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Ausgabe N°8 • September 2010 • Jahrgang 1 • trafficnewstogo.de

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FREE

PRESS!

NEWS TO–GO

TRAFFIC n

„Too many pieces of music finish too long after the end.“

Zeitgeschehen S.5

Wirtschaft S.7

Dossier S.8

Sport S.12

Der merkel-gau

Dadaxismus

gone ’til november?

KLassik ohne Glaskinn

Manche Geschichten fangen so an: „Wir befinden uns im Jahre 50 v. Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“ Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel solche Geschichten liest, dann kann sie eigentlich nur eines denken: Julius Cäsar hatte ein echtes Luxusproblem… von Thorsten Denkler

Neulich bei Tante Lisbeth: An der Wand hingen zwei Bilderrahmen voller Fotos aus Ostpreußen. Wer damals eine Kamera hatte, konnte damit umgehen. Die Komposition der meisten Fotos war berauschend. Tante Lisbeth holte die Rahmen von der Wand, staubte sie ab und wir studierten die Aufnahmen. Ihre Mutter hatte sie bei der Flucht übers Haff in ihrer Handtasche mitgetragen. Papier ist zart und dünn. Aber es überlebt Weltkriege und wird mit uns alt und sogar älter. Dateien überleben manchmal nicht einmal das nächste Softwareupdate. Ob sich meine Enkel in 70 Jahren über meine Sammlung digitaler Fotos beugen?… von Nicolas Bissantz

Er wurde in Haiti geboren und er will Präsident seines Heimatlandes werden. Er ist kein Politiker – Wyclef Jean wurde vor allem als Frontmann der Fugees bekannt. Wieder einmal geht ein Prominenter um einen Posten in der Politik ins Rennen. Die politische Herausforderung liegt vor allem in der desaströsen wirtschaftlichen Situation des Landes: Über die Hälfte der Bevölkerung Haitis lebt unterhalb der Armutsgrenze und die Folgen des Erdbebens vom 12. Januar diesen Jahres werden das Land noch auf Jahrzehnte prägen. Wyclefs Kandidatur ist zwar von der Wahlkommission abgelehnt worden, doch er beabsichtigt, die Entscheidung der Kommission anzufechten. Haiti und Wyclef – ein Land und ein Rapper, die Geschichte schreiben wollen. … von Lahiny Pierre

Rocky verhalf nicht nur Sylvester Stallone, sondern auch Survivors Smash-Hit „Eye of the Tiger“ zum internationalen Charterfolg, ähnlich wie Gentlehand-Boxer Henry Maske Bocellis rührseligen Hymnen. Über den Status der Hintergrundkapelle und Vorband kommen die Musikanten in Film und Fight jedoch kaum hinaus – meist hört man ihren Ergüssen an, dass sie nur als Einlauf gedacht waren… von Michel Braun

Band A Part

Beauty Boo by Straulino S.13 Arrogant Bastard S.21 Tricky – My Way S.22 Chilly Gonzales – Schachmatt S.24 Matthew Herbert – Stockhausen wäre stolz S.26 The Flaming Lips, Bruce Nauman, Julian Schnabel S.27


TANGENTE

Tangente. Rund mit rechten Winkeln verkörpert diese Uhr Glashütter Manufaktur und feinstes „Made in Germany“. Form und Qualität sind zeitlos, dauerhaft, vielfach preisgekrönt – eine Uhr, die uns hilft, wir selbst zu sein. Mit automatischem Aufzug heißt sie Tangomat. Preise und viel mehr: www.nomos-glashuette.com Ab 9 8 0 Euro etwa bei: Berlin: Christ KaDeWe, Lorenz; Hamburg: Becker; Lübeck: Mahlberg; Bremen: Meyer; Bielefeld: Böckelmann; Düsseldorf: Blome; Dortmund: Rüschenbeck; Münster: Freisfeld, Oeding-Erdel; Köln: Berghoff, Kaufhold; Bonn: Hild; Koblenz: Hofacker; Darmstadt: Techel; Stuttgart: Pietsch; Ludwigsburg: Hunke; München: Bucherer, Fridrich, Kiefer; Augsburg: Bauer & Bauer; Ulm: Scheuble; Erfurt: Jasper; Dresden: Leicht. Und überall bei Wempe.


Contributors

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Contributors

Lahiny Pierre

Jonathan Fischer

Timo Feldhaus

Lahiny Pierre wurde in Jacmel, Haiti geboren. Im Alter von 14 Jahren zog sie zu ihren Eltern nach Brooklyn, New York, um dort später ihre akademische Ausbildung abzuschließen. Sie schrieb den haitianischen Roman „General Authority“ und ist Autorin des Bildbands „Haiti Earthquake 1-12-2010“. Sie veröffentlichte Artikel im Awareness Magazine und ist Kolumnistin der Haitian Times. Demnächst publiziert sie in dem von Edwidge Danticat herausgegebenen Sammelband „Noir“ eine Kurzgeschichte.

1964 in München als Pfarrerssohn geboren, verbrachte Jonathan Fischer seine Kindheit mit der Familie in Südtansania. Die erste Bluesplatte machte ihn süchtig, er führte später in New Orleans Interviews mit den Größen des Soul und brach das Pädagogikstudium schließlich ab, um Musik-Reportagen zu schreiben (SZ, FAZ, Die Zeit), die preisgekrönt sind. Außerdem malt er, sammelt, kompiliert und spielt Musik, und dann ist da noch sein Hobby, das Boxen. Für TRAFFIC schrieb er über das neue Album von Tricky: „Mixed Race“.

Timo Feldhaus wurde vor 30 Jahren im Norden geboren, an dem Ort in Deutschland, der am weitesten von einer Großstadt entfernt liegt. Bis heute mag er den großen Himmel dort. Er arbeitet als Journalist, ist Redakteur beim De:Bug-Magazin und schreibt besonders gerne über Menschen und Mode. Aktuell versucht er den jungen Mann vom herrschenden Preppy-Look abzulenken und freut sich auf den Urlaub in Italien. Für diese Ausgabe hat er den kanadischen Superstar Chilly Gonzales getroffen und sich über Europa und Schachspielen unterhalten.

TRAFFIC NEWS TO-GO “Constituting a new read” Inhalt/content

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VERLEGER Jacques C. Stephens V.i.S.d.P. Co-VERLEGER Murat Suner DESIGN Superbo BILDREDAKTION Ivan Cottrell REDAKTION Carlina Rossée MITARBEITER DIESER AUSGABE Eric Aichinger, Nicolas Bissantz, Michel Braun, Barbara Braeunlich, Gerald Butterwegge, Thorsten Denkler, Klasse Douglas, Timo Feldhaus, Jonathan Fischer, Nina Franz, Mathias Kilian Hanf, Anne Hansen, Maria Hinzmann, Philipp Kohl, Lahiny Pierre, Jacques C. Stephens, Straulino, Murat Suner, Greta Taubert, Adrian Stanley Thomas, Lilo Viehweg, Andreas Waris, Stefanie Willmann, Anne Zdunek. Druck Druckhaus Schöneweide Cover quote Igor Fjodorowitsch Strawinsky ISSN 1869-943X


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Zeitgeschehen

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Die angebliche Wunschkoalition verliert den Kontakt zum Volk. Die Atompolitik zeigt: Wenn Merkel weiter Politik gegen den Willen der Bürger macht, sind ihre Tage gezählt

AP Photo/Gero Breloer

Der Merkel-Gau

von Thorsten Denkler Manche Geschichten fangen so an: „Wir befinden uns im Jahre 50 v. Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt …Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“ Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel solche Geschichten liest, dann kann sie eigentlich nur eines denken: Julius Cäsar hatte ein echtes Luxusproblem. Ja, schwarz-gelb hat die Bundestagswahl 2009 gewonnen. Und das nicht mal knapp. Es war ein deutlicher Sieg, dank eines überragenden Ergebnisses für die FDP. Union und FDP haben geglaubt, damit hätte das Volk auch alle Regierungsprojekte quasi einem Vorratsbeschluss gleich mit abgesegnet. Ein Irrtum. Seit der Wahl hat die Koalition vor allem eines: die Menschen verloren. Nicht nur ein gal-

lisches Dorf steht gegen sie. Es ist mehr als die halbe Republik. In Umfragen gewinnt die Koalition keinen Blumentopf mehr. Was die Bürger mit Macht an die Macht gewählt haben, wollen sie jetzt mit Macht wieder loswerden. Eingebrockt hat sich das die Bundesregierung selbst. Steuerdebatte, Privatisierung des Gesundheitssystems, Wehrpflicht-Streit und immer wieder die unsäglichen Hakeleien zwischen CSU-Chef Horst Seehofer und der FDP. Egal, in welchen Teil der wunschkoalitionären Kiste man greift – heraus kommt nur Ärger. Das allein scheint die Bürger schon über die Maßen zu nerven. Noch schlimmer aber ist, dass die Bundesregierung sich nicht zu scheuen scheint, Politik auch mal komplett am Lebensgefühl der Menschen vorbei zu machen. Bestes Beispiel ist die Atompolitik. Es gibt keine Umfrage, in der sich eine Mehrheit oder auch nur ein erklecklicher Teil der Bevölkerung

über längere Laufzeiten für Atomkraftwerke freuen würde. Mit dem rot-grünen Atomkompromiss ist ein jahrzehntelanger Streit beendet worden. Der Atomausstieg ist in greifbare Nähe gerückt. Das hat erheblich zum so genannten Atomfrieden in diesem Land geführt. Niemand will mehr die Bilder von prügelnden Polizisten, steinewerfenden Demonstranten und Wasserwerfern sehen, die Gegner der Atomtechnik von Straßen spülen. Aber: Der Atomfriede ist brüchig. Er ruht allein auf der Hoffnung, dass der Atomkompromiss unangetastet bleibt. Die Bundesregierung spielt mit dem Feuer, wenn sie versucht ihn wieder aufzuschnüren. Über Jahre hat die Atomlobby sich und die Öffentlichkeit auf den Tag vorbereitet, an dem eine schwarz-gelbe Koalition ihr helfen wird, ihre besten Cash-Cows vor der Abschaltung zu retten. Sie hat die Atomkraft als Klimaretterin

hingestellt, als ließe sich Uran kohlendioxidfrei fördern. Sie hat Stromlücken entdeckt, wo keine sind. Hat die Atomkraft zur sichersten Technik der Welt stilisiert, als gäbe es keine Störfälle und keine Probleme mit der Endlagerung von radioaktivem Müll. Mit all diesen Botschaften hat sie das Volk bombardiert. Aber noch immer ist das Volk gegen Atomenergie. Merkel spürt das an den Umfragen. Für mehr private Eigenvorsorge im Gesundheitswesen lassen sich gute Gründe finden. Auch Sozialkürzungen sind angesichts leerer Kassen noch vermittelbar. Laufzeitverlängerungen nicht. Merkel ist Physikerin. Sie denkt vom Ende her. Über ihr eigenes, ihr politisches Ende scheint sie noch nicht nachgedacht zu haben. Langsam wird es Zeit. zeitgeschehen@trafficnewstogo.de


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Zeitgeschehen

Ausgabe N°8 • September 2010 • Jahrgang 1 • trafficnewstogo.de seiner niedlichen Tochter Sasha im Golf von Mexiko baden. Sie planschen und lachen so befreit, dass die 660 000 Tonnen Öl völlig in Vergessenheit geraten, die an den Küsten doch eigentlich noch rumwabern dürften. Die Botschaft der Aktion ist eindeutig: Schaut her, hier kann gebadet werden. Brecht den Urlaub jetzt bloß nicht ab. Solche Badespäße können aber auch nach hinten losgehen, wie Umweltminister Töpfers Kopfsprung in den Rhein bewies. Er wollte 1988 eigentlich zeigen, wie unbedenklich das Flusswasser ist und endete mit seiner roten Badekappe als Lachnummer. Erlöserfigur III

Allerdings finden immer weniger Amerikaner Obama als Erlöser überzeugend, dessen demokratische Partei übrigens einen Esel im Wappen trägt. Nach einer Umfrage des Gallup Instituts sind nur noch 42 Prozent der Bevölkerung mit der Politik zufrieden. Schuld sind die anhaltende Wirtschaftskrise und Obamas uneindeutige Aussagen zur Moschee am Ground Zero. Da wird es mal wieder Zeit für eine heldenhafte Tat, die leicht verständlich in emotionalen Bildern durch die Presseagenturen der Welt verschickt werden kann. Das Motiv sieht dann so aus: Der Präsident geht mit

Auch Wladimir Putin hat einen unbeschwerten Badeausflug an die russische Schwarzmeerküste bitter bereut, weil er die Regel „Urlaubszeit ist gleich Heldenzeit“ noch nicht kannte. Vor zehn Jahren vergnügte er sich arglos im Badeort Sotschi, als daheim das Atom-U-Boot Kursk nach einer Explosion in die Tiefen der Barentssee sank. Über den damals ganz frisch gewählten Präsidenten blies ein Sturm öffentlicher Entrüstung hinweg. Seitdem hat er dazugelernt und weiß sich bei jeder Gelegenheit als Heldenfigur zu inszenieren. So auch bei den aktuellen Waldbränden in Russland: In Jeans und Hemdsärmeln besuchte er niedergebrannte Dörfer, tröstete weinende Frauen und warf vom Kopilotensitz aus Tonnen von Wasser über den Flammen ab. Mit seinem Handy rief Putin aus den Höllenfeuern Russlands im Präsidentenpalast an. Die Fernsehbilder zeigten, wie dort der erste Mann im Staat, Dmitri Medwedew, etwas steif mit einem Telefon am Ohr in einer Runde von Beamten steht und sich instruieren lässt. Was lernen wir daraus? Wer Erlöser werden will, braucht immer einen Esel.

es zu vorgezogenen Wahlen in Nordrhein-Westfalen kommt, müsste sich Röttgen für ein Amt entscheiden. „Norbert Röttgen würde dann als Spitzenkandidat antreten. Spätestens mit der Ministerpräsidentenwahl im Landtag müsste er aber sein Bundesamt abgeben. Er hat ja versprochen, im Notfall auch Fraktionsvorsitzender  in der Opposition zu werden“, sagt Parteienforscher Gerd Langguth. Ob Röttgen wirklich Landesvorsitzender wird, ist weiter offen. Aber eigentlich stellt sich auch eine ganz andere Frage: Wo sind Politiker, die sich der Verantwortung ihrem Amt und dem Volk gegenüber stellen und für eine langfristige Politik sorgen? Röttgens Vorstoß reiht sich ein in das muntere Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel, das von den Politikern hierzulande derzeit exzessiv betrieben wird. Ole von Beust, Franz Josef Jung, Roland Koch, Horst Köhler – die Politiker kommen und vor allem gehen, wie sie wollen. Und die, die noch bleiben, wechseln ihre Ämter aus einem machtpolitischen Kalkül heraus. Über

allem scheint die Frage zu stehen, wie sie ihren persönlichen Machtbereich vergrößern können. Das Amt selbst und die damit verbundene Aufgabe rücken vollkommen in den Hintergrund. Auch für Norbert Röttgen ist der nordrheinwestfälische Landesvorsitz wie eine Art Basislager am Kilimandscharo: Wenn er zum Kanzler aufsteigen will, hilft ihm die Zwischenstation im Düsseldorfer Landtag. Der mögliche Schritt in die Landespolitik ist daher vor allem machtpolitischer Natur. Ein guter Politiker müsse vor allem ein guter Manager sein und so sei es letztlich egal, ob er das im Verteidigungs- oder Arbeitsministerium mache, führen manche an. Er müsse in der Lage sein, sich in jedes Themengebiet schnell einzuarbeiten, seine Mitarbeiter zu führen und zu delegieren. Wie der Chef eines funktionierenden Unternehmens muss er handeln und denken. Natürlich, das stimmt. Aber würde man einem Unternehmen nicht auch wünschen, dass der Manager an der Spitze auf Dauer bleibt?

