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Um Gottes Willen Frieden fรถrdern - Gewalt unterbinden

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Ein Diskussionspapier April 2018

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Foto: epd-Bild / Thomas Lohnes

Friedensnobelpreis Barack Obama ist der US-Präsident mit den meisten Kriegstagen während seiner Amtszeit (2009-2017). Unter Obama waren US-Kräfte in sieben Ländern im Einsatz: Afghanistan, Irak, Pakistan,

Somalia, Jemen, Libyen und Syrien. Drei Länder sind unter Obama hinzugekommen: Syrien, Libyen und Jemen. Nur in Afghanistan sind die US-Soldaten mit einem offiziellen UN-Mandat im Einsatz.


Um Gottes Willen: Frieden fördern Gewalt unterbinden Einsichten, Fragen und Anregungen zur Diskussion aus der Evangelisch-reformierten Kirche. Im Auftrag der Gesamtsynode vorgelegt vom Ausschuss für Friedensarbeit.

2009

Inhalt 4

träger

Diskussionspapier Thesen 1-7

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Zusammenfassende Thesen

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Methodisches

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Impressum

Obama erhielt 2009 den Friedensnobelpreis, auch aufgrund seines Versprechens, Amerikas Kriege zu beenden. Ausschuss für Friedensarbeit

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Um Gottes Willen:

Warum heute eine neue Diskussion zum kirchlichen Engagement für den Frieden nötig ist. • In den letzten Jahren haben sich auch in Europa Tendenzen der Friedlosigkeit verstärkt. Das Zusammenleben von Gruppen, Staaten und Völkern ist in vielfältiger Weise gestört und bedroht: Populistische und fremdenfeindliche Bewegungen haben Zulauf. Verächtliche und hasserfüllte Äußerungen belasten das politische Klima in den sogenannten „sozialen Medien“, aber auch auf den Straßen und Plätzen unserer Städte. Foto: epd-Bild / Matthias Schumann

• Auswirkungen der Kriege im Nahen und Mittleren Osten, auf dem Balkan, in der UkraiDresden 2017 Mehrere tausend Anhänger der selbsternannten „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) versammeln sich im Oktober 2017 auf dem Theaterplatz in Dresden, um ihren dritten Jahrestag zu begehen.

ne, in Afghanistan und Ländern Nordafrikas sind auch in Westeuropa zu spüren, vor allem in Gestalt der Flüchtlinge, die zu uns kommen. Zwischen Russland und der NATO droht ein neuer „Kalter Krieg“ – von den militärischen Verwicklungen beider Mächte im Nahen Osten ganz abgesehen. Schließlich hat der islamistische Terrorismus Europa erreicht und beeinflusst das gesellschaftliche Klima. • Wo der Weg zwischenstaatlicher Verhandlungen verlassen wird und an seine Stelle Demagogie, Demonstrationen der Macht und das Drohen mit Gewalt treten, werden zivile Reaktionsweisen umso wichtiger: Prävention, Diplomatie, die beharrliche Suche nach einem friedlichen Ausgleich der Interessen. • Viele in unserer Kirche erinnern sich noch lebhaft an die Friedensdiskussion Anfang der 1980er Jahre und an das „Nein ohne jedes Ja“ zu der Androhung und Anwendung atomarer, biologischer und chemischer Massenvernichtungswaffen. Der Reformierte Bund erklärte damals den „status confessionis“, also die im christlichen Glauben begründete Unbedingtheit dieser Ablehnung. Diese Entscheidung bekommt angesichts aktueller Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen, dem Drängen weiterer Länder nach nuklearer Bewaffnung und dem wiederholten Einsatz von Giftgas im Irak und in Syrien heute eine neue Dringlichkeit. Zugleich wird deutlich, wie sehr sich gegenüber dem Zeitalter der Ost-

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Frieden fördern - Gewalt unterbinden

Foto: epd-bild / Norbert Neetz

Foto: epd-bild / Rolf Zöllner

West-Konfrontation die politische Situation Deutschlands zu Beginn des 21. Jahrhunderts verändert hat. Die neue kirchliche Diskussion über Krieg und Frieden betrifft also politische Fragen und ist sich dessen bewusst. Sie sucht aber – wie 1982 - eine ausdrücklich theologische Perspektive, um auch in diesen Fragen den „Zuspruch und Anspruch“ Gottes auf unser ganzes Leben (vgl. Barmen II) deutlich zu machen.

Kirchentag Hannover 1983 Bei der Friedensdemonstration während des 20. Deutschen Evangelischen Kirchentages 1983 verwandelt sich Hannover in ein Meer von lila Tüchern. Mit diesen Tüchern protestieren die Teilnehmer gegen Massenvernichtungswaffen.

• Ein maßgeblicher Orientierungsrahmen für die gegenwärtige kirchliche Diskussion ist die Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahr 2007: „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“. Auf diese Denkschrift greift auch das vorliegende Papier aus der reformierten Kirche dankbar zurück, wohl wissend, dass sich die internationalen Entwicklungen seit dem Jahr 2007 vielfach verschärft haben und die Orientierungen der Friedensdenkschrift sich auch vor dem Hintergrund neuer Herausforderungen bewähren müssen.

Friedenstaube an der Berliner Mauer Diese Friedenstaube ist in der „East Side Gallery“ zu sehen, ein nach der Wende bemaltes Stück der Berliner Mauer in Friedrichshain-Kreuzberg. Im Frühjahr 1990 haben hier Künstler aus aller Welt einen Abschnitt der Hinterlandmauer an der Spree mit Bildern bemalt.

• Die Gesamtsynode der Evangelisch-reformierten Kirche hat im November 2016 stellvertretend für die Gemeinden eine Vorform dieser Überlegungen intensiv diskutiert. Anregungen aus dieser Diskussion sind in die hier vorgelegte überarbeitete Fassung des Papiers aufgenommen.

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Um Gottes Willen:

Anliegen und Ziel dieses Diskussionspapiers • Der Ausschuss Frieden wünscht sich als Leser, Mitdenkende und Mitdiskutierende in diesen Fragen alle Interessierten in unseren Gemeinden und darüber hinaus. Die Ausführungen richten sich also nicht zuerst an theologische oder politische Fachleute – auch wenn sie sich sachlich auf der Höhe der Fachdiskussionen bewegen möchten. • Unsere synodale und gemeindliche Diskussion über den Frieden findet im öffentlichen Raum statt, nicht exklusiv in der Kirche. Wir hoffen, eine im christlichen Glauben begründete Orientierung im Denken wie im persönlichen und politischen Handeln zu erlangen. • Ziel dieser Diskussion ist eine Verständigung und Vergewisserung darin, wie unsere Kirche, unsere Gemeinden und ihre Glieder den Frieden Gottes bezeugen und den Frieden unter den Menschen fördern können. Manche auch unter uns noch strittige Fragen werden offen benannt. Nicht überall ist uns ein „Nein ohne jedes Ja“ möglich. Das wollen wir dann aber auch nicht hinter einer Kompromissformel verstecken. Lieber lassen wir als Frage stehen, was wir heute noch nicht einhellig beantworten können. • Damit verbunden ist ein seelsorgliches Anliegen: Was stärkt uns als Christen in unserem Christuszeugnis? Was hilft uns, verwurzelt im Gottvertrauen das Notwendige zu sagen und zu tun? Was schützt uns vor affektgesteuerten, von der Lust am Skandal, von der Wut oder von der Angst beherrschten politischen oder persönlichen Optionen?

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1. „Friede auf Erden“ (Lukas 2,14) Frieden als Gottes Gabe und Gebot Die Kirche verkündet den Frieden Gottes allen Menschen mit ihrem Wort und in ihrem Tun und Lassen – oder sie hört auf, Kirche Jesu Christi zu sein. Die Kirche muss eindeutig sagen: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ (ÖRK, Amsterdam 1948)

1.1 Gott „durchkreuzt“ mit dem Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi die Mechanismen irdischer Herrschaft und Unterdrückung. Unendlich barmherzig und sanftmütig unterläuft Gott die Todesspirale von Gewalt und Gegengewalt. Die Kirche erinnert daran: „Gott hat uns dazu erschaffen, friedlich miteinander zu leben.“ (Johannes Calvin in seiner Auslegung des sechsten Gebotes). So ist es nicht ins Belieben der Kirche gestellt, ob sie für den Frieden eintritt oder nicht. Weil sie sich dem Friedenstiften Gottes in Jesus Christus verdankt, hat sie keine Wahl: Die Kirche verkündet den Frieden Gottes mit ihrem Wort, mit ihrem Verhalten und in ihrem Tun und Lassen allen Menschen - oder sie hört auf, Kirche Jesu Christi zu sein. Kraftvoll, aber gewaltfrei tritt die Kirche für den Frieden ein und hat so teil an der gewaltfreien Bewegung Gottes zu den Menschen und also an jener Kraft,

Johannes Calvin (1509-1564)

die „in den Schwachen mächtig“ ist (2. Kor 12,9). 1.2 Krieg gutzuheißen, ist in der Nachfolge Jesu Christi nicht möglich. Die tötende Gewalt des Krieges ist Ausdruck einer kollektiven Überheblichkeit gegenüber der Bestimmung des Menschen als Geschöpf Gottes. Krieg zielt auf die Auslöschung des Lebens von Menschenbrüdern und –schwestern und maßt sich so die Herrschaft über Leben und Tod an. Es bleibt dabei, was die Ökumenische Weltversammlung von Amsterdam 1948 sagte: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Unsere Stimme als Christen und als Kirche muss hier eindeutig sein. Krieg ist nie als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ zu verstehen, sondern als deren Zusammenbruch. Ausschuss für Friedensarbeit

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Um Gottes Willen:

1.3 In der Nachfolge dessen, der Kreuz und Tod auf sich nahm, finden sich Christen in der „noch nicht erlösten Welt“ (Barmer Theologische Erklärung, These V) an der Seite der Opfer wieder. Die Kirche gibt den Opfern von Krieg, Folter, Terror und Gewalt Gesicht und Stimme: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind“ (Sprüche 31,8). Deshalb muss die Kirche auch die Frage stellen: „Was können wir tun, dass nicht immer noch mehr Menschen zu Opfern der Gewalt werden?“ 1.4 Die Seligpreisung der Friedensstifter (Matthäus 5,9) und das darin enthaltene Gebot, den Frieden zu fördern, ist von uns immer wieder neu zu hören und zu buchstabieren. Gott selber hat sich in Jesus Christus endgültig als der Friedensstifter für alle Völker gezeigt. Das schafft Ermutigung, Orientierung und eine unbeugsame Hoffnung dafür, überall Wege des Friedens zu suchen und zu gehen.

