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SWISS START-UPS JUNG-UNTERNEHMER VERÄNDERN DIE WELT

DROHNEN

DER HIGHSPEED-SPORT: WER BLINZELT, VERLIERT

SMART CITY

DIE INTELLIGENTE STADT VON MORGEN

E-CAR-CHECK WAS WELCHE MARKE AM BESTEN KANN

AUSGABE SCHWEIZ

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FUTURE-RACING 20.000 U/MIN, 4000 SMARTPHONE-AKKUS, KEIN GETRIEBE:

WELTMEISTER SÉBASTIEN BUEMI ERKLÄRT UNS SEINEN FORMULA-E-BOLIDEN

ETH ZÜRICH MEDIZIN

SO HEILEN WIR UNS IM JAHR 2050

MENSCH UND MASCHINE WAREN SICH NIE SO NAH

ROBOTICS


LEADER INSPIRIEREN IHRE VERFOLGER. DER BMW i8.


EDITORIAL

T H E R E D B U L L E T I N I N N O V AT O R

CONTRIBUTORS

ARNOLD PÖSCHL

Der freie Fotograf aus Klagenfurt in Österreich ist Kleinstadtliebhaber, Wassersportler und Spezialist für Reportagen, Foodfotografie und Porträts. Das Shooting unserer Drone-RacingStory hatte es in sich. „Es war herausfordernd, einen ScienceFiction-Look rund um die Drohne zu generieren.“ SEITE 56

NINA VETTERLI-TREML

Sie ist Frontfrau der Schweizer Hardrock-Band 69 Chambers und als Motorsportjournalistin für den „Tages-Anzeiger“ oder „20 Minuten“ im Einsatz. Für uns besuchte Nina den Schweizer Automobil-Visionär Frank M. Rinderknecht. Das inspirierende Ergebnis lesen Sie ab SEITE 28.

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In diesem Heft fliegen High-Speed-Drohnen um die Wette, schwimmen Autos unter Wasser, verbessern Smart Cities unser Leben und zeigen Roboter ihre erstaunlichen Skills … kurz gesagt: The Red Bulletin Innovator widmet seine hundert Seiten der aufregenden Vielfalt heutiger und künftiger Technologien – und den visionären Menschen dahinter. Besonderes ans Herz legen wir Ihnen die Story über die derzeit erstaunlichsten Schweizer Startups (Seite 64). Etwa das Unternehmen Nanolive, das mittels eines revolutionären 3D-Mikroskops das Innenleben von Zellen als Video sichtbar macht – in Echtzeit. Oder das Lausanner Start-up Mindmaze, welches mit einem Virtual-RealityReha-System die Heilungschancen teilgelähmter Schlaganfallpatienten massiv erhöht. Und da wäre noch Sébastien Buemi. Der amtierende Champion der Formula E weiht uns exklusiv in die Geheimnisse seines elektrisch betriebenen Dienstfahrzeugs ein (Seite 12). Viel Spaß beim Lesen! Die Redaktion

INNOVATOR

PATRICK GOSLIN, GETTY IMAGES (COVER), SRF/OSCAR ALESIO

ZUKUNFT JETZT!


TOYOTA PRIUS PLUG-IN HYBRID Der Massstab für kompromisslose Effizienz

1,0 L BENZIN- UND 7,2 KWH STROMVERBRAUCH PRO 100 KM

1’500 KM REICHWEITE

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INHALT

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FEATURE Schweizer Stadt der Zukunft Sie sieht, sie hört, sie lebt. Die Smart City macht den urbanen Alltag digitaler, sozialer, ökonomischer – und viel lebenswerter.

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INNOVATOR


T H E R E D B U L L E T I N I N N O V AT O R

BULLEVARD

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Der menschenähnliche Roboter Hybrid-Porsche aus dem Jahr 1900 Wankelmotor reloaded

FEATURES

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Acht goldene Regeln für Start-ups Auto-Designer Frank M. Rinderknecht Drohnen-Race, hautnah E-Motocrossbike im Härtetest

12 36 B U L L E VA R D

F E AT U R E

Stark-Stromer

Unsere maschinellen Freunde

Der amtierende Formula-E-Weltmeister Sébastien Buemi präsentiert uns seinen emissionsfreien Rennboliden.

Sie laufen, fliegen, klettern, kriechen, spielen Hardrock und retten Menschenleben – hier kommen die Stars der Roboterszene.

B U L L E VA R D

F E AT U R E

Fliegen ist das neue Segeln

Start-up-Queen Lea-Sophie Cramer

Foiling revolutioniert den Segelsport: Denn moderne Boote fliegen jetzt über das Wasser. Wir erklären, wie das geht.

Amorelie, der Online-Sexshop der Berlinerin, holt Erotikanbieter aus der Schmuddelecke. Ein Interview über Mut im Business.

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64 F E AT U R E

Innovatoren, „made in Switzerland“ Solar-Unkrautroboter und UnterwasserHerzsensoren? Wir zeigen sieben Produkte der aufregendsten Schweizer Start-ups.

SANDRO BISARO/GETTY IMAGES

SERVICE

84 92 94 96 97 98 INNOVATOR

Das E-Mobility-Best-of Red Bull TV: unbedingt ansehen! Innovative Schweizer Events Kolumne: Andreas Gall Impressum Tech-Highlight

70 F E AT U R E

Was uns morgen gesund macht

Zukunftsszenario: Prof. Dr. Gebhard Schertler, Forscher an der ETH Zürich, über Medizin und Heilmethoden im Jahre 2050.

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VERLEIHT FLÜÜÜGEL – MIT DEM GESCHMACK VON MANDARINE.

NUR FÜRIT. E KURZE Z

BELEBT GEIST UND KÖRPER.


B U L L E VA R D THE FUTURE IS NOW

ERIC VARGIOLU/DPPI

RENNSPORT PUR – UND TROTZDEM COOL FÜR DIE NATUR 2014 ins Leben gerufen, wurde die Formula E anfangs belächelt – doch nur kurz. Das Konzept mit Rennen in Großstädten von New York über Paris bis Berlin, überschaubaren Entwicklungskosten und spannenden Rennen überzeugt immer mehr Hersteller. Renault, Jaguar und Audi sind schon dabei, BMW hat seinen Einstieg in der kommenden Saison verkündet. Champion Sébastien Buemi erklärt uns sein Auto – Seiten 12/13.

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SÉBASTIEN BUEMI

DAS IST MEIN E-AUTO

Der Westschweizer hat in der Saison 2016/17 die Gesamt­ wertung der FIA Formula E gewonnen und führt aktuell schon wieder. Uns zeigt er die Geheimnisse seines Renault e.dams.

GETRIEBE

BATTERIE

ELEKTRONIK

PACKAGING

Überraschung: Wir haben keines! Zunächst sind wir noch mit fünf Gängen gefahren, in der Saison darauf mit zwei, jetzt verzichten wir komplett darauf. Wer nicht zurückschalten muss, kann ständig Energie zurückgewinnen, wenn er nicht beschleunigt. Außerdem macht es das Fahren einfacher. Der Nachteil: Man braucht einen starken, aber auch schweren Motor, um konkurrenzfähig zu sein. Daher fahren manche Gegner mit zwei oder auch drei Gängen.

Wir müssen einheitliche LithiumIonen-Zellen verwenden, 350 Kilo schwer, mit 600 Volt Spannung. Wir haben 28 kWh Energie an Bord, das entspricht 4000 SmartphoneAkkus. Zur Hälfte des Rennens wechseln wir beim Boxenstopp das Auto und fahren mit einem vollgeladenen Zweitwagen zu Ende. Ab nächster Saison ändert sich das: Die neuen Batterien speichern doppelt so viel Energie, wiegen aber nur minimal mehr. Das zeigt den dramatischen Fortschritt in der Akku-Technologie.

Das Herzstück des Autos. Wie bremse und beschleunige ich möglichst schnell und dennoch e∞zient? Wie manage ich die mir zur Verfügung stehende Energiemenge? Wer dieses Thema am besten beherrscht, hat einen großen Vorteil. Das Thema ist sehr komplex und reicht von Start-Software bis zu einem Piep, der mir in den Helm eingespielt wird, damit ich weiß, wann ich das Auto noch vor der Bremsphase auf die Kurve zurollen lassen soll, um Energie zu sparen.

Welche Komponenten befinden sich wo? Bei den Batterien müssen alle Autos baugleich sein, dahinter darf man entwickeln. Das ist gewollt, um sich nicht in Aerodynamik-Auswüchsen wie in der Formel 1 zu ergehen, die mit moderner, e∞zienter Fortbewegung nichts zu tun haben. Wichtiges Thema: Der Inverter, der den Gleichstrom der Batterien in den Wechselstrom für den Motor umwandelt, ist groß und schwer. Neben seiner Qualität ist auch seine Lage im Auto entscheidend.

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PATRICK GOSLING, DEAN TREML/RED BULL CONTENT POOL

WERNER JESSNER

B U L L E VA R D ZUKUNFT: FORMULA E

Sébastien Buemi, 28, stammt aus Aigle in der Schweiz und war drei Jahre Formel-1Pilot bei Toro Rosso. Seit 2012 fährt er für Toyota in der Sportwagen-Serie WEC, seit 2014 auch in der Formula E. Dort ist er aktueller Titelträger.


B U L L E VA R D ZUKUNFT: FORMULA E

Buemis Racer in freier Wildbahn. Pure Renn­Action bei null Schadstoff­ emission.

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FAHRWERK

MOTOR

CHASSIS

Viel Geld und Entwicklungsarbeit fließen in das ideale Zusammen­ spiel von Federn, Dämpfern und Stabilisatoren in Kombination mit Reifendruck, Spur und Sturz. Klas­ sische Rennwagen­Abstimmungs­ arbeit also. Teams, die in der GP2 – der Klasse unter der Formel 1 – gut darin sind, können das auch in der Formula E. Daher hat sich Renault mit dem erfolgreichen DAMS­Team ­ ­Team zusammengetan. Die Michelin­ Reifen sind für alle gleich.

Darf reglementbedingt maximal 200 kW leisten, das entspricht 270 PS. Unser Motor wird von Renault entwickelt. Die Maximal­ drehzahl liegt bei 20.000, das ist mehr als in der Formel 1. Das exakte Drehmoment darf ich nicht ver­ raten, aber wer auf einen Wert von knapp unter 600 Nm tippt, liegt nicht völlig daneben. Das Geheimnis ist ohnehin die Energiee∞zienz: Da liegen wir bei 96 Prozent, also schon sehr nahe am Maximum.

Das Carbon­Chassis von Spark Racing Technology, entwickelt vom italienischen Spezialisten Dallara, ist für alle Teams gleich. Genau wie in der Formel 1 ist es crashgetestet, hat einen seitlichen Kopfschutz und eine elektrische Feuerlöschanlage. Das Auto – 5 Meter lang, 1,8 Meter breit – muss inklusive des Fahrers, also mir, mindestens 880 Kilo wiegen.


DPPI


HIROSHI ISHIGURO

TRÄUMEN IST ZEITVERSCHWENDUNG Das Ziel des Wissenschaftlers Hiroshi Ishiguro: einen menschenähnlichen Roboter konstruieren, in den er sich verlieben kann. Davon zu träumen ist dafür ein ungeeignetes Werkzeug.


JULIE GLASBERG

WOLFGANG WIESER

Hiroshi Ishiguro, 53, ist ein japanischer Robotiker. An der Universität Osaka baut er menschenähnliche Roboter (Androide, Humanoide). 2010 konstruierte Ishiguro einen mechanischen Zwilling, Geminoid HI-1, der statt seiner weltweit Vorträge hält.

the red bulletin innovator: Was haben Sie letzte Nacht geträumt? hiroshi ishiguro: Nichts. Normalerweise träume ich von meiner Arbeit, meinen Projekten, manchmal kriege ich auch Ideen oder grüble über etwas nach, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Der Grund: Ich schlafe nicht sehr tief. Als Kind konnte ich meine Träume noch kontrollieren. Es war wie in einem Theaterstück: Ich erlebte etwas und träumte am nächsten Tag die Fortsetzung davon. Welcher war Ihr Lieblings­ traum als Kind? Ich träumte immer gruselige Dinge – unser Haus brannte, weil ein Feuermonster übers Haus ritt. Und da waren Schlangen – ich stand mitten in einem Haufen Schlangen. Klingt schrecklich. Hatten Sie eine schlimme Kindheit? Ich kenne den Grund nicht. Ich sah Monster, aber zur gleichen Zeit konnte ich ein Superheld sein, der sie vernichtete. Träumten Sie als Kind von einem Roboter als Spiel­ gefährten? Damals haben mich Roboter nicht interessiert. Ich war ein ganz normales japanisches Kind und interessierte mich für Cartoons. Sind Träume ein guter Start, um seine Ziele zu erreichen? Es ist nicht gut, Träumen nachzuhängen, denn einen Traum zu haben heißt, limilimi INNOVATOR

tiert zu sein. Träume sind Zeitverschwendung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn ich ein guter Baseball-Spieler werden will, ist das ein gefähr gefährlicher Traum. Ich konzentriere mich nur auf Baseball und ver verwende das als Ausrede, alles andere zu vernachlässigen, etwa mein Studium. Wenn wir mehr lernen, haben wir am Ende mehr Fähigkeiten und mehr Möglichkeiten. Der Grund, dass ich in der Robotik erfolgreich bin, ist, weil ich keinen klaren Traum habe. Ihr wissenschaftlicher Zugang ist: Ich baue einen Roboter, um die Menschen besser zu verstehen … Ich wollte zuerst Maler werden, Künstler, um die Menschen zu studieren – doch dann habe ich Computerwissenschaft studiert. Ich mache jedoch die gleichen Dinge wie ein Künstler – ich versuche, das Menschliche auf die Roboter zu übertragen wie ein Maler auf die Leinwand. Wie war und ist die Reaktion

B U L L E VA R D FUTURE OF ROBOTS

„ICH BIN ERFOLGREICH, WEIL ICH KEINEN KLAREN TRAUM HABE.“

Ihrer wissenschaftlichen Kollegen auf Ihre Ideen? Durchwegs negativ. Sie sind an mechanischen Robotern interessiert, an Arbeitsmaschinen, nicht an Humanoiden. Enttäuscht Sie das? Ich hatte nie ein Problem damit. Wenn jemand an seine Fähigkeiten glaubt, braucht er sich nicht um andere zu kümmern. Er macht einfach sein Ding. Ihr Ziel ist ein Roboter, der so perfekt ist, dass Sie sich in ihn verlieben können. Das ist möglich. Aber Liebe ist doch eine Emotion zwischen zwei Lebewesen … Das kommt auf die Art der Liebe an – ob es intelligente Liebe ist oder tierische Liebe. Auf einer Skala von 1 bis 100 mit 100 als Maximum: Wo landen Ihre Roboter im Moment im Vergleich mit einem Menschen aus Fleisch und Blut? Das kommt auf die Situation an. Normalerweise bei 10, aber wenn Sie sich etwa einen Rezeptionisten anschauen – das kann ein Humanoide besser. Entscheidender ist die Frage: Was ist Ihre Definition von „menschlich“? Etwa: Menschlich ist ein Wesen, das sich auf spezielle Weise auf sein Gehirn ver­ lassen kann. Ihr Android wird von externen Com­ putern gesteuert. Haben Sie den Ehrgeiz, ein mensch­ liches Gehirn nachzubauen? Meine Antwort lautet ja und nein. Wenn wir einen besseren Humanoiden wollen, müssen wir das Gehirn nachbauen – aber das ist nahezu unmöglich, oder es dauert 100 Jahre. Wenn wir bei unserem Rezeptionisten bleiben: Für seinen Job reicht es, simple Konver Konversation zu machen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch Rezeptionisten brauchen ein Gehirn, aber es muss nicht so flexibel sein. Haben Sie schon einen Roboter als Haushaltshilfe? Meine Frau fragt mich auch immer danach … www.geminoid.jp 17


E L E K T R O M O B I L I TÄT E I N S T

DER PORSCHE, DER ES BIS AUF DEN MOND SCHAFFTE

Lohner-Porsche aus dem Jahr 1901, ein Jahr nach dem Triumph in Paris: ein wunderschönes Auto, das dank komplementärer Farbgebung auch optisch feine Spannung generierte

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ARCHIV FAHRTRAUM.AT WOLFGANG WIESER

Ein Auto, das für Furore sorgte. Das mit Gold ausgezeichnet wurde. Und gleich sein erstes Rennen gewann. Der Lohner-Porsche, das erste Hybridauto der Welt.


B U L L E VA R D FUTURE OF E-MOBILITY

Der Lohner-Porsche war eine Sensation. Von Anfang an: Als er 1900 bei der Weltausstellung in Paris vorgestellt wurde, sorgte er für ungeheures Erstaunen. Und wurde prompt mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Warum? Weil er elektrisch betrieben wurde, mit Motoren, die sich in den Vorderrädern befanden. Der nächste logische Schritt war die Entwicklung zum Hybriden: Die voluminösen Batterien (bis zu

1800 kg schwer), die den Strom für die Radnabenmotoren lieferten, wurden durch einen leichteren Generator ersetzt. Und der wurde per Benzinmotor aufgeladen. Das Ergebnis: der Lohner-Porsche Mixte, das erste Hybridauto der Welt. Dank 28 PS war es bis zu 80 km/h schnell und siegte gleich in der ersten Wettfahrt, dem Exelberg-Rennen. Das von Ludwig Lohner (1858–1925) und Ferdinand Porsche (1875–1951) kons-

truierte Auto hatte nur einen entscheidenden Nachteil: Es war außergewöhnlich teuer. Bis zu 35.000 Kronen, heute rund 350.000 Euro, kostete ein Wagen – ein „normales“ Auto gab es Anfang des 20. Jahrhunderts bereits um 1000 Kronen. Der große Erfolg blieb folglich aus, nur 52 Mixte wurden gebaut. Die Idee der Autopioniere Lohner und Porsche wirkte allerdings lange nach – bis 1971 zur Mission Apollo 15. Der Mond-Buggy, mit dem die Astronauten James Irwin und David Scott damals über den Erdtrabanten zuckelten, wurde von Radnabenmotoren bewegt. Elektrischen, natürlich. Ferdinand Porsche Erlebniswelten: fahrtraum.at


Die Revolution begann 2013 beim 34. America’s Cup: Katamarane begannen plötzlich übers Wasser zu fliegen und erreichten noch nie da gewesene Geschwindigkeiten. Das ermöglichen Hydro-Foils, tragflächenähnliche Ruder Ruderblätter unter den Rümpfen, auf denen sich die Katamarane aus dem Wasser erheben können. Wie funktioniert das? Generell gilt: Die Kraft des Windes schiebt ein Boot an, der Wasserwiderstand bremst es ab. Solange die durch den Wind verursachte Kraft größer ist als der Wasserwiderstand, beschleunigt das Boot. Mit dem Tempo wächst aber der Wasserwiderstand. Wenn beide Kräfte gleich groß werden, ist das Maximaltempo erreicht. Und hier kommen die Foils ins Spiel. Sie ragen L-förmig ins Wasser hinein und erzeugen nach dem gleichen Prinzip einen Auftrieb wie die Tragflächen eines Flugzeugs. Dieser wächst mit der Geschwindigkeit an.