1,2,3 von Greta Taubert Erlöserfigur I Wie für alle großen Erlöser fing auch für Wyclef Jean alles mit einem Esel an. Als Kind musste der Musiker in Haiti auf dem Dorfmuli zur Schule reiten. Eines Morgens hoppelte er mit dem störrischen Tier über eine glitschige Brücke und fiel kopfüber ins Wasser. Davon träume er noch oft, sagte Jean einmal der Wochenzeitung Die Zeit. Um das Trauma zu überwinden, gründete er eine Stiftung und half seiner Heimat, wie er es von einem amerikanischen Tonstudio aus eben konnte.

Er wollte – im übertragenen Sinne –, dass kein Kind mehr auf Esel angewiesen ist, um die Schule zu besuchen. Dann kam das Erdbeben. Und aus dem Eselträumer Jean wurde der Erlöserträumer Jean. „Ich repräsentiere alle Haitianer“, sagte er. Deswegen wolle er jetzt Präsident werden. Das geht zwar laut Haitianischer Gesetze nicht, weil er dafür die vergangenen fünf Jahre auf der Insel hätte leben müssen, seinen Eifer bremst das aber nicht. Gerade hat er Klage eingereicht, ist im dunklen Anzug auf das Dach seines Geländewagens gestiegen und hat seinem Volk zugerufen: „Die USA haben Obama, hier werdet ihr Wyclef haben.“ (s. Dossier S.8-9)

Bäumchen, wechsel dich! von Anne Hansen Der Mann ist beschäftigt. Er muss durch ganz Nordrhein-Westfalen touren, damit ihn die Parteibasis kennenlernt. Es sind anstrengende Tage für Norbert Röttgen, vollgeladen mit Terminen, seit er die Kandidatur für den CDU-Landesvorsitz bekannt gegeben hat. Es geht um eine der wichtigsten Bastionen in der CDU, einer Partei, die vor allem über die Landesverbände gesteuert wird. Kein Landesverband hat mehr Mitglieder. Wird Röttgen tatsächlich zum Vorsitzenden gewählt, sitzt er als mächtiger CDU-Landeschef Angela Merkel direkt im Nacken. Röttgen will offenbar ganz nach oben in dieser Republik, gegen oder eben nach Merkel.

Aber Moment mal, von wem reden wir hier eigentlich? Da war doch was. Richtig, Norbert Röttgen ist unser Bundesumweltminister. Er hatte sich in dieser Funktion ehrgeizige Ziele gesetzt: Gegen den Widerstand der eigenen Partei stellte er etwa längere Laufzeiten für Atomkraftwerke in Frage. Er hat sich positioniert, er hatte Ziele. Er könnte kämpfen. Doch aus, vorbei. Klar ist: Röttgen kann unmöglich beide Ämter ausfüllen. In keinem anderen CDU-Landesverband gibt es einen Parteichef, der gleichzeitig Bundesminister ist. Und das aus gutem Grund: Landespolitik macht man nicht mal so nebenbei. Die entscheidenden Reden werden im Landtag gehalten und nicht auf Pressekonferenzen. Und: Man muss vor Ort sein, um der gegnerischen Partei Paroli bieten zu können. Vor allem, wenn

Erlöserfigur II


Wirtschaft

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Trilogie mit Sparklines: Bundesliga, Eurokrise – und heute der Dax. Datendichte Grafiken verleihen dem Sport-, Wirtschafts- und Finanzteil neue Tiefe und zeigen, dass die Zeitung noch lange nicht tot ist. Ein Plädoyer für die Renaissance des Papiers.

Dadaxismus von Nicolas Bissantz Neulich bei Tante Lisbeth: An der Wand hingen zwei Bilderrahmen voller Fotos aus Ostpreußen. Wer damals eine Kamera hatte, konnte damit umgehen. Die Komposition der meisten Fotos war berauschend. Tante Lisbeth holte die Rahmen von der Wand, staubte sie ab und wir studierten die Aufnahmen. Ihre Mutter hatte sie bei der Flucht übers Haff in ihrer Handtasche mitgetragen. Papier ist zart und dünn. Aber es überlebt Weltkriege und wird mit uns alt und sogar älter. Dateien überleben manchmal nicht einmal das nächste Softwareupdate. Ob sich meine Enkel in 70 Jahren über meine Sammlung digitaler Fotos beugen? Ich glaube nicht. Trotzdem steht Papier nicht hoch im Kurs. In der ehrwürdigen Zeit wurde unlängst menetekelt, dass das Ende des Papiers unmittelbar bevorstünde und die Printmedien als erstes untergingen. Zu stark sei die Konkurrenz von Internet, Smartphones und iPads. Dabei haben Zeitungen dem Internet und den mobilen Medien viel voraus: Eine Zeitung raschelt, sie schützt vor Sonne und Regen, sie beruhigt beim Landeanflug, hat nichts dagegen, geknickt, gerollt, gequetscht zu werden, und hält den Fisch frisch. Ungesuchtes und Unerwartetes steht neben dem Gesuchten und Erwarteten. Das überrascht, unterhält und bildet. Eine der Zeitungen speziell fürs iPad habe ich probegelesen und war enttäuscht. Sehr schick, aber irgendwie langweilig. Viele Bilder, wenig Text, viel Interaktion für wenig Inhalt. Ich jedenfalls freue mich weiter auf meine Sonntagszeitung auf Papier. Die meisten guten Eigenschaften der Zeitung haben mit ihrer Größe, ihrer Auflösung, der Schrift- und Druckqualität und dem Kontrast zu tun. Das prädestiniert sie für anspruchsvolle, datendichte Darstellungen, die davon profitieren, dass wir innerhalb der Augenspanne analysieren und vergleichen können. In der TRAFFIC News to-go haben wir das schon zweimal gemacht, mithilfe von Sparklines: Im Juni haben wir die herkömmlichen Fußballtabellen aus vier Saisons mit 1.200 Spielergebnissen grafisch angereichert. Im Juli/August haben wir

Aktie

Veränderung (%) Kurs 20.08.

adidas 6,5

41,02

Allianz

- 6,9

82,46

BASF

- 5,1

42,55

Bayer

- 17,1

46,73

-8,5

42,49

BMW 30,6

41,87

Commerzbank 11,3

6,73

Daimler 4,5

39,23

Deutsche Bank 0,0

50,84

Deutsche Börse

- 15,6

49,50

Deutsche Post

- 7,2

12,98

- 22,6

22,66

Fresenius 12,2

56,56

Fresenius Medical 17,3

44,42

Beiersdorf

E.ON

HeidelbergCement

mit Sparklines Sätze gebildet und Tante Lisbeth die Entwicklung des Euro gegenüber dem Dollar damit erklärt. Heute haben wir die aktuellen Kurse aller 30 Dax-Werte aufgeschrieben und die Entwicklung der Aktien seit Jahresbeginn dazugezeichnet – mit Sparklines. Und jetzt geht es los: Innerhalb der Augenspanne ist auf einer fünftel Seite dieser Zeitung der Gegenwert von fast 5.000 Tageskursen zu besichtigen. Sparklines sind Datenwörter. Wir können sie als Ganzes lesen, also wortweise, oder Buchstabe für Buchstabe, also zeichenweise. Und weil wir die Verläufe als Veränderung zum Kurswert vom Jahresbeginn zeigen, lassen sich alle Verläufe auch untereinander vergleichen, ebenfalls komplett oder Tag für Tag. Ich habe mir diese Tabelle auch auf dem iPhone 3 und 4 und dem iPad angesehen. Und nicht schlecht gestaunt: Die neuen Bildschirme sind dem Papier auf den Fersen. Die Tabelle passte komplett und gut lesbar auf das iPad und zu drei Vierteln und einigermaßen lesbar auf das iPhone. Hier, in der Traffic News to-go, hätten wir noch vier Fünftel Seite für alles, was wir zu den Kursen sagen wollen, zum Beispiel Hintergründe, Analysen oder Warnungen. Andererseits: Außerhalb genau dieser Seite ist es noch nicht weit her mit Datendichte auf Papier. Das Rennen ist also offen. Die Zeitungen haben gewaltige Reserven, innerhalb unserer Augenspanne dichter und damit erkenntnisreicher zu informieren. Die Börsentabelle belohnt intensives Studium. Wer eine Stunde damit auf der Couch verbringt, lernt viel dazu. Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird kaum belastet. Wir müssen weder laden noch klicken noch wischen noch scrollen. Elektronische Darstellungen sind interaktiv, aktuell und greifen auf ein universales Gedächtnis zu. Ihre Auflösung ist aber noch viel geringer und die Bedienung strapaziert unsere Aufmerksamkeit. Weder Papier noch Monitor haben ihre Grenzen erreicht.

- 31,7

33,53

Henkel 0,6

37,24

Infineon 12,7

4,63

K+S 2,1

42,63

Linde 7,4

91,31

Lufthansa 5,4

12,50

MAN 23,5

68,01

Merck

3,1

67,25

Metro

- 7,4

40,22

Münchener Rück

- 4,9

102,95

- 22,6

53,38

SAP 6,2

35,00

Siemens 12,1

73,38

Telekom

- 4,7

10,11

wirtschaft@trafficnewstogo.de

- 17,7

22,54

Volkswagen 22,3

78,86

Tabelle: DeltaMaster. Sparklines von 04.01. – 20.08.2010 für die prozentuale Abweichung zum Kurs vom 04.01.2010; Skalierung individuell je Aktie. Alle Angaben ohne Gewähr.

RWE

ThyssenKrupp


Dossier

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AP Photo/Ramon Espinosa

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Gone ’Til November? Er wurde in Haiti geboren und er will Präsident seines Heimatlandes werden. Er ist kein Politiker – Wyclef Jean wurde vor allem als Frontmann der Fugees bekannt. Wieder einmal geht ein Prominenter um einen Posten in der Politik ins Rennen. Die politische Herausforderung liegt vor allem in der desaströsen wirtschaftlichen Situation des Landes: Über die Hälfte der Bevölkerung Haitis lebt unterhalb der Armutsgrenze und die Folgen des Erdbebens vom 12. Januar diesen Jahres werden das Land noch auf Jahrzehnte prägen. Wyclefs Kandidatur ist zwar von der Wahlkommission abgelehnt worden, doch er beabsichtigt, die Entscheidung der Kommission anzufechten. Haiti und Wyclef – ein Land und ein Rapper, die Geschichte schreiben wollen von Lahiny Pierre Wyclef Jean macht aus der Präsidentschaftswahl in Haiti ein globales Event. Er macht Schlagzeilen im Jahr 2010 – in den Wochen vor und nach der Bekanntgabe seiner offiziellen Kandidatur zum Amt des Präsidenten wurde Wyclef Jean zum Top-Thema in Nachrichten und Politik aus aller Welt. Er kam auf die Titelseiten großer Zeitschriften und war rund um den Globus im Fernsehen zu sehen. Jean hat die am 28. November stattfindende Präsidentschaftswahl in Haiti dahin gebracht, wo sie nie zuvor war: ins Licht der Weltöffentlichkeit. Das ist, worauf die Kampagne von Wyclef Jean abzielt: Haiti für den globalen Markt zu öffnen. Fas a Fas heißt sie – von Angesicht zu Angesicht; die Viv Ansanm Partei, deren Name übersetzt „Zusammen-Leben” bedeutet, möchte schaffen, wozu keiner der anderen 33 Kandidaten in der Lage ist, die sich am 28. November um die Präsidentschaft Haitis bewerben. Die unabhängige Partei versucht, Politiker zusammenzuführen, damit Erkenntnisse gewonnen und in die Tat umgesetzt werden können. Wyclef Jean, der Parteiführer von Viv Ansanm, sieht sich selbst nicht als Politiker. Er stellt die Motivation für seine Bewerbung so dar: „Das hier ist ein Projekt, über das ich schon lange nachdenke und jetzt, wo die Bedingungen in Haiti schlimmer sind, als sie es jemals vorher waren, will ich der Verpflichtung nachkommen, meinem Land zu helfen, und zwar auf höchstmöglichem Level. Ich kann mir keinen besseren Weg vorstellen, die Entwicklung und das Wachstum Haitis zu sichern. Ich mache mir Sorgen, dass, wenn wir zu diesem kritischen Zeitpunkt nichts tun, niemals etwas getan wird.”

Jeans Kampagne setzt sich ein für Transparenz und fordert mehr Verantwortlichkeit. Haitis Wahl-Budget ist zu beinahe 30 Millionen Dollar unter der Aufsicht des UNDP (United Nations Development Program). Über Kritik wegen seines Mangels an politischer Erfahrung macht sich Jean aber keine Sorgen; Viv Ansanm hat sich mit verschiedenen Ministern und Mitgliedern der Nationalversammlung Haitis beraten, um ein ideales Team zu bilden. Am 5. August 2010 trat Wyclef Jean von seinem Amt als Vorsitzender von Yélé Haiti, der NGO, deren Mitgründer er ist, zurück. Die Arbeit mit Yélé und die Zusammenarbeit mit wichtigen Partnern beim Wiederaufbau Haitis hat Jean auf die auf ihn zukommende Herausforderung vorbereitet. Im Mai 2010 empfing Jean außerdem die Ehrendoktorwürde von der Western Connecticut State University. Am 23. Juli 2010 klingelte Jean bei der NASDAQ und erklärte der Welt: „Haiti is open for Business“! Für Viv Ansanm ergibt sich die Möglichkeit, den Menschen im Zentrum der Partei als unabhängiges Werkzeug zu dienen. Wyclef Jean hat Yélé in eine konkurrenzfähige Nichtregierungsorganisation verwandelt, die seither mit den Vereinten Nati-

onen, der Clinton Global Initiative, dem World Food Program, dem Roten Kreuz, Fed-Ex, Delta Airline, T-Mobile, Starbucks, Western Union, Trilogy International und vielen anderen wichtigen Partnern zusammengearbeitet hat. Mit dem Slogan „Einigkeit macht stark” will er speziell die haitische Diaspora erreichen, die er ausdrücklich zu Investitionen aufruft. So ist es auch Teil der Kampagne von Viv Ansanm, die haitische Verfassung dahingehend zu ändern, dass im Ausland lebende Haitianer die doppelte Staatsbürgerschaft erhalten. Dies ist längst überfällig, schließlich trägt die haitische Diaspora zu 70 Prozent zur Wirtschaftskraft Haitis bei. Viele führende Persönlichkeiten in Haiti – darunter auch Mitglieder der Opposition – fürchten, dass sich durch Jeans Mangel an Erfahrung die Geschichte in größerer Dimension wiederholt. Haitis Elite wird den größtmöglichen Nutzen aus Jeans Plattform ziehen. Sie fürchten, Haiti werde zu einer Basis für Sweatshops, während umfassendere Geschäftsmodelle zurückgehen könnten, wodurch Haitis Überleben von Exportgütern und ausländischer Hilfe abhängig bliebe. Wyclef Jeans Plattform bietet einen Jahresplan über 25 bis 30 Jahre für den Wiederaufbau Haitis. Nach dem Konzept von Viv Ansanm soll die Bevölkerung verlagert werden, so dass Erdbebenopfer in landwirtschaftliche Selbstversorger-Dörfer transferiert werden. Die Schaffung von Ar-

