wohnte am Mühleweg 7 in seinem Elternhaus mit der Mutter zusammen. Ueli arbeitete als Chauffeur bei der Mühle Ringold. Dem Ehepaar wurden die Kinder Peter und Marianne geschenkt.

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Käser Paul Stucki erzählt – Gemeindeammann 1965 – 1991 Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Paul Stucki kam schon in jungen Jahren nach Matzingen. Er war in Hausen am Albis aufgewachsen, wo seine Eltern eine Käserei betrieben. Seine Familie stammte ursprünglich aus dem Emmental. Vor seiner Matzinger Zeit bildete er sich gründlich in manchen Bereichen aus: Kantonsschule in Zürich 1944 – 1947; daneben Lehrvertrag mit seinem Vater als Käser. 1947 Abschlussprüfung an der Kantonsschule und gleichzeitig Lehrabschlussprüfung. Damals, kurz nach Kriegsende waren solche Dinge noch möglich, niemand reklamierte. Es folgten drei Jahre militärische Ausbildung zum Offizier (1947 – 1949), daneben Arbeit als Käser im Welschland und im Tessin. Daraus resultierte eine fundierte Dreisprachigkeit. Er besuchte ausserdem noch die Molkereischulen in Rüti und Zollikofen.

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Am 15. April 1950 kam er nach Matzingen und konnte hier beim damaligen Käser Utiger die Meisterprüfung absolvieren. 1956 konnte er die Käserei übernehmen. Damals gab es 53 Bauern – heute sind es noch deren sechs. Durch die Güterzusammenlegung gab es grosse Veränderungen. So verschwanden Ende der 50er-Jahre etwa zehn Bauerngüter. Obwohl es nun weniger Höfe gab, vergrösserten sich die Kuhbestände. Es wurde wesentlich mehr Milch abgeliefert. Somit wurde ein totaler Umbau, eine Vergrösserung der Käserei notwendig. Vier Käsekessen entstanden und garantierten nun eine bessere Vermarktung. Ein Käsereiladen entstand.


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Neben seinem Beruf als Käser leistete er jährlich drei bis sechs Wochen Militärdienst im Range eines Majors der Verpflegungstruppen bis zum 55. Altersjahr. Er bekleidete auch zahlreiche öffentliche Ämter: · 1953 – 1962 Schulpräsident der Primarschule, mit kurzem Unterbruch. Lehrer Stäheli und Lehrer Kuttler unterrichteten damals zwischen 70 und 78 Schüler. · 1965 Gründung des Sekundarschulkreises Matzingen-Stettfurt-Thundorf. Bau des Sekundar­ schulhauses in Halingen, Bezug und Einweihung 1971. · 1965 – 1976 Sekundarschulpräsident Mitglied der Sekundarschulbehörde und deren Präsident. · 1965 – 1991 Gemeindeammann. Für dieses Amt wurde er von Emil Gubler und Konrad Ringold angefragt. Damals gab es in der politischen Gemeinde (1965) nur ein öffentliches Gebäude: das Spritzenhaus. Aber nun folgten unablässig wichtige Bauten und Ereignisse:

· Schwimmbad in Stettfurt mit grosser finanzieller Beteiligung der der Gemeinde Matzingen von 400 000 Franken. · Landkauf für Neubau Kläranlage Lauchetal-Murgtal · Friedhofgebäude · Verlegung Bahnhof · Schiessanlage Grosswis, Zusammenlegung als gemeinsame Anlage mit Stettfurt · Bau von Räumlichkeiten für Zivilschutz, Werkhof und Feuerwehr. Gemeindesaal als Mehrzweckgebäude (die erste so gelagerte Anlage im Grossraum Frauenfeld) · Umbau evangelisches Pfarrhaus zum jetzigen Gemeindehaus (Pfarrer Thomas Bornhauser hat in diesem Haus einen Teil der thurgauischen Geschichte geschrieben.) · 1994 – 2012 Seniorenobmann, angefragt vom damaligen Pfarrer M. Schweizer. · 1996 – 1999 Spurgruppe für Alters­ wohnungen · 22. Januar 1999 Gründung Genossenschaft Alterswohnungen · 1999 – 2011 Präsident Genossenschaft Alters­wohnungen

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Spenglerei Mohn in der 5. Generation

Hedy Mohn-Würmli * 1921

Die Familie Würmli kam ca. 1910/1911 nach Ristenbühl. Sie bewirtschaftete den Bauernhof, der heute Kurt König gehört, an der Matzingerstrasse 14. Mein Vater, Karl Würmli, war damals 17-jährig und musste noch ein letztes Schuljahr absolvieren. Ein ganz junger Lehrer, Jean Kuttler, eben aus dem Semi entlassen, führte die Klasse. Nach Aussagen meines Vaters war das für alle schwierig. Die Burschen gross und der Lehrer sehr klein. Das gab Hänseleien und Streitigkeiten. Im Jahre 1918 heiratete mein Vater Karl Würmli. Drei Mädchen wurden der Familie geschenkt: Anni, Hedy, Olga. Ein Dreimädelhaus. Karl Würmli fand neben der Arbeit als Bauer auch Befriedigung in verschiedenen Ämtern bei Schule und Kirche und später auch als Kassier der Raiffeisenbank. Er blieb auf dem Hof bis ins Jahr 1952. 1944 verheiratete ich mich mit Otto Mohn aus Matzingen. Seine Eltern führten an der Aadorfer­strasse bei der Lauchebrücke eine Spenglerei und einen kleinen Bauernbetrieb. Zunächst wohnten wir im Haus Rosengarten an der Frauenfelderstrasse, das damals

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noch der Schulgemeinde gehörte. Uns wurden die Kinder Otto (1945), Willi (1948) und Hedy (1958) geschenkt. Ottos Eltern bestanden darauf, dass die Spenglerei in der 5. Generation weitergeführt werde. Auf Anraten meines Vaters kauften wir die alte Liegenschaft der Ofenbauerei Andres/Mauch. Wir bauten sie um in ein Wohnhaus, eine Werkstatt und einen Verkaufsladen. Beim Umbau mussten wir in einer Blitzaktion unter anderem sechs Tonnen Ofenkacheln entsorgen. Von der alten Spenglerei galt es sämtliche Maschinen und Werkzeuge an den neuen Ort zu transportieren. Die alte Spenglerei wurde still gelegt. Zur neuen Spenglerei kam nun eine weitere Sparte hinzu: Sanitäre Anlagen. Grossen Fleiss verlangte uns alles ab, aber das Geschäft florierte; wir hatten Glück und waren dankbar dafür. In Ristenbühl hatte meine Schwester Anni geheiratet. Ihr Mann versuchte mit wenig Glück den Bauernhof zu führen. Fast zu gleicher Zeit erlitt mein Vater einen Unfall. Nun musste ein neuer Entscheid gefällt werden. Man beschloss, den Hof an Kurt König zu ver-


