Page 1

KRAFTAKT JUNI 2014

UNABHÄNGIGES MAGAZIN ZUM BDEW KONGRESS 2014 HERAUSGEGEBEN VON DER JUGENDPRESSE DEUTSCHLAND E.V.


Foto, Titelfoto: Anton Knoblach

\\ 2


„EINE EEG-REFORM MACHT NOCH KEINE ENERGIEWENDE“

EDI TOR I A L Liebe Leserinnen und Leser, fünf Tage lang haben sich 17 junge Medienmacher aus ganz Deutschland mit der größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts beschäftigt: der Energiewende. Es war ein Kraftakt, aber es hat sich gelohnt. 20 Seiten politikorange liegen nun vor. Die Mannschaft hat eine starke Leistung abgeliefert. Nach nur zwei Tagen intensivem Training mit Expertenvorträgen, Podiumsgesprächen und Hintergrunddiskussionen hat sie sich auf das Spielfeld der großen Energieplayer begeben, dem Kongress des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Der Veranstalter ist einer der größten Interessenverbände Deutschlands. Die Jungjournalisten haben den Kongress mit ihrer Berichterstattung begleitet, hinter die Kulissen geschaut, mit Unternehmensvertretern und Politikern gesprochen und sich ein eigenes Bild über das Projekt Energiewende gemacht. Fest steht: Die Energiewende kommt einem Kraftakt gleich. Es muss umgedacht und umgebaut werden. Mentale und technische Grenzen müssen überschritten werden. Das Ergebnis ist offen, der Prozess mehr als spannend. Ganz nah dran: eure politikorange.

DIE ENERGIEWENDE IST EINE DER GRÖSSTEN HERAUSFORDERUNGEN UNSERES JAHRHUNDERTS. BEIM BDEW KONGRESS GEHT ES UM NICHTS WENIGER ALS DIE (ENERGETISCHE) ZUKUNFT UNSERER GENERATION. VON DORIT KRISTINE ARNDT UND JANA KUGOTH

Viel Spaß beim Lesen wünschen Jana Kugoth und Dorit Kristine Arndt

KEIN ROTES TUCH, SONDERN AUF DEM BDEW KONGRESS VIEL DISKUTIERT: DIE ENERGIEWENDE

E 

nergie, Wasser, Geld, Einflussnahme Kosten der Energiewende? Wenn jeder und unsere Zukunft: Der Bundesver- Stromabnehmer die Abgabe zahlen soll, band der Energie- und Wasserwirtschaft werden private Energieerzeuger und ener(BDEW) hat zum jährlichen Branchentref- gieintensive Energieunternehmen für die fen der Energiewirtschaft geladen. Unter Produktion von Erneuerbaren Energien dem Motto „Unternehmen Zukunft“ wird „bestraft“. Deshalb werden für die Novelle diskutiert und sich ausgetauscht. Primär des EEG aktuell mögliche Ausnahmeregegeht es um neue Geschäftsmodelle für die lungen für diese Gruppen diskutiert. Energie- und Wasserwirtschaft, sekundär An der Energiewende wird gezerrt um Macht und Einfluss. wie am roten Tuch im Logo der VeranDas Logo des BDEW Kongresses er- staltung. Jeder möchte sich möglich gut innert an ein rotes Tuch – wie ein Band positionieren: Es scheint, als hätte die schlängelt es sich neben einer Wasserwel- Energielobby in der medialen Diskussion le als Logo über den Kongress. Es scheint erste Erfolge erzielt. Die EEG-Umlage verpassend: Repräsentiert es nicht nur Ener- mittelt dem Bürger, dass regenerative Engie und Wasser, die Kerngeschäftsfelder ergien Geld kosten. Was unter den Tisch des Verbands, sondern zeigt zugleich, fällt: Die Subvention von Kohle und andedass im Bereich der Energiewende derzeit ren konventionellen Energieformen und viel im Fluss ist. die miteingerechneten, unabsehbaren Folgekosten würden Strom noch teurer machen. So oder so: Die EEG-Reform ist DIE SCHLACHT DER umstritten und die Energiewende ein ProSTROMKONZERNE zess. Während dieses Kongresses hat die Große Koalition den Gesetzentwurf der EEG- DIE GRÖSSTE HERAUSFORDE­ Reform erneut geändert. Die Politik steht RUNG DES 21. JAHRHUNDERTS unter Druck. Der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromversorgung in der Die Vorsitzende der HauptgeschäftsfühBundesrepublik ist in den letzten Jahren rung des BDEW, Hildegard Müller, errasant gestiegen. Er hat alle Prognosen mahnte die politischen Akteure: „Eine übertroffen. Gleichzeitig steht die Poli- EEG-Reform macht noch keine Energietik vor neuen Herausforderungen, muss wende.“ Stellt sich der steigende Anteil über die Frage entscheiden: Wer trägt die der Erneuerbaren Energien auf den ersten

Foto: Anton Knoblach

Blick als ausschließlicher politischer Erfolg dar, ist er in Wahrheit auch das Ergebnis wirtschaftlicher Entscheidungen. Bereits 2008 nannte Angela Merkel die Energiewende „die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts“. Auch auf dem Kongress heißt es mahnend: „Die Energiewende ist die Aufgabe Ihrer Generation“, so die Bildungsbeauftrage des BDEW, Birgit Henrichs. Mit politikorange hat der BDEW uns jungen Journalisten die Möglichkeit gegeben, unserer Stimme Ausdruck zu verleihen. Denn eins ist klar: So schnell wird die Energiewende nicht von der politischen Tagesordnung verschwinden.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachform verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

I NHA LT

»Nachwuchs.« Welche Jobangebote der Energiesektor birgt Seite 15

»Nachhaltig?« Wie Unternehmen sich ein grünes Gewissen kaufen Seite 16

»Nachgedacht!« Wie streitbar Lobbyisten sind Seite 18 Dorit Kristine Arndt 25, Leipzig Jana Kugoth 26, Berlin stehen unter Strom, wenn sie sich um unabhängigen und fair bezahlten Journalismus sorgen.

3 //


ERNEUERBARE ENERGIEN NEU GEDACHT: DREI START-UPS STELLEN SICH VOR

OB CROWDFUNDING FÜR ENERGIEWENDE-PROJEKTE, EINE APP ZUR HEIZUNGSSTEUERUNG ODER EINE INTERIM MANAGER-PLATTFORM – BEIM BDEW KONGRESS 2014 PRÄSENTIEREN SICH VIELVERSPRECHENDE JUNGUNTERNEHMEN. JENS MOGGERT STELLT SIE VOR.

Fotos: Anton Knoblach

ARNE PLOCHER UND MARTIN FRANSSEN

LEOPOLD VON BISMARCK UND PHILIPP NICKLAUS

MICHAEL BREY UND UTE HOFFMANN

INTERIM EXCELLENCE GMBH

TADO GMBH

ECONEERS GMBH

E 

D 

D 

ine neue, im Management der Energie- und Wasserie Vielfalt auf dem Smartphone-App-Markt ist schier wirtschaft aufkommende Geschäftsform ist die Verunglaublich. Es gibt Anwendungen, die eine Wasmittlung von Interim Managern. Diese sind durchschnitt- serwaage ersetzen, die Bahn-Fahrkarte anzeigen oder lich sechs bis neun Monate bei einem Unternehmen Laufstrecken nachzeichnen. Eine weitere intelligente angestellt, bis sie ans nächste weiterziehen. Normaler- und nützliche Applikation hat die tado GmbH erfunden. weise werden diese Manager, ähnlich wie auf dem Im- Sie steuert auf Handys mit dem Apple-Betriebssystem mobilienmarkt, an Unternehmen gegen eine sehr hohe iOS die eigene Heizung. Dabei wird in den eigenen vier Provision vermittelt. Sie verlangen rund 25-30 Prozent Wänden eine Cloud erstellt: Die App kommuniziert über des Gehaltes über den Zeitraum der Auftragsbetreuung. ein Zusatzgerät am DSL-Router und einer Box an der Diese fällt durch die Plattform des Start-ups „interim-x. Heizung, welche das übliche Thermostat ersetzt. Einzige com“ weg. Voraussetzung ist eine eigene Heizung. Dabei spielt es Martin Franssen ist einer dieser sehr gut ausgebil- keine Rolle, ob es sich um eine Gas- oder Ölheizung handeten Manager. Er erkannte die Marktlücke einer feh- delt. Nur mit Zentralheizungen ist das System meist noch lenden Online-Plattform zur Vermittlung der hochqualifi- nicht kompatibel. Mit dieser innovativen Technik könzierten Geschäftsleute und gründete so das Unternehmen nen zum Beispiel aktuelle Wetterdaten vor Ort abgerufen mit Sitz in München. und via Sensor die Raumtemperatur angepasst werden. Der offizielle Start der Plattform erfolgte im Sep- „Sobald man sich seinem Zuhause nähert, fährt die Heitember 2013. „In unserem neuen Geschäftsmodell zung hoch, sodass es schön warm ist, wenn unser Kunspiegelt sich die Flexibilisierung der heutigen Arbeits- de ankommt“, sagt Vertriebsmitarbeiter Philipp Nicklaus. welt wider“, sagt Geschäftsführer Arne Plocher. Die Das Start-up-Unternehmen wurde 2010 in München Anmeldung als Unternehmen oder Führungskraft er- gegründet. Die Gründer Christian Deilmann, Johannes folgt direkt über die Website. „Eine Akkreditierung der Schwarz und Valentin Sawadski möchten eine nachhalManager erfolgt allerdings erst nach dem erfolgreichen tig lebende Zielgruppe ansprechen. Die zündende Idee, Abfragen von unterschiedlichen Qualifikationen“, sagt im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung bis zu 30 Gründer Franssen. „Sie müssen mehrere Jahre Ar- Prozent Wärmeenergie einzusparen, kam den Gründern beitserfahrung in Führungspositionen nachweisen. während einem Auslandssemester in den USA. Als die Außerdem sind drei aussagekräftige Referenzen von Absolventen der TU München in ihrer Unterkunft merkehemaligen Auftraggebern notwendig.“ Dafür ist die ten, dass die Klimaanlage nonstop lief, begann die Suche Anmeldung für Interim Manager komplett kostenfrei. nach einer effizienteren Lösung. Die App kann für 8,25 € Die von Franssen geschätzte Frauenquote liegt übri- monatlich gemietet oder für 299 € inklusive lebenslanger gens bei rund 30 Prozent. Updates gekauft werden. Im Web: www.interim-x.com

