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#4/2019

„Es braucht einen gewaltigen Tritt in den Hintern.“ Christina Dean

Sustain + Ability. Die große Chance Profit ohne Gier. Ökologie braucht eine gesunde Marktwirtschaft Kann Blau auch Grün? Denim auf dem Weg in die Zukunft

€ 15,00


EDITORIAL

Taten Liebe Leserinnen und Leser, ja sind denn plötzlich alle grün? Durch die Modebranche schwappt eine gewaltige Nachhaltigkeitswelle, vielleicht sogar ein Nachhaltigkeitstsunami. Das Bedürfnis, zu ergrünen, entsteht allerdings nicht immer im Herzen des Unternehmens: Viel zu oft sind es reine Marketinginteressen, die aktuell im Fokus stehen. „Wir sind stolz, dass wir 80 Prozent unserer Nassbearbeitungsmaschinen geprüft haben, um eine ordnungsgemäße chemische Verwendung sicherzustellen. Unser Ziel ist es, bis 2021 100 Prozent zu erreichen“, steht da zum Beispiel in der Nachhaltigkeitsbroschüre eines Modeanbieters. Na dann? Her mit dem Zeug – am besten in zwölf Kollektionen pro Jahr und mit hundertprozentiger Rücknahmegarantie. Ach, und ein T-Shirt, auf dem irgendwas mit Nachhaltigkeit draufsteht, wäre auch noch super. Könnten wir das als Sonderposten haben für 19,99? Ach Modebranche, was musst du dich läutern! Im Segment, in dem sich style in progress bewegt, mag dieser Ablass besonders gemein erscheinen. Schließlich sprechen wir bei style in progress von und mit den letzten Bastionen der werthaltigen Mode. Von Händlern, die sich vom schnellen Geld der schnellen Mode nicht verführen ließen. Von Marken, die ihre Produkte immer schon guten Gewissens produziert haben. Doch dem Konsumenten­bedürfnis nach mehr Nachhaltigkeit entkommen auch sie nicht. Schließlich geht es am Ende des Tages darum, der Mode wieder den Spaßfaktor zu verleihen, den sie einmal hatte. Mode ohne Reue – und ohne Verzicht: „Den Lösungsansatz: ‚Du sollst nicht shoppen‘, gibt es nicht. Das wird nie passieren“, sagt auch unsere Coverinterviewpartnerin Christina Dean im Gespräch mit Stephan Huber. Geben Sie es zu: Gerade haben Sie aufgeatmet! Genau dieses Aufatmen, dieses Glück, das wir empfinden, wenn das, was wir kaufen, eben kein billiger umweltverschmutzender Schrott ist, ist der neue Zauber des Einkaufens. Ja, wir kaufen unsere Seele frei. Ja, wir konsumieren, um unser Gewissen zu beruhigen. Aber wir können Antworten geben. Selbst einer wütenden Greta Thunberg, die uns berechtigt fragt: „How dare you?“ „We dare because we care.“ Ein ganzes Heft solcher Beispiele zusammenzutragen, war für unsere Redaktion ein Höllenritt und eine Vergnügungsfahrt zugleich. Eine Ambivalenz, die die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit hoffentlich bald ablegen kann. Es liegt in Ihren Händen: Jede Ihrer Orderentscheidungen kann beitragen, dass die Mode weniger schmutzig wird. Nützen Sie diese Macht! Viel Vergnügen beim Lesen, Ihr Team von style in progress

Coverfoto: Redress

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style in progress


INHALT SO LÄUFT’S

SUSTAIN + ABILIT Y 1 INTO THE BLUE SUSTAIN + ABILIT Y 2 SALVATION ARMY SUSTAIN + ABILIT Y 3 TAKING CARE

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style in progress

052 002 EDITORIAL Taten

053 Wie grün kann blau werden? Denimexperten geben Antwort.

008 BERLIN 014 JETZT 104 FINDEN WIR GUT

056 Lang lebe die Jeans! Ein radikaler Wandel in der Denimproduktion ist schlau – nicht nur für die Umwelt.

THE LONGVIEW

058 Zukunftsmusik in Blau Die neue Maxime in der Jeansproduktion heißt: weniger.

032 „Wir dürften nicht die Nachhaltigkeitspolizei spielen“ Christina Dean ist Aktivistin, ihre erklärten Feinde: Überproduktion und Textilmüll.

SO LÄUFT’S

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SUSTAIN + ABILITY

040 Best of Evil Das ist kein (schlechter) Witz: die traurige Realität der Modeindustrie in Zahlen. 042 Die große Chance Warum man Greta Thunberg nur dankbar sein darf – ein Kommentar von Stephan Huber. 044 „Nachhaltigkeit ohne Profite ist nicht nachhaltig“ Wichtige Fragen, schlaue Antworten – ein Salongespräch zur Nachhaltigkeit. 004

INTO THE BLUE

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SALVATION ARMY

065 Der perfekte Kreislauf Noch ist großflächiges Textilrecycling Utopie, das darf nicht so bleiben. 068 Die Idee vom grünen Store Internationale Beispiele an besonders innovativen und grünen Stores. 078 Grün oder grün gewaschen? Nachhaltigkeitsmythen im Check. 082 Unendliches Potenzial Damit es nicht bei einem Prozent Recyclinganteil in der Mode bleibt: die Pioniere. 085 Finden wir gut Labels, die mit Re- und Upcycling Furore machen.

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INHALT

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TAKING CARE

087 Ist Nachhaltigkeit ein Muss? Wird Luxus ohne grünes Gewissen funktionieren? Wir haben nachgefragt. 089 It’s the salary, stupid! Armutsbekämpfung schützt auch Kinder, weiß Buchautor Georg Wimmer. 090 Nachhaltigkeit ist eine Haltung Unternehmen kann man auch nachhaltig leiten – nicht nur zu PR-Zwecken. 093 „Ich suche nach kompromissloser Qualität“ Stefan Brandt ist ein Besessener: Von Qualität, und die impliziert auch Umweltschutz. 094 (K)Eine nachhaltige Masche Bei Strick bekommt Nachhaltigkeit eine weitere Dimension: Tierschutz. 100 „Die Kriterien der Siegel zielen oft auf die falschen Fragen ab“ Die Fashionchangers knöpfen sich den grünen Knopf vor. 101 Wer leitet an? Modehändler sind Wegbereiter: Wie sich das neue Bewusstsein am PoS manifestiert.

102 Female Future The Nim Standard hat mit seiner Frauenkollektion Erfolg. 103 „Wir wollen nichts mehr dem Zufall überlassen“ Better Rich auf Markenkurs.

MODE

108 Northern Lights Alles Gute kommt aus dem Norden.

VOR ORT

115 Imperfect Store. Mit Ecken und Kanten/Nürnberg 116 Premium Fashion auf dem Kiez. Ingrid Dörr/Heilbronn 118 Der Versteher. Daniel Thiel/Wiesbaden 119 Schöner wohnen, schöner kleiden. Gehmacher/Salzburg 120 Kleine Fläche, großer Auftritt. Loyale Fair/Stuttgart 121 Im Westen was Neues. Voo West/Berlin 122 Die Männer emanzipieren sich. Jades Men/Düsseldorf 124 Alles auf den Kopf gestellt. Stulz/Waldshut-Tiengen 126 Reload. Stereo MUC/München 127 Der Raum öffnet sich. Phänomen Fashion Luxury Loft/Luzern

128 EDITOR’S LETTER

Wer, was, wann, wie, wo? Und warum überhaupt?

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BERLIN

WER FLIEGT AUF TEMPELHOF? Ein mutiger Schritt – wer geht mit? style in progress hat Reaktionen zur neu geordneten Messelandschaft in Berlin eingefangen.

Text: Stefanie Buchacher, Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka, Nicoletta Schaper. Foto: finecki - stock.adobe.com

„Die deutsche Modewirtschaft braucht eine maßgebliche Modemesse von internationaler Bedeutung. Berlin-Tempelhof ist wie geschaffen dafür, die Kräfte zu bündeln, denn als attraktive Location mit hohem Kreativpotenzial wird die Modemesse Aussteller wie Besucher in ihren Bann ziehen.“ Marco Lanowy, Geschäftsführer von Alberto

„Nach Berlin gehen wir nicht mehr, da es für uns zu kommerziell und Berlin seine innovativen Ideen verloren hat. Gleichzeitig ist es unglaublich wichtig, sich auszutauschen, was wir auf dem Pitti, in Düsseldorf, der Tranoi oder der White tun. Deshalb sehe ich nicht unbedingt die Notwendigkeit von Messen in Berlin.“ Marina Bayat-Rogger, Geschäftsführerin Damen Phänomen

„Schade, dass es Berlin versäumt hat, nach der Müller-Bread & Butter Akzente zu setzen. Wir empfanden die Messestadt nur national von Bedeutung. Daher haben wir Abschied genommen und verlegen alle unsere Aktivitäten und Messekräfte nach Florenz.“ Michi Klemera, Gründer Luis Trenker

„Gut, dass Panorama und Selvedge Run erkennen, dass die Darstellungsformen verändert werden sollten, wenn auch die Hypothek mit Tempelhof hoch ist. Messen sind unser wichtigstes Kommunikationstool zum Handel und die Premium ist die relevanteste Veranstaltung für Mitteleuropa. Unsere Kunden sind zu Berlin deutlich positiver als früher eingestellt.“ Marco Götz, Inhaber Drykorn

„Berlin bleibt als deutsche Modehauptstadt für uns wichtig. Die Fashion Show nutzen wir als Image-Event, um die Kollektionen der Presse und Kunden zu zeigen. Neben unseren Kunden aus D-A-CH würden wir uns gerne auch einem internationaleren Fachpublikum präsentieren.“ Frank Rheinboldt, Geschäftsführer Gesamtvertrieb, Marketing & Design bei Marc Cain

„Tempelhof ist eine sehr gute Wahl. Erstens an Coolness kaum zu toppen und zweitens erinnern sich alle noch an den Spirit der Bread & Butter. Wenn jetzt noch die Premium nach Tempelhof käme, gebe es für keinen Händler Europas mehr einen Grund, nicht nach Berlin zu kommen.“ Jens Bastian, CSO/CMO Tam Fashion GmbH

„Die Messen sind wichtig, man sollte sie nicht kaputt reden. Was den Berliner Messen aber fehlt, sind Erlebniszonen oder Pleasure-Zonen, dafür müssten alternative Ideen her. Wir sind in einer coolen Branche, wir haben begehrliche Produkte! Das hinüberzubringen fehlt, seitdem es die BBB nicht mehr gibt.“ André Berger, Geschäftsführer Handstich

„Was in Berlin gerade läuft, finde ich nicht zeitgemäß. Dieses Durcheinander in der Preispolitik, das Konzeptchaos generell. Ich habe mich nach der letzten Messe entschieden, auch aus Gründen der Nachhaltigkeit gar nicht mehr hinzufahren. Stattdessen sehe ich großes Potenzial in B2B-Plattformen wie Joor. Neue Medien ermöglichen eine völlig neue Order.“ Valentino de Luca, Lucky de Luca und Barb’one 008

style in progress

„Der Umzug von Panorama und Neonyt ist ein positives Signal. Das Gelände ist emotional aufgeladen, bietet viele Möglichkeiten für Side-Events. Allerdings befürchten kleinere Aussteller höhere Kosten für die Teilnahme und den Standbau.“ Ute Naumann, Agentur Spice München


BERLIN

PREMIUM

1+1=11

Markt und Messen sind im Umbruch. style in progress hat Premium Chefin Anita Tillmann zu digitalen Formaten, Besucherfrequenz und dem Thema Nachhaltigkeit befragt. Interview: Kay Alexander Plonka. Foto: Boris Kralj

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urch die strategische Partnerschaft mit dem US-amerikanischen Wholesale-Netzwerk Joor hat die Premium Group nun auch eine digitale Plattform im Portfolio. Welche Vorteile bietet das den Besuchern und Ausstellern aus Europa? Mit Joor haben wir unser digitales Komplementär gefunden, um gemeinsam den Markt voranzutreiben und Brands und Einkäufern aus unserem Netzwerk den vereinfachten Eintritt in den US-Markt zu ermöglichen. Uns ist klar, dass nur Face-to-Face auf der Fläche die Brand-Identity vermittelt, verstanden und anschließend vom Handel entsprechend umgesetzt werden kann. Joor optimiert Orderabläufe und sorgt für Kosten- und Zeitersparnis. Key-Looks von der Messe können in der Onlineplattform eins zu eins gespiegelt werden. Nahezu alle großen internationalen Agenten nutzen die Plattform, wodurch unsere Aussteller die Möglichkeit haben, neue Märkte zu erschließen. Globale Netzwerke – online wie offline – waren nie wichtiger als während der momentanen gravierenden Markttransformation. Wie kann Berlin als Messestandort nach rückläufiger Besucherfrequenz wieder mehr Anziehungskraft auf nationale und internationale Einkäufer ausüben? Grundsätzlich ist das kein Berlin typisches Problem, ganz im Gegenteil. Anhand von zwei Beispielen kann man die rückläufige Besucherfrequenz ganz gut erläutern: Erstens ist das Umsatzvolumen heute auf insgesamt weniger Akteure im Retail verteilt. Das durchschnittliche Ordervolumen von Onlineplayern wie Zalando oder Net-A-Porter ist um ein Vielfaches höher, als das, was man früher mit vielen einzelnen Boutiquen und Stores erzielen konnte. Zweitens reisen die Einkaufsabteilungen der Departmentstores in viel kleineren Teams, um Kosten zu sparen. Zudem kann die Stadt Berlin im Vergleich zu anderen europäischen Messestandorten, wo in jeder Saison siebenstellige Beträge von der öffentlichen Hand zur Unterstützung bereitgestellt werden, nicht mithalten. Die Zugkraft wird nur über unsere Angebote und das Markenportfolio gesteigert. Wir als Messeveranstalter investieren jährlich sehr hohe Budgets ins Buyers Management. Dazu beschäftigen wir ganzjährig ein Team, das persönliche Kontakte zu den Einkäufern pflegt, auf- und ausbaut sowie Märkte und Sortimente analysiert und Stores besucht. Darüber hinaus ist die Mithilfe der Aussteller erforderlich, indem sie jeden Wunsch- und Bestandskunden aktiv einladen. Schwer nachvollziehbar ist nach wie vor, dass viele Händler ihr Verkaufspersonal immer noch nicht oder nicht mehr mit auf die Messen nehmen. Wie sollen denn Brandstorys auf den Flächen transportiert und über Marken, Macher oder Mode gesprochen werden, wenn Menschen nicht die Chance bekommen, das alles selber hautnah erleben zu dürfen? Marken und Messen geben sich Saison für Saison wirklich alle Mühe und wir bedauern sehr, dass der Handel diese Chance nicht im großen Stil nutzt, sein Personal zu schulen und zu motivieren. Das Nachhaltigkeitsbewusstsein hat sich rasant entwickelt. Von Primark bis Prada hat plötzlich jeder ein nachhaltiges Konzept. Wie muss verantwortungsbewusster Umgang mit Menschen und Ressourcen aussehen, wenn man es mit dem Thema Sustainability wirklich ernst meint? Jeder einzelne kann etwas tun, um unsere unmittelbare Welt positiv zu beeinflussen – vom Weglassen der Plastikverpa-

Marken live erleben, sich austauschen und vernetzen: Premium Gründerin Anita Tillmann sieht die Rolle einer Messe heute differenzierter.

ckung bis hin zur Reiseplanung. Der Stand der Dinge ist erschreckend. Es ist fünf nach zwölf. Jeder der sich objektiv informiert, muss handeln, so gut er kann. Das Thema Responsible und Sustainable Future und der Ruf der Jugend kommt uns allen zu Gute. FFF ist die größte Jugendbewegung seit Ende der 1960er-Jahre. Wir versuchen seit einigen Saisons Plastik zu vermeiden. Es werden nur nachhaltige Deko-Elemente verwendet. Darüber hinaus bieten wir Ausstellern die Möglichkeit, ihre Stände bis zur nächsten Saison einzulagern, um sie erneut verwenden zu können, auch wenn dadurch mehr Kosten für uns entstehen. Wir versuchen mit gutem Beispiel im Alltag voranzugehen, sowohl in unserem Office als auch auf den Messen. Angefangen hat das 2007 mit einer Green Area, wo wir Symposien und Think Tanks mit Gästen wie Kathrin Hamnett, Adriano Goldschmid, Francois Girbaud und der Politikerin Renate Künast veranstaltet haben. Unter der Schirmherrschaft von Pharell Williams haben wir 2013 gemeinsam mit Parley for the Oceans ein großes Forum organisiert, bei dem u. a. Bionic Yarn vorgestellt wurde, das danach bei G-Star und Adidas zum Einsatz kam. Unter dem Motto 1+1=11 connecten wir heute nicht nur Brands und Retailer, sondern auch die Brands untereinander. Wir fördern den Austausch, damit große und kleine Marken handlungsfähig sind. Dabei geht es um Themen wie Infrastruktur, Kontakte und Knowledge. Und neben neuen Marken präsentieren sich viele altbekannte Player wie Gant oder Liu Jo, die den Schritt hin zu mehr Sustainability gewagt und sich neu aufgestellt haben, indem sie innerhalb ihrer Strukturen viel geändert oder sogar schon vollständig umgestellt haben. Wir wollen immer mehr Marken in diese Richtung bewegen und deshalb ist es uns wichtig, viel Content zu dem Thema an den drei Messetagen anzubieten. Auf der Premium wird es wieder Think Tanks geben, bei denen schon letzte Saison Brands wie Ecoalf, Boyish Jeans oder auch Armedangels aktuelle Themen diskutiert haben. Auf der Seek haben wir mittlerweile über 80 Brands, die sich zu dem Thema sehr erfolgreich präsentieren, und die Zahl wächst. style in progress

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BERLIN

PANORAMA & SELVEDGE RUN

UMZUG

Auf dem stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof werden Panorama und Selvedge Run vom 14. bis 16. Januar 2020 im Hangar 5 und 6, zeitgleich mit der Neonyt Messe für Mode, Nachhaltigkeit und Innovation stattfinden. style in progress hat mit CEO Jörg Wichmann über die Zukunftsaussichten der Panorama in der neuen Location gesprochen. Interview: Kay Alexander Plonka. Foto: Panorama

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as Motto der ersten Panorama in Tempelhof heißt „Rebel with a cause“. Es soll auch die konventionelle Messe in Frage stellen. Wie soll also Messe in Zukunft aussehen? Händler müssen Kunden überraschen, um sie vom Sofa in den Store zu bringen. In Zeiten von Warenüberfluss zählen Haltung und Werte mehr denn je. Und die gilt es zu vermitteln. Der Konsument und seine Bedürfnisse müssen vom Handel verstanden werden. Es gibt viele Beispiele, wo das sehr gut vorgemacht wird. Wir verstehen uns ebenfalls als Gastgeber und unsere Aussteller müssen als Co-Gastgeber fungieren. Ziel ist es, die Besucher mit der Inszenierung zu überraschen und das Momentum und die Themen abzubilden, die für die Energie und die Dynamik des Marktes relevant sind. Statt Plattform zu sein, wo Limit-Gespräche geführt werden, wollen wir Lust auf neues Business machen und die Händler motivieren, nach Berlin zu kommen. Wie kann Berlin wieder mehr Anziehungskraft auf nationale und internationale Einkäufer ausüben? Bei unserem Start im Jahr 2013 hat es noch über 25.000 Multibrandstores gegeben, heute sind es etwa noch 16.000 solche Läden – unsere Besucherzahlen sind also entgegen dem Trend gewachsen. Wichtig ist, dass aus dem Messebesuch ein Inspirationserlebnis entsteht, welches sich auf den PoS übertragen lässt. Kollektionen kann man im PDF oder im Showroom sehen, wir wollen dazu beitragen, neue Formate zu entwickeln. Ein Beispiel ist das Brand Village, welches wir unter dem Dach des offenen Flugvorfeldes präsentieren werden. Ein agiles und mobiles Format, mit dem es denkbar wäre, in Form einer Road Show in Zusammenarbeit mit Marken und Händlern Aktionstage in unterschiedlichen Städten zu veranstalten, um so der Pop-up-Kultur und dem Wunsch nach Events Rechnung zu tragen. Worauf basiert Ihre These, dass 50 Prozent der heute im stationären Handel vertretenen Marken in zehn Jahren nicht mehr existieren werden, und was raten Sie Marken und Multilabelstores, um zu überleben? Blickt man auf die letzten zehn Jahre zurück und vergleicht das dann mit der Situation, wer heute schon nicht mehr am Markt ist, kann man sich ungefähr ein Bild davon machen, wie sich Verkaufskanäle neu sortieren und welche Marken weiter an Relevanz verlieren. Zudem haben sich immer mehr Vertikalanbieter etabliert und auf den High Streets ausgebreitet, Haltbarkeitszyklen von Produkten haben sich dramatisch reduziert und es werden noch mehr neue Handelsformate entstehen. Um die Kunden weiterhin zu begleiten, muss auf

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style in progress

Der Umzug nach Tempelhof ist für Jörg Wichmann nur ein Puzzlestein in der Neuausrichtung der Panorama Berlin. „Um die Kunden weiterhin zu begleiten, muss auf der Fläche einiges passieren“, sagt der CEO der Panorama über den Wandel im Handel.

den Flächen einiges passieren. Es reicht nicht, zu verstehen, wie ein Kunde, der 1980 mal jung war, heute sozialisiert ist. Dazu braucht es Anreize, ehrliche Themen, reale Produkte, Entschleunigung und nicht noch mehr seelenlose Billigware, die dann über noch spektakulärere Reduktionen in den Markt gepumpt wird. „Stillstand ist Rückschritt“ und „Immer weiter so“ funktioniert nicht mehr, sagen Sie. Warum bezieht die Panorama dann den ehemaligen Flughafen Tempelhof, auf dem die BBB schon 2009 ihre Rückkehr aus Barcelona gefeiert hat und 2014 dann doch von der Bildfläche verschwand? Tempelhof ist der ideale Standort für eine Modemesse. Der ehemalige Flughafen ist positiv mit Emotionen besetzt. Das haben Industrie und Handel mir in vielen Gesprächen bestätigt. Es geht darum, ein Umfeld und einen Kontext zu schaffen, mit dem die Neuausrichtung der Panorama zu einem innovativen und relevanten Format werden wird, das die Branche in die nächste Dekade begleitet.


BERLIN

NEONYT & FASHIONSUSTAIN

SCHULTERSCHLUSS

Kommentar

MIRROR, MIRROR ON THE WALL ...

Der Hangar 4 des stillgelegten Berliner Flughafens Tempelhof wird die neue Location der Neonyt Messe für Mode, Nachhaltigkeit und Innovation vom 14. bis 16. Januar 2020, die dort zeitgleich mit Panorama und Selvedge Run stattfinden wird. style in progress hat mit Thimo Schwenzfeier, Show Director Neonyt & Director Marketing Communications Messe Frankfurt, über neue Möglichkeiten für den Messestandort Berlin gesprochen. Interview: Kay Alexander Plonka.

Ein paar Anmerkungen zur aktuellen, aber eigentlich ewigen Debatte über Bedeutung und Berechtigung von Modemessen im Allgemeinen und zum Standort Berlin im Besonderen. Von Stephan Huber.

Foto: Messe Frankfurt

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elche neuen Möglichkeiten ergeben sich durch den Umzug nach Tempelhof? Erstmals können wir dadurch eine der coolsten und begehrtesten Locations Berlins bespielen, und zwar komplett ebenerdig. Im Kraftwerk hatten wir ja zuletzt alle drei Ebenen belegt und waren bereits an gewisse Kapazitätsgrenzen gestoßen. Außerdem haben uns die Säulen im Kraftwerk immer etwas zu schaffen gemacht, auch das fällt jetzt weg. Alle Labels werden auf einer Fläche mit freien Sichtachsen ausstellen können. Einen gewissen Vorteil in Sachen Besucheranziehung versprechen wir uns natürlich durch die Nachbarschaft mit Panorama und Selvedge Run. Zuletzt hieß es ja öfters, die Händler kommen aufgrund der weiten Wege nicht nach Berlin. Diese Ausrede fällt nun weg. Nach Frankfurt, Berlin und New York treibt die Messe Frankfurt mit zwei weiteren Ausgaben in Los Angeles und Schanghai die Internationalisierung der Konferenz Fashionsustain zur Neonyt weiter voran. Wie profitiert Berlin davon? Berlin ist der Nukleus für Neonyt und Fashionsustain, aber die internationalen Beziehungen helfen uns sehr bei der Etablierung von Themen und neuen Kooperationspartnern aus dem Ausland. Im Januar werden wir beispielsweise mit einer großen, internationalen Foundation zusammenarbeiten, deren Interesse neben Berlin insbesondere auch der asiatische Raum ist. Außerdem können wir unseren Labels und Partnern aus Berlin einen Zugang zu internationalen Märkten verschaffen. Spannend ist auch, dass bei den internationalen Ausgaben der Fashionsustain immer die Frage nach dem Status quo Berlins kommt. International wird die Berlin Fashion Week deutlich positiver und auch progressiver wahrgenommen als hierzulande. Wie kann Berlin als Messestandort mit den wohl am meisten nachhaltig agierenden Ausstellern weltweit künftig noch mehr Anziehungskraft auf internationale Einkäufer und Presse ausüben? National gesehen sollten wir endlich selbstbewusst klar machen, wie relevant Berlin thematisch und inhaltlich ist. Ja, es gibt konzeptionelle Kritikpunkte, aber in Sachen Business, Themen und Kontakte kann kaum ein internationaler Standort Berlin das Wasser reichen. Schon gar nicht, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Dieser Schulterschluss bezieht alle Beteiligten mit ein – Messemacher, Aussteller, Besucher, aber auch Politik lokal und national sowie die Medien. Denn Berlin ohne Fashion Week will sich, glaube ich, keiner vorstellen. International geht es in eine ähnliche Richtung, die Relevanz gerade in Sachen Nachhaltigkeit und Technologie bzw. Digitalisierung muss herausgestellt werden. Kein anderer Standort weltweit bietet diese Fülle an Informationen, Produkten und Konzepten. Dazu gehört dann aber auch ein koordiniertes und politisch unterstütztes internationales Besuchermarketing. Hier sind uns selbst Standorte wie Kopenhagen oder Amsterdam voraus.

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Von Tempelhof erwartet sich die Neonyt Synergieeffekte. Sie selbst schafft mit der Internationalisierung des Tagungsformates Fashionsustain internationale Kontakte für ihre Aussteller.

Messen waren und sind das Abbild einer Branche und somit auch Abbild der Stimmung, der Vitalität und Dynamik einer Branche. In einer Phase der radikalen Veränderung, in der viele Marktteilnehmer noch darum ringen, den für ihr Unternehmen passenden Umgang mit dieser Veränderung zu finden, bilden Messen eben auch genau das ab. Das ist eigentlich inhaltlich sehr spannend und lehrreich. Es verlangt aber einen anderen Zugang.

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Vielleicht müssen wir darüber nachdenken, ob es heute noch angemessen ist, den Ausstellern, also der Industrie, beinahe die gesamten Kosten einer gemeinsamen Plattform aufzubürden, zu der alle beitragen (sollten), aber eben auch alle profitieren.

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Aktion ist immer besser als Reaktion. Früher war früher.

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Der Standortfaktor Berlin hat sich völlig gedreht. Wo man einst überall den fiebrigen, jungen Puls einer neuen Zeit zu ertasten meinte, denken heute die meisten an eine ewige (politische) Baustelle. Das ist zwar nicht wirklich fair, aber zutiefst menschlich.

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Ich wiederhole mich: Nachwuchs, Azubis, Youngsters … Nehmt sie mit, schickt sie raus, lasst sie lernen und lernt von ihnen!

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Die klassische Mode­messe ist tot wie Monty Pythons Papagei. Die Zukunft gehört interdisziplinären, hybriden Plattformen. Wir sollten alle unseren Beitrag dazu leisten.


JETZT

JETZT

Marc O’Polo

Es grünt so grün Marc O’Polo beschäftigt sich seit Gründung mit natürlichen Fasern. Jetzt erweitert die Marke ihr Angebot aus Biobaumwolle für Frauen und Männer. „Mit der Entscheidung, die Modern Organic Products über verschiedene Produktgruppen hinweg deutlich auszubauen, wollen wir unser nachhaltiges Handeln weiter vorantreiben“, so Susanne Schwenger, CPO von Marc O’Polo, über die Beweggründe. Die Maßnahme trifft auch bei den Partnern auf Gegenliebe. „Wir konnten unser Produktionsvolumen an Teilen aus Biobaumwolle mit Abschluss der Order für Herbst/ Winter 2019 im Vergleich zur Spiegelsaison nahezu verdreifachen.“ Gleichzeitig ist Grün auch das Motto der diesjährigen Weihnachtsaktion. Statt zu nehmen, will Marc O’Polo der Natur zurückgeben: Für jeden bis Ende Dezember verkauften Artikel der X-Mas Collection lässt das Label gemeinsam mit plant-for-the-planet.org einen Baum pflanzen. Über 60.000 Artikel wurden in der Vororder bereits verkauft, das Ziel sind 100.000 Bäume. www.marc-o-polo.com

Let Love Grow! Marc O’Polo wird für jedes verkaufte Teil der X-Mas Collection einen Baum pflanzen und baut generell sein Biobaumwollangebot signifikant aus.

Lightning Bolt

Act Local Wird es in Zukunft unerlässlich sein, als Modemarke nachhaltig zu agieren? Sandra Gonçalves, CEO Lightning Bolt: Was wir heute tun, tun wir für morgen; es gibt keinen anderen Weg. Wir glauben, dass unsere Bemühungen eine Welt schaffen werden, die den Fortbestand künftiger Generationen sichert. Was heißt das für Lightning Bolt? Seit der Gründung 1971 steht Lightning Bolt für umweltbewusste Botschaften, wie „Keep This Land Beautiful“ oder „Rip the Waves, Not the Beaches“. Diese Botschaften sollen keine Worthülsen sein, sondern wir sind tatsächlich sehr bestrebt, den ökologischen Fußabdruck unserer Aktivitäten zu minimieren. Das bedeutet, dass wir unsere Premiumprodukte für den bewussten Verbraucher lokal in Portugal fertigen, wodurch wir Langstreckentransporte vermeiden. Made in Portugal ist ein Symbol für Qualität und bedeutet auch, dass das Produkt sozial und ökologisch verantwortungsbewusst hergestellt worden ist. Als Marke der TMG Gruppe zählen wir außerdem zu den führenden Textilunternehmen, deren Qualitätsprozesse und Managementsysteme nach internationalen Normen zertifiziert wurden, darunter auch Öko-Tex. Aktuell bringen wir eine neue Kollektion heraus, die aus Biobaumwolle und recyceltem Polyester besteht. Die Biobaumwolle ist nach biologischen Standards produziert und zertifiziert, um die Gesundheit von Böden, Ökosystemen und Menschen zu erhalten, und die Verwendung giftiger Chemikalien oder genetisch veränderter Organismen zu vermeiden. Das Polyester stammt aus zertifiziertem upcycled marine plastic, also aus Plastikabfällen der Meere. Denn es ist uns ein besonderes Anliegen, unsere Ozeane und Strände frei von Abfall zu halten.

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Man kann auch mit Boardshorts ein Statement machen: Lightning Bolt steht seit der Gründung für umweltbewusste Botschaften.


JETZT

Daniel Thiel Wiesbaden x Magnwall

Visual Merchandise

Neue Impulse am PoS setzen: Der Wiesbadener Modehändler Daniel Thiel und das deutsche Start-up Magnwall haben dafür gemeinsame Sache gemacht. Während des Saisonstarts im September sorgten die elektrifizierten Displaysysteme von Magnwall für Aufsehen. Der Clou an diesem System ist, dass es kabellos ist – und damit viel unabhängiger im Laden oder Schaufenster positioniert werden kann. „Videos und Bewegtbild scheitern in vielen Läden daran, dass es sehr kompliziert ist, Screens zu installieren oder immer wieder an neuen Orten zu positionieren. Daher hat mich das System von Magnwall überzeugt“, sagt Daniel Thiel. „Ich beobachte, dass die Kunden länger bleiben, sie interessiert, was wir auf den Magnwalls zeigen.“ www.danielthiel-wiesbaden.de

Magnwall heißt ein Start-up für elektrifizierte Displays ohne Kabel, Raster oder Akkus: Daniel Thiel in Wiesbaden zeigt, wie der Einsatz im Modehandel aussehen kann.

Klare Linien und hochwertige Materialien zeichnen die nachhaltige Contemporary-­ Kollektion von True Standard aus. ©Julia Haack

Blauer USA

Kompromisslos und nachhaltig

True Standard

Respekt für Mensch und Umwelt Das Bamberger Modelabel True Standard wurde im Januar 2019 von Bernd Keller, ehemals Vorstand von Marc O’Polo und Kreativdirektor von Hugo Boss, Puma und Adidas, gegründet: „Wir tragen dazu bei, was wir können, um Verantwortung für unseren Planeten zu übernehmen. Faire, innovative und zeitlose Mode für Frauen und Männer ist das, was wir anstreben. Jedes Teil ist nachhaltig entwickelt, entweder vegan, recycelt, organic oder lokal produziert.“ Gefertigt wird bei ausgewählten Partnern in Deutschland, Italien und der Türkei. Die Preislagen reichen von 69 Euro für T-Shirts über Hosen, Kleider und Strick ab 179 Euro bis hin zu Blazern und Mäntel ab 299 Euro. Händler können seit Ende August ordern. Ab Februar 2020 ist die Kollektion offiziell auch im stationären Fachhandel erhältlich. Den Vertrieb hat die neu gegründete Handelsagentur True Agents von Wolfgang Paulisch und André Salzmann übernommen. www.truestandard.de

Diese Jacke von Blauer USA ist aus dem recycelten patentierten Material Repreve gefertigt, die vollständig aus einem lebensmitteltauglichen Kunststoff hergestellt wird – und damit ohne den Schadstoff Bisphenol.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie und für Blauer USA? Enzo Fusco, Geschäftsführer und Gründer FGF Industry: Das Thema Nachhaltigkeit ist für uns sehr gegenwärtig, es ist aktueller denn je. Unsere Kunden sind zunehmend sensibilisiert und setzen sich vermehrt für die Umwelt ein. Das wollen wir auch tun: Wenn dies die Zukunft ist und wir die Welt retten müssen, sind wir uns dieser Verantwortung bewusst. Wie setzen Sie das konkret um? Die Verwendung nachhaltiger Materialien ist der erste Schritt zu einer nachhaltigen Produktion. Vor drei Jahren haben wir mit einem Gewebe aus recycelten Flaschen sowie mit Ökodaunen und Nylon begonnen. In naher Zukunft werden wir recycelte Baumwolle und Cashmere in unseren Kollektionen verwenden. In all diesen Bestrebungen folgen wir unserem Motto, in puncto Qualität keine Kompromisse einzugehen. Unsere Bekleidung soll langlebig sein, in ausgezeichneter Qualität und technischer Perfektion.

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JETZT

Die strategische Ausrichtung und das Ausstellerportfolio der Munich Fabric Start sind in puncto Nachhaltigkeit bereits auf der Höhe der Zeit. Managing Director Sebastian Klinder gibt Einblick in den Status quo.

Munich Fabric Start

Saubere Zukunft

Wie und in welchem Maße bildet die Munich Fabric Start das Thema Nachhaltigkeit ab? Sebastian Klinder, Managing Director Munich Fabric Start: Wir haben uns bereits sehr früh mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt und haben damals das Keyhouse eröffnet, um hier einen exklusiven und ganz speziellen Raum für Zukunftsthemen zu schaffen. Wir bieten mit Sustainable Innovations eine Area, die informiert und emotionalisiert, die ein breites Spektrum unterschiedlicher Sicht- und Denkweisen aufzeigt. In der erneut ausgeweiteten ReSource Area geben wir mit über 600 lizenzierten Stoffen und Zutaten sowie Verpackungslösungen einen qualifizierten Überblick über das Marktangebot mit gezieltem Herstellerverweis. Alle präsentierten Artikel sind ganzjährig über unsere Sourcing-Plattform zu beziehen. Ergänzend dazu stehen in unabdingbarem Zusammenhang Technologie und Digitalisierung, die Produktionsprozesse vereinfachen und Lösungsalternativen für Problemstellungen leisten. Beim HighTex Award geht es um intelligente Prozesslösungen, Biotech, Digitalisiserung und Sustainable Innovations. Welche besonders nachhaltigen Highlights wurden in diesem Jahr ausgezeichnet und warum? Der HighTex Award ist Teil eines gesamtkonzeptionellen Ansatzes der Munich Fabric Start. Dieser Innovationspreis ist Anerkennung für hervorragende Leistungen und als Motivation für neuartige Prozesslösungen. Er ist ein nachhaltiger Beitrag für eine saubere Zukunft und einen bewussten Umgang mit Ressourcen dank innovativem Materialeinsatz. Ausgezeichnet wurden aktuell RDD Textiles aus Portugal für eine beidseitig einsetzbare Jersey-Qualität mit einer neuen Bonding-Technik über einen umweltbewussten mechanischen Prozess ohne zusätzlichen Klebstoff. Platz zwei belegte M.T.T. Spa Manifattura Tessili aus Italien für eine Wollqualität mit 14 Prozent Polyamidanteil. Für einen hohen Modegrad sorgt ein grafischer PU-Print in technisch ästhetischem Vinyl-Look. Den dritten Platz sicherte sich Brugnoli, ebenfalls aus Italien, mit einem hoch funktionalen Drei-Layer als Soft-Shell-Qualität unter Verwendung von biobasiertem Polyamid und extra feiner Merinowolle. Welche Maßnahmen ergreifen Sie als Munich Fabric Start ganz konkret, wenn es um Nachhaltigkeit geht? Seit Jahren investieren wir in hochwertige, langlebige Messe­ bausysteme. Ein großer Teil des Strombedarfs wird aus der Solaranlage auf den Dächern der Veranstaltungslocation gewonnen. Im gesamten Ausstellungskomplex befinden sich vorwiegend LED-Lampen. Die Teppichböden werden nach der Messe gereinigt und recycelt. Um die Bodenbeläge gegen Aufbauschmutz zu schützen, benutzen wir ausschließlich sehr dünne und auf Papier basierende Schutzfolien. Bei den Trendforen arbeiten wir möglichst mit recycelbarem Holz. Wir verwenden grundsätzlich Acrylfarben ohne Lösungsmittel. Im Cateringbereich achten wir auf regionale Produkte und bei der Getränkeausgabe auf wiederverwertbare Glasflaschen. Die Besucher- und Aussteller-Badges sind biologisch abbaubar. Durch unseren dicht getakteten Shuttle-Service reduzieren wir die Anzahl der individuellen Anfahrten. View Premium Selection, 3. und 4. Dezember 2019, www.munichfabricstart.com

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CORDED VELVET KNIT

philpetter.com

#philpetterknitwear

Edler Strick aus der Dornbirner Strickmanufaktur seit 1973

MÜNCHEN | DÜSSELDORF | HAMBURG | WIEN | NEW YORK | TOKYO | TORONTO | ZÜRICH #97 PITTI IMMAGINE UOMO Firenze 7-10 Jan 2020


JETZT

Seek

#Fashiontech Berlin

Neue Impulse

Neue Location

Die Seek wird neu positioniert und bekommt einen neuen Markenkern. „Seek ist das Messeevent für die Fashion Community, die weiß, wo es langgeht, die Umsatz anregt und die neue Generation von Entscheidern trifft“, sagt Anita Tillmann, Managing Partner der Premium Group. „Je digitaler die Welt wird, umso entscheidender ist der Face-to-Face-Touchpoint. Messen sind wichtiger denn je. Unser Ziel ist es, dass jeder Aussteller und Besucher mit den richtigen Themen konfrontiert wird, daraufhin relevante Kontakte macht und mit neuen Ideen nach Hause geht.“ Genau wie bei der Premium stehen die drei Hauptthemen Sustainable/Responsible Future, Digitalisierung der Modeindustrie und Retailexperience im Fokus. Tillmann erklärt: „Relevante Marken tun alles, um Kundenloyalität zu pflegen und neu aufzubauen. Sie hinterfragen sich ständig und definieren sich innerhalb ihrer Möglichkeiten und ihrer Welt immer wieder neu. Erfolgreiche Marken zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich engagieren, überraschen und mit allen Beteiligten connecten. Sie müssen begeistern, alte Strukturen durchbrechen und Neues in Produkt und Konzept liefern. Das gleiche gilt natürlich auch für Seek und Premium. Wir stehen als B2B-Marken vor denselben Herausforderungen und tragen Verantwortung gegenüber unseren Ausstellern und Besuchern. Vor drei Saisons wurde die Premium aufwändig neu konzipiert und weiterentwickelt – das war nicht einfach, aber erfolgreich. Für das Ökosystem der Mode sind Seek und Premium die wichtigsten Businessplattformen in Europa. Hier werden langfristig Partnerschaften geschlossen und neue Impulse gesetzt.“ 14. bis 16. Januar 2020, www.seekexhibitions.com

Um den Teilnehmern den Besuch zu vereinfachen, zieht die #Fashiontech Konferenz in die unmittelbare Nähe der Premium an der Station Berlin und bündelt damit zwei Formate an einem Standort. In den Masterclasses und auf der Ausstellungsfläche werden wieder diverse E-Commerce- und Retail-Lösungen vorgestellt, mit Partnern wie Telekom Fashion Fusion, About You Cloud, Mode Handel Tracker und DHL. Die Liste der Redner ist bereits prominent besetzt. „Wir haben Zusagen von Speakern wie Andrea Baldo, CEO Ganni sowie Markus Reckling, CEO von DHL und Matthias Nebus, Co-Founder MyBudapester, die gerade ihren ersten Sneaker gemeinsam mit Hikmet Sugoer von Sondra auf den Markt gebracht haben. So dreht sich auch in dieser Saison alles um neue Kooperationen. Die Besucher können sich von Trends und Best Cases inspirieren lassen, die neuesten Technologien selbst ausprobieren und letztendlich gutes Business machen“, erklärt Anita Tillmann, Managing Partner der Premium Group. Außerdem werden im Rahmen der #Fashiontech Berlin während der Seek in der Arena in Kreuzberg weitere Talks zu Themen wie Brandbuildung, Social Media oder Gaming initiiert, die eigens auf die Zielgruppe abgestimmt sind. Für Aussteller und Einkäufer ist der Eintritt kostenlos. www.fashiontech.berlin

Diesmal direkt an der Premium: die #Fashiontech Berlin.