FOILING IM DETAIL:

Deshalb gleitet das Boot zunächst normal durchs Wasser. Wird aber eine gewisse Grenzgeschwindigkeit erreicht, wird der durch die Foils erzeugte Auftrieb größer als das Gewicht des Katamarans, und er hebt sich auf spektakuläre Weise aus dem Wasser. Warum braucht ein Flugzeug Riesenflügel, während ein Katamaran mit winzigen Foils auskommt? Der dynamische Auftrieb eines Objekts ist proportional zur Dichte des Mediums, durch das es sich bewegt. Die Dichte von Wasser ist über den Daumen etwa 800mal so groß wie die von Luft – weshalb man mit vergleichsweise winzigen Foils einen Katamaran mit 2,5 Tonnen aus dem Wasser heben kann. Warum bringt das wieder wiederum einen so enormen Geschwindigkeitsgewinn? Weil der Wasserwiderstand von der Anströmfläche abhängt! Tauchen nur noch die Foils ins Wasser, sinkt er daher sehr stark ab, und man kann ein wesentlich höhere Endgeschwindigkeit erreichen. Wenn sich der Katamaran durch den Winddruck schief legt (krängt), kann es sogar passieren, dass nur mehr ein Foil ins Wasser taucht, wodurch sich die Geschwindigkeit noch weiter erhöht. In jedem Fall spielt die Ver Verdrängung durch den Rumpf aufgrund der Hydro-Foils keine Rolle mehr bei der Limitierung der Geschwindigkeit. Anders gesagt: Wie fett der Rumpf auch ist, wenn er mal aus dem Wasser ist, ist das egal. Kurz: eine Segel-Revolution.

„Foiling ist die Zukunft auf dem Wasser, nicht nur im Segelsport. So richtig Fahrt aufgenommen hat die Entwicklung erst in den letzten zwölf Monaten. Die Technologie ist noch lange nicht ausgeschöpft. Es wird sicher noch spektakulärer und schneller.“ HANS-PETER STEINACHER Doppelolympiasieger und Sportdirektor Red Bull Sailing Team

GETTY IMAGES, PREDRAG VUCKOVIC/RED BULL CONTENT POOL MANDY FISCHER MARTIN APOLIN

B U L L E VA R D FUTURE OF SAILING

Auftrieb größer als Gewicht = Rumpf hebt sich aus dem Wasser

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INNOVATOR


DIE PHYSIK DES FOILINGS

FLIEGEN IST DAS NEUE SEGELN

Unterwasser-Tragflächen, sogenannte Foils, revolutionieren den Segelsport. Unser Physiker DDr. Martin Apolin erklärt, wie das funktioniert.

Der America’s Cup (hier das aktuelle AC50-Boot) machte die Foiling-Technik breiter bekannt. Seit deren Einführung hat sich die Geschwindigkeit fast verfünffacht. Topspeed derzeit: 50 Knoten (ca. 92 km/h).


RUNDHERUM STATT AUF UND AB

Warum der genialen Konstruktion des Wankelmotors eine große Zukunft bevorsteht – allerdings anders als gedacht.

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Dem großen deutschen Erfinderquerkopf Felix Wankel leuchtete nicht ein, warum in Verbrennungsmotoren Aufund-Ab- erst mühsam in Drehbewegungen umgewandelt werden mussten. So kam es zum Kreiskolbenmotor. Hier dreht sich – vereinfacht gesagt – ein dreieckiger Läufer in einem speziell geformten Brennraum. Diese Konstruk Konstruktion hat etliche Vorteile: Der Motor ist kleiner, leichter, läuft geschmeidiger, kommt mit weniger Teilen aus, hat einen besseren Drehmomentverlauf und kann mit Wasser Wasserstoff betrieben werden. Viele der früheren Nachteile (Ver (Verbrauch, Verschleiß) hat man inzwischen unter Kontrolle. Das Verdienst gebührt Mazda, das den Wankelmotor (lange Zeit als einziger Hersteller) permanent weiterentwickelt

INNOVATOR

MAZDA

MAZDA TECHNIK

und mehr als zwei Millionen Autos mit dieser Technologie auf die Straße gebracht hat. Die eigentliche Zukunft des kompakten Motors liegt aber anderswo: Plug-in-Hybride, also Autos, die Verbrennungsund E-Motor kombinieren und zudem an Steckdosen geladen werden können, haben ein Gewichts- und Platzproblem. Je mehr Leistung du brauchst, umso schwerer, größer und ineffizienter wird die doppelt ausgelegte Konstruktion. Hier kommt der Wankelmotor ins Spiel. Mazda hat Erfindungen patentieren lassen, die darauf hindeuten, dass bald ein Wankelmotor als Range Extender in einem kleinen Hybrid-Fahr Hybrid-Fahrzeug zum Einsatz kommen könnte, das erstmals auch leicht sein wird – trotz der schweren Akkus, die diese Bauweise mit sich bringt. Auf einem zweiten Feld sind Kreiskolbenmotoren ebenfalls überlegen: In Drohnen und Leichtflugzeugen er erlebt die Konstruktion ebenfalls eine Renaissance. Je kleiner und leichter das Luftfahrzeug, umso besser ist der Wankel geeignet. Der 38-PS-Motor des britischen Herstellers UAV ist keine 24 Zentimeter hoch – niedriger als das Magazin, das Sie gerade in Händen halten. Vielleicht noch eindrucksvoller: Der Kreiskolbenmotor des österreichischen Spezialisten Austro Engine wiegt weniger als 28 Kilo – so viel wie ein Gepäckstück. Im Sport werden wir den Kreiskolbenmotor hingegen eher nicht mehr sehen. Seine Qualitäten liegen anderswo. Der Sieg des legendären Mazda 787B mit 4-ScheibenWankelmotor in Le Mans 1991 wird wohl einzigartig bleiben. mazda.at

WERNER JESSNER

B U L L E VA R D FUTURE OF E-MOBILITY


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PROTOKOLL: VERENA DAUERER FOTOS: STUDIO NEONCOLOUR

DIE REGELN DER ELITE Das „BuildersNetwork“ ist Deutschlands größtes Netzwerk für CEOs, Busi­ ness Angels und Risiko­ kapitalgeber. Mitbegründer Christian Miele verrät uns acht Business­Regeln aus dem elitären Zirkel der ge­ schlossenen Chat­Gruppe.

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CHRISTIAN MIELE, TECHINVESTOR: „ICH ZIEHE BUSINESS-PARTNER VOR, DIE OFFEN MIT IHREN SCHWÄCHEN ­U M G E H E N . “


A

ls Principal des Hamburger Frühphasen-Investors e.ventures und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutsche Startups zählt der Hamburger Christian Miele, 29, zu den führenden TechExperten des Landes. Mit dem BuildersNetwork, einer geschlossenen und exklusiven Gruppe im MessengerDienst Slack, gründete er außerdem das führende Vernetzungstool der Szene. Im BuildersNetwork tauschen sich 700 CEOs und Investoren über die Herausforderungen der Branche aus. Uns hat Miele acht Lehren aus dem Netzwerk verraten, die ihm bei der Arbeit als Risikokapitalgeber helfen.

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1. Verändere die Spielregeln „Einem Gründerteam müssen wir zu­ trauen, mit einem Produkt, das wir gut finden, in einem riesigen Markt etwas komplett zu verändern. Erst wenn all diese Komponenten aufeinandertreffen, sehen wir die Chancen, zu einem Category Creator zu werden. Das ist wie beim Ver Ver­­ liebtsein: Es passt in dem Moment einfach. Ein schönes Beispiel aus dem e.ventures­ Portfolio ist Natural Cycles. Mit dieser App können Frauen durch das Messen der Basaltemperatur ihre fruchtbaren Tage ermitteln und die Schwangerschaft planen oder vermeiden. Hier kann etwas günsti­ ger, gesünder und genauer den gleichen Sinn erfüllen wie chemische Verhütungs­ mittel. Das Gründer Gründer­­­Team? Team? Ein Physiker Physiker­­ Ehepaar, das die Idee auf Basis eigener Erfahrungen entwickelt hat.“

2. Bereite dich vor, als gäbe es kein Morgen „Als Gründer solltest du dir eingestehen, dass die Venture­Capital­Szene (= Risiko­ kapital; Anm.) auch eine professionelle Finanzindustrie ist. Hier geht es um Geld, Arbeitsplätze und Schicksale. Deshalb erwarten wir, dass du deine Hausaufga­ ben gemacht hast. Mein Credo aus der Zeit bei Rocket Internet: ‚If you fail to prepare, you will prepare to fail.‘ Wenn wir das Gefühl haben, dass du vor uns sitzt und noch nicht weißt, was du willst, finden wir das nicht gut. Es ist okay, wenn du noch nicht alles weißt, aber die Art des Umgangs damit ist extrem wichtig. Wir können dir nicht in der ersten Finan­ zierungsrunde zwei bis fünf Millionen Euro in die Hand drücken, wenn wir das Gefühl haben, dass du nicht hundert­ prozentig weißt, was du tust.“

3. Frag deinen Bäcker „Du solltest dir ganz sicher sein, dass deine Kunden dein Produkt wirklich wollen. Dazu kannst du ruhig rausgehen und Leute nach Feedback fragen: den Bäcker, den Taxifahrer, deine Mama. Es ist wichtig, dass du so früh wie möglich über dein Modell sprichst. Hol dir Feedback und hab keine Angst vor Kritik oder dass dir jemand die Idee klauen könnte. Du musst verstehen, was im Markt schiefläuft, bevor du in ihm erfolgreich sein kannst.“

4. Studiere die Unit Economics „Baue dein Businessmodell von vornherein so auf, dass du damit Geld verdienst. Wenn ein Start­up up Schiff Schiff­ bruch erleidet, liegt das häufig daran, dass es keine sauberen Unit Economics gibt. Diese Messgröße hilft dir zu verstehen, wie viel Geld du für die Stückzahl eines verkauften Produkts be­ kommst. Das musst du jeder jeder­ zeit wissen. Die VC­Commu­ nity wird dein Produkt nicht finanzieren, wenn du auf die Frage der Unit Economics keine Antwort hast.“

5. Sprich über deine Idee „Start­ups sind verletzliche Pflänzchen mit einer ähnlichen Ausgangslage. Es ist wichtig, dass du dich mit anderen Gründern austauschst. Denn du bist nicht allein. Die Kommunikation untereinander hilft dir dabei, außerhalb der Firma sinnvolle Effekte zu kreieren. Innerhalb deines Unternehmens ist eine flache Kommunikation eine der größten Stärken in der Anfangsphase eines Start­ups (eine andere ist die Toleranz, Fehler zu machen). Das ist wie beim Schnellbootfahren: zügig zu Wasser lassen und einfach mal loslegen. Gute Social Skills helfen dir nicht nur, einen Investor einzufangen, sondern auch andere Mitarbeiter – deine allerwichtigste Ressource. Da musst du die Besten der Besten bekommen und sie überzeugen, für dich einzustehen. Mir machen Gründer Angst, die nicht über ihr Produkt sprechen. Viel lieber ist mir jemand, der das Selbstbewusstsein hat, Feedback von anderen einzuholen. Meine Meinung: Ideen­Protektionismus führt zu gar nichts.“ INNOVATOR


„WIR KÖNNEN DIR NICHT ZWEI BIS FÜNF MILLIONEN EURO IN DIE HAND DRÜCKEN, WENN DU NICHT GENAU WEISST,WAS DU TUST.“

7. Alles wird komplizierter: Sei bereit dafür „Uns steht eine spannende Zeit bevor. Die Start-ups der Zukunft werden noch technischer und komplexer werden. Grund dafür sind neue Technologien, wie künstliche Intelligenz, Virtual Reality oder das Internet of Things. Alles wird vernetzt, daraus ergibt sich ein immenses Potential für Jungfirmen. Die gesamte Start-upWelt wird ein unvorstellbares Momentum erreichen. Grundsätzliche makroökonomische Entwicklungen riesigen Ausmaßes prallen aufeinander und machen ganz neue Modelle möglich. Schon jetzt haben wir eine neue Evolution der Start-up-Stufe erreicht, in der sie viel zersplitterter wird. Die Branche wird immer größer werden – und leider auch immer anonymer.“

„MIR MACHEN GRÜNDER ANGST, DIE NICHT ÜBER IHR PRODUKT SPRECHEN. IDEENPROTEKTIONISMUS FÜHRT ZU GAR NICHTS.“

INNOVATOR

6. Investiere in Vertrauen

8. Sei ehrlich

„Mit 700 CEOs, Investoren und Business Angels aus ganz Deutschland ist die gege samte erfolgreiche Landkarte der Startups im BuildersNetwork vertreten. Es ist eine Plattform des Gebens und Nehmens, die den Spirit der Szene widerspiegelt: Wir greifen uns gegenseitig unter die Arme. Wir haben gelernt, wie wichtig Vertrauen ist. Im Netzwerk zeigen wir alle unsere Profilbilder, Telefonnummern und Skype-Accounts. Wir wollen uns gegenseitig Aufschwung verleihen. Das hat mir im Geschäftsleben extrem die Augen geöffnet: was es bedeutet, Vertrauen an der Basis aufzubauen. Das leben wir im Fonds auch im Umgang mit Start-up-Gründern.“

„Wir sehen mehrere tausend Businesspläne pro Jahr. Wenn du uns als Gründer dein Geschäftsmodell vorstellst, wissen wir aufgrund unserer Erfahrung recht schnell, wo die Schwachpunkte liegen. Dann möchten wir jemand vor uns haben, der offen mit seinen Schwächen umgeht. Sobald wir in dich investieren, gehen wir eine Partnerschaft ein. Wenn du uns etwas vormachst, schafft das nicht jenes Vertrauen, das wir als Investoren brauchen. Viele dieser Werte fehlen leider manchmal in der Start-up-Szene: Aber Bodenständigkeit, Offenheit und Ehrlichkeit sind die Pfeiler für eine langfristige Zusammenarbeit.“ 27


Rinspeed sQuba, 2008: Neuinter­ pretation des Lotus Elise vom Schweizer Frank M. Rinderknecht

T E X T : N I N A V E T T E R L I -T R E M L FOTOS: RINSPEED INNOVATOR

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SEINE AUTOMOBIL GEWORDENEN V I S I O N E N S I N D I H R E R Z E I T VO R AU S. S I E B EG E I ST E R N DAS P U B L I K U M UND SCHAFFEN ES TROTZDEM NIE BIS INS SCHAUFENSTER. DEM SCHWEIZER DESIGNER FRANK M . R I N D E R K N EC H T I ST DAS EGA L : ER WILL SICH SEIN LEBEN LANG VERÄNDERN UND D I E W E LT G L E I C H M I T DA Z U.

„ICH BIN GERN V E R RÜ C K T. ICH WILL JA WA S B E W E G E N .“ .“


Rinspeed sQuba: Die maximale Tauchtiefe beträgt zehn Meter, für den Vortrieb sorgt ein Elektromotor.

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EIN KNOPFDRUCK, UND DAS AUTO WIRD ZUM MOTORBOOT. Rinspeed Splash, 2004: Zu Lande ein 200 km/h schneller Sportwagen, auf dem Wasser ein 80 km/h schnelles ­Motorboot – und dank Carbonkarosserie ist das Vehikel ultraleicht.


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er Genfer Autosalon – was wäre er ohne die Skurrilität, die ihm traditionell eine kleine Kreativschmiede aus der Zürcher Gemeinde Zumikon verschafft? Seit nahezu vierzig Jahren wartet Rinspeed pünktlich kurz vor Frühlingsbeginn mit einem Konzeptfahrzeug auf, das so manchen Supersportwagen zur uninspirierten Massenware degradiert. 1999 war dies etwa der Xtrem, ein schönwetterfixierter Freizeit-Pick-up mit integriertem Beladungskran und Luftkissenboot – „Baywatch“ liess grüssen. 2004 erschien das Amphibien-Cabrio Splash, das später den Tauglichkeitsbeweis antrat und den Ärmelkanal Ärmel kanal in Rekordzeit überquer überquerte. 2008 gab es mit dem sQuba gar einen Tauch-Roadster. Und 2017 sorgte der selbstfahrende Oasis mit eingebautem Kleingarten für Furore. Frank Martin Rinderknecht, dem Firmengründer und kreativen Kopf hinter den Studien, scheint nie die Fantasie auszugehen. Wozu das Ganze? Die Antwort erschliesst sich nicht auf Anhieb. Die für siebenstellige Summen entwickelten, voll funktionstauglichen Unikate stehen weder zum Verkauf, noch nehmen sie ein Serienmodell vorweg. Für viele seiner Ideen meldet Rinder Rinderknecht noch nicht einmal ein Patent an. Wenn Erfindungen wie die im Jahr 1985 präsentierte Lenkrad-Tastatur kopiert werden, verschafft ihm das keine Tantiemen – bloss die Genugtuung, den Ricola-Werbespruch „Wer hat’s erfunden?“ zitieren zu können. Nicht umsonst lautet eine der häufigsten Interviewfragen an ihn, ob er verrückt sei. Doch darüber kann der Rinspeed-Chef nur lachen. „Verrücken heisst bewegen“, pflegt er darauf zu antworten. „Insofern bin ich gerne verrückt. Ich will ja etwas bewegen!“

Um zu verstehen, was dahinter dahintersteckt, lohnt sich ein Blick in den Rückspiegel. Ihren Ursprung nahm Rinderknechts Verrücktheit in den frühen Siebzigern; damals bewegte der Vierzehnjährige ein selbst frisiertes Mofa. „Dinge für mich passend abzuändern war schon immer meine Passion“, so der heute 61-Jährige. Dass das nicht zugelassene Frisier-Zubehör laufend vom Strassenverkehr Strassenverkehrsamt konfisziert wurde und sein Taschengeld strapazierte, weckte gar seinen Geschäftssinn. Er bat einen Freund, offiziell anmutendes Briefpapier für ihn zu entwerfen, damit er das Zubehör mit Firmenrabatt erstehen konnte. Der Name seines fiktiven Unternehmens: Rinspeed. Dieser prangte später auch auf seinem ersten, selbstverständlich nicht im Originalzustand belassenen Auto. Im Alter von 21 Jahren brach Rinderknecht sein Maschinenbaustudium zugunsten der offiziellen Firmengründung ab. Schon als Student hatte er sich mit dem US-Import von Autosonnendächern und dem PWUmbau für körperlich behinderte Menschen ein Einkommen gesichert. Hinzu kam später das Tuning von

Das Geheimnis des Rinspeed Splash liegt im Heck – dort sitzt der Propellerantrieb – und im Tragflügel­ system. Die erfolg­ reiche Bewährungs­ probe erlebte der Splash im Ärmelkanal.

