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DAS MAGAZIN

DIE ZUKUNFT IST SMART 06_DIGITALISIERUNG IW-Studie zeigt: Stahl ist digitaler Impulsgeber

14_ELEKTROMOBILITÄT Wie Stahl der E-Mobilität zum Durchbruch verhilft

20_INDUSTRIE 4.0 Stahlunternehmen setzen auf vernetzte Lösungen

1 / 2018

Wirtschaftsvereinigung Stahl


INHALT

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14 POLITIK UND WIRTSCHAFT

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10 Klartext „Den digitalen Wandel unterstützen“ Der BDI-Präsident über die not wendigen Rahmenbedingungen der Digitalisierung

EINBLICKE 04 Reisen im Stahlrohr Stahl ist die Basis für das innovative Transportkonzept Hyperloop TITELTHEMA 06 Alles auf digital IW-Studie zeigt: Mit der Digitalisie rung wächst die Bedeutung der Stahlindustrie für den Wirtschafts standort Deutschland

12 Mutige Politik für eine Zukunft mit Stahl Fünf Anliegen, damit der Stahlstandort weiterhin international wettbewerbsfähig bleibt STANDORT UND BRANCHE 14 Wegbereiter der E-Mobilität Warum der Werkstoff Stahl der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen kann 16 Serie: Botschafter für Stahl Das Liebherr-Werk Ehingen GmbH setzt auf Stahl Made in Germany

18 Innovationen aus Stahl werden ausgezeichnet! Der Stahlinnovationspreis 2018 bietet eine Bühne für neue Stahl-Ideen INNOVATION UND WISSEN 20 Stahl 4.0 Stahlproduzierende Unternehmen nutzen bereits heute die Vorteile vernetzter Lösungen 22 Hoffnungsträger Stahl Eine Kampagne zeigt, welche wichtige Rolle Stahl für gesellschaftliche Herausforderungen spielt

Weitere Informationen zur Stahlindustrie finden Sie online: www.stahl-online.de Herausgeber Wirtschaftsvereinigung Stahl Sohnstraße 65 40237 Düsseldorf Kontakt Klaus Schmidtke Leiter Kommunikation Tel.: +49 211 6707-115 E-Mail: klaus.schmidtke@­ stahl-zentrum.de

Gestaltung Ketchum Pleon GmbH, Düsseldorf

Stand März 2018

Redaktion Ketchum Pleon GmbH, Düsseldorf; Wirtschaftsvereinigung Stahl, Marvin Bender Carolin Marienfeld

Titel: nadla/istockphoto.com, Inhaltsverzeichnis: MarioGuti/ istockphoto.com (1), Liebherr-Werk Ehingen GmbH (2), Spitzbart Treppen GmbH (3), S. 4/5: Virgin Hyperloop One, S. 6/7: sulrey/istockphoto.com (1), FrankRamspott/istockphoto.com (2),

Bildnachweise:

wavebreakmedia/shutterstock.com (3), S. 11: Christian Kruppa, S. 12/13: ArcelorMittal Bremen (1), Max Aicher Gruppe/Angela Aicher (2), deepblue4you/istockphoto.com (3), BraunS/istockphoto.com (4), S. 14: MarioGuti/www.istockphoto.com, S. 15: Schaeffler AG, S. 16/17: Liebherr-Werk Ehingen GmbH, S. 18/19: Spitzbart Treppen GmbH (1), Wirtschaftsvereinigung Stahl (2), S. 20/21: Zapp2Photo/istockphoto.com, S. 22/23: Wirtschaftsvereinigung Stahl


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EDITORIAL Sehr geehrte Damen und Herren, Digitalisierung und Globalisierung sind Treiber für die Transformation der Wirtschaft. Dass Stahl dabei als Technologiegeber für die industriellen Wertschöpfungsketten im digitalen Zeitalter eine zentrale Bedeutung hat, verdeutlicht die Studie „Potentiale des digitalen Wertschöpfungsnetzwerkes Stahl“ der IW Consult, die wir Ihnen in unserer neuen Ausgabe des Stahl-Magazins vorstellen. Die Digitalisierung ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, bietet aber zugleich große Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft. Das bestätigt auch Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Mit ihm haben wir über den digitalen Wandel in der deutschen Wirtschaft und die Aufgabe der Politik bei diesem Thema gesprochen. Zahlreiche Innovationen in einer globalen Welt von morgen sind ohne den Werkstoff Stahl kaum denkbar. Die zunehmende Elektrifizierung von Fahrzeugen ist eine solche Innovation und eröffnet Wachstumschancen für die Stahlunternehmen in Deutschland. Welchen Stellenwert nimmt Stahl auf dem Weg zur CO2-armen Mobilität der Zukunft ein? Dies ist eine der zahlreichen Fragen, die unsere Branche aktuell beschäftigt. Liebherr aus Ehingen, einer der weltweit größten Baumaschinenproduzenten, setzt bei seinen Fahrzeugkranen unter anderem auf hochwertige Stähle aus Deutschland. Ein Beispiel, welches einmal mehr zeigt, warum der Stahlstandort für das Gütesiegel Made in Germany so wichtig ist. Trotz dieser Perspektiven für die Stahlindustrie in Deutschland und ihren Werkstoff darf jedoch eines nicht vergessen werden: Die Zukunft der Branche in Deutschland und Europa ist nach wie vor abhängig von politischen Entscheidungen. Noch immer betrachten wir mit Sorge die großen Verwerfungen im globalen Handel und drohende Verschärfungen beim EU-Emissionsrechtehandel. Um die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit anzugehen, bedarf es politischer Rahmenbedingungen, die der Industrie genügend Investitionsspiel­ räume lassen und keine weiteren Barrieren aufbauen. Deshalb lesen Sie ebenfalls in dieser Ausgabe, was die neue Bundesregierung leisten muss, damit unser Stahlstandort auch weiterhin international wettbewerbsfähig und eine tragende Säule unserer Wirtschaft bleibt. Denn Stahl trägt uns alle! Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Hans Jürgen Kerkhoff Präsident Wirtschaftsvereinigung Stahl Vorsitzender Stahlinstitut VDEh


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REISEN IM STAHLROHR Stahl ist die Basis für das innovative Transportkonzept Hyperloop

Mit seiner Idee, Personen durch Stahlrohre zu befördern, könnte Elon Musk, zugleich Erfinder des Online-Bezahldienstes PayPal und CEO von Tesla, unsere Art zu reisen revolutionieren. Seine Vision: Passagiere nehmen künftig in Kapseln Platz, die in einem nahezu luftleeren Röhrensystem auf mehr als 1.000 km/h beschleunigt werden. Die Reisezeit für eine Strecke von 900 Kilometern, zum Beispiel von Berlin nach Paris, beträgt dadurch nur noch 55 Minuten. Derzeit arbeitet eine Reihe von Unternehmen an der Umsetzung des Hyperloops. Die Vision belegt: Wie die Fortbewegung von morgen auch aussehen mag – Stahl spielt dabei eine Schlüsselrolle.

