The Red Bulletin Skills Special 2022

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SKILLS SPECIAL

ÖSTERREICH JUNI 2022 AKTUALISIERTE AUFLAGE

ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

ERFOLG SCHMECKT SÜSS Die Zutaten, das Rezept und fünf Tipps für Sieger

KONDITORIN ANNA SAURER Souveräne Gelassenheit trotz Zuckerguss


LEHRE STÄRKEN

#schaffenwir Und robuste Möbel. Wohlfühltischlerei Knaus

Eine Lehrausbildung im Handwerk legt den Grundstein für eine abwechslungsreiche Karriere. Die Berufsmöglichkeiten sind dabei genauso vielfältig und spannend wie die unzähligen Handgriffe und Techniken, die es zu erlernen gilt. Demnach bietet eine Lehre im Handwerk die Gelegenheit, die eigene Zukunft selbstständig und erfolgreich zu gestalten. Denn Wirtschaft sind wir alle. Alle, die was unternehmen.

Eine Initiative der

schaffenwir.wko.at


ED I TO RIAL

WILLKOMMEN

FRISCH ­FRISIERT

CHRIS MAVRIČ

ist Fotograf, Flaneur und Menschenfreund. Der Steirer war also bestens geeignet, Handwerker perfekt in Szene zu setzen – und kurvte ­deshalb gleich für drei Storys durchs Land. Auf den Seiten 39, 58 bis 63 und 74 bis 79.

So schnell kann’s gehen: Als wir Seda Türkoglu im Herbst vergangenen Jahres vorstellten, war sie ­intensiv mit den Vorbereitungen beschäftigt, mittlerweile ist ihr Traum vom ­eigenen Salon Realität geworden: „Ich traue mich, visionär zu sein“ (ab Seite 36). Heute bildet Seda selbst Lehrlinge aus, ist im Blatt nach vorne gerückt und hat ­ihren Platz in der Neuauflage dieses Skills Special für eine Konditorin aus Tirol geräumt. Die Zuckerbäcker-Staats­ meisterin Anna Saurer erzählt Frisörmeisterin (ab Seite 42) von Schoko-­ Seda Türkoglu Göttinnen, ihren Inspirationen bei der Arbeit. und Wünschen an die Zukunft. Einer ihrer Tipps: „Lerne deinen Ehrgeiz zu lieben – er beschert dir Erfolg.“

KONSTANTIN REYER (COVER), BERNHARD MÜLLER

NICOLAS MAHLER

Viel Inspiration mit dem aktualisierten Special von The Red Bulletin in Kooperation mit der WKÖ! Die Redaktion

12

Lehrberufe wurden neu geregelt, zum Beispiel die Ausbildung zum Choco­latier oder Matrosen für Binnenschi≠fahrt. Auf Seite 12.

Der renommierte Zeichner ­Nicolas Mahler zeigt, was ­passiert, wenn Wünsche wahr werden – auf Seite 98.

THE RED BULLETIN

3


I N H A LT The Red Bulletin Skills Special

COVERSTORY

42 SÜSSER ERFOLG

Konditorin Anna Saurer über die Arbeit an einer SchokoGöttin, Inspiration beim Moutainbiken und Ehrgeiz

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TEAMGEIST

58 GEMEINSAM STÄRKER

STYLISCHER SALON Friseurin Seda Türkoglu ist auch als Geschäftsfrau erfolgreich.

Wenn der Beruf zum Spitzensport wird, ist vor allem eines gefragt: Zusammenarbeit.

STEINMETZIN

64 EINFACH HAMMER!

Steinmetzin Melanie Seidl: mit Kraft, Kreativität und viel Gefühl an die Spitze

20 M OMENT! ­

Bewegung festhalten – neun Fotografie-Newcomer lösten diese Aufgabe mit Bravour.

FRISÖRIN

36 V ISIONEN VERTRAUEN Mit Skills zum Erfolg: Seda Türkoglu hat ihren ­eigenen Salon eröffnet.

KFZ-TECHNIKER

38 N UR KEIN MITTELMASS Kfz-Techniker Kevin Raith liebt es, wenn eine Aufgabe keine Fehler verzeiht.

MALERIN

40 FEUER GEFANGEN

Nur wer für seinen Beruf brennt, hat auch Erfolg, sagt Malerin Lisa Janisch.

INTERVIEW

NEUSTART

74 SAG NIEMALS NIE

Wie du Beruf und Berufung vereinst – fünf Beispiele, die zeigen, was möglich ist

GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

38 FLOTTER FLITZER Im Wettkampf läuft Kfz-Techniker Kevin Raith zur Höchstform auf.

81 REISEN. Lehre in der Ferne – ein Tischler in Island 86 LESESTOFF. Vom Leben lernen – Biografien zum Nachlesen 88 T IPPS & TRENDS. Mit besten Empfehlungen der Redaktion 92 KURZGESCHICHTE. Lesespaß von Cornelia Travnicek

MATO JOHANNIK, CHRIS MAVRIČ

PORTFOLIO

50 M EINE BOTSCHAFT

Andreas Gabalier über Gaudi und Geld – das Gespräch zum Erfolg

6 GALLERY 12 ZAHLEN, BITTE! 14 FUNDSTÜCK

4

16 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW 18 MEIN ERSTES MAL

96 IMPRESSUM 98 CARTOON

74 PERFEKTE PERSPEKTIVE Olga Vinakur erfand sich als Fotografin neu.

THE RED BULLETIN


58 THE RED BULLETIN

MIT VEREINTEN KRÄFTEN Die drei von der Baustelle lehren uns, wie Teamgeist zum Erfolg führt.

Trainer Thomas Prigl (links) mit Daniel Mühlbacher (Mitte) und Georg Engelbrecht

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FABIO WIBMER ÜBER MATTHIAS WAGNER

„Matze sorgt

„Für mich ist nicht nur das Team bei Canyon, das meine Bikes zusammenbaut, enorm wichtig, sondern auch Matthias, mein Mechaniker hier in Innsbruck. Schließlich muss das Material immer zu hundert Prozent passen, und da ist es wichtig, dass Matze, wie ich ihn nenne, sich immer um meine Bikes kümmert und sie vor jedem Videodreh perfekt für mich einstellt.“ leap-bikeshop.at

Fabio Wibmer, Bike-Artist

Matthias Wagner, Mechaniker

HANNES BERGER, KONSTANTIN REYER, PRIVAT

für perfektes Set-up!“


Wir danken euch! Vor den Vorhang: Bike-Artist Fabio Wibmer, MotoGP-Star Miguel Oliveira und die Flying Bulls sagen, warum das Know-how der Fachkräfte ihres Vertrauens für sie Gold wert ist.

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MIGUEL OLIVEIRA ÜBER LAURA STAMPFER

„Wir machen uns unsere Stars selbst“

KTM

„Laura ist im Programm KTM Young Professionals und wird – wie bei den KTM-Nachwuchs­ förderungen von uns Piloten – vom Red Bull Rookies Cup weg an den Leistungssport herangeführt. Sie unterstützt die Technik-Crew und lernt, an der Rennstrecke im Motorsport zu arbeiten. KTM macht sich seine Stars selbst – das gilt bei Facharbeiterinnen ebenso wie bei den Fahrern.“ ktm.com

Miguel Oliveira, MotoGP-Fahrer

Laura Stampfer, KTM-Technikerin


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MARTIN HINKEL ÜBER ENRICO SCHUSTER

JÖRG MITTER/RED BULL CONTENT POOL, ZAJCMASTER

„Enrico ist eine große Hoffnung“ „Enrico hat gerade mit sehr gutem Erfolg das zweite Lehrjahr abgeschlossen, er ist eine unserer Zukunfts­ hoffnungen. Wir bilden unsere Techniker selbst aus, um über das einzig­artige Wissen zu verfügen, das nötig ist, eine Flotte von historischen Flug­zeugen zu be­treiben.“ flyingbulls.at

Martin Hinkel, Lehrlingsbeauftragter

Enrico Schuster, Luftfahrzeug-­ technik-Lehrling


Z AH L EN, BI T T E!

BERUFSAUSBILDUNG

Eine Lehre fürs Leben Mehr als 200 verschiedene Lehrberufe öffnen in Österreich das Tor zum Arbeitsmarkt. Und das nicht nur für Mädchen und Burschen, sondern auch für motivierte Umsteiger jeden Alters.

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11.030

Medaillen – 11 Mal Gold, ­ 12 Mal Silber, 10 Mal Bronze – gewannen Österreichs ­Vertreter bei EuroSkills 2021 in Graz.

Euro brutto verdiente ein Lehrling 2020 im Schnitt pro Jahr.

43,6

94,78

Prozent der österreichischen Lehrlinge entfallen auf die Sparte Gewerbe und Handwerk. 15,1 % der Lehrstellen gibt es im Bereich Industrie, 14,1 % im Handel.

50

59

Berufe wurden an der Wiener Gewerblichen Fortbildungsschule unterrichtet. Kaiser Franz Joseph ließ sie 1908 ­errichten. Sie gilt heute als ­älteste Berufsschule der Welt.

Lehrlinge sind in ihrem ­ersten Lehrjahr – plus 3,9 % ­gegenüber dem Vorjahr. 31.336 sind im zweiten Lehrjahr, 31.227 im dritten und 11.820 im vierten Ausbildungsjahr.

12

21,8

107.593 Lehrlinge gibt es in Österreich insgesamt, davon 72.873 Burschen und 34.720 Mädchen.

Prozent der Mädchen absolvieren eine Lehre im Einzelhandel, bei den Burschen ist mit 12,7 % die Metalltechnik am populärsten. * Alle Angaben – falls nicht anders vermerkt – Stand Ende 2021

THE RED BULLETIN

HANNES KROPIK

Prozent aller Lehrlinge sind ­zwischen 15 und 24 Jahre alt, 3,89 % zwischen 25 und 34.

Jahre ist Österreichs ältester Lehrling. Insgesamt haben elf Lehrlinge ihre Lehre nach ihrem 50. Geburtstag begonnen.

33.210

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Lehrberufe wurden 2021 neu ­geregelt, darunter die Ausbildung zum Chocolatier, zum Beton­fertigteiltechniker und zum ­Matrosen für Binnenschifffahrt.

CLAUDIA MEITERT

Prozent der LabortechnikerLehrlinge sind Mädchen. Auch die Lehre der Physik­ laboranten ist mit 52,8 % mehrheitlich weiblich.*

verschiedene Lehrberufe, vom Applikationsentwickler bis zum Zimmereitechniker, stehen in Österreich zur Auswahl.

WKÖ/SKILLS AUSTRIA; GETTY IMAGES

62,3

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LEHRE STÄRKEN

#schaffenwir Und dass auch Gemüse schmeckt. HUEBER der Wirt

Die Gäste rundum zufriedenstellen ist ein Herzensanliegen im Gasthof HUEBER. Das gelingt, wenn alle als Team zusammenspielen. Schon in der Lehrausbildung wird auf kreatives, qualitatives und selbstständiges Arbeiten Wert gelegt. Mit Produkten aus der unmittelbaren Region werden Gerichte zubereitet, die Genuss und Heimat verbinden. Wirtschaft sind wir alle. Alle, die was unternehmen.

Eine Initiative der

schaffenwir.wko.at


F U ND ST Ü CK

BERGDRAMA

Kriminalrätsel um Ötzis Beil Das einzigartige Werkzeug des Gletschermannes birgt bis heute ein düsteres Geheimnis. Die Klinge besteht aus beinahe reinem Kupfer (99,7 Prozent), der 60 Zentimeter lange Schaft aus Eibenholz. Mit Birkenteer wurde die Klinge im Schlitz des sogenannten Knieholms fixiert und – zum besseren Halt – noch mit Lederstreifen umwickelt. Experten sind sich einig: ein unglaublich wertvolles Werkzeug für die damalige Zeit. Wie mittlerweile bekannt ist, wurde Ötzi ermordet. Wissenschaftler rätseln seither, warum der Täter das einzigartige Beil bei dem Toten zurückgelassen hat. Zu sehen ist es im Südtiroler Archäologiemuseum. iceman.it

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THE RED BULLETIN

SÜDTIROLER ARCHÄOLOGIEMUSEUM/HARALD WISTHALER, PICTUREDESK.COM

Vor rund 5300 Jahren wurde Ötzi im Süd­ tiroler Schnalstal er­ mordet. 1991 wurde die Gletschermumie zufällig entdeckt.


LEHRE STÄRKEN

#schaffenwir Und die smarteste Software. eurofunk Gruppe

Im Notfall zählt jeder Handgriff und jede Sekunde. Die Software der eurofunk Gruppe unterstützt Einsatzleitstellen der Feuerwehr, Polizei und Rettung genau dabei. Ein Unternehmen, das anderen hilft und dabei mit Lehrlingsförderung, Sport und Team-building-Projekten auch intern für viel Zustimmung sorgt. Wirtschaft sind wir alle. Alle, die was unternehmen.

Eine Initiative der

schaffenwir.wko.at


DAS F IK T IV E PH ILO S O PHEN- IN T ERV IE W

GOETHE SAGT:

„Grübel nicht ewig rum, sondern tu was!“

the red bulletin: Herr Goethe, nach der Schule haben Sie Jura studiert, dann aber als Schriftsteller Karri­ ere gemacht. Ihr Erfolg führte Sie nach Weimar, wo Sie als Minister dienten. Und dann waren Sie auch noch Naturforscher. Was davon war nun Ihre Berufung? goethe: Alles. Denn ich hatte nur eine Berufung: Goethe zu sein. Und das bin ich geworden, ohne dass ich mich groß gefragt hätte, was meine Zu Ihrer Zeit war das leichter. Berufung ist. Jurist wurde ich, weil Heute gibt es so viele Möglich­ „Noch wichtiger mein alter Herr partout wollte, dass als Glück ist der Mut, keiten. Wo soll man anfangen? ich Jura studiere. Offen gestanden Guter Punkt. Deshalb habe ich sich aufs Leben hatte ich überhaupt keinen Nerv in meinem „Wilhelm Meister“ dafür. Aber es gab mir die Chance, geschrieben, am besten sei es für einzulassen.“ von zu Hause wegzukommen. Und einen jungen Menschen, „wenn das war gut, denn in Leipzig hatte er von der Natur mit mäßigem, ich dann die Freiheit, zu tun, wonach mir der Sinn ­ruhigem Sinn begabt ist, um weder­unverhältnis­ stand. Und das waren Kunst und Poesie. Das wurde mäßige Forderungen an die Welt zu ­machen, noch mir in dieser Zeit erst richtig klar. auch von ihr sich bestimmen zu lassen“. Berufung ist das Ergebnis einer Wechselwirkung, wie bei einem Wollen Sie damit sagen, dass es völlig okay ist, sich Gespräch. Du fragst etwas, du bekommst Antwort. nach Schulabschluss ein bisschen treiben zu lassen Du fragst etwas anderes … Und irgendwann hast und zu schauen, wohin es einen zieht? du’s verstanden. Dann hast du rausgefunden, was für Nicht ganz. Sich treiben zu lassen ist mir zu passiv. Sie dich stimmt. Aber das geht nur, wenn du dich aufs müssen schon was unternehmen, sich ausprobieren. Gespräch einlässt. Es macht nichts, sich zu verirren. Ich habe ja nicht in Frankfurt gesessen und vor mich Solange du im Gespräch bleibst, gibt es keine verlorene hin gegrübelt, was ich tun soll. Nein. Vater sagte: Zeit. Der einzige Fehler, den du machen kannst, ist „Geh studieren!“ Ich hab’s gemacht, bin ausgezogen, rumsitzen, nichts tun und auf die Erleuchtung warten. habe es versucht und festgestellt, dass das nicht mein Weg war. Wenn Vater gesagt hätte: „Mach erst mal JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749–1832) gilt als be­ eine Ausbildung zum Tischler“, hätte ich es auch deutendster deutschsprachiger Dichter. Mit seinem Erstlings­ gemacht – zumindest wenn ich damit von zu Hause roman „Die Leiden des jungen Werther“ wurde er nicht nur weggekommen wäre. Was ich sagen will: Besser als ­europaweit zu einem der meistgelesenen Autoren, sondern rumhängen ist es, irgendetwas auszuprobieren. Und schuf auch eine Romanfigur, die ein neues Lebensgefühl ver­ wenn dir nichts einfällt, dann lass es dir von jemandem mittelte. Als Naturforscher, Künstler, Staatsmann und Welt­ sagen, der dich kennt und es gut mit dir meint. bürger ist Goethe für viele Menschen zum Vorbild geworden. Aber der Schuss kann doch nach hinten losgehen. Was, wenn ich etwas anfange, was nicht zu mir 16

CHRISTOPH QUARCH ist deutscher Philosoph, Zuletzt von ihm erschienen: „Kann ich? Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten auf alltäg­liche Fragen“, legenda Q, 2021. THE RED BULLETIN

BENE ROHLMANN

passt? Viele Ihrer Dichterkollegen sollten Pfarrer werden und haben schwer darunter gelitten. Hätte ich auch … (Lacht.) Ja, da hatte ich mehr Glück, das stimmt. Aber noch wichtiger ist der Mut, sich aufs Leben einzulassen. Ein Beispiel: Als mich der Fürst nach Weimar rief, dachte ich nicht daran, bei ihm Finanzminister zu werden. Ich dachte: Das wird ein nettes Stipendium, das mir die Freiheit zum Schreiben gibt – und zum Flirten (lacht). Na ja, und dann sollte ich mich um Geld und Bergbau kümmern. Ich hatte keine Ahnung, aber ich habe ja gesagt. Und das war gut. Ohne die Erfahrung als Politiker wäre ich nie Goethe geworden. Deshalb noch mal: Nimm die An­ gebote an, die dir das Leben macht! So ­findest du deine Berufung.

DR. CHRISTOPH QUARCH

Kaum ist die Schule geschafft, kommt schon die nächste Herausforderung: Berufswahl. Welche Ausbildung wähle ich? Welchen Weg schlage ich ein? Vor diesen Fragen standen auch die Großen der Vergangenheit. Johann Wolfgang von Goethe zum Beispiel. In unserem fiktiven Interview mit dem deutschen Philosophen Christoph Quarch verrät er, wie man seine Berufung finden kann.


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M EIN ERST ES M A L

OTTO JAUS:

„Angst haben ist schlecht, nervös sein ist richtig“ Mit einer Mischung aus Schmäh und Musik hat es das Pop-Duo Pizzera & Jaus auf die ganz großen Bühnen geschafft. Hier erzählen die beiden, wo sie ihren ersten Lacher kassierten und warum auch Pointen harte Proben brauchen. erste Mal gemerkt habe, wie es ist, auf der Bühne zu stehen. Ich war Solist bei den Sängerknaben, und der erste Soloauftritt war eine Katastrophe. Da haben sie mir das Solo wieder weggenommen. Ist aber eh wieder gekommen, und ich habe schon mitgekriegt: Das ist leiwand, die schauen alle auf dich, dann darfst du zeigen, was du kannst. Und du merkst: Angst haben ist ganz schlecht. Nervös sein ist richtig. Du denkst, lasst mich raus, ich will das! paul: Das kann ich unterschreiben. Nicht umsonst heißt es, dass ein Bogen gespannt sein muss, damit ein Pfeil weit fliegen kann. Wenn man nicht nervös ist, dann ist man seiner selbst zu sicher, wenn man auf die Bühne geht. Und wenn man Angst hat, kann 0:00 –48:06 man nicht so gut sein, wie man Pizzera & Jaus sein könnte. Ich freu mich wahnMein erstes Mal – der Podcast sinnig darauf, wieder nervös sein zu dürfen. Ist ja ein Privileg, ­wieder auf die Bühne zu gehen.

