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Surprise 581/24

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Strassenmagazin Nr. 581 9. bis 29. August 2024

davon gehen CHF 4.–an die VerkĂ€ufer*innen

Diskriminiert die IV?

Ein Fall aus ZĂŒrich zeigt: Wer wegen sozialer Probleme krank ist, hat es bei der IV schwer.

Seite 8

Bitte kaufen Sie nur bei VerkÀufer*innen mit offiziellem Verkaufspass

GESUCHT: DER FAN-SCHAL FÜR DIE NATI 202 !

Surprise nimmt im mit zwei StrassenfussballNationalteams am Homeless World Cup in teil – mit Ihrem Schal im GepĂ€ck? Wie in den Jahren zuvor ĂŒberreichen unsere Spieler*innen zum Handshake handgemachte Fanschals an die gegnerischen Teams. Machen Sie mit!

Der Schal sollte zirka 16 cm breit und 140 cm lang sein, Fransen haben und in Rot und Weiss gehalten sein. Gestrickt, gehÀkelt, genÀht: alles geht!

ACHTUNG, FERTIG, STRICKEN!

Editorial

Ganz unten

Man rappelt sich auf, kĂ€mpft sich zurĂŒck, sieht endlich Land, ist wieder bei den Leuten. UnzĂ€hlig sind die Wendungen fĂŒr etwas, das wir alle kennen: Man ist ein Weilchen unten und dann geht’s wieder aufwĂ€rts.

Ich frage mich oft, wie das sein muss: Wenn man unten ist und unten bleibt.

In diesem Heft erzĂ€hlen wir gleich zwei Geschichten von Menschen, die ganz unten sind. Die eine spielt in Agbogbloshie bei Accra in Ghana, abSeite 16. Aus allen möglichen LĂ€ndern tĂŒrmt sich hier der Elektroschrott zu Bergen von Plastik, Monitoren, Kabeln und Smartphones, der von MĂŒllsammlern abgetragen wird – eine Drecksarbeit, die die MĂ€nner ihre Gesundheit kostet und Accras KĂŒste und Umland mit Schadstoffen belastet. NatĂŒrlich gibt es Alternativen wie nachhaltiges Recycling, auch davon ist in der Reportage die Rede, nur: DafĂŒr muss man schon viel weiter oben auf der Leiter sein,

4Presseschau

5Na? Gut! Plattform fĂŒr Arzt-Suche

5Vor Gericht FĂŒr wessen Leben?

6VerkÀufer*innenkolumne Faschismus ist ...

7Moumouni antwortet Was hilft an Wochenenden gegen Weltschmerz?

8Gesundheit Veraltetes Krankheitsbild der IV

14Orte der Begegnung Bremgartenfriedhof in Bern

16MĂŒll

Elektroschrott in Ghana

muss Geld haben, Investoren und Maschinen. FĂŒr die MĂŒllsammler von Agbogbloshie klingt das wie von einem anderen Stern.

Die andere Geschichte handelt von einer Frau, die seit Jahren geplagt ist von Depressionen und trotz Gutachten keine Rente bekommt. FĂŒr die Erkrankung mitverantwortlich sind psychosoziale Faktoren: Die Frau ist Schwarz, Muslima, sie wurde zwangsverheiratet, ist zudem arm – und gehört damit zu denen, die gleich mehrfach diskriminiert werden. Genau solche psychosozialen Faktoren werden von der IV aber weitgehend ignoriert; was im Grunde darauf hinauslĂ€uft, dass die Frau in ihrer Erkrankung nicht anerkannt wird. Der Fall wirft eine grundsĂ€tzliche Frage auf: ErhĂ€lt die Betroffene keine Rente, weil sie ganz unten ist? Wir suchen eine Antwort darauf, ab Seite 8.

KLAUS PETRUS Redaktor

22Verein Surprise Neuer Stadtrundgang in ZĂŒrich

24Theater Aufwachsen in unsicheren Zeiten

26Veranstaltungen

27Tour de Suisse Pörtner in Luzern

28SurPlus Positive Firmen

29Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren

30Nachruf Josiane Graner

Presseschau

Zur Ausstellung «Wie Strassenzeitungen Leben verĂ€ndern» Kornhausforum Bern, 17.5.–13.10.2024 (verlĂ€ngert), Eintritt frei

Â«Ăœberblick»

«Sie geben der Armut ein Gesicht: die VerkĂ€ufer*innen von Strassenmagazinen. Die Ausstellung â€čWie Strassenzeitungen Leben verĂ€ndern. How Street Papers Change Live sâ€ș erzĂ€hlt deren Geschichten und gibt einen Überblick ĂŒber unterschiedlichste Strassenzeitungsprojekte weltweit.»

WOZ (18.07.2024)

«Es

braucht sie mehr denn je»

«So kommt die Ausstellung im Kornhausforum zu einem interessanten Zeitpunkt. Nicht nur die generelle Krise der Printmedien und der Wandel beim Medienkonsum beeinflussen die Arbeit der Strassenzeitungen, sondern auch der Umstand, dass mit der anhaltenden Teuerung auch die Wahrscheinlichkeit steigt, arm zu werden. Was wiederum unterstreicht, dass es diese Initiativen auch nach 30 Jahren noch braucht, vielleicht mehr denn je.»

Der Bund (17.05.2024)

«Jans wĂŒnscht sich, dass die Menschen ihn mögen»

«Beat Jans fĂ€llt in die Kategorie â€čgmögigerâ€ș Bundesrat. Er mag Menschen, und er wĂŒnscht sich, dass sie ihn mögen. Diesen Eindruck hat man an diesem Abend im Berner Kornhaus. Der Verein â€čSurpriseâ€ș, zu dem das gleichnamige Strassenmagazin gehört, hat zu einer Vernissage eingeladen. Als Jans den Raum betritt, umarmt ihn ein Mann stĂŒrmisch, eine Frau ist ganz nervös, als sie mit ihm ein Foto machen darf. Jans war wĂ€hrend fĂŒnf Jahren PrĂ€sident des Vereins â€čSurpriseâ€ș. Es ist ein Anlass unter Gleichgesinnten.»

NZZ (18.05.2024)

«Genialer Gedanke»

«Obwohl sich journalistische AnsĂ€tze und politische Positionen der Redaktionen unterscheiden, bleiben Strassenzeitungen ein genialer Gedanke, der Hoffnung fĂŒr Menschen mit Obdachlosigkeit schafft.»

Journal B (18.05.2024)

Plattform fĂŒr Arzt-Suche

Wie ĂŒberall in der Gesellschaft gibt es auch im Schweizer Gesundheitswesen Diskriminierung, nicht alle Menschen werden respektvoll behandelt und haben den gleich einfachen Zugang (siehe Surprise 554/23 oder Surprise 573/24).

Die Romandie kennt schon lÀnger ein Mittel dagegen: Adopte un.e Gynéco ist eine Online-Plattform, auf der auf Diskriminierung sensibilisierte GynÀkolog*innen gefunden werden können.

Neu gibt es eine Ă€hnliche digitale Gesundheitsplattform auch fĂŒr die Deutschschweiz. Auf geplaper.ch, das ein Kollektiv entwickelt hat, können Gesundheitsfachpersonen empfohlen sowie gesucht werden. Wer etwa gute Erfahrungen mit einem Hausarzt oder einer Neurologin gemacht hat, kann diese dort teilen.

Mit einer Filterfunktion können die Nutzer*innen nach Empfehlungen fĂŒr bestimmte Gruppen suchen, etwa nach Empfehlungen fĂŒr armutsbetroffene Menschen, Sans-Papiers, Migrant*innen, Schwarze Menschen, Rollstuhlfahrer*innen, mehrgewichtige, drogenabhĂ€ngige oder nonbinĂ€re Menschen.

Teil der Plattform ist auch eine Liste mit Anlaufstellen, an die sich wenden kann, wer schlechte Erfahrungen in der Medizin gemacht hat. Geplaper ist ĂŒbrigens die AbkĂŒrzung fĂŒr den nicht ganz einprĂ€gsamen Namen «Gesundheitsplattform fĂŒr persönliche Empfehlungen von Gesundheitsfachpersonen». Und spielt mit dem Verb «plappern». Wissen teilen, schreibt das Kollektiv, sei ein Akt der Autonomie. LEA

geplaper.ch adopteunegyneco.wordpress.com

An dieser Stelle berichten wir alle zwei Wochen ĂŒber positive Ereignisse und Entwicklungen.

Vor Gericht

FĂŒr wessen Leben?

Zwei Jahre ist es her, dass der US-Supreme Court das allgemeine Recht auf Abtreibung aufgehoben hat. Die Richter*innen urteilten, dass die Entscheidung ĂŒber den Fortgang einer Schwangerschaft nicht bei den Schwangeren liege – sondern beim einzelnen Bundesstaat als Gesetzgeber, bei den vom Volk gewĂ€hlten Vertreter*innen.

5425 neue Bestimmungen sind nach Angaben des Guttmacher Institute, das die Rechtsentwicklung in den einzelnen Staaten verfolgt, seit 2023 eingefĂŒhrt worden. Vierzehn Staaten haben fast totale Abtreibungsverbote erlassen; ein Abbruch ist nur bei Lebensgefahr fĂŒr die Mutter zulĂ€ssig. Was das heissen kann, zeigte sich bei der Texanerin Amanda Zurawski. Ihre Fruchtblase platzte in der 18. Schwangerschaftswoche. Die Diagnose: Zervixinsuffizienz, eine Öffnung des GebĂ€rmutterhalses ohne Wehen. Ihr Ungeborenes hat keine Chance, da sind sich die Ärzt*innen sicher. Die Standardbehandlung fĂŒr eine nicht lebensfĂ€hige Schwangerschaft wĂ€re der Abbruch – die natĂŒrliche Fehlgeburt abzuwarten, setzt die Mutter dem Risiko einer tödlichen Infektion aus.

Die Ärzt*innen wagten nicht einzugreifen. Noch war der Herzschlag des Fötus feststellbar. Solange dies der Fall ist, wĂ€re die Abtreibung ein Verbrechen – ausser im Ă€ussersten Notfall. Ärzt*innen in Texas riskieren in solchen Situationen viel: ihre Zulassung, eine lebenslange Freiheitsstrafe. Erst als Zurawski drei Tage spĂ€ter mit einem septischen Schock auf der Intensivsta-

tion liegt, ist sie dem Tod nahe genug fĂŒr eine eindeutig legale Abtreibung. Dann kĂ€mpft das medizinische Personal tagelang um ihr Leben. SpĂ€ter muss massives Narbengewebe operativ aus der GebĂ€rmutter entfernt werden. Es ist unklar, ob sie noch Kinder bekommen kann.

Kein Einzelfall: Mit 20 Leidensgenossinnen verklagte Zurawski den Staat Texas. Andere FĂ€lle: Frauen, die gezwungen waren, ihre nicht lebensfĂ€higen Babys in anderen Staaten abzutreiben. Frauen, denen dafĂŒr das Geld und/oder die Zeit fehlte und die Kinder auf die Welt brachten, nur um sie zu beerdigen. Auch zwei GynĂ€kologinnen klagten. Seit EinfĂŒhrung der extremen Abtreibungsverbote herrsche Chaos und Panik bei Patientinnen und medizinischem Personal. Sie seien nicht mehr in der Lage, ihren ethischen Verpflichtungen als Ärztinnen nachzukommen.

Die erstinstanzliche Bezirksrichterin sah Handlungsbedarf. Mit einer einstweiligen VerfĂŒgung stoppte sie im August 2023 die Durchsetzung der texanischen Abtreibungsgesetze, sie mĂŒssten prĂ€zisiert werden. Dagegen legte der Staat Texas Berufung ein. Die Bezirksrichterin habe ihre Kompetenzen ĂŒberschritten – und der Staat erhielt vor dem texanischen Supreme Court mit Urteil vom 31. Mai 2024 Recht. Die Oberrichter*innen verweisen auf das legitime, seit langem anerkannte Interesse des Staates Texas, ungeborenes Leben zu schĂŒtzen. So schmerzhaft die UmstĂ€nde im Einzelfall seien. Es bleibt dabei: Die Abtreibung als Standardverfahren zur Behandlung gefĂ€hrlicher Erkrankungen wĂ€hrend der Schwangerschaft wird in Texas kriminalisiert.

YVONNE KUNZ ist Gerichtsreporterin in ZĂŒrich.

Faschismus ist 


Erst waren es «die Juden» und «die Zigeuner», dann, in den 1950er-, 60er- und 70er-Jahren, «die Italiener», in den 80erJahren «die TĂŒrken», in den 90ern «die vom Balkan», und in den 2000er-Jahren nun «die Muslime» und «die Afrikaner» und schon wieder und immer noch «die Juden», die man pauschal fĂŒr alles Schlechte verantwortlich macht. Was ich beobachte ist, dass viele Leute meinen, alles sei die Schuld der AuslĂ€nder*innen (dabei sind viele der auf die Art Verunglimpften gar keine). Sei es Stau, zu hohe Mieten, zu viel Beton, zu wenig Platz im ÖV, KriminalitĂ€t, Gewalt, Klimawandel, sogar Covid und wenn SchĂŒler*innen zu wenig lernen.

