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KLEBSTOFF MAI 2019

UNABHÄNGIGES MAGAZIN ZUM 15. JUGENDMEDIENWORKSHOP IM DEUTSCHEN BUNDESTAG VOM 25. NOVEMBER BIS ZUM 1. DEZEMBER 2018


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EDIT OR I A L

Liebe Leserinnen und Leser, mehr als 100 Jahre sind vergangen, seitdem der Erste Weltkrieg beendet wurde. Vor über 70 Jahren wurde der neu gegründete Staat Israel angegriffen. In der Folge wurden hundertausende Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben. 1988 endete der Erste Golfkrieg mit einem Waffenstillstand zwischen dem Irak und Iran. Seit 1988 herrscht in Somali ein Bürgerkrieg. 1998 versuchten mehrere zerstrittene Rebellengruppen, die Re­ gierung im Kongo zu stürzen, die selbst erst kurz vorher an die Macht gekommen war. Allein 2018 jährten sich fünf Kriege, bei denen es zu unzähligen Opfern kam. Von Jahr zu Jahr gibt es neue bewaffnete Konflikte und Kriege. Hinter allen stehen unendliches Leid, unzählige Tote, lang wäh­ rende Traumata und teilweise holprige Friedensprozesse. Doch allzu häufig tendieren Menschen dazu, wegzuschauen, wenn sie nicht von der Situation betroffen sind. Gleichzeitig scheint es für viele schwer zu sein, die Dimensionen zu begreifen, ohne vom Krieg betroffen zu sein. Grund genug das Thema „Zwi­ schen Krieg und Frieden“ genauer zu betrachten: Wie kommt es zu Kriegen? Was braucht es, damit ein zerstörtes Land wie­ der aufgebaut werden kann und Menschen ein normales Leben führen können? Was braucht es, damit Menschen wieder zu­ sammenfinden? Die Redaktion des Jugendmedienworkshops hat sich mit dem Thema genauer auseinandergesetzt. Es wurden Zahlen, Daten und Fakten recherchiert, Hintergrundgespräche mit politisch Aktiven, Journalistinnen und Journalisten sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geführt und mit Betroffenen gesprochen. In dieser Ausgabe der politikorange könnt ihr nun lesen, welche Konfliktquellen überhaupt existieren, welche Formen von Krieg es in der Zukunft geben kann und was dieser überhaupt mit den Menschen macht. Vor allem aber werdet ihr auch lesen, wie Menschen mit Krieg umgehen und welche Strategien sie entwickeln, um Frieden zu schaffen. Viel Spaß beim Lesen! Katharina von Busch, Julia Fedlmeier, Christina Heuschen (Chefredaktion)

INHA LT

»lesenswert«

»missbraucht«

Was palästinensische Literatur so besonders macht. Seite 19

Wenn sexualisierte Gewalt als Kriegstaktik eingesetzt wird. Seite 27

»Rückkehr«

Titelfoto: Jens Moggert & Pixabay, Montage: Henri Maiworm, Foto Seite 2 u. 3: Jens Moggert

Eine Kampagne des Bundesinnenministeriums sorgt für Kritik. Seite 25

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ZWISCHEN BABYS UND BOMBEN

IN KRIEGS- UND KRISENGEBIETEN IST DIE ZAHL DER MÄNNLICHEN JOURNALISTEN DEUTLICH HÖHER ALS DIE DER FRAUEN. DIE EHEMALIGE AUSLANDSKORRESPONDENTIN GEMMA PÖRZGEN IST ÜBERZEUGT DAVON, DASS IN DER WEIBLICHEN PERSPEKTIVE EINE GROSSE CHANCE STECKEN KANN. ANNA NEELA URBAN UND NINA HUWER BERICHTEN.

GEMMA PÖRZGEN ERZÄHLT VON IHRER ARBEIT ALS REPORTERIN IN KRISENREGIONEN.

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en kostbaren Goldschmuck, den sie zur Hochzeit bekamen, verkauften Frauen auf einmal überall, um in Zeiten großer Krisen an Geld zu kommen“, er­ zählt die deutsche Journalistin Gemma Pörzgen über ihre Erfahrungen im Gaza­ streifen. Als Nahost-Korrespondentin lebte sie von 2004 bis 2006 in Israel und Palästina. Als weibliche Reporterin bekam sie dort einen ganz anderen Ein­ druck von dem normalen Leben hinter den durch Bomben zerstörten Fassaden. Die alltäglichen Fragen, wie zum Beispiel die aktuellen Lebensmittelpreise auf dem Markt und die Frage, wie man diese be­ zahlt, hätten sie als Mutter zweier Kinder immer interessiert – vermutlich stärker als manchen männlichen Kollegen. Gera­ de in traditionell geprägten Gesellschaf­ ten wie in Gaza hätten Reporterinnen, oft leichter als ihre männlichen Kollegen, die Möglichkeit, sowohl mit Männern als auch mit Frauen ins Gespräch zu kom­ men. Gemma Pörzgen ist neben ihrer langjährigen Arbeit als Auslandsbe­ richterstatterin Mitbegründerin und Vor­ standsmitglied der deutschen Sektion von „Reporter ohne Grenzen“. Die internatio­ nale Organisation setzt sich für die welt­ weite Pressefreiheit ein und dokumentiert Verstöße gegen sie. Ihre Rolle als weibliche Reporterin habe sie bei ihrer Arbeit nicht als Hinder­ nis wahrgenommen. Im Gegenteil: „Als junge Frau wird man laufend unterschätzt – das kann auch ein Vorteil sein“, sagt Pörzgen über ihre beruflichen A ­ nfänge.

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Einige männliche Gesprächspartner hät­ ten sehr bereitwillig und offen erzählt, aber sich später gewundert, dass daraus auch wirklich ein kritischer Artikel wurde.

ZWEI PERSPEKTIVEN Dem Journalist Enno Lenze, der bereits in der Region Kurdistan als Kriegsberichter­ statter unter Beschuss des sogenannten IS stand, ist dieser Vorteil nicht aufgefallen. Seiner Meinung nach werden in vielen Kriegsgebieten Journalistinnen und Jour­ nalisten gleichermaßen geachtet. Dort werde vor allem auf den Inhalt der Artikel und Berichte geschaut. Pörzgen verweist da auf ihre Erfah­ rungen unmittelbar nach dem Bosnien­ krieg, als sie während ihrer Elternzeit für einige Zeit mit ihrem kleinen Baby in Sa­ rajevo lebte und ihr Mann dort als Korre­ spondent tätig war. Er war vor allem mit Männern in Kontakt, die den Weg in den Alltag noch nicht wiedergefunden hatten. Währenddessen bewegte sich Pörzgen als junge Mutter in den Kreisen anderer Müt­ ter, von denen damals viele Witwen und so allein mit ihren Kindern waren. Die Einblicke in die durch den Krieg zerrüt­ tete Gesellschaft erschienen ihr damals sehr unterschiedlich. Während Pörzgen, die vor allem in der Nachkriegszeit als Südosteuro­ pa-Korrespondentin für deutsche Zei­ tungen berichtete und nur wenig di­ rekte Erfahrungen mit Kampfgeschehen hatte, gibt es auch Journalistinnen als Kriegsreporterinnen, so zum Beispiel die