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kaufen, der mit seinen drei Brüdern in Ristenbühl wohnte. Meine Eltern zogen zu uns ins Dorf hinunter. Das war eine gute Lösung. Mein Vater engagierte sich weiter in Schule und Kirche und wurde der erste Kassier der Raiffeisenbank. Das Büro befand sich in unserem Haus. Meine Mutter half mir in Haus und Laden. Als dann viel später noch unsere jüngste Tochter zur Welt kam, trat sie als Grossmutter voll in Aktion. Als die Söhne auszogen, wurde das Haus zu gross und wir bauten eine weitere Wohnung aus. In Familie und Geschäft ging alles gut. Leider erlitt meine Mutter 1976 einen Unfall, der zu ihrem Tode führte. Mein Vater blieb im Haus, bis auch er vom Tod überrascht wurde. 1979 verkauften wir die Liegenschaft an Bäcker Nyffenegger. Wir zogen an den Bergliweg. Mein Mann wurde bald darauf kränklich und wohnte noch 4 ½ Jahre im Pflegeheim Aadorf. Die Spenglerei Mohn wurde nach der 5. Generation nicht mehr weitergeführt. Familie Mathis betreibt seit dem ein Geschäft für Sanitäre Anlagen. Eine Anekdote zum Schluss: Als oben erwähnter Lehrer, Jean Kuttler, pensioniert wurde, konnten ihm drei Generationen derselben Familie gratulieren, die alle bei ihm den Unterricht besucht hatten: Vater Karl Würmli, Tochter Hedy, Enkel Otto.

Metzgete bei Spengler Mohn, Jahr unbekannt

Und noch ein ulkiger Nachtrag: Lehrer Kuttler war von eher kleiner Gestalt, aber er wusste sich dank einer damals weit verbreiteten Erziehungsmethode durchzusetzen: das war ein grosser, dicker Lineal, der auf manchen Handrücken Spuren hinterliess. Aber wir Schüler hatten auch eine Methode. Immer wieder liessen wir einen solchen Lineal verschwinden und zwar immer an derselben Stelle – unter der Stiege des Hauses Kirchstrasse 3. Ein Nachschauen würde sich vielleicht lohnen.

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Spenglerei Mohn und die verzierten Fensterläden Erwin Keller und Doris Riedener-Haueisen

Damals war es noch üblich, dass die Türen der Werkstätten offenstanden und wir Kinder (live würde man heute sagen) mitverfolgen konnten, wie man arbeitete und welche Materialien man verwendete. Da wurde gehämmert und geklopft, geschwitzt und geflucht was das Zeug hielt. Bei Mohns gab es irgend einen, der seinen Anstrengungen mit einem besonders kräftigen Spruch nachhalf: «Himmel – Schtärne – Russland – Telefon – Siech! Himmel – Schtärne … »  und das immer und immer wieder. Für uns zwei «Goofen» war es natürlich klar, dass dies ein magischer Ausdruck für alle Problemlösungen war, insbesondere im Spenglereigewerbe. Und wenn die da drinnen wetterten, lärmten, fluchten sah niemand, was wir zwei unterdessen draussen aus dem Holzbottich fischten. Dort hinein warfen die Arbeiter nämlich allen Abfall. Die halbleeren Silberbronzebüchsen hatten es uns angetan. Die trugen wir auf die andere Seite (Aadorferstrasse 10). So et-

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was konnten wir gut gebrauchen. Ich stahl unterdessen Pinsel aus der «Butik», dem Werkraum meines Grossvaters und nun ging's ans Neuanstreichen und Verzieren der Waschküchenläden. Wunderbar silbrig wurden sie, statt des blöden Grün. Wow! Super! Aber das kam uns nur so lange so vor, bis der Grossvater die Bescherung sah und sich ein grauenhaftes Donnerwetter über uns entlud. Da wäre das «Himmel – Schtärne – Russland – Telefon – Siech» des Spengler­ gesellen nur gerade eine Liebkosung gewesen. Aber wir überlebten das, wie nachher noch so manches Andere in unserem Leben.

Gerberei Johann Sulzer Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018 Die Tierhäute wurden zum Gerben in Gruben, gefüllt mit Eichenlohe, gelegt und mit Erde bedeckt. Trotzdem muss von diesem Betrieb ein bestialischer Gestank ausgegangen sein. Ein grausiger Geruch nach Tod und Verwesung. Bauern berichteten, dass sie nur mit grösster Mühe ein Kuh- oder Pferdefuhrwerk an der «Gerbi» vorbeigebracht hätten. Auch dies selbst dann noch, als der Gerbereibetrieb längst aufgehoben und die Gruben zugeschüttet worden waren.


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Gerberei Johann Sulzer, «Sulzerhof», Jahr unbekannt

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Baugeschäft Schwarzer

Hafnerei Mauch

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Ferdi Stutz und Heini Mohn

Das Haus des Baugeschäfts Schwarzer befand sich auf dem Gebiet der heutigen Blöcke an der St. Gallerstrasse zwischen der ehemaligen Süssmosterei Lenggenhager und dem Neubau der Whirlpool Sonderegger Wellness. Die Familie Rudolf und Luise Schwarzer-Horisberger zog im Jahre 1917 mit ihrem Geschäft nach Frauenfeld Kurzdorf ins Gebiet des Schulhauses Auen. Das Haus wurde an die Familie Bischof verkauft. Sie betrieb auf jenem weitläufigen Areal ein grosses Zimmereigeschäft. Es muss ca. 1962 gewesen sein, als um die Mittagszeit ein riesiger Brand ausbrach. Man sprach davon, dass Hobelspäne oder Sägemehl durch Funkenwurf entzündet worden sei. Besagtes Haus, das als «Herrenhaus» der Familie galt, und wo sich im unteren Stock das Büro befand, stand bald in hellen Flammen. Oben wurde alles nur Mögliche und Unmögliche aus den Fenstern und vom Balkon geworfen. Angestellte trugen Ordner und Schriftstücke aus dem Büro, während viele Helfer, unter anderen auch die Verfasserin dieses Berichts, das Gerettete in die nahe Wiese schleppten. Feuerwehren aus der ganzen Umgebung waren herbeigeeilt. Neben diesem Gebäude wurden auch ein kleineres Haus und einige Schuppen ein Raub der Flammen.

