Page 1

NO 68

ZEITGESCHEHEN S. 6

Gender Pay Gap: Ist das Kunst oder kann das weg? REVISITED S. 8

Wahrheit und Verschwörung: Jan Skudlarek im Gespräch DESIGN S. 10

Voice Design - der Dialog mit der Künstlichen Intelligenz WETTER S. 12

Berlin, Rabat, Aleppo und Wien 8-PAGE PHOTO EDITORIAL SPREAD S. 13-20

An Art Curation by Kwaku Benjamin Boateng featuring: Amoako Boafo, William Villalongo, Simone Fattal, Paul Anthony Smith, D’Angelo Lovell Williams and Faith Ringgold (English)

KUNST S. 22-25

Hohe Qualität, geringe Quantität: Frauen auf dem Gallery Weekend Berlin Nachgefragt bei Spencer Sweeney, Larry Gagosian Galerie Künstler und CoOrganisator von HEADZ mit Urs Fischer FILM S. 26

Interview mit Julian Schnabel, Regisseur von Vincent van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit KULTUR S. 28

Stadt im Fluss: Kunst- und Kulturprojekte aus Kinshasa ARROGANT BASTARD S.30

A Tale Of Two Cities (English)


CHAMAPGNER.

SWING

Jubiläumsparty am 02.11. 2019

UND

DESIGN,

stilwerk.com/20jahrestilwerkberlin


20 Jahre stilwerk Berlin.

800 exklusive Marken aus Einrichtung, Design und Lifestyle. stilwerk Berlin | KantstraĂ&#x;e 17, am Savignyplatz


IMPRESSUM

Contributors

Martin Thomas Pesl

Benjamin Kwaku Boateng

Mario Großmann

Benjamin Kwaku Boateng ist einer der aufregendsten unabhängigen Kuratoren und Kunstberater der Kunstwelt. Er unterstützt eine Reihe wichtiger privater Sammlungen aus Amerika, Afrika und Europa. Kwaku stellt die Bildung in den Mittelpunkt seines Dienstes, so dass seine Kunden befähigt werden, fundierte Entscheidungen zu treffen. Kwaku bietet eine solide Kombination aus fundiertem Branchenwissen und Beratung für aufstrebende Künstler, die daran interessiert sind, ihre Karriere zu gestalten. Er ermöglicht es seinen Kunden, ihr eigenes kritisches, informiertes und unverwechselbares Kunstverständnis zu pflegen und zu verfeinern, aber auch Spaß daran zu haben. Kwaku ist auch Sammler und kauft und unterstützt seit einem Jahrzehnt junge und unterrepräsentierte Künstler mit Schwerpunkt auf Amerika und Afrika. Folgen Sie ihm auf IG @achildofcaravaggio.

Mario Großmann lebt in Berlin und arbeitet als Projektentwickler und Immobilienmakler, mit dem Schwerpunkt Wohnimmobilien und einer Liebe für außergewöhnliche Immobilien. Eine Top-Immobilie bedeutet für ihn die perfekte Symbiose aus menschlicher Wohnqualität und einem spannenden künstlerischen Ausdruck des Architekten. Im Vordergrund steht immer der Mensch als Nutzer. consult@mariogrossmann.de Seine Begeisterung für Kunst und seine große Leidenschaft für Fotografie führten ihn zum Headz Berlin Projekt, wo er unter anderem mit einer Fotodokumentation seinen künstlerischen Beitrag zum Projekt lieferte.

Martin Thomas Pesl wurde 1983 in Wien geboren und arbeitet seitdem als Autor, Kulturjournalist, Sprecher und Übersetzer aus dem Englischen und Ungarischen. Seine humorvollen Literaturlexika Das Buch der Schurken – Die 100 genialsten Bösewichter der Weltliteratur und Das Buch der Tiere – 100 animalische Streifzüge durch die Weltliteratur sind im Verlag Edition Atelier erschienen. Außerdem schreibt Martin Thomas Pesl unter anderem für die Wochenzeitung Falter und die Plattform: www.nachtkritik. de. und www.martinthomaspesl.com

Impressum TRAFFIC NEWS TO-GO

»Constituting a New Read« Gormannstr. 20 A D-10119 Berlin trafficnewstogo.de

ABO

abo@trafficnewstogo.de

SOCIAL

TITELBILD Künstler

Amoako Boafo »Looking Through Two Fingers, 2018, Öl auf Papier«

facebook.com/trafficnewstogo twitter.com/trafficnewstogo

VERLEGER

Jacques Stephens V.i.S.d.P.

SCHLUSSREDAKTION

MITARBEITER DIESER AUSGABE Benjamin Kwaku Boateng, Verena Dauerer, Ralf Diesel, Kelley Frank, Mario Großmann, Marc Hairapetian, Robin Hartmann, Lisa Hölzke, Gunnar Lützow, Martin Thomas Pesl, Manuel Schamberger, Julian Schnabel, Willie Schumann, Jan Skudlarek, Raimar Stange, Jacques Stephens, D. Strauss, Spencer Sweeney, Rob Waters, Michael Wolf

ISSN

Lisa Hölzke

1869-943 X

INHALT

redaktion@trafficnewstogo.de

ANZEIGEN

ad@trafficnewstogo.de

4

No 68 - 2019


ANNETTE GÖRTZ STORE BERLIN | MARKGRAFENSTRASSE 42 | GENDARMENMARKT


MEDIZIN Dr. Inge Schwenger-Holst Die Medizinerin, Homöopathin und Klinikmanagerin betreibt derzeit das Landgut Schönwalde mit Gästehaus, Restaurant und Polozentrum.

Impfe sich wer kann

ZEITGESCHEHEN

Künstlerisch (weniger) wertvoll wertvo

Hoch her gehen sie, die Wogen um die Impfpflicht gegen Masern und die an die virtuellen Wände gemalten Horrorszenarien auf beiden Seiten. Masern ist schon lange keine Bagatellerkrankung mehr: Aufgrund der geringen Durchseuchung ist die Immunabwehr vor allem Erwachsener ungefähr auf dem Stand der Kampfkraft der Bundeswehr. Etwa die Hälfte der in den Krankenhäusern (nicht der Gesamtzahl) behandelten Masernfälle, das sind bundesweit zwischen 200 und 600 jährlich, erleiden Komplikationen, darunter die gefürchtete Hirnhautentzündung. Brandenburg hat darauf geantwortet: Masernimpfungen sind für alle kleinen Besucher von Kindertagesstätten im Flächenland zur Pflicht erklärt worden. Hessen und Bayern verfechten die Freiwilligenregel. Die Heute – Show setzt Impfgegner mit Vollidioten gleich und Impfgegner wittern Korruption der gesamten bundesdeutschen Ärzteschaft und Politik durch die pharmazeutische Großindustrie. Niemand möchte ein Kind mit Hirnhautentzündung, aber Masern als Todesursache ist bei allen Masernerkrankungen seit 2005 in Deutschland in nur vier(!) Fällen dokumentiert (lt. Gesundheitsberichterstattung des Bundes). Das sind sicher vier Menschen zu viel, nur sei die Frage der Verhältnismäßigkeit im Umgang mit Todesursachen erlaubt, wenn man sich die rund 20 000 (offiziell genannten) Toten anschaut, welche pro Jahr (!) aufgrund von Infektionen mit multiresistenten Keimen zu verzeichnen sind. Würden die staatlichen Gesundheitshüter ähnlich konsequent vorgehen, so müssten alle Krankenhäuser Deutschlands sofort und ohne Wenn und Aber geschlossen werden.

Foto: © Deeana Creates

Ist Kunst von Frauen weniger wert als von Männern? Zumindest die nackten Zahlen sprechen dafür. Eine Bestandsaufnahme.

Von Robin Hartmann

Während hier aber die Parlamentarier peinlich berührt schweigen und lieber die Füße stillhalten, wird der Masern-Virus als die Gefahr für die Volksgesundheit schlecht-hin aufgebaut und Dekrete erlassen, anstatt eine überlegte und alle Interessen wahrende Gesundheitspolitik an den Tag zu legen.

Es ist ein Fakt, der in der heutigen Welt, die sich selbst gerne als ach so modern und aufgeklärt bezeichnet, einfach nur überrascht, ja fassungslos macht: Frauen verdienen für ihre Arbeit schätzungsweise ein Fünftel weniger als Männer – für dieselbe Arbeit wohlgemerkt. Schon Artikel 3 im Grundgesetz besagt, dass alle Menschen gleich sind, Männer und Frauen gleichberechtigt. Da steht wörtlich weiter: »Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.« Dass das allerdings aktuell immer noch nicht mehr ist als eine Illusion, zeigt der Alltag. Besonders offen und hässlich klafft die Lücke, das Gender Pay Gap, wie diese himmelschreiende Ungerechtigkeit gerne salopp bezeichnet wird, offensichtlich in der Kunstwelt: Das renommierte Manager Magazin berichtete so unlängst, Kunst von Frauen sei im Schnitt nur halb so viel wert wie die ihrer männlichen Kollegen. Demnach hat der Ökonom Roman Kräussl von der Luxembourg School of Finance mit einem Team an Analysten insgesamt 1,5 Millionen Auktionsdaten aus dem Zeitraum von 1970 bis 2013 ausgewertet – und festgestellt, dass Frauen im Schnitt 47,6 Prozent weniger Geld für den Verkauf ihrer Werke erhielten als Männer. In Zahlen ausgedrückt kam weibliche Kunst im Durchschnitt auf einen Verkaufswert von 25 262 Dollar, während maskuline Werke 48 212 Dollar im Mittelwert erzielten.

Eine Impfpolitik, die ehrlich und endlich die seriösen Kritiken an den Gefahren einer überbordenden Impfempfehlung für Klein- und Kleinstkinder ernst nimmt und Eltern, anstatt Panikmache zu betreiben, sachlich aufklärt, wäre an der Zeit. Allein der Masern-MumpsRöteln Cocktail gehört in die Sperrmüllkiste und der Leitsatz »so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich« sollte endlich auch da Einzug halten, wo es um die Gesunderhaltung unserer Kleinsten geht.

»Das Ergebnis der Studie beweist die Nachteile, die Frauen in der Kunstwelt haben, nur weil sie Frauen sind«, so Kräussl. Das liege daran, dass auf dem Kunst- und Auktionsmarkt Männer in entscheidenden Positionen heute immer noch in der personellen Überzahl seien – auch schätzten wohlhabende Männer Werke von Künstlerinnen im Wert geringer ein als die ihrer männlichen Kollegen. »Unsere Forschung ist ein weiterer empirischer Beleg für die Diskriminierung von Frauen, die in so vielen Branchen systemisch angelegt ist.«

Bis Bald! 6

No 68 - 2019


ZEITGESCHEHEN

Das ist auch in sofern skandalös, als sich gerade der Kunstsektor ja immer gerne als besonders progressiv, liberal und kreativ bezeichnet – das scheint aber nur für den Kunstbegriff als solchen zu gelten. Wenn es um das Gehalt geht, herrschen plötzlich wieder ziemlich konservative Ansichten. Doch das Gender Pay Gap ist noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs, wie die Studie Social Currents aus dem Jahr 2016 belegt: Demnach gibt es für Männer in der Kunst eine Art »Heiratsprämie«, verheiratete männliche Künstler verdienten im Schnitt 7 200 Dollar mehr pro Jahr. Auf verheiratete Frauen oder Single-Männer traf dies jedoch nicht zu. Auch eine Vaterschaft verhilft männlichen Künstlern demnach zu mehr Salär lieber: ein Plus von etwa 8 000 Dollar – pro Kind, wohlgemerkt.

DER JUNGE PICASSO – BLAUE UND ROSA PERIODE 3. 2. – 26. 5. 2019

dabei auch noch 10,6 Prozent weniger. Besonders erschreckend: Firmen, in denen das Gender Pay Gap nachweislich bei bis zu 18,3 Prozent lag, versuchten kategorisch, sich rauszureden bzw. die Lage zu beschönigen: Mal läge das an den vielen weiblichen Teilzeitbeschäftigten, die den Schnitt herunterzögen zögen, ein anderes Mal heißt es, das Gender Pay Gap in der jeweiligen Firma sei einfach falsch berechnet worden. Natürlich würde man überall gleiches Geld für gleiche Arbeit bezahlen, das sei selbstverständlich Teil der Firmenpolitik, heißt es durch die Bank weg. Gleichzeitig gelobten aber alle Befragten Besserung.