Bild: Tim Eckert

mit Respekt zu begegnen“, sagt Pörzgen. ­kurdischsprachige Kriegsreporterin Shifa Gardi, die während des Irakkriegs oft an Bei Recherchen in Gaza habe sie sich da­ der Front als Berichterstatterin für den für entschieden, bei Treffen mit Hamaskurdischen Fernsehsender Rudaw unter­ Führern ein Kopftuch zu tragen, um den wegs war. Am 25. Februar 2017 wurde sie dortigen Gepflogenheiten zu entsprechen. während ihrer Arbeit von einer Bombe „Mir wurde aber auch mal gesagt: Wieso, des sogenannten IS am Straßenrand von du kommst doch eh aus dem Westen, du brauchst doch kein Kopftuch“, berichtet Mosul getötet. Ein Jahr später wurde zu Pörzgen von einem Treffen mit einem Ha­ ihrem Gedenken direkt vor dem Gebäude des privaten kurdischen Fernsehsenders, mas-Bürgermeister in der Westbank. Denn obwohl sie als Reporterin nah die Statue „The Microphone of Shifa“ ent­ hüllt. Der Sender Rudaw sagte nach ih­ an die Frauen herankam und einen ande­ ren Zugang zu haben schien, sagt sie über rem Tod: „Journalismus bleibt männlich dominiert – Shifa Gardi hat diese Wahr­ ihre Arbeit in der Region auch: „Bei mei­ ner Arbeit wurde mir manches zugestan­ nehmungen und Klischees gebrochen.“ den, was man den eigenen Frauen nicht zugestehen würde. Ich wurde hauptsäch­ FRAUEN WERDEN IM KRIEG lich als westliche Journalistin in der Aus­ ANDERS BEHANDELT übung meines Berufes wahrgenommen.“ Laut „Reporter ohne Grenzen“ ist Shifa Gardi eine von insgesamt 26 Medien­ schaffenden, die im Jahr 2017 im Ein­ satz, unter Beschuss oder aufgrund eines Bombenangriffs getötet wurden. Weitere 39 Medienschaffende wurden gezielt auf Grund ihrer journalistischen Tätigkeit er­ mordet. Unter den insgesamt 65 Journali­ stinnen und Journalisten, die bei ihrer Ar­ beit ums Leben kamen, waren 2017 zehn Frauen. Das sind doppelt so viele wie im Nina Huwer Vorjahr. 19, Bremen Trotz solcher Zahlen hat Pörzgen Anna Neela Urban sich bei ihrer Arbeit meistens sicher ge­ 18, Hannover fühlt. In islamischen Kulturkreisen habe sie sich sogar manchmal sicherer gefühlt … wurden die ganze JMWS-Woche über für als in anderen Gebieten. „Ich hatte den Schwestern gehalten. Eindruck, dass es da ein eindeutiges Re­ glement gibt, Frauen zu achten und ihnen


DEB AT T E

DEUTSCHLANDS FARBEN OHNE KAKIGRÜN

2011 SETZTE DER BUNDESTAG DIE ALLGEMEINE WEHRPFLICHT AUS. ACHT JAHRE SPÄTER HAT DIE BUNDESWEHR VIELE PROBLEME: MANGEL AN AUSRÜSTUNG, NACHWUCHS, ANSEHEN. THIES J. HANSBERG FRAGT SICH: BRAUCHEN WIR DIE BUNDESWEHR NOCH? EIN PERSÖNLICHER KOMMENTAR.

Bild: Foto-Zittau/Erik-Holm Langhof

IMMER WIEDER GERÄT DIE BUNDESWEHR IN DIE KRITIK. WAS IST DRAN?

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ch habe noch nie Krieg gespielt. Das war bei mir zu Hause schon immer tabu. Mein Vater war ein prinzipientreuer Wehr­ dienstverweigerer, meine Mutter eine späte Hippie­-Theologin mit Gitarrenkoffern, voll beklebt mit Stickern gegen Krieg. Lange habe ich das nicht hinterfragt, doch jetzt ist mir natürlich klar, dass die beiden nur naive Weltverbesserer sind. Oder? Haben sie vielleicht recht? Ist die ehrwürdige Ver­ teidigung des Vaterlandes inzwischen nicht mehr zeitgemäß? Sind es in Deutschland 180.195 Menschen, die für nichts und wie­ der nichts bei der Bundeswehr dienen? Ist die Bundeswehr mittlerweile überflüssig geworden? So blauäugig diese Fragen zu sein scheinen, es gibt trotzdem Antworten. 2018 beläuft sich der Haushalt des Bun­ desministeriums für Verteidigung (BMV) auf 38,5 Milliarden Euro, so das BMV. Das entspricht einem Gesamtanteil von 11,2 Prozent im Bundeshaushalt. Kaum ist man in einer größeren Stadt oder im Internet unterwegs, fallen einem Plakate ins Auge – Werbeplakate für den Dienst an der Waffe. Ganze Straßenbahnen fahren in Kakigrün durch die Innenstadt Berlins. Unter dem Leitsatz „Mach, was wirklich zählt“ trans­ portieren sie die hippe Botschaft der Armee in die Köpfe der Zielgruppe: Jugendliche. Auf der Spielemesse Gamescom warb die Bundeswehr 2018 in Köln mit „Multiplayer at its best“ oder „Mehr Openworld geht nicht“ und trat eine Welle der Empörung los, die die Sozialen Medien überflutete. Ob sich die Werbeverantwortlichen wohl für besonders kreativ und jugendlich hielten, als sie sich diese Plakatierung ausdachten? Es kam nicht gut an, wenn irgendjemand die Werbung verteidigte; dann vielleicht deshalb, weil er oder sie den Ernst der Lage dort nicht versteht: Krieg ist kein Spiel und darf nicht als solches dargestellt werden.

PETRA PAU (DIE LINKE) VIZEPRÄSIDENTIN DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES „WIR BRAUCHEN KEINE BUNDESWEHREINSÄTZE IM AUSLAND, WIR BRAUCHEN INTERNATIONALE VERHANDLUNGEN.“

NACHWUCHSPROBLEME UND WACHSENDE KRITIK Das Verteidigungsministerium hatte im Etat 2018 wieder über sieben Millionen Euro allein für Nachwuchskampagnen eingeplant. Da stellt sich doch die Frage: Wen spricht diese Werbung denn über­ haupt an? Niemand in meinem Bekann­ tenkreis denkt ernsthaft darüber nach, zur Bundeswehr zu gehen, schon gar nicht aufgrund dieser Kampagnen. Trotzdem scheint sie attraktiv: Die Bundeswehr fi­ nanziert Studien und Ausbildungen. Der Haken daran ist, dass man den Soldaten­ status annehmen muss und sich für eine lange Zeit an die Bundeswehr bindet, was für junge Menschen in der Lebenspla­ nung ein Problem darstellen dürfte. Man muss offen zugeben, dass unsere Armee es wieder geschafft hat, im Mittelpunkt vieler Diskussionen zu stehen. Die Fra­ ge ist, zu welchem Preis. Die Anzahl der freiwillig Wehrdienstleistenden ist zwar auf einem stabilen Level, ein ernstzuneh­ mender Anstieg lässt sich allerdings nicht verzeichnen. Ausgenommen ist hiervon die Rekrutierung von Minderjährigen: Laut Verteidigungsministerium gab es 2018 nur noch 1.679 minderjährige Re­ krutinnen und Rekruten. Hinzu kommt die mangelnde Aus­ rüstung der Bundeswehr, die im letzten Jahr ein Thema von enormer Medien­ präsenz war. Im Februar berichtete „Die Welt“ über nicht funktionierende Kampf­und Schützenpanzer, eine Woche später

HANS-PETER BARTELS (SPD) WEHRBEAUFTRAGTER DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES „‚NIE WIEDER‘ HEISST NICHT NIE WIEDER BUNDESWEHREINSÄTZE, SONDERN NIE WIEDER WEGSCHAUEN, WENN ETWAS SCHLIMMES PASSIERT.“

legte die „Rheinische Post“ mit einem Ar­ tikel über Mängel bei Winterbekleidung, Schutzwesten oder beweglichen Unter­ bringungen nach. Eine Armee ohne rich­ tige Ausrüstung mit einem Nachwuch­ sproblem, die nicht für Frieden sorgt? Ist das noch tragbar? Deutschland darf sich nicht auch in dem Sinne als Export­ weltmeister verstehen, gleichermaßen auch Waffen, Soldaten und Soldatinnen und damit auch Krieg ins Ausland zu schicken. Die wachsende Kritik an Ver­ schwendungen von Steuergeldern erlaubt dann eben irgendwann auch die Grund­ satzfrage nach dem Sinn der Bundeswehr selbst. Sind über 70 Jahre Frieden in Eur­ opa nicht Grund genug, die Bundeswehr abzuschaffen?