EINBLICKE

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Smarte Produkte

44 % der Kunden beziehen digitale Produkte und Services von der Stahlindustrie.

ALLES AUF DIGITAL Grundstoffindustrie, Produktions- und Informationstechnologien passen zusammen. Dies belegt eine aktuelle Studie im Auftrag der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Das zentrale Ergebnis: Mit der Digitalisierung wächst auch die Bedeutung der Stahlindustrie in den Wertschöpfungsketten in Deutschland.

B

eim europäischen Digitalisierungsgipfel in Tallinn im September waren sich die teilnehmenden Staatsund Regierungschefs einig: Die EU braucht einen digitalen Binnenmarkt und muss sich rund um Bits & Bytes besser aufstellen. In einem gemeinsamen Strategiepapier haben Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland daher unter anderem festgelegt, die Internet-Infra-

struktur schnell auszubauen. Zum Abschluss des Gipfels fand Kanzlerin Merkel deutliche Worte: „Wenn wir den digitalen Binnenmarkt nicht schaffen, werden wir vom Rest der Welt abgehängt.“ Der Eindruck trügt nicht. Der Industry Digitisation Index von Roland Berger zeigt deutlichen Nachholbedarf auf. Die deutschen Unternehmen nutzen aktuell nur 10 Prozent ihres digitalen Potenzials – und damit deutlich weniger als Spitzenreiter USA (18 Prozent) und weniger als der EU-Durchschnitt, der bei 12 Prozent liegt. Wo setzen die Stahlunternehmen aus Deutschland durch die digitale Transformation ihrer Produkte und Prozesse wesentliche Impulse für die industriellen Wertschöpfungsnetze? Dies ist die


Vernetzte Prozesse Digitale Services

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80 %

der Kunden setzen bereits auf smarte Software für effizientere Abläufe.

57 %

der Kunden der Stahlindustrie nutzen bereits digitale Vertriebskanäle.

zentrale Fragestellung einer aktuellen quantitativen und qualitativen Studie der IW Consult. Im Mittelpunkt stand ein Panel mit rund 220 Kunden der Stahlindustrie und 60 Unternehmen der Branche. Das Ergebnis: Stahl ist einer der Wegbereiter für die digitale Transformation. Dazu Dr. Karl Lichtblau, Geschäftsführer der IW Consult: „Die Stahlindustrie treibt die Digitalisierung nicht nur in ihren eigenen Unternehmen voran, sondern setzt auch hier wesentliche Impulse bei ihren Kunden und Lieferanten. Die Stahlindustrie ist ein wesentlicher Akteur bei der Digitalisierung ihres Wertschöpfungsnetzes.“

Die Stahlindustrie als Technologiegeber In den vergangenen Jahren haben die Stahlunternehmen die Digitalisierung

als Wachstumsfeld erkannt und treiben seitdem den Wandel in den eigenen Reihen voran. Derzeit investieren nahezu alle Akteure in diesen Bereich – aus Überzeugung: Vier von fünf Unternehmen der Branche gehen davon aus, dass sich die digitale Transformation positiv auf ihre Wettbewerbsfähigkeit auswirkt. Im Mittelpunkt stehen Prozesse rund um Industrie 4.0, wobei große Player häufig weiter sind als kleine und mittlere Unternehmen. Nach dem eigenen Digitalisierungsgrad gefragt, benennt ihn etwa die Hälfte der Stahlunternehmen als hoch. Das entspricht auch der Einschätzung der Kunden. Die Studie belegt einmal mehr die Bedeutung der Stahlindustrie für die Wirtschaft in Deutschland. So haben die Unternehmen der stahlintensiven Branchen an der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes einen Anteil von 67 Prozent. Dazu zählen Maschinenbau, die Automobilbranche und die Metallerzeugung. Die Studie wirft zudem ein neues Licht auf die Rolle der Stahlindustrie in den Wertschöpfungs- und Wissensnetzen

der deutschen Industrie. Die stahlverarbeitenden Branchen beziehen nicht nur den Werkstoff an sich, sie erhalten auch wertvolle Impulse für Innovationen, wie IW Consult erstmals berechnet hat: Rund 15 Prozent ihrer ursprünglichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) gibt die Stahlindustrie über die Wertschöpfungsketten an andere Branchen des produzierenden Gewerbes ab. „Die Studie belegt einmal mehr die Bedeutung der Stahlindustrie für eine starke Wirtschaft“, sagt Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. „Die Digitalisierung beim Stahl erweitert Innovations- und Wachstumspotenziale bei den Verarbeitern und wirkt damit über die eigenen Werksgrenzen hinaus.“ Für die Entwicklung von Neuerungen verfügen die Stahlunternehmen über ein umfassendes Netzwerk an Forschungsgruppen, Hochschulinstituten und industriellen Partnerschaften. Derzeit kooperiert jedes sechste Unternehmen aus den nachgelagerten Branchen direkt mit der Stahlindustrie.


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„In den nächsten fünf Jahren wird sich die Bedeutung von Smart Products weiter erhöhen.“

Mit Stahl in die digitale Zukunft Von der Stahlindustrie gehen zahlreiche Wachstumsimpulse aus – davon sind auch die Kunden überzeugt. Rund ein Viertel rechnet damit, dass die Stahlindustrie durch die digitale Transformation noch wichtiger wird. In welchen Handlungsfeldern sie zukünftig Digitalisierungspotenziale eröffnet, hat IW Consult wie folgt definiert: Innovationsfähigkeit, Produktportfolio, Wertschöpfungsprozesse, Hybridisierung, Virtualisierung und verkürzte Produktzyklen. Die Studie zeigt, dass sich zunächst die eigene Innovationsfähigkeit durch eine Kooperation mit der Stahlindustrie ausbauen lässt: 38 Prozent der Kunden binden diese bereits heute frühzeitig in ihre FuE-Prozesse ein. Etwa ein Viertel der Kunden plant, die Entwicklungszusammenarbeit in Zukunft noch zu intensivieren.

... entstehen durch digitale Produkt- und Prozessbilder.

... erhöht die Effizienz und lässt neue Geschäftsmodelle entstehen.

Verkürzte Produktzyklen

Virtualisierung

... führt zu mehr Lösungsangeboten für nachgelagerte Branchen.

Hybridisierung

Dr. Karl Lichtblau

Zweitens erweitern Unternehmen ihr Produktportfolio durch digitale Komponenten aus der Stahlindustrie, die Hersteller und Kunden besser vernetzen. Die sogenannten Smart Products liefern Daten, die sich in Echtzeit auswerten lassen und Produktionsprozesse optimieren. So ermöglichen Sensoren in Stahlkomponenten von Windrädern zum Beispiel, vorausschauend zu warten – das heißt einzugreifen, bevor ein Teil verschlissen ist. „43 Prozent der Kunden der Stahlindustrie beziehen bereits digitale Komponenten von der Stahlindustrie“, sagt Dr. Karl Lichtblau. „In den nächsten fünf Jahren wird sich die Bedeutung von Smart Products weiter erhöhen.“

Innovationsfähigkeit

... wird durch Kooperationen bei der digitalen Transformation erhöht.

