politikorange (GE)ZEITENWECHSEL

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(GE)ZEITENWECHSEL MAI 2021

UNABHÄNGIGES MAGAZIN ZU DEN JUGENDPOLITIKTAGEN 2021 BERLIN, WASHINGTONPLATZ, 6. BIS 9. MAI


DER FOTOGRAF CHRISTOPHER FOLZ ZEIGT DEN WANDEL DER WAHRNEHMUNG VON JUGENDLICHEM ENGAGEMENT IN DER POLITIK MIT EINER MEHRFACHBELICHTUNG

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Foto, Titelfoto: Christopher Folz


MEI NU N G

E DIT ORIAL Liebe Leser*innen,

AM KLIMA KOMMT NIEMAND MEHR VORBEI

junge Menschen fordern eine gerechtere Gesellschaft, sie mischen sich ein in politischen und gesellschaftlichen Wandel. Dafür demonstrieren sie auf der Straße, diskutieren auf den JugendPolitikTagen 2021 und treten für ihre Interessen und ihre Zukunft ein.

ES IST EINE SCHALLENDE OHRFEIGE AN DIE POLITIK: DAS DEUTSCHE KLIMASCHUTZGESETZ IST VERFASSUNGSWIDRIG. ALLERHÖCHSTE ZEIT FÜR DIE BUNDESREGIERUNG, DIE VERKRUSTETEN STRUKTUREN IHRER GESCHEITERTEN KLIMAPOLITIK AUFZUBRECHEN – KOMMENTIERT LOTTE ZIEGLER.

Denn: es ist Zeit für einen (Ge)zeitenwechsel. Die JugendPolitikTage bringen Jugend und Regierung in den Dialog über eine jugendgerechte Politik und beteiligen Jugend direkt an der Weiterentwicklung der Jugendstrategie der Bundesregierung. Die Redaktion dieses Heftes hat sich im Rahmen der Veranstaltung auf die Suche gemacht: Wie sieht dieser Gezeitenwechsel aus? Was bewegt junge Menschen? Wie stellen sie sich eine gute Zukunft vor? Mögliche Antworten und Inspiration haben die Redakteur*innen in diesem Heft zusammengetragen. Viel Spaß beim Lesen! Thea Marie Klinger und Lisa Winter (Redaktionsleitung)

STEHEN DIE KOHLEBAGGER NUN SCHON AB 2030 STILL? NACH DEM ERFOLG DER KLIMAKLAGE SOLL DEUTSCHLAND BIS ZUM JAHR 2045 KLIMANEUTRAL SEIN. DER WEG DORTHIN IST ALLERDINGS NOCH UNKLAR.

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er jetzt nicht das Klima schützt, zerstört die Freiheit der zukünftigen Generationen – so hat das Bundesverfassungsgericht im März entschieden. Das Klimaschutzgesetz der Bundesregierung ist demnach in seiner aktuellen Version verfassungswidrig. Von diesem historischen Erfolg der Klimaklage waren sogar die neun jungen Kläger*innen selbst überrascht. Es ist, wie ihr rechtlicher Vertreter Felix Ekardt es nannte, eine „schallende Ohrfeige” an die deutsche Politik. Doch statt schuldbewusst die Wange hinzuhalten, applaudierten die Regierungsparteien fröhlich in Richtung Karlsruhe. In der SPD schob man die Verantwortung für bisherige Versäumnisse zur Klima-Bremse CDU. Die wiederum versuchte, neben dem frisch ergrünten CSU-Vorsitzenden Markus Söder als neue Öko-Heldin aufzublühen. Als wäre mit dem Erfolg der Klimaklage ein unsichtbares Band gefallen, das der Bundesregierung endlich freie Fahrt für den Klimaschutz gibt. Während sich die Parteien nun mit ihren Klimazielen gegenseitig zu überbieten versuchen – immerhin sind ja bald Bundestagswahlen – ist der Weg dorthin noch völlig unklar, zumindest zu Redaktions-

schluss dieses Magazins. Die Umsetzung der Ziele obliegt nämlich den Ministerien. Etwa dem Bundeswirtschaftsministerium, das es dank komplizierter Genehmigungsverfahren geschafft hat, den Windkraftausbau in den letzten Jahren in den Keller zu fahren. Oder dem Bundesbauministerium, das schlicht ignoriert, dass Gebäude besser gedämmt werden müssen. Um die verkrusteten Strukturen dieser gescheiterten Klimapolitik aufzubrechen, braucht es radikale Strategien. Die Klimakrise rüttelt an den Grundpfeilern unserer Gesellschaft: Wie sollen Konsument*innen klimafreundlich leben in einer Welt, die nicht nachhaltig ist? Wie funktioniert unendliches Wachstum bei endlichen Ressourcen? Wie können wir langfristig den Wohlstand für eine wachsende Weltbevölkerung sichern? Längst ist unser Wirtschaftssystem, dessen ständige Profitmaximierung auf fossilen Rohstoffen fußt, an seine Grenzen gestoßen. Wenn wir das 1,5-Grad-Ziel ernstnehmen und den Kurs dorthin sozial gerecht gestalten wollen, müssen wir unsere Wirtschaft gründlich umkrempeln. Kleinteilige Maßnahmen, wie Prämien für den Umstieg aufs E-Auto, sind da nur ein Tropfen auf den immer heißer werdenden

Foto: Christine Laqua

Stein. Stattdessen braucht es einen systemischen Wandel, hin zu einer klimaverträglichen Wirtschaft und nachhaltiger Entwicklung. Es reicht nicht, über Klimaschutz zu reden. Man muss ihn auch machen – seit dem Urteil im März ist das offiziell. Das verdiente Brennen im Gesicht des Bundestags hat der Schlag aus Karlsruhe bisher nicht hinterlassen. Doch die junge Generation wird auch zu einer weiteren Ohrfeige ausholen, wenn es sein muss.

INHALT

»Mehrgenerationen« Seite 05

»Mitsprache« Seite 09

»Barrieren« Seite 13 Lotte Ziegler 18, Berlin … findet, dass Krapfen genauso wenig in der Pfanne zu suchen haben wie pfiffige Sprüche im Journalismus.

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NACHHALTIGER KONSUMIEREN! DOCH WIE?

NACHHALTIGER KONSUMIEREN MÖCHTE FAST JEDE PERSON, DOCH IN DER REALITÄT SCHEINT NACHHALTIGER KONSUM OFT SCHWIERIGER ZU SEIN, ALS GEDACHT. DAHER WURDEN AUF DEN JUGENDPOLITIKTAGEN 2021 LÖSUNGSVORSCHLÄGE UND VISIONEN AN DIE POLITIK GESCHICKT, UM KONSUM FÜR ALLE NACHHALTIGER ZU GESTALTEN – GESETZLICH UND FINANZIELL. LENA BRENKEN BERICHTET.

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ür Asmae Zauzau, AG-Leiterin der AG „Nachhaltige Wirtschaft”, welche bei den JugendPolitikTagen 2021 stattfand und sich drei Tage mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, ist nachhaltiger Konsum u.a. regionale Produktion, für alle finanzierbar, sozial und klimagerecht und noch vieles mehr. Doch auch mit Initiativen wie dem „nationalen Programm für nachhaltigen Konsum”, welches im Moment von politischer Seite für die Erreichung der Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele Deutschlands sorgen soll, sind viele dieser Voraussetzungen noch lange nicht erfüllt. Die Teilnehmer*innen der JugendPolitikTage wollen mehr Einsatz der Politiker*innen für Nachhaltigkeit auf nationaler und globaler Ebene. Sie kritisieren vor allem die Herangehensweise „Profit vor Nachhaltigkeit”, bei der in vielen Klimazielen noch immer der Profit über dem Nachhaltigkeitsaspekt eines Produktes steht. Wie zum Beispiel bei der Massenproduktion von Nahrungsmitteln, die oft auf dem Müll landen, anstatt weniger zu produzieren und weniger zu verkaufen, da es öfter billiger ist, wegzuwerfen als weiterzuverwenden. Ebenso fordern die Teilnehmer*innen strengere Lieferkettengesetzte und Lobbyregister, sowie die Stärkung der Kreiswirtschaft. Au-

ßerdem muss mehr Geld in die Forschung zum Thema Nachhaltigkeit gesteckt werden, gerade in der Wissenschaft sind Plastik- oder Fleischalternativen ein großes, vielversprechendes Thema. Allgemein muss es mehr Transparenz zwischen Politik, Wirtschaft und Konsumierenden geben. Ideen, wie den Nutri-Score aus dem Supermarkt gibt es bereits, um wenigstens die Nährwerte eines Produktes den Konsumierenden schnell und einfach anzuzeigen. Doch auch dieser ist bis jetzt nicht verpflichtend. Asmae Zauzau betont, dass man diesen, da er auf freiwilliger Basis anwendbar ist, bis jetzt nur auf Produkte druckt, die einen guten Score haben: „Niemand würde einen Nutri-Score zum Beispiel auf Chipstüten drucken”. Die Teilnehmer*innen wünschen sich einen einheitlichen, verpflichtenden und transparenten CO2-Score, damit Konsument*innen schnell und einfach die Nachhaltigkeit eines Produktes erkennen können. Einzelne CO2-Siegel und Zertifizierungen gibt es bereits, doch ist es bei der Menge einfach den Überblick zu verlieren. Dazu kommt: nicht alle Zertifizierungen sind gleich nachhaltig. Oft muss man selber recherchieren, wie viel das einzelne Siegel am Ende überhaupt aussagt und wie es vergeben wird.

Um Konsum dauerhaft nachhaltiger zu gestalten, muss sich noch einiges in der Politik und Wirtschaft ändern. Doch auch die Konsument*innen haben einen Einflussbereich, denn schließlich bestimmt die Nachfrage auch den Markt. Man selbst kann sein Konsumverhalten ändern, indem man zum Beispiel auf umweltschädliche Verpackungen oder tierische Produkte verzichtet. Asmae Zauzau findet es wichtig, das eigene Umfeld mitzunehmen, sie über nachhaltigen Konsum aufzuklären und, wie sie sagt, „kleine Stellschrauben zu finden, an denen man drehen kann”, um Konsum im Alltag nachhaltiger zu gestalten.

Lena Brenken 16, Hamburg … ist für eine Schülerzeitung tätig und interessiert sich für Politik, Nachhaltigkeit und journalistisches Schreiben.