Die Hafnerei Mauch befand sich im Haus der heutigen Bäckerei Nyffenegger. Der für die Hafnerei benötigte Lehm wurde unterhalb von Huzenwil an der Lützelmurg gewonnen. Er wurde dann aufgearbeitet und in langen, breiten Becken vor der Hafnerei gelagert, da wo sich heute der Parkplatz der Bäckerei befindet. Die Becken konnte man auf schmalen Brettern überqueren. Eines Tages machten sich Heini und Ferdi einen Spass daraus sich über die Bretter nachzurennen und sich wenn möglich zu erhaschen. Bis – ja bis Heini ausrutschte und in eine Grube stürzte. Es dauerte eine geraume Weile, ehe er sich wieder aufrappeln und aus dem klebrigen Lehm befreien konnte. Von Kopf bis Fuss grau-schwarz rannte er schleunigst heim, unter dem Gelächter aller Umstehenden.

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Schreinerei Hugentobler, ca. 1918. Abbruch 2018, Neubau Mehrfamilienhaus

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Mosterei Lenggenhager Jahr unbekannt

Handlung Greuter, Stettfurterstrasse 6 Jahr unbekannt

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Elektriker Gehring

Ruth Sax-Gehring * 1927

Urgrosseltern

Johann Jakob Ammann, Wirt Neubrücke und Gemeindeammann, geboren 16. Juni 1847 Margarete Ammann-Osterwalder von Halingen

Grosseltern

Heinrich Hanhart, Wirt Neubrücke und Stationsvorstand Frauenfeld-Wil-Bahn Elise Hanhart-Ammann von Matzingen

Eltern

Albert Gehring, Elektriker Elsa Gehring-Hanhart von Matzingen

Mein Vater Albert stammte aus der Schmiede, St. Gallerstrasse 7. Als er sich mit Elsa Hanhart aus der Neubrücke verehelichte, war das eine Heirat sozusagen über die Brücke. Die Schmiede-Familie hatte acht Kinder. Der älteste Bruder wurde Schmied. Mein Vater erlernte zuerst das Malerhandwerk. Er muss auch eine künstlerische Ader besessen haben, denn aus jener Zeit stammen ein paar schöne Bilder, die uns heute noch Freude machen. Erst später wurde er Elektriker. Seine Werkstatt befand sich links von der Lauche beim kleinen «Brüggli». 1934 konnte er das Wohnhaus Kirchstrasse 3 von Johann Jakob Ammanns Erbengemeinschaft erwerben.

Der Kaufbrief ist datiert: 27. August 1934, mit Antritt auf den 1. September. Später, 1947, wurde an dieses Wohnhaus ein Anbau angefügt, in dem Werkstatt, Lager und Laden untergebracht waren. Hausbau an der Kirchstrasse 3 Johann Jakob Ammann, Wirt der Neubrücke und Gemeindeammann sah sich zu diesem Bau veranlasst. Es war nämlich ein neues Gesetz in Kraft getreten, wonach Gemeindeammännern untersagt wurde, die Wirtsstube als Sitzungszimmer zu benützen. Dieses Haus wurde 1903 fertiggestellt. Das Büro befand sich rechts neben dem Eingang.

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Schule Ich wuchs in diesem Haus gleich neben der Schule auf und beneidete alle meine Kameraden, die einen Schulweg und somit viel Spass hatten. Auf dem Pausenplatz beim Schulhaus befanden sich lediglich ein Stemmbalken und Kletterstangen. Wir vergnügten uns aber mit Fangis, Versteckis und auf der Strasse war es damals möglich Ballspiele zu machen, wie Völk und Schlagball. Im Sommer badeten wir im Kanal. Es gab eine kleine Umkleidekabine mit vielen Löchern! Wenn die Buben im Weiher badeten, wurden sie ganz schmutzig. Dann sprangen sie in den Kanal und waren wieder sauber. Ich erinnere mich an eine unschöne Geschichte, die sich in der ersten Klasse abspielte. Eine Mitschülerin wurde von den Knaben immer wieder gehänselt und belästigt. Die Mutter des Mädchens erschien dar­ auf in der Schule und schimpfte die Buben aus. Das Resultat war, dass sie das Kind nur noch mehr plagten. Während des 2. Weltkrieges mussten wir in der Schule einem unbekannten Schweizer Soldaten einen Brief schreiben und ein «Päckli» schicken. Als Lehrer Stäheli in den Militärdienst einrücken musste, übernahm ein bereits pensionierter Lehrer namens Herr Felix die Klasse. Als dieser die Knaben mittels Ohrfeigen zurechtweisen wollte, ging die ganze Bubenschar auf ihn los und solidarisierte sich mit ihren Kameraden.

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Die Sekundarschule besuchten wir in Wängi. Das war ein herrlicher Schulweg! Mit unseren Velos konnten wir die ganze Strasse benützen, damals fuhren praktisch keine Autos. Anbauschlacht gemäss Bundesrat Wahlen Um die Versorgung und Selbstversorgung sicherzustellen wurde selbst das kleinste Wiesli und Blumengärtli zu einem Gemüsebeet oder Äckerlein umfunktioniert. Das gab auch für uns Kinder viel Arbeit. Daneben hiess es Chüngel füttern und ausmisten, Kies rechen und im Haushalt helfen. Spass, Schabernack und Missgeschicke Mein Grossvater Heinrich Hanhart, Wirt in der Neubrücke und Stationsvorstand verkaufte auch Billette und hatte eine öffentliche Sprechstelle. Er war verpflichtet Ausrichtungen zu machen oder die Leute ans Telefon zu holen. Zum Einladen des Viehs hatte es eine Rampe, die benützten wir als «Gigampfi», sehr zum Ärger des Grossvaters. Wenn er uns erwischte, rannten wir schleunigst weg. Kaum jemand wird wissen, was ein «Löliegge» ist. Da trafen wir uns besonders nach dem Milchholen, alberten ein wenig herum und schwatzten. Der «Löliegge» war mal hier, mal dort, zum Beispiel beim Dorfbrunnen oder bei der Lauchebrücke Ecke Thundorfer-/Stettfurterstrasse.