Aber Moment mal: Wer hat mal in Oerlikon probiert, mich zu bestehlen? Ein Schweizer! Wer hat mich telefonisch belĂ€stigt? Ein Schweizer! Grossunternehmer, die am meisten Angestellte feuern, sind Schweizer! Wer zockt Mieter*innen am meisten ab? Schweizer! Das alles wĂŒrde ich vorbringen, wenn ich auf die gleiche pauschale Art kontern wĂŒrde. Mich hat noch nie einer beklaut. Wenn die einen prĂŒgeln, heisst es: «Kosovo-Albaner prĂŒgeln». Bei anderen heisst es nur: «QuerschlĂ€ger prĂŒgeln».

Es wird mit zweierlei Mass gemessen. So werden Leute manipuliert. Es wird kein Stau um 1 Auto kĂŒrzer, keine Miete um 1 Franken billiger, keine Wiese grĂŒner, kein SchĂŒler besser, wenn man «AuslĂ€nder*innen» ausschafft oder abschreckt.

Faschismus ist, anderen Menschen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Faschismus ist, andere Menschen nicht als Menschen anzuerkennen, ihnen Grundrechte abzuerkennen. Faschismus ist, das GefĂŒhl zu haben, man sei mehr wert aufgrund seiner Hautfarbe oder der NationalitĂ€t. Faschismus ist, sich als Eidgenosse zu betiteln, um diejenigen mit auslĂ€ndischen Vorfahren nicht als Schweizer*innen anzuerkennen.

Manchmal erinnert die heutige Stimmung an die 1930er-Jahre und an die damalige NSDAP.

MICHAEL HOFER, 44, verkauft Surprise in ZĂŒrich Oerlikon. Er hat diesen Text zu schreiben begonnen, weil er in letzter Zeit richtig Angst bekommen hat, dass der Rassismus Oberhand nimmt.

Die Texte fĂŒr diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.

Moumouni antwortet

Was hil an Wochenenden gegen Weltschmerz?

Manchmal nichts

Wirklich nichts?

Manchmal ist es die Frage, was es bringt, sich in Weltschmerz zu suhlen.

Manchmal ist es Tatendrang oder Schlaf

Das Kleine

Das Grosse Besserung, auch wenn kaum Besserung in Sicht Zu wissen, dass es weitergeht zu wissen, dass es so nicht weitergeht

Manchmal Sicherheit.

Dass sich was Àndert oder auch nur die Sicherheit, dass sich was Àndern muss

Manchmal richtig gutes Essen, oder richtig gute Leute

Billard spielen, stumpf mit dumpfen

SchlÀgen die BÀlle in die Löcher

Bewegung, draussen, das ist gut fĂŒr den Körper, weisst du?

Fernsehen

oder den Fernseher abschalten

Geld

aber woher?

Konsum

und das schlechte Gewissen danach Keine Ahnung, ob eine Jacht hilft oder ein Privatjet. Sieht manchmal so aus.

Manchmal existiert er ĂŒber Generationen hinweg soll man da ĂŒberhaupt noch aufhören?

Manchmal hilft der Montag oder den Montag zu verdrÀngen

die gute Arbeit, die guten Ferien zudröhnen aufwachen

Manchmal ist es sicher kein «ach, nimm’s doch nicht so schwer!»

Manchmal ist es ein «es ist aber schwer»

Manchmal die Ruhe vor dem Sturm und dann der Sturm

Kind sein

Erwachsen sein

Ein Tag zu Hause

Die Sonne, der Schnee, echt oder kĂŒnstlich

Manchmal merkt man, es war nur PMS

Manchmal ist es schlimmer

Manchmal ist es das Lieben, die Liebe, zu lieben

Manchmal die blanke Wut

Manchmal ist es nah sein oder nicht weit weg manchmal ist es, weit weg zu sein

Manchmal ist es der Frieden da, oder der Krieg dort, manchmal genau und hoffentlich nicht

Manchmal ist es abschalten und Pause machen die Welt schmerzt auch alleine vor sich hin

Manchmal hilft es aufzuhören, nicht mehr darĂŒber nachzudenken

Manchmal ist die Pause so lang und stumpf

Manchmal hilft es, den Weltschmerz zu spĂŒren – warum denn auch nicht?

Die Friends, die Familie, die Mama, Abstand

Manchmal sind es die anderen

Manchmal sind es die anderen nicht

Der Gedanke an Gemeinschaft

Der Gedanke an Einsiedlertum

Die Zeit auch wenn sie viel zu schnell 


MOUMOUNI weiss auch nicht so recht. Manchmal hilft’s.

FATIMA

Gesundheit Nasrin Sharif ist seit fĂŒnfzehn Jahren krank. Doch die IV findet, sie könne voll arbeiten. Weil sie Krankheit anders versteht als die moderne Medizin. Ist das diskriminierend?

Stellen wir uns einen Raum vor, in dem viele Menschen stehen. Auf ihren Schultern stehen weitere Menschen. Und auf deren Schultern ebenfalls und so weiter – bis die Menschenpyramide die Decke erreicht. Dort befindet sich eine Luke, durch die die zuoberst stehenden Menschen klettern können. Sie gelangen auf einen Fussboden, auf dem schon andere Menschen stehen: das sind die Privilegierten.

Das Bild stammt von der US-amerikanischen Jura-Professorin KimberlĂ© Crenshaw und soll illustrieren, dass es Menschen gibt, die mehrfach diskriminiert werden. Diese bleiben meist ihr Leben lang benachteiligt. Denn bei rechtlichen Verbesserungen bekommen nur die obersten der Menschenpyramide die Chance, durch die Luke zu den Privilegierten zu klettern – also beispielsweise reiche, weisse, heterosexuelle Frauen ohne Behinderung.

Nasrin Sharif, die in Wirklichkeit anders heisst, wĂŒrde in der Schweiz zu jenen zuunterst in der Menschenpyramide gehören. Sie ist eine Schwarze, muslimische Frau, zwangsverheiratet, ihre Verwandten leben in Bangladesch, die Familie ist arm, lebt von Sozialhilfe. Und die 42-JĂ€hrige ist krank. Rheuma, Fibromyalgie, Arthrose, der RĂŒcken, das Knie. Die Ärzt*innen nennen das: somatoforme Schmerzstörung. Sie sagt: «Schmerzen, den ganzen Tag und die ganze Nacht.» Sharifs Psychiater diagnostizierte zudem eine mittelschwere Depression.

Dass Sharif krank ist, dass sie leidet, bezweifelt im Prinzip niemand. Da sie seit ihrer Einwanderung vor zweiundzwanzig Jahren regelmĂ€ssig gearbeitet hat, ist sie gegen InvaliditĂ€t versichert. Theoretisch. Denn eine Invalidenrente erhĂ€lt sie nicht, wie sie Anfang Jahr erfahren hat. Nach vier Jahren Warten auf den Bescheid. Die Frage nach dem Warum macht ein Buch auf. Sharifs Dossier bei der Invalidenversicherung (IV) ist ĂŒber tausend Seiten lang.

FĂŒr ihren Psychiater ist der Entscheid der IV unverstĂ€ndlich. Er hĂ€lt die Praxis der IV fĂŒr diskriminierend. Vor einigen Monaten ist er deswegen mit dem Fall an Surprise herangetreten. Wir haben mit ihm ausfĂŒhrlich darĂŒber geredet. Mit seinem richtigen Namen möchte er hier aber nicht genannt werden, da er Nachteile fĂŒr seine Patient*innen befĂŒrchtet.

«Die Versicherung ignoriert psychosoziale Faktoren wie Hautfarbe, Geschlecht, Migrationshintergrund oder religiöse Zugehörigkeit systematisch», sagt der Psy-

chiater, der frĂŒher auch schon Gutachten fĂŒr die IV verfasst hat und aus seiner Praxis einige FĂ€lle kennt von kranken Migrantinnen, denen aus diesem Grund eine IVRente verwehrt wurde. Er nennt als Beispiel Schwarze Sexarbeiterinnen mit indigenen Wurzeln, die Partnerschaften eingingen, die sie aus diesem Milieu und der Armut herausbringen sollten.

Gegen die eigene Überzeugung

Im Fall von Sharif argumentiert die Versicherung, dass ihr Leiden in der unglĂŒcklichen Zwangsehe, ihre religiös und kulturell bedingten Integrationsprobleme, die Last ihrer Schulden, das schlechte Gewissen ihren Kindern gegenĂŒber oder ihr Heimweh «invaliditĂ€tsfremd» seien. Der Psychiater aber sagt: «FĂŒr die Diagnosestellung der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung können psychosoziale Faktoren explizit eine Ursache sein.»

Die Frage ist darum: Schliesst die IV just jene Faktoren aus, unter welchen die in der Gesellschaft am meisten Diskriminierten ohnehin leiden? Und: ErhÀlt Nasrin Sharif keine IV-Rente, weil sie zuunterst in der Menschenpyramide steht?

Sharifs Psychiater sagt: «Eine Schweizer Frau, die Schweizerdeutsch spricht, mit einem Schweizer verheiratet ist und ihre Familie im Dorf wohnen hat, die sich als Schweizerin kleidet und ihre Religion ausĂŒben kann, ist bei der gleichen Diagnose mit Sicherheit geringer belastet.» Und hĂ€tte damit bessere Chancen auf eine IVRente. Ignoriere man die Auswirkungen der psychosozialen Belastung a priori, so der Psychiater, wĂŒrden Menschen wie Sharif benachteiligt. «Das beschreibt fĂŒr mich das Wesen der Diskriminierung.»

Sharif trĂ€gt ein langes Seidenkleid, Brille und Kopftuch, als sie in ihre Wohnung am Stadtrand von ZĂŒrich bittet. Sie bete fĂŒnfmal pro Tag, und wenn sie nach draussen gehe, trage sie eine Abaya. Sharif

ist sehr religiös und sie kĂ€mpft seit Jahren mit einem inneren Zwist: Um ĂŒberleben zu können, musste sie gegen ihre religiösen Überzeugungen handeln. Sie ging arbeiten, obwohl dies in ihrer strengen Auffassung Aufgabe ihres Mannes wĂ€re. Sie verkaufte Alkohol, obwohl dieser «haram» ist, also verboten. Sie musste aufs Beten verzichten, weil sie keine Pause machen konnte. Sie durfte ihr Kopftuch bei der Arbeit nicht tragen und musste sich fĂŒr die Untersuchung des IV-Gutachters bis auf BH und Unterhose ausziehen. Der Gutachter notierte: «Die Versicherte verhielt sich grenzwertig kooperativ im Untersuch.»

Sharifs psychische Probleme begannen bereits kurz nach ihrer Einwanderung in die Schweiz. Noch in Bangladesch wurde sie wenige Tage nach ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Ihren Mann, 17 Jahre Àlter und seit 1990 als Gastarbeiter in der Schweiz, hatte sie zuvor noch nie gesehen. Sie wurde sofort schwanger. Als Sharif zwanzig war und die Tochter zwei, zog die Familie in die Schweiz. Das war 2002.

Zwei Jahre spĂ€ter war sie erneut schwanger. Doch das Kind kam zu frĂŒh und starb – fĂŒr Sharif ein traumatisches Ereignis. Wenig spĂ€ter lag ihr Mann mit einer LungenentzĂŒndung sechzehn Tage lang im Koma. 2008 starb ihr Vater, mit dem sie eng verbunden war, mit 63 an einem Herzinfarkt. Bis 2010 gebar sie drei weitere Kinder, ihr Mann wurde arbeitslos, die Familie hatte Schulden von einigen Tausend Franken. «Es war alles zu viel fĂŒr mich. Ich dachte, es wĂ€re besser zu sterben», sagt sie rĂŒckblickend.

Heute lebt die Familie von etwa 3200 Franken Sozialhilfe, Sharifs Mann ist ebenfalls erkrankt und steht kurz vor der Pension. Die beiden mittleren Kinder beteiligen sich mit ihrem Lehrlingslohn an den Mietkosten und haben ihren Eltern je 1000 Franken geliehen, fĂŒr FlĂŒge nach Bangladesch, als Sharifs Bruder starb. Die Ă€lteste

Tochter ist ausgezogen, sie hat einen dreieinhalbjĂ€hrigen Sohn. Die jĂŒngste Tochter ist vierzehn und geht noch zur Schule. Vielleicht, sagt Sharif, werde sie nach Bangladesch zurĂŒckgehen, sobald diese achtzehn wird. «Wenn ich dann noch lebe.»

Seit etwa 2008 hat Sharif neben ihrer mittelschweren Depression Schmerzen am ganzen Körper. Dass sie krank ist, steht zwar auch im Schreiben der IV, das sie Anfang Jahr erhielt. «50 Prozent arbeitsunfÀhig», so das Fazit der psychiatrischen Untersuchung. Trotzdem wurde ihr Antrag auf eine IV-Rente abgewiesen. Der Grund: Die IV bezweifelt, dass Sharif dauerhaft krank bleibt und sie wirklich auf keine Therapie anspricht. Schliesslich habe sie ihre Medikamente nicht pflichtgemÀss genommen. Darum das Fazit: «Das psychische Leiden wird mit einer adÀquaten psychiatrisch-psychotherapeutischen und medikamentösen Behandlung abklingen. Nasrin Sharif kann damit eine vollstÀndige ArbeitsfÀhigkeit erreichen.»

