Surprise Strassenmagazin 218/10

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Porträt Mörder stehen ihr Modell Wer von ihr porträtiert wird, steht schon mit einem Bein im Gefängnis: Linda Graedel-Sherman ist Gerichtszeichnerin und hat nahezu alle grossen Prozesse der letzten 25 Jahre live miterlebt. VON ISABELLA SEEMANN (TEXT) UND SELWYN HOFFMAN (BILD)

Er spitzte die Patrone ins Magazin, lud das Sturmgewehr durch und legte sich im Tarnanzug hinter der grossen Hinweistafel der ETH am Hönggerberg auf die Lauer. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite wartete ein 16 Jahre altes Mädchen auf den Bus. Er nahm sie ins Visier, zielte und drückte ab. «Warum?», fragt der Richter. Der junge Mann grinst verlegen, knetet seine Hände, murmelt: «Das weiss ich bis heute nicht.» Diese Schlüsselszene im Prozess gegen den «Sniper von Höngg» hat Linda GraedelSherman auf Papier gebannt. Sie war als akkreditierte Gerichtszeichnerin im Saal des Obergerichts Zürich und dokumentierte die Verhandlung für die «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens, den «Tages-Anzeiger» und die Nachrichtenagentur Keystone. Während die Gerichte Bild- und Tonaufnahmen aus Persönlichkeitsschutz aller Beteiligten kategorisch ausschliessen, haben sie gegen das Mitschreiben und Mitzeichnen nichts einzuwenden, da letztlich nur wenige den Grad an Ähnlichkeit beurteilen können und es vor allem auf den Typ Mensch, auf das skizzierte Psychogramm ankommt. Zwei Dutzend Wachsmalkreiden und ein Block im A3-Format sind die einzigen Hilfsmittel, mit denen Linda Graedel das Geschehen im Gerichtssaal nach aussen trägt. «Die ersten Minuten beobachte ich nur und speichere die Eindrücke ab.» Der um zwei Nummern zu grosse Anzug, eine teure Armbanduhr oder die verspannten Kiefermuskeln. Sie versuche, die Menschen zu begreifen, ihre Mimik, Gestik und Dynamik. Was drücken sie aus? Den Blick richtet die Zeichnerin auf Kleinigkeiten, die einen Fall aussergewöhnlich machen. Im Prozess gegen den Höngger Todesschützen war es die Leere in seinen Augen. «Seine Miene war ausdruckslos, sein Blick starr auf die Tischplatte vor ihm gerichtet», sagt Linda Graedel. «Nur manchmal zuckte ein Muskel am Kiefer.» Dann muss es schnell gehen, denn in der Verhandlungspause wartet das Fernsehteam draussen im Übertragungswagen oft schon auf die ersten Bilder. Fünf bis acht Bilder zeichnet sie an einer eintägigen Verhandlung; es sind Szenen, die nicht wieder kommen. Diese Unwiederholbarkeit schlägt sich in ihrem Stil nieder. Üppige Linien, Striche, Punkte. Der Zeichnungsvorgang wird nicht kaschiert, Radiergummi benutzt sie nie. «Ich bin sehr selbstsicher, wenn ich zeichne», sagt die 68-jährige Künstlerin, «weil ich viel Erfahrung mitbringe.» Diese gewann sie als Zeichnerin am Schauspielhaus Zürich und am Opernhaus, in der Tonhalle und bei Jazz-Festivals. Ihre künstlerische Ausbildung begann in ihrem Heimatland, den Vereinigten Staaten von Amerika, an der Art Center School in Los Angeles, ging weiter in Wien, bis sie sich in Paris anno 1961 in einen Berner Medizinstudenten verliebte. Sie folgte ihm in die Schweiz, gab ihre künstlerische Karriere auf, wurde Mutter zweier Töchter und liess sich in Schaffhausen nieder, wo ihr Mann stellvertretender Chefarzt am Kantonsspital wurde.

Doch nach 15 Jahren fidelen Hausfrauen-Daseins packte sie ihre Staffelei und stellte sie in den Operationssaal ihres Mannes, wo sie Zeichnung um Zeichnung seine Operationen festhielt. Danach wechselte sie in Musiklokale, denn Jazz, den sie auf ihrem Piano auch selber spielt, ist ihre grosse Leidenschaft. Von Irène Schweizer über Herbie Hancock bis Miles Davies standen ihr die grössten Musiker des Jazz Modell. Anfang der Achtzigerjahre wurde Nachrichtensprecher Heiri Müller auf die Künstlerin aufmerksam und meinte, das Schweizer Fernsehen könnte sie als Zeichnerin an Prozessen brauchen. Seither zeichnet Linda Graedel-Sherman in den Gerichtssälen des Landes. Für Auftraggeber wie die «Weltwoche», den «Bund», die «Neue Zürcher Zeitung» sowie «Tele Züri» hat sie nahezu alle «causes célèbres» dokumentiert: Die Hallenbadkatastrophe von Uster, als beim Einsturz der Betondecke zwölf Menschen ums Leben kamen, war ihr erster Fall. Es folgten Günther Tschanun, ehemaliger Chef der Zürcher Baupolizei, der vier seiner Mitarbeiter erschossen hatte, Babyquäler René Osterwalder, Vitali Kalojew, der den Skyguide-Lotsen erstochen hatte. Dann der Swissair-Prozess und die acht Jungs vom «Jahrhundertpostraub», die im Bezirksgericht Zürich mit ihr schäkerten. «Sie beugten sich huldvoll zu mir hinüber und wollten wissen, ob ich sie auch schön genug gezeichnet hätte», sagt Linda Graedel und schmunzelt über die eitlen Fraumünster-Posträuber. Im Gerichtssaal hat die Zeichnerin einen festen Platz, ganz aussen in der ersten Reihe. «Von dort aus kann ich gut überblicken, was im Gerichtssaal passiert.» Sie sieht die ratlosen Gesichter der Richter frontal und die Angeklagten im Halbprofil, ihr Mienenspiel beim Sich-nicht-Erinnern-Wollen, beim Mauern und Abstreiten. «Manchmal läuft einem schon ein Schauer über den Rücken.» Bei der Parkhausmörderin Caroline H., die zwei Frauen bestialisch umgebracht hatte, sei sie jedenfalls froh gewesen, dass diese an Händen und Füssen zusammengekettet und von fünf stämmigen Sicherheitsbeamten bewacht wurde. Die Illustrationen zum Prozess zeigen eine kleine, fragile Frau mit raspelkurzen Haaren in Handschellen und Fussfesseln.

«Die Posträuber wollten wissen, ob ich sie auch schön genug gezeichnet hätte.»

SURPRISE 218/10

Im Atelier ihres Hauses in Schaffhausen hat Linda Graedel die Originale ihrer Zeichnungen der vergangenen Jahrzehnte aufbewahrt. Manchmal verkauft sie die Zeichnungen an Richter und Anwälte, die sich ihre spektakulärsten Prozesse an die Wand hängen wollen. Ansichten von schmierigen Kinderporno-Händlern, eiskalten Gattenmörderinnen, ÖkoTerroristen und Rotlicht-Milieu-Königen. Typen, deren Vorstrafenregister man an ihren Narben im Gesicht und der Anzahl ihrer Tätowierungen ablesen kann, faszinieren die gebürtige Kalifornierin mit dem sonnigen Gemüt genauso wie Mörder mit Unschuldsmiene: «Als Künstlerin interessieren mich die seelischen Abgründe der Menschen.» ■

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