beitsplätzen soll das wirtschaftliche Klassensystem mildern, indem den Armen die Chance gegeben wird, selbst Geld zu verdienen. Jean kommt aus einer armen haitischen Familie und verspricht, weiterhin auf der Seite der Armen zu stehen. Er möchte vor allem Arbeitsplätze für die Erwerbslosen schaffen. Egal, ob Wyclef Jean die Wahlen in Haiti gewinnt oder nicht, er ist eine der wichtigsten Schlüsselfiguren für den Wiederaufbau Haitis. Acht Monate nach dem schrecklichen Erdbeben vom 12. Januar 2010, das Haitis Regierung schätzungsweise 40 Billionen Dollar gekostet hat, verfügen Haitianer in der Diaspora immer noch über keinerlei Informationen bezüglich des geplanten Wiederaufbaus. Es gibt allerdings Spekulationen darüber, dass Jean nur dazu benutzt wird, eine Fremdherrschaft über Haiti zu etablieren. Wyclef Jean bezieht sich auf Nelson Mandela und bekräftigt gegenüber der Diaspora, dass es das Ziel seiner Partei sei, eine Einigung zwischen allen zu erreichen. „Manche werden meinen Mangel an politischer Erfahrung kritisieren. Ich werde ihnen erklären, dass mein ungewöhnlicher Lebenslauf einer meiner größten Vorzüge ist. Meine einzige Loyalität gilt dem Wohl der Menschen in Haiti; meine einzige Agenda ist es, dem Land, das ich liebe, dabei zu helfen, dass es wächst und zu Wohlstand kommt. Und, obwohl meine Kandidatur etwas Neues für mich bedeutet, liegt mir meine tiefe Verpflichtung gegenüber Haiti schon in den Genen.“ Werden die leidenden Menschen in Haiti von der großen Öffentlichkeitswirkung dieser Wahlen profitieren, und wird es dadurch gerechter zugehen? Wird die Viv Ansanm Partei Veränderungen herbeiführen nach der achtmonatigen Stagnation, die auf die Tragödie des Erdbebens folgte, mit immer noch mehr als 2 Millionen obdachlosen Erdbebenopfern? Die Jugend ist die Seele eines Landes, in der Jugend herrscht der Geist des Aktivismus. Die Mehrheit von Haitis jugendlicher Bevölkerung, die immerhin 52% der Gesamtbevölkerung ausmacht, war schnell überzeugt: Sie haben schon jetzt Wyclef Jean zu ihrem Anführer erklärt. Wyclef Jean spricht von den vier Säulen für Haiti: 1. Bildung /Gesundheitswesen; 2. Neue Arbeitsplätze / Entwicklung; 3. Landwirtschaft; 4. Sicherheit. Sicherheit: Die Menschen können nicht einmal anfangen sich vorzustellen, wie sie ihr altes Leben wieder aufbauen sollen, wenn sie sich nicht sicher fühlen. In Haiti leben immer noch mehr als eine Million Erdbebenopfer in Zelten und anderen temporären Lagern. Die schwierigen unhygienischen Lebensumstände erhöhen das Risiko von Verletzungen, Krankheiten und Kriminalität.


Ausgabe N°8 • September 2010 • Jahrgang 1 • trafficnewstogo.de Obwohl natürlich der Bau dauerhafter Wohnungen das höchste die überall in Haiti klar zu erkennen sei, nicht ins Gewicht fieZiel sein muss, ist es im Moment das Mindeste, den Menschen len. Jean empfiehlt Penn, den Golfplatz in der Nähe von PetionVille zu betreuen, wo es – unter dem Schutz der Militärpoliso schnell wie möglich sichere Notunterkünfte zu verschaffen. Internationale Hilfe: Ausländische Regierungen haben Haiti zei – erheblich friedlicher zugehe, während er selbst mit aller nach dem Erdbeben finanzielle Hilfe in Höhe von 5.3 Milliarden Leidenschaft in völlig ungesicherten Zeltstädten schufte, um Dollar zugesagt, aber nur 9% davon sind tatsächlich geleistet zu helfen. Eine große Mehrheit innerhalb der Haitischen Comworden. Haiti braucht einen Präsidenten, der Versprechungen in munity antwortete auf Sean Penns Kritik an Wyclef Jeans Kandie Realität umsetzen kann – jemanden, der die Entscheidungs- didatur mit Sorge um ihre Autonomie. Sie beglückwünschen träger der Welt davon überzeugt, ihre Versprechungen an die Penn zu seiner humanitären Mission, ziehen es aber vor, dass er sich aus der haitischen Politik und der Wahl der RepräsentanMenschen in Haiti einzuhalten. Schaffung von Arbeitsplätzen: Die Haitianer brauchen Arbeit, ten heraushält. Sie befürchten, dass Penns Kommentare einem und es gibt viel zu tun in Haiti. Eine Generation von Ingenieuren, freien Nationalstaat entgegenstehen, indem sie unqualifizierte Geschäftsleuten und Handwerkern muss ausgebildet werden, die Auswärtige, die davon profitieren, sich für Haiti auszusprechen, in der Lage sind, Straßen, Wasserversorgung und den Rest der dazu anregen, illegitime paternalistische Tendenzen gegenüber Infrastruktur zu verbessern, um sich und ihre Familien damit zu der ersten schwarzen Republik des Westens zu unterstützen. versorgen. Auch Haitis reiche Unternehmerkultur muss gefördert Sean Penns Kommentare sollten die Stimme Haitis nicht weiter werden, indem die Verfügbarkeit von Mikrokrediten erhöht und in den Hintergrund drängen. Es gibt viele in der haitischen Community, die auch den meGesetze und Bürokratie auf ein Minimum beschränkt werden. Bildung: Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt, und doch dialen Fokus auf Wyclef Jeans Gebrauch von Spendengeldern als müssen 90% der Schüler nach der ersten Klasse für die Schule Ablenkungsmanöver und Verschleierungstaktik für Diebstahl im großen Stil deuzahlen. Fortschritt ten: Seit über 30 heißt, Bildung von Jahren haben sich einem Privileg zu einem Geburtsrecht zu machen und Schulen zu gründen, die den ausländische NGOs in Haiti niedergelassen und als Elite funUmgang mit aktuellen Technologien und andere für das 21. Jahr- giert. Diese NGOs und ihre Angestellten leben parallel zur exishundert notwendige Fähigkeiten fördern. („My Vision for Haiti“, tierenden Elite des Landes in den besten Bezirken und fahren die teuersten Autos. Wenn Wyclef Jean angeklagt wird wegen haitiby W. J.) Am Mittwoch, den 11. August 2010, begann der temporäre scher Spendengelder, warum nicht auch die Katholischen HilfsWahlrat Haitis (Temporary Electoral Council – CEP), eingegan- werke und all die religiösen Organisationen aller Glaubensrichgene Beschwerden gegen neun der Kandidaten zu prüfen. Wyclef tungen, die aus Haitis Elend ein florierendes Geschäft mit dem Jean ist einer von insgesamt sieben Kandidaten, deren Qualifika- Seelenheil machen, und nebenbei die Abhängigkeit von einer tion gefährdet ist, da sie nicht die Auflage erfüllen, seit mindes- Geistlichkeit aus dem Ausland fördern. Wenn Yélé Haitis Bilantens fünf Jahren Haiti als ihren festen Wohnsitz zu haben. Jean zen geprüft werden sollen, warum nicht auch die vom Roten ist zuversichtlich, dass sich das Problem löst, sobald er der CEP Kreuz, von Partners in Health, World Vision, World Care, USAID den Beweis für seinen fünfjährigen Aufenthalt im Land erbracht und den Vereinten Nationen, um deren großzügige Ausgaben hat. Er erwartet auch, dass sein von den Vereinten Nationen im und Konsumgewohnheiten zu erklären? Jahr 2007 erteilter Status als Goodwill Ambassador für Haiti ins Haitis Wahlen haben nie zuvor die mediale Beachtung beGewicht fallen wird. Der CEP schloss seine zehntägige Sitzung kommen, die Wyclef Jean ihnen verschafft hat. Von den 34 Bezur Wahl-Registrierung mit dem stolzen Ergebnis von fast einer werbern ist Wyclef Jean offensichtlich der, der die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht. Schon jetzt erscheinen die jungen halben Million Dollar in gesammelten Gebühren und Abgaben. Wird Wyclef Jeans Karriere als Sänger hinter seiner neuen Leute in Haiti massenhaft zu seinen öffentlichen Auftritten, mit Aufgabe als Leiter der Viv Ansanm-Partei zurücktreten? Am 10. lauten Zustimmungsrufen und seinen überlebensgroßen PorAugust 2007 veröffentlichte der Grammy-Preisträger und Singer/ traits – sie wollen Arbeitsplätze. Sie kümmern sich nicht um Songwriter, Autor und Performer das Lied „Delilah“ mit Barring- Jeans amerikanische Skandale; sie interessieren sich nur für den ton Levy, als Vorgeschmack auf sein neues Album „The Haitian Entschluss des CEP. Wird der temporäre Wahlrat ihr Idol so beurteilen, dass er Experience“. nicht dem haiti In einem Inter- Wenn Wyclef Jean angeklagt wird wegen schen Wahlmanview mit dem Roldat entspricht, das ling Stone nennt er haitischer Spendengelder, warum nicht auch die ja fünf Jahre festen seine größte He- Katholischen Hilfswerke und all die religiösen Wohnsitz in Haiti rausforderung an vorsieht? ihn als zukünftigen Organisationen aller Glaubensrichtungen, Am Freitag den Präsidenten Haitis: die aus Haitis Elend ein florierendes Geschäft mit 20. August 2010 „Das größte Probbrachte der CEP lem in Haiti ist die dem Seelenheil machen, und nebenbei die der Jugend Haitis Korruption.“ Abhängigkeit von einer Geistlichkeit aus dem die Nachricht sei Jean hat Übung ner Entscheidung im Umgang mit Ausland fördern. gegen Jean. Die Korruptions-VorLeute gingen darwürfen. Am 4. Auaufhin auf die Stragust dokumentierte ße und demonstThe Smoking Gun rierten gegen das Wyclef Jeans finanals ungerecht emzielle Proleme. Yélé pfundene Urteil Haiti war wieder gegen Wyclef Jean. einmal dem prüDieser gibt an befenden Blick der weisen zu können, Weltöffentlichkeit ausgesetzt. Anschuldigungen waren erhoben worden, dass der dass er für mehr als fünf Jahre Einwohner Haitis war. Am Sonntag Sänger sich selbst und Angestellte bezahlte, und dazu Yélé Haiti nach dem Urteil erfuhren wir über Jeans Twitter-Account, dass er für die Miete eines geteilten Studio-Büros in Manhatten bezahlen gegen die Entscheidung des CEP Einspruch erheben werde; er ließ. The Smoking Gun wies außerdem auf Wyclef Jeans Steuer- hat nicht vor, von seinem Plan, Präsident der Republik Haiti zu schulden hin, die sich auf über 2.1 Millionen Dollar belaufen. Jean werden, abzulassen. Seine jungen Unterstützer haben sich für ihn bleibt dennoch seiner Sache gewiss und erklärt, nicht korrupt zu mobilisiert. Das Schlimmste, das sie sich vorstellen können, wäre vier weitere Jahre zu warten, bis ihr Mega-Star Präsident werden sein, schließlich habe er Yélé Haiti aus eigenen Mitteln finanziert. Wyclef Jean ruft seine Kritiker dazu auf, Yélé Haitis offe- kann. Sie wollen Wyclef Jean als ihren Präsidenten, und sie wollen ne Bücher einzusehen und sich selbst von der Wahrheit seiner ihn jetzt. Aussagen zu überzeugen. Der Musiker, der schon mehrere Pla- Noch nie haben so viele Menschen aus aller Welt von Haiti tin-Platten eingespielt hat, begann seine Arbeit in humanitären und seinem Zweitnamen „Perle der Antillen“ gehört. So viele sind Hilfsprojekten im Land bereits während seiner frühen Tage bei nun daran beteiligt, die Perle wieder zu einer Perle zu machen. Die den Fugees und war bereits im Jahr 2005 Mitbegründer von Yélé Kandidaten sind bereit für den Kampf, weil sie die Führung über Haiti. Yélé Haiti war seither vor Ort aktiv, um die Lebensbedin- die Republik Haiti gewinnen und in das gebeutelte Palais Natiogungen von Jugendlichen in den schlimmsten Slums von Port- nale einziehen wollen. In der Musikgeschichte haben wir Rapper au-Prince zu verbessern. Wyclef Jean spielte eine wichtige Rolle gesehen, die Schauspieler werden, Dichter, die Filme schreiben bei der Wiederherstellung sicherer Verhältnisse in Cité Soleil nach oder Priester werden. Wyclef Jean will seine eigene Geschichte der unrechtmäßigen Absetzung des ehemaligen Präsidenten Jean schreiben: von dem Rapper, der Präsident wurde. Bertrand Aristide im Jahr 2004. Als Reaktion auf prominente Stimmen wie Sean Penn, die dossier@trafficnewstogo.de Jeans Führungsstil und politische Ambitionen kritisieren, weist Jean darauf hin, dass Sean Penns Ansichten über seine Arbeit, Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Klasse Douglas

Dossier

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Das Wetter

Ausgabe N°8 • September 2010 • Jahrgang 1 • trafficnewstogo.de

das wetter

London

Dauerregen Rob Matthews – I miss Trevor Burks Miley Cyrus – „I Miss You“ I know you’re in a better place, yeah / But I wish that I could see your face, oh/ I know you’re where you need to be/ Even though it’s not here with me. Sehnsucht kann ja so weh tun. Selbst dann, wenn man Mittel und Wege kennt, etwas dagegen zu unternehmen. Ablenkung tut gut, ist aber meist nur von kurzer Dauer. Das dachte sich auch Designer Rob Matthews, der während eines Auslandssemesters seinen Freund Trevor Burks so sehr vermisste, dass er Poster und T-Shirts mit Drucken von dessen Gesicht anfertigte. Diese gab Matthews seinen Freunden, die sich, wann immer er Sehnsucht nach dem weit Entfernten verspürte, Trevors Druckgesicht vor ihr eigenes wickeln mussten, um so zu tun, als wären sie er. Zwar ist das Ganze Selbstbetrug, aber wenn es hilft, ist es ein wundervolle Idee. I miss Trevor Burks, too.