IM ALLTAG IST FÜR VIELE NACHHALTIGER KONSUM SCHWER UMZUSETZEN Foto: the blowup auf Unsplash

FRUCHTFLEISCH WAS BEDEUTET NACHHALTIGER KONSUM FÜR DICH UND WAS TUST DU DAFÜR? »HINTERFRAGEN«

»NUTZUNGSDAUER«

Alle Fotos: privat

»REDUZIEREN«

ANNE-SOPHIE JOOS-ARP, 18 JAHRE, FSJ KULTUR IN DER PRESSE- UND ÖFFENTLICHKEITSARBEIT

KATHERYN HERRMANN AGUERO, 19 JAHRE, STUDIERT POLITIKWISSENSCHAFT

FABIAN KAINDL, 19 JAHRE, AUSZUBILDENDER FACHINFORMATIKER

DEN EIGENEN VERBRAUCH AUF DAS NÖTIGSTE ZU REDUZIEREN UND DARAUF ZU ACHTEN, PRODUKTE ZU KAUFEN, DIE SOZIAL UND ÖKOLOGISCH HERGESTELLT WERDEN. ICH ACHTE AUF EINE FLEISCHLOSE ERNÄHRUNG, KAUFE MÖGLICHST REGIONALES UND SAISONALES OBST UND GEMÜSE UND VERMEIDE ERZEUGNISSE, DIE MENSCHENUNWÜRDIG PRODUZIERT WERDEN.

KRITISCHES HINTERFRAGEN MEINES KONSUMVERHALTENS. DIE FRAGEN, DIE ICH MIR STELLE, SIND SOLCHE WIE: BRAUCHE ICH DAS ODER BRAUCHE ICH SO VIEL? GIBT ES EINE PLASTIKFREIE ODER EINE SECOND HAND ALTERNATIVE? WAS BEWIRKE ICH MIT MEINEM KONSUM? WIE ENTSORGE ICH MEINEN MÜLL? MUSS ICH SO LANGE DUSCHEN?

EIN PRODUKT SO LANGE WIE MÖGLICH NUTZEN ZU KÖNNEN UND WENN MÖGLICH NICHT ROHSTOFFE EXTRA ABZUBAUEN. EIN ZENTRALER BEGRIFF IST FÜR MICH DIE KREISLAUFWIRTSCHAFT. WARUM NEUE HANDYS KAUFEN, WENN MAN ALTE HANDYS NUR REPARIEREN MUSS? ES MUSS GÜNSTIGER SEIN, PRODUKTE WIEDER ZU VERWERTEN ALS NEU ZU KAUFEN.

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EIN BEGEGNUNGSZENTRUM FÜR JUNG UND ALT

NORDSTEMMEN – EINE KLEINE GEMEINDE IM LANDKREIS HILDESHEIM. AUCH WENN IN DEN ORTSCHAFTEN INSGESAMT NUR RUND 12.000 MENSCHEN LEBEN, WURDE HIER VOR 20 JAHREN EIN MEHRGENERATIONENHAUS ETABLIERT. EINE REPORTAGE VON CLARA HOHEISEL.

DER HOF DES KOMM E.V. MEHRGENERATIONENHAUSES LÄDT ZUM ZUSAMMENKOMMEN EIN.

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ie Kamera folgt dem grau gepflasterten Weg, vorbei an einem niedrigen, bunt bemalten Zaun, bis das Bild schließlich vor einer einladenden Hausfront mit angrenzender Konifere zum Stillstand kommt. Vor dem Gebäude versammeln sich Fahrräder unterschiedlicher Größe in liebenswürdigem Chaos auf dem Hof. Leises Atmen aus dem Off-Bereich der Kamera. Das gleichmäßige Geräusch stammt von Paloma Klages, der 44-jährigen Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses. Per Video gibt die schwarz gelockte Niedersächsin coronakonform einen Einblick in ihren Arbeitsplatz. Im anschließenden Gespräch erzählt sie von ihrer Tätigkeit, die viel mehr als ein Nine-to-fiveJob für sie ist.

VIELFÄLTIGE AKTIONEN In einem lichten Konferenzraum reihen sich säuberlich platzierte Stühle um einen stattlichen Tisch herum. Ein Whiteboard an der Wand lädt ein, kreativ zu werden. Klages berichtet mit hörbarem Stolz in der Stimme von einigen Programmpunkten, die im sogenannten „Offenen Treff“ angeboten werden: Von einer Ehe- und Paarberatung, einem Asyl-Treff, bis hin zu Deutschkursen unterschiedlicher Niveaustufen. Dabei ist der Verein KOMM e.V., der das Mehrgenerationenhaus etabliert hat, nicht nur auf finanzielle Unterstützung angewiesen, sondern auch auf Wo*manpower. Dass jede Hilfe gebraucht wird, lässt sich an der Nutzer*innenstatistik ableiten: Im Jahr 2019 nahmen im Durchschnitt 86 Kund*innen pro Tag Angebote des Mehrgenerationenhauses wahr. „Das kann die schlichte Nachfrage sein, welche Briefmarke auf ein bestimmtes Dokument gehört, aber auch größere Anliegen, wie Hilfe beim Antrag auf Erziehungsgeld.“ Eine der Nutzer*innen ist die 23-jährige Relana Sädler aus Hemmingen bei Hannover. Sie erzählt: „Ich selber besuche den UpcyclingNähkurs und habe zeitweise am monatlichen Treffen ‚Plastikfrei‘ teilgenommen, bei dem wir uns über umweltfreundlichere Alternativen des Kunststoffs austauschten. Insgesamt komme ich viel in Berührung mit der

Foto: KOMM Nachbarschaftszentrum Nordstemmen e.V.

Arbeit im Mehrgenerationshaus und schätze es sehr, dass dort Vielfalt gelebt wird. Es bietet Platz für neue Ideen und Projekte, bringt Alt und Jung zusammen und ermöglicht es, unterschiedliche Kulturen kennenzulernen.“ Zurzeit sind viele der Aktionen durch Corona schwer durchzuführen, weswegen vieles zu kurz kommt, wie Paloma Klages sagt: „Gemeinsames Grillen, ein Waldtag, das internationale Frauen-Frühstück. Kurz: etwas Verbindendes mit Menschen, das fehlt.“ An den Projekten des Mehrgenerationenhauses beteiligen sich neben den fünf Festangestellten auch Personen aus dem Trägerverein und mehr als 20 Ehrenamtliche. Letztere sind momentan größtenteils im Rahmen der Corona-Hilfe aktiv. „Wir kaufen für Personen ein, die in Quarantäne ausharren oder für Mütter von Kindern, die nicht in Schule oder Kindergarten gehen dürfen. Außerdem bieten wir einen Impf-Support an: Wir fahren zum Impfzentrum, koordinieren Termine oder helfen beim Ausfüllen von Dokumenten“, erzählt Klages.

DIE LANDFLUCHT DER JUGEND In einer hell ausgeleuchteten Kochstube mit hellbrauner Küchengarnitur sticht besonders die pompöse Kaffeemaschine auf dem Tresen ins Auge. Ob hier Personen aller Generationen zum Kaffeekranz zusammenkommen? Die Gegensätze zwischen Stadt und Land wachsen seit mehreren Jahren kontinuierlich. Besonders junge Personen verlassen die Provinz, da sie in der Stadt auf ein breiteres Angebot an Bildung, Kultur und Freizeit hoffen. Laut Hochrechnungen des „Zukunftsinstituts“, dem führenden Ansprechpartner bei Themen, wie der Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft, werden 2050 nur noch 16 Prozent der Bevölkerung in Deutschland auf dem Land leben. Heute sind es 25 Prozent. Dieser Trend gefährdet die Existenz zahlreicher Dörfer. Klages erklärt, dass das Mehrgenerationenhaus genau dort ansetzen möchte: „Uns geht es darum, das auszugleichen, was es nicht gibt

oder wo Bedarf besteht. Einigen jungen Erwachsenen müssen wir beispielsweise erst erklären, dass es einen Zahnarzt oder einen Copyshop im Ort gibt und sie dafür nicht extra nach Hildesheim fahren müssen.“ Sie benennt auch ein anderes, wichtiges Ziel des Mehrgenerationenhauses: „Wir wollen junge Menschen auffangen, bevor sie auf die schiefe Bahn geraten. Deshalb arbeiten wir mit dem Jugendzentrum zusammen. Wir fragen gezielt nach Mithilfe junger Menschen, wie etwa bei Auf- und Abbauarbeiten von Events. Die Helfer*innen erleben dabei, dass sie gebraucht werden und somit ein Teil vom Ganzen sind.“

LERNFÖRDERUNG UND HOMESCHOOLING

für Initiativen und Aktionen, Lebensmittelpunkt und Dorfzentrum. Seit dem Jahr 2001 wird es unter anderem durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, den Landkreis Hildesheim und die katholische Kirchgemeinde St. Michael in Nordstemmen gefördert. Paloma Klages hofft, dass das Jubiläum beim 20. Sommerfest im August gefeiert werden kann: „Das Sommerfest des Mehrgenerationenhauses ist schon immer das zentrale Datum im Jahr, an dem sich die Mitarbeiter*innen und die Ehrenamtlichen zusammen mit den Vereinsmitgliedern und mit der Bevölkerung des Ortes treffen. Für manche Bürger*innen ist dieser Tag ein vorsichtiges Herantasten an Menschen, mit denen sie im Alltag nicht in Kontakt kommen. Bei einer Schwarzwälder Kirschtorte oder einem Gulascheintopf geht das viel einfacher.“