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Auf dem Dorfbrunnen standen Blumenkistli mit Geranien. Die hatte meine Grossmutter dort platziert und ich musste sie immer wieder giessen. Das konnte ich nur tun, wenn ich auf den Brunnenrand stieg. Einmal rutschte ich aus und fiel ins Wasser. Tropfnass schlich ich heim und schämte mich fürchterlich. Hier sei auch noch eine lustige Erinnerung des Neffen von Ruth Sax, Robert Gehring, erwähnt. Robert Gehring wohnte in Frauenfeld und kam häufig zu Besuch zu seiner Grossmutter, der oben erwähnten Elsa Gehring. Ein Anziehungspunkt waren für ihn auch die Schweine bei Hanharts in der Neubrücke. Einmal nahm ihn Max Hanhart zum Jaucheführen mit. Auf dem Feld stellte es sich aber heraus, dass die Mechanik der Jauchespritze nicht funktionierte. Beide stiegen vom Traktor. Max versuchte das Problem zu beheben. Robert stand arglos daneben. Da! Mit einem Gewaltsstrahl öffnete sich unvermittelt das Jauchefass und traf Robert in seiner ganzen Grösse. Erst nach einer gründlichen Prozedur in der Badewanne von Grosi konnte Robert später wieder seine Heimreise nach Frauenfeld antreten.

Ruth Sax-Gehring im Garten an der Kirchstrasse 3 ca. 1945

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Elsa Gehring-Hanhart und Heinz Bolt an der Kirchstrasse 3 Anfang 1940

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Gasthaus Frohsinn – letzter Besitzer: Familie Gubler Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018 Werner Gubler senior besuchte als Fähnrich mit den Schützen aus Matzingen 1890 das eidgenössische Schützenfest in Frauenfeld. Die Gruppe war sehr erfolgreich und neben dem Schiessen genoss man das Festleben. Stolz kehrten sie mit einem Pokal nach Hause zurück. Bei der Heimkehr war es Werner Gubler noch nicht bewusst, dass er neun Monate später Vater sein würde. Am Fest hatte nämlich Lina Keller aus Hornussen AG als Köchin gearbeitet. Sie hatte offenbar dem jungen Matzinger gefallen. Trotz grossem Widerstand der Familien – Lina stammte aus einer streng katholischen Umgebung – wurde geheiratet. Werner Gubler junior wurde am 4. Mai 1891 geboren. 1926 verehelichte er sich mit Rosa Ammann aus Waldstatt Appenzell. Rosa hatte zuvor im Frohsinn als Dienstmädchen gewirkt. Der Ehe entsprossen drei Töchter: Roseli (1927), Dorli (1930), Lisbeth (1933). Vater Werner wurde von den Einheimischen stets «Belgrad» genannt. Er hatte dieses Wort als Kavallerist von einem jungen Leutnant übernommen. Es wurde dann zu seinem Lieblingsausdruck zusammen mit einer allgemein bekannten Vorsilbe. Alles, was schief lief, war ganz einfach: «Hue … Belgrad!» Von Mutter Gubler gibt’s auch noch eine lustige Geschichte zu erzählen. Für die Haustüre existierte

nur ein einziger grosser Schlüssel. Da so viele Leute ein- und ausgingen (unter anderen auch internierte Polen) wurde er an einer günstigen Stelle deponiert, «gelegt», wie man sagte. Eines Nachts erwachte Roseli Gubler ob eines heftigen Knalls. Aha! Klar! Einbrecher! Beherzt schlich sie in die Küche hinunter und zerrte aus einer «Holzbuschel» einen langen «Bengel». So bewaffnet öffnete sie einen Spalt breit die Türe zur Wirtsstube. Welcher Anblick! Da sassen Konrad Ringold aus der Mühle und Heiri Hanhart aus der Neubrücke gemütlich bei einem Halbliter. Sie hatten offenbar das Versteck des Schlüssels gekannt und sich gleich auch noch aus dem Keller mit einer Flasche Wein bedient. Den Knall gab's, als die beiden keinen Zapfenzieher fanden und den Flaschenhals am «Ofechüschtli» abschlugen. Grosses Erstaunen auf beiden Seiten. Das verdutzte, bengelbewehrte Roseli trat dann wieder den Rückzug ins eheliche Schlafzimmer an. Diese Begebenheit verbreitete sich damals rasch im ganzen Dorf und sorgte für viel Gelächter. Die Familie verkaufte den Frohsinn 1986 an Peter Bachmann. Nach dem Abriss des Gebäudes entstand an dieser Stelle der COOP.

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An der Stettfurterstrasse hinten Metzgerei/Restaurant Ochsen und Restaurant Frohsinn, Jahr unbekannt

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Bäckerei und Handlung Mohn, Frauenfelderstrasse 1, Jahr unbekannt Das Gebäude wurde in den 1970er-Jahren abgebrochen. Wirteverein Matzingen, Jahr unbekannt

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Metzger Scholl und Metzger Steiner

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Grossvater August und seine Haushälterin Emma achteten peinlich genau darauf, dass beim Einkaufen zwischen den beiden abgewechselt wurde. «Hüt gasch zum Scholl», trichterte man mir zum Beispiel ein. Gehorsam nickte ich, aber ich dachte natürlich nicht im Entferntesten daran, weil Steiner viel näher war. Meistens musste ich Voressen holen, Fleischstücke, die damals noch mit viel «schludrigem» Zeug umgeben waren. Einmal erhielt ich ein Wursträdli. An der Kirchstrasse auf dem Heimweg beschloss ich, das Wursträdli verschwinden zu lassen. In Zürich, wo ich aufwuchs, hatte ich Einblick in die Laboratorien der Versuchstiere. Ich hatte Mitleid mit diesen armen Geschöpfen und nun hatte mir noch das Schluderzeug beim Voressen den Rest gegeben. Nein, das Wursträdli musste weg. Aber es gab da Schwierig­ keiten.