Berlin

© Rohan Chhabra

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Schwül mit aufziehendem Gewitter

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Paris pepejeans.com

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Bixels

New York © Robert Matthews

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Bedeckt bei heiSSen Temperaturen

Rohan Chhabra – Hunter Jacket Bach – „Jagdkantate“

Bixels – Finest baked potatoes R.E.M. – „Losing My Religion“

Wenn der Jäger mal daneben schießt, braucht er sich nicht zu schämen. Anstelle des Zwölfender hängt er einfach seine Jacke über den Kamin. Die Gäste werden dann beim nächsten Dinnerabend (ihre Chantrégläser schwenkend) bewundernd „Ah!“ und „Oha!“ rufen. Die „Hunter Jacket“ des Central Saint Martins Industrial Design Absolventen Rohan Chhabra lässt sich über ein Reißverschlussystem von einem Parker in eine Widder-Trophäe verwandeln. Das Kleidungsstück ist Teil seiner Embodying Ethnics Serie, in der Chhabra die Herkunft von Materialien und ihre Verarbeitung hinterfragt. Hierbei geht es ihm mehr darum, eine kritische Position einzunehmen, als bloße Oberflächen zu konstruieren. Auch großartig: die „Sheep Organ Bag“, deren Innenleben aus kleinen Taschen in Form von Schafinnereien besteht. Lieber Rohan, wann und wo können wir deine Produkte kaufen?

Michael Stipe ist weit gereist und hat wohl schon so einiges auf dem Teller gehabt. Da kann schnell Langeweile aufkommen. Anders erging es ihm scheinbar mit Bixels Finest Baked Potatoes. Immerhin drei Mal innerhalb einer Woche kam er und ließ sich die ThunfischKartoffel mit italienischem Ofengemüse, Feta, Kapern und Dillsauce bestellen und bringen. Also, er scheint die Kartoffel zu lieben. Wir lieben sie auch! Denn nicht nur die mit Thunfisch ist ein Gedicht aus Kartoffel-Butter-Creme, sondern auch all die anderen (mit wunderbaren Toppings wie feinem Rindfleisch, Granatapfel, Apfel-Karotten-Salat, Ziegenkäse mit Spinat in Trüffelöl, Walnüssen oder Pilzen). Neuerdings gibt es auch Korn der Hausmarke Stickxels (ein Kooperationsprodukt mit Stickvogel). Passt perfekt! Shakespeare sagt: If music be the food of love, play on. Wir sagen: Bixel, bake on!

Frühnebel Pepe Jeans Kampagne Herbst/Winter 2010 Jane Birkin – „Lolita Go Home“ Tout les gens comme il faut se retourne sur moi/ Principalement les femmes je ne s’est pas pourquoi?/ Elle relook mes chaussure mes chaussettes et ma jupe / J’lai entend murmuré des drôle de mots comme P*te. Die aktuelle Pepe Jeans Kampagne für die Herbst/ Winter Kollektion 2010 erinnert stark an das Paris und London der 60er und 70er Jahre. Sofort hat man Assoziationen mit Filmen wie „Blow Up“ oder „Breathless“. Das liegt nicht zuletzt an Alexa Chung, die auch schon im Frühjahr/ Sommer 2010 für das Modelabel vor der Kamera stand. Äußere Ähnlichkeiten mit Jane Birkin oder Françoise Hardy sind nicht von der Hand zu weisen. Wie gemacht für den Retro-Look der kommenden Kollektion. LV wetter@trafficnewstogo.de


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Prêt-à-porter

Wer jung bleiben will, muss früh damit anfangen. www.voeslauer.com

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Sport

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Klassik ohne Glaskinn von Michel Braun Rocky verhalf nicht nur Sylvester Stallone, sondern auch Survivors SmashHit „Eye of the Tiger“ zum internationalen Charterfolg, ähnlich wie Gentlehand-Boxer Henry Maske Bocellis rührseligen Hymnen. Über den Status der Hintergrundkapelle und Vorband kommen die Musikanten in Film und Fight jedoch kaum hinaus – meist hört man ihren Ergüssen an, dass sie nur als Einlauf gedacht waren. Eine rühmliche Ausnahme stellt der Mingbattle dar, der seit 2006 die Musik zum Eigentlichen erhebt und das Boxen nur als Stafette nutzt. Zwar gibt es hier vom Ring bis zum Ringrichter alles, was zu einem guten Boxkampf gehört, die Duellanten aber legen ihre Bandagen nach dem Einmarsch ab, um ordentlich in die Tasten zu schlagen. Nach sechs Runden klassischer Klaviermusik entscheiden die Kampfrichter

mit Hilfe des Publikums, wessen Fingerarbeit den Sieg verdient hat. Die vermeintlich ungewöhnliche Verschwisterung von Musik und Kampfsport blickt dabei auf eine jahrhundertealte Tradition zurück, wenn auch der pianistische Nahkampf in den Anfängen außerhalb des Ringes ausgetragen wurde. Wie brutal es dabei zugehen kann, zeigt wohl am deutlichsten der Wettstreit zwischen Beethoven und Steibelt, der als erster musikalischer K.O. in die Annalen eingehen sollte. Der Legende nach nahm Beethoven Steibelts Notenblatt, stellte es auf den Kopf und improvisierte es dann in Stücke. Noch in derselben Nacht schlich sich Steibelt wie ein geschlagener Hund aus Wien davon und kehrte sein Leben lang nicht zurück. So etwas nennt man nicht nur im Boxsport vernichtend geschlagen. Nur nach Punkten siegte Salieri im Opernwettstreit gegen Mozart; wer im Kampf Thalberg vs. Liszt die Ober-

hand behielt, ist bis heute umstritten. Ming, Konzertpianistin und Initiatorin des gleichnamigen Battles, gibt letzterem den Vorzug. Als sie 2006 zum ersten Mal in den Ring stieg, war es Liszt, der ihr in der letzten und entscheidenden Runde zum Sieg verhalf. In den folgenden Kämpfen blieb Ming ungeschlagen bis sie sich 2008 als Undisputed Champion aus dem Ring zurückzog. Wenn es am 7. September im Chamäleon Theater wieder gilt, die Fäuste zu entballen, wird Ming als Gastgeberin durch den Abend führen. Als Bonbon wird sie Auszüge aus ihrem aktuellen Album „Reminiscence“ präsentieren, das Hauptaugenmerk aber liegt auf den beiden rumänischen Kontrahenten. Der Herausforderer Catalin Serban, 31 Jahre, Kampfgewicht unbekannt, hat sein Klavierstudium an der UdK Berlin und der Musikhochschule Lübeck mit höchster Auszeichnung abgeschlossen und arbeitet inzwischen

als Dozent. Der nur unwesentlich jüngere Titelverteidiger Sorin Creciun, wohnhaft in Berlin, begeistert nicht nur als Pianist, sondern auch als Komponist. Auch er blickt auf Bestnoten, Auszeichnungen, Preise und Stipendien zurück. Überhaupt zeigen sich hier auf dem Papier zwei ungemein verwandte Biographien, Virtuosen auf Augenhöhe; es ist, als käme es endlich zum Kampf der Kämpfe: Klitschko vs. Klitschko. Doch ähnlich wie im Sport und der Liebe entscheidet zuletzt nicht die Datenerhebung, sondern das gewisse Etwas, das Muhammad Ali nie loswurde, während Axel Schulz nur davon träumte. In Mings Worten heißt das: „Du kannst auf dem Klavier 52 weiße und 36 schwarze Tasten drücken, Musik machen allerdings bedeutet für mich, 88 graue Tasten zu spielen.“ sport@trafficnewstogo.de


Beauty Boo

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lorem Chapter 1

Photos by Straulino


Seite 13, 15, 16-17, 19 Hair and Make-Up: Barbara Braeunlich Seite 14, 18, 20 Hair and Make-Up: Stefanie Willmann


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Arrogant Bastard

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Arrogant Bastard

von Adrian Stanley Thomas DIE POSE Der Musiker ist ein unbeständiges Individuum. Stets bedacht, ein fesselndes Image von sich selbst darzubieten, welches unter den Anhängern und Gegnern bei manchen Interesse und Faszination, bei anderen Bosheit und Missfallen erzeugt. Das Bedürfnis, mit einer Pose Emotionen zu entfachen – sei es mittels eines Album-Covers, Werbematerials oder Zeitschriften-Layouts – muss wohl sorgfältig zustande gebracht werden, damit es nicht lächerlich wirkt. Offen gesagt, wirkt es doch nahezu jedes Mal, wenn man einen Musiker posieren sieht, ein wenig gezwungen und krampfhaft, fast vergleichbar einem gefühllosen Schiedsrichter. Macht das Sinn? Nein, keineswegs, und genauso wenig macht es Sinn, sich als Musiker beim Posieren vor der Kamera lächerlich zu machen. Mittlerweile bevorzuge ich den schlichten Blick in die Kamera, ohne jegliche Mimik. Einfach ausdruckslos zu sein kann einen durchaus aussagekräftigen und ehrlichen Eindruck von einer Identität schaffen. Ich brauche nichts über die Musik hinaus. Würde es denn nicht genügen? Wohl kaum. Musiker können nichts dafür – immer müssen sie „Top Artists“ sein, die Leid, gedankliche Tiefe oder totales Chaos inszenieren. Wenn ich ein Album-Cover sehe, auf dem ein Sänger abgebildet ist, der in die Ferne starrt, kann ich nur an einen CateringWagen um die Mittagszeit denken. Vielleicht geht es anderen ja auch so; man hat einfach zu viel gesehen. Nackt, to-

tal nackt, cool und noch cooler, schäbig und noch schäbiger, bis es nichts Interessantes mehr zu sehen gibt. Als ich in meinem üblichen, negativen Fegefeuer aufzugehen schien, begriff ich, dass durch Gebete und Wachbleiben das eine oder andere interessante Photo auftauchen könnte, wenn man nur sorgfältig genug war und geduldig blieb. Ja! Das Berlin Festival 2010 sollte es möglich machen! Für jemanden, an dem Manieriertheiten vergeudet sind, ist die Jagd nach Künstlern, die das Publikum mit einem ephemeren Ruck von Individualität engagieren können, sehr aufregend. Bei einem Festival, das eine vollkommene Äußerung der Verehrung ist und ein einmaliges Line-Up bietet, war ich äußerst gespannt, dessen Homepage und die Posen der Künstler zu sehen. Das erste Bild war das von den Redakteuren, die direkt in die Kamera schauten! Sie pflückten weder Blumen, noch täuschten sie vor, ein Instrument zu spielen. Könnte das der Anfang eines Trends sein? Leider habe ich geschworen, dieses Wort nie zu benutzen, um nicht mit irgendeinem Fashionista verwechselt zu werden. Jedes Mal, wenn es mir nicht gelingt, muss ich mich selbst tadeln. Nach drei Mahnungen bestrafe ich mich mit einer Zirkusvorstellung oder gar einer Abendschau im Fernsehen. Die Redakteure auf der Website sehen unheimlich professionell aus. Man kann erkennen, dass sie mit Übereifer an ihre Arbeit herangehen. Neben den Redakteuren ist die Band Hot Chip abgebildet, die zu meinem Erstaunen auf zweckloses Theater verzichten. Es ist ein simples Bild von

den fünf Mitgliedern, die geradewegs in die Kamera schauen, was wenigstens für einen kurzen Augenblick eine gewisse Authentizität durchschimmern lässt. Das ist genau der Moment, in dem der Dämon auf meiner Schulter mich mahnt, nicht gleich so emotional auf ein Promo-Bild zu reagieren. Das ist genau der Grund für meine negative Haltung, meine Religion. Was die restlichen fünfundfünfzig Teilnehmer betrifft, ist eher ein Zuschuss an Albernheit – mit tiefen Blicken zur und weg von der Kamera – zu beobachten. Um den Betrachter zu verblüffen, sind die meisten sehr gestylt. Boys Noize wischt sich die Stirn, was nachdenklich aussieht, aber auch bedeuten könnte, dass er müde ist, oder an den Catering-Wagen denkt. Kimono besteht aus drei Kerlen, die in drei verschiedene Richtungen schauen, was durchaus für Verwirrung sorgen könnte. Wie wäre es, wenn sie während des Auftritts in verschiedene Richtungen laufen würden? Das wäre tragisch. Fever Ray schaut auf dem Photo nach rechts über ihre Schulter, trägt eine spiegelnde Sonnenbrille und eine pelzige Kreatur, ich meine natürlich einen Mantel. Jemand, der so cool aussieht, sollte noch nicht mal auftreten müssen! Es ist doch offensichtlich, dass jeder etwas auszudrücken versucht. Vielleicht macht es auch einfach Spaß, was wir akzeptieren sollten. Wenn Bands nun mal albern sein wollen, sollten wir sie dafür nicht gleich züchtigen wollen. Die Kunst des Musikmachens ist besonders, und – menschlich wie sie nun mal sind – muss es den Künstler erlaubt sein, von Zeit

zu Zeit pietätlos zu sein. Wenn Zola Jesus sich für eine Aufnahme ein Auge mit einem glitzernden Tuch verdecken möchte, warum sollte das ein Delikt sein? Ihr ist die Einschränkung der peripheren Sicht offenbar bewusst. Was stört es mich, wenn Neon Indian seine Hand mit Kassettenband einwickelt? Ich vermisse Kassettenbänder, er ja vielleicht auch. Diesen Artikel zu schreiben hat mir geholfen zu verstehen, warum ich anderen gegenüber in dieser Sache so kritisch bin. Es ist natürlich nicht wirklich meine Schuld, aber vielleicht ist der Grund hierfür der, dass ich das Bedürfnis hatte, der perfekte Youngster zu sein. Außerdem bietet sich, wenn man in einem Dorf aufwächst, viel Grund zum Lachen. Aber das ist nicht der Fall. Ich liebe einfach Musik. Es ist mehr als Liebe; ich kann es nicht wirklich beschreiben. Vielleicht wäre es mir doch einfach lieber, wenn Musiker mit Dingen, die mit Musik nichts zu tun haben, ein bisschen zurückhaltender wären. Ich möchte nicht, dass Jux und Übereifer bei Photoaufnahmen eine größere Bedeutung zugeschrieben werden als der Musik selber. Die Öffentlichkeit ist bereits mit euch. Ganz egal, ob ihr der Meinung seid, dass es angemessen ist, sich für ein Photo eine Schlange um den Hals zu legen. Für mich und für die meisten anderen geht es schlichtweg um die Musik. arrogantbastard@trafficnewstogo.de Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Waris


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Musik

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Tricky, der einstige Hoffnungsträger des Triphop, kehrt zurück. Mit seiner neuen Platte knüpft er nicht nur an die eigenen musikalischen Ursprünge an – sie ist vor allem ein Aufbruch