Strenesse

Toepfer übernimmt den Vertrieb

Eine Messe, eine Community – die Seek wird von Besuchern und Ausstellern gleichermaßen geschätzt.

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style in progress

Im Rahmen der Restrukturierung des Modeunternehmens Strenesse ist eine weitere richtungsweisende Entscheidung gefallen: Ab sofort übernimmt die Vertriebsagentur Toepfer GmbH & Co. KG in Düsseldorf den B2B-Vertrieb in den Regionen Deutschland, Österreich und Schweiz. „Das Produktspektrum der Agentur und die damit verbundene Vertriebskompetenz, die das Team um Udo Toepfer mitbringt, stellt den idealen Partner für die Weiterentwicklung der Marke Strenesse dar“, so das Management von Strenesse. In Nördlingen will man sich auf die Kernkompetenzen in der Produktentwicklung fokussieren. Die Restrukturierung im Rahmen der Eigenverwaltung ist bereits sehr weit fortgeschritten und Strenesse für die Zukunft stabil aufgestellt, so das Management. www.strenesse.com

Den Vertrieb der Marke Strenesse für D-A-CH übernimmt ab sofort die Agentur Toepfer.


PREMIUM is elegant, c o n t r a s t y, b i g a n d imposing. Global players represent themselves there next to newcomers from all segments. For the fashion market, PREMIUM is the most important businessplatform in Europe for women and men. D e e p l y r o o t e d p a r t n e rships are made and maintained here as well as new impulses.

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JETZT

Hotspot: Die szenige Industrielocation des Areals Böhler bietet eine stimmige Kulisse für konzentriertes Arbeiten.

Gallery Fashion – Showroom-Concept

Die Zeit der Agenturen

„Was vor acht Saisons mit einem Teilbereich auf dem Areal Böhler begann, ist zum Hotspot für Topagenturen und hochwertige Brands geworden“, sagt Ulrike Kähler, Geschäftsführerin Igedo Company, Projectdirector Gallery Fashion und Gallery Shoes zu ihrem Showroom-Concept. „Diese in sich geschlossene Area für Handelsagenturen ist eine absolute Novität in der europäischen Messelandschaft.“ Von Anfang an wird das Showroom-Concept von Agenturen wie Norbert Klauser, D-Tails oder Moderaum Fischer und Fashion 22 Agency als Alternative zu temporär gemieteten Showrooms in Düsseldorf genutzt. Die szenige Industrielocation mit 12.000 Quadratmetern mit 800 Marken spricht an; die voll ausgestatteten Messestände und der Shuttle-Service tun ihr übriges. Dass der Plan aufgeht, zeigt das wachsende Ausstellerportfolio, weshalb sich das Showroom-Konzept mittlerweile auf drei Hallen erstreckt. Darunter sind weitere namhafte Agenturen wie Wunschnaht, Knallgrau und Celine Klauser sowie 04651 A trip in a bag, Edward Copper und Café Noir. Ulrike Kähler: „Das große Inter­esse bestätigt uns, dass wir die Zeichen der Zeit für Agenturen und hochwertige Labels richtig eingeschätzt haben.“ Gallery Fashion: 25. bis 27. Januar 2020, Gallery Shoes: 8. bis 10. März 2020, www.gallery-duesseldorf.com

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Fixpunkt

Für uns bietet die Gallery Fashion die perfekte Nutzung eines temporären Showrooms. Als fixer Anlaufpunkt garantiert sie unseren Handelskunden Kontinuität. Wir können auf der Gallery Fashion fast alle Ordertermine unserer Handelskunden aus dem Norden und der Mitte Deutschlands für die Damenkollektion von Circolo 1901 wahrnehmen. Pro Saison führen wir dort rund 80 Gespräche mit unseren Kunden, die auch feste Orders bei uns platzieren. Das alles in nur fünf Tagen, das ist ideal!“ Michael Brockmann, Geschäftsführer Agentur Heritage Agents

Aus Überzeugung

Wir sind von Anfang an dabei, weil wir überzeugt sind. Dort haben wir alle Termine mit unseren Kunden aus West-, Nord- und Mitteldeutschland, die auch alle dort hinkommen, ohne Terminausfälle. Wer einmal einen Parkplatz nahe Kaiserswerther Straße gesucht hat, weiß zu schätzen, dass er bei der Gallery direkt vor den Hallen parken kann. Mir gefällt der authentische Fabrikcharakter und dass das Agenturportfolio immer besser und größer wird. Je mehr da sind, desto mehr Sinn für alle Beteiligten.“ Dominik Meuer, Geschäftsführer Hinterhofagentur

Service

Ich mag den engen Kontakt zu den Veranstaltern, denen es auch gelungen ist, Key-Player wie Heritage Agents und 04651 A trip in a bag zu überzeugen, auf der anderen Rheinseite auszustellen. Sie sind immer offen für Fragen und Kritik und der Service beginnt bereits, wenn man auf das Gelände kommt. Wie unsere Kunden mögen wir das Flair des Areals, aber immer noch ist es eine Challenge, jemand dorthin zu bewegen. Viele denken, dass die wichtigsten Showrooms in der Kaiserswerther Straße seien. Dabei bietet die Gallery Fashion die Gelegenheit, auch Neues zu sehen, ohne Verpflichtung zum Kauf.“ Gabi Heininger, Geschäftsführerin Agentur Heininger


SU P ER FIT

CH I N O

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JETZT

American Vintage

Antreten, um zu gewinnen

Als regionale Orderplattform ungebrochen erfolgreich: Supreme in München und Düsseldorf.

Supreme

Dialog und Wertschätzung Die geänderte Tagesabfolge der Supreme Women & Men in Düsseldorf wird fortgesetzt. „Viele Einkäufer sind schon in der Woche vor der Supreme in Düsseldorf unterwegs, da der Freitag definitiv stärker als der weggefallene Dienstag war, weil viele Aussteller zusätzliche Termine vereinbaren konnten. Für uns stehen Dialog, Service und Erleichterung von Abläufen im Fokus. Nachhaltigkeit bedeutet für uns Wertschätzung. Und dazu gehört auch sich wohl zu fühlen“, erklärt Mirjam Dietz, Business Development & Communications bei The Supreme Group. „Neben zahlreichen Einkäufern aus Russland verzeichnen wir in Düsseldorf immer mehr Einkäufer aus der Schweiz und den Benelux-Ländern. In München zählen wir in den letzten Saisons verstärkt Einkäufer aus Österreich, neben Einkäufern aus ganz Deutschland.“ Besonders treue Besucher werden mit der Supreme Goldcard wert geschätzt und haben damit Zutritt zu den Business-Lounges. Am Messemontag wird in Düsseldorf unter dem Titel Fashion Match eine Kooperation mit NRW International stattfinden. Bei diesem Networking-Event mit komprimierten Kollektionspräsentationen in der Supreme Homebase vor dem Gebäude bekommen Händler, Distributeure, Agenten und Designer die Möglichkeit, sich persönlich kennen zu lernen und auszutauschen. Supreme Women & Men, Düsseldorf: 24. bis 27. Januar 2020, München: 8. bis 11. Februar 2020, www.thesupremegroup.de

„We play because we wanna win.“ Dieses Motto hat die Contemporary Brand American Vintage für sich ausgegeben. Seit August 2019 verantwortet Martina Schmidl als Worldwide B2B Director die neue Großhandelsstrategie. Ein 30 Mitarbeiter zählendes Team und zehn Partner in 26 Ländern hat zum Ziel, American Vintage weiter zu stärken. 170 eigene Stores, 420 Händler in D-A-CH, 400 PoS in Frankreich und weitere 600 Händler weltweit stehen bei der Strategie im Mittelpunkt: „Es geht um die richtige Einstellung und den Fokus“, fasst Martina Schmidl ihre Sichtweise zusammen. Mit der Taktung, angepasst an die Verkaufssaison, und größtmöglicher Flexibilität ist American Vintage für viele Händler eine wichtige Säule in ihrem Sortiment geworden. Das Sales-Team D-A-CH leitet ab sofort Ender Sahin. www.americanvintage-store.com

Die historische Holzrutsche, ein Kinderkarussell und internationale Designermode en miniature – in der umgebauten Kinderabteilung von Lodenfrey am Dom wird Erleben groß geschrieben.

Lodenfrey

Kinderparadies Die legendäre Holzrutsche, die über die Treppe ins nächste Halbstockwerk führt, ein buntes Kinderkarussell, das das Flair längst vergangener Zeiten aufleben lässt, und ein edler Kicker aus dunklem Holz. Dazwischen eine großzügige Verkaufsfläche und stilvoll arrangierte Mode für die Jüngsten – vom Baby bis zum Teenager. Was sich wie eine Mischung aus Kindergeburtstag und Boutique anlässt, ist das Ergebnis eines umfassenden Umbaus. Lodenfrey am Dom ist für sein Haus in bester Münchner Innenstadtlage bekannt. Statt Stillstand forciert das Traditionsunternehmen die Weiterentwicklung. Davon profitiert auch die Kinderabteilung: Die 700 Quadratmeter große Fläche im vierten Stock präsentiert sich in neuem Look. In fünf Stilwelten finden Besucher das Sortiment von Lodenfrey en miniature: exklusive internationale Designerlabels, eine kleine Trachtenabteilung, Wäsche, Sportmode und Accessoires. www.lodenfrey.com

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Martina Schmidl leitet ab sofort den weltweiten Vertrieb von American Vintage, ihre Rolle im Sales-Team D-A-CH übernimmt Ender Sahin.


FA S H I O N

January 25 – 27, 2020 Showroom Concept January 24 – 28, 2020

March 8 – 10, 2020

AREAL BÖHLER

AREAL BÖHLER DÜSSELDORF

GALLERY-DUESSELDORF.COM

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International, order-oriented trade shows for fashion, shoes and accessories with a mix of young and established brands based in Dusseldorf!


JETZT ag e n t u r e n

Agentur Ben and

Neuer Showroom in München

Die Münchner Agentur Ben and ist in das Atelierhaus G3 mitten in Schwabing umgezogen, wo die Kollektionen auf einer großzügigen Fläche von 600 Quadratmetern präsentiert werden. „Das Atelierhaus des bekannten Architekten und Bildhauers Professor Georg Brenninger stammt aus den 1950er-Jahren“, so Ben Botas. „Mit seinem markanten und eigenständigen Charakter passt es perfekt zu uns, weil wir uns als Agentur ebenso ein eigenes Standing erarbeitet haben.“ So wurde das Haus mit der Adresse Georgenstraße 3 von Georg Brenninger als Atelier- und Privathaus entworfen und auch mehrere Jahre bewohnt. Kein Zufall ist der direkte Blick auf die Kunstakademie München, an der Brenninger als Professor unterrichtete. Mit dem Umbau wurde die Münchner Architektin Nora Witzigmann beauftragt, die die Stringenz und die typischen Elemente der 1950er-Jahre nicht nur beibehalten, sondern bewusst in Szene gesetzt hat. Aufwändig umgestaltet wurde der Eingangsbereich, der sich jetzt harmonisch ins Gesamtbild einfügt. „Ich bin richtig happy, es macht großen Spaß, hier zu arbeiten“, sagt Ben Botas. „Es gehört auch ein großer Garten dazu, das ist eine Rarität in der Innenstadt. Die Atmosphäre der Räume ist toll, die Chemie mit den Vermietern stimmt. Hier fühlen wir uns als Agentur richtig angekommen.“ Ben and, Düsseldorf und München/Deutschland, agency@ben-and.com, www.ben-and.com

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Neue Räume, eigenes Standing: Ben Botas ist glücklich über den Showroom im Atelierhaus.


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JETZT ag e n t u r e n

Ecoalf hat das Profil der Agentur Room with a view nachhaltig verändert.

Die Hinterhofagentur

Flagge zeigen Dominik, wie viel Substanz und Tiefe räumst du dem aktuellen Hype um nachhaltige Mode ein? Dominik Meuer, Inhaber der Hinterhofagentur: Das Umweltbewusstsein ist durch die anhaltende Klimaerwärmung stark sensibilisiert. Auch in der Mode macht man sich über das Thema Nachhaltigkeit immer mehr Gedanken. Welche Rolle spielt sie bei euren Lieferanten? Eine große, alle Produkte unserer Marken werden ausschließlich in der EU gefertigt. Damit haben wir faire Löhne und Arbeitsbedingungen, weniger Emissionen durch Lieferwege und können präziser entsprechend dem Bedarf produzieren. Am wichtigsten ist mir der Abstand zu Fernost-Produktion und Materialien wie Echtpelz. Welche Priorität nimmt Nachhaltigkeit als Entscheidungsaspekt bei der Order ein, und auch für dich bei der Beurteilung einer Kollektion? Der Aspekt neu muss für mich immer im Produkt begründet sein. Ökologische Herstellungsverfahren sind ein Zusatzargument, aber nicht das ausschlaggebende Argument für eine Kollektion. Die gleiche Einstellung erlebe ich bei unseren Kunden. An erster Stelle steht das Produkt. Im Idealfall deckt sich das mit einer nachhaltigen Philosophie, wie bei unseren Labels. Viele Departmentstores wollen sich darüber profilieren und Flagge zeigen. Marken: AdHoc, Bob, Code ltd., Des Petits Hauts, Eternal Eight and Holy Seven, Hamlet, Koike, Leon & Harper, Lightning Bolt, Manuel Ritz, Original Vintage Style, Portofiori, Prime Shoes, Taylor Tweed, The Jacksons, Wool & Co Die Hinterhofagentur, München/Deutschland, info@diehinterhofagentur.de, www.diehinterhofagentur.de

„Everybody doesn’t need more garments, but garments with more options!“, lautet das Motto der italienischen Outerwearmarke AdHoc.

Room with a view

Nachhaltigkeit verbessert unser Standing Wie sehr verändern nachhaltige Marken im Portfolio die Agentur? Christian Obojes, Inhaber Room with a view: Ecoalf und Veja, die wir seit einigen Jahren vertreten, haben unser Standing als Agentur, die anders und weiter denkt, geschärft. Das Bewusstsein vieler Kunden ändert sich rasant und das wird auch Einfluss auf die zukünftige Ausrichtung der Agentur haben. Wie siehst du die Konsumverweigerung der Fridays for Future Bewegung? Es ist sehr gut nachzuvollziehen und in manchen Belangen geht es mir selbst nicht anders. Ich habe mein Konsum- und Mobilitätsverhalten selbst geändert und verzichte dennoch nicht auf Reisen, Weiterbildung, Sport oder gutes Essen. Was bedeutet das für unsere Branche, ist Nachhaltigkeit der neue Standard? Technische Neuerungen, die das Einkaufen immer leichter und schneller machen, treiben den Konsum weiter an. Dennoch sieht man, dass immer öfter ganz bewusst weniger, aber dafür besser gekauft wird. Die Wertschätzung für fair, transparent, gut und ehrlich produzierte Dinge wird der Standard werden. Marken: Alto Milano, Arkk Copenhagen, Casall, Devotion Twins, Ecoalf, Happy Socks, Holubar, Jade Design Plants, Moon Boot, Moose Knuckles, Pomandère, RRD, Stand, Steamery, Tomorrow, Veja, Warm Me, White Sand Room with a view, Salzburg/Österreich, office@roomwithaview.at, www.roomwithaview.at

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Agentur Moormann

Bewusster Luxus Wo beginnt für dich Nachhaltigkeit? Klara Moormann, Geschäftsführerin Agentur Moormann: Damit, dass wir als Agentur für bewussten Luxus stehen. Darunter verstehen wir, dass unsere Partner fast ausschließlich in Europa arbeiten und fertigen. Sie sind wie wir sehr darauf bedacht, wo und wie das Produkt gefertigt wird – und vor allem, wie viel. Nehmen wir als Beispiel das Label Stouls aus Paris, das in dieser Hinsicht großartig aufgestellt ist: Es gibt kein Lager und keine Massenproduktion, sondern jede Bestellung wird für jeden Kunden individuell angefertigt.  Außerdem sehen wir uns als Partner unserer Handelskunden. Mindestmengen gibt es so gesehen bei uns und unseren Lieferanten nicht, auch wenn natürlich ein Bild der jeweiligen Kollektion im Laden gezeigt werden muss, welches wir immer individuell mit unseren Einkäufern erarbeiten. So zu agieren, löst auch fast vollständig die bestehende Reduzierungsproblematik. Marken: 19 Andrea’s 47, Alessandro Gheradi, Gimo’s, Kathleen Madden, Maison Lener, Malo, Maurizio Baldassari, Projekt E, Stouls, Stephan Boya, Valérie Khalfon, Zanieri Moormann & Co., Düsseldorf/Deutschland, k.moormann@moormann-co.com,  www.moormann-co.com


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Flessa Modeagentur

Nachhaltiger Neuzugang Die Modeagentur Flessa hat ein neues Label für den Vertrieb in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Portfolio, diesmal aus Finnland. Hálo heißt das von Marta Valtovirta und Jukka Puljujärvi 2017 gegründete Modelabel. Der Hauptsitz ist mittlerweile in Helsinki, aber die Farb- und Musterkombinationen der fließenden Kleider, Capes, Blusen und Tops sind immer noch von der faszinierenden Natur Lapplands beeinflusst. Edle Rüschen, zarte Spitze oder hauchfeiner Chiffon, raffinierte Rückenausschnitte sowie feine Plisseefalten werden kunstvoll appliziert und sorgen für edle Akzente. Hochwertige Biomaterialien wie Seide, Baumwolle und Viskose sowie recyceltes Biopolyester stammen aus italienischen Manufakturen und werden in ausgewählten europäischen Betrieben sozialverträglich verarbeitet. Die Kalkulation liegt bei 2,8 und die VK-Preise für Kleider reichen von 225 bis 420 Euro, Blusen kosten zwischen 110 und 225 Euro und Röcke liegen bei 169 bis 199 Euro. Marken: 360Cashmere, Charlotte Sparre, Drome, Ella Silla, Hálo, Hayley Menzies, Lalo, Michael Stars Flessa Modeagentur, Buch am Buchrain bei München/Deutschland, info@flessa-modeagentur.de, www.flessa-modeagentur.de

Designerin Cecilia de Marche besucht die Produktion: Grundprinzip bei Beltepà ist, genau über die Herstellungsprozesse Bescheid zu wissen, wie hier zum Beispiel die Seidenproduktion in Turkmenistan.

D-tails

Die Glaubwürdigkeit erhalten Im Portfolio von D-tails finden sich nur Familienunternehmen. Strategie oder Zufall? Patrick Coppolecchia Reinartz, Inhaber von D-tails: Das ist für mich die reinste Form der Nachhaltigkeit, wenn ein Unternehmen selbst in eigenen Stätten produziert, wenn es einer Familie mit Tradition entstammt und wenn ich sehe, wie es selbst mit Mitarbeitern, Herstellern und auch ihrem Inventar umgeht. Beispielsweise Gallo hat alleine vier Mitarbeiter, die sich ausschließlich um die teils historischen Strickmaschinen kümmern und diese reparieren. Da wird nichts einfach weggeschmissen, es wird repariert. Was ist für dich nachhaltig an einer Kollektion? Sicher nicht das, was einem augenscheinlich verkauft wird, da wird der Konsument oft verarscht. Für mich geht es um faire Arbeitsbedingungen, dass beispielsweise Marken wie Beltepà oder Les Ottomanes traditionell von Hand gefertigte Ikat- und Bakhmalstoffe aus Turkmenistan beziehen und mit den Frauen dort in direktem Kontakt stehen, dass lokal produziert und niemand ausgebeutet wird.

Die Kollektion Rosso 35 setzt auf Stilgefühl und handwerkliche Perfektion.

Claudia May Fashion Agency

Italienischer Spirit

Fokus Italien: Claudia May liebt kleine Kollektionen mit Stil und handwerklicher Perfektion und möchte mit ihrer gleichnamigen Agentur ihre Handelskunden begeistern. „Es sind Familienbetriebe, die mit Hingabe arbeiten und individuell auf Kundenwünsche eingehen können“, so Claudia May. Strick von AnneClaire überzeugt mit Finesse, Rosso 35 variiert ein besonderes Stilgefühl in Vielfalt und Blusen von Artigiano sind in kleiner Stückzahl schnell lieferbar. Oben drauf kommen zwei eigene Linien von Claudia May mit Reisekosmetiktaschen und Ledergürteln aus Italien hinzu. Marken: 8 Eden Avenue, Amina Rubinacci, AnneClaire, Artigiano, Cinzia Rocca, Kash, Purotatto, Rosso 35, Tonet Claudia May Fashion Agency, Hamburg/ Deutschland, info@claudia-may.de, www.claudia-may.de

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Hálo setzt auf pastellige Nuancen und feminine Silhouetten aus ökologischen Stoffen.

Marken: Add, Barba, Beltepà, Best Company, Flower Mountain, Fracap, Gallo, Giabs, Il Bisonte, Luciano Barbera, Sealup, Urban Sun, Zanella D-tails, München/Deutschland, info@d-tails.de, www.d-tails.de


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Heritage Agents

Ein Drittel der Händler setzt auf Nachhaltigkeit

Einen erfolgreichen Start mit ihrer Männeragentur haben Sascha Berning und Markus Bronold hingelegt – unter anderem wegen des Zugpferds North Sails und seiner Prada America’s Cup Kollaboration.

Men’s World by Berning Bronold

Männersache

Sascha Berning kennen viele in der Branche, mit seiner Agentur Berning im B1 in Düsseldorf vertreibt er Marken wie Princess goes Hollywood, Airfield oder Blonde No 8. Gemeinsam mit dem Fotografen und ehemaligen Brand Director von Nagano, Markus Bronold, ist er im Sommer 2019 für die Agentur Men’s World by Berning Bronold eine neue Partnerschaft eingegangen. Sie kümmert sich um Marken wie North Sails, die Männerkollektion von Blonde No 8 oder die nachhaltige Jeanskollektion Five Fellas. „Heute geht es nicht mehr nur um Klamotte, sondern um wichtige Eckpfeiler wie Nachhaltigkeit, soziale Kompetenz oder glaubwürdige Historie“, sagt Mitinhaber Markus Bronold. Das Portfolio soll demnach nur solche Marken enthalten – und ist strictly for men. Ein kontinuierlicher Ausbau ist geplant. Marken: Billybelt, Blonde No 8, Como No 1, Five Fellas, Liverpool, North Sails, Rough & Loyal Men’s World by Berning Bronold, Düsseldorf/Deutschland, m.bronold@agentur-berning.de, www.agentur-berning.de

Malte, reflexartig beantwortet, welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in eurem Sortiment? Von Anfang an eine sehr große, da wir uns im Genre Affordable Luxury bewegen und unsere Kunden daher hinter jedem einzelnen Produkt nicht nur Qualität, sondern auch Werte erwarten. Für mich zählt nachhaltiges Handeln vor allem in Bezug auf die Beziehung zu Lieferanten und Kunden. Seit vor vier Jahren die Kollektion Mey Story und später auch Warm Me hinzukamen, haben wir das Thema konsequent durchdacht. Ob das nun der Anbau der Fasern ist oder das fertige Produkt, es gilt die nachhaltigen Aspekte herauszustellen. Muss ein Sortiment heute grün sein um kompetitiv zu sein? Mindestens ein Drittel der Händler rückt das Thema noch stärker in den Fokus, Tendenz steigend. Wir werden eine Flut an Labels sehen, die auf den Zug aufspringen oder anfangen, umzudenken. Daher sind wir froh, Marken zu haben, die schon vor dem großen Hype da waren und deren Story auf Glaubwürdigkeit basiert. Werdet ihr euer Sortiment noch stärker auf grüne Labels umstellen? Nein, wir wollen die DNA des Showrooms erhalten. Außerdem erleben wir, dass noch nicht alle nachhaltigen Brands in Sachen Service gut aufgestellt sind. Wir brauchen einen guten Mix. Marken: Bagutta, Circolo 1901, Matteucci 1939, Mey Story, Warm Me Heritage Agents, München/Deutschland, info@heritage-agents.com, www.heritage-agents.com

Wo fängt Nachhaltigkeit eigentlich an, und wo hört sie auf? Fragen, die Malte Kötteritz und Michael Brockmann für sich beantwortet haben.

Agentur Schwarte

Einkaufen, was man verkaufen kann

Matthias Schwarte legt Wert darauf, zu wissen, wo und wie die Kollektionen seiner Agentur produziert werden. Im Foto: Parajumpers.

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Nachhaltigkeit beginnt in der Order und mit der Konsequenz, dass der Händler weder Mindestmengen akzeptieren muss, noch einkauft, was er nicht zum Vollpreis verkaufen kann. Sehen wir das zu blauäugig? Matthias Schwarte, Geschäftsführer Agentur Schwarte: Nein. Jeder muss einkaufen, was er verkaufen kann, das hat der stationäre Einzelhandel in der Regel gut im Griff. Dem stehen allerdings die hohen Rücksendequoten im Onlinehandel entgegen, mit nur noch eingeschränkt verwendbarer Ware, die meist unter Preis wieder verkauft wird. Wie könnt ihr dem entgegenwirken? Indem wir unsere Brands da platzieren, wo sie so gut wie möglich zum Vollpreis verkauft werden – das kann übrigens auch im Onlinehandel sein! Daher gibt es weniger Rückläufe und Überhänge und die Begehrlichkeit der Marke bleibt erhalten. Das ist sowohl wirtschaftlich als auch nachhaltig. Steht der Nachhaltigkeit das Streben nach Umsatz nicht eher im Weg? Die Kosten am Standort München steigen konsequent und entsprechend mehr Rendite muss ich erzielen. Damit das ökologisch nachhaltig geschieht, suche ich die richtigen Partner im Handel. Haben sie unsere Ware zum Vollpreis verkauft, werden sie wieder bei uns kaufen und zum Vollpreis verkaufen. Es ist unsere Verantwortung, dass dieser Kreislauf funktioniert. Marken: Emporio Armani, EA7, Armani Exchange, 59 inches, AT.P.CO, BALR., Collezione 01, Daniele Fiesoli, Fil Noir, Mason Garments, Parajumpers, People of Shibuya, Saucony, S.T.R.A., Sundek, Weber + Weber Agentur Schwarte, München/Deutschland, office@agentur-schwarte.de, www.agentur-schwarte.de


THE LONGVIEW

Eine Frau mit einer Mission: Christina Dean, Gründerin von Redress, sind die Ressourcenvergeudung in der Mode und der textile Müll ein Dorn im Auge.

Christina Dean „Wir dürften nicht die Nachhaltigkeits­polizei spielen“ Christina Dean ist eine Ikone der NGO-Arbeit für eine bessere Modeindustrie. Mit publikumswirksamen Aktionen weist die gebürtige Engländerin auf die Missstände hin, die durch Fast-Fashion-Konsum und umweltschädliche Produktionsprozesse entstehen. Ihre Organisation Redress schafft Aufklärung und Bewusstsein. Um auf die Probleme durch Textilmüll aufmerksam zu machen, trug sie ein Jahr lang nur Outfits aus dem, was in ihrer Wahlheimat Hongkong auf der Müllhalde landete. Interview: Stephan Huber. Fotos: Paul Sunga, Redress

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THE LONGVIEW

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THE LONGVIEW

ls Sie Redress gestartet haben, war das Thema nachhaltige Mode nicht annähernd auf der internationalen Agenda. War das ein Kampf gegen Windmühlen? Ausgenommen bei einigen wenigen Leuten war es auf überhaupt keiner Agenda. Aber das ist bei jedem Veränderungsprozess so: Es gibt ein paar Menschen, die Dinge früh erkennen, weil sie sich dieser Angelegenheiten bewusst sind. 2007 lag der Fokus dieser Pioniere vor allem auf landwirtschaftlichen Aspekten, man wollte der Biobaumwolle einen Aufschwung bescheren. Die Fragen waren schon damals die richtigen, aber es war ein Nischenthema. Der Funke sprang noch nicht auf das Gros der Modeindustrie über. Trotzdem würde ich es nicht als Kampf gegen Windmühlen bezeichnen. Die Herausforderung war, die Leute zu überzeugen. Wir mussten uns damals permanent rechtfertigen. Die junge Aktivistin Greta Thunberg hat im Lauf des letzten Jahres großartige Arbeit geleistet, um ökologisches Bewusstsein breiter und tiefer zu verankern. Die Menschen scheinen tatsächlich ihre Denkweise zu ändern, besonders hier in Europa. Haben Sie auch das Gefühl, dass die Klimakrise heute in allen Köpfen angekommen ist? Sie ist noch nicht überall angekommen, wird aber immer mehr zum Mainstream-Thema. Vor zehn Jahren war die Frage noch unbedeutend, wir kannten auch noch nicht die Fakten. Heute wissen wir, dass Mode jedes Jahr für rund zehn Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich ist, mehr als die Schifffahrts- und Flugindustrie zusammengenommen. Heute hört man solche Dinge überall. Diese Zahlen haben sich in das Gedächtnis der Menschen gegraben. Journalisten berichten viel darüber, und das ist großartig. Die Medien sind heute so gut informiert, sie wollen Antworten auf brennende Fragen, sie schürfen tief. Dadurch entstehen sowohl ein besseres Verständnis als auch der Bedarf, noch mehr wissen zu wollen. Zehn Prozent der globalen CO₂-Emissionen durch die Modeindustrie, das raubt einem buchstäblich den Atem. Mit Redress kritisieren Sie Luftverschmutzung, den Anteil der Industrie an Wasserverschmutzung, chemischer Verunreinigung, Verschwendung und Müll. Können Sie uns eine Vorstellung davon geben, wie sehr die Modeindustrie der Umwelt schadet? Da müssen wir uns verschiedene Lieferketten und die Beschaffungsquellen der Industrie ansehen. Zum einen kommen die Ressourcen aus der Landwirtschaft, da geht es um Baumwolle und damit zusammenhängend den Wasserverbrauch. Die Weltbank schätzt, dass 17 bis 20 Prozent der gesamten industriellen Wasserverunreinigung nur allein durch Textilfärbung und den

„Die Modeindustrie ist für 92 Millionen Tonnen Textilmüll verantwortlich. Jährlich! “

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Endverarbeitungsprozess verursacht werden. Aber die Modebranche bedient sich auch bei der Roh- und Erdölindustrie. In der Erdölgewinnung sind der CO₂-Ausstoß und der Schaden, den die Förderung anrichtet, die Themen. Es geht aber auch um Forstwirtschaft, genauer gesagt um das Holz, woraus man Viskose und Lyocell herstellen kann. Hinzu kommen Minen als Rohstofflieferanten für Metalle. Weiters die Viehzucht, da kommt der Tierschutz ins Spiel. Zu guter Letzt muss man noch den Anteil der Mode am weltweiten Müll betrachten – die Modeindustrie ist für 92 Millionen Tonnen Textilmüll jedes Jahr verantwortlich. Mode ist also ein Klimakiller? Sie ist mit Sicherheit eine der größten, die Umwelt verschmutzenden Industrien der Welt. Im Grunde ist Mode eine sehr unökologische Industrie. Auch wenn man alles richtig macht und verträgliche Chemikalien verwendet. Multipliziert man das mal 100 Milliarden Kleidungsstücke pro Jahr, kann das nur negative Auswirkungen auf die Umwelt haben – und mit denen sehen wir uns heute konfrontiert. Ich habe gelesen, dass ein Drittel des Volumens, das an Kleidung produziert wird, direkt auf dem Müll landet. Ist Überproduktion also das größte Übel? Überproduktion und Überkonsumation sind auf jeden Fall zwei wichtige Themen. Einerseits gibt es zu viel Kleidung auf dem Markt, wir erzeugen zu viel. Das Businessmodell der gesamten Wirtschaft baut nun einmal auf Wachstum auf. Und die Modeindustrie konzentriert ihr Wachstum auf den Verkauf von mehr und mehr Teilen. Deswegen haben wir diesen Missstand, wir haben zu viel produziert und werden jetzt mit Waren überschwemmt. Zum Thema Verbrauch gibt es übrigens zwei hässliche Realitäten. Laut der Ellen MacArthur Foundation hat sich der Modekonsum zwischen den Jahren 2000 und 2014 auf 100 Milliarden Stück pro Jahr verdoppelt. In nur 14 Jahren! Besonders in den aufstrebenden Märkten steigt der Modekonsum. Zweitens florieren derzeit aggressive Anbieter billiger Fast-Fashion, und ich meine damit nicht die weltweit bekannten. Wir sprechen von Marken, die erschreckend billig das unterste Preissegment aufblähen. Sie entziehen sich jeglicher Kontrolle, aber die Leute kaufen dennoch ihr Zeug. Sollten die Endverbraucher dann nicht auch für Verschwendung und Überkonsumation in die Pflicht genommen werden? Oder liegt die Verantwortung einzig und allein bei der Industrie und dem Einzelhandel? Der Verbraucher trägt natürlich viel zu diesem Problem bei. Er treibt ja die Industrie durch Konsum an. Es wird aber immer stärker ein wachsendes Bewusstsein erkennbar, gerade auch bei jüngeren Kunden. So hat Fast Fashion zum Beispiel bereits viel von ihrem vermeintlichen Glamour verloren. Die jüngere Käuferschicht tendiert heute mehr und mehr zu einer Bedarfsgarderobe mit zeitloser, nachhaltiger Mode. Aber um diese Nachhaltigkeit zu forcieren, sollten Konsumenten nicht nur weniger kaufen, sondern die Modeindustrie muss auch


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weniger produzieren. Man kann diesen Umstand nicht mit süßer Zuckerglasur überdecken und hoffen, es geht schon vorbei. Laut einem Bericht, der während der Copenhagen Fashion Summit veröffentlicht wurde, haben 50 Prozent der Modeindustrie bisher trotzdem nichts in Richtung Nachhaltigkeit unternommen. Also wenn das kein Weckruf ist, dann weiß ich auch nicht. Das ist absolut scheußlich und erschüttert mich sehr. Und wenn es einen Kompromiss geben würde? Eine erhebliche Reduktion der Kleiderproduktion und im Gegenzug ein etwas höherer Preis für besser gefertigte Waren? Ich glaube nicht, dass Konsumenten mehr für Kleidung ausgeben wollen. Im Einzelhandel findet man ja verschiedenste Käuferschichten. Es gibt die Preisbewussten, die nur nach Bedarf kaufen. Dann hat man die Luxuskäufer, die jeden Tag ein Luxusprodukt erwerben wollen. Und dann gibt es die, die nur unabhängig von allen Zwängen einkaufen wollen. Ich persönlich würde gerne ein reduziertes Konsumverhalten sehen. Aber das muss der Motivation des Käufers entgegenkommen, eben dass Menschen das Shoppen lieben. Und sie wollen Kleidung tragen, die sich abhebt. Da muss auch der Einzelhandel den Charakter der Menschen, die in die Geschäfte kommen, respektieren, ihre Vorlieben, ihre Ansprüche und Erwartungen. Denn letztendlich sind wir ja menschliche Wesen mit Wünschen und speziellen Vorstellungen. Den Lösungsansatz: „Du sollst nicht shoppen“, gibt es nicht. Das wird nie passieren. Ihre NGO inspiriert Menschen zu positiven, ökologischen Veränderungen und möchte die Modeindustrie auf einen Weg zu einer nachhaltigen Zukunft mit weniger Müll bringen. Kann man das mit vielen, kleinen Schritten erreichen oder braucht es einen radikalen Wandel? Es gibt bereits viele Bemühungen und Aktionen an verschiedenen Punkten der Wertschöpfungskette. Aber wenn wir nur versuchen, das Schlechte zu eliminieren, kommen wir nicht schnell genug voran, weil wir trotzdem noch zu viele Rohstoffe abbauen, die wir am Ende doch nur wegwerfen. Natürlich sind diese kleinen Verbesserungen gut: Weniger Wasser, weniger Verarbeitung, etwas bessere Chemikalien oder auf Sonnenenergie in Fabriken umstellen. Aber der Knackpunkt ist, dass die Modeindustrie 53 Millionen Tonnen Rohmaterialien verbraucht. Und innerhalb eines Jahres landen 75 Prozent der erzeugten Kleidungsstücke auf Müllhalden oder in Verbrennungsanlagen. Ich hoffe also, dass es radikal neue Ansätze gibt. Ich möchte noch erleben, dass wir echtes Recycling zustande bringen, also neue Fasern aus alten Fasern. Ich hoffe, dass das bald den Stellenwert bekommt, den es verdient und endlich in Schwung kommt. Recycling würde die Mode von ihren Sünden erlösen? Also idealerweise könnten wir unter perfekten Bedingungen diese Alttextilien recyceln und sie im Verbraucherkreislauf halten. Dann würden die Leute wieder mit Lust

„Fast Fashion hat bereits viel von ihrem vermeintlichen Glamour verloren.“

und Liebe einkaufen. Sie würden die Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen und ohne schlechtes Gewissen sagen können: Heute trage ich Pink und morgen Lila. Sie könnten die ganze kreative Palette der Modewelt auskosten. Genau das wäre das Ziel. Dann müssten wir nicht mehr die Polizisten sein, die den Leuten sagen muss: Du darfst Mode nicht genießen. Woran scheitert Recycling bisher, sind das nur technische Fragen? Die technischen Fragen sind ein Teil davon. Echtes Faserrecycling erfordert eine komplexe Systematik: Logistik, Sammlung, Sortierung und Lagerung. Die Rücknahme von Altware stellt die heutige Logistikkette auf den Kopf und ist eine Herausforderung für sich: Haben wir genug Kleidercontainer überall? Sind die Regierungen für die Durchführung verantwortlich? Wohin kommen die Textilien und in welche Länder werden sie dann verschickt? Selbst wenn alles gesammelt wird, haben wir das Problem, dass Textilien mit den derzeitigen Techniken nicht einfach so recycelt werden können. Im Moment durchlaufen Textilien lediglich einen Downcycling-Prozess. Man nimmt Kleidung aus hochwertigen Stofffasern und produziert daraus Putzlappen und Teppiche. Das Ziel muss lauten, aus (Alt-)Kleidung wieder Kleidung zu machen, was wir als Faser-zu-Faser-Recycling bezeichnen. Laut Ellen MacArthur Foundation wird allerdings nur ein Prozent aller Stofffasern, die jedes Jahr den Weg in die Modewelt finden, wieder zu Kleidung recycelt. Aber der Großteil der Kleidung wird nicht recycelt. Das ist doch verrückt: Wir können Recycling-Toilettenpapier herstellen, mit dem sich Menschen den Hintern abwischen. Aber Textilien werfen wir immer noch einfach in den Müll! Ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Technologie hier aufholt? Es gibt ja auch Textilfasern, die leichter zu recyceln sind. Das wäre die Lösung und wir werden das im Rahmen der technischen Möglichkeiten auch erreichen. Der große Goldrausch in dieser Branche wird sicher dadurch befeuert werden, einen Weg zu finden, um Mischgewebe, zum Beispiel aus Polyester und Baumwolle, zu trennen. Aus reiner Baumwolle wieder Baumwolle zu machen, ist ziemlich einfach. Aber ein Großteil der heutigen Kleidung ist eine Mischung aus natürlichen und synthetischen Fasern und die kann man aufgrund der verschiedenen Zusammensetzungen nicht so einfach weiterverarbeiten. Es braucht eine Methode, diese beiden chemisch unterschiedlichen Bestandteile zu trennen. Wäre damit schon alles gelöst – oder mildert das nur die negativen Auswirkungen unserer verrückten Marktpraktiken? Wir müssen eine Recyling-Lösung finden. Speziell für Leute, die oft kaufen und ihre Kleidung schnell wieder loswerden. Aber im Grunde gibt es keine Lösung für die ganze Industrie. Man muss sich jeden einzelnen Markt genau ansehen und herausfinden, was jede Bevölkerungsgruppe selbst ändern kann. Eine Frau kauft style in progress

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zum Beispiel Luxusmode. Warum kauft sie die nicht Second-Hand? Diese Käufergruppe könnte ja ebenso mit Second-Hand-Mode glücklich werden. Recycling-Textilien passen da wahrscheinlich eher zur Fast Fashion. … was das Thema Verleih aufbringt. Genau, und das erfüllt seinen Zweck wirklich. Wenn wir uns den ganzen Kuchen des Verbrauchermarkts ansehen, ist der Verleih ja für genau diejenigen da, die immer neue Designerstücke wollen, ohne dauernd Neues zu kaufen. Die meisten Leute, die ich kenne, tragen sozusagen „Advanced Basics“, keine High-Fashion-Teile. Für diese Konsumenten macht es absolut Sinn, Qualität zu kaufen, die länger hält. Stattdessen gaukelt uns die Industrie vor, die Mode alle drei, vier oder sechs Monate neu zu erfinden. Sollten wir Modezyklen neu definieren und Trends einfach vergessen? Gut, sie sprechen da über einen speziellen Kreis von Leuten, nennen wir sie die Steve-Jobs.-Typen. Sie haben eine simple, bequeme und haltbare Gebrauchsgarderobe. Aber das ist nur ein Teil der Bevölkerung, für den Langlebigkeit wichtig ist. Für sie ist es die richtige Lösung, aber es wird niemals ein 18 Jahre altes Mädchen glücklich machen, das jede Nacht in einen Club geht. Nehmen wir Boohoo, einen dieser Ultra-Fast-Fashion-Onlinehändler. Seit 2014 ist sein Umsatz um 680 Prozent gewachsen. Seine Zielgruppe entstammt der Generation der Aktivisten, also der Kids, die heute für Klimaschutz demonstrieren und Greta Thunberg folgen. Aber genau diese Altersgruppe steigert den Umsatz von Boohoo auf diese exorbitanten Prozentzahlen. Das Schöne an unserer Welt ist aber doch, dass wir alle verschieden sind. Deswegen brauchen wir Lösungen, die alle Verbrauchergruppen ansprechen. Es gibt da keine allgemeingültige Antwort. Wir leben nun einmal in einer bunten Welt. Redress arbeitet mit der Industrie zusammen, um gewisse Methoden zu ändern. Das zieht sich durch die ganze Lieferkette der Modebranche. Durch verschiedene Kampagnen leisten Sie aber auch sehr viel Aufklärungsarbeit bei Endverbrauchern, damit diese bessere Entscheidungen treffen, was das Kaufen, Tragen und Entsorgen von Kleidung betrifft. Können Sie uns erzählen, wie das genau abläuft? Wir verwenden tatsächlich den Begriff Aufklärung, aber das klingt so mühsam für den Verbraucher. Wir versuchen, sie zu inspirieren, bessere Praktiken im Umgang mit Kleidung zu finden. Wir wollen ihnen die Liebe zur Mode näher bringen und ans Herz legen, Kleidung besser zu behandeln und längerfristig zu denken. Wir wurden vom britischen Verlagshaus Thames & Hudson beauftragt, ein Buch mit dem Titel „Dress [with] Sense: The Practical Guide to a Conscious Closet“ zu schreiben. Es ist in verschiedenen Ländern erschienen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Es ist ein praktischer Ratgeber für Modekonsumenten mit Tipps zum Thema Kaufen, Tragen und Entsorgen von Kleidung. Es versorgt sie auch mit dem Know-how, einen Kleiderschrank bewusster zu gestalten. Dann haben wir eine Fernsehserie,

„Wir wollen Verbrauchern die Liebe zur Mode näher bringen und ihnen ans Herz legen, Kleidung besser zu behandeln und länger­ fristig zu denken.“

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„Frontline Fashion“, die kann man jetzt auch im Internet auf Youtube sehen. Der Konsument kann am Bildschirm talentierte, aufstrebende Modedesigner bei ihrer Arbeit begleiten. Jeder der Designer ist Finalist des Redress Design Award und alle wollen die Zukunft der Mode neu definieren. Außerdem organisieren wir viele Events, meist in Hongkong, wir halten DIY-Workshops ab und veranstalten Vorträge und Diskussionsrunden. Ihr Hauptsitz ist Hongkong, aber die Themen, die Sie aufgreifen, sind globaler Natur. Können Sie sich vorstellen Ihre Mission auch auf Europa auszuweiten? Wir haben mit vielen europäischen Firmen zu tun, nicht nur mit asiatischen, aber der Großteil unserer Basisarbeit passiert hier mit Marken und Unternehmen vor Ort. Das stimmt. Im Moment wachsen wir, konsolidieren uns, erweitern das Team und verbessern unsere KPI-Auswertung und Prognosemöglichkeiten. Es gab tatsächlich bereits großes Interesse daran, ein Büro in anderen Märkten außerhalb Asiens einzurichten, aber das ist momentan nicht möglich. Man muss Schwerpunkte setzen. Wann immer es sich ausgeht, machen wir das gerne, aber derzeit würde unsere Leistungsfähigkeit darunter leiden. Ihre Organisation ist eine NGO. Arbeiten Sie trotzdem mit Regierungen zusammen? Wofür sie kämpfen, ist schließlich von enormer Bedeutung und wir brauchen dringend Veränderungen. Wäre es da nicht sinnvoll, die internationale Politik mit ins Boot zu holen? Um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu haben, braucht man die Gesetzgebung der Regierungen. Einige Firmen haben ja bereits viel Anstrengung und Geld in die Lieferkette gesteckt, um mehr Nachhaltigkeit zu schaffen. Wenn die Gesetzgebung fehlt, können die Konkurrenzanbieter machen, was sie wollen, und das ist nicht fair. Da brauchen wir einen massiven Tritt in den Arsch. Der einzige Interessenvertreter, der in solchen Fällen aktiv werden sollte, ist die Regierung. Aber Redress arbeitet nicht auf dieser Ebene. Es liegt außerhalb unserer Mission und Möglichkeiten, Lobbying zu betreiben. Am besten lernt man durch positive Beispiele. Sehen Sie Veränderungen, vielleicht auch nur im kleinen Rahmen, die einen Wandel zum Besseren erkennen lassen? Bewegen wir uns in die richtige Richtung? Alles, was mir dazu einfällt, hat mit Abfallreduktion zu tun. Das ist unsere Mission. Ich bin vom Aufstieg des Upcycling begeistert, also aus Abfalltextilien Kleider zu machen, was definitiv immer mehr im Trend liegt. Dann haben wir aber auch noch Recycling. Obwohl es noch nicht ausgereift ist, passiert da schon einiges. Recycling ist spannend, weil man direkt und ohne große Umschweife großen Nutzen daraus ziehen kann. Und nicht zu vergessen der Aufstieg der Märkte für Wiederverkauf, Re-Commerce und Modeverleih. Mit diesen Möglichkeiten in unseren Händen ist unsere Zukunftsperspektive sehr aufregend, nicht nur für mich, sondern für eine Menge Menschen.