EU-ARMEE ALS LÖSUNG? Als eines der reichsten Länder der Welt könnte man, statt in sinnlose Plakatak­ tionen zu investieren, einfach darüber nachdenken, finanziell mehr zu helfen: Hilfe zur Selbsthilfe. Das wäre ein Zei­ chen für die Welt: ein entmilitarisiertes Deutschland, das bereit ist, den eigenen Wohlstand zu teilen. Wenn es darum geht, unser Land im Notfall zu verteidi­ gen, wäre die Lösung einer EU-Armee möglich. Eine eigene Bundeswehr wäre unnötig. Damit würde auch der europä­ ische Gedanke weiter gestärkt. Ein Frie­ densprojekt, das auf Dauer auch skep­ tische Mitglieder an die EU binden würde. Dass ein Land auch ganz ohne Armee

funktionieren kann, zeigt das Beispiel Costa Rica. Die Republik gilt als Vorreiter Südamerikas und ist laut Happy Planet Index ein Land mit einer der höchsten Le­ bensqualitäten der Welt. Einen Versuch wäre es wert. Die Bundeswehr hat viele Probleme, die sich nicht von heute auf morgen ändern las­ sen. Eine Auflösung der Bundeswehr könnte auf lange Sicht die Lösung sein. Das wäre nicht unbedingt ein Zeug­ nis des Versagens, vielmehr könnte sich so ihr Image wieder verbessern. Es wäre ein starkes Symbol für wahre Diplomatie und die wirklich wichtigen Themen und dafür, was wirklich zählt: Frieden durch Frieden erreichen, nicht durch noch mehr Krieg. Der richtige Weg? Keine Ahnung. Aber ich habe noch nie gerne Krieg ge­ spielt. Und ich bin stolz und dankbar, dass meine Eltern – meines Erachtens – recht haben.

Thies J. Hansberg 16, Brunow … dachte bis zum JMWS, Kaki sei nur eine Obst­ sorte.

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CYBERATTACKEN: ANGRIFFE AUS DEM NICHTS

IMMER WIEDER WERDEN IN DEUTSCHLAND VERFASSUNGSORGANE UND INFRASTRUKTUR OPFER VON CYBERANGRIFFEN. GEZIELT KÖNNEN DIESE DAS AUSMASS VON BEWAFFNETEN AUSEINANDERSETZUNGEN ANNEHMEN. NIKLAS HINZPETER BERICHTET, WIE ES UM DIE CYBERSICHERHEIT IN DEUTSCHLAND STEHT.

Bild: Tim Eckert

CYBERANGRIFF: AUCH EIN COMPUTER KANN ZUR WAFFE WERDEN.

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m Februar 2018 wurde bekannt, dass es Hackern gelang, in das bis dahin als be­ sonders sicher geltende Netz des Bundes einzudringen. Monatelang sollen die An­ greifer dies auf der Suche nach Informa­ tionen durchkämmt haben – bis in das Netzwerk des Auswärtigen Amtes konnten sie vordringen. Bereits im Sommer 2015 hatten es Hacker in das interne Netz des Bundestages geschafft, das vorübergehend sogar abgeschaltet werden musste. Im Jahr 2017 sorgte der sogenannte „WannaCry“-Virus für Aufsehen, der Da­ teien auf vom Virus betroffenen Rechnern irreparabel verschlüsselte und so einen Schaden in Milliardenhöhe verursachte. Die Sicherheitslücke, durch die die Schad­ software eindrang, wurde zuvor von dem amerikanischen Inlandsgeheimdienst NSA gefunden und bewusst nicht an Microsoft gemeldet, um sie für die eigenen Interes­ sen zu nutzen.

und Wirtschaft durch Cyberangriffe fest. Die Bedrohungen reichten demnach von Wirtschaftsspionage über die Schädigung kritischer Infrastrukturen mit schwerwie­ genden Folgen für die Zivilbevölkerung bis hin zur Störung oder Unterbindung der Re­ gierungskommunikation einschließlich der militärischen Führungskommunikation. Bereits 2015 erließ die Bundesregie­ rung deswegen das „IT-Sicherheitsgesetz“. Dieses zwingt Unternehmen, deren Infra­ struktur besonders gefährdet ist, ständig auf dem aktuellen Stand der IT-Sicherheit zu bleiben und ihre Infrastruktur stetig zu erneuern. Die Bundesnetzagentur über­ prüft das regelmäßig. Außerdem wurden die Befugnisse des BSI erweitert, welches für den Schutz der Netze des Bundes zu­ ständig ist. Mit der Abwehr der Angriffe beschäftigt sich jedoch nicht nur das BSI, das dem Bundesinnenministerium unter­ stellt ist, sondern unter anderem auch der Verfassungsschutz und die Bundeswehr. Letztere schuf deshalb 2016 die Abteilung TÄGLICHE ANGRIFFE AUF RE„Cyber- und Informationsraum“, die sich GIERUNGSNETZE auch mit der offensiven Durchführung von In Deutschland finden täglich hunderte Cyberattacken im Rahmen einer hybriden Cyberangriffe auf Regierungsnetze statt. Kriegsführung beschäftigt. Trotz der Vor­ Nach Angaben des Bundesamtes für Si­ gaben des IT-Sicherheitsgesetzes wurden cherheit in der Informationstechnik (BSI) 2017 auch Unternehmen der kritischen konnten allein 2017 durchschnittlich Infrastruktur, beispielsweise die Deutsche 28.000 schädliche E-Mails pro Monat ab­ Bahn, Opfer des „WannaCry“-Virus. gefangen werden, bevor sie die Empfän­ ger im Regierungsnetz erreichten. Unter­ GESPALTENE MEINUNGEN IN nehmen der kritischen Infrastruktur, die DEN FRAKTIONEN unter anderem in den Bereichen Energie, Wasserversorgung und Telekommunika­ Manuel Höferlin (FDP), Mitglied des In­ tion arbeiten, sind täglich Attacken über nenausschusses und des Ausschusses Digitale Agenda, fordert deswegen, ­„dass das Internet ausgesetzt. So stellt auch die Sicherheitslücken­in IT-Produkten nicht Bundesregierung im Weißbuch 2016 die Verwundbarkeit von Staat, Gesellschaft zurückgehalten werden, um dadurch

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staatliche Eingriffe wie den Staatstrojaner zu ermöglichen“. Da hierdurch ein Inte­ ressenskonflikt zwischen verschiedenen Ämtern, die dem Innenministerium un­ terstehen, entstünde, müsse das BSI aus dem Innenministerium am besten in die Zuständigkeit eines eigenständigen Digi­ talministeriums umgesiedelt werden. Auch die umfassende Digitalisierung wird teilweise kritisch gesehen. So plä­ dierte der Wehrbeauftragte der Bundesre­ gierung, Hans Peter Bartels (SPD), dafür, dass Verfassungsorgane und Infrastruk­ tur im Hinblick auf mögliche Attacken aus dem Cyberspace nicht alles digitali­ sieren sollten, um sich nicht zusätzlich verwundbar zu machen. Das sei insbe­ sondere dann empfehlenswert, wenn die betroffenen Geräte auch analog gut funk­ tionieren.