FĂŒr Sharif fĂŒhlen sich diese Zeilen an wie Hohn. Sie nimmt seit fĂŒnfzehn Jahren regelmĂ€ssig Medikamente, trotz aller Nebenwirkungen: Saroten, Mirtazapin, Venlafaxin, Surmontil. Einzig fĂŒr einen Aufenthalt bei ihrer Familie in Bangladesch habe sie die Tabletten kurzzeitig abgesetzt, weil es ihr im Kreis der Familie besser ging. Sharif besucht wöchentlich ihren Psychiater, macht Psycho- und Physiotherapien, lĂ€sst sich von der HausĂ€rztin untersuchen und war fĂŒr weitere Untersuchungen in der Schulthess Klinik, im UniversitĂ€tsspital, in der Psychiatrischen UniversitĂ€tsklinik und so weiter. Und sie arbeitete trotz Schmerzen, hielt zuhause alle BĂ€lle in der Luft. Und nun sollen ihre schwerwiegenden psychischen Probleme einfach so, innerhalb von kurzer Zeit, wieder «abklingen», wie es im Gutachten der IV heisst?

Sharifs Mann trĂ€gt an diesem heissen Tag ein Tanktop und Flipflops, sitzt auf dem Sofa und tippt auf sein Handy. Am GesprĂ€ch nimmt er nicht teil. Er spricht deutlich weniger gut Deutsch als seine Frau, obwohl er zwölf Jahre lĂ€nger in der Schweiz lebt. Nur am Schluss erkundigt er sich, wie es weitergeht, wozu eigentlich das Ganze, und bestimmt, dass keine Fotos von seiner Frau gemacht werden dĂŒrfen. Nasrin Sharif presst die Lippen zusammen, sie kĂ€mpft mit den TrĂ€nen.

Um festzustellen, dass die Zwangsehe keinen der beiden glĂŒcklich macht, muss man kein Psychiater sein. «Er hat nicht al-

les gut gemacht», sagt sie, wĂ€hrend ihr Mann teilnahmslos auf dem Sofa sitzt, er habe nie richtig Deutsch gelernt, schlechte Arbeitszeugnisse erhalten und habe Schulden gemacht. «Er mĂŒsste eigentlich die Familie ernĂ€hren, nicht ich.» Da das Geld nicht reichte, gingen beide arbeiten – sie FrĂŒhschicht, er SpĂ€tschicht. Fortschrittlich ja, aber nur von einer Seite. FĂŒr die Erziehung der Kinder und den Haushalt war lange sie alleine zustĂ€ndig.

«Ich verstehe dieses System nicht» Sharif arbeitete als Kassiererin in Restaurants und LĂ€den, an einem Buffet, bei einem Catering, in einer Cafeteria. Zuletzt bereitete sie in einer Kinderkrippe den Mittagstisch vor und betreute die Kinder, zwei Stunden pro Tag. Doch immer wieder verlor sie die Arbeit wegen langer krankheitsbedingter Abwesenheiten. Sie wĂŒrde gerne wieder arbeiten, womöglich wieder in einer Krippe, aber es sei fĂŒr sie als Ungelernte nicht einfach, eine Teilzeitstelle zu finden, bei der sie ihr Kopftuch tragen, genĂŒgend Pausen zum Beten machen könne und keinen Alkohol verkaufen mĂŒsse. Komme dazu, dass sie ohnehin den ganzen Lohn dem Sozialamt abgeben mĂŒsste, wenn sie nur zwanzig oder dreissig Prozent angestellt ist. Sie sagt: «Ich verstehe dieses System nicht.»

Einem IV-Gutachter gegenĂŒber sagte Sharif ĂŒber die schwierige Familiensituation, die Kinder wĂŒrden den Ehemann «in seiner unerbittlichen Wut und aggressiven ImpulsivitĂ€t besĂ€nftigen und sie so vor GewalttĂ€tigkeiten des Ehemanns schĂŒtzen». Sie könne sich aus religiösen GrĂŒnden aber nicht von ihm trennen und hoffe, «im Leben nach dem Tod fĂŒr die schwierige Ehe entschĂ€digt» zu werden.

Sharifs Geschichte zeigt, wie soziale Probleme die psychische Gesundheit beeintrĂ€chtigen – gerade weil sie in mehrfacher Hinsicht diskriminiert wird. Denn bei

dieser IntersektionalitĂ€t wirken verschiedene Diskriminierungsmerkmale gegenseitig verstĂ€rkend: WĂ€re sie Christin, wĂŒrde sie kein Kopftuch tragen. Glaubte sie zwar an den Islam, wĂ€re aber ein Mann, auch nicht. In beiden FĂ€llen wĂŒrde ihr die Stellensuche leichter fallen. Das heisst: Die Kombination von Geschlecht und Religion verstĂ€rkt die Diskriminierung.

In der Medizin ist es seit vielen Jahren Konsens, dass Gesundheit etwas Ganzheitliches ist. Vereinfacht gesagt sind Körper und Seele eine Einheit. Dass also psychische Probleme reale Schmerzen auslösen und umgekehrt Schmerzen zu psychischen Problemen fĂŒhren können. Man spricht deswegen von einer «biopsychosozialen Medizin». «In der Medizin gilt dieses Krankheitsmodell. Krankheit wird medizinisch als Gesamtgeschehen betrachtet und psychosoziale und soziokulturelle Faktoren wie Migrationshintergrund, Gewalt in der Ehe, Entwurzelung und soziale Isolation werden mitberĂŒcksichtigt», sagt Myriam Schwendener, Juristin bei Pro Mente Sana. Die IV jedoch, das zeigen die Akten zu Sharifs Fall deutlich, stĂŒtzt sich auf einen veralteten Krankheitsbegriff, der versucht, psychosoziale Faktoren aus dem objektivierbaren Leiden herauszufiltern. Immer wieder taucht in den Akten der Begriff «invaliditĂ€tsfremd» auf – vor allem in den entscheidenden Stellen, wo es darum geht, Sharifs ArbeitsfĂ€higkeit zu bewerten. «Es handelt sich beim Störungsbild der Versicherten um eine komplexe Beschwerdelage, in welche somatische, psychische und zahlreiche IV-fremde Belastungsfaktoren einfliessen», schrieb der psychiatrische Gutachter, der Sharif im Auftrag der IV untersuchte. Der IV-interne Arzt des Regionalen Ärztlichen Diensts (RAD) wiederum, der den Fall nur aus den Akten kennt, kritisiert die Berichte von Sharifs Ärzt*innen: «Es stellt sich die Frage, ob psychosoziale Belastungsfakto-

ren ausgeklammert wurden.» Kurz: Man kann gemÀss modernster Medizin krank sein. Gemessen am juristisch gefÀrbten Krankheitsbegriff der IV ist man trotzdem gesund.

Vor einigen Jahren keimte unter Patientenvertreter*innen Hoffnung auf, dass die Situation sich verbessern wĂŒrde. Denn das Bundesgericht hatte die IV angewiesen, ihre Praxis zu Ă€ndern. «Depressive erhalten bessere Chancen auf IV-Rente», schrieben die Medien. Jahrelang hatte es fĂŒr gewisse Diagnosen so gut wie nie eine Rente gegeben. «Ein Gutachten liefert die medizinischen Grundlagen fĂŒr die Beantwortung von Rechtsfragen durch die IV-Stelle oder durch die Gerichte. Das Recht aber hat seit eh und je ein Problem mit psychischen Erkrankungen, weil diese nicht objektivierbar sind und sich rechtlich die Frage stellt, wie die BeeintrĂ€chtigungen bewiesen werden können», so Myriam Schwendener von Pro Mente Sana.

Wer ist mitverantwortlich?

Und so fiel, was nicht etwa durch Röntgenaufnahmen objektivierbar war, durch die IV-Beurteilungen – eine Folge der jahrelangen Sparpolitik der IV, die darauf abzielte, die Anzahl Renten zu reduzieren. Zu diesen Diagnosen gehört auch die anhaltende somatoforme Schmerzstörung, die bei Sharif 2009 diagnostiziert wurde. Sie stellte damals und spĂ€ter ein zweites Mal ein Rentengesuch – beide wurden abgewiesen.

Doch die ErnĂŒchterung folgte bald, die PraxisĂ€nderung bewirkte wenig: Eine Studie zeigte, dass durch die neue Praxis kaum mehr IV-Renten bei psychischen Krankheiten gesprochen wurden als zuvor – auch nicht fĂŒr Nasrin Sharif. Auch ihr drittes Gesuch wurde Anfang 2024 abgewiesen, mit Verweis darauf, dass eine Therapie baldige Besserung bringt. Dass bei leichten und mittelschweren Depressionen – wie Sharif

eine hat – praktisch nie alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind, kritisieren Patientenvertreter*innen schon lĂ€nger.

Der Fall von Sharif ist komplex. Grosse Fragen tun sich auf: Wer ist mitverantwortlich dafĂŒr, dass sie so krank geworden ist? Ihr Ehemann, der sie im Stich gelassen, zeitweise gar bedroht hat? Die fremde Kultur und Religion, welche ihr durch starre Regeln die Integration verunmöglichen? Die Gesellschaft, die zu wenig tolerant ist, etwa weil geeignete ArbeitsplĂ€tze fehlen? Sie selbst, weil sie nicht wagt, trotz allem auszubrechen? Doch Moral ist keine Medizin: Die Schmerzen sind real. Eine Depression bleibt eine Depression.

FĂŒr die IV ist lediglich relevant, ob die betroffene Person «aus gesundheitlichen GrĂŒnden dauerhaft erwerbsunfĂ€hig» bleibt, also voraussichtlich nicht mehr gesund wird. Da sollte es egal sein, ob die Schmerzen durch die schwierige Ehe, In-

Das sagt die IV

tegrationsprobleme oder Schulden verursacht werden. Trotzdem ist all das fĂŒr die IV «invaliditĂ€tsfremd».

Eine AnwĂ€ltin hat in Sharifs Namen gegen den Entscheid der IV Beschwerde eingelegt. Der Fall ist nun beim Sozialversicherungsgericht hĂ€ngig. Damit ihr dort keine Nachteile entstehen, hat Surprise auf Anraten ihrer AnwĂ€ltin ihren richtigen Namen durch ein Pseudonym ersetzt – sie selbst hĂ€tte kein Problem damit, ihren Fall an die Öffentlichkeit zu tragen. Zu verlieren hat sie nichts.

UnterstĂŒtzt wird Sharif von ihrem Psychiater. Der sagt, dass sie sich durch Disziplin und ein grosses VerantwortungsgefĂŒhl auszeichne. «Sie kann sich richtig durchbeissen.» Selbst der IV-Gutachter schreibt: «Die Versicherte hat trotz ihrer Schmerzen immer wieder versucht, ihre Familie bei UnzuverlĂ€ssigkeit ihres Ehemanns und der widrigen UmstĂ€nde mit Mehrfachverlusten ihrer Stellen zu ernĂ€hren. Sie hat im Verlauf Durchhaltevermögen bewiesen.»

Doch nun sagt Sharif, sie könne nicht mehr. «Ich habe die Hoffnung verloren, den Spass verloren, das Lachen verloren.» Sie weint. «Eine Krankheit geht weg, die nÀchste kommt. Wie soll ich die Sonne je wieder sehen?»

Auch der Arzt, der Sharif fĂŒr die IV untersucht hat, bemerkte die Verschlechterung ihres Zustands. In seinem Gutachten nannte er das: «RĂŒckzug in die Krankenrolle».

Surprise hat die fĂŒr Nasrin Sharif zustĂ€ndige IV-Stelle ZĂŒrich mit den VorwĂŒrfen konfrontiert. Da Sharif eine Auskunftsvollmacht erteilt hat, darf die IV zum konkreten Fall Auskunft geben. Dennoch hĂ€lt sich die zustĂ€ndige Sozialversicherungsanstalt des Kantons ZĂŒrich (SVA) in ihrer schriftlichen Antwort vorwiegend allgemein. Die SVA ZĂŒrich bestĂ€tigt, dass die IV einen anderen Krankheitsbegriff verwendet als die Medizin: «Das bei der PrĂŒfung der Anspruchsvoraussetzungen auf IV-Leistungen zu berĂŒcksichtigende Krankheitsmodell entspricht tatsĂ€chlich nicht dem biopsychosozialen Krankheitsmodell, welches fĂŒr die medizinische Behandlung eines Leidens von Bedeutung ist», so Sprecherin Daniela Aloisi. Ob ein Krankheitsbild zum Bezug von IV-Leistungen berechtigt, sei durch das Gesetz und die Rechtsprechung des Bundesgerichts vorgegeben. Dass psychosoziale und soziokulturelle Belastungsfaktoren (wie bei Sharif Zwangsehe, Integrationsprobleme oder Schulden) als «invaliditĂ€tsfremd» ausgeklammert werden, sei darum richtig. Sie wĂŒrden aber «nicht losgelöst, sondern im Gesamtkontext gewĂŒrdigt». Übersetzt heisst das: Sie werden dann berĂŒcksichtigt, wenn sie ein Leiden verst Ă€rken. Nicht aber, wenn sie die Krankheit direkt oder alleine verursachen. Im Fall von Nasrin Sharif sei eine solche «GesamtwĂŒrdigung» erfolgt, so die SVA ZĂŒrich. AE

Orte der Begegnung

FRIEDHOF Der Ort: der Bremgartenfriedhof Bern um die Mittagszeit an einem warmen Sommertag. Er ist mit circa 16 Hektaren der zweitgrösste von drei Friedhöfen in der Stadt. Warum, sinniere ich geerdet und beflĂŒgelt zugleich auf einer der BĂ€nke sitzend, bin ich in all den Jahren noch nie hierhergekommen? Die Hauptfiguren: Personal aus dem benachbarten Inselspital, eine Kita-Gruppe, eine Herde Engadinerschafe. Die Handlung: steht so gut wie still.