Produktportfolio Portfolio

WertschöpfungsProzesse

... der Stahlabnehmer wird durch digitale Komponenten aus der Stahlindustrie erweitert.

... werden durch Echtzeitvernetzung optimiert und beschleunigt.


Schnell und vorausschauend Wenn der Kunde sein Stahlprodukt für das Windrad auch noch bequem im Internet bestellen und bis zur Auslieferung nachverfolgen kann, dann ist das – drittens – ein Beispiel für die Optimierung von Wertschöpfungsketten und die Beschleunigung von Prozessen. Vor allem im Einkauf, in der Logistik und der Vermarktung lassen sich zahlreiche Vorteile nutzen. In den vergangenen Jahren haben sich einige Online-Plattformen für den Stahlhandel etabliert. Etwa 57 Prozent der Kunden der Stahlindustrie nutzen die neuen Vertriebskanäle bereits. Würde der Hersteller der Windradstahlkomponente nun auch noch anbieten, die Daten zu analysieren, wäre dies ein gutes Beispiel für das Digitalisierungsfeld vier, die Hybridisierung. Produkte und Services werden gebündelt als Komplettlösung entwickelt. Bereits heute nutzen rund 44 Prozent diese Angebote. In Zukunft wird rund ein Fünftel noch intensiver auf diese zurückgreifen. Könnte bei unserem Beispiel der Kunde anhand einer App Simulationen vornehmen und auswerten, käme Punkt fünf zum Tragen: die Virtualisierung. Datenmodelle und Algorithmen helfen, Prozessketten in Echtzeit zu verbessern. Ein Zukunftsmodell für die Stahlbranche, denn rund 80 Prozent der Kunden setzen bereits auf smarte Software für effizientere Abläufe. All diese neuen Tools sorgen – sechstens – dafür, dass sich Produktzyklen verkür­ zen. Denn heute ist es nicht mehr nötig, das Windrad als realen Prototyp herzu­ stellen. Ob es den Erwartungen der Kunden entspricht, verdeutlicht ein digitales Modell schneller und ökonomischer.

Chancen nutzen Die sechs Wachstumstreiber der Stahl­ industrie zeigen: Die Chancen durch die Digitalisierung sind groß – müssen aber auch genutzt werden. Daher erfordert es in den Unternehmen die entsprechenden Ressourcen mit Investi-

tionen in Infrastruktur und Fachkräfte. Die digitale Transformation bedeutet häufig zudem nicht weniger als einen Kulturwandel. Nur mit Aufgeschlossenheit für neue Technologien und unternehmensübergreifende Netzwerke lassen sich die Potenziale gewinnbringend nutzen. Darüber hinaus ist auch die Politik gefragt. Forschungscluster benötigen die entsprechende finanzielle Rückendeckung, um speziell kleine und mittelständische Unternehmen der Branche zu unterstützen. „Wir fordern außerdem einheitliche Industriestandards auf europäischer und internationaler Ebene“, so Hans Jürgen Kerkhoff. „Denn diese bilden die Grundlage, damit eine unternehmensübergreifende Vernetzung der Wertschöpfungsketten gelingt.“ Von Rahmenbedingungen wie diesen profitiert nicht nur die Stahlindustrie, sondern auch die gesamte deutsche und europäische Wirtschaft. Wie wichtig es hier ist, gegenüber Ländern wie China und den USA aufzuholen, hat nicht zuletzt der Digital-Gipfel in Tallinn gezeigt.

Über die Studie Unter dem Titel „Potentiale des digitalen Wertschöpfungsnetzes Stahl“ hat die IW Consult in einer aktuellen Studie die Digitalisierungsimpulse untersucht, die von der Stahlindustrie für die deutsche Wirtschaft ausgehen. Dafür wählte das führende Marktforschungsunternehmen eine breite Methodenmischung aus umfassender Fachliteraturanalyse, Experteninterviews und einer repräsentativen Befragung unter rund 220 Kunden und 60 Unternehmen der Stahlindustrie. Das Ergebnis: Die Stahlbranche ist als Technologiegeber ein Wegbereiter für die Digitalisierung ihres Wertschöpfungsnetzwerks.

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KLARTEXT „DEN DIGITALEN WANDEL UNTERSTÜTZEN“ Die Digitalisierung gilt zugleich als eine der größten Chancen und eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Wie ist die deutsche Industrie hier aufgestellt und wie wird sich Industrie 4.0 auf die nationalen und internationalen Wirtschaftsbeziehungen auswirken? – Darüber haben wir mit Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), gesprochen.

Die Digitalisierung hat längst die Industrie erreicht. Wie gut sehen Sie das produzierende Gewerbe und, im Besonderen die Stahlindustrie, hier aufgestellt? Deutschland hat mit Industrie 4.0 ein gutes Konzept für die digitale Transformation. Die vergangene Hannover Messe hat die Bedeutung von Industrie 4.0 gezeigt. Die Hallen waren voll mit digital vernetzten Maschinen und Anlagen, Sensoren zur Datenerfassung und Robotern. Auch die Stahlindustrie treibt den digitalen Wandel voran. Jedes siebte Unternehmen der Stahlindustrie investiert mehr als sechs Prozent seines Umsatzes in die digitale Transformation, in fünf Jahren wird es jedes dritte Unternehmen sein. Insgesamt ist auf dem Gebiet aber noch Luft nach oben. Im erstmals erhobenen Digitalisierungsindikator von BDI und acatech liegt Deutschland deutlich hinter anderen Industrienationen auf Rang 17. Es gibt zwar reihenweise digitale Vorreiter, doch gerade bei den kleinen Unternehmen und in wenig technologieinten-­ siven Branchen ist die Durchdringung mit digitalen Technologien gering. Was sollte die Politik tun, damit die deutsche Wirtschaft beim Thema Digitalisierung nicht abgehängt wird? Die Politik kann keine digitalen Weltmarktführer erschaffen, aber sie kann den digitalen Wandel unterstützen. Indem sie den Ausbau von schnellem Internet vorantreibt, bei der Bildung Weitblick zeigt, die Rahmenbedingungen für Wagniskapital verbessert und beim E-Government endlich ein gutes Beispiel gibt. Die wichtigste Aufgabe der Politik ist es aber, die Chancen der Digitalisierung in den Vordergrund zu stellen. Sie darf sich nicht dazu verleiten lassen, mögliche Risiken durch ausufernde gesetzliche Vorschriften begrenzen zu wollen. Deutschland kann