Studie Social Currents aus dem Jahr 2016 be-

Und auch im Staate Deutschland ist etwas faul, wie die Studie des Institutes für Strategieentwicklung (IFSE) belegt: Demnach sei nur 25 Prozent der in Galerien ausgestellten Kunst weiblich, drei Viertel aller Ausstellungen entfielen demnach auf Männer. Auch hierzulande verdienen Frauen laut der Studie weniger für ihre Kunst. Als mögliche Ursache dieses Problems führt das Institut an, dass Frauen oft durch ihre Doppelrolle als Künstlerin und Mutter weniger flexibel seien – dem stehe entgegen, dass man in dieser Sparte stets erreich- und einsetzbar sein müsse.

legt: Demnach gibt es für Männer in der Kunst eine Art »Heiratsprämie«, verheiratete männ-liche Künstler verdienten im Schnitt 7 200 Dollar mehr pro Jahr. Auf verheiratete Frauen oder Single-Männer traf dies jedoch nicht zu. Das Groteske: Die Studie beweist auch, dass im Kunstsektor arbeitende Frauen im Schnitt einen höheren Bildungsgrad aufweisen als ihre männlichen Kollegen. Die Umfrage datiert bereits aus dem Jahr 2015, doch auch 2018 sah es in Großbritannien nicht besser aus, wie die ArtsPay Survey, wiederum von ArtsProfessional, belegt: Demnach erreichten in der Kunst nur halb so viele Frauen mit Mitte 30 Führungspositionen wie Männer – und verdienten

H

Ganz ehrlich: Das sind alles nichts weiter als Ausreden in einer Welt, die es sich nur allzu bequem gemacht hat in ihrem über Jahrhunderte gewachsenen Geschlechter- und Rollenverständnis. Gleiche Arbeit muss auch gleiches Geld wert sein. Punkt.

A

U

S DER KUNST Gli, 2010 (Detail) © El Anatsui; Photo © Nash Baker

Wie tief das Gender Pay Gap scheinbar auch in den Köpfen verankert ist, zeigte das nächste Experiment: Selbst computergenerierte Kunst wurde im Wert von den Versuchsteilnehmern deutlich höher eingeschätzt, wenn sie vermuteten, dass diese von Männern gemacht worden war. »Diese Experimente bestätigen die Annahme, dass Künstlerinnen weniger Geld für Ihre Werke bekommen«, sagt Kräussl, »und zwar nur, weil sie Frauen sind.«

Bei Frauen gebe es diesen Effekt nicht. Die Studie bezieht sich zwar nur auf die USA, die internationale Tendenz dürfte allerdings nicht besser aussehen. Das belegt auch der sogenannte Salary Survey von ArtsProfessional aus Großbritannien: Demnach gibt es dort zwar doppelt so viele Frauen in künstlerischen Berufen wie Männer, jedoch würden diese durch die Bank weg in allen Sparten des Kunstsektors weniger verdienen. Die Schere von etwa 5 000 Pfund Gehaltsunterschied klaffe damit sogar weiter auseinander als im nationalen Job-Durchschnitt.

Photo: Mark Niedermann

Und leider scheint dieses offenbare Selbstverständnis, die Arbeit von Frauen sei weniger wert, auch insgesamt in der Gesellschaft noch tief verankert zu sein: So wurden als Teil von Kräussls Studie Experimente durchgeführt, bei denen es unter anderem darum ging, das Geschlecht des Künstlers zu erraten, nachdem den Probanden dessen Werk gezeigt wurde. Frauen zugeschriebene Bilder erhielten dabei deutlich niedrigere Bewertungen.

RUDOLF STINGEL 26. 5. – 6. 10. 2019 RESONATING SPACES 6. 10. 2019 – 26. 1. 2020

El A n a t s u i Triumphant Scale — 28.07.19

FONDATION BEYELER fondationbeyeler.ch S 190418_FB_Anzeige_TrafficNews_129x189,5.indd 1

18.04.19 17:57

T

R

E

T

C

H

Y

O

U

R

V

I

E

W


REVISITED

Geboren 1986 in Hamm. Jugend in NRW und Spanien. Studium der Philosophie in Münster bis 2010. Danach Berlin. Ab 2008 Veröffentlichung von Gedichten in Zeitschriften und Anthologien. Im November 2013 erscheint der Gedichtband Elektrosmog bei Luxbooks. 2013 bis 2017 Literaturredakteur bei STILL Magazine. Ab 2017 Workshops zum Kreativen Schreiben mit Kindern und Jugendlichen. 2015 Promotion zum Thema »Kollektive Intentionalität«. 2017 erscheint das philosophische Sachbuch Der Aufstieg des Mittelfingers bei Rowohlt. 2019 folgt Wahrheit und Verschwörung bei Reclam. Twittert zu konspirativen Themen.

»So entstehen Wutbürger« Vor eineinhalb Jahren sprachen wir mit Jan Skudlarek über sein erstes Sachbuch Der Aufstieg des

Mittelfingers – eine Antwort auf die Verrohung

Gäbe es ohne Menschen, die sich gegen eine tradierte oder offizielle Wahrheit aussprechen, überhaupt Fortschritt? Wo wären wir ohne Zweifler? Ohne Zweifler wären wir arm dran – ohne jeden Zweifel. Es ist nämlich so: Konservative Verhaltensweisen garantieren das Überleben einer Gemeinschaft. Sprünge nach vorn machen Gemeinschaften hingegen durch unkonventionelle, kreative Denkweisen. Strategisches Zweifeln ist also gut. Doch man kann auch »falsch« zweifeln – unbegründet, verkopft, nicht zielführend. Verschwörungstheorien z. B. zeichnen sich durch eine Art des Zweifelns aus, die vielleicht kreativ sein mag, aber letzten Endes erkenntnisfeindlich ist. Und weder Individuen noch GeText meinschaften weiterbringt.

der Gesprächskultur in Politik und Alltag. Nun erscheint Wahrheit und Verschwörung im Re-

clam-Verlag. Erneut widmet sich der Philosoph einem Problem unserer Kommunikation: die Lüge. Es geht um alternative Fakten, Fake News und Verschwörungstheo-

Von Michael Wolf

rien, wie sie in die Welt kommen und wie man am

Wann gilt etwas begründet als wahr? Gute Frage. Was als Bild wahr gilt, ist einerseits ein Einigungsprozess – wir einigen uns überindividuell auf das, was wir als wahr anerkennen. Andererseits ist Wahrheit mehr als nur Konsens. Dass Impfungen als sinnvolle Krankheitsprävention gelten, liegt daran, dass sie zu empirisch beobachtbaren Tatsachen führen – z. B. zu weniger Masern. Wenn sich also eine (kleine) Gemeinschaft darauf einigt, Impfungen nicht als Problemlösung, sondern als Problem zu sehen, haben diese Impfgegner sich vielleicht auf etwas geeinigt, sie liegen aber falsch. Weil sich ihre Sicht der Dinge nicht an der faktischen Wirklichkeit ausrichtet, sprich: antifaktisch ist. Impfgegnern fehlen die Belege. Wahr ist also ein Wort dafür, wie wir gemeinsam – das heißt per Konsens – die Welt durch richtige Beschreibung – das heißt faktisch – erfassen.

besten auf sie reagiert.

Manuel Schamberger

8

No 68 - 2019


REVISITED

Woran erkennt man Verschwörungstheorien? Wie unterscheiden sie sich von einer harmlosen Geschichte? Verschwörungstheorien folgen einem immer ähnlichen Grundmuster. Die Grundformel geht so: X ist eigentlich gar nicht X, sondern Y – und dieses Y wird insgeheim aus dem Hintergrund mit bösen Absichten gesteuert. So sagen manche: Freie Medien sind gar keine freien Medien, sondern in Wahrheit sind die Medien die Lügenpresse, die von Hintermännern gesteuert wird. Wir haben also zwei Komponenten: 1. Wir werden belogen; und 2. Wir werden bedroht. Der Bedrohungsaspekt ist das, was Verschwörungstheorien gefährlich macht. Wenn ich mich bedroht fühle, werde ich versuchen, mich zu verteidigen. Verschwörungstheorien unterscheiden sich von harmlosen Geschichten, indem sie negative Handlungsmotivationen liefern. Man will die Bedrohung neutralisieren, einen Gegenangriff starten. Manche Verschwörungstheoretiker gehen z. B. gegen die Lügenpresse vor, indem sie die Journalisten diffamieren oder gar körperlich angreifen. Grundlage ist ihre Verschwörungsmentalität. Wieso hängen heute so viele Menschen Verschwörungstheorien an? Verschwörungstheorien waren immer populär, das Denken ist nicht neu. Im digitalen Zeitalter können sich Menschen schlichtweg einfacher zu Sinngemeinschaften vernetzen – das ist ein normales menschliches Bedürfnis. So kommt es, dass sich im Internet nicht nur Kaninchenzüchter oder Tattoo-Enthusiasten verbinden, sondern eben auch Impfgegner, Klimawandel-Leugner und Umvolkungs-Schreihälse. Die »ansteckende« Natur

oder ein »Bevölkerungsaustausch« durchgeführt wird, der ist eher bereit, seine gedankliche Radikalisierung durch Taten zu verwirklichen. Angriffe auf Politiker und vor allem auf Migranten sind die Folge. Das Internet ist voll von Gewaltphantasien von Menschen, die sich getäuscht fühlen, obwohl sie in der Regel nicht getäuscht werden oder jedenfalls keineswegs mehr als zu anderen Zeiten. So entstehen Wutbürger.

Pippi Langstrumpfs amüsante Verkehrung der Welt (»Ich mach mir die Welt, / Widewidewie sie mir gefällt«) macht heutzutage Schule – in der großen Politik, in der öffentlichen Diskussion, in den sozialen Medien. Jan Skudlarek diskutiert anhand illustrierender Beispiele die damit verbundenen Bedrohungen und Probleme. Er liefert eine dringend notwendige Orientierungshilfe und Anleitung zum Selber-Denken, um sich in dem Minenfeld aus Fake News, False Flags, Verschwörungstheorien und vergiftendem Zweifel zu behaupten. Denn immer mehr Menschen pflegen ihre eigene, private Wahrheit. Und man kann zwar seine eigene Meinung haben, aber nicht seine eigenen Fakten. Eine funktionierende Gemeinschaft braucht den Glauben an die Möglichkeit, zusammen im Austausch Wahrheit zu erkennen. Und, hält Skudlarek fest, sie braucht Zivilcourage: Die Wahrheit zu lieben bedeutet, Unwahrheiten zu widersprechen.

der Verschwörungsmentalität sorgt dann für den Rest. So können antifaktische Gedanken sich durch Plattformen wie YouTube mit Leichtigkeit verbreiten. Im schlimmsten Sinne des Wortes »viral«. Warum ist das gefährlich? Verschwörungstheorien lassen Feindbilder entstehen. Sie liefern Sündenböcke. Das ist das eigentliche Problem. Wer z. B. denkt, dass »von den Eliten« eine »Umvolkung«

JULIA PEIRONE GIRLS – A FEMALE GAZE APR 26 – JUN 29, 2019 OPENING APRIL 26, 6 PM

POTSDAMER STRASSE 65 D-10785 BERLIN www.dorotheenilsson.com

9

No 67- 2018 TRAFFICNEWSTOGO.DE

Was kann jeder Einzelne gegen die Verbreitung von Lügen tun? Zunächst einmal bin ich für Gegenrede. Haut dein Gegenüber ganz selbstverständlich Thesen über finstere Mächte raus – dann kannst du freundlich und sachlich nachhaken. »Moment! Wie kommst du darauf?«. Nachhaken und widersprechen ist wichtig. Am Zweifelnden zweifeln. Knallharte Verschwörungstheoretiker wird man allerdings so nicht erreichen können. Deshalb ist es wichtig, früh anzusetzen; wir müssen z. B. durch Steigerung der Medienkompetenz junge Menschen befähigen, glaubwürdige von unglaubwürdigen Quellen zu unterscheiden. Zweifeln gerne – aber mit Köpfchen. Man darf nicht jeden Scheiß glauben. Was war die abwegigste Theorie, auf die Sie gestoßen sind? Eine obskure Theorie, die wirklich nicht von vielen vertreten wird, aber durchs Internet geistert, gefällt mir besonders. Prinzessin Diana wurde ermordet, weil sie sehr frühzeitig von 9/11 erfuhr. Das ist herrlicher Schwachsinn und verbindet gleich zwei große Verschwörungsthemen: den 11. September 2001 und den Unfalltod von Lady Di. Ein Paradebeispiel unsinniger Sinnsuche.