Foto: epd-bild / Bernd Rieche

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Nermin K. blickt von der einstigen Bergstation der olympischen Rodelbahn auf Sarajevo. Während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 belagerten von dort aus die bosnischen Serben unter Radovan Karadzic die Stadt. Der damals 19-jährige Nermin wurde bei Kriegsausbruch in eine Uniform gesteckt und sollte auf muslimischer Seite die Stadt verteidigen. Später bemühte er sich um Frieden zwischen muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten. Er beteiligt sich am Programm des „Zentrums für gewaltfreie Aktion“ CNA in Sarajevo. Unterstützt wird das Programm vom Zivilen Friedensdienst (ZFD) in Bonn. Der ZFD ist ein Programm für Gewaltprävention und Friedensförderung in Krisen- und Konfliktregionen. Er setzt sich für eine Welt ein, in der Konflikte ohne Gewalt geregelt werden. Neun deutsche Friedens- und Entwicklungsorganisationen führen den ZFD gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen durch. Mehr unter: www.ziviler-friedensdienst.org


Frieden fördern - Gewalt unterbinden

2. „Frieden wird die Frucht der Gerechtigkeit sein“

(Jesaja 32,17)

GOTTES SCHALOM: FRIEDEN, GERECHTIGKEIT UND EINE GEHEILTE SCHÖPFUNG „Die Völker der Welt müssen sich zu einer Herrschaft des Rechts bekennen.“ (ÖRK, Amsterdam 1948) Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Die Evangelische Kirche entfaltet das Leitbild des „gerechten Friedens“. Die Kirche erinnert alle Menschen und besonders die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft an Gottes Zusage des “Schalom“. Sie tritt dafür ein, dass Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung als Ziele das konkrete politische Handeln durchdringen.

2.1 Ein weiterer Satz der Ökumenischen Weltversammlung von Amsterdam 1948 soll in Erinnerung gebracht werden: „Die Völker der Welt müssen sich zu der Herrschaft des Rechts bekennen.“ Auch diese politische Forderung eines allgemein geltenden Völkerrechts ist im Evangelium begründet. Der Zusammenklang der beiden ökumenischen Grundsätze von Amsterdam weist darauf hin, dass ein biblisch-theologisches Verständnis vom Frieden viel mehr umfasst als die Abwesenheit des Krieges und ein Schweigen der Waffen. „Schalom“ als Gabe Gottes und Verheißung für die ganze Schöpfung umfasst Frieden und Gerechtigkeit, Freiheit und Geborgenheit, die Selbsterkenntnis des Menschen und die Wahrheit Gottes, schließlich die Heilung der verletzten Kreatur und Gottes Sieg über Sünde und Tod. In den weiten Horizont dieses Gottesfriedens werden alle Menschen hineingestellt. Christen sind dazu berufen, innerhalb der Grenzen ihres irdischen Lebens Gottes

!! Menschenrechte, Gerechtigkeit, Schöpfungsbewahrung, Freiheit, ...

ewigen Schalom mit Wort und Tat zu bezeugen.

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Um Gottes Willen:

2.2 Wir leben „jenseits von Eden“. Unsere Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit und einer heilen Schöpfung bleibt vielfach unerfüllt. In unserem Leben und Zusammenleben tritt auseinander, was im „Schalom“ Gottes zusammengehört. Frieden wird oft auf Kosten der Wahrheit erstrebt. Und der Hunger nach Gerechtigkeit führt häufig dazu, einen falschen Frieden aufzukündigen. Unsere selbstgeschaffenen „Paradiese“ sind allzu oft damit bezahlt, dass andere die Hölle auf Erden erleben müssen. Der „Frieden“ wird in vielen Ländern dadurch gesichert, dass autoritäre oder diktatorische Systeme Menschen an der Wahrnehmung ihrer Rechte hindern. 2.3 Das Leitbild des „gerechten Friedens“, wie es die EKD-Denkschrift eindrücklich entfaltet, zeigt sich in der Wirklichkeit unseres Lebens als ein in sich höchst spannungsvolles Ziel. Dass „Gerechtigkeit und Frieden einander küssen“ (Psalm 85,11) ist eine biblische Zusage, deren Erfüllung weithin noch aussteht. Leidenschaftlich streckt sich das Psalmgebet deshalb dem Kommen Gottes entgegen. Auch in diesem Psalm kommt die biblische Erkenntnis zum Ausdruck, dass die irdische Gerechtigkeit angewiesen ist auf die Himmelsgabe des Schalom, und dass Gottes Gnade Menschen dahin leitet, unermüdlich die Wege des Friedens auf Erden zu suchen und zu gehen.

Demonstration in Berlin Etwa 1.000 Menschen demonstrieren 2015 in Berlin für friedliche Konfliktlösungen und gegen den Einsatz von Kampfdrohnen. Zu dem Aufzug durch das Berliner Regierungsviertel hatten verschiedene Gruppen der Friedensbewegung anlässlich des Kriegsendes vor 70 Jahren aufgerufen.

Foto: epd-bild / Rolf Zoellner

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2.4 Das extreme Gefälle zwischen Reichtum und Armut in dieser Welt, abzulesen z.B. an der durchschnittlichen Lebenserwartung der Bevölkerung in Europa gegenüber den Ländern Afrikas, ist ein Skandal, zu dem die Kirche nicht schweigen darf. Die sprunghaft gestiegene Zahl von Menschen, die in Europa und insbesondere in unserem wohlhabenden Land Zuflucht suchen vor Krieg, Gewalt und Not, hat uns aus unserer vermeintlichen Sicherheit aufgeschreckt. Wir erkennen, dass der Frieden und der Wohlstand der einen nicht auf Kosten der anderen erhalten werden können.

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Um Gottes Willen:

2.5 Auch die rücksichtslose Ausbeutung und Verschwendung der natürlichen Ressourcen dieser Erde belastet das friedliche Zusammenleben. Unsere Verlegenheit als Bewohner des reichen Nordens der Erdkugel ist: Wir profitieren selbst von dem globalen Handel und Wandel, dessen Ungerechtigkeiten wir ablehnen. Viele unter uns haben es sich komfortabel eingerichtet in einem Wohlstand, der einer großen Mehrheit aller Menschen als unfassbarer Luxus erscheinen muss. Wir rufen empört: „Kein Krieg für Öl!“ Aber die Autoindustrie, der Individualverkehr und der Straßenbau, aber auch die Tourismusindustrie mit ihren Flugreisen und Kreuzfahrten – um nur einige große „Ölfresser“ unserer Wirtschaft zu nennen – gehören zu den kaum hinterfragten Ansprüchen unseres alltäglichen Lebens. Wie kann unter diesen Umständen unser Ruf nach Frieden und Gerechtigkeit glaubwürdig werden?

Foto: epd-bild

Ecuador hat 2016 mit der Ölförderung im Yasuni-Nationalpark im Amazonasgebiet begonnen. Ein Versuch Ecuadors, gegen Entschädigungszahlungen auf die Ausbeutung zu verzichten, schlug fehl. Täglich werden nun im Yasuni-Urwald rund 23.000 Fass Öl gefördert. Zu Beginn fanden die Bohrungen außerhalb der Nationalparkgrenzen statt, aber schon bald sollte sich das ändern - mit katastrophalen Auswirkungen auf das sensible und einmalige Ökosystem, wie Experten meinen.

2.6 Die Milliarden an Geld, die für die Entwicklung von neuen Waffensystemen ausgegeben werden, stehen in keinem Verhältnis zu den vergleichsweise geringen öffentlichen Mitteln, die für die wissenschaftliche Erforschung von Kriegsursachen und die Förderung ziviler Programme der Prävention, der Mediation und der Beteiligung an Prozessen der Versöhnung zur Verfügung stehen. Aufwand, Kosten und Nebenwirkungen von Militäreinsätzen sind im Blick auf ihre tatsächlichen Wirkungen kritisch zu evaluieren – genauso wie dies bei Projekten der Entwicklungshilfe üblich (und ebenfalls nötig) ist.

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Frieden fördern - Gewalt unterbinden

Immer wieder gibt es Demonstrationen gegen Rüstungsexporte. 2014 demonstriert die Berliner Initiative „Legt den Leo an die Kette“ am Bebelplatz in Berlin mit kleinen Papppanzern gegen Rüstungsexporte nach Saudi Arabien.

Foto: epd-bild / Rolf Zoellner

2.7 Die Kirche erinnert alle Menschen und besonders die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft an Gottes Zusage des Friedens und der Gerechtigkeit. Sie tritt politisch dafür ein, dass Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung als Leitbegriffe auch das konkrete staatliche Handeln durchdringen. Insbesondere der Vorrang ziviler und deeskalierender Maßnahmen vor der Drohung mit und der Anwendung von Gewalt muss politisch wirksam werden. Dazu gehören alle Möglichkeiten gewaltfreier Konfliktbearbeitung durch staatliche Programme und nichtstaatliche Organisationen. Auf diesem Feld liegen auch die eigentlichen Handlungsmöglichkeiten der Kirche: Neben dem ökumenischen Austausch und der Partnerschaftsarbeit sind das die weltweiten Programme der Diakonie, der Flüchtlingsund Katastrophenhilfe, wie auch die nachhaltigen Programme der zivilen Entwicklungshilfe. Die Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe, Cornelia Füllkrug-Weitzel, besucht 2016 einen Computerkurs im jesidischen Flüchtlingslager „Fidanlik“ bei Diyarbakir im Südosten der Türkei. Die Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe „Support to Life“ leistet im Flüchtlingslager „Fidanlik“ die psychosoziale Betreuung der jesidischen Flüchtlingsfamilien. Dazu gehören unter anderem Kindergruppen, sowie Computer- und Kunstkurse. Jesiden werden von der türkischen Regierung als Flüchtlinge nicht anerkannt. In einem von der kurdischen Lokalregierung bei Diyarbakir errichteten Lager haben rund 1.300 Angehörige der Minderheit aus dem Irak eine notdürftige Bleibe gefunden.