bei der Digitalisierung nur vorne mitspielen, wenn sich digitale Innovationen frei entfalten können. Welches Potenzial sehen Sie, wenn Sie an eine digital vernetzte Produktion denken? Wohin geht die Reise in den nächsten 20 Jahren? Die Möglichkeiten von Industrie 4.0 lassen die Herzen vieler Ingenieure höherschlagen. Da alles, was im und um das Unternehmen passiert, digital erfasst wird, können Prozesse viel schlanker und flexibler gestaltet werden. Zudem ermöglicht Industrie 4.0 eine engere Verbindung zum Kunden. Früher war die Beziehung zum Kunden mit dem Verkauf eines Produktes häufig abgeschlossen. Im Zeitalter der digitalen Vernetzung fängt die Beziehung zum Kunden erst nach dem Verkauf richtig an. Zukünftig kann ein Unternehmen nachvollziehen, wie und in welchem Umfang der Kunde ein Produkt nutzt – vorausgesetzt, er darf auf die Daten zugreifen. Diese Kenntnis ist wertvoll, um die eigenen Produkte noch genauer an die Kundenbedürfnisse anzupassen und neue Geschäftsmodelle anzubieten. Inwieweit wird sich dadurch die Rolle der deutschen Industrie in der Welt verändern? Ich bin zuversichtlich, dass die deutsche Industrie ihre Spitzenposition halten kann. Die Voraussetzungen sind hervorragend. Aber die Industrie muss sich auch ein Stück weit neu erfinden. Viele Unternehmen sehen sich als Anbieter von Produkten und nicht als Anbieter digitaler Dienstleistungen. Dabei ist es die Kombination aus beidem, die Industrie 4.0 so spannend macht. Zum Beispiel hat ein Pumpenhersteller eine App entwickelt, die anhand der Motorengeräusche erkennt, ob eine Pumpe sparsam läuft. Solche Dienstleistungen ergänzen die Produktpalette von Unternehmen perfekt, ihre Entwicklung setzt aber auch eine Menge IT-Know-how voraus. Das müssen sich die Unternehmen schnellstmöglich aneignen.


Bereits heute ist es für viele Industrie-Unternehmen schwierig, die passenden Fachkräfte zu finden. Welche Schlüsselqualifikationen sollten Fachkräfte künftig mitbringen und wie können sie vermittelt werden? Der Fachkräftemangel wird im Zuge der Digitalisierung weiter zunehmen. Das mangelnde Know-how der Mitarbeiter landet bei Unternehmensumfragen zu den größten Digitalisierungshemmnissen regelmäßig auf dem ersten Platz. Es muss ja nicht gleich jeder Informatiker sein, aber ein gewisses Grundverständnis für digitale Technologien ist zukünftig überall gefordert. Das gilt für den Arzt genauso wie für die Versicherungskauffrau. Digitale Kompetenz muss es frühzeitig in allen Bildungsstufen geben, von der Kita bis zur Berufsschule. Vor allem müssen Lehrer dazu befähigt werden, digitale Kompetenzen zu vermitteln. Leider sind es meist die Schulen, die sich als Letztes digitalisieren – das ist aus meiner Sicht unverantwortlich.

Ergänzen Sie zum Abschluss bitte folgenden Satz: Stahl trägt die deutsche Wirtschaft, weil ... ... er unverzichtbar ist für die Entwicklung, für die Produktion und den Export von Produkten, Maschinen und Technologien Made in Germany. Als Teil der klassischen Rohstoffe ist Stahl in Maschinen verbaut, mit denen Zukunftstechnologie im Industrieland Deutschland hergestellt wird. Darüber hinaus wird er für die Produktion von Elektromotoren gebraucht oder bei der Montage von Photovoltaikanlagen. Damit bildet Stahl den Teil des Gerüsts, das die deutsche Wirtschaft trägt und auf das die deutsche Wirtschaft aufbaut.

„Deutschland hat in der Digitalisierung noch Luft nach oben.“ Dieter Kempf

Zur Person: Prof. Dieter Kempf studierte Betriebswirtschaftslehre in München. 1991 stieg er beim IT-Dienstleister DATEV ein, dessen Vorstandsvorsitzender er von 1996 bis 2016 war. Von 2011 bis 2015 führte Kempf den IT-Branchenverband BITKOM. Seit Januar 2017 ist er Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie.

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MUTIGE POLITIK FÜR EINE ZUKUNFT MIT STAHL Die Stahlindustrie in Deutschland ist Spitze bei Innovationen, Effizienz und Umweltschutz. Aber Dumping-Importe, zunehmender Protektionismus und einseitige klimapolitische Belastungen gefährden ihre internationale Spitzenposition. Die neue Bundesregierung kann Politik so gestalten, dass sie wieder mit der industriellen Wirklichkeit vereinbar ist. Fünf Anliegen, damit der Stahlstandort weiterhin international wettbewerbsfähig und eine tragende Säule unserer Wirtschaft bleibt:

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Energie- und Klimapolitik ohne zusätzliche Belastungen Die Stahlindustrie in Deutschland bekennt sich zu einer Klimaschutzpolitik, die wirtschaftliche, soziale und ökologische Belange gleichermaßen berücksichtigt. Innovative Stähle sparen im Schnitt circa sechsmal so viel CO2 ein, wie ihre Produktion verursacht – beispielsweise in Fahrzeugen und Kraftwerken. Die nationale und europäische Politik muss mit den richtigen Weichenstellungen dafür sorgen, dass solche Beiträge zur Begrenzung von Treibhausgasemissionen auch morgen noch von einer wettbewerbsfähigen Stahlindustrie erbracht werden können. Für den Emissionsrechtehandel bedeutet dies, dass die effizientesten Anlagen nicht mit zusätzlichen Kosten belastet werden und auch die ökologisch sinnvolle Verwertung von Restgasen und Restenergien zur Stromerzeugung von energie- und klimapolitischen Zusatzkosten freigestellt bleiben sollte.


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Nachhaltige Verkehrsträger stärken Bahn und Binnenschiff transportieren große Lasten und Mengen besonders CO2-arm. Die Stahlindustrie in Deutschland setzt auf diese ökologisch vorteilhaften Verkehrsträger und wickelt mit ihnen rund 80 Prozent ihrer Transporte ab. Durch die Reduzierung energiepolitischer Belastungen sowie die Absenkung der Trassenpreise für Schiene und Schifffahrtsabgaben für Flüsse und Kanäle werden Bahn und Binnenschiff gestärkt – für mehr Nachhaltigkeit in Transport und Verkehr.