\\ 4

Im Web: www.tado.com

ie Energiewende in Bürgerhand – das ist die Grundidee der Econeers GmbH. Ein im Oktober des letzten Jahres gegründetes Start-up-Unternehmen, das „sich gut eignet zur Finanzierung der Energiewende“, sagt Projektmanagerin Ute Hoffmann. Und Michael Brey vom Geschäftsbereich Kommunikation ergänzt: „Schon ab 250 € kann sich jeder an Erneuerbaren Energie Projekten beteiligen. Die Höchstsumme liegt bei 10.000 €“. Ein erklärtes Ziel der Energiewende Deutschlands, die dezentrale Energiewende, wird so gezielt gefördert. Die Crowdfunding-Plattform versteht sich dabei in der Vermittlerrolle von meist privaten Investoren und Betreibern vor allem von kleinen Anlagen. Der alleinige Geschäftsführer ist Jens-Uwe Sauer. Das Unternehmen mit Sitz in Dresden finanziert sich aus Provisionen der Betreiber von den Solarparks oder Blockheizkraftwerken. Allerdings wird diese nur bei erfolgreichem Crowdfunding, also dem Erreichen einer Mindestsumme, auch Fundingschwelle genannt, ausgeschüttet. Auf dem deutschen Markt gibt es noch eine Handvoll Konkurrenten, „aber wenn es nach der investierten Summe geht, sind wir der Marktführer in dem Geschäftsbereich“, erzählt Brey. „Insgesamt sind bisher rund 800.000 € durch unsere Kunden in EE-Anlagen investiert worden“, ergänzt Hoffmann. Die erfolgreichsten Projekte: Ein Solarpark in der Nähe von Halle in Sachsen-Anhalt und ein Blockheizkraftwerk bei Bremen, das Biomasse zu Wärme und Strom umwandelt sowie die Kraft-Wärme-Kopplung-Technik nutzt. An den Photovoltaik-Freiflächenanlagen kann sich jeder zum Veröffentlichungsdatum dieser politikorange noch 30 Tage beteiligen. Im Web: www.econeers.de


DER KAMPF UM DIE BESTEN KÖPFE HAT BEGONNEN

BRINGT DIE ENERGIEWENDE NEUE BERUFE MIT SICH? JOHANNES BOOKEN ÜBER NACHWUCHSINITIATIVEN, DIE DEM FACHKRÄFTEMANGEL IM ENERGIESEKTOR ENTGEGENWIRKEN SOLLEN.

B 

eim BDEW hat die Nachwuchssicherung in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Generell gibt es immer mehr Unternehmen in der Energiebranche, die gegenüber den Ideen junger Menschen aufgeschlossener geworden sind. Beim diesjährigen BDEW Workshop für Nachwuchsinitiativen nehmen 82 Studenten, Trainees und Berufseinsteiger aus dem gesamten Bundesgebiet teil. Sie nutzen die Möglichkeit, mit den Branchengrößen in Kontakt zu kommen und präsentieren ihre Ideen für die Gestaltung der Energiebranche. Der 25-jährige Stefan Dietrich ist von seinem Arbeitgeber der Überlandwerk Groß-Gerau GmbH zum Workshop entsandt worden. Er hofft, gute Ideen zu entwickeln und den Kundenwünschen gerecht zu werden. „Das ist genau mein Arbeitsfeld“, sagt Dietrich.

NEUE BEDÜRFNISSE ERKENNEN Der BDEW hat einen Wettbewerb konzipiert: Da die Nachwuchskräfte später zu den Menschen gehören, die den Strom abnehmen und bezahlen müssen, sind ihre zukunftsfähigen und bezahlbaren Ideen für die Zukunft der Energiebranche gefragt. Die Branche schaut genau hin: Je mehr technische Innovationen geschaffen werden, desto größer ist der Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften, die die neuen Technologien beherrschen und in den Unternehmen dringend benötigt werden. Stefan Wolter, Mitarbeiter bei der WEMAG AG, hat ebenso am Workshop zur Nachwuchsinitiative teilgenommen und gehört zur Siegergruppe. Er findet: „Es ist eine gute Sache, bei der neue Ansätze für die Zukunft geschaffen werden. Neue Bedürfnisse müssen erkannt und mit den Konzernen vereint werden.“

SCHAFFEN IDEEN FÜR DIE ZUKUNFT DER ENERGIEBRANCHE: STUDENTEN, TRAINEES UND BERUFSEINSTEIGER AUS GANZ DEUTSCHLAND Foto: Anton Knoblach

Es ist nichts Neues, dass die Politiker, welche die Energiewende beschließen, zum Großteil zwischen 50 und 60 Jahre alt sind. Das weiß auch Birgit Henrichs, beim BDEW für Bildungsangebote verantwortlich: „Für den Ausbau der Erneuerbaren Energien benötigt Deutschland Arbeiter, die beispielsweise qualifiziert sind, Solarzellen auf Dächern zu installieren.“ Henrichs weiter:„Fakt ist, dass Deutschland unter einem Fachkräftemangel leidet und sich dies in Zukunft nicht grundlegend ändern wird, wenn nicht zeitnah etwas dagegen unternommen wird.“

BIRGIT HENRICHS IST FÜR DEN NACHWUCHS ZUSTÄNDIG

Foto: Anton Knoblach

Der Wettbewerb um die besten Köpfe hat bereits vor einigen Jahren begonnen. Viele Unternehmen locken seitdem mit Prämien und hoffen, der Krise am Lehrstellenmarkt entgegenwirken zu können.

NICHT MEHR ATTRAKTIV GENUG Henrichs warnt, dass der Nachwuchsmangel besonders im Bereich Energie zunehmen wird: „Es gibt nur eine Handvoll junger Menschen, die sich eine berufliche Zukunft in dieser Branche vorstellen können, obwohl die Jobs gut bezahlt sind. Trotzdem sind sie für viele junge Erwachsene nicht mehr attraktiv genug.“ Die Stadtwerke Aachen (STAWAG) haben 2013 zu Beginn des letzten Ausbildungsstarts zum ersten Mal seit Unternehmensgründung nicht alle Ausbildungsplätze besetzen können. Doch wie sehen die Kundenwünsche im Jahr 2040 überhaupt aus? Die Nachwuchskräfte haben ihre Fantasie spielen lassen und interessante Ideen zu Papier gebracht. Ein Vorschlag beherrscht alle Konzepte: Es gilt, das Angebot für die Verbraucher attraktiver zu gestalten. Und das ist an nicht zu unterschätzende Herausforderungen geknüpft. Mehr Leistung und Betreuung von Seiten der Konzerne für ihre Kunden bedeutet auch, dass Geld in die Hand genommen werden muss. Die Unternehmen sind deshalb angehalten, genug in die Zukunft zu investieren, um weiterhin im Rennen gegen andere Anbieter zu bleiben.

VERBRAUCHER WERDEN ZU ERZEUGERN Nach Einschätzung der Studenten werden die zukünftigen Verbraucher mehr Wert auf Bequemlichkeit legen als die Gesellschaft es bislang gewohnt ist. Der Kunde im Jahr 2040 soll nach Vorschlag der Studenten gleichzeitig Verbraucher und Erzeuger sein – und das ohne viel Aufwand. Das heißt im Detail: Der Kunde besitzt 2040 eine eigene Photovoltaikanlage auf dem Dach seines Hauses. Gleichzeitig soll das Wohnhaus der Zukunft über einen effektiven Speicher verfügen. Bis zum Jahr 2040 verbleiben Verbrauchern, Erzeugern und Konzernen noch rund 26 Jahre. So mancher Student ist heute 26 Jahre alt und hat seine Ideen für eine erfolgreiche Energiewende vorgetragen. Nun heißt es: Abwarten und schauen, ob die Studenten mit ihren Visionen Recht behalten und die Zukunft der Energiebranche richtig voraussagen.

Johannes Booken 18, Hinte steht unter Strom, wenn Menschen Pünktlichkeit nicht für wichtig erachten.

5 //


ENERGIEWENDE: NICHT NUR EIN NATIONALES PROJEKT

DIE ENERGIEWENDE IST DERZEIT DAS POLITISCHE SCHLAGWORT SCHLECHTHIN. WAS VIELE BÜRGER AUSSCHLIESSLICH MIT DEM ATOMAUSSTIEG VERBINDEN, BEINHALTET JEDOCH VIEL MEHR: ES GEHT UM EINE NACHHALTIGE ENERGIEERZEUGUNG, DIE UNS ALLE ÜBER GENERATIONEN HINWEG BETREFFEN WIRD. VON CORA GEBEL

D 

ie Energiewende ist zu einem Mammutprojekt geworden. Aus globaler Perspektive schneiden dabei nicht alle Länder gleich gut ab. Vor allem für Deutschland, dessen Energiepolitik lange Zeit als Vorzeigeprojekt galt, fällt die Bilanz ernüchternd aus. Grund genug, auf der Podiumsdiskussion des BDEW Kongresses darüber zu diskutieren, welche Perspektiven sich für die deutsche Energiewirtschaft zukünftig ergeben könnten. Mit dem Willen, die konventionellen durch erneuerbare Energieformen abzulösen, setzte Deutschland früh einen positiven Trend. Das Ergebnis jedoch enttäuscht: Trotz erhöhter Investitionen in Erneuerbare Energien ist der CO2-Ausstoß gestiegen. Die Deutschen haben vergangenes Jahr 12 Millionen Tonnen mehr CO2 produziert als noch 2012. Schuld daran ist der immer noch anhaltende Kohleboom, der wiederum mit dem Preisverfall für CO2-Zertfikate zusammenhängt. Dadurch lässt sich Strom aus Braunkohle besonders günstig erzeugen. Wenn weder die Sonne scheint noch der Wind weht, sind wir nach wie vor von der Kohle abhängig.

DEUTSCHLANDS ENERGIE­ WENDE FEHLT ES AN SCHWUNG Als wirtschaftsstärkstem Land innerhalb der EU fällt Deutschland eine besondere Rolle zu. Deutschland müsse dafür sorgen, dass ein europaweites und durchdachtes Übertragungsnetzwerk eingerichtet werde, fordert Martin Schumacher, Mitglied des ABB AG-Vorstands auf dem BDEW Kongress. Dazu gehöre etwa ein Nordlink nach Norwegen, um von der dortigen Wasserkraft profitieren zu können. Auch die anderen Diskussionsteilnehmer fordern ein europaweites Angehen. Es müsse ein neues Marktdesign geschaffen werden, betont Robert Durdilly, Präsident des Verbands der französischen Stromwirtschaft Union Française de l‘Electricité (UFE). Laut einer Studie vom Handelsblatt Research Institute ist Schweden am forschrittlichsten, was regenerative Energien betrifft: Es folgen Norwegen, Österreich und die Schweiz. Deutschland belegt Platz 8 von insgesamt 24 untersuchten Ländern, die nicht zuletzt vor allem von ihren geografischen Bedingungen profitieren, die den Umstieg auf Erneuerbare erleichtern. Wasser, Windkraft und Biomasse sind dort stark genutzte Energiequellen. Sogar Russland und die USA, eigentlich wenig bekannt für ambitionierte Energiepolitik, übertrumpfen Deutschland in einigen Punkten. So sind die Energiepreise in den USA besonders niedrig, während

\\ 6

PODIUMSDISKUSSION ZUM THEMA MARKTDESIGN.

hierzulande so viel Geld auf den Tisch gelegt werden muss wie in keinem anderen Land Europas. Beachtlich ist auch, dass die CO2-Emissionen Russlands niedriger sind als die in Deutschland.