Die Menschen sind hier einzeln unterwegs. Mal mit Hund an der Leine oder mit Kinderwagen, auch joggend oder gemĂ€chlich auf dem Velo. Erlaubt ist Fahrrad fahren zwar nicht, doch stören tut es im Moment auch niemanden wirklich. Jemand im weissen Kittel. Kurz darauf zwei weitere im weissen Pflegepersonal-Shirt. Die Menschen schlendern und wandeln, niemand hastet, niemand eilt. Kaum auf einer der Alleen aufgetaucht, verschwinden sie wieder hinter der nĂ€chsten Hecke, der nĂ€chsten Föhre. Oder sonnen sich irgendwo in der Ferne auf einem Badetuch im Gras. Eine junge Frau geht vorĂŒber. Was sie wohl hierher fĂŒhrt? Besucht sie einen Verstorbenen, den sie liebt und der hier ruht? Der Wind raschelt durch die Linden und StrĂ€ucher. Es fehlte nicht viel, und die durcheinander zwitschernden Vögel (ĂŒber fĂŒnfzig Arten sollen hier leben) wĂŒrden das gelegentliche Tuten einer Ambulanz und das Donnern der Lastwagen auf der Murtenstrasse ĂŒbertönen.

Hinter einem Zaun weiden und grasen die Schafe. Vor dem Zaun: staunende Kita-Kinder. «Eins, zwei,  », zĂ€hlt eine vor-

Weiden und grasen

beigehende Frau, «acht!» Die Kinder begeistern sie mehr als die Schafe. Ein paar Minischritte weiter wird die Schar schon von der nĂ€chsten SpaziergĂ€ngerin gegrĂŒsst. «GrĂŒessech mitenang!» – «Haaallo!», rufen die Kinder mit fröhlichen Stimmen zurĂŒck. Gerade steht keine Gruppe von Trauernden um ein Grab, verabschiedet einen Verstorbenen und wĂŒrdigt sein Leben. Die GrĂ€ber stehen fĂŒr sich alleine. Sie tragen Namen von Menschen, die vor wenigen Wochen oder Monaten gestorben sind, andere vor Jahren und Jahrzehnten. Am Wegrand ein Schild. «Ho detto agli altri morti: avviciniamoci, non ha senso stare pure qui ognuno per conto suo.» Übersetzt schreibt der italienische Poet Franco Arminio hier: «Ich sagte den anderen Toten: Lasst uns nĂ€her rĂŒcken, es macht keinen Sinn, dass sogar hier jede*r fĂŒr sich bleibt.» Anscheinend hat er das schöne Ritual, auf den Friedhof in seinem Dorf zu gehen und dort eine oder einen Toten fĂŒr einen Spaziergang abzuholen. Sie unterhalten sich dann ĂŒber dieses und jenes, bevor Arminio ihn zurĂŒck auf den Friedhof begleitet und wieder seiner Totenruhe ĂŒberlĂ€sst.

Auf dem Bremgartenfriedhof gibt es Orte, um die so viele StrĂ€ucher, Hecken und BĂ€ume wachsen, dass das Einzige, das von den Menschen hin und wieder leise wahrnehmbar ist, ihre Stimmen sind. Es duftet ĂŒppig nach Garten, nach so vielen verschiedenen Blumen und Pflanzen, die es zu kennen gĂ€be. Und nach frisch gemĂ€htem Gras. Nur die GĂ€rtner*innen mit ihren StrohhĂŒten, verstreut ĂŒber die vielen Ecken des Friedhofs, sind hier wirklich beschĂ€ftigt.

Sie transportieren das gemĂ€hte Gras auf AnhĂ€ngern ab und wĂ€ssern den Rasen. Ein GĂ€rtner stoppt den Rasentrimmer, wenn jemand vorĂŒbergeht, um innezuhalten und zu grĂŒssen. Irgendwann verstummen sie dann ganz, die RasenmĂ€her. Mittagspause. Ein Mann lĂ€sst Wasser in eine Giesskanne laufen und giesst bei ein paar GrĂ€bern die Blumen. Alle sind mit sich alleine da und doch irgendwie zusammen. Wir erholen uns zusammen von der Hitze der Stadt, hĂ€ngen zusammen den Gedanken nach und lassen zusammen die Seele baumeln. Wir blicken ziellos in die Ferne und dann auf die Biene direkt vor uns, die um den Lavendel fliegt, und zu der Amsel, die ĂŒber die Wiese hĂŒpft und einen Wurm im Schnabel trĂ€gt. Oder doch nur ein verdorrtes Blatt? Die wenigen Menschen, die nicht mit sich alleine hier sind, sind zu zweit oder zu dritt da. Sie sitzen auf StĂŒhlen auf der Wiese, vertieft in ein GesprĂ€ch. Oder sie essen ihr Mittagessen aus der Tupperware. Wir alle teilen uns diesen verschlungenen und verwunschenen Garten mit den pompösen Alleen und schmalen Kieswegen, wo sich die Orientierung leicht verlieren lĂ€sst. Aber vielleicht auch so gut wie kaum sonstwo auch wieder finden lĂ€sst.

In der Serie «Orte der Begegnung» begeben sich die Redaktionsmitglieder dorthin, wo in unserer funktionalen Welt ein leiser, selbstverstĂ€ndlicher, informeller Austausch stattïŹndet.

TEXT LEA STUBER ILLUSTRATION PIRMIN BEELER

Berge von MĂŒll: Am Stadtrand von Accra in Ghana leben tausende Menschen davon, was andere wegschmeissen.

«Willkommen in der Hölle, Bruder»

MĂŒll Das GeschĂ€ft mit Elektroschrott ist lukrativ. Doch wer auf einer MĂŒllhalde nahe der ghanaischen Hauptstadt Monitore und Smartphones aus aller Welt zerlegt, hat davon nichts.

In Agbogbloshie scheint an keinem Tag die Sonne. Wie eine Gewitterwolke hockt der Qualm auf Bergen von Plastik, Metall, Kleidern und Kuhfladen, es ist schwĂŒl, es windet und mĂŒffelt. MĂ€nner, die meisten jung, zertrĂŒmmern KĂŒhlschrĂ€nke, sie hĂ€mmern Bildschirme entzwei, ziehen Kabel aus GehĂ€usen, als wĂ€ren es DĂ€rme von frisch geschlachteten Ziegen. Sie singen Lieder und reissen SprĂŒche. Ihre Augen sind gerötet, die Gesichter ölverschmiert, verĂ€tzt und verbrannt. Wer hier ist, sagen die, die hier sind, ist verloren fĂŒr die Ewigkeit und einen Tag, denn hier ist Sodom und Gomorrha, sagen sie, oder auch: Willkommen in der Hölle, Bruder!

Wobei: Viele Fremde kommen nicht hierher, nach Agbogbloshie, eine der grössten MĂŒllhalden der Welt an der Korle-Lagune von Accra, Ghanas Hauptstadt.

«Willst du Bilder machen, musst du zahlen», sagt Jack. «Und genau dort laufen, wo ich laufe. Es ist gefĂ€hrlich hier.» Als vor ein paar Jahren westliche Medien ĂŒber die «Hölle von Agbogbloshie» berichteten, fĂŒrchtete die Stadtverwaltung um den Ruf der Hafenmetropole Accra und liess die Deponie vorĂŒbergehend rĂ€umen. Doch die MĂŒllsammler kehrten zurĂŒck, hĂ€mmerten weiter. Seither wollen sie keine Journalisten mehr hier. «Zum Teufel mit ihnen», sagt Jack, der eigentlich anders heisst und der, durchaus mit Pathos, dem Journalisten aus der Schweiz erzĂ€hlt, wie er sich hochgearbeitet hat an diesem Unort: von einem, der jahrelang Goldstaub, Silber und Kupfer von Metallplatten kratzte, zu einem, der das Edelmetall derer einsammelt, die es von den Platten kratzen, der ihnen abends ein paar Cedi in die vernarbten HĂ€nde drĂŒckt – umgerechnet einen Franken Tageslohn, wenn es gut lĂ€uft – und die Ware fĂŒr das Zehnfache an einen HĂ€ndler verkauft.

Ein Grossteil des Elektroabfalls, der in Agbogbloshie landet, kommt aus aller Welt in Schiffscontainern im Hafen von Accra an, der Rest stammt aus den Haushalten der Millionenstadt oder der umliegenden Region und wird von den MĂ€nnern von Agbogbloshie mĂŒhsam gesammelt und in Schubkarren auf die Deponie gebracht.

Die Ärmsten der Armen

Wie viele, die auf der MĂŒllhalde von Agbogbloshie ihr Geld verdienen – von 4000 ist die Rede, manche schĂ€tzen ihre Zahl auf das Doppelte –, kommt Jack aus dem Norden, aus der Region um die Stadt Tamale, wo die Ärmsten der fast 34 Millionen Einwohner*innen von Ghana leben. Jacks Vater war Landarbeiter, er schuftete auf Kakaoplantagen, pflĂŒgte Felder, soff Unmengen, seine Frau gebar elf Kinder, nur fĂŒnf ĂŒberlebten. Kein Jahr war der kleine Jack in der Schule, dann musste er Tomaten ernten. Lesen und Schreiben lehrte ihn seine Grossmutter, mit der er, als der Vater an Wundbrand verstarb, nach Accra zog. Dort verkaufte sie Wasser, NĂŒsse und Brote an die MĂŒllsammler von Agbogbloshie. Und so lernte Jack, ein Bub von zwölf Jahren, schon frĂŒh, wie man aus Schrott das Allerletzte herausholt. Mit seinen KinderhĂ€nden zerlegte er Monitore, Smartphones und Laptops, um an Röhren, DrĂ€hte, Bleche und Platinen zu kommen. Er brannte ĂŒber dem offenen Feuer das Plastik von den Kabeln, schabte das Kupfer zusammen. Und atmete diesen russschwarzen Rauch ein fĂŒr drei Stunden am Tag, spĂ€ter wurden es zehn oder mehr. «Schon als Teenager hatte ich grosse Punkte auf meiner Lunge, heute pfeife ich aus allen Löchern», sagt Jack. «Das geht hier jedem so, ein einziges Konzert.» Er lacht.

Der 26-JĂ€hrige lebt mit seiner Frau und den drei Söhnen in einem Holzverschlag in der Siedlung Old Fadama, die an Agbogbloshie grenzt und seit den spĂ€ten 1980er-Jahren zu einem vierzig Hektaren grossen Slum herangewachsen ist – zwischen 30000 und 80000 Menschen sollen hier leben. Arbeit gibt es kaum, Hoffnung genauso wenig und, je lĂ€nger man in diesem Drecksloch bleibt, auch keine Zukunft. Der Ă€lteste von Jacks Söhnen, knapp acht ist der Kleine, stopft schon in den Morgenstunden Plastik in eine ĂŒbergrosse Tasche, die er hinter sich herzieht. «Kinderarbeit?», wiederholt Jack die Frage und winkt ab. Dreimal die Woche schicke er seinen Sohn in die Schule, das sei ihm wichtig. Damit spĂ€ter etwas Gescheites aus ihm werde. «Ingenieur oder Unternehmer.»

Eine schmutzige Arbeit zwar, doch das GeschÀft mit dem Elektroschrott rentiert. Ein paar Zahlen: 1 Tonne Handyschrott enthÀlt 240g Gold, 2,5kg Silber, 92g Palladium, 92g Kupfer und 38g Kobalt, das macht beim momentanen Marktpreis alles in allem: um die 10000 Franken. 2022 wurden weltweit 22 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert, der ökonomische Wert wird auf 62,5 Milliarden US-Dollar geschÀtzt.

Allein nach Accra gelangen jĂ€hrlich schĂ€tzungsweise 340000 Tonnen. Man liest oft, es seien allein die reichen LĂ€nder des Westens, die so ihren Abfall loswerden wollen, per Container und in Richtung Afrika. Doch das stimmt nicht. Ein Drittel des «E-Waste» in Accra – und dazu zĂ€hlt offiziell alles, was einen Stecker hat

Entlebucher

oder Batterien –, stammt aus afrikanischen LĂ€ndern; und es wird mit jedem Jahr mehr, denn der Markt fĂŒr Handys und Laptops explodiert.