In einer heimeligen Kammer steht in der linken Ecke eine prall gefüllte Spielzeugkiste neben einem winzigen Schaukelstuhl. An- „UNSER DORF HAT ZUKUNFT“ grenzend wartet eine Tafel mit zugehöriger Kreide darauf, beschrieben zu werden. Un- Zum Abschluss des Gesprächs berichtet Paverkennbar ein Vergnügungsort für Kinder- loma Klages enthusiastisch über den Wettbegarten- und Schulkinder. Doch der „Offene werb „Unser Dorf hat Zukunft“, an dem sich der Landkreis Nordstemmen seit den 60er JahTreff” bietet nicht nur Unterhaltung für die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft. Wäh- ren beteiligt und für dessen Koordination sie rend eine Lernförderung schon seit mehre- ebenfalls zuständig ist. Sie spricht schnell, die ren Jahren besteht, wurde kurzfristig ein Wörter sprudeln aus ihrem Mund – dieses Probegleitetes Homeschooling etabliert. „Die- jekt liegt ihr besonders am Herzen. Eine achtses Angebot richtet sich vor allem an Kin- köpfige Jury beurteilt die Orte nach Planungskonzepten zur Dorfentwicklung, Infrastruktur der, die kein geeignetes Zuhause haben, um dort Online-Schule durchführen zu können. und Dorfökologie. Einen großen Stellenwert nimmt dabei auch das soziale und kulturelle Auch Jugendliche mit körperlichen und Leben ein. „Bei uns im Landkreis stellen wir psychischen Auffälligkeiten, beispielsweise durch Traumata ihrer Fluchterfahrung, sind den Orten einen detaillierten Feedback-Bogen aus. Diesen können die Dörfer dann verwenherzlich willkommen.“ den, um sich in Zukunft zu optimieren“, sagt Klages. 2021 muss der Wettbewerb vor allem EINE EHEMALIGE HOFANLAGE online abgehalten werden. Dennoch sollte Das letzte Video führt durch den Gar- die Dorfgemeinschaft ins Gespräch kommen. ten: Ein Tisch und zwei Bänke laden in Paloma Klages erläutert: „Es reicht nicht aus, der grünen Oase zum Entspannen ein. wenn eine Person durch das Dorf marschiert Erst bei dieser Einstellung lässt sich er- und die Straßen fotografiert. Man muss vielahnen, dass es sich bei dem Gelände um leicht auch mal einen 15-Jährigen fragen, was einen ehemaligen Bauernhof handelt. an dem Ort doof ist. Somit ist der Weg oftmals Insgesamt erstreckt sich das Mehrgenera- schon das Ziel.“ tionenhaus über mehrere Gebäude in der ganzen Gemeinde verteilt, ein großer Teil ist jedoch in eben dieser Hofanlage untergebracht. Zehn Wohneinheiten hat der ehemalige Bauernhof – in einer davon findet sich der „Offene Treff“, die anderen werden verschieden genutzt. Paloma Klages erklärt: „Auf dem Hof wohnt ein Deutscher, ansonsten handelt es sich um vom Landkreis angemietete Wohnungen für Menschen verschiedener HerkunftsClara Hoheisel länder, die teilweise im Asylverfahren 23, Halle (Saale) sind oder körperliche und geistige Einschränkungen haben.“ … studiert im ZweifachbaDas Mehrgenerationenhaus in Nordstemchelor Medien- und men ist damit deutlich mehr als ein KommunikationsWohngebäude, in dem unterschiedliche wissenschaft sowie Generationen zusammenwohnen. Es ist Psychologie. ein alternatives Lebensmodell, Zentrale

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PARTEI ODER NGO – WELCHER ENGAGEMENT-TYP BIST DU?

VIELE JUNGE MENSCHEN WOLLEN POLITISCH AKTIV WERDEN, ABER WISSEN NICHT WIE. PROJEKTE, ORGANISATIONEN, JUGENDPARTEIEN – SO VIELE MÖGLICHKEITEN! WER BLICKT DA NOCH DURCH? CHARLOTTE GABEL HAT MIT ZWEI JUNGEN ERWACHSENEN GESPROCHEN, DIE IHREN WEG GEFUNDEN HABEN.

„HEUTE JUSOS, MORGEN SPD“

DER ANFANG: EINE PARTEI MUSS HER! Dass er sich politisch einbringen will, war dem aus Syrien Geflüchteten bei seiner Ankunft vor vier Jahren in Deutschland klar. Vieles war nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte: nicht modern, nicht digital, kein WLAN überall. Stattdessen war es kompliziert ein Bahnticket zu kaufen und es gab ganz viel Bürokratie. Er startete also eine Tour durch fast alle Jugendparteien und bei den Jusos fühlte er sich direkt willkommen – die Entscheidung war getroffen. Wieso es eine Partei sein musste? „Ich bin ein logischer Mensch, ich brauche eine sichere Struktur.“ Auch

die Aufstiegsmöglichkeiten und die wachsende Verantwortung gefallen ihm: „Heute sind wir die Jusos, morgen die SPD.“ Als fähige*r Politiker*in sollte man auch in vielen Themen kompetent sein, man repräsentiere eben alle. Das lerne man in einer Partei sehr gut.

chen ihm die Reden, zehn Minuten vor dem Auftritt geschrieben: „Man spürt die Unterstützung der anderen, wenn alle aufstehen und klatschen.“ Wie bei seinem ersten Bundeskongress vor zwei Jahren.

DIE ANSTRENGUNG LOHNT SICH

Foto: privat

23. November 2019, Bundeskongress der Jusos. „Der erste Redner ist Omar aus Sachsen.“ Ein Junge im weißen Hemd betritt die Bühne und richtet das Mikrofon am Redepult. Es ist sein erster Bundeskongress und er ist wütend: Dass Abgeordnete der Mutterpartei rassistische Gesetze, wie das Abschiebegesetz annehmen, mache ihm Angst, denn: „Ich will hierbleiben und meine Zukunft gestalten in Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.“ Applaus und Jubel – Omar lächelt zufrieden. Omar Alkadamani (17) engagiert sich seit zwei Jahren bei den „Jusos“, der Jugendorganisation der SPD. Somit ist er einer von über 70.000 Mitgliedern im Alter von 14 bis 35. In Leipzig ist er stellvertretender Vorsitzender.

Neben Klimaschutz, Digitalisierung und dem Kampf gegen Diskriminierung liegt ihm das Thema Bildung besonders am Herzen. Er kann aus eigener Erfahrung berichten, welche Schwächen das deutsche Bildungssystem hat. Ungerne erinnert er sich an seine Zeit in einer „Deutsch als Zweitsprache“-Klasse: „Es entsteht eine Ausgrenzung: Die anderen reden nicht mit einem, weil man neu ist.“ Heute ist die Schule für ihn aus einem anderen Grund eine Herausforderung: Sie konkurriert mit seinem politischen Engagement. „Es ist fast ein Gegensatz.“ Die Schule will er auf keinen Fall vernachlässigen, er lernt viel. Auf der anderen Seite die Jusos: Er möchte auch dort weiterkommen. Von Montag bis Sonntag ist also alles voll – entweder Lernen oder Engagement, etwas dazwischen gibt es eigentlich nicht. Doch es lohne sich, wenn man Fortschritte sieht: „Auch wenn wir nur einen Zentimeter etwas verändern, denke ich mir: Wir haben was geschafft.“ Am meisten Spaß maOMAR ALKADAMANI (17) IST SEIT 2019 BEI DEN JUSOS

NEUE „SICHERE HÄFEN“

SEEBRÜCKE: MIGRATIONSPOLITIK „VON UNTEN“ Clara arbeitet ehrenamtlich bei der Seebrücke, einer internationalen Zivilbewegung für den Wandel der Migrationspolitik, die sich unter anderem für sichere Fluchtwege nach Europa und eine menschenwürdige Aufnahme der Flüchtlinge einsetzt. Die Seebrücke initiiert zum Beispiel, dass Städte und Kommunen zu sogenannten „Sicheren Häfen“ werden und sich so den Grundsätzen der Bewegung verpflichten. In Deutschland gibt es davon momentan etwa 274. Ziel: Der Druck auf die Bundespolitik soll steigen.

CLARA WILL VERÄNDERUNG SEHEN Clara kam 2019 zur Seebrücke, die europäische Migrationspolitik ist für sie aber schon länger ein Thema. Sie studiert Europawissenschaften und ist „eigentlich

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überzeugt von der europäischen Idee“. Doch dass die Bewegungsfreiheit für einige dort aufhört, wo das Mittelmeer anfängt, findet sie inakzeptabel. Das ist nicht das Europa, wie sie es sich vorstellt. Die Ziele der Seebrücke gefallen ihr besser, weshalb sie auch in Zukunft dabeibleiben will: „Wir wollen irgendwann auch Veränderung sehen.“ Für diese Veränderung kämpft die Seebrücken-Gruppe in Flensburg jede Woche. Um die Aufmerksamkeit auf die bestehenden Probleme zu lenken, leisten Clara und ihre Mitstreitenden viel Öffentlichkeitsarbeit: Social Media, Pressemitteilungen, Demonstrationen. Außerdem beraten sie Lokalpolitiker*innen auf ihrem Weg zum „Sicheren Hafen“. Das Team besteht aus Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen. Durch die Flensburger Hafenanbindung sind sogar ehemalige Seenotretter*innen dabei. Am Anfang fühlte Clara sich ein bisschen eingeschüchtert von den Leuten, die schon lange dabei waren. „Man muss sich auch behaupten als junge Frau“. Ihre Tipps: Eine Aufgabe geben lassen, nach Hilfe fragen, keine Angst vor Fehlern!

muss.“ Was Clara jetzt motiviert, sind kleine Sachen wie Kreidebotschaften und Transparente in ihrer Stadt. Und natürlich: jeder neue „Sichere Hafen“.

Foto: privat

Eine Menschenkette umgibt den Flensburger Hafen – über 300 Menschen sind gekommen. Im Hintergrund Fahnen, Transparente und orangener Rauch. „Leave no one behind“ steht auf einem der Banner. Diese Aufnahmen sind am 12. September 2020 entstanden – wenige Tage nach dem Brand des Flüchtlingslagers Moria. „Wir haben uns überlegt, was wir in diesen Zeiten machen können“, sagt Clara Seeber (23). Mit ihrem Engagement will sie für ein gerechteres Europa kämpfen. Aber wie geht das?

MAN MUSS SICH NICHT ENTSCHEIDEN Ihr ist besonders wichtig, sich mit dem Thema Flucht und Migration aus verschiedenen Perspektiven und auch intersektional zu beschäftigen – das sei in einer Partei vielleicht nicht so gut möglich. Und man müsse sich eben nicht festlegen: „Die Seebrücke mobilisiert jugendliche Kräfte, ohne dass sich jemand für eine Partei entscheiden

CLARA SEEBER (23) ENGAGIERT SICH BEI DER SEEBRÜCKE


WELCHER ENGAGEMENT-TYP BIN ICH? – DER SELBSTTEST VON CHARLOTTE GABEL.

WIE INFORMIERST DU DICH ÜBER DAS POLITISCHE GESCHEHEN?

SAGEN WIR AM SONNTAG IST BUNDESTAGSWAHL – WAS DENKST DU?

WIE STELLST DU DIR DIE PERFEKTE GRUPPENARBEIT VOR?

A) Ich lese/höre eigentlich alles – ich kann mich für viele verschiedene Themen begeistern.

A) Perfekt, ich weiß schon genau, welche Partei ich wähle!

A) Ein paar Leute übernehmen mehr Verantwortung und organisieren die Gruppenarbeit.

B) Wenn ich ein spannendes Thema gefunden habe, will ich alles darüber wissen!

B) Ich kann mich noch nicht festlegen. Ich schaue mal, welche Partei die beste Lösung in Bezug auf mein Herzensthema anbietet.

C) Ich informiere mich über verschiedene Themen, aber richtig intensiv nur über ein paar wenige.

C) Ich bin noch unsicher, aber habe ein paar Parteien im Blick. Ich werde sowohl nach den Themen als auch der generellen Ausrichtung entscheiden.

2-3 MAL A): PARTEI

2-3 MAL B): NGO

Du siehst deine Interessen in der Parteienlandschaft vertreten und freust dich deswegen jetzt schon auf die nächsten Wahlen. Außerdem hilft dir deine Begeisterung für ein breites Spektrum an Themen, dir über viele verschiedene Problematiken eine Meinung zu bilden. In der Zusammenarbeit mit anderen ist dir vor allem ein strukturiertes Vorgehen und eine klare Arbeitsaufteilung wichtig. Du wärst in der Jugendorganisation einer Partei gut aufgehoben. Schau doch mal, welche für dich die richtige sein könnte!