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„ICH BIN DANKBAR, IN EINER ZEIT ZU LEBEN, IN DER WIR EIN KLEINES RÄDCHEN IM GETRIEBE DER VERÄNDERUNGEN SEIN KÖNNEN – UND DIESE CHANCE WILL GENUTZT SEIN.“

Strassenmodellen, verbunden mit regelmässigen Autosalon-Auftritten. Sein Debütwerk war 1979 ein Golf GTI, dem – Jahre bevor VW selbst auf die Idee kam – ein Turbolader verpasst wurde. Und auch bei seiner ersten Eigenkreation schien das „speed“ im Firmennamen verpflichtend: Die 1995 gezeigten Roadster-Modelle SC-R und R leisteten bis zu 305 PS. Zur Wende kam es erst zu Beginn der 2000er Jahre. Bugatti kündigte ein 1001 PS starkes Modell an, und Rinderknecht fand: „Soll ich jetzt etwa ein unsinniges 1002-PS-Modell bauen, um aufzufallen? Ich gehe lieber einen anderen Weg.“ In der Folge schuf er mit dem Rone den ersten mit Biogas betriebenen Sportwagen und wurde von der Presse als Erfinder des „Veggie Car“ gefeiert. „Ursprünglich ging es mir ums Anderssein“, erzählt der Daniel Düsentrieb der Autobranche. „Grüne“ Mobilität sei damals kaum ein Thema gewesen. „Aber je mehr ich mich mit dem 34

Frank Martin Rinderknecht, 61, geboren in Zürich. Startet 1977 als Unternehmer mit dem Import von Sonnendächern aus den USA und dem Bau von Behindertenfahrzeugen. 1979 Gründung der Rinspeed AG als Designstudio für Prototypen, Konzept- und Sonderfahrzeuge. Die erste Kreation war 1981 der Rinspeed Aliporta, ein VW Golf mit Flügeltüren.

Thema Nachhaltigkeit beschäftigte, desto mehr erkannte ich, dass kein Weg daran vorbeiführt.“ Seither sind alle seine Studien alternativ angetrieben. Das Tuninggeschäft hat Rinder Rinderknecht aufgegeben; wenn er nicht gerade an seinen eigenen Konzepten tüftelt, steht er Firmen als Berater oder – wie er es nennt – „Sparringpartner“ zur Verfügung. Zu seinem Gesinnungswandel meint er: „Wenn jemand sagt: ‚Ich will so bleiben, wie ich bin‘, stehen mir die Haare zu Berg. Ich will mich mein Leben lang ver verändern, will dazulernen und neue Ansichten gewinnen.“ Ob er den Gesinnungswandel auch bei anderen hervorrufen kann, lässt Rinderknecht offen. Dass seine Studien CO²-arm sind und er im Stadtverkehr ein E-Auto fährt, sieht der Vater einer 25-jährigen Tochter ledigledig lich als kleinen Beitrag an die Zukunft. „Ich glaube, wenn jeder seinen Beitrag leisten würde, hätten wir schon viel bewegt“, sinniert er. Doch als Weltverbesserer mag er sich nicht verstanden wissen. Eher als „Geschichtenerzähler“. Denn genau das seien seine Konzepte: Geschichten, die in Form von Autos zum Nachdenken anregen, aber auch unter unterhalten. „Mit dem Tauch-Wagen wollte ich nicht sagen, dass die Mobilität künftig unter Wasser stattfindet“, hält er fest. „Ich wollte einfach nur einen alten Männertraum verwirklichen: einmal wie James Bond in ‚Der Spion, der mich liebte‘ mit dem Auto zu tauchen.“ Gerade weil Rinspeed ein kleiner, unabhängiger Betrieb ist, kann er sich das Träumen erlauben und spezialisierten Zulieferern aus der Autobranche damit die Möglichkeit geben, ihre Innovationen markenneutral und medienwirksam in Szene zu setzen. Womit auch eine weitere, oft gestellte Interviewfrage beantwortet wäre: wer die kostspielige kost Entwicklung der Konzepte überhaupt finanziert. Den Trends vorauszueilen ist Rinderknecht ein Anliegen. Wie die Zukunft der Mobilität vor dem Hinter Hintergrund zunehmender Digitalisierung und Urbanisierung aussieht, kann aber auch er nicht sagen. „Anders, als wir denken“, ist er sicher. Bereits 2013 schlug er eine neue Richtung ein, als er mit dem microMAX einen

INNOVATOR


Rinspeed microMAX, 2013: Auf clevere Art vereinigt das Nah­ verkehrsfahrzeug öffentlichen und individuellen Verkehr, Cloud­basiertes Navi­ gations­ und Verkehrs­ konzept inklusive.

sowohl für Selbstfahrer wie auch als Mitfahrgelegenheit gedachten Elektro-Bus zeigte, der sich über eine Cloud mit anderen Fahrzeugen austauscht, um den Personentransport im Nahverkehr zu organisieren. Seit 2008 befasst er sich überdies mit dem autonomen Fahren – einer Technologie, die gerade erst in der öffentlichen Debatte angelangt ist. Ob die technischen und gesetzlichen Hürden dereinst überwunden werden, steht für den Rinspeed-Chef nicht zur Diskussion. Nur auf die Frage nach dem Wann und Wo weiss er keine dezidierte Antwort: „Ab 2020 werden dafür vereinzelte AutobahnAutobahn abschnitte zur Verfügung stehen, aber urbane Gegenden sind nun mal komkom

INNOVATOR

plexer – gerade wenn man an Millionenstädte wie Neu-Delhi denkt.“ Für den Einwand des FahrspassVerlusts hat der einstige LeistungsLeistungs verrückte wiederum bloss ein Gähnen übrig. „Bei einer Passfahrt mit dem Oldtimer habe ich vielleicht noch Spass, aber wo ist der Spass auf der Autobahn zum Flughafen?“ In ZuZu kunft gehe es eher um eine schnelle, sichere, effiziente und nachhaltige Mobilität sowie unkomplizierte Art der Abrechnung. Fahrspass, Fahrzeugbesitz und Statussymbol-Streben seien Auslaufmodelle. „Stattdessen gewinnt der Convenience-Gedanke an Bedeutung“, glaubt Rinderknecht und fügt hinzu: „Da hat die Autoindustrie noch Nachholbedarf.“ Er kann sich daher

gut vorstellen, dass die wichtigsten Mobilitätsanbieter der Zukunft nicht aus Stuttgart oder München, sondern aus Palo Alto oder Schanghai kommen und damit auch die klassischen Automessen an Bedeutung verlieren. Folgerichtig hat er vor zwei Jahren begonnen, seine jährliche Studie auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas zu enthüllen, die schon vor dem Genfer Salon im Januar stattfindet. „Dort gibt es kein dickes altes Blech wie in den 1960er Jahren, sondern eine bunte Mischung aus auf aufstrebenden Unternehmen“, erzählt Rinderknecht. „Die Messe boomt.“ Keine Skurrilität mehr am Genfer Automobilsalon durch die KreativKreativ schmiede aus Zumikon also? Nicht ganz: Am Lac Léman feierten die letzten Rinspeed-Studien zumindest ihre Europa-Premiere, und das für 2018 erwartete Konzept dürfte es ihnen gleichtun – wenngleich Rinderknecht die geäusserte Vermutung mit der Frage quittiert: „Wer sagt, dass es eine weitere Studie geben wird?“ Nun, sein darauf folgendes Grinsen gibt die Antwort. Und der 61-Jährige weckt nicht den Eindruck, am Ende seiner Verrücktheit angelangt zu sein. „Ich bin dankbar, in einer Zeit zu leben, in der wir ein kleines Rädchen im Getriebe der Veränderungen sein können“, sagt er abschliessend, „und diese Chance will genutzt werden.“ www.rinspeed.eu

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TOP OF THE BOTS

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T E X T: FLO R IAN WÖ RG ÖT T ER

MENSCH UND MASCHINE WAREN EINANDER NIE NÄHER ALS HEUTE. HILFSBEREITE ROBOTER RISKIEREN, LÄCHELN UND MUSIZIEREN FÜR UNS. DOCH KÖNNEN SIE ZUM BESTEN FREUND DES MENSCHEN WERDEN? DIESE ROBOTER SIND AUF DEM BESTEN WEGE. UNSERE ROBOSTARS.

OSADA/SEGUIN/DRASSM

SC H AT ZSU C H E TAU C H RO B OT ER O C E A N O N E PR Ü F T EI N SC H I FFSWR AC K I N 1 0 0 M E T ER T I EFE . I M T RO C K EN EN B O OT S I T Z T S EI N PI LOT, D ER D EN AVATA R V I R T U EL L ST EU ER T.

EINSATZBEREICH UNTERWASSER-ARCHÄOLOGIE


OCEAN ONE Der humanoide Tauchroboter geht für die Forschung auf den Meeresgrund. Sein Pilot am Boot kann durch seine Augen sehen und mit seinen Händen fühlen.

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ceanOnes erster Tauchgang außerhalb des Pools im Stanford Robotics Lab: eine Schatzsuche im südfranzösischen Mittelmeer. Acht Propeller bewegen den Tauchroboter in 100 Meter Tiefe. Dort rottet seit dem 17. Jahr­ hundert ein Schiffswrack von „Sonnen­ könig“ Ludwig XIV. vor sich hin. Während sich der Tauchavatar in die Gefahrenzone wagt, sitzt sein Pilot bequem im Trockenen, starrt auf einen Bildschirm und bedient zwei Joysticks. Die stereoskopischen Kameraaugen des Robos visualisieren das Wrack von innen; die Berührungssensoren der Greifhände geben Feedback in Echt­ zeit. Mit diesen Informationen kann der Pilot das Gewicht einer Vase abschätzen – OceanOnes erster Fund. Künftig könnte er auch Korallenriffe erkunden oder Ölbohr­ inseln warten – immer, wenn das Risiko für menschliche Taucher zu groß ist.

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ie Tierwelt lehrt uns, dass Lebe­ wesen gemein­ sam mehr er­ reichen. Ein Paradebeispiel perfekt or­ ganisierter Arbeitsteilung: das Ameisenvolk. Jeder Winzling erfüllt mit klei­ nen Schritten seine Aufga­ be – im Schwarm errichten sie einen ganzen Staat. Das deutsche Automations­ Unternehmen Festo hat sich vom kooperativen Verhalten der Ameisen inspirieren lassen. Ihre BionicANTs (Autonomous Networking Technologies) sind handgroße Roboter­ Ameisen, die autonom entscheiden, sich per Funk abstimmen und ein ge­ meinsames Ziel verfolgen. Noch besteht ihre Stärke im Schieben und Ziehen von Dingen innerhalb abge­ steckter Zonen. Doch Bioni­ cANTs könnten das Vorbild für die Fabriksarbeit der Zukunft sein: Während Produktionssysteme heute noch vom Zentralrechner gesteuert werden, könnten sich künftig intelligente Komponenten flexibel an Szenarien anpassen. Wenn BionicANTs ihre „Fracht transportieren“, funktio­ nieren sie schon jetzt als vernetztes Gesamtsystem.

PROZES SO R V ER T EI LT A L L E S I G N A L E U N D ST EU ER T D I E A N T R I EB S ­ EL EM EN T E . Ü B ER DAS F U N K­ M O D U L KO M M U N IZI ER EN D I E RO B OT ER U N T ER EI N A N D ER .

AKKUS Z WEI A K K U S G EB EN P OWER F Ü R 4 0 M I N U T EN . D I E A M EI S EN D O C K EN S EL B ST A N D I E L A D ESTAT I O N A N .


EINSATZBEREICH PRODUKTIONSSYSTEME R I N G L EI T U N G M I T EN D ST U FEN D I E SC H N I T T ST EL L E ZU R A K TO R I K LÖ ST A L L E B E W EG U N G EN AU S.

3D - ST ER EO K A M ER A ER K EN N T G R EI F O B J EK T E U N D D I EN T D ER S EL B ST LO K A L I S I ER U N G.

F Ü H L ER F Ü R DAS AU TO N O M E L A D EN VO N ST RO M .

G R EI F Z A N G EN Z WEI PI E ZO K ER A M I SC H E B I EG E WA N D L ER B E WEG EN D I E G R EI F Z A N G EN . I H R VO R T EI L : EN ERG I E A R M , PR Ä ZI S E , WEN I G BAU R AU M .

O P T I SC H ER BAU C H S EN SO R ER FAS ST D I E ZU R Ü C KG EL EG T E D I STA NZ A N H A N D D ER B O D EN ST R U K T U R .

FESTO, OSADA/SEGUIN/DRASSM

B EI N E EI N B I EG E WA N D L ER H EBT DAS B EI N A N , Z W EI SC H I EB EN ES VO R U N D ZU R Ü C K .

BIONIC ANTS EINER FÜR ALLE: ROBO-AMEISEN ÜBERTRAGEN DAS TEAMPLAY DER TIERWELT IN DIE FABRIK VON MORGEN – MIT AUTONOMEM DENKEN UND ZUSAMMENARBEIT.


EINSATZBEREICH JAZZKONZERTE

O C E A N O N E

SHIMON IM RHYTHMUS DES ALGORITHMUS: DER ROBO-MUSIKER IMPROVISIERT MIT MENSCHLICHER BAND UND KOMPONIERT SONGS. SEIN STIL: FUSION AUS JAZZ UND KLASSIK.

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50 0 0 SO N G S H AT S H I M O N I M R EPER TO I R E . VO N M I L ES DAV I S B I S L A DY GAGA . AU S I H N EN EN T ST EH EN S EI N E I M PROV I SAT I O N EN .

JOSH MEISTER, FRAUNHOFER IPA

A

ls Kraftwerk, die Pioniere elektronischer Musik, in den 1970er Jahren den Sound der Maschinen vertonten, klang das unterkühlt, metallisch und künstlich. Roboter Shimon beweist auf den Holzklangstäben seiner Marimba, dass MaschinenMusik warm, organisch und lebendig sein kann. Musiziert Shimon mit seinen menschlichen Bandkollegen vom Georgia Tech Center for Music Technology, hört er zuerst zu. Dann improvisieren seine vier Metallarme mit vier Schlägeln wild drauflos. Sein Kopf nickt dabei exzentrisch wie der von Stevie Wonder. Das Konzept seines musikalischen Genies: künstliche Intelligenz und Algorithmen. Der Roboter wurde mit 5000 Songs gefüttert, darunter Beethoven, Miles Davis, Beatles und Lady Gaga. Außerdem hat er über zwei Millionen Riffs und Motive aus der Musikgeschichte gespeichert. Damit beherrscht Shimon sogar das eigenständige Komponieren von melodischen und harmonischen Songstrukturen. Alles, was er für einen Song braucht, sind die ersten Takte.

EINSATZBEREICH KUNDENSERVICE

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m Eingang eines deutschen ElektroFachhändlers rollt Roboter Paul den Kunden entgegen, begrüßt sie freundlich und begleitet sie zum gesuchten Produkt. Unterwegs plaudert er über das Wetter und reißt Witzchen. Pauls größte Stärke: Bei Bedarf ruft er einen Verkaufsexperten, die sich in Großmärkten meist gut verstecken. Das deutsche FraunhoferInstitut für Produktionstechnik und Automatisierung hat ihrem Care-O-Bot den guten Ton in die Wiege gelegt. Daher ist der höfliche Gentleman je nach Konfiguration vielseitig einsetzbar: als mobiler Informationskiosk am Flughafen, für Hol- und Bringdienste in Spitälern, als Bürogehilfe oder Publikumsattraktion.

CAREO-BOT Der interaktive Assistenz-Roboter geht den Menschen im Alltag zur Hand – im Haushalt, als Pflegekraft oder ServiceMitarbeiter im Elektro-Fachgeschäft.


EINSATZBEREICH MENSCHLICHE ANATOMIE

DER SCHWEIZER HUMANOIDE IST DER SONNYBOY DER KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ. ER HAT MUSKELN, SEHNEN UND EIN GESICHT ZUM KNUDDELN. EIN UPGRADE SOLL ROBOY NUN NOCH MENSCHLICHER MACHEN.

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oboys strahlend blaue Augen lösen dasselbe Behagen aus wie Katzenfotos und Babyzehen. Erschaffen wurde der charmante Humanoide 2013 am Artificial Intelligence Lab der Universität Zürich. Seitdem reist er als Botschafter künstlicher Intelligenz durch die Welt, gibt Interviews, grinst und drückt Hände. Das Besondere am 1,40 Meter großen Soft-Robot aber ist seine menschliche Anatomie: Motorenbetriebene Muskeln und Sehnen machen Bewegungen flüssig; sein Skelett stammt aus dem 3D-Drucker. Seine Entwicklung soll Roboter beweglich wie den Menschen machen. Davon könnten Exoskelette und Prothesen profitieren, um menschliche Mobilität wiederherzustellen. Laufen kann er dennoch nicht. Noch nicht: An Münchens Technischer Universität arbeitet man bereits an Roboy 2.0. Nach dem Upgrade soll er autonom mit Menschen kommunizieren und ihre Gesichtsausdrücke lesen können. Und: Roboy soll endlich laufen lernen. Laut den Forschern könnte er schon Ende 2017 auf eigenen Beinen stehen.

CHRISTIAN GRUND.CH, ROBOY.ORG

ROBOY


AU G EN Ü B ER D EN AU G EN S I T ZEN Z WEI K A M ER AS, D I E G ES I C H T ER ER K EN N EN KÖ N N EN .

G ES I C H T I M H I N T ER KO PF PRO J IZI ER T EI N B E A M ER D I E AU G EN U N D D EN M U N D VO N I N N EN AU F DAS G ES I C H T.

SC H U LT ER N EU N M OTO R EN I M I T I ER EN D I E M EN SC H L I C H EN SC H U LT ER M U S K EL N .

M U S K EL N 4 8 B Ü R ST EN LO S E D C -A N T R I EB E VO N M A XO N M OTO R ER M Ö G L I C H EN KO N T RO L L I ER T E B E WEG U N G EN .

S K EL E T T DAS PL AST I KS K EL E T T KO M M T AU S D EM 3D - D R U C K ER . D I E H A N D G EL EN K E WER D EN A L S GA NZES G ED R U C K T.

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PA N O R A M A- KO PF S C HW EN K BA R E ZO O M - U N D T H ER M O K A M ER AS M I T F Ü R I N S PEK T I O N EN AU S D ER D I STA NZ .

M A I N B O DY ZEN T R A L M O D U L F Ü R DAS „ G EH I R N “ U N D D I E B E WEG U N G S A B L ÄU FE .

CA R B O N - B EI N E L EI C H TG E WI C H T I G E , H O H L E G L I ED ER , I N N ER H A L B D ER ER D I E K A B EL V ER L AU FEN .

ROBOTIC SYSTEMS LAB/ETH ZURICH

KO N TA K T S EN SO R EN D I E F Ü S S E V ER M ES S EN D I E U MWELT, DA M I T D ER RO B OT ER S EI N E FO R T B E WEG U N G D EM U N T ERG R U N D A N PAS S EN K A N N .

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EINSATZBEREICH AUTONOME BEWEGUNG

ANYMAL DER SCHWEIZER LAUFROBOTER WAGT SICH IN GEFAHRENZONEN, DIE DER MENSCH BESSER MEIDET. SEIN SPIELPLATZ: ERDBEBENZONEN, MINEN, ÖL- UND ERDGASFELDER.

H O K U YO L AS ER- SCA N N ER STÄ N D I G ES SCA N N EN ER ST EL LT K A R T EN , D I E D ER LO K A L I S I ER U N G D I EN EN U N D D ER N AV I GAT I O N H EL F EN .

A N T R I EB D ER G EL EN K E Z WÖ L F EL AST I SC H E , K R A F T R EG EL BA R E A N T R I EB E ER M Ö G L I C H EN DY N A M I SC H E GA N GA R T EN .