Kommt hinzu, dass es auch fĂŒr den Export von kaputten ElektrogerĂ€ten aus westlichen LĂ€ndern vergleichsweise hohe Auflagen gibt. Sie sind in der «Basler Konvention» niedergeschrieben, einem internationalen Abkommen, das 1989 in Basel beschlossen wurde, drei Jahre spĂ€ter in Kraft trat und seither von ĂŒber 190 Staaten unterzeichnet wurde. Es regelt den Export gefĂ€hrlicher AbfĂ€lle und verpflichtet die Vertragsparteien, dafĂŒr zu sorgen, dass diese umweltgerecht behandelt und entsorgt werden. Beim E-Waste handelt es sich um solch gefĂ€hrliche AbfĂ€lle (sie enthalten Schwermetalle wie Blei, Cadmium und Quecksilber), die nur mit Papieren ausser Landes geschafft werden dĂŒrfen – fehlen diese, ist der Export illegal. Wie zum Beispiel die 150000 Tonnen, die angeblich jedes Jahr ohne Bewilligung aus Deutschland nach Afrika und Asien verschifft werden.

Exkurs ĂŒber Mensch und MĂŒll

An dieser Stelle ein paar grundsĂ€tzliche Gedanken ĂŒber unser VerhĂ€ltnis zum MĂŒll und wieso es fĂŒr das weltweite GeschĂ€ft eine Rolle spielt, dass nicht jeder MĂŒll auch Schrott ist.

und Alpkultur erleben

Salopp gesagt ist MĂŒll alles, was nutzlos (geworden) ist. Es heisst, bereits die Neandertaler hĂ€tten Dinge weggeworfen, die sie nicht mehr brauchen konnten. Als der Mensch sesshaft wurde, wurden daraus Berge – oder auch Mulden –, und mit dem MĂŒll kamen die hygienischen und ökologischen Probleme. Doch ist eine Geschichte des MĂŒlls nicht nur eine, die davon handelt, was wir als nutzlos (oder störend oder gefĂ€hrlich) erachten. Genauso aufregend ist, was Menschen – auch dies offenbar seit alters her – aus dem MĂŒll holen, sortieren und reparieren. Heute nennt man das «Recycling», und es gehört in manchen LĂ€ndern wie der Schweiz zum guten, bewussten Leben. Trotzdem hat der MĂŒll immer noch eine soziale Komponente. Aufs Recycling waren die Reichen nĂ€mlich nie angewiesen, sie können sich, da wohlhabend, immerzu das Neue leisten. MĂŒll, ein wenig gestelzt ausgedrĂŒckt, liefert deshalb auch AnknĂŒpfungspunkte fĂŒr eine Konsumgeschichte von unten. Denn es sind, wie in Agbogbloshie, der Hölle von Accra, stets die armen Leute, die im Dreck wĂŒhlen mĂŒssen.

Anders als MĂŒll lĂ€sst sich Schrott nicht mehr renovieren. Was zwar bedeutet, dass er definitiv keinen Nutzen mehr hat, nicht aber, dass er wertlos ist. Wenn Jack diesen Satz sagt, den er gerne sagt – «Wir machen aus allem Geld, vor allem aus Schrott» –, dann meint er genau das: In Agbogbloshie wird kein Laptop repariert und secondhand verkauft, in Agbogbloshie wird ein Laptop zu Kupfer, Silber und Gold verschrottet. Der Rest wird verbrannt, verscharrt oder aufgetĂŒrmt zu diesen Bergen von Plastik, Metall, Kleidern und Kuhfladen, auf denen der Qualm hockt wie eine Gewitterwolke. Inzwischen hat das sogar hat einen wohlklingenden Namen: «urban mining», die Gewinnung von wertvollen Rohstoffen durch Verschrottung.

Die Nuancen um die Begriffe MĂŒll und Schrott haben Konsequenzen fĂŒr Abkommen wie die Basler Konvention. Wenn Jack aus einem unbrauchbaren Handy noch wertvolle Rohstoffe herausholt, die dann zurĂŒck nach Europa, Asien oder in die Staaten verkauft werden, verschwimmen die Grenzen zum Wiederwertbaren wie einem Handy, das repariert und verkauft werden kann. Darin sehen Expert*innen einen der GrĂŒnde, weshalb im Detail

Wer in Agbogbloshie landet, ist ganz unten angekommen, sagt Jack (rechts), der als MĂŒllsammler und HĂ€ndler zu ĂŒberleben versucht und mit seiner Familie im Slum lebt.

Nana Yaw Konadu (rechts) in seiner Firma am Stadtrand von Accra: «Recycling ist keine Hexerei. Man muss wissen wie, braucht aber vor allem Geld.»

schwierig zu unterscheiden ist zwischen verwertbarem MĂŒll, der zwar gemĂ€ss Basler Konvention gefĂ€hrlich ist, aber doch unter bestimmten Auflagen exportiert werden kann, und blossem Schrott, der unter keinen Bedingungen exportiert werden darf. Oder anders gesagt: Weshalb es mitunter einfach ist, blossen Schrott als «wiederverwertbaren MĂŒll» zu deklarieren. Beispiel Accra: Offiziell gelten nur 15 Prozent der jĂ€hrlichen Menge an ElektroabfĂ€llen, die hier am Hafen ankommen, als Schrott, die anderen 85 Prozent sind GerĂ€te, die sich irgendwie wiederverwerten lassen. Expert*innen zweifeln die Zahlen an, sie rechnen mit bis zu 50 Prozent Schrott, oder anders gesagt: mit 35 Prozent falsch deklarierter Ware.

Manche LĂ€nder, darunter die Schweiz, versuchen die Grauzone um den Begriff Elektroschrott zu vermeiden, indem sie den Export von defekten GerĂ€ten – die Ausnahme sind OECD-LĂ€nder – generell verbieten. Wer elektronische AbfĂ€lle zum Beispiel nach Ghana exportieren möchte, erhĂ€lt vom Bundesamt fĂŒr Umwelt BAFU also aus Prinzip keine Notifizierung, weder fĂŒr MĂŒll noch fĂŒr Schrott. NatĂŒrlich schliesst das nicht aus, dass beides illegal dorthin gelangen kann. Doch sind nicht bloss die Bussen hoch, auch die Transportkosten und Zollabgaben sind inzwischen gestiegen. Was zumindest die Wahrscheinlichkeit verringert, dass E-Waste in grösseren Mengen ohne Bewilligung aus der Schweiz etwa nach Ghana verschifft wird.

Das heisst umgekehrt auch: Die einzelnen LĂ€nder mĂŒssen in der Lage sein und es sich leisten können, die Ware selber fachgerecht wiederaufzuarbeiten oder zu entsorgen. Doch beides ist teuer und mit hohen Auflagen verbunden – unnötig zu sagen, dass ein Agbogbloshie in LĂ€ndern wie der Schweiz undenkbar wĂ€re. Von den 22 Millionen Tonnen Elektroschrott, die 2022 weltweit anfielen, wurden lediglich 22,3 Prozent, also nicht mal ein Viertel, ordnungsgemĂ€ss abgegeben und aufgearbeitet. In Europa sind es 42,8 Prozent; bleibt immer noch mehr als die HĂ€lfte, von der unklar ist, auf welchem Weg das Material wohin gelangt und was damit passiert.

Weniger ist mehr

ZĂŒrĂŒck in Ghana: Einer, der genau weiss, woher seine Ware stammt, ist Nana Yaw Konadu, professioneller Aufbereiter von kaputten ElektrogerĂ€ten am Stadtrand von Accra. Seine Eltern, beide aus Ghana, sind in den 1980er-Jahren nach Deutschland ausgewandert, aufgewachsen ist Yaw Konadu in Dortmund. Der Vater arbeitete als Schlachtarbeiter, die Mutter putzte in fremden Haushalten. Beide, so erzĂ€hlt es Yaw Konadu, hĂ€tten nie richtig Fuss gefasst, seien fremd geblieben in Deutschland. Zudem war das Geld immer knapp. Was Yaw Konadu frĂŒh zu dem machte, was er noch heute ist: ein aufgeweckter, findiger, charmanter, umtriebiger, raffinierter GeschĂ€ftsmann, der, wie der 46-JĂ€hrige selber sagt, keine BĂŒcher liest, stattdessen das Leben aufsaugt. Schon als Teenager reparierte Yaw Konadu alte Kopierer und verkaufte sie in Dortmund an Leute aus der Schwarzen Community. Bis einer ihm zuflĂŒsterte, er solle auf alte Handys umsteigen, sie flicken und in Ghana verkaufen. «Also stopfte ich meinen Koffer mit Nokias voll und stieg in den Flieger nach Accra. Dort angekommen, fragte mich ein Zollbeamter, was ich da bei mir trage. â€čHunderte alte neue Handysâ€ș, sagte ich zu ihm. Er verschwand hinter einer TĂŒr, kam mit einem BĂŒndel Geldscheine zurĂŒck und meinte: â€čIch kauf sie dir alle ab.â€ș Da wusste ich, Ghana ist geil.»

Über die Jahre hat Yaw Konadu ein GeschĂ€ftsmodell mit zwei Standbeinen entwickelt. Das eine ist in Deutschland, von wo er kaputte GerĂ€te bezieht, vor allem Monitore, im Schnitt 30 000 StĂŒck pro Jahr. Sein dort ansĂ€ssiger Partner holt sĂ€mtliche Bewilligungen ein und verschifft die Ware per Container in den Hafen von Accra. Mit einem Lastwagen werden die Monitore in Yaw Konadus Firma gekarrt, dort werden sie zerlegt, die Displays mit einem Plastik aus China neu eingefasst und, versehen mit dem Stempel «Garantiert Recycling», wie neu verpackt.

Das andere Standbein ist in Accra selber, wo Yaw Konadu Handys, LadegerĂ€te oder Drucker einsammelt, alles zertifizierte Ware, die er ebenfalls auseinandernimmt, sortiert, flickt und neu aufbereitet. Die Gewinnmarge liegt zwischen 30 und 50 Prozent, ein gutes GeschĂ€ft trotz Inflation, mit der Ghana immer wieder zu kĂ€mpfen hat. Inzwischen arbeiten ĂŒber sechzig MĂ€nner und Frauen fĂŒr Yaw Konadu, er bezahlt ihnen 100 Dollar im Monat, das sind 80 Dollar mehr, als der gesetzliche Mindestlohn vorsieht.

Als Yaw Konadu vor sieben Jahren in Accra ins Recycling-GeschĂ€ft einstieg, fĂŒhrte sein Weg auch nach Agbogbloshie. HĂ€tte er all das nicht mit eigenen Augen gesehen, hĂ€tte er es nicht gerochen, nichts davon wĂŒrde er glauben, ein StĂŒck gottverlassene Erde, sagt Yaw Konadu heute und schĂŒttelt den Kopf. Dieser Dreck ĂŒberall, die Lagune voll Petflaschen und geplatzter FischbĂ€uche, die verlumpten Kinder, die toten Augen der Arbeiter, sie wollen ihm nicht mehr aus dem Sinn. «Dabei wĂ€re alles so einfach. Recycling ist keine Hexerei, die Verschrottung genauso wenig, es braucht bloss Geld. Von der Regierung, besser noch von Investoren. Ansonsten versinken wir endgĂŒltig im Dreck.» Agbogbloshie, sagt Yaw Konadu, sei bloss der Bote einer kommenden Katastrophe.

Yaw Konadu redet so, wie wohl alle reden, die auf nachhaltiges Recycling setzen: Man mĂŒsse schleunigst weg von diesem Konsumwahn, weniger sei definitiv mehr, dafĂŒr hochwertig und langlebig. Der Vater von drei Kindern, der keinen SUV fĂ€hrt, dafĂŒr die lokale Sprache fliessend spricht, repariert Smartphones noch aus einer Zeit, als sie sieben Jahre hielten, und seine KĂŒhlschrĂ€nke, sagt er lachend, reichten fĂŒr zwei Generationen, so robust sei das Zeug.

Dass ihm die Arbeit trotzdem nie ausgehen wird, ganz im Gegenteil, das weiss Yaw Konadu. TatsĂ€chlich widerspricht sein Anspruch auf Nachhaltigkeit aller RealitĂ€t. Beispiel Handys: In Europa besitzen derzeit 485 Millionen Menschen ein Smartphone, der Markt verzeichnete voriges Jahr einen Umsatz von 74 Milliarden Euro, Tendenz natĂŒrlich steigend. Und in den afrikanischen LĂ€ndern? Dort rechnet die Branche mit einem jĂ€hrlichen Wachstum des Handy-Marktes um fast zehn Prozent, oder wie Yaw Konadu sagt: «Hier warten 400 Millionen Menschen auf ein Smartphone.»

Auch Jack sieht vor seinem Auge nur Berge von Arbeit. «Was die anderen verbrauchen, können wir gebrauchen.» An die Zukunft denkt er nicht. Was weiss ich schon, sagt er halb im Scherz, wie lange ich noch lebe? In den Abendstunden werde der Husten heftiger und manchmal fĂ€rbe sich sein Urin rot, doch was soll’s. Weg aus Agbogbloshie, in Gottes Namen doch zurĂŒck in den Norden, eine eigene Farm, ein anderer Job, und sei es der Gesundheit wegen, was meinst du, Bruder? Jack weist die aufdringlichen Fragen mit seiner flachen Hand zurĂŒck. «Der Hölle ist noch keiner entronnen.»