Du hast ein Thema, was dir besonders am Herzen liegt und worüber du alles weißt. Dich mit diesem aus verschiedenen Blickwinkeln auseinandersetzen zu können, ist dir wichtig. Wenn du dir die Parteien in Deutschland anschaust, kannst du dich nicht auf eine festlegen. Bei der Arbeit in der Gruppe liebst du es zu diskutieren, bis man einen Weg findet, mit dem alle zufrieden sind. Du willst in deinem Engagement sehr frei sein und genau das einbringen, worauf du Lust hast. Mach dich also auf die Suche nach einer NGO, die sich deinem Thema annimmt – du wirst bestimmt fündig!

B) Alle entscheiden alles zusammen und jede*r kann sich individuell einbringen. C) Man teilt die Arbeit auf, aber jede*r kann trotzdem zu allem etwas beitragen.

Charlotte Gabel 18, Berlin … hat im Winter ehrenamtlich in der Obdachlosenunterkunft der Stadtmission gearbeitet und freut sich jetzt auf ihr FSJ in Italien.

2-3 MAL C) ODER ALLES EINMAL: PARTEI UND/ODER NGO INFOR M AT I ON

Du fühlst dich von den Erfahrungen inspiriert? JUSOS:

SE E B R ÜCKE :

Du interessierst dich zwar für einige Themen, aber willst dich nicht nur auf eins fokussieren. Du weißt, was dir bei einer Partei wichtig wäre, aber bist dir noch unsicher, ob du dich festlegen möchtest. Wenn du mit anderen zusammenarbeitest, sollte jede*r eine klare Aufgabe, aber immer auch den Rest im Blick haben. Probier doch mal verschiedene NGO’s aus, die sich deinen Themen annehmen, aber auch Parteien, die für dich in Frage kommen würden. Du wirst schnell merken, welche Arbeit dir mehr zusagt. Vielleicht ja sogar beide!

Oder finde deinen eigenen Weg! GOVOLUN TEE R :

VERTRETER*INNEN DER JUGENDORGANISATIONEN DER PARTEIEN TAUSCHEN SICH MIT DEN TEILNEHMER*INNEN IN DER DIGITALEN POLITIKBAR AUS

Foto: Torben Krauß

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WIE GEHT ES DER POSTMIGRANTISCHEN JUGEND,

MERAL EL? MERAL EL IST ANTIDISKRIMINIERUNGSEXPERTIN UND GESCHÄFTSFÜHRERIN DES POSTMIGRANTISCHEN NETZWERKS „NEUE DEUTSCHE ORGANISATIONEN“. SIE SETZT SICH FÜR EINE INTEGRATIONSPOLITIK FÜR ALLE EIN. OB UND WIE DAS FUNKTIONIERT, ERKLÄRT SIE IM „INTERVIEW OHNE WORTE“.

MERAL EL

Fotos: Annkathrin Weis

WAS WÜNSCHEN SIE SICH FÜR DIE ZUKUNFT WAS BEDEUTET DAS FÜR SIE, GESELLDER JUGEND IN DEUTSCHLAND? SCHAFTSPOLITIK FÜR ALLE STATT INTEGRATIONSPOLITIK FÜR WENIGE?

KAMPFGEIST!

WIE VERSCHAFFEN SIE DER POSTMIGRANTISCHEN JUGEND GEHÖR IN DER POLITIK?

INDEM WIR BEGEISTERUNG ZEIGEN UND FOREN UND RÄUME FÜR SIE ÖFFNEN.

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WIE OFFEN SIND POLITIKER*INNEN IHREN FORDERUNGEN GEGENÜBER?

DAS IST SELBSTVERSTÄNDLICH, SO SOLLTE DAS SEIN.

OFFENE OHREN GIBT ES, JA, DIE UMSETZUNG IST SCHWER.

WIE GEHT ES DER POSTMIGRANTISCHEN JUGEND IN DEUTSCHLAND?

WIE GUT WIRD DIE POSTMIGRANTISCHE JUGEND IN DER POLITIK GEHÖRT?

THE STRUGGLE IS REAL.

VIEL ZU WENIG.


IHR HÖRT UNS DOCH ZU, ODER?

OBWOHL JUNGE MENSCHEN IN GROSSER ZAHL DEMONSTRIEREN UND SICH POLITISCHEN BEWEGUNGEN ANSCHLIESSEN, FÜHLEN SICH VIELE ÜBERGANGEN, WENN ES UM WIRKLICHE POLITISCHE ENTSCHEIDUNGEN GEHT. DIE JUGEND FÜHLT SICH NICHT ERNST GENOMMEN UND AUSGESCHLOSSEN. ABER IST DAS WIRKLICH SO? EIN FEATURE VON CHRISTINE LAQUA. DIE POLITIK HAT EIN KOMMUNIKATIONSPROBLEM

DIALOG ZWISCHEN POLITIK, JUGEND UND VERBAND: MODERATORIN OUASSIMA LAABICH-MANSOUR, MODERATOR SEBASTIAN STACHORRA, MERAL EL UND STAATSSEKRETÄR MARKUS KERBER (V.L.N.R.) IM GESPRÄCH AUF DEN JUGENDPOLITIKTAGEN 2021.

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enn es ein Zeugnis wäre, würde ich darunterschreiben: Sie waren stets bemüht“, Tabea lächelt resigniert durch ihre Webcam. Vier Tage lang hat die duale Studentin mit mehr als 500 Jugendlichen auf den JugendPolitikTagen 2021 neue Strategien erarbeitet, wie die Politik jugendfreundlicher werden kann. Gehört fühlt sich die 23-Jährige trotzdem nicht. Ihr Altersgenosse Tcharadou sieht das ähnlich: „Ich wünsche mir ein Stückchen mehr Jugendpartizipation“, sagt er entschlossen. Die meisten Lösungen hätten bis jetzt wenig nachhaltigen Einfluss gehabt. So wie Tabea und Tcharadou geht es den meisten jungen Menschen in Deutschland. In der Shell-Jugendstudie von 2019 gaben über 71 Prozent der Jugendlichen an, dass sich die Politiker*innen nicht darum kümmern, was sie denken würden. 84 Prozent wünschen sich, dass junge Leute mehr in der Politik zu sagen haben sollten. Aber wie schaffen wir das?

EINE BESSERE JUGENDSTRATEGIE Das Problem ist der Politik nicht unbekannt. Mit der Etablierung der Jugendstrategie im Jahr 2019 sollte die Politik für die Wünsche der jungen Menschen sensibilisiert werden. Ziel der Strategie soll es sein, die junge Generation an allen Entscheidungen zu beteiligen. Die dort vorgeschlagenen Maßnahmen arbeiten vorrangig projektbasiert. Das bedeutet, dass für einen bestimmten Zeitraum auf ein Ziel hingearbeitet wird. Ist dieses Ziel erreicht, endet das Projekt. Tcharadou hat damit ein Problem. Der 21-Jährige ist der Meinung, dass es viel zu viele Themen gebe, bei denen junge Menschen mitbestimmen wollen. Durch reine zeitbegrenzte Projekte, die durch die Jugendstrategie gefördert werden, sei es schwer, das Gefühl von echter Be-

Foto: Annkathrin Weis

teiligung bei den Jugendlichen zu wecken. Er wünscht sich einen ganzheitlichen Ansatz: „Wir müssen selbst mit am Tisch sitzen“.

MEHR MITSPRACHE DURCH JUGENDGREMIEN Eine Lösung für ihn wäre die Entwicklung bundesweiter Jugendgremien ohne Parteimitgliedschaft. Damit habe er in seiner Heimatstadt Hannover auf lokaler Ebene gute Erfahrungen gemacht. Als Mitglied der „AG Jugend“, die an der neuen Migrationspolitik der Stadt mitarbeitet, kann er direkt Einfluss darauf nehmen, wie die Teilhabe von Menschen mit internationaler Geschichte verbessert werden kann. „Das ist für mich echte Partizipation, wir haben in Hannover bewirkt, dass wir etwas mitentscheiden dürfen“, freut sich der Biomedizintechnikstudent. Sind Jugendgremien also die Lösung? Dr. Julian Schenke hat Bedenken. Er ist Politikwissenschaftler am Institut für Demokratieforschung an der Georg-August-Universität in Göttingen. „Jugendgremien hätten den Effekt, dass man bestimmte Altersgruppen als Bevölkerungsteil isoliert und als eigenständigen Akteur zusammenbildet. Was hält die Menschen über 60 Jahre oder die 40-Jährigen davon ab, das Gleiche zu tun?“, so Schenke. Das Problem sei nicht, dass die Jugendlichen von der Partizipation abgehalten werden, sondern, dass die aktuelle politische Struktur sehr viel Zeit brauche, bis Forderungen umgesetzt werden. Menschen, die politisch mitentscheiden wollen, müssten bereit sein, Verantwortung zu übernehmen und diese auch dauerhaft auszuhalten. Das könne aus unterschiedlichen Gründen nicht jede*r leisten. Wenn man aber bereit sei, das mitzubringen, habe man auch als junger Mensch die Chance, politischen Einfluss zu nehmen.

Tabea hat ein anderes Gefühl. „Es gibt viel zu wenig Möglichkeiten, wie wir uns einbringen können“, erzählt die 23-Jährige. Und die Möglichkeiten, die es gebe, seien so schwierig zu verstehen, dass man sich als junger Mensch oft nicht rantraue. Probleme machen auch die Wahlprogramme, die für junge Menschen schwer verständlich und nicht auf sie ausgerichtet sind. „Man hat das Gefühl, dass Politik nur für den alten, weißen Mann gemacht wird“, sagt Tcharadou, „junge Menschen, die vielleicht einen Migrationshintergrund haben, muss man zum Beispiel auch mitnehmen. Viele haben mittlerweile eine multiple Identität, das findet man in der Politik kaum wieder.“ Dabei wäre es wichtig, dass es dahingehend Vorbilder gibt. Meral El, Leiterin des postmigrantischen Netzwerks „neue deutsche organisationen“, bestätigt, dass sich junge Nachkommen von Migrant*innen repräsentiert fühlen wollen. Schließlich lebe jedes dritte Kind in Deutschland in einer Einwander*innenfamilie. Das Eingehen auf ihre Wünsche sei, wie bei vielen Anliegen der Jugend, noch ausbaufähig. „Es ist nicht so, dass die Politik den jungen Menschen nicht zuhört“, so Schenke. Jedoch habe sie ein Kommunikationsproblem. Politiker*innen sind im Moment nicht in der Lage, die veränderte Lebensrealität der gesamten Gesellschaft, also auch der jungen Menschen, abzubilden. Das führe dazu, dass sich die junge Generation politisch benachteiligt fühlt, obwohl sie das vielleicht gar nicht ist. „Wir sollten in keinen Dramatismus verfallen,“ warnt Schenke. Obwohl die Parteistrukturen bei gesellschaftlichen Veränderungen sehr lange bräuchten, seien die Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerung noch nie so vielfältig gewesen wie jetzt. Das Einzige, was helfe, sei sich zu engagieren. Aber wie sollen junge Menschen das tun, wenn sie nicht wissen, wie? Tcharadou kennt das Problem und will deshalb seinen Altersgenoss*innen helfen mitzumachen: „Ich will inspirieren, sich einzubringen“. Tabea weiß noch nicht, wie es bei ihr weitergeht: „Ich suche mir gerade Orte, an denen ich mich einbringen kann, das gestaltet sich aber sehr schwierig. Wenn das nicht von der Politik besser gesteuert wird, ändert sich nichts.“

Christine Laqua 24, Potsdam … kommt vom Meer, wohnt im seenreichen Potsdam. Dort studiert, schreibt & tanzt sie in ihrem hauseigenen Ballsaal (echt!)