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Ein schier unlösbares Problem. Jedes Jahr landen 92 Millionen Tonnen Textilmüll auf unseren Deponien, oft wurden die Stücke kein Jahr getragen. Weil Recycling noch in den Kinderschuhen steckt, will Christina Dean Konsumenten aufklären. Sie sollen weiterhin ein positives Erlebnis beim Shopping haben, aber bewusster entscheiden.

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SO LÄUFT’S

SUSTAIN + ABILITY SUSTAIN + 038

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SO LÄUFT’S

SUSTAIN + ABILIT Y 1 INTO THE BLUE SUSTAIN + ABILIT Y 2 SALVATION ARMY SUSTAIN + ABILIT Y 3 TAKING CARE

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BEST OF EVIL.

. z t i W r e g i z t u m Das ist kein sch

10

Prozent misst der Anteil der Textilindustrie am weltweiten CO2-Ausstoß. Das ist Platz zwei hinter der Ölindustrie.

CO2

14

Teile ist der pro Kopf an der Anteil jedes Menschen enge von jährlichen Produktionsm Bekleidung.

1. Platz

als weltweit größter Abnehmer für Textilien in Kilogramm pro Kopf im Jahresverbrauch ist die USA (38kg), Platz 2: Europa (31kg), Platz 3: China (1kg).

2030 wird die weltweite Textilproduktion von 62 Millionen

Tonnen auf

102.000.000 Tonnen angestiegen sein.

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S u s ta i n + A b i l i t y

334.696.000. 00 weltweite Um 0 Euro beträgt 2019 der satz im Segm ent Bis 2023 wird ein Wachstum Bekleidung. auf

523.715.000.000 ,–

Euro prognost iz jährlichen Wa iert. Das entspricht ei nem chstum von 11 ,5 Prozent.

75

Prozent der CO2-Emission eines Kleidungsstücks fallen erst nach dem Kauf durch das Tragen, Waschen und Entsorgen an.

1 Kilogramm Kleidung

verursacht auf ihren gesamten Lebenszyklus gerechnet

23 Kilogramm Treibhausgas. h die Text Von 2000 bis 2014 hat sic

VERDOPPELT. 10

ilproduktion

Prozent der weltweiten Agrarflächen werden für den Anbau von Baumwolle genutzt. Auf diesen kommen allerdings 24 Prozent aller global verwendeten Mengen an Insektiziden und 11 Prozent an Pestiziden zum Einsatz.

40.000.000

Tonnen Chemiefasern werden weltweit pro Jahr produziert. Bei Wolle sind es gerade einmal 1,2 Millionen und bei Rohbaumwolle 20.

1

Prozent der in Produktion anfalle der nden Stoff- und Faserr este werden recycelt oder wiederverwendet.

Quellen: Bundesamt für Wirtschaft, Bundesumweltamt, Pulse of the Fashion Industry, Greenpeace, Fashion Revolution, Global Fashion Agenda, Quantis International, Ellen MacArthur Foundation, McKinsey, World Ressources Institute style in progress

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DIE GROSSE CHANCE

Warum sich die Alternativlosigkeit, den Webfehler der Modebranche zu korrigieren, als einzigartiger Glücksfall entpuppen könnte. Ein Kommentar von Stephan Huber

Z

u den erstaunlichsten Vorwürfen, mit denen Greta Thunberg im aktuellen Kulturkampf überschüttet wird, gehört die Empörung darüber sie wäre nur Teil einer groß angelegten PR-Kampagne. Na geh … echt jetzt? Selbstverständlich ist dieses verwirrende Mädchen das Gesicht einer Kampagne. Und zwar, mit Blick auf ihren Impact, der vielleicht besten Kampagne, an die zumindest ich mich erinnern kann. Binnen eines Jahres von der bezopften Einzelkämpferin mit Pappschild vor dem schwedischen Reichstag zur nicht vereinnahmbaren Symbolfigur einer globalen (Jugend-) Bewegung mit immer stärkerem gesellschaftspolitischem Einfluss zu werden, das ist auch im Zeitalter der Social-Media-Potenzierung eine erstaunliche Leistung. Das Vorrecht der Jugend Ja, da steckt ein gut organisiertes Team dahinter. Ja, da gibt es wohl jemanden, der die Reden schreibt und auch jemanden, der offensichtlich verdammt genau versteht, welche Tasten man drücken muss. Und? Angesichts der ungezählten Lobbyisten, die von der „Gegenseite“ in die Schlacht um die Deutungshoheit innerhalb der so leicht zu beeinflussenden Aufmerksamkeitsökonomie geworfen werden, ausgestattet mit atemberaubenden Budgets aus allzu oft durchaus dubiosen Quellen, war es hoch an der Zeit, dem professionell ein hartes Narrativ entgegenzusetzen. Es ist das Vorrecht der Jugend, radikale gesellschaftliche Forderungen zu stellen und Utopien zu entwickeln. Niemand ist gezwungen, diesen Forderungen vollständig oder auch nur teilweise zu folgen. Ich beispielsweise sehe, bei aller Sympathie, manches doch sehr anders. Vor allem bin ich überzeugt, dass eine Lösung nur durch die Kraft der Innovation innerhalb einer gesunden Marktwirtschaft erreichbar ist. Aber dass es Greta Thunberg gelungen ist, für die Frage, wie wir künftig mit den natürlichen Ressourcen umgehen und wie wir ein anderes, weniger nachlässiges, sondern letztlich viel lohnenderes und befriedigenderes Konsumverhalten entwickeln, innerhalb weniger

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Monate mehr Bewusstsein zu schaffen als Politik und Medien zuvor in einem Jahrzehnt, ist ein großes Verdienst. Dass viele Erwachsene darauf mit eigentlich unfassbaren Entgleisungen reagieren, sich aggressiv an einem jungen Menschen abarbeiten, ist erschütternd und führt die teils völlige Enthemmung, die den öffentlichen politischen Diskurs erreicht hat, erschreckend vor Augen. Teil des Problems Die Frage, warum Thunberg so massiv polarisiert, ist spannend, denn die Antwort führt unweigerlich auch immer zu einem selbst. Ich habe in den letzten Monaten in vielen Debatten und Diskussionsrunden anhand eines sehr augenscheinlichen Beispiels erklärt, warum die Modebranche unter den Top drei der die Umwelt am meisten schädigenden Industrien zu finden ist. In den Kleiderschränken Österreichs hängen und liegen rund 77 Millionen Kleidungsstücke vollkommen unbenützt herum. Schwankungsbreite zehn Prozent. In einem Land mit rund acht Millionen Einwohnern. Dem fast ungläubigen Staunen folgt die Hochrechnung im Kopf. Auf Deutschland, die EU usw. Vor allem aber muss ich mir eingestehen, dass ich Teil des Problems bin. Und das zentrale Problem der Modebranche heißt Overproduction und Overconsumption. Eine fast unüberschaubare Menge an Produkten schafft es nämlich nicht einmal in die Kleiderschränke. Geschätzt bis zu 30 Prozent werden jährlich mehr oder weniger direkt für die Tonne produziert. Mode ist zu einem Einwegartikel verkommen, den man achtlos entsorgen kann wie das Papier, in dem das Leberkäsesemmerl eingewickelt war. Das ist nicht nur ökologischer, sondern auch ökonomischer Wahnsinn. Das ist DER zentrale Webfehler unserer Branche. Teil der Lösung Diesen zu korrigieren, ist eine enorme Herausforderung. Gleichzeitig, und das sollte im Zentrum jeder Annäherung stehen, eine enorme Chance. Die Modebranche mit ihrer ungebrochenen, kommunikativen Außenwirkung kann Vorbild und integraler Teil der Lösung werden. Durch neue Technologien und Businessmodelle. Durch Innovation und echtes Unternehmertum auf allen Ebenen. Von der, dank Innovation in immer höherem Ausmaß recycelten Rohware, über, dank klugen Datenmanagements immer präziser gesteuerter Produktion, bis zum hybriden Point of Sale, an dem den Konsumenten endlich wieder Substanz geboten werden kann und dem Handel eine ganz entscheidende Rolle zukommt. In einer sich unzweifelhaft ändernden Marktrealität werden die Konsumenten nämlich Glaubwürdigkeit und Orientierung verlangen. Und wer könnte diese Vermittler- und Erzählerfunktion bitte besser wahrnehmen, als ein serviceorientierter, gut informierter Fachhandel, dem die Kundinnen und Kunden aufgrund seiner Kompetenz auch wirklich vertrauen? Geht dieser Wandel von heute auf morgen? Natürlich nicht. Geht er zu hundert Prozent? Natürlich auch nicht. Aber es kann und wird sehr viel gelingen. Und dennoch wird genug Raum für Hedonismus, Spaß und Unvernunft bleiben. Aber sehr viel weniger für Dummheit.


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SALONGESPRÄCH

„NACHHALTIGKEIT OHNE PROFITE IST

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NICHT NACHHALTIG“

Nachhaltigkeit ist nicht gleich Nachhaltigkeit – sondern ein Prozess. Darin sind sich die Salongesprächs­gäste von Martina Müllner-Seybold und Kay Alexander Plonka sicher. Es diskutieren die Inhaberin von Lovjoi, Verena Paul-Benz, Matthias Mey, geschäftsführender Gesellschafter Mey und Gründer von Mey Story, Thimo Schwenzfeier, Show Director Neonyt & Director Marketing Communications Messe Frankfurt sowie Bernd Hausmann, Gründer des Eco Fashion Store Glore. Interview: Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka. Text: Veronika Zangl. Fotos: Yorick Carroux. Location: Ruby Leo Workspaces in München

Gemeinsam über Nachhaltigkeit in der Mode nachdenken: Für das Salongespräch von style in progress haben sich Matthias Mey/Mey, Verena Paul-Benz/Lovjoi, Bernd Hausmann/Glore und Thimo Schwenzfeier/Neonyt in in München getroffen.

Jedes Jahr werden 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert. Ist diese Branche eigentlich noch zu retten? Matthias Mey, geschäftsführender Gesellschafter Mey und Mey Story: Wir müssen zuerst den Begriff Nachhaltigkeit klären. Sprechen wir nur von Biobaumwolle oder auch von fairen Produktionsbedingungen? Für mich ist bio nicht gleich nachhaltig, gerade wenn das Produkt nur BCI-zertifiziert ist. C&A ist beispielsweise weltweit der größte Anbieter von Biobaumwolle. Ein Biobaumwoll-BH für 2,99 Euro – kürzlich gesehen im Schaufenster bei C&A – ist dies nachhaltig? Für mich hat dies nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Aktuell gibt es große Versprechen vieler vertikaler Unternehmen in den nächsten fünf Jahren zu 100 Prozent auf Biobaumwolle umzustellen. Für mich sind solche Ankündigungen reines Greenwashing, kein echtes Bemühen um Nachhaltigkeit. Daher hat dies in meinen Augen wenig mit Nachhaltigkeit zu tun. Bedenkt man außerdem, dass immer noch nur ein geringer Anteil der weltweiten Baumwollproduktion biologisch ist, sind diese Ziele aktuell recht unrealistisch. Die weltweite Produktion von Biobaumwolle liegt bei ca. fünf Prozent. Da wir ausschließlich extra langstapelige Baumwolle im Wäschebereich verwenden und unser Anteil an weißer Wäsche sehr hoch ist, können wir nur die feinste und reinste Biobaumwolle einsetzen. Das Angebot am Weltmarkt liegt hier vielleicht bei 0,1 Prozent. Thimo Schwenzfeier, Show Director Neonyt und Director Marketing Communications Messe Frankfurt: Der Punkt ist, dass Nachhaltigkeit einer Evolution unterliegt. Was vor fünf Jahren nachhaltig war, ist nicht deckungsgleich mit dem, was heute oder in fünf Jahren nachhaltig sein wird. Wir style in progress

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„Wir widersprechen uns täglich. Auf der einen Seite sagen wir dem Kun­ den, kauf weniger und kauf mehr Qualität, aber gleichzeitig möchten wir unseren Umsatz steigern, um die Branche nachhal­ tiger zu machen.“ Bernd Hausmann, Gründer Glore

müssen den Begriff immer neu definieren. Wie stark können wir in nächster Zukunft Zertifikate einbeziehen, welche neuen sollten hinzukommen? Es ist wichtig, dass sich die Definition von Nachhaltigkeit immer weiterentwickelt. Verena Paul-Benz, Inhaberin Lovjoi: Der Gedanke der Evolution ist sehr schön. Was früher einmal reichte, um als nachhaltig zu gelten, ist bereits überholt. Für mich definiert sich Nachhaltigkeit heute durch die Faktoren ökologischer Anbau, soziale Lieferbedingungen, Regionalität und vegane Materialien. Darüber hinaus geht es vor allem darum, dass man sich nicht mehr nur als Einzelunternehmen begreift, sondern sich auch Gedanken über das Big Picture und das Morgen macht. Wie könnte Nachhaltigkeit in Gesetzen verankert sein, die den Markt beeinflussen? Bernd Hausmann, Gründer Glore: Ich denke, dass die Branche überrannt wird. Jeder muss plötzlich nachhaltig sein, aber technisch sind wir überhaupt noch nicht so weit. Wir haben ein Prozent Biobaumwolle und in vielen Bereichen wird noch per Hand verarbeitet. In der Hanfproduktion gibt es teilweise überhaupt keine Erntemaschinen, von fairen Arbeitsbedingungen und gerechten Löhnen ganz zu schweigen. So schnell wie die Großen es gerne ändern würden, ist Nachhaltigkeit faktisch gar nicht realisierbar. Deswegen bin ich auch der Meinung, dass gerade bei den Vertikalen viel Greenwashing stattfindet. Sie picken sich kleine Produktionsschritte aus ihrer Kette, die umweltverträglich oder fair sind. Damit wollen sie den Leuten weismachen, dass nachhaltig produziert wurde. Laufen wir Gefahr, dass die Nachhaltigkeit, die von mutigen, oft selbstlosen Pionieren angeschoben wurde, wieder nur die Geschäfte von Multis befeuern? Verena Paul-Benz: Vielen kleinen Ökobrands fehlt der Zugang zum Markt, sie haben schlicht die Distribution nicht. Das liegt nicht daran, dass sie keine Professionalität oder keine Lieferfähigkeit hätten, sondern auch daran, dass der konventionelle Händler sich viel zu wenig informiert. Ich bin immer wieder schockiert, wenn ich auf Messen stehe, dass trotz Fridays for Future und trotz der grünen Wahlsiege immer noch so wenig Interesse aus dem konventionellen Handel an nachhaltigen Brands besteht. Thimo Schwenzfeier: Aus Sicht des Messeveranstalters würde ich es anders formulieren: Interesse ist da, aber der Mut zur Umsetzung fehlt. Der Handel befindet sich in einer krassen Transformationsphase. Die Händler verlieren Umsatzbringer, die seit vielen Jahren für gute Geschäfte gesorgt haben. Die Margen schwinden. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass nachhaltige Labels oft noch nicht die Größe, die Marketing-Power oder Bekanntheit haben, die Nachfrage entsprechend anzutreiben. Was ich nicht gelten lasse, ist das Argument, das Angebot sei noch nicht groß genug: Auf unserer Messe waren 170 Labels, auf 046

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der gesamten Berliner Fashion Week waren es insgesamt – je nach Kriterien – bis zu 270 grüne Labels. Bernd Hausmann: Richtig, konventionellen Händlern fehlt es an Mut, weil sie unter extremem Druck stehen. Das ist wie in der Automobilindustrie, die verkauft auch gerade noch mit allem Nachdruck SUVs, obwohl wir uns alle einig sind, dass das nicht die Zukunft sein kann. In dieser Unsicherheit setzen viele dann doch lieber auf altbewährte Marken anstelle der unbekannten Newcomer. Es ist leider noch viel tragischer. Wenn wir Nachhaltigkeit ansprechen, hören wir oft von Händlern: Wird nicht nachgefragt im Laden. Aber auf der Neonyt gab es dazu einen Vortrag, der dieses Argument enttarnt hat. In einer Konsumentenbefragung wurde nämlich nachgewiesen, dass diese Frage die Konsumenten sehr wohl umtreibt, dass allerdings der überwiegende Teil der Kunden sie der Marke oder dem Internet stellt. Nur 27 Prozent der befragten Kunden nannten den Handel als ihren Ansprechpartner. Ist dem Handel also die Themenführerschaft abhanden gekommen? Thimo Schwenzfeier: Ja, die Reaktionen auf diese Zahlen waren spannend. Einer vom Format eines Mark Ramelow, der im Publikum saß, erkennt das auch: Er sagte, es kann doch nicht sein, dass wir als Händler die Glaubwürdigkeit als Vermittler verlieren. Matthias Mey: Übrigens auch einer der ersten Händler, der sich zu diesem Thema bewegt hat. Das Modehaus Ramelow hat all seine Lieferanten angeschrieben und über ihre Initiativen zur Nachhaltigkeit befragt und sich nicht mit Zertifikaten oder Greenwashing abspeisen lassen. Diese Befragung hat wirklich tief geschürft. Auch wir fanden es spannend, uns einmal wieder so tiefgehend mit den Fragen auseinanderzusetzen. Um auch das Zertifizierungsthema intensiver anzusprechen. Habt ihr dazu Erfahrungen? Matthias Mey: Ja, eine ganz aktuelle Erfahrung. Wir hatten uns zuletzt intensiv mit Zertifikaten auseinandergesetzt, weil wir nach


14–16/01/2020 Tempelhof Hangar 4


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„Zu echter Nach­ haltigkeit gehört auch, dass man profitabel arbeitet, daher halte ich es für völligen Quatsch, dass man nachhaltigen Labels ihr Gewinnstreben abspricht.“ Matthias Mey, geschäftsführender Gesellschafter Mey und Gründer Mey Story

einer Alternative zu GOTS gesucht haben, um auch unsere konventionellen Produkte zertifizieren zu lassen. Am Ende hielten wir die Fair Wear Foundation (FWF) für unsere Marke als eines der besten Zertifikate. Eine Anfrage an FWF hatte sich sehr schnell erledigt. Wir wurden abgelehnt! Mit der Begründung, dass wir in völlig unkritischen Ländern wie beispielsweise Portugal, Ungarn oder Polen produzieren. Stellt man sich nun vor, unsere Produkte „ohne Zertifizierung“ liegen später neben einem in Bangladesch produzierten, aber dafür zertifizierten Produkt eines Mitbewerbers, frage ich mich schon, welches Produkt intuitiv auf den Konsumenten nachhaltiger wirkt. Zertifikate beruhigen zunächst einmal das Gewissen des Verbrauchers, mehr nicht. Thimo Schwenzfeier: Was hältst du von einem Meta-Siegel wie dem Grünen Knopf? Die unterschiedlichen Zertifizierungen sind für die Kunden und die Verkäufer ja fast wie ein undurchdringbarer Dschungel. Matthias Mey: Das glaube ich auch. Letztendlich braucht der Konsument eine Orientierung. Ich persönlich würde mir etwas wie die Energieeffizienz-Klassifizierung bei Elektrogeräten wünschen. Ein einheitliches Zertifikat, welches eine Klassifizierung beinhaltet. Ein Beispiel: Unsere NOS-Produkte können wir den härtesten Zertifizierungen unterziehen – beispielsweise Bluesign –, bei welchen der gesamte Wertschöpfungsprozess bis zum Vorlieferanten genauestens überprüft wird. In der Gesamtheit und Komplexität einer Fashionkollektion mit ständig wechselnden Zutaten ist dies bereits in diesem Umfang nicht mehr möglich. Aktuell stammen beispielsweise 95 Prozent unserer Lieferanten aus Europa. Gerade sind zwei Buntbandhersteller in die Insolvenz gegangen, weil sie dem internationalen Preisdruck nicht mehr Stand halten konnten. In der Konsequenz bedeutet dies auch für uns, dass wir uns nun mehr in Richtung Asien orientieren müssen. Dies bedeutet nicht, dass die Qualität oder der Aspekt der Nachhaltigkeit hier nicht mehr gegeben ist, dennoch wird die Transparenz unserer Philosophie entsprechend anspruchsvoller. 048

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Hinzukommt, dass auch wir zunehmend dem Preisdruck ausgesetzt sind und marktpreisfähige Eckpreislagen erzielen müssen. Mit über 1.000 Mitarbeitern in Lohn und Brot müssen auch wir wirtschaftlich denken. Das Textilbündnis war daher eine gute Idee und zunächst ein guter Ansatz, eine Vereinheitlichung zu erzielen. Mein Bruder, welcher das Thema Nachhaltigkeit in unserem Unternehmen treibt, war zunächst skeptisch, ob wir alle Anforderungen auch erfüllen können. Als wir dies geprüft hatten und zu dem Entschluss kamen, beizutreten, sind Unternehmen wie Primark oder Kik mit Absichtserklärungen beigetreten. In diesem Moment war klar, dass wir nicht das gleiche Siegel tragen können und wollen wie beispielswiese diese Firmen. Am Ende wird der Konsument doch im Glauben gelassen, es handle sich um gleichwertige Produktionsstandards und Billiganbieter werden durch diese Vereinheitlichung auf eine deutlich höhere Stufe angehoben beziehungsweise profitieren von vielen anderen Marken, die sich tatsächlich und intensiv um das Thema Nachhaltigkeit kümmern. Verena Paul-Benz: Das stimmt. Sehr viele haben Angst vor dieser Situation und schrecken deshalb vor dem Grünen Knopf zurück, damit es ihnen nicht das Image verhagelt. Thimo Schwenzfeier: Wir haben versucht, genau das dem Minister und seinem Team zu vermitteln. Beim Grünen Knopf ist man der Meinung, dass es wichtig ist, in die Umsetzung zu starten und dann im laufenden Betrieb die Feinheiten zu justieren. Aber dieser erste Schritt hat so viel Gewicht. Loslaufen, ohne genau das Ziel zu kennen, ist schwierig. Unsere Position ist also, dass wir Meta-Siegel wie den Grünen Knopf grundsätzlich unterstützen, aber die Umsetzung für verbesserungswürdig halten. Bernd Hausmann: Man muss auch eingestehen, dass den Kunden diese Siegel kaum interessieren. Hauptsache es steht da Biobaumwolle, egal ob GOTS zertifiziert oder nicht. Ich finde es aber wichtig, dass eine neutrale Instanz auf die Supply Chain schaut. Meistens beschäftigt sich die jüngere Generation mit dem Thema Nachhaltigkeit. Ist das der Grund, warum der klassische Fachhandel noch so wenig darauf gibt? Weil er eine eher ältere Zielgruppe bedient? Bernd Hausmann: Das Argument untermauern Händler wie Zalando oder About You. Beide setzen inzwischen auf Nachhaltigkeit und haben ein jüngeres Publikum. Thimo Schwenzfeier: Zalando hat sehr viele junge Mitarbeiter. Das heißt, da sitzen Leute, die vielleicht noch selbst auf Fridays-for-Future-Demonstrationen gehen. Auf diese Weise bekommt das Thema schneller Gewicht und erreicht auch die Chefetage. Der klassische stationäre Händler, wie wir ihn kennen,


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„Zum Gesamtprinzip von Nachhaltigkeit zählt für mich, dass jeder von seinem Stück des Kuchens satt wird.“ Verena Paul-Benz, Gründerin Lovjoi

bedient eher ein älteres Publikum. Da heißt es klar: Fashion First. Und einige nachhaltige Labels sind immer noch nicht Fashion genug. Matthias Mey: Das stimmt, aber es ändert sich. Bei Mey Story profitieren wir gerade sehr davon, dass wir hochwertigen Händlern eine nachhaltige Story bieten können. Weil es eben doch spannend ist für den Konsumenten. Verena Paul-Benz: Wir nachhaltigen Labels dürfen den Fashion-Grad nicht außer Acht lassen. Aber: Je modischer das Kleidungsstück ist, desto teurer wird die Produktion. Spitzenapplikationen und nachhaltige Pailletten kosten schon aufgrund ihrer technischen Voraussetzungen und Einkaufspreise deutlich mehr. Erstaunlicherweise akzeptiert man in der konventionellen Mode hohe Preise ohne Murren. Da würde niemandem einfallen, sich darüber zu beschweren, dass Gucci zu teuer sei. Uns nachhaltigen Brands allerdings wird Luxus schnell zum Vorwurf gemacht. Dabei ist es wichtig für diesen Markt, dass auch er eine Varianz an Preislevel und Modegrad entwickelt. Genau so, wie wir es von der konventionellen Mode auch kennen. Wäre es heute nicht auch eine politische Aufgabe, einzupreisen, was ein T-Shirt für drei Euro verursacht? Es zerstört ja nicht nur Ressourcen, sondern auch die Umwelt. Thimo Schwenzfeier: Die Diskussion einer CO2-Steuer. Das Problem ist die liberale Weltwirtschaftsordnung. Verbote werden mit Kommunismus gleichgesetzt, als würde davon unsere Gesellschaft untergehen. Die Politik ist gefordert, Rahmenbedingungen für eine soziale, marktliberale und umweltverträgliche Wirtschaft zu schaffen. Bernd Hausmann: Seit ich vor 14 Jahren Glore gegründet habe, diskutieren wir die Frage, warum Nachhaltigkeit so zäh vorangeht. Liegt es am Konsumenten oder am Handel, braucht es die Politik? Selbstverständlich muss die Politik Rahmenbedingungen schaffen. Im Moment erlebt Nachhaltigkeit vor allem dann einen Boom, wenn Katastrophen wie Rana Plaza passieren, das ist 050

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zynisch, aber auch in der Energiepolitik hat es Tschernobyl und Fukushima gebraucht, um den Atomausstieg durchzubringen. Meine Erfahrung ist: Der erhobene Zeigefinger allein funktioniert nicht. Es braucht Marken, die verstehen, wie coole, begehrliche Produkte aussehen und sein sollen, und die professionell arbeiten. Was triggert den Konsumenten, eine nachhaltige Brand zu kaufen? Verena Paul-Benz: Marketing. Der springende Punkt ist ja, dass die großen Brands auch große Werbebudgets haben, mit denen sie sich aktuell gerade grün waschen. Thimo Schwenzfeier: Für den Konsumenten in der Masse ist Mode, egal ob nachhaltig oder nicht, heute zunehmend ein Low-Interest-Produkt, was sehr schade ist. Tatsächlich ist es für viele wichtiger, das neueste iPhone zu besitzen. Wie lassen sich eigentlich Fair Fashion und der schnelle Wandel, den die Mode fordert, vereinen? Verena Paul-Benz: Das ist ein spannender Aspekt. Immer soll alles so schnell wie möglich auf den Markt gebracht und verkauft werden. Wenn sich Eco-Labels als Alternative zum konventionellen Markt beweisen wollen, schaffen sie das nur, wenn sie die Zyklen des konventionellen Marktes auch einhalten. Damit bewegen sie sich allerdings bereits in die gleiche Richtung wie die Fast Fashion. Das macht mir Gänsehaut und ich beobachte es mit großer Skepsis. Bernd Hausmann: Wir widersprechen uns täglich. Auf der einen Seite sagen wir dem Kunden, kauf weniger und kauf mehr Qualität, aber gleichzeitig möchten wir unseren Umsatz steigern, um die Branche nachhaltiger zu machen. (lacht) Trends zu erfinden, war wohl die genialste Idee, die es im Marketing jemals gab. Kauf heute rot und morgen grün, auf die Idee, das alles aus der Mode kommt, muss man erst mal kommen! Die schrecklichste, aber auch genialste Idee der Modebranche, denn schließlich generieren wir so Umsatz. Aber diese Diskrepanz wird uns immer begleiten. Wer sollte denn Regie führen, wenn es darum geht, echte Nachhaltigkeit zu etablieren – die Marke, der Vertrieb, der Händler? Verena Paul-Benz: Definitiv die Brand. Matthias Mey: Ganz klar, die Brands. Und weil zu echter Nachhaltigkeit auch gehört, dass man profitabel arbeitet, halte ich es für völligen Quatsch, dass man den nachhaltigen Labels ihr Gewinnstreben abspricht. Auch wir Familienbetriebe müssen Gewinne machen, sonst können wir künftig keine Mitarbeiter bezahlen. Im Gegensatz zu den internationalen Firmen werden eure Gewinne ja auch in Deutschland versteuert. Matthias Mey: Genau, wir versteuern sie in Deutschland, was im Endeffekt eine Wettbewerbsverzerrung darstellt, die uns verglichen mit Firmen, die internationale Steuerschlupflöcher nutzen, einen Nachteil einbringt. Aber das ist ein anderes Thema, das hier zu weit führen würde. In der Wertschöpfungskette stelle ich gerne die Frage, welche Rolle der Handel übernimmt. Wie viel vom VK-Preis nimmt die Marke, wie viel der Händler? Ich finde, guten Händlern steht ein großer Teil davon zu. Sie sorgen für gut ausgebildetes Personal auf der Fläche, das Argumente für


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„Nachhaltigkeit unter­ liegt einer Evolution.“ Thimo Schwenzfeier, Show Director Neonyt und Director Marketing Commu­ nications Messe Frankfurt

hochwertig hergestellte Produkte liefert. Dadurch können höhere Preise erzielt werden und in Summe weniger Abschriften, davon leben wir. Zunehmend schwer fällt mir dies bei den Händlern, welche bei bestehender Fläche immer weniger Personal einsetzen. Das wird langfristig, zumindest für unserer Produkte, nicht funktionieren. Verena Paul-Benz: Genau hier schließt sich für uns der Kreis. Ich finde es sehr wichtig, den Handel in den Nachhaltigkeitsaspekt mit einzubeziehen. Es hört nicht damit auf, dass ich als Marke sage, ich produziere fair, ökologisch und nach mir die Sintflut. Wir haben immer das Kuchendiagramm vom T-Shirt vor uns und sehen, dass der Näher zu wenig verdient. Aber was ist mit dem Händler? Der muss doch genauso davon leben können. Zum Gesamtprinzip von Nachhaltigkeit zählt für mich deshalb, dass jeder von seinem Stück des Kuchens satt wird. Matthias Mey: Das größte Problem ist die fehlende Preishoheit. Wir Marken haben keinen Durchgriff auf den VK-Preis, deshalb ist es zwischenzeitlich so, dass der Schwächste den Markt diktiert. Sprich, der Schwächste in der Kette fängt extrem früh an Ware zu reduzieren und setzt damit die starken Händler unter Druck. Dies macht Preise inflationär und gerade die guten Händler verlieren unnötig Marge. Verena Paul-Benz: Ja, aber du machst dich als Brand auch selbst kaputt, wenn du mit den Mindestmengen zu stark nach oben gehst und dadurch das Volumen in die Höhe treibst. Der Händler wird diesen Überschuss nicht mehr los und reduziert zu viel, wodurch dein Image leidet. Die Brand sollte also einfach globaler denken, immer einen oder zwei Schritte voraus. Matthias Mey: Wir haben es bei den guten Händlern immer auch mit einem neuen, vertikalen Wettbewerb zu tun. Nehmen wir beispielsweise in den USA Everlane mit seinem Konzept des Transparency Pricing. Everlane macht seine Lieferkette und Produktionsschritte recht transparent. Ein nicht zu unterschätzender Ansatz in der Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit. Wir diskutieren viel zu exklusiv über das Thema Bio und Organic Cotton, stattdessen sollten wir viel intensiver die gesamte Prozesskette in puncto Nachhaltigkeit betrachten und bewerten. Unsere Strategie ist, sukzessive dem Endverbraucher Einblicke in unsere Produktion zu gewähren, egal ob an unseren eigenen Standorten in Deutschland, Portugal oder Ungarn oder auch in einem unserer Partnerbetriebe in Osteuropa oder der Türkei. Thimo Schwenzfeier: Ich glaube, dass auch der negative Impact eines Produkts bemessen und eingepreist werden muss. Anders sehe ich keine Lösung für den gewaltigen Einfluss, den unsere Industrie auf die Umwelt hat. Was auch immer negativen Impact hat, sollte mit einem Pricetag versehen werden. Dieser kann individuell ausgehandelt werden, auch regional. Denn selbstverständlich wird der Pricetag in Deutschland anders zu bewerten sein als der in Bangladesch. Der Grundgedanke ist allerdings wirklich spannend. Ich bin überzeugt: Nur, wenn uns unsauber produzierte Produkte irgendwann im Geldbeutel treffen, werden wir unser Konsumverhalten ändern. Welche Anreize sind dafür nötig?

Thimo Schwenzfeier: Da überfordert man jetzt natürlich die Textilbranche an sich. Die Frage ist ja auch, welches Ziel ich mir setze. Ich glaube, dass man die nachhaltige Branche professionalisieren muss, um sie zum Wachstum zu animieren. Meine Definition von Nachhaltigkeit ist also auch Transparenz. Wir brauchen ein Siegel, eine dritte Instanz, die auf unser Handeln schaut. Bernd Hausmann: Ich möchte noch eine Facette einbringen, über die wir bisher zu wenig gesprochen haben: regionaler Konsum und die Entstehung der regionalen Produkte. Nehmen wir den Bioapfel, der aus Chile kommt, versus den Apfel vom Bodensee. Was ist jetzt besser, was nachhaltiger? Wir konsumieren in Deutschland und deshalb müssen wir auch die CO2-Bilanz mit in Betracht ziehen. Ohne diese Betrachtung haben wir irgendwann ein großes Ungleichgewicht. Verena Paul-Benz: Außerdem wäre es gut, wenn der Verbraucher beginnt, über die Geld- und Kreislaufwirtschaft nachzudenken. Das heißt, wer im Supermarkt einkauft, der gibt sein Geld einem Konzern. Deshalb ist es nützlich, regional einzukaufen. Davon sind wir aktuell allerdings meilenweit entfernt. Deshalb ist meine Hoffnung, dass das irgendwann Stufe für Stufe passiert. Ist Nachhaltigkeit die Chance, dass die Mode endlich ein anderes Argument lehrt, als: Kauf das, weil es neu ist? Matthias Mey: Es wäre sinnvoller, mehr ins Produkt zu investieren und zu sagen: Ich kreiere Lieblingsteile und biete sie zu einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis an. Das ist auch unser Ansatz. Wir produzieren Stücke, die ganz oben im Schrank liegen, weil man sich darin am wohlsten fühlt. Diese Richtung gepaart mit dem Thema Nachhaltigkeit ist eine tolle Kombination. Verena Paul-Benz: Ich finde, die Halbwertszeit eines Produktes zu verlängern, es so harmonisch und perfekt zu gestalten, dass die Aufmerksamkeit lange währt, ist ein ganz spannender Punkt. Vielen Dank für das Gespräch! style in progress

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1 SUSTAIN + ABILITY

INTO THE BLUE FASHIONTECH

Denim heute und Denim morgen haben nichts mehr gemeinsam – so viel steht schon einmal fest. Nachhaltige, recycelte und alternative Fasern packen das Problem des hohen Verbrauchs von nicht nachhaltig angebauter Baumwolle an der Wurzel. Chemische und toxische Stoffe sollen aus dem Waschprozess verschwinden und Laser oder Ozon das gefährliche Veredeln der Jeans sauber machen. Vom Ökosünder zum Musterschüler – eine Industrie macht ihre Hausaufgaben.

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WIE GRÜN KANN BLAU WERDEN?

Jeans sind ein dreckiges Geschäft – das beginnt bei der verwendeten Baumwolle und endet bei den langen Lieferwegen. Dazwischen tragen Waschen, Färben und Veredeln dazu bei, dass die Ökobilanz einer Jeans ziemlich düster aussieht. Das gilt es zu ändern – finden führende Hersteller im Gespräch mit style in progress. Text: Stefanie Buchacher, Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka. Illustrationen: Claudia Meitert@Caroline Seidler

GREENWASHING IST EIN PROBLEM

Rosey Cortazzi, Isko Global Marketing Director „Um Denim 100 Prozent grün zu machen, müssten wir die Produktion einstellen. Wir tun alles, was wir können, um die ökologischen Folgen der Denimproduktion zu verringern und gleichzeitig positiven Einfluss auf die Einkäufer zu nehmen. Eine der größten Herausforderungen ist Greenwashing, welches es den Modeprofis erschwert, fundierte Entscheidungen zu treffen. Unsere Umweltmaßnahmen sind von unabhängigen Prüfern verifiziert, zudem stellen wir konkrete Nachweise bereit, um dabei zu helfen, eine nachhaltigere Industrie aufzubauen.”