DESIGN

Von der Persönlichkeit des Sprachassistenten VOICE DESIGN

Fast immer hat sie eine smarte Antwort parat – wenn sie den User verstanden hat. Aber wer entwickelt für Sprachassistentin Alexa eigentlich die Dialoge? Die Künstliche Intel-

ligenz ist es nämlich (noch) gar nicht. Tim Kahle, Experte für Voice Design von 169 Labs, erzählt vom gut gestalteten Wesen des Sprachassistenten für Apps.

Rechtes Bild unten: Tim Kahle bringt Erfahrungen aus mehr als 10 Jahren im UX-/ UI-Design und Online Marketing in die Agentur ein und ist damit verantwortlich für die Konzeption, das Design und die Vermarktung von Sprachanwendungen. Tim ist außerdem einer von 38 Alexa Champions weltweit. www.169labs.com/ voice-bootcamp

Sprachassistenten und smarte Speaker wie Amazons Echo oder Google Home ziehen langsam, aber beharrlich in deutsche Wohnzimmer und Küchen ein. Laut einer Umfrage von AS&S Radio und Facit Research nutzen 13 Prozent der Deutschen schon über 14 Jahre schon einen Assistenten. Das sind immerhin neun Millionen – acht von zehn davon sind unter 50. Bequem ist das, einer Künstlichen Intelligenz Aufträge zu erteilen und sich von ihr Fragen beantworten lassen. Dass es zunächst aber erst einmal um das Anlernen der Maschinen geht, wurde kürzlich wieder deutlich: Amazons Mitarbeiter hören sich die Sprachdialoge an und taggen sie korrekt, damit die KI mittels Natural Language Processing daran lernt. Noch wichtiger ist aber zuallererst das Design der Interaktion, das Voice Design. Schließlich führt die KI nur das aus, was es ihr vorgezeichnet wurde. Voice Design ist eine Wissenschaft für sich und ein interdisziplinäres Design-Genre, bei dem die User Experience auf der verbalen Ebene gestaltet wird. Das ist gar nicht so einfach und stellt sich heraus, wenn der Sprachassistent wieder einmal falsch reagiert hat. Tim Kahle will das ändern. Der Mitgründer von 169 Labs in Köln und München hat sich seit 2016 ganz auf das Voice Design von Anwendungen für Alexa fokussiert, zum Beispiel bei der Implementierung von Audio-Inhalten für Zeit Online oder dem Handelsblatt. In seinem »Voice Bootcamp« bringt er Lernwilligen die Herangehensweise und Konzeption von Sprachdesign bei. »Man denkt immer, dass die KI viele Funktionen übernimmt. Es ist jedoch so, dass viel der Intelligenz durch das Design kommt. Wenn Alexa mich nicht versteht, ist der Grund dafür einfach oft schlechtes Design.«, erklärt er. Voice Design ist eben nicht bloß, die Funktionen einer mobilen App in Sprachbefehle umzuwandeln. Tim Kahle sagt: »Das ist kein weiterer Kanal ist, über den ich Inhalte distribuiere. Vielmehr ist es ein neues Ökosystem mit einem unsichtbaren

10

No 68 - 2019

Interface.« Das scheint vielleicht am Anfang einfach. »Aber in diesem Kontext das Unerwartete zu antizipieren«, so Tim Kahle weiter, »das ist nicht so leicht: Es gibt so viele Arten, etwas auszudrücken, und vielschichte Dialoge, weil sich auf menschlicher Kommunikation basierende Beziehungen weiterentwickeln.« Voice Design geht hinein in die Sprache und seziert die Interaktion zwischen zwei Dialogpartnern. Mehr noch, dem einen Part des Sprachassistenten wird eine Persona auf den virtuellen Leib geschneidert. Character Building nennt sich das, wenn der Sprachassistent eine gewitzte Persönlichkeit durchblicken lässt. »Wenn zwei Menschen sich zum ersten Mal unterhalten, macht sich jeder unterbewusst ein Bild von der anderen Person und von seinem Charakter. Das passiert bei der Sprachanwendungen genauso«, sagt Kahle. Spannend wird es dann, wenn beide aneinander vorbeireden – schon zwischen zwei realen Menschen kann die Kommunikation missverständlich sein. Tim Kahle erklärt: »Das passiert, wenn der Nutzer etwas sagt, was ich nicht erwartet habe. Gibt es die Möglichkeit, den Nutzer da herauszuholen und in die richtige Bahn zu lenken? Das ist eine große Herausforderung und vielen Anwendungen gelingt es im Moment noch nicht, auf clevere Weise die Konversation zu reparieren. Nicht nur einfach zu sagen: ‚Sorry, das habe ich jetzt nicht verstanden.‘ Beim Sprachassistenten gibtes keinen rettenden Button oder einen Menü-Punkt, der hilft.« Tim Kahle findet, dass Sprachassistenten langsam in unseren Alltag hineingelassen werden. Ihre Technologie wird von immer mehr Nutzern akzeptiert und eingesetzt. »Wir sind bereit für die nächste Generation an dialoglastigeren Konversationen«, sagt er und meint damit etwa Voice Commerce. Das ist die Möglichkeit, per Sprachassistent Dinge zu bestellen, sie auf Zuruf ein- und nachzukaufen. Das gibt es jetzt schon von Lieferservices wie Domino’s Pizza und Foodora für Wiederbestellungen, auch Reisebuchungen sind in Zukunft der nächste Schritt. Bis das allerdings einwandfrei klappt, ist noch ein anderes Thema – und immer auch ein Anlass für die kleinen Missverständnisse in der alltäglichen Kommunikation.


DIE VERNISSAGE BEGINNT, WENN DIE FAMILIE VERSAMMELT IST.

Änderungen und Irrtümer vorbehalten. Avenso GmbH, Ernst-Reuter-Platz 2, 10587 Berlin Foto © ziegert-immobilien.de

HANDSIGNIERTE, LIMITIERTE KUNST ONLINE UND IN 35 GALERIEN WELTWEIT.

Vladimir Proshin On the river | Auflage 100, signiert | 70 x 112 cm Kaschierung unter Acrylglas | Art.-Nr. VPR02 | 799 €

LUMAS.DE

BERLIN | DORTMUND | DÜSSELDORF | FRANKFURT | HAMBURG | HANNOVER KÖLN | MANNHEIM | MÜNCHEN | STUTTGART | WIEN | WIESBADEN | ZÜRICH


DAS WETTER präsentiert neue Produkte und Erkenntnisse, die die Menschheit braucht

Von Ralf Diesel

Berlin

52° 31’ 12.0288’’ N 13° 24’ 17.8344’’ Ein Hauch von Morgenregen

2

Rabat

3

33° 58’ 17.7168’’ N 6° 50’ 59.3268’’ W Ein Gewitter nachmittags an Stellen

Aleppo

36° 12’ 7.5816’’ N 37° 8’ 3.3288’’ E Eine Mischung aus Sonne und Wolken

4

Wien

48° 12’ 29.4336’’ N 16° 22’ 25.7484’’ E Zunehmende Bewölkung

Alles Liebe

Ausstellungszyklon

Der Ernst der Gegenwart

Das Männerding

Graw analysiert die Clique der Maler. Die malende Kaste. Die Kaste mit Quast. Okay, ohne Quatsch jetzt: Der wissenschaftliche Duktus, den man Graw in ihrem Buch unterstellen könnte, ist keiner. Es ist nämlich wissenschaftlich. Das sei erwähnt, um Missverständnisse zu vermeiden, die aus dem Titel entstehen könnten. Es gelingt der Autorin, ihre Zielsetzung, nämlich die Sonderstellung der Malerei herauszuarbeiten, spannend aufzubauen. Malerei scheint der Ausgangspunkt von Kunst zu sein, sie ist da, selbst wenn sie nicht da ist. Nämlich als Negativ, dann, wenn eine Kunst eben mit »nicht Malerei, sondern...« vorgestellt wird. Im Regelwerk der Künste spielt Malerei die zentralste Rolle, Malerei scheint nachgerade der zentrale Nerv zu sein. Wie sie es geschafft hat, sich diesen Status zu erobern, zeichnet Graw von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart nach. Vor Wissenschaft friert einem aber nicht die Nase ab, das analytische Klima kühlt. Eine erfrischende Erneuerung des Bildes der Malerei.

Die Ideen des Bauhaus gehen einmal um die Welt, Spuren allerorten. Nun kreist das Jubiläum. Global. Hut ab! Der Bauhausjubiläumszyklus startete letztes Jahr im März in Marokko, dann ging es nach Hangzhou, China, nächstes Kapitel New York, weiter mit Kyoto, Moskau, Sao Paulo, Lagos, Neu Delhi, und nun ist Berlin dran. Wem es zu warm wird, der kann sich im HKW die zentralste aller Ausstellungen aus dem Wanderzyklus anschauen. Und wenn es doch wider Erwarten regnen sollte, auch. Ein Soll, fast schon ein Muss. Durchforscht werden internationale Einflüsse des Bauhauses und internationale Einflüsse auf das Bauhaus. Und der Katalog fasst die multiperspektivischen Forschungsergebnisse zusammen. Mitnehmen, mitdenken, wirken lassen, genießen. Im Stillen drinnen. Schlauer wieder raus. Aber Vorsicht: Hut auf, Sonne knallt. Es gibt eine Zeit vor dem Bauhaus. Aber gibt es auch eine danach? Bauhaus endet ja nicht. Nur das Jubiläum. Letzte Kapitel Bern und Nottingham. Endet Januar 2020. Katalog bleibt.

Zu dem Vielen, was der Mensch macht, zählt nun auch das Wetter. Die Hinterlassenschaften des Klimas werden wir in Zukunft betrachten können – ohne spröde pessimistisch sein zu wollen. Die Hinterlassenschaften der Vergangenheiten betrachten wir heute als Ruinen. Das Niedergerissene, Zerfallene, die Kehrseite des Ruhms, das verendende Endliche. Verortet man das Ganze, kommt man zu einer ganzen Landkarte des Dystopischen. Die Ausstellung kehrte das in uns wohnende Dystopische heraus, Entwürfe, die die Geschichte wieder verwarf. Sie zog den Schirm weg, der uns vor dem Nieder-Schlag, der unserem Handeln folgt, schützt. Dagegen steht die Kunst, als ästhetisches Zerwürfnis mit unserer Gegenwart, ein Zerwürfnis auch mit der Kultur des Betrachtens. Nicht gleich Krieg dem Kriege, so doch Bild dem Bilde. »Der Architekt baut auf, der Künstler zerstört.« Dan Graham ist zu lesen. Leider nicht mehr zu sehen. Doch unbedingt lesen. Zu den Vielen, die Gutes schreiben, zählen auch die Autor*innen hier.

Das Wetter, wie wir es kannten, gibt es nicht mehr. Da weht jetzt ein ganz anderer Wind. Die Genderdebatte, wie wir sie kennen, gibt es nun bald auch nicht mehr. Da grätschen Müller und Paenhuysen einmal quer rein. Eins der wenigen Türchen im Geschlechterhaus, die noch nicht geöffnet wurden, ist nun aufgestoßen: Männerkunst. Das sagt alles. Das klingt schaurig. Wie Schnee, der einem in Nacken und Rücken rieselt. In sechs Fallbeispielen kippelt das Verständnis, wird herausgefordert. Im Gegenzug wird die Genderdebatte nicht enthebelt, soweit sind wir noch nicht, doch fachmännisch (sic!) vorgeführt. Was, wenn das Buch seiner Zeit weit voraus ist? Wird sich der Wind drehen? Der Sturm unserer m/w-Geschichte, der jetzt durch das Nadelöhr der Gegenwart pustet, wird hoffentlich irgendwann den Weg freilegen zu einer tatsächlichen Gemeinschaft. Müller und Paenhuysen gehen mit der Fahne voran. An der Fahne fehlt das Tuch. Als Fahnenstange dient ein Büchlein. Ohne dieses ist alles weitere Reden sinnlos.