My Way von Jonathan Fischer Lange Zeit galt Tricky als gefallener Superstar. Einer, der nach seinem gefeierten 1995er Debüt „Maxinquaye“ nur noch Enttäuschungen ablieferte und kaum noch darauf hoffen durfte, die Revolution von einst zu wiederholen. Schließlich war Trickys Pionierarbeit durch eine Generation uninspirierter Nachahmer verwässert worden. Triphop: Der einstige Kampfbegriff einer genialen englischen Avantgarde, zu der die ebenfalls aus Bristol stammenden Kollegen von Massive Attack und Portishead zählten, hatte sich spätestens Ende der 90er Jahre zur harmlosen, störgeräuschfreien Frisörsalonbeschallungsnummer abgenutzt. Zum musikalischen Frevel kam die persönliche Tragödie: Bei Adrian Thaws alias Tricky wurde eine Stoffwechselkrankheit diagnostiziert, deren erfolgreiche Behandlung nicht nur seine dramatischen Stimmungswechsel kurierte – sondern ihn scheinbar auch früherer produktiver Kräfte beraubte. Denn der Mann mit dem asthmatischen Geflüster schien lange einfach nicht mehr der sinister-melancholischen Hymnen fähig, die als sein Markenzeichen galten. Stattdessen floh er vor dem Starrummel vom verregneten London ins sonnige Los Angeles. Er genoss es, nicht mehr erkannt zu werden. Besuchte als anonymer Eckensteher HipHop-Parties in der Bronx. Ließ sich viel Geld dafür zahlen, Alanis Morissette und die Red Hot Chili Peppers („das war unter künstlerischen Aspekten einer der größten Fehler, die ich je begangen habe“) auf seinen Alben mitspielen zu lassen. Und meldete sich nur sporadisch mit mehr oder minder belanglosen Rockexperimenten zurück – wenn er nicht gerade ein paar Tracks für die TV-Serie C.S.I. einspielte. Krank klingen, nicht sein Doch diese Phase der Flucht ist zum Glück vorbei. Denn mit seinem neuen Album „Mixed Race“ kehrt Tricky zu seinen Ursprüngen zurück, sowohl örtlich wie auch thematisch. Schon vor zwei Jahren setzte der Bristoler mit „Knowle West Boy“ ein Zeichen in diese Richtung: Das Album ließ alle früheren Konzepte fallen, und suchte stattdessen die Jugend des Sängers im Ghetto Knowle West wieder auf, um die Dämonen der Vergangenheit – von der eigenen tragischen Familiengeschichte bis zur künstlerischen Selbstzerfleischung – zu bändigen. Auf „Mixed Race“ geht Tricky noch einen Schritt weiter: Der einst von berauschenden Substanzen dauerverwölkte Sänger kommt auf dem in Paris eingespielten Album überraschend geläutert und nüchtern daher. Seine Beats klingen unbeschwerter, lassen die traurigen Kriechorgien von einst hinter sich, ja flirten bisweilen gar mit dem Dancefloor – ohne dabei ihr dunkles Funkeln zu verlieren! Offenbar hat der „Prince Of Darkness“ eine ihn lange lähmende Depression überwunden. Seine einstige Feindseligkeit gegenüber der ganzen Welt – Trickys Wutorgien und Prügelattacken sind berüchtigt – scheint einem genuinen Mitteilungsbedürfnis gewichen. Das suggerierten schon seine jüngsten Dancehall Ausflüge mit der Rakkas Crew und seine Mitarbeit am letzten Grace Jones Album. Nun spielt Tricky mit einer ganz neuen Klangfarben-Vielfalt: von Grime über Jazz und swingenden Blues bis zu algerischem Rai – und das, ohne jemals das intime Ambiente einer Lebensbeichte zwischen Verletzlichkeit und Gewalt, Selbsthass und Größenwahn aufzugeben. „Alles, was ich bisher gemacht habe“, gestand Tricky einmal, „war ein Ausdruck meiner grässlichen Unsicherheit. Es ist nur ein Teil meiner selbst, dunkel, abstoßend und wütend zu sein. Es gibt auch eine andere Seite in mir, die ich bislang immer verleugnet habe, sogar vor mir selbst: der Tricky, der selbstlos und fröhlich ist, der anderen Menschen helfen möchte. Ich bin es einfach leid, das Leben als etwas Trauriges wahrzunehmen. Ich fühle mich gut jetzt, habe meinen Platz gefunden.“ Der Tricky, der sich über Monate in einem fensterlosen Kellerraum einsperrte, um darüber zu brüten, wer er ist und was er auf dieser Welt soll, gehört der Vergangenheit an. Vielmehr findet der Musiker zu einem lan-

ge verschütteten Selbstbewusstsein zurück. Lange, sagt Tricky, habe er nur über die eigene Kunstfigur im Spiegel der Popwelt an sich selbst glauben können. „ Jetzt habe ich verstanden, dass das nichts ist. Ich bin jemand, weil ich ich selbst bin und kein Kunstprodukt für ein paar versprengte Psychopathen.“ Flucht in die eigene Fremde Auf „Mixed Race“ erinnert sich Tricky an die Synergie zwischen Schwarz und Weiß, die seine Jugend prägte. Offensichtlich hat er diesen Austausch als sinnstiftend erlebt. Nun deutet er seine Musik, ja seine ganze Welthaltung aus dieser Offenheit heraus. Oft ist der Drang zur Autobiographie ja nur der letzte Ausweg aus der kreativen Flaute. Bei Tricky aber führt sie zu seinen spannendsten lyrischen Statements bisher: „I am nothing, I move through walls/ I’ll make thunder when the night come…“ erklärt er im Opener „Every Day“. Und verpackt seine metaphysisch daherkommenden Beobachtungen mal in dunkel glühende Dub-Walzen, mal in swingenden Blues oder gar Londoner Grime-Beats. Da lässt er etwa in „Hakim“ den algerischen Virtuosen Hakim Hamadouche orientalische Lautenklänge über einen minimalen elektronischen Beat legen. Toastet er immer wieder im Flüsterduett mit einer anschmiegsamen Frauenstimme, als wäre es ein Duett zwischen Chet Baker und Billie Holiday. Oder er unterlegt den Dancehall-Klassiker „Murder Weapon“ mit dem allbekannten Peter-Gunn-Riff. Und setzt doch ganz neue Kontrapunkte – etwa durch die Spieluhr, die am Anfang erklingt, und Sinatras „My Way“ spielt, als ginge es um ein Wiegenlied und nicht eine Mordgeschichte aus dem Gangster-Milieu (das Tricky immerhin ganz gut aus erster Hand kennt: Drei seiner Familienmitglieder wurden ermordet, seine Onkel saßen lange hinter Gittern und auch er selbst verbrachte ein paar Monate wegen Diebstahls und Drogenhandels im Gefängnis). Es sind diese ständigen Kontraste und Querverweise, die „Mixed Race“ mit Bedeutung aufladen. Zwischen den Welten Tricky gibt sich dabei als Kind der britischen Popkultur der 80er und 90er Jahre zu erkennen. Einer Zeit, in der die Gesellschaft das spiegelte, was er im heimischen Wohnzimmer erlebte. „Wenn man bei uns daheim am Tisch saß, sah man jede Hautfarbe. Ohne diese Erfahrung wäre ich vermutlich weniger aufgeschlossen geworden, als ich es heute bin. Ich kenne beide Welten“. Tricky war in Bristol bei seiner Großmutter im weißen Ghetto Knowle West aufgewachsen. Der jamaikanische

Vater hatte sich aus dem Staub gemacht, die gemischtstämmige Mutter brachte sich um, als der Sohn vier Jahre alt war. Bei der Oma erlebte Adrian eine Welt weiblicher Fürsorge und Freiheit: Einerseits durfte er bei ihr Horrorfilme anschauen, andererseits unterstützte sie ihn beim Schuleschwänzen. Und wenn die Welt von Knowle West auch rau war: Vor der eigenen Haustüre respektierten sich arme Weiße und arme Schwarze. „Ich konnte in einen jamaikanischen Club gehen, in dem keine Weißen waren – aber auch als einziger Schwarzer in einen weißen Club. Ich machte mir darüber nie Gedanken.“ Seine Cousins Mark Stewart und Miles Johnson – später das erste Line-Up von Massive Attack – spielten ihm alles von Parliament bis T-Rex vor. Trickys weißer Onkel dagegen infizierte ihn mit alter Soulmusik von Al Green und Sam Cooke. Der Austausch von Schwarz und Weiß, Punk und Reggae oder Soul und Ska bildete jahrzehntelang den Nährboden für die britische Ausprägung von Pop. Wie stellte sich Tricky noch mal selbst auf dem Debutalbum von Massive Attack vor? „English upbringing, background caribbean…“ Kein Wunder also, dass sich Adrian Thaws alias Tricky in seiner Jugend für Two Tone begeisterte. Ein Stil, der von schwarz-weiß gemischten Bands wie The Specials geprägt

wurde, und der nicht nur für die schwarz-weißen Karomuster der Mods und Rude-Boys steht – sondern auch für das egalitäre Miteinander der Ethnien. „In der Two Tone-Ära“ erinnert sich Tricky, „haben sich die Leute gemischt. Heute hängen Schwarze mit Schwarzen rum und Weiße mit Weißen. Ich glaube nicht, dass diese Entwicklung England gut steht.“ Für ihn ist dieser neue Separatismus wie auch die Eskalation bewaffneter Gewalt in den Ghettos eine Folge importierter HipHop-Zerrbilder aus Amerika: „Wenn es nur noch darum geht, materialistische und gewalttätige Phrasen zu dreschen“, erklärt Tricky in einem Interview, „dann hat das nichts mehr mit dem Überlebenskampf zu tun, den HipHop einst spiegelte. Sondern mit der Vorgabe der großen Konzerne.“ Wenn Tricky allerdings „Mixed Race“ als sein „Gangster-Album“ bezeichnet, hat er keine Selbststilisierung als Bad Boy im Sinn. Sondern möchte „die dunkle Seite der Urbanität“ ausdrücken. So bezeichnet er den Echo-Minott-Song „Murder Weapon“ als „Teil seines Lebens“. „Wir waren in einem Geschäft, und ein Typ, der mit meinen Freunden Schwierigkeiten hatte, begann, als Drohung ,Murder Weapon‘ zu singen. Das habe ich nie vergessen.“ Während sich Tricky auf „Early Bird“ daran erinnert, wie wütend er auf das Leben war – und wie er um Haaresbreite eine Gangsterkarriere verpasste. Sirenengesang zur Begleitung Eindrücke aus der Seele des jungen Adrian Thaws, die Tricky den Erkenntnissen des gealterten Stars, Vaters und Überlebenskünstlers gegenüberstellt. Dabei legt er seine besten Lyrics typischerweise Gast-Vokalisten in den Mund. Etwa seinem Freund Bobby Gillespie von Primal Scream, der die Melodie für „Really Real“ schrieb und auch singt. Auf „Bristol To London“ gibt der Meister des heiseren Geflüsters den energetischen Raps seines Bruder Marlon Thaws eine Chance. Oder er lässt die britischjamaikanische Sängerin Terry Lynn beziehungsweise den Rai-Vokalisten Hakim eine Stimmung einfangen, die jenseits der bloßen Wortbedeutung liegt (der arabische Gesang auf „Hakim“ etwa soll von einem Verrückten handeln, der auf den Straßen lebt). Sechs von zehn Songs allerdings bringen Trickys jüngste Muse zu Gehör: Frankie Riley. Ihre anschmiegsame, aber verruchte Stimme ergänzt Trickys dunkles, raubtierhaftes Raunen um eine weibliche Dimension: Verletzlichkeit, aber auch Selbstbehauptung schwingen im Gesang der Italo-Irin mit. Tricky nennt es „Voodoo“. Und er hat schon aus einigen Frauen das Übersinnliche herausgekitztelt: So prägt die Stimme seiner Freundin Martina Topley Bird sein Debut „Maxinquaye“. Später bittet er Neneh Cherry und Björk (auch mit ihr soll er eine kurze Liaison gehabt haben) zum Duett. Und stellt auf fast jedem Album eine neue naiv-markante Frauenstimme in den Mittelpunkt seiner Songs. Tricky hat seine Gastsängerinnen-Manie einmal auf die eigene Stimme geschoben: „Ich hasse es, mich selbst singen zu hören. Es ist das Unerträglichste an meiner Kunst. Ich brauche einfach jemanden, der meinen Lyrics, die ich für sehr wertvoll halte, auch die entsprechende Färbung verleiht.“ In Wirklichkeit aber nützt Tricky das Duett als Theaterform. Auch auf „Mixed Race“ liefert er sich mit Frankie Riley immer wieder lyrische Wortgefechte, bei denen typischerweise die Frau das letzte Wort hat. Keine Frage: Die weibliche Stimme verkörpert die weichen, offenen, verletzlichen Anteile des in seinen Aggressionen gefangenen Regisseurs. Als solcher hat Tricky inzwischen genug Abstand zu seinen Songs: Der tragische, in den Fängen seines Erfolgs verstrickte Star von einst muss sich nichts mehr vorspielen. Vielmehr hat Tricky zu sich selbst gefunden. Jetzt versteht er die eigene Kunst als Geschenk. Und sich selbst nur als Mittler für Kräfte, die nicht ihm gehören. Wie lässt er doch seine Voodoo-Priesterin singen? „I’m earthquake and deep lake, the fish that swims free / straight to your plate, you can eat me. I’m everyday, I’m everyday, I’m everyday.“ Clubmusik ist Tricky eigenem Bekunden nach immer egal gewesen. Das hier aber ist Clubmusik mit Haltung.


© Jack Dante

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Chilly Gonzales Schachmatt

©Alexandre Isard


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Vielen hat sich Chilly Gonzales als der Piano-Mann ins Gedächtnis gespielt. Dabei war der Kanadier niemals nur der Mann am Klavier. Das beweist er nun erneut - mit einem Film über Schach

von Timo Feldhaus Chilly Gonzales hat es gerne groß. Wenn er einem heute in schlappen Jogginhosen gegenübersitzt, dann steht ihm noch die gestrige Nacht ins Gesicht geschrieben. Er hat sie wieder einmal am Flügel verbracht. Gonzales begleitet Peaches bei ihrem Großprojekt, die Interpretation der Oper „ Jesus Christ Superstar“ und Chilly ersetzt dabei allein ein ganzes Orchester. Er bestellt Orangensaft, doppelten Espresso und Wasser. Der in Kanada geborene, derzeit in Paris lebende Musiker befindet sich in einer Phase der Lebensumstrukturierung. Nach zehnjähriger Karriere wird es mal wieder Zeit für einen Rollenwechsel. Und in diesem Moment ist er einfach ein wenig müde. Er war ja schon so viele. Seit Jahren bezeichnet er sich als besten Entertainer des Planeten, das selbsternannte musikalische Genius, ehemaliger Präsident des Berliner Underground. Er war elektrisch verstärkter Rapper, hochkulturiger Pianist, immer währender, immer schwitzender Witzbold, Grammynominierter-Feist-Produzent und Allround-Popmusiker. Die Frage, ob er sich eher als Sänger oder Entertainer versteht, muss er als Majestätsbeleidigung verstehen. Aber Chilly antwortet ohne Murren: „Ich bin ein Performing Musician. Technisch gibt es natürlich sehr viel bessere Klavierspieler. Aber bei mir geht es auch nicht um Technik.“ PIANO Gonzales plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen: Früher hat er viele Klavierwettbewerbe gespielt, damals in Kanada, als Chilly noch jung war und Jeff Beck hieß. Und die anderen waren oft besser. Er wurde bei den Wettbewerben immer zweiter oder dritter, nur nie erster. Aber er, so sagt Gonzales heute, hatte ein Leben, hatte Freunde und vor allem Witze zu erzählen. Er merkte, es gibt da etwas, das kann ich sehr gut, das kann ich besser als die anderen. Das kann ich vielleicht sogar besser als Klavierspielen. Er wurde langsam zu Chilly Gonzales. „Kunst ist Aufwand und Kommunikation. Ich tue alles dafür, einen guten Moment zu haben mit demjenigen, der zuhört. Ich bin der Meinung, dass das verschiedene Formen des Einsatzes braucht. Vielleicht bist du anders, vielleicht gefällt es dir, Leuten zuzuschauen, die aussehen wie jeden Tag, wenn sie auf die Bühne gehen. Ich bin nicht so. Musik sollte mehr sein wie Film. Wenn der Schauspieler seine Rolle spielt, weiß jeder, dass es nicht echt, nicht authentisch ist. Auch wenn wir das nicht direkt mitdenken, in unserem Inneren haben wir alle akzeptiert, dass es Fake ist. Und erst dadurch können wir zu einer Art Wahrheit kommen. Das Problem mit der heutigen Musikkultur ist, dass jedermann denkt, es wäre besser, wenn Musiker wie echte Menschen sind, statt eine interessante Rolle zu spielen.“