STÄNDIG AUF DER SUCHE

Sara Maier, Denim Designerin Armedangels „Unsere Detox Denims sind GOTS-zertifiziert. Das bedeutet, dass keine schädlichen Pestizide bei der Baumwollproduktion oder giftiges Chlor beim Waschen zum Einsatz kommen. Diese Jeans sind auch frei von Schwermetallen und zu 100 Prozent vegan. Wir sind ständig auf der Suche nach Ansätzen, noch grüner zu werden: Bei der Auswahl der Rohstoffe, der Reduzierung von Chemikalien oder indem wir Wasser einsparen. Unser neues Ziel heißt: Denims mit Recyclingmaterial auszustatten und dreckiges Abwasser zu eliminieren. Für die Kunden zählt am Ende jedoch auch der richtige Fit.“

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IN DER GEGENWART BEGINNT DIE ZUKUNFT

Elena Engel, Marketingleiterin Goldgarn Denim „Wir denken seit der ersten Stunde langfristig, so gibt es eine integrative Spendenaktion für Aufwind Mannheim, die sozial benachteiligte Kinder unterstützt. Pro verkaufter Jeans geht ein Euro an diese Institution. Gerade Denim verbraucht in der Entstehung natürliche Ressourcen, oberstes Gebot war und ist für uns daher die selektive Auswahl unserer Geschäftspartner. Beispielsweise kaufen wir ausschließlich bei Isko Denim ein, sie verfügen über streng geprüfte Zertifikate wie ÖkoTex 100, GOTS, OEP, ISO 9001, ISO 9002 und andere. Das gibt uns ein sicheres Gefühl. Außerdem arbeitet Isko schon lange an organischen Komponenten und Recyclingprozessen, beides soll die Baumwolle in Jeans in Zukunft ersetzen. Auch unsere kleine Manufaktur ist gezielt ausgewählt: Es geht sehr familiär und fair zu, jeder Mitarbeiter fühlt sich als Teil des Ganzen und identifiziert sich mit dem Produkt.“

UMSTELLUNG OHNE PREISERHÖHUNG

Susanne Schwenger, CPO Marc O’Polo „Der Einsatz von natürlichen Materialien ist seit jeher in der DNA von Marc O’Polo verankert. Bereits vor zwölf Jahren setzten wir als eine der ersten Brands auf Biobaumwolle. In der Hauptkollektion Marc O’Polo Casual bauen wir das Angebot der Modern Organic Products signifikant aus und bieten aktuell 70 Styles, in der Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2020 90 Styles. Der Liefertermin Juni 2020 setzt bei Casual Men sogar ausschließlich auf Biobaumwolle. Im Rahmen unserer Initiative stellen wir auch wichtige Key-Products und Volume-Driver auf Biobaumwolle um, und das ohne Preiserhöhungen. Bei unserer jungen Linie Marc O’Polo Denim forcieren wir wie in der Hauptkollektion den Einsatz von Biobaumwolle und Tencel, sowie von recycelten Materialien. Auch sind uns unsere Less-Is-More-Denims wichtig, bei denen sich spezielle Techniken beim Garment-Finish wasser- und energiesparend auswirken und je nach Optik auf chemische Substanzen verzichtet werden kann.“

GRÜN UND BLAU GEHT GAR NICHT

Erwin Licher, Gründer der Marken Herrlicher und Mr. Licher „Wenn eine Jeans eine Waschung hat, ist das immer mit dem Einsatz von Wasser und Chemikalien verbunden. Aber Endkonsumenten, Händler und Mitarbeiter erwarten zu Recht, dass Unternehmen die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Seit Jahren arbeiten wir deshalb mit europäischen Webereien und Wäschereien zusammen, die kontinuierlich zur Verbesserung der Umweltverträglichkeit beitragen. Unsere Wäschereien verwenden Ozon und haben das Schleifen und Schmirgeln durch Laser ersetzt. Hergestellt werden die Jeans ausschließlich in Europa und Marokko in Familienbetrieben. Wir können sicherstellen, dass es dort keine Kinderarbeit gibt. Wichtig ist uns, auch nach dem Kauf für Nachhaltigkeit zu sorgen: Wir verwenden spezielle Garne, die höhere Rücksprungwerte haben, dadurch behalten die Jeans länger ihre Form und müssen nach dem Tragen nicht immer gleich gewaschen werden.“

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D E N I M B E YO N D S E ASO N S

3+4 DEC 2019

4-6 F E B 2020

4+5 FEB 20 20

PREVIEW TEXTILE FAIR

I N T E R N AT I O N A L FA B R I C T R A D E FA I R

I N T E R N AT I O N A L DENIM T R A D E FA I R

VIEWMUNICH.COM # VIEWMUNICH

M U N I C H FA B R I C S TA R T. C O M # M U N I C H FA B R I C S TA R T

B L U E ZO N E M U N I C H . C O M # B L U E ZO N E M U N I C H


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LANG LEBE DIE JEANS! Die Begrünung der Branche ist mit einer Ökojeans im Sortiment nicht erledigt. Unbequeme Wirtschaftsfakten sprechen für einen radikalen Wandel – und der birgt einen Wettbewerbsvorteil für Denim. Text: Petrina Engelke. Foto: ©bunwit - stock.adobe.com

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ie Klimakrise ist ein Unternehmensrisiko. In dieser Rubrik taucht sie im Börsenprospekt von Levi Strauss auf. An den Folgen von Erderwärmung, Umweltverschmutzung und Ausbeutung sterben nicht nur Menschen, sondern auch Unternehmen. Levi’s stellt sich zwar gern als Vorreiter bei den Nachhaltigkeitszielen und -maßnahmen dar, doch als der Weltmarktführer der Jeanshersteller beim Börsengang im März 2019 um Anleger warb, fehlte der 248 Seiten starke „Sustainability Guide“ bei den Verkaufsargumenten. Bleibt die Frage, wie man das Risiko in Schach hält.

OHNE BAUMWOLLE KEINE JEANS

Entschuldigung, an Ihrer Baumwolle kleben Denkfehler. Natürlich ist Biobaumwolle besser als konventionell angebaute. Aber auch sie reagiert empfindlich auf den neuen Normalzustand in puncto Klima. Hitzewellen und Trockenheit mindern oder zerstören die Baumwollernte ebenso wie Starkregen und Überschwemmungen. Jeansmarken und Denimwebereien suchen besser nach Alternativen. Derzeit liegt die Hoffnung auf Hanf. Seine Fasern allein sind jedoch für Jeans zu kratzig. Während Ingenieure mit dessen Struktur experimentieren, forschen Wissenschaftler anderswo mit Faserbeimischungen aus Kelp-Algen oder züchten neue Biopolymere auf der Grundlage von Bakterien oder Hefepilzen. Kurzum: Wer heute noch sein Geschäft komplett von Baumwolle abhängig macht, ist so clever wie der Fabrikant, der an Lampenöl aus Walfett festhielt. NEU IN DER LIEFERKETTEN: DURCHBLICK!

Moment, das war noch nicht alles! Auch das Wasser wird knapp, fossile Vorräte für Energie und Plastikteile sowieso. Wachsende Müllberge heben die Entsorgungskosten. Und in einer Zeit, in der Kunden klickschnelle Befriedigung erwarten, bedrohen zunehmend Naturkatastrophen Produktion und Vertrieb mit Ausfällen. Es ist echt ein bisschen viel, was die Klimakrise den Unternehmen da vor den Latz knallt. Heulen, Zähneklappern, Lobbyarbeit, selbst Greenwashing kostet Zeit und Geld. Und dann wollen die Millennials auch noch wissen, wer ihre Jeans gemacht hat. Besser könnte es ein Unternehmensberater auch nicht fragen. Denn statt wie der Ochs vorm Problemberg zu stehen, sieht man in einer transparenten Lieferkette genau, wo sich das eigene Geschäft von riskanten Stoffen und Prozessen abkoppeln lässt. Für Großkonzerne wie für kleine Läden gilt, die Wertschöpfungskette als eine Datenquelle für Verbesserungsansätze zu begreifen. AG Jeans zum Beispiel hat seine Produktion von der Frischwasserabhängigkeit nahezu befreit, indem es in den Fabriken in Los Angeles und Mexico Stadt ein Kreislaufsystem installierte. Das verringert nicht nur die Umwelt- und Sozialbelastung, sondern auch die Kosten – und sichert das Weitermachen etwa in Dürreperioden. MEHR ALS EINE LÖSUNG

Eierlegende Wollmilchsäue wären super. Wrangler hat zumindest schon einmal eine wasser-, energie- und abfallreduzierte Färbemethode in einer Zusammenarbeit des spanischen Textilzulieferers Tejidos Royo mit der Texas Tech University entwickelt. Unterdessen schauen Levi’s und Jeanologia auf die Uhr. Sie haben beim Finishing Chemie durch Lasertechnologie ersetzt und plötzlich dauert ein Durchgang 90 Sekunden statt zwei bis drei Stunden Handarbeit pro Jeans. Zeit ist Geld – und Alleingänge kosten beides. Mit Gruppenarbeit beschleunigen Initiativen wie die Science-Based Targets Initiative oder die Fashion Industry Charter of Climate Action die Rettung des Geschäfts. Sie bringen Modefirmen und Experten an einen Tisch, um bewährte Verfahren auszutauschen und wissenschaftlich fundierte, messbare Ziele zeitnah zu erreichen. Verkaufszahlen als Erfolgsmaßstab kommen da aus der Mode. DER HEIMLICHE VORTEIL DER JEANSBRANCHE

Und nun mal Schluss mit dem Theater! Wie in einer romantischen Komödie kommen die Hauptfiguren als Letzte darauf, was das Publikum schon ewig weiß: Langlebigkeit liebt Denim. Klassiker wie die Levi’s 501, die Wrangler Blue Bell oder die Lee Riders haben Jahrzehnte voller Trends überlebt und sind Stars in Secondhand-Boutiquen. Wiederverwertungsoptionen sind quasi eingewebt. Während das flimsige Fast-Fashion-Segment vor dem von Analysten vorhergesagten Überholmanöver des Resale-Trends zittert, können Jeansmarken es sich mit Labels wie Authentic Vintage auf ihrem Bestand bequem machen. Mietjeans wie bei MUD und Edel-Aufmöbeldienste wie Atelier & Repairs und Re/Done erschließen neue Geschäftsfelder. Schon in der Designphase kann Denim die Weichen für ein Produkt stellen, das weniger Risiken und viele verschiedene Umsatzmöglichkeiten mit sich bringt. Dass all diese Strategien nebenbei die Erde retten, nutzt sogar dem Image. style in progress

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ZUKUNFTSMUSIK IN BLAU

Weltweit geht alle 60 Sekunden eine Jeans über eine Ladentheke, jährlich werden rund zwei Milliarden Jeans verkauft. Der durchschnittliche Deutsche hat sieben Jeans im Schrank und trägt sie circa sechs Jahre. Wird die Blaue grüner, atmet die Welt auf – denn an zurückgelegten Kilometern und Ressourcenverbrauch gibt es kaum ein Kleidungsstück, das die Jeans übertrifft. Auch 2019 werden noch allerhand gefährliche Be- und Verarbeitungstechniken angewandt. Toxische, sogar krebserregende Chemikalien und Veredelungsschritte sind nicht nur in Billiglohnländern Teil der Jeansproduktion. Das wird, nein das muss sich ändern, finden style in progress Gesprächspartner zum Thema Denim. Text: Petrina Engelke, Isabel Faiss, Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka, Nicoletta Schaper. Fotos: Marken

TOMMY JEANS

NACHHALTIGKEITSSTRATEGIE

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ür Frühjahr 2019 wurde die Tommy Jeanskollektion erstmals um Teile aus 100 Prozent recyceltem Denim erweitert. On Top kommen für die neue Herbstkollektion erstmals sogenannte Repurposed Styles hinzu, die zu 90 Prozent aus Lagerbeständen und Materialresten bestehen: Jeans, Rock, Cargo- und Trucker-Jackets. „Wir alle teilen die Verantwortung, Produkte bewusster herzustellen, um dazu beizutragen, die Ressourcen unserer Welt zu schonen“, sagt Daniel Grieder, CEO Tommy Hilfiger Global & PVH Europa. „In unserem Product Innovation Center in Amsterdam setzen wir neue Maßstäbe für die Herstellung von Denimstyles mit Techniken, die den Wasser-, Energie- und Chemikalienverbrauch um bis zu 70 Prozent senken können. Das Center ermöglicht uns auch, mit innovativen Gewebe- und Veredelungstechniken in Echtzeit zu experimentieren, ohne Muster hin- und herschicken zu müssen. Nur wenn wir diese wichtige Diskussion durch Transparenz und den Austausch bewährter Verfahren vorantreiben, können wir auch unsere Branche voranbringen.“

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Tommy Hilfigers Product Innovation Center in Amsterdam.


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MOS MOSH

LASER STATT SANDSTRAHL

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ir sind stolze Mitglieder der Better Cotton Initiative und streben an, im ersten Jahr unserer Mitgliedschaft 70 Prozent unseres Baumwollverbrauchs aus nachhaltigem Anbau zu beziehen. Darüber hinaus wenden unsere Denimproduzenten neueste Technologien an, um den Verbrauch von Wasser und Chemikalien zu minimieren, beispielsweise erzeugen sie Vintage-Looks mit Lasertechnologie. Bei Mos Mosh verwenden wir nachhaltige Fasern wie Tencel und recycelte Materialien, beispielsweise aus Polyamid. Für unser NOS-Programm haben wir unsere Bestseller in ein zu 100 Prozent nachhaltiges Produkt umgewandelt.“ Kim Hyldahl,

Kim Hyldahl, Gründer und Creative Director Mos Mosh.

Gründer und Creative Director Mos Mosh

INCOTEX

KOOPERATION MIT GIRBAUD

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uck Moonwash“, schrie François Girbaud kürzlich publikumswirksam auf einer Konferenz zum Thema Nachhaltigkeit. Er fühle sich verantwortlich, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Gemeinsam mit der Slowear-Gruppe haben François und Marithé Girbaud die Kollektion Rockin the Fly ins Leben gerufen, ab 2020 im Handel. Roberto Compagno, Präsident und CEO von Incotex-Mutter Slowear: „Ein fortschrittliches Projekt, bei dem Innovation und gegenseitiger Austausch beider Experten im Fokus stehen.“ Das Resultat: 16 Teile in Denim mit KettStretch für maximale vertikale Elastizität und am Beinende kunstharzgebunden, um ein saumfreies Finish zu ermöglichen. Technische Textilien, die mit UV-Strahlen und Ultraschall behandelt wurden und nachhaltige und umweltfreundliche Waschungen, die keinen Behandlungen mit Chlor oder chemischen Mitteln ausgesetzt wurden.

Nachhaltigkeit ist Incotex und dem Designerduo François und Marithé Girbaud ein großes Anliegen.

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ANARA

HANFBLAU

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us Hanf lassen sich hervorragend Jeans machen. Im Vergleich zu Baumwolle braucht Hanf beim Anbau nur ein Drittel der Wassermenge, bringt den doppelten Ertrag und wächst wie Unkraut: So dicht, dass Bauern auf das Giftspritzen verzichten können. Klingt perfekt, doch weil die Faser robuster als die weiche Baumwolle ist, würde einer reinen Hanfjeans die typische Haptik und Optik fehlen. Deshalb setzt Anara auf eine Mischung aus 54 Prozent Hanf, 44,5 Prozent Biobaumwolle und 1,5 Prozent Spandex. Die kanadisch-australische Marke will die herkömmliche Jeans durch etwas ersetzen, das nicht nur umwelt- und menschenfreundlicher in der Herstellung ist, sondern auch länger hält. So weist Anara auch auf den Slow-Fashion-Effekt ihrer Damen- und Herrenjeans hin: Hanfgewebe ist im Vergleich zu reiner Baumwolle langlebiger und muss dank seiner antibakteriellen Wirkung auch nicht so oft gewaschen werden.

Hanfjeanspioniere aus Australien: Anara.

MASKA

WENIGER WASSER, WENIGER PESTIZIDE

Maria Svensson, Gründerin von Maska.

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ir arbeiten mit Stoffen, die aus einer Mischung aus Hanf und Biobaumwolle bestehen und mit echtem Indigo gefärbt werden. Dieser besondere Denim besticht nicht nur durch seine Optik, sondern auch durch die lange Lebensdauer und ist dank seiner Ähnlichkeit mit Leinen im Sommer angenehm zu tragen. Hanf ist stark und langlebig, wächst schnell und benötigt wenig Wasser und Pestizide. In der Produktion vermeiden wir außerdem umweltbelastende Wasch- und Bleichverfahren und kämen nie auf die Idee, Sandstrahlverfahren für Distressed-Effekte einzusetzen. Solche Verfahren verkürzen die Lebensdauer der Produkte oft um viele Jahre. Recycelte Garne kommen für uns nicht in Frage, weil sie schlechter aussehen und nicht so lange halten – und weil die Qualität an erster Stelle steht, funktioniert das für uns nicht. Unserer Meinung nach sind sie für Heimtextilien geeignet, entsprechen aber nicht den Ansprüchen der Luxusmodeindustrie.“


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LIU JO

DENIM WEIST DEN WEG

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uf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit hat sich die italienische Fashionmarke Liu Jo zuerst die Jeans vorgenöpft: „Weil es das Produkt ist, das die DNA unserer Marke am besten verkörpert und das unsere Werte Weiblichkeit, Glamour und Qualität vereint. Aber natürlich auch, weil Jeans bei der Herstellung am meisten Umweltverschmutzung verursachen“, sagt Marco Marchi, Head of Style bei Liu Jo. „Unsere Serie Liu Jo Better Denim wird mit nachhaltigen Techniken hergestellt, überwiegend kommt Denim von unserem Partner Candiani zum Einsatz, die Chitosan verwenden, das ist ein natürliches Polymer aus dem Außenskelett von Krebstieren, das hundertprozentig biologisch abbaubar ist. Außerdem eine spezielle Färbetechnologie, die Candiani Indigo Juice nennt. Sie verhindert, dass das Indigo tief in die Faser eindringt und sie damit schädigt, trotzdem ist das Färbeergebnis brillant. Aber bei Jeans geht es nicht nur um Denim. Wir haben jedes Detail daraufhin untersucht, wie man es grüner machen kann, von den Labels bis zu den Knöpfen, sogar das Nähgarn und die Verpackung.“

Die grünere Jeanslinie Better Denim markiert für Marco Marchi, Head of Style bei Liu Jo, nur den Anfang. Die Erkenntnisse will man Schritt für Schritt auf die gesamte Kollektion anwenden.

FIVE FELLAS

HERZENSSACHE

„F Unplugged Denim nennt Five Fellas seine Jeans und will damit eine bewusste Antithese zu Massenprodukten sein. Natürlich zollt Gründer Oliver Schultz damit auch seinen Wurzeln als Musiker Tribut.

ür uns war Nachhaltigkeit von Anfang an Herzenssache, kein PRGag“, sagt Oliver Schultz, Gründer von Five Fellas. Denim von Candiani für alle Modelle, egal ob Fashion oder NOS, ist daher selbstverständlich. „Kern unserer Marke ist außerdem, dass Nachhaltigkeit nicht mehr kostet. Mit VK-Preisen zwischen 100 und 130 Euro bei einer 3,0er-Kalkulation liefern wir ein durch und durch ehrliches Produkt. Das schaffen wir, weil wir die Overhead-Kosten sparen. Statt in teure Apparate investieren wir lieber in Qualität.“ Diese Botschaft liefere Händlern „ein Kommunikationsargument, zu dem der Kunde eigentlich gar nicht nein sagen kann. Niemand sagt nein zu Nachhaltigkeit, niemand sagt nein zu Premiumqualität.“ Nach vielen Jahren Tätigkeit in Modehandel und auf Markenseite war Five Fellas für Oliver Schultz und seine Mitstreiter Ausdruck des Wunsches, es selbst besser zu machen. „Und zum Bessermachen gehört Nachhaltigkeit integral dazu.“ style in progress

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PEPE JEANS

IN ALLER KONSEQUENZ

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ru-Blu nennt Pepe Jeans ein neues innovatives Projekt, bei der verschiedene Techniken und Verfahren zum Einsatz kommen, um Jeans nachhaltiger zu machen. Darunter Modelle, die hydrosulfitfrei gefärbt sind und bei denen der Chemikalieneinsatz und der Wasserverbrauch reduziert werden. Weitere Styles sind aus Biobaumwolle, aus Fasern auf Mais- oder Hanfbasis oder aus recycelten Fasern. Teil von Tru-Blu ist die Footwear-Capsule No.22. Die Sneaker sind mit Titandioxid beschichtet, mit dem Ziel, bis zu 80 Prozent der schädlichen Stickoxide zu eliminieren, die bei Einstrahlung von UV-Licht auf den Schuh entstehen.

Weniger Chemikalien, reduzierter Wasserverbrauch und alternative Fasern aus Hanf oder Mais: die Nachhaltigkeitsformel von Pepe Jeans.

CANDIANI DENIM

„ZIRKULARITÄT IST DER RICHTIGE WEG“

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Über seine Nachhaltigkeitsbemühungen glaubte Alberto Candiani viele Jahre „mit einer Wand zu sprechen“. Jetzt ist das Interesse so groß wie nie.

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or zehn Jahren wollte niemand recycelte Stoffe oder Denim aus Hanf kaufen, wie sieht’s heute aus? Alberto Candiani, Inhaber Candiani Denim: Jetzt bewegt sich was. Davor habe ich geglaubt, mit einer Wand zu sprechen, weil sich niemand für nachhaltige Innovationen interessiert hat. Das Thema ist momentan Nummer eins bei vielen Webern und Marken. Leider ist es allzu oft nur Storytelling im Marketing. Baumwolle ist eigentlich nicht das Problem, wenn sie rücksichtsvoll angebaut wird, weil 75 Prozent der angebauten Baumwolle mit Regenwasser auskommt und keine künstliche Bewässerung benötigt. Die Nachhaltigkeitswelle hat hier Informationen verzerrt, die klargestellt werden müssen. Sie haben 2018 einen Stoff nur aus recycelten Fasern vorgestellt. Was ist das Besondere daran? Wir haben ein Premiummaterial nur aus Abfällen mit Hilfe von Lening’s Refibra hergestellt. Es besteht zu gleichen Teilen aus Produktionsmüll sowie regeneriertem Lyocell. Der erste Denim, der nicht nur „grüner“, sondern auch besser ist als herkömmlicher. Deshalb haben wir den ITMA Sustainable Innovation Award gewonnen. Gefärbt wird der Stoff mit Indigo und Kitotex, das auf aus Krabbenschalen gewonnenem Chitosan basiert und ziemlich schädliche Chemikalien ersetzt. Dadurch wird Waschwasser eingespart und weniger verschmutzt. Wie wird die Zukunft des Denimwebens aussehen? Zirkularität ist der einzig richtige Weg. Re-do, re-cycle, re-use und re-think wird eine große Rolle in naher Zukunft einnehmen. Wir müssen neuen „Re“-Denim ohne Qualitätsverlust entwickeln und dabei unseren CO2-Ausstoß minimieren. Ich glaube an das regenerative Konzept, basierend auf natürlichen Fasern, die sich im Anschluss bestenfalls kompostieren lassen.


S u s ta i n + A b i l i t y – I n to t h e B l u e

SO LÄUFT’S

WUNDERWERK

WENIGER WASSER

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enn es um ressourcenschonende Denimproduktion geht, ist das Düsseldorfer Label Wunderwerk einer der Vorreiter. „Nur der Einsatz von Biobaumwolle reicht nicht aus, um nachhaltig zu sein. Faire Arbeitsbedingungen, der Verzicht auf giftige Substanzen zum Schutz von Mensch und Natur und eine energieeffiziente Produktionsweise sind ausschlaggebend für umweltverträgliche Produkte“, sagt Inhaber Heiko Wunder. Den ohnehin schon niedrigen Wasserverbrauch konnte er seit der Herbst-/Winter-Kollektion 2018 noch einmal deutlich verringern. „Alle Waschungen verbrauchen unter zehn Liter pro Hose. Das ist weniger als ein Zehntel im Vergleich zu konventioneller Herstellung. Jetzt kommen drei Modelle sogar mit nur 0,7 Liter aus“, erklärt Wunder. Viel wichtiger aber: Das Wasser wird nicht mehr verbraucht, sondern Dank der neuen Hightech-Wäscherei seines Produzenten aufbereitet und wiederverwendet. Dadurch bleibt es in einem geschlossen Kreislauf. Auf Chemikalien wie Chlor oder Kaliumpermanganat, die anschließend wieder mit viel Wasser ausgespült werden müssen, verzichtet man bei Wunderwerk von jeher. Statt Lasertechnik, die die Elasthanfasern schädigt und durch die die Ware ihren nötigen Rücksprung und Haltbarkeit verliert, werden Used Effekte mittels Sauerstoffbleiche (Ozon), mechanischer Handarbeit oder Stone-Wash erzielt.

Auf nur mehr 700 Milliliter Wasser pro Waschung und Hose schafft es Wunderwerk.

WRANGLER

INDIGOOD – FÄRBEN OHNE WASSER

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rangler hat den ersten schaumgefärbten Denim als Teil seiner neunteiligen Icons Kollektion auf den Markt gebracht. Diese trägt das Add-on Indigood. Im Fokus steht neben Wasser- und Energieeinsparung der Einsatz von bis zu 30 Prozent recycelter Baumwolle. Die Farbstoffe werden mit Hilfe von Schaum auf Garne übertragen, womit herkömmliche Wasserbehälter und chemische Bäder des Indigofärbens vollständig ersetzt werden. Abwasser wird somit nahezu vollständig vermieden. Im Vergleich zum herkömmlichen Färben wird für den Prozess des Foam-Dyed Denims rund 60 Prozent weniger Energie benötigt, außerdem werden rund 60 Prozent Abfall vermieden. Entwickelt wurde das Verfahren zusammen mit der Texas Tech University. In Wranglers Denimfabriken in Asien und Nordamerika soll die Technologie in größerem Stil zum Einsatz kommen.

Stetige Verbesserung: Wrangler will seinen Teil zum Umweltschutz beitragen.

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SALVATION ARMY FASHIONTECH

Jetzt ist die Zeit des Handelns gekommen: nicht nur mit Mode, sondern auch für die Mode. Weiter wie bisher ist keine Option. Es gilt, jeden Schritt zu hinterfragen, jede Entscheidung auf ihre Umweltaspekte zu prüfen. Konsum und Wachstum in Einklang mit ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit, das sollte nicht länger eine Utopie bleiben. Dabei gilt: Der Weg ist das Ziel. Denn Nachhaltigkeit ist kein Status quo, sondern ein Prozess.

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DER PERFEKTE KREISLAUF K R EI

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Mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke werden jedes Jahr neu produziert, der Anteil an wiederverwendeten Fasern oder Altware, die hochwertig verarbeitet werden kann, ist verschwindend gering. Noch: Denn Forschung und Entwicklung beginnen gerade, das unermessliche Potenzial dieser Ressource zu wecken.

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Text: Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka. Fotos: Hersteller

versuchen daher, im Recyclingprozess sowohl die natürlichen als auch die künstlichen Fasern in ihre molekularen Bestandteile aufzulösen. Das funktioniert mit erstaunlich guten Ergebnissen: Statt Baumwollblüten also Baumwollbrei? Möglich, bisher allerdings nur in Laborbedingungen.

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as Ziel industriellen Upcyclings ist klar definiert: Die aus wiederverwendeten Rohstoffen erzeugten Fasern und Stoffe müssen mindestens die Qualität der Ausgangsmaterialien erreichen, wenn sie diese nicht sogar übertreffen. Dazu taugen klassische Recyclingprozesse nicht im großen Stil, denn die energieaufwändigen Prozesse des Textilrecyclings resultieren heute in einem Rohstoff, der schlechter als die noch immer viel zu billig verfügbare Neuware ist. Trägt ein Baumwoll-T-Shirt stolz das Etikett „Recycling“, bedeutet das also, dass trotzdem rund 70 Prozent neue Baumwolle enthalten ist. Die größte Tücke im Recycling ist allerdings, dass für hochwertige Ergebnisse bei wiederverwendeten Fasern auch hochwertig sortenreine Altware benötigt wird. In Zeiten, da der Polyesteranteil der gesamten weltweit hergestellten Bekleidung rund 60 Prozent beträgt, kein einfaches Unterfangen. Forscher

MUSS ES ERST ZU SPÄT SEIN?

Um aus der Utopie der Kreislaufwirtschaft Wirklichkeit werden zu lassen, fehlt der finanzielle Druck. Noch sind alle Rohstoffe in ausreichendem Maße vorhanden, Recycling ist bislang ein Hobby von Überzeugungstätern. Das wird sich ändern, nicht zuletzt dadurch, dass diese verrückten 100 Milliarden neuen Kleidungsstücke jedes Jahr den Klimawandel ordentlich anheizen. Müssen erst die Baumwollfelder unter der gleißenden Hitze versengen oder unter Dauerregen versinken, dass unser Verständnis ein anderes wird? Kann man den Konsumenten alleine die Verantwortung dafür überlassen, ob Kreislaufwirtschaft auch im Textilbereich zum Standard wird? Nein, sagen jene, die das Thema trotzdem vorantreiben und wissen, dass ihr Beitrag vielleicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Denn Veränderung geschieht nie, weil es sich viele bequem machen, sondern weil wenige handeln, bevor es für alle unbequem wird.

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„ZERO IMPACT IST NICHT MÖGLICH“ Nicolas Bargi, CEO von Save the Duck Save the Duck hat die erste Circular-Economy-Jacke vor­ gestellt. Glauben Sie, dass ein geschlossener Kreislauf die Antwort auf die Frage ist, wie Mode nachhaltiger sein kann? Nicolas Bargi, CEO von Save the Duck: Absolut, unsere Circular-Economy-Jacke ist ein Statement für nachhaltige Bekleidung aus Kreislaufwirtschaft. Es ist unsere erste Jacke, die wir zu 100 Prozent aus recycelbaren Materialien herstellen. Ich glaube, die Nachfrage der Verbraucher nach einem nachhaltigeren Produkt zu bedienen, ist die einzige Antwort auf die Bedürfnisse einer neuen Generation. Luxus ist eine Frage der Lebensqualität, der Technologie und der Verbindung zur Natur. Ein geschlossener Kreislauf ist der Beginn einer neuen Ära der Bekleidungsproduktion. Ob Rohstoffe im Kreislauf bleiben, hängt von der Qualität der Abfälle ab. Was kann auf internationaler Ebene getan werden, damit Abfälle so gesammelt werden, dass sie leichter recycelt werden können? Recycling funktioniert und bei der Umsetzung der Grundsätze der Kreislaufwirtschaft ist es die ökoeffiziente Methode der Wahl. Es gibt immer mehr lokale Organisationen, mit denen Marken zusammenarbeiten können, um ihrer Textilabfälle sinnvoll zu verwerten oder den Recyclinganteil zu erhöhen. Das wiederum garantiert, dass hochwertige Abfälle verfügbar sind. Ich glaube, das ist der erste Schritt hin zu einem internationalen System der Abfallbewirtschaftung.

Glauben Sie, dass Unternehmen, die Produk­ te aus recycelten Materialien entwickeln, in gewisser Weise belohnt werden sollten – zum Beispiel mit einer niedrigeren Steuer oder Ab­ gaben auf diese Produkte? Ich glaube, dass Unternehmen sich in Sachen Produktionskontrolle und -verhalten mehr anstrengen sollten, das steht vor jedem Belohnungssystem. Wir haben gelernt, den Wasserhahn beim Zähneputzen auszuschalten, aber wissen wir, wie viel Wasser nötig ist, um ein T-Shirt zu produzieren? Die Antwort liegt bei ca. 2.700 Liter. Sie sehen, Zero Impact ist nicht machbar. Etwas zu produzieren, hat immer Auswirkungen. Aber: Jeder Stoff kann heute dank Technologien nachhaltiger als noch vor ein paar Jahren hergestellt werden. Nachhaltigkeit ist kein Status quo, den man erreichen kann. Es ist ein Weg, den wir beständig gehen, um uns immer weiter zu verbessern.

Die Nachhaltigkeit seines Unternehmens ist Nicolas Bargi ein großes Anliegen. Der CEO von Save the Duck betrachtet sie als Weg, der nie endet.

„BILDUNG UND INNOVATION SIND DIE TREIBER“ Javier Goyeneche, Präsident und Gründer Ecoalf

Because there is no Planet B: Ecoalf Gründer Javier Goyeneche fischt Müll aus dem Meer.

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Wie vermeiden Sie, dass von dem recycelten Plastik, das Sie für ihre Kollek­ tionen verwenden, als Mikroplastik in Flüsse und Ozeane gelangt, wenn die Kunden ihre Kleidung waschen? Javier Goyeneche, Präsident und Gründer Ecoalf: Im Jahr 2015 haben wir erfahren, dass Polar Fleece der größte Verursacher von Mikroplastik ist. Das war unser Bestseller und trotzdem haben wir beschlossen, die Produktion sofort zu stoppen. Heute arbeiten wir mit Endlosfasern für die gesamte Outerwear und sind in R + D Projekt Fiber Clean involviert, bei dem neue Lösungen entwickelt werden, die die Belastung durch Mikroplastik in der gesamten Wertschöpfungskette reduzieren. Welche natürlichen Fasern, neben recycelter Baumwolle und Wolle, haben einen geringen oder gar keinen Einfluss auf die Umwelt und wie kann das textile Müllproblem gelöst werden? Wir verwenden Material mit geringem Einfluss wie Sorona, Cupro oder Tencel. Ab sofort verwenden wir für einige Sneaker Pinatex, ein innovatives, natürliches und nachhaltig fabriziertes Gewebe aus Ananasblättern. Es spart 13 Millionen Tonnen Müll jedes Jahr und die Produktion hilft, soziale Verhältnisse zu verbessern. Ecoalf ist die einzige Modemarke in Spanien mit B-Corp-Zertifizierung. Wie lautet Ihre Vision von Gemeinwohlökonomie in der Zukunft? Wir sind bestrebt, uns als Referenz für ein nachhaltiges Lifestyle-Erlebnis zu etablieren und gleichzeitig ein bewusstes individuelles Handeln zu fördern. Mit der Ecoalf-Stiftung sensibilisieren wir die Öffentlichkeit und schaffen ein Kreislaufwirtschaftsmodell, während wir weiter den Ozean reinigen. Jetzt konzentrieren wir uns auf die Ausweitung des Projektes Upcycling the oceans auf den Rest des Mittelmeers sowie auf die Entwicklung eines Bildungsprogramms in ganz Europa. Ich würde sagen, Bildung und Innovation sind die Treiber.


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ATELIER & REPAIRS

„DIE LÖSUNG HEISST WENIGER, ABER BESSER“ Nach Jahrzehnten bei Marken von Armani bis Ralph Lauren stellte sich Maurizio Donadi der Tatsache, dass die Modeindustrie der zweit­größte Umweltverschmutzer der Welt ist. Um etwas dagegen zu unternehmen, setzte er bei den Resten an: Atelier & Repairs geht das Problem der Überproduktion kreativ an – und macht aus Altkleidern Unikate. Interview: Petrina Engelke. Foto: Atelier & Repairs

Herr Donadi, Sie haben Atelier & Repairs vor rund vier Jahren gegründet. Was haben Sie inzwischen geschafft? Wir messen Erfolg mit der Menge der Kleidungsstücke, die wir neu erfinden, upcyceln, flicken und wieder verkaufen konnten. Letztes Jahr haben wir acht Tonnen Kleidung vor der Müllkippe bewahrt. Betrachten Sie sich mit diesem Konzept als Teil der Kreislaufwirtschaft? Das würde ich sehr gern. Für den Moment würde ich sagen, dass wir definitiv eine verantwortungsbewusste Firma sind. Nachhaltigkeit ist etwas anderes. Das Thema schneide ich erst gar nicht an. Das macht mich neugierig. Sustainable Fashion ist schließlich heute ein großes Wort. Ja, es ist ein großes Wort. Ich sehe, wie Finanzvorstände es nutzen, um die Rentabilität einer Firma zu beschreiben. Ich sehe, wie es als Werbung benutzt wird, um mehr zu verkaufen. Mir ist es deshalb wichtiger, sich für sein Handeln zu verantworten, als eine Nachhaltigkeitsstrategie zu präsentieren, die keine Bedeutung hat. Wenn mir eine Marke von Plänen erzählt, im Jahr 2030 eine zu 100 Prozent nachhaltige Marke zu sein, antworte ich: Bis dahin gibt es eure Firma gar nicht mehr, das sind leere Versprechungen. Ernstgemeinte Maßnahmen sollten sofort beginnen. Was muss sich speziell in der Denimlandschaft ändern? Also, ich habe ja nun auch nicht auf alles Antworten. Ich freue mich über Nachrichten über eine Firma, die anders wäscht, Laser nutzt, neue Stoffe entwickelt, ein Budget für Innovationen hat, Maßnahmen für ein verantwortungsbewussteres Produkt ergreift. Gleichzeitig produzieren all die anderen Firmen unkontrolliert eine unvergleichbare Menge an Gütern ohne Ziel. Die Denimbranche insgesamt hat eine unbeschreibliche Überproduktion, mit gefüllten Bestands-

Obwohl Maurizio Donadi sich nicht an Kollektionen und Saisons hält, sind Einkäufer von Bergdorf Goodman oder Lane Crawford begeistert von Atelier & Repairs.

lagern und früheren Saisons mit immer demselben. Wir brauchen nicht grundlos Hunderte Millionen Jeans herzustellen. Ich denke, die Lösung heißt weniger, aber in besserer Qualität zu produzieren. Wenn endloses Wachstum nicht die Antwort ist: Was dann? Die Billionenfrage! Ich mag jetzt ein heißes Eisen anpacken, aber: Der Planet wird uns überleben. Meine Botschaft an alle ist deshalb, gründlich nachzudenken, ehe man Maßnahmen ergreift, und in allem, was man tut, einen Weg zu finden, der das Projekt möglichst verantwortungsbewusst macht. Nicht unbedingt für einen selbst, sondern für die Nachwelt. Das ist jetzt ganz nah an der Definition von Nachhaltigkeit. Leider gibt es Leute, die andere Motive verfolgen, als einen tollen Planeten zu haben, es gibt finanzielle Interessen, Ego, Macht. Es gibt die Tendenz, die Welt oberflächlicher zu machen, damit sie leichter zu kontrollieren ist. Ich glaube, dass eine positive, gewaltfreie Revolution immer von einem sachkundigen Bürger ausgeht, und ich finde, wir müssen uns viel besser informieren. Wir können die Schuld nicht bei anderen suchen. Wir müssen bei uns selbst anfangen. style in progress

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DIE IDEE VOM GRÜNEN STORE

Ökomodeläden rochen mal nach etwas zu lange gelagertem Leinen, orientalischen Räucherstäbchen und hatten den Charme unrasierter Achseln. Dann kam der Hype und mit ihm eine neue Generation von Konzepten, die jedes auf seine eigene Art und Weise das Thema Nachhaltigkeit verkörpern: zum Beispiel mit Interieur aus dem 3D-Drucker, bestehend aus recyceltem Plastik, das aus dem Ozean gefischt wurde. Die Circular Economy trumpft mit immer neuen, innovativen Ideen auf, die Wertstoffe upcycelt und nachhaltig kombiniert. Der Preis ist dabei nicht die Schwelle, denn von High-Fashion-Marken bis hin zu kleinen inhabergeführten Konzepten ist alles dabei. Text: Isabel Faiss. Fotos: Stores

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Mit ihrem Store haben Cameron Saul und Oliver Wayman Luxus neu definiert: Bottletop hat in einer interdisziplinären Kooperation bewiesen, wie viel Nachhaltigkeit inzwischen möglich ist.

Brasilien gesammelt und von lokalen Handarbeitern verarbeitet werden. Der Stundenlohn liegt dabei rund 45 Prozent höher als der Durchschnitt im jeweiligen Produktionsland. Damit tritt Bottletop nicht nur für ökologische Produkte, sondern auch für soziale Verantwortung ein. Ein Teil des Verkaufserlöses fließt in die Bottletop Foundation, die Gesundheitsprogramme in Äthiopien, Kenia, Simbabwe, Brasilien und England fördert.

Industriedesign trifft auf zeitgenössische Kunst. Der Bottletop Store in der Regent Street in London markiert ein Umdenken im Storedesign: Alle Wände, die Decke und die Einrichtung entstammen dem 3D-Drucker.

Bottletop, London Upcycling auf High-FashionNiveau Die britische Designmarke Bottletop, die 2002 aus einer Kooperation mit Mulberry in England entstand, produziert Handtaschen für das Luxussegment, die aus Lederresten und Produktionsverschnitt, aus ökologisch zertifiziertem Leder und gesammelten Flaschendeckeln bestehen. Damit hat Bottletop als erste Marke im Bereich High-Fashion-Accessoires das Thema Upcyling salonfähig gemacht. Jede Tasche besteht aus zertifiziertem Leder, das aus Agrarprogrammen wie dem Novo Campo stammt, das unter anderem für den Schutz des brasilianischen Regenwaldes eintritt. Außerdem kommen bei jedem Modell Metallverschlüsse von Flaschen zum Einsatz, die in

3D-Design aus recyceltem Plastikmüll aus dem Ozean 2017 eröffnete Bottletop in der Regent Street in London seinen ersten eigenen Markenstore, der gleichzeitig auch der erste Zero-Waste-­ Store der Welt sein sollte. Ein zweimonatiges Megaevent, denn der Store wurde buchstäblich vor den Augen des Publikums live von gigantischen Kuka Iiwa 3D-Druck Robotern gedruckt. Ein genialer Coup, der in Zusammenarbeit mit Krause Architects und der Firma AI Build aus London entstand. Sie setzten mithilfe von künstlicher Intelligenz auf großformatige robotergestützte 3D-Drucktechnologie, um die Herstellung komplexer Designs ohne Materialverschwendung zu ermöglichen. Gefüttert wurden die Drucker von Kuka mit nachhaltig gewonnenem Filament, das das Start-up Reflow aus im Ozean gesammeltem Plastik herstellte. Projektionen der Drucker zieren bis heute die Wände des Stores.