«WURZELN SCHLAGEN» IN ZÜRICH

Nicolas Gabriel lebte aufgrund einer psychischen Erkrankung jahrelang in Armut und Obdachlosigkeit –wie viele Betroffene aus Scham im Verborgenen. Nun erzĂ€hlt er auf einem aussergewöhnlichen Stadtrundgang, wie er mitten in ZĂŒrich auf der Strasse lebte, welche HĂŒrden er ĂŒberwinden musste und wo er Heimat fand.

«Als Obdachloser erkannt wurde ich von den wenigsten Menschen. Ich hatte kein GepĂ€ck dabei, trug saubere Kleider und suchte Bibliotheken auf», sagt Nicolas Gabriel. Und doch bestand ĂŒber all die Jahre eine unsichtbare Linie zwischen ihm und den Menschen, die wohnen: «Als Obdachloser ist es schwierig, Kontakte aufrechtzuerhalten. Es gibt eine grosse Hemmschwelle.»

Als er die Obdachlosigkeit ĂŒberwinden kann, findet er Kraft fĂŒr eine neue Lebensgestaltung. Kurze Zeit spĂ€ter beginnt er die Ausbildung als Surprise StadtfĂŒhrer. RĂŒckblickend sagt Nicolas Gabriel zu diesem Prozess: «In vertrauensvoller Runde nahmen wir die Zeitmaschine und öffneten die Schubladen der Kindheit, der Jugend und des Erwachsenenalters. Dabei fanden wir so manche Farbschattierung. Gefragt waren die HintergrĂŒnde, das â€čWarumâ€ș. Dies nahm zwei Jahre in Anspruch. Schliesslich, aus der Vogelperspektive, ergrĂŒndeten wir die strukturellen und gesellschaftlichen PhĂ€nomene von psychischer Krankheit und Obdachlosigkeit. Vieles, was anfangs verworren war, wurde letztlich verstĂ€ndlich. Die Voraussetzungen fĂŒr derartiges Schaffen waren erst gegeben, als ich Zimmer und Ruhe fand.»

Carmen Berchtold, die ihn als Verantwortliche der Sozialen StadtrundgĂ€nge ZĂŒrich begleitete, stellt fest: «Das eigene Leben erzĂ€hlen kann man schnell einmal. Doch wirklich hinschauen, das Erlebte mit Emotionen verknĂŒpfen und in einen gesellschaftlichen Kontext stellen – das ist viel Arbeit, schafft jedoch fĂŒr die Zuhörer*innen einen Mehrwert und verleiht den Betroffenen gleichzeitig eine Expert*innenrolle fĂŒr gesellschaftspolitische Vermittlung.»

Auf seiner zweistĂŒndigen Tour erzĂ€hlt Nicolas Gabriel zudem, welche Einrichtungen fĂŒr Menschen in Not da sind und warum das Thema Obdachlosigkeit mit uns allen zu tun hat. «Ich möchte mit meinen Touren BrĂŒcken bauen. Das Schönste fĂŒr mich ist die Begegnung von Mensch zu Mensch», sagt Nicolas Gabriel. NICOLAS FUX

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1

1 – Verborgene PlĂ€tze

Die Besucher*innen lernen das Niederdorf von einer anderen Seite kennen.

2 – Auf Du und Du

Die Touren ïŹnden auf Augenhöhe und ohne BerĂŒhrungsĂ€ngste statt.

3 – AuthentizitĂ€t garantiert

Nicolas Gabriel hat viel erlebt.

Seine Geschichten sind spannend und berĂŒhrend.

MERCI, HANS!

Seit 2016 gehörte Hans Rhyner zum Team der Sozialen StadtrundgĂ€nge ZĂŒrich, Ende September lĂ€uft er nun seine letzte Tour. Reflektiert berichtete er ĂŒber seine Herkunft, ĂŒber SchicksalsschlĂ€ge im Jugendalter und von seiner Alkoholkrankheit und erreichte damit Tausende von Menschen. Mit seiner sachlichen und zugleich emotionalen Art war er ein einmaliges Sprachrohr fĂŒr Armutsbetroffene.

Hans Rhyner, wie fing alles an?

Hans Rhyner: Eigentlich kam ich durch Ruedi KĂ€lin zu dieser Arbeit. Er sagte eines Tages: «Hans, wir könnten noch so einen wie dich gebrauchen im StadtfĂŒhrer-Team.» Von Peter Conrath konnte ich dann viel profitieren, er fĂŒhrte mich etwa in die Arbeit des CafĂ© Yucca ein.

Was war Dir in all den Jahren das wichtigste Anliegen?

Aufzuzeigen, dass eine Alkoholkrankheit oft den Abstieg in die Armut bedeutet und dass man den Genesungsweg fĂŒr sich selber gehen muss. Und dass die Besucher*innen erkennen, dass sie, wenn sie selber oder Angehörige sich in einer Notlage befinden, ĂŒber eine Sucht reden dĂŒrfen.

Hast Du eine besonders schöne Erinnerung?

Das Team der Spielgruppe «Flohsack» buchte meine Tour. Danach verbrachte ich auf Einladung zwei Nachmittage mit der Kindergruppe im Wald. Das bleibt unvergesslich.

Was wĂŒnschst Du Nicolas Gabriel zu seinem Start?

Ich wĂŒnsche Nicolas natĂŒrlich viel Erfolg fĂŒr den Start seiner Tour und dass er bei dieser verantwortungsvollen Aufgabe auch Spass hat. Wir thematisieren zwar schwere Themen, Leichtigkeit und Humor dĂŒrfen jedoch trotzdem Platz haben.

Du wirst Surprise nicht ganz verlassen.

Worauf freust Du Dich in Zukunft?

Auf den Heftverkauf. Ich werde weiterhin in Schaffhausen und Zug verkaufen und den Kontakt zu meinen Stammkund*innen pflegen. Und man wird auch weiterhin Surprise-Kolumnen von mir im Heft lesen können. CARMEN BERCHTOLD

In einem Badezimmer und mit Farbe kommt die Kinderperspektive auf die BĂŒhne.

Aufwachsen in unsicheren Zeiten

Theater Am diesjĂ€hrigen ZĂŒrcher Theater Spektakel rĂŒcken zwei StĂŒcke die Perspektive von Kindern ins Zentrum, die in einem von InstabilitĂ€t, Zensur oder Migration geprĂ€gten Umfeld aufwachsen.

TEXT MONIKA BETTSCHEN

Die Komödie «Mrs. Doubtfire» aus dem Jahr 1993 ist ein Film fĂŒr die ganze Familie, möchte man meinen. Ein geschiedener Mann versucht, den Kontakt zu seiner Familie wiederherzustellen, indem er sich als KindermĂ€dchen verkleidet. Eine Ausgangslage, die witzige Szenen hervorbrachte. Etwa jene, in welcher der kĂŒnstliche Busen beim Kochen Feuer fĂ€ngt und der Mann den Brand mit Pfannendeckeln zu löschen versucht.

Zu gewagt fĂŒr das Filmpublikum im Iran. Etwa die HĂ€lfte des Films wurde herausgeschnitten, inklusive der besagten Szene, sodass am Ende statt 125 nur noch 59 Filmminuten ĂŒbrigblieben. «Sie zensieren alles, sie berauben dich der Freude am Zuschauen», erzĂ€hlt ein 13-jĂ€hriger Junge der Theatermacherin Nastaran Razawi Khorasani in einem TelefongesprĂ€ch. AuszĂŒge daraus sowie aus einem GesprĂ€ch mit einem elfjĂ€hrigen MĂ€dchen bilden das HerzstĂŒck von Khorasanis audiovisueller Solo-Performance «Songs for no one» – in der sie zwischen den Dialogen auch Lieder singt. Das MĂ€dchen erzĂ€hlt ihr hier, wie ein ganz normaler Schultag ausschaut. «Vor dem Unterricht mĂŒssen wir uns in einer Reihe aufstellen und dann

sagen sie uns zum Beispiel Dinge wie â€čJunge Dame, renn nicht so schnell. Richte dein Kopftuchâ€ș. Das ist so langweilig, sie wiederholen das jeden Tag.» Dies wĂŒrde sie derart irritieren, dass sie manchmal absichtlich ihr Kopftuch löse, sodass es zu Boden falle. Auf die Frage, warum sie es nicht möge, ein Kopftuch zu tragen, nennt sie gleich mehrere GrĂŒnde. Der erste lautet schlicht: «Es erstickt mich.»

WĂ€hrend die KĂŒnstlerin auf der BĂŒhne steht, bemalt sie langsam zwei Glasscheiben, ihre Arme und ihr Gesicht. Im Kontext mit den GesprĂ€chen verwandelt sich das zu Beginn kindlich anmutende Spiel mit der Farbe allmĂ€hlich in nonverbale Kritik an der allgegenwĂ€rtigen Zensur im Iran, den die 1987 geborene KĂŒnstlerin im Alter von sechs Jahren verlassen musste. Dass die Flucht in die Niederlande, wo sie heute lebt, ein GefĂŒhl der inneren Zerrissenheit hervorgerufen haben muss, blitzt immer dann kurz auf, wenn sie sich in den TelefongesprĂ€chen an eigene Erfahrungen zurĂŒckerinnert: an das iranische Essen etwa oder an die Hitze, die sie in Europa manchmal vermisse. WĂ€hrend sie mit den Kindern ĂŒber scheinbar unverfĂ€ngliche Themen wie die Schule, BerufswĂŒnsche oder die

Lieblingsmusik plaudert, wird auf erschreckende Weise deutlich, wie das Aufwachsen in einer Diktatur alle Lebensbereiche durchdringt. Und darĂŒber hinaus, wie gut bereits Kinder komplexe Systeme der UnterdrĂŒckung durchschauen, die ihnen von der Erwachsenenwelt aufgezwungen werden. So erzĂ€hlt das MĂ€dchen, man mĂŒsse aufpassen, was man den anderen in der Schule ĂŒber den Familienalltag erzĂ€hle. Zum Beispiel, dass zuhause Alkohol getrunken werde. Der Junge wiederum rezitiert einen Rap-Song, zensiert sich dabei aber an einer Stelle selbst, weil er denkt, dass man den Originaltext auch in den Niederlanden nicht ungefiltert wiedergeben dĂŒrfe. Es wird offensichtlich: Sehr frĂŒh mussten diese Kinder verinnerlichen, dass sie mit gewissen Äusserungen ihre Familie in Gefahr bringen können. Dass es ein Leben draussen unter stĂ€ndiger Beobachtung gibt – und ein verborgenes Leben zuhause, wo man der Mensch sein darf, der man ist.

Von Freiheit und Heimat trÀumen

Auch fĂŒr den 1998 in Albanien geborenen Theatermacher Mario Banushi war das Zuhause, in dem er seine ersten Lebensjahre verbrachte, gleichbedeutend mit einem sicheren Hafen. In einem Vorort der Hauptstadt Tirana fĂŒhrte sein Vater eine GaststĂ€tte mit dem Namen Taverna Miresia. Miresia bedeutet Freundlichkeit; der Name war stets Programm. Und die Erinnerung, die er mit sich trug, als er im Kindesalter mit seiner Mutter nach Griechenland kam, wĂ€hrend die meisten seiner Angehörigen in der Heimat blieben. Als Heranwachsender besuchte er die Familie regelmĂ€ssig. Als vor kurzem sein Vater starb, wurde aus der Taverne der Freundlichkeit auf einen Schlag eine StĂ€tte der Trauer. Sinnbildlich fĂŒr den Verlust steht in Banushis «Taverna Miresia – Mario, Bella, Anastasia» die alte Leuchtreklame des Lokals auf der BĂŒhne.

Wie ein Leitstern scheint sie ihn beim Erwachsenwerden in einem anderen Land begleitet zu haben. Und nun entfalten sich in ihrem Licht heftige Emotionen, unausgesprochen gebliebene Spannungen und Erinnerungen aus Kindertagen. In der Theaterproduktion wird kein Wort gesprochen. «Schon als Kind mochte ich es nicht, viele Worte zu brauchen. Ich stimme ĂŒberein mit einem Spruch, der besagt, dass zu viel Reden Armut bedeutet. Ich kommuniziere lieber mit meinen Augen und mit körperlichem Kontakt. Dies ist etwas, das ich nicht verlieren möchte», schreibt Mario Banushi auf Anfrage.

Der körperliche Ausdruck ist es denn auch, der dem Geschehen auf der BĂŒhne eine intime Note verleiht: Der BĂŒhnenraum stellt ein Badezimmer dar, in dem allmĂ€hlich alle HĂŒllen fallen. Dadurch wird der Mensch nackt in all seiner Verletzlichkeit gezeigt, zurĂŒckgeworfen auf tiefsitzende innere Konflikte, deren Wurzeln oft bis in die frĂŒheste Kindheit zurĂŒckreichen und denen man sich auf dem Weg zum Erwachsenenalter irgendwann stellen muss. «Trauer und Wut sind sehr persönliche GefĂŒhle. Ich wĂ€hlte das Badezimmer, weil ich schauen wollte, in welche Richtung sich die Handlung bewegt, wenn diese an einem so intimen Ort spielt, wo man sonst nie mehrere Menschen zusammen sieht. Zudem hat das fliessende Wasser zur Reinigung eine wichtige Rolle.»