Foto: Christoph Pueschner / Diakonie Katastrophenhilfe

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3. „Sie sagen ‚Friede! Friede!‘, und ist doch nicht Friede.“ (Jeremia 6,14) DIE WIRKLICHKEIT DER KRIEGE Gewalt, Kriege und Bürgerkriege sind in vielen Ländern Realität. Gerade heute muss das Zeugnis der Reformierten in Deutschland von 1982 zu einem „Nein ohne jedes Ja“ zu den Massenvernichtungswaffen nachdrücklich wiederholt werden. Der Handel mit Waffen ist einzudämmen. Aufgabe der Kirche ist es, die Praxis aktiver Gewaltfreiheit zu lernen und zu lehren. Dies darf nicht zu einer Geringschätzung gegenüber jenen führen, die sich an der staatlichen Aufgabe beteiligen, Frieden und Recht durch „Androhung und Ausübung von Gewalt“ (Barmen V) zu erhalten. Christen sind auf beiden Seiten gefordert, Frieden zu stiften.

3.1 Die Kirche muss sich der Tatsache stellen: In vielen Ländern der Erde herrschen gegenwärtig Gewalt, Krieg und Bürgerkrieg. Bilder und Nachrichten vieler dieser Konflikte können wir in „Echtzeit“ rund um den Globus verfolgen. Andere Foto: epd-Bild / Klaus Petrus

Hundertausende Nuer mussten bisher vor den Rebellen und der Regierung aus dem Südsudan nach Uganda fliehen (Foto vom 16.10.2017). Seit vier Jahren führen im Südsudan die Armee und immer mehr Rebellengruppen Krieg und hetzen Volksgruppen gegeneinander auf. Für den Frieden engagieren sich immer häufiger die, die vor den Kämpfen geflohen sind: Flüchtlinge im Norden Ugandas.

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Konflikte werden außerhalb unserer medialen Wahrnehmung ausgetragen. So wurde der verheerende und von außen geschürte Bürgerkrieg in Syrien über Jahre hinweg bei uns kaum beachtet. Erst die steigende Zahl der Flüchtlinge, die nach Europa drängten, machte ein weiteres Wegsehen


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unmöglich. Die Übergänge von Bürgerkriegen, Stellvertreterkriegen und Kriegen zwischen Staaten sind gefährlich fließend. Gerade staatlich nicht legitimierte Truppen schüren Konflikte, missbrauchen Religionen, säen Hass und streben nach einer Ausweitung ihrer militärischen und ideologischen Vorherrschaft. Die Gewaltexzesse terroristischer Organisationen und die unerklärten Kriege nichtstaatlicher Akteure erfordern neues Nachdenken über ein wirksames präventives und eindämmendes Handeln. Denn die herkömmlichen Reaktionsweisen militärischer Interventionen haben sich vielfach als untauglich oder gar kontraproduktiv zur Wiederherstellung des Friedens erwiesen. 3.2 Die Bibel ist realistisch: Die Urgeschichte des Menschen unter den Bedingungen der „Welt der Sünde“ erzählt gleich zu Beginn vom Brudermord des Kain an Abel. Frieden ist nicht der natürliche Zustand dieser Welt. Gott selbst jedoch unternimmt nach dem Zeugnis der Bibel immer neue Initiativen, um den Teufelskreis von Gewalt und Rache zu durchbrechen: Seine „Interventionen der Gnade“ zielen auf eine Unterbrechung der Eskalation. Denn: „Einer muss anfangen, aufzuhören.“ Gottes Gnade durchbricht das „Naturgesetz“ des Krieges, den die Menschen gegeneinander führen. So wird Kains Leben geschützt, ohne dass über seine Untat Gras wachsen darf. Diese Logik der göttlichen Intervention gegen die Gewalt zwischen den Menschen findet sich schon in vielen Zeugnissen des Alten Testaments. Kreuz und Auferstehung Jesu Christi besiegeln für uns Christen die Gegengeschichte Gottes zur gewalttätigen Urgeschichte der Menschheit „nach dem Fall“. Die Christusbotschaft des Evangeliums lehrt uns, dass Gott uns „den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus“ (1. Kor. 15,57), einen Sieg über alle lebensfeindlichen Mächte, der nicht mit Waffengewalt errungen werden kann. Kain und Abel von Gioacchino Assereto, erstellt zwischen 1640 und 1650.

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Um Gottes Willen:

60 Jahre 2. Weltkrieg Teilnehmer einer Lichterkette erinnern 2005 vor dem Brandenburger Tor in Berlin an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 60 Jahren. Zu der Aktion hatten Kirchen, die Jüdische Gemeinde, Gewerkschaften und Parteien aufgerufen. Mit ihr sollte der Welt ein Zeichen gegeben werden, dass von Berlin und Deutschland „nie wieder Krieg, Rechtsradikalismus und Rassismus“ ausgehen darf.

3.3 Europa steht bis heute im Schatten zweier Weltkriege, von denen der erste von Deutschland mitverschuldet und der zweite von Deutschland ausgegangen ist – und in verheerender Weise auf Deutschland zurückschlug. Diese Erfahrungen lehFoto: epd-bild / Andreas Schoelzel

ren: „Nie wieder Krieg!“ Von dort her rührt die heutige grundsätzliche Ablehnung des

Militärischen bei einer Mehrheit der Bürger unseres Landes. Als Deutsche sind wir traumatisiert von der doppelten Katastrophe, in die Militarismus und Nationalismus unser Volk im 20. Jahrhundert gestürzt und andere Völker mit hineingerissen haben. Die Schuld der Angehörigen der Kriegsgeneration liegt wie ein Schatten über unserem Volk. Sie musste im doppelten Sinne „bekannt“ und benannt werden. 3.4 Zur politischen Reifung unseres Lan-

Aktion Sühnezeichen Sommercamp der Aktion Sühnezeichen in der KZ-Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen bei Osnabrück. Freiwillige Jugendliche aus Polen, Weißrussland, Deutschland und Spanien legen 2017 Ruinen ehemaliger Gebäude der NS-Gedenkstätte frei. Seit 60 Jahren engagieren sich Menschen aller Altersgruppen in Ländern, die unter dem NaziTerror besonders gelitten haben. Unterstützt wird der Verein unter anderem von der EU, sowie von Bundesministerien und Institutionen der evangelischen Kirche.

des nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte auch die bußfertige Begegnung mit den Völkern, die unter Vernichtungskrieg und Völkermord am stärksten zu leiden hatten: Polen, Russland, insbesondere aber die Überlebenden des Holocaust. Mit Respekt haben wir dabei wahrzunehmen, dass z.B. der Staat Israel aus den Erfahrungen von Krieg und Völkermord eine andere Lehre gezogen hat: „Nie wieder Opfer sein!“ Es Foto: epd-bild / Uwe Lewandowski

scheint, dass beide aus traumatischen Erfahrungen abgeleitete moralischen Impera-

tive allein nicht ausreichen, um in der Gegenwart zu friedensfördernden politischen Optionen zu gelangen. Die Freiwilligendienste der „Aktion Sühnezeichen“ verknüpfen hier die Verantwortung gegenüber den Opfern des von Deutschland verübten Völkermordens mit 16

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dem Einsatz für zivile und präventive Dialog- und Versöhnungsprojekte. Konkrete Friedensarbeit zu fördern, das ist – in Zusammenarbeit mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen – Sache der Kirche. 3.5 Die Reformierten in Deutschland haben im Jahr 1982 ein „Nein ohne jedes Ja!“ gegen die Drohung mit und die Anwendung von atomaren, chemischen und biologischen Mas-

Das waren noch Zeiten!

senvernichtungswaffen gesprochen („Das Bekenntnis zu Jesus Christus und die Friedensverantwortung der Kirche“). Dieses „Nein ohne jedes Ja“ ist auch heute noch, bald 35 Jahre später, von bestürzender Aktualität. In den Kriegen im Nahen und Mittleren Osten sind immer wieder Chemiewaffen eingesetzt worden, in diesen Jahren wiederholt in Syrien. Die Atomwaffenarsenale der NATO und Russlands sind – entgegen allen Erklärungen der 90er Jahre – nur zum Teil abgebaut worden. Es lagern auch auf deutschem Boden Atomwaffen. Angekündigt sind auf beiden Seiten weitere atomare Nachrüstungsrunden, eine „Modernisierung der Waffen“ wird gefordert. Sie verschlingt Unsummen und trägt zur wachsenden Instabilität der internationalen Beziehungen bei. Die Kirche muss sich weiterhin für die Ächtung von Massenvernichtungswaffen und für ihren kontrollierten Abbau einsetzen. Sie muss auch heute der irrationalen und hochriskanten Dynamik einer gegenseitig angedrohten Vernichtung widerstehen. Kirchentag Hannover 1983 Friedensdemonstration während des Evangelischen Kirchentages in Hannover im Juni 1983. Das Thema des 20. Deutschen Evangelischen Kirchentages lautete „Umkehr zum Leben“. Unter dem Motto „ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen“ haben zahlreiche Gruppen zu der Demonstration mit den lila Tüchern – als Zeichen der Buße – aufgerufen.