12

No 68 - 2019


Amoako Boafo Curated by Benjamin Kwaku Boateng London

Looking Through Two Fingers, 2018, Oil on paper

Krystal 1, 2018, Oil on paper

Representing individuals from the surrounding countries of his native Ghana, Boafo attributes to his portraits a natural grace, poise and elegance. Artists who are able to achieve this palpable sense of tenderness within the scope of their working process are few and far between, yet Boafo does exactly this, communicating both warmth and vulnerability in his intimate portrayals of what he terms the “Black Diaspora’. As with other contemporary portrait artists, including Alice Neel, Jordan Casteel and Noah Davis, Boafo attempts to create a new vernacular, reframing his own experience and that of his subjects to include a more variegated understanding of the Black Experience. Considering the socio-political landscape of the past two years, coupled with how racism is alive and well in the world, adds yet another level of complexity and relevance to Boafo’s project. Giving credence to this is the idea of a diaspora, of being uprooted and displaced again and again not within the context of a life “well lived,” but in the context of abuse, bigotry and racism, is the sad engine that drives these enigmatic paintings. Boafo seeks less to diagnose a problem and more to initiate a human connection, whereby, we as viewers might arrive at our own perceptions, coming to these images with fresh eyes. The way he paints his figures also suggests this widening diaspora of change, understanding and resolution. Whereas, the bodies of these men and women are obviously discernible as literal figures occupying space and time, the looseness of Boafo’s painting style suggests a transition, or one might even go so far as to say, a transgression, juxtaposing the tension within the paint itself against the precise and evenly rendered line work that creates the totality of each image.

13

No 68 - 2019


FREE, BLACK AND ALL AMERICAN NO. 2017 acrylic, paper collage, and cut velour paper 40 x 39 7/16 in. sheet 45 x 44 3/8 in. frame

William Villalongo Navigates the politics of historical erasure directing his work towards are assessment of western, american and african art histories. Working out of the notion of blackness as a verb; He reframes familiar images, events, and themes in our cultural landscape. He explores dualities such as male-female, visibility/invisibility, humanity/nature incorporating appropriations from ancient myth to contemporary politics. This vast time frame narrates a conversation between images by which current existential concerns of representation are made more visible. Villalongo’s figures are held somewhere between magic and the factualness of being in a body, desire and discord. The surface and materiality of the work breaks between flatness and dimensionality, making the presence of the object an important measure for understanding it. Seeing and recognition become critical metaphors for the artist in framing his subjects.

27 HOUR CARGO PIECE 2017 acrylic, paper collage and velvet flocking on wood panel 46 x 60 x 1.5 in.

14

No 68 - 2019


Simone Fattal

Was born in Damascus and grew up in Lebanon. She first studied philosophy at the Ecole des Lettres of Beirut and then at the Sorbonne in Paris. In 1969 she returned to Beirut and started painting. She participated in numerous shows during the ten years when life in Lebanon was still possible. In 1980, fleeing the Civil War, she settled in California and founded the Post-Apollo Press, a publishing house dedicated to innovative and experimental literary work. In 1988, she returned to artistic practice by doing ceramic sculptures after enrolling at the Art Institute of San Francisco. Since 2006, she has produced works in Hans Spinner’s prestigious workshop in Grasse, France. In 2013, she released a movie, Autoportrait, which has been shown worldwide in many film festivals. She currently has a show at Moma PS1 on till September 2019.

The Migrant Family, Refugees by the hearth, 2004, Bronze, 28.5 x 29.5 x 25 cm / 11 2/8 x 11 5/8 x 9 7/8 inches

Variation en noir et blanc, l’etat du ciel 2013 acrylic on canvas 100 x 100 x 2 cm / 39 3/8 x 39 3/8 x 6/8 inches

Alexander The Great 2013 Collage / Collage 68.5 x 96 cm / 27 x 37 6/8 inches

15

No 68 - 2019


Paul Antho

Untitled, 2018, unique picotage on inkjet print mounted on museum board, 40 7/8 x 30 7/8 x 1 3/4 inches (framed).

Fear on the Hill, 2018, Picotage on inkjet print with spray paint and oil stick on museum

(b. Jamaica, 1988) creates paintings and unique picotages on pigment prints that explore the artist’s autobiography, as well as issues of identity within the African diaspora. Referencing both W.E.B. Du Bois’ concept of double consciousness and Franz Fanon’s theory of diasporic cultural confusions caused by colonialism, Smith alludes to African rituals, tribal masks and scarification to obscure and alter his subjects’ faces and skin. Through Smith’s process of picotage, rendered with the use of a ceramic tool to pick away at surfaces of photographic prints, he achieves rich textures that appear almost iridescent. With this method, Smith questions the potential of a photograph to retain and tell the truth of one’s past. Smith’s work has been acquired by numerous public collections, including the Minneapolis Institute of Art and the Blanton Museum at the University of Texas, Austin, and has been featured in numerous museum exhibitions, including a solo show at the Atlanta Contemporary, a two person show at the Philadelphia Photo Arts Center, and group shows at the New Museum, New York, NY; Brooklyn Museum of Art; the Nasher Museum of Art at Duke University, Durham, NC; the Seattle Art Museum; the Studio Museum in Harlem; and the Nerman Museum of Contemporary Art, Overland Park, KS; among others.

16

No 68 - 2019


ony Smith

m board, 40 × 30 in 101.6 × 76.2 cm

Adjacent to the Evening Sun’, 2018-2019, unique picotage on inkjet print, mounted on museum board, 60 x 40 inches (print)

17

No 68 - 2019


D’Angelo Lovell Williams

I’ll Be Up There In A Minute 2018 pigment print

In his self-portraits, Williams creates painterly tableaux characterized by meticulous attention to texture, pattern, color, and composition. In one image the artist’s figure appears from the neck down. His body is shrouded in a shirt and a cape that is worn like a skirt. He is nearly indiscernible from the black fabric background that fills the frame. Williams’ veined hand pulls up the cape to reveal his bare legs, spread slightly, his fingers resting gently between them. In another, the artist and a man embrace, kissing through the fabric of black do-rags that, worn backwards, completely veil their faces. The scenes are achingly intimate, pulsing with an energy and power generated by interweaving the sensuous and the political – the beauty of each picture complicated by a radical gesture. Williams’ unblinking gaze through the lens is reflected back at the viewer as it lingers on the contours of his own body, amplifying the sensations of desire and longing that activate the space between portrait and viewer. His performances for the camera assert visibility and vulnerability, insisting on an alternative pictorial and societal narrative in which Blackness and queerness are dominant, authorial voices. D’Angelo Lovell Williams (b. 1992) earned his BFA from Memphis College of Art in 2015 and is currently an MFA candidate at Syracuse University. Recent solo presentations include an exhibition at Spark Contemporary Art Space, Syracuse (2016) and Beauty Kings (2015), SALTQuarters Gallery, Syracuse. His work was also on view in Gendered, The Mint Museum, Charlotte (2017) and Queering Space, Yale University Art Gallery, New Haven (2016). Williams lives and works in Syracuse, New York.

18

No 68 - 2019


Love Train 2018 pigment print

19

No 68 - 2019


Faith Ringgold

Buba Died, 1977, Mixed media on wood and fabric, 11 x 9 1/2 x 7 in.

Coming to Jones Road Part II 2010: We Here Aunt Emmy Got Us Now, Paintings, Acrylic on canvas. 68 x 63 in. (172.7 x 160 cm.)

Faith Ringgold was born Faith Willi Jones in 1930 in the Harlem neighborhood of Manhattan. Her mother, a fashion designer and seamstress, encouraged Faith’s creative pursuits from a young age. Ringgold earned a bachelor’s degree from City College of the City University of New York in 1955. She then taught art in New York City public schools and worked on a master’s degree at City College, which she completed in 1959. Ringgold’s oil paintings and posters begun in the mid-to-late 1960s carried strong political messages in support of the civil-rights movement. She demonstrated against the exclusion of black and female artists by New York’s Whitney Museum of American Art and the Museum of Modern Art in 1968–70. She was arrested for desecrating the American flag in 1970 as a participant in The People’s Flag Show, held at the Judson Memorial Church in New York. Ringgold cofounded Where We At, a group for African-American female artists, in 1971. In 1970 Ringgold began teaching college courses. In 1973 she quit teaching in New York City public schools to devote more time to her art. In the early 1970s she abandoned traditional painting. Instead, Ringgold began making unstretched acrylic paintings on canvas with lush fabric borders like those of Tibetan thangkas. She worked with her mother, Willi Posey, to fashion elaborate hooded masks of fabric, beads, and raffia, which were inspired by African tribal costume. She also began making fabric “dolls” and larger stuffed figures, many of which resembled real individuals. Ringgold used some of these works in Performance pieces—the earliest of which, Wake and Resurrection of the Bicentennial Negro, was first performed in 1976 by students using her masks, life-size figures, and thangkas, along with voice, music, and dance. In 1976 and 1977 she traveled to West Africa. Ringgold expanded the format of her thangka paintings to quilt size. Her mother pieced and quilted the first of these new works, Echoes of Harlem (1980), before dying in 1981. It was in 1983 that Ringgold began to combine image and handwritten text in her painted “story quilts,” which convey imaginative, open-ended narratives; in the first one, Who’s Afraid of Aunt Jemima? (1983), the familiar advertising character is turned into a savvy businesswoman. Ringgold’s use of craft techniques ignored the traditional distinction between fine art and craft, while demonstrating the importance of family, roots, and artistic collaboration. From 1984 to 2002, Ringgold was a professor at the University of California, San Diego. She adapted the story quilt  Tar Beach  (from the Woman on a Bridge series of 1988) for an eponymous children’s book published in 1991. Its critical and popular success led to her development of several other titles for children. For adults, she wrote her memoirs, published in 1995. Ringgold’s first solo gallery shows were held in 1967 and 1970 at the cooperative Spectrum Gallery, New York. Retrospectives of her work have been organized by Rutgers University, New Brunswick (1973), the Studio Museum in Harlem, New York (1984), and the Fine Arts Museum of Long Island, Hempstead (1990). Ringgold’s work has been included in numerous exhibitions devoted to political art, women’s art, contemporary quilts, and African-American art, as well as in the Whitney Biennial (1985). Her achievements as an artist, teacher, and activist have been recognized with numerous honors, including National Endowment for the Arts awards in sculpture (1978) and painting (1989), a John Simon Guggenheim Memorial Foundation Fellowship (1987), and sixteen honorary doctorate.

20

No 68 - 2019


FIRE ON THE MOUNTAIN Megan Rooney

18.5. – 11.8.2019 Sponsored by

Kunsthalle Düsselorf is funded by

Grabbeplatz 4 40213 Düsseldorf www.kunsthalle-duesseldorf.de Di–So 11-18 Uhr Feiertage 11-18 Uhr Courtesy die Künstlerin und DREI, Cologne


KUNST

Berliner Gallery Weekend: Unterdrückte Frauenpower Wie inzwischen jedes Jahr, so auch diesen Frühling: Das Berliner

Gallery Weekend präsentiert sich als ambitionierte Leistungsshow dem nationalen und internationalen Publikum. Dieses Jahr fällt da besonders die Unterpräsentation von Künstlerinnen ins Auge – und die hohe Qualität der wenigen dennoch in den 45 Galerien gezeigten weiblichen Positionen, die hier nun vorgestellt werden.