Aber wie geht es dem Rollenspieler Chilly Gonzales? Er steckt seit zehn Jahren sein eigenes Feld ab zwischen den Koordinaten Klavierspiel, Kabarett, Soft-Crooning und Slacker-Humor. Nach einer Kleinkarriere auf den Brettern der Berlin-Bohème spielte er mit einigen Solo-Pianoimpressionen eines der weltweit einprägsamsten Alben der letzten zehn Jahre ein und vier Jahre später präsentierte er mit „Soft Power“ sein für alle Zeit persönlichstes Werk – und scheiterte damit. Es wollte einfach niemand wissen, was er wirklich denkt, alle wollten den Piano-Mann. Wie geht es so einem heute, was macht der? Er macht ein weiteres Album und er macht einen Spielfilm. Beide nennt er „Ivory Tower“. In dem Film geht es um Schach, auf dem Album, das auch der Soundtrack des Filmes ist, der just auf dem hochkarätigen Filmfestival in Locarno präsentiert wurde, geht es um Europa. Gonzales muss immer zu neuen Ufern, er hatte gewissermaßen auch einfach keine Lust mehr. Er weiß es ja selbst: „Die Leute sind überzeugt, dass ich der Piano-Mann bin, sie wollen nichts anderes in mir sehen. Das muss man ändern.“ Er lacht etwas abgekämpft. In dem Pass dieses Mannes steht seit Neuestem, nun endgültig verbrieft, Chilly Gonzales. Und dass er der Piano-Mann ist, das lässt sich beispielsweise im Guinness Buch der Rekorde nachlesen. Er hat einmal 27 Stunden am Stück Klavierstücke gespielt. Sicher, danach gab es andere, die haben länger gespielt, gibt er zu, aber, das stellt er auch klar, die haben sich nicht an die Regeln gehalten, nur so geklimpert, sich vorher nicht angemeldet, immer irgendetwas doch nicht ganz richtig gemacht. Er steht weiterhin im Buch, trägt die Goldmedaille. Das ist ihm wichtig. Und man schaut ihn auch heute an, er redet irgendwas los und man muss lachen. Das kann er einfach, das beherrscht er aus dem FF. CHESS + ART Die heute vorgegebene GonzalesMarschroute lautet also: der Ivory Tower, Elfenbeinturm, der Rückzugsort, dort, wo man in Ruhe mal ein Stückchen Kunst macht. In „Ivory Tower“ spielt Gonzales die Hauptrolle, neben ihm zu sehen sind nur Tiga, Feist und Peaches, kanadische Musiker und Freunde, mit denen er schon ewig zusammenarbeitet. Es ist ein Film über Schach, über eine neue Spielart, in der niemand gewinnt und niemand verliert. „Eine intellektuelle Sportkomödie“, gibt Gonzales an und schaut extra ernsthaft. Man fragt dann einfach mal, einfach, weil alle fragen. Wie gut und gerne spielt er denn Schach? „Sehr enthusiastischer Spieler, aber ohne Talent, leider.“ Aber der Künstlertypus interessiert ihn, der macht ihm zu schaffen. Man denkt an Marcel Duchamp, den Erfinder der Konzeptkunst, der später nur noch Schach gespielt

und kaum mehr Kunst gemacht hat. „Er war eher ein verspielter, phantasievoller Spieler“, weiß Chilly und räsoniert ein weiteres Mal über den Künstlertypus. „Du musst wissen: Echte Künstler machen keine Alben, echte Künstler gehen nicht einmal auf die Bühne. Niemand weiß, wer und wo der echte Künstler ist, denn er produziert nichts für die Öffentlichkeit, sondern alles nur für sich selbst. Ein echter Künstler ist glücklich damit, sich selbst auszudrücken. Ein Entertainer macht nichts für sich, sondern alles für das Publikum. Du kannst nicht beides haben. Entscheide dich. Ich habe es getan. Wenn du Künstler sein willst, höre mit allem auf. Ein Künstler ist arm, und er ist unbekannt. Ich habe einige wenige getroffen. Der Unterschied zwischen Kunst und Entertainment ist einfach: Kunst kann man sehr gut auch alleine machen. Entertainment braucht immer zwei Entitäten, sonst klappt es nicht.“ Das Soundtrack-Album, dass der Berliner Boys Noize produziert hat, klingt herrlich unentschlossen. Die Produktion ist wirklich bissig und pointiert, es hat eine herrliche Wucht und Präzision, doch der entstandene Mash-Up aus Las Vegas-AlleinunterhalterDisco-Pop, strotzenden Piano-Lines und eingestreutem Klimper-Potpourri, beatmäßiger Slickness und herrlichen Raps lässt einen völlig ahnungslos zurück. Es klingt warm, auf den Punkt und auf sehr zeitgemäße Art elektronisch. Und immer halb nach Piano-Mann und zur Hälfte nach großem Pop-Wurf. Aber darum geht es auch überhaupt nicht. Glaubt man Gonzales. Er ist ja bereits wieder ganz woanders. „Ivory Tower“, das ist schlicht und einfach ein Produkt unter vielen Gonzales-Produkten, ein gutes Produkt, keine Frage, aber auch nur ein Zeichen der Freiheit, ein Stern am immer vielseitigeren Pophimmel, Ausdruck einer heutigen, zeitgemäßen Künstler- bzw. Musikerpersönlichkeit in der sich neu formierenden Musikindustrie, in der sich Gonzales selbst immer wieder neu formuliert. Heute beispielsweise, erzählt er ohne mit der Wimper zu zucken, schreibt er an einer Oper, in der es um den österreichischen Vergewaltiger Josef Fritzl und den Narziss-Mythos geht. „Es kann nicht mehr darum gehen Alben zu machen. Ich möchte einfach interessante Performances liefern. In diesem Moment verdiene ich mein Geld wirklich nur mit Dingen, die im Grunde nichts mit Gonzales zu tun haben. Live-Shows, Musik für Werbung, ich produziere und schreibe Musik für andere Künstler. Je mehr die Musikindustrie eingeht, desto besser für mich. Es geht heute nicht mehr um Radiohits und das ist gut für Musiker wie mich, die seit länger als zehn Jahr im Business und nicht so leicht festgelegt sind. Wir sind frei, Dinge zu tun, wie etwa Filme. Das Endspiel, wie wir Schachspieler sagen, der letzte Zug, verändert sich für Menschen wie mich.“

EUROPE Wenn Gonzales später sagt, er sei „der Liberace der heutigen Zeit“, dann ist klar, dass er selbst das am wenigsten glaubt. Natürlich kann er nicht direkt zu Wladziu Valentino Liberace, dem besten Piano Entertainer des 20. Jahrhunderts, aufschließen. Aber genau diese Art der Inszenierung macht Gonzales aus. Er ist einer der letzten großen Popstars dieser Zeit, weil Chilly Gonzales stets ein handwerklich sehr gut gemachtes Produkt abliefert und dieses dann niemals ohne ein Augenzwinkern, ohne ironischen Twist vorträgt. Die Persiflage ist Gonzales’ Grundprinzip und davor macht er auch bei sich selbst nicht halt. Wenn er bei seinen Piano-Shows simple, wunderschöne Klavierstücke vorträgt, unterlegt er diesem perfekten Spiel fortlaufende Witzchen, vermischt grundsolides Können mit Slapstick. Er spielt am liebsten in alten Pariser Theatern, lädt sich gerne mal Jarvis Cocker ein, und flaniert am nächsten Tag in grimmiger Denkerpose und in Bademänteln durch die Ruinen des alten Europa. „Meine Familie von Einwanderern hat sich in Kanada eingerichtet, in eine Kultur, die um einiges weniger wiegt als die europäische. Für mich als Sohn jüdischer Einwanderer und kanadischer Staatsbürger war es vor zehn Jahren so etwas wie eine ironische Reise, zurück nach Europa, nach Berlin zu gehen. Wenn man bedenkt, was mein Vater mit dem Verlassen Europas wollte.“ Das ironische Spiel mit Klischees überträgt er nun auf Europa. Und diese Reise reicht weit zurück in die Tradition des Pop. Von Kraftwerks „Trans-Europa-Express“ über Roxy Musics „A Song For Europe“. Wer Gonzales heute fragt, wer er ist, bekommt auf dem prägenden Stück seiner neuen Platte Antwort: Er ist Europa. Es klingt recht nachvollziehbar: „Ich bin ein Hundekacke-Aschenbecher. Ich bin ein Film ohne Plot, geschrieben auf dem Rücksitz eines mit Pisse betriebenen Taxis. Ich bin eine kaiserliche Achselhöhle, die Chianti schwitzt. Ich bin eine Toilette ohne Sitz, die die Tradition herunterspült. Ich bin sozialistische Reizwäsche, diplomatischer Techno. Ich bin schwules Gebäck und rassistischer Cappuccino. Ich bin eine Armee auf Urlaub in einem Guillotinen-Museum. Ich bin ein aus Haaren gefertigtes Gemälde, das McDonald’s isst am FKK-Strand. Ich bin ein viel zu langer Roman, ein sentimentales Lied. Ich bin ein gelber Zahn, der Walzer tanzt, mit einer Sonnenbrille zum Herumwickeln. Wer bin ich? Ich bin Europa.“

Chilly Gonzales, „Ivory Tower“, ist auf Gentle Threat/ Edel erschienen. „Ivory Tower“, Gonzales’ erster Spielfilm, wurde erstmals im August auf dem Filmfest Locarno präsentiert.


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Musik

Ausgabe N°8 • September 2010 • Jahrgang 1 • trafficnewstogo.de

Dino Wand /Universal Music Classics & Jazz

Aus seiner Umwelt sampelt Matthew Herbert alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist: Gackernde Hühner, grunzende Schweine, Drucker beim Ausdrucken, die menschliche Atmung. Dahinter steckt ein strenges Konzept, was weder Popcharts noch Clubtauglichkeit außer Acht lässt. Für die Serie „Recomposed“ interpretiert Herbert jetzt Gustav Mahler – auf seine Weise

Stockhausen wäre stolz. von Mathias Kilian Hanf Die Idee der Geräuschmusik entsprang den Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Pierre Schaeffer und Karlheinz Stockhausen schufen mit ihrem Ansatz, Alltag und Umwelt – und nicht etwa herkömmliche Musikinstrumente – als kompositionelle Ressource einzusetzen, ein neues Bewusstsein für die Klangkünste. Auch wenn Herbert mit Musique Concrète nichts zu tun haben möchte, basiert sein Werk auf ähnlichen Vorstellungen. In einem musikalischen Manifest verbot der Engländer sich selbst die Nutzung jeglicher Drum Machines; stattdessen ist er bei jedem neuen Album mit einem riesigen Mikrofon unterwegs, um Geräusche aus seiner Umwelt aufzunehmen und daraus neue

Musik zu erfinden. Auf seinem 2001er Werk „Bodily Functions“ entdeckte er Körpergeräusche als Beatstrukturen. Anstatt Bassdrum und Hi-Hat hört man Gurgeln, Zischen, Atmen. Das demnächst erscheinende „One Pig“ besteht nur aus Lauten, die ein Schwein von sich gibt. Vieles daran muss einem fremd erscheinen, und ein Sinn der seltsamen Geräuschemischung erschließt sich erst im Kontext. Mit einem gesampelten Drucker, der Anti-Bush-Flugblätter druckt, wird ein Instrumentaltrack schnell zu einem politischen Statement. Das Piepsen eingesperrter Küken auf „Plat du Jour“ verurteilt Massentierhaltung. „Musik soll alles sein“, so der 38-Jährige, „schön, schwierig, zur Flucht verhelfend, unseren Alltag transzendierend.

Und sie soll die Welt verändern.“ Bezeichnend ist, wie hörbar der Künstler seinen musikalischen Aufstand dennoch gestaltet. Die Produktionen klingen mal nach minimalistischem House, mal nach sanftem Jazz; sie funktionieren im Club, navigieren sich aber auch in die Popcharts. Da überrascht es kaum, dass Matthew Herbert jüngst gefragt wurde, für die Serie „Recomposed“ der Deutschen Grammophon Gustav Mahler neu zu entdecken. Mahler stand an der Schwelle von der Klassik zur Neuen Musik und nahm in seinem Werk bewusst Abstand von der Instrumentalisierung und Tonalität der klassischen Musik. Dadurch hatte seine Musik eine Schwere, die nur wenigen einen Zugang ermöglichte. Auch Herbert macht es bei seiner Interpre-

tation von Mahlers zehnter Symphonie dem Hörer nicht leicht. Es wäre einem Selbstverrat gleichgekommen, hätte er einfach einen Beat untergelegt, und so beschäftigt sich der Engländer mit dem Tod als dominierendem Thema der letzten und unvollendeten Symphonie Mahlers. Das macht er auf seine Weise, indem er Laute in einer Urne aufnimmt, Mahler aus Lautsprechern in einem Sarg spielen lässt oder am Grab des Komponisten in Wien die Bratsche aus dem Adagio neu aufnimmt. Er erfindet die Musik nicht neu, er interpretiert nur die Umstände, unter denen Mahler damals seinen eigenen Tod erwartet haben muss. Das Ergebnis klingt nach viel Drama, nach Klaustrophobie, nach Melancholie, nach Matthew Herbert – immer eigenartig, immer hörenswert.