Foto: epd-bild / Norbert Neetz

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Um Gottes Willen:

3.6 In den Nahen und Mittleren Osten werden in ungeheurer Zahl vor allem Kleinwaffen importiert; bereits Kinder werden in ihrem Gebrauch trainiert. Die wachsende Nachfrage

Ein Skandal!

ist durch den internationalen Waffenhandel offenbar leicht zu decken. Deutschland gehört zu den großen Waffenexporteuren der Welt und liefert vielfach auch das Know-how für Waffenproduktion. Größere Waffenexporte unterliegen in unsrem Land staatlicher Kontrolle. Aber entgegen den Grundsätzen gehen deutsche Waffenexporte auch in Krisen- und Kriegsgebiete und an Staaten, in denen die Menschenrechte von Seiten der Regierungen systematisch verletzt werden. Neben den wirtschaftlichen spielen dabei auch politische Interessen unseres Landes eine Rolle. Die Risiken der Waffenlieferungen müssen offengelegt werden. Die Beteiligung deutscher Firmen am Waffenhandel muss verstärkt in Frage gestellt werden. Stattdessen muss unser Land alle internationalen Bemühungen unterstützen, die Waffenlieferungen und die technologische Hilfe zur Waffenproduktion zu kontrollieren und einzudämmen. Red-Hand-Day Schüler der 5. Klasse des Andreas-Gymnasiums in Berlin demonstrieren 2014 zusammen mit dem ehemaligen Kindersoldaten Michael Davies (l.) aus Sierra Leone zum „Red Hand Day“ am 12. Februar vor dem Reichstag in Berlin. Michael Davies war Kindersoldat im westafrikanischen Sierra Leone. Heute lebt er in Bremen. Menschenrechtsorganisationen hatten anlässlich des internationalen Tages gegen den Einsatz von Kindersoldaten, dem „Red Hand Day“, die deutschen Rüstungsexporte scharf kritisiert. Die deutschen Waffenexporte seien außer Kontrolle, erklärte das Deutsche Bündnis Kindersoldaten, ein Zusammenschluss von zwölf Nichtregierungsorganisationen. Dem Bündnis gehören unter anderem UNICEF, terre des hommes, der Lutherische Weltbund, die Kindernothilfe und Amnesty International an. Schätzungsweise 250.000 Kinder werden weltweit als Soldaten missbraucht. Sie müssen töten, plündern und rauben wie die Erwachsenen. Foto: epd-bild / Rolf Zöllner

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3.7 Hoffnung machen gewaltfreie Bewegungen, wie sie – unter maßgeblicher Mitwirkung von Christen und Kirchen – 1989 die DDR und andere Ostblock-Regime wie in

Und die Kirche war dabei!

Polen und den baltischen Ländern zusammenbrechen ließen. Den demokratischen Errungenschaften dieser Bewegungen sind wir in Europa politisch verpflichtet. Auch in jüngerer Zeit haben solche Bewegungen für Veränderungen gesorgt, z.B. in zahlreichen arabischen Staaten – leider nicht überall mit einem friedlichen Ausgang. Es gibt keine Garantie für den Erfolg friedlicher und menschenrechtsorientierter Proteste. Aber diese fordern unsere uneingeschränkte Solidarität. Historische Beispiele sind der gewaltfreie Kampf Indiens um Unabhängigkeit (Ma-

Leipzig 1989 Absperrung durch die Volkspolizei am Karl-Marx-Platz

hatma Gandhi), die Emanzipationsbewegung der Schwarzen in den USA (Martin Luther King jr.) oder der Widerstand in der Tschechoslowakei gegen die Okkupation durch Truppen des Warschauer Pakts. Solche Bewegungen sollen im Raum der Kirche als leuchtende Beispiele in Ehren Foto: Marco Lakumy

gehalten und unterstützt werden.

3.8 Christen sollen die bewährten Möglichkeiten der zivilen Konfliktbearbeitung im friedenspädagogischen Training und in der politischen Diskussion aktiv unterstützen. Die Praxis aktiver Gewaltfreiheit zu lernen und zu lehren ist eine Aufgabe der Kirche. Sie ist gegenüber gewaltsamen Eingriffen das „deutlichere Zeichen“ für das von Jesus Christus gebotene Friedenstiften. Eine Waffe in die Hand zu nehmen ist und bleibt begründungspflichtig. Diese Einsicht darf aber nicht zur Geringschätzung gegenüber jenen führen, die sich an der staatlichen Aufgabe beteiligen, Frieden und Recht durch „Androhung und Ausübung von Gewalt“ (Barmer Theologische Erklärung, These V) zu erhalten. Wechselseitiger Respekt ist gefordert. Unter der Perspektive des „Just policing“, eines am Maßstab der Gewaltminimierung orientierten polizeilichen und militärischen Handelns, können kirchlichzivile und staatlich-exekutive Aufgaben einander auch entsprechen. Auf der einen wie auf der anderen Seite sind Christen gefordert, Frieden stiftend tätig zu sein. Ausschuss für Friedensarbeit

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Um Gottes Willen:

4. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ (Römer 12,21) WIE WIR DEM TERRORISMUS ENTGEGENTRETEN Die Bibel nimmt die Realität des Bösen ernst und übt keine Toleranz ihm gegenüber. Überwunden werden soll das Böse mit Gutem. Weder die Anwendung von Gewalt, noch ein vermeintlich friedfertiger Rückzug stiften Frieden. Deshalb ist in der Kirche das offene Gespräch gefordert, ein versöhnlicher Streit zwischen denen, die jedem Waffengebrauch abschwören, und denen, die eine „Not-Wendigkeit“ von Waffengewalt gelten lassen.

4.1 Die Bibel ist nüchtern. Sie weiß um die Existenz des Bösen. Sie erinnert daran: Das Böse keimt nicht nur bei den anderen, sondern auch bei uns selbst. Darum gehen die kritischen und zur Buße rufenden Apelle, die Macht des Bösen zu überwinden, zuerst an uns selber. Gustav Heinemann hat daran erinnert: „Wer mit dem Finger auf andere zeigt, muss daran denken, dass dabei drei Finger immer auf ihn selber zurückweisen.“ 4.2 Die Bibel lehrt keine Toleranz gegenFoto: epd-bild / Keystone

Gustav Heinemann leitete von 1949 bis 1955 als Präses die EKD-Synode. Der rheinischen Kirchenleitung gehörte er von 1945 bis 1962, dem Rat der EKD bis 1961 an. 1969 wurde er zum Bundespräsidenten gewählt.

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über dem Bösen. Das Böse darf niemals das letzte Wort behalten. Denn das letzte Wort hat Gott. Wer versucht, das Böse


Frieden fördern - Gewalt unterbinden

„auszuradieren“, stachelt unvermeidlich Böses an. Die vergeblichen Anläufe, beispielsweise im Irak, in Afghanistan oder in Libyen, den Terrorismus mit militärischen Mitteln zu besiegen, haben keinen Frieden geschaffen. Vielfach sind Hass und Krieg verstärkt aufgelodert. Der 10-jährige Mohammed wird auf seiner Flucht aus der umkämpften Altstadt von Mossul (Irak), der letzten Bastion des IS, im Westteil der Stadt verletzt, verliert auf der Flucht seine Familie und ist nun allein an einem Sammelpunkt der irakischen Armee angekommen (Foto vom 03.07.17).

Foto: epd-bild / Sebastian Backhaus

4.3 Dem setzen Christen – neben allen notwendigen präventiven und polizeilichen Maßnahmen – eine unerschütterliche Hoffnung entgegen: Es ist Gottes Verheißung, dass am Ende das Böse unterliegt. Eine Chance zum Überleben hat die Menschheit – und jede Gruppe – nur dann, wenn sie sich darauf besinnt, wie wir solidarisch miteinander leben und überleben können. Im Gegeneinander werden wir miteinander untergehen. Wir setzen auf das Leben – auch auf das Leben und Überleben der anderen. In dieser Zuversicht treffen sich christlicher Glaube und politische Vernunft. Die erste große Katastrophe des 20. Jahrhunderts erlebte Bertha von Suttner (1843-1914) nicht mehr. Kurz bevor der Erste Weltkrieg begann, starb sie in Wien. Hinter ihr lag ein bewegtes Leben als erfolgreiche Schriftstellerin, Journalistin und Friedensaktivistin. Unermüdlich hat die österreichische Pazifistin vor der Zerstörungskraft moderner Waffentechnik gewarnt und sich für Frieden und Verständigung zwischen den Völkern eingesetzt. Als erste Frau erhielt sie 1905 den Friedensnobelpreis. Ihr 1889 erschienener Antikriegsroman „Die Waffen nieder!“ machte Bertha von Suttner weltberühmt.