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AUS DEM GLEICHGEWICHT

DIE PANDEMIE HAT NICHT NUR FOLGEN FÜR DIE KÖRPERLICHE, SONDERN AUCH FÜR DIE PSYCHISCHE GESUNDHEIT – BESONDERS FÜR JUNGE MENSCHEN. UND DIE WERDEN VON DER POLITIK BISHER VERGESSEN. EIN FEATURE VON KATHARINA EISENMANN.

halb gerät ihre Waage und damit ihre psychische Gesundheit während Corona leichter aus dem Gleichgewicht. Dieses Ungleichgewicht kann sich auf unterschiedliche Art und Weise äußern. Aufgrund des pandemiebedingten Wegfalls der Tagesstruktur ließe sich vor allem bei Jugendlichen häufig ein verschobener TagNacht-Rhythmus beobachten, so WillhauckFojkar. Dies führe zu Schlafstörungen, die sich negativ auf die Stimmung auswirken. Durch die viele Zeit zum Grübeln nehmen zum Beispiel auch Depressionen und Ängste zu.

„DIE PANDEMIE HAT VIELES DEMASKIERT“ Illustration: Franzi

CORONA HÄLT DIE WELT SEIT ÜBER EINEM JAHR IN ATEM - DAS KANN SICH AUCH AUF UNSERE PSYCHE AUSWIRKEN.

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ann wird es endlich wieder normal?“ So beginnt der Text unter einem Instagram-Post von Franzi. Die 21-Jährige ist derzeit aufgrund einer Essstörung in einer Klinik in Bayern. Eigentlich studierte sie in Freiburg, lebte dort in einer WG. Schon 2019 war sie zur Behandlung in der Klinik. Doch vor Corona ging es ihr besser. Die Pandemie hat sie aus ihren Alltagsstrukturen gerissen. Das Online-Semester funktionierte für sie nicht, sie zog ungeplant zurück zu ihren Eltern. Es folgte der Abbruch ihres Studiums, die schwierige Suche nach einem Ausbildungsplatz und vor allem Eines – unerträgliche Ungewissheit. Eine Tagesstruktur fehlte, die wichtigen Routinen. Während die zweite Welle auf Europa zurollte, wurde auch Franzis Essstörung wieder präsenter. Im Herbst 2020 hatte sie einen Rückfall. „Ich hatte dann kein objektives Ziel mehr“, erzählt sie. Die Corona-Pandemie wirkt sich bei vielen jungen Menschen negativ auf die psychische Gesundheit aus. Das bestätigt auch Michaela Willhauck-Fojkar, Vorständin der Bundespsychotherapeutenkammer und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in einer Praxis in Mannheim. Zu Beginn der Pandemie habe sie auch Patient*innen gehabt, deren Probleme sich zunächst sogar gemildert haben, zum Beispiel Prüfungs-, Versagens- und soziale Ängste. Aber nach dem ersten Lockdown und verstärkt seit Januar dieses Jahres habe die Suche nach psychologischer Hilfe deutlich zugenommen. In der Pandemie steige die Wahrscheinlichkeit, nicht mit eigenen Mit-

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teln mit psychischen Problemen fertig zu werden, so die Expertin. „Ein Erwachsener, der eine Abifeier machen durfte, der nach der Schule mit Freund*innen gereist ist, der verschmerzt sowas viel besser“, erklärt Willhauck-Fojkar, „der 13., der 15., der 16. Geburtstag, die sind alle so wichtig. Wenn die ausgefallen sind, das kann man nicht mehr nachholen.“ Im Rahmen des Aktionsprogramms „Aufholen nach Corona“ der Bundesregierung wünscht sie sich ein verstärktes Augenmerk auf soziale Aspekte und sagt: „Man muss wieder entspannt Kind und Jugendliche*r sein dürfen.“

Das Alter ist nicht der einzige Faktor, der das Risiko für psychische Erkrankungen erhöht. Dem Report der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung zufolge lag die Wahrscheinlichkeit für psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigem sozioökomischen Status schon vor der Pandemie bei 26 Prozent und somit deutlich über den 9,7 Prozent in Familien mit mittlerem und hohem Status. „Die Pandemie hat vieles demaskiert, was schon die ganze Zeit in der Gesellschaft vorhanden war“, sagt WillhauckFojkar. Wie gut Kinder und Jugendliche durch die Pandemie kommen, hänge immer auch von sozialen Faktoren und Ressourcen ab: ein eigenes Zimmer, ein Garten, eine stabile WLAN-Verbindung.

Willhauck-Fojkar schätzt, dass es in ihrer Praxis derzeit 25-30 Prozent mehr Anfragen gibt als sonst. Das wirkt sich auch auf die Wartezeiten für Therapieplätze aus, die schon vor Corona teilweise mehrere Monate betrugen. Auch die Therapie an sich ist von Einschränkungen betroffen. Zu Beginn der Pandemie wurden die Plätze in Kliniken deutlich reduziert. Gruppentherapien sind teilweise nicht mehr möglich – der notwendige Abstand ist oft nicht einzuhalten. In Einzeltherapien hilft man sich mit Masken, Abstand und viel Lüften aus – oder mit Therapie via Video oder Telefon. Auch Franzi bekommt die CoronaEinschränkungen in der Klinik zu spüren. Ein Wochenende lang mussten sie alle in Quarantäne, weil eine Person positiv auf Corona getestet wurde. Das Haus nicht mehr verlassen zu dürfen, sei für Menschen mit Bewegungsdrang, der oft zu einer Essstörung gehört, unerträglich, erklärt Franzi. Von der Politik fühlt Franzi sich vernachlässigt: „Die psychische Gesundheit wird oft einfach vergessen. Ich finde, man muss das schon mit körperlicher Gesundheit gleichsetzen.“

Katharina Eisenmann 20, Münster … studiert Politikwissenschaft und könnte sich den ganzen Tag über soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeit ärgern.

HÖHERES RISIKO FÜR PSYCHISCHE ERKRANKUNG Laut der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ist das Risiko für psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen durch die Pandemie auf 31 Prozent angestiegen. Man kann sich das wie eine Waage vorstellen: Auf der einen Waagschale sammeln sich Stressoren und psychische Belastungen, auf der anderen Seite psychisch stärkende Faktoren, die dafür sorgen, dass unsere Waage im Gleichgewicht bleibt. Durch den Lockdown nehmen die Belastungen zu, gleichzeitig fallen viele der ausgleichenden Faktoren weg: Schul- und Universitätsschließungen, fehlender Kontakt zu Gleichaltrigen, mangelnde Freizeitmöglichkeiten etc. Außerdem sind Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer Entwicklung psychisch besonders gefährdet. Des-

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DIE UNSICHTBAREN

KEIN THEMA WAR IM LETZTEN JAHR SO PRÄSENT, WIE CORONA. DOCH EINE GRUPPE WIRD DABEI KAUM ERWÄHNT, OBWOHL SIE BESONDERS BETROFFEN IST: MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN. LOTTE ZIEGLER HAT ZWEI JUNGE FRAUEN MIT BEHINDERUNG GEFRAGT, WIE SIE MIT DER KRISE UMGEHEN.

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ür ihren Freiwilligendienst fährt Laura jeden Morgen in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Den Weg dorthin hat sie auswendig gelernt. Die 20-Jährige ist hochgradig sehbehindert, ihr bleiben 5 Prozent Sehvermögen. „Aber ich sehe mehr, als sich sehende Menschen vorstellen können”, sagt sie. Ihren Langstock hat Laura immer dabei zur Orientierung, aber auch, um sich als sehbehinderte Person kenntlich zu machen – gerade seit der Pandemie: „Sonst pöbeln die Leute sofort los, wenn ich mal den Abstand nicht einhalte”. Um sich führen zu lassen, greifen blinde oder sehbehinderte Personen den Arm ihrer Begleitung und laufen eine Schrittlänge hinter ihr. Die 1,5 Meter Mindestabstand kann man dabei natürlich vergessen. „Zu Beginn musste ich auch mal alleine am Bahnhof rumlaufen, weil die Unterstützung nicht da war”, sagt Laura. Mittlerweile seien die Leute aber wieder aufmerksamer geworden und bieten ihre Hilfe an, wenn Laura orientierungslos aussieht.

NEUE BARRIEREN

LAURA

Foto: privat

LAURA UND PAMELA HABEN DURCH DIE CORONA-PANDEMIE MIT VÖLLIG NEUEN BARRIEREN ZU KÄMPFEN.