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WOLFGANG WIESER

paul pizzera: Das war in ­einem Chrysler im Death Valley in den USA, wo ich in jungen Jahren den „Bongo Boy“ von der EAV zum Besten gegeben hab. Ich glaube, das war die Initialzündung dafür, dass es mir taugt, wenn ich gelobt werde. Bei dir (zu Otto Jaus; Anm.) wird dieser Moment wahrscheinlich bei den „Talent ist schön Sängerknaben gewesen sein, Braucht witzig sein auch oder? Übung – oder reicht Talent? und gut – aber alles otto jaus: Ich weiß es nicht paul: Große Frage, halleluja! braucht Übung.“ ­genau, muss ich ehrlich sagen. Ich glaube, dass alles Übung Woran ich mich wirklich erinnern braucht, oder? Talent ist schön Paul Pizzera weiß, dass kann, ist, dass ich bei der Heimund gut, wenn man es hat – Hartnäckigkeit belohnt wird. fahrt von der Schule immer der dann funktioniert es durch Buskasperl war. Ich weiß nicht, Übung schneller. wie das funktioniert hat, aber otto: Hätten wir in den ver­ ich habe gelesen, was in einem Orangensaftpackerl gangenen fünfzehn Monaten nicht geübt, wäre ich drinnen ist. Und das habe ich kommentiert – frag psychisch nicht dort, wo ich jetzt bin. mich nicht, wie! Ich kann mich nur erinnern, dass die letzten drei Reihen gelacht haben. „MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN PODCAST-SERIE, paul: Lustig, dass es bei uns beiden Vehikel waren. in der Heldinnen und Helden über ihre Anfänge sprechen. Wir sind uns einig, dass jede und jeder, die bzw. der Die Folge mit Pizzera & Jaus, in der sie auch über ihren Donauinselfest-Gig sich auf die Bühne stellt, ein bisschen einen Schaden sprechen, gibt’s im Podcast-Kanal hat. Also, es ist wahrscheinlich ein Aufmerksamkeitsvon The Red Bulletin. drang. Ich finde es aber absolut legitim – wir bescheZu finden auf allen ren ja anderen Leuten eine gute Zeit. gängigen Platt­formen otto: Die Erfahrung, die mir den Weg gewiesen hat, wie Spotify und auf war meine Zeit bei den Sängerknaben, weil ich da das ­redbulletin.com/podcast

PHILIPP CARL RIEDL/RED BULL CONTENT POOL

Die beiden bündeln ihre Superkräfte. Paul ist ein Schmähbruder, der die Pointen nur so aus dem Ärmel schüttelt, Otto ein Vollblutmusiker, der schon als Bub bei den Wiener Sängerknaben geglänzt hat. Ihre Songs sind das Beste aus beiden Welten – gewitzte Melodien sozusagen. Seit 2015 singen Paul Pizzera, Jahrgang 1988, und Otto Jaus, Jahrgang 1983, über alles, was Herz und Hirn Freude macht. Bereits ihr dritter Song, „Jedermann“, wurde zum MegaHit. Hier erzählen die beiden über ihre ersten Lacher, die sie so richtig stolz gemacht haben.


LEHRE STÄRKEN

#schaffenwir Und attraktive Jobs im Handel. Blumenwerkstatt Rath Wien

Die Entscheidung für eine Lehrausbildung im Handel legt den Grundstein für eine lange Karriere. Dabei sind die Berufsmöglichkeiten genauso vielfältig und spannend wie die österreichischen Handelsunternehmen selbst. Und eine Lehre im Handel ist auch immer der Einstieg in eine erfolgreiche Zukunft. Denn Wirtschaft sind wir alle. Alle, die was unternehmen.

Eine Initiative der

schaffenwir.wko.at


P O RT FO L IO

Moment! Die Challenge: Bewegung festhalten. Am Start: neun Fotografie-Newcomer aus Österreich. Das Ziel: zeigen, was man kann. Das Ergebnis: sehenswert. Protokoll ISABEL FRAHNDL

Janik Nairz Neumarkt

In Anbetracht der Bilderflut, die uns tagtäglich via Instagram und Co überschwemmt, ist es nicht leicht, professionell auf der Bild­ fläche aufzutauchen. Wer sich heute dafür entscheidet, die ­Fotografie zu seinem Beruf zu machen, braucht nicht nur Talent und eine profunde Ausbildung, sondern auch eine ordentliche Portion Mut und Selbstbewusst­ sein. Und manchmal auch ein­ fach ein großes Schaufenster. Deshalb hat The Red Bulletin in Kooperation mit der Bundes­ innung der Berufsfotografen der WKÖ junge Fotografinnen und Fotografen aus ganz Österreich

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dazu eingeladen, uns ihre besten Bilder zu schicken. Leicht haben wir es ihnen nicht gemacht. Denn das Motto „Action“ gehört zu den absoluten Königsdisziplinen der Fotografie. Immerhin geht es darum, Be­ wegungen einzufrieren, ohne sie ihrer Dynamik zu berauben. Wenn das gelingt, wird der Druck auf den Auslöser der Kamera zum Aus­löser von Emotionen und eine Momentaufnahme zur Essenz ­einer ganzen Geschichte. In diesem Sinne: Vorhang auf für neun ambitionierte ­Newcomer, bei denen es „Klick“ gemacht hat.

Das Foto heißt „In the Flow“. Die Körperhaltung formt Linien, die in einer Momentaufnahme den ganzen Bewegungs­ ablauf spürbar machen. Dynamik im Stillstand. Und wie sich der Haarzopf an die ­Choreografie ­dieser Bewegung an­ schmiegt, ist einfach richtig zauberhaft.

„Im Stillstand die Bewegung spürbar machen – das ist fast magisch.“ THE RED BULLETIN


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P O RT FO L IO

„Nichts ist spannender, als spekta­ kuläre Stunts fotografisch umzusetzen.“

Julian Artner

Neumarkt „Zero Gravity“ ist definitiv kein Schnappschuss: Julian Artner hat Stefanie Millinger über Instagram ­kennengelernt. Er ist ein aufstrebender ­Action-Fotograf, sie eine preisgekrönte Extrem-Artistin. Der Shoot vor der ­imposanten Kulisse der Allgäuer Alpen ­demonstriert, dass beide ihr Metier beherrschen.

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„Mit der Kamera kann ich Dinge einfangen, die für das freie Auge unsichtbar bleiben.“

Fatih Klavun

Salzburg-Stadt Zwei Welten in ­einem Bild: Dieses Foto entstand 2017 für den Fotowett­ bewerb „Brauchtum ­Reloaded“. Fürs Brauchtum steht das traditionelle Braut­ straußwerfen nach der Hochzeit – die Frau, die ihn fängt, geht bekanntlich als Nächste den Bund der Ehe ein. Ob der Bagger Schicksal gespielt hat, wissen wir nicht.

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„Triathlon ist nicht bloß Schwimmen, Radfahren und Laufen, sondern eine emotionale Reise von Start bis Ziel.“

Marla Pilz Bad Vigaun

Via Überblendungs­ technik vereint das Bild nicht nur alle drei Disziplinen des Tri­athlons, sondern auch die Emotionen, die dahinterstehen. Als Titel für die ­Studioarbeit mit dem Athleten ­Manuel Hückel wählte Marla das ino∞zielle Motto der U.S. Navy SEALs: „The only easy day was yesterday.“

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Alexander Kaufmann Zirl

Auch ein Porträt kann Kraft und Dyna­mik ausdrücken: Durch die Bewe­gungs­ unschärfe wird der direkte Augenkontakt mit dem australi­ schen Model Rachel Heynes zu einem ebenso flüchtigen wie be­sonderen Moment, den man festhalten möchte – und genau das hat Alexander Kaufmann getan.

„Fotografieren zu lernen ist, wie einen neuen Sinn zu entdecken.“ THE RED BULLETIN

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P O RT FO L IO

„In diesem Moment gibt es nur dich und das Problem vor deinen Augen. Alles andere ist egal.“

Lisa Marie Lederer Kirchberg

Dieses Boulder-Bild aus dem Magic Wood im Schweizer Kanton Graubünden war ein Projekt von Lisa Maries Freund Niklas. Es zeigt ihn bei einem gewagten Sprung ­mitten in der Wand. Für ihn war es eine mentale und körper­ liche Herausforderung. Für Lisa Marie bestand die Herausforderung darin, diese sichtbar zu machen.

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„Bereits als Jugendlicher fotografierte ich Blätter, kleine Steine, meine Katze – einfach alles.“

Manuel Kokseder Inzing

Die Location vor dem Befreiungsdenkmal in Innsbruck ist kei­ neswegs zufällig ge­ wählt. Repräsentiert sein Foto für Manuel doch „den Ausbruch aus der Pandemie. Die Pfosten signalisieren ein Gefängnis, aus dem Nils durch seine Sportart ausbricht und somit die Um­ gebung klarer und mit mehr Farbe wahrnimmt.“

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P O RT FO L IO

„Faszinierend werden be­­wegte Mo­mente, wenn sie auch bewegende Momente sind.“

Julian Quirchmair Innsbruck

„Egal ob man sich auf einem Sportevent oder einem Musik­ festival befindet – man spürt die Ener­gie, die Freude, die Liebe und die Neugier. Diese perfekten ­Mo­mente festzu­halten ist für mich pure Leiden­ schaft.“ Momente wie diesen, auf­genommen im Juli 2019 beim ­Ikarus ­Festival im bayerischen Memmingen.

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„Das Reizvolle an der Fotografie ist, durch ein­gefangene Momente Geschichten zu erzählen.“

Nathalie Hutter

Zell am See Das Bild mit dem T ­ itel „Dazzling E≠ect“ zeigt den jungen ­Freestyler Luki Höller in einem Snowpark am Kitz­steinhorn. Der heim­liche Star der Auf­nahme ist aber die Sonne, die genau in dem Augenblick, als Nathalie den Auslöser drückt, als di≠use Scheibe übergroß durch die Wolken­ decke bricht.

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Frisörin

„Ich traue mich, visionär zu sein“ Was hart arbeiten heißt, weiß Seda Türkoglu: Zwei Jahre lang hatte die Frisörin nicht einen Tag frei. Der Lohn der Mühen: ihr eigener Salon, in dem sie auch zwei Lehrlinge ausbildet. Text ISABEL FRAHNDL

Foto MATO JOHANNIK

Lehrling, Wettkämpferin, Haar-­ Artistin, Geschäftsführerin: Sedas Laufbahn ist kurz, aber imposant. Der Grundstein für ihre Karriere an der Schere war bereits gelegt, lange bevor sie sich mit vierzehn für die Ausbildung zur Frisörin entschied. Als eine von vier Schwestern, allesamt mit einem Faible für Kosmetik und Frisuren, lernte sie bereits früh, sich zu stylen, zu schminken und sich die Haare zu machen – ­damals mangels Glätteisen sogar noch mit dem Bügeleisen. Schon im ersten Lehrjahr wurde ihr bewusst: Dieser Beruf ist ihre Berufung. Und trotzdem fehlte ihr die Herausforderung. „Nur im Studio zu stehen war mir zu langweilig“, sagt Seda. So entdeckte sie die Wettbewerbsszene für sich. Bundesmeisterschaften, Staatsmeister­schaften, Fernsehshows: Bei jedem Wettbewerb landet Seda, Jahrgang 1997, auf einem Stockerlplatz. Schließlich qualifiziert sich für World- und EuroSkills. Fast zwei Jahre lang trainierte Seda dafür so hart, dass sie keinen einzigen Tag frei hatte. „Bei den Besprechungen bin ich teilweise einfach vor Müdigkeit weg­gekippt“, erzählt sie.

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­ uroSkills 2021 in Graz sollten E ­Sedas letzter Wettkampf sein. Denn im März diesen Jahres stellte sich Seda der bisher größten Heraus­ forderung ihrer Karriere: und zwar, als sie ihren ersten eigenen Salon eröffnete.

Im Bund mit den Schwestern

Helle, offene Räume, Goldelemente und unzählige Urkunden: Zusammen mit ihrer Schwester Sevim führt Seda in Ostermiething den „wahrscheinlich schönsten Salon Österreichs“, wie die Besitzerinnen ihn selbst stolz nennen. „Wir haben ­unsere Website noch gar nicht online gestellt, weil wir schon so viel Kundschaft haben. Wir wollen die Leute nicht so lange warten lassen.“ Deshalb soll schon in zwei Jahren der zweite Salon in Mattighofen aufgesperrt werden. Der Name „Masterclass – Hair & Beauty“ ist eine Anspielung auf die Meistertitel der Frisörin und der Kosmetikerin, das Logo zeigt zwei S-förmige Schwäne, die für ihre Namen stehen. Eigentlich sollten es sogar vier sein: Seda und Sevim führen zwar den Salon, aber auch ihre beiden anderen Schwestern Sema und Sinem arbeiten mit. Obwohl Arbeit und Familie eine explosive Mischung sein können, sind die Frauen ein eingespieltes Team. Vor allem Seda ist dankbar für die Arbeitsteilung: Fast zehn Jahre lang hatte sie in einem Salon ohne Termine gearbeitet, jetzt muss

alles geplant werden. Ihre Schwestern übernehmen den Papierkram und halten ihr so den Rücken frei. „Dadurch, dass wir uns so gut verstehen, ist alles einfacher“, sagt Seda. Weil sie noch im Elternhaus wohnen, können die Schwestern ­sogar abends noch Allfälliges besprechen. Manchmal ist sogar Sinem dabei, die zwar schon ausgezogen ist, aber noch ihr Schlafzimmer behalten hat. Im Moment macht sie ­jedoch Pause, weil sie im Frühjahr als Erste der vier Mutter geworden ist. Es ist ein Mädchen – oder, wie Seda scherzt, Nachwuchs für ihren Salon.

Lehre salonfähig machen

Die Anspielungen auf ihre Nichte sind zwar maximal halbernst gemeint – aber tatsächlich ist die Ausbildung neuer Frisöre eine Herzensangelegenheit für Seda: „Es werden immer weniger Frisörlehrlinge ausgebildet. Viele glauben, man würde nicht viel Geld verdienen, aber das stimmt überhaupt nicht.“ Ihr Schlüssel zum Erfolg: Den Beruf nicht bloß als Beruf zu sehen, sondern „sich trauen, visionär zu sein“, Trends zu verfolgen, rauszustechen. Solche Frisöre sind schwer zu finden. Seit kurzem bildet Seda zwei Lehrlinge aus, um ihnen zu vermitteln, was ­ihrer Meinung nach vielen in ihrem Beruf fehlt. Da sie selbst so viel trainiert wurde, weiß sie, was motiviert und was frustriert: „Ich wurde sehr streng ausgebildet, aber ich habe ­lieber Spaß bei der Arbeit und achte darauf, dass meinen Mitarbeiterinnen auch noch Freizeit bleibt. Ich merke, dass die beiden auf diese Weise viel schneller lernen.“ Und Seda gewinnt dadurch zwei hervorragende neue Mitarbeiterinnen – eine Win-Win-Situation für alle. Der Salon auf Instagram: @masterclass_og

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„Ich habe gerne Spaß bei der Arbeit.“ Seda Türkoglu

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Kfz-Techniker

„Ich interessiere mich nicht fürs Mittelmaß“ Der steirische Kfz-Techniker Kevin Raith läuft im Wettkampfmodus zur Höchstform auf. Sein Credo: Zu einer echten Herausforderung wird eine Aufgabe erst dann, wenn sie keine Fehler verzeiht. Text LISA VESELY

Foto CHRIS MAVRIČ

Sowohl in seinem Job als auch bei seiner privaten Leidenschaft, dem Rallye-Sport, geht es um höchstmögliche Präzision. Kevin Raith, Jahrgang 1994, ist ein Perfektionist. Einer, der sich immer neue Herausforderungen sucht, berufliche wie auch sport­liche. Oder beides gleichzeitig: 2015 qualifizierte sich der Steirer für WorldSkills, ein Jahr ­später ging er bei EuroSkills in Göteborg an den Start. Auch zu Hause übernahm Kevin mit der Leitung des Kfz-Technik-Meister­betriebs Köck im Familienunter­nehmen in Weiz bereits in jungen Jahren große Verantwortung. Und heuer bewies Kevin eindrucksvoll, dass er nicht nur in der Werkstatt mit Autos umzugehen weiß. Bei der Rallye-Weltmeisterschaft in Kroatien prügelte der Rookie seinen Ford Fiesta Mk II als zweitbester Öster­reicher über die Ziellinie. the red bulletin: Erst World­ Skills, danach EuroSkills und jetzt die Rallye-WM. Du suchst die Herausforderung und den Wettbewerb. Warum? Kevin Raith: Na ja, wenn du von hunderten Mechanikerlehrlingen derjenige bist, der sein Land ver­

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treten darf, ist das natürlich er­ hebend. Eine solche Chance stärkt die Motivation, mit der du deine Arbeit perfekt ausführen kannst. Ich schätze den Wettbewerb auch deshalb so, weil ich Aufgaben umso interessanter finde, je schwieriger und unerreichbarer sie scheinen. Legt sich im Wettkampfmodus der berühmte Schalter im Kopf um? Ich würde eher sagen: Die Fokussierung zündet einen Turbo. Und es ist natürlich eine höchst emotionale Sache. Wenn du dir zum Beispiel im Sport mit deinen früheren Idolen plötzlich ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferst, ist das schon berauschend. Im Wettkampf sieht man außerdem, dass sich der eigene Einsatz lohnt. Er ist eine Bestätigung, die das eigene Können sicht- und messbar macht. Man erlebt auf internatio­ nalen Veranstaltungen immer wieder großartige Momente. Aller­ dings auch weniger schöne. Bei WorldSkills bin ich dann nämlich krank geworden. Und danach? Absturz ins große Jammertal? Gar nicht, im Gegenteil. Um im Beruf und im Leben Ziele zu erreichen, muss man gute Nerven bewahren, wenn es nicht so läuft, wie man sich das vorstellt. Rückschläge muss

man einstecken können, um weiter­ machen und Erfolge feiern zu können. Sonst hätte ich mich im Jahr darauf nicht bei EuroSkills beweisen können. Man muss sich genauestens vorbereiten und sich auf Ungeplantes mental einstellen. Das gilt im Sport genauso wie im Handwerk. Genauigkeit und Flexibilität: War das auch das Geheimrezept­ für das tolle Ergebnis beim WM‑Debüt? Unter anderem. Es geht auch um einen konditionellen Fokus und darum, immer wieder konsequent im Rallye-Auto zu sitzen. Sowohl in der Vorbereitung als auch beim Rennen in Zagreb selbst hat dann wirklich alles perfekt funktioniert. Dieser Erfolg ist eine absolute Teamleistung. Im Rallye-Sport sind der Beifahrer und das gesamte ­Serviceteam genauso wichtig wie der Fahrer selbst. Das ist wie bei uns im Betrieb. Exzellente Arbeit und ­Er­folge liegen nie an einem allein: Die Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Du bist ein Perfektionist. Macht man sich als solcher das Leben nicht schwerer als notwendig? Das kommt darauf an, womit man sich im Leben zufriedengibt. Mich selbst hat der Durchschnitt nie interessiert. Ich habe auch immer gewusst, dass ich mein eigener Chef sein will. Darum habe ich mich früh selbständig gemacht. Damit trägst du aber auch hundert Prozent des Risikos und die volle Verantwortung. Es kommen jeden Tag neue Herausforderungen auf mich zu. Man weiß in der Früh nie, was einen erwartet. Das ist meistens schön, manchmal gruselig – und ab und zu will man auch einfach nur davonlaufen. (Lacht.) Kevin bei der Arbeit: auto-koeck.at

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„Im Wettkampf sieht man, dass sich der eigene Einsatz lohnt.“ Kevin Raith, Kfz-Techniker & Rallye-Pilot

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Malerin

Bei Lisa Janisch ist der Funke erst recht spät über­gesprungen – dafür aber umso explosiver. Heute weiß die Europameisterin der Maler: Wer für sein Handwerk brennt, hat auch Erfolg. Text LISA VESELY

„Die Kosmetikerinnen sind wo­ anders.“ So wurde Lisa Janisch, Jahrgang 1991, an ihrem ersten Tag in der Berufsschule begrüßt. „Als Frau wird man im Handwerksberuf auch heute noch oft auf die Optik oder darauf reduziert, die Tochter vom Chef zu sein“, sagt Lisa, die im Familien­betrieb arbeitet. „Da wusste ich: Es war die richtige Entschei­ dung, ins Handwerk zu gehen. Weil ich be­weisen wollte, dass gerade wir Frauen im Handwerk richtig sind. Wir haben ein feines Gespür. Und das braucht es für gutes Handwerk.“ Die Berufsschule hat die gebürtige Steirerin längst verlassen. Wenn auch noch nicht so lange, wie das bei vie­ len Kollegen ihres Alters der Fall ist. Denn Lisas Weg zur Meisterin (des Jahres, übrigens) der Maler- und Be­ schichtungstechnik war keineswegs frühzeitig vorgezeichnet. „Nach der Matura in der HLW in Weiz habe ich Bewerbungen für klassische Büro­ jobs geschrieben. Ich hab mir ge­ dacht, ich mach doch nicht Matura, um dann Farbkübel in der Gegend herumzuschleppen“, erinnert sie sich mit einem Lächeln. Die Begeisterung für das Maler­ handwerk entstand erst, „als ich während der Bewerbungsphase – widerwillig, aber doch – meinen ­Vater im Betrieb begleitet habe“, ­erzählt die junge Frau.