Foto: epd-bild / akg-images GmbH

Ausschuss für Friedensarbeit

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Um Gottes Willen:

4.4 Wir dürfen nicht annehmen, dass Frieden bereits durch die friedfertige Haltung einer Seite herbeizuführen wäre. Nicht alle Gesellschaften dieser Welt haben in gleicher Weise das Ideal eines zivilen und friedlichen Zusammenlebens der Verschiedenen miteinander ausgebildet. In einer Welt globaler Wechselwirkungen begegnen wir auch Kulturen, in denen aggressives Verhalten, Heroismus und die Bereitschaft zum „Märtyrertod“ kultiviert werden und auf breite Zustimmung stoßen. Auch die sogenannte westliche Zivilisation ist nicht davor geschützt, dass der Kult um (zumeist männliche) Stärke, Gewalt und Menschenverachtung immer wieder einmal Oberhand gewinnt. Im Angesicht aufgepeitschten Hasses

Ach ja! Und wie?

sind die Tugenden der Geduld, der Weisheit und des aufrechten Gangs erst recht gefragt. 4.5 Christen sind einer Welt, die von Revanchegelüsten bedroht ist, das Zeugnis einer politischen Haltung schuldig, die über den Tag hinaus denkt und über den eskalierenden Gegensätzen übergeordnete gemeinsame Interessen im Blick behält. Wir leben auch als Kirche in der „unerlösten Welt“. Aber wir geben in dieser Welt Zeugnis von Gottes Gerechtigkeit und Frieden. Wenn wir die Realität der zerstörerischen Gewalt ignorieren, lassen wir die Opfer von Gewalt, Krieg und Terror im Stich. Wenn wir uns aber von Krieg und Terror bannen lassen, verlieren wir die Perspektive Gottes für diese Welt aus dem Blick. 4.6 Darum ist das Zeugnis der Friedenskirchen und des prinzipiellen Pazifismus innerhalb und außerhalb unserer Kirche eine bleibende Infragestellung gewaltförmiger Konzepte gesellschaftlicher und politischer Ordnung. Es gab und gibt Christen, die der Gewalt prinzipiell pazifistisch und unbedingt gewaltfrei begegnen - bis hin zu der persönlichen Bereitschaft, dafür auch Nachteile, Gefängnis und unter Umständen sogar den Tod auf sich zu nehmen. Die Kirche muss das pazifistische Zeugnis ehren und unterstützen, auch wenn sie es nicht von allen ihren Gliedern erwarten kann. Sind nicht diese Friedenszeugen, die eher Leiden auf sich nehmen wollen als anderen ein Leid zuzufügen, die wahren „Kinder Gottes“? 4.7 Aber auch die anderen, die um der Opfer willen und zur Verhinderung größeren Leids dem Terror und Krieg notfalls auch mit Waffengewalt Einhalt bieten, müssen von der Kirche als „Friedensstifter“ geachtet werden. Aus dem Gebot: „Du sollst nicht töten!“

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Ausschuss für Friedensarbeit


Frieden fördern - Gewalt unterbinden

folgt auch die Verpflichtung: „Du sollst nicht töten lassen!“ Wenn ein Staat oder eine Staatengemeinschaft dazu in der Lage ist, müssen sie einem systematischen und anhaltenden Morden notfalls auch mit rechtserhaltender Gewalt Einhalt bieten. Ein eritreischer Junge begrüßt einen UN-Soldaten per Handschlag in Enda-Gergish. UN-Friedenstruppen und Blauhelme aus den Niederlanden patrouillieren im Grenzgebiet zwischen Äthiopien und Eritrea. Die Soldaten der Vereinigten Nationen sollen nach dem Friedensabkommen vom 12. Dezember 2000 die 25 Kilometer breite Sicherheitszone auf der gemeinsamen 1.000 Kilometer langen Grenze absichern.

Foto: epd-bild / Stefan Boness

4.8 Die Anwendung von Gewalt stiftet keinen Frieden. Aber auch ein vermeintlich friedfertiger Rückzug kann als eine Einladung zu Willkür und Terror wirken. Deshalb bemühen wir uns in unserer Kirche um ein offenes Gespräch, um einen versöhnlichen Streit zwischen denen, die um des Friedens willen jedem Waffengebrauch abschwören und denen, die die Notwendigkeit sehen, eine staatliche Ordnung und die Geltung des Rechts im Notfall auch mit Waffengewalt zu verteidigen. Ausschuss für Friedensarbeit

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Um Gottes Willen:

5. „Fürchtet Gott, ehrt den König.“ (1. Petr 2,17) WERTSCHÄTZUNG UND GRENZE STAATLICHER ORDNUNG Das Eintreten für Demokratie, Gerechtigkeit, Menschenwürde und Menschenrechte gehört heute zu den dringlichsten Anliegen des kirchlichen Friedenszeugnisses. Wenn die Kirche zum Frieden mahnt, spricht sie in dem Bewusstsein, dass sie mit „den politisch Verantwortlichen“ nicht allein die staatlichen Amtsträger anredet, sondern alle Staatsbürger und damit auch alle Gemeindeglieder.

5.1 Ein Leitwort aus dem 1. Petrusbrief eröffnet die These V der Barmer theologischen Erklärung von 1934. Im biblischen Zusammenhang wird klar, dass hier ein Gefälle in der Loyalität zum Ausdruck kommt: Die Furcht Gottes hat das größere Gewicht gegenüber der „Ehre“, die dem König gebührt. Im Zweifel gilt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg. 5,29) Der Repräsentant staatlicher Macht verdient den gleichen Respekt wie „jedermann“, nicht weniger – und nicht mehr. Die fünfte Barmer These stellt unter diesem Leitmotiv fest, dass der Staat „nach göttlicher

Ist jeder Staat nach göttlicher Anordnung?

Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen.“ 5.2 Vielen in unserer Gesellschaft ist es in den letzten Jahren verstärkt bewusst geworden, dass ein Rechtsstaat auch eine funktionsfähige, gut ausgebildete und verantwortlich handelnde Polizei braucht. Der Staat kann kein Paradies herstellen, selbst wenn er sich noch so sehr um Recht und Frieden, um Wohlstand und Sicherheit für alle Menschen bemüht. Notfalls hat der Staat auch „unter Androhung und Ausübung von Gewalt“ für Recht

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Frieden fördern - Gewalt unterbinden

und Frieden zu sorgen. Das Gewalt-Monopol eines demokratisch und gesellschaftlich kontrollierten Staates ist eine zivilisatorische Errungenschaft, für die wir auch als Christen politisch eintreten müssen. Schließlich dient es dazu, in einer Gesellschaft Rache, Vergeltung und Selbstjustiz zu unterbinden. Gerade in der Kritikmöglichkeit und Verbesserlichkeit des demokratisch kontrollierten Gewaltmonopols liegen starke Gründe, es zu verteidigen. Das Eintreten für Demokratie, Gerechtigkeit, Menschenwürde und Menschenrechte gehört heute zu den dringlichsten Anliegen des kirchlichen Friedenszeugnisses. Dazu gehört auch die Warnung davor, Institutionen, Strukturen und Entscheidungsabläufe in einem demokratischen Gemeinwesen wie auch in zwischenstaatlichen Organisationen gering zu schätzen oder gar verächtlich zu machen. 5.3 Dem gegenüber heißt es in Barmen V von der Kirche: „Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.“ Redet die Kirche Jesu Christi vom Recht und vom Frieden, so vertraut sie auch hier der Botschaft von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi und von

Foto: epd-bild / Peter Juelich

der Rechtfertigung der Sünder. Das Wissen um die Macht der Sünde und das Vertrauen auf die Vergebung eigener Schuld macht auch Christen dazu frei und fähig, an politischer Macht aktiv teilzuhaben. In der Demokratie wird solche Macht auf Zeit verliehen – und wieder entzogen. Die Kirche appelliert an die politische „Verantwortung der Regierenden und der Regierten“. Wenn die Kirche zum Frieden mahnt, spricht sie in dem Bewusstsein, dass sie mit „den politisch Verantwortlichen“ nicht allein die staatlichen

Der G 20-Gipfel 2017 in Hamburg ist begleitet von Ausschreitungen und Blockaden. Für die Polizei ein Großeinsatz, über den vor und nach dem Gipfel heftig diskutiert wird. Auch Polizeiseelsorger sind vor Ort.

Amtsträger anredet, sondern alle Staatsbürger und damit auch ihre Gemeindeglieder.

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Um Gottes Willen:

6. „Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln … und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Jesaja 2,4) VÖLKERRECHT UND VÖLKERFRIEDEN Weil jeder Krieg mit dem Töten von Menschenleben und mit der Vernichtung ziviler Infrastruktur einhergeht, möchten wir nicht mehr von einem „gerechten Krieg“ sprechen. Wenn Gewaltanwendung notwendig erscheint, muss sie immer an das Ziel gebunden sein, Menschen vor ungerechtfertigter und unkontrollierter Gewalt zu schützen und eine Ordnung des Rechts herzustellen. 6.1 „Schwerter zu Pflugscharen“ – die bekannte prophetische Vision aus der hebräischen Bibel erhellt den Zusammenhang von Völkerfrieden und Völkerrecht. Voraussetzung der für „das Ende der Tage“ erwarteten allgemeinen Abrüstung ist die Einsicht der Völker in das Recht Gottes, das sich in allgemeinen Menschenrechten konkretisiert. Die biblische Vision sieht zunächst vor, dass sich die Völker hinwenden zur Torah Gottes, zu der göttlichen Weisung für ein gerechtes Zusammenleben der Menschen. Es handelt sich dabei nicht um ein starres Gesetz, sondern um Orientierung und Wegweisung: „Lasst uns zum Hause des Gottes Jakobs gehen, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Pfaden.“ (Jesaja 2,3) Erst mit dieser Weisung im Ohr wird es gelingen, „Schwerter zu Pflugscharen zu schmieden und Spieße zu Sicheln“. Dann werden die Ressourcen der Erde und die Fähigkeiten des Menschen nicht mehr in den Dienst gegenseitiger Vernichtung gestellt, sondern in den Dienst von Saat und Ernte, in den Dienst der Ernährung aller Menschen und

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Frieden fördern - Gewalt unterbinden

in den Dienst einer gerechten Verteilung der begrenzten Güter dieser Erde. Die biblische Vision beschreibt eine Transformation von Gewaltpotentialen hin zu präventiv wirksamen (land)wirtschaftlichen. Damit es gelingt, dass künftig kein Volk mehr gegen das andere das Schwert nimmt, ist schließlich ein neues Lernen nötig, eine Erziehung zum Frieden. „Sie werden künftig nicht mehr lernen, Krieg zu führen“, sagt der biblische Prophet voraus. Sondern sie werden Gerechtigkeit üben und den Frieden lernen.

Foto: epd-bild / Steffen Schellhorn

Foto: epd-bild / akg-images GmbH

In Wittenberg wird 2017 das Denkmal „Schwerter zu Pflugscharen“ eingeweiht. Die mehr als drei Meter hohe Skulptur erinnert im Wittenberger Lutherhof künftig an die DDR-Friedensaktion „Schwerter zu Pflugscharen“ vom evangelischen Kirchentag 1983. Dort hatte der Theologe Friedrich Schorlemmer mit etwa 600 Menschen eine „Schmiedeliturgie“ im Innenhof des Wittenberger Lutherhauses gefeiert. Dieses Ereignis machte „Schwerter zu Pflugscharen“ zum Motto der friedlichen Revolution in der DDR. Das Denkmal soll nach Angaben der Initiatoren ein Zeichen für Zivilcourage darstellen.