Sowohl in «Songs for no one» als auch in «Taverna Miresia» geht es darum, wovon Kinder in einem von Unsicherheiten geprĂ€gten Umfeld trĂ€umen. In den «Songs» ist es der Wunsch nach Freiheit, um der stĂ€ndigen Indoktrinierung im Iran zu entfliehen. In «Taverna Miresia» sind es traumartig anmutende Szenen, in denen die Kindheit als verloren gegangener Sehnsuchtsort die BĂŒhne erfĂŒllt. «Meine Herkunft und die Tatsache, dass ich ein Einwanderer der zweiten Generation bin, beeinflusst mein Leben und meine Arbeit sehr stark. Wenn du als Kind wegen deiner Herkunft Schwierigkeiten hast, sind TrĂ€ume fĂŒr dich der einzige Weg, um dennoch Hoffnung zu haben.» Diese Kinderperspektive bleibe oft ungehört, weil man bereits in der Schule lerne, dass Erwachsene immer recht hĂ€tten. Deshalb wĂŒrden spĂ€ter die Stimmen der Kinder automatisch geschwĂ€cht, so Banushi. «Aus diesem Grund bewundere ich Erwachsene, wenn sie schweigen und jungen Menschen aufmerksam und respektvoll zuhören können.»

«ZĂŒrcher Theater Spektakel», Do, 15. Aug. bis So, 1. Sept., diverse Spielorte, Festivalzentrum Landiwiese, ZĂŒrich theaterspektakel.ch

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Ein Dreiecksgespann, eine Nachbarscha f t und ein Schacht voller Gel d

S ANDRA H ÜL LER

Veranstaltungen

Augst

«Das perfekte Dinner. Römer, Macht und MĂŒll», Ausstellung, tĂ€glich, 10 bis 17 Uhr, Museum Augusta Raurica, Giebenacherstrasse 17 augusta-raurica.ch

Wir wissen, im Jahr 39 n. Chr. fand ein aussergewöhnliches, ein kaiserliches Bankett statt. Leider waren wir nicht eingeladen. Uns bleibt nur der antike MĂŒll, der davon ĂŒbrigblieb, doch auch damit lĂ€sst sich viel anfangen: Die archĂ€ologischen Überreste des Banketts geben Einblicke in die Gesellschaftsstruktur des ersten Jahrhunderts. Sie offenbaren nicht nur den Zeitpunkt des Festes, sondern erzĂ€hlen auch von den gesellschaftlichen und politischen Strukturen der Zeit. In Augusta Raurica veranschaulichen interaktive Stationen die sozialen Aspekte des römischen Banketts und zeigen, wie man anhand materieller Überreste gesellschaftliche Interaktionen rekonstruiert. Die praktischen Aspekte der Organisation eines römischen Banketts bieten interessante Parallelen zum heutigen Eventmanagement. Das Fest war natĂŒrlich nicht bloss private Party, sondern auch ein Mittel zur Darstellung von Macht und zur Festigung politischer AutoritĂ€t. Das Rahmenprogramm bietet RundgĂ€nge und Workshops wie etwa «Gustatio romana – Römische HĂ€ppchen selbst gemacht». Und ausserdem: Am Wochenende vom 24./25. August findet das legendĂ€re Römerfest statt, eine Freude auch fĂŒr Kinder. DIF

ZĂŒrich

«Hörerlebnis Patumbah», Audiorundgang, Mi, Fr, Sa 14 bis 17 Uhr, Do/So, 12 bis 17 Uhr, Heimatschutzzentrum in der Villa Patumbah, Zollikerstrasse 128 heimatschutzzentrum.ch

Sieht toll aus, hat aber eine problematische Vergangenheit (man ahnt es schon aufgrund ihres Namens): die Villa Patumbah. Sie ist eine ziemlich prunkvolle Villa (ein bisschen Renaissance, ein bisschen Rokoko und ein bisschen asiatische Kunst, Historismus eben), der Kaufmann Carl FĂŒrch-

MĂŒnchenstein / Basel «Le cours des choses», physical theater, Fr/Sa, 9. und 10. Aug., 20 Uhr; So, 11. Aug., 19 Uhr, unter freiem Himmel bei Station Circus, MĂŒnchensteinerstr. 103 stationcircus.ch

Auf dem Trapez fliegt das Teamwork vorbei, Aktionen jonglieren mit Reaktionen und riskante Handlungen balancieren ĂŒber Fehlentscheide: So geht das, wenn ein Zirkus-StĂŒck die grossen und kleinen ZusammenhĂ€nge in einer Gruppe oder einem System verhandelt. Was geschieht, wenn alle zusammenarbeiten, und was, wenn sich immer mehr dagegenstellen? Hier wird unsere feste Logik der Konsequenzen auf den Kopf gestellt. Die Performer*innen suchen neue Wege der Kollaboration, und das Ganze wird unter dem

eigenen kĂŒnstlerischen – auch unkonventionellen – Arbeiten zu prĂ€sentieren. An der Abendkasse gibt es jeweils reduzierte Tickets fĂŒr Kinder (Alter = Preis, also 6 Jahre = 6 Franken). DIF

Bern

«Swiss Press Photo 2024», Ausstellung, bis Fr, 11. Okt., Mo bis Fr, 9 bis 18 Uhr, Eintritt frei, Schweizerische Nationalbibliothek NB, Hallwylstrasse 15 nb.admin.ch

tegott Grob liess sie 1885 erbauen, und heute ist sie Zeugnis der kolonialen Verflechtungen der Schweiz. Grob lebte von 1869 bis 1879 auf Sumatra, das damals zu NiederlĂ€ndisch-Indien gehörte, und erlangte mit dem Betrieb von Tabakplantagen grossen Reichtum. Zahlreiche Schweizer wie Herr Grob profitierten von den bestehenden kolonialen Strukturen und von Tausenden von Arbeitern, die unter prekĂ€ren Bedingungen auf den Plantagen angestellt waren. Heute ist die Villa ein Heimatschutzzentrum, und als solches muss es Wege finden, die eigene Geschichte zu thematisieren. Zum Beispiel mit einem Audiorundgang: Der thematisiert in einem sinnlichen Erlebnis die Restaurierung, Zwischennutzungen und den asiatischen GlĂŒcksdrachen am Eingang, aber taucht durchaus auch in aktuelle Diskurse ein und bespricht, welche Rolle die Villa in der kolonialen Praxis einnimmt. DIF

Titel «Le cours des choses» zum Spiel mit Risiko und Humor an der Schnittstelle zwischen Zirkus, Tanz und Musik. Es spielen fĂŒnf Profis und sechs jugendliche Artist*innen zwischen 14 und 23 Jahren. Das Gastspiel des Zirkus Chnopf, der wirklich intelligente Artistik macht, ist eine niederschwellige Sache mit Hutsammlung. Station Circus ist allgemein ein Ort der zugĂ€nglichen Kultur; er beherbergt auch das Tram-CafĂ©, das am 15. Sept. und am 20. Okt. geöffnet ist (13.30 bis 17.30) und sich mit einem Besuch des Trammuseums der BVB verbinden lĂ€sst. Und am 26. Sept. gibt es den «Jeudi Cirque», ein kuratiertes Format, das jungen, professionellen Zirkusartist*innen die Möglichkeit bietet, AuszĂŒge aus

Welche Themen haben das Jahr 2023 geprĂ€gt und welche Bilder sind prĂ€sent geblieben? In der Ausstellung «Swiss Press Photo 24» prĂ€sentiert die Schweizerische Nationalbibliothek die besten Schweizer Pressebilder vom letzten Jahr. Wir sehen hier also den Staatsbesuch des französischen PrĂ€sidenten Emmanuel Macron in der Schweiz, die Bundesratswahlen und das Ende der Credit Suisse. Aber auch Menschen, die auf einem Campingplatz leben, den Freitod eines alten Mannes mit der Sterbehilfe-Organisation Exit und eine Bilderserie zu einem 2012 am Walensee spurlos verschwundenen Mann. Und dann, ziemlich lustig, Hobby Horsing, und, gar nicht lustig, eine Fotoserie von der Tour de Suisse, an der um den gestĂŒrzten und tags darauf verstorbenen Schweizer Radrennfahrer Gino MĂ€der getrauert wird. Dem «Swiss Press Photographer of the Year», dem NZZ-Fotografen Dominic Nahr und seinen Reportagen aus Krisengebieten, wird ein besonderer Platz eingerĂ€umt. Ausgestellt sind seine PortrĂ€ts von vom Krieg gezeichneten Ukrainer*innen und eine Reportage zum Erdbeben in Marokko. Am Do., 19. September gibt Nahr Einblick in seine Reportagereisen. DIF

Tour de Suisse

Pörtner in Luzern

Surprise-Standort: Kantonalbank

Einwohner*innen: 83 840

Sozialhilfequote in Prozent: 4,2

Anteil auslÀndische Bevölkerung in Prozent: 25,4

Tourismus: 2023 haben mehr als 1,3 Millionen Tourist*innen in der Stadt Luzern ĂŒbernachtet

Dass Luzern ein Tourist*innen-Hotspot ist, ist nicht zu ĂŒbersehen. Obwohl die Strasse und die Gehwege breit sind, mit zusammengekniffenen Augen könnte es fast Paris sein, herrscht mitunter GedrĂ€nge, wenn grössere Gruppen sich ihren Weg bahnen, Busse mit asiatischen GĂ€sten ankommen oder auch nur langsam erschöpfte Familien vom Schlendern ins Straucheln verfallen, mĂŒde vom Abklappern all der SehenswĂŒrdigkeiten.

Das mÀchtige KantonalbankgebÀude mit seinen goldenen Fensterscheiben gehört da kaum dazu, trotz der im Hof aufgestellten Installation, bestehend aus einem leicht schiefen spitzen Kegel, umgeben von einem mÀchtig aufsteigenden GelÀnder aus Metall. Das nebenan gelegene Museum, die Rosengart Collection, in der es Picasso und Klee zu

sehen gibt, hingegen schon. Doch die Leute sind wegen der unmittelbaren NĂ€he zur KapellbrĂŒcke hier. Die Strasse ist gesĂ€umt von CafĂ©s und Restaurants, aber nur die wenigsten haben Zeit zum Verweilen. Die LĂ€den gehören zur gehobenen Art, viel kann fĂŒr die Körperpflege oder -optimierung getan werden. Hair Design, Teeth Bleaching (alpenweissse ZĂ€hne!), ein Wimpernstudio, ManikĂŒre, PedikĂŒre, Parfums, Ayurveda-Massagen, ein Fitnessstudio, dazu MassanzĂŒge und exklusives Schuhwerk. Die Klientel scheint nicht von Geldsorgen geplagt zu sein, ganz im Gegenteil: Enjoy Europe! So steht es auf einem Reisecar. Wer nicht hier war, hat Europa verpasst.

Etwas weniger exklusiv sieht der Pilatusplatz aus, wo ein kleiner Park mit StĂŒhlen, BĂ€nken und eingetopften BĂ€umen

wartet, in der Mitte stehen ĂŒberdimensionierte ZahnrĂ€der aus Holz, es gibt zwei schöne RiegelhĂ€user, von denen eines die Musikschule Luzern beherbergt. Zudem einen Shop ohne Bedienung, in dem alles per App bezahlt werden kann. Allzu lang wird es diese Oase indes nicht mehr geben, denn es stehen eine Unzahl BaugespanntĂŒrme herum, irgendetwas Hohes soll hier entstehen und dem die Wand zierenden Johannes dem TĂ€ufer die Sicht versperren.

Falls diese Modernisierung jemanden um den Schlaf bringen sollte, steht das BettenfachgeschÀft Sleep Green bereit, das gesunden Schlaf aus der Kraft der Natur verspricht.

Die Reisecars fahren zu den zahlreichen Hotels, an prominenter Lage das Astoria (ohne Waldorf). Offenbar ist Luzern auch fĂŒr Verlobungsreisen beliebt, gleich zwei GeschĂ€fte werben fĂŒr Eheringe, eines mit dem Slogan «Love is in the Air», ein Uralthit, der noch immer nicht in Vergessenheit geraten ist. Junge Menschen gönnen sich eine nachmittĂ€gliche Flasche Weisswein, zur Feier einer Verlobung oder einfach so, andere spielen eine Partie Darts und trinken Cocktails. Die Gegend dĂŒrfte auch in der Nacht kaum ausgestorben sein, es gibt verschiedene Bars, die noch nicht geöffnet sind, eine davon ist mit einem Karussell ausgestattet, zumindest im Namen.

Nicht dort auftauchen werden wahrscheinlich die Ă€lteren Ehepaare, die ĂŒbers Handy gebeugt unterwegs sind, in Kleidung, die eher funktional als elegant ist, aber von bester QualitĂ€t. Sie haben ein straffes Programm und reisen vermutlich schon frĂŒh am nĂ€chsten Tag weiter. Nach Resteuropa.