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Es war Kriegszeit und man durfte nichts wegwerfen. Das war Sünde. Sünde! So hörte ich immer wieder. Zudem befand ich mich nun ausgerechnet in der Nähe des Gotteshauses. Gott sieht alles, hatte mir meine Mutter eingeschärft. Alles! Scheu äugte ich zur Kirche hinüber. Ich wusste zwar, dass Gott nur am Sonntag arbeitete, aber man konnte ja nie sicher sein. Ich vergewisserte mich, ob er vielleicht nicht doch zum Kirchenfenster hinausschauen würde. Nichts! Also warf ich mutig das Wursträdli in hohem Bogen in die Lauche und hoffte, ein hungriger Fisch würde es essen und meine «Sünde» ungeschehen machen.


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Der landwirtschaftliche Konsum (Landi)

Erinnerungen von Berta Gamper-Sprenger * 1930

Berta Gamper wuchs in der Liegenschaft des landwirtschaftlichen Konsums auf. Das längliche Gebäude stand an der Stelle der heutigen Raiffeisen Bank, Stettfurterstrasse 9. Ihr Vater betrieb den Laden, wo sich vor allem Bauern mit Güter eindeckten, die sie in der Landwirtschaft, im Stall und auf dem Feld brauchten. Daneben verkauften sie auch Nahrungsmittel wie Zucker, Mehl etc. Alles wurde damals noch in 50 kg-­ Säcken angeliefert. So galt es stets kleine Portionen abzuwägen und in Papiersäcke abzufüllen. Das war eine Hauptarbeit der Sprenger Kinder. Daneben mussten sie auch beim Aufkleben der Rationierungsmarken behilflich sein, da ihre Jugendzeit in die Kriegsjahre fiel. Internierte Polen waren ebenso als Hilfe willkommen. Jene die etwas deutsch sprachen, fanden Arbeit im Büro, die andern im Betrieb. So kam es, dass einige der weiblichen Angestellten sich dem Charme der Polen nicht entziehen konnten und Kinder zur Welt brachten.

Neben dem landwirtschaftlichen Konsum bestand ganz in der Nähe in einem kleinen Haus der Frauenfelder Konsum «Konsümli» genannt. Später wurde dieser Laden an die Frauenfelderstrasse 11 verlegt, damals schon unter dem Namen COOP. Heute befindet sich COOP ja an der Thundorferstrasse 1. Zur damaligen Zeit existierte auch noch das Kolonialwarengeschäft Greuter an der Stettfurterstrasse 6. Neben Nahrungsmitteln war man dort auf Nähwaren aller Art spezialisiert. Der Winter war auch die Zeit der Abendunterhaltungen der Vereine. Der Höhepunkt war aber jeweils der Klausmarkt Anfang Dezember in Frauenfeld, Anziehungspunkt der ganzen Umgebung. Selbstverständlich war schulfrei. Die Kinder vergnügten sich bei den Karussells, die Eltern kauften ein, lachten über die Sprüche des «Billigen Jakob» und freuten sich wieder einmal Verwandte und Bekannte zu treffen.

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Landwirtschaftliche Genossenschaft Matzingen und Umgebung, links Restaurant Frohsinn Jahr unbekannt

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Sattler KĂźnzler an der Arbeit Kirchstrasse, heute Kirchgemeindezentrum

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Kirchenbesuch im Advent

Doris Riedener-Haueisen 1935 – 2018

Also, wenn so etwas Wichtiges wie Sonntagsgottesdienst auf dem Programm stand, begann das schon am Samstagabend. In Ermangelung eines Badezimmers wurde der grosse Zuber aus dem Keller in die Küche geschleppt. Das Frühstück am Morgen verlief kurz. Eilig erhoben wir uns wieder vom Tisch. Der Kaffee war nur lauwarm, denn schon wurde auf sämtlichen Löchern des Kohleherdes Wasser gekocht. Die Haushälterin Emma und meine Mutter leerten immer wieder neues Warmwasser in die «Gelte», und endlich hiess es: «Chasch choo!» Grossvater entschwand nun mit der sauberen Unterwäsche in der Küche und man hörte lange nichts mehr von ihm. Nur gelegentliches Plätschern und Poltern verriet seine angestrengte Tätigkeit. Schliesslich war es so weit. Er trampelte in die Kammer zurück, um dort seine Verschönerung fortzusetzen. Der Küche entströmte ein unendlicher Dampf. Bald konnte man wieder Zuber, Rasierzeug und schmutzige Wäsche ausmachen. Die Frauen begannen rasch mit dem Aufräumen. Jederzeit konnten ja die Glocken zu läuten beginnen.

Da auf einmal, kaum wieder zu erkennen, erschien Grossvater. So verändert, so schön. Rosiges, feines Gesicht, einmal ohne Stoppeln und Pfeife im Mund. Schwarzes Gewand – «Häs», wie er es nannte – weisses Hemd und Uhrkette mit Band aus geflochtenem Frauenhaar. Zuletzt drückten ihm die Frauen noch den Zylinder auf den Kopf. Er war eindeutig der Imposanteste von uns, aber jetzt schnell zur Kirche. Glücklicherweise war sie ganz nah. Schon viele Leute waren vorher am Haus vorbeigegangen. Das machte uns kribblig und nervös. Es tönte gar nicht heilig, was wir uns da am Sonntagmorgen zuriefen. Haustüre abschliessen. Los! Obwohl Eile von Nöten gewesen wäre, stellte sich heraus, dass Grossvater wegen der neuen Schuhe nicht vorwärts kam und sich bei den Frauen einhängen musste. Schliesslich schafften wir es doch und nahmen artig in den Bänken Platz, rechts nur Männer, links Frauen und Kinder, strengstens getrennt. Es war mäuschenstill und ich konnte mich den Betrachtungen hingeben. Die Farben schwarz und weiss herrschten vor. Die Frauen hatten glatt nach hinten gekämmte

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Doris Riedeners Grossvater im Jahre 1963

Haare mit Knoten und sahen alt aus. Die Buben und Mädchen sassen ruhig und steif daneben. Ganz unnatürlich brav, gar keine richtigen Kinder. Sicher kam in meiner Mutter über so viel Wohlerzogenheit etwas Neid hoch. Mir schwante schon eine spätere Gegenüberstellung. Es roch nach Kampfer, Schuhfett, sowie nach etwas undefinierbar «Älteligem» und über allem schwebte ein StalI­gerüchlein. Dann begann es. Lehrer Kuttler spielte vorne mächtig auf der rosa-hellblauen Orgel und alle sangen laut und wunderbar. Mehrstimmiges Singen war damals noch gang und gäbe – wirklich schön. Die Predigt des Pfarrers schien mir unendlich lang. Eindringlich und streng «bleute» er den Leuten die Bibelworte ein. Er sprach mit erhobener Stimme.