BEI DIESEM THEMA IST INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT GEFRAGT Doch es soll nicht nur lokal agiert, son­ dern international zusammengearbei­ tet werden: Im Weißbuch 2016 spricht sich die Bundesregierung dafür aus, ge­ meinsam mit EU und NATO Strategien zu entwickeln, um Cyberangriffe bes­ ser abwehren und vorbeugen zu kön­ nen. Weil Attacken oft nur schwer einer Quelle zuzuordnen seien, müsse man präventiv durch Vertrauensbildung und Konfliktlösungsmechanismen zwischen den Staaten eine mögliche Eskalation verhindern. Auch Saskia Esken (SPD), Mitglied im Ausschuss Digitale Agen­ da und ­ stellvertretendes Mitglied im In­ nenausschuss, stellt die internationale

­usammenarbeit in den Vordergrund: Z Das derzeit stattfindende digitale Wett­ rüsten auf allen Seiten um die besten di­ gitalen Waffen erzeuge nur Unsicherheit und sei deshalb auf diplomatischem Weg zu bekämpfen. Esken, die staatlich geprüfte Infor­ matikerin ist, betont, dass eine absolute Sicherheit im Hinblick auf Cyberattacken jedoch faktisch nicht erreichbar sei. Den­ noch müsse man stets nach optimaler Sicherheit und Widerstandsfähigkeit stre­ ben. Wie man dieses Ziel konkret erreicht, erläutert sie jedoch nicht. Auch Marc ­Biadacz (CDU), stellvertretendes Mitglied im Ausschuss Digitale Agenda, stellt he­ raus, dass man dafür sorgen müsse, „dass Deutschland immer ‚State of the Art‘ in dieser wichtigen Sicherheitsfrage bleibt“, um Sicherheitslücken rechtzeitig schlie­ ßen zu können. Dennoch sei Deutschland „im Hinblick auf mögliche Angriffe aus dem Cyberspace auf Verfassungsorgane gut geschützt“.

Niklas Hinzpeter 20, Köln … konnte sein Nerd-Wissen endlich einbringen.


Montage und Foto: Henri Maiworm, Hintergrundbild: Pixabay

DER ERSTE WELTKRIEG ENDETE VOR ÜBER 100 JAHREN, RUND 60 BIS 70 MILLIONEN MENSCHEN VERLOREN IHR LEBEN IM ZWEITEN — KONFLIKTE UND KRIEGE GAB ES SCHON IMMER UND WIRD ES IMMER GEBEN. HANNAH DAMASCHKE BETRACHTET MÖGLICHE PROBLEME VON MORGEN.

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cience-Fiction-Romane und -Filme sprechen von Robotern, Invasionen aus dem All oder Künstlicher Intelligenz als unsere Problemen der Zukunft. Je­ doch gibt es weitaus aktuellere Konflikt­ quellen, deren Auswirkungen wir bereits heute beobachten können. Siebeneinhalb Milliarden beträgt die derzeitige Weltpopulation. Nach Berich­ ten der UN von 2015 zum Bevölkerungs­ wachstum wird diese Zahl steigen — im Jahr 2050 werden knapp zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Aber wie können diese mit Nahrung, Wasser, Ener­ gie und weiteren Gütern versorgt werden? Und wie werden diese verteilt? Neben der Versorgung muss auch die demografische Verteilung beachtet werden. Als typisches Merkmal der In­ dustrialisierung ist in vielen westlichen Ländern, auch bei uns in Deutschland, ein Geburtenrückgang zu verzeichnen. In den sogenannten Entwicklungsländern, wie zum Beispiel dem Niger, liegt die Geburtenrate laut UN-Bericht von 2013 bei sieben Kindern pro Frau. Es lässt sich schnell erkennen, dass eine Versorgung dieser wachsenden jungen Bevölkerung kaum möglich sein wird. Das schafft ein Ungleichgewicht. Gerade die reichsten Länder der Welt mit den meisten Lebens­ mitteln müssen proportional eine kleine Bevölkerungsgruppe versorgen.

DROHT UNS SCHON BALD EINE ÜBERBEVÖLKERUNG? Überbevölkerung — dieser Begriff wird verwendet, wenn der vorhandene Lebens­ raum für die Anzahl an Menschen nicht

mehr ausreicht. Dieses Szenario wäre erreicht, wenn es Nahrungsmittel-, Was­ ser- und Energieengpässe gäbe, die das Überleben bedrohen. Jedoch leben Men­ schen in Industriestaaten viel verschwen­ derischer. Auch hier in Deutschland kann unser Konsum nicht als nachhaltig oder gar bescheiden bezeichnet werden. Stel­ len wir uns vor, in Deutschland würden 150 oder 200 Millionen Menschen leben. Jeder bekäme zwar genug Wasser und Nahrung, aber Jobs oder Luxusgüter wä­ ren nicht für alle vorhanden. Wir könnten kein Leben führen, das unseren Ansprü­ chen genügt. Langfristig wird auch der Energieverbrauch und Konsum in den sogenannten Entwicklungsländern ins Unermessliche steigen. Niemals können all diese Menschen angemessen versorgt werden. Der Kampf um Ressourcen ist mitt­ lerweile laut Bundeszentrale für poli­ tische Bildung die zweithäufigste Konflik­ tursache. Also können wir auch zukünftig davon ausgehen, mit Ressourcenkriegen konfrontiert zu werden. Ausgelöst wird ein Ressourcen­ mangel nicht nur durch eine steigende Bevölkerungszahl: Dürren, Trinkwasser­ mangel, Überflutungen und andere Wet­ terkatastrophen haben Auswirkungen. Sie verstärken bestehende Konfliktkon­ stellationen und werden in Zukunft die internationale Stabilität und Sicherheit zusätzlich gefährden. „Wir müssen darauf gefasst sein, dass die Folgen der globalen Klimaer­ wärmung alle bestehenden Konfliktherde, aber auch soziale Ungleichheiten, ten­ denziell verschärfen“, sagte bereits im

Jahr 2013 Harald Welzer, Soziologe und Autor, in einem Interview. Eine Studie des US-amerikanischen Wissenschaftsjour­ nals PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences) stellte Zusammen­ hänge zwischen der Dürre in Syrien von 2007 bis 2010 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg her. Aufgrund von Missern­ ten, ausgelöst durch mangelndes Wasser und große Hitze, zogen zahlreiche land­ wirtschaftlich geprägte Familien in Städ­ te. Die folgenden Spannungen zwischen Land- und Stadtbevölkerung, Armut und die Kämpfe zwischen sozialen Klassen waren Faktoren, die einen Beitrag zur Eskalation leisteten. Gleichzeitig wurden die Proteste gegen das syrische Regime und den Machthaber Assad immer größer. Was passiert also bei der nächsten großen Dürre?

einem bewaffneten Konflikt fliehen, son­ dern vor dem Klimawandel, den wir alle mit zu verantworten haben. Die maßge­ benden Lösungsstrategien liegen bei Kli­ masündern wie China, den USA und Eu­ ropa. Sie verfügen über genügend Mittel, um die Folgen des Klimawandels abzu­ mildern. Ein Anfang wäre, die eigenen Klimaschutzziele einzuhalten. Die ernsthaften Bedrohungen in nächster Zeit, wie in Filmen oder Roma­ nen beschrieben, werden nicht aus dem All kommen oder Roboter sein, welche die Menschheit ausrotten möchten. Viel­ mehr sollten wir drauf achten, uns nicht gegenseitig zu zerstören. Wir werden mit Klima-Geflüchtetenbewegungen, Grenz­ konflikten und Ressourcenkriegen kon­ frontiert, mit denen wir uns auseinander­ setzen und für die wir Lösungsstrategien finden müssen.

AM SCHLIMMSTEN TRIFFT ES DIE ENTWICKLUNGSLÄNDER Besonders betroffen vom Klimawandel sind jedoch nicht Deutschland oder Eu­ ropa, sondern vorwiegend Entwicklungs­ länder, welche die Veränderungen bereits heute spüren. Dort werden Überlebens­ räume und -chancen stark eingeschränkt. Könnte dies, frei nach dem Motto: „Wir haben nichts mehr zu verlieren“, die Ge­ waltbereitschaft der Einwohnerinnen und Einwohner erhöhen? Weitere Regionen der Erde könnten laut Berichten des Weltklimarats (IPCC) im Laufe dieses Jahrhunderts mit stei­ gendem Meeresspiegel bzw. erhöhten Temperaturschwankungen unbewohnbar werden. Menschen würden nicht vor

Hanna Damaschke 17, Ottenbach … hat die anderen Teil­ nehmenden mit ihrem schwäbischen Dialekt belustigt.

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KRIEG OHNE WAFFEN

SPÄTESTENS SEIT DER RUSSISCHEN KRIM-ANNEXION IST DER BEGRIFF „HYBRIDE KRIEGSFÜHRUNG“ IN MILITÄRISCHEN KREISEN IN ALLER MUNDE. DOCH WAS IST DAS EIGENTLICH? UND WAS BEDEUTEN DIESE VERÄNDERUNGEN FÜR DEUTSCHLAND UND DIE NATO? FELIX GRANZOW HAT SICH INFORMIERT.

