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Das Graffiti-Schloss

CASTELLO DI ISSOGNE, AOSTATAL

Das Castello di Issogne entwickelt erst von innen seinen eigentlichen Charme – hier sind nebst perfekt erhaltenen Fresken mehr als 600 Kritzeleien aus dem Mittelalter in fünf Sprachen zu bestaunen.

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Elisha Nicolas Schuetz

Monumental-architektonische Zeitzeugen sind im Aostatal ständige Wegbegleiter. Zu entdecken sind zahlreiche urige Dörfer und Weiler, Dorfkirchen, Burgen und Castelli. Ohnehin ist das Aostatal im Norden Italiens ein Tal der Burgen und Schlösser – über 100 mittelalterliche Bauten zählt es. Trutzig und mächtig thronen sie auf jedem Felsvorsprung und wachen über das Tal hinter der Schweizer Grenze. Viele sind öffentlich zugänglich, einige befinden sich im Privatbesitz. Manche sind renoviert, andere fallen in sich zusammen.

KÜNSTLERISCHE FRESKEN Das Castello di Issogne ist eine Burg in der Gemeinde Issogne am rechten Ufer der Dora Baltea. Von aussen wirkt es ziemlich unschein-

Von aussen eher unscheinbar, überrascht das Castello di Issogne innen die Besucher.

© STEFANO VENTURINI

Im Mittelalter haben Besucher wie Bewohner ihre «Tags» hinterlassen – sprich: sich verewigt.

© ENRICO ROMANZI DAS CASTELLO DI ISSOGNE

Im Mittelalter, als die Erhebung von Wegzöllen eine beliebte Einnahmequelle darstellte, war das Aostatal eine unumgängliche Etappe auf dem Weg über die Alpen in Richtung Norden oder Süden. Erstmals wurde das Castello di Issogne bereits 1151 urkundlich erwähnt. Abgesehen von den Fresken und Graffitis ist sie allerdings auch für ihren Granatapfelbrunnen bekannt – eine achteckige Steinwanne, aus der sich ein eiserner Granatapfelbaum erhebt, aus dem Wassersprudel entspringen. Nach etlichen Besitzerwechseln ging die Burg 1872 in den Besitz des Malers Vittorio Avondo über, der sie restaurierte und 1907 dem Staat schenkte. Heute gehört das Schloss der Regionalverwaltung und ist täglich von 09.00 bis 19.00 Uhr besuchbar (+39 0125 929 373).

Issogne

bar, ohne besondere Verzierungen und mit Ecktürmen, die nur unwesentlich höher sind als der Rest der Gebäude. Unspektakulär, könnte man meinen. Im Innern überrascht es die Besucher mit wunderschönen mittelalterlichen Fresken, die perfekt erhalten sind. Das Beeindruckende daran: Hier wurde nichts renoviert. Die bunten Wandbilder zeigen das Leben in der Schenke, die Bäckerei sowie die Apotheke. Und durchaus mit einer Prise Humor: So zeigt die Lünette der Wachmannschaft Soldaten, die entspannt an einer Tafel sitzen und zusammen mit einigen reizenden Damen lieber Karten spielen wollen, als Wache zu schieben. Für Erstaunen sorgen derweil auch die historischen Kritzeleien – quasi Graffitis aus dem Mittelalter.

HISTORISCHE «TAGS» Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese «Graffitis» von den Besuchern und Gästen der Burg, der Dienerschaft oder Burgbewohnern selbst hinterlassen. Beinahe so wie heute, wenn zumeist Jugendliche ihre «Tags» an Wänden hinterlassen – so nennt man in der Graffitiszene die «Unterschrift» der Sprayer unter dem Bild oder die territoriale Markierung einer Gang. Die Kritzeleien in der Burg sind ebenfalls Zeugen des täglichen Lebens, das sich um das Herrenhaus in Issogne herum ereignete. So berichten sie von Gedanken über Geld und Besitz, generellen Betrachtungen über das Leben, Liebesgeständnissen oder ironisch-frechen Kommentaren. Sie blieben dank der Tatsache erhalten, dass die Burg nie wirklich tiefgreifende Veränderungen und somit keine Generalsanierung erfahren hat.

IN FÜNF SPRACHEN VERFASST Diese Zeichnungen, mithilfe von Metallspitzen tief in die Wände eingeritzt, findet man in der gesamten Burg, aber vornehmlich in der Vorhalle, im Innenhof, in den Gängen und in den Türen und Fensterrahmen. Insgesamt sind mehr als 600 handschriftliche Zeichnungen zu finden, meist in die Fresken eingeritzt. Dass diese Kommentare gleich in fünf Sprachen verfasst wurden (Spanisch, Italienisch, Französisch, Lateinisch und Deutsch) ist umso beeindruckender. Graffitis sind also keineswegs eine Erfindung der Neuzeit.