Der Vertreter Chinas unterzeichnet am 26. Juni 1945 als erster im Veterans War Memorial Building in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen. Vertreter von 50 Staaten unterzeichnen in San Francisco die Charta. Am 24. Oktober 1945 tritt das völkerrechtliche Regelwerk in Kraft.

6.2 Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ ist es in Europa vielfach in Vergessenheit geraten, dass auch im zwischenstaatlichen Bereich die Spielregeln des Rechts und des Friedens nur zu gewährleisten sind, wenn sie unter dem Schutz der Staatengemeinschaft stehen. Wie der Rechtsstaat auf die Wahrung der Menschenwürde und die Verhältnismäßigkeit seiner Maßnahmen zu achten hat, so haben sich alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen darauf verpflichtet, jede An-

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Um Gottes Willen:

drohung oder Anwendung von Gewalt zu unterlassen, die „gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtet oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbar“ ist (UN-Charta Kapitel I, Art. II, Ziffer 4). 6.3 Viele internationale Konflikte der letzten Jahrzehnte waren dadurch verursacht, dass in verschiedenen Ländern eine staatliche Ordnung zusammenbrach (sogenannte „failed states“) und damit ein „rechtsfreier“ Raum entstand, in dem bewaffnete und gewalttätige Gruppen andere Menschen terrorisierten. Hier gerät die Verantwortung, das Leben von Menschen und ihre Rechte zu schützen, in eine Spannung zu dem Prinzip, nicht in die Angelegenheiten eines anderen Staates einzugreifen. Doch welche Handlungsoptionen gibt es, wenn die bestehenden Regelungen und die Kräfte staatlicher Ordnung nicht ausreichen, um schwere Menschenrechtsverletzungen zu verhindern oder einzudämmen? Die Tatenlosigkeit der Staatengemeinschaft angesichts des Völkermordens in Ruanda im Jahr 1994 bleibt ein bedrängendes Beispiel. Im Blick auf diese Herausforderung wurde in den letzten zwanzig Jahren zuerst von den Staaten der Afrikanischen Union, später auch auf Ebene der Vereinten Nationen das Konzept der Schutzverantwortung entwickelt, der „Responsibility to Protect“.

Foto: epd-bild / Ingrid Raagaard

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Ausschuss für Friedensarbeit

In Rugurame im Süden Ruandas findet 2014 ein Versöhnungstreffen zwischen Opfern und Tätern statt. Überall im Lande werden diese Treffen zwischen Hutus und Tutsis, Überlebenden und Tätern organisiert und psychologisch begleitet. Auf diesem Foto erklärt die Frau, dass der Mann ihren Mann getötet und ihre Felder und ihr Haus zerstört hat. Aber inzwischen hat sie ihm verziehen und er hilft ihr inzwischen beim Wassertragen und bei der Arbeit. Bis es so weit war, hat es Jahre gedauert mit vielen Gesprächen und Tränen. Der Völkermord an den Tutsi in Ruanda schockierte 1994 die ganze Welt. Es waren Extremisten der Hutu-Mehrheit, die in dem ostafrikanischen Land ein beispielloses Blutvergießen anrichteten. Inzwischen gilt Ruanda als Musterbeispiel afrikanischer Entwicklung. Aber fast 90 Prozent der Menschen leben immer noch auf dem Land, viele sind sehr arm. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind gewaltig. Sozialneid könnte alte Vorbehalte schüren.


Frieden fördern - Gewalt unterbinden

In Fällen des Genozids, der Kriegsverbrechen, der ethnischen Säuberung und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit entsteht eine Verpflichtung für die Staatengemeinschaft, einzugreifen. Wie diese Verpflichtung im Einklang mit der UN-Charta eingelöst und gegenüber einem Missbrauch abgesichert werden kann, darum dreht sich die gegenwärtige Diskussion. 6.4 Wie kann die Pflicht zum Frieden vereinbart werden mit der Pflicht zur Nothilfe? Auch die Denkschrift der EKD stellt fest, dass in der Perspektive einer auf Recht gegründeten Friedensordnung Grenzsituationen nicht auszuschließen sind, in denen sich die Frage nach einem wenn nicht gebotenen, so doch zumindest erlaubten Gewaltgebrauch und den ethischen Kriterien dafür stellt (EKD-Denkschrift, Artikel 98). Eine solche rechtserhaltende Gewaltanwendung oder Recht setzende Gewalt kann grundsätzlich nur dann erfolgen, wenn sie nach den Regeln der UN-Charta zulässig ist, also zur Durchsetzung von UN-Resolutionen oder im Rahmen des Selbstverteidigungsrechts einzelner Staaten. Eine darüber

Und wenn wieder ein Staat ein Veto einlegt?

hinausgehende Gewaltanwendung wäre ein Bruch rechtlicher Normen. 6.5 Wenn sich aber der UN-Sicherheitsrat nicht einig wird, wie in fast allen schweren Konflikten der letzten Jahre, würde dies bedeuten, dass selbst angesichts systematischer und anhaltender Verletzungen von Menschenrecht und Friedenspflicht, ja sogar im Falle des Völkermords ein militärisches Eingreifen nicht in Frage kommt. Dann kann die Berufung auf das Völkerrecht eine Schuld mit sich bringen, die nicht weniger schwer zu tragen wäre als der Tod unbeteiligter Menschen bei einem Militäreinsatz. Auch im zwischenstaatlichen politischen Handeln kann Gewaltanwendung nicht prinzipiell und für immer ausgeschlossen werden. Um Quellen und Wellen der Gewalt zu stoppen, die andernfalls andere Länder überrollen und viele Menschenleben kosten, kann und muss die internationale Gemeinschaft unter Umständen auch mit militärischen Mitteln der Gewalt Einhalt bieten (vgl. UN-Charta, Kapitel VII, Artikel 42). Hier hilft vielleicht eine ethische Differenzierung im Gewaltbegriff, die im Englischen möglich ist: Der zerstörerischen „violence“ muss eine an der Wiederherstellung des Rechtes orientierte „force“ entgegengesetzt werden. Wie im innerstaatlichen Bereich geht es auch hier darum, dem Recht des Stärkeren die Stärke des Rechts entgegenzusetzen. Ausschuss für Friedensarbeit

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Um Gottes Willen:

6.6 Nur wenn ein militärischer Einsatz erkennbar von dem Ziel geleitet ist, dafür zu sorgen, der Politik Handlungsspielräume zu schaffen, die diese dann zu nutzen hat, um eine zerstörte Ordnung des Rechtes und des Friedens wieder aufzubauen, und wenn es realistische Chancen gibt, diese auch durchzusetzen und nachhaltig zu sichern, nur unter diesen Umständen kann ein solcher Einsatz als „ultima ratio“ verantwortet werden. Weil ein solcher Einsatz militärischer Gewalt aber fast immer irrtümlich oder missbräuchlich Foto: Kirche in Not

Februar 2018: Der maronitisch-katholische Erzbischof Joseph Tobji in seiner zerstörten Kathedrale in Aleppo

auch zerstört, was er zu schützen behauptet, und weil er eine gefährliche Eigendynamik der Gewalt freisetzen kann, benötigt er der politischen Einbettung, Kontrolle und Korrektur. Also: Eine „Ultima Ratio“ ist keine „Ratio“. Der Grenzfall darf nicht zur Methode werden. 6.7 Selbst bei einem solchen präzise definierten, zielgerichteten und begrenzten Einsatz staatlicher Gewalt könnten wir nicht mehr von einem „gerechten Krieg“ sprechen. Jedweden Krieg, der immer mit dem Töten von Menschenleben und mit der Zerstörung ziviler Infrastruktur einhergeht, können wir prinzipiell nicht mehr als „gerecht“ bezeichnen. Ein militärischer Einsatz schafft keinen Frieden. Er kann bestenfalls dem Aufbau des Friedens dienen. Wir können deshalb unter Umständen von einer „unumgänglichen“ oder „notwendigen“ Anwendung militärischer Gewalt sprechen. Sie ist niemals Selbstzweck, sondern muss immer an das Ziel eines Schutzes von Menschen gegenüber ungerechtfertigter und unkontrollierter Gewalt und an eine Perspektive der Wiederherstellung des Rechts gebunden sein. Die Begrenzung staatlicher Gewalt, wie sie in der Lehre vom „gerechten Krieg“ entwickelt wurde, bleibt auch dann wichtig, wenn wir den missverständlichen

Foto: Kirche in Not

und missbrauchbaren Begriff eines „gerechten“ Kriegs hinter uns lassen.

Zerschossenes Kreuz in einer Kirche im Ostteil von Aleppo

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Frieden fördern - Gewalt unterbinden

7. „Christus ist unser Friede!“ (Epheser 2,14) UM DEN FRIEDEN BITTEN - AN GOTTES REGIMENT TEILHABEN Der stärkste Ausdruck des christlichen Vertrauens auf Gottes Wirken ist das Gebet. Beten ist die Grundform der politischen Mitverantwortung von Christen. „Dein Reich komme!“ Die Kirche unterstreicht mit dieser Bitte ihre unbeugsame Hoffnung darauf, dass Gottes umfassender „Schalom“ das überlegene Ziel der Geschichte bleibt – und dass er heute „mitten unter uns“ sichtbar werden soll.