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er Vierbeiner ANYmal hat das Zeug zum modernen Rettungshund. Hersteller ANYbotics, ein Spin-off der ETH Zürich, hat den Laufroboter so konstruiert, dass er sich im unwegsamen Gelände bestens bewegen kann. Dank seiner um 360 Grad drehbaren Gelenke kann er gehen, laufen, springen, klettern und Stufen steigen, sich ducken und durch Tunnel kriechen. Mit Laser-Sensoren und Kameras vermisst ANYmal seine Umgebung. So kann er eigenständig oder ferngesteuert Hindernissen ausweichen. Sein potentielles Einsatzgebiet: gefährliche Inspektionsarbeiten im Bergbau sowie auf Gas- und Ölplattformen, das Aufspüren von Erdbebenopfern oder das Entschärfen von Bomben und Minen. Mit schlanken 30 Kilo kann das Leichtgewicht von einer einzigen Person transportiert werden. Das Ziel seiner Entwickler: Der Roboter soll vollkommen selbständig mit seiner Umgebung interagieren können, womit er ein neues Areal auf Anhieb erschließen kann. Wenn dem Vierbeiner das alles gelingt, könnte ANYmal tatsächlich zum besten Freund des Menschen werden.


Plant den Sex der Zukunft: LeaSophie Cramer, 30, Chefin des Online-Erotikshops Amorelie

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Text: Sandra Prechtel Fotos: Katja Hentschel

Mit 23 war sie Boss von 800 Männern. Jetzt ist sie 30 und hat Europas angesagtesten Online-Sexshop gegründet. Start-up-Queen Lea-Sophie Cramer über Mut in allen Businesslagen.


ur selten gelingt es Gründern, mit einer Idee eine ganze Branche um­ zukrempeln. Die Berliner Unternehmerin Unter nehmerin Lea­ Lea­Sophie Cramer, 30, schaffte genau das mit Amorelie, einem edlen Onlineshop für Sextoys. Uns hat Cramer verraten, wie man mit Selbstvertrauen in der Businesswelt punktet. Und warum der Sex der Zukunft WLAN braucht.

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the red bulletin innovator: Frau Cramer, Sie waren erfolgreiche Managerin für das globale Rabattmarken-Portal Groupon, bevor Sie 2012 einen Onlineshop für Sextoys gründeten. Hatten Sie gar keine Angst, sich Ihren Ruf zu ruinieren? lea-sophie cramer: Ich hatte keine Angst. Aber klar, bei der ersten Gründung überlegt man immer, ob sie erfolgreich wird. Neun von zehn Start-ups versagen. Und wenn du scheiterst – noch dazu mit einem Sexshop –, kannst du nur noch schlecht bei traditionellen Konzernen anklopfen. Warum haben Sie es trotzdem gewagt? Weil Sex das Schönste und Intimste ist, was man tun kann. Gleichzeitig steckte das Thema in der Schmuddelecke fest, weil traditionelle Anbieter es verpasst hatten, die Nachfrage einer neuen Generation zu bedienen. Das hat uns aus unternehmerischer Sicht sehr gereizt. Wie haben Sie es als junges Start-up geschafft, Investoren von diesem sensiblen Thema zu über überzeugen? Amorelie war in der Branche ein ganz neues Thema. Aber sobald mein Mitgründer (der Berliner Sebastian Pollok; Anm.) und ich auf Konferenzen davon erzählten, blieben Leute stehen und wollten mehr über die Idee wissen. Wir haben auch sehr früh positives Echo in der Mainstream- und Start-up-Presse bekommen. Mit Medienecho allein lässt sich kein Start-up profitabel machen … Natürlich muss ein solider Business Case folgen: Wie groß ist der Markt, und wie wird er sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln? Wer sind die Wettbewerber? Was grenzt

uns ab? Welche Zielgruppe bedienen wir? Auf diese Fragen konnten wir überzeugend antworten. Was haben Sie denn besser gemacht als Ihre Konkurrenten? Wir haben unseren Kunden Dinge erklärt, die unsere Mitbewerber als selbstverständlich vorausgesetzt hatten. Konkrete Dinge wie den Unterschied zwischen Dildo und Vibrator. Dass wir selbst mit Liebesspielzeug so unerfahren waren, hat uns geholfen. Weil wir viel mehr Leute mitnehmen konnten, denen es genauso ging. Da wir schon beim Thema sind: Haben Sie einen Tipp, wie wir unser Sexleben verbessern können? Wir sagen unseren Kunden: „Macht eine Herausforderung aus eurem Liebesleben!“ Dafür gibt’s die Box „14 Days Sex Life Challenge“. Die verkauft sich extrem gut. Laut einer Studie des TechnologieBlogs TechCrunch werden weltweit nur 17 Prozent der Start-ups von Frauen gegründet. Woran kann das liegen? Ich denke, dass Frauen häufig nicht so risikobereit sind oder stärker an sich zweifeln. In der richtigen Mischung können diese Eigenschaften aber auch zur Stärke werden. Etwa wenn man sein eigenes Vorgehen immer wieder kritisch hinterfragt. Haben Sie einen konkreten Tipp für Gründerinnen? Vernetzt euch und sprecht offen über Schwierigkeiten. Die Vereinbarkeit von Kind und Karriere ist für viele Frauen nach wie vor ein großes Problem. In Berlin gibt es dafür zum Beispiel die Netzwerkabende von Edition F – einem Portal für moderne Frauen und Männer, die sie unterstützen. Bei Groupon haben Sie mit nur 23 Jahren das Asiengeschäft geleitet. Wie haben Sie sich da durchgesetzt? In Japan musst du als erfolgreiche Geschäftsperson männlich, in gehobenem Alter und erfahren sein. Ich war blond, Europäerin und 23 Jahre alt. Und Chefin von 800 Männern. Die wichtigste Regel: Du darfst Schwierigkeiten nicht ausweichen. Pack das Problem frontal an! Das überrascht dein Gegenüber und führt häufig zu konstruktiver Weiterarbeit. Ich sagte: „Hallo, ich weiß, ihr wollt

INNOVATOR


„AUCH DEN PORNOFILM MUSS MAN NEU ERFINDEN. DAS STELLE ICH MIR SEHR SPANNEND VOR.“ Im Interview verrät Lea-Sophie Cramer, warum der Sex der Zukunft WLAN braucht.

„IN JAPAN MUSSTEST DU MÄNNLICH, ÄLTER UND ERFAHREN SEIN. ICH WAR 23 , EUROPÄERIN UND CHEFIN VON 800 MÄNNERN.“

mich hier nicht haben. Ich verstehe das.“ Damit hatte ich das größte Problem direkt angesprochen. Das verschaffte mir Respekt. Selbstvertrauen ist auch nötig, um ein erfolgreiches Produkt weiter weiterzuentwickeln. Wie sieht Ihre Zukunftsstrategie für Amorelie aus? Wir sind mittlerweile in fünf Ländern aktiv und machen zweistellige Millionenumsätze. Wir wollen erst mal in Europa expandieren. Dann vielleicht nach Asien und in die USA. Wie erschließt man neue Märkte in Ihrer Branche? Es gibt deutliche Länderunterschiede, die wir durch Marktforschung feststellen. Unterwäsche ist in Frankreich

viel wichtiger als in Deutschland. In Japan gibt es bei den Toys unfassbar viele comicartige Figuren. In der Schweiz wird mehr für gute Qualität ausgegeben, in Deutschland eher auf das Preis-Leistungs-Ver Preis-Leistungs-Verhältnis geguckt. Welche Produktinnovationen liegen derzeit im Trend? Solche, die über WLAN verbunden sind. Es gibt immer mehr Fernbeziehungen. Der Mann hat einen Masturbator, die Frau einen Vibrator. Die Bewegungen werden auf das Gerät des Partners übertragen. Wir sagen ja oft, mit der Digitalisierung gäbe es keine analogen Anwendungen mehr. In unserer Industrie ist das Gegenteil der Fall. Welche Innovation würde Sie in Ihrer Industrie am meisten reizen? Es steht derzeit nicht in unserem Fokus, aber auch den Pornofilm muss man neu erfinden. Das ist etwas, das ich mir sehr spannend vorstelle. Schon allein, weil teilweise ein völlig unrealistisches Bild von Sexualität vermittelt wird. Und weil es das noch größere Tabuthema ist. amorelie.de; leasophiecramer.de styling: Sina Braetz make-up: Vanessa Warkalla


SMART CITIES VER­ BESSERN UNSER LEBEN M I T V E R N E T ZU N G U N D DAT E N . D O C H W I E L E B T E S S I C H I N E I N E R I N T E L­ LIGENTEN SCHWEIZER S TA D T ? E I N V I R T U E L L E R R U N D GA N G.

T E X T: F L O R I A N WÖ R G Ö T T E R 50

INTERNET DER DINGE Das Internet of Things (kurz: IoT) vernetzt Geräte mit dem Internet – vom Backofen über Jalousien bis zur Verkehrs­ ampel.

SANDRO BISARO/GETTY IMAGES

DIE STADT DER ZUKUNFT


Smarte Geräte erzeugen Daten. Werden sie intelligent vernetzt, lassen sich Verhaltensmuster erkennen. Die Stadt kann sich so den Menschen anpassen.

B I G DATA

Stromerzeuger, Speicher und Verbraucher kommunizieren miteinander. Verbraucher passen ihren Verbrauch dem Angebot an. Das Ziel: Energie-Effizienz.

S M A RT E S ST RO M N E TZ

Überall in der Stadt messen Sensoren Luftverschmutzung, Lärmbelastung, Wetter oder Verkehr. Daten können helfen, Ressourcen besser zu steuern.

U M W E LT- M A N AG E M E N T


Mit anonymisierten Mobilfunkdaten Verkehrsflüsse analysieren: Swisscom unterstützt Städte in der Verkehrsplanung.

M O B I L F U N K DAT E N

Autonome E-Autos machen die Straßen sauberer und sicherer. Sie erkennen Gefahren und Staus frühzeitig, weil sie untereinander kommunizieren.

S E L B ST FA H R E N D E AU TO S

Sensoren führen die Autos zu freien Parkplätzen. Ein Garagenplatz lässt sich über das Internet der Dinge bequem stundenweise vermieten.

S M A RT E S PA R K E N ST R AS S E N B E L E U C H T U N G Smarte Laternen dimmen sich bei wenig Verkehr, zählen Autos, liefern Feinstaubdaten. Sie senden WLAN-Signale oder spenden Strom für E-Autos.

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INNOVATOR


SANDRO BISARO/GETTY IMAGES

us dem selbstfahrenden Elektrobus steigt eine Touristengruppe. Statt einem Reiseführer mit Regenschirm folgt sie ihren Smartphones. Eine Sightseeing-App er erweitert das Blickfeld auf eine Statue mit der Zusatz-Info: „Gratulation, Sie sind der millionste Gast.“ Ihre ultrascharfen Urlaubsvideos laden sich automatisch von der Kamera in die Cloud. Einer unterhält sich mit dem Hologramm seiner kranken Frau, die den Stadttrip über die VR-Brille miterlebt. Sie flüstert ihm in den Kopfhörer: So frischen Sauerstoff wie in dieser Stadt habe sie lange nicht mehr eingeatmet. So könnte ein Urlaub in der Smart City der Zukunft aussehen. Ihre Merkmale: Selbstfahrende elektrische Autos machen die Straßen sicher und sauber. Erneuer Erneuerbare Energien werden produziert, sobald man sie braucht. Jede Ressource ist optimiert. Wie das geht? Alle digitalen Technologien der Stadt sind vernetzt: Gebäude, Autos, Straßen, Stromnetz, Haushalte, Backofen, Smartphones – alles kommuniziert im Internet der Dinge miteinander und erzeugt Daten. Algorithmen verknüpfen die Daten, erkennen Muster und steuern intelligent die Infrastruktur der Stadt. Heute werden Daten noch rückblickend ausgewertet; in Zukunft könnte zuver zuverlässig prognostiziert werden, wie Wärme, Strom, Licht gezielt einzusetzen sind. Ein Gewinn für Stadtverwaltung, Unter Unternehmen, Bewohner – und die Umwelt. Das bescheidene Ziel: die grüne Revolution. Doch wie wird eine Stadt smart? Swisscom, das größte ICT-Unter ICT-Unternehmen der Schweiz, betrachtet die Stadt als Labor, das nicht von heute auf morgen smart wird. Zuerst werden Schwachstellen analysiert, die digitale Technologien lösen können. Bevor die Innovation auf die Stadt ausgeweitet wird, wird sie erst getestet. Mobilfunkdaten eignen sich schon heute als wertvolles Analyse-Tool für die Schweizer Stadtplanung. 60 Prozent aller

Mobiltelefonbesitzer bewegen sich im Netz von Swisscom. Aus anonymisierten Daten lassen sich Bewegungsprofile er erstellen, die in Echtzeit analysiert werden können. Woher kommen die Teilnehmer? Wohin gehen sie? Die Geschwindigkeit verrät, ob jemand im Auto oder mit dem Fahrrad unterwegs ist. So entsteht ein detailliertes Bild der Verkehrsströme, das geplante Bauvorhaben entscheiden kann: Am Genfersee zeigte sich, dass ein geplanter Tunnel nicht die gewünschte Entlastung bringen würde. Ergo wurde eine Fehlinvestition verhindert. Werfen wir einen Blick auf die Straßen von morgen (siehe Grafik links): Die Stadt der Zukunft hat nur noch kurze Wege. Auf den Straßen sind großteils selbstfahrende Elektroautos unterwegs. Sie bringen uns wie Taxis in die Arbeit oder unsere Großeltern zum Arzt. Ihre Sensoren geben ihnen die fünf Sinne des Menschen – nur: Kommunizieren sie miteinander, sind sie nicht abgelenkt. Elektrofahrräder stehen zu jeder Zeit an Terminals zur Leihe bereit. Ihre Sensoren erkennen den Servicebedarf und messen die Straßenqualität. Dank der präzisen Nutzungsstatistiken sind Busse auch bei Großevents optimal ausgelastet. Ein intelligentes Verkehrsleitsystem reguliert auf Basis von Echtzeitdaten die Ampeln und verhindert jeden Stau. Auch die langwierige Parkplatzsuche hat ein Ende, weil jeder Autofahrer via Sensoren erfährt, wo der nächste freie Parkplatz ist. Wer einen Garagenplatz besitzt, kann ihn bequem per App vermieten. Und die Müllabfuhr kommt nur noch, wenn die Sensoren am Container melden, dass sie voll sind. Für diese Flut an wachsenden Daten braucht es ein starkes Netz.

„SMART CITIES OPTIMIEREN JEDE RESSOURCE. ALLES IST VERNETZT UND ERZEUGT DATEN – OB GEBÄUDE, AUTO ODER BACKOFEN.“

SMARTES STADTLEBEN IN ZAHLEN EINE INTELLIGENTE STADT VERBRAUCHT WENIGER ENERGIE . NUR EIN GRUND FÜR STÄDTE, IN ZU KUNF T BESSER SMART ZU WERDEN.

300

M I L L I O N E N STÄ DT E

Im Jahr 2016 zählten mehr als 300 Städte über eine Million Einwohner. Die Tendenz steigt in Schwellenund Entwicklungsländern.

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STA DT M E N S C H E N

Die Hälfte der Erdbevölkerung lebt heute in Städten. 2050 sollen es bereits zwei Drittel sein. Sie verbrauchen auch am meisten Energie.

20002000 WATT- G E S E L LS C H A F T

Die Vision: Jeder Mensch verbraucht pro Kopf 2000 Watt Energie. Die Gegenwart: 5000 Watt pro Schweizer. Tendenz: sinkend.

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ZETTABYTE DATEN

2025 sollen astronomische 163 Zettabyte (163 Billionen Gigabyte) Datenvolumen um den Globus fließen. 2016 waren es zehnmal weniger.


HOME SMART HOME

tatt ins „Home Sweet Home“ lädt die Fußmatte nun ins Home Smart Home. Die Wohnung in der Stadt der Zukunft denkt auch mit, wenn keiner daheim ist: Der smarte Thermostat weiß, wann du nach Hause kommst, und beheizt früh genug den Wohnraum. Ver Vernetzte Jalousien fahren aus, wenn die Sonne scheint; sie fahren ein, wenn es regnet. Die Kamera schickt Echtzeitbilder aufs Smartphone, wer deine Schokolade klaut – der Hund oder doch die Kinder. Kommt man endlich heim, reguliert das smarte Stromnetz die Beleuchtung. Die Stimme legt das Ambiente fest: Lagerfeuer, Sonnenaufgang oder DiscoInferno. Der smarte Kühlschrank hat das Bier schon nachbestellt, bevor die letzte Flasche leer werden konnte. Die am Vormittag über den digitalen Spiegel anprobierte Hose wird mit einer Drohne ans Fensterbrett geliefert. Der süße RoboBerater war geschmackssicherer als jeder Designer.

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DER HAUSHALT WIRD AUCH IMMER KLÜGER. GERÄTE KOMMUNIZIEREN IM INTERNET DER DINGE MITEINANDER – UND LERNEN, WIE WIR DEN KAFFEE GERN TRINKEN. WAS HEUTE SCHON ALLES MÖGLICH IST.

E N E RG I E

Intelligente Stromzähler („Smart Meters“) zeigen dem Verbraucher, wann das Stromangebot hoch und der Preis niedrig ist. So gestaltet er den Stromverbrauch flexibel.

Die eigenen vier Wände sparen Energie und lernen von unseren Bedürfnissen – beim Kochen, Wäschewaschen, Musikhören, Schlafen und Einkaufen.

S M A RT E R H AU S H A LT

SANDRO BISARO/GETTY IMAGES

Das Internet der Dinge vernetzt nicht bloß Gebäude und Haushalte, sondern jedes smarte Gerät. Der Datenverkehr steigt unaufhaltsam: Laut Swisscom ver verdoppelt sich der mobile Daten-Download jährlich, während die Gesprächszeit gleich bleibt – pro Woche werden im Mobilnetz der Swisscom 622 Jahre gesprochen. Die globale Erwartung: Im Jahr 2025 sollen 163 Zettabyte Daten (1 Zettabyte = 10²¹ Bytes) um die Welt rasen. Mit Nullen: 163.000.000.000.000.000.000.000 Byte. 2016 waren es „erst“ 16,1 Zettabyte. Swisscom baut mit ihrem Low Power Network (LPN) an einem Netzwerk fürs Internet der Dinge, das alle Informationen schon heute stromnetzunabhängig und kostengünstig überträgt. Die riesigen Datenmengen aus dem Internet der Dinge erfordern auch ein schnelleres Mobilfunknetz: Der Standard 5G soll schon bald Übertragungsraten von mehr als zehn Gigabit pro Sekunde ermöglichen. Neben ausgeklügelten Strategien in der Telekommunikation und dem Verkehr bedarf es auch einer komplexen Infrastruktur für Wasserund Stromversorgung, Abwasser- und Abfallmanagement.

INNOVATOR


LICHT

Alle Lampen im Haus sind vernetzt und per Smartphone steuerbar. Nutzen Geräte dieselbe App, leuchtet etwa die Wohnzimmerlampe grün, wenn der Braten im Ofen gar ist.

KÜCHE

Küchengeräte kochen schon jetzt nach Rezepten aus dem Netz. Kühlschränke schicken Fotos der Lebensmittel auf das Smartphone. Der Kaffee kann im Bett zubereitet werden.

Smarte Häuser steuern alles mit einem zentralen Gehirn: Heizung, Lüftung, Klimaanlage, Beleuchtung, Brandschutz und Videoüberwachung.

I N T E L L I G E N T E G E B ÄU D E

S OZ I A L E V E R N E TZ U N G Eine Smart City vernetzt ihre Bewohner auch analog: In weitläufigen Begegnungszonen und großzügigen Grünflächen sollen Menschen zusammenkommen.