Protektionismus bekämpfen – fairen Handel schützen Die strukturellen Probleme in der globalen Stahlindustrie sind weiter ungelöst. Dies nehmen Staaten in zahlreichen Regionen der Welt zum Anlass, ihre heimischen Märkte abzuschotten und sich durch unfaire Handelspraktiken wie zum Beispiel Dumping Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Aber Schutzmaßnahmen dürfen nicht protektionistisch sein, sondern sollten streng und konsequent an den Regeln der Welthandelsorganisaton WTO ausgerichtet werden. Die Stahlindustrie in Deutschland setzt sich dafür ein, die globalen Probleme gemeinsam auf internationaler Ebene anzugehen. Die Arbeit im globalen Kapazitätsforum für Stahl der G20 sollte das Ziel haben, marktverzerrende Subventionen weltweit abzubauen.

5 Digitale Transformation – aus Forschung wird Praxis

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Kreislaufwirtschaft für eine nachhaltige Zukunft Stahl ist Spitze im Recycling. Allein in Deutschland werden jährlich rund 22 Millionen Tonnen Stahl wiederverwertet. Bei der Weiterentwicklung der Rechtsetzung zu Kreislaufwirtschaft und Ökodesign sollte daher permanent recycelbaren Materialien wie Stahl ein hoher Stellenwert eingeräumt werden.

Die digitale Transformation der Stahlindustrie ist keine Zukunftsaufgabe mehr. Sie hat längst begonnen und die Branche hat sich dafür gut aufgestellt. Potenziale der Digitalisierung sollten jedoch auch stärker übergreifend für die industriellen Wertschöpfungsketten erschlossen werden. Deshalb sollte neben der Grundlagenforschung auch die anwendungsnahe Forschung Unterstützung erfahren. Nur so können vielversprechende Projekte auch in die Praxis umgesetzt werden.

POLITIK UND WIRTSCHAFT

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WEGBEREITER DER E-MOBILITÄT Ob Antrieb, Energiespeicher oder Ladeinfrastruktur: Der Werkstoff Stahl ist unverzichtbar, um der Elektromobilität zum Durchbruch zu verhelfen.

D

ie Automobilindustrie mit ihren etablierten Wertschöpfungsketten steht vor einem radikalen Wandel. Die gesetzlichen Vorgaben zur Reduzierung der CO2-Emissionen, zunehmende Urbanisierung, wachsendes Verkehrsaufkommen, größeres Umweltbewusstsein und ein sich wandelndes Mobilitätsverständnis erfordern neue Mobilitäts- und Antriebskonzepte. Welche Antriebe die Fahrzeuge der Zukunft bewegen werden – ob Hybrid, rein elektrisch, Brennstoff-

zelle oder mit synthetischen Kraftstoffen aus CO2 betrieben –, ist derzeit noch nicht absehbar und wird auch in den Regionen der Welt unterschiedlich sein. Fest steht jedoch, dass die zunehmende Elektrifizierung der Fahrzeuge auf dem Weg zu einer emissionsarmen Mobilität weiter fortschreiten und hybrid- und batterieelektrisch angetriebene Modelle weitere Zuwächse erfahren werden.

Stahlinnovationen für den Antrieb „Für den Werkstoff Stahl bedeutet dies große Chancen“, wie Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, betont. Auf den ersten Blick mit einem möglichen rückläufigen Stahlbedarf durch die Abkehr vom klassischen Verbrennungsmotor verbunden, eröffnen elektrisch angetriebene Fahrzeuge für die Stahlanwendung neue und


„Für Elektromobilität sind Stahlinnovationen unverzichtbar.“ Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl

erweiterte Möglichkeiten. „Ohne Stahl­ innovationen wie leistungsfähigere Elektrobandsorten, die den Wirkungsgrad der Antriebe erhöhen, oder weiterentwickelte Stähle für die hoch belasteten Wellen und Lager der Motoren, ist Elek­tromobilität undenkbar. Die Stahlindustrie wird hiermit entscheidende Beiträge zur Verbreitung der Elektrofahrzeuge und zur CO2-armen Mobilität der Zukunft leisten“, erläutert Kerkhoff. Positiv auf den Einsatz von Stahl wirkt sich zudem die Kombination von zwei Antriebskonzepten bei Hybridfahrzeugen aus.

Batterien gut geschützt Doch nicht nur für den Antrieb der Fahrzeuge, auch für die Energiespeicherung ist Stahl unverzichtbar: Feinstbleche mit korrosionsbeständigen Überzügen ummanteln die typischen Lithium-IonenRundzellen, Batteriegehäuse aus hochfesten Stählen schützen im Crashfall die empfindlichen Hochvolt-Batteriepakete. Weiteres Einsatzpotenzial für Stahl besteht im Thermomanagement zur Kühlung beziehungsweise Konditionierung der Batterien. Darüber hinaus wird auch für den dringend erforderlichen Ausbau der Ladeinfrastruktur und intelligenter Stromnetze, der sogenannten Smart Grids, vermehrt Stahl benötigt. Mit der zunehmenden Vielfalt der Antriebsvarianten – Volkswagen bietet seinen Golf beispielsweise auf dem europäischen Markt derzeit als Benzin-, Diesel-, Erdgas- und Plug-in-HybridVariante sowie mit rein elektrischem Antrieb an – wachsen auch die Anforderungen an die Fahrzeugarchitektur. Die Integration zusätzlicher Komponenten stellt erhebliche Herausforderungen an Package, Crashsicherheit, elektromagnetische Abschirmung und Leichtbau der Fahrzeuge. In Karosserie und Fahrwerk wird der Einsatz hoch- und höchstfester Sorten demensprechend weiter steigen.

Es wird prognostiziert, dass ihr Anteil von derzeit durchschnittlich 15 Prozent im Gesamtfahrzeug auf bis zu 40 Prozent im Jahr 2030 zunimmt, so ein Bericht des Beratungsunternehmens McKinsey.

Leichtbau neu bewertet Positive Auswirkungen auf den Stahleinsatz in Karosserie und Fahrwerk dürfte auch eine veränderte Bewertung des Leichtbaus haben. Leichtbau ist für Fahrdynamik und Fahrsicherheit weiterhin unverzichtbar, um das Zusatzgewicht der bis zu 400 Kilogramm schweren Batterien zu kompensieren. Mit zunehmender Elektrifizierung der Antriebe sinken die nutzungsbedingten CO2-Emissionen der Fahrzeugflotten. „Gleichzeitig wird sich der Fokus bei der

ökologischen Bewertung der Fahrzeuge künftig stärker auf den gesamten Lebenszyklus richten. Stahl hat hier durch den geringen Energiebedarf bei der Herstellung sowie seine unbegrenzte Recyclingfähigkeit entscheidende Vorteile im Wettbewerb mit anderen Werkstoffen“, führt Kerkhoff weiter aus. Für die Automobilhersteller reduziert sich so die Notwendigkeit, kostenintensive Leichtbaulösungen mit anderen Werkstoffen einzusetzen, womit ein wesentlicher Kostentreiber neben den Batterien und Hybridsystemen entfällt. Stahl ist also nicht nur technologisch für die Marktdurchdringung der Elektromobilität unverzichtbar, sondern trägt auch dazu bei, dass sie für die Autofahrer bezahlbar wird.