7.1 Der stärkste Ausdruck des christlichen Vertrauens auf „die Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt“ (Barmen V) ist das Gebet. Im Heidelberger Katechismus ist es als „die wichtigste Gestalt der Dankbarkeit“ (Frage 116) wesentlicher Ausdruck der christlichen Ethik. Es waren in unerwarteter Weise „Kerzen und Gebete“, die der friedlichen Revolution von 1989 zum Durchbruch verhalfen. In Leipzig und in vielen anderen Gemeinden unserer Kirche sammeln sich in diesem Geist Menschen und Gruppen bis heute zu Friedensgebeten – oft in konfessionsübergreifender Initiative. „Die Hände zum Gebet falten, ist der Anfang der Auflehnung gegen die Unordnung der Welt“ (Karl Barth). Beten ist eine

Foto: Archiv Hans-Jürgen Sievers

christliche Grundform politischer Mitverantwortung.

Leipzig 1989: Montagsdemonstration am 16. Oktober, Aufnahme vom Turm der evangelisch-reformierten Kirche am Tröndlinring.

In der Fürbitte solidarisiert sich die Gemeinde mit bestimmten Menschen.

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Um Gottes Willen:

7.2 In der Fürbitte denkt die Gemeinde zuerst an Christen in der Nähe und in der Ferne, die ihr besonders am Herzen liegen oder die der Fürbitte in besonderer Weise bedürfen. So erinnert sie an die vielen Glaubensgeschwister, die um ihres Glaubens willen bedroht, verfolgt, verjagt, ins Gefängnis geworfen, gefoltert oder gar um ihr Leben gebracht werden. Sie erkennt, dass dort, wo Christinnen und Christen verfolgt werden, oft auch Menschen anderer Religionsorientierung oder Weltanschauung ihrer Menschenwürde Foto: epd-bild / Guido Schiefer

beraubt werden. Auch ihnen gilt unsere Fürbitte. 7.3 Die Gemeinde denkt vor Gott an jene, die aus ihrem Glauben heraus anderen helfen, die bei den von Krieg und Gewalt betroffenen Menschen ausharren, die sich um die verletzten und obdachlos Gewordenen kümmern, die Flüchtlingen ein Zelt bauen oder eine Wohnung geben und deren Kindern eine Ausbildung, eine Beschäftigung, eine Hoffnung. Die Kirche bittet auch für jene, die im Sanitätsdienst, als Polizisten oder auch als Soldaten dem Frieden dienen und Menschenleben bewahren möchten. Nicht nur, wenn Bomben fallen, haben wir an die Menschen anderer Länder zu denken. Auch Friedensverhandlungen, Prozesse der Versöhnung und des demokratischen Fortschritts verdienen und benötigen unsere Begleitung im Gebet.

Medizinstudent Thomas Hollwick (l.) behandelt im April 2000 den entzündeten Finger einer palästinensischen Frau in der Ambulanz der Johanniter in Bethlehem. Seit September 1999 wechseln sich Johanniter aus allen Teilen Deutschlands ab, um in Bethlehem medizinische Hilfe zu leisten.

Foto: epd-bild / Thomas Lohnes

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Frieden fördern - Gewalt unterbinden

7.4 Wir sind dankbar dafür, dass es in unserer Kirche Menschen gibt, die sich aktiv dem widmen, um was wir beten. Sie zeigen den Zusammenhang der Friedensgebete und der alltäglichen Praxis der Kirchengemeinden. Das Sammeln von Kollekten, die Erziehung zum gewaltfreien Konfliktaustrag, die seelsorgliche Begleitung von Kriegsdienstverweigerern und Soldaten, die Versöhnungsarbeit im In- und Ausland, der Einsatz für Menschenrechte und für die Verständigung zwischen Gruppen unterschiedlicher Kultur und verschiedener Religion sind solche Beispiele einer gemeindlichen Friedenspraxis.

Foto: epd-bild / Thomas Lohnes

Die Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe, Cornelia Füllkrug-Weitzel (r.) und der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge (l.) informieren sich 2016 über einen Malkurs, der sich vor allem an traumatisierte syrische Flüchtlingskinder richtet. Er findet im Gemeindezentrum der Partnerorganisation „Support to Life“ (STL) in der türkischen Stadt Sanliurfa an der Grenze zu Syrien statt. In der Provinz Sanliurfa mit ihren 1,8 Millionen Einwohnern lebten 2016 rund 400.000 syrische Flüchtlinge. Nur 15 Prozent der Flüchtlinge in der Türkei sind in 25 großen Lagern entlang der Südgrenze untergebracht und haben damit Zugang zur Gesundheitsversorgung. Die anderen Flüchtlinge erhalten fast keine staatliche Unterstützung und sind auf Hilfsorganisationen angewiesen.

7.5 Da Christus nicht nur für uns Christen, sondern für alle Welt gekommen ist, umgreift die Fürbitte der Gemeinde auch Menschen anderen Glaubens und Menschen ohne Glauben. Insbesondere ist der Gemeinde von Anfang an die Fürbitte für die jeweils Regierenden aufgegeben (vgl. 1. Tim. 2, 1-6). Hier signalisiert die Kirche Jesu Christi nicht nur ihre Verbundenheit mit denen, die dafür sorgen, dass alle in Frieden zusammenleben und ihren jeweiligen Glauben entfalten können. Sie reflektiert damit auch die Erfahrung, dass die Träger staatlicher Gewalt besonderen Prüfungen ihres Glaubens und Lebens ausgesetzt sind.

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Um Gottes Willen:

7.6 Das Unser-Vater-Gebet Jesu ruft am Anfang und am Ende voller Sehnsucht nach dem Kommen des Reiches Gottes. Damit gibt die Gemeinde und der einzelne Beter Zeugnis davon, dass die Betenden sich mit dem friedlosen Zustand der Welt nicht abfinden. Mehr noch: Die Kirche verleiht gerade im Beten dieser Worte Jesu ihrer Erwartung Ausdruck, dass Gottes Reich des umfassenden Schalom das überlegene Ziel der Geschichte des Himmels und der Erde bleibt - und dass es heute noch „mitten unter uns“ zum Vorschein kommen kann.

Der damalige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Samuel Kobia, besuchte 2007 die Sperrmauer zwischen Israel und dem Westjordanland (palästinensisches Autonomiegebiet) und den Checkpoint von Bethlehem. Der Generalsekretär wurde von ökumenischen Begleitern des EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel) geführt. Das EAPPI ist ein Friedensdienst des ÖRK und besteht aus ehrenamtlichen Freiwilligen aus der ganzen Welt. Das Programm ist in den deutschen evangelischen Kirchen durchaus umstritten. Der methodistische Pfarrer aus Kenia besuchte zum ersten Mal Israel und palästinensische Autonomiegebiete. Damit bringt der ÖRK seine Solidarität und Sorge um die Christen im Heiligen Land zum Ausdruck. Der Weltkirchenrat gilt als die wichtigste Plattform der nicht-katholischen Christenheit. Der Dachverband mit Sitz in Genf repräsentiert weltweit mehr als 500 Millionen Christen in über 340 Kirchen. Zu ihnen zählen die Mehrzahl der orthodoxen Kirchen, zahlreiche Kirchen aus der protestantischen Tradition wie Anglikaner, Baptisten, Lutheraner, Methodisten und Reformierte, sowie viele vereinigte und unabhängige Kirchen. Foto: epd-bild / Fröhlich

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Frieden fördern - Gewalt unterbinden

7.7 Das Beten der Gemeinde und des Einzelnen ist keine Alternative zum gesellschaftlichen Engagement für den Frieden. Vielmehr schenkt das Gebet unserem Engagement für den Frieden einen langen Atem. Und die Bereitschaft zum verantwortlichen Handeln ist eine Frucht ernsthaften Betens. Dietrich Bonhoeffer formulierte im Mai 1944 im Tegeler Gefängnis: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.“ (Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, S. 435f )

Foto: epd-bild / Gütersloher Verlagshaus

Dietrich Bonhoeffer nach der Rückkehr aus Amerika im Juli 1939 in London. Am 9. April 1945 wurde der evangelische Theologe Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg bei Regensburg hingerichtet. Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hinein gewirkt wie er. Sein leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein Märtyrertod finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung.

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Um Gottes Willen:

ZUSAMMENFASSENDE thesen - Um Gottes 1. FRIEDEN ALS GOTTES GABE UND GEBOT Die Kirche verkündet den Frieden Gottes allen Menschen mit ihrem Wort und in ihrem Tun und Lassen – oder sie hört auf, Kirche Jesu Christi zu sein. Die Kirche muss eindeutig sagen: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ (ÖRK, Amsterdam 1948) 2. GOTTES SCHALOM: FRIEDEN, GERECHTIGKEIT UND EINE GEHEILTE SCHÖPFUNG „Die Völker der Welt müssen sich zu einer Herrschaft des Rechts bekennen.“ (ÖRK, Amsterdam 1948) Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Die Evangelische Kirche entfaltet das Leitbild des „gerechten Friedens“. Die Kirche erinnert alle Menschen und besonders die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft an Gottes Zusage des “Schalom“. Sie tritt dafür ein, dass Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung als Ziele das konkrete politische Handeln durchdringen. 3. DIE WIRKLICHKEIT DER KRIEGE Gewalt, Kriege und Bürgerkriege sind in vielen Ländern Realität. Gerade heute muss das Zeugnis der Reformierten in Deutschland von 1982 zu einem „Nein ohne jedes Ja“ zu den Massenvernichtungswaffen nachdrücklich wiederholt werden. Der Handel mit Waffen ist einzudämmen. Aufgabe der Kirche ist es, die Praxis aktiver Gewaltfreiheit zu lernen und zu lehren. Dies darf nicht zu einer Geringschätzung gegenüber jenen führen, die sich an der staatlichen Aufgabe beteiligen, Frieden und Recht durch „Androhung und Ausübung von Gewalt“ (Barmen V) zu erhalten. Christen sind auf beiden Seiten gefordert, Frieden zu stiften.