„Es ist so aufregend für uns, dass unsere Kunden die Transformation des Ladens von einer cleanen Ausstellungsfläche hin zu einem neuartigen Ökosystem miterleben können. Dieser Store bietet ein inspirierendes, immersives Erlebnis, das zukunftsorientiertes ökologisches Gewissen mit altbewährtem Handwerk verbindet.“ Oliver Wayman, Mitbegründer Bottletop bei der Eröffnung des Stores 2017

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Die digital bespielten Umkleidekabinen im MA5 sind mit Reisstroh-Mattenböden ausgelegt, die Wände mit Holz aus der Region verkleidet.

NikeLab, Schanghai, Tokio Prestigeprojekt mit Innovationsgeist NikeLab ist Nikes Innovationsstudio, eine Art superexklusives Shop-in-Shop-Konzept, in dem die Marke ihre Ambitionen präsentiert, mit jedem Produkt die Grenzen des bislang Möglichen weiter zu pushen. Gleichzeitig geht es aber auch immer um außergewöhnliche Kooperationen mit Künstlern, neue Ideen hinsichtlich digitaler Lösungen und eben auch darum, im Bereich Nachhaltigkeit die heißesten Neuigkeiten zu präsentieren. Gemeinsam mit dem Designstudio Miniwiz von Arthur Huang und Jarvis Liu mit Sitz in Taipei, Singapur, Peking und Mailand entstanden 2015 insgesamt neun NikeLabs weltweit. Miniwiz wurde im gleichen Jahr vom Weltwirtschaftsforum für sein Businessmodell ausgezeichnet, das es sich in seinem eigenen Trashlab zum Ziel gesetzt hat, innovatives Produktdesign

Mit dem NikeLab X158 in Schanghai ging Nike auch in puncto Storedesign über die Grenzen hinaus: neue Verbundstoffe wie Eco-Polyurethan aus recycelten Sneakern und Nike Produkten kamen unter anderem in der Decke zum Einsatz.

und futuristische Architekturkonzepte mithilfe von Recycling und Upcycling von Wertstoffen und Produktionsabfällen zu kreieren, um so auch zu demonstrieren, was zu welchen Preisen inzwischen schon alles möglich ist. Reis trifft Motherboard Das Briefing an Miniwiz lautete, möglichst viele Materialreste aus der eigenen Produktion zu verwenden und alte Markenprodukte zu recyceln. So setzte Miniwiz für das Interieur der NikeLabs vor allem auf modulare, leichte und flexible Elemente und Installationen. Die Materialien, die dabei zum Einsatz kamen, feierten im Interieurdesign ihre Premiere: darunter selbst entwickelte Recyclingmaterialien wie Ricefold, ein mit Reis-Nanokieselsäure verstärktes Polymer. Auch ReGrind, ein nicht toxisches, geruchloses Eco-Polyurethan als Materialverbund aus weggeworfenen und recycelten Nike-Sneakern. Es tauchen aber auch verschiedene andere Materiallösungen aus Elektroschrott wie Motherboards und PC-Gehäusen, weggeworfenen CDs und Plastikflaschen auf.

„Wir sind davon besessen, die Kreislaufwirtschaft im täglichen Konsum zu verwirklichen. Wir unterstützen die massenhafte Einführung eines Kreislaufsystems, bei dem alle Materialien wiederverwendet werden, immer wieder und immer wieder, ohne Abfall. Der wichtigste Faktor für dieses Ziel ist unsere Fähigkeit, die finanzielle Machbarkeit von umweltfreundlichen Technologien zu demonstrieren, die konkurrieren und oft im Wettbewerb mit traditionelleren und weitaus weniger nachhaltigen Technologien stehen.“ Arthur Huang, CEO Miniwiz

Im Dezember 2016 eröffnete das insgesamt siebte NikeLab in Tokio, das MA5. Das Designteam von Miniwiz setzte hier vor allem auf die Verbindung der lokalen Natur mit neuer Technologie. Der Bodenbelag ist aus Nike Grind, einem Gummiverbund aus recycelten Nike Sneakern.

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WER WIRD IN ZUKUNFT WAS, WANN, WO, WIE KAUFEN? UND VOR ALLEM: WARUM?

style in progress 1/2020 8. Januar 2020 www.style-in-progress.com www.facebook.com/styleinprogressonline/


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Im Pariser Flagshipstore inszeniert Adidas seine internationalen Innovationen und Kooperationen zum Thema Nachhaltigkeit.

Adidas, Paris Der Flagshipstore als Innovationsfläche Im Pariser Flagshipstore auf den Champs-Élysées werden regelmäßig die neuesten Ideen zu aktuellen Kooperationen in Szene gesetzt: Zum einen über eine prominente Fläche für die Zusammenarbeit mit der NGO Parley for the Ocean, auf der Adidas neue Produktinnovationen wie Laufschuhe mit einer Zwischensohle präsentiert, die aus aus dem Meer gefischten Plastik im 3D-Druckverfahren hergestellt wurde. Unter dem Titel „For the Oceans“ entstand dieser Retail Space bereits zur Weltklimakonferenz 2015, um bewusst ein Zeichen zu setzen. Zum anderen kommen hier auch kleinere Prestigeprojekte zum Zug, die einen schmaleren Radius haben, aber ebenso innovativ sind: Zuletzt beispielsweise eine Kooperation zwischen der Designerin Simone Post von der Design Academy Eindhoven und der Firma I:CO, die aus alten Adidas Sneakern Teppiche produziert. Die ikonischen Streifen durften dabei nicht fehlen.

„Die Industrie kann es sich nicht leisten, noch länger auf Anweisungen und Richtungsvorgaben zu warten. Deshalb haben wir zusammen mit dem Netzwerk von Parley for the Oceans begonnen, konkrete Maßnahmen zu ergreifen und neue nachhaltige Materialien und Innovationen für Athleten zu entwickeln. Die im 3D-Druck gefertigte Zwischensohle aus Meeresplastik ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir neue Branchenstandards setzen können, indem wir die Existenzberechtigung von allem hinterfragen, was wir kreieren.“ Eric Liedtke, Adidas Gruppe

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In einer Kooperation mit der Designerin Simone Post und dem Unternehmen I:CO entstanden aus alten Turnschuhsohlen Läufer für den Store.


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100Class Concept Store, Prag Zeitlosigkeit und Minimalismus Mit ihrem Conceptstore für faire und ökologische Mode hat Storeinhaberin Vendula Stoklásková in Prags Innenstadt genau den richtigen Ort gefunden, denn inmitten der Altstadt hat sich eine kleine, sehr kreative und unabhängige lokale Kunst- und Modeszene eingerichtet. Schon 2015, als sie ihren Store hier eröffnete, traf das Konzept auf sehr fruchtbaren Boden, denn das Bewusstsein für besonnenen Konsum haben die Prager längst verinnerlicht.

Storeinhaberin Vendula Stoklásková eröffnete 2015 100Class in Prag.

Was ist das Motto ihres Stores? Das von Vivienne Westwood: Buy less, choose well. Ich selbst kaufe schon immer langlebige Produkte, vor allem Mode. Durch meine Arbeit will ich den Leuten zeigen, dass das Konzept im Alltag funktioniert. Ich weiß, dass das heute ein Trend ist, aber uns geht es nicht um Trends, sondern um Langlebigkeit. Und wie nehmen die Prager Kunden das Angebot an? Es gibt noch nicht die große Nachfrage und braucht noch etwas Zeit, aber es entwickelt sich. Worauf legen Sie besonders Wert? Die Produkte müssen von besonderer Qualität sein, um zeitlos und langlebig zu sein. Für das Redesign unseres Interieurs haben wir diesmal Freunde gebeten, uns beim Upcyceln verschiedener Materialien zu helfen: Beispielsweise sind die Regale alt und stammen aus anderen Stores. Für die Umkleidekabinen verwenden wir nur Materialien, die wir bereits für einen Stand bei einer Designmesse im Einsatz hatten. Für uns zählt jeder Aspekt, nicht nur die Produkte im Laden selbst. Was ist die größte Chance für ein Umdenken in der Modebranche? Bewusst kaufende Kunden. „Ich rede lieber mit den Leuten, anstatt ihnen Vorschriften zu machen, was sie kaufen sollen und was nicht.“ Vendula Stoklásková

Upcycling und Recycling spielen bei 100Class eine ebenso große Rolle wie Vintage-Möbel, die aus anderen Stores stammen.

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„Ethic Attic ist ein Pionier für nachhaltige Mode in Bangalore. Wir freuen uns, dass dieser Trend hier genauso wie in anderen Teilen Indiens mehr Aufmerksamkeit bekommt.“ Rema Sivaram

Ethic Attic, Bangalore Botschafterin für neue Lösungen Als Rema Sivaram 2016 Ethic Attic in Bangalore eröffnete, wusste sie, dass sie damit Pionierarbeit für eine Philosophie leisten würde, die in der heimischen Modebranche vor allem durch die Produktion von Fast Fashion wenig populär war. Slow Fashion und nachhaltige Mode erfreuen sich in Indien bis heute einer eher kleinen Fangemeinschaft, doch sie wächst langsam. Dafür veranstaltet Rema Sivaram Events und tourt als Botschafterin mit Pop-up-Stores durchs Land. Gleichzeitig informiert sie Designer in ihrem Store über neue Stoffe wie beispielsweise aus Aloe Vera, Bananenfasern oder Lotus und ermöglicht Sammelbestellungen bei den Herstellern. Ethic Attic präsentiert inzwischen über 20 verschiedene Marken aus ganz Indien, die nach strengen Kriterien ausgewählt werden. Hat sich der Hype um nachhaltige Mode in Indien gegen die Fast Fashion durchgesetzt? Als Land in einer Region, in der weltweit die meisten Fast-Fashion-Anbieter produzieren, ist der Zugang zu billiger Fast Fashion sehr einfach und das macht es schwierig. Nachhaltigkeit war ein fester Bestandteil unseres Alltags, schon Jahrzehnte, bevor die Massenproduktion kam. Daher müsste der Weg zurück zum Ursprung leicht für uns sein, obwohl die steigende Zahl schneller, billiger Mode ein großes Problem ist, mit dem wir umgehen müssen. Die Diskussion rund um die Moderevolution und die negativen Auswirkungen von Fast Fashion haben die Entwicklung positiv beeinflusst. Es gibt aber diesen Mythos, dass Nachhaltigkeit ihren Preis hat und nichts für junge Konsumenten ist, was wir zu widerlegen versuchen. Worauf legen Sie bei der Markenauswahl besonders viel Wert? Es gibt hunderte kleine Dinge, die zu einem angemessen nachhaltigen Produkt führen. Ich sage angemessen, denn um Nachhaltigkeit in der Masse zu etablieren, muss das Ganze auch erschwinglich sein. Ein zu 100 Prozent nachhaltiges Produkt ist das oft nicht. Daher schauen wir bei unserer Auswahl vor allem auf die Werte, hinter die Kulissen und ob der Nachhaltigkeitsaspekt von einem tieferen Verständnis herrührt oder nur eine Verkaufsmasche ist. Mindestens 80 Prozent Nachhaltigkeit muss ein Produkt nachweisen können, damit wir es auswählen. Manchmal ist der Prozess hinter dem Produkt allerdings nachhaltiger als das Produkt selbst. Aber ich kann stolz behaupten, dass jedes einzelne Produkt bei uns eines der 17 Sustainable Development Goals erfüllt. 074

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Das Storedesign besteht aus alten Transportkisten, die Papiertüten sind aus recyceltem Zeitungspapier hergestellt – in einer benachbarten Behindertenwerkstätte.


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Kowtow, Wellington Die Seele Neuseelands Gosia Piatek eröffnete ihren Markenstore Kowtow bereits 2007, damals allerdings schon auf sehr fruchtbarem Boden, denn die Sensibilität für Nachhaltigkeit ist in Neuseeland fast schon Tradition. Ihr Store reflektiert daher auch die zentralen Eigenschaften ihrer Heimat: Einfachheit, Reduktion und Großzügigkeit. Das gesamte Interieur kreierte der heimische Architekt und Interieurdesigner Rufus Knight, der dabei ausschließlich auf natürliche, nachhaltige und lokal angebaute Materialien setzte.

Deckenhohe Regalkonstruktionen aus heimischen Hölzern, großzügige Sofas und die Wohnzimmeratmosphäre in den Umkleiden machen den Kowtow Store zu einem Home away from Home.

Platz ist der neue Luxus Bei Kowtow kommen die deckenhohen Konstruktionen und symmetrisch angeordneten Regalsysteme besonders schön zur Wirkung, weil der Store von der Großzügigkeit der großen Räume profitiert. Alle Materialien entstammen der lokalen Natur und reflektieren für Gosia Piatek die neue Form von Luxus. Überall findet sich nachhaltig angebauter, geernteter und von Hand mit natürlichem Hartwachs veredelter Bambus. Der Kassentresen und die Displays sind aus Valchromat hergestellt, einem FSC-zertifizierten Pressspanverbund aus recycelten Holzspänen, die in der Produktion anfallen. Die Sofas im Store wurden mit erneuerbaren und kompostierbaren Fasern wie Schurwollmischungen gepolstert. Die Vorhänge sind aus nachhaltig angebautem Leinen, der im Tautrockenverfahren verarbeitet wurde. Ein Eyecatcher sind die handgemachten Keramikfließen von Gidon Bing, einem lokalen Künstler. Die Läufer bestehen aus recyceltem Kunststoff, teilweise auch aus alten Fischernetzen, die aus dem Meer gefischt wurden. „Unser Store ist die Gelegenheit, den Ethos von Kowtow live zu vermitteln. Für uns kam daher nur der innovativste Interieurdesigner seiner Art in Frage, Rufus Knight. Jedes Detail ist clever gewählt – vom Bodenbelag aus recyceltem Nylon bis hin zu den neuseeländischen Holzarten.“ Gosia Piatek

Teppiche aus recyceltem Nylon – unter anderem aus Fischernetzen, die aus dem Ozean gefischt wurden und Tische aus recycelten Holzspanplatten sind nur einige der Features, die man sich für Kowtow einfallen ließ.

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Clean Chic ohne Kompromisse. Von Marketingaktionen großer Firmen lassen sich Mira Höpfner und Wiebke Clef von Glore in Hamburg-Altona nicht überzeugen. Ihr Konzept setzt auf Glaubwürdigkeit und Transparenz bis ins kleinste Detail.

Glore, Hamburg-Altona Die Nische in der Nische Die inzwischen acht Glore Stores in Deutschland und Luzern in der Schweiz gehören zwar alle zur gleichen Familie und verfolgen auch das gleiche Konzept, sind wirtschaftlich aber jeder für sich und damit kein Franchise-System. Einer der Jüngsten – auch im übertragenen Sinn – ist der am 1. März 2019 eröffnete Glore in Hamburg-Altona, wo Inhaberin Mira Höpfner ganz bewusst auf eine Nische in der Nische setzt: nachhaltig und fair produzierte Streetwear für junge Kunden zwischen 20 und 40 Jahren. Unterstützt wird sie dabei wie jedes Teammitglied von der Erfahrung und dem Know-how des Glore-Gründers Bernd Hausmann, der bereits 2006 in Nürnberg den ersten Store präsentierte. Es gibt keine Grenzen Für das Thema Nachhaltigkeit hat Mira Höpfner entsprechend der Glore-Philosophie klare Richtlinien und einen konkreten Kriterienkatalog, den eine Kollektion hinsichtlich Produktion, Materialien, Arbeitsbedingungen und Fair Trade erfüllen muss. Aber auch im Ladenbau sind sinnvollen Ideen, die den Storealltag nachhaltiger machen, keine Grenzen gesetzt. Die Möbel bestehen größtenteils aus einer Holz-Linoleum-Verbindung, dazu unbehandelter Baustahl und ausschließlich LED-Beleuchtung. Jeder Arbeitsschritt wird auf eine nachhaltigere Alternative hin überprüft, immer. Glore ist in Altona angetreten, um eine junge Zielgruppe für GOTS-zertifizierte und den Richtlinien der Fair Wear Foundation entsprechende Mode zu begeistern, eine Mode, die von Storytelling lebt – ein Geschenk in Bezug auf Social Media. „Vom Mainstream sind wir noch weit entfernt. Der Pool der Labels, die zu unserem Konzept passen, ist noch relativ klein. Hier in Altona wollen wir Marken zeigen, die Nachhaltigkeit in coolen, frischen Streetwearstyles übersetzen, das ist sozusagen die Nische in der Nische.“ Mira Höpfner

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Teil der Glore-Familie: Mira Höpfner und Wiebke Clef (im Bild) betreiben gemeinsam den neuen Store in Hamburg-Altona.


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The Maiyet Collective, Mayfair, London The spirit of community

Mit einem Pop-up-Store bei Harvey Nichols machte sich The Maiyet Collective schnell einen Namen.

Für The Conduit in Mayfair präsentierte The Maiyet Collective eine exklusive Auswahl nach­ haltiger Kosmetik. The Conduit ist Londons erster Members Club, der sich dem sozialen Engagement widmet und NGOs mit Investoren zusammenbringt.

Topmodel Arizona Muse ist Botschafterin von The Maiyet Collective. Hier bei einem Lunch-Event zum Thema Nachhaltigkeit.

Gemeinsam statt einsam widmen sich hier insgesamt 50 Labels in wechselnder Besetzung dem Thema Nachhaltigkeit in Form eines tourenden, monatlich stattfindenden Pop-up-Stores, genannt The Maiyet Collective. Die Idee entstand unter der Regie des Südafrikaners Paul van Zyl, der ursprünglich als Anwalt für Menschenrechte und Umwelt­ aktivist von sich reden machte und 2011 schließlich in New York das High-Fashion-Label Maiyet gründete. Hintergrund der Idee war, dass die Modeindustrie auf Platz zwei der weltweit größten Umweltsünder steht und er in Luxusmarken den größtmöglichen Hebel sah, daran Schritt für Schritt etwas zu ändern. An seiner Seite stehen im Kollektiv inzwischen Marken wie beispielsweise Ecoalf, Eleven Six, Stephen Webster oder Swedish Stockings. Seit The Maiyet Collective im Oktober 2018 inmitten von Mayfair in London erstmals eröffnete, trifft man sich regelmäßig, tauscht sich aus und präsentiert mit den Pop-up-Stores die gemeinsame Idee, die andere von der Machbarkeit des Konzeptes überzeugen soll. Bisher tourte der Pop-up-Store bereits durch Referenzhäuser wie Harvey Nichols oder The Conduit in London. Wonach wählen Sie die Marken aus, mit denen Sie zusammenarbeiten? Olivia Mansson: Jeder Markenauswahl geht ein intensiver Auswahlprozess voran und immer die Frage nach der richtigen Platzierung, weil alle Partnerstores ihre eigene Zielgruppe haben. Es ist in unser aller Interesse, dass wir dieser Zielgruppe genau die richtigen Marken in unserem Pop-up-Store präsentieren, die sie auch ansprechen. Was ist der wirtschaftliche Output des Projekts? Ist das ein Geschäftsmodell oder eher eine Idee des aktuellen Zeitgeists? Wir sehen beides darin und es ist tatsächlich ein Geschäftsmodell, denn wir glauben zutiefst an das Konzept und die wachsende Nachfrage nach experimentellem Shopping und bewusstem Konsum. Werden solche Konzepte verstärkt nach­ gefragt? Wir beobachten, dass die Nachfrage so stark steigt, dass konventionelle Händler darauf reagieren müssen. Und es geht nicht darum, was man verkauft, sondern darum, wie man agiert – im Produkt ebenso wie im eigenen Handeln.

„Wir wollen unser Ethos mit der Welt teilen und ein Popup-Store ermöglicht uns, das zu tun.“ Olivia Mansson

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GRÜN ODER GRÜN GEWASCHEN?

Die Modebranche hat die Nachhaltigkeit entdeckt: Dass nicht immer alles grün ist, was grün glänzt, versteht sich von selbst. Umwelt- und sozialverträgliche Produktion in der gesamten Wertschöpfungskette ist ein schwer zu durchschauendes Geflecht, das merkt jeder schnell, der sich mit dem Thema befasst. style in progress hat namhafte Experten gebeten, gängige Nachhaltigkeitsmythen dem Check zu unterziehen und konkret umsetzbare Handlungsvorschläge zu geben. Text: Petrina Engelke, Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka, Nicoletta Schaper. Fotos: Gesprächspartner

„DIE HÄLFTE DER FASHION KUNDEN IST AUF DEM SPRUNG ZUR NACHHALTIGKEIT“ Viele Händler behaupten, den Konsumenten sei Nachhaltigkeit egal. Was besagen Ihre Marktforschungen? Jens Cornelsen, Managing Director Facit Research: Seit Jahren steigt der Stellenwert von Nachhaltigkeit im Kontext aller kaufrelevanten Aspekte und ist mittlerweile schon auf Platz drei von zehn vorgerückt. Zehn bis 15 Prozent aller Fashion Käufer achten beim Kauf intensiv und voll überzeugt auf die ökologische und soziale Nachhaltigkeit und über die Hälfte sind unseren Erfahrungen nach mehr oder weniger auf dem Sprung zu nachhaltigerem Kauf und Konsum. Eindrücklich ist auch die Zahl der Konsumenten, die sich über Nachhaltigkeit im Internet informieren. Warum ist der Modehandel für so wenige Ansprechpartner? Weil das Thema Nachhaltigkeit einfach noch nicht voll bis zum Retail vor Ort runterdekliniert ist. Hier gelten immer noch die alten Regeln des Verkaufs und das Hauruck-Prinzip. Der kurzfristige Abverkauf, die Rabattaktion, der 40-Prozent-Sale-Gedanke stehen allzu oft im Vordergrund. Außerdem: Das Personal ist im Durchschnitt bei dem Thema einfach noch nicht wirklich „drin“. Und bevor ich als Kunde jemand im Laden anspreche, der bei diesem Thema dann keine Ahnung hat oder aber übertrieben subjektiv zugunsten einer Marke berät, frage ich doch lieber das „neutrale Internet“. 078

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Jens Cornelsen ist Managing Director von Facit Research. Das Marktforschungsinstitut hat eine große Studie zum Thema nachhaltiger Konsum publiziert.

In Ihrem Nachhaltigkeitsindex werden drei Faktoren berücksichtigt. Bei welchem gibt es Ihrer Erfahrung nach am meisten Greenwashing? Unseren Erfahrungen nach betrifft Greenwashing am stärksten die ökologische Nachhaltigkeit. Dieser Aspekt ist aktuell am stärksten im Fokus der Verbraucher und genießt auch in der öffentlichen Berichterstattung momentan den höchsten Stellenwert. Dass Greenwashing in Zeiten vollständiger Transparenz via Internet die ganz falsche Strategie ist, zeigen auch unsere Studienergebnisse eindrucksvoll: Zwei Drittel der Verbraucher geben an, dass sie sich von einem Unternehmen, das bloß vorgibt, nachhaltig zu sein, definitiv abwenden würden.


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„WIR BRAUCHEN GESETZE“

„BIOBAUMWOLLE IST NICHT DIE RETTUNG“ Rettet Biobaumwolle die Welt? Professorin Maike Rabe, Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik Hochschule Niederrhein: Biobaumwolle ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht die Rettung. Lediglich ein Prozent der 25 Millionen Tonnen Baumwolle werden biologisch erzeugt. Unter fünf Prozent der globalen Ackerflächen sind der Baumwollerzeugung gewidmet. Die Grenzen des Wachstums sind erreicht, denn selbst mit künstlicher Bewässerung können die Erträge nicht weiter gesteigert werden. Der nachhaltige Anbau verzichtet immerhin auf Pestizide und genmodifiziertes Saatgut. Doch die Faser allein macht noch kein nachhaltiges Produkt. Kann Biobaumwolle zum kleinen Preis funktionieren? Der Spagat zwischen Konsum mit gutem Gewissen und preiswerter Bekleidung ist schwierig. Da Biobaumwolle teuer ist, wird an anderer Stelle, etwa bei Löhnen, gespart. Leider ist auch die teurere Marke kein Garant dafür, dass die Näherin besser verdient. Bei gleichbleibendem Umsatz der Branche hat sich die Anzahl aller verkauften Bekleidungsteile in 15 Jahren verdoppelt. Das dürfte nicht sein. Ist Chemiefaser eine Umweltsünde? Nein, die Baumwollmengen reichen nicht für die Weltbevölkerung. Doch Erdöl, der Rohstoff der Chemiefasern, ist endlich und die Produkte können nicht verrotten. Allerdings sind sie für Recycling interessant. Beispielsweise werden transparente Plastikflaschen zu Fasern verarbeitet. Der Prozess ist jedoch endlich, denn nach der Gebrauchsphase können die Fasern aktuell nicht wieder zu Fasern recycelt werden. Gibt es grüne Alternativen zu Rohöl? Ja, zum Beispiel Zuckerrohr oder Maisstärke. Daraus erzeugte Fasern sind jedoch nicht immer biologisch abbaubar. Immerhin gibt es biologische und chemische Ansätze zum Faserabbau und Recycling. Das Umdenken der Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit setzt auf jeden Fall Innovationskräfte frei, um neue Wege der Rohstoffgewinnung und auch des Recyclings zu finden. Es gibt Licht am Horizont.

Maike Rabe, Professorin an der Hochschule Niederrhein, ist optimistisch: „Das Umdenken der Gesellschaft setzt Innovationskräfte frei.“

Fast-Fashion-Anbieter, Discounter und Sportartikelhersteller stellen verstärkt vermeintlich umweltverträglich produzierte Produkte in den Vordergrund bei ihrer Kommunikation. Wo ist der Haken? Marie Nasemann und Norian Schneider, Betreiber des Blogs fairknallt.de: Das Hauptproblem ist meist der verschwindend geringe Anteil, den diese Produkte am Gesamtsortiment der Anbieter ausmachen. Gleichzeitig wird unproportional stark für die Produkte geworben, so dass der Eindruck entstehen kann, das gesamte Sortiment sei nachhaltig produziert. Also klassisches Greenwashing. Wenn der eigentliche Sinn, nämlich Erkenntnisse abzuleiten, wie man seine gesamte Produktion in Zukunft nachhaltiger gestalten kann, gegeben ist, sind nachhaltige Kollektionen eine gute Sache, doch das sehen wir in der Praxis eher selten. Wie können sich Einzelhandel und Verbraucher vor Greenwashing schützen? Sogenannte Informationsasymmetrien, also dass Hersteller mehr über die Produktion wissen, als Kunden und Händler, lassen sich nur sehr schwer auflösen. Die beste Option sind aktuell unabhängige Siegel. Branchenverbände, Selbstverpflichtungen, eigene Zertifikate und Code of Conducts sind unseres Erachtens nach Augenauswischerei, da sie keine Möglichkeiten beinhalten, Unternehmen bei Verstößen zu sanktionieren. Hier muss die Politik in die Verantwortung genommen werden. Wir brauchen Gesetze, mit denen man die Einhaltung grundlegendster Menschenrechte einklagen kann. Kann man im großen Stil wirklich fair und nachhaltig produzieren? Es muss ein grundsätzliches Umdenken stattfinden: Das Problem ist die kurzfristige Herangehensweise der Unternehmen, deren Erfolg nicht langfristig, sondern quartalsweise gemessen wird. Der Begriff Nachhaltigkeit muss richtig verstanden werden. Denn das Konzept meint den Einklang von ökologischer Produktion, guten sozialen Herstellungsbedingungen und ökonomischer Rentabilität für alle Beteiligten. Das sogenannte „Drei-Säulen-Modell“. Oft wird der Begriff mit „umweltfreundlich“ gleichgesetzt, wodurch der Eindruck entsteht, dass ökonomische Faktoren vernachlässigt werden, Soziales extra erwähnt werden muss und Umweltthemen für Unternehmen eine zusätzliche Belastung sind. Gutes Nachhaltigkeitsmanagement wird in Zukunft ausschlaggebend für Erfolg oder Misserfolg sein.

Schauspielerin, Model und Fair-Fashion-Aktivistin Marie Nasemann und Nachhaltigkeitswissenschaftler Norian Schneider betreiben den Blog fairknallt.de.

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„UNTER 30 EURO KEINE VERNÜNFTIG PRODUZIERTE JEANS“

„DER KONSUMENT IST NICHT DIE WURZEL ALLEN ÜBELS“ Warum landet so viel ungetragene Kleidung im Müll? Jutta Wiedemann, Professorin Fachbereich Bekleidungsgestaltung und Kollektionsentwicklung, Hochschule Niederrhein: Weil zu viel austauschbare Ware produziert wird. Aufgrund der starken Zahlenorientierung im Vertrieb wurde das Design regelrecht zurechtgestutzt. Dabei ist die modische Risikobereitschaft auf der Strecke geblieben. Jetzt wundert man sich, dass Marken kein authentisches Aussageprofil mehr haben. Was soll sich ändern? Produktmanager werden künftig risikoreicher arbeiten müssen. Heute ist der Verbraucher durch die multimedialen Informationen immer unberechenbarer geworden. Das ist die Chance für das Design, sofern Produktmanager diesen Job wirklich auch die Designer machen lassen. Auch bei neueren, nachhaltigeren Anbietern wie zum Beispiel bei Armedangels muss man sich über die Sortimentsgröße wundern. Braucht der Endverbraucher vier dunkle Baumwoll-T-Shirts ohne Aufdruck mit Rundhalsausschnitt zur Auswahl? Das Sortiment zu komprimieren, ist auch nachhaltig – mit der Aufgabe, die Produkte für die Markenidentität zu entwickeln, die der Endverbraucher in der Marke sieht. Das würde den Lebenszyklus des Produkts verlängern und den Kunden stärker an Philosophie und Brand binden. Wünscht nicht der Konsument ein breites Angebot? Es ist ein Mythos, dass der Verbraucher die Wurzel allen Übels sei. Warum landen dann aus Markenschutzgründen ganze Kollektionen auf Müllhalden oder im Brennofen? Würde die Einmaligkeit ihrer Produkte bei den Firmen im Vordergrund stehen, würde der Endverbraucher die Marke authentischer wahrnehmen und es gäbe weniger Rabattschlachten. Diese modische und markenstrategische Selbstreflektion fehlt komplett.

Jutta Wiedemann wünscht der Mode weniger austauschbare Kleidung – das wäre ein wichtiger Schritt zu mehr Nachhaltigkeit, sagt die Professorin an der Hochschule Niederrhein.

Nachhaltige Jeans für 13,99 Euro – kann das klappen? Mostafiz Uddin, Inhaber Denimexpert (nachhaltiger Denimproduzent aus Bangladesch) und Gründer verschiedener Denimmessen und Nachhaltigkeitskonferenzen in Bangladesch: Dazu würde ich gerne eine aktuelle Studie der ABN-Amro zitieren, die zu dem Ergebnis kam, dass es Nebenkosten bei der Produktion von Jeans gibt, die einen solchen Preis eigentlich unmöglich machen sollten. Das sind die zusätzlichen Umweltkosten und -schäden die durch den Verbrauch von ohnehin schon knappem Wasser oder der Verschmutzung des Wassers entstehen. Außerdem die sozialen Folgekosten durch die Ausbeutung der Arbeiter und das Lohndumping. Rechnet man diese beiden Kosten auf den VK-Preis einer Jeans, müsste dieser deutlich höher liegen. Für eine derart billige Jeans kommt die Baumwolle meist aus Indien, produziert wird sie in Bangladesch. Die Studie sagt auch, dass eine Jeans ungefähr 30 Euro kosten muss, wenn sie vernünftig produziert ist. Die Differenz zwischen den aktuellen Kampfpreisen und dem, was nötig wäre, liegt in der Hand der Konsumenten – verantwortungsvoller Konsum ist die Lösung. Der Dschungel an Zertifikaten und Standards ist nicht einfach zu durchschauen, es gibt nationale und internationale Standards. Was raten Sie Endkonsumenten und Sourcing-Mitarbeitern? Worauf kann man wirklich bauen? Denn wie wir alle wissen, kann man an den Preisen nicht ablesen, ob die Arbeiter gut behandelt wurden oder Umweltauflagen erfüllt werden. Auch sehr teure Produkte sind unsauber produziert. Wir sind uns alle einig, dass eine nachhaltige Produktionskette mit Kosten verbunden ist. Daher ist es umso wichtiger, dass wir Umweltschutz, soziale Maßnahmen und ethische Standards eines Produktes transparent machen. Nur so kann der Endkonsument eine mündige Entscheidung treffen und entscheiden, ob es ihm Wert ist, die Mehrkosten zu tragen, die eine verantwortungsvoll produzierte Jeans nun mal kostet. Es wäre also nicht schlecht, wenn wir ein grünes Sigel hätten, das meiner Meinung nach heute noch nicht existiert. Es muss dem Konsumenten einfach gemacht werden, zu erkennen, was grün ist und was nicht.

Mostafiz Uddin setzt sich international für das Ansehen Bangladeschs als Produktionsland ein, seine eigene Denimproduktion gilt als Musterbetrieb in sozialen und ökologischen Belangen.

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„REDUZIEREN IST DAS OBERSTE GEBOT“ Die Modeindustrie ist auf Ressourcen von Baumwolle bis Öl angewiesen. Was bedeutet das fürs Geschäft? Deborah Drew, Wirtschaftsabteilung World Resources Institute: Dass wir den Planeten an seine Grenzen bringen, wirkt sich nicht nur auf Konsumenten aus. Auch Unternehmen droht Gefahr: Die Klimakrise beeinträchtigt ihre Lieferketten und ihre Arbeit. Wer das ernst nimmt, merkt: Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Antwort auf Imagerisiken, sondern bewahrt der Firma auch die Existenzfähigkeit. Was fehlt bei der Diskussion innerhalb der Modebranche? Mode braucht einen holistischen, systematischen Ansatz für eine Kreislaufwirtschaft und einen ehrlichen Blick auf Produktions- und Konsumgewohnheiten. Der Diskussion fehlt die SDG-12-Frage: Wie kann die Branche den Bedarf auf eine neue Art decken, die nicht auf dem Mantra „Verkauf mehr Leuten öfter mehr Zeug“ basiert? Keine Einzelmaßnahme zur Nachhaltigkeit ist die Antwort für die gesamte Branche. An einem gezielten, ganzheitlichen Ansatz führt kein Weg vorbei. Apropos Mantras: Es gibt ja „reduce, reuse, recycle“. Wenn wir sagen „Reduzieren, wiederverwenden, recyceln“, dann sind das nicht etwa drei Optionen. Das ist eine Rangfolge. Reduzieren ist das oberste Gebot. Dann folgt Wiederverwendung, womit etwas im Umlauf bleibt, und dann erst Recycling. Denn das ist nicht so sauber, wie die Leute glauben, es ist nicht die Lösung. Zudem ist Moderecycling sehr schwierig, was etwa Mischgewebe und unterschiedliche Schmelzpunkte synthetischer Stoffe betrifft. Welche Geschäftsmodelle kommen denn in Frage? Da gibt es viele Optionen, etwa Reparaturdienste, Verleih, Redesign, Recommerce (Wiedervermark­ tung via Internet, Anm. d. Red.). Man sollte darüber nachdenken, wie man Kleidung durch seine Qualität, seine Relevanz und die Recyclingfähigkeit des Stoffs länger im Umlauf hält. Es ist wichtig, das schon in der Designphase zu bedenken, dass wird der Branche beim Überleben helfen. Wenn ein Ladenbesitzer für ein nachhaltiges Sortiment sorgen will, was sollte er oder sie die Marken fragen? Ein paar einfache Fragen wären gut. Beginnen Sie mit: Was sind Ihre Lieferketten? Wer ist beteiligt? Woher bekommen Sie Ihr Material? Kennen Sie die Baumwollfarm? Welche Fabriken stellen die Stoffe her? Gibt es dort Subunternehmer, und wenn ja, bewegt sich das im gesetzlichen Rahmen? Stecken Schadstoffe im Material? Was ist mit den Produktionsstätten? Stellen Sie ehrliche Fragen über die Marke und ihre Lieferkette. Wenn sie die beantworten kann, geht es voran. Wenn nicht, muss die Marke erst herausfinden, woher ihre Rohstoffe stammen und wie ihre Kleider hergestellt werden.

Deborah Drew beleuchtet für das World Resource Institute die Rolle von Firmen im Umweltschutz. Für eine Studie namens „Elephant in the Boardroom: Why Unchecked Consumption Is Not an Option in Tomorrow’s Markets“ knöpfte sie sich die Modebranche vor.

„DAS ZIEL LAUTET EXISTENZSICHERNDER LOHN, NICHT MINDESTLOHN“ Viele Modemarken bekennen sich dazu, ihren Produzenten in den Schwellenländern den gesetzlichen Mindestlohn zu zahlen. Kann man dann als Konsument ruhigen Gewissens die Kleidung kaufen? Christiane Schnura, Koordinatorin Kampagne Saubere Kleidung: „Nein, das ist ein Trugschluss. Der Mindestlohn orientiert sich meist an dem gesetzlichen Mindestlohn in dem jeweiligen Land. Im Beispiel Bangladesch sind es etwa 50 Euro, die aber nur etwa ein Fünftel von dem abdecken, was die Menschen zum Leben brauchen. Unser Ziel ist ein existenzsichernder Lohn, der mehr als die Grundbedürfnisse abdeckt, doch davon sind die meisten Unternehmen Lichtjahre entfernt. Fast alle Unternehmen haben sich in ihrem Code of Conduct freiwillig selbst verpflichtet, fundamentale Arbeitsrechte einzuhalten. Aber wer kontrolliert das? Wichtig bei der Kontrolle ist die Einbeziehung von Arbeitnehmer/innenvertretungen vor Ort, wie es beispielsweise Schöffel, Jack Wolfskin, der Discounter Takko und Hess Natur handhaben. Wir arbeiten daran, dass es deutlich mehr werden.“

Christiane Schnura setzt sich als Koordinatorin der Kampagne für Saubere Kleidung für bessere Arbeitsbedingungen ein.

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UNENDLICHES POTENZIAL

Einfach mal gründlich nachdenken: Wer die Recyclingfähigkeit seiner Produkte erhöhen will, stellt jeden Faden und jeden Knopf in Frage. Und das ist gut so, denn Bewusstsein ist der erste Schritt, die Textilproduktion aus ihrer Einbahnstraße zu leiten. Fotos: Unternehmen

VORBILD

Napapijri. Verschiedene Materialien in einem Bekleidungsstück machen Recycling so tricky: Diesem Problem begegnet Napapijri mit seiner Skidoo-Jacke, die aus dem Upcycling-Material Econyl besteht. Und zwar nicht nur der Oberstoff, sondern auch Füllung und Besätze. Beim Kauf können Kunden die Jacke registrieren und nach zwei Jahren wieder zurückgeben, um sie der Wiederaufbereitung zuzuführen. www.napapijri.com

Mud Jeans will die erste vollständig zirkuläre Jeansmarke der Welt werden.

GESCHLOSSENER KREISLAUF

Mud Jeans. Das holländische Jeanslabel Mud Jeans hat von zwei auf Nachhaltigkeit spezialisierten Investoren eine Million Euro erhalten und kann so im kommenden Jahr seinen Plan verwirklichen, eine zu 100 Prozent recycelte Hose auf den Markt zu bringen. Mud Jeans verwendet bereits 40 Prozent recycelte Baumwolle für die Herstellung seiner saisonunabhängigen Kollektionen. Die Marke wird in 29 Ländern bei über 300 Einzelhändlern verkauft und wird weiter expandieren. Bert van Son, CEO und Gründer von Mud Jeans, sagt: „Dank technologischer Innovationen, die in Zusammenarbeit mit der Saxion University

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und der Wissensplattform Circle Economy entwickelt wurden, sind wir in Zukunft in der Lage, aus alten Jeans neue herzustellen. Dabei entwickeln wir unsere Produkte nicht nur ökologisch nachhaltig, sondern berücksichtigt auch die Arbeitsbedingungen bei der Produktion. Bisher konnten wir 12.000 Jeans wiederverwenden und haben dadurch umgerechnet 300 Million Liter Wasser eingespart und 700.000 Kilogramm CO2 weniger emittiert.“ Seit 2013 bietet das als B-Corp zertifizierte – sprich zum Gemeinwohl agierende – Unternehmen sein innovatives Konzept „Lease a Jeans“ an, bei dem die Jeans gemietet und zurückgegeben werden. www.mudjeans.eu


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ZU ENDE GEDACHT

Freitag. Ihre Taschen aus LKW-Planen sind legendär und längst Kult. Die Freitag-Brüder sind Pioniere des Upcyclings. Zudem produzieren sie schon immer fair und sozialverträglich in der Schweiz. Auch das für ihre Textilkollektion selbst entwickelte Material Namens F-abric ist wegweisend. Der strapazierfähige Stoff ist vollständig kompostierbar und wird aus Bastfasern und Modal in Europa mit minimalem Ressourceneinsatz produziert. Die Bastfasern aus Flachs (Leinen) und Hanf stammen aus Frankreich, Holland und Belgien. Diese heimischen Fasern schonen nicht nur die Böden, weil sie kaum Dünger oder Pestizide benötigen, sondern verbrauchen auch viel weniger Wasser als Baumwolle. Das Modal wird aus österreichischem Buchenholz hergestellt. Alle Produktionsschritte finden maximal 2.500 Kilometer entfernt von Zürich statt. Das Wichtigste: Der Stoff ist vollständig biologisch abbaubar und kann einfach kompostiert werden – inklusive Nähfaden und Webbändern. Die Hosenknöpfe aus Metall können dank patentiertem Schraubverschluss herausgedreht werden und sind bis ans Ende aller Tage und Hosen wiederverwendbar. Dass Shirts, Kleider, Röcke, Hosen, Hemden oder Jacken trotz aller Nachhaltigkeit cool aussehen und im Alltag funktional sind, dafür steht Freitag. Auf der Website von Freitag wird die Herstellung ausgiebig erklärt und transparent dokumentiert. Nachahmung sehr empfehlenswert! www.freitag.ch

Der Stoff der Zukunft basiert bei Freitag auf Fasern, die schon im Mittelalter Verwendung fanden.