Kultur

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Praktische Lebenshilfe

Der Mond und sein Double

Asterix und Obelix fürchten sich davor, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Ähnlich irrational geht auch der Mensch des 21. Jahrhunderts bei seiner Gefahreneinschätzung vor. Das Gefühl der Angst erfüllt als angeborener Instinkt des Menschen einen nicht zu unterschätzenden Zweck. Die Menschheit heute aber – durch die ständige Informationsflut immer ängstlicher – steckt in einem Dilemma, angesichts dessen sich die Frage nach den tatsächlichen Risiken stellt. Humorvoll ermittelt Autor Alexander Marguier, der bereits ein „Luxuslexikon“ vorgelegt hat, diese in seinem „Lexikon der Gefahren“ – von A wie „Alkohol“ bis Z wie „Zusatzstoffe in Lebensmitteln“. Neben klassischen Angstfaktoren wie Schlangen, Spinnen und Krieg tauchen auch Feinstaub, Handys und Krankenhauskeime auf. Dabei stellt sich heraus, dass Einsamkeit eine größere Gefahr darstellt als Kriminalität, Bahnfahrten dagegen ein geringeres Risiko birgen als Cholesterin. Wer den Mut hat, den Gefahren ins Auge zu blicken, auf den kann die Lektüre dieses Buches therapeutische Wirkung haben. AZ

Pink Floyds „Dark Side of the Moon“ ist so tief in die Speichermedien unserer Wahrnehmung eingeritzt, dass man mit einer Coverversion dieses Albums nur versagen kann. Aber wer Flaming Lips, Henry Rollins und Peaches heißt, scheitert mit Verve. Und zwar so, exemplarisch: „On The Run“: Rotzige Lips-Riffs statt des nicht nachahmbaren Soundgefüges. „Time“: Hecheln und Husten statt Uhren und Wecker, pure Angst im Mittelteil – die Heidegger-Variante! „The Great Gig In The Sky“: Peaches singt die Soul-Melodie von Clare Torry ziemlich orthodox nach. „Money“: Da zwingt die Angst vor dem Großhit zu emphatischer Banalität, also zu metallisierten Vocals und HipHop-Beats. Verblüffend: Mit wiederholtem Hören wächst der Mimikry-Effekt. Das Double schiebt sich vors Original. PK

Alexander Marguier: „Das Lexikon der Gefahren“, Dumont Verlag, 265 Seiten, 14,95 Euro

The Flaming Lips: „The Dark Side of the Moon“, erscheint am 27. 8., Warner Music, 17,99 Euro

Polamonströs

Männer und ihr Spielzeug. Wenn der zur Exzentrik neigende Maler, Bildhauer und Regisseur Julian Schnabel zur Photokamera greift, dann natürlich nicht zu irgendeinem xbeliebigen Knipskästchen, sondern zu einem legendären Ungetüm. Die auf sechs Exemplare limitierte, handgefertigte 20x24-inch Vintage Polaroid aus den 1970er Jahren ist etwa so formschön wie ein Kühlschrank, wiegt knapp 100 Kilo und ist nur mit Rollen und einiger Muskelkraft bewegbar. Er wälzte sie vor seine Freunde, Familie, Gemälde und Objekte und schuf Aufnahmen von traumwandlerischer Anmutung: grobkörnig schwarz-weiß, verblichen farbig, düster, zart und unheimlich. Eine Auswahl von gut 100 Bildern hat der Prestel Verlag nun in einem aufwendig gestalteten Band herausgebracht. EA © VG Bild-Kunst, Bonn 2010, Foto: Roman März, Berlin 2010;

Julian Schnabel: „Polaroids“, Prestel, 208 Seiten, 45 Euro

Seelenlos Zugekeilt

Berlin ist um eine grauenerregende Architektur reicher. Diesmal aber darf man dankbar dafür sein. Schließlich handelt es sich bei „Room with My Soul Left Out, Room That Does Not Care“ (1984) um ein Hauptwerk von Bruce Naumann, dem Altmeister einer auf die Wechselwirkung von Körper- und Raumerlebnis spezialisierten Installationskunst. Die Arbeit wurde der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof unlängst vom Sammler Friedrich Christian Flick geschenkt und bildet den Kulminationspunkt einer Werkschau, die eindrucksvoll demonstriert, was es heißt, den eigenen Körper als Wahrnehmungsfilter zu erleben. Nicht immer zum Vergnügen. Die aus drei sich durchdringenden, ausgedehnten Korridoren bestehende, begehbare Skulptur lehnt sich durch Zerquälen gegen die durch urbane Gewohnheit leerlaufende Erfahrungsroutine auf. EA © Bernheimer Fine Art Photography

Bruce Nauman: „Dream Passage“, Hamburger Bahnhof, 28. Mai – 10. Oktober 2010. kultur@trafficnewstogo.de

MENSWEAR | ROSA-LUXEMBURG-STRASSE 21 | BERLIN | Trueffelschweinberlin.com

Das Trüffelschwein – Überstunden aus Leidenschaft. Dass der Mensch das Schwein vor 11.000 Jahren domestiziert hat, ist nicht weiter verwunderlich, verbinden Mensch und Paarhufer doch ähnliche körperliche Laster und Vorlieben: Beide schlafen viel, paaren sich im Durchschnitt 20 Minuten lang und sind Allesfresser, die weit über ihre Sättigungsgrenze hinaus essen können. Das Trüffelschwein ist dem Menschen besonders in seiner Leidenschaft für die edlen Knollenpilze verbunden – eine Partnerschaft, die dem Tier viel Altruismus und Leidensfähigkeit abverlangt. Zum Trüffelschwein taugt allein die geschlechtsreife Sau, nur sie kann den betörenden Duft der Trüffel auch dann noch riechen, wenn der Pilz einen halben Meter tief unter der Erdoberfläche liegt. Denn der dominante Duftstoff der Trüffel unterscheidet sich nur unwesentlich vom Sexualduftstoff des Ebers. Drei Milliarden Riechsinneszellen in der Schweinsnase lösen im Schweinshirn Erinnerungen an wilde Schäferstündchen aus, und das Tier beginnt enthemmt, nach dem Verursacher solcher Wonne zu graben. Doch kaum ist die Trüffel freigelegt, schlägt der menschliche Arbeitgeber erbarmungslos zu und bringt die Trüffelsau um ihre Beute: Noch bevor sie den teuren Pilz verzehren kann, verkanntet der Trüffelbauer einen Maiskolben im Schweinemaul. Und weil der auch nicht übel schmeckt, begnügt sich das Tier mit der Ersatzbefriedigung – immer in der Hoffnung, beim nächsten Mal doch noch zum Zug zu kommen. Diese Veranlagung wird dem Trüffelschwein nun zusehends zum Verhängnis, verwenden viele Bauern doch inzwischen speziell abgerichtete Hunde, die die Trüffel zwar erschnüffeln können, an ihrem Verzehr jedoch kein Interesse zeigen. Aber traditionsbewusste Trüffelbauern halten trotz hündischer Konkurrenz zum Schwein : Erstens, weil die Schweinenase die Hundenase in puncto Riechleistung um Längen schlägt. Und zweitens, weil das Schwein nicht einfach nur Befehle ausführt, sondern bei der Trüffelsuche vom gleichen Motiv geleitet wird wie der Mensch: Leidenschaft. Nach Feierabend wartet dann auf beide der Lohn eines harten Arbeitstages : Der Bauer bekommt sein Trüffelomelett, die Sau einen waschechten Eber. — Alena Schröder, Die Zeit Nr. 37 vom 8.9.2005

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English translations

gone ’til november? By Lahiny Pierre Wyclef Jean presents Haiti’s global election! Who is who of the year 2010? The weeks that wrapped his August 5th official presidential announcement, found Wyclef Jean topping the world cup of news and politics! He featured the cover pages of major media magazines and broadcasted from the hottest seats on télé screens around the globe. Jean has taken this November 28th, 2010 Haiti election where it has never before reached: The Global Scale! That is exactly where the Wyclef Jean campaign shoots to take Haiti: to the global market! Fas a Fas means Face to Face, the Viv Ansanm Party, the “Live Together” political party contests to be like none of the other 33 candidates who bout for Haiti’s presidential seat on November 28th, 2010. The non-partisan party aims to unite politicians for input and to fuel realization. Viv Ansanm party Leader Wyclef Jean does not identify himself as a ‘Politician’. He shares his motivation to run: “This is a move I have been considering for a long time, and now, with conditions in Haiti worse than they’ve ever been, I want to take my commitment to helping my country to the highest level it can go. I can’t imagine a better way to ensure the development and growth of Haiti, and I worry that at this critical time if we do nothing, then nothing will be done.”1 Jean’s campaign resounds on “transparency” and outright demands for accountability. Haiti’s election budget is nearly 30 million dollars under the care of UNDP (United Nations Development Program). Jean is not worried about criticism over his lack of political experience; Viv Ansanm has been speaking with ministers and members of Haiti’s National Assembly to build the ideal team. On August 5th, 2010, Wyclef Jean resigned from his role as Chair of Yélé Haiti, the NGO he co-founded. Working with Yélé and collaborating with major partners in rebuilding Haiti, has prepared Wyclef Jean for the job to come ahead. In May 2010, Jean also received an honorary doctorate degree from Western Connecticut State University. On July 23rd, 2010, together with Yélé, Wyclef Jean rang the bell to open NASDAQ and announced to the world: “Haiti is open for Business”! The opportunity presents for Viv Ansanm to function as a non-partisan tool for administering a people centered campaign. Wyclef Jean transformed Yélé into a competing NGO with major collaborations with the United Nations, the Clinton Global Initiative, World Food Program, the Red Cross, Fed-Ex, Delta Airline, T- Mobile, Starbucks, Western Union and Trilogy International are on the list of many. He also intends to use the non-partisan message of “Unity Makes Strength” to appeal, especially to the Haitian Diaspora, whom he’s invited to come and invest. Viv Ansanm is campaigning for the ramification of Haiti’s constitution for the granting of ‘Dual Citizenship’ to the Diaspora. The Haitian Diaspora contributes 70% of Haiti’s economy; dual citizenship is well overdue for representation. Many leaders of the Haitian community, some are also members of the opposition, fear Jean’s lack of experience will continue a bigger version of the same story; Haiti’s elite will be most to benefit from Jean’s platform. They fear Haiti will become the bedrock of sweatshops and big businesses will descend to maintain Haiti dependent on export goods and foreign aid for survival. Wyclef Jean’s platform offers a 25-30 year rebuilding plan. Viv Ansanm policy platform calls for a shift in the population to transfer earthquake victims to self-sustained agrarian villages. The creation of employment will level the economic class system to give the poor a chance to earn wages. Jean admits his family came from a poor background in Haiti and pledges to stand with the poor people, he predicts a lot of opportuni-

Ausgabe N°8 • September 2010 • Jahrgang 1 • trafficnewstogo.de ties for the jobless to become employed. Whether or not Wyclef Jean is the winner of Haiti elections on November 28th, 2010, he stands major among the key players of Haiti reconstruction. 8 months after the terrible earthquake of January 12, 2010, that shook Haiti’s government to a $40 billion dollar lost, the Diaspora is still without major input in rebuilding plans. Division threatens permanence with speculations Jean is being used to aid foreign occupation of Haiti. Wyclef Jean anchors to the wisdom of Nelson Mandela and assures the Diaspora his political party is to unite everyone. ”Some will question my lack of political experience. I will tell them that being a nontraditional candidate is one of my greatest advantages. My only loyalty is to the well being of the Haitian people; my only agenda is to help the country I love grow and prosper. And while running for office may be new to me, my commitment to Haiti is part of my DNA.” Will the suffering masses benefit from the visibility of Haiti 2010 election to assure fair play? Will the Viv Ansanm party motivate change from the stagnant 8 months old, post-Haiti earthquake tragedy where nearly 2 million victims are still homeless? When united, the youth bears the soul of any country, the youth resonates the spirit of activism. For the majority of Haiti’s 53% youth population it was an easy conquer: They have already chosen Wyclef Jean as their leader. Wyclef Jean introduces The Four Pillars for Haiti: 1- Education/ Healthcare. 2 - Job creation/ Development. 3 - Agriculture. 4- Security. Security: People cannot even consider building better lives unless they feel safe. In Haiti, more than a million earthquake victims are still living in tents and other temporary encampments. The harsh and unsanitary living conditions increase the risk of injury, disease and crime. Though the ultimate goal is permanent housing, of course, we must at a minimum put people in secure shelters as soon as possible. International aid: Foreign governments pledged $5.3 billion to Haiti after the earthquake, but only 9% of it has shown up. Haiti needs a president who can turn promises into reality—someone who will crisscross the earth and convince world leaders to deliver on their promises to the Haitian people. Job creation: Haitians need jobs, and there are jobs to be done in Haiti. We must train a generation of engineers, tradesmen and carpenters who can improve our roads, water, sewers and other infrastructure while supporting themselves and their families. We also need to cultivate Haiti’s rich culture of entrepreneurship by increasing the availability of microcredit and simplifying laws and bureaucracy. Education: Haiti is one of the poorest countries in the world, yet 90% of students must pay for school after first grade. Moving forward means changing education from a privilege to a birthright, and establishing schools to teach technology and other 21st- century skills.”2 As of Wednesday August 11th, 2010, Haiti’s Temporary Electoral Council, the CEP, began revising documents of formal complaints filed against 9 candidates. Wyclef Jean is among 7 others who do not meet Haiti’s 5-year residency qualification mandate. Jean is confident the issue will be easily resolved once he shows to the CEP proof of residency in Haiti for longer than 5 years. Wyclef Jean is also counting on his 2007 status as the United Nation Goodwill Ambassador to Haiti to carry some weight. The CEP proudly closed 10 days of Haiti election registration sessions having successfully collected nearly half a million dollars in fees and dues. Will Wyclef Jean’s singing career take a back seat to his new post as Leader of the Viv Ansanm political party? As of August 10th, 2007, the Grammy winning singer/song writer/performing artist pre-released “Delilah” featuring Barrington Levy, as part of the new album, ‘The Haitian Experience’. Jean talks to the Rolling Stones in an interview, he identifies his biggest challenge as future President of Haiti, “The number one problem in Haiti is corruption.” Jean is not alien to dealing with accusations of corruption. On August 4th, The Smoking Gun documented Wyclef Jean’s financial obstacles.

Yélé Haiti was again put under world scrutiny, allegations of corruption re-surfaced to detail the singer paid himself, staff and also charged Yélé Haiti rent for sharing a Manhattan studio office. The Smoking Gun pointed at Wyclef’s Jean’s debts with the IRS totaling to more than $2.1 million dollars; matters with the IRS are currently being handled by Jean’s lawyers and delegates from the IRS. Jean remains confident he is the man for the job, stating he is not corrupt, he started Yélé Haiti out of his own money. Wyclef Jean further invites any concerned party to view Yélé Haiti’s opened books and contest the truth. The multiplatinum selling musician started humanitarian work inside Haiti since his early days with the Fugees and co-founded Yélé Haiti in 2005. Yélé Haiti has been on the ground and actively changing the lives of inner city youths inside the worst of Port-au-Prince slums for the better. Wyclef Jean played a major role in bringing about security in Cité Soleil after the unlawful removal of former President Jean Bertrand Aristide in 2004. In response to other celebrities like Sean Penn, who criticized Jean’s leadership style and political ambitions, Jean concludes the opinions of Sean Penn bear no weight on his work that is clearly visible throughout Haiti. Jean commands Penn on managing the golf course locale near Petion-Ville where it is more peaceful and under the guard of military police, while he is ardently working in the least secured tent cities providing aid. A majority within the Haitian community responded to Sean Penn’s criticism of Wyclef Jean’s candidacy with concerns of autonomy. They congratulate Penn on his humanitarian mission but prefer he keeps out of Haitian politics and choice of representation. They fear Penn’s comments are antagonist to a free nation state, to encourage unqualified foreigners who benefit from speaking for Haiti to support illegitimate foreign paternalization of the first Black Republic of the West. Sean Penn’s comments should not supercede and further shuffle into the background the Haitian voice! Many in the Haitian community also interpret the media’s focus on Wyclef Jean’s use of charity money as distraction and as a cover-up for the biggest act of thievery. For over 30 years, the non-governmental organizations, foreign NGOs, have settled inside Haiti and have functioned as the elite. These NGOs and their employees live along side the existing Haitian elite in the best neighborhoods and drive the best cars. If Wyclef Jean should be put to the smoking gun about Haiti relief money, why not also question Catholic Relief Services and all the religious organizations, from all the denominations, that flourish from making Haiti’s misery a business of salvation to maintain dependency for the existence of foreign ministries? If Yélé Haiti’s financial records should be scrutinized, why not scrutinize the financial records of Red Cross, Partners in Health, World Vision, World Care, USAID, the United Nations and all its parts, to explain the lavish expenses and consumptions? This third world political football game of Haiti elections hasn’t seen the shock and awe of media blast the way Wyclef Jean is bringing it! Of the 34 contestants for the presidential win of November 28th, 2010, Wyclef Jean is most visible. Already the young people of Haiti are showing up in crowds at appearances with shouts of approval and bigger than life-size portraits of Wyclef Jean: They want jobs! They are not concerned with Jean’s American scandals; they only want to know the outcome of the CEP decision. Will the Temporary Electoral Council find their idol in violation of Haiti’s election mandate, which demands a consecutive 5-year Haiti stay for qualification? On Friday August 20th, 2010, the CEP delivered news to the youth and they have been taking the streets and demonstrating what they perceive as injustice to Wyclef Jean who states he has all his papers in order to show and prove residency of more than 5 years. The following Sunday, it was through Jean’s twitter account we learned he would be appealing the CEP’s decision; Wyclef Jean does not intend to give up on becoming President of the Republic of Haiti. The worst his young supporters can imagine is waiting 4 more

years for their mega star to run again for the presidential seat. The CEP has declared their decisions final, Wyclef Jean and 14 other candidates will not be allowed to appeal. So many are now engaged to restore this Pearle! The candidates are strapped and armed for combat to earn leadership of The Republic of Haiti and make home the already bowed down Palais Nationale. In the history of music, we have seen the Rapper turned Actor, the Lyricist has written films, she/he has turned Minister, but Wyclef Jean stands determined to write his own story: Rapper turned President! 1+2