INNOVATOR

SICHERHEIT

Kameras ermöglichen EchtzeitÜberwachung aus der Ferne. Und eine App mit Gesichtserkennungsfunktion meldet dem Smartphone, wenn ein Fremder das Haus betritt.

U N T E R H A LT U N G

TV, Radio und Musik lassen sich auf diversen Geräten in allen Räumen empfangen. Kabellos. Unser Profil kennt unseren Musikgeschmack mindestens so gut wie wir.

DAS SMARTE HEIM DENKT AUCH MIT, WENN KEINER ZU HAUSE IST. DER KÜHLSCHRANK HAT DAS BIER SCHON BESTELLT. Endlich Feierabend auf der Couch. Rauf mit der Virtual-Reality-Brille. Zur Auswahl stehen: eine Netflix-Serie, deren Drehbuch du selbst bestimmst; ein LiveKonzert neben Rihanna auf der Bühne; ein Fußballmatch aus der Sicht des Goalies, der einen Elfer von Messi halten soll. Das Smart Home bringt die Action ins Wohnzimmer – und liefert wichtige Daten über deine Aktionen. Wie smart eine Stadt werden kann, hängt davon ab, wie Daten verknüpft und analysiert werden. Je mehr, desto effizienter lässt sie sich steuern und managen. Damit eine Stadt auch im Sinne ihrer Bewohner handelt, müssen diese in wichtige Fragen mit eingebunden werden: Welche Daten darf eine Smart City über überhaupt sammeln? Wie kann sie die Daten eines Individuums ausreichend schützen? Wie können Bürger mitentscheiden? Die Gesellschaft hat hier noch einige Debatten zu führen. Derweil träumen wir noch davon, dass der Kühlschrank uns endlich den Biereinkauf abnimmt. swisscom.ch

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T E X T: M A R T I N DAT Z I N G E R

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FOTOS: ARNOLD PÖSCHL


DRACERONE


VIER MOTOREN SAMT PROPELLER, CARBONRAHMEN, P O S I T I O N S - L E D S , F P V- K A M E R A , B AT T E R I E : E I N E T Y P I S C H E R E N N D R O H N E , B E R E I T F Ü R D E N S TA R T


S

B E S C H L E U N I G T S C H N E L L E R A L S D I E FO R M E L 1 . S E T Z T KÖ R P E R U N D G E I S T U N T E R TOTA L E N S T R E S S . B E W EG T S I C H M I T B R U TA L E M S P E E D A N D E N L I M I T S VO N P H YS I K U N D T EC H N I K .

ie klingen bedrohlicher als grantige Hornissen, haben einen höheren Topspeed als gedopte Renntauben und sind wendiger als Libellen. Schwer Schwer­ kraft? Ihre Motoren sind stär stär­ ker. Wind? Wen kümmert’s bei diesem Tempo. Ihre Piloten stehen am Boden und fühlen sich doch wie mitten drin, die Finger auf den Sticks, die Re­ flexbögen im Overdrive, eine Videobrille vor den Augen und das Hirn mit Adrenalin und Bildern geflutet, die wie Zeit­ raffer aussehen, aber doch in Echtzeit gefunkt werden. Im falschen Moment blinzeln heißt Kollision, Absturz und Reparatur des selbst gebauten Kunstwerks aus Carbon und Elektronikkomponenten. Ge­ flogen wird im Pulk und auf Zeit, Propeller an Propeller,

Taktikspielchen wie in der Formel 1, denn es geht um Sieg und Meisterschaft. Das alles im Wald, in Tief­ garagen, Industrieruinen, Salzgrotten, in Dubai, auf den Pariser Champs­Élysées und demnächst am Red Bull Ring: Willkommen in der viel zu schnellen Welt der FPV Racing Drones! Local Hero Walter Kirsch aus St. Veit an der Glan ist der Prototyp eines Drone Racer: 25 Jahre alt, technikverliebt und dem Modellbau verfallen. Für das Red Bull DR.ONE am Spielberg wird er zu Recht als einer der Favoriten gehandelt. Noch in der HTL hat er ferngesteuerte Flugzeuge gebaut, unzählige Monate hineingesteckt, nur um dann doch vor dem Erstflug zurückzuschrecken. Viel zu schade um die viele Arbeit, fürs Abstürzen reicht auch ein billiges Fertigprodukt. Vom Drohnenflug war damals noch gar keine Rede. Die Welt der RC­Fluggeräte teilte sich in klassische Flächenflieger und ziemlich teure Hubschrauber, beide flugdynamisch in ihren eigenen Konstruktionsprinzipien gefangen. Multicopter – im Prinzip einfache Flugrahmen mit drei, vier oder noch mehr parallel angeordneten Rotoren an den Ecken – waren damals noch eine spektakuläre Vision, deren Umsetzung an der komplexen Steuerelektronik scheiterte. 2011 kam der Heureka­Moment, in Schweden wurde der erste Flightcontroller entwickelt. Integrierte Gyroskope erkannten Lageänderungen, ein Micro­ controller setzte diese Signale und die Pilotenwünsche anhand komplexer Algorithmen in konkrete Dreh­ zahlbefehle für die einzelnen Propeller um, die rein manuell für Menschen nie zu bewerkstelligen wären. Tüftler wie Walter Kirsch waren inspiriert, schafften sich ihre ersten Quadcopter an und statteten sie mit First­Person­View ­ ­View ­­Technik (FPV) aus – bestehend aus einer winzigen Videokamera, analoger Übertragungs­ technik und einer Videobrille am Kopf. Fertig war die Illusion von der völligen Bewegungsfreiheit in allen drei Dimensionen. Dass es nicht lange beim Auskund­ schaften cooler Perspektiven blieb, war klar. Aus vor vor­ sichtigem Herantasten wurde waghalsiges Herum­ turnen, der Speed eskalierte. Aus Alleinflügen wurden die ersten Wettbewerbe auf selbst mit Flags, Gates und Wegmarkierungen abgesteckten Kursen.

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D I E U N BA R M H E R Z I G R AS E N D E N O N B OA R D B I L D E R D E R V I D EO BRILLE VERSETZEN CORTEX, KLEINHIRN, NEBENNIERENMARK U N D SY M PAT H I K U S I N AU S N A H M E Z U S TA N D.

Inzwischen gibt es weltweit rund 50.000 aktive Drone Racer. Sie treten in unterschiedlichen Ligen an, etwa dem Aerial Grand Prix, der Clubracer auf die internationale Bühne holt, oder der professio­ nellen Drone Racing League, die auf einheitliches Material setzt und die spektakulären Flugaufnahmen kommerziell verwertet. Ganz egal wie die Rennen organisiert werden, das Suchtpotential ist für alle Piloten gleich: Es geht um die Beherrschung eines hochgezüchteten Renngeräts, das sich mit über 130 km/h durch die Luft schraubt, dabei schneller als ein Formel­1­Auto beschleunigt und blitzartige Richtungswechsel an der Grenze des physikalisch Machbaren vollführt, während die Videobrille Onboard­Bilder in entsprechend unbarm­ herziger Geschwindigkeit liefert. Diese Eindrücke müssen vom visuellen Cortex analysiert und vom Kleinhirn ultraschnell und vorausschauend in hoch­ präzise Fingerbewegungen umgesetzt werden. Wir betreten die intime Zone rätselhafter körperlicher Funktionen: Wer nicht schon vor dem aktuellen Gate den Bogen hin zum nächsten sauber einleitet, hat keine Chance. Ein Orientierungsverlust kann sowieso unmöglich aufgeholt werden. Dazu kommt, dass eine Renn­ nicht wie eine han­ delsübliche Kameradrohne durch Beschleunigungs­ sensoren stabilisiert wird. Jeder Input an den Sticks wird 1:1 in eine Lageänderung umgesetzt. Wer die Fernbedienung loslässt, stürzt ab. Es erfordert jede Menge Übung, unter diesen Voraussetzungen eine energetisch günstige, flüssige und unaufgeregte Flug­ bewegung zustande zu bringen. Und dann erst aus Sicht der Piloten: Das Gefühl, selbst durch die Luft zu rasen, ist durch die Video­ brille – die zudem äußere Ablenkungen ausblendet – derart überzeugend, dass sich Nebennierenmark und Sympathikus stets in höchstem Erregungszustand befinden und den Körper mit Adrenalin und Cortisol fluten. Diesen Flow zu erreichen ist der Kick für die Piloten. Selbst wenn man es ihnen von außen nicht anmerkt, stehen die Jungs während der Rennen komplett unter Strom. 60

Mit dem Wettbewerbs­ niveau auf internationaler Ebene steigen sowohl die An­ forderungen an das Fluggerät wie auch an die eigenen Skills. 30 Prozent Material, 70 Pro­ zent Pilot, sagt Lokalmatador Walter. Darum hat es sich als Vorteil erwiesen, dass er von den Pioniertagen an dabei war. Er musste sich seine ers­ ten Drohnen noch komplett selbst bauen und das Fliegen mit alten, wenig ausgeklügel­ ten Flight­Controllern er­ lernen. Heute weiß er aus dem Stand, wie die Dinger funktionieren und wie man sie auf die eigenen Bedürfnisse und den jeweiligen Kurs ein­ stellt. Genau wie im Motor Motor­ sport generell gilt auch beim Drone Racing: Ohne passen­ des Set­up bist du im Rennen verloren. Bedeutet hier, die richtigen Motoren, Propeller und Akkus auszuwählen, die Kamera auf den richtigen Winkel zu justieren und das passende Verhalten des Flight­ Controllers einzustellen. Da­ bei geht es um Kurssetzung und persönliche Vorlieben – nicht jeder kommt mit einer superempfindlichen Steue­ rung zurecht. Für Neulinge ist etwas Trägheit durchaus wünschenswert. Wie gehen Profis die einzelnen Rennen taktisch an? Der Kärntner Walter Kirsch sieht seine Stärke in der Besonnen­ heit, bleibt gerne auf Distanz zum schlimmsten Startgeran­ gel und rollt dann das Feld mit kontrolliert schnellen Runden von hinten auf. Dazu kommt der Faktor Konzentration: Bei zweiminütigen Sprintrennen kann ein Pilot mit einem leich leich­ ten Akku erschöpfungsfrei am Limit fliegen, bei den World

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DROHNENTECHNIK

R A H M E N : Wird aus Car Carbonplatten geschnitten. Die leichtesten Modelle wiegen ca. 80 Gramm und sind dennoch fast unzerstörbar. Die Diagonale zwischen den Motoren bestimmt die Wettbewerbsklasse. Am Spielberg sind es 210 mm.

M O T O R E N : 4 winzige Kraftpakete mit BrushlessTechnik, 300 Watt Leistung, über 30.000 U/min.

P R O P E L L E R : 2 BlattKonfiguration für höchsten Speed, 3 Blatt für mehr Drehmoment und Agilität. In Größen von 3 bis 6 Zoll erhältlich, aus Polycarbonat oder Kohlefaser.

A N T E N N E F U N KFERNSTEUERUNG: Funkt im 2,4-GHz-Bereich.

FERNSTEUERUNG: Handelsübliche Funkfernsteuerung mit vier Kanälen, meist noch ein zusätzlicher, um die Drohne scharf zu schalten. Linker Stick vor/ zurück = Leistungsregulierung, links/rechts = drehen um die Hochachse. Der rechte Stick kontrolliert Rollen und Nicken, ungefähr so, wie man es von einem Flugzeugknüppel kennt.

A K K U : Der aktuell beliebWA LT E R K I R S C H I S T D E R L O C A L H E R O B E I D E R W E LT P R E M I E R E DES RED BULL DR.ONE AM SPIELBERG. IN SEINER VIDEOBRILLE S T E C K T E I N E H I G H - S P E E D -W E LT VO L L A D R E N A L I N .

teste Typ hat 4 Zellen und liefert 14,8 Volt. Moderne Lithium-Polymer-Akkus mit 1500 mAh bringen ca. 170 g auf die Waage, haben also einen gehörigen Anteil am Gesamtgewicht der Drohne. Die Kapazität ist ein wichtiger Aspekt von Set-up und strategischen Überlegungen vor jedem Rennen.

P D B : Das Power Delivery Board ist ein völlig passives Teil, das den Strom des Akkus an die Verbraucher, vor allem die Motoren, ver ver-

teilt. Ist bei einigen Rahmen schon fix integriert.

E S C : Jeder Motor hat einen zugehörigen Electronic Speed Controller. Mittels PWM (Pulse-width Modulation) steuert er die Drehzahl des Motors.

F C : Der Flight-Controller ist das Gehirn der Drohne. Er kann mit seinen Gyroskopen Lageänderungen in allen drei Achsen erkennen, die dann in einem Mikroprozessor gemeinsam mit den Stick-Inputs des Piloten in Drehzahlvorgaben für die Speed Controller umgerechnet werden. Moderne Exemplare sind hinsichtlich gewünschter Agilität einstellbar. F P V- K A M E R A : Die Ich-Perspektive (First Person View) wird durch eine winzige Kamera am vorderen Rahmenende ermöglicht. Je schneller der Pilot ist, desto steiler ist die Kamera angestellt. Rumcruisen funktioniert dann nicht mehr, weil der Pilot nur den Himmel sehen wür würde. Zurzeit sind noch vollanaloge FPV-Systeme üblich. Diese arbeiten absolut verzögerungsfrei, sind aber mit bestenfalls 600 × 800 Bildpunkten qualitativ nicht gerade berauschend und sehr störungsanfällig. A N T E N N E F P V: ver verschiedene Bauformen, immer 5,8-GHz-Bereich. VIDEOBRILLE MIT F P V- E M P FÄ N G E R : Die Piloten könnten zwar auch mit Monitoren fliegen, ziehen aber Videobrillen vor (bessere Abschirmung, besseres Fluggefühl). Es gibt weder 3D-Darstellung noch eine Übertragung von Kopfbewegungen auf die Kamera.


DER KURS

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R AC E D I R E C T O R JÖRG BUMBA ÜBER DIE D E TA I L S D E S PA R C O U R S , DER IM ZEICHEN DER VIER GRUNDELEMENTE F E U E R , WAS S E R , L U F T U N D E R D E S T E H T:

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Die Piloten starten aus sechs Boxen und durchqueren das dreieckige Start/Ziel-Gate.

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Die Drohnen werden über die Köpfe des Publikums hinweg durch fünfeckige Gates gesteuert. Sie sind dabei so nahe an den Zusehern dran wie nie zuvor. Deshalb spannen wir ein Sicherheitsnetz!

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Nun heißt es den linken Stick voll durchdrücken, denn das High Gate liegt 20 Meter über dem Boden. Die Drohnen gehen in einen Sturzflug über, um Geschwindigkeit für die HighSpeed-Passage aufzubauen. Wieder zurück auf Bodenniveau, lauert eine fiese Wasserwand, die nur an einer Stelle trocken durchflogen werden kann. Eine beschlagene Kameralinse bedeutet Blindflug! Der anschließende Slalom muss unbedingt fehlerfrei gemeistert werden, sonst werden die Drohnen mit einem Luftstoß aus der Bahn geworfen. Das Precision Gate verlangt noch mehr Konzentration: Den Lichtschranken berühren heißt umdrehen und ihn noch einmal anfliegen. Nun kommt der Feuerslalom – in der Videobrille ist dieser Sektor jedes Mal eine neue Überwindung. Wer von der Ideallinie abweicht, darf das Schicksal des Ikarus nachfühlen! Nach 35 bis 40 Sekunden durchfliegen die Drohnen wieder das Start/ZielGate und rasen erneut über die Zuschauer hinweg.

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D I E N ÄC H S T E G R O S S E T EC H N I S C H E R E VO L U T I O N K Ü N D I G T SICH IM BEREICH DER B I L D Ü B E R T R AG U N G AN: DERZEIT SEHEN D I E P I LOT E N N O C H A N A LO G .

RED BULL/IWX/PICKS MAGAZINE

Grands Prix mit 12 bis 15 Minuten (!) Renndauer wird jeder Boxenstopp zur willkommenen Verschnauf­ pause. Analog dazu gilt es auch, über den Turnier­ verlauf mit den eigenen Kräften hauszuhalten. Profis gehen in den Vorrunden keine unnötigen Risiken ein. Der Großteil der Gegner stürzt sowieso ab. Es genügt, am Weg ins Finale kontinuierlich die Rennpace zu steigern, um dann im entscheidenden Moment voll da zu sein. Auf diese Art fliegt Walter bei internatio­ nalen Bewerben immer wieder in Podiumsnähe. Leidet die Romantik des Selberschraubens unter zunehmender Professionalität? Keineswegs, dafür ist der Fortschritt zu schnell. Die vielen schönen neuen Teile, die auf den Markt geworfen werden, müssen schließlich verbaut werden. Sobald sich eine Per­ formancesteigerung bei der einen Komponente ein ein­ stellt, muss der Rest auch angepasst werden, damit die Balance stimmt. Walter ist an diesem Kreislauf nicht ganz unbeteiligt. Seit 2016 stellt er unter dem Label CherryCraft selbst konstruierte Carbonrahmen her. Sie erfreuen sich wegen ihrer Leichtigkeit, Stabi­ Stabi lität und auswechselbaren Arme international großer Beliebtheit. Was Schraubendreher und Lötkolben ebenfalls ständig auf Trab hält, ist ganz normaler Verschleiß. Denn wer nicht regelmäßig abstürzt, fliegt zu langsam. Am ehesten sind bei Kollisionen natürlich die Propeller beleidigt. Schubverlust und Unwucht bis hin zum unbrauchbar verschwommenen FPV­Bild sind noch relativ harmlose Konsequenzen, FPV mitunter zerstört ein verbogener Propeller auch gleich den dazugehörigen, recht exponierten Motor­ Motor controller. Im Endeffekt sind Propeller genauso Verbrauchsmaterial wie Reifen im Motorsport. Für einen Rahmenbruch hingegen muss es schon wirk wirk­ lich heftig krachen. Die Carbonteile sind enorm widerstandsfähig. Wohin geht die Reise bei der Technik Renndrohnen? Die großen Themen lauten Leistung und Gewicht. Während der Leichtbau kontinuierlich Fortschritte

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KICK-OFF

macht, steigen die Ströme und Spannungen, die von den Akkus und Reglern an die immer stärkeren Motoren geliefert werden. Die heute üblichen 4­Zellen­Akkus mit 14,8 Volt stehen kurz vor der Ablöse durch 5­Zeller mit 18,5 Volt. Und obwohl wäh­ rend kurzer Lastspitzen jetzt schon unglaubliche 120 Am­ pere abgerufen werden, stei­ gen die Ströme in Zukunft noch weiter an. Gleichzeitig bleibt die Entwicklung bei den Propellern nicht stehen, denn sie müssen die Kraft erst in Vorwärtsbewegung umset­ zen. Überhaupt wird das The­ ma Aerodynamik bisher noch recht stiefmütterlich behan­ delt, auch hier wartet großes Verbesserungspotential. Die nächste große Revolu­ tion kündigt sich im Bereich der Bildübertragung an. Nach wie vor ist hier die alte Analogtechnik verbreitet, und zwar aus zwei einfachen Gründen: Sie ist billig und arbeitet völlig verzögerungs verzögerungs­ frei. Allerdings liefert sie auch die Qualität alter VHS VHS­Auf­ Auf­ Auf nahmen und ist dabei recht störungsempfindlich. Rau Rau­ schen und Streifenbildung sind ganz normal – und mit­ unter schnappt man sogar das Signal des Kontrahenten auf. Wenn das länger als wenige Zehntelsekunden dauert, ist der Absturz unvermeidbar. Digitaltechnik liefert hingegen wesentlich hochwertigere HD­Qualität, was nicht nur den Piloten freut, sondern auch wesentlich eher den Sehgewohnheiten des Publi­ kums entspricht. Neben dem höheren Preis muss hier aber erst das leidige Thema der Latenz überwunden werden: Eine Zeitverzögerung, die durch Abtastung, Aufberei­ tung, Kompression und Über­ tragung entsteht. Das spielt sich zwar alles im Bereich weniger Millisekunden ab, aber selbst das ist für die besten Piloten ein absolutes No­Go. www.redbull.com/drone

R E D B U L L D R .O N E U N D A I R M AS T E R S WO R L D CUP AM SPIELBERG Am 29. und 30. September finden am Red Bull Ring die „Krone E‑Mobility Play Days 2017“ statt. Dabei feiert das Red Bull DR.ONE mit 18 Teams aus elf Ländern sei‑ ne Weltpremiere. Außerdem wird der „Air Masters Drone Racing FAI World Cup“ zum ersten Mal in Österreich ausgetragen. Zwi‑ schen dem Fahrerlager und dem Heliport wird dafür ein einzigarti‑ ger Kurs auf einer Fläche größer als ein Fußballfeld abgesteckt. Auf die Piloten wartet eine her‑ ausfordernde Kombination aus flüssigen Highspeed‑Bereichen und spannenden Technical Areas. Sechs Drohnen treten jeweils gleichzeitig in einem vierminüti‑ gen Heat an. Die Dauer ist so ge‑ wählt, dass sowohl eine Taktik mit, aber auch ohne Akkuwechsel Siegchancen birgt. Noch nie ein‑ gesetzte Obstacles verlangen gleichermaßen Schnelligkeit und Präzision an der Fernsteuerung. Auch das Publikum wird näher an das Renngeschehen geholt: Damit es immer weiß, welche der kleinen Drohnen gerade in Führung liegt, leuchten die rhombenförmigen Gates in der Farbe des gerade füh‑ renden Teams auf. Es gibt direkte Sicht auf die Piloten, der Führende wird mit einem Drehlicht mar‑ kiert. Wer schwindelfrei ist, kann dem Renngeschehen per Live‑ Feed des FPV‑Signals auf zwei Videowalls folgen.