BEST OF THE REST

FTC Cashmere. Egal, wie gut man kalkuliert: Beim Stricken bleiben immer kleine Mengen Garn übrig. FTC Cashmere hat jetzt eine Technik gefunden, wie diese Restmengen an Garn nahtlos verbunden werden können. Weil unterschiedliche Garne zusammen­ gefügt werden, entsteht ein mehrfarbiger Faden mit unterschiedlich langen Farbsequenzen. Klar, dass das Unikate gibt – sie sind zu VK-Preisen von 99 bis 369 Euro ab Frühjahr/Sommer 2020 im Verkauf. www.ftc-cashmere.com

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UPCYCLING MANUFAKTUR

Johanenlies. Aus Altem Neues zu schaffen, ist die Leidenschaft von Coco Prange und Mike Raaijmakers, die seit 2015 Designmöbel aus recycelten Materialien für Wohnungen, Büros, Gastronomie oder Einzelhandel fertigen. Zum Einsatz kommen aufgearbeitetes Bauholz aus Kiefer, Eiche oder Walnuss und Stahlprofile, die in zeitgemäßen Farben pulverbeschichtet werden. Natursteine wie Marmor, Serpentinit oder Travertin werden in den Johanenlies-Entwürfen ebenso kombiniert wie ökologisches Linoleum. In der Berliner Manufaktur entsteht alles in Handarbeit. Neben Kleiderständern mit und ohne Ablage, gibt es Regale, Beistell-, Ess- und Schreibtische, Sitzbänke sowie eine Reihe von Betten und Kommoden. Die Möbel bestechen durch ihre filigrane Erscheinung und das minimalistische Design. Johanenlies unterstützt die Stiftung Plant-for-the-Planet, die für jeden gespendeten Euro einen Baum auf Mexikos Halbinsel Yucatán pflanzt und Kinder in Akademien zu Botschaftern für Klimagerechtigkeit ausbildet.

www.johanenlies.com

Für die hochwertigen Möbel von Johanenlies wird Bauholz recycelt.

VOLLSTÄNDIG RECYCELT

Wolfskin Tech Lab. Die Wolfskin Tech Lab Kollektion folgt dem Motto: geboren in der Stadt, inspiriert von den Elementen, angetrieben von Technologie. Als weltweit erster Bekleidungshersteller hat Jack Wolfskin wasser- und winddichte Jacken entwickelt, die vollständig aus recyceltem Material hergestellt werden – inklusive der hochtechnologischen Membran. Diese Technologie heißt Texapore Ecosphere. Das Material besteht zum einen aus Plastikmüll wie z. B. Pet-Flaschen, zum anderen aus eigenen Produktionsabfällen, wobei Stoffverschnitt erneut zu Pellets verarbeitet wird und anschließend wieder in den Produktionskreislauf zurückgelangt. Die gesamte Bekleidungskollektion von Wolfskin Tech Lab ist zu 100 Prozent PFC-frei und es werden ausschließlich RDS zertifizierte Daunen eingesetzt. Funktionalität trifft auf modernen urbanen Lifestyle. www.wolfskin-techlab.de

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FINDEN WIR GUT

Neu? Das ist es nicht – aus gutem Grund. Recycling ist ein Weg, die miserable Klimabilanz der Modebranche zu verbes­ sern. So schön, so kleidsam, so animierend, das Alte zu schätzen.

DIVERSITÄT UND FAIRNESS

Lani Lees. Das Schmucklabel Lani Lees aus Berlin startet mit modernem Seeding: In Fotoshootings angesagter Avantgarde-Magazine und auf Instagram werden die ersten Stücke sichtbar. Das Konzept: unisex, nachhaltig und handgemacht in Kreuzberg. Der Schmuck versinnbildlicht die Verschmelzung von Geschlecht, Herkunft, Religion und Sexualität. Das Credo von Designerin Lani Berelsmann: Es gibt keine Unterschiede. Um Schleuderpreise oder Ressourcenverschwendung zu verhindern, produziert sie seit 2016 nur auf Bestellung. Die Auswahl und Verfügbarkeit ist entsprechend limitiert. Die aktuelle Kollektion besteht aus 14 Designs mit 34 Teilen und umfasst Ketten und Armbänder sowie Ringe, Ohrringe und Sicherheitsnadeln. Die Preise reichen von 150 bis 3.900 Euro. Zum Einsatz kommt zertifiziertes Suomi Gold, das in Finnland umweltverträglich aus Flüssen geschürft wird. Für die mit Silber und Kupfer hergestellten Produkte kommen recycelte Edelmetalle aus Deutschland zum Einsatz. Lani Lees Studio, Berlin/Deutschland, lani@lanilees.com, www.lanilees.com

DZAINO

UPCYCLING

Sealand Gear. Mike Schlebach, einer der bekanntesten Big Wave Surfer Südafrikas, steht auch für Upcycling. Gemeinsam mit Jasper Eales und Meagan Webb hat er das Label Sealand gegründet und verwendet beispielsweise LKW-Planen, Werbetafeln, Plastikmüll, Zeltmaterial und alte Segeltücher, um daraus möglichst langlebige Taschen zu fertigen. „Indem wir optisch ansprechende Upcycling-Elemente und Texturen mit inspirierendem Design kombinieren, geben wir ihnen eine neue Bedeutung“, so Schlebach. Die Taschen, Weekender und Rucksäcke werden in Kapstadt handgefertigt und können ebenso dort repariert werden. Sealand Gear ist bei Shopbop, Selfridges, Matchesfashion und Mr.Porter erhältlich. In Deutschland gibt es Seal and Gear bei Ohhh de Cologne, geführt von Silvia Philipp und Gloria Massaro-Conrad, die die Taschen auch mit der Vertriebsagentur Premium Brands GmbH vertreiben. Die Verkaufspreise liegen bei maximal 250 Euro, kalkuliert mit 2,0. Premium Brands GmbH, Köln/Deutschland, T 0049.163.2519839, gloria@premiumbeautybrands.com, www.sealandgear.com

Lokales Upcycling. Hanna Sin Gebauer und Julia Hermesmeyer haben 2015 ihr Label Dzaino in Berlin gegründet. Aus gebrauchten Textilien, überwiegend Jeans, fertigen sie im Atelier in Berlin-Kreuzberg mit angeschlossenem Shop am Moritzplatz hochwertige Kleinserien. Ihre Produktpalette reicht von der Yogamattentasche über große Reisetaschen bis hin zu speziellen Kosmetik- und Umhängetaschen. Die ausrangierten Kleidungsstücke, die sie dafür verwenden, kaufen sie von der Berliner Stadtmission. „Unsere Vision ist es, die Textilindustrie von einem linearen System auf ein zirkuläres umzustellen. Um die Materialien sorgfältig zu reinigen, aufzuarbeiten und zu nähen, arbeiten wir mit zwei Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen zusammen“, sagt Hanna Sin Gebauer. Gefertigt wird hauptsächlich auf Bestellung. Fahrradkuriere übernehmen den Transport zwischen den einzelnen Stationen der lokalen Produktionskette. „Unser Design ist vom Handwerk des Patchworks und Quiltens inspiriert. Wir arbeitet nach dem Upcycling-Prinzip, legen aber großen Wert auf einen klaren, minimalistischen Look, bei dem erst auf den zweiten Blick erkennbar wird, dass das Produkt aus einem alten Kleidungsstück gefertigt ist“, erklärt Julia Hermesmeyer. Besonders beliebt sind personalisierte Taschen: Kunden können die alte Lieblingsjeans einschicken und ihre persönliche Tasche fertigen lassen. Dzaino Studio, Berlin/Deutschland, T 0049.178.2109016, hello@dzaino.com, www.dzaino.com

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3 SUSTAIN + ABILITY

TAKING CARE FASHIONTECH

Mit den Menschen statt gegen sie: Wer der Mode ihren Wert zurückgeben will, muss ganz am Beginn der Produktionskette ansetzen. Arbeiter und Produzenten dürfen nicht das ärmste Glied in der Kette bleiben. Egal ob in Schwellenländern oder mitten in Europa, eigenen Reichtum auf der Ausbeutung anderer zu begründen, ist zutiefst unmoralisch. Wer Mode und Moral in Einklang bringen kann, braucht die Transparenz nicht zu fürchten.

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IST NACHHALTIG­ KEIT EIN MUSS?

Kann man Premium- und Luxusmode, die ihre Verantwortung in Sachen Nachhaltigkeit nicht beweisen kann, künftig überhaupt noch ein- oder verkaufen? Hat der Konsument das Recht, mit gehobenen Preisen auch von fairen und umweltschonenden Produktionsbedingungen auszugehen? Wird Nachhaltigkeit im Exklusivsegment also zur Bedingung? Wir haben uns umgehört. Text: Martina Müllner-Seybold. Illustrationen: Claudia Meitert@Caroline Seidler

WEGSCHAUEN WIRD SCHWERER

Piero Cividini, Inhaber Cividini „Nachhaltigkeit ist aktuell ein großes Thema, aber andererseits kein neuer Gedanke. Schon 1972 hatte der Club of Rome verschiedene Szenarien zu den globalen Auswirkungen der Weltwirtschaft aufgezeigt. Uns haben diese alarmierenden Aussagen zutiefst beeindruckt, daher haben wir bei Cividini immer daran festgehalten, auf allen Ebenen nachhaltig zu arbeiten. Ich erinnere mich gut an unser Experimentieren mit rein pflanzlich gefärbten Garnen vor vielen Jahren. Walnüsse eignen sich z. B. hervorragend für Sepia- bis Braunnuancen. Diese Färbungen sind in der Verarbeitung marginal teurer, aber nicht so waschecht wie chemisch Gefärbtes. Leider gab es damals kaum Akzeptanz im Markt. Das Thema Nachhaltigkeit wird sich jetzt längerfristig im gesellschaftlichen Bewusstsein halten, da das Wegschauen auch dank der sozialen Medien zunehmend schwerer wird: Plastikmüll in den Meeren, Naturkatastrophen infolge des Klimawandels, Ausbeutung in Niedriglohnländern ... Je sichtbarer die Auswirkungen unverantwortlichen Wirtschaftens werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich nachhaltiges Produzieren auf breiter Linie durchsetzen wird.“

GROSSE WERTSCHÄTZUNG

Emmanuel de Bayser, Inhaber und Einkäufer The Corner, Berlin „Nachhaltigkeit spielt gerade im Luxussegment eine große Rolle! Die hohe Qualität der Produkte, natürliche Materialien und die Produktion in Europa sind Faktoren, die hochpreisige Produkte auszeichnen. Sustainability ist somit ein Qualitätsmerkmal der Luxusbranche. Auch bei unseren Kunden sehen wir inzwischen immer öfter eine große Wertschätzung für nachhaltige Kollektionen.“

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SIND ALLE BEREIT?

Jelena Hofmann und Sedina Halilovic, Gründerinnen von Mykke Hofmann „Ja, wir hoffen, dass Nachhaltigkeit ein Muss wird, es wird allerdings noch lange dauern. Die ganze Branche muss umdenken und umlenken: Einzelhändler müssten bereit sein, Produktionsrisiko mitzutragen und entsprechende Mengen abnehmen, zum Teil auch längere Lieferzeitfenster bieten. Der Endverbraucher muss bereit sein, den Preis für Nachhaltigkeit zu bezahlen. Aktuell suchen zu viele nach der eierlegenden Wollmilchsau – nachhaltig, aber trendkonform und schnell erhältlich. Zumal wir oft erleben, dass der Begriff ‚nachhaltig‘ von vielen genutzt wird, ohne dass sie selbst eine konkrete Vorstellung von nachhaltigem Modekonsum haben. Es ist Aufgabe der Brands und Händler, transparent mit den Konsumenten zu kommunizieren und sie aufzuklären. Letztlich würde strikt nachhaltige Mode auch bedeuten, dass eine Konsumbremse gezogen wird, alle weniger produzieren und weniger konsumieren. Darin sehen wir die größte Herausforderung und glauben nicht, dass die Masse der Konsumenten, auch im Premium- und Luxussegment, bereit für diesen Schritt ist.“

SENSIBILITÄT FÜR DIE ZUKUNFT

Christian Ogait, Investmentfond Papa Oscar „Labels und Brands ohne nachhaltiges Denken und Handeln werden Marktanteile verlieren. Gerade die Generation Y und nachfolgende sind höchst sensibel im Umgang mit dem Thema und damit mit ihrer Zukunft. Konsumenten und auch die Industrie haben ein immer besseres Verständnis und bessere Lösungen für nachhaltigere Produkte. Luxus und der Schutz unserer Umwelt werden aber auch ich in vielen Jahren noch immer an Grenzen der Technologie und Machbarkeit stoßen.“

EIN MUSS

Angelika Schindler-Obenhaus, Vorstand Katag AG „Wir haben nur einen Planeten. Deshalb werden sich auch Premium- und Luxusanbieter mit nachhaltiger Produktion auseinandersetzen müssen.“

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IT’S THE SALARY, STUPID

Die Diskussion um Kinderarbeit in der Textilindustrie lenkt von den wahren menschenrechtlichen Problemen der Branche ab. Ein Kommentar von Georg Wimmer

Es ist kein Zufall, dass das Wort Textilindustrie im letzten Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zur Kinderarbeit gar nicht vorkommt. Auch im Strategiepapier zur Beseitigung der Kinderarbeit bis 2025 ist den Autoren die Branche keine müde Zeile wert. Die Produktion von Tuch und T-Shirts stellt beim globalen Blick auf das Phänomen längst kein großes Problem mehr dar. Mehr als zwei Drittel der weltweit arbeitenden Mädchen und Jungen sind in der Landwirtschaft tätig. Die allermeisten Minderjährigen arbeiten Seite an Seite mit ihren Eltern. Der Großteil der Kinder, die arbeiten, geht auch zur Schule. Wer ausbeuterische Kinderarbeit wirksam bekämpfen will, muss diese Fakten im Kopf haben. Die Textilindustrie ist dennoch kein Hort von Freude und Glückseligkeit. Es gibt Formen extremer Ausbeutung, wie das Sumangali-System in Indien. Hier wird jungen Frauen vorgegaukelt, sie könnten sich in kurzer Zeit die Aussteuer für ihre Heirat verdienen. Tatsächlich werden sie von ihren Familien isoliert, müssen 80 Stunden die Wochen schuften und in Dreckslöchern schlafen. Der Kampf gegen solche modernen Formen von Sklaverei braucht andere Strategien als gegen das, was landläufig unter Kinderarbeit subsumiert wird. Wenn heute Fälle von Kinderarbeit in der Textilbranche publik werden, handelt es sich in der Regel um Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren, für die Arbeit in den Fabriken

aufgrund der harten Bedingungen verboten ist. Schlimm genug, die mediale Fixierung auf das Thema geht an den wahren menschenrechtlichen Problemen in der Branche aber weit vorbei. Als Faustregel gilt: Kinder werden dort besonders häufig ausgebeutet, wo auch Erwachsene ausgebeutet werden, wo der Staat nicht kontrolliert, wo Gewerkschaften verboten sind und wo sich Menschen für Hungerlöhne abrackern. Hier liegt der wahre Skandal: Frauen in der äthiopischen Textilindustrie bekommen aktuell 23 US-Dollar im Monat. In Myanmar und Bangladesch liegt der Lohn bei 95, in Kambodscha bei 182 US-Dollar. Stellen wir uns ein Ehepaar in Bangladesch vor, beide voll berufstätig mit jeweils um die 60 Wochenstunden. Für den Transport zur Fabrik müssen sie zahlen und auch jede Hütte in einem besseren Slum kostet Miete. Wie viel wird ihnen zum Leben bleiben? Und wer erledigt zu Hause die Wäsche, das Kochen und die Aufsicht der kleineren Kinder, wenn die Eltern kaum da sind? Es sind die älteren Kinder, die inzwischen jene sogenannten „reproduktiven“ Aufgaben übernommen haben, die früher die Frauen erledigten. Das Thema Kinderarbeit in der Textilindustrie lenkt von den wahren Problemen ab, so herzlos das klingen mag. Der Blick auf die Kinder lädt die Debatte emotional auf und zugleich entpolitisiert er sie, weil suggeriert wird: Wenn nur keine Mädchen und Jungen arbeiten, ist alles gut. Über die Löhne reden wir ein andermal.

Georg Wimmer ist Journalist und Autor. Sein Buch „Kinderarbeit – ein Tabu. Mythen, Fakten, Perspek­ tiven“ ist im Mandelbaum Verlag erschienen.

Global Estimates of Child Labour: Results and Trends, 2012–2016. ILO, Genf, 2017 Ending child labour by 2025: A review of policies and programmes. ILO, Genf, 2018

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NACHHALTIGKEIT IST EINE HALTUNG Gute Produktionsbedingungen, hohe Qualität, stete Optimierung aller Prozesse: Gerade in Familienunternehmen ist nachhaltiges Wirtschaften kein Etikett, das man sich jetzt, da es en vogue ist, anheftet. An die nächste Generation zu denken, ist hier Prinzip. Text: Isabel Faiss, Martina Müllner-Seybold. Fotos: Hersteller

„N

achhaltigkeit beginnt für mich im Gespräch über Konditionen“, sagt Albertos geschäftsführender Gesellschafter Marco Lanowy. „Indem wir eben keine zehn Prozent Rücknahmequote akzeptieren, keine Sonderposten produzieren, keine zusätzlichen Flash- und Zwischenkollektionen in den Markt drücken. Wir wissen alle, dass damit nur scheinbar Geschäfte gemacht werden. In Wahrheit verschwenden diese Praktiken Ressourcen: für die Ware, für den Transport, auch im Unternehmen. Am Ende bleiben Warenbestände, die nicht mehr vermarktbar sind, und die schaden allen: der Marke, dem Handel, der Umwelt.“ Das gesteigerte Interesse an nachhaltigen Themen ist für Alberto ein ernstes Anliegen und kein Grund, in Aktionismus auszubrechen. „Wir sind ein Unternehmen, das fast 100 Jahre besteht, unser Auftrag lautet nicht, es jetzt möglichst grün anzustreichen, sondern ihm weitere 100 Jahre zu eröffnen. Dass wir Antworten geben müssen und können, ist selbstverständlich. Doch für mich endet Nachhaltigkeit nicht damit, den Anteil an Biobaumwolle in unseren Hosen zu steigern. Nachhaltigkeit ist für mich vielmehr, ein Produkt zu erzeugen, mit dem der Konsument seinerseits zur Nachhaltigkeit beitragen kann. Weil die Rücksprungrate unserer Hosen eben so gut ist, dass man sie nicht nach einmal Tragen waschen muss. Oder schlicht: weil sie hält, weil sie passt, weil sie ein Lieblingsteil ist.“ DAS OHR AM MARKT

Gerade in diesem Punkt hat Alberto viel vom direkten Austausch mit Konsumenten profitiert, egal ob im eigenen Store in Mönchengladbach oder auf Fahrradmessen, wo Al090

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berto seine Fahrradjeans präsentiert hat, nachdem der normale Handel dafür nur laues Interesse gezeigt hat. „Das Ergebnis eines solchen Dialogs sind rund 100 neue Händler, die Alberto nur mit seinen Fahrradjeans überzeugt hat. Da könnte man jetzt natürlich sagen, dass Nachhaltigkeit und Wachstum ein Paradoxon sind, aber wir können von uns behaupten, dass wir unsere Gewinne stets sozialverträglich erwirtschaftet haben. Was ich persönlich als die Grundverantwortung jedes Unternehmers erachte“, betont Marco Lanowy. „Als Unternehmen müssen wir mehrere Dinge in Balance halten: die faire Bezahlung der Arbeiter, die Schonung von Ressourcen in allen Veredelungsprozessen und eben auch die Interessen des Marktes und der Kunden. Und das alles in Einklang mit den Interessen unseres Unternehmens. Nun haben wir das Glück, dass wir ein Familienunternehmen sind, kein Investitionsobjekt, das jedes Quartal Steigerungen abwerfen muss. Das erlaubt es uns, Nachhaltigkeit als das zu begreifen, was es ist – nämlich ein nie endender Prozess, in dem man täglich kleine Schritte beitragen kann, dass etwas besser wird.“ MACHT ODER OHNMACHT?

„100 Milliarden neue Kleidungsstücke pro Jahr? Wenn ich solche Zahlen höre, schäme ich mich richtiggehend für meine Branche“, sagt Mark de Lorme, der gemeinsam mit seiner Frau Felice die holländische Damenmarke Penn & Ink N.Y gegründet hat. „Es ist ein Schlamassel und angesichts solcher Zahlen versteht man auch, dass es nicht darum geht, ein bisschen mehr Bio in unsere Stoffe zu mischen. Für die ganze Branche kann ich weiß Gott kein Rezept geben – außer, dass mir klar ist, dass die wirkliche Veränderung erst eintritt, wenn auch die Großen mitziehen. Wenn die sich ändern, wird sich wirklich etwas ändern. Aber werden sie das tun? Da müsste sich ja erst einmal unser Wirtschaftsprinzip ändern, da müsste das Wachstumsprinzip, das über allem steht, in Frage gestellt werden.“ Das Thema Nachhaltigkeit macht den Inhaber der erfolgreichen Contemporary Brand nachdenklich. „Ich frage mich jeden Tag, was wir besser machen können. Es tut uns gut, dass unsere Tochter ins Unternehmen gekommen ist, ihre Generation stellt diese Fragen mit Nachdruck. Meine Frau Felice und ich hatten damals einen anderen Grund, unsere Marke zu starten – aber auch der hat schon viel mit Nachhaltigkeit zu tun: Wir wollen echte Icons schaffen. Wenn eine Frau einmal den perfekten blauen Blazer gefunden hat, braucht sie nicht noch 10 andere. Unser Anspruch ist es, diese Lieblingsteile zu schaffen.“ Langlebigkeit vor Trends ist bei Penn & Ink erklärtes Prinzip. „Trends inspirieren mich weniger, Vintage dagegen sehr, weil es viel Klasse braucht,


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Dem Konsument helfen, es besser zu machen: Gute Produkte trägt man lange und schmeißt man nicht weg.

„Nachhaltig­ keit beginnt im Gespräch über Konditionen.“

Marco Lanowy, Alberto

dass etwas Jahre später aktuell und schön ist. Mit diesem Vorbild im Kopf schließt sich einiges von selbst aus – schlechte Qualität zum Beispiel. Lausige Sachen werden nicht Vintage, sondern Müll.“ IN REICHWEITE

Die Produktion in Europa, überwiegend in Portugal, sei Penn & Ink N.Y genau deshalb ein Anliegen. „Diese Betriebe sind wirklich wie Familie. Es ist unsere gemeinsame Anstrengung, die Qualität immer noch besser zu machen oder eben Nachhaltigkeit zu forcieren. Wir müssen aber unseren Zulieferern auch Zeit geben, sich in diesen Themen zu professionalisieren. Denn weder unserer Marke noch der Umwelt nützt es, wenn jetzt alle im Hauruckverfahren auf alternative Materialien umstellen, von denen wir noch keine Erfahrungswerte in Sachen Langlebigkeit haben.“ Dass die Nachfrage allerdings auch das Angebot veränderte, stimmt Mark de Lorme optimistisch: „Das ist unser Hebel, auch als kleine Firma. Es bringt Veränderung zum Guten, wenn wir ihn betätigen.“ AUF PUNKT PRODUZIEREN

Slow Fashion ist der Ansatz, mit dem Melanie und Dirk Nienaber mit der Kollektion von Silk Sisters ihren Anspruch an Nachhaltigkeit umsetzen. „Als Familienunternehmen sind wir bestrebt, große Schritte zu gehen und Icons, die man lange behält, will Penn & Ink N.Y schaffen.

das umzusetzen, was uns möglich ist. Mit Silk Sisters sind wir bereits bei 85 bis 90 Prozent unseres Ziels angekommen. Wir produzieren nur, was durch die Vororder bestellt wurde und das ausschließlich in Betrieben, die fair und sozial arbeiten. Maximal fünf Prozent legen wir als Reserve zurück, um Nachorderwünsche unserer Kunden bedienen zu können. NOS-Lager gibt es bei uns nicht, denn NOS ist das Produkt selbst“, erklärt Dirk Nienaber von der Marlino Group. In der Kollektion Silk Sisters setzt Designerin Melanie Nienaber auf eine straighte modische Aussage mit einer langfristigen Perspektive. „Wir wollen unsere Kunden dahin bringen, sich einen anspruchsvollen und langfristigen Kleiderschrank anzuschaffen, mit Teilen, die gut kombinierbar sind und wo einzelne Highlights Akzente setzen. Wenn wir ein erfolgreiches Design haben, ziehen wir es auch mal mehrere Saisons durch.“ Damit sprechen sich die beiden ganz bewusst gegen das Prinzip des stetig steigenden Überangebots in der Mode aus. EIN SCHMALER GRAT

„Lausige Sachen werden nicht Vintage, sondern Müll.“

Mark de Lorme, Penn & Ink

Dirk Nienaber ist die Diskrepanz zwischen dem ureigenen Streben eines Unternehmers nach Wachstum und der Vereinbarkeit mit der Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks bewusst. „Das ist ein schwieriges Thema. Natürlich wollen auch wir wachsen, aber in einem für uns und die Umwelt erträglichen Maße. Die Überproduktion in der Mode ist maßlos. Unsere Produktion in Europa erlaubt es uns, flexibel auf die Nachfrage zu reagieren und wirklich nur das herzustellen, was nachgefragt wird, um das Überangebot nicht stetig zu erweitern.“ Bei der Marke Silk Sisters möchte die Marlino Group ihren ökologischen style in progress

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Fußabdruck so minimal wie möglich halten, mit Ansätzen, die weit über das Produkt hinausgehen. „Meiner Meinung nach wächst der Markt für Slow Fashion, denn das Bewusstsein der Konsumenten steigt,“ ist Melanie Nienaber überzeugt. Ein Gradmesser hierfür ist unter anderem die positive Resonanz auf alle Slow-Fashion-Botschaften der Marke auf Instagram. FÜNF VOR ZWÖLF

„Nein, meine Uhr ist nicht kaputt, ich habe alle meine Uhren auf fünf vor zwölf gestellt“, sagt Robert Laner, einer der Gründer des nachhaltigen Labels Erdbär. „Ich glaube, das sagt viel über meine Persönlichkeit aus. Wenn wir unsere Mission erfüllt haben, stelle ich meine Uhren vielleicht wieder auf eine andere Zeit.“ Der kaum 30-jährige Unternehmer hat eine klare Roadmap und verfolgt große Ziele. #Worldchanger ist nicht nur Erdbärs Motto, sondern auch einer der bestverkauften Claims auf Erdbär-T-Shirts. Rund 250 Händler in acht Ländern konnte Erdbär bereits überzeugen, zwei eigene Conceptstores, dazu ein reger eigener Onlineverkauf, sie setzen modische Aspekte auch in Unternehmen und deren Bekleidung. Einer davon im Salzburger Europark, einem frequenzstarken Einkaufszentrum. „Dort können wir Aufklärungsarbeit leisten, es nützt doch nichts, wenn sich all die nachhaltigen Läden in der achtundzwanzigsten

„Der SlowFashion-Markt wächst.“ Melanie Nienaber, Marlino Group

Für Silk Sisters beschränkt sich Nachhaltigkeit nicht auf das Produkt, sondern umfasst einen ganzheitlichen Ansatz.

Seitengasse links verstecken“, sagt der Unternehmer, der vor der Gründung 2013 übrigens Polizist war. Ob er jetzt der Polizist des nachhaltigen Konsums sei? „Ganz und gar nicht, dieser erhobene Zeigefinger ist das Letzte, was die Menschen brauchen. Nachhaltigkeit muss unkompliziert sein und leicht, sie muss Freude machen und cool sein.“ MUT ZUR AUTHENTIZITÄT

„Es ist wichtig, dass wir den ersten Schritt machen, es geht nicht darum, perfekt zu sein. Ich lebe sicher noch nicht hundertprozentig nachhaltig – das gebe ich auch offen zu. Wer nicht moralisiert oder behauptet, selbst fehlerfrei zu sein, wird auch dann nicht gekreuzigt, wenn er eben doch mal ins Flugzeug steigen muss.“ Diese Authentizität, das könne man sich nur erlauben, wenn die Marken-DNA stark sei. „Wir müssen ein Ja oder Nein beim Konsumenten auslösen, wer weder Zustimmung noch Ablehnung hervorruft, gibt als Marke keine Orientierung. Aber genau das wünschen sich Endkunden: Dass sie mit ihrem Erdbär-Teil eine Message zum Ausdruck bringen.“ Genau das wünsche er sich auch vom Handel: „Auch der Händler muss klar benennen können, was seine DNA ist. Viele neue, nachhaltige Konzepte können das deshalb gut, weil ihre Mission durch ökologische und soziale Werte definiert ist.“ Worldchanger gibt’s eben nicht nur auf Markenseite.

„Nachhaltigkeit muss unkompliziert sein und leicht.“ Robert Laner, Erdbär Darf man als nachhaltiges Label auf der Überholspur fahren? Ja, wenn man damit die Welt ändert, findet Erdbär.

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STEFAN BRANDT

„ICH SUCHE NACH KOMPROMISSLOSER QUALITÄT“ Als Gründer der eigenen gleichnamigen Kollektion folgt der studierte Physiker Stefan Brandt einem besonderen Ansatz in punkto Nachhaltigkeit. Und der widerspricht den herkömmlichen Regeln in der Baumwollerzeugung. Interview: Nicoletta Schaper. Fotos: Stefan Brandt

Wie kann Baumwolle Teil einer nachhaltigen Modeindustrie sein? Indem sie organisch bewirtschaftet wird, hat Baumwolle unbedingt die Chance auf Nachhaltigkeit. Wir verwenden hochwertige Pima-Baumwolle und arbeiten intensiv an einem revolutionären System, das die massive Bewässerung der Baumwolle drastisch reduziert. Dabei wird die Baumwolle lediglich die ersten 45 Tage bewässert, bis die Kapsel aufgeht. Und zwar so, dass nur so viel Wasser wie unbedingt nötig eingesetzt wird, was sich mit Wassersonden und dem Prüfen von Bodenfeuchte und Außenfeuchte sowie Wetter-Apps weitgehend steuern lässt. Ist die Kapsel aufgegangen, ist keine Bewässerung mehr nötig. Bei Pima-Baumwolle kommt hinzu, dass sie eine eigene Abwehr entwickelt, die Düngemittel und Pestizide unnötig macht. Eine wunderbare Pflanze, die übrigens vor 5.000 Jahren erstmals nicht in Peru, sondern in Ecuador kultiviert wurde, wo sie auch heute perfekte klimatische Bedingungen vorfindet. Deshalb arbeiten wir daran, dass unsere Pima-Baumwolle wieder hier in Ecuador angesiedelt wird. Damit Baumwolle Teil einer insgesamt nachhaltigen Modeindustrie sein kann, bedarf es der Initiative der Unternehmer mit in Stein gemeißelten Grundwerten und konsequenter Kontrolle. In der folgenden Lieferkette sind leidenschaftliche Partner wichtig, welche die gleichen Werte verinnerlicht haben. In mehr als zwei Jahrzehnten haben wir eine vertikale Struktur mit Partnern aufgebaut, die unsere Leidenschaft teilen. Inwieweit geht Ihre Marke noch einem nachhaltigen Anspruch nach? Unabhängig von der Einhaltung der bekannten Fair-Trade-Vereinbarungen sind für mich Veranstaltungen mit den Mitarbeitern Kern sozialer Nachhaltigkeit. Dazu kommt die tägliche Morgengymnastik aller Mitarbeiter, gemeinsame Kaffeepausen oder das ernährungsbewusste gemeinsame Mittagessen im firmeneigenen Restaurant, aber auch ausreichendes Licht an einem ergonomisch angepassten Arbeits-

Als Unter­ nehmer agiert Stefan Brandt intuitiv, wissenschaftlich und leidenschaftlich.

Für die Kollektion werden nachhaltige Rohstoffe höchster Güteklasse gesourct, um besondere Jerseyprodukte zu entwickeln.

platz. Die Sensibilisierung eines achtsamen Umgangs mit Empathie und Respekt für andere sind mir ein persönliches Anliegen. All das trägt dazu bei, dass die Firma ihr Potenzial auch voll ausschöpfen kann. Ich möchte Produkte für Menschen fertigen, die den wahren Luxus in handwerklichen Höchstleistungen erkennen und die kompromisslose Qualität suchen. Menschen, die daran interessiert sind, wie diese Produkte hergestellt werden, und die die Arbeiterinnen und Arbeiter hinter dem Produkt sehen. Ich bin dazu Wege gegangen, die als absurd und als nicht umsetzbar galten, aber schlussendlich die Entwicklung von Jerseyqualitäten der Superlative ermöglichen. Dafür lohnt sich jede Anstrengung. style in progress

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(K)EINE NACH­HALTIGE MASCHE

Während sich die einen fragen, ob man Wolle eigentlich noch tragen darf, stellen die anderen die langen Transportwege von Edelfasern wie Cashmere in Frage. Nachhaltigkeit im Strick ist ein besonders komplexes Thema, insbesondere, da sich zu den herkömmlichen Fragestellungen der Sozial- und Umweltverträglichkeit auch noch das Tierwohl als Faktor gesellt. style in progress hat sich bei verschiedenen Playern erkundigt. Text: Stefanie Buchacher, Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka, Nicoletta Schaper. Fotos: Hersteller

Essenziell für die Marke Warm Me: Gemeinsam mit den nepalesischen Produzenten Verbesserungen anschieben. Brand Director Theresa Steinbacher: „Oft sind unsere Ambitionen wie zum Beispiel eine plastikfreie Verpackung meilenweit von den drängenden Problemen unserer Partner in Nepal entfernt. Dort geht es noch um viel konkretere, existenzsichernde Maßnahmen, da wirken unsere Themen oft wie Luxusprobleme.“

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„LUXUS ZUM BILLIGPREIS IST DAS PROBLEM“ Die Tier- und Umweltschützer haben nach den Pelzlieferanten jetzt die Cashmere-Stricker im Visier. Zu Recht? Theresa Steinbacher, Brand Director Warm Me: „Nein. Wenn Cashmere richtig produziert wird, ist es mit Sicherheit eines der nachhaltigsten Garne, das man bieten kann. Die Haltung der Cashmere-Ziege ist auf bestimmte Regionen beschränkt, weshalb sie gar nicht in Massen gehalten werden kann. Darüber hinaus kommt sie bei der Garngewinnung normalerweise nicht zu Schaden. Erst die gestiegene Nachfrage und die sinkenden Erlöse für Cashmere haben das geändert: Wenn man Luxus für billig will, läuft zwangsläufig etwas falsch. Ich finde es daher scheinheilig, dass jetzt Fast-Fashion-Ketten mit dem Finger auf Cashmere zeigen und das Garn in Misskredit bringen – denn erst durch den Anspruch, einen Cashmere-Pulli für 39 Euro oder weniger anzubieten, hat diese Produktionsbedingungen hervorgebracht. Ich traue mich zu sagen: Wer einen ordentlichen Preis für seine Rohware bezahlt, bekommt auch gutes Cashmere. Nachhaltigkeit heißt für uns, direkt mit den Produzenten zu arbeiten, um sicherzustellen, dass alle Prozesse in der Kette korrekt ablaufen. Dafür bin ich bis zu dreimal jährlich vor Ort und außerdem täglich mit unseren Produzenten in Kontakt. Ein zweiter, sehr essenzieller Punkt: Jedes produzierte Teil sollte keinen Überschuss darstellen, denn das Hauptproblem unserer Branche ist die zu viel produzierte Ware – egal ob im Luxusbereich oder in der Fast Fashion.“

„LANGLEBIGKEIT IST NACHHALTIGKEIT“ Malo gibt sich demütig, will lieber mit langlebigen Produkten als mit grünen Ankündigungen glänzen. Die Marke soll von einem neuen Inhaber- und Managementteam rund um Luigino Belloni zu neuer Stärke geführt werden.

Was tut Malo für die Umwelt? Luigino Belloni, Sales Director Malo: „Wir bei Malo sind Macher, wir reden über viele Dinge nicht öffentlich – das gilt auch für die Nachhaltigkeit. Wir bemühen uns intensiv, unseren Fußabdruck zu verkleinern. Wir installieren zum Beispiel auf dem Dach unserer Produktion in der Nähe von Florenz eine Solaranlage und optimieren viele Prozesse, um Ressourcen erst gar nicht zu verschwenden. Ich finde allerdings, dass der Konsument Ehrlichkeit verdient: Gewisse Prozesse in der Strickproduktion sind ohne Chemie nicht machbar. Malo steht für brillante, langlebige Farben und die sind nicht möglich, wenn man ausschließlich auf Natur setzt. Also haben wir für die nächste Kollektion ein kleines Programm gestartet, das ungefärbtes Cashmere ins Zentrum stellt – auch das sind wunderschöne Töne von Mandelbraun über Weiß und Grau. Da die Faser nicht gefärbt wird, wird sie auch nicht beschädigt.“ style in progress

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„KURZE WEGE“ Was bedeutet Nachhaltigkeit für dich? Anja Grabherr, Creative Director Phil Petter: „Nachhaltigkeit bedeutet für mich zum einen, in der Region zu fertigen, also vorwiegend in Österreich, wo die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung stimmen. Zum anderen, dass wir auf hochwertige Qualität setzen, denn nur dann ist ein Produkt langlebig, nachhaltig und so auch zukunftsfähig. Deshalb arbeiten wir ausschließlich mit in Mitteleuropa produzierten Garnen und mit seriösen Betrieben, von denen wir wissen, dass die Merinowolle aus Italien kommt. Es passt für mich nicht zusammen, in Österreich einen Pullover zu stricken, dessen Garn erst einen langen Weg aus China zurückgelegt hat. Darüber hinaus ist unsere Merinowolle mit dem RWS, Responsible Wool Standard, ausgezeichnet.“ Merinowolle ist aufgrund der MulesingProzedur in die Kritik geraten. „Mulesingfreie Wolle ist ein Thema, mit dem wir uns intensiv beschäftigen. Leider ist diese Wolle teurer und in weniger Farben schnell verfügbar. Das muss sich verbessern, denn sonst wäre der Einsatz für uns nicht wirklich nachhaltig.“

Bei Phil Petter wird noch in Österreich produziert. „Wir kennen jeden Rohware­ lieferanten persönlich und stehen in regem Austausch“, so Anja GrabherrPetter.

„MAN KANN CASHMERE 30 UND MEHR JAHRE TRAGEN“

„Buttertea sieht sich nicht als Fashionmarke, sondern steht für einen nachhaltigen, sportiven Stil, an dem die Kunden möglichst lange Freude haben“, sagt HansBernd Cartsburg über seine Marke. Sie ist nach dem typischen Buttertee, wie man ihn aus der Mongolei kennt, benannt.