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Frieden fördern - Gewalt unterbinden

Willen: Frieden fördern – Gewalt unterbinden 4. WIE WIR DEM TERRORISMUS ENTGEGENTRETEN Die Bibel nimmt die Realität des Bösen ernst und übt keine Toleranz ihm gegenüber. Überwunden werden soll das Böse mit Gutem. Weder die Anwendung von Gewalt, noch ein vermeintlich friedfertiger Rückzug stiften Frieden. Deshalb ist in der Kirche das offene Gespräch gefordert, ein versöhnlicher Streit zwischen denen, die jedem Waffengebrauch abschwören, und denen, die eine „Not-Wendigkeit“ von Waffengewalt gelten lassen. 5. WERTSCHÄTZUNG UND GRENZE STAATLICHER ORDNUNG Das Eintreten für Demokratie, Gerechtigkeit, Menschenwürde und Menschenrechte gehört heute zu den dringlichsten Anliegen des kirchlichen Friedenszeugnisses. Wenn die Kirche zum Frieden mahnt, spricht sie in dem Bewusstsein, dass sie mit „den politisch Verantwortlichen“ nicht allein die staatlichen Amtsträger anredet, sondern alle Staatsbürger und damit auch alle Gemeindeglieder. 6. VÖLKERRECHT UND VÖLKERFRIEDEN Weil jeder Krieg mit dem Töten von Menschenleben und mit der Vernichtung ziviler Infrastruktur einhergeht, möchten wir nicht mehr von einem „gerechten Krieg“ sprechen. Wenn Gewaltanwendung notwendig erscheint, muss sie immer an das Ziel gebunden sein, Menschen vor ungerechtfertigter und unkontrollierter Gewalt zu schützen und eine Ordnung des Rechts herzustellen. 7. UM DEN FRIEDEN BITTEN - AN GOTTES REGIMENT TEILHABEN Der stärkste Ausdruck des christlichen Vertrauens auf Gottes Wirken ist das Gebet. Beten ist die Grundform der politischen Mitverantwortung von Christen. „Dein Reich komme!“ Die Kirche unterstreicht mit dieser Bitte ihre unbeugsame Hoffnung darauf, dass Gottes umfassender „Schalom“ das überlegene Ziel der Geschichte bleibt – und dass er heute „mitten unter uns“ sichtbar werden soll. Ausschuss für Friedensarbeit

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Um Gottes Willen:

Methodisches - Das Diskussionspapier Frieden enthält viel Text! Wie kann man damit in der Gemeinde und Gruppe umgehen?

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1.

Mit dem Langtext:

Gruppenarbeit: Jede Gruppe übernimmt einen Abschnitt,

1.1

fasst ihn zusammen: formuliert Kerngedanken in 12 Wörtern

1.2

gestaltet den Inhalt in Form eines Schaubildes (z.B. Mind-Map)

1.3

Sucht Probleme des Textes, stellt Fragen an den Text

1.4

Beurteilungen durch Markierungen: + = gut, − = negativ,

? = fragwürdig/unverständlich, unklar, ! = stimme ausdrücklich zu, ist wichtig

Zusammenfassung der Gruppenarbeiten im Plenum:

- Präsentation, Vortrag der Ergebnisse durch GruppensprecherInnen

- „Thesentopf“: Jede Gruppe hat Thesen zum Text formuliert, auf Karteikärtchen

(je Karte eine These – diese werden in einem Topf/Karton gesammelt –

Einzelne oder Zweiergruppen ziehen eine Karteikarte und nehmen Stellung

(verschärfend: die gezogene These muss verteidigt werden)

2.

Mit den Kurzthesen (auch zu Beginn der einzelnen Kapitel des

Friedenspapieres zu lesen):

2.1

Västeras-Methode (nach einem Ort in Mittelschweden):

Beurteilung mit Markierungen – Einzelarbeit (s.o. 1.4) –

Nachfrage des/der ModeratorIn im Plenum „Wo sind Fragen?“ –

„Was ist fragwürdig?“ – „Wo steht ein Minus?“ – „Was ist wichtig?“

2.2

Zu jeder These: drei Wörter, die aufgefallen sind, herausschreiben/markieren.

Ausschuss für Friedensarbeit


Frieden fördern - Gewalt unterbinden

2.3

Stellungnahme zum Text (Einzel- oder Partnerarbeit):

2.3.1 Erster Eindruck: „Was mich am Text stört – was mir an ihm gefällt“ – oder auch:

„Welcher Satz im Text spricht mich an? – Welcher Satz löst Widerstand aus?“

2.3.2 Statement zum Text 2.3.3 Verfassen einer Zeitungsnotiz, eines Kommentars (max. 1.500 Zeichen/handschriftlich

eine halbe DIN-A4-Seite), Gestaltung eines Flugblatts zum Erscheinen der

reformierten Thesen

2.4

„Bludesch-Methode“ (nach einem Ort in Vorarlberg, erstmals 1984):

2.4.1 Text (=Abschnitt) langsam vorlesen (nur zuhören, nicht mitlesen) 2.4.2 schriftliche Einzelarbeit:

a) Was ist das zentrale Anliegen des Textes?

b) Was verstehe ich?

c) Welche Zusammenhänge erkenne ich?

d) Welchen Stellen stimme ich zu (+), welche lehne ich ab, finde ich fragwürdig (−/?)?

e) Welches Tun legt der Text nahe?

3.

Weitere Methodenvorschläge

www.portal.zebis.eu/fileadmin/fileupload/Methodenkoffer/Methodenkoffer.pdf

(35 Seiten prall gefüllter Methodenkoffer)

Links zum Themenbereich Krieg/Frieden, Friedenserziehung:

- www.evangelisch.de/rubriken/krieg-und-frieden (aktuelle Meldungen, Meinungen)

- www.friedensbildung-schule.de (Materialien, Medien, ReferentInnen)

- www.friedenspädagogik.de / www.berghof-foundation.org

- www.friedenskultur.net (Friedensgeschichten in verschiedenen Sprachen)

- www.frieden-fragen.de (Seite für Kinder und Jugendliche)

- www.sicherheitspoliti.bpb.de (Dossier zu versch. Aspekten von Gewaltkonflikten)

- www.rpi-virtuell.de/frieden-2 (Materialien, Unterrichtshilfen)

- www.rpi-ekkw-ekhn.de/home/rpi-impulse/2017/217 (Impulse 2/2017 „Wie geht Frieden?“)

!hilfreich!

Ausschuss für Friedensarbeit

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Um Gottes Willen:

Anmerkung 1:

Anmerkung 2:

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Frieden fรถrdern - Gewalt unterbinden

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Impressum Herausgeberin: Evangelisch-reformierte Kirche Saarstraße 6, 26789 Leer www.reformiert.de info@reformiert.de Redaktion: Hartmut Smoor, verantwortlich Ulf Preuß Kerstin Kempermann, Fotoredaktion Gerhard Naber, Methodisches Ausschuss für Friedensarbeit: Gerrit Degenhardt, Mechthild Gunkel, Dr. Martin Heimbucher, Dr. Marco Hofheinz, Helge Johr, Christine Kimmich, Gerhard Naber, Paul Oppenheim, Heike Papenburg, Christiane Reuter, Bernhard Schmeing, Hartmut Smoor, Gert Veldmann Konzeption, Gestaltung und Layout: dpp Designagentur projektpartner www.dpp-leer.de info@dpp-leer.de Fotos Titelseite: Erster Weltkrieg: Soldatenfriedhof in Belgien (Foto: Kartouchken / shutterstocl.com) Zweiter Weltkrieg: Emden am Delft 1945 (Foto: Stadtarchiv Emden) Vietnamkrieg: Vietnamesische Bauernfamilie (Foto: epd-bild / Keystone) Syrienkrieg: Die zerstörte Stadt Homs (Foto: OBJM / shutterstock.com) 2. durchgesehene Auflage 2018, 1.500 Exemplare

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Ausschuss für Friedensarbeit

Kein


Foto: Maria Sbytova / shutterstock.com

Blut für Öl! Mit der Parole „Kein Blut für Öl!“ demonstrierten besonders 1991 und 2003 in vielen Städten in Deutschland

Hunderttausende gegen die Golfkriege. 2003 vor allem Schüler und Schülerinnen.

Ausschuss für Friedensarbeit

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Um Gottes Willen: Frieden fördern - Gewalt unterbinden 2. Dezember 2015 „Nach den Grundsätzen evangelischer Friedensethik (...) ist der Einsatz militärischer Gewalt nur als äußerste Möglichkeit (...) legitim. Dazu muss zwingend ein Mandat des UN-Sicherheitsrates vorliegen (...). Wir kommen zu dem Schluss, dass in der jetzigen Situation in Syrien diese Voraussetzungen nicht vorliegen. Daher widerspricht der Friedensbeauftragte der EKD einem deutschen militärischen Engagement unter diesen Voraussetzungen entschieden.“

3. Dezember 2015 Ich halte „es für eine auch christlich verantwortbare Entscheidung, wenn unser Land sein vorrangig politisches, ziviles und humanitäres Engagement (ergänze: im Syrienkrieg) verbindet mit einer Beteiligung an begrenzten militärischen Maßnahmen (...). Wir brauchen einen (...) Schulterschluss mit allen, die dem IS und anderen Islamisten entgegentreten. Dieser Schulterschluss schließt (...) notwendig auch militärisches Handeln ein.“

Renke Brahms Leitender Theologe der Bremischen Evangelischen Kirche, Friedenbeauftragter der EKD

Dr. Martin Heimbucher Kirchenpräsident der Evangelisch-reformierten Kirche

Der deutsche Bundestag hat am 4. Dezember 2015 entschieden, dass die Bundeswehr den Kampfeinsatz der internationalen Allianz gegen den „Islamischen Staat“ mit 1.200 Soldaten unterstützt. (445 Ja-Stimmen, 145 Nein-Stimmen, sieben Enthaltungen).

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Evangelisch-reformierte Kirche Landeskirchenamt Saarstraße 6 26789 Leer

Um Gottes Willen ...  

Um Gottes Willen: Frieden fördern - Gewalt unterbinden Einsichten, Fragen und Anregungen zur Diskussion aus der Evangelisch-reformierten...

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