Bild: Tim Eckert

AUCH DAS VERTEIDIGUNSMINISTERIUM BEREITET SICH AUF CYBERANGRIFFE VOR.

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eines hybriden Vorgehens erstmals vom russischen Handeln in der Ukraine de­ monstriert. So beobachtete die OSZE unter anderem wie Menschen in militärischer Kleidung und Militärfahrzeuge die Gren­ ze von Russland zur Ukraine überquerten. Amnesty International wertete Satelliten­ bilder und Zeugenberichte in der Ostuk­ raine aus und kam zu dem Schluss, dass Russland den Konflikt anheize. Sowohl bei der Annexion der Krim 2014 als auch bei der Invasion in der Ostukraine bestritt die russische Regierung – trotz immer eindeutigerer Beweise für ihr Eingrei­ fen – lange jede Beteiligung. Die Anwe­ senheit der russischen Armee wurde laut verschiedener Medien damit erklärt, dass die Kämpfenden „auf Urlaub“ oder privat in der Ostukraine seien. Das Vorgehen in der Ukraine war damit exemplarisch für die staatliche Verwendung unkonventio­ neller Methoden der Kriegsführung ohne vorherige Kriegserklärung mit einherge­ hender gezielter Desinformation und Pro­ paganda. Gleichzeitig wurden verstärkt Aggressionen im Cyberspace eingesetzt: Die Ukraine wurde laut dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik seit 2015 mehrfach Ziel von Cyberatta­ cken, die unter anderem regionale Strom­ ausfälle auslösten und Computersysteme von staatlichen Institutionen und Firmen lahmlegten. Es ist vor allem diese hybride Kriegs­ führung Russlands, die die NATO und auch die EU tief beunruhigen. Beide sind fest RUSSLANDS HYBRIDE entschlossen, sich im Internet und in der KRIEGSFÜHRUNG realen Welt für die neuen Bedrohungen zu Auch wenn die Verwendung von Metho­ rüsten. Schon 2014 beschloss die NATO den der vermischten Kriegsführung schon die Etablierung einer speziellen Eingreif­ älter ist, wurde die Durchschlagskraft­ truppe, die überall schnell auf den ­Einsatz as Wort „hybrid“ wird heutzutage oft mit klimaschonenden japanischen Kompaktwagen oder SUVs mit sehr nied­ rigem Normverbrauch in Verbindung gebracht. Doch im Militärkontext meint Hybridität weit weniger harmlose Phä­ nomene: „Hybride Kriegsführung“ ist die Vermischung von konventioneller und guerillaartiger militärischer Kriegsführung mit Politik, wirtschaftlichem Druck, Pro­ paganda und Desinformation – mit dem Ziel, Konflikte zu den eigenen Gunsten zu entscheiden. Hybride Bedrohungen verbinden häufig groß angelegte Militär­ operationen mit dem Einsatz kleiner Trup­ pen von Soldatinnen und Soldaten hinter der Front oder vermischen Handelssankti­ onen mit politischer Beeinflussung. Auch aggressive Attacken im Netz und das Ver­ breiten von Falschinformationen und Pro­ paganda werden häufiger in der hybriden Kriegsführung eingesetzt. Oft wird eine solche vermischte Kriegsführung in Konflikten ohne vorhe­ rige Kriegserklärung eingesetzt. Die In­ tensität der Eskalation wird dabei flexibel von den Angreifenden bestimmt: vom bloßen Verbreiten von Fake News in so­ zialen Netzwerken bis hin zum offenen militärischen Konflikt ist alles möglich. So werden die eigentlich völkerrechtlich ge­ trennten Zustände „Krieg“ und „Frieden“ vermischt. Hybride Kriege finden in einem diffusen Graubereich statt.

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irregulärer Kriegsführung gegen ein NA­ TO-Mitglied reagieren können soll. Die gemeinschaftliche Analyse hybrider Be­ drohungen durch NATO und EU in neuen Strategiezentren soll die Abwehrfähigkeit zusätzlich verbessern. Gemeinsam wollen NATO und EU insgesamt das Bewusstsein für hybride Bedrohungen schärfen und die Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastruk­ tur stärken.

DEUTSCHLANDS REAKTION AUF DIE VERÄNDERTE BEDROHUNGSLAGE Auch Deutschland will seine Fähigkeiten zur Abwehr hybrider Bedrohungen mas­ siv verstärken. Josip Juratovic (SPD), Mit­ glied des Verteidigungsausschusses des Bundestages, sieht eine veränderte Be­ drohungslage: „Moderne Kriegsführung findet nicht mit Waffen statt, sondern auf ideologischer und psychologischer Ebe­ ne.“ Die Bundesregierung sieht in ihrem aktuellen Weißbuch zur Sicherheitslage vor allem demokratische Gesellschaf­ ten als durch hybride Bedrohungen ver­ wundbar. Vor allem die Nutzung digitaler Kommunikation zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung sei eine besonde­ re Herausforderung. Zudem werden ins­ besondere Cyberattacken als bedrohlich wahrgenommen. „Die Auswirkungen von Cyberangriffen können denen be­ waffneter Auseinandersetzungen ent­ sprechen“, sagt Juratovic. Es sei zwar in absehbarer Zukunft nicht von einem zwischenstaatlichen Krieg auf digitaler Ebene auszugehen, doch Cyberattacken seien schon jetzt wesentlicher Bestandteil hybrider Kriegsführung.

Dementsprechend stellt sich vor allem die Bundeswehr auf die veränderte Lage ein. So wurde im April 2017 das neue „Kom­ mando Cyber- und Informationsraum“ (CIR) ins Leben gerufen, das alle Netz­ kompetenzen der Bundeswehr vereinen soll. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nannte die Aufstellung des CIR einen „Meilenstein“, der Deutsch­ land international im Spitzenfeld positio­ niere. Bis 2021 sollen laut Verteidigungs­ ministerium rund 14.500 Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Mitarbeitende in der neuen Teilstreitkraft daran arbeiten, die Computersysteme der Bundeswehr zu betreuen, zu vernetzen und Sicherheits­ lücken zu eliminieren. Auch ein kleines Kommando mit Kapazitäten für Angriffe im Cyberraum wurde eingerichtet. Da­ mit soll die Bundeswehr in Zukunft auch selbst Angriffe auf Cyberkapazitäten der Gegnerinnen und Gegner durchführen können. Es wird sich zeigen, inwieweit sie sich damit in der neuen Welt behaup­ ten kann.

Felix Granzow 17, Bayreuth … hofft, dass möglichst wenig Menschen die neuen Kriegsformen selbst kennenlernen müssen.


WENN ALLTAG UND KRIEG GLEICHZEITIG PASSIEREN

CHRISTOPH BANGERT IST EHEMALIGER KRIEGSFOTOGRAF. SEINE FOTOS WURDEN UNTER ANDEREM IN DER NEW YORK TIMES, DER FAZ UND IM STERN VERÖFFENTLICHT. NACHDEM ER JAHRELANG MENSCHEN IN KRIEGS- UND KRISENGEBIETEN FOTOGRAFIERT HAT, HÄNGTE ER 2013 SEINEN JOB AN DEN NAGEL. MARLENE KOLLER HAT IHN INTERVIEWT.

CHRISTOPH BANGERT ERZÄHLT VON SEINER ARBEIT ALS KRIEGSFOTOGRAF.

SIE WAREN IN VIELEN VERSCHIEDENEN LÄNDERN ALS FOTOGRAF UNTERWEGS, SEHR OFT IN GEFÄHRLICHEN GEBIETEN. HATTEN SIE KEINE ANGST DAVOR, DORTHIN ZU REISEN?

gleichzeitig statt. Ihr Humor ist dann wie ein Galgenhu­ mor, der ihnen hilft, die Extremsituation geistig zu über­ leben. Zu dieser Thematik habe ich das Fotobuch „Hello Camel“ gemacht, was sich mit der Absurdität und Eigen­ art des Krieges beschäftigt.