STEPHAN PÖRTNER

Der ZĂŒrcher

Schriftsteller Stephan Pörtner besucht

Surprise-Verkaufsorte und erzÀhlt, wie es dort so ist.

Die 25 positiven Firmen

Unsere Vision ist eine solidarische und vielfĂ€ltige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung.

Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstĂŒtzen Sie Menschen in prekĂ€ren Lebenssituationen dabei auf ihrem Weg in die EigenstĂ€ndigkeit.

Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fÀllt jenes Unternehmen heraus, das am lÀngsten dabei ist.

TopPharm Apotheke Paradeplatz ZĂŒrich

Automation Partner AG, Rheinau

Anyweb AG, ZĂŒrich

Beat Vogel – Fundraising-Datenbanken, ZĂŒrich

GemeinnĂŒtzige Frauen Aarau

GemeinnĂŒtziger Frauenverein Nidau

Hausarztpraxis Tannenhof, Tann-RĂŒti

Arbeitssicherheit Zehnder, ZĂŒrich

Beat HĂŒbscher – Schreiner, ZĂŒrich

KMS AG, Kriens

Brother (Schweiz) AG, DĂ€ttwil Coop Genossenschaft www.wuillemin-beratung.ch

Stoll Immobilientreuhand AG movaplan GmbH, Baden

Maya Recordings, Oberstammheim

Madlen Blösch, Geld & so, Basel onlineKarma.ch / Marketing mit Wirkung

Scherrer + Partner GmbH www.dp-immobilienberatung.ch

Kaiser Software GmbH, Bern

BuchhaltungsbĂŒro Balz Christen, DĂŒbendorf Heller IT + Treuhand GmbH, Tenniken

Sublevaris GmbH, Brigitte Sacchi, Birsfelden

Bodyalarm GmbH – time for a massage

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden?

Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei. Spendenkonto:

IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Surprise, 4051 Basel

Zahlungszweck: Positive Firma und Ihr gewĂŒnschter Namenseintrag (max. 40 Zeichen inkl. Leerzeichen). Sie erhalten von uns eine BestĂ€tigung.

Kontakt:

GEMEINSAM SCHAFFEN WIR CHANCEN

Nicht alle haben die gleichen Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Aus diesem Grund bietet Surprise individuell ausgestaltete Teilzeitstellen in Basel, Bern und ZĂŒrich an – sogenannte ChancenarbeitsplĂ€tze.

Aktuell beschĂ€ftigt Surprise acht Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt in einem Chancenarbeitsplatz. Dabei entwickeln sie ihre persönlichen und sozialen Ressourcen weiter und erproben neue beruïŹ‚iche FĂ€higkeiten. Von unseren Sozialarbeiter*innen werden sie stets eng begleitet. So erarbeiteten sich die Chancenarbeitsplatz-Mitarbeiter*innen neue Perspektiven und eine stabile Lebensgrundlage.

Eine von ihnen ist Marzeyeh Jafari «Vor wenigen Jahren bin ich als FlĂŒchtling in der Schweiz angekommen –und wusste zunĂ€chst nicht wohin. Ich hatte nichts und kannte niemanden.

Im Asylzentrum in Basel hörte ich zum ersten Mal von Surprise. Als ich erfuhr, dass Surprise eine neue Chancenarbeitsplatz-Mitarbeiterin sucht, bewarb ich mich sofort. Heute arbeite ich Teilzeit in der Heftausgabe – jetzt kann ich mir in der Schweiz eine neue beruïŹ‚iche Zukunft aufbauen.»

Schaffen Sie echte Chancen und unterstĂŒtzen Sie das unabhĂ€ngige Förderprogramm «Chancenarbeitsplatz» mit einer Spende.

Mit einer Spende von 5000 Franken stellen Sie die Sozial- und Fachbegleitung einer Person fĂŒr ein Jahr lang sicher.

UnterstĂŒtzungsmöglichkeiten:

1 Jahr CHF 5000.–

œ Jahr CHF 2500.–Œ Jahr CHF 1250.–

1 Monat CHF 420.–Oder mit einem Betrag Ihrer Wahl.

Spendenkonto:

Surprise, 4051 Basel

IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Vermerk: Chance Oder Einzahlungsschein bestellen: +41 61 564 90 90 info@surprise.ngo oder surprise.ngo/spenden

Herzlichen Dank fĂŒrIhrenwichtigen Beitrag!

#578: Der Winter ist mir lieber

«Nicht mehr zögern, handeln!»

Nachdem ich die beiden Berichte «GefĂ€hrliche Hitze» und â€č«Ausser man setzt sich in einen Brunnen» gelesen habe, möchte ich mich dazu Ă€ussern: Man weiss doch lĂ€ngst, welches in der Stadt die kĂŒhlen InnenrĂ€ume sind! Was muss denn jetzt noch lang und umstĂ€ndlich abgeklĂ€rt werden? Bis diese AbklĂ€rungen fertig sind, ist der Sommer vorbei: Viele Leute mĂŒssen weiterhin in und unter der Hitze leiden, einige werden daran sterben. Also bitte jetzt nicht mehr lange zaudern und plaudern, sondern handeln. Die solide Bauweise unserer Kirchen mit ihren meterdicken Mauern macht sie an heissen Sommertagen zu den angenehmsten Aufenthaltsorten. Obdachlose in die Kirchen! Sitzgelegenheiten, GetrĂ€nke und eine Toilette mĂŒssten zur VerfĂŒgung stehen. Falls all dies etwas kostet: Am Geld dĂŒrfte es nicht liegen, es ist genug da! Dass die Notschlafstellen tagsĂŒber geschlossen sind, geht doch nicht. Dass obdachlose Leute aus dem gekĂŒhlten Wartesaal des Bahnhofs verjagt werden, ist notorisch, dĂŒrfte aber nicht mehr passieren. Mehr AufklĂ€rung durch Plakate tĂ€te not. Ich bitte alle Beteiligten, nicht mehr lange zu zögern, sondern jetzt die kĂŒhlen RĂ€ume der Stadt fĂŒr Obdachlose zu öffnen. Jetzt!

ROSEMARIE IMHOF, Allschwil

Anm. d Red.:

TatsĂ€chlich geht es bei obdach- und wohnungslosen Personen primĂ€r um den Zugang zu kĂŒhlen RĂ€umlichkeiten. Die AbklĂ€rung, von der im Beitrag die Rede ist, betrifft in erster Linie folgenden Punkt: Es gilt nach Meinung von Schwarzer Peter zunĂ€chst HĂŒrden der Stigmatisierung abzubauen und die betreffenden Institutionen dazu zu bringen, ihre RĂ€umlichkeiten wirklich fĂŒr alle zu öffnen und Angebote zusammenzustellen im Falle von Konflikten.

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Verantwortlich fĂŒr diese Ausgabe:

Klaus Petrus (kp)

Diana Frei (dif), Lea Stuber (lea), Sara Winter Sayilir (win) T +41 61 564 90 70 redaktion@strassenmagazin.ch leserbriefe@strassenmagazin.ch

StÀndige Mitarbeit

Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Simon Berginz, Monika Bettschen, Christina Baeriswyl, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Isabel Mosimann, Fatima Moumouni, Stephan Pörtner, Priska Wenger, Christopher Zimmer

Mitarbeitende dieser Ausgabe

Pirmin Beeler, Carmen Berchtold, Andres Eberhard, Nicolas Fux, Michael Hofer, Adelina Lahr, Nali Rompietti

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Redaktion. FĂŒr unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt.

Gestaltung und Bildredaktion

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#578: Glace kleckern fĂŒr alle Megaschöner

Text ĂŒber Freibadis!

JAAP ACHTERBERG, ohne Ort

#579: Durchatmen

«Kurzweilige, unterhaltsame Geschichten»

Endlich wieder einmal gute Geschichten als SommerlektĂŒre! Ich bin positiv ĂŒberrascht, es lohnt sich, sie zu lesen! Nachdem ich einige Sommer enttĂ€uscht war ĂŒber Kurzgeschichten ohne Hand und Fuss, wĂ€re ich beinahe versucht gewesen, dieses Jahr kein Surprise mit SommerlektĂŒre mehr zu kaufen. Ich habe es aber doch getan und musste mir einen «Ruck» geben, darin zu lesen. Und siehe da, ich wurde belohnt! Macht weiter so, und bringtnĂ€chstenSommerwiederkurzweilige,unterhaltsame Geschichten!

EDITH BRODBECK, Arlesheim

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Nachruf

Josiane Graner

Sie war irgendwie schon immer da. Seit wir alle denken können, sass Josiane Graner jeweils donnerstags am Esstisch im BĂŒro an der MĂŒnzgasse in Basel und bereitete den Aboversand vor.

Sie hatte einen feinen, trockenen Humor, einen Hund, ein Auto, und sie lebte in einem Haus mit Garten. Josiane war eigenwillig, und vieles in ihrem Leben war fĂŒr die Uneingeweihten – was wahrscheinlich so ziemlich alle waren ausser ihrem Hund – weder ganz nachvollziehbar noch restlos aufgeklĂ€rt. Sie legte Wert auf manche Statussymbole und hing an ihren schönen Möbeln und ihren BĂŒchern, die sie offenbar besass und fĂŒr die sie viel Platz brauchte, hatte gleichzeitig aber konstant grosse finanzielle Sorgen. Sie lebte von einer minimalen AHV-Rente und dem Zusatzverdienst aus dem Surprise-Verkauf.

Viel mehr war ĂŒber ihre LebensumstĂ€nde kaum zu erfahren. Sie hatte ihre eigenen Vorstellungen, wie die Welt zu sein hĂ€tte, und liess sich diese auch nicht nehmen. Wichtig war ihr, dass man ihre Entscheidungen unterstĂŒtzte und dass sie ihre UnabhĂ€ngigkeit behalten konnte. Eine Karriere als Juristin soll sie hinter sich gehabt haben; Josiane deutete manches ĂŒber ihre Vergangenheit an, ins Detail ging sie nie. Man begegnete sich im Jetzt.

Die Sozialarbeiter*innen von Surprise versuchten sie in ihrer aktuellen Situation zu unterstĂŒtzen, die trotz ihrem gutbĂŒrgerlichen Habitus keine einfache war. So hatte es Zeiten gegeben, in der ihr Auto auch ihr Zuhause war, und oft sparte sie bei sich selber, damit fĂŒr den Hund genĂŒgend ĂŒbrigblieb. Eine Krankenversicherung hatte sie nicht.

Das war den Sozialarbeiter*innen bekannt, und immer wieder versuchten sie Josiane zu ĂŒberzeugen, sich wenigstens da in die gesellschaftlichen Strukturen einzufĂŒgen. Und vielleicht doch Sozialhilfe zu beantragen. Doch Josiane hatte immer den Impuls, ihren Lebensstil zu verteidigen, zu schĂŒtzen. Das hatte vermutlich auch mit Ängsten zu tun. Ängste etwa, dass ihr der Sozialstaat ungefragt eine Wohnung zuweisen wĂŒrde. Und dass sie deswegen ihren Hund abgeben mĂŒsste.

Was AlltĂ€gliches betraf, war sie dagegen gesprĂ€chig und unterhaltsam. Sie erzĂ€hlte dies und das, was ihr im Alltag der anderen auffiel, von dem sie sich selber gerne ein bisschen distanzierte. Sie kommentierte die menschlichen UnzulĂ€nglichkeiten mit einer leisen Ironie. Es gab etliche Themen, die nichts mit ihren omniprĂ€senten Geldsorgen zu tun hatten. Es waren feine Beobachtungen, witzige SprĂŒche.

Dann spitzte sich die Situation zu. Es wurde ein Tumor im Kehlkopf entdeckt. Im FrĂŒhling 2022 folgten mehrere Operationen. Josiane kam danach relativ bald wieder zurĂŒck zu Surprise, sprechen konnte sie nicht mehr. Mit handschriftlichen Zetteln und Mails blieb man in Kontakt. Sie schrieb oft und erzĂ€hlte von ihren Nöten. Die Behandlungen gingen auf ihre eigenen Kosten. Über Surprise bekam sie Krankentaggelder, manche Rechnungen konnte man aus dem Notfallfonds bezahlen. Und Josiane wollte so schnell wie möglich wieder Surprise verkaufen, Geld verdienen. Doch die EinkĂŒnfte wurden angesichts der Gesundheitskosten immer mehr zu Tropfen auf den heissen Stein.

Vor einigen Monaten kam sie mit einer massiven EntzĂŒndung am Hals ins BĂŒro von Surprise. Man holte die Ambulanz. Die SanitĂ€ter*innen versuchten sie dazu zu bewegen, auf den Notfall mitzugehen. Die Schwellung wĂŒrde ihr sonst in absehbarer Zeit die Luftzufuhr abdrĂŒcken. Sie liess sich nicht ĂŒberzeugen. «Du bist ein sturer Kopf, Josiane», sagte der Sozialarbeiter irgendwann zu ihr. «Das sagen andere auch», sagte sie mit ihrem trockenen Humor. Dann verliess sie das BĂŒro.

Aufgezeichnet von DIANA FREI

Josiane Graner, Surprise-VerkĂ€uferin in Basel / Bottmingen, 2. Oktober 1952 bis 2. Juli 2024.

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17.05.03.08.

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