DIE ZIELE DER ENERGIEPOLITIK Der energiepolitische Erfolg misst sich vor allem an drei Punkten, dem sogenannten Zieldreieck: Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit. Mit anderen Worten: Wie ökologisch wird der Strom hergestellt? Wie teuer ist er? Wie hoch ist das Risiko eines Stromausfalls? Fragen, die die Politik gestern ebenso beschäftigt haben, wie sie sie auch morgen werden. Ein Problem: Deutschland importiert mehr als 97 Prozent seiner Rohöl- und Erdgasbedarfe und ist somit fast vollständig von Ländern wie Russland abhängig. Auch wirtschaftlich zeigen sich Schwächen: Im europäischen Vergleich sind die Stromkosten in Deutschland, bedingt durch Steuern und Abgaben, am dritthöchsten. Hier müssen Verteilungsfragen neu disktutiert werden, um die Kosten der Energiewende fairer zu verteilen. Um wirklich umweltverträglich zu sein, müsste die Bundesrepublik auch die CO2Emissionen reduzieren.

DEUTSCHE ENERGIEWENDE MUSS GLOBAL GEDACHT WERDEN So sieht das auch BDEW-Geschäftsführerin Hildegard Müller. Sie setzt sich dafür ein, dass Europa sich zukünftig auf gemeinsame Prinzipien einigt. Dazu gehöre etwa ein Netzausbau. Noch wird die Energiewende-Debatte in Deutschland überwiegend national gedacht. 2011 beschloss die Bundesregierung den Ausstieg aus der Atomkraft im Alleingang. Eine Abstimmung innerhalb der europäischen Energiepolitik ist schon deshalb notwendig, da Deutschland bei einem Austritt auf die Speicherkapazititäten innerhalb Europas angewiesen ist. Müller betont, dass eine gemeinsame Lösung gebraucht wird. Doch eine einheitliche Energiepolitik ist bisher weder innerhalb der EU noch auf internationaler Weltbühne erkennbar: Während Deutschland also vermehrt in Erneuerbare Energien investiert, hängt Nachbarland Frankreich noch immer von Atomkraftwerken ab. Russland und die Ukraine planen den Neubau von mehr als zwanzig Reaktoren. Auch Japan beschloss erst vor kurzem den Wiedereinstieg in die Atomenergie. Polen nutzt überwiegend Kohle zur Stromerzeugung.

Foto: Anton Knoblach

„Um einen Schritt nach vorne zu gehen, müssten nationale Einzelmechanismen so koordiniert werden, dass für den Verbraucher am Ende das Beste herauskommt,“ argumentiert Marc Oliver Bettzüge, der Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln. Nur dann kann eine nachhaltige Energieerzeugung möglich werden, die uns allen und unseren Folgegenerationen hinweg nutzen wird.

Cora Gebel 22, Mainz steht unter Strom, wenn sie sich nicht eintscheiden kann, was hier stehen soll.


GEFÄHRLICHE ABHÄNGIGKEIT

EUROPA BEZIEHT EINEN GROSSTEIL SEINER ENERGIELIEFERUNGEN AUS RUSSLAND. WIE ABHÄNGIG IST DIE EU? WIE SCHNELL DROHT UNS DER BLACKOUT? VON NICOLA REITER

N 

atürlich sind auf dem BDEW Kongress 2014 die Perspektiven auf dem Stromund Gasmarkt Thema. Schließlich importieren die Länder der Europäischen Union ein Drittel des Öls und 39 Prozent des Erdgases aus Russland. Einige Mitgliedsländer, darunter Finnland und die baltischen Länder, sind besonders abhängig von russischen Rohstofflieferungen. Alternative Wege zu bestehenden Pipelines gibt es nicht. Um Gas aus anderen Regionen zu beziehen, müssten neue Pipelines gebaut werden. Notfallreserven gibt es kaum. Die EU hängt faktisch am russischen Gashahn. Anders beim Öl: Hier ist die Versorgung weit weniger problematisch, es wird größtenteils über den Seeweg geliefert, weshalb Lieferquellen und -wege relativ leicht ausgetauscht werden können.

GEFAHR VON LIEFERAUSFÄLLEN Der Ukraine kommt als Transitland eine Schlüsselrolle bei den Gaslieferungen von Russland nach Europa zu. Es kann

zu Versorgungsausfällen kommen, wenn Russland die Lieferungen einstellt, wie bereits 2006 und 2009 geschehen. Als Reaktion darauf hat die EU versucht, unabhängiger vom russischen Gas zu werden. Beispielsweise wurde der europäische Energiebinnenmarkt ausgebaut, weitere Maßnahmen werden noch diskutiert. Auf dem EU-Gipfel am 26. und 27. Juni 2014 beraten die Staatschefs über die Durchführung von „Stresstests“: Simulationen sollen Auskunft darüber geben, welche Folgen Lieferengpässe und –ausfälle haben können. Anhand dieser Ergebnisse sollen bis zum Winter Maßnahmen ergriffen werden, um Europas Energieabhängigkeit zu verringern. An eisigen Wintertagen benötigen die Länder der europäischen Union Erdgas, damit die Bevölkerung nicht in kalten Wohnungen sitzt. Denkbar wäre, die europäischen Gasvorräte aufzustocken und auf andere Brennstoffe umzustellen. Daher ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien ein Schritt in die Richtung einer autarken Energieversorgung.

NEUE WEGE GEHEN Die EU-Politiker streben an, die Infrastruktur auszubauen, die Energieeffizienz zu steigern und die eigenen Energieressourcen besser zu nutzen. Zu diesen Ressourcen gehört auch das umstrittene Schiefergas, das durch Fracking gewonnen wird. Außerdem sollen die Erdgas-Pipelines in beidseitige Richtungen ausgebaut werden. So können im Notfall osteuropäische Länder von westeuropäischen versorgt werden können. Mit Hilfe dieser „Reverse-Flow-Möglichkeit“ könnte auch in die Ukraine Gas importiert werden. In einem Telefoninterview mit politikorange sagte EU-Energiekommissar Günther Oettinger: „Die Ukraine ist unser Partnerland und wir werden alles tun, damit die Ukraine selbst mit Energie versorgt wird.“ Zudem wird die Diversifizierung der Energielieferanten angestrebt, konkret die Suche nach alternativen Transitändern und neuen Lieferrouten.

Ein weiterer Vorschlag kommt vom polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk. Er fordert die Bildung einer Europäischen Energieunion. Sie soll als geschlossener Energiekäufer auftreten und einen Solidaritätsmechanismus etablieren, der die Mitgliedsländer bei Engpässen unterstützt.

Nicola Reiter 18, München steht unter Strom, wenn sie ihre nächste Reise plant und es kaum mehr erwarten kann.

FRUCHTFLEISCH Wobei verlieren Sie die meiste Energie? »FASTFOOD«

»TRANSPORT«

DR. ULF DUNKER, 47 JAHRE GÜTERSLOH

JUDITH KNIPPER, 29 JAHRE FRANKFURT AM MAIN

BEI GESPRÄCHEN, DIE SICH NICHT AN DER LÖSUNG, SONDERN AM PROBLEM ORIENTIEREN.

WENN ICH FASTFOOD ESSE, WEIL DANN MEIN GEHIRN IN MEINEN MAGEN RUTSCHT.

Foto: European Commission

Fotos: Anton Knoblach

»ARBEIT«

GÜNTHER OETTINGER, 60 JAHRE STUTTGART/BRÜSSEL IN MEINEM BERUF IST MAN STÄNDIG UNTERWEGS: FLUGZEUG, ZUG, AUTO – ICH BIN IM TRANSPORT SEHR ENERGIE­ INTENSIV. MEIN FERNSEHKONSUM IST ABER SEHR ÜBERSCHAUBAR.

7 //


SPEICHERNDE PUMPE?

REGENERATIVE ENERGIEN BENÖTIGEN SPEICHERTECHNOLOGIEN, UM AUCH BEI SCHLECHTEN UMWELTVERHÄLTNISSEN DIE STROMVERSORGUNG ZU GEWÄHRLEISTEN. VON MAXIMILIAN GENS UND JULIAN KUGOTH

V 

or allem bei dem Einspeisen von regenerativem Strom ins Netz kann es dazu kommen, dass bei starkem Sonnenschein und gleichzeitigem starken Wind, oder einfach bei einem sehr niedrigen Stromverbrauch der Stromabnehmer ein Überangebot an Strom vorlliegt. Es muss also Strom irgendwie aus dem Netz genommen werden, Anlagen abgeschaltet oder einfach verbraucht werden. Letzere Möglichkeit nutzt ein Pumpspeicherkraftwerk aus. Wenn Strom verbraucht werden muss, wird dieser genutzt und eine Pumpe angetrieben, die Wasser von einem tief liegendem Becken in ein darüberliegendes befördert. Wenn dann wieder der Bedarf an Strom im Netz steigt, wird Wasser durch eine Turbine abgelassen und diese Turbine erzeugt mittels Generator Strom, welcher ins Netz gespeist wird. Außerdem kann es vorkommen, dass sich dieser Vorgang auf dem sehr stark schwankendem Strommarkt und einem sehr niedrigen Strompreis auch rentiert.

1

3

4

1 Speicherbecken 2 Auffangbecken 3 Druckrohrleitung 4 Ablaufleitung 5 Turbine 6 Generator 7 Pumpe

5 6 2 7

„KEINE NACHTEILE FÜR DIE NÄCHSTE GENERATION“

AM SCHALTHEBEL FÜR DIE ENERGIEWENDE IN EUROPA SASS BISHER GÜNTHER OETTINGER VON DER CDU. VIEL ZU TUN. DOCH MIT POLITIKORANGE TELEFONIERTE ER KURZ. INTERVIEW VON DORIT KRISTINE ARNDT HERR OETTINGER, ENERGIE, ENERGIEWENDE, EUROPA – DAS SIND FÜR VIELE JUNGE LEUTE ABSTRAKTE THEMEN, DIE WEIT WEG SIND. WIE VERSUCHEN SIE ALS EU-KOMMISSAR, JUNGE MENSCHEN DAFÜR ZU BEGEISTERN?

SIE WAREN NUN EINE LEGISLATURPERIODE LANG EU-KOMMISSAR FÜR ENERGIE. WENN SIE ZURÜCKBLICKEN: WAS WAR IHR GRÖSSTER ERFOLG, VON DEM SPEZIELL DIE JUNGE GENERATION PROFITIEREN KANN?