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Eine Notwendigkeit, denn bei den Bauern hatte der Wecker schon um vier Uhr geläutet und sie waren geneigt, in der gottes­ dienstlichen Wärme den verlorenen Schlaf nachzuholen. Mit «Schubsern» ihrer Banknachbarn konnten sie einigermassen wach gehalten werden. Selbst mein Vater war nach einer feucht-fröhlichen Nacht nicht ganz kirchentauglich und bekundete Mühe mit dem Offenhalten der Liederbücher. Zuletzt sang man das Lied: «0 Heiland reiss die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf … » Merkwürdig, das hatte ich doch letztes Jahr schon gehört. Da ich mir den Himmel als überdimensionalen Männerregenschirm – nur eben blau – vorstellte, musste wohl irgendjemand – vielleicht im Sommer, als ich es nicht merkte – den Riss zugenäht haben. Der Heiland war wahrscheinlich mit allen Engeln schon längst dahinter verschwunden gewesen. Nach dem Gottesdienst blieben die Besucher noch etwas vor der Kirche stehen, denn es war jedem wichtig, dass man von allen, besonders vom Pfarrer gesehen wurde. Auf dem Heimweg fragte ich, warum es im Lied nicht heisse, der Heiland solle vom Himmel herabfliegen, statt laufen. Meine Mutter lachte: «Das ist doch wegen des Reims.» Diesen Ausspruch merkte ich mir gut bis in die Mittelschulzeit hinein, als uns der Deutschlehrer einmal zu Dichtern umfunktionieren wollte: «Stimmen muss es nicht: Hauptsache es reimt sich.»


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Predigten in Matzingen und Lommis

Erinnerungen von Ruth Kübler-Scholl * 1929

Ruth Kübler-Scholl wuchs im ehemaligen Restaurant-Metzgerei Ochsen auf. Es ist heute ein gewöhnliches Wohnhaus an der Stettfurterstrasse 5

Ihr Grossvater war Metzger und Landwirt und die Frau führte das Restaurant. Ihr Vater, Albert, war Landwirt und wohnte mit der Familie im oberen Stock. Ihr Onkel Robert wohnte unten und führte Metzgerei und Restaurant. 1935 zog ihre Familie ins Haus des damaligen Landwirtschaftlichen Konsums, genannt Landi. Heute steht an dieser Stelle das Gebäude der Raiffeisenbank. Ruth Kübler konnte in Frauenfeld den damals sehr geschätzten Beruf einer Damenschneiderin erlernen. Die Mutter von R. Kübler-Scholl war eine geborene Wiesmann und wuchs im Bauernhaus an der Altholz­

strasse 5 auf, wo sich heute die Gemeindeverwaltung befindet. Aus dieser Zeit wird folgendes berichtet: Grossvater Jakob Wiesmann hatte sonntags die Aufgabe, den Pfarrer nach der Predigt in Matzingen mit Pferd und Chaise zur zweiten Predigt nach Lommis zu führen. Die beiden Gemeinden gehörten damals in kirchlichen Belangen zusammen. Aus späteren Jahren weiss man, dass Garagist Siebenmann mit einem der ersten Autos des Dorfes dieses Amt übernahm. Pfarrer Ammann und Organist Kuttler kamen so in den sonntäglichen Genuss einer Autofahrt. Es wird berichtet, dass einmal bei ei-

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ner solchen Fahrt das Auto beim Sandbühl vor Stettfurt von der Strasse abkam und sich überschlug. Den Insassen sei nicht viel geschehen. Wie und ob der Gottesdienst noch zustande kam, ist nicht bekannt, nur dass die Glocken der Lommiser Kirche nicht aufgehört hätten zu läuten. So wussten im unteren Lauchetal bald alle, dass irgendetwas passiert sein musste. Ruth Kübler erinnert sich auch noch an den Sohn des obgenannten Pfarrers Ammann. Dieser war Augenarzt in Frauenfeld. Das Pfarrhaus, sein früheres Heim, stand in unmittelbarer Nähe des Hauses Wiesmann. Während des Krieges mussten alle Kinder mit kleinen Chärreli Rossbollen sammeln, als Dünger für die Gärten. So auch der Sohn des Pfarrers. Dieser gestand nun einst Ruth bei einer Augenuntersuchung seine Sünde aus jener Zeit. Er sei zum Bollensammeln zu bequem gewesen und hätte stattdessen Mist vom Miststock des Jakob Wiesmann, ihres Grossvaters, gestohlen. Aus der Schulzeit weiss Ruth noch, dass keine Turnhalle vorhanden war, sondern in einem ehemaligen Stickereilokal hinter der Handlung Greuter an der Stettfurterstrasse 6 «geturnt» worden sei. An Sylvester seien die älteren Schulbuben mit Glocken zu den Familien gegangen, hätten das neue Jahr «angewünscht» und dafür Birnwecken oder Schoggi erhalten. Nachher hätten sie ein kleines Fest veranstaltet.

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Kirche Matzingen, Jahr unbekannt


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Konfirmation mit Pfarrer Oettli, ca. 1930

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1100 Jahre Kirche Matzingen Sonntag, 13. November 1994 Ansprache des ehemaligen Kirchgemeindepräsidenten Heinrich Fitzli

Original-Manuskript

Sehr geehrter Präsident, liebe Mitchristen Vorerst herzlichen Dank für die Einladung zur Einweihung des Kirchgemeindezentrum und zum Festgottesdienst 1100 Jahre Kirche Matzingen. Ich gratuliere der Kirchgemeinde zum gelungenen Umbau des Künzlerhauses in ein Kirchgemeindezentrum. Ich hoffe fest dass dieses schöne Haus mit viel Leben gefüllt wird und zum Treffpunkt für Jung und Alt werden darf. In diesen Wunsch schliesse ich auch die Mitchristen ein, die im Zenith ihres Leben stehen und trotz Beruf, Politik und Familie die Zeit finden mögen am kirchlichen Leben aktiv teilzunehmen. Dem Wunsche eures Vorsitzenden einige Gedanken zur Geschichte unseres Gotteshauses beizutragen bin ich gerne nachgekommen, denn wir dürfen schon etwas stolz sein, dass unsere schöne Kirche mit dem markanten Turm Geburtstag feiern darf.