Schon im Vorfeld wurde das diesjährige Berliner Gallery Weekend in den Sozialen Medien wegen seiner schlechten Frauenquote angegriffen, mehr als 70% der dort vorgestellten Künstler seien skandalöserweise männlichen Geschlechts, hieß es auf Facebook z. B. in einem Post der international erfolgreichen Videokünstlerin Candice Breitz. Somit entspricht dieses Jahr die Künstlerinnenquote auf dem Gallery Weekend in etwa der im Kunstbetrieb auch sonst üblichen Quote, sie ist also im schlechten Sinne repräsentativ. Diese männliche Dominanz ist aber, auch wenn Galerien Privatunternehmen sind und so klarerweise selbst entscheiden können, wen sie ausstellen und wen nicht, natürlich immer wieder scharf zu kritisieren. Als »Trost« bleibt vielleicht, dass gerade die wichtigen Ausstellungen auf dem Gallery Weekend heuer von Künstlerinnen erarbeitet wurden. Dieser bemerkenswerte Umstand zeigt auch eindrucksvoll, wie ungerecht dessen miserable Frauenquote ist. In der Galerie Barbara Thumm in der Markgrafenstraßen sind gleich zwei herausragende Künstlerinnen zu sehen: die Britin Fiona Banner aka the Vanity Press und Anne-Mie Van Kerckhoven. Banner arbeitet bereits seit den 1990er Jahren konsequent an einer Kunstpraxis, in der Text und Bild, Buch und Kunstobjekt sich zu einer dynamischen Einheit verbinden. Immer wieder gibt die Britin dann auch Bücher und Poster heraus, so jüngst ihr sehenswertes Font Book. Jetzt zeigt sie »aufblasbare Satzpunke«, die durch den Ausstellungsraum schweben. Van Kerckhoven arbeitet wie Banner in überaus unterschiedlichen Medien, die Bandbreite reicht von kleinen Zeichnungen über vielschichtigen Collagen bis hin komplexen Leuchtkästen. Immer wieder steht hier der weibliche Körper inklusive sexuelle Begierden im Widerstreit mit technoider Logik, etwa wenn computergenerierte Zeichnungen auf von der niederländischen Künstlerin selbst-, also handgemachte Notate treffen. Überaus bemerkenswert ist auch die Ausstellung Ostalgie von Henrike Naumann in der Galerie KOW, die in den alten Räumen der Galerie in der Brunnenstraße ein letztes Mal während des Gallery Weekend zu sehen ist. Naumann spürt in ihrer beeindruckenden Installation dem Phänomen der sogenannten »Ostalgie« nach und fragt mit ihrer furiosen Inszenierung aus Videos, Soundarbeiten, Originalmobiliar und Alltagsgegenständen aus der DDR danach, wie unser Bild von Ostdeutschland und dem gescheiterten »real-existierenden Sozialismus« hervorgegangen ist aus der klischeehaften und besserwisseri-

Von Raimar Stange

Bild oben rechts Fiona Banner aka The Vanity Press Full Stop Seascape; Time, Onyx 2018 Öl auf Leinwand 12 x 9 cm © Galerie Barbara Thumm

Anne-Mie van Kerckhoven Ornament (Orakel) 2016 Digitaldrucke auf zwei Acrylglasschichten, montiert auf lackierter Holzkiste 223,5 x 157,5 x 5,5 cm © Galerie Barbara Thumm and Zeno X Gallery

Math Bass War Flower, 2019 Gouache auf Leinwand 213.4 x 208.3 cm 84 x 82 in Unique Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und Tanya Leighton, Berlin

schen Vermarktung eines vermeintlich trist-grauen Lebens im damaligen Osten. Da darf ein kitschiges, von falschem Pelz gerahmtes Erich Honecker-Porträt selbstverständlich nicht fehlen. Die US-amerikanische Künstlerin Math Bass überzeugt in der Kurfürstenstraße bei der Galerie Tanya Leighton mit ihren seltsam piktogrammartigen Bildern, die mal direkt auf die Wand, mal auf Leinwand aufgetragen werden. Buchstaben stehen da neben abstrakten Formen, die wiederum durch gegenständliche Motive, wie etwa dem geöffneten Maul eines Alligatoren, lakonisch ergänzt werden. Irgendwo zwischen Bilderrätsel und dekorativer Post Pop Art ist diese hybride Kunst in der Ausstellung To Name A Few angesiedelt. Jana Euler schließlich ist in der Galerie Neu in der Linien-

22

No 68 - 2019

straße ebenfalls mit Malerei vertreten. Unter dem Titel Great White Fear zeigt die Künstlerin, die schon im renommierten Portikus in Frankfurt zu sehen war, neue Gemälde aus den letzten Jahren. Last, but not least, zeigt das Kunst- und Projekthaus Mitte in der Torstraße 111 die sehenswerte Gruppenausstellung Im großen Schiff der Gefühle, u. a. mit so bekannten Künstlerinnen wie Valerie Favre, Nanne Meyer und Ann Noel. Mit ihren insgesamt 26 Positionen belegt die umfangreiche Ausstellung überzeugend, wie vielfältig das Spektrum der »Kunst von Frauen« nicht erst seit heute längst ist. Ein Besuch des Gallery Weekends lohnt sich also auch dieses Jahr auf jeden Fall und besonders dann, wenn man das Augenmerk einmal konzentriert auf die spannenden Präsentationen von Künstlerinnen richtet.


HIGHLIGHT

Deutschland

Deutschland

KUNST

Kunsthalle Baden Baden Psyche als Schauplatz des Politischen 16.03. – 16.06.2019 Kunsthalle Mannheim Confiscated! The Return Of The Master Sheets 22.03 – 23.06.2019

Peter Friedl. Teatro 22.03 – 09.06.2019 Hamburger Bahnhof Jack Whitten: Jack’s Jacks 29.03 – 01.09.2019 Bundeskunsthalle Bonn Power Play Anna Uddenberg

Deutschland

05.04 – 15.09.2019

VIK MUNIZ X RUINART

Während seines Aufenthalts in der Champagne zur Zeit der Ernte im Oktober 2018, verbrachte Vik Muniz viele Stunden zusammen mit dem Kellermeister, Frédéric Panaïotis, in Ruinarts Weinbergen. Vik Muniz war fasziniert von der Natur und dem komplexen Klima in der Champagne, das für den Anbau von Wein eher ungeeignet erscheint. Umso überraschender ist es, dass genau diese Herausforderung das Beste aus der Rebe zum Vorschein bringt. Wie ein Überlebensreflex produzieren Chardonnay und Pinot Noir ihre besten Früchte unter diesen widrigen Bedingungen. Beeindruckt von den Gegebenheiten, schuf Vik Muniz eine Serie von sechs Bildern wie auch eine Kunstinstallation, die inspiriert sind von der Tatsache,

www.gallery-weekend-berlin.de/

GALLERY WEEKEND BERLIN 26.-28. APRIL 2019

Theaster Gates

Vik Muniz zeigt in Zusammenarbeit mit Ruinart seine Kunstwerke während des Gallery Weekend Berlin. Vik Muniz x Ruinart 25. - 28. April 2019 DNA GaleRIE AuguststraSSe 20, 10117 Berlin Eine Auswahl seiner Werke wird auf verschiedenen Kunstmessen gezeigt FriezE (NEW YORK) la biennale di venezia Art Basel Art Basel Miami

Museen & Institutionen

Haus Am Waldsee Argentinische Allee 30, 14163 Berlin hausamwaldsee.de »Ammar Al-Beik – One To Free«

Museum Barberini Alter Markt Humboldtstrasse 5 – 6, 14467 Potsdam museum-barberini.com »Picasso: The Late Work. From The Collection Of Jacqueline Picasso«

Hau – Hebbel Am Ufer Stresemannstrasse 29, 10963 Berlin hebbel-am-ufer.de Walid Raad – »Les Louvres And/Or Kicking The Dead« Friday, Saturday & Sunday April 26 – 28, 7 & 9pm

Museum Berggruen Schlossstrasse 1, 14059 Berlin smb.museum/mb »The Lives Of Images – Works And Their Provenances In Museum Berggruen«

Jüdisches Museum Berlin Lindenstrasse 9 - 14, 10969 Berlin jmberlin.de »Res·o·nant By Mischa Kuball« »Monika Werkstatt – Ambient Werkstatt« Electronic Improvisation Saturday & Sunday, April 27 & 28, 4 - 8pm

Berlinische Galerie Alte Jakobstrasse 124 – 128, 10969 Berlin berlinischegalerie.de »Realities:united. Fazit« C / O Berlin Hardenbergstrasse 22 – 24, 10623 Berlin co-berlin.org »Boris Mikhailov – Before Sleep / After Drinking« »Cortis & Sonderegger – Double Take«

Künstlerhaus Bethanien Kottbusser Strasse 10, 10999 Berlin bethanien.de »Chiu Chen-Hung, Pija Krajewski, Irina Ojovan, Hayden Fowler, Krista Belle Stewart«

Daadgalerie Oranienstrasse 161, 10969 Berlin daadgalerie.de »Minerva Cuevas – No Room To Play«

KW Institute For Contemporary Art Auguststrasse 69, 10117 Berlin kw-berlin.de »David Wojnarowicz« »Reza Abdoh« »Frank Wagner« Thursday & Friday, April 25 & 26, 11am – 9pm Saturday & Sunday, April 27 & 28, 11am – 7pm

Gropius Bau Niederkirchnerstrasse 7, 10963 Berlin gropiusbau.de »And Berlin Will Always Need You« »The Black Image Corporation« By Theaster Gates

Neuer Berliner Kunstverein Chausseestrasse 128 / 129, 10115 Berlin nbk.org »There Is Fiction In The Space Between« N.B.K. Showroom »Arnold Dreyblatt. The Resting State« N.B.K. Artothek »Uferhallen Kunstaktien«

Hamburger Bahnhof – Museum Für Gegenwart – Berlin Invalidenstrasse 50 – 51, 10557 Berlin smb.museum/hbf »How To Talk With Birds, Trees, Fish, Shells, Snakes, Bulls And Lions« »Local Histories« »Andreas Mühe – Mischpoche« »A German Legend. Emil Nolde And The Nazi Regime« »Jack Whitten: Jack’s Jacks« »Flying Steps & Osgemeos”

Palaispopulaire Unter Den Linden 5, 10117 Berlin db-palaispopulaire.de »Objects Of Wonder British Sculpture From The Tate Collection, 1950s – Present«

Haus Der Kulturen Der Welt John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin hkw.de »Bauhaus Imaginista«

23

No 68 - 2019

Schweiz Deutschland

In seinen sieben Kunstwerken für das Haus Ruinart greift Vik Muniz die tiefen Beziehungen zwischen Mensch und Natur, Winzern und Weinreben sowie Ruinart und dem Champagner-Terroir auf.

Fondation Beyeler

Deutschland

Vik Muniz entwickelte rasch seinen ganz persönlichen Stil durch den Einsatz verschiedener Materialien – Schokolade, Staub, Zucker, Ketchup, Müll, Diamanten, Kaviar, Blumen und vieles mehr –, um fotografische Bilder zu schaffen, die oft auf klassische Malerei zurückgehen. Der Künstler definiert sich selbst als „Low-Tech-Illusionist”.

dass Winzer und Weinberge, sich stets den neuen Herausforderungen der Natur stellen müssen. Seine Fotografien werden durch den Einsatz natürlicher Elemente, wie geschwärztes Holz, Kohle oder Chardonnay-Blätter geprägt, die mit unserer Wahrnehmung spielen.

Rudolf Stingel 26.05 – 06.10.2019 Schirn Kunsthalle John M. Armleder. Circa, Circa 07.06 – 01.09.2019 PalaisPopulaire Summer of Love Art, Fashion and Rock & Roll 21.06 – 28.10.2019 Kunsthalle Zürich

Schweiz

Vik Muniz, 1961 in einer einfachen Familie in São Paulo, Brasilien, geboren, erhielt im Alter von 14 Jahren ein Stipendium, das es ihm ermöglichte, Kunst zu studieren und gleichzeitig Abendunterricht zu nehmen.

