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Prosa — Cédr ic W eidmann

Bruchstellen Der Schweizer Autor Cédric Weidmann hat dieses Jahr den Wartholz Literaturpreis gewonnen. Die Geschichte, die er für uns geschrieben hat, macht deutlich, warum: Präzise, unaufgeregt und mit feiner Humorklinge nimmt sich der 25-Jährige die Welt zur Brust.

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Der Nostalgische Club Für eine Weile führte ich mit einer Gruppe Freunden regelmässig einen Nostalgischen Club. Er bestand etwa zwei Jahre. Ich würde nicht sagen, dass mir besonders viel »daran lag«, zumindest nicht so, wie es anderen wohl erging. Aber ich hatte seit meiner ersten Wohnung eine Tradition aus Lesegruppen und Pokerrunden geführt und am Anfang meiner Dreißiger gemerkt, dass ich gar keine Menschen treffen konnte, ohne einen besonderen Vorwand zu haben. Es scheint mir bis heute die einzige Alternative zu den Pflichtbesuchen, die mir nie besonders lagen. Zu jedem Treffen nahm jemand einen Gegenstand aus seiner Jugend mit und erzählte, während er durch die Hände wanderte, was er damit verband. Nicht immer war das sehr überraschend. In den ersten Monaten betrachteten wir VHS-Rekorder, Filmposter und Hörspielkassetten oder die milchigen Gläser angestaubter Bongs und lauschten absehbaren Erzählungen aus Sommernächten oder Schulferien. Die meisten von uns befanden sich am Ende ihres Studiums oder richteten sich mit ihrer ersten Arbeit ein und standen unter dem unsichtbaren Stress junger Jahre, worunter das Sozialleben bekanntlich leidet. Das bedeutete, dass man aufmunternd lächelte und sich auch sonst Mühe gab zu zeigen, dass man die Runde aus bloßer Höflichkeit besuchte. Zu aller Erstaunen geschah schon am ersten Abend etwas, das uns aus dem Konzept brachte. Unter uns verbreitete sich rasch eine Stimmung, die uns in Erregung versetzte – man schob die linke Hand über die rechte, obwohl es an den eigenen Grossvater erinnerte, wies den Alkohol zurück und beugte sich lächerlich weit über die Tischplatte, um einander beim Sprechen anzusehen – was ich hier nicht besser als mit »verzweifelte Eintracht« bezeichnen kann. Sie äußerte sich zuerst darin, dass dumme Sprüche vom Tisch wie verbannt schienen, als wäre der ganze Anlass nie witzig gemeint gewesen, und weiter in der entwürdigenden Form, wie man sich durch Nicken zustimmte: Als wüsste nicht jeder, wie lächerlich es aussah, jemandem zuzunicken, wenn er vom Pfadfinderlager berichtete. Wir schämten uns ein wenig, wie sehr uns der Gedanke an ein nächtliches Feuer im Wald, der Geruch von nas-

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sem Holz oder Goldmelissensirup in Verwirrung stürzte. Bei vielen Dingen, «Goldmelissensirup» etwa, war ich mir nicht ganz sicher, ob ich vor jenem Abend schon einmal welchen getrunken hatte – aber ich nickte ganz selbstverständlich mit, als eine Freundin ihn mit uns teilte und erklärte, wie sie ihn am selbstgebastelten Stand verkauft hätte. Ich fürchtete mich zuweilen, jemand könnte unerwartet die Wohnung betreten, der nicht in unseren Club eingeweiht war, und würde uns für völlig verrückt halten und sich über das Pathos wundern, das man sich gegenseitig zuwarf. Denn aus ganzen Sätzen wurden abgehackte Phrasen, mit denen man nur ein Seufzen unterdrückte: »Diese Nächte …« oder »Das Zurückspulen, die vielen hundert Stunden, bis man das zurückgespult hat, immer – !«. Das alles hat bestimmt mit unserem Aufwachsen zu tun, aber davon verstehe ich wenig. Ich hatte auch nicht sonderlich Lust, mich damit zu beschäftigen, weil mich an den Abenden meist der Gedanke an meinen Nachbarn ablenkte. Ich habe ihn kennengelernt, weil er kurz nach meinem Einzug an die Wohnungstür klopfte und stammelte: «Entschuldige, ich habe nicht gedacht, dass hier jemand lebt.» Mir fiel es damals nicht auf, aber seither habe ich mich oft gefragt, mit welcher Absicht er an die Tür geklopft haben mochte, wenn er dahinter niemanden erwartete. Wir kamen ins Gespräch, verstanden uns auf Anhieb und einigten uns auf einen konzentrierten Austausch von Aufmerksamkeiten, mit denen wir uns gegenseitig Respekt zollten, kurz: wir teilten uns ziemlich bald ein Gewehr. Da das Gewehr gepflegt und bei trockener Raumtemperatur gelagert werden musste, stand es abwechselnd für jeweils drei Monate in seiner und in meiner Küche. Ich habe eine starke Verbindung dazu, aber ich würde nicht sagen, dass ich ein »Waffennarr« bin. Ich war nicht einmal mit Gewehren aufgewachsen, wie es für Schweizer Kinder vom Land üblich ist, und einen Waffenschein hatte ich erst kürzlich erworben. Eigentlich war es nur dieses eine, das es mir so angetan hatte. Es glänzte silbern zwischen einem

23.05.17 18:38

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The Gap 163  

Coverstory: Zwischennutzung, Tracing Spaces – Der Wiener Nordwestbahnhof — Kulturaktivist Günther Friesinger, Ana Threat im Porträt, Prosa:...

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