Kompakte Hybridmodule aus Stahl ermöglichen die effiziente Kombination von Verbrennungs- und Elektromotor

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SERIE: BOTSCHAFTER FÜR STAHL Die Liebherr-Werk Ehingen GmbH

Große Lasten hochheben – für die Mobil-, Gittermastund Raupenkrane aus dem Liebherr-Werk in Ehingen an der Donau kein Problem. Der zu den weltweit größten zählende Baumaschinenproduzent setzt auf hochwertige Stähle aus Deutschland, die eine enorme Belastbarkeit der Krane bei gleichzeitig geringem Eigengewicht ermöglichen.

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ls sich Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg noch im Wiederaufbau befand, hatte der Bauunternehmer Hans Liebherr eine Idee, die die Art und Weise, Gebäude in besonders dicht besiedelten Gebieten zu bauen, maßgeblich verändern sollte. Gemeinsam mit Konstrukteuren und Handwerkern erfand er 1949 den ersten mobilen Drehkran. Der Vorteil: Das Modell mit der Bezeichnung TK 10 ließ sich leicht transportieren und vor Ort aufbauen. Noch im selben Jahr eröffnete Liebherr die erste Produktionsstätte in Kirchdorf und machte das einstige Bauunternehmen zu einem Baumaschinenhersteller, der weltweit für Innovation und Qualität geschätzt wird. Bis das Werk in Ehingen eröffnete, dauerte es noch weitere 20 Jahre. Liebherr profitiert zu dieser Zeit von vollen Auftragsbüchern und exportiert Krane in die ganze Welt. Die angeschlossene Forschungsund Entwicklungsabteilung sorgt seit nunmehr fast 50 Jahren für immer neue Modelle mit steigenden Traglasten in den unterschiedlichsten Einsatzgebieten. Seit den 1990er-Jahren spielt auch das Thema Leichtbau eine zunehmende Rolle.


Mit Stahl hoch hinaus Immer höhere Bauwerke und schwer zugängliche Baustellen. Für den Kranhersteller aus Baden-Württemberg kommen ständig neue Herausforderungen hinzu. Diese lassen sich mit Ingenieur-Know-how und Stählen, die den hohen Anforderungen gerecht werden, bewältigen. Besonders hochfeste Stähle leisten einen entscheidenden Beitrag für Krane, die hohe Traglasten stemmen können, jedoch nicht zu dem Preis eines höheren Gewichts. „Grundlage für die Fortschritte in der Krantechnik ist besonders die intensive Forschung an immer noch festeren Feinkornbaustählen, in Kooperation mit unseren Stahllieferanten und diversen Forschungsinstituten“, erklärt Joachim Henkel, Abteilungsleiter Statik.

Höchste Qualität der Stahlprodukte An der Erfolgsgeschichte Made in Germany des Baumaschinenherstellers haben die Werkstofflieferanten einen großen Anteil. Die Grundlage für die hochbelastbaren Stahlsorten wird bereits in der Rohstahlerzeugung gelegt. Weiteren entscheidenden Einfluss auf die Eigenschaften des Werkstoffs haben auch der Wärmebehandlungs- und Walzvorgang. Die einzelnen aufeinander abgestimmten Prozessschritte sorgen für Stahlerzeugnisse, die den Anforderungen des innovativen Kranbaus in Sachen Festigkeit, Zähigkeit, Gewicht und Schweißbarkeit gerecht werden. „Qualität ist das A und O, wenn es um Stahl geht. Allein daher schätzen wir die langfristigen Partnerschaften mit unseren Lieferanten“, betont Stefan Dambacher, Leiter Einkauf. „Da gehen wir keine Kompromisse ein.“

Zukunft Leichtbau Wie bei anderen Fahrzeugen auch, spielt geringeres Gewicht eine immer größere Rolle. „Be­ sonders wegen des Umweltschutzes lohnen sich die Bemühungen, unsere Krane immer leichter zu bauen“, so Bernd Boos, Konstruktionsleiter Tele­ skopkrane. „Schließlich bedeutet weniger Eigengewicht zum Beispiel einen geringeren Kraftstoffverbrauch und höhere Traglasten. Das freut den Kunden – auch im Hinblick auf die Kosten.“ Welche Fortschritte bezüglich des Gewichts und der Traglast in den vergangenen Jahren erreicht wurden, zeigt sich am Beispiel moderner Gittermastkrane. Diese besitzen heute das Mehrfache an Tragfähigkeit im Vergleich zum Eigengewicht

Zum Unternehmen: Die Liebherr-Werk Ehingen GmbH mit Sitz in Ehingen an der Donau gehört zur Liebherr Firmengruppe, die in weiteren Geschäftsfeldern aktiv ist. Mit einem Weltmarktanteil von 45 Prozent bei All-Terrain-Kranen und einem Umsatz von 1,7 Milliarden Euro jährlich zählt das Unternehmen zu einem der größten Kranlieferanten der Welt. Auf dem 850.000 Quadratmeter großen Werksgelände fertigen rund 3.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 1.400 Krane pro Jahr.

der Tragkonstruktion und können Lasten über 3.000 Tonnen heben. Das entspricht dem Gewicht von acht Flugzeugen des Typs Airbus A380.

Große Fertigungstiefe bei zahlreichen Komponenten Die Qualität des Vormaterials ist für Liebherr von entscheidender Bedeutung. Großen Wert legen die Baden-Württemberger neben immer neuen Produktinnovationen auch auf selbst entwickelte Verarbeitungstechnologien und eine hohe Ferti­ gungstiefe innerhalb der Firmengruppe. So vertraut Liebherr etwa bei der Fertigung von Dieselmotoren, Hydraulikkomponenten und weiterer Antriebstechnik den konzerneigenen Komponentenherstellern. „So können wir unseren eigenen hohen Anforderungen gerecht werden“, erklärt Dambacher. Dass Kranbau der Marke Liebherr eine Erfolgsgeschichte Made in Germany ist, zeigt auch eine beeindruckende Zahl: Weltweit sind rund 30.000 Mobilkrane aus dem Werk in Ehingen im Einsatz. Und damit auch Stahl aus Deutschland.

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INNOVATIONEN AUS STAHL WERDEN AUSGEZEICHNET! Gute Ideen schaffen den Sprung ins Licht der Öffentlichkeit leichter, wenn ihnen eine Bühne zur Präsentation geboten wird. 2018 heißt es daher zum elften Mal: Bühne frei für innovative Produkte aus Stahl beim Stahl-Innovationspreis. Der Wettbewerb war bereits für viele Preisträger der Beginn einer Erfolgsgeschichte.

Hoch hinaus. Der Verkauf der Treppeninnovation „cut it!“ floriert seit der Auszeichnung mit dem Stahl-Innovationspreis 2015.