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Warum sind bei jedem Buttertea Cashmere-Produkt zwei Aufenthalte im Buttertea Cashmere Spa inklusive? Hans-Bernd Cartsburg, Inhaber Buttertea: „Wenige Menschen wissen, dass es Kleidungsstücke gibt, die auch 30 Jahre oder länger halten, wenn sie richtig gepflegt werden. Es gibt Lieblingsteile, die langlebig und zeitlos sind und mit dem Alter immer schöner werden und die auch bei der nächsten oder übernächsten Generation Begehrlichkeit wecken. Das ist wahre Nachhaltigkeit. Solche Produkte liegen dem Team von Buttertea am Herzen und deswegen haben wir uns des Themas Cashmere angenommen. Wo leben die Ziegen, welche Einflüsse entscheiden über die Qualität der Fasern, welche Spinnerei verarbeitet die Fasern zu den besten Garnen und wo wird das Stricken noch als Handwerk zelebriert? Die Marke Buttertea ist unsere Antwort – übrigens benannt nach dem Nationalgetränk der Mongolei. Doch mit dem Verkauf des Produkts hört es nicht auf. Deswegen unterstützen wir unsere Kunden auch bei der Pflege der hochwertigen Produkte. Entweder im Buttertea-Spa, wo jedes Teil mit viel Liebe von professioneller Hand wieder aufbereitet wird, oder mit dem eigenen ökologischen Shampoo, das durch seine Inhaltsstoffe auch gleich die Motten von dem guten Stück abhält. Die beiden ersten Aufenthalte im Spa sind übrigens im Preis inbegriffen.“


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„BILLIG- UND ÜBERPRODUKTION SIND DER FLUCH UNSERER ZEIT“ Was sind die wichtigsten Anknüpfungspunkte, um Strick nachhaltig zu machen? Das vergleichsweise einfache Recycling? Antonia Zander, Gründerin Antonia Zander: „Einfach zu recyceln ist Strick leider nicht: Wenn man hochwertig arbeiten möchte, ist recyceltes Garn schwierig – bei guter Qualität geht es immer um Feinheit und Faserlänge, die bei recycelten Materialien nicht mehr gegeben sind – außerdem hat man keinerlei Nachweis über die Herkunft. Bei tierischen Fasern etwa, aus welcher Haltung die Schafe, Ziegen etc. stammen und bei pflanzlichen Materialien, ob diese mit Pestiziden behandelt und in Monokultur angebaut wurden ... Trotzdem ist Recyceln eine wichtige Entwicklung und gerade die vertikalen Ketten sollten ihren Kunden ermöglichen, Kleidung zurückzubringen, um das Bewusstsein zu erhöhen, dass es sich immer um einen Rohstoff handelt, der nicht ohne CO2-Emissionen hergestellt werden konnte. Meiner Meinung nach kann echte Nachhaltigkeit nur erreicht werden, wenn Kleidung bewusst hergestellt wird: Dazu gehört immer eine transparente Herkunft, die einen respektvollen Umgang mit Natur und Tier gewährleistet, sowie bestes Handwerk, das für lange Haltbar- und Tragbarkeit sorgt. Pullover für 19,90, die keine Emotion beim Käufer auslösen, werden nach einer Saison auf den Müll geworfen. Billig- und Überproduktion sind der Fluch unserer Zeit.“ Mindestens zweimal im Jahr Neues, am „Alten“ prangen Rotpreise und dicke Prozente: Kann im aktuellen Handelsmodell echte Nachhaltigkeit eigentlich durchgesetzt werden? „Der Handel reagiert panisch auf das Onlinegeschäft und hat den Menschen aus den Augen verloren: Kunden, die nicht nur einen Sweater kaufen wollen, sondern ein Gefühl. Als ich meine Mutter als Kind das erste Mal in Luxusläden begleiten durfte, wurde sie empfangen wie eine Königin, mit Namen begrüßt, ein Glas Champagner wurde gebracht (auch für mich als 12-Jährige), man hatte schon das Armani-Kostüm zurückgelegt, von dem man wusste, dass es genau ihr Stil und ihre Größe ist – da hat niemand auf den Sale gewartet. Da war es schlechter Stil, diesen Service für 70 Prozent Nachlass

Antonia Zander hat mit ihrer gleichnamigen Linie zwei Dinge zum Prinzip gemacht: eklektischen Stil und allerbeste, nachhaltige Qualität. Im Gespräch mit style in progress findet die Designerin deutliche Worte in Richtung Politik und Handel.

zu verlangen. Das Armani-Kostüm hat übrigens heute noch – 20 Jahre später – seine Berechtigung und hat nichts an Aktualität verloren. Das ist Nachhaltigkeit! Wenn Einzelhändler aufhören würden, auf jeden Hype aufzuspringen, den dann alle identisch im Laden haben, und man keine individuelle Einkäuferhandschrift mehr erkennt, dann müssen sie auch nicht mehr säuerlich den Rotstift zücken, weil der Nachbar den gleichen Off-White-Stiefel schon um 70 Prozent reduziert hat. Es gibt so viele (kleine) Labels, die es wert wären, gesehen zu werden, und die schon längst Nachhaltigkeit in ihrer DNA haben, ohne es laut rauszubrüllen – darauf sollten Buyer achten: Einzigartigkeit, nicht 08/15!“ Immer mehr Konsumenten drücken die Stopp-Taste: So ist es unter umweltbewussten Jugendlichen fast obszön, sich etwas Neues zu kaufen. Aber Verweigerung kann ja nicht das Ziel sein, zumindest wenn man Freude an Mode hat. Was ist Ihr Rezept? „Statt zehn T-Shirts für 9,99 das eine richtige für 99 Euro kaufen – transparent und verantwortungsvoll produziert – und lange Freude daran haben. Ich finde Verweigerung gut. Die Politik und der Handel sind skrupellos und achten nicht auf die Bedürfnisse der Bürger und Kunden: Glyphosat ist ein Beispiel. Wie kann man weiter erlauben, dass ein so giftiges Mittel auf unsere Felder gesprüht wird! In der Textilindustrie ist es genauso, wenn nicht noch schlimmer: Chemikalien und Herstellungsverfahren werden weiter angewendet, die für tödliche Krankheiten und schlimmste Umweltverschmutzungen verantwortlich sind, und werden von den Verantwortlichen weltweit aus reiner Profitgier geduldet. Wir Endverbraucher sind dafür verantwortlich, dass sich etwas ändert, und dürfen nicht mehr den Mund halten.“ style in progress

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„WIR ACHTEN AUF DAS TIERWOHL“ Wie stellt man sicher, dass ein Cashmere-Pulli sauber produziert ist? Joanna Kapitza, Corinne Samson, Another Brand: „Als wir Another Brand 2017 gründeten, war für uns klar, dass wir nur Materialien einsetzen möchten, die unter fairen Bedingungen produziert wurden. Cashmere wird aus der weichen Unterwolle der Cashmere-Ziegen gewonnen, wobei es bei der maschinellen Schur oft zu Verletzungen der Tiere kommt. Unsere Pullover und Accessoires werden in der Inneren Mongolei gefertigt. Hierfür wird ausschließlich Cashmere verwendet, das während des natürlichen Fellwechsels der Tiere von Hand ausgekämmt wird. Gestrickt werden die Kollektionsteile mit Handstrickmaschinen, nicht unter Akkord, während unsere Wordings und Details von Hand aufgestickt werden. Hierfür arbeiten wir mit einer italienischen Importeurin zusammen, die uns eine schmerzfreie Gewinnung der Wolle und faire Produktion bestätigt und hierfür die Betriebe mehrmals im Jahr besucht.“

Another Brand steht von Anfang an für fairen Cashmere – das sichert dem 2017 gegründeten Label einen Startvorteil gegenüber Playern, die jetzt erst umstellen müssen.

Gestrickt wird nur auf Bestellung in Italien und Österreich. So sichert Knitted Love, dass der Wert seiner Strickunikate lange erhalten bleibt. Bei der Rohstoffauswahl prüft Inhaberin Orsola Bertini Curri intensiv, die Cashmere-Garne sind recycelt.

„ZERTIFIKATE SIND WICHTIG“ Wie geht nachhaltiger Strick? Orsola Bertini Curri, Knitted Love: „Knitted Love ist ein Slow-Fashion-­Projekt mit handgestrickten Fashionpieces und Accossories. Hierfür werden nur zertifizierte, in Italien hergestellte Garne eingesetzt, denn Tierschutz ist ein sehr wichtiger Aspekt. Beispielsweise ist die eingesetzte Merinowolle 100 Prozent Mulesing-frei, organisch und mit so wenig wie möglich Chemikalien gefärbt. Eingesetztes Cashmere ist recycelt. Die Qualität der Garne, ihre Herkunft und ihre grünen Zertifikate spielen für mich eine wichtige Rolle beim Auswahl- und Sourcing-Prozess. Abgesehen davon werden die Garne von Strickerinnen in Italien und Österreich verarbeitet. Die Strickerinnen werden fair bezahlt und es gibt keine Überproduktionen, da auf Bestellung gestrickt wird.“ 098

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„DIE LÖSUNG LAUTET ÖKO-CASHMERE“ Majestic Filatures hat sich dem „verantwortungsvollen Luxus“ verschrieben. Was genau verstehen Sie darunter? Christophe Bosc, Exportmanager: „Dazu muss ich vorausschicken, dass bei Majestic Filatures die Nachhaltigkeit seit der Gründung 1989 eine große Rolle spielt. Bei uns stehen Mensch und Planet im Fokus – eine Philosophie, die wir über die Jahre stetig perfektionieren konnten. Diese Saison bieten wir eine besonders nachhaltige Linie an, die – nomen est omen – ihre Funktion bereits im Namen trägt: Eco-Cashmere. Das Rohmaterial dafür stammt aus den USA. Die Vintage-Pullover werden im Anschluss in speziellen Werkstätten in Italien sortiert, geschnitten und weiter verarbeitet. Den auf diese Weise gewonnenen Fäden wird beste Merinowolle beigemengt. Das Besondere an der Eco-Cashmere-Kollektion ist ihre hohe Qualität: Genau wie das ursprüngliche Cashmere besitzt auch die recyclte Variante einen weichen Griff, softe Strukturen und ist sehr widerstandsfähig. Argumente, die überzeugen – auch Cindy Bruna. Das französische Model ist das Gesicht unserer Eco-Cashmere-Linie.“

Die Garne für die Eco-Cashmere-Pullover von Majestic Filatures werden aus recyceltem Cashmere in Italien gewonnen. Das Unternehmen baut dafür auf die Erfahrung aus 30 Jahren Nachhaltigkeit.

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„DIE KRITERIEN DER SIEGEL ZIELEN OFT AUF DIE FALSCHEN FRAGEN AB“ Nina Lorenzen, Vreni Jäckle und Jana Braumüller stehen für Fashionchangers.de. Ihre Mission ist leicht erklärt: Die Missstände in der Modebranche aufzuzeigen und den Weg in Richtung Nachhaltigkeit zu weisen. Dass dieser Weg kein leichter ist, zeigt die Diskussion rund um den Grünen Knopf. style in progress im Gespräch mit den Aktivistinnen. Text: Kay Alexander Plonka. Foto: Emilie Elizabeth

Mit dem Grünen Knopf hat der deutsche Bundesentwicklungsministers Gerd Müller ein staatliches Siegel für Kleidung eingeführt. Wird das für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Umweltschutz und faire Löhne sorgen? Ob ein Siegel generell für all diese Dinge sorgt, ist fraglich. Denn letztendlich bringt nicht das Siegel die Verbesserungen in der Wertschöpfungskette, sondern Unternehmer, die gewillt sind, die dafür notwendigen Schritte zu gehen. Solange Siegel auf freiwilliger Basis vergeben werden, werden Unternehmen, die Menschenrechtsverletzungen und die Missachtung ökologischer Standards in Kauf nehmen und ihre Praktiken nicht ändern. In der Wirtschaft geht es letztendlich immer um den Gewinn. Diesen freiwillig zu schmälern, weil man die Menschen z. B. fair bezahlt, ist für viele keine Option. Obwohl der Grüne Knopf sowohl das Produkt als auch das Unternehmen auditieren möchte, bleibt abzuwarten, ob die 20 Kriterien, die ein Unternehmen erfüllen muss, überhaupt auf die richtigen Fragen abzielen. Die Einhaltung existenzsichernder Löhne ist zum Beispiel aktuell keines dieser Kriterien, wäre aber grundlegend wichtig, um eine ethisch faire Produktion von Kleidung gewährleisten zu können. Wir rechnen eher damit, dass konventionelle Unternehmen weiter additive Produkte und Linien einführen werden, die alleinstehend den Grünen Knopf erhalten können, um damit ihr Image grüner zu machen. Es wird also vermutlich mehr PR-Maßnahmen in diese Richtung geben, als wirkliche Veränderung. Werden für den Grünen Knopf Lieferketten vor Ort geprüft oder erfolgt die Zertifizierung nur anhand der vorgelegten CSR-Reports auf dem Papier? 100

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Die Fashionchangers Nina Lorenzen, Vreni Jäckle und Jana Braumüller machen faire Mode medial sichtbarer und verbinden kritische Auseinandersetzung mit dem Spaß an der Mode.

Ein Produkt muss 26 soziale und ökologische Mindeststandards einhalten. Die Erfüllung der Produktkriterien wird allerdings nur über vorhandene und anerkannte Siegel nachgewiesen. Das heißt, für die Vergabe des Grünen Knopfes ist es nicht notwendig, eine Prüfung vor Ort vorzunehmen. Welche Siegel ausreichend sind, um den Grünen Knopf zu erhalten, ist uns bislang leider nicht bekannt. Der Grüne Knopf deckt momentan außerdem nur die Produktionsschritte Zuschneiden, Nähen, Bleichen und Färben ab. Das heißt, das Siegel gibt keine Auskunft darüber, wo das Ausgangsmaterial für das Kleidungsstück herkommt, unter welchen Bedingungen es entstanden ist und wie der Transport ins Verkaufsland vonstatten geht. Welche Siegel machen für den Verbraucher international anerkannte Umwelt- und Sozialstandards zuverlässig sichtbar? Der Siegel-Dschungel ist tatsächlich eher ein leidiges Thema, da es mittlerweile relativ viele gibt, die alle recht unterschiedlich hohe (oder eben niedrige) Standards haben. Wichtig ist es, darauf zu achten, dass die verwendeten Siegel aus unabhängigen Quellen stammen und keinen unternehmenseigenen Auditierungen entsprechen.


SO LÄUFT’S

S u s ta i n + A b i l i t y – Ta k i n g C a r e

WER LEITET AN?

Ein Dschungel von Zertifikaten, jedes mit anderen Kriterien. Wie begegnet der Handel dem Informationsbedürfnis der Konsumenten? Text: Stefanie Buchacher. Fotos: Gesprächspartner

WIR KLÄREN AUF

ES FEHLT DIE VERGLEICH­ BARKEIT

Alexander Laskowski-Köninger, Inhaber Fairgissmeinnicht „Wir haben unsere erste Filiale vor drei Jahren in Murnau und die zweite Filiale letztes Jahr in Garmisch-Partenkirchen eröffnet – weil es uns als Einzelhändler wichtig und unsere Verantwortung ist, dazu beizutragen, dass die Textilbranche nachhaltiger wird. Bei der Wahl unserer Marken und Produzenten legen wir extremen Wert auf Zertifikate. Die wichtigsten und umfangreichsten sind von der Fair Wear Foundation, Fair Trade und GOTS – wobei letzteres mittlerweile das Nonplusultra in der Branche ist. Die einzige Problematik: Jede Marke kann mit unterschiedlichen Zertifikaten arbeiten, die nicht immer die gleichen Standards abdecken, und so fehlt teilweise die Vergleichbarkeit. Deswegen sehe ich die Inhaber in der Verantwortung, ihr Sortiment bewusst auszusuchen, um damit ein Zeichen für die Kunden und innerhalb der Branche zu setzen.“

Marc Ramelow, Geschäftsführer Ramelow „Unsere Erfahrung zeigt, dass Zertifikate für unsere Kunden nicht so wichtig sind. Sie kennen oft nicht die Unterschiede und das macht diese Kennzeichnung eher irritierend. Es gibt halt kein Bio bei Fashion. Die Nachfragen unserer Kunden beziehen sich auf die Nachhaltigkeit der Produkte. Dies ist eher undifferenziert, es kommen Äußerungen wie: ,Soll nicht schädlich sein‘ oder: ,Fair produziert‘. Vor zwei Jahren kamen vermehrt Nachfragen von unseren Verkaufsberatern zum Thema Nachhaltigkeit, da sie immer öfter von Kunden darauf angesprochen wurden. Daher haben wir im vergangenen Jahr eine breite Umfrage bei unseren Mainstream-Lieferanten gestartet. Über 100 Lieferanten wurden mit einem Fragebogen gebeten, uns Detailinfos zu geben. Das Thema schlug ein wie eine Bombe – am Ende hatten wir von 80 Prozent der Partner sehr qualifizierte Feedbacks. Daraus entwickeln wir seit einigen Monaten eigene Trainingsvideos im E-Learning-Format. Wir nutzen unser Social Intranet, auf das alle Mitarbeiter per Smartphone zugreifen können. Es ist jedoch eine große Aufgabe, die komplexen CSR-Themen informativ und unterhaltsam in ein zweiminütiges Video zu bringen. Die geplanten nächsten Schritte sind weitere Videos in Kooperation mit ausgewählten Markenpartnern rund um Nachhaltigkeit und vor Weihnachten die ersten Kundengruppen anzusprechen, wobei wir mit interessierten Kunden live über Nachhaltigkeit sprechen wollen. Dies wird das Thema weiter konkretisieren, da wir mit diesen Feedbacks konkret auf Marken zugehen können, was Kunden wirklich interessiert. Und 2020 soll dann ein Werkstudent in einer Weltreise Produktionsstätten besuchen und per Live-Blog seine Erfahrungen mit unseren Kunden teilen. Damit wollen wir die Vorurteile zur Textilproduktion durch authentische Berichte vor Ort relativieren.“

WIR HABEN UNSER EIGENES LABEL

Florian Linder, Online Marketing & Events Sport Conrad „Als Outdoor- und Skihändler, der von Bergen, Natur und Schnee abhängig ist, setzen wir uns aktiv mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander und haben unser Label ‚Wir denken um‘ initiiert. Es ist unsere Maßgabe, interne wie externe Prozesse zu verbessern – beispielsweise unsere Foto- und Katalogproduktionen, ökologischere Verpackungen, unser Sortiment bis hin zu Highlight-Flächen in unseren Filialen, um auch unsere Kundinnen und Kunden zu informieren, dass es nachhaltige Alternativen gibt. Unser Einkauf achtet in erster Linie auf innovative Produkte, die auch unseren Nachhaltigkeitsaspekten entsprechen. Zertifikate sind bei der Einordnung und Orientierung sehr wichtig, wie Blue Sign oder das Siegel der Fair Wear Foundation. Hinzu kommen händlereigene Auszeichnungen, wie das Ortovox Woolpromise oder Vaude Green Shape. Solche Firmen möchten wir unterstützen und stärker integrieren. Das ist, was wir als Händler machen können.“

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SO LÄUFT’S

Butterweicher Griff, erstklassige Passform – diese Kernwerte der Männerkollektion überträgt The Nim gekonnt auf seine neue Damenlinie.

THE NIM STANDARD

FEMALE FUTURE

Hohe Qualität, langlebige Styles: Die italienische Jeanskollek­ tion The Nim macht Jeans, die zu Recht zu Lieblingsstücken werden. Was Claudio Parolini mit seiner Männerkollektion unter Beweis gestellt hat, wiederholt er jetzt mit einer Damen­ linie. Text: Kay Alexander Plonka. Fotos: The Nim

Bei The Nim läuft’s richtig gut. Das Angebot der Kollektion und die internationale Distribution wachsen zügig. Besonders gut entwickelt sich die Frauenkollektion. „Nach der kleinen Capsule-Kollektion für Sommer 2019, mit der wir getestet haben, wie Händler und Kundinnen auf unsere Interpretation von Womens Jeans reagieren, haben wir für Herbst/Winter 2019 eine vollständige Kollektion entwickelt, die nun bei ausgewählten Händlern erhältlich ist“, erklärt Inhaber Claudio Parolini. Alle Hosen sind in unterschiedlichen Waschungen mit authentischen Abnutzungen oder Auswaschungen mit butterweichem Griff erhältlich. Die vier besten Schnitte sind knöchellange Flawless Skinny, Superstretch Crop Bootcut aus Full Recovery Denim, angesagte schmale Boy Cuts und High Waist Mom Fit Jeans. Die Frauenkollektion folgt der gleichen Ausrichtung wie die Männerkollektion: Schlichtheit und Qualität. 102

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DAS MAXIMUM GEBEN

„Wir setzen auf Topmaterialien, die wir von den besten europäischen Denimwebereien wie Candiani, Berto, Isko oder Tavex beziehen, dann in die angesagtesten Schnitte übertragen und aufwändig und mit größter Sorgfalt von Hand im Denim-Cluster des Veneto mit viel Fingerspitzengefühl herstellen lassen. Wir grenzen unsere Looks ganz bewusst von Massenjeans ab“, sagt Parolini. Neben den Bestsellermodellen Dylan und Morrison aus der Männerkollektion laufen auch die Non-Denims. Mehrere Chinos stehen zur Auswahl und in diesem Herbst ist French-Kord ein großes Thema, wie gewohnt in den typischen Farb-Fadings. Auch in Sachen Nachhaltigkeit tut sich einiges bei The Nim. „Wir arbeiten für die nächsten Kollektionen an umweltfreundlichen Angeboten, sind aber noch im Entwicklungsprozess. Es gibt zwar schon ein paar umweltfreundliche Teile in der Kollektion, das ist aber noch nicht der Rede wert.“ In Deutschland und Österreich wird The Nim von Komet und Helden vertrieben, in der Schweiz von der Agentur Eins Zwei Zwei Eins.


SO LÄUFT’S

„Unsere Händler sollen profitabel mit uns arbeiten können.“ Wolfgang Lohe, geschäftsführender Gesellschafter Better Rich

Aus dem liebevoll gestalteten Produkt Better Rich soll eine sichtbare Marke werden.

BETTER RICH

„WIR WOLLEN NICHTS MEHR DEM ZUFALL ÜBERLASSEN“

Neuer Mann an Bord: Mit Wolfgang Lohe, ehemals Gant Wholesale Director D-A-CH, hat Better Rich Gründer Helmfried Strupat einen Partner als 50-Prozent-Teilhaber für Better Rich gewonnen – mit dem Ziel, Better Rich als Marke sichtbar zu machen. Wie, erläutert Wolfgang Lohe im style in progress Interview. Interview: Nicoletta Schaper. Fotos: Better Rich

Wolfgang, du hast gesagt, Better Rich sei wie ein Ferrari ohne Fahrer. Das musst du näher erklären. Für mich hat Better Rich ein ungeheures Potenzial. Es gibt so viele Tools, die aber noch nicht optimal genutzt werden. So ist die Logistik auf die dreifache Menge ausgelegt oder wir können mit dem eigenen Fotostudio ganz individuelle Kundenkampagnen realisieren. Außerdem haben wir direkten Zugriff auf die Produktion, wodurch wir im Minimum 30 bis 40 Teile produzieren und innerhalb von drei Wochen nachliefern können. Was alle Kunden wollen – wir haben es. Worin liegt für dich der größte Reiz? Dass ich mitgestalten kann. Ich bin begeistert, eine eigene Marke zu haben, bei der ich meine Ideen umsetzen und im Vertrieb viel bewegen kann. Noch dazu wo Better Rich ein so liebevoll gestaltetes Produkt ist und ich hier ein tolles Team vorgefunden habe, das hochmotiviert ist, Better Rich nach vorn zu bringen. Für mich ist Better Rich eine Produktmarke, die ich als tatsächliche Marke sichtbar machen will.

Wodurch? Zunächst einmal wollen wir den Vertrieb professionalisieren, indem wir enger mit den Agenten zusammenarbeiten. Es reicht nicht, die Kollektion einfach zu übergeben, sondern wir wollen sehen, was gut ankommt und wo wir nachsteuern können. Wir planen, in den kommenden drei Jahren bis zu 200 Shop-in-Shops mit größeren Handelspartnern im D-A-CH-Markt und in Benelux zu installieren. Mir sind gelebte Partnerschaften lieber als eigene Läden, denn keiner kann Handel so gut wie die Händler. Dann geht es auch um gezielteres Renner-Penner-Management und die richtige Ware zur richtigen Zeit, was keine Floskel sein soll. Unsere jetzt 350 Handelspartner sollen profitabel mit uns arbeiten können. Und es sollen deutlich mehr werden. Viel Potenzial liegt noch in der Menswear, aktuell ist Better Rich zu 90 Prozent auf Womenswear fokussiert. Dafür werden wir den Vertrieb der Menswear ins Haus holen und das Team verstärken. Was ändert sich in den Kollektionen? Bei den Damen werden Blusen und Strick ausgebaut, neu hinzu kommt Outdoor, ebenso wie bei den Herren. Außerdem wollen wir den Preisaufbau strategisch gestalten und eine Einstiegspreislage etablieren, ohne auf Qualität zu verzichten. T-Shirts sollen mit 39 Euro VK starten, Strick bei 99 Euro und Jacken ab 179 Euro. So können wir auch Lokalmatadore wie Hagemeyer, CJ Schmidt oder Garhammer ansprechen, was die LUGs ebenso wie die Sichtbarkeit im Markt erhöhen wird. Wir wollen nichts mehr dem Zufall überlassen, das ist mir das Wichtigste. Meine Vision: Better Rich in den nächsten drei Jahren zur begehrlichen Marke zu machen. Und dass Ferrari wieder Weltmeister wird. style in progress

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FINDEN WIR GUT VIELSEITIGKEIT NEU INTER­ PRETIERT: HOCHWERTIGE MODE, DIE KEINE SAISONABHÄNGIGKEIT KENNT, GARDEROBE UND ACCESSOIRES, WIE GEMACHT FÜR EINE KONSUMENTIN DER NEUEN GENERATION.

Yellow Border

National Geographic. Kein anderes Magazin atmet so viel Abenteuergeist wie National Geographic. Mit einer urbanen Menswearkollektion wir die Marke National Geographic jetzt auch tragbar: CoreM, Teil der Omnibrand Group, ist Lizenznehmer und Produzent der Linie, die sich im VK zwischen 29 Euro für Shirts und 599 Euro für Jacken bewegt und seit Herbst 2019 bei ausgewählten Handelspartnern wie Breuninger oder Zalando erhältlich ist. „National Geographic ist ein unglaublicher Geschichtenerzähler mit reichhaltigem und inspirierendem Inhalt. Die Marke bringt so viel mit: Großartiges Storytelling und den Wunsch, die Welt zu erforschen und zu verbessern“, so Patrick Andrist von CoreM Ltd/Omnibrand Group. Selbstverständlich, dass Nachhaltigkeit dann zum Prinzip gehört: Recycelte Daune oder Polyester aus PET-Flaschen sind Fixstarter in der Kollektion. www.omnibrandgroup.com

Fairness als Mission Wechselspiel

Marivie. Wohlfühlkleider, feminin und doch unkompliziert – das ist Marivie. 2018 beschlossen die Gründerinnen, ihr Knowhow im Modedesign und internationalem Management zu bündeln und mit Marivie durchzustarten. Die eleganten Kleider und Röcke mit wechselnden Prints und Schnitten sind aus Viskose gefertigt und werden in Italien produziert. Augenmerk liegt auf der farblichen Vielfalt. Egal ob kurzes Strandkleid oder unkomplizierte Abendgarderobe, die Mode von Marivie ist vielseitig kombinierbar und bietet eine easy Kollektion als Prontoprogramm. Das minimiert das Vororderrisiko für den Einkäufer. Die Kalkulation beträgt 3,0. Mit den vier Kollektionen jährlich präsentiert das Label eine Vielfalt von Schnitten und Prints, die nach Wunsch auch individuell realisiert werden können. Der Vertrieb in der D-A-CH-Region läuft über Room von Berlin. Room von Berlin, Nürnberg/Deutschland, T 0049.911.21108000, michaela@roomvonberlin.de, www.marivie.com 104

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Stoffbruch. Zertifizierte Biobaumwolle, Tencel und Leinen bilden die Grundlage von Stoffbruch, dem 2010 gegründeten Label von Moritz Biel und André Hofmann. „Die Namensgebung spiegelt unsere Verbundenheit zu handgefertigten Entwürfen, dem dazugehörigen Know-how und der Liebe zur Arbeit mit hochwertigen Stoffen wider“, so Moritz Biel. Den nachhaltigen Leitfaden haben beide auch nicht verloren, als sie nach und nach die Fertigung an Betriebe in Polen und Litauen übergeben haben. „Wir haben von Anfang an Wert darauf gelegt, fair zu produzieren. Dank kurzer Wege und direktem Kontakt zu unseren Lieferanten und Produktionsstätten bleibt unsere Lieferkette transparent.“ Preisbeispiel: Ein Kleid kostet 29 Euro im EK bei einer 2,7er-Kalkulation, ein Top 20 Euro mit einer 2,6er-Kalkulation. Zu den rund 100 Kunden zählen der eigene Store in Berlin-Friedrichshain, Green Guerillas, Zeitzeichen, Monkey Garage in Madrid und Brand Mission in Amsterdam. Stoffbruch Fair Fashion GmbH, Berlin/Deutschland, T 0049.30.24647949, info@stoffbruch.com, www.stoffbruch.com


FINDEN WIR GUT

Altbekannte mit neuem Namen

Denimkult

Agolde. 1989 gegründet, 2014 neu aufgelegt. Agolde lässt den Jeansstyle der 1990er-Jahre neu auferstehen, ohne stehengeblieben zu sein. Die Contemporary Premiumkollektion umfasst High Waist Jeans, farbigen Denim, Röcke und Shorts, die mit femininen Bodys ergänzt werden. Die Denimexpertise ist spürund sichtbar, zumal Agolde aus demselben Unternehmen wie Citizens of Humanity stammt. Die Liste der Celebritys unter den Agolde-Trägerinnen schmückt sich mit Namen wie Amanda Seyfried, Bella Hadid, Kaia Gerber, Kendall Jenner und Miley Cyrus. Die Liste der Key-Accounts ist nicht minder prominent, darunter Bergdorf Goodman, Bloomingdale’s, Neiman Marcus und Net-aPorter. Die Verkaufspreise liegen um 249 Euro bei einer Kalkulation von 2,6. Citizens of Humanity GmbH, Düsseldorf/ Deutschland, T 0049.211.938859112, mhennes@citizensofhumanity.de, www.agolde.com

Âme Antwerp. Mit der Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2019 starteten Alizée Van Strydonck und Ysaline Grangé in ein neues Abenteuer: Âme. Die beiden waren zuvor bei Essentiel Antwerp tätig, Ysaline Grangé als Marketingmanagerin und Alizée Van Strydonck als Designerin. Mit ihrer neuen, femininen und Alltagsanspruch erfüllenden Frauenkollektion bringen sie ihre Zusammenarbeit auf ein neues Level. Ihre DOB sehen sie im Handel neben Marken wie Ganni, Forte Forte oder Anine Bing präsentiert. Für die Saison Frühjahr/Sommer 2020 konnten sie bereits 40 Multibrandstores in Europa gewinnen. Mit einem durchschnittlichen EK-Preis von rund 20 Euro für ein T-Shirt, 72 Euro für einen Alpaka-Pullover und 240 Euro für einen Mantel, einem umfangreichen NOS-Programm und frühen Lieferterminen im Dezember und Juni möchten sie ihre Partner überzeugen und in den nächsten drei Jahren auf rund 100 Kunden anwachsen. Âme Antwerp, Antwerpen/Belgien, T 0032.47.3394177, hello@ame-antwerp.com, www.ame-antwerp.com

Handwerk und Social Media

Esde. Eine Tasche heißt „die Frau“, eine andere „der Versorger“, weil alles Essenzielle hineinpasst. Wer die Namen mag, lässt sich auch von den Taschen aus vegetabil gegerbtem Leder begeistern, die Luxus neu definieren. Ronny Schröder hat Esde für Männer und Frauen 2015 gegründet und produziert im Atelier in Düsseldorf. Dabei verbindet er handwerkliche Tradition mit zeitgemäßer Social-Media-Strategie. „Wir kreieren allen Content selbst; die Kommunikation mit der Zielgruppe ist für mich alles“, sagt Ronny Schröder. „Ich versuche, mich bei jedem neuen Abonnenten persönlich zu melden. Das ist zeitintensiv, baut aber eine Relationship auf.“ Der Vertrieb erfolgt hauptsächlich über Social Media. Zu den 30 Handelskunden zählen L’Eclaireur in Paris, Tuxedo in Düsseldorf, Layers in London und Eastern Market in Melbourne. Die Tasche „die Frau“ kostet im EK 422 Euro bei einer Kalkulation von 2,5. Esde Bags, Düsseldorf/Deutschland, T 0049.211.15771664932, info@esde-bags.com, www.esde-bags.com style in progress

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FINDEN WIR GUT

WAS IST DEIN BEITRAG? EINE FRAGE, DIE SICH MARKEN GEFALLEN LASSEN MÜSSEN. EINE PRÄSENTABLE ÖKOBILANZ DAS EINE – STYLE DAS ANDERE. DENN GUTES GEWISSEN DARF NICHT SCHLECHT AUSSEHEN.

Unabhängig

Sankt. Die Schwestern Merve und Hande Aksu stehen hinter dem minimalistischen Label Sankt, das 2016 in Istanbul gegründet wurde. Von Anfang an stand Nachhaltigkeit im Fokus der Kollektion. Das beginnt beim Design, für das die Londoner Designerin Louise Amstrup verantwortlich zeichnet. Die gradlinigen, aber detailreichen Entwürfe kennen keine Saison- und Ablaufdaten. Materialien wie das vegane Cupro stehen genauso im Fokus wie lokale Produktion mit kurzen Transportwegen. In der D-A-CH-Region zeichnet Dahhan Operations für den Vertrieb verantwortlich. Die Preise bewegen sich von 80 bis 145 im EK, kalkuliert wird mit 3,0. Es gibt zwei Kollektionen pro Jahr. Sankt, Istanbul/Türkei, T 0090.539.2440142, contact@wearesankt.com, www.wearesankt.com

Bohemian Elegance

Tassel Tales. Vielfältig und lebendig erzählen die Designs ihre eigenen Geschichten: von Landschaften und Märkten Marokkos, von traditioneller Handwerkskunst und den Menschen, die die Kleidungsstücke, Accessoires, Schuhe und Schmuckstücke gefertigt haben. Charakteristisch und als zeitlose Unikate tragbar sind die mit Tasseln verzierten Babouche Slipper und Jeansjacken, für die Vintage-Teppiche verarbeitet werden. Zudem werden sanft gewonnene Rohseide, GOTS-zertifizierte Baumwolle und chromfrei gegerbtes Leder eingesetzt. Die Verkaufspreise starten bei 39 Euro für Yoga-Tops, 69 Euro für Ohrringe über 139 Euro für Schuhe bis zu 260 Euro für Jeansjacken. Tassel Tales wurde 2017 von drei Schwestern gegründet, mit dem Ziel, die Modeindustrie positiv zu verändern. Das Label steht für nachhaltige Ready-to-Wear und Yoga-Wear. Größtenteils werden alle Kollektionsteile von Frauenkollektiven hergestellt, wobei faire Löhne bezahlt werden und jeder Produktionsschritt lückenlos nachvollziehbar ist. Tassel Tales OG, Wien/Österreich, T 0043.650.4514204, hello@tassel-tales.com, www.tassel-tales.com

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Statements setzen

Hey Soho. Soho – bekannt als pulsierende Stadtteile sowohl New Yorks als auch Hongkongs – ist Namensgeber und Inspiration der 2017 gegründete Slow-Fashion-Brand. Hey Soho soll Spaß machen und mit aussagekräftigen Statements ein Lebensgefühl transportieren und das positive Gefühl hinterlassen, fair produzierte Mode in Bioqualität zu tragen. „In unseren Beschaffungs- und Produktionsprozessen legen wir unser Augenmerk auf Transparenz, Nachhaltigkeit und Fair Trade. Das ist für uns besonders wichtig. Wir möchten dazu inspirieren, Mode zu verändern, rauszugehen und für einen guten Zweck einzustehen. Jeder kleine Schritt zählt und jeder kann ihn gehen!“, so Gründerin Elise Seitz. Die aktuelle unisex Kollektion für Männer, Frauen und Kinder umfasst T-Shirts, Sweaters und Hoodies ab VK 49 Euro für T-Shirts und 89 Euro für Sweaters und Hooddies in den Größen XS bis XXL. Hey Soho, Hamburg/Deutschland, info@hey-soho.com, www.hey-soho.com


FINDEN WIR GUT

Zero-Impact Sneaker

Womsh. Bei Womsh – der Name steht als Abkürzung für Word Of Mouth Shoes – kommt einiges zusammen: faire Produktionsbedingungen, vegane und nachhaltig hergestellte Materialien, Recyclingfähigkeit, Engagement für die Umwelt und moderne Streetweardesigns. Das im Jahr 2014 gegründete italienische Label bietet nicht nur fair und umweltfreundlich hergestellte Sneaker, sondern kompensiert auch alle innerhalb des Lebenszyklus entstandenen CO2-Ausstöße durch Aufforstung von Wäldern in Italien oder Südamerika. Jüngst lancierte Womsh eine vegane Linie mit Apfelleder, bestehend aus 50 Prozent Apfelfaser aus Überresten der Lebensmittelproduktion sowie aus 50 Prozent Polyurethan. Abgesehen davon werden recycelte Baumwolle, aus Schlachtabfällen gewonnenes oder Öko-Tex-100-zertifiziertes Leder und Gummi eingesetzt. Der Clou: Ausgetragene Sneaker können an Womsh zurückgeschickt werden, wo sie in Zusammenarbeit mit einer Partnerorganisation recycelt und zu Böden für Spielplätze verarbeitet werden. Studioventitre, München/Deutschland, T 0049.163.8648617, robert@studioventitre.de, www.womsh.com

Perfekte Essentials

Neue Dimension

Armagentum. Mode, die sich selbst in die Verantwortung nimmt. Das frisch gegründete Fashionlabel Armargentum setzt neben sozialer und ökologischer Produktion besonders auf die Gesundheit seiner Trägerinnen. Innovative Materialien wie Miracle-Fiber bilden mit ihren speziellen Texturen die Basis und fungieren als Schutzschild. Indem Miracle-Fiber die Bildung von Keimen verhindert, trägt es zur Regeneration der Haut bei und stoppt gleichzeitig Juckreiz. Aus diesem Grund eignen sich die leichten Baumwoll- und Jersey-Materialien für empfindliche Hauttypen oder Menschen mit Neurodermitis. Zugleich ist das Label von Geschäftsführerin Sophia Bitter und Airfield-Inhaber Walter Moser Bluesign und Öko-Tex zertifiziert. Armargentum bietet eine Ganzjahreskollektion, die Saison abhängig immer wieder durch neue Key-Pieces ergänzt wird. Preislich rangiert die Marke im gehobenen Segment. Die erste Kollektion A01 ist ab sofort über den Onlineshop verfügbar, im Januar wird das Label seine Premiere auf einer Messe feiern. „Für Walter Moser und mich war Nachhaltigkeit schon immer ein wichtiges Thema. Bei Airfield tut sich schon sehr viel, aber die Kollektion ist durchaus polarisierend und spricht spezielle Kunden an. Wir wollten daher ein neues Label gründen für cleane, zeitlose und langlebige Looks“, sagt Sophia Bitter. Armargentum, Österreich, T 0043.766.258222122, office@armargentum.com, www.armargentum.com

Phyne. Das Newcomerlabel, gesprochen wie das englische Wort „fine“, steht für das Positive und Gute. Für die modernste Form der Nachhaltigkeit: transparent, sinnvoll und cool. Aus Sicht der drei Gründer Kerstin Mikeska, Marc Langner und Andri Stocker erzeugt erst die Kombination aus einer nachhaltigen Wertschöpfungskette – vom Rohstoffanbau bis zum Versand – und einer langlebigen Qualität ein Produkt, das sowohl die Träger als auch die Umwelt gut aussehen lässt. Entstanden ist so eine reduzierte Kollektion, die vegan, (GOTS-)zertifiziert ist und in Europa hergestellt wird. Die Essentials werden aus Biobaumwolle oder Tencel gefertigt und bewegen sich im EK ab 14,80 Euro für Shirts, 33,31 Euro für Sweatshirts, 40,72 Euro für Kleider und 41,87 Euro für Bomberjacken, bei einem Mark-up von 2,7. Limitierte Editionen sowie Kooperationen mit beispielsweise der deutschen Vogue oder der Influencerin Veronika Heilbrunner verleihen Phyne schon jetzt einen gewissen Kultstatus. Agentur Twowear, Sindelfingen/ Deutschland, T 0049.7031.6792865, magali.steidle@twowear.de, www.phyne.com

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Northern Lights Im Zuge des globalen Nachhaltigkeitstrends dreht der Designhype aus dem europäischen Norden wieder kräftig auf. Kaum eine Region setzt das Thema stilistisch in all seinen Facetten so konsequent um – und ist daher umso glaubhafter. Ein frischer Wind, der ökologische Verantwortung völlig entstaubt und in lässiger Nonchalance auf ihre Essenz reduziert: gutes Design. Er trifft den Geschmack von jenen, die den Nachhaltigkeitstrend treiben: Starke, unabhängige Frauen, die sich nicht zum Modepüppchen verbiegen lassen. Mit dieser Kombination aus neuen femininen Werten und Verantwortungsbewusstsein sind die Marken aus dem Norden nah am Puls der Zeit. Redaktion: Isabel Faiss. Fotos: Marken

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MODE

Nordic Walking

Modisch stehen die sportiven Silhouetten und Stilmittel dem nordischen Purismus extrem gut zu Gesicht. Neu sind bewusste Übertreibungen, starke Colour-Blockings und der Fokus auf futuristische Schuhdesigns.

Cecilie Copenhagen

Floris van Bommel

Sofie Schnoor

Mads Nørgaard

Stutterheim

Henrik Vibskov

J. Lindeberg

WIR GENIESSEN DIE NATUR „Die Natur steht für uns im Zentrum, daher nehmen wir ökologische Themen sehr ernst. Unsere Mäntel sind zeitlos, sie sind keine Wegwerfartikel, sondern ein Evergreen in jedem Schrank. Unser Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft ist einer der Grundpfeiler unseres Unternehmens und wir wollen das vor allem dadurch erreichen, dass unsere Produkte ein Leben lang halten. Als kleine Marke haben wir keine Stellen mit Profis besetzt, die sich wie in großen Unternehmen dem Thema Nachhaltigkeit widmen. Aber wir legen großen Wert darauf, mit Produzenten zusammenzuarbeiten, die ihre Standorte nah an Schweden haben, beispielsweise in Polen, Portugal oder der Türkei, um die Transportwege zu minimieren.” Alexander Stutterheim, Stutterheim, www.stutterheim.com

Auf einer Insel in den Stockholmer Schären entdeckte Alexander Stutter­ heim kurz nach dem Tod seines Großvaters einen seiner alten Regen­ mäntel. Der Beginn einer Erfolgsstory: Stutterheim.

Stand Studio

Designers Remix

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MODE

Pure Luxury

Klare Farben, Strukturen und Formen: Die skandinavische Designsprache spricht inzwischen die ganze Welt. Hier in ihrer Essenz auf das Wesentliche reduziert.

Filippa Knutsson ist eine der berühmtesten Vertre­ terinnen skandinavischen Designs.

DIE PURSTE FORM VON LUXUS „Es macht Mut, zu sehen, dass Nachhaltigkeit eine wachsende Bewegung in unserer Branche ist, und wir glauben, dass Transparenz und Zusammenarbeit mit anderen Marken der Schlüssel zum Erfolg sind. Daher bleiben wir unseren Werten treu und stehen für achtsamen Konsum ein. Wir zeigen, dass Reduktion die purste Form des Luxus ist. Wir haben uns immer an den skandinavischen Werten orientiert, anspruchsvolle Designs zu kreieren, die sowohl in ihrem Stil als auch in der Qualität zeitlos sind.“ Design Team, Filippa K, www.filippa-k.com

Filippa K

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Envii

By Malene Birger

Minus

mbyM

Gestutz

Penn & Ink

Âme

Hope


MODE

Fas(t)hion Forward

Exzentrische Designs, asymmetrische Volumen und Zitate aus der Haute Couture. Die jungen Wilden haben längst Zuwachs bekommen. Auf der Suche nach neuen Themen? Achtung Szene-Wording: Diversität.