Bild: Tim Eckert

Als ich dann Kinder hatte, war es einfach nicht fair der eigenen Familie gegenüber, auf Dauer diese Arbeit zu verrichten.

SIE HABEN 2013 IHRE LETZTE REISE ALS KRIEGSFOTOGRAF GEMACHT. WELCHE PLÄNE HABEN SIE FÜR DIE ZUKUNFT? KÖNNTEN SIE SICH VORSTELLEN, NOCHMAL IN EIN KRISENGEBIET ZU GEHEN?

Am Anfang war ich viel in Palästina und Israel unterwegs, WAS STECKT HINTER DEM TITEL dann in verschiedenen afrikanischen Ländern. Die mei­ „HELLO CAMEL“? ste Zeit habe ich im Nahen Osten verbracht, besonders im Irak, aber auch in Afghanistan und Pakistan. Natür­ Das Kamel wurde für mich zu einem Symbol für die lich hatte ich teilweise zunächst schreckliche Angst, aber Dinge, die die Besatzungsarmeen über Länder wie Af­ ich hatte gleichzeitig das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. ghanistan und den Irak nicht verstanden haben – es ist Ja, ich würde gern. Ich vermisse es. Es war nicht ein­ Ich wusste, dass die Arbeit eine Funktion hat und dass also ein Symbol des Fremden und des Unverständnisses. fach, mit der Vorstellung klarzukommen, nie wieder die Bilder veröffentlicht werden. Es ist dieser journali­ Junge amerikanische Soldaten haben immer ganz aufge­ in Krisengebiete zu reisen. Das ist schon eine Art von Sucht, aber nicht eine Sucht nach der Aufregung und stische Ansatz, der im Vordergrund steht. Es ist das Be­ regt gerufen, wenn sie durch die Gegend gefahren sind dem Adrenalin, sondern die Sucht danach, etwas Sinn­ dürfnis, etwas zu machen, was andere Leute nicht tun: und Kamele gesehen haben. Es gibt da viele Kamele, so Ich bin zu Orten gefahren, an die andere nicht kommen. wie es bei uns Kühe oder Schafe gibt. Da hat man dann volles aus seinem Leben zu machen. Auch wenn ich gemerkt, dass diese Reise für die Soldaten eine ganz an­ es unheimlich vermisse, werde ich nicht mehr fahren dere Welt war, die sie auch gar nicht wirklich verstanden – das ist eine endgültige Entscheidung. WIE LANGE HIELTEN SIE SICH DURCHSCHNITTLICH IN DEN GEBIETEN AUF? haben. „Hello Camel“ beschreibt nicht nur den Moment, in dem die Soldaten das Kamel sahen, sondern auch den Die Zeitspanne lag zwischen einer Woche und zwei Mo­ tiefen kulturellen Graben zwischen den Besatzern und naten – je nach meiner Auftragslage. Je länger man blei­ den Einheimischen. ben konnte, desto besser lernte man die Menschen und die Situation dort kennen. Im Irak und in Afghanistan WIESO HABEN SIE ALS KRIEGSFOTOGRAF habe ich im Grunde Jahre verbracht, weil ich immer wie­ AUFGEHÖRT? der hingefahren bin. Wenn man einige Jahre in diesen Krisengebieten ar­ beitet, mutet man seinem Umfeld, also seiner Familie GIBT ES IM LEBEN EINES KRIEGSFOTOund seinen Freunden, sehr viel zu – zu viel. Es kommt GRAFEN ETWAS, DAS NICHT Marlene Koller auch immer mal wieder vor, dass Kollegen zu viel in DEPRIMIEREND IST? 16, Sontheim-Brenz Krisengebieten arbeiten und große Probleme haben, Ja, das war ganz überraschend. Da ist ein Aspekt des sich zu Hause im normalen Leben wieder einzufinden. Krieges, den die meisten Leute, die selbst keine Kriegs­ Bei mir ging das zwar immer relativ gut, weil ich im­ … ist fasziniert davon, was manche Menschen alles erleb(t)en. erfahrung haben, nur schwer nachvollziehen können. mer wieder Pausen gemacht und andere Themen foto­ Krieg ist etwas, das skurril und absurd ist. Die Menschen grafiert habe. Aber der Fakt, dass ich meinem Umfeld dort versuchen, mit großem Willen und großer Kraft den dadurch Sorgen bereitet habe, bestand trotzdem. Das Alltag aufrecht zu erhalten – der Krieg findet e­infach ist eigentlich das größte Problem bei dieser Arbeit. ­­

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WASSER ALS KONFLIKTQUELLE WASSER IST DER URSPRUNG ALLEN LEBENS. CHRISTOPHER MÜLLER BERICHTET, WARUM DIE LEBENSNOTWENDIGE FLÜSSIGKEIT AUCH URSPRUNG FÜR KONFLIKTE SEIN KANN.

Bild: Henri Maiworm

WASSER IST ZU EINER KONFLIKTQUELLE GEWORDEN.

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angsam wird die Tür zum Haupt­ quartier geöffnet und Millionen rostige Fässer kommen zum Vorschein. Da ist es: „das blaue Gold“. Was James Bond suchte, ist so nah wie nie. Doch plötzlich geht das Licht an und offen­ bart mehrere finstere Gestalten am Ende der Halle. Die geschilderte Szene aus dem Film „James Bond 007: Ein Quantum Trost“ handelt von Kämpfen um Trink­ wasser: Einer der Protagonisten hat in der Wüste unterirdische Wasservorräte angelegt, um sie teuer zu verkaufen.

MENSCHENRECHT WASSER Nicht nur in der südamerikanischen Atacama-Wüste, dem Drehort des James-Bond-Filmes, ist Wasser eine knappe Ressource – auch in weiten Tei­ len Afrikas entstehen immer mehr Was­ serkonflikte. Der Wert von Wasser steigt kontinuierlich. Trinkwasser ist dabei nicht nur eine Ressource, sondern laut den Vereinten Nationen (UN) sogar ein Menschenrecht. Allerdings: Während sauberes Trinkwasser in westlichen Ländern heutzutage selbstverständlich ist, fehlt der Zugang zu ihm vielerorts auf der Welt. So auch in den meisten Ländern des zweitgrößten Kontinents: Afrika. Zwar fließen dort mit Nil, Kongo und Niger drei der längsten Flüsse der Welt; trotzdem müssen ein Viertel der Men­ schen ohne Zugang zu sauberem Was­ ser auskommen. Das geht aus einem Be­ richt des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) von 2012 hervor.

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UNREINES WASSER Der Zugang zu sauberem Wasser würde zu einer erheblichen Verbesserung der Hygiene- und Sanitärverhältnisse füh­ ren, denn unreines Trinkwasser ist eine der Hauptursachen für die Verbreitung von Krankheitserregern. Weiterhin ist ein nachhaltiger Wasserzugang für die Be­ völkerung lebensnotwendig, da sich ein Großteil mit Vieh- und Landwirtschaft selbst versorgt. Nicht nur die Bevölke­ rung auch das Vieh ist ohne Zugang zu sauberem Wasser. Erst wenn die individuelle Was­ serversorgung gesichert ist, kann eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung stattfinden. Das Bedürfnis nach Was­ ser zu stillen, wird im Hinblick auf die demografische Entwicklung in Afrika zunehmend problematischer. Hauptfak­ tor ist ein stetiges Bevölkerungswachs­ tum. Nach Angaben der UN wird sich die Bevölkerungsanzahl von 1,3 Milliar­ den Bewohnerinnen und Bewohnern im Jahr 2050 fast verdoppelt haben. Doch mit dem Bevölkerungswachstum steigen auch die unterschiedlichen Interessen an den vorhandenen Wasserressourcen. Die Folge: Wasser wird immer stärker zur Konfliktquelle. Besonders deutlich wird ein solcher Konflikt in Äthiopien. Dort treffen die wirtschaftlichen Interessen des Schwei­ zer Konzerns Nestlé auf die sozioöko­ logischen Bedürfnisse der Bevölkerung. Der Konzern pumpt Grundwasser ab und machte nach eigenen Angaben im Geschäftsbericht von 2017 in der Sparte Nestlé Waters weltweit acht Milliarden

Schweizer Franken Gewinn. Laut der Welthungerhilfe hat nur jede dritte Per­ son Zugang zu sauberem Trinkwasser. Vorwürfe wie „der Konzern wolle sich alle Wasserreserven der Welt unter den Nagel reißen“, dementiert Nestlé auf sei­ ner Website.