EUROPA IST WICHTIG, ENERGIETHEMEN SIND WICHTIG – SIE BESETZTEN QUASI DIE SCHALTSTELLE DER ZUKUNFT. WEM FÜHLEN SIE SICH MEHR VERPFLICHTET: DER WIRTSCHAFT VON HEUTE ODER DER GENERATION VON MORGEN?

Energie ist die Grundlage für das tägliche Leben: Keine Kälte, keine Wärme, keine Sicherheit, keine Industrie, keine Maschinen, keine Haushaltsgeräte, keine Mobilität, keine Gesundheit ohne Energie. Deswegen geht es darum, durch eine kluge Energiestrategie drei zentrale Ziele zu erreichen: Versorgungssicherheit, Umweltfreundlichkeit und Bezahlbarkeit. Die europäische Energiestrategie, die wir verfolgen, zieht natürlich die unterschiedlichen Potenziale unserer Mitgliedsstaaten in Betracht.

Wir haben erstmals die europäische Landkarte mit einem europäischen Energienetz und konkreten Projekten geplant: Dabei geht es zum Beispiel um grenzüberschreitende Stromund Gasnetze, gemeinsame Gasspeicher und Terminals für Flüssiggas. Wir arbeiten an einem europäischen Energienetz, das in den nächsten Jahren verwirklicht werden soll, um hohe Qualität und ausreichend Kapazität bereitzustellen. Das Ziel ist es, dass für Energie hinsichtlich der Mobilität die gleichen Möglichkeiten entstehen sollen wie für Autos, Lastkraftwagen, Schiffe oder Schienenfahrzeuge.

Wenn man Generationengerechtigkeit ernst meint, dann sollte man nicht eine Generation gegen die andere ausspielen. Wir brauchen eine starke Wirtschaft und kluge Energiestrategien für die Gegenwart. Umgekehrt brauchen wir Investitionen in die Zukunft, damit für die nächsten Generationen keine Nachteile entstehen.

\\ 8


FRACKING: EINE UMSTRITTENE FÖRDERTECHNIK

MIT SEINEM GESETZENTWURF ZUM FRACKING IN DEUTSCHLAND HAT ES BUNDESENERGIEMINISTER SIGMAR GABRIEL OFFENBAR RECHT EILIG. NICHT OHNE GRUND – DIE GASFÖRDERUNG IST UMSTRITTEN. VON JULIAN KUGOTH UND JENS MOGGERT

W 

ährend Müller, Lahm, Özil und Co. in Brasilien die meisten von uns in kollektive Jubelstürme versetzen, könnte eine heiß diskutierte Gesetzesvorlage in den Deutschen Bundestag gebracht werden. Im Schatten der Fußball-WM plant Bundeswirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) die Einführung von Fracking in Deutschland. Das geht aus seinem Schreiben an Dr. Gesine Lötzsch (Die Linke), Vorsitzende des Haushaltsausschusses, hervor. Die unkonventionelle Gasgewinnung soll unter strengen Auflagen genehmigt werden. Vor der Genehmigung der Fördermethode sollen umfangreiche Umweltverträglichkeitsprüfungen angefertigt werden. In Wasserschutzgebieten soll die Technik vollständig verboten bleiben. „Weitergehende Anforderungen an das FrackingGenehmigungsverfahren werden noch intern geprüft“, so Gabriel Anfang diesen Monats.

Interessant ist die zeitliche Nähe des Vorhabens zu der Ukraine-Gas-Krise. Dank dieser Energiegewinnung wäre Deutschland in der Tat unabhängiger von russischen Gasimporten. Denn auf diese ist Westeuropa noch zu einem großen Teil angewiesen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt wären die im Land verbleibenden Investitionen. Auch Arbeitsplätze könnten generiert und das Know-how der Ingenieure vor Ort in diesem Fachgebiet erweitert werden.

FRACKING IN DEN USA – SCHON LANGE ERFOLGREICHE PRAXIS In den USA ist Fracking schon seit den 1980er Jahren etabliert und gesellschaftlicher Konsens. In der Folge führte der ungewöhnliche Gas- und Ölabbau zu einem regelrechten amerikanischen Schiefergasboom. Die Vielzahl an Vorhaben führte

zu fallenden Gaspreisen. Dadurch sank auch die Wirtschaftlichkeit der Projekte. Die Förderbedingungen in den USA nehmen allerdings eine Sonderstellung ein und sind nicht mit jenen in der EU vergleichbar.

EMPFEHLENDE MINDESTSTAN­ DARDS DER EU In Europa wird Fracking in Polen praktiziert. Die Regierung Großbritanniens plant ebenfalls in Zukunft die unkonventionelle Technik weiter auszubauen. Das belegen besonders niedrige Steuern aus Gewinnen der Gasförderung. Sie sollen bei 30 Prozent liegen und das Vereinigte Königreich zum europäischen FrackingParadies für Chemiekonzerne machen. Diese freuten sich auch über eine Anfang dieses Jahres erlassene Richtlinie der EUKommission: Sie sieht Mindestanforderungen bei der Schiefergasförderung vor. Mögliche Umweltrisiken sollen demnach umfassend geprüft werden, außerdem soll die Öffentlichkeit umfassend informiert werden. EU-Umweltkommissar Janez Potočnik verweist auf die Mitgliedsstaaten: Wollen sie Fracking ermöglichen, sollen sie gesundheitliche Bedenken ausräumen und Betreibern und Investoren die Planungssicherheit gewährleisten, die sie benötigen. Eine Empfehlung also, die nicht mit einer verpflichtenden Regelung gleichzusetzen ist. Europäische Gesetze gegen die viel diskutierte Technologie sind nicht in Sicht. In einzelnen Staaten wie Frankreich und Bulgarien ist Fracking aufgrund der Umweltrisiken dennoch inzwischen verboten.

I NFOR MATI ON Fracking bezeichnet eine Methode zur Förde­ rung von Erdgas oder Erdöl, das nicht konventionell gefördert werden kann. Sie kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn die Rohstoffe in Gesteinsschich­ ten liegen, die mehrere tausend Meter unter der Erde zu finden sind und aus denen sie nicht einfach gewonnen werden können. Um diese im Stein befindlichen Rohstoffe (meist in Schie­ fergestein) zu gewinnen, werden tiefe Bohrungen durchgeführt, dann wird ein Gemisch aus Wasser, Quarzsand und Chemikalien unter hohem Druck (mehreren hundert Bar) in diese Boh­ rungen gepumpt. So entstehen Risse die den Gas- bzw. Ölabfluss ermög­ lichen. Abgeleitet wird das Wort vom englischen Begriff: Hydraulic Fractu­ ring, von engl. to fracture = hydrau­ lisches Aufbrechen.

Auch Julia Verlinden, die Energieexpertin der Grünen-Fraktion protestiert gegen Gabriels Vorhaben. Ziehe man die ausgeschlossenen Wasserschutzgebiete ab, wäre Fracking immer noch auf 86 Prozent der Landesfläche möglich. Letztlich können wir alle gespannt sein, ob und wann sich der Bundestag mit der Thematik beschäftigt. Fakt ist, dass die Bundespolitiker pünktlich zum möglichen WM-Viertelfinale von Jogis Jungs am 4. Juli zum letzten Mal vor der Sommerpause zusammentreffen und über etwaige Gesetzesvorlagen debattieren.

PROTESTE VON UMWELTVER­ BÄNDEN UND DER OPPOSITION

OB FRACKING SCHÄDLICH IST, IST NICHT ABSCHLIESSEND GEKLÄRT

Foto: Anton Knoblach

Der größte Widerstand gegen diese Form der Förderung von Gas und Öl geht von Umweltschutzverbänden aus. Aufgrund der eingesetzten Chemikalien könne es laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zu einer Trinkwasserverschmutzung kommen und die Beseitigung des verunreinigten Abwassers sei oftmals sehr schwierig. Außerdem wird befürchtet, dass klimaschädliches Methan beim Gewinnungsprozess austreten könnte, oder dass die Bohrungen Erdbeben auslösen könnten. Daher hat der BUND eine Online-Petition gegen das eventuell kommende Gesetzesvorhaben gestartet. „Sie ist eine Kooperation mit Campact, bei der wir als einer von vier Partnern mit an Bord sind“, sagt BUND-Pressereferentin Ramona Simon. Die weiteren Beteiligten sind der „Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz“ und die „Korbacher Resolution der Bürgerinitiativen gegen Fracking“.

Jens Moggert 23, Jena Julian Kugoth 21, Olpe stehen unter Strom, wenn der Tag wieder nur 24 Stunden hat.

9 //


11 ENERGIEQUELLEN MÜSST IHR SEIN

WA SSER

SCHON TRAINERLEGENDE BILL SHANKLY WUSSTE: „IM FUSSBALL GEHT ES NICHT UM LEBEN UND TOD – ES GEHT UM MEHR.“ DIE ENERGIEWENDE IST FAST GENAUSO WICHTIG. JOHANNES KOLB PRÄSENTIERT DIE AUFSTELLUNG DER DEUTSCHEN ELF.

Obwohl er älte der Energiegew er enorm frisch durch große Ver Umweltfreundlic Fische und dere gen diesen Spie

W IN DEN ERG IE

Spielanteil: 3,4

An guten Tagen entscheidet der hocheffiziente Techniker Partien fast im Alleingang mit seinem besten Freund, der Photovoltaik. Unter den jungen, wilden Spie­ lern ist er die Nummer Eins.

Prognose: We Spielsituation ( mung, Staudäm setzt werden kan ihn noch oft zurü

ER DGA S

Spielanteil: 7,9 % ä Prognose: Jeder mag diesen Spieler, vor der eigenen Haustür möchte man ihn jedoch nicht se­ hen. International wird er immer wichtiger.

PHO T O VO LTAIK

Als klassischer Sprinter kann er jederzeit eingreifen, wenn die Stürmer keine Leistung bringen. Im modernen Energiefußball braucht man ihn, durch immer kürzere Einsatzzeiten rentiert er sich jedoch selten. Spielanteil: 10,5 % § Prognose: Weil er oft zu po­ litischen Problemen führt und teuer ist, möchte man von ihm unabhängiger werden.

Unglaublich, wie sich dieser Spieler in den letzten Jahren ent­ wickelt hat! Mit solch einer Stei­ gerung hat niemand gerechnet. Größte Schwäche: Er ist ein rei­ ner Schönwetter-Fußballer.

BI O

Spielanteil: 4,5 % ä Prognose: Seine Bedeutung wird weiter steigen. Wenn es gelingt, dass er mit Windkraft und dem jungen Torwart perfekt kooperiert, ist die Umstellung unseres Spielsystems schon fast gelungen.

\\ 10

Ein zuverlässige bringt konstante lerdings nicht un Spielanteil: 6,8

Prognose: Die batte hat ihm zug sen eindeutige R werden, damit e denkenlos eing kann.


R E N E RG IE

ester Spieler in winnung ist, wirkt h. Zeichnet sich rlässlichkeit und chkeit aus. Nur en Freunde mö­ elertyp nicht.