Kostenlose Tickets auf: projekt-spielberg.com

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BCOMP.CH

WER HAT’S ERFUNDEN?


S C H W E I Z E R S TA R T- U P S A U F D E M W E G I N D E N G L O B A L E N M A R K T. T H E R E D B U L L E T I N I N N O VAT O R P R Ä S E N T I E R T S I E B E N D U R C H S TA R T E R , D I E W I R U N S M E R K E N S O L LT E N . T E X T: F L O R I A N W Ö R G Ö T T E R

BIO-RACER: FLACHS STATT CARBON

BCOMP

Die findigen Freiburger entdecken den Fortschritt in der Tradition – im Naturfaserstoff Flachs. Seine Pluspunkte: Er ist leicht, stabil und dämpfend. Seit 2011 bilden die nachhaltigen Naturfaser-Werkstoffe von Bcomp den Kern prämierter Skate- und Snowboards, Rennräder und Automobilteile. Sogar die European Space Agency (ESA) setzt auf die mit Flachs verstärkte powerRibs-Technologie. Ein wahrer Coup gelingt Bcomp mit der Kooperation mit US-Rennfahrerin Leilani Münter. Flachs stabilisiert die Karosserie des TeslaRennwagens (Foto links) der rasenden Umweltaktivistin, die ab Sommer in der Electric-GT-Tourenwagen-Rennserie mitfährt. Die Vorteile: Motorhaube und Dach sind nun um bis zu 40 Prozent leichter als die entsprechenden Teile aus Carbon. Die Folge: Je geringer das Wagengewicht, desto geringer der Energieverbrauch. Und: Die Materialkosten sinken ebenfalls. bcomp.ch

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KÖRPERZELLEN IM ANIMATIONSKINO

NANOLIVE

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3 EKG FÜR UNTERWEGS UND UNTER WASSER

IDUN

IDUN HealthTech (benannt nach der nordischen Göttin der Jugend und Unsterblichkeit) ist ein Start-up der ETH Zürich und entwickelt flexible Sensoren für die Messung des Herzschlags. Dehnbare Elektroden werden am Körper oder in der Kleidung angebracht. Ohne Elektrolytgel messen sie die Herzfrequenz direkt auf der Haut (siehe Foto oben). Auch bei körperlicher Belastung, schnellen Bewegungen und unter Wasser liefern sie zuverlässige Informationen. Mit diesen Daten lässt sich das Training professioneller Athleten analysieren und deren Leistung steigern. Anomalien werden frühzeitig erkannt, was wertvolle Zeit verschafft, um darauf richtig zu reagieren. idunhealthtech.com

HIER FLIESST GELD – IN EINE BESSERE WELT

WASSER FÜR WASSER

Trinkwasser aus Schweizer Wasserhähnen ist köstlich, kostbar – und kostenlos. Genau dafür wollen zwei Brüder aus Luzern, Morris und Lior Etter, das Bewusstsein schärfen und gleichzeitig darauf aufmerksam machen, dass viele Menschen auf der Erde dieses Privileg nicht genießen. Ihre Non-ProfitOrganisation Wasser für Wasser (WfW) bewirbt das Hahnenwasser seit fünf Jahren mit diversen Initiativen: Der Luzerner OnlineBrunnen-Guide etwa führt Durstige an 200 Quellen in der Stadt. Mehr als 250 Gastronomiebetriebe verkaufen Leitungswasser in WfW-Karaffen; 150 Unternehmen servieren ihren Mitarbeitern statt MineralLeitungswasser in WfWFlaschen. Die Einnahmen fließen in Wasser- und Ausbildungsprojekte in Sambia. Zwischenbilanz: Eine Million Franken wurden bereits gespendet, Wasserkioske, Bohrlöcher und Leitungsnetze finanziert. Die öffentliche Wasserversorgung wird gestärkt und Arbeitsplätze geschaffen. wasserfuerwasser.ch INNOVATOR

HERBERT ZIMMERMANN, CHRISTOPH UNTERSANDER, NANOLIVE

Der 3D Cell Explorer von Nanolive zeigt einen noch nie da gewesenen Blick auf Neuronen, Spermien und Bakterien. Denn das Mikroskop macht das Innenleben von Zellen sichtbar – ohne das Zellgewebe zu beschädigen. Wie das geht? Ein Spin-off der ETH Lausanne entwickelte im Jahr 2013 ein tomographisches Mikroskop, das ähnlich wie eine Computertomographie die optische Dichte von Zellen visualisiert. Eine Software namens Steve lädt eine bewegte 3D-Animation der Zellen innerhalb von zwei Sekunden auf den Bildschirm. Das Echtzeitvideo zeigt in bunten Farben, wie Zellen auf Medikamente reagieren oder wie sie sich vermehren. Kurz: ein bis auf Nanometer (10 –9 m) hochaufgelöstes Animationskino. Hauptdarsteller: das Innerste des Lebens. Auch die Verpackung ist ein prämiertes Meisterstück: kompaktes Aluminium aus einem Guss, intuitiv bedienbar – und vor allem leistbar. Nanolives dreidimensionaler Blick auf das Leben könnte zu neuem Wissen über Krankheiten oder Drogen führen. nanolive.ch


M IT WAS S E R FÜ R WAS S E R M AC H E N D I E G E B R Ü D E R E T T E R D E N S C H W E I ZE R N I H R H A H N E NWAS S E R S C H M AC KH A F T – U N D FÖ R D E R N S O D I E WAS S E RV E R S O RG U N G I N SA M B I A .

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D I E D I G I TA L I S I E R U N G M AC H T A U C H V O R D E R S TA R T- U P S W I E W I N G T R A U N D E C O R O B O T I X S I E S A M M E L N W I C H T I G E DAT E N O D E R

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WINGTRA

In der Landschaftsvermes­ Landschaftsvermes sung bahnt sich eine Revo­ Revo lution an, und dieses Ding ist der Grund dafür: Wing­ traOne, ein drohnenartiger tra Hybrid aus Helikopter und Flugzeug, entworfen, um aus der Vogelperspektive Landschaften zu analysie­ ren. Was das bringt? Eine drastische Vereinfachung der Datenerhebung bei Vermessungen von Riesen­ Riesen

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WINGTRA, ECO ROBOTIX, ROBERT HUBER

SENKRECHTSTART MIT ADLERAUGE

flächen. Flugtechnisch ist das Spin­off der ETH Zürich ein Alleskönner: Es hebt ab und landet wie ein Heli (was es etwa zum punktgenauen Aufsetzen zwischen Hochhäusern befähigt). In knapp einer Stunde überfliegt, foto­ grafiert und vermisst es eine Fläche von 400 Hektar, das sind 560 Fußballplätze. Gesteuert wird der Über­ Über flieger vom Boden aus, die Flugzone bestimmt man per Touchscreen. Prognose: Einsatz in Forst­ und Land­ wirtschaft als Vegetations­ kontrollor. Oder sogar für Privatpersonen – denn Wingtra ist auch für Tech­ nik­Dummies easy zu steuern. wingtra.com INNOVATOR


L A N D W I R T S C H A F T N I C H T H A LT. GEHEN BAUERN ZUR HAND:

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J ÄT E N D E R E N U N K R A U T.

DAS EINHORN DER VIRTUELLEN REALITÄT DER SMARTE UNKRAUT-TERMINATOR

ECOROBOTIX

Eine Ping-Pong-Platte im Kornfeld? Nein, sondern der solarbetriebene UnUn krautroboter des Waadter Start-ups ecoRobotix. Die schlaue Maschine bewegt sich mittels GPS und SenSen soren eigenständig die Pflanzenreihen entlang. Kamerabilder zeigen ihr, wo genau wie viel Unkraut wächst. Dadurch kann der Roboter exakt angepasste und damit extrem geringe Dosen Herbizide einsetzen, die er über Düsen an seisei nen beiden Armen zielziel genau versprüht. Das verver ringert die Belastung für den Boden deutlich. Die Photovoltaikmodule am Rücken erzeugen SonnenSonnen energie für einen ZwölfStunden-Arbeitstag. Die Feldversuche waren so erfolgreich, dass der umum weltfreundliche Roboter 2018 in Serie gehen wird. ecorobotix.com

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MINDMAZE

Der Inder Tej Tadi (u.) machte den NeurotechPionier MindMaze zum derzeit wertvollsten Start-up der Schweiz. Aktueller Marktwert: eine Milliarde US-Dollar, was das 2011 in Lausanne gegründete Unternehmen auf eine Stufe mit Uber, Airbnb oder Snapchat stellt. Seinen erstaunlichen Aufschwung verdankt Mindmaze einem mobilen Rehabilitationssystem – für Hirnschlagpatienten. Die geniale Idee dahinter: Mithilfe virtueller Realität werden in Mitleidenschaft gezogene Hirnareale stimuliert. Und zwar durch Täuschung der eigenen Wahrnehmung. Beispiel? Ein Patient (mit gelähmter linker Hand) bewegt seine rechte Hand, sieht aber am Screen oder durch die VR-Brille die linke Hand in Bewegung. Dies gaukelt ihm eine gesunde linke Hand vor – was die Genesung der betroffenen Hirnregionen beschleunigt. MindMaze-Rehabilitationssysteme sind bereits in mehreren europäischen Spitälern im Einsatz. Zudem tüftelt man emsig an der Entwicklung von heimtauglichen Gehirnstimulierern. mindmaze.com


DIE ZUKUNFT DER MEDIZIN 70

INNOVATOR


TEXT: AREK PIATEK

GETTY IMAGES

HAT BEGONNEN Von Krebskanonen und smarten Pillen: The Red Bulletin Innovator skizziert die Heilmethoden der Zukunft. Mit fachlichen Anmerkungen von Prof. Dr. Gebhard Schertler, Biochemiker und Forscher am Paul Scherrer Institut.


Nº 1 GENE REPARIEREN

GENOME EDITING

DR. GEBHARD SCHERTLER:

Wer an einer genetisch bedingten Krankheit leidet, der musste sich bislang schlicht und einfach damit abfinden. Jetzt keimt Hoffnung auf. Denn der Mensch hat Verfahren entdeckt, in die DNA einzugreifen. Wie mit einem Skalpell. „Genome editing“ nennt sich das Verfahren, bei dem eine Gensequenz zerschnitten, ausgeschaltet oder durch eine andere ersetzt wird. So können Forscher nicht nur Gene ausschalten, sondern auch defekte DNA-Teile ersetzen oder neue Gensequenzen einfügen. Das funktioniert bei allen Zellen – Viren, Hefen, Pflanzen, Tieren – und auch beim Menschen. Konkrete Zukunftsszenarien? Die Eliminierung von Erbdefekten oder das (völlige) Ausrotten von Krankheiten.

Ein zukunftsweisender Prozess: Die Entwicklung von präzisen und verlässlichen Möglichkeiten, unser Genom an genau definierten Stellen zu verändern – sei es, um einzelne Gene an- oder auszuschalten oder durch andere zu ersetzen –, ist für die Entwicklung von Gentherapien absolut unerlässlich.

Wenn wir ein Rezept in der Apotheke einlösen, denken wir kaum daran, wie der Wirkstoff nach der Einnahme an die richtige Stelle im Körper gelangt. Aber das ist von großer Bedeutung, insbesondere bei Krebsmedikamenten, die darauf ausgelegt sind, Zellen in unserem Körper abzutöten. Das Schlagwort hier: massgeschneiderte Moleküle. Ein Beispiel? Man nimmt ein Trägermolekül, das sich gezielt nur an die Tumorzellen anlagert – und koppelt es mit dem medizinischen Gift, das kann eine Chemikalie oder ein Radionuklid sein. Bei Letzterem spricht man von Radiopharmaka. Je zuverlässiger sich das Trägermolekül nur an den Krebszellen anlagert, desto geringer die Giftkonzentration im übrigen Körper und damit auch die Nebenwirkungen.

Nº 2 KLUGE PILLEN SCHLUCKEN


MASSGESCHNEIDERTE MOLEKÜLE

LICHTBLITZE

DR. GEBHARD SCHERTLER:

Wir blicken hier am PSI auf eine lange Tradition der Radiopharmaka­ entwicklung zurück. Wir sind heute in der Lage, solche Wirkstoffe fast bis zur Marktreife zu ent­ wickeln. Elementar ist, Oberflächenmoleküle auf Krebszellen zu finden, die sonst im Körper nicht oder nur in geringen Konzentrationen vor­ kommen. Als Träger­ moleküle verwenden wir dann Antikörper oder herkömmliche Wirkstoffe, die hochspezifisch an diese Oberflächen­ moleküle andocken.

Nº 3 PROTEINE CHECKEN Proteine – bei allen Prozessen in unserem Körper spielen sie eine entscheidende Rolle: bei Muskelkontraktionen (also Bewegung), der Kontrolle der Hirnimpulse oder beim Energiegewinn aus Nahrung. Doch verstehen können wir die Prozesse nur, wenn wir die Proteine „sehen“ können und wie sie sich während dieser Vorgänge verändern. Das Problem: Proteine sind viel zu klein, um sie mit normalem Licht zu sehen. Dafür benötigt man etwas Stärkeres wie Röntgenstrahlen oder Elektronen. An der Synchrotron Licht Lichtquelle Schweiz des Paul Scherrer Instituts werden seit mehr als 15 Jahren statische Proteinstrukturen sichtbar gemacht. Jetzt gibt es etwas, was die dynamischen ProteinVeränderungen sichtbar macht: den Freie-Elektronen-Röntgenlaser, auch SwissFEL genannt – ein 740 Meter langes Ding, dessen Röhre unter der Erde verläuft und dessen

DR. GEBHARD SCHERTLER:

Bei der Strukturanalyse mit Röntgenstrahlen geben wir einen Protein­ kristall in den Röntgen­ strahl und können die Struktur des Proteins aus den Beugungsmus­ tern errechnen. So be­ kommen wir ein stati­ sches Bild der Struktur. Mit einer neuen Methode können wir Tausende von Proteinkristallen in kurzer Zeit am SwissFEL messen. Wenn wir dann kurz vor der Messung das Protein im Kristall zu einer biochemischen Reaktion anregen, z. B. mit einem Lichtpuls, bekommen wir einzelne „Schnappschüsse“ von den Veränderungen im Protein, die während der Reaktion stattfinden, und können daraus unser „Daumenkino“ erstellen.

Lichtstrahl zehn Trilliarden Mal so hell wie die Sonne strahlt. Was er kann? Mit ultrastarken hochfrequenten Licht Lichtblitzen trifft er auf die untersuchte Struktur und liefert eine Art Daumenkino von Proteinbewegungen: Er zeigt uns die Bewegungen unserer Atome quasi als Film und in 3D! Dies ermöglicht, die molekulare Maschinerie des Lebens schon bald viel besser zu verstehen.

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OPTOGENETIK

Nº 4 KRANKHEIT AUSKNIPSEN Krankheiten auf Knopf Knopfdruck ausschalten? In Zukunft durchaus möglich. Das Zauberwort hier heisst Optogenetik und funktioniert, einfach erklärt, so: Man macht entscheidende Körperzellen mittels Gentherapie lichtempfindlich – und gewinnt so die Kontrolle über sie. Konkret: Schaltet man Licht ein, aktiviert man die Zelle, mit „Licht aus“ deaktiviert man sie wieder. Was uns das bringt? Beispielsweise könnten epileptische Anfälle so im Keim erstickt werden – indem man die krampfauslösenden Hirnzellen mit dem „Licht aus“-Schalter rechtzeitig ausknipst. Der Trick dahinter: Mittels Gentechnik integriert man lichtempfindliche Proteine in die betreffenden Zellen – die dann zu „sehen“ beginnen, also auf Licht reagieren, genauer gesagt ein Signal auslösen oder eben nicht.

DR. GEBHARD SCHERTLER:

Man hat diesen Trick in Tierversuchen ange­ wandt, um herauszufin­ den, welche Nervenzel­ len man aktivieren muss, um eine Epilepsie auszu­ lösen oder zu stoppen. Jetzt ist man dabei, eine Therapie für Epileptiker zu entwickeln, bei denen sich die epileptischen Anfälle nicht mit Medi­ kamenten kontrollieren lassen. Die jetzigen opto­ genetischen Systeme eignen sich hauptsäch­ lich zur Aktivierung von Nervenzellen. Wir arbei­ ten daran, das Signal­ spektrum von opto­ genetischen Systemen drastisch zu erweitern, damit es auch für andere Zelltypen interessant wird. So würden die Therapiemöglichkeiten im Bereich der Optogenetik signifikant erweitert.

Nº 5 AUF DEN TUMOR ZIELEN Mit 650.000.000 km/h gegen den Krebs. Bei der Protonentherapie werden bösartige Wucherungen punktgenau mit Protonen beschossen, bis die Tumor-DNA zerstört ist. Der Vorteil: So kann der Krebs tief im Gewebe an schwer zugänglichen Stellen anvisiert werden – wie im Auge, im Gehirn, an der Schädelbasis oder der Wirbelsäule. Vorteil Nummer zwei: Gesundes Gewebe wird dabei weit mehr geschont als bei herkömmlichen Röntgenstrahlen. Weltweit wurden bereits weit mehr als 100.000 Krebspatienten mit Protonen behandelt. Besonders Kinder profitieren davon. Langzeitnebenwirkungen wie Wachstums- und Entwicklungsdefizite kommen seltener vor als nach herkömmlicher Bestrahlung – was die Lebensqualität der jungen Patienten immens erhöht.