KONFLIKT WASSER Neben Nestlé bedienen sich auch Coca Cola, Pepsi und andere Großkonzerne für ihre Getränke am „high-quality“-Wasser Äthiopiens. Diese Ungerechtigkeit wird laut der NGO WaterAid folgendermaßen ermöglicht: Das Abpumpen von Grund­ wasser wird nicht vom dortigen Wasser­ schutzgesetz erfasst. Die Folgen bleiben nicht unbemerkt – Äthiopien erlebt die schlimmste Dürreperiode seit Jahr­ zehnten. In der Somali-Region im Osten des Landes lebende Nomadinnen und Nomaden verlieren aufgrund von Was­ sermangel einen Großteil ihrer Herden, Brunnen liegen brach und das knappe und zudem dreckige Wasser bietet einen Nährboden für zahlreiche Krankheitser­ reger. Darunter werden auch die zukünf­ tigen Generationen leiden. Jedes Jahr sterben weltweit 361.000 Kinder unter fünf Jahren an Durchfallerkrankungen sowie Cholera oder Typhus, berichtet UNICEF 2017. Laut einer NASA-Studie aus dem Jahr 2013 wird die Regenwahr­ scheinlichkeit durch das konstant an­ wachsende Ausmaß des Klimawandels in trockenen Regionen in Zukunft je Grad Fahrenheit um 2,6 Prozent geringer. Mit wachsender Wasserknappheit nimmt die

Konkurrenz um Wasser auch innerhalb der Bevölkerung zu, sodass es zu gewalt­ tätigen Ausschreitungen kommt. Um sich eben diesem Kampf zu entziehen, flohen nach UN-Angaben bereits 2015 60.000 Einwohnerinnen und Einwohner Äthi­ opiens in andere Staaten – auch zu uns nach Europa. Somit haben auch wir die Verantwortung zu einer Problemlösung beizutragen.

KNAPPES GUT WASSER Die Dringlichkeit des Themas „Wasser als Konfliktquelle“ macht verständlich, warum es bereits 2008 in dem BondFilm „Ein Quantum Trost“ aufgegriffen wurde. Der Zugang zu sauberem Trink­ wasser ist für viele Menschen begrenzt. Aus Wasser, dem überlebensnotwendigen Menschenrecht, wird Wasser, die Ware – und schließlich Wasser, die Währung. Zu hoffen ist, dass in Zukunft sich nicht nur James Bond für sauberes Trinkwasser ein­ setzt, sondern wir alle.

Christopher Müller 18, Paderborn … KRIEGt nicht genug vom Jugendmedien­ workshop.


KRIEG IN DER SEELE

IN KRIEGSGEBIETEN LEIDET VOR ALLEM DIE ZIVILBEVÖLKERUNG UNTER DER GEWALT. ABER WIE BEEINFLUSST DIESE DIE PSYCHE UND DAS VERHALTEN DER MENSCHEN UND WELCHE BEHANDLUNGSMÖGLICHKEITEN EXISTIEREN? JAN-PHILIPP BECKER HAT SICH INFORMIERT.

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rotz natürlicher Verteidigungs- und Reaktionsmechanismen, die dem Menschen zur Abwehr physischer und psychischer Gefahren innewohnen, ist Krieg eine große Belastung für die menschliche Psyche. Ulrike Lüken, Pro­ fessorin für Psychotherapie an der Hum­ boldt-Universität zu Berlin, sagt, dass dafür zwischen einer traumatischen Situ­ ation und einer Reaktion auf ein Trauma unterschieden werden muss. Situationen gelten als traumatisch, wenn die Psyche und die physische Integrität eines Men­ schen bedroht seien. Dies tritt auf, wenn einem Menschen der Tod angedroht wird, er anderen beim Sterben zusieht oder gar gefoltert wird. Traumatische Situationen bilden also die Grundlage für die Heraus­ bildung traumatischer Störungen, doch „aus der traumatischen Situation muss nicht immer eine Traumafolgestörung entstehen.“

WENN KRIEG DEN ALLTAG BESTIMMT Eine Flucht erscheint den Betroffenen oft­ mals als einzig wirksame Strategie, um sich dem psychischen Druck zu entzie­ hen. Doch nicht jede und jeder hat die Chance und die nötigen Ressourcen dafür. In der Folge sind die Betroffenen dauer­ haft Druck ausgesetzt. „Ein wichtiger Faktor ist auch die Unkontrollierbarkeit

der Situation“, betont Lüken. Denn die ­beschreiben ihre Erlebnisse als eine Art einzelnen Schusswechsel, Bombenan­ außerkörperliche Erfahrung, in der sie die schläge und Angriffe sind nicht vorher­ Position einer teilnahmslosen Betrachte­ sehbar, wodurch sich Psyche und Körper rin oder eines Betrachters einnehmen und in einem konstanten Alarmzustand be­ so von außen auf das Geschehnis blicken. finden. Hinzukommt, dass in Kriegsregi­ Damit eine Behandlung effektiv ist, sei es onen die Grundbedürfnisse der Menschen wichtig, die Betroffenen aus der Dissozia­ nicht ausreichend befriedigt werden. Sie tion herauszulösen, sagt Lüken. verfügen über keinen sicheren Rückzugs­ ort, nur begrenzt über Lebensmittel und TRAUMATA ERNEUT ERLEBEN oftmals fehlen eine stabile Strom- und Die PTBS ist eine der häufigsten psychi­ Wasserversorgung. Das Verhältnis zwischen Löwen und schen Folgen von Krieg. Laut einer Studie Bundespsychotherapeutenkammer Zebras ist für Lüken übertragbar auf das der Verhältnis zwischen Menschen und dem, aus dem Jahr 2015 leiden mehr als 20 Pro­ was sie als Bedrohung ihrer physischen zent der Flüchtenden darunter. Zum Ver­ und psychischen Integrität begreifen. gleich: In Deutschland leiden nur 2,3 Pro­ Lüken sagt dazu: „Welches Verhaltens­ zent der Bevölkerung unter einer PTBS. repertoire wir zeigen, hängt davon ab, Charakteristisch für psychische Störungen wie nah die Gefahr ist“. Nähert sich ein dieser Art sind sogenannte Intrusionen Löwe einem Zebra, so beginnt das Ze­ und wiedererlebende Momente. Laut bra zunächst seine üblichen Tätigkeiten Lüken handelt es sich hierbei um eine Gedächtnisabspeicherung“. einzustellen und die Gefahrenquelle aus­ „fehlerhafte findig zu machen, bevor es die Flucht So seien traumatische Erlebnisse sehr le­ antritt. Sollte die Gefahr aus der Perspek­ bendig und nachfühlbar im Gedächtnis tive des Zebras unabwendbar werden, so abgespeichert, jedoch sei den Betroffenen setzt ein sogenannter Totstell-Reflex ein, nicht bewusst, dass jene traumatischen erzählt sie. „Eine Form des psychischen Ereignisse bereits abgeschlossen sind. Totstell-Reflexes ist die sogenannte Disso­ Dies führe dazu, dass Betroffene in unre­ ziation“, erklärt Lüken. Die Dissoziation gelmäßigen Abständen Flashbacks haben sei ein Symptom, welches oftmals gleich­ – sie erleben ihre Traumata erneut. Um zeitig mit einer Posttraumatischen Bela­ dieses Problem anzugehen, wenden Psy­ stungsstörung (PTBS) auftritt. Menschen, chotherapeutinnen und -therapeuten die die unter solch einer Störung leiden, sogenannte expositionsbasierte-kognitive

Verhaltenstherapie an. Sie hat zum Ziel, das Erlebte erneut aufzuarbeiten, um vor allem traumatische Erlebnisse in den in­ dividuellen biografischen Kontext einer betroffenen Person einzubetten. „Nicht jeder Patient profitiert gleich gut, aber letztendlich erzielt diese Form der The­ rapie durchschnittlich gute Ziele“, sagt Lüken. Allgemein sind für sie Kriegstrau­ mata jedoch behandelbar – wenn die Mit­ tel zur Verfügung stehen.