B RAUN K O HLE

M IN E R A L Ö L

Spielanteil: 25,8 % æ Prognose: Sein Spielertyp wird immer weniger gefragt. Zu dre­ ckig und unflexibel.

eil er in jeder (Gezeiten, Strö­ mme,...) einge­ nn, wird man auf ückgreifen.

Obwohl schon recht betagt, nach wie vor der meistbeschäf­ tigte Spieler.

Kann schnell in die Bresche springen, ist allerdings auch teuer und muss importiert wer­ den. Er gilt als wichtigste Kraft der Primärenergie.

AT O M K RAFT SPEICHERTECHNOLOGIEN

Spielanteil: ~ 2 % § Prognose: Für das Strom-Team eher ungeeignet, daher wird er sich hier nicht weiterentwickeln.

S IE DL UN GS A BFÄ L L E

Superstark, mordsgefährlich und daher von Gegnern stark gefürchtet. Bringt enorme Lei­ stung, einmal in Fahrt ist er je­ doch nur schwer zu stoppen. Spielanteil: 15,4 % æ Prognose: Sein Kollege in Fukushima hat den Ruf dieses Spielertyps nachhaltig ruiniert. Daher muss er 2022 endgültig vom Platz.

O G AS

Bringt absolut zuverlässige Leistung, allerdings nur in sehr begrenztem Maß. Für die Mann­ schaft im Gesamten nicht be­ sonders wichtig.

Als jüngsten Spieler kann man ihn noch nicht rentabel einset­ zen. Im Notfall soll er einsprin­ gen und den Kollaps verhindern. Spielanteil: ± 0 % ä Prognose: Auf ihm ruhen die größten Hoffnungen. Schafft er es, nur 24 Stunden lang die Leistung des Teams zu sichern, sind unsere heutigen Spielpro­ bleme Geschichte.

S T EIN K O HLE

Spielanteil: 0,8 % § Prognose: Kann sich nicht mehr steigern.

er Charakter. Er e Leistung, ist al­ numstritten. %§

e Teller-Tank-De­ gesetzt. Es müs­ Regeln gefunden er weiterhin be­ gesetzt werden

Seine großen Zeiten liegen schon lange hinter ihm. Spielanteil: 19,7 % æ Prognose: Zu langsam, zu teu­ er und dabei schlecht für die Umwelt. Nur noch als Reserve benötigt.

Datenquelle: AG Energiebilanzen vom BDEW e.V. Hintergrund: haddewig.de Grafiken: Maximilian Gens

11 //


WIE VIEL KOSTET DIE ZUKUNFT?

VIER VERSCHIEDENE BLICKWINKEL AUF DIE ENERGIEWENDE: UNTER DER MODERATION VON TAZ-REDAKTEUR INGO ARZT DISKUTIERTEN 4 EXPERTEN ALS VORBEREITUNG AUF DEN BDEW KONGRESS 2014. VON ISABELLA GREENE UND JULIAN KUGOTH

AKTIV BEIM KAMINGESPRÄCH: BERTOLD MEYER, DR. BARBARA PRAETORIUS, MODERATOR INGO ARZT, FRIEDRICH SEEFELDT UND VOLKER HOLTFRERICH (V.L.N.R.)

Z 

wei Tage nach Sommeranfang flackerte Montagabend ein Feuerchen im Konferenzraum der Amadeu-AntonioStiftung. Obwohl das Feuer nur virtuell auf dem Bildschirm knisterte, rahmte es das angekündigte Kamingespräch und lockerte die Stimmung auf. Es ging um die Frage: „Schaffen wir die Energiewende und wenn ja, wozu?“. Hier diskutierten Barbara Praetorius aus dem Thinktank Agora Energiewende, Bertold Meyer, Bürgermeister von Bollewick, einem Bioenergiedorf in Mecklenburg-Vorpommern, der Vize-Chef der Prognos AG Friedrich Seefeldt und Volker Holtfrerich vom BDEW. Moderiert wurde das Ganze von Ingo Arzt, Journalist bei der taz.

WO STEHEN WIR? Der Startschuss fiel mit der Frage: Wo steht Deutschland eigentlich in der Energiewende? Übereinstimmend stellten die Diskussionsteilnehmer fest: Im Bereich der Stromversorgung sei viel passiert. Was oft aus dem Blick gerate, sei die Tatsache, dass sich beim Thema Energiesparen kaum etwas getan habe. Für Bollewicks Bürgermeister Meyer kann die Energiewende gar nicht schnell genug gehen. BDEW Vertreter Holtfrerich hingegen bremste diese Euphorie. Mit dem Hinweis auf Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit plädierte er für eine wohldurchdachte und nicht überhastete Umstellung auf Erneuerbare Energien. Bisher hätten die großen Energieversorger ihr System nicht schnell genug auf den neuen Markt umstellen können. Ob-

\\ 12

wohl er die Interessen der Energieversorger vertrat, räumte Holtfrerich ein: Sie hätten den Wandel etwas verschlafen. Er wies auch der Politik eine Mitschuld zu. Die Politiker hätten keine ausreichenden finanziellen Anreize für die Energieriesen gesetzt.

KLEINE LEUTE UND STROMKONZERNE Für den kleinen Anleger hingegen war die Umlage Grund genug, um in diesen Sektor zu investieren. So geschehen bei Meyers Biodorf. Für ihn ist die Energiewende ein gesellschaftliches Gesamtkonzept und könne nur durch einen Kulturwandel angestoßen werden. In seinen Augen ist die Energiewende ein Projekt der kleinen Leute. Deshalb ist es ihm ein besonderes Anliegen, die Bürger mitzunehmen. Das Dorf Bollewick zeige, dass eine dezentrale Energieversorgung möglich sei – und das alleine auf Initiative von Bürgern. Wo früher der Strom ausschließlich von großen Kraftwerken über das Netz an die Haushalte geliefert wurde, gibt es heute viele kleine, dezentrale Energie-Einspeiser.

DEUTSCHLANDS CHANCE IN DER ENERGIEWENDE Barbara Praetorius sieht Deutschland in einer Vorreiterrolle. Die Bundesrepublik habe die Chance, die Energiewende weltweit voranzutreiben. Ein Beispiel hierfür sei die enorme weltweite Entwicklung bei Photovoltaik-Anlagen, mitfinanziert

durch das EEG und durch Deutschland. Doch jetzt müsse eine Reform dieses Erneuerbare-Energien-Gesetzes her, die auch langfristige Investitionssicherheit für die betroffenen Unternehmen schaffe. Prognos Vize-Chef Friedrich Seefeldt sprang ihr bei. „Für die einzelnen Unternehmen muss die Energiewende betriebswirtschaftlich realisierbar sein“, machte er deutlich. Ebenso warnte er davor, sich zu viel Zeit für den Umstieg zu lassen. Wenn die fossilen Brennstoffe immer knapper und die Preise exorbitant hoch werden, sind wir in unseren Möglichkeiten extrem eingeschränkt.

Foto: Anton Knoblach

stens 80 bis 90 % Erneuerbaren Energien zusammensetzt. Bollewick macht es vor: Meyer sieht auch kein Problem darin, die 100 % an Erneuerbaren Energien zu erreichen. Obwohl sich die Diskussion hauptsächlich auf die Situation in Deutschland konzentrierte, wünschten sich die Teilnehmer der Runde ein Stromnetz, das die Ländergrenzen übersteigt und so flexibel mit den Belastungen umgehen könne. Deswegen ihr Appell: ein europäisches Stromnetz für eine stabile Energieversorgung.

SYSTEMKOSTEN UND EEG In einem Punkt waren sich die Energieexperten dann doch einig: Die stärkste politische Sprengkraft läge in der Frage nach einer Neuverteilung der Kosten der Energiewende und inwieweit Eigenstromversorger sich an den Systemkosten beteiligen müssten. Denn auch sie sind Nutznießer des gesamten Stromnetzes. Systemkosten ergeben sich deutschlandweit aus dem Netzausbau und der Instandhaltung des Stromnetzes. Auch Eigenstromverbraucher verlassen sich auf das Netz, wenn ihr Energiebedarf nicht mit ihren regenerativen Erzeugungsmöglichkeiten gedeckt werden kann.

ZUKUNFT DER BRANCHE Für die Zukunft wünschten sich die Teilnehmer unseres Kamingesprächs im Konsens einen Strommix, der sich aus minde-

Isabella Greene 25, Berlin Julian Kugoth 21, Olpe stehen unter Strom, wenn sie offline sind.


G LO S S E

ÖKO IST DAS NEUE SEXY

IMMER ÖFTER TRIFFT MAN IM BIO-SUPERMARKT UM DIE ECKE AUF MENSCHEN MIT JUTETASCHE. IHR AUSSEHEN SPIEGELT DIE DOPPELMORAL UNSERER GESELLSCHAFT WIDER. EINE GLOSSE VON ROMY ACKERS UND NICOLA REITER

W 

enn wir alle zusammenhalten, können wir die Welt sauberer und gesünder machen“, verkündete Arnold Schwarzenegger auf der Konferenz seiner Klimaschutzorganisation R20 vor einem Jahr. Die Tatsache, dass der ehemalige „Terminator“ es sich nicht nehmen lässt, mit dem Privatjet um die Welt zu fliegen, ist dabei nur ein kleiner Schönheitsfehler. Umweltbewusstsein ist chic, öko ist sexy. Leonardo DiCaprio, der auf seiner Homepage Umwelttipps gibt, wurde von der Zeitschrift Glamour auf Platz 2 der heißesten Öko-Promis gewählt. Nur das Scientology-Pärchen Katie Holmes und Tom Cruise zieht bei diesem Trend nicht mit und wird deshalb immer noch als „Emission Impossible“ bezeichnet. Nicht nur bei den Stars und Sternchen dieser Welt liegen Umweltthemen im Trend. Laut einer Umfrage des BDEW halten 90 Prozent der Deutschen die Energiewende für sehr wichtig. Erneuerbare Energien sind

bei uns ganz weit vorne – kein Wunder, stein“ vielleicht doch nicht so bedeutend denn die Anti-Atom-Buttons machen sich ist, lässt sie dabei elegant unter den Tisch ja auch wirklich gut auf den Jutebeuteln fallen. und ergänzen den hippen Öko-Look. Vor Wir als Menschen fühlen uns gut, allem bei der jungen Generation liegen wenn wir gerade im veganen Bio-Restaudiese politisch aufgeladenen Accessoires rant die Welt retten. Die Fahrt mit dem im Trend. Vegetarische Restaurants und Porsche zum Restaurant blenden wir Bio-Baumwolle sind beliebt und hip – aus. Ein Happs Tofu, unser Gewissen ist aber selbstverständlich auch die Ener- besänftigt und wir können nachts ruhig giefresser Smartphone und Laptop. Wir schlafen. brauchen sie, um zu beweisen, wie öko Öko-Sex-Appeal für mich und die wir sind, posten damit Selfies mit der Firma, dann schimmert alles im grünen neuesten Öko-Kleidung und aktualisieren Schein der Ökoromantik. Jüngst empfahl unseren Blog von unserem Gap-Year im das Magazin Cosmopolitan in einem ArtiRegenwald. Ein Widerspruch? Nein. Die kel über Ökoromantik beispielsweise das Unternehmen machen es doch vor: Image gemeinsame Duschen zum Wassersparen ist alles. –­­­­­­­­­­­ so einfach kann Umweltschutz sein. Die Deutsche Bahn AG brüstet sich Ein schlecht beheizter Raum oder damit, einen „Meilenstein in Sachen Kli- die Fahrt mit dem Bus vom Date nach maschutz“ zu setzen, indem sie ihre Züge Hause machen ja auch wirklich jegliche mit Ökostrom fahren lässt. Dass dadurch Ökoromantik zunichte. Energiesparen weniger Ökostrom in das normale Strom- wird überbewertet. Und vielleicht wird ja netz eingespeist wird und dieser „Meilen- doch noch alles gut. Schließlich bringen

vierblättrige Kleeblätter Glück und Arni hat schon einmal als Terminator die Welt gerettet. Also vertrauen wir einfach auf ihn: „Gemeinsam können wir die Zerstörung der Umwelt stoppen“.