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Und sie erzählt es in einem un­ glaublich sympathischen Stoastei­ risch, an dessen Wiedergabe wir uns gar nicht erst versuchen. „Ich sprech nur im Dialekt. Als ich in Brüssel als EuroSkills-Botschafterin im Parla­ ment über meine Erfahrungen eine Rede halten sollte, hab ich mich für die englische Sprache entschieden. Weil in Steirisch versteht mich ja niemand, der Vorträge übersetzt. Mir ist aber wichtig, dass mein Herz­ blut fürs Handwerk bei den Leuten authentisch ankommt.“

„Unbändiges Feuer entfacht“

Diese Bodenständigkeit, gepaart mit unvergleichlichem Ehrgeiz, war es auch, mit der Lisa 2016 bei Euro­ Skills in Göteborg in Schweden den Titel als Europameisterin der Maler holte. „Ein unglaublicher Moment, von dem ich heute noch Gansl­haut kriege. Das war mein größter Traum, und ich wusste: Wenn ich dort hindarf, werde ich alles geben. Als feststand, dass ich teilnehmen kann, war das, als hätte jemand ­Benzin ausgegossen. Plötzlich wurde dieses unbändige Feuer entfacht!“ Ein Feuer, das ihr die Energie gab, der doppelten Belastung durch ihre Arbeit im Betrieb und die end­ losen Trainings für EuroSkills stand­ zuhalten. „Exzellenz ist Konsequenz: Es gibt da keine Aus­reden. In der Trainingszeit wurde alles Private hintangestellt. Um ein Ziel zu errei­

„Eigene Grenzen würdigen“

Ausschließlich an Perfektion zu ­arbeiten mache auf Dauer nämlich kaputt. „Wir Jungen reden oft da­ von, dass wir es anders als unsere dauerarbeitenden Eltern machen wollen. Aber dann ertappe ich mich dabei, dass auch ich weiterarbeite. Exzellenz heißt jedoch auch, eigene Grenzen zu würdigen. Vor allem die, die man noch gar nicht gekannt hat.“ Auch wenn Lisa bei ihren Prioritäten neuerdings auf einen gesunden Aus­ gleich zwischen Arbeit und Privatem setzt, hat sie im Handwerk dennoch weiterhin große Ziele: „Ich würde gerne noch eine Lehre starten. Her­ ausragendes kommt nur zustande, wenn man nicht stillsteht. Zurzeit ist für mich aber vorrangig, dass ich gut für unsere Firma da bin. Und im Besonderen liegen mir die Lehrlinge am Herzen. Ich möchte ihnen zei­ gen, wie viel man im Handwerk ­erreichen kann.“ Lisas buntes Leben: @lisajanisch_

PRIVAT

„Ich war eine Spätzünderin“

chen, muss man auch zurück­stecken können. Visionen motivieren. Mit ­einer ‚Schau ma mal‘-Mentalität kommst du nicht weiter.“ „Schau ma mal“ gibt es bei Lisa Janisch weder im Trainingsmodus noch im Arbeitsalltag. Dafür sei ihr Anspruch viel zu hoch. „Auf Bau­ stellen und bei Kundschaften arbeite ich so, wie ich es selber gerne hätte.“ Wie sie es gerne hätte – darum darf es nach den intensiven Jahren zwischen EuroSkills und Meister­ prüfung jetzt auch endlich privat wieder einmal gehen. „Mein Freund und ich bauen gerade daheim (im steirischen Birkfeld; Anm.) aus. Ich hole jetzt nach, was so lange zurück­ gestellt war. Jetzt haben Partner­ schaft, Familie und Freunde wieder einen neuen Stellenwert.“

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„Um ein Ziel zu erreichen, muss man auch zurückstecken können.“ Lisa Janisch, Maler-Europameisterin

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Coverstory


So cool ist süß Unser süßes Leben ist Anna Saurers Ziel. Die Konditorin aus Tirol über die Arbeit an einer Schoko-Göttin, Inspiration beim Mountainbiken und hilfreichen Ehrgeiz. Text WOLFGANG WIESER Fotos KONSTANTIN REYER

HIER GENIESST ANNA Ein Biss ins Himbeer­törtchen. Die Zucker­bäckerin nascht hin und wieder – weiß aber, dass Maßhalten g’scheit ist. THE RED BULLETIN

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Coverstory

HEISS Auch Süßes braucht Feuer. Hier flambiert Anna das Baiser.

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nna denkt gerne an Schokolade. Aber nicht so wie wir. Weder erliegt sie dem Zauber zarter Versuchung, noch lässt sie der Zucker zaudern. Wenn Anna an Schokolade denkt, sieht sie Drachen und Fische, Letztere so lebensecht, als wären sie gerade noch im Bächlein helle geschwommen. Sie sieht Blumen, deren Kelche Augen sind, und Uhren, die für immer stillstehen. Es sind, wie Anna sagt, „eher Kunstwerke“ als Torten. Künstlerin will die ­Tirolerin dennoch keine sein: „Ich bin Handwerkerin“, sagt sie, und dabei ­zögert sie nicht einen Augenblick. Anna Saurer, Jahrgang 2000, ist Konditorin, Staatsmeisterin der Zuckerbäcker. Dreizehneinhalb Stunden hat sie für den Titel gearbeitet. Neun am ersten Tag, viereinhalb am zweiten. Sie hat Torten, Pralinen und Eclairs gemacht – und als Schaustück einen roten Drachen. Danach war da nur noch die Erleichterung, es ­geschafft zu haben: „Wenn man hört, dass man Staatsmeisterin ist, hat man gar ­keine Zeit, fertig zu sein“, sagt Anna. Wir treffen Anna dort, wo sie seit Monaten täglich für WorldSkills, die Weltmeisterschaften der Jungfachkräfte, trainiert: in der Fachberufsschule für Ernährung, Schönheit, Chemie, Medien in der Innstraße in Innsbruck. Der Anstrich des Gebäudes erinnert mit

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„ Wenn man hört, dass man Staatsmeisterin ist, hat man gar keine Zeit, fertig zu sein.“ ein bisschen Fantasie an den Zuckerguss eines Punschkrapferls. An der Rückseite strömt der Fluss vorbei, im Erd­geschoss wird gehämmert. Wir müssen ein Stockwerk höher.

Mysteriöse Maschinen

Dass wir richtig sind, erkennen wir schnell: In einem Schaukasten stehen kleine Kunstwerke aus Zucker, dahinter die passenden Skizzen. Daneben lehnt eine Zunftstange der Tiroler Konditoren, geweiht im Oktober 1990. Hier geht es THE RED BULLETIN


IN DER BACKSTUBE Anna mit einem ­Tablett voller ­Törtchen. An den Metall­ tischen ­arbeiten normalerweise Zuckerbäcker­Lehrlinge. zur Backstube, „der bestausgestatteten Österreichs“, wie Lehrer Jürgen Inner­ bichler sagt. Wir sehen eine lange Reihe von blitzblanken Metalltischen sowie mysteriöse Maschinen, die wir uns erst er­ klären lassen müssen: Da ist ein Planeten­ rührwerk, das so genannt wird, weil der Quirl sich nicht nur im Kreis, sondern auch um seine eigene Achse dreht. Es gibt eine Eismaschine namens „Kälte-­ Rudi“ und etwas, das aussieht wie ­Airbrush-Pinsel – was, wie sich später ­herausstellt, auch tatsächlich AirbrushPinsel sind, mit denen Lebensmittel­ farbe aufgesprüht wird.

Stille Strahlkraft

Diese Backstube ist Annas Reich. Wenn wir nach einem Schneebesen fragen, ­öffnet sie die richtige Lade. Sie weiß, was die mit blauem Marker gezogenen Schlangenlinien auf der Tafel bedeuten („eine Vorlage für verschiedene Ver­ zierungen“) und warum verschiedene Schaustücke doppelt vorhanden sind („Partnerarbeiten, wo trotzdem jeder Schüler seine eigene Figur macht“). Während der Lehre hat Anna hier ihre Berufsschulzeit verbracht. Und hierher

„ Ich habe früh gewusst, dass ich etwas mit meinen Händen machen will.“ THE RED BULLETIN

kehrt sie zurück, wenn sie sich auf Wett­ bewerbe vorbereitet. Lehrer Christian Kaltenbacher hat Anna während der Staatsmeisterschaft betreut: „Sie strahlt so eine Ruhe und Sicherheit aus“, sagt er über seine ehemalige Schülerin. Und sein Kollege Jürgen Innerbichler lobt ­Annas Geradlinigkeit und ihren Willen, „das zu erreichen, was sie sich vor­ genommen hat“.

Großartige Göttin

Anna stammt aus Breitenwang, einer ­Gemeinde mit 1500 Einwohnern im Tiro­ ler Bezirk Reutte. Seit sie fünfzehn ist, lebt sie in Innsbruck. Zuerst mit einer ­ihrer älteren Schwestern, heute mit ihrer Zwillingsschwester Miriam, die gerade eine Ausbildung zur Floristin macht. ­Insgesamt hat Anna drei Schwestern und zwei Brüder. Und sie hat schon früh ­gewusst, „dass ich etwas mit meinen Händen machen will – um am Ende des Tages ein Ergebnis zu haben, um zu ­sehen, ­wofür man gearbeitet hat“. Gebacken hat Anna schon als Kind. Sie war sechs oder sieben Jahre alt, als sie ihren ersten Karottenkuchen versuchte. Noch heute, knapp fünfzehn Jahre später, erinnert sie sich daran. Weil er nämlich danebengegangen ist. „Den hat meine Mama immer gemacht, und ich habe ihn gemeinsam mit meiner Schwester probiert. Wir haben aber das Backpulver vergessen beziehungsweise nicht ge­ wusst, was Natron (wird auch als Backpulver verwendet; Anm.) ist, und mussten die Mama, die sich zu einem Nachmittags­ schläfchen hingelegt hatte, wecken, um sie zu fragen, was wir jetzt tun sollen.“ Heute geht’s längst ohne Mama. Im ­Vorjahr hatSarah Anna Meisterprüfung hatdie etwas gefunden, ­abgelegt. Und ihr in –der wofürwer sie brennt undBackstube das zeigt sich in ihrer Leistung.

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Coverstory

LIEBE DEINEN EHRGEIZ 5 Erfahrungen, die Anna gemacht hat Erstens: Übe, bis du dir deiner Sache wirklich sicher bist – so lange, bis jeder Handgriff sitzt. Zweitens: Vermeide Ablenkungen. Konzentrier dich auf den Moment – wenn du ganz bei dir bist, wirst du erfolgreich sein.

AUF DEM TROCKENEN

Eine von Annas Kreationen: Der Fisch besteht aus Schokolade, wurde mit ­Kakaobutter überzogen und mit roter Lebensmittel­ farbe besprüht.

der Fachschule zusieht, hat keine Zweifel daran, dass sie ihr Handwerk versteht. Gerade ist sie von einem Kurs in Frankreich zurückgekommen, wo sie mehr als 80 Stunden an einer knapp einen Meter ­hohen Schokolade-Skulptur gearbeitet hat. Sie greift nach ihrem Handy, scrollt durch die Bilder. Und zeigt uns eine hammerschwingende Göttin (Hollywoodstar Natalie Portman aus dem aktuellen „Thor: Love and Thunder“, der dieses Jahr herauskommt; Anm.). Sie trägt Helm, hat die Augen weit aufgerissen, und wir ­können gar nicht anders, als ihre perfekt ­geformten Muskeln zu bewundern: „Ins­gesamt sind das ungefähr 50 Kilo Schoko­lade“, sagt Anna.

Erfolgversprechender Ehrgeiz

Über lange Zeit konzentriert zu arbeiten ist für Anna Alltag. Wenn sie zum Training in die Berufsschule kommt, hat sie bereits einen achtstündigen Arbeitstag im Café Katzung in Innsbruck hinter sich – der beginnt um sechs Uhr früh und endet um zwei Uhr nachmittags. Sie erinnert sich an den roten Drachen, den 46

Drittens: Übereile nichts, setze einen Schritt nach dem anderen. Viertens: Behalte dein Ziel stets im Auge. Fünftens: Lerne deinen Ehrgeiz zu lieben – er beschert dir Erfolg.

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„ Ich habe ein Ziel und bin bereit, hart dafür zu arbeiten.“


Coverstory

Anna Saurer gibt dem Törtchen Zucker. Die junge Frau aus Breitenwang wusste schon früh, dass sie mit den Händen ­arbeiten will. Heute tut sie das sehr erfolgreich.

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sie bei der Staatsmeisterschaft geformt hat. „Den hatte ich im Training achtmal gemacht – damit wirklich jeder Hand­ griff sitzt.“ Dem Zufall überlässt die junge Frau nichts: „Ich bin sehr ehrgeizig“, sagt sie. „Mir geht es darum, Prioritäten zu setzen und mich daran zu halten. Ich habe ein Ziel, und ich bin bereit, hart dafür zu ­arbeiten. Das war ich schon immer, aber mit den Jahren im Beruf hat sich das noch verstärkt. Ich habe gesehen, dass Ehrgeiz mich erfolgreicher macht.“ Nachsatz: „Das heißt aber nicht, dass ich nicht abschalten kann. Entspannung ist mir schon wichtig – am besten bei meiner Familie und Freunden.“ Seit den Staatsmeisterschaften vor knapp zwei Jahren hat sie nicht mehr aufgehört zu trainieren. Sie hat nur auf­ gehört, die Stunden zu zählen. Wer Anna beim ­Fotoshooting beobachtet, versteht sofort, warum ihre Lehrer ihre Ruhe und Sicherheit betonen. Immer und immer wieder bittet Foto­ graf Konstantin Reyer die Zucker­bäckerin, eine Einstellung zu wiederholen. Längst ist das Himbeertörtchen vom Staub­ zucker verschluckt, weil Anna ­gestreut und ­gestreut hat, bis das Bild perfekt war. Ohne zu murren, wirft sie Schneebesen in Richtung Kamera, bis ­deren Flugbahn den Vorstellungen des Fotografen ent­ spricht. Und als schlussendlich sie selbst eingestaubt wird, erträgt sie das mit ­einem freundlichen Lächeln. In den Pausen erklärt sie uns, wie sie ihre Arbeit Schritt für Schritt angeht – und zwar von der Idee bis zum fertigen Kunstwerk.

Motivierende Meisterschaft

Manchmal fallen Anna neue Kreationen beim Sport ein – beim Laufen, Mountain­ biken oder Poledance: „Das ist gut für die ­Körperspannung, vor allem wenn man so wie ich viele Stunden steht.“ In einem nächsten Schritt skizziert Anna ihre Vor­ stellungen und fertigt – falls notwendig –

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ABSOLUTE KONZENTRATION

Mit einer Airbrush-Pistole besprüht Anna ihren Schoko-Fisch mit roter Lebensmittelfarbe.

Schablonen an. Formen zu gießen ist ihr zu langweilig. Sie modelliert lieber, „dafür ist mehr handwerkliches Geschick notwendig“. Für die Blume, in deren ­Mitte ein Auge prangt, hat Anna sechs Stunden gebraucht: „Dafür habe ich Schokolade zerhäckselt, bis sie model­ lierfähig gewesen ist. Da gilt es genau den rich­tigen Moment zu erwischen, dann wird sie sehr dünn ausgerollt, ab­ geschnitten und mithilfe eines Bogens in Form gebracht.“ Wenn sie so lange an einem Schau­ stück gearbeitet hat, vergeht Anna die Lust, es zu genießen. „Lieber mache ich anderen eine Freude“, sagt sie. Beson­ ders gern bringt sie kleine Desserts mit. „Filigran ausgefertigt, jedes Stück etwas Besonderes, jedes Stück schön für sich – selbst wenn die anderen schon auf­ gegessen sind.“ Aber auch dafür muss Anna Zeit ­haben. „Wenn ich keine habe, mache ich lieber nichts.“ Perfektionismus radikal, sozusagen. Das größte Lob, das sie jemals bekommen hat? Sie denkt lange nach: „Das war während eines Wettbewerbs, da hat einer der Juroren gesagt, er hat noch

nie einen Lehrling gesehen, der so schnell und so perfekt eine Torte eingestrichen hat – das hat mich motiviert.“

Ernsthafte Erfahrungen

Ihre Zukunft sieht Anna in der Patisserie. Dafür möchte sie ins Ausland. Am liebsten in ein Hotel in der Schweiz, dem Heimat­ land ihrer Mutter. Die stammt aus Brem­ garten, einer Stadt im Reusstal mit 8500 Einwohnern, knapp 20 Kilo­meter westlich von Zürich. Der Grund dafür ist bei einer Könnerin wie Anna erstaunlich (und doch auch wieder typisch): „Die Patisserie ist noch feiner, da geht es noch mehr um den ­Geschmack, und ich möchte auch noch mehr Erfahrungen sammeln.“ Was es noch zu sagen gibt: dass „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ­tatsächlich Annas Lieblingsfilm ist, dass sie Drachen deshalb so gerne zaubert, weil die nach dem ersten gewonnenen Wettbewerb zu einem Glückssymbol ­geworden sind, und dass sie – das über­ rascht uns jetzt nicht – am liebsten ­Schokoladekuchen isst.

„ Ich liebe feine Desserts. Jedes Stück ist etwas Besonderes, jedes Stück ist schön für sich.“ 49


Interview

„Mich haben alle ausgelacht – das war der Moment, wo ich gesagt habe, jetzt will ich es wissen“ ANDREAS GABALIER weiß, was es heißt, mit Händen zu arbeiten. Im Interview spricht er über Gaudi und Geld, Ehrgeiz und Einsatz und seinen ganz persönlichen Weg zum Erfolg. Text WOLFGANG WIESER   Fotos NORMAN KONRAD

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KEIN SOMMER WIE DAMALS

Früher hat er hier gejobbt, jetzt genießt Andreas Gabalier freie Tage in Velden.