„Wir optimieren die ausgezeichnete Kolbengeneration fortlaufend – zum Beispiel erhöhen wir den Wirkungsgrad durch eine modifizierte Verbrennungsmulde und verringerte Reibung. Die neuen Hightech-Kolben sind Bestandteil aller Dieselmotorisierungen der neuen Mercedes Motorenfamilie und werden derzeit für weitere Baureihen ausgerollt.“ Dr. Torsten Eder, Leiter des Kompetenzcenters Grundmotor, Daimler AG

Kleiner und doch höher belastbar. Im Vergleich zu einem Kolben aus Aluminium ermöglicht die höhere Festigkeit des Stahls eine um 30 Prozent geringere Bauhöhe (Preisträger 2015)

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eit 1989 zeichnet die Stahlindustrie in Deutschland alle drei Jahre herausragende Innovationen mit dem Stahl-Innovationspreis aus. Der Wettbewerb stellt die Innovationskraft der Stahlanwender heraus, bietet neuen Ideen rund um den Werkstoff eine Bühne und ist einer der führenden Innovationspreise in Deutschland. Mehr als 550 Projekte wurden von Ingenieuren, Architekten, Designern, Handwerkern, Forschern und Erfindern für den Stahl-Innovationspreis 2018 eingereicht.

„Der Stahl-Innovationspreis zeigt, dass wir mit unserer Idee fachkundige Juroren überzeugen konnten. Überrascht waren wir über das, was danach kam. ,cut it!‘ erhielt große mediale Aufmerksamkeit, es folgten weitere Design-Auszeichnungen, die Treppe wurde ,Treppe des Jahres 2016‘.“ Margit Spitzbart, Spitzbart Treppen

Vier Kategorien und ein Sonderpreis Um der großen Anwendungsvielfalt von Stahl zu entsprechen, wird der Stahl-Innovationspreis in vier Kategorien ausgeschrieben: „Produkte aus Stahl”, „Stahl im Bauwesen”, „Stahl-Design” und „Stahl in Forschung und Entwicklung”. In allen Kategorien werden jeweils drei Preise vergeben. Mit dem Sonderpreis „Klimaschutz und Ressourceneffizienz“ wird zusätzlich die Innovation ausgezeichnet, die durch Verwendung von Stahl dazu beiträgt, Energie und Material einzusparen. Der Stahl-Innovationspreis 2018 steht unter der Schirmherrschaft von Arndt G. Kirchhoff, KIRCHHOFF Automotive Holding GmbH & Co. KG. Der Jury gehören Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Bauwesen und Design an. Die Auszeichnung der Gewinner des Stahl-Innovationspreises 2018 erfolgt am 13. Juni im Rahmen des Berliner Stahldialogs. __________________________________________ Anmeldung zum Berliner Stahldialog mit Verleihung des Stahl-Innovationspreises 2018 ab Ende April möglich. Weitere Informationen unter: www.stahl-innovationspreis.de

S TA N D O R T U N D B R A N C H E

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STAHL 4.0 Vernetzte Produktion, optimale Arbeitssicherheit und umfassender Kundenservice: Industrie 4.0 eröffnet vielfältige Möglichkeiten. Wie stahlproduzierende Unternehmen bereits heute digitale Lösungen umsetzen und damit Barrieren überwinden, zeigen die folgenden Beispiele.

Big Data trifft Big Steel Mehr als 100 Terabyte Prozessdaten – so viele Informationen verarbeitet die Saarstahl AG mit Hauptsitz in Völklingen jährlich. Um die Wertschöpfungspotenziale der gigantischen Datenmengen, die bei der Produktion von Stahlprodukten anfallen, zu erschließen, setzt das Unternehmen auf ein Pilotprojekt namens „iPRODICT“. Dabei analysieren Sensoren im Völklinger Walzwerk in Echtzeit Produktionsdaten und erstellen daraus intelligente Prozessprognosen. So lassen sich beispielsweise Abläufe automatisiert steuern, Wartungsarbeiten vorausschauend planen und Produktionskapazitäten optimal nutzen. „Ziel von iPRODICT ist es, das zur Produktionsüberwachung eingesetzte Sensornetzwerk mit der betriebswirtschaftlichen Ebene zu verbinden“, sagt Dr. Björn Stahmer, Leiter IT bei der Saarstahl AG. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und dem Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS).

Verzahnung auf allen Ebenen Das Warmbandwerk der thyssenkrupp Hohenlimburg GmbH in Hagen hat sich auf vernetzte Kunden- und Zuliefererbeziehungen spezialisiert. Beim westfälischen Bandstahl-Hersteller geben Kunden ihre Aufträge direkt in das IT-System ein und legen den Zeitpunkt der Ausführung fest. Auch Änderungen der Materialeigenschaften sind dank solchen horizontal integrierten Prozessen flexibel möglich. Zugleich steuert thyssenkrupp Hohenlimburg durch direkte Vernetzung die Belegung der Stranggießanlage seines VormaterialLieferanten Hüttenwerke Krupp Mannesmann in Duisburg. Die vertikale Verknüpfung von kaufmännischen, administrativen und technischen Daten optimiert Abläufe über Unternehmensgrenzen hinweg und spart Lagerkosten. Voraussetzung dafür sind innovative digitale Anwendungen: „Horizontale und vertikale Integration stellen eine große technologische Herausforderung dar, die wir zusammen mit unseren Partnern aus der Soft- und Hardwarebranche gemeistert haben“, sagt Ulrich Schneppe, Leiter IT bei thyssenkrupp Hohenlimburg.


I N N O VAT I O N U N D W I S S E N

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Datenbrille für die intelligente Fabrik Lieferkette aus einem Guss E-Business-Lösungen für Stahl stehen bei ArcelorMittal im Fokus. Dank der vollständig digitalisierten Lieferkette haben Kunden jederzeit Zugriff auf alle Informationen zu ihrem Auftrag. Über die Plattform „SteelUser“ lassen sich zum Beispiel Bestellungen online nachverfolgen und Rechnungen abrufen. „Mehr als 89 Prozent unserer Kunden benutzen SteelUser täglich und mehr als die Hälfte setzen bereits unser elektronisches Rechnungssystem ein“, so Marc Billant, Leiter für kommerzielle Digitalisierung bei ArcelorMittal Europe – Flat Products. Mit der App „Track & Trace“ ist auch eine mobile Sendungsverfolgung möglich. Wenn es darum geht, das geeignete Stahlprodukt für einen Auftrag auszuwählen, bietet die Anwendung „SteelAdvisor“ technischen Support. Die digitalen Lösungen tragen dazu bei, den Austausch mit den Kunden zu beschleunigen, das Fehlerrisiko zu minimieren und Verwaltungskosten zu senken.