Romy Ackers 21, Köln Nicola Reiter 18, München stehen unter Strom, wenn sie sich voller Energie auf einen neuen Artikel stürzen.

FRUCHTFLEISCH Auf welchen Energiefresser könnten Sie am ehesten verzichten und warum?

Fotos: Anton Knoblach

»WÄSCHETROCKNER«

»SORGLOSIGKEIT«

»MOTORRAD«

SUSANNE TRAUTZSCH, 62 JAHRE BERLIN

JÜRGEN MORITZ, 61 JAHRE WOLFRATSHAUSEN

HILDEGARD MÜLLER, 46 JAHRE BERLIN

AUF DEN WÄSCHETROCKNER, DEN BRAU­ CHE ICH EIGENTLICH NICHT.

AUF EIN MOTORRAD, DA ICH 61 JAHRE ALT BIN UND ES TÖDLICH ENDEN KÖNNTE.

DER GRÖSSTE ENERGIEFRESSER IST NACH WIE VOR DER ALLGEMEIN SORGLOSE UMGANG MIT ENERGIE.

13 //


Z UR PERSON Fabian Neumann (21) ist Auszubildender im zweiten Ausbildungsjahr zum Elektroniker f端r Betriebstechnik bei Vattenfall in Berlin. politikorange hat mit ihm gesprochen, um die beruflichen Perspektiven im Energiesektor ken足 nenzulernen.

Foto: Anton Knoblach

\\ 14


»ELEKTRONIKER FÜR BETRIEBSTECHNIK IST GENAU DAS RICHTIGE FÜR MICH« WENN GUT BEZAHLTE JOBS UNBESETZT BLEIBEN

UM DIE ENERGIEWENDE ZU STEMMEN, WERDEN ZUKÜNFTIG VIELE NACHWUCHSKRÄFTE BENÖTIGT. DOCH GENAU DIE FEHLEN, SAGEN DIE WIRTSCHAFTSVERTRETER DER BRANCHE. WIE ES UM DEN NACHWUCHS BESTELLT IST, FRAGT JANA SCHMIDT DEN AUSZUBILDENDEN FABIAN NEUMANN.

FABIAN, WIE BIST DU ZU DEINER AUSBILDUNG GEKOMMEN?

GIBT ES EIGENTLICH VIELE WEIBLICHE AUSZUBILDENDE?

Ich habe das Gymnasium besucht und mich nach der zehnten Klasse an einem Oberstufenzentrum beworben, wo ich mein Fachabitur im Bereich Elektrotechnik erfolgreich bestanden habe. Während eines einjährigen Praktikums konnte ich in die verschiedensten Tätigkeitsbereiche des Elektronikers reinschnuppern. Da habe ich gemerkt, dass ich das später machen möchte und mich daraufhin bei großen Firmen beworben, unter anderem hier bei Vattenfall.

Im technischen Bereich sind sie leider an einer Hand abzuzählen. Das ist nicht nur für uns Jungs schade, sondern generell für den Betrieb Vattenfall und für andere Unternehmen, die nach weiblichen Fachund Führungskräften suchen. Das Problem ist wahrscheinlich, dass sich Frauen nicht an die technischen Berufe trauen. Da wäre es gut, wenn sie durch Praktika einen Einblick bekommen könnten.

WARUM HAST DU DICH FÜR DEN ARBEITGEBER VATTENFALL ENTSCHIEDEN?

WAS HAST DU NACH DEINER AUSBILDUNG GEPLANT?

Im Vorfeld habe ich mich über das Unternehmen informiert und war begeistert von den Informationen, die ich über die Ausbildung bekommen habe. Außerdem war es mein persönlicher Wunsch, in ein größeres Unternehmen zu gehen. Die Tatsache, dass Vattenfall im technischen Bereich eine sehr gute Ausbildung bietet, war letztendlich ausschlaggebend.

WAS GEFÄLLT DIR NACH ZWEI JAHREN AUSBILDUNG AM BESTEN? Was mir sehr gefällt ist, dass man später die Möglichkeit hat, die Außendienststellen zu besuchen. Das heißt, dass man nicht nur in einem kleinen Betrieb mit den gleichen ein, zwei Aufgaben arbeitet, sondern dass man sehr viele Bereiche durchlaufen kann und unterschiedliche Aufgaben gestellt bekommt. Ich spezialisiere mich nicht auf eine einzige Sache, sondern habe ein breites Spektrum. Dadurch habe ich die Möglichkeit, mich nicht nur auf einen Bereich festzulegen. Es macht mir hier viel Spaß und durch die Ausbildung werde ich gut auf meinen späteren Beruf vorbereitet.

WELCHE VORAUSSETZUNGEN MUSS MAN DEINER MEINUNG NACH HABEN, UM ELEKTRONIKER FÜR BETRIEBSTECHNIK ZU WERDEN? WELCHE FÄCHER SIND IN DER SCHULE WICHTIG? Ich habe vor allem gemerkt, dass man sich für seinen Beruf begeistern muss. Das ist ja eigentlich in jedem Beruf so, aber beim Elektroniker besonders. Außerdem hat mir in der Schule das Fach Elektrotechnik weitergeholfen, in dem mir die Grundlagen beigebracht wurden. Dazu gehören Mathematik, Physik und auch Sozialkunde.

Mein großes Ziel ist es, bei Vattenfall zu bleiben. Wenn möglich mit einem Festvertrag. Der Vorteil wäre, dass ich mich weiterbilden könnte. Es gibt die Möglichkeit Kurse zu belegen oder zu studieren: Zum Beispiel den Bachelor of Engeneering oder den Bachelor in Elektrotechnik in einem dualen Studiengang.

VATTENFALL BEZIEHT IN DEUTSCHLAND LAUT EIGENEN AUSSAGEN SEINE ENERGIE ZU CA. 60% AUS FOSSILEN ENERGIEN UND ZU CA. 40% AUS ERNEUERBAREN ENERGIEN. SPEZIALISIERST DU DICH WÄHREND DEINER AUSBILDUNG AUF EINE BESTIMMTE ENERGIEUMWANDLUNG?

ist es wichtig über regenerative Energien Bescheid zu wissen. Ich persönlich denke, dass jeder Mensch, und auch die Energiebetreiber, sich das Ziel setzen sollten, mehr auf diese Sachen zu achten und die Umwelt zu schützen.

BEZIEHST DU SELBST STROM AUS ERNEUERBAREN ENERGIEN? Im Grunde macht das jeder. Der Strom, den wir aus der Steckdose bekommen, ist so eine Art Mischstrom. Energie wird in ein Netz eingespeist, aus einem Kraftwerk der fossilen Energien und gleichzeitig aus einem Kraftwerk der Erneuerbaren Energien. Der Strom, der aus der Steckdose kommt, weiß nicht, ob er grün oder blau ist oder wo er herkommt. „Grüner Strom“ an sich ist halt Werbung. Dadurch finanziert man eventuell ein bisschen mehr den Teil der regenerativen Energien. Je mehr man also Erneuerbare Energien nutzen kann, desto weniger werden die anderen Energiequellen genutzt. Aber dass man wirklich 100 % Strom aus Erneuerbaren Energien nutzen kann, sehe ich heute noch nicht.

ABER IN DER ZUKUNFT VIELLEICHT? Vielleicht. Die Zukunft kann natürlich Vieles bringen.

Ich warte, repariere und erweitere Anlagen. Da ist es im Grunde egal, ob das Kraftwerk die Energie aus fossilen oder aus Erneuerbaren Energien bezieht. Der Ablaufprozess ist meistens der gleiche. Wenn man sich auf die einzelnen Bereiche spezialisieren will, kann man das im Studium machen.

WIE STEHST DU PERSÖNLICH ZUR AKTUELLEN DEBATTE DER ENERGIEWENDE UND ZUR IMMER GRÖSSER WERDENDEN BEDEUTUNG DER NACHHALTIGKEIT? Das ist so eine Sache, die genau unsere Generation stark betrifft. Es ist nicht mehr so, dass man sagt: „Wir verbrennen jetzt so viel Kohle, wie wir wollen“. Wenn man sich mit dem Thema nicht auseinandersetzt, dann kann einem das egal sein. Aber wenn man sich für so einen Beruf entscheidet und weiß, es geht um Energie, Technik und auch ein bisschen Wirtschaft, dann

Jana Schmidt 21, Berlin steht unter Strom, wenn sie mal wieder mit ihren Entscheidungsproblemen zu kämpfen hat.

15 //


EINMAL GRÜNES GEWISSEN BITTE

ES KLINGT FAST ZU SCHÖN, UM WAHR ZU SEIN: VÖLLIG CO2-NEUTRALER KONSUM IST BEREITS HEUTE MÖGLICH, OHNE KOMFORTVERLUST UND OFTMALS SOGAR OHNE AUFPREIS. ZUMINDEST AUF DEM PAPIER. VON JOHANNES KOLB

Foto: Anton Knoblach (Montage)

GRÜNER STEMPEL IST NICHT GLEICH GRÜNES GEWISSEN

A 

lle Bahncard-Inhaber müssen sich über den ökologischen Fußabdruck bei Zugfahrten keine Sorgen mehr machen. Sie fahren garantiert mit 100 Prozent Ökostrom. Die Rabattkarte der Deutschen Bahn ist jetzt nicht mehr rot, sondern – passend zum neuen Umweltbewusstsein – grün. Darf man sich also als Inhaber einer solchen Karte als Klimaretter fühlen? Ist man den anderen Fahrgästen gar moralisch überlegen? Leider nicht, denn eine vollständige Versorgung der Bahncard-Inhaber mit grünem Strom existiert lediglich in der Theorie. Tatsächlich wird der Strom aus erneuerbaren Quellen in das Bahnnetz eingespeist, konkret aus deutschen Wasserkraftwerken, betrieben von Eon und RWE. Rund fünf Millionen Bahncard- und Streckenzeitkartenkunden können so rechnerisch mit Ökostrom, gewonnen aus deutschen Flüssen, fahren. Die CO2Bilanz der Bahn verbessert sich, im übrigen Stromnetz fehlt dieser Strom dann allerdings. Das Plus an Nachhaltigkeit im Bahnnetz wird durch das entsprechende Minus in den anderen Leitungen erkauft. Zudem gilt: Der Hauptenergiebedarf der Deutschen Bahn, dem bundesweit größtem Stromverbraucher, wird nach wie vor durch fossile Energieträger gedeckt.