Galerie Guido W. Baudach | Björn Dahlem Blain I Southern | Bernar Venet Niels Borch Jensen | Matt Saunders Isabella Bortolozzi Galerie | Veit Laurent Kurz BQ | Raphaela Vogel Galerie Buchholz | Michael Krebber Buchmann Galerie | Nigel Cooke Capitain Petzel | Stefanie Heinze Carlier I Gebauer | Asta Gröting Crone Berlin | Clemens Krauss Contemporary Fine Arts | Tal R, Eberhard Havekost Chertlüdde | Sol Calero, Juan Antonio Olivares Dittrich & Schlechtriem | Julian Charriére Galerie Eigen+Art | Martin Eder, !Mediengruppe Bitnik Konrad Fischer Galerie | Richard Long Galerie Friese | William N. Copley, Saul Steinberg Galerie Michael Haas | Abraham David Christian Kewenig | Imi Knoebel Kicken Berlin | Robert Frank, Saul Leiter Klemm’s | Elizabeth Jaeger Klosterfelde Edition | Jorinde Voigt König Galerie | Camille Henrot, Matthias Weischer, Jeppe Hein KOW | Franz Erhard Walther, Clegg & Guttmann Kraupa-Tuskany Zeidler | Pieter Schoolwerth Tanya Leighton | Math Bass Alexander Levy | Fabian Knecht Daniel Marzona | Axel Hütte Meyer Riegger | Daniel Knorr Galerie Neu | Jana Euler Neugerriemschneider | Thomas Bayrle Galerie Nordenhake | Rémy Zaugg Peres Projects | Beth Letain Galeria Plan B | Horia Damian Gregor Podnar | Anne Neukamp Psm | Daniel Lergon Aurel Scheibler | Ernst Wilhelm Nay Esther Schipper | Ryan Gander Galerie Thomas Schulte | Jonathan Lasker, Alice Aycock Société | Kaspar Müller Sprüth Magers | Peter Fischli/David Weiss, Reinhard Mucha, Andrea Robbins/Max Becher Galerie Barbara Thumm | Anne-Mie Van Kerckhoven, Fiona Banner Galerie Barbara Weiss | Frieda Toranzo Jaeger Wentrup | Florian Meisenberg, David Renggli Barbara Wien | Jong-Ik Kim Kunsthandel Wolfgang Werner | Richard Oelze

The Black Image Corporation 25.04 – 28.07.2019

Im diesem Jahr ist es der brasilianische Künstler Vik Muniz, der seine Vision vom Terroir und dem Savoir-faire für Ruinart künstlerisch umsetzt.

Teilnehmende Galerien & Künstler

Gropius Bau

Kulturinstitutionen

Deutschland

Deutschland

Österreich

Kunsthalle Wien

Peter Wächtler 31.08. – 17.11.2019

Schinkel Pavillon Oberwallstrasse 1, 10117 Berlin schinkelpavillon.de »Pauline Boudry & Renate Lorenz – Straying From The Line« Privat Sammlungen Sammlung Boros Bunker, Reinhardtstrasse 20, 10117 Berlin sammlung-boros.de Saturday And Sunday, April 27 & 28, 10am – 6pm, Visit Without Registration. Museum Frieder Burda / Salon Berlin Auguststrasse 11 – 13, 10117 Berlin museum-frieder-burda.de »JR – Adrian Piper – Ray Johnson« The Feuerle Collection Hallesches Ufer 70, 10963 Berlin By Appointment thefeuerlecollection.org Fluentum Collection Clayallee 174, 14195 Berlin fluentum.org »Guido Van Der Werve – Number Eight, Nine, Twelve, Thirteen, Fourteen, Seventeen« Sammlung Hoffmann Sophie-Gips-Höfe, Aufgang C, Sophienstrasse 21, 10178 Berlin By Appointment sammlung-hoffmann.de Me Collectors Room Auguststrasse 68, 10117 Berlin me-berlin.com »Beyond« Miettinen Collection / Salon Dahlmann Marburger Str. 3, 10789 Berlin salon-dahlmann.de »LG Nordström« »Emanuel Seitz« Julia Stoschek Collection Berlin Leipziger Strasse 60, 10117 Berlin jsc.berlin »Pauline Boudry / Renate Lorenz – Ongoing Experiments With Strangeness«


KUNST

»Eine Feier des Lebens«

Nachts in Berlin, ein einsames Fabrikgebäude irgendwo im Nirgendwo zwischen Prinzenstraße und dem Bahnhof Hallesches Tor. Irgendwann öffnet sich eine Tür in der Wand, dahinter ein bulliger Türsteher, ein Lagerfeuer im Ölfass und eigenwillige Skulpturen im Halbdunkel. Will man da wirklich rein? Unbedingt! Schließlich haben die Künstler Spencer Sweeney und Urs Fischer mit HEADZ Berlin ein Angebot gemacht, das man nicht ablehnen kann: Einen Monat lang fünf Tage die Woche jeden Abend Jazz, Verpflegung und Künstlerbedarf gratis. Für alle. Klingt irre, hat aber funktioniert. Nur – was sollte das? Gunnar Lützow hat bei Spencer Sweeney nachgefragt.

Nachdem Ihr bereits den Headz Salon in New York City als einen Ort organisiert hattet, an dem Menschen, Klänge und Bilder in Bewegung gekommen sind – welche Erwartungen hattet Ihr nach Berlin gebracht und welche Erwartungen hatten Euch nach Berlin gebracht? Hattet Ihr in Berlin ein völlig anderes Publikum erwartet und wie verhält sich das Ergebnis zu den Erwartungen? Wir hatten einfach so ein Gefühl, dass, wenn es überhaupt an einem anderen Ort als New York funktionieren würde, Berlin der richtige Ort dafür wäre. Es war nur so eine Ahnung. Wir hatten wirklich keine Ahnung, ob es tatsächlich funktionieren würde, aber das tat es. Es findet in der Zeit zwischen Einbruch der Dunkelheit und der Nachtruhe statt. HEADZ, das sind die Geheimnisse, die sich in jenen Stunden enthüllen, das Verhältnis der Stadt zu ihren Nächten. Wenn man sich das riesige Konvolut von Arbeiten anschaut, das im Rahmen von HEADZ produziert, und nicht nur an den Wänden, sondern sogar auch an der Decke präsentiert wurde, frage ich mich, was Ihr damit vorhabt. Und: Habt Ihr bei der Sichtung des Materials Arbeiten entdeckt, die Euch wirklich überrascht haben? In New York haben wir jedes dort entstandene Kunstwerk fotografiert. Wir werden Bücher herausbringen, die Reproduktionen der Werke gemeinsam mit Aufnahmen aus dem Salon zeigen. Es gibt immer eine große Anzahl von Werken, die uns überraschen und erfreuen. Das kann man gar nicht einzeln  beschreiben – so viele verschiedene Stimmen sind hier vernehmbar, so viele verschiedene Ausdrucksformen. Ein kollektives visuelles Unbewusstes.

Interesse war, herauszufinden, was passieren würde, wenn man Leute einlädt, in einer Gruppe zu arbeiten. Oft haben wir ja die besten Gespräche, wenn wir gleichzeitig etwas anderes tun. Die Live-Musik befreit den Geist, so dass dort, wo Jeder Künstler hat die Ambition, mit War- Kontrolle war, Flow entsteht. In hol oder Picasso ausgestellt zu werden. diesem Sinne haben wir versucht, Gleichzeitig versuchen viele zu vermeiden, eine Herausforderung zu schaffen, mit weniger bekannten Kollegen gezeigt zu damit etwas Neues und Lebendiwerden. Im Gegensatz dazu seid Ihr als etabli- ges entstehen kann. Wir hatten erte, in großen Galerien vetretene Künst- keine Ahnung, ob das funktioniert, ler das Risiko eingegangen, an den selben doch waren davon überzeugt, es Wänden zu hängen wie – möglicherweise zu versuchen. – ein paar gerade eingetroffene Austauschstudenten. Wie hat sich das angefühlt? Unter den verschiedenen überraDas war risikofrei. HEADZ ist ein kollek- schenden Dingen im Zusammentives Projekt. Es steht allen offen. Etablier- hang mit HEADZ war die Tatsache, dass te Künstler und Leute, die vielleicht noch es weitgehend eine Art »Geheimtipp« blieb: nie in ihrem Leben gemalt oder gezeichnet Erst am letzten Tag tauchten die »üblichen haben, sind dabei, um mitzumachen und Verdächtigen« auf. Wie ist es Euch gelungen, etwas zu schaffen. Ihre Arbeiten werden so ein großes Ereignis so lange geheim zu gemeinsam ausgestellt, unabhängig davon, halten? welchen Grad an Erfahrung sie mitbringen. Über unsere Mailingliste haben wir einmal Wenn Kunstwerke in der Mehrzahl leben, wöchentlich eine Mail mit einem Gemälbefreit es sie von Erwartungen. Es ist ein- de und dem musikalischen Line-Up verfach eine Feier des Lebens. schickt. Wir haben dann die Teilnehmer gebeten, auf der Rückseite ihrer Arbeiten Nach dem Besuch mehrerer Abende habe ich ihren Kontakt zu vermerken, und haben mich gefragt, ob ich möglicherweise Zeuge sie dann in den Verteiler aufgenommen. eines soziologischen Experiments geworden Auf Social Media haben wir verzichtet, um bin – wobei mir nicht ganz klar ist, was das Ereignis in einer anderen Atmosphäre genau erforscht werden sollte. War HEADZ stattfinden zu lassen. Wir wollten einen ein Experiment und hatte es mit der Unter- authentischen Ort schaffen, der außerhalb suchung von Bedingungen für Kreativität zu der Kunstwelt – oder jeder anderen klar tun oder ging es um etwas anderers? abgegrenzten Welt – wächst. In Berlin haEingangs war das Konzept, ein offenes ben wir aufgrund der begrenzten Dauer Atelier zu schaffen, in dem Leute in ein- mehr Menschen angesprochen. So war er gewissen Nähe zueinander arbeiten es eine Mischung aus »Geheimtipp« und würden. Der schöpferische Prozess kann Mailingliste, wobei wir aber bis zum Ende oft eine sehr einsame Erfahrung sein. Unser des Projekts Presseanfragen abgelehnt

24

No 68 - 2019

haben, so dass der Zulauf für uns überschaubar blieb. Die Interaktion zwischen den Teilnehmern war überraschend höflich. In einem Rahmen, der zu freiem Ausdruck ausdrücklich einlädt und dazu gratis Getränke und Künstlerbedarf anbietet, hätte man doch zumindest ein spielerisch provokatives Verhalten erwarten dürfen, wie es unter jüngeren Kunststudenten nicht unüblich ist. Hat Euch das als Gastgeber eher gefreut oder habt Ihr ein wenig Rebellion hier und dort vermisst? Ja, die Stimmung war tatsächlich weitgehend respektvoll. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Da ist die Achtung des Publikums vor dem, was die Musiker leisten. Dazu kommt das gemeinsame Essen. Wir haben jeden Abend gesundes, selbstgemachtes Essen serviert. Auf eine subtile, beinahe unbewusste Weise schafft das ein gewisses Gefühl der Dankbarkeit – was einen Riesenunterscheid macht.


KUNST

Text

Von Gunnar Lützow Bild

Mario Großmann

Und natürlich konzentrieren sich die Leute sehr auf die Arbeit an ihren Kunstwerken. Es ist erstaunlich, wie schnell die Leute reinkommen, sich das Material holen und an die Arbeit gehen – und wie lange sie dermaßen fokus-siert bleiben. Der Posaunist Craig Harris, der regelmäßig im Rahmen von HEADZ aufgetreten ist, hat das Motto für Headz erfunden: »Create or Vacate«. Das haut er immer wieder gerne übers Mikro raus oder arbeitet es, wenn nötig, in einen Song ein. Auf magische Weise hält auch das die Dinge in der Spur. Haha! Nimmt man mal die Werke und die Atmosphäre, in der sie entstanden sind, zusammen – gibt es so etwas wie eine Erkenntnis, wurde darin ein »Spirit of Berlin« sichtbar? Darüber hinaus wäre es interessant zu fahren, in wie weit sich die Erfahrung von HEADZ eines Tages in Eurer eigenen Praxis abbilden wird. Wir haben das bisher nur in zwei Städten, New York und Berlin, gemacht. Es ist überraschend, wie ähnlich sich die Energie und das Gefühl in beiden Städten sind. Tatsächlich ist in beiden Fällen eine vergleichbare Atmosphäre entstanden. Und ich denke, dass jeder, der daran beteiligt war, davon inspiriert worden ist. Das hält es am Laufen. Wenn man mal für einen Augenblick alle finanziellen und organisatorischen Beschränkungen wie Zeit, Logistik und so weiter außer acht ließe – könntet Ihr Euch HEADZ in der Zukunft an einem anderen Ort vorstellen? So etwas wie HEADZ lässt man besser ungeplant. So bleibt es frisch. HEADZ ist wie – zusammen träumen.