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Schon mehr als ein Jahrtausend ist das Kloster St. Gallen das kulturelle Zentrum der Ostschweiz. Weltbekannt ist die Stiftsbibliothek, die auch unsere Kirchenvorsteherschaft vor etwa zehn Jahren als Ausflugsziel gewählt hat. Hier finden sich die ersten schriftlichen Dokumente unserer Gemeinde. Die erste schriftliche Erwähnung unseres Dorfes stammt aus dem Jahre 779. Nähere Angaben finden Sie auf der Bronzetafel an der Aadorferstrasse. Die erste Erwähnung einer Kirche datiert aus dem Jahre 894. Den Wortlaut haben Sie soeben vom Vorredner, Herr Bissegger, Präsident der evangelischen Kirchgemeinde, vernommen. Wängi war während Jahrhunderten das Regionalzentrum, um eine moderne Redewendung zu gebrauchen. So wurde Matzingen während gut 600 Jahren kirchlich von Wängi betreut. Unser Gotteshaus wurde der


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heiligen Verena gewidmet. Bei der letzten Kirchenrenovation wurden Fundamente im Chor unserer Kirche freigelegt und sind im Chorboden eingezeichnet. Es ist auch für mich und die ehemalige Kirchenvorsteherschaft ein grosser Freudentag, wenn ich an die langwierigen Kaufsverhandlungen zurückdenke, bei denen mir fast der Geduldsfaden gerissen ist. Noch heute gehören unsere kath. Mitchristen zur Kirchgemeinde Wängi. Kurz vor der Reformation 1518 wurde Matzingen eine eigene Pfarrei. Auch dieser Markstein wurde Ihnen im Wortlaut vorgelesen. Bei der Reformation trat unsere Gemeinde geschlossen zum neuen Glauben über und damit diente die St. Verena Kirche den Evangelischen seither als ihr Gotteshaus. Noch zu meiner Schulzeit hier in Matzingen gab es nur drei katholische Familien und deren Kinder besuchten mit uns die Sonntagsschule. Im Jahre 1578 wurde Lommis Filiale von Matzingen und damit war es finanziell möglich die Pfarrstelle dauernd zu besetzen. Nach der Dorfchronik von Jakob Stutz, zu seiner Zeit Lehrer in Arbon, erlebte unsere Kirche gute und böse Tage. Ein Chronikeintrag von 1584 berichtet von einer grossen Reparatur: «Als die Glocken aus dem Thurne in die Kilchen abhin gefallen.»

In früherer Zeit als Gedrucktes für den einfachen Bürger Seltenheitswert hatte, geschweige denn Radio und Fernsehen bestand, hatte der sonntägliche Gottesdienst oder gar die wenigen Kirchweihfeste einen ganz anderen Stellenwert. Daher hatten die Kirchenplätze verschiedene Ränge mit unterschiedlichen Platzmieten für ein Kirchenjahr. Teilweise wurden Kirchenplätze sogar vererbt. Es gab sogar Zeiten, wo freigewordene Plätze an den Meistbietenden vergeben wurden. Nun noch einige Angaben zur Kirche, der heutigen Zeit. Das Kirchenschiff in der heutigen Grösse entstand anno 1835. Der Anbau West wurde erst bei der Renovation 1968 in dieser Form erstellt. Der schlanke Kirchturm mit der respektablen Höhe von 50 Metern entstand 1885. Oberhalb des Glockenstuhls ist er ganz in Holz erstellt, eine saubere Zimmermanns­ arbeit die recht gut erhalten ist. Beim Setzen der Fahnen durfte ich den Turm während Jahren im Innern ersteigen und darüber staunen, was schon früher ohne Bauingenieure möglich war.

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Die jetzigen Glocken stammen aus dem Jahre 1886 und wurden von der Glockengiesserei Rütsche Aarau gegossen und haben ein Gewicht von 2635 Kilo. Sie rufen uns zum Gottesdienst und zu kirchlichen Handlungen in Freud und Leid. Obwohl es immer die gleichen Töne sind, klingen sie für uns verschieden, ob es eine Hochzeit zu feiern gibt oder ob wir von einem geliebten Menschen Abschied nehmen müssen. Unsere Orgel, die erst seit der letzten Renovation unsere Empore ziert, zählt 15 Register und ist ein Meisterwerk der Orgelbaufirma Kuhn in Männedorf. Noch ein kurzes Wort zu den drei Glasfenstern im Chor, die besonders bei Nacht so schön farbig wirken wurden vom Winterthurer Künstler Hans Affeltranger entworfen und befassen sich mit den drei Festtagen unserer Kirche: Karfeitag, Ostern und Pfingsten. Ein aktuelles Detail: die Ausgiessung des heiligen Geistes erfolgt an Menschen jeder Farbe, denn Sie sehen auf dem Pfingstfenster Menschen mit weisser, gelber, roter und schwarzer Hautfarbe.

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Schon gut 300jährig ist unsere Kanzel, auch ein Zeuge alter Handwerkskunst, trägt sie doch die Jahrzahl 1666. Sie wurde neu viel tiefer gesetzt, da ja unsere Pfarrherren näher zur Gemeinde kommen wollen. In der festen Überzeugung, dass auch im kommenden Jahrtausend sich immer wieder Christen finden lassen, die unsere Kirche erhalten und erneuern werden schliesse ich mit den Inschriften auf unsern vier Glocken: Ehre sei Gott in der Höhe Friede auf Erden an den Menschen ein Wohlgefallen Halleluja Amen.