My Vision for Haiti, by W. J.

chilly gonzalesCHECKMATE By Timo Feldhaus Chilly Gonzales likes it big. Sitting there in baggy sweatpants, last night is still written across his face spent, yet again on the grand piano. Accompanying Peaches in her interpretation of the opera “Jesus Christ Superstar”, Chilly alone replaced an entire orchestra. He orders himself an orange juice, a double espresso and water. The Canadian-born musician currently living in Paris is in a phase of life restructuring. After a 10 year career, it’s time for a change of role. In this very moment he’s just a bit tired, he has played so many roles during his lifetime. For years he’s described himself as the best entertainer on the planet, a self-styled musical genius and former President of the Berlin Underground. He’s been an electrically amplified rapper, a high-culture pianist, a never ending always sweating joker, a Grammy-nominated producer (for Feist) and all around pop musician. For him, the question of whether he identifies more as a singer or an entertainer should be offensive. But Chilly responds without complaint: “I’m a performing musician. Technically, of course there are much better piano players. But for me it’s not about technical skills.” PIANO Gonzales spilled some beans: he played in more than several piano competitions in Canada, when he was still young and called Jeff Beck. His competitors were often better unfortunately he always came in second or third, but never first. But, as Gonzales says today, he had a life, friends, and most importantly, jokes to tell. He noticed there was something there, hey I can do this, I’m better than the others, maybe I can even do this better than playing the piano. Slowly he became Chilly Gonzales. “Art is effort and communication. I will do everything possible to create a good moment for the person listening. I think it needs many forms. Maybe you think differently, maybe you like watching people who look like they go on stage every day. I’m not like that. Music should be more like film. When the actor plays his roll, everyone knows it’s not real, not authentic. Even if we don’t think about it directly, inside we all accept that it’s fake. And it’s only in this way that we can come to some kind of truth. The problem with today’s music culture is that everyone thinks it would be better if musicians acted like real people, rather than playing an interesting roll.” But how is it going for the roll player Chilly Gonzales? For ten years, he’s been defining his own field somewhere between piano playing, cabaret, soft-crooning and slacker humor. After a small career on the floorboards of the BerlinBohème, he played around with making some solo piano covers of the world’s most memorable albums from the last ten years; four years later, with Soft Power, he presented his most personal work to date for all to see and failed. It was just that no one knew what he was really thinking, everyone wanted the piano-man. And how is it going for him today, what’s he up to? He’s making another album and a feature film. Both are called Ivory Tower. The film is about chess and the album, which is also the soundtrack for the


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Venue: Collegium Hungaricum Berlin DorotheenstraĂ&#x;e 12, 10117 Berlin Free fee!

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11 Countries (Belgium, China, France, Iran, Mauritius, Montenegro, Morocco, Pakistan, Poland, Slovenia and Tunisia) are taking part in this multicultural event with more than 30 films selected among their best short films. The short film world cup offers an opportunity to discover works from different cultures: Come and decide which team will be the winner!

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From the 8. to the 9. October 2010 Jaäpam in association with the Collegium Hungaricum Berlin will present the 1st edition of The Short Film World Cup.


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English translations

Telefon

The musical artist is a fickle individual who seeks to portray a certain image that will attract intrigue, interest and for some provoking malice and discontent among followers and detractors alike. This need to entice and arouse emotional reactions with a “pose”, is it on an album cover, promotional material or magazine layout, is something that must be done carefully, so as not to look, well; silly. Let’s be honest, just about every time you see an artist pose, it seems a bit forced and contrite, almost the equivalent of the impassive arbiter of emotion. Does that make any sense? I know it doesn’t, but neither does an artist acting ridiculous while posing for a photograph. I have come to the point where I actually prefer a simple look into the camera with no facial expressions whatsoever. Just be completely non-expressive and that will reveal a far more valid and earnest identity. I really don’t need anything more than the music. Wouldn’t that be enough? Probably not, the artist can’t seem to help him or herself. They must be the “superartist” all the time and

Name, Vorname

By Adrian Stanley Thomas

Telefax

THE POSE

Straße, Hausnummer

arrogant bastard

E-Mail

English translation by Nina Franz

Postleitzahl, Ort

“Ivory Tower”, Gonzales’ first feature length film was presented for the first time in August at the Locarno Film Festival.

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Chilly Gonzales, “Ivory Tower”, is out on Gentle Threat/ Edel.

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When Gonzales later says “I’m the Liberace of today,” it’s clear that he believes it’s the least. Of course he doesn’t come close to Wladziu Valentino Liberace, the best piano entertainer of the twentieth century. But this is exactly this kind of show Gonzales does. He’s one of the last big pop stars of our time, delivering a technically very well-made product every time, never without winking an eye or throwing in an ironic twist. Satire is Gonzales’ basic principle, but he doesn’t stop there. If he does a show of simple, beautiful piano pieces, that perfect performance is backed with continuous jokes, mixing solid skill with slapstick. He prefers playing in old Parisian theaters, eagerly inviting Jarvis Cocker, only to wander around until the next day, assuming the serious “thinker” pose in bathrobes through the ruins of old Europe. “My family of immigrants settled in Canada, in a culture that’s a little lighter than Europe’s. For me as the son of a Jewish immigrant and a Canadian citizen it was like an ironic journey ten years ago, back to Europe, going to Berlin, when you consider what my father wanted with the Europe he left behind.” Now he’s translated his ironic game of clichés into Europe, which goes back a long way in the tradition of Pop, from Kraftwerk’s “Trans-Europa-Express” to Roxy Music’s “A Song for Europe”. If you ask Gonzales today who he is, you’ll get an answer from the main track on his new album: he is Europe. It makes perfect sense: “I’m a dog shit ashtray. I’m a movie with no plot, written in the backseat of a piss-powered taxi. I’m an imperial armpit, sweating Chianti. I’m a toilette with no seat, flushing tradition down. I’m socialist lingerie, diplomatic techno. I’m gay pastry and racist cappuccino. I’m an army on holiday in a guillotine museum. I’m a painting made of hair on a nudist beach eating McDonald’s. I’m a novel far too long, I’m a sentimental song. I’m a yellow tooth waltzing with wraparound shades on. Who am I? I am Europe.”

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Gonzales’ current line of approach is this: the Ivory Tower, the place of retreat, where one makes a bit of art in silence. Gonzales plays the lead role in “Ivory Tower”, supported by Tiga, Feist and Peaches, Canadian musicians and friends with whom he has already collaborated. It’s a film about chess, about a new kind of game in which nobody wins or loses. “An intellectual sports comedy,” says Gonzales, looking very serious. We’ve got to ask, simply because everyone asks: how well does he play chess, and does he enjoy it? “A very enthusiastic player, but unfortunately without talent.” But his interest in the artist-type made him do it. This brings to mind Marcel Duchamp, the founder of conceptual art, who later only played chess and hardly ever made any more art. “He was more of a playful, imaginative player,” says Chilly, arguing again about the artist-type. “You’ve gotta know, real artists don’t make albums, real artists don’t ever go on stage. Nobody knows who and where the real artist is, since he doesn’t produce anything for the public but just for himself. A real artist is happy with expressing himself. An entertainer doesn’t do anything for himself, but everything for the public. You can’t have both. You’ve got to choose. I did. If you want to be a real artist, stop everything. An artist is poor and unknown. Yes, I’ve met a few. The difference between art and entertainment is easy: you can make art really well alone. Entertainment always need two entities, otherwise it doesn’t work.” The soundtrack album, produced by Berliner Boys Noize, sounds wonderfully double-minded. The production is really biting and poignant, with wonderful power and precision, and the resulting mash up of Las-Vegas-one-man-show-disco-pop, bursting piano lines and interspersed KlimperPotpourri, beattastic slickness and wonderful raps is enough to leave you speechless. It sounds warm, to the point and electronically very contemporary. And always half piano-man half pop. But even that doesn’t work. We believe Gonzales. He is already back somewhere else. Ivory Tower is quite simply a product among many Gonzales products, no doubt a good product, but also only a sign of freedom, a star in the versatile Pop sky, an expression of a contemporary, modern artist—an exemplary music-persona in the newly forming music industry, in which Gonzales always newly formulates himself. Today, for example, he’s writing an opera as he begins to explain, without batting an eyelid about Austrian rapist Josef Fritzel and the Narcissus myth. “It can’t be about making albums anymore. I just want to present interesting performances. At the moment, I’m only earning my money with things that basically don’t have anything to do with Gonzales. Live shows, music for advertising, I produce and write music for other artists. The more the music industry shrinks, the better for me. Today it’s no longer about radio hits and that’s good for musicians like me, who’ve been in the business for more than ten years and aren’t

EUROPE

portend enormous pain, deep thought or absolute mayhem. When I see an album photo with a singer looking off into the distance, I just imagine a catering truck for lunch. Perhaps like everyone else, I have just seen too much. Naked, real naked, cool and coolest, grungy then grungier until there isn’t anything now that seems interesting at all. So as I drifted into my usual negative purgatory, I realized that through prayer and keeping vigil there might be a chance to witness the occasional interesting photo if one is diligent and patient. Yes! The Berlin Festival 2010 should do. As one who lavishes the “outré”, the constant hunt for artists who engage the public with an ephemeral jolt of individuality always tickles the tummy. As this seems to be one of the festivals that promote the full expression of reverence and unique line-ups, I was giddy with excitement to see the website and check out the “pose” of each and every artist. The first picture I saw was of the Editors as they looked straight into the camera! They’re not picking flowers or pretending to play instruments. Could this be the beginning of a trend? Sorry, I have taken an oath to never us that word so as not to be connected to some fashion miser. Each time I use it, I am giving myself a demerit. After 3 demerits, as punishment, I have to sit through a circus show, or just watch the nightly news on television. The Editors look incredibly professional in the picture online. You can definitely tell that if called upon; they are prepared to edit with ferocious zeal. Pictured next to the Editor’s is the band Hot Chip, which to my surprise is not engaged in pointless antics of play for a photo either. It is a simple picture of five guys looking into the camera and allowing at least for a moment, the chance for genuine authenticity to prevail. This is the part where my shoulder demon says, “Can you please lighten up on the emotional connection to a promo picture?” See, this is the reason for my negativity, religion. As for the rest of the fifty five acts, there is a bounty of mischief, long gazes into and away from the camera. Many of them are dressed to flummox the viewer in the hope of; honestly I don’t know. Boys Noize is wiping his brow which to me would insinuate a thought of some kind, but he could just be tired or thinking about that silly catering truck. Kimono comprised of three gents all looking in different directions may actually confuse the folks. What if they decide to go in different directions during a performance? That would be unfortunate. Fever Ray is looking off to her right while wearing reflection shades and a fury creature, I mean coat. In my opinion, anyone that cool shouldn’t even have to perform. As you can see, everybody wants to convey something for us. Perhaps this is just a bit of fun that we should just accept. If bands want to look goofy sometimes who are we to chastise them for it? The art of making music is very special and, human as they are, they must be allowed to be irreverent from time to time. If Zola Jesus wants to cover one eye with a glittery shawl of some kind in a photo, why is that such an offense? She obviously knows that her peripheral vision is severely compromised. If Neon Indian chooses to wrap his hands in cassette tape, why do I need to object? Maybe he really misses cassette tapes, I know I do. Writing this article has actually made me look internally at why I’m so critical of others and where this originated. Alright, of course it’s not my fault, but probably the need to be perfect as a youngster and having so much to laugh at growing up in a small country town is partly to blame. You know what? That’s not it. I just really love music. It’s more than love; I don’t really know how to describe it. But maybe I would just like for artists to pull back a bit on the things that don’t involve the music. I don’t need a jape or intense alacrity in a photo to carry more weight than the tunes. The public is already with you. Whether or not you think having a snake around your neck for the photograph is pertinent really doesn’t matter, for me and others, it’s just the tunes.

„TRAFFIC News to-go“ versendet im Durchschnitt nicht öfter als einmal monatlich solche Informationen.

CHESS + ART

so settled. We’re free to do things, like movies. Endgame, as we chess players say, the last train, is changing for people like me.”

Ja, ich möchte „TRAFFIC News togo“ monatlich frei Haus lesen. Bitte senden Sie mir die kommenden 10 Ausgaben zum Inlandspreis von 29,50 Euro (inklusive Porto, Versand und MwSt.) bzw. 24,50 Euro (für Studenten) ab der nächsterreichbaren Ausgabe zu. Falls ich StudentIn bin, füge ich meine gültige Immatrikulationsbescheinigung bei.

film and was just presented at the high-profile film festival in Locarno, is about Europe. Gonzales is always testing out new waters, and he just didn’t want to be the piano-man anymore. He knows this himself: “People are convinced that I’m the piano-man, they don’t want to see anything else in me. That’s gotta change.” He laughs a little tiredly. Written in his most recent passport, finally official, is “Chilly Gonzales”. And proof that he’s the piano-man can be looked up in the Guinness Book of World Records. One time, he played piano for 27 hours straight. Of course he also admits that there were others after him who have played longer, but he also makes it clear that they did not comply with the rules — they just tinkered around on the keys or didn’t register beforehand, always doing something not quite right. He’s still in the book, carrying the gold medal. For him, that’s important. And looking at him today, he’s going on and on and you’ve gotta laugh. He’s a pro, he can talk about anything on the spot.

Ausgabe N°8 • September 2010 • Jahrgang 1 • trafficnewstogo.de


do you read me?! – Magazine und Lektüre der Gegenwart Auguststraße 28

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Deutschland


Schnell sieht schwarz, wer vorschnell hellsieht Die Information von morgen gibt es nicht heute. Dennoch werden Schätzungen und Prognosen oft präsentiert, als wären sie sichere Erkenntnisse. Der Umgang mit der Zukunft wird besser mit Bandbreiten, Szenarios und dem Ausweis von Unsicherheit.

Rundumsicht ist Umsicht

Prognosen haben kurze Beine

Nur unnormal ist normal

Wer weiter sieht, ist näher dran

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TRAFFIC News to-go #8