Interview

E

r trägt ein dunkelblaues T-Shirt, schwarze Pants und gute Laune. Wir vermeinen ihn vergnügt vor sich hin pfeifen zu hören, als er das Marina Lounge Café in Velden am Wörthersee betritt. Andreas Gabalier kommt mit einer klaren Botschaft. Auf dem schwarzen Armband, das er am rechten Handgelenk trägt, steht „No Pain, No Gain“, auf gut Deutsch „Ohne Fleiß kein Preis“. Das ist kein Zufall. Ebenso wie die Location. Denn hier in Velden hat der Überflieger der heimischen Musikszene bereits als Dreizehn­jähriger gelernt, dass einem im Leben nichts zufliegt. Und er hat gelernt, was es heißt, anzupacken.

the red bulletin: Du hast bereits mit dreizehn Jahren hier in Velden ­ge­arbeitet – ganz schön früh. Warum? andreas gabalier: Ich war eines von vier Kindern – aus relativ bescheidenen Verhältnissen. Traktorfahren mit dem Opa ist super, wenn du sieben bist, aber mit dreizehn? Taschengeld hat es auch nicht viel gegeben. Also habe ich meinen Papa gefragt, ob es nicht irgendeine Möglichkeit gibt, Geld zu verdienen. Er hat mir dann hier in Velden einen Job bei einem Bootsvermieter organisiert – von neun in der Früh bis um neun am Abend, sieben Tage in der Woche. Klingt hart, aber da habe ich das erste Mal die Liebe zur Arbeit entdeckt. 52

Wie wichtig war das Geld? In erster Linie war es eine Gaudi und ein Abenteuer. Aber natürlich war es auch spannend, Geld zu verdienen. Ich hab damals einmal im Jahr von der Oma 500 Schilling (kaufkraftmäßig ca. 50 €, Anm.) zum Geburtstag gekriegt und das eigentlich aufs Sparbuch legen müssen. Und dann verdienst du auf einmal jeden Tag 300 Schilling, plus Trinkgeld. Was hast du mit dem Geld gemacht? Gebunkert oder ausgegeben? Großteils gebunkert, weil du mit dreizehn nicht wirklich was brauchst. Ich hab so viel Gewand von meinem großen Bruder, meinen Cousins und so weiter aufgetra­ gen – das war nicht wie heute, dass jeder alles neu kriegt und einfach einkaufen geht. Aber ich hab mir damals einen supercoolen Walkman geleistet. Mit Kas­ setten, die 90 Minuten Spielzeit hatten. Um Lieder aus dem Radio aufzunehmen – mit zwei Fingern gleichzeitig auf „Play“ und „Record“ drücken und dann mit Fine­ linern die Kassetten-Cover beschriften, ganz schön in Blockschrift natürlich. Hast du so die Musik für dich entdeckt? Nein, Musik war bei uns zu Hause schon immer allgegenwärtig, jedes Kind hat ein Instrument lernen müssen. Das war der Mama ein Anliegen. Was hast du gelernt? Klavier. Obwohl ich lieber am Fußball­ platz und am Eishockeyplatz war. Aber eine Stunde die Woche gab’s Klavier­ unterricht – der Willi hat Querflöte gespielt, die Elisabeth so wie ich Klavier und der Toni Schlagzeug. Hast du damals jeden Sommer ­gearbeitet? Ja, jeden Sommer. Hin meistens schon ein paar Tage vor dem Zeugnis, heim meistens drei, vier Tage nach Schulanfang­ – mit schwerem Herzen und heißen ­Tränen über die Pack retour nach Graz. Was hat dich traurig gemacht? Ich habe diese Sommer geliebt. Wenn sie vorbei waren, ist für mich jedes Mal eine kleine Welt zusammengebrochen, weil es so eine Gaudi war, ich einen Haufen Geld verdient habe und es am Wörthersee ein­fach schön war. Ab sech­ zehn habe ich dann gekellnert oder den Bademeister gespielt – es waren sehr turbulente, ­lebensfrohe Sommer. THE RED BULLETIN


GUT GELAUNT

Andreas Gabalier, wie wir ihn kennen: Funkeln in den ­Augen, verschmitztes Schmunzeln

Du hast aber nicht nur im Sommer ­gearbeitet? Nein. Später dann auch in Graz. Samstags und sonntags. Café Kirscherl hat das Wirtshaus geheißen, tagsüber war es ein Café, und am Abend ist die Post abgegangen. Und das ist dir nie auf die Nerven ­gegangen? Sicher war es manchmal zach. Aber wenn du zugesagt hast, ist überhaupt nicht zur Debatte gestanden, dass du wieder absagst. Das war nicht immer leicht, aber da hast du beißen gelernt. Es wäre mir nicht einmal im Traum eingefallen, nicht arbeiten zu gehen, nur weil ich vielleicht am Vorabend einmal zu lang unterwegs war. Woher diese Disziplin? Das war einfach so. Alles hinzuschmeißen, wenn dir was nicht passt, das hat es nicht gegeben. Bei der Suche nach einem Job hat es geheißen: Wenn du willst, gern, aber dir muss klar sein, dass du das auch durchziehen musst. Es ist dir offensichtlich ein Anliegen, zu zeigen, wie wichtig der persönliche Einsatz ist? Ja, weil ich gesehen habe, was alles möglich ist im Leben, wenn man seine Talente erkennt, nutzt und auf die Straße­ bringt. Und wie schön es sein kann, wenn du eine Berufung findest. Es ist so wichtig, dass man im Leben etwas findet, was einem liegt, worin man ­aufgeht … Es muss nicht jeder reich oder Groß­unternehmer werden. In meinem Freundeskreis sind die ­meisten selb­ständig. Weil sie für sich ­etwas gefunden haben, was ihnen ­Freude macht. Außerdem habe ich auch total schöne ­Erfahrungen gemacht, zum Beispiel mit der Lisa (Janisch, Maler­ meisterin, Porträt ab Seite 40).

„Sicher war es manchmal zach. Aber wenn du zugesagt hast, ist überhaupt nicht zur Debatte gestanden, dass du wieder absagst.“ THE RED BULLETIN

Ich habe gehört, du hast dich selber­ auch recht geschickt angestellt beim Malen und auch beim Tischlern. Als Kinder haben wir mit dem Opa viel geschnitzt. Die Mama und alle ihre Schwestern und Brüder haben einen handgemachten Bauernkasten gekriegt vom Opa. Und da haben wir als Kinder gerne mitgeholfen und uns so auch ein bisschen ein Geschick erarbeitet. Du bist sozusagen erblich vorbelastet. Ja, uns ist einfach sehr viel gezeigt 53


GALIONSFIGUR

Als Bub hat er beim ­Bootsverleih gearbeitet – deshalb haben wir ihn in der Bootswerft Schmalzl zum Käpt’n gekürt.


Interview

„Der Fleiß macht einen erfolgreichen Handwerker aus, deshalb hängen Arnolds Erfolgsregeln seit Jahren auf meinem WC.“ ­ orden. Du bist als Kind auf Augenhöhe w behandelt und überallhin mit­genommen worden, auch wenn beim Traktor was zum Reparieren war, das war ein Abenteuer, das hat dir getaugt. Du hast eine blaue Kindermontur gekriegt oder ­irgendeine Jacke, wo die Ärmel fünfmal aufgekrempelt worden sind. Dann hast du den Schraubenzieher gereicht und die Lampe gehalten und das Öl gewechselt. Du warst dabei. Was macht einen guten Handwerker aus? Er muss einen Blick für die Sache haben. Man sieht das, ob wer ein Gespür hat oder nicht.

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Und was macht einen erfolgreichen Handwerker aus? Der Fleiß, deshalb rede ich immer von den Six Rules for Success vom Arnold Schwarzenegger, die mich so geprägt haben und die seit 25 Jahren auf meinem WC hängen. Die Allerbesten sind so etwas wie die Marcel Hirschers des Handwerks – wo jedes Detail Bedeutung hat. ­Abschreckend oder bewundernswert? Das bewundere ich, weil ich mir sage, man hat nur ein Leben, und es gilt, etwas daraus zu machen. Das war auch bei mir so. Ich habe mir gesagt, ich will ganz rauf. Am Anfang haben mich alle aus­gelacht, als ich gesagt habe, ich will der erfolg­ reichste Musiker Österreichs werden. Das nächste Mal haben sie gelacht, als ich gesagt habe, dass ich Konzerte spielen will wie der Grönemeyer. Das war der Moment, wo ich gesagt habe, jetzt will ich es wissen. Und dann war die Tour in wenigen Tagen ausverkauft. Wirklich überrascht kann dich das nicht haben – aber warum wolltest du THE RED BULLETIN

Was Arnie und Andreas verbindet Die Steirische Eiche hat sechs Erfolgsregeln formuliert, die Andreas Gabalier bis heute beeindrucken. 1. Trust Yourself Vertrau auf dich. 2. Break Some Rules Brich ein paar Regeln. 3. Don’t Be Afraid to Fail Hab keine Angst zu versagen. 4. Ignore the Naysayers Ignoriere die Neinsager. 5. Work Your Butt off Reiß dir deinen A**** auf. 6. Give Something Back Gib etwas zurück.

überhaupt so groß werden? Nach dem Tod meines Vaters vor fünf­ zehn Jahren habe ich einfach keinen Kopf zum Lernen und keine Lust gehabt, auf der Uni irgendwas zu tun. Da war nur das Gefühl, ich muss jetzt was an­ deres machen. Ich habe mir gesagt, das Leben ist zu wertvoll, als dass du dich ­irgendwo durchquälst – ich möchte etwas machen, was mich erfüllt, und das war immer die Musik. Schon die erste Platte hat sich super verkauft. Weshalb hat das so gut funktioniert? Groß denken kann man schnell,

aber wieso setzt man sich dann auch durch? Weil ich mir das zweieinhalb Jahre lang auf Biegen und Brechen und mit un­ ermüdlichem Fleiß auf vier, fünf, sechs Zeltfesten die Woche, Stadtfesten und Radiofesten erspielt habe. Siehst du dich eigentlich als Hand­ werker oder als Künstler? Ich sehe mich als vielseitig einsetzbaren Menschen. Aber das ist noch keine Antwort. Handwerker oder Künstler? Ich sehe mich als Unternehmer, der sein Handwerk verstanden hat. Der verstanden­ hat, was die Leute wollen, und der von Beginn an das große Glück hatte, das machen zu können, was er machen möchte und was ihm Freude bereitet. Was ist das Beste, was du je mit deinen Händen geschaffen hast? Letzten Endes ist es Musik, die für mich eben auch emotionales Handwerk ist. Lieder, die einfach berührt haben, die bleiben. Wie „Amoi seg’ ma uns wieder“. Das Lied wird immer da sein, glaube ich, solange es mich geben wird – vielleicht auch darüber hinaus. Was, würdest du sagen, kannst du ­besonders gut? Auf Menschen eingehen, egal wie, wo, was, egal welcher Herkunft, welcher Lebenseinstellung. Ich glaube, dass ich Leuten zuhören, auf sie eingehen kann – und daraus auch vieles für mich mit­ nehme. Was würdest du Menschen raten, die vor der Berufswahl stehen? Alles zu tun, um zu entdecken, wo sie Erfüllung finden. Das zu suchen, wo sie sich vorstellen können, dass sie das freut. Und wenn sie nicht so recht wissen, was sie tun sollen: Wie lässt sich Leidenschaft finden? Das Schöne ist, dass man alles machen kann. Nachjustieren geht immer. Gewisse Dinge brauchen Zeit, man ist auch mit zwanzig nicht fertig. Bei weitem nicht …

Mehr Gabalier in allen Lagen auf Instagram: @andreasgabalier_official

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BEZAHLT WERDEN

FÜRS LERNEN

Speziell für AHS-Absolventinnen und -Absolventen bietet die Duale Akademie die Möglichkeit, nach der Matura im Unternehmen zu lernen, zu arbeiten und eigenes Geld zu verdienen. Die Duale Akademie ist ein neues Trainee-Programm, das auf Initia­ tive der Wirtschaftskammer Oberösterreich entwickelt wurde und ­österreichweit einzigartig ist. Im ­Fokus stehen Berufe, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Die ­Teilnehmerinnen und Teilnehmer durchlaufen in maximal drei Jahren maßgeschneiderte Ausbildungen, die sie dazu qualifizieren, im Anschluss Karriere als wichtige

Fach- und Führungskräfte in zukunftsorientierten Berufsbildern zu machen. Dabei absolvieren die Trainees circa 70 Prozent der ­Ausbildungszeit im Betrieb, circa 20 Prozent der Ausbildungszeit in DA-Kompetenz­­zentren der Berufsschule, und circa 10 Prozent der Ausbildungszeit beschäftigen sich die Trainees mit dem Erwerb von wich­tigen Zukunftskompetenzen bei ­weiteren Bildungsanbietern.

Das Spannende an der Dualen Akademie war für mich die Kombination aus Theorie und Praxis. Zusätzlich machen die Weiterbildungen bzw. Kernkompetenzkurse am WIFI das Gesamtpaket noch attraktiver. Rosa Mittermair, Trainee Speditionskauffrau, DA-Absolventin Lehrgang 19/20


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Der Weg zum „DA Professional“-Zertifikat Neben dem Lehrabschluss kann nach einem Jahr Berufs­ praxis eine Zertifizierung zum wirtschaftlich anerkannten ­Abschluss „DA Professional“ auf NQR-Niveau 5 erworben werden. Die innovative Ausbildungsform soll dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegenwirken. ÖSTERREICHWEIT WERDEN DIE VIER ZUKUNFTS­ TRÄCHTIGEN BERUFSBILDER ANGEBOTEN: MECHATRONIK Als Mechatronikerin oder Mechatroniker bist du die Schnittstelle zwischen Mechanik, Elektrik und Informatik. Du bist für die Entwicklung, Herstellung und Programmierung von Automatisierungsanlagen verantwortlich, erstellst Konstruktions­ zeichnungen (CAD) von Bauteilen und programmierst sie in modernsten Fertigungszentren. ELEKTROTECHNIK Als Elektrotechnikerin oder Elektroniker bist du mit der ­Herstellung, Montage, Wartung und Reparatur von elektround gebäudetechnischen Anlagen und Systemen befasst. Zu diesen zählen die Stromversorgung von Gebäuden sowie die Installation von Anlagen wie E-Ladestationen, Smart Home und Alarmanlagen. SPEDITION Als Speditionskauffrau oder Speditionskaufmann weißt du, wie man Waren sicher und pünktlich rund um die Welt schickt. Modernste Computerprogramme helfen dir dabei, ­effiziente Transportrouten mit Bahn, Schiff, Flugzeug und Lkw zu planen. Kurzum: Speditionskaufleute sind Managerinnen bzw. Manager globaler Mobilität. APPLIKATIONSENTWICKLUNG Als Applikationsentwicklerin oder Applikationsentwickler agierst du am Puls der Zeit. Die Einsatzgebiete reichen von agiler Softwareentwicklung und Datenanalyse über Kundenbetreuung bis hin zur selbstständigen Leitung von IT-Projekten und Steuerung externer IT-Partnerinnen bzw. IT-Partner.

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Teamgeist

IE „W MARCEL HIRSCHER VOR EINEM SLALOM“ Sie essen Algen, atmen den Stress weg oder stemmen einhändig 40 Kilo. Und sie verstehen einander blind. Wenn der Beruf zum Spitzen­sport wird, ist vor allem eines gefragt: absolutes Vertrauen ins eigene Team. Text HANNES KROPIK Fotos CHRIS MAVRIČ

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DIE STARKEN DANIEL MÜHLBACHER UND GEORG ENGELBRECHT MIT THOMAS PRIGL Georg ist die Urgewalt im Team: Dass er von David „chauffiert“ wird, ist eine Ausnahme, üblicher­weise arbeiten die Betonbauer im Lauf­schritt. Trainer Thomas Prigl beobachtet die beiden mit Vergnügen.

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Teamgeist

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homas Prigl kannte seine Burschen ganz genau. Zwei Jahre lang bereitete er die beiden Niederöster­ reicher Daniel Mühl­ bacher und Georg Engel­ brecht auf EuroSkills 2021 in Graz vor: „Ich konnte an ihrer Körpersprache er­ kennen, wie es ihnen geht.“ Überhaupt kommunizierte das Team der heimischen Betonbauer sehr gut auf nonverbaler Ebene, wie der Bau­ meister und Berufsschullehrer verrät: „Wir haben in der Früh und am Abend miteinander gesprochen. Die restliche Zeit habe ich nur beobachtet und sie ihre Probleme selbst lösen lassen. Schließlich geht es bei uns stark um Eigenständigkeit.“ Das reibungslose Zusammenspiel als Team war bei der Berufs-EM im Herbst 2021 mindestens ebenso wichtig für den Erfolg wie handwerkliche Perfektion. Das weiß auch der gelernte Maurer und Schalungsbauer Daniel Mühlbacher, der wie sein Partner Georg Engelbrecht, beide Jahrgang 1996, im Lehrbetrieb Leyrer + Graf Baugesellschaft m.b.H. ­ausgebildet wurde. „Wir sind mit einer Besprechung und gemeinsamen Aufwärmübungen in den Tag gestartet und haben uns motiviert, indem wir uns gesagt haben, wie sehr wir uns gegenseitig vertrauen. Danach mussten wir eigentlich gar nichts mehr mit­einander reden, weil jeder wusste, was der andere tut.“ Die Aufgaben waren klar umrissen, wie Georg Engelbrecht erklärt: „Daniel war für das Messen und präzise Zu­ schneiden der Platten zuständig. Und ich habe mich um das Aufstellen der Ver­ schalungen gekümmert.“ Die 2,70 Meter hohen Rahmenschalungen wiegen um die 40 Kilo pro Stück, mit einer Hand hielt er sie waagrecht, während er sie mit der anderen festklemmte: „Georg hat eine unglaubliche Rohkraft“, schwärmt Kollege Daniel, „der kommt dabei nicht einmal ins Schwitzen. Ich hingegen musste meine Schutzbrille jede halbe Stunde wechseln.“ Ein Schwerpunkt der Vorbereitung war, auf Probleme richtig zu reagieren. „Wir haben eine extrem hohe Fehler­ kultur entwickelt“, sagt Coach Prigl. 60

„Auf einer Baustelle kannst du Miss­ geschicke vielleicht verstecken. Wir aber mussten versuchen, sie im Wettkampf zu vermeiden.“ Bei Daniel Mühlbacher zeigte das gemeinsame mentale Training (siehe Kasten Seite 63) jedenfalls E ­ rfolg: „Was ich tue, wenn ich mich verschneide? Macht doch nix! Her mit dem nächsten Brett, weiter geht’s!“ Dass es sich bei dem dreitägigen Event um eine echte sportliche Heraus­ forderung handeln würde, war Daniel klar: „Weil man jeden Schritt, den man gehen kann, auch rennen kann, haben wir in 16 Stunden zu zweit ein Projekt beendet, für das auf der Baustelle vier Mann eine Woche brauchen würden.“ Zusätzliche Motivation von außen war nicht nötig. Eher das Gegenteil, wie sich Thomas Prigl erinnert: „Wir haben

„ Weil man jeden Schritt auch rennen kann, schaffen wir in 16 Stunden ein Pensum, für das auf einer Baustelle vier Mann eine Woche brauchen würden.“ Daniel Mühlbacher, Betonbauer

Hand in Hand: Experte Thomas Prigl mit Georg Engelbrecht (links) und Daniel Mühlbacher THE RED BULLETIN


DIE KREATIVEN CHRISTINA STRAUSS UND LAURA TSCHILTSCH MIT ISABELLA LINDENBAUER Vorfreude: Die Mode­technikerinnen Christina (links) und Laura (rechts) nehmen mit Isabella Lindenbauer Maß.