PSI DR. GEBHARD SCHERTLER:

Die Protonentherapie gibt es am PSI seit über 30 Jahren. Sie hat sich neben der Röntgen­ bestrahlung als wichtige Therapieform für be­ stimmte Krebserkran­ kungen etabliert. Die Protonen werden über Magnetfelder enorm beschleunigt. Die dafür benötigte Therapie­ anlage ist in einer drei­ stöckigen Halle mit der Grundfläche eines halben Fussballplatzes unter­ gebracht. Ihre maximale Energie geben die Proto­ nen direkt im Tumor ab. Diese Eigenschaft macht sie so präzise.

PROFESSOR DR. GEBHARD SCHERTLER ist Professor für Strukturbiologie an der ETH Zürich und Leiter des Bereichs Biologie und Chemie am Paul Scherrer Institut. Er ist ein

PAUL SCHERRER INSTITUT

PROTONEN

weltweit anerkannter Experte für zelluläre Rezeptoren und interessiert sich für molekulare Grundlagen des Sehprozesses und des Zusammenspiels von pharmazeutischen Wirkstoffen und ihren Zielmolekülen.

Das Paul Scherrer Institut (PSI) ist das grösste Forschungs­ institut für Natur­ und Ingenieurwissen­ schaften in der Schweiz. Es betreibt Spitzenforschung in den Bereichen Materie und Material, Energie und Umwelt sowie Mensch und Gesund­ heit. Durch Grund­ lagen­ und angewandte Forschung arbeitet man an nachhaltigen Lösungen für zentrale Fragen aus Gesell­ schaft, Wirtschaft und Wissenschaft. Auf letztgenanntem Gebiet beschäftigen sich For­ schungsgruppen am PSI mit Grundlagen­ fragen der Biologie und der Therapie von Krebs. So wird die Struktur von Proteinen untersucht – hoch­ komplexen Biomole­ külen, die für zahllose Vorgänge im Organis­ mus verantwortlich sind. In der Protonen­ therapie werden direkt am PSI Patienten mit spezifischen Krebs­ erkrankungen be­ handelt. Die Radio­ pharmazie entwickelt Medikamente gegen sehr kleine und im ganzen Körper ver­ teilte Tumoren.

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WAS KANN E‑MOBILITÄT, WENN MAN SIE AUF DEN GIPFEL TREIBT? WIR MACHEN DEN VERSUCH MIT EINER KTM FREERIDE E‑XC AUF DER ULTRA‑ BRUTALEN STRECKE DES RED BULL HARE SCRAMBLE AM ERZBERG.

SPANNUNGS

SPITZE

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A L S D U R C H S C H N I T T S FA H R ER D EN KS T D U N I C H T E I N M A L DA R A N : D I E T ER R U D O L F F L I EG T M I T D ER K T M F R EER I D E E D I E BA D E WA N N E H O C H – I M WO R T S I N N .

TEXT: WERNER JESSNER

FOTOS: CHRISTOPH MEISSNER


D

ieter Rudolf sitzt seit seinem vierten Lebensjahr auf dem Motorrad und gehört zu den am häufigsten fotografierten Motorradfahrern des Landes. Nie gehört, diesen Namen? Dieter – den Freunde Didi nennen, nicht Rudi, weil ersterer sein Vorname ist – steckt hinterm Helm der Fahrer auf den KTM-Prospekten, von 125 bis 500 Kubikzentimetern. Außerdem gehört Rudolf zur raren Spezies österreichischer Erzberg-Finisher; zuletzt ist ihm dieses Kunststück 2017 gelungen – mit einem ausgezeichneten 22. Platz. Was er noch macht: Er fährt Stunt-Shows mit der KTM Freeride E. Und jetzt kommen wir ins Spiel: Was kann das kleine, handliche Motorrad, dieser Zwitter aus Trial- und Enduro-Bike mit Elektroantrieb, im extremen, nein, im WIRKLICH extremen Gelände? Wir wählen drei Passagen aus dem legendären Erzberg-Rodeo und schicken Dieter los.

EN D LO S E S C H I N D ER E I : CA R L’ S D I N N ER I S T E I N E A N SA M M LU N G R I ES I G ER S T E I N B R O C K EN , D I E E I N R AC H S Ü C H T I G ER G E I S T S O D R A P I ER T H AT, DAS S S EL B S T D I E B ES T EN Z W E I S T U N D EN L A N G O R D EN T L I C H Z U K Ä M P F EN H A B EN .


U N S ER T ES T FA H R ER: D I E T ER R U D O L F, JA H R GA N G 1 9 8 8 , KO M M T AU S A LT L EN G BAC H ( N Ö) U N D I S T E I N ER D ER B ES T EN A M AT EU R - C R O S S ER Ö S T ER R E I C H S .

INNOVATOR

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PRÜFUNG 1

WASSERLEITUNG ine ikonische Schlüsselstelle gleich zu Beginn der Strecke, ein Steilhang entlang zweier Wasserrohre, daher der Name. Die Einfahrt ist ein wenig verzwickt, dabei gilt es, jedes km/h Schwung mitzunehmen, um weiter oben nicht zu verhungern. Nicht nur fahrerisch spielen sich hier traditionell Dramen ab. Viele Bikes sind schlicht zu schwach, scheint es. Keine guten Karten für die nominell nur 15 PS starke Freeride, die kurzfristig eine Spitzenleistung von 22 PS abrufen kann. Dieter fährt an, der Motor summt, mit spürbar Vollstrom donnert er in den Hang. Von wegen zu wenig Leistung: Spielerisch kommt er oben an und hat sogar noch genügend Geschwindigkeitsüberschuss, um über die Kante zu springen. Wir müssen den Schwierigkeitsgrad erhöhen.

3% A L L ER T E I L N EH M ER S C H A F F EN ES B E I M R ED B U L L H A R E S C R A M B L E I N S Z I EL – I N G U T EN JA H R EN . D I E T ER R U D O L F WA R 20 17 E I N ER D I ES ER H EL D EN .

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INNOVATOR


D ER E I N D R U C K TÄU S C H T: O P T I S C H I S T D I E K T M F R EER I D E E E I N K L E I N ES, L E I C H T ES B I K E . TAT SÄC H L I C H W I EG T S I E S O GA R E I N W EN I G M EH R A L S D I E T ER R U D O L F S 30 0 - K U B I K- B I K E .

Prozent Stei­ gung, länger 97 als die Wasser Wasser­ leitung, dazu ausgewaschen und wellig: Hier braucht man nicht nur Leistung, man muss sie auch auf den Boden bringen. Dosierbarkeit ist gefragt und die Fähigkeit, aus niedrigen Dreh­ zahlen wieder zu beschleunigen. Wir kommen von oben, der Ein­ fachheit halber fährt Dieter den Hang gleich runter. Unten dreht er um, holt Schwung und zischt hoch. Das Fehlen des Motor­

geräuschs irritiert noch immer – auch deshalb, weil hörbar ist, was sonst vom Geräusch des Verbrennungsmotors übertönt wird: das Klappern der Plastics, das Pfeifen der Federelemente, auch das Schnaufen von Dieter Rudolf, als es ihn aushebt, er wieder Traktion sucht und tat­ tat sächlich bis ganz nach oben ackert. War es so leicht, wie es ausgesehen hat? „Nein, das war am Limit. Hier fehlt einfach Power. Mit meiner knapp 50 PS starken 300 EXC fahre ich das im dritten Gang. Die Freeride

hat nur einen einzigen Gang, dafür viel Drehmoment unten raus. Du musst mit dem leben, was kommt. Und da kommt halt nur halb so viel wie bei meinem Bewerbs­Motorrad.“ Gibt’s einen Steilhang, den du dir mit der Freeride E nicht zutrauen würdest? „Dreikönig. Das ist der längste hier am Erzberg.“

BADEWANNE PRÜFUNG 2 INNOVATOR

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PRÜFUNG 3

CARL’S DINNER as hier ist etwas ganz anderes: eine endlose Geröllhalde, an der sich die Profis beim Red Bull Hare Scramble gut und gern zwei Stunden abarbeiten. Die Linie ist stets so gesteckt, dass sie garantiert keine Schwierigkeit auslässt. Meterhohe Felsen sind normal, manche sind mehr als lenkerhoch. Dazu gibt es enge Ecken und – besonders gemein – abgeschnittene Junglärchen, die elastische Hindernisse abgeben. Carl’s Dinner ist ein MaterialKiller und verlangt präzisen Fahr Fahrstil. Da muss freilich auch das Bike mitspielen. Anders als konventionelle Motorräder Motor hat die KTM Freeride E keine Kupplung. Stattdessen liegt am linken Lenkerende der Hebel für die Hinterradbremse – ganz wie beim Fahrrad. Das macht es für Dieter Rudolf schwer, das Vorderrad präzise auf die Felsen zu heben: „Normal machst du das mit der Kupplung. Die Freeride E musst du über die Bremsen vorspannen und gleichzeitig Gas geben. Wenn du die Bremsen schlagartig öff öffnest, entlädt sich die Energie, und das Bike schnellt auf das Hinder Hindernis. Leider kommt die Leistung mit leichter Verzögerung. Das macht das Timing schwierig.“ Hier kommt Dieter Rudolf seine Trial-Erfahrung zugute. Schwitzend turnt er zwischen den Felsen umher, einige Passagen bewältigt er neben statt auf dem Motorrad. Es ist eine extreme Schinderei: Mit 108 Kilo ist die Freeride E sogar geringfügig schwerer als Dieters ZweitaktDreihunderter. Der erste Akku ist mittlerweile leer, der neue war in weniger als einer Minute eingesetzt. Sitzbank aufklappen, vier Schrauben lösen, neuen Akku rein, weiter geht’s. Schneller als tanken. Nach einer weiteren Stunde erlösen wir die Probanden, fahren auf den Erzberg-Gipfel und machen uns Schlussgedanken.

Z W E I VO R T E I L E VO N E- M O B I L I TÄT I M G EL Ä N D E: D U B I S T L E I S E . U N D D U K A N N S T D I C H – I M FA L L D ES FA L L ES – N I C H T A M H E I S S EN AU S P U F F V ER B R EN N EN .

KTM

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TECHNIK IM DETAIL DIE K TM FREER IDE E HAT EIN E STRASSENZU L ASSU NG, IST ABER IM G EL ÄN DE DAH EIM . DA SIE A‑1 ‑TAUG LIC H IST, DÜ RFEN SIE BEREITS SECHZEHNJÄHRIGE FAH REN .

CHASSIS

E I N E M I S C H U N G AU S A LU M I N I U M U N D S TA H L – GA N Z W I E B E I D EN M O D EL L EN M I T Z W E I - O D ER V I ER TA K T M OTO R .

GEOMETRIE

A B S I C H T L I C H V ER S P I ELT AU S G EL EG T. V ER L EU G N E T I H R E T R I A L- G EN E K E I N E S E K U N D E . DA H ER K E I N E K ER N KO M P ET EN Z : S TA B I L I TÄT B E I H O H EM T EM P O.

BREMSEN

V ERW I R R EN D F Ü R M OTO R R A D FA H R ER , N AT Ü R L I C H F Ü R M O U N TA I N B I K ER: D ER R EC H T E H EB EL I S T K E I N E K U P P LU N G, S O N D ER N D I E VO R D ER R A D B R EM S E .

POWER MODE

D R E I M O D I KÖ N N EN A M R A H M EN R O H R Ü B ER B U T TO N S E I N G ES T EL LT W ER D EN : EC O N O M Y, S TA N DA R D, A DVA N C ED. I N T EG R I ER T: DAS A K K U - D I S P L AY.

AKKU UND MOTOR

D ER P ER M A N EN T- SY N C H R O N M OTO R L E I S T E T 1 5 P S, K U R Z F R I S T I G AU C H 22 . L I T H I U M - I O N EN -A K K U: I N 8 0 M I N U T EN VO L L , M I N U T EN S C H N EL L AU S G EBAU T.

„MEHR HARDCORE GEHT NICHT“ TH EM ENVERFEH LU NG ODER U LTIMATIVER TEST ? DAS FA ZIT NAC H DREI ERZBERG ‑ PRÜ FU NG EN . the red bulletin innovator:

Was wür‑ de es brauchen, um das Red Bull Hare Scramble rein elektrisch zu bewältigen? dieter rudolf: „Mehr Leistung. Beim Prolog über die Trassen hoch zum Gipfel wärst du viel zu langsam. Die Freeride E schafft eine Spitze von 80 km/h. Mit der 300er fahre ich 130 km/h und mehr. Ich würde mich schlicht nicht für die schnellsten 500 qualifizieren.“ Okay, und wenn doch? „Wieder mehr Leistung, mindestens 30 PS. Sonst geht dir in den langen Steilhängen der Saft aus.“ Wie lang würde der Akku halten? „Die engen Spielereien wie Carl’s Dinner sind nicht das Problem, eher die schnellen Verbindungsetappen. Spitzenleistung über lange Zeit saugt den Akku aus. Aber ein, zwei Wechselakkus an den Checkpoints deponieren – dann wäre das schon machbar.“ Heißt das, dass dich ein E‑Start nächstes Jahr reizen würde? „Im Moment noch nicht. Die KTM Freeride E ist ja auch für etwas ganz anderes konstruiert: für leises Spielen in leichtem bis mittelschwierigem Gelände. Erzberg dagegen: Mehr Hardcore geht nicht. Eigentlich ein Wunder, wie gut dieses Ding selbst hier funktioniert.“

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BEST PRACTICE

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PACKAGING EINE HAUPTHERAUSFORDERUNG DER E-MOBILITÄT: WOHIN MIT DEN VIELEN AKKUS, DIE ES FÜR EINE KONKURRENZFÄHIGE REICHWEITE BRAUCHT? NACH UNTEN, KLAR, ABER AUCH SO, DASS ES MÖGLICHST NICHT ZU LASTEN DES KOFFERRAUMS GEHT.

DER STAND DER ELEKTROMOBILITÄT ANHAND IHRER HIGHLIGHTS: WAS FUNKTIONIERT, WAS ZUKUNFT HAT, WORAN WIR UNS GEWÖHNEN WERDEN UND WARUM.

T E X T: W E R N E R J E S S N E R


I NTER I EU R D I E ENTSCH EI DEN DE FRAG E IST: WI E VERTRAUT M USS DER I N N EN RAU M BLEI BEN , WI E M ODER N DAR F ER SEI N , OH N E ZU VERSCH R ECKEN? NO - GO: TAN KSTELLEN SYM BOLE FÜ R DEN AKKU.

NISSAN LEAF BESTER ALLTAG

E-Mobilität geht auch ohne grünen Zeigefinger, unspektakulär bis zur Unsichtbarkeit. Es mag schönere E-Autos geben, teurere, weniger normale. Aber was, wenn man einfach bloß ein Fahrzeug will, um damit von A nach B zu kommen, und nicht bereit ist, weiterhin an die Tankstelle zu fahren? Dann kommt der Nissan Leaf ins Spiel. Das erste Großserienauto, das von Anfang an auf E-Antrieb ausgelegt war, ist kein umkonstruierter Verbrenner – das spürt man. Und man spürt auch, wie ausgereift er ist: Kein Wunder, geht seine Architektur doch auf das Jahr 2010 zurück. Seither wurde der Leaf stetig verfeinert und modellgepflegt. Wir raten zu einer der beiden besseren Ausstattungsvarianten. Die kommen nämlich mit besseren Akkus mit höherer Energiedichte und somit mehr Reichweite. nissan.ch

E-Mobilität ist Effizienz. Man versucht, konventionelles Bremsen, bei dem Energie in Reibungswärme umgewandelt wird, zu vermeiden und stattdessen zu rekuperieren, um den Akku aufzuladen – oder aber zu segeln, also quasi im Freilauf zu rollen, um GratisKilometer zu schinden, ohne Strom aus der Batterie zu saugen. Beim Hyundai Ioniq geht das so: Mit seinen Schaltpaddels hinter dem Lenkrad justiert man in vier Stufen den Grad der Rekuperation und bestimmt, wann das Auto wie leicht rollt, sobald man vom Gas geht. In der Praxis funktioniert das so gut, dass man das linke Bein zur Seite stellen kann und nur noch über die Paddles verzögert: kaum fühlbar auf der Landstraße, stärker beim Stop-and-go-Verkehr. Die normale Bremse dient eher als Rückversicherung in brenzligen Situationen. Die Idee mit den Paddles funktioniert so gut und ist derart logisch, dass wir sie wohl bald in allen Autos sehen werden. hyundai.ch

HYUNDAI IONIQ E BESTE HANDARBEIT

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W enn man schon in der Zukunft sitzt, soll sie doch bitte auch so aussehen. Vieles, woran wir uns gewöhnt haben, ist technischen Notwendigkeiten geschuldet. Das Gewohnte in Frage gestellt und das E-Auto auch innen neu gedacht zu haben ist das Verdienst des BMW i3. Es gibt keinen Mitteltunnel, der Fahrer von Beifahrer trennt, keine dicke B-Säule, die den Schulterblick erschwert, weil die hinteren Türen gegenläufig öffnen. Die Materialien sind hell, luftig und entweder aus nachwachsenden oder recycelten Ausgangsstoffen produziert. Die Kenaf-Faser – gewonnen aus einer Malvenart – ersetzt auf Erdölbasis gefertigten Kunststoff, das Leder wird mit Olivenblatt-Extrakt gegerbt, die Sitzbezüge sind aus Schurwolle. Verantwortung für die Umwelt endet nicht an der Steckdose – und kann obendrein noch gut aussehen. bmw.ch

BMW I3. KONSEQ U ENT AUCH NACH I N N EN G EDACHT: LU F TIG E ARCH ITEK TU R , NACH HALTIG E MATER IALI EN , KEI N E B -SÄU LE DAN K G EG EN L ÄU FIG ER TÜ R EN .

BMW i3

BESTER INNENRAUM


SE X-APPE AL . E- M OTOR EN SI N D OP TISCH PER SE N ICHT SO KU LI NAR ISCH WI E VER BR EN N ER . DAH ER M USS MAN SICH WAS Ü BER LEG EN .

BESTE AUFMERKSAMKEIT

as österreichische Unternehmen Kreisel zeigt, dass man selbst als kleiner Player vom Mühl­ viertel aus den großen Fischen die Show stehlen kann. Wenn man es richtig macht: Die elektri­ fizierte Mercedes G­Klasse überzeugt nicht nur durch technische Kompetenz (360 Kilowatt bzw. 490 PS stark, 100 Prozent Steigfähigkeit, schnelles Laden), sondern auch durch den Auftritt. Endlich muss man kein schlechtes Gewissen haben, wenn man mit einem Gelände­ wagen herumfährt, der die Stirnfläche einer Garage hat. Das hat auch Arnold Schwarzenegger, einen echten Grünen im Herzen, überzeugt: Er hat bei Kreisel publikumswirksam eine G­Klasse geordert. Die PR war unüberbietbar – sowohl für Kreisel als auch für die Idee des E­Autos generell. kreiselelectric.com

MARTIN PRÖLL (2)

KREISEL G-KLASSE

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ELECTR IC G - KL ASSE . KONSTRU K TIVER START VORTEI L: DER MASSIVE M ERCEDES G VERTRÄGT MASSIG SCHWER E AKKUS.

