Paracontact_2_2021_d

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MEDIZIN UND WISSENSCHAFT

HILFSMITTEL

Gewusst wie – gekonnt durch den Alltag

Die grösstmögliche Selbstständigkeit im Alltag ist oberstes Ziel für viele Patientinnen und Patienten im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ). Dazu gehört, fehlende Funktionen durch Kompensationstechniken zu ersetzen oder die richtigen Hilfsmittel zu kennen. Von Nathalie Lammers, Sarina Stöckli und Sarah Kleikemper; Therapien SPZ

Wie trage ich den heissen Topf voll Älpler­ magronen vom Kochfeld auf den Esstisch, wenn ich meine Hände doch zum Antreiben des Rollstuhls benötige? Wie schliesse und öffne ich die kleinen Knöpfe meines Hemds, das ich für einen wichtigen Termin tragen muss? Wie bleibe ich Teil der digitalen Welt, wenn mir die Fingerfertigkeit fehlt, um Tastatur und Maus zu bedienen? All diese Gedanken flirren durch die Köp­ fe von Menschen mit einer Para- oder Tetraplegie, die sich in ihrem Rehabilitations­ prozess auf dem Weg zur grösstmöglichen Selbstständigkeit im Alltag befinden. Eine Tetraplegie bedeutet meist auch eingeschränkte Handfunktionen. Je nach Läh­ mungshöhe kann es sein, dass Fingerfunk­ tionen komplett ausfallen. Wie kleine Alltagshilfen eine grosse Wirkung zeigen können, illustriert der fiktive Tagesablauf eines Tetraplegikers. Nützliche Hilfsmittel Für die Morgentoilette kommt die Spitex und hilft mir beim Duschen und Abführen. Trotz dieser Unterstützung bin ich froh, dass ich einen Duschbrausehalter besitze, mit dem ich den Duschkopf selber halten kann. Meine Tetrahandschuhe ermöglichen es mir, dass ich meinen Unterkörper selbstständig anziehen kann. Dazu nutze ich das Gummipad, das sich in der Innenseite der Handflächen befindet, und 18

kann damit die Hosenbeine an meinen Bei­ nen hochstreifen, ohne dass ich die Ho­se greifen muss. Die Tetrahandschuhe sind übrigens auch beim Antreiben des Rollstuhls notwendig, um genügend «Grip» am Greifreifen zu haben. Den Transfer vom Bett in den Rollstuhl führe ich mit meinem Rutschbrett durch, welches mir den Weg in den Rollstuhl wie eine Brücke ebnet. Beim Frühstück bin ich auf meine Tetraschlaufe angewiesen. Ich befestige mein Besteck in der dafür vorgesehenen Plastikhülse und schnalle die Schlaufe um meine Handfläche. Im Schlüs­ selring am Ende des Verschlusses hake ich meinen Daumen ein und schliesse so den Klettverschluss. Teilweise benötige ich da­für aber auch meine Zähne. Manchmal benutze ich auch das Besteck, welches mir meine Ergotherapeutin mit Schienenmaterial angepasst hat. Je nach Mahlzeit ist ein hoher Tellerrand von Vorteil, damit ich das Essen nicht von meinem Teller schie­be. Wenn ich etwas von der Küche zum Esstisch transportieren möchte, nutze ich mei­ nen Knietisch. Diesen habe ich während meiner Reha im SPZ selbst gebaut. Dank der Styroporkügelchenfüllung im Kissen passt sich der Knietisch meinem Schoss an und das Tablett verrutscht beim Fahren kaum.

Am späten Vormittag beantworte ich EMails. Dabei hilft mir meine Tetramaus, mit der ich den Klick mit dem Handballen auslösen kann. Die Sprachsoftware nimmt mir einige unnötige Schritte durch langwierige Menüoptionen ab oder ich kann lange Texte einfach diktieren. Mein Handy befindet sich auf einem kleinen Keil aus Trocellen und ist durch ein Band mit einem Klettverschluss an meinem Bein fixiert. Die Spitex platziert das Handy dort jeden Morgen, damit es für mich in Reichweite ist, wenn ich einen Anruf erhalte. Den An­ ruf nehme ich mit dem Touchpen entgegen, den ich in der Tetraschlaufe befestige. Anschliessend mache ich mich auf den Weg zu meinen ambulanten Therapien. Dafür nehme ich den Zug und lasse mich von meinem Elektrohilfsantrieb ziehen. Die­ser wird einfach mit Klemmen an den Rohren von meinen Fussrasten befestigt. Die besonders geformten Schrauben er­ mög­lichen es mir, dass ich den Elektrohilfsantrieb auch ohne fremde Hilfe an meinem Rollstuhl befestigen kann. Ich überprüfe in der SBB-App, welche Verbindungen einen barrierefreien Zugang haben und wo ich eine Voranmeldung machen muss, damit mir jemand beim Ein- oder Aussteigen hilft. Manchmal bin ich auch mit meinem angepassten Auto unterwegs. Da nutze ich das integrierte Rutschbrett für den Transfer und verlade den Rollstuhl mit Paracontact I Sommer 2021


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