„ Wir mussten effizient arbeiten, weil die Zeit knapp war.“ Christina Strauß, Modetechnikerin

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DIE TÜFTLER

„ In den ersten Minuten ist die Hektik am größten. Deshalb gehe ich die Arbeits­schritte im Kopf durch.“

STEFAN PRADER MIT THOMAS BENKÖ Souverän bei jeder Aufgabe: Elektrotechniker Stefan mit Gehrungssäge und sein Betreuer Thomas Benkö mit Spiralverlängerung

Stefan Prader, Elektro- und Netzwerktechniker

tiefgestapelt und gesagt: Unser Ziel ist es, das Selbstvertrauen aus der Vorberei­ tung mitzunehmen und im Wettkampf die eigenen Möglichkeiten konsequent abzurufen.“ Das ist mit glänzendem Erfolg ge­ lungen, wie Coach Prigl stolz erzählt: „Der Erfolgsdruck war sehr groß, hat die beiden aber zusätzlich angespornt. Öster­ reichs Betonbauer hatten davor seit 2015 sämtliche EuroSkills und WorldSkills ­gewonnen. Mit dem Sieg in Graz von Ge­ org und Daniel sind es nun fünf Siege in ­Serie – das können wir fast nicht mehr toppen.“ 62

Im Wettkampf entscheiden Nerven über Sieg oder Niederlage

Im Team der Modetechnikerinnen brachte Trainerin Isabella Lindenbauer selbst wertvolle Wettkampferfahrung mit: Die Salzburgerin gewann bei EuroSkills 2016 die Bronzemedaille, bei der WM 2017 in Abu Dhabi wurde sie mit dem Medallion of Excellence ausgezeichnet. Seit 2019 betreute die Damen- und Herrenschneidermeisterin ihre Nach­ folgerinnen, die beiden Steirerinnen Laura Tschiltsch, Jahrgang 2000, und Christina Strauß, Jahrgang 1995. An der Seiten­ linie hatte sie in Graz allerdings wenig

Zeit, selbst nervös zu sein: „Ich musste kurzfristig als Deputy Chief Expert ein­ springen. Ich habe aber mitbekommen, dass Laura und Christina sehr struktu­ riert gearbeitet haben. Von außen haben die beiden fast entspannt gewirkt.“ Auf höchstem Wettkampflevel ent­ scheiden die Nerven über Sieg oder ­Niederlage. „Die Frage war“, sagt Laura Tschiltsch, „wie man mit dem Stress ­umgeht, schnell und präzise arbeiten zu müssen. Ich habe einen Tunnelblick entwickelt und versucht, alles um mich herum auszuschalten.“ Laura und Christina haben die Mode­ schule in Graz absolviert; Laura hat da­ nach ein Semester am London College of Fashion studiert und mittlerweile selbst THE RED BULLETIN


„ Du kannst immer eine Lösung finden. Also verzweifle nicht an den Fehlern, sondern bleib positiv fokussiert.“ Andreas Urich, Mentaltrainer

RENATE KATTENEDER, PRIVAT

die Meisterprüfung abgelegt. Unter Druck Höchstleistungen zu zeigen war ein Geheimnis des Erfolges bei EuroSkills 2021 in Graz: „Eines der Module bestand darin, zum Thema ‚Fridays for Future‘ vier K ­ leidungsstücke, ein Kleid, eine Hose, eine Bluse und eine Corsage, zu entwerfen – in eineinhalb Stunden. Das war eine Herausforderung.“ Die sie bravourös gemeistert haben, wie Teamchefin Lindenbauer lobend erwähnt: „Ich habe den Sieg nicht erwartet, aber erhofft. Dass sie zusätzlich noch mit dem ‚Best of Nation‘-Titel als beste heimische Teilnehmer ausgezeichnet wurden, hat mich dann doch überrascht.“ „Laura und ich waren ein Team, in dem jede ihre Stärke einbringen konnte. Laura zeichnet gute Entwürfe, ich bin nähtechnisch stark. Wir haben uns bei ­allen Aufgaben abgesprochen und Entscheidungen gemeinsam getroffen“, ­betont Christina Strauß, die auch als selbständige Modedesignerin arbeitet, die gute Rollenaufteilung in einem gleichberechtigten Duo: „Wir mussten ­effizient, aber auch schnell und sauber arbeiten. In hektischen Momenten war es sehr hilfreich, bewusst zu atmen.“ Expertin Isabella Lindenbauer war nicht zuletzt vom perfekten Zusammenspiel ihrer beiden Modetechnikerinnen begeistert: „Natürlich hat es kleine Patzer gegeben, aber sie haben sich gegenseitig beruhigt oder bei Bedarf auch ­wieder aufgebaut. Sie waren vielleicht nervös, aber sie haben ihr Ziel gemeinsam erreicht.“

Fokus auf das Unerwartete: Aus Fehlern lernen wir

Anders als bei den Betonbauern und den Modetechnikerinnen bestand das Team der Elektrotechniker nur aus einem Aktiven und einem Experten. Thomas Benkö, selbst begeisterter Triathlet und ausgebildeter Triathlon-Coach, legte bei der Betreuung des steirischen ElektroTHE RED BULLETIN

Teamgeist

und Netzwerktechnikers Stefan Prader, Jahrgang 1997, großen Wert auf die richtige Ernährung im Wettkampf: „Ballaststoffe machen dir das Leben unnötig schwer.“ Im blinden Vertrauen auf seinen Coach hat Stefan auch Dinge gegessen, die ihm eigentlich überhaupt nicht schmecken, wie Thomas Benkö anerkennend anmerkt: „Wir mussten bei Events jene Speisen definieren, die ihm am meisten helfen. Bei WorldSkills in Russland 2019 waren das ein Algensalat und eingelegter Ingwer. Das ist nicht ­jedermanns Sache, aber Stefan war nicht nur fokussiert, sondern wirklich auch sehr diszipliniert.“ In Graz, erinnert sich Stefan, war die Auswahl schon eher nach seinem Geschmack: „Ich habe viel gekochtes Gemüse gegessen, dazu Reis und immer auch ein bisschen Fleisch.“ Ein wichtiges psychologisches Tool, auf das Stefan Prader auf Anraten seines Trainers zurückgreifen konnte, war die Visualisierung. „In den ersten Minuten ist die Hektik am größten. Deshalb bin ich vor dem Wettkampf alle möglichen Szenarien und Arbeitsschritte im Kopf durchgegangen. Ein bisschen so, wie Marcel Hirscher es vor einem Slalom ­getan hat.“ Sehr hilfreich, erinnert sich Stefan, war auch ein anderer Trick seines Trainers – nämlich den Fokus auf unvorhergesehene Probleme zu richten: „Störungen hatten während der Vorbereitung Vorrang“, sagt Thomas Benkö, „denn Fehler im Training konnten wir auf­ arbeiten und daraus lernen.“ Tatsächlich gab es in Graz ein gröberes Problem – ausgelöst durch einen Mitbewerber in der Nebenkoje, der irrtümlich einen Stromausfall auslöste: „Das hat bei mir nicht nur alle Programmierungen der letzten 45 Minuten gelöscht“, erzählt Stefan Prader, „beim Hochfahren hat mein Computer auch noch Updates durchgeführt, was mich weitere wert­ volle Zeit gekostet hat.“ Nicht aber die notwendigen Nerven, um den Wettkampf letztendlich mit Platz zwei noch erfolgreich und mit Silber abzuschließen: „Mit dem Ergebnis bin ich mehr als zufrieden. Es war wichtig, dass ich selbst unter solchen Bedingungen an meine F ­ ähigkeiten geglaubt habe.“

Mentaltrainer Andreas Urich (links) und Manfred Simonitsch

Kopfarbeit für Handwerker Warum mentale Vorbereitung für EuroSkills-Teilnehmer ein wichtiges Werkzeug war. „Mit mentalem Training kann man über die eigenen Leistungsgrenzen gehen“, sagt Mag. Andreas Urich. Gemeinsam mit seinem Kollegen Mag. Manfred ­Simonitsch hat er das heimische Auf­ gebot für EuroSkills mit Gruppensemi­ naren und Einzelgesprächen betreut: „Beeindruckt hat mich, wie sehr sie für die mentale Vorbereitung zu begeistern gewesen sind.“ Zu den Werkzeugen, die der Mental­ trainer anbieten konnte, zählte eine Atemtechnik, die prägnant 4/7/11 ge­ nannt wird: „Du atmest vier Sekunden ein, sieben Sekunden aus – und das elf Minuten lang.“ Gewöhnt sich das Gehirn durch regelmäßiges Training an dieses Ritual, lässt sich durch diese Art der ­Atmung das Stresslevel im Wettkampf senken. Auch der Visualisierung wurde in der Vorbereitung viel Beachtung ­geschenkt: „Dabei werden dieselben Regionen im Hirn aktiviert, wie wenn man etwas tatsächlich tut. Ich stelle mir vor, wie ich eine Aufgabe löse – aber ­immer mit positivem Ergebnis.“ Ein Gruppenseminar stand unter dem Motto „Finding Opportunities“: „Du kannst in problematischen Situa­ tionen immer eine Lösung finden. Also verzweifle nicht an Fehlern, sondern bleib positiv fokussiert.“ Ein nonverba­ les Ritual hat den Teamgeist gefördert: „Eigentlich wollten wir einen gemeinsa­ men Spruch ­entwickeln, doch wegen der Coronamaßnahmen durften wir we­ der schreien noch singen. Also haben wir eine motivierende Körper-Perfor­ mance aus Stampfen, Klopfen und Klat­ schen entwickelt.“ Mit Erfolg: In 45 Bewerben g ­ ewann Österreich 33 Medaillen, davon 11 Goldene, und 4 Medallions on Excellence. 63


Einfach Hammer!

Sie passt in keine Schublade. Steinmetzin MELANIE SEIDL vereint in sich alle Fertigkeiten, die ihr Beruf verlangt: Kraft und Kreativität, Vorstellungsvermögen und Feinfühligkeit. Wir trafen die Powerfrau aus dem Pongau zum Interview – und bekamen eine Kostprobe ihrer Kunst. Text JANINA LEBISZCZAK

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Fotos KONSTANTIN REYER


Steinmetzin

KRÄFTIG ZUSCHLAGEN

Zielgerichteter Blick, perfekte Körperspannung – man möchte jetzt kein Stein sein.


LUST AN DER ARBEIT

Man sieht, dass Melanie Seidl ihr Beruf Freude macht.

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Steinmetzin

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in richtiger Setz­ hammer war nicht zur Hand. Aber der Vorschlag­ hammer tut es auch, immerhin geht es heute nicht darum, tat­ sächlich Werk­ stücke aus steiner­ ner Ewigkeit zu erschaffen, son­ dern die Kraft einer besonderen Frau in Szene zu setzen. Inmitten der Red Rocks von Adnet stellt Melanie Seidl, Jahrgang 1989, ihre Schlagfertigkeit unter Beweis. In den Rotkalk-Marmorsteinbrüchen treffen wir die Steinmetzin zum Shooting und zum Gespräch. Dafür ist sie aus dem nahen Werfenweng angereist. Auf den ersten Blick – eine Frau mit Wow-Effekt: beeindruckender Bizeps, ein offenes, ­humorbegabtes Gesicht und eine Aus­ strahlung, die jede noch so dunkle Nacht erhellen könnte. Ein echtes Naturmädel, möchte man denken – und das ist sie auch, aber eben: nicht nur. Seidl ist ­facettenreich wie ihr Beruf. Bereits als 22-Jährige gewann sie die Staatsmeister­ schaft für Steinmetze, vertrat Österreich als erste Frau bei der Berufs-Weltmeister­ schaft in London und holte sich 2012 den Titel bei EuroSkills. Seit 2018 gibt sie als Fachlehrerin ihr Wissen weiter. Der Nachwuchs, vor allem der weibliche, ist ihr wichtig. Das ist sie dem Beruf, der Berufung und natürlich dem Stein schul­ dig. Denn eine gewisse Durchsetzungs­ kraft muss man als Frau in einer Männer­ domäne mit sich bringen. Marmor, Stein und Eisen bricht – Melanie nicht. Ein Ge­ spräch über Gänsehautmomente, Geduld und Gleichberechtigung.

Ihr Strahlen könnte jede noch so dunkle Salzburger Nacht erhellen. THE RED BULLETIN

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„Die Mädels sind meistens die Klassen­ besten, die haben Biss.“ the red bulletin: Das Talent zum Steinmetz – hat man das, oder ent­ wickelt man das erst? melanie seidl: Zu Beginn hat sich bei mir erst einmal ein großes Talent für alle möglichen Verletzungen entwickelt, das ging so dahin bis zu meinem 14. Lebens­ jahr, es wurden Unmengen Pflaster ver­ braucht. Als Kind war ich der Grund für viele mütterliche Sorgen. Aufgewachsen bin ich in den Bergen, meine Familie hat sommers wie winters eine Hütte bewirt­ schaftet. Ich war viel in der Natur, mein Vater hat oft mit Holz gearbeitet – also hab ich mich auch damit beschäftigt. Aber das hat mich nicht so tief beeindruckt wie meine Umgebung: riesige kompakte­ Kalkfelsen. Ich wusste schon sehr früh, dass ich mit meinen Händen arbeiten will. Entweder ich war draußen oder am Schnitzen, Basteln und Zeichnen.

„Das Geräusch von Metall auf Stein mag ich niemals mehr missen.“ Melanie setzt die Säge an, und die Welt um sie herum versinkt – symbolisch und in feinem Staub.

Gab es den einen magischen Moment, in dem dir klar wurde, was die Zu­ kunft bringen wird? Zuerst einmal ging’s an die Sporthaupt­ schule. Dann fuhr ich mit meiner großen Schwester zur Berufsinformationsmesse in Salzburg. Schon aus der Ferne habe ich so ein Klopfen gehört und dann nach der Quelle gesucht. Dort stand ein großer, starker Mann: Robert Singer, ein Lehrer von der Fachschule – ein Steinmetz, wie er im Buche steht. Er fragte mich, ob ich mal probieren will – und ab dem Moment war ich verzaubert. Dieses Geräusch von Metall auf Stein, das fesselt mich heute noch, und ich mag es nie wieder missen.­ In der Ausbildung durfte ich erstmals mit Hammer und Meißel arbeiten, mein erstes Werkstück wurde eine Eule, dazu­ gab’s natürlich auch jede Menge Blasen­ an den Händen. Dann waren bald die ­Maschinen dran, da ist alles dabei vom Winkelschleifer bis hin zu den großen Brückenmaschinen. Aber auch Geschich­ te, Stil- und Gartenkunde gehören dazu. Mein Beruf ist facettenreich. Und auch wenn sich der Irrglaube immer noch hält: Wir gestalten mehr als Grabsteine. 68

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Melanies Werkzeuge Auch moderne Steinmetze können nicht auf Hammer, Meißel und Klüpfel ver­ zichten. Allerdings gibt es heute eine Vielzahl moder­ ner Geräte, die die Arbeit erleichtern. Steinkreis­ sägen zerteilen massive Steinblöcke wie Butter, mit dem Presslufthammer kann die Oberfläche von Natursteinen bearbeitet werden. Unverzichtbar ist eine adäquate Schutzaus­ rüstung wie ­Gehörschutz, Handschuhe und Schutz­ brille. Location: MarmorIndustrie Kiefer GmbH


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Und das wäre? Ich wirke an der Restaurierung von histo­ rischen Gebäuden und Denkmälern mit, gestalte Produkte für Bäder und Küchen oder ganze Stiegen, massive Designer­ tische aus ganzen Steinblöcken, jetzt ge­ rade eine Skulptur aus Wachauer Mar­ mor für meine Nachbarn. Von grober bis zu sehr feiner Arbeit ist alles dabei. Kaum ein Tag, kaum ein Auftrag gleicht dem anderen – und ich könnte auf der ganzen Welt einen Job und gleich dazu eine wun­ derbare, neidfreie Community finden, wenn das Heimweh nicht immer so groß wäre. Gerade habe ich mit dem Unter­ nehmen Raimund Fuchs 300 Stunden in Altar und Ambo einer ­„Stille Nacht“-­ Kirche in Arnsdorf investiert, mein wahr­ scheinlich größter Erfolg. Was ich da ­geschaffen habe, wird dort lange, lange stehen. Ein Stückchen Ewigkeit. Mit welchen Steinen arbeitest du am liebsten? Auf jeden Fall mit österreichischen ­Natursteinen. Nicht nur wegen des öko­ logischen Fußabdrucks: Einen Stein muss man angreifen, den muss man ­spüren und entdecken, am besten gleich mitten in der Natur – nicht nur im Kata­ log anschauen und bestellen. ­Unsere Steine halten auch unsere Tempera­ turen aus, die sind gesund, da bricht nichts, das hält. Am meisten Freude be­ reitet es mir, wenn jemand zum Beispiel beim Wandern einen Findling entdeckt, zu dem er sich hingezogen fühlt, und ich darf dann etwas draus machen, etwas mit persönlicher Geschichte. Die ist auch bei der Fertigung von Grabsteinen be­ sonders wichtig – ich nenne sie ja lieber­ Gedenksteine. Vor einem halben Jahr erst bin ich mit einem Kunden kilometer­ weit gefahren, um einen grünen Stein für seine­verstorbene Frau zu finden. Da ich die meisten Steinbrüche Österreichs gut ­kenne, sind wir zusammen los nach Ost­ tirol – und er wurde fündig. Ein wichtiger Teil der Trauerbewältigung. Beim rich­ tigen Stein werden wir alle weich. Wo holst du dir die Inspiration? Man muss sich nur umsehen: in der Natur. Das ist die größte Künstlerin von uns allen. Manchmal bearbeite ich den Stein nicht, ich veredle ihn nur – weil die Form schon so wundervoll ­gegeben ist. Davor habe ich tiefsten Respekt. ­Alles THE RED BULLETIN

wird vergehen, der Stein bleibt, den gibt’s seit Tausenden von Jahren. Aber er ver­ zeiht keine Fehler. Man kann im Nach­ hinein nichts kleben und flicken, es braucht höchste Konzentration. Außer­ dem fasziniert es mich, wie die alten Meister gearbeitet haben, denen standen nicht die Mittel und Werkzeuge zur Verfügung, die wir heute haben. Aber eines hatten sie: Zeit. Zeit gibt Kraft. Deswegen bewirtschafte ich mit meiner Familie immer noch gerne unsere Alm samt Kühen und Schweindln. Da lebt man mit dem Tag in den Tag, isst und trinkt, was die Natur hergibt. Dort bin ich auch meiner Großmutter am nächs­ ten. Wir waren bis zu ihrem letzten Atemzug beste Freundinnen, und sie hat immer an mich geglaubt. War es schwer, im Beruf Fuß zu fassen? Nach einem Jahr an der Fachschule wollte ich nur mehr eines: arbeiten. Vierzigmal habe ich mich sicher beworben, immer wurde ich abgewiesen. Das sei nichts für ein Mädchen, man habe im Betrieb nicht einmal eine Toilette für Frauen, und überhaupt, wie soll das funktionieren … Das hat mir sogar einmal eine Frau gesagt – der lächle ich heute noch gerne ins Ge­ sicht. Also ging’s zurück an die Schule und dort zu Georg Obererlacher, einem Lehrer,

Melanie trägt Handschuhe, bei denen die Kuppen frei bleiben – auch die Schwerarbeit braucht viel Fingerspitzengefühl.