Rotate Birger Christensen

Ganni

Henrik Vibskov

Stine Goya

EHRLICHER DIALOG „Hope steht für eine langfristig ausgerichtete Designphilosophie. Außerdem glauben wir an enge, langfristige Partnerschaften mit unseren Produzenten – mit einigen arbeiten wir seit dem ersten Tag zusammen. Das ermöglicht uns einen ehrlichen und transparenten Dialog und einen gemeinsamen nachhaltigen Erfolg. Mich begeistert momentan am meisten, wie viele junge Designer einen völlig anderen Anspruch an Design und Style stellen und wie selbstverständlich und fließend dabei die Übergänge der verschiedenen Stereotypen und Gender sind. Für mich steht der Stil immer an erster Stelle und das Geschlecht an zweiter, umso mehr freut mich diese Entwicklung.“ Frida Bard, Hope, www.hopestockholm.com

Frida Bard ist Creative Director der Designmarke Hope mit Sitz in Stockholm.

Stand Studio

Hope

Sofie Schnoor

Cecilie Bahnsen

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MODE

Formal Formula

Anleihen aus der klassischen Konfektion geben den femininen Schnitten und Materialien ihre Attitüde. Klassik kommt nicht aus der Mode – sie wird aber ihr Spielball.

Designers Remix

Second Female

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House of Dagmar

Holzweiler

Gestuz

JEDEN TAG AUFS NEUE „Nachhaltigkeit war immer Teil unserer Philosophie. Nur als wir 2005 unsere Marke launchten, waren die Kunden nicht wirklich daran interessiert. Und daher sind auch kaum andere Marken auf den Zug aufgesprungen. Jetzt sind die Konsumenten sensibilisiert und das Thema hat in den Medien und der Politik einen hohen Stellenwert. Allerdings sehen wir momentan viele Marken, die Nachhaltigkeit mehr als Projekt denn als festen Bestandteil ihres Businessmodells betreiben, wie eine sehr bekannte Sneakermarke, die während des Copenhagen Fashion Summit 20 Minuten lang über einen einzigen Schuh sprach. Schrecklich, hätten sie nur über ihre Ziele und ihren Gesamteinsatz für das Thema gesprochen und nicht über ein aktuelles Marketingprojekt!“ Karin Söderlind, House of Dagmar, www.houseofdagmar.com

Karin Söderlind (rechts) führt mit ihren beiden Schwestern Sofia Wallenstam und Kristina Tjäder das Unternehmen House of Dagmar mit Sitz in Stock­ holm.

Baum und Pferdgarten

Acne Studios

Penn & Ink


MODE

The New Blue

Ist Denim nun das große Comeback? Dem ewigen Jojo-Effekt der Trends tritt die Jeanswear mit einem unschlagbaren Argument entgegen: Nachhaltigkeit, von Hanffasern bis Recycled Denims.

Preben Laust ist Creative Director und Inhaber der dänischen Marke Second Female mit Sitz in Nordhavn.

Samsøe Samsøe

Ganni

Acne & Starter Black Label

Second Female

IN DIE RICHTIGE RICHTUNG „Skandinavien ist von seinen vergleichsweise kleinen Ländern geprägt und die meisten von uns leben nahe an oder eher in der Natur. Wir spüren den Klimawandel. Als skandinavische Marke ist es für uns selbstverständlich, Verantwortung zu übernehmen und entsprechend zu handeln. Im Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung wissen wir, dass in einigen Jahren viele Verbraucher neue Anforderungen haben werden – nicht nur an die Mode­branche. Wir wollen die Erwartungen der jungen Generation erfüllen, weil es einfach das Richtige ist. Aber es ist auch ein langer Weg, wir können keinen hundertprozentigen Wandel über Nacht vollziehen – es geht aber in die richtige Richtung.“ Preben Laust, Second Female, www.secondfemale.com

Nubikk

Object

Maska

5 Preview

Mos Mosh

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VOR ORT

NEUE HORIZONTE

Was treibt Händler an, sich konstant zu wandeln? Die Konsumenten, ja, aber selbstverständlich auch eigene Motivation. Wer Handel verstanden hat, weiß, dass Abwechslung ein Muss ist und die Schlagzahl, in der Neues stattfindet, deutlich erhöht wurde. Wir präsentieren: Radikale Neuanfänge, clever kuratierte Konzepte und Sortimente, die Spaß machen, entdeckt zu werden.  Text: Stefanie Buchacher, Martina Müllner-­Seybold, Kay Alexander Plonka, Nicoletta Schaper, Veronika Zangl

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VOR ORT

Mit Ecken und Kanten/Nürnberg

UNPERFEKT LADEN

D

Why so perfekt, honey? Das ist die Philosophie von Jessica Könneckes Store Mit Ecken und Kanten.

Menschen zeigen, dass Nachhaltigkeit nicht kompliziert sein muss und jeder von uns etwas verändern kann.“ Zusätzlich bietet Jessica Könnecke regelmäßige Workshops an, beispielsweise zum Thema Zero Waste. Die Idee, ein nachhaltiges Unternehmen zu gründen, entwickelte Jessica Könnecke während ihres Studiums in Schweden. Nach der Rückkehr nach Nürnberg schritt sie zur Tat. Mit Erfolg: „Ich habe den Eindruck, dass die Menschen nach solchen eher ungewöhnlichen Konzepten suchen, weil sie verstanden haben, dass unsere Ressourcen endlich sind und wir generell unseren Konsum überdenken müssen.“

Mit Ecken und Kanten Harsdörfferstraße 27, Nürnberg/Deutschland www.miteckenundkanten.com, @miteckenundkanten_official Inhaberin: Jessica Könnecke Eröffnung: September 2018 (Store) November 2017 (Onlineshop) Verkaufsfläche: 40 qm Anzahl Mitarbeiter: 4 Marken: Abury, Benecos, Black Velvet Circus, Eco Brotbox, Ehrlich Textil, Hey Soho, i+m, Kerbholz, Like a Bird, Lotuscrafts, Lovjoi, Myrka Studios, Nandi, Weleda

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Fotos: Mit Ecken und Kanten

Mit ihrem nachhaltigen Konzept gibt Jessica Könnecke B-Ware eine zweite Chance.

as Prinzip von Mit Ecken und Kanten ist einfach: Hier bekommen Produkte, die ursprünglich Muster waren, kleine Schönheitsfehler aufweisen, aus älteren Sortimenten stammen oder eine ältere Verpackung tragen, eine zweite Chance. „Mit Ecken und Kanten ist sozusagen ein Ort für nachhaltige B-Waren. Eine Initiative für die Wertschätzung von nachhaltigen und fairen Produkten“, sagt Gründerin Jessica Könnecke. Bereits seit November 2017 führt sie ihren Onlineshop, seit September 2018 einen Store in der Nürnberger Altstadt, wo sich auch das Lager befindet. Das kleine Ladenlokal ist jedoch nur einmal im Monat an einem Samstag geöffnet. Das Sortiment reicht von fair produzierter Mode, Accessoires, Naturkosmetik und Schmuck bis hin zu Zero-Wasteund Food-Produkten. Die angebotenen Produkte stammen bevorzugt von deutschen und regionalen Unternehmen, werden sorgfältig ausgesucht und haben unter Umständen kleine Makel. Dafür werden sie für einen günstigeren Preis verkauft. Laut Könnecke eine Win-win-Situation für Hersteller und Kunden: „Das Produkt findet einen neuen Besitzer und unsere Kunden erwerben ein einzigartiges Produkt für einen günstigeren Preis“, sagt die 26-Jährige. „Ich sehe mein Unternehmen tatsächlich als Vorreiter, was nachhaltigen Konsum angeht, und möchte den

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G PREMIUM FASHION AUF DEM KIEZ Im Februar ist Ingrid Dörr mit ihrem Geschäft aus der Fußgängerzone in ein Randgebiet Heilbronns gezogen. Eine Fehlentscheidung? Ganz im Gegenteil.

LUXUS UND LÄSSIGKEIT 2007 hatte Ingrid Dörr ein Geschäft mit hochwertiger Kindermode und ein wenig Damenbekleidung übernommen. Die Damenmode wurde ausgebaut, bis der Laden aus allen Nähten platzte. 2012 erfolgte der Umzug in die Kaiserstraße und damit in die Fußgängerzone. 2015 drehte sie das Konzept, nahm Kindermode aus dem Sortiment und Herrenmode mit hinein. „Ich hatte bereits die Womenswear von Dondup im Sortiment, was sehr gut anlief“, erzählt Dörr. „So kam ich 2015 zu der Entscheidung, einen Dondup-Store

für Damen und Herren zu eröffnen, dem einzigen Dondup-Store in Deutschland in der Art.“ In diesem Jahr hat Ingrid Dörr den Umzug gewagt, weil immer weniger Leute in die Innenstadt kamen und das Geschäft auf zweieinhalb Ebenen zu dunkel und unbequem war. Dondup nimmt eine eigene Fläche im Store ein. Dazu gibt es Jeans von Citizens of Humanity sowie Hosen von Mason’s, die mit italienischen Manufakturmarken ergänzt werden. „Ich suche Kollektionen aus, die nicht so breit im Netz vertreten sind, um mich abzuheben“, sagt die Heilbronnerin. Das ist beispielsweise die Blusenkollektion Le Sarte Pettegole, aus der Ingrid Dörr auch die Stoffe aussuchen kann. Von Bazaar Deluxe stammen ausgefallene Jacken und Kleider und von Quantum Courage T-Shirts und Sweats, die mit besonderem Strick von 360 Cashmere ergänzt werden. So steht Ingrid Dörr mit ihrem inhabergeführten Geschäft für luxuriöse Lässigkeit und darüber hinaus für Beratung und Topservice. „Es macht uns viel Spaß“, sagt Ingrid Dörr. „Aber dazu gehört auch Leidenschaft, sonst funktioniert es nicht.“

Ingrid Dörr Titotstraße 14, Heilbronn/Deutschland www.ingrid-doerr-designermode.de Ersteröffnung: März 2007, Neueröffnung: Februar 2019 Inhaberin und Geschäftsführerin: Ingrid Dörr Anzahl der Mitarbeiter: 3 Verkaufsfläche: 190 qm Marken Frauen: 360 Cashmere, Anni Carlsson, Bazaar Deluxe, Citizens of Humanity, Dawn, Dea Kudibal, Dondup, History Repeat, Le Sarte Pettegole, Mason’s, Miss Goodlife, Princess goes Hollywood, Ragdoll LA, Quantum Courage, Steamery, Unbreakable, White T Marken Männer: Dondup Marken Accessoires: Dondup, Marjana von Berlepsch Alles auf einer Ebene, viel Licht und Einsicht: Der Fashionstore Ingrid Dörr strahlt gemütliche Modernität aus.

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Fotos: Ingrid Dörr

Ingrid Dörr/Heilbronn

leich gegenüber ist ein Kebabhaus, direkt am Geschäft führt eine dicht befahrene Straße vorbei. Das klingt nicht gerade nach der besten Lage für eine Boutique mit hochwertiger Damenmode. Für Ingrid Dörr jedoch hat sie sich als gerade richtig erwiesen. „Hier haben wir alles auf einer Ebene; ein helles Ladenlokal mit gemütlicher Atmosphäre und mit Parkplätzen, das lieben unsere Kunden“, so Ingrid Dörr. „Die Gegend ist fast wie ein Kiez, hier ist eine Menge los, mit einem bunten Mix an Geschäften, einem Gymnasium, Büros und Arztpraxen in der Nähe. So hat sich hier auch die Frequenz deutlich erhöht, weil unsere großen Schaufenster den Blick ins Ladeninnere freigeben und neugierig machen.“


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Beratung und Service sind für Ingrid Dörr eine persönliche Verpflichtung.

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Wohnzimmeratmosphäre für den Einkauf mit dem besonderen Zauber – und das auf Wiesbadens Einkaufsmeile Wilhelmstraße.

Daniel Thiel/Wiesbaden

DER VERSTEHER

Der Kundenversteher Daniel Thiel bedient die Bedürfnisse seiner Zielgruppe perfekt – menschlich wie stilistisch.

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Wiesbaden. Er band Kunden an sich, indem er sie mit liebevoller, aufmerksamer Beratung in allen Lebenssituationen begleitete. Gemeinsam mit seinem Team – das ihn auch in die Selbstständigkeit begleitete – baute er einen Zirkel des Vertrauens auf. „Ich bin ein Mensch, der leidenschaftlich gerne gibt – ohne jeden Hintergedanken. Ich mache die Menschen um mich gerne glücklich.“ Ein Wohnzimmer wollte er schaffen, einen Ort, an dem sich alle wohlfühlen – und in das man ganz selbstverständlich auch nur mal zum Gespräch kommen kann. Das tun sie, die Frauen, die ihm ihr Herz längst geöffnet haben, aber auch die Männer, die er mit Kollektionen wie Weber + Weber aus der Tiefe seiner Überzeugung kleidet. „Ich stehe hinter diesen Kollektionen, weil ich sehe, wie viel Energie sie selbst in jedes Produkt investieren, mit wie viel Liebe und Achtsamkeit sie ihre Kollektionen kreieren.“ Der leidenschaftliche Händler weiß: Die Instanz ist längst Daniel Thiel – nicht allein die Marke auf dem Etikett. „Selbstverständlich war es mir wichtig, Marken wie Windsor im Sortiment zu haben, weil ich einfach um die Qualitäten weiß. Das Vertrauen schenken die Kunden und Kundinnen unserer Beratung und den Outfits, die mein Team und ich für sie kreieren.“ Der verwöhnten Wiesbadener Klientel gilt es, ihre Qualitätsansprüche zu erfüllen. Daniel Thiel steht für Eleganz, für Zeitloses – und für diesen Zauber, den das Einkaufen haben kann. „Es sind meine Kunden, die mich ermutigen, auch mal Ausgefalleneres, Muster oder Buntes zu ordern.“ Schließlich kämpft der Handel in so wohlhabenden Städten gegen volle Schränke. „Wir überzeugen Kundinnen, die zehn Mäntel haben, dass sie sich einen elften gönnen dürfen“, erzählt Daniel Thiel. Eine Herausforderung, der man am besten mit Leidenschaft begegnet.

Daniel Thiel Wilhelmstraße 31, Wiesbaden/ Deutschland www.danielthiel-wiesbaden.de Eröffnung: 2018 Inhaber: Daniel Thiel Verkaufsfläche: 150 qm Marken Frauen: Artigiano, Bruno Manetti, Jil Sander Navy, Lempelius, Marina Rinaldi, N8 Milano, Piazza Sempione, Simfinity, Windsor, Wunderfell Marken Männer: Circolo 1901, Lardini, Mey Story, Weber + Weber

Fotos: Daniel Thiel

in mutiger Schritt aus der Komfortzone: Daniel Thiel war 18 Jahre ERetail, lang für Marken wie Etro, Armani oder Windsor der Mann im erst in Mailand, Frankfurt, Berlin oder München, später in


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Gehmacher/Salzburg

SCHÖNER WOHNEN, SCHÖNER KLEIDEN

Fotos: Gehmacher

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er in Salzburg in Toplage eröffnen möchte, muss sich bewerben. „Wir freuen uns sehr, dass wir den Zuschlag erhalten haben“, erzählt Heidi Gehmacher. Seit Juni 2019 ist das Traditionsunternehmen für Interieur mit einem zweiten Store am Alten Markt vertreten. „Sozusagen auf der Sonnenseite“, schmunzelt Tochter Julia. Sie ist seit zwei Jahren im Unternehmen aktiv und lernt das Geschäft, das sich bereits seit über 100 Jahren in Familienbesitz befindet, von der Pike auf. „Wir haben als Vorhang- und Bettenhaus angefangen und wurden zur Adresse für stilvolles Wohnen“, erklärt Heidi Gehmacher. „Die spezielle Mischung aus Home und Clothing ist ein echtes Unikum und fasziniert unsere Kunden. Dennoch haben wir uns für das neue Ladenkonzept bewusst für Textilien entschieden. Wir achten darauf, dass wir Marken bieten, die in Europa produziert werden und die regional sind. Mit Rettl 1868 haben wir beispielsweise einen österreichischen Trachtenhersteller im Sortiment.“ Zugleich präsentiert sich das Ladenkonzept abwechslungsreich: „Wir kennen keine Berührungsängste und kombinieren mit Vorliebe klassisch und modern.“ Trachten hängen neben Cashmere-Pullovern, Premiummarken wie Steven K. zählen zum fixen Bestand und wenn Contemporary-Marken wie Max Volmary etwas Ausgefallenes bieten, wird das selbstverständlich eingekauft. „Wir probieren uns gerne aus“, resümiert Julia Gehmacher die Unternehmensphilosophie, die Schönheit zum Lebensstil erkoren hat. Tatsächlich spiegelt sich die Mischung aus klassisch und modern auch im Interieur. Dunkle Wände, schwere Tische und opulente Lüster verleihen dem Raum etwas Erhabenes. Gleichzeitig wird der Store durch hohe Fensterfronten mit Licht geflutet, zeitgenössische Elemente kreieren eine modern-elegante Note. Auch wenn Gehmacher am Alten Markt 3 auf Bekleidung setzt: Dass er von den Interieurspezialisten der Mozartstadt gestaltet wurde, ist unverkennbar.

Helmut, Heidi und Julia Gehmacher – eine Familie im Dienste des guten Stils.

Gehmacher Alter Markt 3, Salzburg/Österreich, www.gehmacher.at Eröffnung: Juni 2019 Inhaber: Familie Helmut und Heidi Gehmacher Verkaufsfläche: 110 qm Marken: Aida Barni, Articles of Society, Bruno Premi, Chi Chi Fan, Date, Dirndl & Bua, Ed Parrish, Frau, FTC Cashmere, Furla, Gehmacher, Gottseidank, Max Volmary, Natures Collection, Peuterey, Rettl, Rock and Blue, Saki, Soluzione, Steven K., White Sand, Wunderfell, Yuliaffairs

Von Interieur zur Mode: Gehmacher ist in Salzburg eine Institution, jetzt auch mit einem eigenen Bekleidungsladen.

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Loyale. Fair Concept Store/Stuttgart

KLEINE FLÄCHE, GROSSER AUFTRITT

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Conceptstore und Outlet-Pop-up: Mit Loyale richtet sich Jessica Drac bewusst an Kaufhausbesucher, um faire Mode möglichst vielen Menschen nahezubringen.

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Loyale. Fair Concept Store Sophienstraße 21, im Gerber Kaufhaus, Stuttgart/Deutschland www.loyale-fair.de, @loyale_fair Inhaber: Jessica Drac Eröffnung: Juni 2018 Verkaufsfläche: 60 qm Anzahl Mitarbeiter: 3 Aushilfen Marken: A Beautiful Story, Amov, Antonio Verde, Dedicated, Ekn, Ethletics, Evolve Cosmetics, Eyd Clothing, Fremdformat, Good Guys, Jann’June, Kerbholz, Kings of Indigo, Lovjoi, Nae Vegan, Nui Berlin, People Tree, Saluti, Studio Cossac, Studio Jux, Suite 13, Umiwi Berlin, Underprotection, Wills Vegan, Wunderwerk

Fotos: Loyale

Jessica Drac möchte zum Nachdenken anregen, vor allem junge Kunden.

air Fashion dort hinzubringen, wo eine Vielzahl von Menschen vorbeikommt – das war Jessica Dracs Anspruch, als sie ihren Store plante und schließlich Mitte Juni 2018 im Stuttgarter Kaufhaus Gerber eröffnete. Auf einer Fläche von 60 Quadratmeter bietet sie ein fein kuratiertes, vielfältiges Sortiment aus Fashion, Accessoires, Schuhen, Schmuck und Kosmetik. Getreu der Prämisse „Fair zu Umwelt, Tier und Mensch“ finden sich hier nur nachhaltige Labels, die in Europa produzieren lassen oder ihre verantwortungsvolle Produktion in Asien mittels Zertifikaten nachweisen können. Verzichtet wird zudem auf Kleidungsstücke aus Wolle oder Seide, auch sind alle Kosmetika vegan. „Meine Vision mit Loyale ist es, Fair Fashion sichtbarer zu machen und zu zeigen, wie stylisch Mode sein kann, ohne Mensch, Tier und Umwelt auszubeuten“, sagt die 30-Jährige, die zuvor schon einige Jahre als Storeleiterin bei DearGoods Fair-Fashion-Expertise gesammelt hat. „Ich möchte ganz viele und vor allem junge Leute zum Nachdenken anregen und für bewusstes Shoppen sensibilisieren. Aus diesem Grund habe ich mich damals auch entschieden, Loyale in einem Kaufhaus zu eröffnen, wo man Fair Fashion gar nicht erwartet.“ Dieser Entschluss hat bisher ausgezeichnet funktioniert, mit treuen Kunden, Laufkundschaft und Interessierten, die immer wieder das Gespräch suchen. Zunächst startete Jessica Drac mit einem Fokus auf Damen, perspektivisch könnte das Sortiment auf Wäsche sowie Kinder und Herren erweitert werden. Reduzierte Ware verkauft sie nicht als Sale-Artikel, sondern seit Anfang März diesen Jahres in einem Outlet-Pop-up direkt vor dem Store: „So kann ich wertige Fair Fashion auch preissensibleren Kundinnen nahebringen. Zudem dient das Outlet als Erweiterung des Stores und der Lagerbestand kann schmal gehalten werden.“


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Clean und grün: Im Voo Store gibt’s jetzt auch jede Menge Pflanzen.

VooWest/Berlin

IM WESTEN WAS NEUES

Fotos :VooWest

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er Berliner Voo Store hat im Bikinihaus am Zoologischen Garten eine dritte Dependance eröffnet. Seit neun Jahren gibt es den Conceptstore für Designerfashion und High-End-Street- und Sportswear im Hinterhof in der Oranienstraße in Kreuzberg mit angeschlossenem Café. Direkt gegenüber befindet sich seit einigen Jahren das Outlet unter dem Namen Compact Market. Im Bikinihaus wird nun der ehemalige Vitra/Artek Möbelladen im ersten Stock bespielt. Das Design stammt von Gonzales Haase AAS und der Umbau wurde von Bilge Kalfa Architecture durchgeführt. Neben Kleidung, Schuhen und Accessoires für eine jüngere Zielgruppe aus dem Voo-Portfolio zusammengestellt, gibt es zudem Produkte aus den Kategorien Interieur, Pflanzen und Kosmetik. In Zukunft planen die Gründerbrüder Yasin und Kaan Müjdeci, auch im Westen regelmäßige Events und Präsentationen in Zusammenarbeit mit Designern und Marken zu veranstalten, um neue Zielgruppen zu erschließen und die Reichweite zu vergrößern.

VooWest Budapester Straße 38–50, Berlin/ Deutschland www.vooberlin.com Eröffnung: 11. Juli 2019 Verkaufsfläche: 180 qm Marken: A.P.C., Acne Studios, A Kind of Guise, Dries van Noten, GmbH, Goetze, Homme Plissé Issey Miyake, Jil Sander, JW Anderson, Maison Margiela, Marni, Missoni, Miu Miu, Our Legacy, Prada, Raf Simons, Soulland u. a.

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Männerstore statt Männerecke. Jades Men gibt ein echtes Statement.

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Das Konzept von Jades überzeugt auch im lichten, großzügig gestalteten Womenswearstore direkt gegenüber.

Inhaberin Evelyn Hammerström und Einkäufer Huy Do verantworten Jades Men.

S Jades Men/Düsseldorf

DIE MÄNNER EMANZIPIEREN SICH

Fotos: Jades

Cool, edgy, unangepasst. Mit dem neuen Geschäft Jades Men geben Evelyn Hammerström und Reinhard Haase der Menswear erstmals einen eigenen Raum und führen das Gesamtkonzept Jades zur gewohnten Stärke zurück.

ich als Mann von Frauen die Mode erklären lassen? „Heute ist es oft umgekehrt“, sagt Evelyn Hammer­ ström. „Die Männer sind deutlich mode- und markenbewusster geworden und geben auch mehr Geld für Mode aus. Diesem Hype wollen wir mit Jades Men begegnen.“ So wurde im Juni aus Jades, ursprünglich der High Fashion für Frauen vorbehalten, der Menswearstore Jades Men – und aus More Jades, direkt gegenüber, wurde Jades für die Frauen. DIE COOLE CREW Trends zu erkennen, zeichnet Evelyn Hammerström und Reinhard Haase von jeher aus. Vor zwei Jahrzehnten brachten sie über ihre Vertriebsagentur Unifa Premium Denimbrands aus Los Angeles nach Deutschland und definierten in den zwei Jades-Stores das Segment luxuriöser Sportswear gepaart mit High Fashion neu. Die Läden brummten, der Erfolg sprach für sich. Jetzt war es Zeit für die Neuaufstellung, die dem Konzept gut getan hat. Beide Stores wirken deutlich klarer, optisch unterstützt durch das Öffnen der Schaufenster, die ohne Rückwand den Blick in die Räume freigeben. Das gibt viel Licht und strahlt großzügige Offenheit aus.

Die Menswear ist in drei Segmente unterteilt und spricht unterschiedliche Kunden an. Allen voran die Streetwear mit Off-White, Balenciaga, Balmain, Just Don, Heron Preston und Palm Angels für die hochmodisch interessierten, meist jungen Kunden. Dazu kommt lässig interpretierte Klassik mit Namen wie Neil Barrett, James Perse, Giorgio Brato und Dondup, die jetzt sukzessive ausgebaut wird. Und last but not least das Jeanssegment mit True Religion, Dsquared2, 7 for all Mankind und Rag & Bone. „Der eine Kunde will zeigen, was er hat, und gibt ein modisches Statement, dem anderen ist Komfort wichtig und wählt das, was lange hält. Wir haben für beide Typen das Richtige im Geschäft“, sagt Huy Do, der den Einkauf von Jades Men verantwortet. Die Marken werden breit gekauft, aber immer auch mit Mut zu modischen Specials. Was Jades noch auszeichnet? „Wir bieten Persönlichkeit und sind Anlaufpunkt für die coole Crew“, sagt Evelyn Hammerström. „Und jetzt, wo die Männer ihren eigenen Laden haben, fühlen sie sich noch wohler bei uns.“

Jades Men Heinrich-Heine-Alle 53, Düsseldorf/Deutschland www.jades24.de Eröffnung: Juni 2019 Inhaber und Geschäftsführer: Evelyn Hammerström, Reinhard Haase Anzahl der Mitarbeiter: 5 Verkaufsfläche: 600 qm Marken Männer: 7 for all Mankind, Acne Studios, AG, Amiri, Balenciaga, Balmain, Boris Bidjan Saberi, Dondup, Dsquared2, Heron Preston, Just Don, Off-White by Virgil Abloh, Palm Angels, Rag & Bone, True Religion Accessoires: Axel Arigato, Balenciaga, Diptyque, Filling Pieces, Guiseppe Zanotti, Off-White, TeNeues, Werkstatt München

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Der Gewölbekeller des Geschäfts Frauenzimmer wird von den Wartners bewusst inszeniert.

Stulz/Waldshut-Tiengen

ALLES AUF DEN KOPF GESTELLT

Thomas und Anette Wartner erfinden sich und ihre drei Ladenkonzepte völlig neu. Worin sich beide treu bleiben? Im passgenauen Zuschnitt auf den Geschmack ihrer Kunden – und im Fokus darauf, das Leben mit ihnen gemeinsam zu genießen.

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A

nette und Thomas Wartner haben selten Zeit zur Muße. Und wenn, nutzen sie sie für intensives Brainstorming, wie sie das Sortiment verfeinern könnten, um ihre Klientel aufs Neue zu überraschen. „Wir haben alles auf den Kopf gestellt und unsere drei Geschäfte im August neu konzipiert“, so Thomas Wartner. STULZ 4.0 Das Ergebnis ist eine noch klarere Struktur ihrer drei nah beieinander liegenden Stores. Aus dem Frauenladen wurde


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Der New Dandy Club gleicht einem Männersalon mit Gin-Bar und dunkler Möblierung.

Anette und Thomas Wartner haben viel positive Energie – das macht sie zu einem besonderen Händlerpaar.

Stulz: Mode: Genuss: Leben www.stulz-mode.de

Fotos: Stulz: Mode: Genuss: Leben

Der Store Tradizionale präsentiert sich edel, hochwertig und speziell.

Tradizionale; edler und individueller. Zum Maßatelier kommen Spezialistenmarken für Männer und Frauen, darunter Circolo und Myths, Van-Laack-Maßhemden sowie Handstich und Peuterey. „Aus dem Männerladen ist der New Dandy Club geworden, cool, smart, alterslos“, beschreibt Thomas Wartner. Bob Italy begeistert ihn mit einzigartiger Kreativität, Dstrezzed stand mit einem coolen Dandylook Pate für den neuen Namen. Passend dazu gibt es eine Gin-Bar und dunkle Möblierung wie in einem

Zigarrensalon. Das Frauenzimmer schließlich hält Marc Aurel, Gardeur und modische Eterna-­ Blusen bereit. „Neu gestaltet ist das UEins des Gewölbekellers, mit Mos Mosh und Coster Copenhagen für die modische, preisbewusste Frau“, so Thomas Wartner. Das zweite Untergeschoss dient als Pop-up-Fläche und für Events. „Wir haben im Sinne unserer Kunden alle Prozesse vereinfacht“, erklärt Wartner. „Unser Warenwirtschaftssystem ist cloudbasiert, sodass wir mehr im Laden sein und die Ware in

Fluss bringen können. Dazu gibt es die Stulz App für die Kunden, die sich hier über Neuigkeiten informieren können, ohne einen Social Media Account zu haben.“ Montags sind alle Geschäfte geschlossen. Doch die Wartners wären nicht sie selbst, wenn sie nicht dennoch etwas bieten würden. Nämlich ein buchbares Montagsarrangement mit Privatshopping und Brunch oder ein Lounge-Event am Abend mit Wein und Bier.

Tradizionale Kaiserstraße 64, Waldshut/Deutschland Mitarbeiter: 4 Verkaufsfläche: 145 qm Marken Frauen: Circolo 1901, Dawn Denim, Handstich, Luisa Cerano, Myths, Peuterey, Stulz, Thomas Rath Trousers u. a. Marken Männer: 7 for all Mankind, Circolo 1901, Eduard Dressler, Handstich, Myths, MMX, Phil Petter, Stulz, The Nim u. a. Marken Accessoires: 1943 Andrea, Dressed Sneaker, Mey Story, Officine Creative, Pfeffersack & Söhne, Viani u. a. New Dandy Club Kaiserstraße 46, Waldshut/Deutschland Mitarbeiter: 3 Verkaufsfläche: 116 qm Marken Männer: Bob Italy, Desoto, Dstrezzed, Goldgarn Denim, Plain Nordic u. a. Marken Accessoires: 1Bottle­ rocket, Garment Project, Hudson London, Pig & Hen, Steamery, Stulz Gin, Tribute Gin u. a. Frauenzimmer Wallstraße 9, Waldshut/ Deutschland Mitarbeiter: 2 Verkaufsfläche: 98 qm Marken Frauen: Absolut Cashmere, Blonde No. 8, Como No.1, Coster Copenhagen, Gardeur, Marc Aurel, Mos Mosh, Pom Amsterdam Marken Accessoires: Adax, Philip Hog, Nicolas Vahe, Solotwentyfive, Steamery

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Stereo MUC

RELOAD

„M

Sie haben es wieder getan: Henrik Soller, Florian Ranft und ihr Storemanager Herbert Volkmann freuen sich über das Reopening von Stereo MUC.

Das Interieur hat Vintage-Flair, aber modern umgesetzt. Das Regalsystem stammt aus der New Yorker Staatsbibliothek von 1911, ein Wandbild ist aus Elementen einer Kassettendecke zusammengesetzt.

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Stereo Muc Odeonsplatz 12, 80539 München www.stereo-muc.de Eröffnung: September 2019 Storemanager: Herbert Volkmann Anzahl der Mitarbeiter: 5 Verkaufsfläche: 110 qm Marken Männer: Alden, Aspesi, Baracuta, Barena, Church, Diemme, Felisi, Filson, Hartford, The Nim u. a.

Foto: Stereo MUC

anchmal ist Einzelhandel auch Immobilienhandel“, begründeten Florian Ranft und Henrik Soller vor acht Monaten die Schließung von Stereo MUC an der Residenzstraße – um jetzt in neuer Location fulminant zurückzukehren. „Wir haben aber sogleich angefangen, eine neue Location zu suchen“, sagt Henrik Soller. Gefunden wurde sie am Odeonsplatz 12, wo Stereo MUC im September wieder eröffnet wurde. Erneut in Toplage, noch dazu ganz in der Nähe von Schumanns Bar. „Das Schumanns ist sozusagen unsere Lifestylekantine“, sagt Henrik Soller. So ist es auch eher zu verschmerzen, dass die Gastronomie im Stereo MUC weggefallen ist. Davon abgesehen bleibt sich das Erfolgskonzept mit speziellen Premiummarken treu. Die Kernmarken stammen aus der Agentur Komet und Helden von Soller und Ranft: Baracuta, Hartford, Atelier & Repairs, Barena, Diemme, The Nim und Deus Ex Machina. Rahmengenähte Schuhe von Alden, Sneaker von Axel Arigato und coole Koffer auf Skateboardrollen von Floyd kommen neu hinzu und ergänzen das Sortiment ebenso wie Taschen von Filson und Männerkosmetik von Baxter of California. Das bewährte Verkäuferteam rund um Storemanager Herbert Volkmann ist Stereo MUC erhalten geblieben, never change a winning team. Muss man Retailer sein, um ein guter Agent zu sein? „Nein“, beantwortet Henrik Soller die Frage. „In erster Linie sind wir Unternehmer mit mehreren Geschäftsfeldern, von denen eins Retail ist. Allerdings muss man einen Sinn dafür entwickeln und Mut dazu haben. Uns reizt an Stereo MUC das Unternehmerische. Sonst würden wir es nicht machen.“


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Das obere Stockwerk von Phänomen ist ein wunderbarer Rückzugsort für die Kunden geworden, wo es sich konzentriert einkaufen lässt.

Phänomen Fashion Luxury Loft/Luzern

DER RAUM ÖFFNET SICH

Foto: Phänomen

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er Kunde steht im Mittelpunkt. Für die Macher von Phänomen ist das keine leere Floskel. Deshalb wurden im vergangenen September die Büroräume im ersten Geschoss über dem Damenladen zum exklusiven Fashion Luxury Loft. „Nun können wir die Ware noch großzügiger präsentieren und ein noch schöneres Einkaufs­ erlebnis bieten“, sagt Marina Bayat-Rogger. Alles ist offen: Nach hinten heraus liegt die sogenannte Kapelle mit Red Valentino, Odeeh und Dsquared2. Nach vorn heraus die neuen Räume, hell und licht, mit freigelegtem Riegelfachwerk, altem Parkett und Steinboden sowie einem behaglichen Kachelofen in der Mitte. „Hier zeigen wir aktuell hochwertige Cashmere-Labels wie Sminfinity und Lunaria, ergänzt mit Peserico und Tüchern von Friendly Hunting“, so Marina Bayat-Rogger. „Wir konzentrieren uns auf unsere zwei stationären Geschäfte und bieten nach wie vor keinen Onlinehandel an“, so Bayat-Rogger. „Es ist unsere Stärke, vermeintlich Gewöhnliches außergewöhnlich gut zu machen. Und das ist, nah am Kunden zu sein.“

Next Generation: Laura Rogger und Marina Bayat-Rogger sind wie ihre Eltern Sonja und Fritz Rogger-Furrer Händlerinnen aus Passion.

Phänomen Mode & Lifestyle Weinmarkt 4/5, Luzern/Schweiz www.phaenomen.ch Eröffnung Fashion Luxury Loft: September 2019 Inhaber: Sonja & Fritz Rogger-Furrer Geschäftsführerinnen: Laura Rogger, Marina Bayat-Rogger Anzahl der Mitarbeiter: 12 Verkaufsfläche: 550 qm Marken Frauen: Agolde, Bally, Dond­up, Dsquared2, Friendly Hunting, Herno, Lis Lareida, Lunaria, Odeeh, Peserico, Red Valentino, Tagliatore, Tods u. a.

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EDITOR’S LETTER

Wer, was, wann, wie, wo? Und warum überhaupt?

2. B2B + B2C + C2B ...

Wer wird in Zukunft wem, was, wann, wie und wo verkaufen? Oder präziser, weil tatsächlich aus Sicht des Konsumenten gedacht werden muss: Wer wird in Zukunft bei wem, was, wann, wo und WARUM kaufen? Was sich wie ein Wortspiel liest ist in einer Gesellschaft, in der eine teilweise aberwitzig geführte Konsumdebatte die Politik vor sich hertreibt, die Frage von entscheidender Bedeutung. So notwendig und spannend Systemfragen in einer Demokratie auch sind, sollte nicht vergessen werden, dass Handel und in logischer Wechselwirkung Konsum historisch die Basis jeder zivilisatorischen Weiterentwicklung gewesen sind. Was nicht bedeutet, dass einschneidende, auch tatsächlich systemisch wirksame Änderungen nicht gedacht werden sollen oder dürfen. Ganz im Gegenteil. Der ewige Kalauer „Handel ist Wandel“ hält sich ja deshalb so unverdrossen über Jahrzehnte, weil er in aller Kürze eine ganz entscheidende Wahrheit benennt. Es gilt allerdings auch das nur scheinbare Gegenteil, nämlich „Handel ist Beständigkeit“. Klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Kurz vor dem Start in ein neues Jahrzehnt, in das die Modebranche mit mehr Zuversicht starten sollte, als sie aktuell ausstrahlt, will ich zu den beiden Eingangs gestellten Fragen fünf Thesen aufstellen, in denen die Antworten zumindest teilweise zu finden sind: 1. Personalisierung ist der neue Stein der Weisen

Mit der Feststellung, dass Daten der Rohstoff der Zukunft sind, gewinnt man keinen Preis mehr. Daten alleine sind allerdings zunächst nur ein enormer Verbrauch von Rechenleistung und Speicherplatz. Entscheidend ist, welche Fragen sie beantworten sollen und können. Dann sind sie nämlich der Schlüssel zu einem wirklich tiefen Verständnis des Kunden, seiner Wünsche, Likes und Dislikes. Wer hier jetzt einen nicht zu kompensierenden Wettbewerbsvorteil sogenannter Datenkraken wie Amazon oder Zalando vermutet, unterschätzt einmal mehr die Psychologie des Menschen und seine immanente Sehnsucht nach persönlicher Zuwendung. Letztere ist ein ganz wesentliches Element der Personalisierung.

IMPRESSUM

Medieninhaber/Verleger/ Redaktion/Anzeigen style in progress B2B Media GmbH Salzweg 17, 5081 Salzburg-Anif, Österreich T 0043.6246.89 79 99 info@style-in-progress.com www.style-in-progress.com Geschäftsführung Stephan Huber

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Chefredaktion Stephan Huber stephan@style-in-progress.com Martina Müllner-Seybold martina@style-in-progress.com Redaktion Stefanie Buchacher Petrina Engelke Isabel Faiss Kay Alexander Plonka Nicoletta Schaper Veronika Zangl Autoren dieser Ausgabe Sophia Lambrakis Bernhard Ostertag Georg Wimmer

War die Kommunikation unter den Marktteilehmern früher weitgehend eine Einbahnstraße, hat insbesondere die Digitalisierung zu einem Austausch in allen Richtungen geführt. Am offensichtlichsten wurde das bei den Reiseportalen, mit direkten Auswirkungen darauf, wie heute selbst kleine Frühstückspensionen mit ihren (potenziellen) Gästen kommunizieren. Sehr persönlich, mit viel Storytelling und der Macht der Bilder als Grundlage. Ganz ehrlich: Wer bucht bitte noch ein Hotelzimmer, wenn er kein gutes und vertrauenswürdiges Foto vom Badezimmer findet? Eben ... 3. Bei vollem Bewusstsein

Neben der Digitalisierung wird die Umwelt- und Nachhaltigkeitsfrage den mittelund langfristig größten Einfluss auf das Konsumverhalten haben. Nicht nur, weil eine wachsende Konsumentenschicht andere Produktstandards und auch andere Storys verlangen oder sogar voraussetzen wird. Eine wie auch immer benannte Bepreisung von CO2 ist erst der Anfang eines notwendigen Umbaus des Steuer- und Abgabensystems hin zu mehr Kostenwahrheit und Verursacherprinzip. Und weil immer auch die Konsumenten Verursacher sind, wird dieses Prinzip auch bei ihnen bzw. ihren Geldbörsen ankommen. Dass es aktuell möglich ist, eine Bestellung im Warenwert von fünf Euro aus China frei Haus geliefert zu bekommen, ist nämlich keine tolle Errungenschaft des Freihandels, sondern ein Systemfehler. 4. Glocalization

Warum in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah. Insbesondere da die Ferne immer weniger für Weltläufigkeit steht, sondern für Flygskam. Sarkasmus beiseite: Das WO wird in der authentischen und von den Konsumenten gesuchten Erzählung über Marken und Produkte immer wichtiger. Insbesondere auch das Wo, wenn es um den Handel als Ort der Begegnung und des Human Touch geht. 5. Produkt + Story = Erfolg

Eigentlich keine wirklich neue Formel. Aber wichtiger denn je, wenn es in der Ansprache einer Zielgruppe, die nichts braucht, weil sie alles hat, um die letztlich entscheidende der eingangs aufgezählten W-Fragen geht. Nämlich um das Warum. Und damit um die Emotion jenseits der Ratio. Was für eine Chance! Ihr Stephan Huber stephan@style-in-progress.com

Art Direktion/Grafik/Produktion Elisabeth Prock-Huber elisabeth@style-in-progress.com Anzeigenleitung Stephan Huber stephan@style-in-progress.com Anzeigenrepräsentant Kay Alexander Plonka kay@style-in-progress.com Back Office Management Sigrid Staber sigrid@style-in-progress.com

Bildbearbeitung Johannes Hemetsberger Lektorat Johannes Seymann Druck sandlerprint&packaging 3671 Marbach, Österreich Druckkoordination Manfred Reitenbach

Nächste Ausgabe 8. Januar 2020


NEW FW19 COLLECTION

100% VEGAN BECAUSE THERE IS NO PLANET B

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