PAMELA

Foto: privat

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie mussten alle den Alltag grundlegend verändern und einschränken. Menschen, die ohnehin schon auf Unterstützung angewiesen sind, sind davon besonders betroffen. Bei einer Umfrage der Initiative Aktion Mensch im April gaben über 40 Prozent der Menschen mit Behinderung an, dass sich die Teilhabe-Chancen durch Corona verschlechtert hätten. Viele der Befragten gelten durch ihre Schwerbehinderung auch als Risikogruppe und leben seit Monaten völlig isoliert. Lernen, Arbeit und Sozialleben spielen sich nun größtenteils online ab. Das bietet zwar eine große Chance, etwa für Rollstuhlfahrer*innen, die nun nicht mehr von Treppenstufen oder kaputten Aufzügen behindert werden. Andere leiden jedoch unter der notgedrungenen Digitalisierung. „Digital kann man die Mimik und Körpersprache sehr schwer wahrnehmen – aber davon leben Menschen mit geistigen Behinderungen oft”, sagt Ulrike Dietrich, Sozialpädagogin und Gründerin des inklusiven Kletterprojekts „Bayerns Beste Gipfelstürmer“. Digitale Angebote sind für sie nur eine Krücke: „Das kann nichts ersetzen. Bestenfalls können wir es darüber irgendwie schaffen, weiter Kontakt zu halten.” Zu einigen Teilnehmer*innen habe sie die Verbindung komplett verloren. Dabei gibt es auch technische Hürden. Seit der Pandemie kursieren ja die verschiedensten Plattformen für Videokonferenzen. Für Laura ist dieser ständige Wechsel anstrengend: „Wenn ich ein neues Programm nutze, muss ich mir jedes Mal neue Kürzel einprägen.” Sie navigiert auf dem PC größtenteils über die Tastatur, springt mit Tabstopp und Tastenkürzeln durch die Programme – solange diese das überhaupt zulassen. An den Barrieren im Digitalen zeigt sich, was auch analog gilt: „Menschen mit Behinderungen sind keine homogene Gruppe”, wie Ulrike Dietrich betont. Einige Teilnehmende ihres Projekts können den Alltag problemlos alleine meistern, auch im Lockdown. Doch die Corona-Maßnahmen differenzieren kaum zwischen den verschiedenen Bedürfnissen und Fähigkeiten, sondern werden eher, wie mit der Gießkanne über allen ausgeschüttet. Dadurch wurden teilweise noch höhere Hindernisse aufgezogen.

RECHT AUF INKLUSION Von einer barrierefreien Gesellschaft ist Deutschland auch ohne Corona, noch weit entfernt. Zwar ist Inklusion seit 2008 ein Menschenrecht doch „es fehlt in vielen Bereichen an Teilhabe”, wie Pamela auf WhatsApp schreibt. Die 22-Jährige ist seit ihrer Geburt taub. Sie ist mit tauben Eltern aufgewachsen und studiert Sonderpädagogik, mit dem Schwerpunkt Gebärdenpädagogik. Weil sich nicht rechtzeitig ein*e Dolmetscher*in für Deutsche Gebärdensprache finden ließ, fand das Interview per Chat statt. „Taube Menschen werden in der Politik kaum berücksichtigt“, schreibt sie. Oftmals bliebe ihnen der Zugang zu Informationen verwehrt, wenn etwa in Sendungen keine Untertitel eingefügt werden oder Ämter nur telefonisch erreichbar sind. „Das wurde mit dem Beginn der Corona-Zeit immer auffälliger.” Erst, als die taube Gemeinschaft protestiert hat, wurden bei Pressekonferenzen auch Gebärdendolmetscher*innen eingesetzt.

LIPPENLESEN ALS „ZUHÖREN“? Die Bedürfnisse von tauben Menschen wurden in der Pandemie aber nicht nur vergessen, sondern auch falsch gedeutet. Kurz nach Einführung der Maskenpflicht hieß es etwa, taube Menschen könnten kaum kommunizieren, wenn die Lippenbewegungen ihres Gegenübers von der Maske verdeckt sind. Tatsächlich ist das Ablesen von den Lippen aber gar nicht so entscheidend wie es oft dargestellt wird: Laut einer Studie des Leipziger Max-PlanckInstituts lassen sich nur rund 30 Prozent aller Laute und Wörter an den Lippen erkennen, der Rest muss immer über den Kontext erschlossen werden. „Die Gesellschaft will, dass wir uns anpassen und zu ’hören’”, schreibt Pamela. Obwohl die Deutsche Gebärdensprache seit 2002 als eigenständige Sprache anerkannt ist, fehlt es noch immer an Dolmetscher*innen und an gebärdenkompetentem Lehrpersonal an Schulen für taube Kinder und Jugendliche. „Oft müssen alle Lippen ablesen lernen.“ Die Schulschließungen waren besonders für gehörlose Kinder von hörenden Eltern eine Herausforderung. Viele von ihnen fangen erst durch den Kontakt zu Kindern aus tauben Familien an, Gebärdensprache zu lernen. Dieser Austausch fällt durch die Corona-Pandemie weg. Und: „Es fehlen die kulturellen Veranstaltungen, wo alle sich treffen und die taube Kultur aufrecht erhalten”, so Pamela. Für sie ist taube Kultur nicht nur Teil ihrer Identität, sondern auch ein Zeichen von Empowerment. „Sie erinnert uns immer wieder daran, dass wir besonders sind und nie nachgeben – egal, wie schwer die Barriere ist.”

Lotte Ziegler 18, Berlin … findet, dass Krapfen genauso wenig in der Pfanne zu suchen haben wie pfiffige Sprüche im Journalismus.

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WIE JUGENDLICHE HANNOVERS MUSIKSZENE VERÄNDERN

DAS PROJEKT BOCK AUF MUSIK (BAM) AUS HANNOVER WILL DIE MUSIKSZENE FÜR JUGENDLICHE ATTRAKTIVER GESTALTEN. DABEI WERDEN SIE VON DER STADT UND DEM MUSIKZENTRUM HANNOVER UNTERSTÜTZT. ANITA STALL HAT SICH MIT DEM BAM-MITGLIED KATHARINA ROSE (19) DARÜBER UNTERHALTEN, WIE MAN SOLCHE PROJEKTE STARTEN KANN UND ANDERE ZUM MITMACHEN MOTIVIERT. WAS WOLLT IHR MIT DER UMFRAGE HERAUSFINDEN? Wir haben gefragt, was Jugendlichen in Hannover fehlt: zum Beispiel Proberäume, Festivals oder Informationsmöglichkeiten zu Veranstaltungen. Welches Genre junge Menschen mögen und welche Künstler man gerne mal live in Hannover sehen würde. Außerdem noch, ob man genug Möglichkeiten hat, sich mit anderen Künstlern zu connecten.

DIE ERGEBNISSE SIND AUCH SCHON AUSGEWERTET, SOLLEN ABER NOCH NICHT AN DIE ÖFFENTLICHKEIT GELANGEN. WAS HAT BAM DAMIT VOR? Im nächsten Schritt wollen wir das am meisten Gewünschte in Angriff nehmen und es langsam umsetzen. Das wird cool!

lichen kann. Ansonsten war Instagram einfach eine App, bei der viele schon einen Account hatten. Es wird von vielen Leuten in unserem Alter benutzt und die wollen wir ja auch ansprechen.

WAS WÜRDEST DU JUGENDLICHEN RATEN, DIE EIN ÄHNLICHES PROJEKT STARTEN MÖCHTEN? Ich würde ihnen den Rat geben, dass sie an ihren Ideen dranbleiben sollen. Außerdem kann man sich ruhig Zeit lassen, damit es gut wird. Um Leute zu motivieren, sollte man anderen Menschen von seinen Visionen berichten und sie fragen, ob sie auch Lust darauf haben. Es ist außerdem eine gute Idee sich eine Instagram-Seite zu machen – so wie wir.

VIELEN DANK FÜR DAS INTERVIEW. Gerne!

WIE BLEIBT IHR IN KONTAKT UND WIE GESTALTET IHR EURE TREFFEN?

KATHARINA ROSE WILL MIT BAM MEHR ORTE ZUM MUSIKALISCHEN AUSTAUSCH SCHAFFEN. Foto: Melina von Studioline Photography, Hannover

POLITIKORANGE: BAM WILL MUSIKINTERESSIERTE ZUSAMMENBRINGEN, UM GEMEINSAM ETWAS ZU BEWEGEN. MITTLERWEILE SEID IHR CIRCA 30 JUNGE MENSCHEN. WIE HABT IHR ES GESCHAFFT SO VIELE LEUTE ZU MOTIVIEREN? Katharina Rose: Durch unsere Instagram-Seite (@bamhannover). Wir haben uns relativ schnell eine Reichweite aufgebaut. Dadurch fanden sich dann Leute, die Lust hatten bei unseren Dienstags-Treffen dabei zu sein und das sprach sich dann rum: Irgendjemand kannte jemanden, der wieder einen kannte und dann wurden wir irgendwie mehr.

AUCH DU BIST VOR ACHT MONATEN EIN TEIL VON BAM GEWORDEN UND BIST FAST VON ANFANG AN MIT DABEI. WIE SEID IHR BEI DER PROJEKTPLANUNG VORGEGANGEN? Alles hat mit einer Vision angefangen. Als wir nach einem Namen gesucht haben, stand da auf einmal BAM. Das passte: Wir haben alle Bock auf Musik. Dann haben wir geplant, wie wir den analogen und den Social Media-Bereich aufbauen wollen. Im analogen Bereich ging es zum Beispiel darum Plakate aufzuhängen. Dann haben wir eine Umfrage gemacht, was sich Jugendliche in der Musikszene wünschen. Die ist jetzt durch und wir bearbeiten sie weiter. Finanziert wird das Ganze durch die Stadt und das MusikZentrum Hannover.

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Wir benutzen Slack. Da besprechen wir, was gepostet werden soll und da sind auch unsere Protokolle von den Dienstags-Treffen. Die veranstalten wir im Moment bei Zoom, weil das aktuell nicht anderes möglich ist.

SO EIN PROJEKT – GERADE IN DEN AKTUELLEN ZEITEN – ZU STARTEN, STELLE ICH MIR NICHT GANZ SO EINFACH VOR. WELCHE HÜRDEN MUSSTET IHR ÜBERWINDEN? Schwierigkeiten gab es eigentlich nur wegen Corona. Es war schwer, sich zu treffen und bestimmte Projekte – zum Beispiel ein Festival – umzusetzen. Das zieht sich dadurch ein bisschen in die Länge.

TROTZDEM HABT IHR ES GESCHAFFT SO EIN PROJEKT AUF DIE BEINE ZU STELLEN. WIE KANN MAN SICH DENN KONKRET BEI BAM ENGAGIEREN? WELCHE AUFGABEN ODER BEREICHE GIBT ES?

IN FO RMAT IO N

Die Instagram-Seite von BAM ist ein fundamentaler Bestandteil des Projekts.

Der Spotify-Account vom BAM.

Mit ihren SpotifyPlaylisten will BAM die Bekanntheit junger Künstler*innen aus Hannover steigern.

Es gibt den analogen Bereich – der ist aktuell eher nicht so aktiv – und den Social Media-Bereich, wo Postings für Instagram bearbeitet werden. Im Grunde kann jeder und jede alles machen, weil man sich auch immer mit neuen Ideen einbringen kann.

ES GIBT VIELE SOCIAL MEDIA-PLATTFORMEN. WARUM HABT IHR AUSGERECHNET INSTAGRAM GEWÄHLT? Soweit ich weiß, war Facebook auch mal im Gespräch. Das war aber weniger beliebt, weil das eher was für ältere Personen ist. Das wollten wir nur nutzen, falls mal Festivals anstehen – damit man die Veranstaltungen veröffent-

Anita Stall 22, Hannover … studiert Journalistik und berichtet auf ihrem Blog Faces of earth über alles, was junge Menschen bewegt.