„Beim richtigen Stein werden wir alle weich.“ der mich sehr förderte – mit Engels­ geduld, denn ich war nicht immer ein­ fach. Er war es auch, der mich zum Stein­ metz-Festival nach Frankreich mitnahm, hunderte Leute klopfen da an giganti­ schen Blöcken her­um, darunter vielleicht fünf Prozent Frauen. Steinmetzmeister Norbert Kienesberger hat mich dort an­ gesprochen, und vier Tage nach Schul­ abschluss bin ich nach Oberösterreich ­gezogen. Bei ihm habe ich viel gelernt, nicht nur was die Arbeit mit dem Mate­ rial betrifft, sondern auch jene mit den Menschen. Der Betrieb hat immerhin schon zwei Berufsweltmeister und einen -vizeweltmeister hervor­gebracht … … und eine Europameisterin. Zuerst einmal ging es für mich zur Staats­ meisterschaft, die ich 2010 als erste ­weibliche Teilnehmerin gewonnen habe. Danach durfte ich Österreich bei den ­Berufsweltmeisterschaften WorldSkills 2011 in London vertreten. Was für eine Aufregung! Meine ganze Familie und viele­ Freunde sind mitgereist – ein richtiger Fanclub mit eigens bedruckten T-Shirts. Wenn ich an die Atmosphäre zurück­ denke, an die Nervosität, die Schlacht­ rufe, bekomme ich noch heute Gänsehaut. Wer einen solchen Bewerb noch nie ge­ sehen hat, weiß gar nicht, wie vielverspre­ chend unsere Jugend und somit auch die Zukunft der verschiedenen Handwerks­ berufe ist. Schlussendlich hat’s dann nur zum fünften Platz gereicht. Aber Euro­ Skills dann in Belgien im Jahr darauf, die habe ich richtig gerockt – und Gold geholt. Den Moment, in dem mein Name genannt wurde, vergesse ich nie. Was war in Belgien anders? Die Konzentration, der Wille. In den ­Pausen habe ich es mit klassischer ­Musik probiert zum Entspannen – und manch­ mal auch mit Schlagern. Sich nicht ab­ lenken zu lassen, das ist eine Challenge­ 71


Steinmetzin

bei so vielen Menschen. Insgesamt sind mehr als 400 Teilnehmer um den Sieg ­an­getreten. Seitdem bin ich bei den Meister­schaften fast immer dabei und juble mir die Seele aus dem Leib. Bei ­EuroSkills und bei AustrianSkills in Salz­ burg trete ich als Botschafterin auf – ob­ wohl ich mit meinen 32 eher zum alten­ Eisen gehöre. Vorbilder sind wichtig. Ich bin auch wahnsinnig gerne Lehrerin. Zu sehen, dass ich junge Leute inspiriere, ist das Größte. Wie steht es um den Nachwuchs? Noch sind Frauen in der Minderheit, aber es werden stetig mehr, und ich ­glaube, dass ich dazu auch einen Teil ­beigetragen habe. In der Ausbildung ist es für sie sicher wichtig, eine Mentorin zu haben. Die Mädels sind meistens die Klassenbesten, die haben Biss, die müssen sich doppelt anstrengen, um ernst genommen werden. Man braucht also nicht nur Können und breite Schul­ tern, sondern auch ordentlich Selbst­ bewusstsein. Mein Mundwerk hat mir dabei immer sehr geholfen, meine Titel

Ein Beruf als Welterbe Eine reiche, lebendige Tradition, umfangreiches Wissen, weitergegeben von Generation zu Generation, und auch die Weiterentwicklung mit modernsten Methoden: Das sind die Voraussetzungen, um als immaterielles Kulturerbe durch die UNESCO anerkannt zu werden. Das Steinmetzkunst- und -handwerk hat das im Vorjahr geschafft, die Urkunden­ verleihung fand im Juli 2021 am Hallstätter See statt – unter dem Motto „Aus Stein werden Werke geschaffen, die Jahr­tausende überdauern“. Der vierjährige Lehrberuf „Steinmetz­ technik“ setzt auf den Erwerb der ­traditionellen Handwerksfertigkeiten, umfasst aber auch die computer­ gesteuerte Steinbearbeitung mittels CAD-Zeichnungen und CNC-Programmen. In Österreich gibt es aktuell 820 eingetragene Mitglieder.

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natürlich auch. Und ich muss sagen, dass sich das Arbeitsklima positiv verändert, wenn eine Frau dabei ist. Das Miteinander wird besser, die Menschen agieren hilfsbereiter. Und die Frauenwitze verkrafte­ ich, ich bin gut im Kontern. Aber im Großen und Ganzen merke ich, wie sich die Welt zur Chancengleichheit verändert. Auch die der Steinmetze.

EINE FRAU GEHT IHREN WEG

Und wer ist Melanie Seidl heute? Die hat viele Seiten, die putzt sich auch schon einmal ladylike raus, schmeißt sich in High Heels und kann damit tatsächlich gut laufen. Die ist gerne in der Natur. Dazu noch meine Freunde und Freundinnen, meine Familie, meine Tiere,­ meine Heimat. Mein Job erfüllt mich ­zutiefst. Ich brauche kein Fitnesscenter, kein Solarium und keinen Psychologen. Und das Geräusch von Metall auf Stein ist und bleibt die schönste Musik, die es gibt. Für immer.

Melanie Seidl in den Red Rocks von Adnet Harte Sachen auf Instagram: @hoamatstoa

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Neustart

Sag niemals nie

In den meisten Fällen bildet eine Lehre die Startrampe ins Berufsleben. Manchmal jedoch erweist sie sich auch als perfekte Alternative, um noch einmal voll durchzustarten. Fünf Beispiele, die zeigen, dass es nie zu spät ist, Beruf und Berufung zu vereinen. Text HANNES KROPIK Fotos CHRIS MAVRIČ

Freiheit auf zwei Rädern Maximilian Knechtel – vom Kommunikationsexperten zum Fahrradmechatroniker Er betreute Kabarettisten wie Josef Hader oder Michael Mittermeier. Doch der Großteil von Maximilian Knechtels PR- und Öffentlichkeitsarbeit bestand darin, „in den Bildschirm zu schauen“. 74

Kein Vergleich zur neuen Auf­ gabe in der Cycle Factory in Baden bei Wien: „Wenn ich nicht gerade an Fahrrädern herum­ schraube, rede ich mit der Kund­ schaft über unsere gemeinsame Leidenschaft: Fahrräder.“ Das Rad ist Max, Jahrgang 1985, früh zum bevorzugten Mittel der Mobilität geworden: „Am Schulweg musste ich die Grenze zwischen dem Bur­ genland und der Steier­mark überschreiten. Ich habe für 15 Kilometer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwei Stunden gebraucht. Aus eigener Kraft war ich wesentlich schneller.“ Nach der Matura studierte er in Wien Kommunikationswirt­ schaft. Die Liebe zum Bike blieb, Knechtel ist einer der Mitbegrün­ der der Wienerwaldtrails, einer Reihe von gepflegten Mountain­ bikestrecken rund um Wien.

Die Unzufriedenheit mit dem Bürojob kam schleichend. 2020 gipfelte sie in einem Jahr Bil­ dungskarenz – und letztendlich im beruflichen Umstieg: „Ich habe meine Kollegen unglaub­ lich gern gehabt, deshalb ist mir der Abschied schwer gefallen. Aber ich funktioniere nicht als Arbeitskraft, wenn ich den gan­ zen Tag sitzen muss.“ Den dreimonatigen Mecha­ troniker-Grundkurs am Wiener WIFI bezahlte Knechtel aus ­eigener Tasche, ein Aufbau­ kurs ist in Planung. Er radelt mit dem E-Bike zur Arbeit und beurteilt seine Zukunfts­ aussichten positiv: „Viel hängt von politischen Entscheidungen ab. Aber gerade in den Monaten der Pandemie ist das Fahrrad als Fortbe­wegungsmittel enorm populär geworden.“ cycle-factory.at THE RED BULLETIN


„Ich rede mit den Kunden über eine gemeinsame Leidenschaft: Fahrräder.“ Max Knechtel haucht Rädern neues Leben ein.

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Für Olga Vinakur eröffnete sich eine neue (Berufs-)Perspektive.

„Ich brauche beides in meinem Leben, das Handwerk und die Kunst.“

Die Freude im Fokus Olga Vinakur – von der Systemgastronomin zur Fotografin Die Absage der Kunstuni­ver­ sität Linz hat Olga Vinakur hart getroffen. Heute kann sie die Entscheidung nachvoll­ ziehen: „Ich wollte nach der Matura Grafikdesign und Foto­ grafie studieren. Wenn ich meine alte Bewerbungsmappe ansehe, verstehe ich, dass sie mich abgelehnt haben.“ 76

Die gebürtige Weißrussin, die als Kind mit ihren Eltern in Oberösterreich eine neue Heimat gefunden hat, musste einen beruflichen Umweg gehen, ehe sie ihren Traumberuf erlernen durfte. „Nach der Matura bin ich in der Systemgastronomie gelandet. Ich musste mein Leben einfach irgendwie finanzieren.“ Obwohl Olga, Jahrgang 1994, mit 21 Jahren bereits StoreManagerin einer Burger-Kette war, blieb das Gefühl, fehl am Platz zu sein: „Ich hatte so viele Ideen, aber niemand hat sich darum gekümmert. Ich war sehr frustriert.“ Mit Wissen ihrer „sehr ent­ gegenkommenden“ Vorgesetzten suchte sie nach einer neuen Herausforderung und fand 2016 über die AMS-Jobbörse eine

Lehrstelle als Fotografin. „Ich bin Handwerkerin, die Kamera ist mein Werkzeug. Sein Handwerk zu beherrschen ist Grundlage der Kunst. Ich brauche beides in meinem Leben, das Handwerk und die Kunst.“ Nach einer auf zweieinhalb Jahre verkürzten Ausbildung wurde Olga Vinakur von ihrem Lehrmeister Martin Eder in dessen Linzer Fotostudio angestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits regelmäßig Preise gewonnen: „Auszeichnungen wie der Sieg beim Bundeslehrlingswettbewerb 2019 bedeuten mir sehr viel. Ich weiß aber, dass ich noch sehr viel lernen und mich weiterentwickeln muss.“ fotostudio-eder.at

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Auf dem Holzweg ins Glück Franziska Brugger – von der diplomierten Biologin zur Tischlerin Franziska Brugger stammt aus Matrei in Osttirol, der Vater war Landwirt, die Mutter führte ein Gasthaus: „Es gibt keinerlei familiäre Vorgeschichte im Handwerk; wir hatten nicht einmal die klassische Werkstatt in der Garage.“

Obwohl Franziska bereits nach der Hauptschule mit einer Tischler­lehre kokettierte, folgte sie dem elterlichen Rat, zuerst die Matura zu machen. „Ich wusste, eine Lehre kann ich ­später immer noch absolvieren.“ Aus später wurde viel später. Bevor es letztendlich mit 33 Jah­ ren so weit war, studierte Fran­ ziska, Jahrgang 1976, in Wien Biologie und arbeitete danach in einem wissenschaftlichen Fach­ verlag. „Die Büro­arbeit war mir aber zu wenig greifbar. Mir hat das unmittel­bare Erfolgserlebnis gefehlt“, sagt die Akademikerin. Sie begann eine Tischlerlehre – an der Seite von Burschen, die halb so alt waren wie sie: „Tatsächlich war die größte Her­ ausforderung, einen Draht zu meinen Mitschülern zu finden.“ Dank der Unterstützung des AMS, das die Ausbildung von Frauen in technischen und hand­

werklichen Berufen förderte, „war es letztendlich kein Sprung ins kalte, sondern ins lauwarme Wasser. Ich konnte mir sogar leisten, auf eine Lehrzeitverkür­ zung von drei auf zwei Jahre zu verzichten. Ich wollte die Zeit nutzen, um möglichst viel Rou­ tine zu sammeln.“ Auch, wenn die Entscheidung von ihrem Umfeld – vorsichtig formuliert – unterschiedlich gut aufgenommen wurde, bereut Franziska Brugger den Schritt zur Lehre und in weiterer Folge zur Selbständigkeit keine Sekun­de: „Die Arbeit mit Holz ist definitiv erfüllend.“ tischlerinwien.at

„Ich wollte die Zeit nutzen, um möglichst viel Routine zu sammeln.“

Franziska Brugger in ihrer Werkstatt – hier wird einem Sessel neuer Schliff verpasst.

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Talente verknüpfen Benjamin Müller – Schüler und MechatronikLehrling Schulunterricht taugt ihm ­eigentlich nicht so sehr. Also wählt Benjamin Müller einen vielleicht komplizierten, aber zielorientierten Umweg: „Die HTL hätte fünf Jahre gedauert. Aber wenn ich die Mecha­ troniker-Lehre neben dem Gymnasium absolviere, werde ich in vier Jahren fertig.“ So verbringt der Schüler, Jahr­ gang 2003, seine Wochenenden weniger auf Partys als in Werk­ stätten und Lehrsälen. Möglich macht diese duale Ausbildung ein 2010 gegrün­ detes Programm namens CAP. future; vier Jahre lang finden jedes zweite Wochenende praxis­orientierte Kurse statt, am Ende steht der reguläre Lehr­ abschluss als Mechatroniker. Dieses Berufsfeld, erklärt der ebenso strukturierte wie eigenständige Linzer, bietet viel­ fältige Berufsmöglichkeiten: „Es handelt sich dabei um eine breitgefächerte Mischung aus Mechanik und Elektronik. Man kann später technische Anlagen planen oder warten.“ Schmunzelnder Nachsatz: „Man hört oft, dass Roboter uns die Arbeitsplätze wegnehmen wer­ den. D ­ avor habe ich keine Angst, denn ich baue diese Roboter.“ Tatsächlich hat er andere ­Pläne: Im kommenden Jahr absolviert Benjamin Müller 78

Benjamin Müller weiß, wo er Hand anlegen muss.

„Ich habe keine Angst vor Robotern, ich baue sie.“ zuerst die Matura, dann die Lehrabschlussprüfung. Danach will er sich einer neuen Heraus­ forderung widmen. „Meine Leidenschaft ist der Animations­ film. Ich weiß noch nicht genau, wie ich meine Talente verknüpfe. Aber Mechatronik und Film über­ schneiden sich im Bereich der Kameras. Vielleicht finde ich ­einen Weg, wie ich meine Kame­ ras selbst optimieren kann.“

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Neustart

Goldenes Handwerk Stefanie Glatz – von der Betriebswirtin zur Goldschmiedin Die Realität, sagt Stefanie Glatz, Jahrgang 1982, sei besser als die Fantasien ihres 17-jährigen Ichs. Damals, erinnert sich die Wienerin, hatte sie zum ersten Mal von einer Goldschmiedelehre ­geträumt: „Ich hatte nicht vorhergesehen, wie schön es tatsächlich ist, kreativ zu sein und mit eigenen Händen ein elegantes Schmuckstück zu erschaffen.“

Längst hat sie sich als Goldschmiedin etabliert und einen Stamm an Kunden ge­ schaffen, die ihren Stil und ihre Suche nach der Perfektion im Unperfekten schätzen. „Was man gerne tut, geht leichter von der Hand als eine Arbeit, bei der das Herzblut fehlt.“ obizzi.com

„Ich hatte nie Zweifel – ich wollte etwas mit den Händen schaffen.“

Ehe sie 2018 im Palais Obizzi in der Wiener Innenstadt ihre Gold­smithery eröffnen konnte, folgte Stefanie Glatz’ Leben einem vorgezeichneten Karriere­ weg. „Ich habe in Brüssel und Barcelona Internationale Be­ triebswirtschaftslehre studiert und danach im Unternehmen meines Vaters mitgearbeitet.“ Mit der Geburt des zweiten Kindes erwachte in der damals 30-Jährigen der Drang zur Eigen­ ständigkeit: „Ich beschloss, meine eigenen Entscheidungen zu treffen.“ Und so folgte sie ihrem Teenagertraum und zog die zweijährige Aus­bildung an der Wiener GoldschmiedeAkademie einer Übernahme des Familien­betriebs vor. Manchmal, gibt sie zu, sei sie unsicher gewesen. „Aber ich hatte nie Zweifel. Den Wunsch, etwas mit meinen Händen zu schaffen, hatte ich ja schon sehr lange. In dieser Phase habe ich gelernt: Sobald man einen Schritt setzt, folgen automatisch der zweite und der dritte.“

Stefanie Glatz in ihrer Goldsmithery

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GUIDE Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

DAMPF MACHEN!

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Mit Tischler Julian Fink in Island

Bizarre Landschaft: Ein Geysir atmet riesige Fontänen.

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Der Seljalandsfoss ist Islands schönster Wasserfall: Ein Weg führt hinter die Wassermassen. Nass wird man dabei garantiert.

Über die Urkraft staunen Island ist ein Land der Extreme, nirgends sonst spürt man die Urkraft unseres Planeten so nah. Heißes Wasser sprudelt aus dem Erdinneren an die Oberfläche, Gletscher bedecken die Berge. Julian Fink lernte in Island.

JULIAN FINK Jahrgang 1999, wurde von der Tischlerei Knaus aus Feldbach in der Steiermark auf ein Auslandspraktikum geschickt.

A

us 66 Metern stürzt das Wasser in die Tiefe. Wir hören das Rauschen schon aus der Entfernung. Über einen erdigen Pfad gehen wir Richtung Wasserfall, über eine Treppe hinauf und weiter hinter den Seljalandsfoss, der zwar nicht Islands größter, aber doch sein schönster Wasserfall ist. Es ist ein windiger, eher trüber Tag. Damit hatten wir nicht gerechnet: Die Gischt spritzt uns voll ins Gesicht. Wir spüren die Gewalt der gigantischen Wassermassen hautnah. Und als wir wieder hervorkommen, öffnet sich der Himmel. Die Sonne strahlt – und ein Regenbogen spannt sich quer über den Seljalandsfoss. Dieses Foto, das ich damals gemacht ­habe, ist noch heute eine der schönsten Erinnerungen an vier Wochen, die ich als

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GUIDE Reisen

Beeindruckende ­Bilder: Nordlichter, Wandern unterm Wasserfall

Tage werden immer länger

Auf den Bergen liegt Eis und Schnee, in den gemütlichen Häusern lässt sich Island ­traditionell erleben.

Praktikant in Island verbracht habe. Ob­ wohl ich die Geysire auch faszinierend fand, wie das heiße Wasser da aus dem Boden schießt. Unheimlich, als würde es unter der Erdoberfläche kochen.

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KARIN CERNY

Isländisch für Anfänger

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Die Tischlerei, in der ich von sieben bis fünf Uhr gearbeitet habe, lag am Stadt­ rand von Reykjavík, 15 Minuten entfernt vom Zentrum. Ein paar Worte Isländisch habe ich schon aufgeschnappt. Ich habe in Island aber ohnehin keinen einzigen Menschen getroffen, der nicht zumindest ein wenig Englisch beherrschte. So konnte ich nicht nur meine Sprachkenntnisse verbessern, sondern auch mein gelerntes Fachenglisch konkret im Betrieb anwen­ den. Das hat mir nach dem Praktikum in anderen Situationen weitergeholfen.