Mehr Sicherheit und optimierte Abläufe im Arbeitsalltag – dafür hat die GESIS Gesellschaft für Informationssysteme mbH, ein Tochterunternehmen der Salzgitter AG, eine smarte Schutzhelmbrille entwickelt. Das „HelmetGlass“ stellt Mitarbeitern in der Produktionshalle über eine Bluetooth-Schnittstelle alle notwendigen Informationen über ihr Arbeitsumfeld zur Verfügung. So werden etwa Gefahrenquellen, die sich außerhalb des Blickwinkels befinden, direkt in das virtuelle Sichtfeld des Nutzers eingeblendet. Zudem zeigt die Datenbrille eine Liste der abzuarbeitenden Arbeitsschritte oder wichtige Anlageneigenschaften wie den Walzenzustand an. Für technische Rückfragen bei der Installation oder Instandhaltung verbindet sich der Mitarbeiter vor Ort per Audiound Videochat mit einer Fernwartungszentrale, die ihn durch die Bedienung führt. Somit verbindet sie die Vorteile vor analogen und digitalen Lösungen optimal.


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HOFFNUNGSTRÄGER STAHL

agnenmotiv Kurzfilme zu jedem Kamp nen unter und weitere Informatio -alle.de www.stahl-traegt-uns

Von der Wirtschaft über die Energiewende bis hin zur Infrastruktur – welche wichtige Rolle der Werkstoff Stahl für die gesellschaftlichen Herausforderungen von morgen spielt, zeigt die aktuelle Kampagne „Stahl trägt uns alle“.

Stahl trägt uns alle. Auch morgen noch?

Stahl trägt uns alle. Auch morgen noch?

Vielseitig: Die Stahlindustrie in Deutschland ist spitze bei Innovationen, Effizienz und Umweltschutz. Doch DumpingImporte, Protektionismus und eine einseitige Klimapolitik in Europa gefährden den Stahlstandort. Faire Wettbewerbsbedingungen sind deshalb unabdingbar, um auch künftig die Stahlproduktion in Deutschland zu sichern.

Die Stahlindustrie in Deutschland ist Spitze bei Innovationen, Effizienz und Umweltschutz. Dumping-Importe, zunehmender Protektionismus und einseitige klimapolitische Belastungen gefährden den Stahlstandort. Deshalb brauchen wir faire Wettbewerbsbedingungen, um auch morgen noch nachhaltig Stahl in Deutschland produzieren zu können.

STAHL TRÄGT UNS ALLE. Mehr erfahren: www.stahl-traegt-uns-alle.de

Die Stahlindustrie in Deutschland

// Nikolaus Henrici, Steuermann Walzstraße

Stahl trägt unsere Wirtschaft. Wenn der Wettbewerb fair ist. Stahlunternehmen in Deutschland sind innovativ, sie produzieren effizient und nachhaltig. So sind sie im internationalen Wettbewerb gut aufgestellt. Dumping-Importe, zunehmender Protektionismus und einseitige Energie- und Klimapolitik in Europa benachteiligen die Stahlindustrie massiv und gefährden Arbeitsplätze.

STAHL TRÄGT UNS ALLE. Mehr erfahren: www.stahl-traegt-uns-alle.de

Die Stahlindustrie in Deutschland

// Kerstin Wrede, Ingenieurin Prozess-Technologie

Stahl trägt die Wirtschaft Stahlunternehmen in Deutschland sind innovativ, sie produzieren effizient und nachhaltig. So sind sie im internationalen Wettbewerb gut aufgestellt. Doch zunehmend unfaire Rahmenbedingungen bedrohen die deutsche Stahlindustrie massiv und gefährden Arbeitsplätze. Bis 2030 drohen der Branche dadurch Kosten in Milliardenhöhe.


Stahl trägt den Umweltschutz

Stahl ist nicht gleich Stahl. Fragen Sie die Umwelt. Die Stahlindustrie in Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten Maßstäbe bei Umweltschutz und Nachhaltigkeit gesetzt. Stahl garantiert perfekte Kreislaufwirtschaft mit hoher Recyclingquote und ressourcenschonenden Herstellungsverfahren.

STAHL TRÄGT UNS ALLE. Mehr erfahren: www.stahl-traegt-uns-alle.de

Die Stahlindustrie in Deutschland

// Frank Windisch, Ingenieur Anlagenzentrale

Stahl sichert Zukunft. Auch bei der Energiewende. Die Stahlindustrie in Deutschland verfügt über die weltweit effizientesten Anlagen. Rund die Hälfte ihres Stroms erzeugen die Stahlwerke heute selbst. Windräder und andere Anlagen aus Stahl bringen die Energiewende zum Laufen und sorgen für eine nachhaltige Zukunft der Energieversorgung.

STAHL TRÄGT UNS ALLE. Mehr erfahren: www.stahl-traegt-uns-alle.de

Die Stahlindustrie in Deutschland

Stahl trägt die Energiewende Saubere Energieerzeugung ist ohne Stahl nicht denkbar: 29.000 Windkraftanlagen aus Stahl bringen die Energiewende hierzulande in Bewegung und ermöglichen nachhaltige Lösungen für die Energieversorgung der Zukunft. Die Stahlindustrie in Deutschland verfügt über die weltweit effizientesten Standorte. Rund 50 Prozent ihres Stroms erzeugen die Stahlwerke bereits selbst.

// Michael Linnepe, Ingenieur Technologie & Innovation

Stahl ist unverzichtbar. Für tragfähige Infrastruktur. Stahl ist Basiswerkstoff für unsere starke deutsche Industrie und sichert rund 4 Mio. Jobs in der gesamten Wirtschaft. Er hat eine tragende Rolle für unsere Infrastruktur. Stahl schafft schnell und langlebig den dringend notwendigen Ersatz von Brücken an Straßen und Autobahnen.

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Die Stahlindustrie in Deutschland

Die Stahlindustrie in Deutschland hat Maßstäbe bei Umweltschutz und Nachhaltigkeit gesetzt. Im Vergleich zu 1990 werden hierzulande bei der Erzeugung einer Tonne Stahl heute rund 20 Prozent weniger CO2 ausgestoßen. Hinzu kommen eine hohe Recyclingquote und ressourcenschonende Herstellungsverfahren: So wird beinahe die Hälfte des produzierten Stahls aus Altprodukten erschmolzen.

// Marcel Ahrens, Mess- und Regelmechaniker

Stahl trägt die Infrastruktur Langlebige Brücken, funktionale Gebäude und innovative Architektur: Die Stahlindustrie ist ein wichtiger Technologiegeber und zuverlässiger Partner für Anbieter von Hightech-Lösungen. Damit schafft Stahl die Voraussetzungen für stabiles Wachstum und sichert rund vier Millionen Arbeitsplätze in Deutschland.

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Stahl - DAS MAGAZIN | 1/2018  

Schwerpunktthema: Die Zukunft ist smart

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