KANN DAS INTERNET GERECHT SEIN?

TÄGLICHE HASSKOMMENTARE UND FAKE NEWS IM INTERNET. DESHALB FORDERT DIE AG „WIR IM INTERNETZ“ DER JUGENDPOLITIKTAGE 2021 DIE SCHULUNG DIGITALER KOMPETENZEN UND MEDIENREGULIERUNG. LINDA FREITAG BERICHTET.

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ebhafte Gespräche in der AG „Wir im Internetz“. Die 15 Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland suchen nach Problemen und Lösungen im Netz. Paradoxerweise wird über die Defizite digitaler Kommunikation per Zoom geredet, aufgrund von Corona. Doch dieser Umstand verhindert keineswegs die Bereitschaft für einen angeregten Austausch. „Wir brauchen ein gerechteres und sozialeres Netz“, fordert Isvari Solarte aus Berlin. Insgesamt 25 AGs mit engagierten jungen Menschen haben sich auf den JugendPolitikTagen 2021 zusammengefunden, um konkrete Lösungsvorschläge im Rahmen der Jugendstrategie der Bundesregierung zu erarbeiten. Dass hier die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Fokus stehen, zeigt sich schon am AG-Leiter: Linus Walter ist 17 Jahre alt und steckt noch mitten in seinen Abiturprüfungen. „Ich sehe mich eher als Begleiter der Gruppe“, erklärt Linus aus Nordrhein-Westfalen, „nicht als jemand, der etwas vorgibt“. Nach einer kurzen Kennlernrunde geht es auch schon los. Gearbeitet wird mit dem Online-Whiteboard Miro. Eine digitale Wand, an der kleine Nachrichten in Form

von Post-Its geschrieben werden können. So verfolgen alle die drei AG-Treffen bequem von ihren Schreibtischen zu Hause. Zu Beginn zieren Hobbys und Lieblingstiere der Teilnehmer*innen das Board, aber nach und nach formen sich aus den Ideen konkrete Empfehlungen an die Regierung. Auch wenn das „konkret“ durch das ganze Notizengewirr zu Beginn nur erahnt werden kann. Eines ist den Teilnehmer*innen von vornherein klar: Das Internet ist bei weitem kein kontrollierter und ungefährlicher Raum. „Das Internet muss reguliert werden“, so Alexander Loran aus Niedersachsen. Jonas Bettger aus Bayern ergänzt: „Medienregulierung kann nur dann stattfinden, wenn Zuständigkeiten gebündelt und Einheitlichkeit geschaffen wird. Das Internet ist nicht territorial, Nachrichten und Posts machen nicht vor Ländergrenzen halt.“ Post-It um Post-It füllt sich die digitale Wand mit Lösungsvorschlägen: „Um die Medien zu regulieren, brauchen wir eine staatliche Kontroll- und Ethikinstanz für Algorithmen.“, betont Sebastian Thiede aus Kiel, „Einheit muss her für eine bessere Kontrolle.“ Allen ist bewusst, dass es nicht genügt, nur die Auswirkungen zu bekämpfen. „Wir

müssen das Problem bei der Wurzel anpacken, und etwas dafür tun, dass die Menschen im Internet sozialer miteinander umgehen“, findet Linus Walter. Präventionsarbeit und Förderung der digitalen Kompetenzen an Schulen, sowie die Sensibilisierung aller Akteur*innen im Netz, muss stattfinden. So steht es am Ende auf dem Ergebnispapier für die Bundesregierung. Es liegt nicht mehr in der Hand der AG, wie die Politiker*innen mit den Handlungsvorschlägen umgehen werden. Bleibt nur zu hoffen, dass sie genauso lebhaft diskutieren, wie die AG-Teilnehmer*innen.

Linda Freitag 17, Hamburg … Nordlicht aus Hamburg. Schreibt lieber das Wort von Freitag als das Wort zum Sonntag.

Foto: Wahid Rahimi

Foto: Schmott Photographers

Foto: privat

FRUCHTFLEISCH WAS IST FÜR DICH EIN GERECHTES NETZ?

ISVARI SOLARTE, 24, STUDENTIN FÜR SOZIALE ARBEIT

MIRKO DROTSCHMANN, 35, JOURNALIST UND WEBVIDEOPRODUZENT

JAQUELINE AHMADI, RECHTSANWÄLTIN

ERST WENN MAN VIELFÄLTIGE, UNABHÄNGIGE BERICHTERSTATTUNG GEWÄHRLEISTEN KANN, KOMMT MAN DER TRANSPARENZ EIN STÜCK NÄHER. ACHTSAMKEIT FÜR OFFENE RÄUME UND SPRACHE UNTERSTÜTZEN VIELFÄLTIGKEIT UND HELFEN, INTERESSENSKONFLIKTE AUFZUARBEITEN.

WENN JEDER UND JEDE, UNABHÄNGIG VOM AUFENTHALTSORT, AUF DIE GLEICHEN INFORMATIONEN ZUGREIFEN KANN UND WEDER BEVORZUGT, NOCH BENACHTEILIGT WIRD. WENN WIR SO KOMMUNIZIEREN, DASS WIR DIE GRUNDRECHTE ACHTEN UND GESELLSCHAFTLICHE HÖFLICHKEITSFORMEN WAHREN.

WENN DER STAAT DIE GRUNDRECHTE SEINER BÜRGER VOR JEGLICHEN ANGRIFFEN SCHÜTZT. ALGORITHMEN DÜRFEN NICHT UNSER RECHTSSYSTEM BESTIMMEN. DER MENSCH ALLEIN IST IM STANDE, VERNÜNFTIGE ENTSCHEIDUNGEN ZU TREFFEN UND DAFÜR AUCH VERANTWORTUNG ZU ÜBERNEHMEN.

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PRÄMIERTE WERKE DES KREATIVWETTBEWERBS

WER IST EIGENTLICH DIESE POLITIK UND WIE IST DIESE JUGEND DARAN BETEILIGT? DAMIT HABEN SICH JUNGE KÜNSTLER*INNEN ZUM KREATIVWETTBEWERB „STIMMUNGSBILD: JUGEND_POLITIK“ AUSEINANDERGESETZT. HIER SIND VIER DER INSGESAMT 14 PRÄMIERTEN KUNSTWERKE:

FOR A GRETA WORLD von Christian (26), aus Düsseldorf

YOU CAN‘T MUTE US ! von Çiya (26), aus Frankfurt am Main

WIR ÄNDERN DAS REZEPT von Elena (24), aus Herten

#SAYTHEIRNAMES von Betül Benan für Young Schura Niedersachsen (25), aus Hannover

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SOZIAL GERECHTE KLIMASTRATEGIE – DIE KRISE DER KRISEN

SARAH HADJ AMMAR IST KLIMAAKTIVISTIN UND LEITERIN DER AG „SOZIAL GERECHTE KLIMASTRATEGIE” BEI DEN JUGENDPOLITIKTAGEN 2021. IM INTERVIEW MIT AMELIE GRUPP ERKLÄRT SIE, WIE SO EINE KLIMASTRATEGIE AUSSIEHT UND WARUM SIE SO WICHTIG IST. POLITIKORANGE: DIE KLIMAKRISE BETRIFFT UNS ALLE, ABER SIE IST ENG MIT SOZIALER UNGERECHTIGKEIT VERKNÜPFT. INWIEWEIT HÄNGT BEIDES ZUSAMMEN? Sarah Hadj Ammar: Die Klimakrise ist gleichzeitig auch eine Gerechtigkeitskrise, wenn man an Lösungen für die Klimakrise denkt, denkt man gleichzeitig auch an Gerechtigkeitslösungen. Wir als Verursacher*innen der Klimakrise im globalen Norden bekommen die wenigsten Folgen der Klimakrise zu spüren. Es sind die Menschen im globalen Süden, die nicht für die Klimakrise verantwortlich sind, die die größten Probleme damit haben und haben werden: Dürren, Naturkatastrophen, tropische Krankheiten. Aber auch in Deutschland ist die Klimakrise eine Ungerechtigkeitskrise. Angefangen dabei, dass es eine Generationenkrise ist. Es muss auch bedacht werden, dass alles, was wir jetzt hier entscheiden, um der Klimakrise entgegenzuwirken, auf den Gerechtigkeitsfaktor untersucht werden muss. Wenn Fast Fashion also teurer wird, ist dies unter dem Klimaaspekt sehr lobenswert, es gibt auf der anderen Seite aber auch immer Menschen, die auf die niedrigen Preise angewiesen sind. Man kann folglich sowohl die Folgen, als auch die Maßnahmen nicht getrennt denken.

WAS BEDEUTET INTERSEKTIONALITÄT IM ZUSAMMENHANG MIT DEM KLIMAWANDEL? Die Klimakrise ist eine Menschenrechtskrise, eine Sicherheitskrise und eine Gesundheitskrise. Die Klimakrise umfasst also alle Aspekte unseres Lebens, auch die Wirtschaft. Den kompletten Alltag. Es ist also DIE Krise.

WERDEN DIE ZUSAMMENHÄNGE VON SOZIALER GERECHTIGKEIT, DEM KLIMAWANDEL UND DER POLITISCHEN UND WIRTSCHAFTLICHEN VERANTWORTUNG AUSREICHEND DISKUTIERT? Nein. Ich bin bereits seit zehn Jahren in der Klimabewegung und natürlich hat sich seitdem wahnsinnig viel entwickelt. Mittlerweile ist den meisten bekannt, dass die Klimakrise eine Gerechtigkeitskrise ist. Allerdings handelt es sich um ein „Blasen-Phänomen“: Ich spreche mit meinen Freund*innen oder auf Fridays for Future Demonstrationen darüber, aber im tatsächlichen politischen Diskurs, dem, der Entscheidungen trifft, ist dies meiner Meinung nach noch nicht angekommen.

AUF WELCHE GRUPPEN IN DER GESELLSCHAFT WIRKT SICH DER KLIMAWANDEL BESONDERS AUS UND WARUM? Allgemein in der Gesellschaft auf jeden Fall die Kinder, denn uns jungen Menschen wird die Zukunft genommen, ohne Rücksicht auf Verluste. Dann auch Menschen im globalen Süden, denn sie leben in Ländern, die so gelegen sind, dass sie von der Klimakrise noch viel stärker betroffen werden.

DÜRRESCHÄDEN AUCH IN DEUTSCHLAND – DER BODEN TROCKNET AUS.