25

No 68 - 2019


FILM

Wirklich Leben erst durch Kunst Julian Schnabel gibt sich bei unserem Interview im Berliner Luxushotel Das Stue als aufmerksamer Gesprächspartner, der auch interessiert Gegenfragen stellt. So erkundigt sich der am 26. Oktober 1951 in New York City geborene Maler und Regisseur von Miral, (2010) nach meinem Vater Ardavas Hairapetian, als ich ihm erzähle, dass dieser ebenfalls von Vincent van Gogh (30. März 1853 – 29. Juli 1890) beeinflusst gewesen war. Bevor wir uns bei der Deutschland-Premiere seines neuen Films Vincent van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit im Cinema Paris am Kurfürstendamm wiedersehen, um dann bei der After Show Party gemeinsam mit seiner Partnerin, der Innenarchitektin Louise Kugelberg, und Kameramann Benoît Delhomme zu feiern, steht er mir ausführlich Rede und Antwort.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist zwar ein Film über Malerei, aber ich hatte beim Sehen (und Hören) das Gefühl, einer in Bildern gesetzten Sinfonie beizuwohnen. Das ist schön gesagt. Musik war und ist mir immer wichtig. Ich lasse mich gerne von ihr inspirieren. Nur ein Beispiel: Vor 23 Jahren war ich in Köln zu Besuch und fuhr mit dem Taxi zum Hotel. Der Fahrer war nicht Armenier wie Ihr Vater, aber er kam auch aus dem Iran. Aus seinem Auto-Kassettenrekorder erklang wundervolle Klaviermusik und ich fragte, ob er wüsste, von wem diese wäre. Er sagte stolz: »Die ist von meinem Sohn! Es handelt sich um eine Eigenkomposition von ihm.« Für 25 Deutsche Mark kaufte ich ihm das Tape schließlich ab. Später setzte ich es in meiner filmischen Biografie über den mit nur 27 Jahren verstorbenen schwarzen Graffiti-Künstler Basquiat ein und der junge Komponist bekam dabei natürlich noch ein höheres Honorar für die Verwendung seines Stücks. Bei Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit schrieb Tatiana Lisovskaya die Musik bereits im Vorfeld. Bewusst klingt es manchmal so, als wenn sie eine falsche Note erwischt, wobei Thelonius Monk sagen würde: »Es gibt überhaupt keine falschen Noten.« Dieser etwas »neben der Spur« liegende Sound soll auch Vincent van Goghs aufgewühltes Seelenleben zum Ausdruck bringen. Er nahm die Welt, vor allem die Natur um ihn herum, sehr intensiv wahr. In meinem Film hört man nie Musik, wenn die Leute miteinander reden, aber immer wenn er spazieren geht, um Eindrücke für seine Malerei förmlich aufzusaugen. Mein Einsatz der Musik mag ein künstlicher Weg sein, etwas ganz Natürliches zu illustrieren, aber er passt zu Vincents Aussage: »Die Farbe in meiner Malerei kommt nicht von der Realität, sie kommt von meiner Palette«. Sie sind selbst Maler. Warum haben Sie ausgerechnet einen Film über Vincent van Gogh gemacht, wo es doch schon so viele über ihn gibt? Gute Frage! Es lässt sich mehr mit dem Gefühl, als mit dem Intellekt erklären. Er hat mich, seit ich denk-

gen sollte er viel spazieren gehen und seine Spaziergänge aus Augen- bzw. Brusthöhe filmen. Ich schickte ihn beispielsweise im September nach Schottland, da es zu der Jahreszeit in Frankreich keine geeigneten Kornfelder gibt, die Vincent ja so meisterlich in regnerischen Stimmung eingefangen hat. Später drehten wir dann mit unserem Hauptdarsteller Willem Dafoe an Originalschauplätzen wie Auvers, wo Vincent in nur 70 Tagen sage und schreibe 70 Gemälde fertiggestellt hatte, bevor er sich in die Brust schoß und zwei Tage später an den Verletzungen starb. Im Film scheinen die anderen Schauspieler oft direkt in die Kamera zu reden. So hat der Zuschauer auch das Gefühl, dass sie nicht nur zu Vincent sprechen, der sie ja dabei ansieht, sondern darüberhinaus auch zu ihnen selbst! Beim Drehen warteten wir oft die »magische Stunde« am Nachmittag ab, wenn Himmel und Licht von besonderer Schönheit sind. Worüber wir jetzt reden, das ist der Prozess, Kunst zu kreieren. Ich fühle mich mehr am Leben, wenn ich das tue, Sie wahrscheinen kann, mit seinen Werken berührt. Ich wollte keine herkömmliche Biografie über ihn drehen, sondern eher seine künstlerische Substanz filmisch herausarbeiten. Aber worum geht es überhaupt in dem Film? Was denken Sie? Es geht um einen Künstler, der so sehr seiner Zeit voraus war, dass ihn zu Lebzeiten selbst seine von ihm geschätzten Kollegen wie Paul Gauguin kaum verstehen konnten. Obwohl er ein Genie war, litt er unter deren Missachtung. Der Akt des Schaffens wird zudem bei Ihnen im Film ausführlich gezeigt. Was Sie sagen, kann ich nicht von der Hand weisen, aber es geht in unserem Film meiner Ansicht nach nicht nur um das Malen, sondern vor allem um das Sehen! Mir war wichtig, dass mein Kameramann Benoît Delhomme versucht, die Welt aus den Augen von Vincent zu betrachten. Deswe-

26

No 68 - 2019


FILM

Oscar Isaac (Paul Gauguin) and Emmanuelle Seigner (Madame Ginoux) in Julian Schnabels “Vincent van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit”

Willem Dafoe (Vincent van GoGh) in Julian Schnabels “Vincent van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit” © DCM

lich beim Schreiben auch. Noch ein Satz zum Aspekt des »Unverstanden-Seins«: Am Anfang interessieren sich Künstler in der Regel sehr für die Meinung von anderen, später allerdings nicht mehr. Vincent sagt am Ende des Films: »Jetzt ist mir mein Verhältnis zur Ewigkeit wichtiger.« Was ihn kümmert, ist, was er macht. Und wenn er es tut, stoppt er das ewige Grübeln, er lebt im Wortsinn erst wirklich durch seine Kunst. Vincent Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit ist vor allem auch ein Film über Existenz und Tod. Sie machen beileibe kein Mainstream-Kino. Wie gelingt es Ihnen, immer wieder die größten Schauspieler-Stars, diesmal neben Willem Dafoe auch Oscar Isaac als Paul Gauguin und Mads Mikkelsen als Priester, zu verpflichten? Ich glaube, um mich mit Schauspielern unterhalten zu können, bin ich überhaupt erst Regisseur geworden. Ich denunziere niemals meine Filmfiguren und die Darsteller können mir absolut vertrauen. Deshalb kommen sie wohl gerne zu mir. Wie kam die Zusammenarbeit mit Schriftsteller und Co-Drehbuchautor Jean-Claude Carrière zustande? Ich bin auch riesiger Fan von Luis Buñuel, für den Jean-Claude skurril-erotische Drehbücher wie Belle de Jour - Schöne des Tages,

Der diskrete Charme der Bourgeoisie und Das Gespenst der Von ihm stammen zum Beispiel die Dialoge, die VinFreiheit geschrieben hat. Vor einigen Jahren wurde beim cent/Willem mit dem von Mads Mikkelsen verkörperten Filmfestival in San Sebastian eine Dokumentation über ihn Priester führt. Der Geistliche, der darüber zu entscheigezeigt. Als ich das Plakatmotiv mit ihm betrachtete, war den hat, ob er aus der in einer ehemaligen Klosteranlage ich mehr als verwundert und flüsterte seiner mexikani- gelegenen Nervenheilanstalt von Saint-Rémy entlassen schen Assistentin zu: »Jean-Claude sieht hier gar nicht aus werden kann, sieht keinen Funken Talent in Vincents wie er selbst, sondern wie der Teufel. Er Arbeit, doch dieser erwidert, dass Jesus braucht ein gutes Bild von sich!« Als ich Christus zu Lebzeiten auch von vielen wenig später in Paris zu tun hatte, rief angezweifelt und erst lange nach seinem mich besagte Dame an und meinte: »Sie Tod berühmt wurde. Solche Gespräche Text können jetzt das Bild von ihm machen.« mag ich in Filmen! Ich besuchte also Jean-Claude mit einem befreundeten Fotografen in seiner WohWar Ihre Zusammenarbeit mit Jeannung, die mitten im VergnügungszenClaude Carrière stets harmonisch? trum Pigalle gelegen ist. Eine Etage über Ja, nur in einem Punkt lagen wir auseinihn hatte übrigens Toulouse-Lautrec ein ander: Er mag keine Musik in Filmen, Studio, das wiederum Bestandteil eines ich aber sagte ihm, dass mich der SoundBild mit Julian Bordells war. Jean-Claude wurde zuerst track von Tatiana Lisovskaya schon bei Schnabel mit einer 21“-Kamera und dann mit dem der Vorbereitung auf den Film begleitet iPhone abgelichtet, doch ich war mit den hätte und wir nicht minutenlange SpaAufnahmen nicht zufrieden. Also zog ich ziergänge von Vincent durch die Landeinen Stift und ein Blatt Papier hervor. schaft zeigen könnten, ohne musikalische Er war davon sehr an-getan und fragte Untermalung. Zähneknirschend willigte mich: »Was wünschst du dir von mir?« er ein. Immerhin hat er den fertigen Film Ich entgegnete: »Du musst mir wirklich bis jetzt fünf Mal mit mir zusammen annichts schenken.« Er beharrte: »Doch!« Ich: »Nein.« Er: gesehen, u. a. bei einer Sondervorführung im Louvre. »Ich schreibe dir ein Drehbuch!« Da bat ich ihn in der Tat, ob er mir beim Verfassen eines Skripts für einen neuen Und wie steht er jetzt zur Musik in Ihrem gemeinsamen Film behilflich sein könnte. Es war – wie man sich denken Film? kann – Vincent van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit. Inzwischen liebt er sie! (lacht)

Von Marc Hairapetian Rob Waters

27

No 68 - 2019


TO-GO BOUTIQUE

KULTUR

by Kelley Frank

Sunproof

»Mundele!«, rufen sie laut in einer Mischung aus Abscheu und Erschrecken, das ist Lingala für »Weißer«. Wen wundert’s beim Blick in die Kolonialgeschichte?

Reformation Haffmans & Neumeister is the conception of two of the most respected names in eyewear out of Berlin, Germany. Philipp Haffmans co-pioneered a revolution in the late ‘90’s when he helped to invent sheet-metal spectacles. He also co-founded MYKITA with Jean-Pierre Neumeister and a few others. Their urbane metal frames were extensively researched and pay homage to traditional hand craftsmanship. The Delavault is presented in a simple, lightweight stainless steel golden frame optimized for comfort. Particular to this brand, nose pads are left out. Tobacco Gradient allow for the glasses to match most ensembles. Through their latest collaboration, Haffmans & Neumeister, they combine their contemporary experience and historical eyewear knowledge to create forward-thinking frames for your face. Delavault Haffmans & Neumeister Price upon request

Die Theaterproduktion Fluss im Bauch ist ein beispielloses Unterfangen des Goethe-Instituts Kongo. Ein europäischkongolesisches Team erarbeitete in Kinshasa eine Bühnenfassung des lyrischen Textes Fluss im Bauch des in Graz lebenden kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila. Regisseurin, Ausstatter und Produktionsleiter kamen aus Österreich, ein Schauspieler aus Deutschland, eine Tänzerin aus Polen, der Rest des Ensembles lebt im Kongo. Trotz mitunter massiver Regenfälle und Temperaturen um

Diva’s Delight For the Spring/Summer 2019 collection, Michael Kors has bestowed upon us a set of lustrous styles interpreted through rich materials and colors in iconic silhouettes. The 1053 adds an inner point to a rectangular frame, making a point of interest and providing for a unique feature. Millennial pink is a still a hot color and makes up the majority of this frame, highlighted by a gold bridge and golden ends. The incomplete airiness of the frames give the open wire construction a fashion forward feel. The temples and brown to pink gradient front lens are embellished with the Michael Kors’ signature logo. Grab these and add a little attitude to your new spring mood.

die 36 °C liefen bei großem Besucherandrang drei Vorstellungen an zwei verschiedenen lokalen Spielstätten ab. Der multilinguale und multimediale Abend ist am 25. und 26. Juni 2019 im Schauspielhaus Wien und vom 5. bis 7. Juli 2019 im Nationaltheater Mannheim zu sehen.