HIER VERBRAUCHEN, WOANDERS SPAREN Auch andere Unternehmen erkaufen sich das Prädikat „Ökostrom“. DHL beispielsweise möchte als weltweit größter Logistikdienstleister mit dem Programm „GoGreen“ die eigene Klimabilanz verbessern.

\\ 16

Alle Privat- und Geschäftskunden können so – ohne zusätzliche Kosten – ihre Postsendungen CO2-neutral verschicken. Das Prinzip dahinter ist der sogenannte CDM (Clean Development Mechanism), der auf dem Weltklimagipfel in Kyoto beschlossen wurde. Demzufolge darf Treibhausgas aus Industrieländern durch ausgelagerte Klimaprojekte in Entwicklungsländern neutralisiert werden. Schließlich machen Emissionen nicht vor Ländergrenzen halt. Wenn DHL pro zugestelltem Brief zirka 29 Gramm CO2 emittiert, muss die entsprechende Menge an anderer Stelle eingespart werden. Ein solches Projekt der Deutschen Post findet zum Beispiel in Uganda statt. Dort unterstützt der Logistik­ dienstleister örtliche Wiederaufforstungsprojekte. Die in Uganda gebundene Menge an CO2 wird mit anderswo ausgestoßenen Treibhausgasen verrechnet, diese sind dann egalisiert. Denn, wie im Kyoto-Protokoll richtig festgestellt wurde: Es ist unerheblich, wo auf der Welt CO2 eingespart wird.

WIN-WIN-SITUATION, ABER AUCH MOGELPACKUNG Projekte wie die Wiederaufforstung in Uganda sind jedoch nicht nur gut für die CO2-Bilanz von DHL. Auch die Menschen vor Ort bekommen für jeden gepflanzten Baum Geld und werden weiterhin an dem Emissionshandel verdienen. Außerdem wird eine verbesserte Ausbildung der lokalen Bauern unterstützt. Der Emissionshandel ist also wirklich eine Win-Win-Situation für beide Seiten: Strukturschwache Regionen in Entwick-

lungsländern werden gefördert und durch umweltfreundliche Projekte wie Aufforstung oder dem Bau von Wasserkraftwerken aufgewertet. Für die Unternehmen verbessert sich die Umweltbilanz und dadurch massiv ihr Image. Dennoch steckt hinter dem Handel mit CO2-Zertifikaten eine gewisse Mogelpackung. Jedes Gramm CO2, das in Deutschland ausgestoßen wird, gelangt in die Atmosphäre. Wenn gleichzeitig ein Wasserkraftwerk in China die entsprechende Energiemenge emissionsfrei herstellt, wird das deutsche Klimagas dadurch natürlich nicht neutralisiert. Auf dem Papier ist jedoch genau das der Fall. Nur durch Wiederaufforstungsprojekte wird tatsächlich CO2 gebunden. Bei weniger gut informierten Kunden erweckt das Siegel „100 Prozent CO2-neutral“ womöglich falsche Hoffnungen. Zudem machen die Zertifikate den Unternehmen das grüne Gewissen etwas zu leicht: In den meisten Fällen ist es einfacher, sich in Entwicklungsländern an Klimaprojekten zu beteiligen, als den eigenen Produktionsablauf zu optimieren. So lagert man die Energiefrage aus und muss nicht intern auf umweltfreundlichere Prozesse umsteigen.

onsablauf verursachen und schlagen ausgleichende Klimaprojekte vor. Eine Reihe von internationalen Standards soll für Transparenz bei dem Zertifikatshandel sorgen. Weitverbreitet ist VCS, der Verified Carbon Standard. Mehr als die Hälfte aller freiwilligen Emissionszertifikate werden darüber abgewickelt. Er sorgt dafür, dass durch unabhängige Dritte geprüft wird, wie die CO2-Werte errechnet werden. Als Regel gilt: Es muss immer von den höchstmöglichen Emissionswerten ausgegangen werden. Besonders streng ist der in Zusammenarbeit mit dem WWF und 40 anderen Nichtregierungsorganisationen entwickelte Gold-Standard. Neben der Umweltverträglichkeit muss hierbei auch für die lokale Bevölkerung eine nachhaltige Verbesserung des Lebensstandards nachgewiesen werden. Im Prinzip ist der Handel mit CO2Zertifikaten ein effektives, weil wirtschaftliches Mittel, um Treibhausemissionen global zu reduzieren. Allerdings müssen sich Kunden vorab genau darüber informieren, wie das Prädikat „100 Prozent Ökostrom“ zustande kommt. Oft bleibt es eine Illusion, dass man durch den Kauf solcher Produkte automatisch zum Klimaretter wird.

CO2-ZERTIFIKATE – EIN RIESENGESCHÄFT Die Beratung von Firmen, wie sie am besten ihre Klimabilanz durch den Kauf von CO2-Zertifikaten verbessern, ist ein bedeutender Geschäftszweig geworden. Eine der wichtigsten Beraterfirmen in dem Bereich ist ClimatePartner aus München. Sie ermitteln die Emissionsmenge, die Unternehmen im gesamten Produkti-

Johannes Kolb 18, Saarbrücken steht unter Strom, wenn er mit dem Mountainbike kurz vor einer schwierigen Abfahrt steht.


PATIENT ABWASSER

JEDES KIND WEISS: WASSER IST WERTVOLL. WIR SPAREN, WO WIR KÖNNEN. DOCH TUN WIR UNS DAMIT WIRKLICH EINEN GEFALLEN? VON ROMY ACKERS UND NICOLA REITER

D 

er demografische Wandel ist ein Phänomen, das zahlreiche Probleme für unsere Gesellschaft aufwirft. Die Auswirkungen der zunehmenden Vergreisung werden oft diskutiert und erhalten viel Medienaufmerksamkeit. Doch manche Folgen geraten aus dem Fokus der Öffentlichkeit, zum Beispiel die für die Abwasserwirtschaft. Für die Branche bedeutet dies vor allem, mit neuen Herausforderungen umgehen zu müssen: Bei schrumpfenden Bevölkerungszahlen steigen die Kosten pro Einwohner. Die Fixkosten bleiben gleich, verteilen sich aber auf eine geringere Anzahl von Verbrauchern. Hinzu kommt: Viele Haushaltsgeräte sind mittlerweile so wassersparend, dass immer weniger Wasser verbraucht wird. Ein Beispiel dafür ist die Stadt Krefeld. Mit einem Wasserverbrauch, der seit 1991 von 144 auf 120 Litern pro Person und Tag gesunken ist, liegt die Stadt im bundesweiten Durchschnitt. In den letzten Jahren ist die Bevölkerung leicht geschrumpft – Tendenz weiter fallend. „Die Abwasserinfrastruktur wurde auf Jahrzehnte geplant. Bis in die 90er Jahre wurde ein steigender Wasserverbrauch prognostiziert, weshalb die Infrastruktur großzügig ausgebaut wurde. Diese muss auch in Zukunft unterhalten werden“, erklärt Kerstin Abraham, Mitglied des Vorstandes der Stadtwerke Krefeld. Oft wird gefordert, die Infrastruktur zu erneuern, doch das wäre mit weiteren Kosten verbunden. Außerdem gibt es trotz allem Spitzenzeiten, zu denen die Kapazitäten voll ausgelastet sind. Starker Regen ist so ein Fall.

WASSER VERBRAUCHEN STATT WASSER SPAREN? Durch einen sinkenden Wasserverbrauch entstehen technische Probleme für die Abwasserindustrie. Die Rohre sind für einen exakt berechneten Durchfluss ausgelegt. Fließt zu wenig Wasser, kann es zu Ablagerungen und Rückständen kommen, die kostenintensiv entfernt werden müssen. Dies führt wiederum zu Preissteigerungen für den Verbraucher. Doch welche Lösungsansätze gibt es, um diese Preisspirale zu durchbrechen? Die Stadtwerke Krefeld entwickeln gerade ein neues Wasserpreis-Modell, durch das die Verbrauchskosten gesenkt werden sollen. Paradox bleibt: Ist es besser, viel Wasser zu verbrauchen anstatt es zu sparen? Dieses Thema wird kontrovers diskutiert, auch auf dem BDEW Kongress. Stadtwerke aus ganz Deutschland nutzen die Veranstaltung, um sich auszutauschen. Zwar besitzt Deutschland ausreichend Trinkwasser, ein erhöhter Wasserverbrauch wäre also grundsätzlich kein Problem. Andererseits geht ein steigender Wasserverbrauch zulasten des Anspruchs,

DIE WAHRHEIT LIEGT NICHT IMMER AUF DEM PLATZ

mit allen Ressourcen nachhaltig umzugehen und umfassend Energie zu sparen. Denn Wassererhitzung und -reinigung haben einen hohen Stromverbrauch, große Kläranlagen sind wahre Energiefresser.

ARZNEIMITTELRÜCKSTÄNDE IM ABWASSER Eine zweite Folge des demografischen Wandels ist der erhöhte Konsum von Pharmaka. Unsere alternde Gesellschaft nimmt mehr Medikamente ein – und das über Jahre. Der menschliche Körper kann Arzneimittel nicht abbauen, also werden die Inhalts-

stoffe ausgeschieden und gelangen über das Abwasser zurück in die Umwelt, beispielsweise Antibiotika und Röntgenkontrastmittel. Vor ihrer Marktzulassung werden Medikamente zwar auf gesundheitsschädliche Nebenwirkungen untersucht, doch mögliche Schäden für die Umwelt werden nicht berücksichtigt. Bekannt sind negative Auswirkungen auf Amphibien und Fische. Teilweise können Arzneimittelrückstände durch Filter in Kläranlagen aus dem Abwasser isoliert werden, doch die Verfahren sind teuer und aufwendig, durch diese Filter werden neue Abfallprodukte erzeugt. Was eigentlich der Gesundheit des Menschen

Foto: Anton Knoblach

dient, wird so zu einem Problem für einen anderen Patienten: das Abwassersystem. Die Diagnose ist bekannt, doch die Therapie noch unklar.