Ich bin Ende April angekommen, Kollegen haben mir dann erzählt, dass es kurz ­zuvor noch Nordlichter zu sehen gab. In dem einen Monat, in dem ich dort war, sind die Tage immer länger geworden. Das war schon spannend, wie schnell das ging. Am Ende musste ich die Jalousien zu­ ziehen, sonst hätte ich gar nicht schlafen können, so lange schien die Sonne. Für ­einen Tischler klingt es vielleicht seltsam, ausgerechnet nach Island zu gehen, wo es kaum Wälder gibt. Ein Großteil des Holzes muss dort aus dem mitteleuropäischen Raum importiert werden. Für mich als Lehrling war das ein Vorteil, weil ich die Materialien schon von zu Hause kannte. Die Isländer wissen über unsere erst­ klassige Ausbildung in Österreich

„In Island habe ich gelernt, gelassener zu werden.“ Julian Fink

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GUIDE Reisen

Küsse, Berge, Züge Bescheid. Deshalb habe ich von Anfang an viel Verantwortung übernehmen dürfen. In Island habe ich aber auch gelernt, gelassener zu werden. Wenn das Material knapp wird, dann kann man es nicht einfach nachbestellen, und am nächsten Tag ist es da. Es muss an­geliefert werden, und das dauert oft sehr lange. Auf diese Weise habe ich wieder mehr zu schätzen ge­lernt, was daheim selbst­verständlich ist – dass man zum Beispiel den Wald direkt vor der Haustür hat.

Die natürlichen Schwefelbäder von Island sind ein absolutes Highlight.

Drei Lehrlinge erzählen von ihren Erlebnissen bei Auslandspraktika. Melanie Roth In Cork als Gastro-Lehrling MELANIE arbeitet im Moorheilbad Harbach: „Das Blarney Castle in Irland umgibt eine Legende: Wer den Stone of Eloquence küsst, hat Glück im Leben. Ich musste mich dafür über über eine Brüstung lehnen. Ehrlich gesagt, es war schon ein wenig grausig, wenn man sieht, wie viele Leute dort anstehen. Zum Glück war das vor der Pandemie.“

Lisa Eckelhart In Budapest als Logistikerin

„Beim nächsten Mal möchte ich die ganze Insel umrunden.“ Julian Fink

LISA arbeitet als Speditionslogistikerin bei für die ÖBB Rail Cargo Group: „In Budapest gibt es einen der größten Containerterminals in Europa. Ich durfte mit einem Zug mitfahren, und wir sind dann in ein Gasthaus gegangen, in dem nur Einheimische saßen. Dort habe ich die schärfste Gulaschsuppe meines Lebens gegessen. Solche Erlebnisse freuen mich besonders, fernab von Touristen-Hotspots lässt sich ein Land gleich viel besser kennenlernen!“

Zurück in die Pubs

Ausbildung im Ausland Praktika in Betrieben im Ausland werden als Teil der Lehrlingsausbildung anerkannt und gefördert. Unterstützung und Informationen gibt es beim Internationalen Fachkräfteaustausch (IFA). ifa.or.at

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Anna-Maria Keferböck In Freiburg als Polsterin ANNA-MARIA arbeitet bei Grüne Erde: „Freiburg ist eine Studentenstadt, in der man es nie weit in die Natur hat. Ich bin am Wochenende immer wandern gegangen: Die Berge haben witzige Namen wie Schauinsland oder Rosskopf. Meist gibt es Gondeln hinauf, aber ich bin gern zu Fuß gegangen. Um oben mit Blick auf den Schwarzwald durchzuatmen und den Augenblick zu ­genießen.“

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Leider ist sich das Baden in der „Blauen Lagune“ nicht ausgegangen. Und auch von den Pubs in Reykjavík kenne ich längst noch nicht alle, denn in die meisten kommt man erst mit zwanzig. Auch deshalb würde ich gerne noch mal nach Island fliegen. Und am liebsten die ganze Insel umrunden.


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VOM LEBEN LERNEN

Königlicher Rat Horror-Großmeister Stephen King erklärt, wie man einen Roman verfasst. Und liefert damit gleichzeitig einen Ratgeber für ein spannendes Dasein. Text JAKOB HÜBNER

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ber 400 Millionen verkaufte Bücher, rund 70 Kino- und TV-Ver­ filmungen, geschätzte 420 Millionen Dollar Privatvermögen – kein Zweifel, Stephen King ist einer der erfolgreichsten und reichsten Schriftsteller aller Zeiten. Da herrscht ­Einigkeit. Ganz anders sieht es hingegen bei der Frage aus, ob Stephen King auch ein guter Schriftsteller ist. Hier scheiden sich die Geister. Tatsächlich gibt es jede Menge nachweislich gebildete Menschen, die

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King für eine Art Hohepriester der trivialen Reißbrettliteratur halten. Wenn sie an deinem Billy-Regal entlangschlendern und darin mehrere King-­ Romane orten, lüpfen sie selbstgefällig eine Augenbraue und sagen: „Stephen King? Echt jetzt …?“ Diese Menschen verbinden meist drei Gemeinsamkeiten. Erstens: Sie haben noch nie ein Buch von Stephen King ­gelesen. Zweitens: Sie betrachten (zumindest in diesen Dimensionen) kommerziellen

Erfolg und künstlerische Integrität als unvereinbar. Und drittens: Sie irren sich. Was würde man über einen Leichtathleten sagen, der den 100-Meter-Sprint genauso souverän beherrscht wie die 1500 Meter, die 10.000-Meter-­ Langstrecke und die Marathon-Distanz? Vermutlich: Der Mann weiß, wie man läuft. Nun, Stephen King weiß, wie man schreibt. Präziser for­ muliert: Er weiß, wie man was schreibt – und diese instink­ tive Fähigkeit beschränkt sich keineswegs nur auf die an­ gestammten Jagdgründe des „Königs des Horrors“. Seine über 100 Kurzgeschichten und Novellen (beim Heyne Verlag in feine Sammelbände gepackt) zeichnen sich nicht nur durch einen geradezu THE RED BULLETIN

VINZ SCHWARZBAUER

GUIDE Lesestoff


Vorwort aus „Das Leben und das Schreiben“ Dies ist ein kurzes Buch, denn Bücher über das Schreiben sind voller Blödsinn. Belletristikautoren, ich eingeschlossen, haben keine große Ahnung davon, was sie eigentlich tun. Sie wissen nicht, warum etwas Gutes funktioniert und etwas Schlechtes nicht. Ich dachte mir: Je kürzer das Buch, desto weniger Blödsinn steht drin.

beängstigenden Ideen­reich­ tum aus, sondern auch durch ihren perfekten Spannungs­ aufbau – was gerade auf der gern unterschätzten Kurz­ strecke eine besonders hohe Kunst ist. Angesichts der enormen Menge und Vielfalt dieser Suspense-Quickies drängt sich der Verdacht auf, dass King schlichtweg nicht in der Lage sei, eine Geschichte zu erzählen, die nicht furcht­ bar spannend ist. Wenn es ins Romanformat geht, wechselt King jedoch Stil und Tempo, öffnet Räume zwischen den Zeilen. Als schlauer Geschäftsmann (der er natürlich auch ist) weiß er, dass einem auf Sicht betrach­ tet die Leser abhandenkom­ men, wenn sie 500 Seiten lang den Atem anhalten. GenreMeilensteine wie „Carrie“, „Shining“, „Sie“, „Es“, „Die Arena“ und rund 30 weitere internationale Bestsellertitel spielen virtuos mit einem sub­ tilen Grauen, das gar nicht auf dem Papier, sondern in un­ serer DNA geschrieben steht. Und ganz nebenbei hat Stephen King mit „Der Dunkle Turm“ – womit wir beim Mara­ thon wären – innerhalb von dreißig (!) Jahren einen der irrsten und besten Romanzyk­ len der Fantastik geschrieben. Doch Vorsicht: Bevor man sich diesem verwegenen Cross­ over aus Fantasy-Dystopie und Italo­western nähert, das King selbst einmal als seinen „Jupiter“ bezeichnete, sollte man sicherheitshalber ein ­wenig Anlauf nehmen. Denn der grandiose erste Satz „Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolver­ THE RED BULLETIN

mann folgte ihm“ eröffnet eine Reise, die erst nach rund 5600 Seiten endet. Und auf­ hören geht sehr, sehr schwer. Das vermutlich beste Buch, das der 1947 in Portland, Maine, geborene Stephen ­Edwin King (bisher) veröffent­ licht hat, kommt allerdings weder aus der Horrorkiste noch aus dem Fantasy-Uni­ versum. Es ist ein Ratgeber. In „Das Leben und das Schrei­ ben“, erschienen im Jahr 2000, gibt der Millionenautor – eingebettet in autobiografi­ sche Erinnerungen und Anek­ doten, die auch die dunklen Seiten seiner Karriere be­ leuchten – sehr persönliche Erfahrungen preis, wie man ein gutes Buch schreibt. Hoch­ gradig sympathisch, ­mitunter sehr lustig und durchgehend ungeheuer lehrreich – im wahrsten „Sinne des Wortes“. Ein wirklich großartiges Buch, das nicht nur jedem, der richtig schreiben will, nach­ drücklich ans Herz gelegt sei, sondern auch allen, die richtig lesen wollen. Stephen King? Echt jetzt!

STEPHEN KING „DAS LEBEN UND DAS SCHREIBEN“ Deutsch von Andrea Fischer. Ullstein (gebundene Ausgabe), Heyne (Taschenbuch)

LESETIPPS

Autobiografische Feinkost Vier ausgesuchte Bücher, die das Leben schrieb

GREGORY DAVID ROBERTS Der 1952 in Melbourne, Australien, geborene Roberts wurde nach mehreren bewaffneten Raubüberfällen zu einer 23-jährigen Haft­ strafe verurteilt. Nach zwei Jahren gelang ihm die Flucht, und er setzte sich nach Mumbai in Indien ab. Was nun auf über 1000 Seiten folgt, ist die wohl abenteuer­ lichste Lebensgeschichte, die je aufgeschrieben wurde. Wie wahr sie ist, weiß nur einer. Kult ist sie auf alle Fälle. „Shantaram“ (Goldmann)

ERNEST HEMINGWAY In seinem letzten, posthum veröffentlichten Buch skiz­ ziert Hemingway Erinnerun­ gen an seine Jahre in Paris (1921 bis 1926). Anlässlich seines 50. Todestags er­ schien 2011 eine Neuüberset­ zung der Urfassung, ediert von E ­ nkel Seán Hemingway und großartig übersetzt von Werner Schmitz. Ein lite­ rarisches Kleinod vom Groß­ meister, nach dessen Lektüre man sich vor allem eines wünscht: eine Zeitmaschine. „Paris – Ein Fest fürs Leben“ (Rowohlt)

TOM ROBBINS Keiner trägt die Narrenkappe tiefer ins Gesicht gezogen als der 1932 geborene US-Autor. Auch wenn der Grandseigneur des literarischen Wahnwitzes (u. a. „Buntspecht“ „Pan ­Aroma“ oder „Salomes sieb­ ter Schleier“) seine Lebens­ geschichte als anekdotische Häppchen serviert, wartet hier ein üppiger Festschmaus: saukomisch, zutiefst klug und fabelhaft fabuliert. „Tibetischer Pfirsich­ strudel – Die wahre ­Geschichte eines fantas­tischen Lebens“ (Rowohlt)

TERRY GILLIAM Als Gründungsmitglied der ­legendären Monty-PythonTruppe und Regisseur von Filmjuwelen wie „Brazil“, „Fear and Loathing in Las Vegas“ oder „12 Monkeys“ hat der 1940 in Minnesota geborene Gilliam einiges zu erzählen. Und er tut es – Illustrationen inklusive – auf eine Art und Weise, die keinen Zweifel dar­ an lässt, dass auch ein Ameri­ kaner trockenen britischen Humor im Blut haben kann. „Gilliamesque – Meine Prä-posthumen Memoiren“ (Heyne)

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GUIDE Tipps & Trends BACK TO BLACK

GESCHMACKSVERSTÄRKER

FABER-CASTELL PITT GRAPHITE MATT

IN 80 BISSEN UM DIE WELT

Schwarzsehen als Innovation: Anders als andere Blei­stifte, die bei genauer Betrachtung nur graue Farbe liefern, kann dieser Stift von Faber-Castell so richtig schwarz, so richtig matt und so richtig hart (von HB bis 14B). faber-castell.at

Kennen Sie Raggmunk? Höchste Zeit, die köstlichen schwedischen Kartoffelpuffer mit Marmelade auszuprobieren. „In 80 Bissen um die Welt“ ist die bequemste Arte zu reisen – u. a. mit Rezepten aus Ägypten, ­Lettland und Syrien. @in80bissenumdiewelt

Richtig gutes Zeug Bunte Sandalen, gerüstet wie ein Ritter, per Kochbuch um die Welt – mit besten Empfehlungen SOMMERFRISCHE LEVI’S SANDALEN Es gibt von Levi’s nicht nur Jeans, sondern seit heuer auch Sneaker, die von der legendären 501er inspiriert sind. Wir stehen aber ganz besonders auf diese Sandalen – so bunt, so frech, so Wann-wird’s-denn-endlichwieder-Sommer? levi.com

EINE IRRE STORY „THE PETUNIA CARNAGE“ Eine orangefarbene Petunie hat die Natur nicht vorgesehen. Als der finnische Wissenschaftler Teemu ­Teeri doch eine entdeckt, nimmt eine Geschichte Fahrt auf, die in die große „Petunien-Krise“ mündet. Nicht lachen – dahinter steckt eine irre Story, die der Wiener Fotograf Klaus Pichler, Jahrgang 1977, dokumentiert hat. Sie werden staunen, versprochen! klauspichler.net

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GUT GERÜSTET STAHLHANDSCHUHE Was einst ein Ritter war, ist heut’ ein „Iron Man“. Wer Harnisch trug, so lernen wir in der Schau im Kunsthistorischen Museum in Wien, zog damit keineswegs immer ins Gefecht. Manch Edler wollte einfach modisch glänzen. Im Shop des Museums zu erstehen. khm.at

BÄRENHUNGER KHM MUSEUMSVERBAND

URSPRUNG GUMMI So viel Liebe wird den süßen SnackBären selten zuteil. Die Ursprung Gummi sind nicht nur biologisch, sie werden auch in Handarbeit in die Form gegossen. Damit jeder Gummibär etwas ganz Besonderes ist. Ideal für den Bärenhunger zwischendurch – falls man es über Herz bringt, sie zu verzehren. @ursprunggummi

RITTER-REPLIK Die Nachbildung eines Handschuhs aus Stahl

FUSSFREI Ein Farbspektakel für die Füße. Oder anders gesagt: So geht bunt.

TROCKENDECK DRINKHALM Wozu eine Flasche schleppen, wenn’s auch ein Halm tut? 13 Schülerinnen & Schüler haben den schnellsten Drink der Welt erfunden. Der Geschmack versteckt sich im Halm aus Papier: das Ende abreißen, Brausepulver in Wasser, Soda oder Prosecco leeren. Wer keine Flüssigkeit parat hat, genießt das P ­ ulver pur. drinkhalm.at

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Auf einer virtuellen Reise haben Jugendliche die Möglichkeit, 80 verschiedene Berufe unmittelbar und hautnah zu erleben.

Schau den Bäckerinnen und Bäckern in der Honeder Naturbackstube in Engerwitzdorf über die Schulter.

Keine Brille? Kein Problem Okay, natürlich besitzen nur die allerwenigsten Berufseinsteiger des Landes eine VR-Brille – aber das ist kein Hindernis. Die WKO hat 160 dieser Hightech-Brillen auf Berufsinformationszentren in allen Bundesländern ­aufgeteilt. Und diese bringen Jugendliche – beim ­Beratungsgespräch genauso wie bei Vorträgen in ­Schulen – unmittelbar und hautnah in die Betriebe, die sie inter­essieren. Wie im Kino Die Tour führt durch verschiedene virtuelle Räume. Im zentralen Menüraum sind die unterschiedlichen Berufsfelder angebracht. „Arbeiten in der Natur“ öffnet beispielsweise ein Spektrum an Berufen, das vom Floristen über den Rauchfangkehrer bis zum Tierpfleger reicht. Klickt man auf einen davon, öffnet sich eine 360-GradAusstellung. Was am Bildschirm als normales Bild erscheint, wirkt per VR wie eine Kinoleinwand. Zu sehen

GETTY, EUROSKILL, VRME.EU/MEDIASQUAD/WKÖ

SCHAU IN DEINE ZUKUNFT


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Dieser QR-Code ist die Eintritts­ karte zu einer Tour durch 80 Berufe. Sie ist wie eine Ausstellung gestaltet. Besuchen kannst du sie auf zwei ­Arten: entweder oldschool per Maus­ klick oder in modernster Virtual-­ Reality-Optik. Denn das Programm ist kompatibel mit VR-Brillen, die einen 360-Grad-Rundumblick ermöglichen – und damit die Tour zu einem un­ vergesslichen Erlebnis machen.

Justin absolviert seine Lehre im Sportfachgeschäft Nora Pure Sports in Wien. Schau ihm über die Schulter, wie er Kunden berät.

ist zum Beispiel das Bild eines Brautechnikers, der in ­einem Labor eine Phiole mit Bier verkostet. Dreht man sich ein Stück, kann man die Info zum Einstiegsgehalt ­lesen: ca. 2.305 Euro brutto. Das bekommt ein Like! Und wird damit auf einer persönlichen Liste gespeichert. Mitten im Geschehen Manche Berufe sind nicht nur in einem Raum aus­ gestellt, sondern schicken dich auf eine Reise. Klickt man zum Beispiel auf „Koch“, stellt einen das Programm direkt in den Gasthof Hirschen, wo man im 360-GradView im Arbeitsalltag eines Restaurants Mäuschen spielen kann. Es wird geschnippelt, gebraten und ­serviert. Moderiert wird das Geschehen von einem Lehrling, der etwas über seine Erfahrungen in dem ­Betrieb erzählt.

MITMACHEN & SELBST ZUR VR-ATTRAKTION WERDEN Einen Betrieb direkt zu erleben ist bereits bei mehr als einem Drittel der Berufe auf der virtuellen Tour möglich. Ziel ist, sämtliche Berufe von der Elektrotechnikerin bis zum Hörgeräteakustiker mit solchen Einblicken zu versehen. Betriebe, die Interesse daran haben, ihren Lehrberufen und Lehrlingen eine Plattform zu geben, erhalten bei der Abteilung für Bildungspolitik der WKÖ detaillierte Informationen. Einfach E-Mail senden: bp@wko.at


K U R ZGES CHICH T E

DEN JOB KÖNNTE EIN AFFE MACHEN

CORNELIA TRAVNICEK entdeckte während eines Aufenthalts in China eine ganz besondere Spezies, die ihr im Umgang mit (scheinbar) wichtigen Menschen bemerkenswerte Gelassenheit bescherte.