MK 1053 Michael Kors 125 Euro

Classically new Ray-Ban has become the go-to brand for quality shades at a moderate price-point. Their new collection continues to deliver on this and continues to make us #proudtobelong. Our favorite pair is a nod to the 70’s and Hollywood starlets. Big square frames make a bold, oversized statement. Ray-Ban doesn’t want you to settle for ordinary— these shades are anything but that. The Evolve gradient lens are a UV protected shade of contemporary pink, reminiscent of an LA sunset. The always lightweight and ever comfortable fine metal rims perch the glasses perfectly upon any face. Silicone nose pads ensure a secure fit. All glasses come with a hardshell case, keeping them safe when you’re on the go. RB1971 Ray-Ban 150 Euro

Stadt im Fluss Kinshasa ist die Hauptstadt der Demokratischen Republik

Legendary

Kongo. Eine pulsierende Metropole mit aufstrebender und

Persol’s 649 model was first designed for the tram drivers of Turin in 1957. But like many stories, fashion soon took over function. Since then, they’ve left their functional origins behind to become a classic brand with over 100 years of manufacturing technology expertise. The Meflecto system allows for the glasses to be kept firmly on the temples without adding extra pressure. The lenses are formed from crystal glass, often prescribed by physicians because of their immense sun protection. The pair we’ve chosen to showcase is unique, as the havana pattern is mostly on the back of the double-layered acetate rather than the front— acting as a hidden treasure of sorts and a nod to Persol’s sometimes eclectic designs. The havana pattern only appears on the front to highlight the brand’s iconic arrows.

doch verarmter Kunst- und Kulturszene, ein faszinierendes

PO649 Persol 175 Euro

System des funktionierenden Nichtfunktionierens am Ufer des unersättlichen Kongoflusses. Martin Thomas Pesl schildert Eindrücke aus der rauschhaften Realität Afrikas drittgrößter Stadt. 28

No 68 - 2019


KULTUR

Foto oben: Mega Mingiedi Bild rechts: Mega Mingiedi Lunettes Mischtechnik auf Papier 50 x 70 cm - 2016

Text

Von Martin Thomas Pesl Wien

Bild

Willie Schumann Hamburg

Kongo von ihrer Schwesternstadt Brazzaville, ihrerseits Hauptstadt der Republik Kongo. Begrifflichkeiten wie »Republik« und »demokratisch« sind hier relativ zu betrachten. In der DRK herrscht seit vermutlich gefälschten Wahlen im vergangenen Winter eine trügerische Ruhe vor dem potenziellen Sturm, Kongo-Brazzaville gilt seit Jahrzehnten als »gut funktionierende Diktatur«. Dort, wo man ihn dann sieht, wirkt der Kongofluss oft gar nicht wie ein Fluss. Er ist so breit, dass man ihn für einen See, ja den Ozean halten könnte. An wieder anderen Orten könnte es sich genauso um die Donau handeln. Bei der Bar Chez Tintin zum Beispiel: Da sind Plastikstühle am Ufer aufgestellt, Bier wird serviert, kleine Ziegen hüpfen idyllisch über die Felsen, und unweit eines ziemlich reißend aussehenden Wasserfalls baden Menschen im schlammbraunen Wasser oder schippern in einem Einbaum auf und ab. Sobald sie weiße Besucher sehen, wollen sie sie zu einer kleinen Tour überreden. Andere bleiben distanzierter. »Mundele!«, rufen sie laut in einer Mischung aus Abscheu und Erschrecken, das ist Lingala für »Weißer«. Wen wundert’s beim Blick in die Kolonialgeschichte? Der Kongofluss ist alles, er ist schön und schrecklich. Regelmäßig werden Leichen angeschwemmt. Im Fluss soll eine Stadt der Toten existieren, eine Parallelwelt. Für die meisten Bewohner hier ist das kein Aberglauben, sondern eine Tatsache, auch Intellektuelle und Künstler*innen erzählen das mit vollem Ernst. Wobei in Kinshasa fast alle Künstler*innen und Intellektuelle sind. Fahrer Mega fand zwar das Hotel nicht auf Anhieb – aus Sicherheitsgründen sind die kleineren Hotels von außen nicht als solche gekennzeichnet, Straßennamen und Hausnummern bedeuten den Einheimischen nichts, , aber er begrüßt unterwegs jeden Zweiten strahlend als lten Künstlerfreund. Seine Zeichnungen stellt Mega Mingiedi teilweise in Deutschland aus, sein blaues T-Shirt mit dem Logo der Deutschen Bahn hat er aber vermutlich hier in Kinshasa erworben.

»Le fleuve«, sagt Mega Mingiedi, Taxifahrer und Künstler. Nach vier Tagen in Kinshasa taucht im Rahmen einer Stadtrundfahrt endlich ganz kurz der Kongofluss auf. Dafür, dass er Lebensader und Nemesis dieser heißen, aufregenden, anstrengenden Zwölf-Millionen-Stadt ist, bekommt man ihn kaum zu Gesicht. Als einen einzigen unübersichtlichen Markt erlebt man Kinshasa zunächst, mit hupenden, einander waghalsig schneidenden Autos, die trotz Rechtsverkehrs ihre Lenkräder nicht selten auf der rechten Seite haben, mit Menschen, die Pyramiden aus Wasserflaschen oder hartgekochten Eiern auf dem Kopf balancieren und todesmutig auf die Straße laufen, um den Menschen in den Autos ihre Waren in Tüten mit

Barack-Obama-Konterfei zu verkaufen oder als Polizistin etwas Geld entgegenzunehmen, einen Vorschuss für künftige Gefälligkeiten. Dass sie eine Stadt an Afrikas wasserreichstem und der Welt neuntlängstem Fluss ist, weiß Kinshasa erfolgreich zu verschweigen. »Der Kongofluss braucht andere Flüsse nicht zu beneiden«, heißt es im Langgedicht Der Fluss im Bauch des Schriftstellers Fiston Mwanza Mujila. »Er besitzt ihren Schatz, ihre Erektion und ihre Heftigkeit, um euch Angst einzujagen.« An den meisten Stellen der Stadt ist er verbaut oder bewußt versteckt worden, weil er angeblich Unglück bringt. Er trennt die Hauptstadt der Demokratischen Republik

29

No 68 - 2019

Ein Auslangen finden mit ihrer Kunst hier freilich nur die Wenigsten. Staatliche Förderung gibt es keine, obwohl am zentralen Prachtboulevard ein schattiges Kulturministerium steht. Theatervorstellungen sind gratis, sonst könnte sie sich keiner leisten. Die Musik, oft äußerst tanzbarer Punk oder der Soukous, der kongolesische Rumba, ist etwas anderes: Da gibt es Stars, die Konzertkarten kaum unter 100 US-Dollar anbieten. So etwas ist auch nur in einer Stadt möglich, die gleichzeitig eine der teuersten und eine der ärmsten Städte der Welt ist, ein von Varianten katastrophaler Politik in 150 Jahren gelähmtes System, das gar nicht geht und trotzdem irgendwie funktioniert. »Dieudonne!«, ruft Mega. Er hat wieder einen Freund entdeckt. Dieudonne ist Künstler. Er steigt kurzerhand ein und fährt ein paar Blocks mit. Natürlich, wieso nicht? Kinshasa: eine Stadt am Fluss, ständig im Fluss.


musik dieser tage MONTAG

Rose Elinor Dougall »A New Illusion« 10 Tracks Staff Track: »Christina in Red«

DIENSTAG

Khruangbin »Con Todo El Mundo« 10 Tracks Staff Track: »Evan Finds the Third Room«

MITTWOCH

Papooz »Night Sketches« 8 Tracks Staff Track: »Danger To Myself«

DONNERSTAG

Anderson .Paak »Ventura« 11 Tracks Staff Track: »King James«

FREITAG

Birdman & Juvenile »Just Another Gangsta« 12 Tracks Staff Track: »Just Another Gangsta«

SAMSTAG

ARROGANT BASTARD

A Tale of Two Cities It didn’t seem that long ago that Berlin could be divided into two types: The hip and the square. Both dressed in normcore black, had no job to speak of, and drank Sternberg and Korn non-stop, but still there was some ineffable difference between these folks which usually boiled down to deciding which team you were on and then declaring yourself better than the other one. Both types co-existed in an uneasy peace upon the same land, with one taking the daytime, and the other, the night. But eventually a new breed of blackclad, Sterni bolting inhabitants began settling in, and these individuals did have jobs — jobs mostly dedicated to make sure that there would be none for anyone else in the near future — and they soon also had real estate, and the next thing we knew, the city was dividing itself

In the end, we are all just pinballs in a gigantic crime machine. But when the ball shoots straight down the middle, at least we are all gathered together for the loss. up again. Soon, the only unemployed moving here was old German money and in the sniff-of-a-nose, one city had become as divided as it had in the past.

The Chemical Brothers »No Geography« 10 Tracks Staff Track: »Gravity Drops«

SONNTAG

Norah Jones »Begin Again« 7 Tracks Staff Track: »Uh Oh«

your correspondent first moved to Berlin, just about all of the action was in the former East (the Ingenious Dilettantes of Kreuzberg had already aged out of their dilettante status, as well as any possibility of pleasure) although all that action was mostly mausoleum building. You could go into a former squat and watch shirtless, dreadlocked Caucasian men bang upon flaming oil drums with mallets as you consumed shot after shot of Berliner Luft, and…..wait, that sounds terrible. Why did I pretend that was reason enough to upend my comfortable life on America? I guess I am a lonely and unanchored soul. Anyway, over in Neukölln, not only were there no shirtless men, practically all of the female residents over puberty were garbed head-to-toe and spent much of their time passing graveyards on their way up-and-down Hermannstraße while pushing baby strollers — in contrast to Mitte, where fixies were the primary mode of exercise and accident.

And so a Berlin Wall was built once again, between the Haves and the Wanna-Haves. This time, though, the Haves were in the Mitte of the former despotic East, where old hat shops could become Italian restaurants and former plumber’s storefronts transformed into extra-special, three-times-as-expensive Italian restaurants that also offered freshly ground pepper. Meanwhile, the former capitalist wonderland of the West of Neukölln had long been neglected, ceded to a series of duchies run by criminal gangs and Danish investors with a minimal interest in patching its roofs. Oh sure, I am leaving out all sorts of social types and areas, but do you know about those people, anyway? Be honest. And so, what was once a tyranny of small differences has become an opposition of Game of Thrones-like dimensions, including the nudity and the dragons. When

30

No 68 - 2019

It is a cruel statement of casual fact, but most of the people you (and by “you” I mean the demographic of my readership, a narrow, confused trough for which I hold no illusion) came of age with in this city — the party-loving, fake anti-Capitalist artist-settlers — have now been shuffled down two economic byroads, neither particularly attractive. Mitte is now dominated by large black cars that shuffle aristocrats and aspiring entrepreneurs from art opening to off-brand model bar to French restaurant, where some Munich dude, high off of the distance from his mommy, orders snails and attempts to crack them with his teeth. Meanwhile, those who actually believed the lie they told themselves that their creativity was more important than their family money find themselves stuck in a forest of empty storefronts and gambling machines; the closest they get to escargot is when a homeless person leaves a trail of waste in the Ubahn elevator. Still, it’s essentially a matter of scale: in Mitte, Israeli developers quickly erect cheaply built hotels to hide their tax money and the art collectors do the same. In Neukölln, those gigantic palm tree bars and shisha shops averaging two inhabitants a day serve a similar purpose, only swapping out heroin for cocaine. In the end, we are all just pinballs in a gigantic crime machine. But when the ball shoots straight down the middle, at least we are all gathered together for the loss.


DENNIS

MOJEN

EMILIA

SCHÃœLE

HEINER

L AUTERBACH

KEN

DUKEN

NIKOL AI

KINSKI

AB 4. JULI IM KINO

MICHAEL

GWISDEK


Profile for TRAFFIC News to-go

TRAFFIC News to-go #68  

#Masern #GenderPayGap #JanSkudlarek #reclamverlag #VOICEDESIGN #bauhaus #isabellegraw #ruinendergegwart #chromosomxy #BenjaminKwakuBoateng #...

TRAFFIC News to-go #68  

#Masern #GenderPayGap #JanSkudlarek #reclamverlag #VOICEDESIGN #bauhaus #isabellegraw #ruinendergegwart #chromosomxy #BenjaminKwakuBoateng #...

Advertisement