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SEGWAY I2 SE BESTES SIGHTSEEING

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VOLKSWAGEN E-GOLF BESTE NORMALITÄT

HAI B I KE . SCH RU M PF T BERG E AU F H ÜG ELG RÖSSE DAN K DES E‑ M OTO RS VON BOSCH .

WINORA-STAIGER GMBH (1)

och nie fühlten sich Berge so niedrig an, Touren so lang und Bergauf­Trails so lustig: Unterstützt durch einen 250 Watt starken Bosch­Elektromotor, geht Mountainbiken in die nächste Dimension. Egal wie stark oder schwach du bist – das Bike macht dich stärker, und zwar um bis zu 300 Prozent. Der deutsche Hersteller Haibike ist einer der Pioniere auf dem Ge­ biet der E­Mountainbikes. Dementsprechend kommt das XDURO AllMtn daher: Von der Akku­ und Motor­ position über die Elektro­ nik, die hilft, möglichst weich zu schalten, bis hin zum eigens abgestimmten Fahrwerk hat hier alles Hand und Fuß. haibike.com

HAIBIKE XDURO ALLMTN

N

Man muss sein grünes Gewissen ja nicht laut vor sich her tragen: Der e­Golf sieht noch auf den zweiten Blick aus wie ein ganz normaler Golf, erst auf den dritten offenbaren sich die Unterschiede. Das Felgendesign ist anders, hinter der Tankklappe ver­ steckt sich die Steckdose, und im lin­ ken Drittel des volldigitalen Cockpits werden Akku­Ladestand und Rest­ reichweite eingeblendet statt eines Drehzahlmessers. Gute Geräusch­ dämmung, fast 300 Kilometer Reich­ weite, dazu die gewohnte Qualität und Bedienbarkeit eines Golf machen es hier so einfach wie sonst kaum wo, vom Verbrennungs­ auf einen E­Motor umzusteigen. volkswagen.ch

38 Kilometer Reichweite, bis 20 km/h schnell: Es gibt keine bequemere Art, eine fremde Stadt kennenzu­ lernen, als mit dem genialen Segway, der intuitiv bedien­ bedien bar ist. Lehnst du dich nach vorn, beschleunigt er, lehnst du dich zurück, bremst er ab. Zwei unabhängige Akkus sorgen dafür, dass du selbst in der Fremde die nächste Steckdose sicher erreichst. Tablets können einfach an die Lenkstange auf­ geklipst werden, dann funktioniert das auch mit der Navigation. Wer meint, ein Segway wäre zu sperrig, um ihn im Auto mit­ zunehmen: Irrtum. Dank der abnehm­ baren Lenkstange passt er easy in jeden Kofferraum. segway.com

INNOVATOR

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OPEL AMPERA-E BESTE LANGSTRECKE

Der Ampera-E kommt dieser Tage bereits in seiner zweiten Generation – das sieht und spürt man. 520 Kilometer mit einer Batterieladung illustrieren den aktuellen Stand der Akku‑Technik. Freilich wird im Zyklus, der die Reich‑

R EICHWEITE . KI LLER-ARG U M ENT B ISH ER , DOCH D I E LEISTU NG DER AKKUS WÄCHST M IT J EDER G EN ERATION .

weite ermittelt, nicht schneller als 121 km/h gefahren. Dennoch: Den Terminus Reichweitenangst kann man im Ampera‑E – als GM‑Produkt noch vor der Übernahme durch Peugeot/ Citroën entstanden – vergessen. Von Paris nach London rein elektrisch? Erstmals möglich. In den Grundzügen praktisch, im Detail raffiniert: Vom personalisierten Touchscreen bis zum Letztstand der Assistenzsysteme ver‑ eint der Ampera‑E alles Gute unter einer Hülle, die nicht nach Raumschiff, sondern nach Opel aussieht. Im Mo‑ ment hält das Angebot nicht mit der Nachfrage Schritt – auch wegen des Konzernwechsels von GM zu PSA. opel.ch

er urbane Raum ist das natürliche Habitat von E‑Autos. Doch selbst wenn es einen weiter raus trägt, will man unterwegs nicht mehr Zeit an Lade‑ stationen verbringen als unbedingt nötig. Auftritt Renault Zoe: Mit ange‑ gebenen 400 Kilometern Reichweite – die in der Praxis eher 300 sind – ist selbst Wien–Salzburg machbar. Hie wie da erfreut man sich der leicht erhöh‑ ten und übersichtlichen Sitzposition, der Bedien‑ architektur, die keine Fra‑ gen aufwirft, und des innen wie außen geringen Ge‑ räuschs. Auch gut: Weil die Batterie nur gemietet wird, reduziert sich der Grund‑ preis, und man ist bei jedem Update an der Akku‑ Akku Front ganz vorn dabei. renault.ch

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6 bis 8. Oktober

Der südafrikanische Hip-Hop-Star Khuli Chana (links) präsentiert in dieser Dokumentation vier inspirierende heimische Social Entrepreneurs wie Thabang Mabapa, der aus Wunderbäumen Öl gewinnt, oder Samantha Ngcolomba, die Frauen am Land kostenlose Rechtsberatung ermöglicht.

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AUSTIN CITY LIMITS Die texanische Stadt Austin gilt als das alternative Zentrum der USA und als die amerikanische Musikmetropole schlechthin. Red Bull TV überträgt live das erste der beiden Wochenenden des Austin City Limits, des legendären Rock-, Indie-, Popund Electronic-Festivals. Topacts des Jahres 2017 sind u. a.: Jay Z, Martin Garrix und Foster the People (Freitag), die Red Hot Chili Peppers, Ice Cube und Spoon (Samstag) sowie The Killers, die Gorillaz und Run the Jewels (Sonntag).

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SOCIAL FABRIC

Die Serie führt auf überraschende und witzige Weise durch die Welt der Männermode. In jeder Episode wird der Streetstyle-Designer und Host Kyle Ng (rechts) die kulturelle DNA der aktuellen Modetrends erforschen und in das „Stil-Leben“ von Herstellern, Promis und Exzentrikern eintauchen.

On Demand

DOKU

RED BULL AMAPHIKO ACADEMY

16 innovative Projekte stellte man bei der dritten südafrikanischen Red Bull Amaphiko Academy vor, etwa Wasserfilterung durch Macadamia-Nussschalen. Weitere Highlights der zehntägigen Academy: Vorträge von Afropunk-Festival-Gründer Jocelyn Cooper oder Fußball-Ikone Lucas Radebe. INNOVATOR

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DO IT

2 November Swiss Robotics Industry Day

Das Get-together des Swiss National Centre of Competence in Research Robotics und führender Start-ups zeigt die heissesten Robotik-Trends, 2016 ganz vorn dabei: die kollisionstolerante Drohne Elios (Bild).

SwissTech Convention Center, Lausanne; swissroboticsindustry.ch

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und 25. Oktober Swiss Startup Days Bern 2017 700 Teilnehmer, 60 Start-ups und 40 Investoren: Der führende Schweizer Event für heisse Ideen und cool geführte Verhandlungen lockt mit einem

zweitägigen Programm-Marathon aus Keynotes, Masterclasses und Panels. Toll sind auch die 1:1-Sessions, bei denen man 12 Minuten hat, um sein Gegenüber zu überzeugen, ehe man den Tisch wechselt. Noch schneller auf den Punkt kommen muss man nur beim

Pitching-Battle. Wer sich dafür qualifizieren möchte, begeistert einfach die Jury beim Elevator Pitch – einer 60 Sekunden dauernden Liftfahrt – am 30. September in Zürich und am 9. Oktober in Basel. Papiermühlestrasse 71, Bern; swiss-startup-day.ch

INNOVATOR


S A V E T H E D AT E

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Oktober Alpine High-Tech Venture Forum 40 der besten Alpen-Start-ups am Sektor der Hochtechnologie präsentieren in Lausanne ihre Visionen zum Thema ICT, Life Sciences und Clean Tech. Vor der Jury wird sich zeigen, ob man mit ihnen auch Berge versetzen kann. Lausanne; techtour.com/events

6

November

Female Founder Summit Laut dem renommierten „schillingreport“ sind nur acht Prozent der Schweizer Geschäftsleitungen von Frauen besetzt. Damit sich das ändert, treffen sich Unter Unternehmerinnen zum Networken, um Ideen zu pitchen und die Welt zu erobern. Kunsthaus, Zürich; femalefoundersummit.org

4 WWW.FLYABILITY.COM, DOMINIK MEIER

November Swiss Entrepreneurs Expo

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bis 17. September HackZurich Was dem Langstreckenläufer der Mara-, ist dem Programmierer der Hackathon. Beim 40 Stunden dauernden HackZurich, Europas grösstem und angesehenstem Hackathon, kommen 550 Teilnehmer aus 50 Ländern zusammen und arbeiten in Teams an Web-, Mobile- und Desktop-Applikationen. Damit man nicht irgendwann vom Stuhl fällt, gibt es Mitternachtssnacks, Gratis-Massagen und Tech-Talks mit Branchengrössen wie dem Pinterest-Urgestein Marty Weiner. Technopark, Zürich; hackzurich.com

Die eintägige Konferenz steht ganz im Zeichen von „Promoting Entrepreneurship“ und befasst sich mit Fördermöglichkeiten, Zürichs Standortattraktivität für Investoren und der Frage, wie man als junger Unternehmer im Schweizer Markt Vertrauen gewinnt. Aber auch in puncto Social Media kann man einiges mitnehmen, etwa wie man mit Kritik und Negativität umgeht. Und wer weiss, vielleicht lernt man ja auch, mit welchen Emojis man einen Shitstorm zum Lüftchen im Wasserglas macht. Technopark, Zürich; swissentrepreneursexpo.ch

INNOVATOR

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READ IT

Lasst uns die neuen Technologien dafür verwenden, wofür wir sie erfunden haben: um mühsame Alltagsroutine zu reduzieren und den Spaß an unseren Jobs zu erhöhen.

U

m zu erproben, ob Visionen und Inno­ vationen fit für die Zukunft sind, benutze ich mitunter ein schlichtes Gedanken­ spiel: Ich gehe alle möglichen „Was wäre, wenn …?“­Szenarien durch, nach dem Motto: „Was wäre, wenn diese Innovation in meinem Gedan­ kenmodell schon jetzt perfekt funktio­ nieren würde?“

Meine Vision zur Zukunft meiner Arbeit geht dann ungefähr so: Nehmen wir mal

Andreas Gall 53, Österreicher, ist u. a. neben Jean-Claude Biver, Mitglied des Advisory Board der Schweizer Unternehmensschmiede Swiss Startup Factory.

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an, das perfekte, autonom fahrende Auto würde es schon geben. Dann würde sich mein Arbeitsalltag allein schon deshalb radikal positiv ändern. Auf jeder Fahrt­ strecke wäre mein Auto das perfekte Einzelbüro – alles wäre vorhanden. Ich

müsste mich nicht mehr auf die Straße konzentrieren, sondern könnte am Computer arbeiten, mit bis zu vier Gästen meeten oder mich „einsperren“ und ungestört über Businesslösungen nachdenken.

Meine Dienstreiseplanung, aber auch meine Work-Life-Balance würden massiv davon profitieren. Ich könnte

mich von meinem mobilen Büro noch spät am Abend nach Hause fahren lassen oder müsste nicht – wie so oft – bereits am Sonntagabend meine Familie verlas­ sen, um mich in Richtung Arbeitsplatz zu bewegen. Ich würde viel öfter erst am Montagmorgen meine Dienstreise begin­ nen – und dies noch dazu super entspannt und mit der genialen Möglichkeit, mich während der Fahrt auf den ersten Termin vorzubereiten. Via Smartphone infor infor­ miert mich mein Auto, wann wir unsere Dienstreise antreten sollten – immer ent­ spannt und mit der Garantie, pünktlich am Ziel anzukommen.

Mein mobiles Einzelbüro wäre natürlich perfekt „connected“. Der neue 5G­Mobil­ funkstandard bietet mir Gigabit­Per­ formance ohne jegliche Verzögerung. Weil meine gesamten Arbeitswerkzeuge mit dem 5G­Netzwerk verbunden sind, muss ich bei Auswärtsterminen nie mehr nach einem Wifi­Netz suchen. Da ich auch außerhalb meines Fahrzeugs perfekt mit meiner Company vernetzt bin, kann ich meine gesamte Dokumentenablage in der Cloud lassen – mein Arbeitsplatz passt auch locker ins Handgepäck, falls ich mal eine Flugreise vor mir habe. Apropos Fliegen – auch im Flugzeug wird es eine perfekte 5G­Kommunikation geben und endlich eine Lösung, dass ich auch dort arbeiten kann, ohne dass mir

VIA SMARTPHONE INFORMIERT MICH MEIN AUTO, WANN WIR UNSERE DIENSTREISE ANTRETEN SOLLTEN. INNOVATOR

RED BULL/MICHAEL PRESCHL PHOTOGRAPHY

DIE ZUKUNFT DER ARBEIT


KOLUMNE

IMPRESSUM

Editorial Director Robert Sperl

ICH HABE SCHON MEHR ALS 30 BERUFS­ JAHRE HINTER MIR, ABER AUF DIE ZUKUNFT DER ARBEIT FREUE ICH MICH SEHR.

Chefredakteur Alexander Macheck Art Director Kasimir Reimann Photo Director Fritz Schuster Chefin vom Dienst Marion Wildmann

Vor der Landung empfange ich eine Message von meinem autonomen (Car-)Buddy am Abflughafen – er hat

mir mithilfe des globalen CarsharingNetworks einen „Bruder“ am Zielort organisiert, der beim Ausgang auf mich wartet. Das Interieur, der Fahrzeugtyp und die Sonderausstattung sind identisch mit meinem „Home Car“. Im Car-Cooler befinden sich meine Lieblingsgetränke, und alle Fahrten zu den Businessterminen sind bereits im Navigationssystem eingespeichert.

Ich habe zwar schon mehr als 30 Berufsjahre hinter mir – aber auf die Zukunft der Arbeit freue ich mich sehr. Möge sie rasch kommen!

Länderredaktion Arek Piatek Country Channel Management Melissa Stutz Anzeigenverkauf Marcel Bannwart, marcel.bannwart@ch.redbull.com

Redaktion Stefan Wagner (Textchef), Ulrich Corazza, Arek Piatek, Andreas Rottenschlager Freie Mitarbeiter: Werner Jessner, Wolfgang Wieser, Florian Wörgötter Grafik Carita Najewitz, Marco Arcangeli, Marion Bernert-Thomann, Martina de CarvalhoHutter, Kevin Goll Fotoredaktion Rudi Übelhör (Deputy Photo Director), Marion Batty, Susie Forman, Ellen Haas, Eva Kerschbaum, Tahira Mirza

neugierige Nachbarn am Bildschirm hängen – ich setze mir meine bequeme VR-Brille auf, schalte den Computer Computerbildschirm ab und beame mich in mein „spherical office“. Alles ist da, mein Bildschirm, mein virtueller Aktenschrank, mein Entertainmentsystem und natürlich alle Kommunikationsmittel.

THE RED BULLETIN INNOVATOR Schweiz, ISSN 2308-5886

Commercial Director Franz Renkin Anzeigendisposition Andrea Tamás-Loprais Creative Solutions Eva Locker (Ltg.), Martina Maier, Verena Schörkhuber, Edith Zöchling-Marchart Country Management und Marketing Sara Varming (Ltg.), Magdalena Bonecker, Thomas Dorer, Kristina Trefil, Stephanie Winkler Marketing Design Simone Fischer, Alexandra Hundsdorfer Herstellung Michael Bergmeister Produktion Wolfgang Stecher (Ltg.), Walter O. Sádaba, Friedrich Indich, Michael Menitz (Digital) Lektorat Hans Fleißner, Josef Weilguni

THE RED BULLETIN INNOVATOR Österreich, ISSN 1995-8838 Länderredaktion Ulrich Corazza Country Project Management Thomas Dorer Anzeigenverkauf Alfred Vrej Minassian (Ltg.), Thomas Hutterer, Cara Schlesinger, Bernhard Schmied, anzeigen@at.redbulletin.com Druck Prinovis Ltd. & Co. KG, D-90471 Nürnberg Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz Informationen zum Medieninhaber sind ständig und unmittelbar unter folgender Web-Adresse auffindbar: www.redbulletin.at/impressum Redaktionsadresse Heinrich-Collin-Straße 1, A-1140 Wien Telefon +43 1 90221-28800 Fax +43 1 90221-28809 Kontakt redaktion@at.redbulletin.com

Lithografie Clemens Ragotzky (Ltg.), Claudia Heis, Maximilian Kment, Karsten Lehmann Office Management Kristina Krizmanic, Petra Wassermann IT Systems Engineer Michael Thaler Abo und Vertrieb Peter Schiffer (Ltg.), Klaus Pleninger (Vertrieb), Nicole Glaser (Vertrieb), Yoldas¸ Yarar (Abo) General Manager und Publisher Wolfgang Winter Verlagsanschrift Heinrich-Collin-Straße 1, A-1140 Wien Telefon +43 1 90221-28800 Fax +43 1 90221-28809 Web www.redbulletin.com Medieninhaber, Verlag und Herausgeber Red Bull Media House GmbH, Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15, A-5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU63611700 Geschäftsführer Christopher Reindl, Andreas Gall

INNOVATOR

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TECH-HIGHLIGHT

Mikro-Flugobjekte auf der Bühne: in „Apologue 2047“ am Nationalen Zentrum für Darstellende Künste, Peking

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INNOVATOR

ARKADIUSZ PIATEK

Auf die faszinierende Choreografie vieler Drohnen hat sich die Firma Verity Studios spezialisiert. Ihr Gründer ist der Schweizer ETH-Professor und Künstler Raffaello D’Andrea: Ihm gelang es, Technologie und Showelemente ästhetisch zu verbinden. D’Andreas Mikrodrohnen (nur je 50 Gramm schwer und mit leuchtstarken Dioden ver versehen) können nicht nur autonom starten und landen. Dazwischen liefern sie – vor vorprogrammiert – eine atemberaubende Flugshow ab und bilden dabei schwebende Riesenobjekte in der Dunkelheit. Im Jahr 2018 schwirrt der Drohnenschwarm durch China – für ein Bühnenstück „Apologue 2047“ des Starregisseurs Zhang Yimou. veritystudios.com

VERITY STUDIOS PHOTO SIMON FALSIG

DIE LEUCHTENDE ILLUSION EINES TANZENDEN DROHNEN-SCHWARMS

Game of Drones


Der Plug-in-Hybrid GLC 350 e 4MATIC Coupé. Eines unserer vielen Modelle mit  #switchtoEQ

GLC 350 e 4MATIC Coupé, 1991 cm3, 211 + 116 PS (155 + 85 kW), 2,7–2,5 l/100 km (Benzinäquivalent: 4,4–4,0 l/100 km), 64–59 g CO2/km (Durchschnitt aller verkauften Neuwagen: 134 g CO2/km), CO2-Emissionen aus Treibstoff- und/oder Strombereitstellung: 26–24 g/km, Energieeffizienz-Kategorie: E–D.


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The Red Bulletin INNOVATOR CH 2017 - #2  

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