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GINA MÜLLER CORNELIA TRAVNICEK

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PAUL FEUERSÄNGER

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ls ich ein kleines Mädchen Leben manchmal Jobs, die wir uns war, wollte ich vieles nie hätten träumen lassen. ­werden: Erfinderin, Pony­ Geworden bin ich letzten Endes hofbesitzerin, später bisher auch so einiges: Schrift­ ­Roboterpsychologin – und stellerin, Informatikerin, Sino­ dazwischen auch mal Tierpflegerin. login. Und als Letztgenannte fiel An Letztgenanntes musste ich vor mir beim Durchsehen der Werbung kurzem wieder denken, als mir die ­etwas auf: nämlich dass in der CORNELIA TRAVNICEK Werbung für einen „Weißen Zoo“ hat eine HTL abgeschlossen Sammlung des Weißen Zoos eine und Sinologie und Informatik unterkam, also einen Tier­garten, mir gut bekannte Gattung gänzlich studiert. Heute ist sie in dem nur weiße Exemplare der fehlte: der Weiße Affe. Schriftstellerin und arbeitet ­jeweiligen Art ausgestellt werden: Der Weiße Affe ist eine Art, ­ Teilzeit in einem Forschungsweiße Tiger, weiße Kamele und noch die es bei uns in Österreich meines zentrum für Computergrafik. einige andere minimalpigmentierte Wissens nicht gibt. Sein natürlicher Ihr Roman „Chucks“ wurde Spezies, die sich nicht davor retten 2015 verfilmt. Ihr aktuelles Lebensraum ist China. Buch „Feenstaub“ war 2020 konnten. (Nur weiße Nashörner In der Familie der Weißen Affen für den Österreichischen nicht, weil diese sind seit dem Tod gibt es mehrere Unterarten, die Buchpreis nominiert. des letzten männlichen Exemplars sich voneinander in Aussehen und in diesem Jahr so gut wie ausgestor­ Verhalten grundsätzlich wenig ben, was natürlich kein Trost für das Nashorn ist.) unter­scheiden, sie haben sich lediglich etwas Spätestens seit ich weiß, dass in Zoos hinter – an ihr jeweiliges Umfeld angepasst. oder auch vor – den Kulissen gerne mal die über­ schüssigen Tiere aus dem einen Gehege an die im as erste Mal konnte ich ein Exemplar be­ anderen verfüttert werden, trauere ich meinem obachten, als ich noch eine Studentin war Kindheitstraumberuf nicht mehr nach. und für einen Sprachkurs an eine Universität Die wenigsten von uns werden später einmal, nach Südchina ging. In den späten Nullerjahren wovon sie in frühen Jahren geträumt haben. war Chinas Ausgehkultur etwa da, wo sie in den ­Astronautinnen. Zugführer. Meeresbiologen. USA in den 1980ern gewesen ist, und es öffneten Und wenn irgendjemand einen später mal fragt: so einige neue Clubs, die ihr Bestes versuchten, Warum eigentlich nicht? sich gegenseitig die gerade frisch in der unteren Dann ist man sich oft gar nicht sicher. bis mittleren Mittelschicht angekommene junge Ja, warum eigentlich nicht? Ist so passiert. Kundschaft streitig zu machen. Weshalb wir unsere Träume o ­ ffenbar einfach Dabei waren Eintritt und die Getränke in die­ gedankenlos irgendwo am Wegrand liegen lassen sen Lokalen keineswegs günstig, auch nicht für – ich weiß es nicht. Dafür finden uns später im uns Österreicherinnen, ja, es war sogar ein hoher


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KU RZG ES CHI CHT E

Grundpreis pro Tisch fällig. Je mehr der jeweilige Club auf sich hielt, desto teurer war es, einen Tisch dort zu bekommen. Jedes Wochenende ein- bis zweimal auszu­ gehen, das wäre auch für uns mehr als ordentlich ins Geld gegangen. Die Lösung für unsere Geldprobleme fand sich aber schneller, als wir dachten, und vor allem an ebenjenen Orten, die diese verursachten. Clubbesitzer traten an die damals noch sehr spärliche weiße Kundschaft heran und boten ihr (also uns) bares Geld dafür an, das jeweilige Lokal regelmäßig zu besuchen, dort an der Bar zu sitzen und ein paar Getränke zu konsumieren. Jawohl, wir sollten für das Fortgehen bezahlt werden. Die einzige Auflage war, eine gewisse Zeit zu bleiben, sichtbar eine Menge Spaß zu haben und jedem oder jeder der chinesischen Anwesenden auf seine oder ihre freundlichen Versuche, sich im Englischen zu üben, eine ebenso freundliche Antwort zu geben. Da ich nur für einen Sommerkurs gekommen war und nicht das Semester über bleiben konnte, musste ich das Jobangebot leider ausschlagen.

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eine zweite Sichtung des Weißen Affen ist nicht offiziell bestätigt, obwohl sie sogar als Videobeweis vorliegt. Eine Studienkollegin, ich nenne sie Karina, erzählte mir, dass sie während ihres China-Aufenthalts für einen Film gecastet wurde. Karina, eine sehr blonde, sehr resolute Kärntnerin mit der typischen schroffen Freundlichkeit dieses Bundeslandes, sollte allerdings keine Österreicherin spielen, sondern eine Russin. Eine rus­

Eine resolute Kärntnerin sollte eine Russin spielen. Dass sie kein Wort Russisch sprach, war den Produzenten egal.

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sische Soldatin, um genau zu sein. Dass sie kein Wort Russisch konnte, war den Produzenten ­dieses Films ebenso egal wie das Fehlen jeglicher Vorerfahrung im Berufsfeld der Schauspielerei. Es ist nicht klar, ob es sich bei diesem Filmprojekt um die Umsetzung einer historischen Vorlage handelte und ob in dieser möglichen Vorlage tatsächlich eine russische Soldatin jene Rolle spielte, die Karina zugedacht war. Hauptsache, die blonde Ausländerin war auf der Leinwand.

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wei Jahre später begleitete ich höchstpersön­ lich ein männliches Exemplar des Weißen ­Affen in den kleinen, international nicht ­vollständig anerkannten und immer wieder von China für sich reklamierten Inselstaat Taiwan. Als wir miteinander im Flugzeug saßen, ­wusste ich allerdings noch nichts davon. Der groß­­gewachsene junge Mann – sagen wir, er hieß Karsten – sollte nach dem Besuch eines vier­ wöchigen Sprachkurses gleich noch für ein Jahr als Auslandsstudent in Taiwan bleiben. Nachdem Karsten sich in diesem Jahr dort verliebt hatte (und das nicht nur einmal), beschloss er, länger auf der Insel zu leben, und sah sich nach einem Job um. Schnell stellte sich heraus, dass es als Aus­ länder denkbar einfach war, einen zu finden, denn es gab eine riesige Nachfrage nach Sprachlehrern. Wie? Wer will denn in Taiwan Deutsch lernen? Nun, die Menge an Taiwanerinnen und Taiwanern, die freiwillig versuchen, sich die Zunge an deutschen Wörtern zu brechen, war zwar überschaubar und der Bedarf an Deutschlehrern damit ebenso, aber der Bedarf an Englischlehrern war quasi unstillbar. Und bei den halboffiziellen Sprachschulen reichte das Vorzeigen eines ausländischen Passes vor dem Hintergrund der eigenen blassen Haut als Qualifikation für diese Stelle bereits aus. Es kümmerte niemanden, was die ­eigene Muttersprache war, auch nicht, ob man ­jemals Englischunterricht genossen hatte, und ganz besonders nicht, wie gut das eigene Englisch ausfiel – solange man das Bewerbungsgespräch auf Englisch führen konnte, stellten so einige dieser Schulen einen vom Fleck weg an. Es soll Leute geben, die so mehrere Jahre in Taiwan gut über die Runden kamen und dabei auch noch einiges an Freizeit genossen. Man sieht, der Weiße Affe ist keine seltene Art und auch noch nicht vom Aussterben bedroht. Wer sich länger in China und vor allem durch ­Chinas Wirtschafts- und Finanzwelt bewegt, wird früher oder später einem Weißen Affen begegnen.

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ie Weißen Affen sind erstaunlich vielseitig, sie scheinen eine große Zahl an unterschiedlichen Talenten mitzubringen. Sie spielen bei Firmenbanketts in „berühmten amerikanischen“ Bands, sie sind „sehr erfolgreiche“ Ärzte oder ­„offizielle Gesandte“ eines Landes. Eine erstaunlich hohe Prozentzahl an Weißen Affen arbeitet als CEOs kleiner, mittelständischer oder auch größerer chinesischer Firmen, wobei diese Chef-Jobs meist darin bestehen, Gruppen von anderen Unternehmen zu empfangen, mit diesen essen zu gehen oder einfach für diverse Fotoaufnahmen mit ihnen in der Gegend herumzustehen. Weil der Weiße Affe ein Weißer Affe ist, muss er nicht Chinesisch sprechen können, das ist sein Vorteil. Ob er es nicht sprechen kann, weil er weiß ist, oder ob er es nicht kann, weil er ein Affe ist, ist nicht die Frage. Der Weiße Affe muss oft genug gar nicht reden, er muss nur da sein. Der Weiße Affe erfüllt seine Aufgabe gut, solange er sichtbar präsent ist. Er muss sich nicht einmal auf die Brust trommeln, er muss sie nur stolz heraus­ recken. Je wichtiger der Weiße Affe aussieht, desto wichtiger ist er.

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or wenigen Jahren wurde dem Chef der ­Firma, in der ich arbeitete, von einem chinesischen Wirtschaftsdelegierten in Wien die Möglichkeit angeboten, ein Joint Venture in China zu gründen. Die chinesische Firma würde von uns Namen und Logos und dergleichen übernehmen, und er, der Wirtschaftsdelegierte, wäre der ausführende Geschäftsführer vor Ort, wir bräuchten uns um wenig zu kümmern, nur ein paar Verträge zu ­unterschreiben. Kurz darauf wurde mein Chef zum ersten Mal in seinem Leben nach China eingeladen. Als er zurückkam und uns die Fotos von seiner Reise zeigte, konnte ich auf ihnen den Weißen Affen sehen. Manchmal frage ich mich, ob den Chinesen der Weiße Affe auch sogleich ins Auge sticht. Ob er für sie so offensichtlich ist wie für mich. Was, wenn sich zum Beispiel zwei chinesische Firmen treffen, um eine geschäftliche Möglichkeit zu besprechen, und beide bringen, um die jeweils andere zu beeindrucken, ihre Weißen Affen mit? Beginnt ein Kräftemessen der Primaten? Ein ritueller Kampf? Oder ist es wie bei den Stein­ böcken und ihren überdimensionierten Hörnern, genügt ein Blick, und man weiß: Aha, unser Affe ist größer, er steht in der Rangordnung höher, wir

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Eine erstaunlich hohe Prozentzahl an Weißen Affen arbeitet als CEOs in chinesischen Firmen.

haben gewonnen! Und die Affen selbst? Gelten auch im Club der Weißen Affen ungeschriebene Regeln? Kennen sie einander vielleicht sogar ­zufällig auf anderen Wegen, müssen sie diesen Umstand dann verbergen? Treffen sie sich später auf der Toilette, sprechen sie dann miteinander? Wenn ja, in welcher Sprache und worüber? Vielleicht habe auch ich mich in meinem Leben schon zum Weißen Affen gemacht, ganz ohne es zu wissen. Denn vielleicht sieht man den Affen ja manchmal nur von außen, so als steckte man in einem dieser Ganzkörperkostüme, die einem selbst die Sicht beschränken. Und sehr wahrscheinlich hatte ich auch unrecht, als ich am Anfang in diesem Text schrieb, es gäbe den Weißen Affen in Österreich nicht, denn vor gar nicht allzu langer Zeit las ich in einem Magazin von einer Frau, die eine Firma gegründet hatte, aber zu ­geschäftlichen Gesprächen gerne einen eigens ­dafür engagierten weißen Mann vorschickte, der jedoch inhaltlich gar nichts zu sagen hatte, sondern rein für seine körperliche Anwesenheit bezahlt wurde.

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as Wissen um die Weißen Affen ist jedenfalls etwas, was durchaus einen praktischen Nutzen hat. Eine Freundin meinte einmal zu mir, sie finde es bemerkenswert, wie unbeeindruckt ich in der Gegenwart wichtiger Leute bleibe. Ich habe es ihr nicht gesagt, aber es liegt daran: Immer wenn ich sehe, wie jemand als die bedeutendste Person im Raum behandelt wird, frage ich mich insgeheim, ob derjenige nicht vielleicht einfach nur der größte Affe ist.

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IMPRESSUM

THE RED BULLETIN WELTWEIT 欢 迎 来到奥地利 Red Bull 的世界

金牌 女孩谷爱凌 代表中国赢 得了全世界的 喝彩

欢迎来到奥地利 Red Bull 的世界

Aktuell erscheint The Red Bulletin in sechs Ländern. Außer­ dem produzieren wir – in internationaler Zusammen­ arbeit – i­mmer wieder Sonder­ausgaben, zum Bei­ spiel das oben abgebildete The Red Bulletin für China. Mehr Geschichten abseits des Alltäglichen findest du auf: ­redbulletin.com

Das Skills Special ist eine ­Kooperation mit der WKÖ.

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Gesamtleitung Alexander Müller-Macheck, Sara Car-Varming (Stv.) Chefredaktion Andreas Rottenschlager, Andreas Wollinger (Stv.) Leitender Redakteur Wolfgang Wieser Creative Direction Erik Turek, Kasimir Reimann (Stv.) Art Direction Marion Bernert-Thomann, Miles English, Tara Thompson Projektmanagement Jennifer Silberschneider Grafik Martina de Carvalho-Hutter, Kevin Faustmann-Goll, Cornelia Gleichweit Fotoredaktion Eva Kerschbaum (Ltg.), Marion Batty (Stv.), Susie Forman, Tahira Mirza, Rudi Übelhör Digitalredaktion Christian Eberle-Abasolo (Ltg.), Lou Boyd , Marie-Maxime Dricot, Melissa Gordon, Lisa Hechenberger, Elena Rodríguez Angelina, Julian Vater Head of Audio Florian Obkircher Chefin vom Dienst Marion Lukas-Wildmann Managing Editor Ulrich Corazza Publishing Management Ivona Glibusic, Bernhard Schmied, Melissa Stutz Managing Director Stefan Ebner Head of Media Sales & Partnerships Lukas Scharmbacher Head of Co-Publishing Susanne Degn-Pfleger Projektmanagement Co-Publishing, B2B-Marketing & Communication Katrin Sigl (Ltg.), Katrin Dollenz, Thomas Hammerschmied, Teresa Kronreif (B2B), Eva Pech, Valentina Pierer, Stefan Portenkirchner (Communication), S ­ ophia Wahl Creative Services Verena Schörkhuber-Zöhrer (Ltg.), Sara Wonka, Tanja Zimmermann, Julia Bianca Zmek, Edith Zöchling-Marchart Commercial Management Co-Publishing Alexandra Ita Editorial Co-Publishing Raffael Fritz (Ltg.), Gundi Bittermann, Michael Hufnagl, Alexander Klein, Irene Olorode, Mariella Reithoffer, Wolfgang Wieser Executive Creative Director Markus Kietreiber Senior Manager Creative Elisabeth Kopanz Art Direction Commercial & Co-Publishing Peter Knehtl (Ltg.), Luana Baumann-Fonseca, Silvia Druml-Shams, Erwin Edtmayer, Simone Fischer, Andreea Gschwandtner, Lisa Jeschko, Araksya Manukjan, Carina Schaittenberger, Julia Schinzel, Florian Solly, Dominik Uhl, Sophie Weidinger, Stephan Zenz Head of Direct to Consumer Business Peter Schiffer Direct to Consumer Business Marija Althajm, Victoria Schwärzler, Yoldaş Yarar (Abo) Retail & Special Projects Manager Klaus Pleninger Anzeigenservice Manuela Brandstätter, Monika Spitaler Herstellung & Produktion Veronika Felder (Ltg.), Martin Brandhofer, Walter O. Sádaba, Sabine Wessig Lithografie Clemens Ragotzky (Ltg.), Claudia Heis, Nenad Isailović, Sandra Maiko Krutz, Josef Mühlbacher Finanzen Mariia Gerutska (Ltg.), Elisabeth Maier MIT Christoph Kocsisek, Michael Thaler IT Service Desk Maximilian Auerbach Operations Alice Gafitanu, Melanie Grasserbauer, Alexander Peham, Thomas Platzer, Raphaela Pucher Projektmanagement Dominik Debriacher Assistant to General Management Sandra Artacker Herausgeber & Geschäftsführer Red Bull Media House Publishing Andreas Kornhofer Verlagsanschrift Am Grünen Prater 3, A-1020 Wien Telefon +43 1 90221-0 Fax +43 1 90221-28809 Web redbulletin.com Medieninhaber, Verlag & Herausgeber Red Bull Media House GmbH, Oberst-LepperdingerStraße 11–15, A-5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU63611700 Geschäftsführer Dkfm. Dietrich Mateschitz, Dietmar Otti, Christopher Reindl, Marcus Weber

THE RED BULLETIN Österreich, ISSN 1995-8838 Länderredaktion Nina Kaltenböck Lektorat Hans Fleißner (Ltg.), Petra Hannert, Monika Hasleder, Billy Kirnbauer-Walek, Belinda Mautner, Klaus Peham, Vera Pink Publishing Management Bernhard Schmied Media Sales & Partnerships Thomas Hutterer (Markenlead), Michael Baidinger, Franz Fellner, Ines Gruber, Wolfgang Kröll, Gabriele Matijevic-Beisteiner, Alfred Vrej Minassian, Nicole Okasek-Lang, Britta Pucher, Jennifer Sabejew, Johannes Wahrmann-Schär, Ellen Wittmann-Sochor, Ute Wolker, Christian Wörndle, Sabine Zölß Sales Operations & Development Anna Schönauer (Ltg.), David Mühlbacher Abo Abopreis: 25,90 EUR, 12 Ausgaben/ Jahr, getredbulletin.com, abo@redbulletin.at Druck Quad/Graphics Europe Sp. z o. o., Pułtuska 120, 07-200 Wyszków, Polen Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz Informationen zum Medien­inhaber sind ständig und unmittelbar unter folgender Web-Adresse auffindbar: redbull.com/im/de_AT Redaktionsadresse Am Grünen Prater 3, A-1020 Wien Telefon +43 1 90221-0 Fax +43 1 90221-28809 Kontakt redaktion@at.redbulletin.com

THE RED BULLETIN Deutschland, ISSN 2079-4258 Länderredaktion Maximilian Reich Lektorat siehe entsprechenden Eintrag bei Österreich Country Project Management Nina Hahn Media Sales & Partnerships Thomas Hutterer (Markenlead), Michael Baidinger, Franz Fellner, Ines Gruber, Wolfgang Kröll, Gabriele Matijevic-Beisteiner, Alfred Vrej Minassian, Nicole Okasek-Lang, Britta Pucher, Jennifer Sabejew, Johannes Wahrmann-Schär, Ellen WittmannSochor, Ute Wolker, Christian Wörndle, Sabine Zölß

THE RED BULLETIN Frankreich, ISSN 2225-4722 Länderredaktion Pierre-Henri Camy Country Coordinator Christine Vitel Country Project Management Alexis Bulteau

THE RED BULLETIN Großbritannien, ISSN 2308-5894 Länderredaktion Ruth McLeod (Ltg.), Tom Guise Lektorat Davydd Chong Publishing Management Ollie Stretton Media Sales Mark Bishop, mark.bishop@redbull.com

THE RED BULLETIN Schweiz, ISSN 2308-5886 Länderredaktion Stefania Telesca Lektorat siehe entsprechenden Eintrag bei Österreich Country Project Management Meike Koch Media Sales & Brand Partnerships Christian Bürgi (Ltg.), christian.buergi@redbull.com Marcel Bannwart, marcel.bannwart@redbull.com Jessica Pünchera, jessica.puenchera@redbull.com Goldbach Publishing Marco Nicoli, marco.nicoli@goldbach.com

THE RED BULLETIN USA, ISSN 2308-586X Länderredaktion Peter Flax, Nora O’Donnell Lektorat Catherine Auer, David Caplan Publishing Management Branden Peters Media Sales Todd Peters, todd.peters@redbull.com Dave Szych, dave.szych@redbull.com Tanya Foster, tanya.foster@redbull.com

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