WELCHE POLITISCHEN MASSNAHMEN GEGEN DIE KLIMAKRISE GIBT ES, DIE DIE SOZIALE UNGERECHTIGKEIT NICHT VERSTÄRKEN? Ein konkreter Vorschlag, den ich sehr unterstütze, ist umweltschädliche Subventionen abzuschaffen, also die Subventionen für umweltschädliche Landwirtschaft, Kerosin, Erdöl. Das waren 2012 57 Milliarden Euro. Das könnte zu Subventionen für faire Kleidung, lokale Bionahrungsmittel, öffentlichen Nahverkehr, der unser Klima nicht belastet, umgeschichtet werden. So landet die finanzielle Last nicht auf unseren Schultern.

WIE KANN POLITISCHE ARBEIT AUSSEHEN, UM MÖGLICHST DIVERSE PERSPEKTIVEN UND MENSCHEN MIT EINZUSCHLIESSEN? Ich glaube, das geht vom ganz Kleinen ins Große. Egal, was man tut, es ist auf jeden Fall besser als nichts zu tun. Eine Postkarte an die Regierung zu schicken, mit der man auf Fehler aufmerksam macht, kann jede und jeder. Man kann zu Demonstrationen gehen und sich untereinander vernetzten. Das sind alles kleinere Dinge, aber so fängt es an. Das grundsätzlich Wichtige ist, dass Menschen verstehen, dass sie etwas verändern können.

Foto: Christine Laqua

ternehmen sind. Unternehmen müssen genauso viel geben, wie sie nehmen. Die Idee, dass die Wirtschaft nur für das Geld arbeitet, finde ich total komisch. Wir haben sie doch erschaffen. Wirtschaft sollte doch uns, unserem Überleben und unserem Planeten dienen.

WAS MUSS DEUTSCHLAND TUN, UM WELTWEITE VERANTWORTUNG IN DER KLIMAKRISE ZU ÜBERNEHMEN? Erstmal, und das ist das Minimum, muss Deutschland sich an Verträge halten, die es unterzeichnet hat. Außerdem sind die Ziele, die wir jetzt gerade vereinbart haben, wie den Kohleausstieg 2038, nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen festgemacht, sondern an wirtschaftlichen Interessen. Das ist absurd. Global könnten wir Verantwortung übernehmen, indem wir eine Vorreiter*innenrolle übernehmen, indem wir Solidarität zu Ländern zeigen, die sich jetzt auch entwickeln wollen. Außerdem sollte ich jetzt auch nicht Neokolonialismus und Kolonialismus erwähnen müssen, um zu zeigen, dass wir schuld sind und sehr viel aufzuholen haben. Wir drücken uns hier in Deutschland sehr vor der Verantwortung, die wir übernehmen könnten und sollten.

WAS IST DEINE VISION EINER SOZIAL GERECHTEN KLIMASTRATEGIE? Für mich ist das auch immer eine Frage des Wirtschaftens, denn die Art des Wirtschaftens hat uns in diese Situation gebracht. Diese Gier nach dem ständigen Wachstum hat uns in diese Position gebracht: Wir wollten immer mehr, immer weiter, ohne dabei Rücksicht auf Verluste zu nehmen. Wenn ich an eine sozial gerechte Klimastrategie denke, ist für mich dieser Kern des Problems behoben. Das bedeutet, dass beispielsweise große multinationale Unternehmen Gemeinwohlbeweise vorlegen müssen, in denen sie beweisen, dass sie klimaneutral handeln und dass sie die Menschenrechte achten, also ein soziales Un-

Amelie Grupp 16, Tübingen … isst gerne Erdbeeren.

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IST DIE DEUTSCHE DEMOKRATIE IN GEFAHR?

DIE DEUTSCHE POLITIK STEHT GERADE UNTER DRUCK, MANCHE MENSCHEN BEZWEIFELN DIE KOMPETENZ DER BUNDESREGIERUNG IN DER CORONA-KRISE. EXTREMISTISCHE STIMMEN WERDEN IMMER LAUTER. ES SCHEINT, ALS OB SIE DIE MEHRHEIT DARSTELLEN. ABER IST DAS WIRKLICH SO? LUKAS SCHWARZELT HAT BEI DREI PERSONEN AUS POLITIK UND ZIVILGESELLSCHAFT NACHGEFRAGT.

DUNKLE WOLKEN ÜBER DEM REICHSTAG. WIE GROSS IST DIE GEFAHR DURCH ANTIDEMOKRATISCHE KRÄFTE?

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m Juni 2019 wird der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke von einem Rechtsextremisten getötet. Noch im selben Jahr werden in Halle (Saale) zwei Menschen Opfer eines antisemitischen Anschlags. Am 19. Februar 2020 tötet ein Rechtsextremist neun Menschen mit Migrationsgeschichte in Hanau. Diese Taten sind keine Einzelfälle, wie die Statistik des Bundeskriminalamts (BKA) für 2020 zeigt. Allein im letzten Jahr gab es, laut der Statistik, 44.692 politisch motivierte Straftaten. Über die Hälfte davon gingen von rechts aus, ein knappes Viertel von links. 8.000 konnten keinem politischen Lager zugeordnet werden. Propagandadelikte, Beleidigungen und Volksverhetzungen machen circa 57 Prozent der politisch motivierten, gemeldeten Straftaten aus. Dazu kommen politisch motivierte Gewaltdelikte und Hasskriminalität. Und Tötungsdelikte, von denen es 2020 16 gab, drei davon tödlich. Auch die Zahl der Gewaltdelikte ist im Vergleich zum Vorjahr in fast allen Bereichen gestiegen. Karamba Diaby (SPD) ist seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages und unter anderem verantwortlich für Integrationspolitik, z.B. als Integrationsbeauftragter der SPD-Bundesfraktion. Zudem engagiert er sich gegen Rassismus und Hass. 2020 wurden auf sein Bürgerbüro in Halle mehrere Schüsse abgegeben, regelmäßig bekommt er Hassmails und Mord-

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drohungen. „Das bekommt man nicht so schnell aus dem Kopf“, sagt er. Dennoch sei er stolz als Bundestagsabgeordneter tätig zu sein und sich für Themen wie Bildung, Arbeit, Umwelt und starken sozialen Zusammenhalt einzusetzen. Nach dem Anschlag auf Herrn Diabys Büro im Januar 2020 gab es eine Welle an Solidarität – im Bundestag, in den Sozialen Medien und von Bürger*innen und Schulklassen. Auch die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident und die Fraktionsspitzen haben klargemacht, dass hier eine Grenze überschritten wurde. Diaby möchte seine Arbeit trotz der Bedrohungen fortführen, um denen, die Gewalt und Angst verbreiten, zu zeigen, dass sie nicht in der Mehrheit sind. „Die überwiegende Mehrheit ist für eine vielfältige und offene Gesellschaft, das ist meine Überzeugung“, sagt Diaby. Dieses Land sei zu schön, „um es Menschen zu überlassen, die nur hetzen und hassen wollen!“ Deshalb haben er und seine Mitarbeiter*innen beispielsweise den Parlamentskreis „Vielfalt und Antirassismus“ gegründet. Dieser ist mit Kollegen*innen aus fünf Parteien besetzt und will den Themen Rassismus und Hetze, losgelöst von Koalitionsfragen, im Parlament mehr Gehör verschaffen. Durch frühe politische Bildung und Medienbildung können junge Menschen lernen, wie das demokratische System aufgebaut ist und sich so früher einbringen. Alexander von Janowski studiert Politik-

wissenschaft und engagiert sich ehrenamtlich bei „DEMO“, einer jungen Bewegung für Demokratie. Auch er ist der Meinung, dass die Demokratie in Gefahr sei und der Staat mit Bildungsangeboten und einer klaren Rechtsprechung eingreifen müsse. „Gefährlich für die Demokratie wird es, wenn einzelne Gruppen anfangen ihre Rechte neu zu definieren“, so von Janowski. Die starke Polarisierung und auch die Angriffe auf unsere Politiker*innen bereiteten ihm Sorgen. Demokratie lebe davon, dass wir als Gesellschaft unsere Rechte gegenseitig wahren würden und uns an Gesetze hielten. Auch Hanna Gleiß, ebenfalls Politologin und Projektleiterin bei „NETTZ“, einer Initiative gegen Hass im Netz hat eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob es eine Gefahr für die Demokratie gibt: „Ja, die gibt es.“ Die Extremist*innengruppen, die dort herausragen, lägen rechts im politischen Spektrum. Die größten Gefahren für die Demokratie stellen u.a. zurzeit Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Desinformationen dar. Bürger*innen und Repräsentant*innen, die sich stark machen, würden von Gruppierungen „silenced“, also stumm gemacht. Meist durch massive Beleidigungen und Androhung von Gewalttaten bei Diskussionen auf Social-Media und im Internet. Viele Menschen wünschen sich aber sachlichere Diskussionen im Netz. Das kann man z.B. an dem Hashtag #wir-

Foto: Martin Guido auf Unsplash

sindhier beobachten. Etwa 40.000 Mitglieder versuchen mit diesem Hashtag, in den Kommentarspalten, gegen die Polarisierung beim politischen Diskurs anzukämpfen. Alexander von Janowski entwickelt mit seinen Mistreiter*innen von DEMO neue Veranstaltungsformate, wie beispielsweise ein Pub Quiz, um die Beteiligung junger Erwachsener zu erhöhen und in einen entspannten Diskurs zu politischen Themen zu kommen. Um unsere Demokratie schützen zu können, sind alle Akteur*innen gefragt: Judikative, Exekutive und Legislative – aber auch die Zivilgesellschaft muss, z.B. im Internet gegen Hass, echte Gewalt und Gewaltandrohungen einstehen.

Lukas Schwarzelt 16, Ahrensfelde … leistet sich gerne einen Witz so ist er plötzlich ernsthaft hier gelandet und ihm gefällt es.


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IMPRES S U M Die Ausgabe von politikorange entstand während der JugendPolitikTage 2021, die vom 06. bis 09. Mai stattfanden. Die Veranstaltung wurde außerdem von einer Online-, Video- und Social MediaRedaktion begleitetet. Alle Beiträge der Onlineredaktion sind zu finden auf politikorange.de.

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rintmagazine, Blog und Videos: politikorange erreicht sein Publikum über viele Kanäle und steht neuen Wegen offen gegenüber. Junge, kreative Köpfe berichten in wechselnden Redaktionsteams aus einer frischen Perspektive. Ob aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft oder die kritische Begleitung von Veranstaltungen – politikorange ist mittendrin.

POLITIKORANGE – DAS MULTIMEDIUM politikorange wurde 2002 als Veranstaltungszeitung ins Leben gerufen. Rund 150 Ausgaben wurden seither produziert. Seit Anfang an gehören Kongresse, Festivals, Parteitage und Events zum Programm. 2004 kamen Themenhefte hinzu, die aktuelle Fragen aus einer jugendlichen Sichtweise betrachten. 2009 nahm politikorange Video und Blog ins Portfolio auf und präsentiert spannende Beiträge auf dem eigenen YouTube-Kanal und unter blog.politikorange.de.

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