Romy Ackers 21, Köln Nicola Reiter 18, München stehen unter Strom, wenn sie sich voller Energie auf einen neuen Artikel stürzen.

17 //


DEB AT T E

DIE STRIPPENZIEHER HINTER DEN KULISSEN KAUM EINE BERUFSGRUPPE IST SO UMSTRITTEN WIE DIE DER LOBBYISTEN. JANA SCHMIDT UND JOHANNES KOLB NUTZEN DEN BDEW KONGRESS, UM DAS FÜR UND WIDER DIESER BRANCHE ABZUWÄGEN.

Foto: Anton Knoblach

LOBBYISMUS: STRATEGISCH VORGEHEN DANK DES GELDES?

PRO

Gar nicht so einfach, den verteufelten Lobbyismus zu verteidigen. In der öffentlichen Meinung sind Lobbyisten die, die mit viel Geld in intransparenten Prozessen Politiker zu unmoralischem Handeln bewegen. Von kleinen Präsenten, stilvollen Empfängen bis hin zu handfester Bestechung übt die Lobby einer Interessensgruppe massiven und illegalen Einfluss auf die Politik aus, so die gängigen Vorurteile. Dies erklärt, wieso Lobbyisten in einer Umfrage des Marktforschungsinstituts market den letzten Platz der angesehensten Berufe belegt. Dennoch braucht es Lobbyisten. Dringend. Woher haben Politiker sonst das nötige Fachwissen, um über komplexe Gesetzesvorhaben zu beraten? Tagtäglich müssen die Volksvertreter über schwierige Themen wie Steuerpolitik, Rentenpakete, Arbeitslosigkeit oder das Gelingen der Energiewende entscheiden. Ich behaupte mal, dass Politiker – entgegen üblicher Polemik – weder blöd noch faul sind. Doch der Tag hat nur 24 Stunden und selbst der intelligenteste Mensch kann nicht in allen Fachgebieten Spezialist sein. Hier kommen die Lobbyisten ins Spiel. Sie vertreten einzelne Wirtschaftszweige oder Verbände, machen auf die Probleme ihrer Branche aufmerksam und geben mit ihrem Fachwissen Vorschläge für Gesetze. Das Expertenwissen der Interessenvertreter ist breiter und tiefer als das eines Berufspolitikers. Natürlich vertreten sie nur eine bestimmte Interessensgruppe und versuchen, Politiker in ihrem Sinne zu beein-

\\ 18

flussen. Doch das ist völlig legitim. Staatsmänner, die ihre Aufgabe ernst nehmen, sprechen schließlich mit Lobbyisten aller beteiligten Seiten. Sie wissen: „Gute“ Umweltorganisationen schicken genauso ihre Interessensvertreter wie „böse“ Atomkraftwerksbetreiber. Würde die Politik nicht Vorschläge von Lobbyisten verschiedenster Richtungen und Positionen berücksichtigen, gingen die Gesetze völlig an den beteiligten Parteien vorbei. Das kann niemand wollen. Natürlich ist der Gesetzgeber verpflichtet, dem Lobbyismus klare Grenzen zu setzen. Die Rahmenbedingungen müssen eindeutig geregelt sein, keine Frage. Wenn dies jedoch sichergestellt wird, ist Lobbyismus für eine funktionierende Demokratie unabdinglich.

Johannes Kolb 18, Saarbrücken steht unter Strom, wenn die Deadline mal wieder vor zwei Stunden war.

CONTRA

Jeder weiß: Dieses Machtungleichgewicht zieht den Ve r b ä n d e , immer wieder auftretenden Vorwurf der Ge­ werkschaften und Unternehmen Korruption nach sich. Wo ist die Grenze üben direkt oder indirekt Einfluss zu ziehen, wenn die Lobbyistengelder und auf Gesetzgebungsverfahren und po- -leistungen an Politiker fließen, um deren litische Entscheidungen aus, um ihre Entscheidungsfindung zu lenken und zu eigenen Interessen durchzusetzen. So- dirigieren? Wo liegt der Unterschied zur weit, so gut. Wären nicht vor allem die Korruption, die in anderen Ländern illefinanziellen Mittel entscheidend für gal ist? Die unvermeidbare Konsequenz die Durchsetzungsfähigkeit der Inte- dieser Grauzone ist der Vertrauensverlust ressen. der Gesellschaft in die Politik. Und das Gerechtigkeit sieht anders aus. ist vielleicht die größte Bedrohung des Gesellschaftliche, soziale oder ökolo- Lobbyismus. Schon heute beurteilt ein gische Interessengruppen haben mei- Großteil der Bevölkerung Lobbyarbeit als stens nicht die gleichen Möglichkeiten, pietätlos und undemokratisch. Wenn dieweil Zeit, Geld und Macht unterschied- ser Umstand nicht schnellstens behoben lich verteilt sind. Industrie- und Wirt- wird, hat das gravierende Folgen für den schaftsunternehmen haben den Vorteil, Staat und die Regierung: Glaubwürdigkeit sich mit ihren umfangreichen Geldvor- und Autorität gehen verloren. räten bei den politischen Vertretern schneller Gehör verschaffen zu können. Ihr Einfluss auf die Gesetzgebung ist damit bei Weitem größer als der weniger betuchter Gruppen. Das Geld hilft ihnen, ihre eigenen Wünsche besser durchzusetzen. Je erfolgreicher ihnen das gelingt, desto mächtiger werden diese Sektoren und desto einfacher wird es ihnen auch zukünftig, ihre persönlichen Vorhaben voranzutreiben. Jana Schmidt Das Problem dabei: Diese geld21, Berlin starken Interessengruppen sind im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung relativ klein, beeinflussen die Politiker aber steht unter Strom, wenn sie mal wieder mit ihren unverhältnismäßig stark. Die Stimme Entscheidungsprobleder Bevölkerung zählt also im Verhältmen zu kämpfen hat. nis wenig. Mit Blick auf die Demokratie ein äußerst bedenklicher Umstand!


F RISC H , F R U CH T I G, S E L BS TGE P R E S S T – M IT M ACHEN @PO LIT IK O RAN G E.DE

I MPR ESSUM

Diese Ausgabe von politikorange wurde mit einem Medienworkshop vom 22. bis 23. Juni 2014 vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. unterstützt und entstand auf dem BDEW Kongress 2014 vom 24. bis 26. Juni 2014 in Berlin.

A 

 ls Veranstaltungszeitung, Magazin, Onlinedienst und Radioprogramm erreicht das Mediennetzwerk politikorange seine jungen Hörer und Leser. Krieg, Fortschritt, Kongresse, Partei- und Jugendmedientage – politikorange berichtet jung und frech zu Schwerpunkten und Veranstaltungen. Junge Autoren zeigen die große und die kleine Politik aus einer frischen, fruchtigen, anderen Perspektive.

POLITIKORANGE – DAS MULTIMEDIUM

WIE KOMM’ ICH DA RAN?

WER MACHT POLITIKORANGE?

Gedruckte Ausgaben werden direkt auf Veranstaltungen, über die Landesverbände der Jugendpresse Deutschland e.V. und als Beilagen in Tageszeitungen verteilt. In unserem Online-Archiv stehen bereits über 50 politikorange-Ausgaben und unsere Radiosendungen sowie Videobeiträge zum Download bereit. Dort können Ausgaben auch nachbestellt werden.

Junge Journalisten – sie recherchieren, berichten und kommentieren. Wer neugierig und engagiert in Richtung Journalismus gehen will, dem stehen hier alle Türen offen. Genauso willkommen sind begeisterte Fotografen und kreative Köpfe fürs Layout. Den Rahmen für Organisation und Vertrieb stellt die Jugendpresse Deutschland. Ständig wechselnde Redaktionsteams sorgen dafür, dass politikorange immer frisch und fruchtig bleibt. Viele erfahrene Jungjournalisten der Jugendpresse stehen mit Rat und Tat zur Seite. Wer heiß auf‘s Schreiben, Fotografieren, Mitschneiden ist, findet Infos zum Mitmachen und zu aktuellen Veranstaltungen im Internet oder schreibt einfach eine E-Mail. Die frischesten Mitmachmöglichkeiten landen dann direkt in Deinem Postfach.

WARUM EIGENTLICH politikorange wurde 2002 als Veranstal- POLITIKORANGE? tungszeitung ins Leben gerufen. Seit damals gehören Kongresse, Festivals und Jugendmedienevents zum Programm. 2004 erschienen die ersten Themenmagazine: staeffi* und ortschritt*. Während der Jugendmedientage 2005 in Hamburg wurden erstmals Infos rund um die Veranstaltung live im Radio ausgestrahlt und eine 60-minütige Sendung produziert.

In einer Gesellschaft, in der oft über das fehlende Engagement von Jugendlichen diskutiert wird, begeistern wir für eigenständiges Denken und Handeln. politikorange informiert über das Engagement anderer und motiviert zur Eigeninitiative. Und politikorange selbst ist Beteiligung – denn politikorange ist frisch, jung und selbstgemacht.

www.politikorange.de mitmachen@politikorange.de

Herausgeber: politikorange ℅ Jugendpresse Deutschland e.V. Alt-Moabit 89, 10559 Berlin www.politikorange.de Chefredaktion (V.i.S.d.P.): Jana Kugoth (jana-kugoth@gmx.de) Dorit Kristine Arndt (kris.arndt@hotmail.de) Redaktion: Romy Ackers, Johannes Booken, Cora Gebel, Johannes Kolb, Jens Moggert, Nicola Reiter, Jana Schmidt Onlineredaktion: Isabella Greene, Julian Kugoth, Tasnim Rödder, Nora Zaremba Bildredaktion: Anton Knoblach (mail@photony.de) Layout: Maximilian Gens (max@maximiliangens.de) Projektleitung Tina Leskien (t.leskien@jugendpresse.de) Tino Höfert (t.hoefert@jugendpresse.de) Betreuung: Tasnim Rödder Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH Am Wasserwerk 11 10365 Berlin Auflage: 20 000 Exemplare Diese Lehrredaktion fand mit freundlicher Unterstützung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW) statt.

MACH MIT! L U S T A U F J OU R NA L I S M U S ? OB A L S A U TOR , L AY OU TE R , F OTO G R A F OD E R CH E F R E D A K TE U R – BE I P OL I TI K OR A NG E K A NNS T A U CH D U A K TI V W E R D E N!

> POLITIKORANGE.DE/MITMACHEN Foto: Anton Knoblach

19 //


b 

Jetzt die neue iPad-App zum „Streitfragen!“ - Magazin kostenlos herunterladen. Mit Videos, exklusiven Bildern, interaktiven Grafiken und vielen weiteren Extras. bdew.de/streitfragen

politikorange Kraftakt  

Vom 24. bis 26. Juni 2014 fand in Berlin der BDEW Kongress 2014 statt. politikorange hat das Branchentreffen der Energie- und Wasserwirtscha...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you