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Drehbuch zu den Bildern am Glockenfest vom 17. August 1986 Heinrich Fitzli

Sprecher zum 1. Bild Liebe Festgemeinde Auch ich möchte Sie herzlich zu unserm Mini-Festspiel begrüssen und mich als Sprecher für die nächste Stunde vorstellen. Doch lassen wir eine lange Einleitung fallen und beginnen wir mit dem ersten Bild. Vergessen wir für einige Zeit unsere technisierte und computergesteuerte Zeitepoche und blenden wir zurück, als die Kirchenuhr noch die Zeit im Dorfe war, nach der sich das ganze dörfliche Leben zu richten hatte. Damals hatte noch jede Stadt und jedes Dorf ihre Zeit. Wohl gab es zu jener Zeit in den bessern Häusern bereits Stubenuhren mit Pendel und Gewichten, doch die standen in der guten Stube und nicht an jedem Handgelenk. Der Stundenschlag und das Läuten der Kirchenglocken hatte eine ganz bestimmte Aufgabe. Im dörflichen Tagesablauf. Vor hundert Jahren waren noch die meisten Einwohner Bauern oder Handwerker mit einer kleinen Landwirtschaft. Selbst zum Pfarrhaus gehörte eine Scheune und der Lehrer hatte seinen Pflanzgarten, eben den Schulacker. So

riefen die Glocken in der Frühe des Morgens die Einwohner zur Arbeit. Läuten der Morgenglocke an einem Werktag Auftritt von einigen Mädern in alter Kleidung mit Sensen und Wettsteinfass. Sprecher zum 2. Bild Heute reden wir oft von der guten alten Zeit. Doch diese Zeit war nicht so gut, sondern bedeutete für die meisten harte Arbeit besonders auch für die Frauen. Das Positive jener Zeit war sicher, dass der Stress und die Hektik fehlten. Sehen wir doch wie nach dem 9-Uhr Schlag die Mäder ihren Znüni erhalten und auch im Schatten des Baumes geniessen 9 Uhr Stundenschlag Auftritt von einigen Frauen und Mädchen in Werktagstracht und mit Holzgabeln. 

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Kirche

Sprecher zum 3. Bild Ein Pfarrherr hatte es verstanden, dass um 1820 ein neues Pfarrhaus gebaut wurde, unser jetziges Gemeindehaus. Statt dem gewünschten neuen Schulhaus hatte die Schule nochmals für fast 50 Jahre mit dem alten Pfarrhaus vorlieb zu nehmen (das heutige Restaurant Rössli). Doch um 1867 wurde der Matzinger Schulpalast bezogen. Vor hundert Jahren war noch eine Gesamtschule, wobei die 7.- und 8.-Klässler während des Sommers nur 1 ½ Tage Repetierschule hatten, sonst aber zu Hause helfen mussten. Mit dem Elfuhrläuten ging die Schule am Vormittag zu Ende. Sehen wir unsere Jüngsten auf der Bühne. Läuten der Elf-Uhr-Glocke Nachher sammelt die Lehrerin ihre Schüler zu einem Schlusslied dann begeben sich die ABC Schüler lärmend nach Hause, Sprecher zum 4. Bild Die Kirchen- und die Familienfeste waren eine willkommene Abwechslung im einfachen und eintönigen Leben unserer Vorfahren. Das Fernsehen ist erst bald 50 Jahre alt, das Radio hielt erst vor 50 bis 60 Jahren Einzug in unsern Stuben. Stellt euch das einmal vor und versucht es einmal eine ganze Woche ohne Radio und Fernsehen. Und doch ist das Werden und Vergehen des Lebens für uns alle eine unausweichliche Tatsache. Doch freuen wir uns an der Taufgesellschaft, die ihr jüngstes Kind zur heiligen Taufe in die Kirche tragen. Während des Läutens begibt sich eine ganze Familie mit allen Angehörigen zur Kirche. Vorfahrt der Tauffamilie mit Kutsche.

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Sprecher zum 5. Bild Auf der Bühne können wir uns erlauben Zeitsprünge zu machen. So überspringen wir auch den damals noch wichtigen Schritt der Konfirmation. Diese brachte den Jugendlichen die erst mit 17 Jahren konfirmiert wurden die Erlaubnis zum abendlichen Ausgang und die Tanzerlaubnis. Die Konfirmation war auch für die meisten der Abschluss ihrer Ausbildung. Im nächsten Bild sehen wir ein Brautpaar, das von der Kirche kommt. Sie haben sich dort ihr Ja-Wort gegeben und den Segen Gottes für Ihren Ehebund erhalten. Sie erfrischen sich mit einem kühlen Trunk und unser Pfarrer wird sich nun in einer kleinen Tischrede an die Neuvermählten wenden. Sprecher zum 6. Bild Wenn wir Christen uns der frohen Botschaft des neuen Testamentes freuen sollen und dürfen, so steht doch allem irdischen Leben füher oder später das Ende bevor. Wenn wir auch die Verheissung besitzen, dass nach dem Leben dieser Weit ein ewiges Leben die Gläubigen erwartet, so ist der Abschied von uns nahe stehenden Familien- und Gemeindegliedern schwer und oft auch unverständlich. So wünschen wir all denen, die uns vorausgegangen sind, die ewige Ruhe. Wir gedenken in Ehrfurcht und Dankbarkeit all derer, die im nahen Friedhof in heimatlicher Erde ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Wir erheben uns zu einer stillen Gedenkminute. Nachher hören wir nach dem Glockengeläute ein Abschiedslied des Chores.


Kirche

Sprecher zum 7. Bild In früheren Zeiten war es noch üblich, dass ein Nachtwächter der Gemeinde die Dorfbewohner behütete, während alle andern schliefen. Mit dem Feuerhorn weckte er bei Not seine Mitbewohner. Wenn gar eine Katastrophe oder gar Krieg sich einstellte, wurde Sturm geläutet. Das können wir Ihnen leider nicht demonstrieren, da ja heute alle vier Glocken mit Wende­ elektromotoren angetrieben werden. Diese können wir nicht schneller laufen lassen. Ich weiss, dass noch Bürger unter uns weilen, die die Glocken noch von Hand geläutet haben. Doch zurück in die Vergangenheit. Hören wir des Nachtwächters Lied und anschliessend die Feuerwehr von anno dazumal.

10, 11 und 12 Uhr Glockenschläge und die entsprechenden Strophen des Nächtwächters. Nach dem Feuerhorn erscheint die Feuerwehr. Sprecher zum 8. Bild Wir kommen nun zum Schluss und hoffen dass es Euch gefallen hat. Nun hören wir noch einige Lieder des Schülerchores von Herrn Huber. Ich danke allen fürs Mitmachen, sei es als Helfer irgendwo, als Statist auf der Bühne oder gar als Star. Ich hoffe, die Realität dieser Welt hole Euch wieder in die Gegenwart zurück. Ich wünsche allen noch frohe Stunden und morgen wieder einen guten Start in die neue Woche.

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Matzingen – uuuhue … schööö ! Männer und Frauen aus Matzingen, Dingenhart, Halingen und Ristenbühl berichten von vergangenen Zeiten

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Männer und Frauen aus Matzingen, Dingenhart, Halingen und Ristenbühl berichten von vergangenen Zeiten. Das Ortsmuseum Matzingen widmet diese...

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