Jan-Philipp Becker 20, Breitenbach … empfindet Krieg als schlimmste Form menschlichen Zusam­ menlebens.

FRUCHTFLEISCH WO SPIELT KRIEG IN IHREM LEBEN EINE ROLLE?

Fotos: Tim Eckert

»VERLUST«

»HILFLOSIGKEIT«

»ERZÄHLUNGEN«

MARÍA, 24 MARKETERIN

NINA, 34 GESUNDHEITSFACHFRAU

DORIS, 56 UND SILVIA, 52 ANGESTELLTE UND VERKÄUFERIN

DAS IST EIN GROSSES THEMA! ICH KOMME AUS SPANIEN UND MEIN GROSSVATER WURDE IM BÜRGERKRIEG GETÖTET.

DAS THEMA KRIEG IST ALLGEGENWÄRTIG. ES BESCHÄFTIGT MICH UND ICH FÜHLE MICH HILFLOS, WEIL MAN KEINEN EINFLUSS DARAUF HAT.

EIGENTLICH GAR NICHT MEHR. HÖCHSTENS VON DEN ERZÄHLUNGEN VON OMA IST ER MIR NOCH IM HINTERKOPF.

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DEB AT T E

FÜR DEN FRIEDEN IN DEN KRIEG IN ZAHLREICHEN LÄNDERN UND REGIONEN SIND TRUPPEN IM EINSATZ, UM IN KRIEGEN UND KONFLIKTEN FRIEDENSPROZESSE ZU UNTERSTÜTZEN. AUCH DIE BUNDESWEHR BETEILIGT SICH DARAN. IST DAS DER RICHTIGE WEG? NEIN, FINDET FRAUKE HÖLLER. EIN KOMMENTAR.

Bild: Pixabay

KÖNNEN SOLDATINNEN UND SOLDATEN FRIEDEN ÜBERHAUPT SICHERSTELLEN?

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ei es bei UNAMA (United Nations Assistance Mission in Afghanistan), bei MINUSMA (Multidimensionale Inte­ grierte Stabilisierungsmission der Verein­ ten Nationen in Mali) oder der UNAMIEinsatz gegen den IS im Irak: Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr sollen im Rahmen von UN-Missionen für Frieden sorgen. Sie dienen als Mediatorinnen und Mediatoren und stabilisieren Konflikte. Dabei sind sie auf die Akzeptanz und das Vertrauen der Länder und Regionen angewiesen, in denen sie sich aufhalten. In vielen ihrer Einsätze sollen sie gegen Ideo­logien kämpfen, die den westlichen Werten wie Toleranz, Freiheit und Gleich­ heit widersprechen sowie Gewalt unter­ binden, und parallel den Frieden einfor­ dern und zum Ziel haben. Aber wie sollen Soldatinnen und Soldaten Frieden erreichen, wenn sie selbst Teil des Krieges sind? Wie können sie eine aggressive Ideologie aus den Köpfen der Menschen herausbekommen, wenn sie gleichzeitig auf Menschen schie­ ßen? Und wann ist der Zustand „Frieden“ eigentlich erreicht?

WAS DER FRIEDEN EINFORDERT Der ungarische Friedensforscher István Kende definierte Krieg als einen „gewalt­ samen Massenkonflikt“ zwischen zwei oder mehr bewaffneten Streitkräften, wobei es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte (Militär, parami­ litärische Verbände, Polizeieinheiten) der

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Regierung handeln muss. Beide Seiten operieren in dieser Definition nach ei­ ner planmäßigen Strategie – unabhängig­ davon, ob die Kämpfe auf dem Gebiet einer oder mehrerer Gesellschaften stattfinden und wie lange sie dauern. Im Umkehrschluss heißt das: Frieden fordert Diplomatie und Mediation zwischen den Gegnerinnen und Gegnern. Die Vereinten Nationen (UN) wollen mit verschiedenen Maßnahmen den Welt­ frieden sichern. Welche Maßnahme wann auszuführen ist, regelt Kapitel Sieben der Charta der Vereinten Nationen. Dafür muss der UN-Sicherheitsrat zunächst fest­ stellen, ob eine Bedrohung, ein Bruch des Friedens oder eine Angriffshandlung vor­ liegt. Erst dann gibt dieser Empfehlungen oder beschließt, welche Maßnahmen zu treffen sind, um den Frieden und die in­ ternationale Sicherheit zu wahren oder wiederherzustellen. Dabei haben die Truppen der Frie­ densmission zwar keinen Kampfauftrag. Sie sind aber bewaffnet und unter Um­ ständen berechtigt, von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Je nach Mandat dürfen sie sich selbst, ihre Stellungen, oder Zivilistinnen und Zivilisten vertei­ digen. Ist der Sicherheitsrat jedoch der Auffassung, dass Maßnahmen sich als unzulänglich erweisen, so kann mit Luft-, See- oder Landstreitkräften eine friedens­ erzwingende Maßnahme unter Einsatz von Kriegswaffen durchgeführt werden. Diese Verantwortung liegt dabei jedoch bei den beteiligten Staaten; die UN stellt

für diese Missionen keine Blauhelme zur Verfügung. Im Gegensatz zur Friedens­ mission und der Beobachtermission kann eine friedenserwzingende Maßnahme gegen den Willen der Konfliktparteien durchgeführt werden. Es scheint also, als müssten Soldatinnen und Soldaten genau das Gegenteil für den Frieden in Kauf nehmen: in den Krieg ziehen und dabei gewaltsame Methoden anwenden – um Werte wie Demokratie und Gleichberech­ tigung anderen Ländern oder Gruppie­ rungen zu vermitteln. Das bedeutet aber auch: Die Akzep­ tanz der Gewalt ist offensichtlich gegeben; wer am Krieg partizipiert, akzeptiert den Tod, um eigene Wertvorstellungen durch­ zusetzen – seinen eigenen Tod, aber auch den Tod anderer Menschen. Solange sich Menschen mit Waffen gegenüberstehen, gibt es nur zwei mögliche Folgen: Beide legen ihre Waffe ab oder einer stirbt. Des­ halb hat Krieg als einzige Lösung das Ab­ legen von Waffen.

Und zwar nicht nur im Krieg selbst: So­ wohl Soldatinnen und Soldaten wie auch überlebende Zivilistinnen und ­Zivilisten leiden häufig auch darüber hinaus. Angststörungen, posttraumatische Bela­ stungsstörungen (PTBS) und Alkoholpro­ bleme zählen zu den häufigsten Proble­ men nach der Rückkehr aus dem Krieg oder seinem Ende. Allein 2017 gab es laut der Bundeswehr bei rund 1.900 Solda­ tinnen und Soldaten die Diagnose PTBS. Der Krieg hinterlässt also physische und psychische Schäden. Krieg bleibt so auch im Frieden präsent. Soldatinnen und Soldaten können keinen Frieden schaffen, wenn sie sich im Krieg befinden. Sie tragen nicht zum Frieden bei. Sie verhindern ihn. Denn wer an der Waffe steht und versucht, durch den Einsatz von Waffen Ideologien aus den Köpfen von Menschen zu beseitigen, wird Teil der Ideologie. Und setzt so den Krieg fort.

DOCH WAS BLEIBT, WENN DER KRIEG VORBEI IST? Es müssen andere Methoden als die soge­ nannten Friedensmissionen durchgeführt werden. Denn die Liste der Einsätze, bei denen ein langfristiger Erfolg nur schwer zu erkennen ist, ist lang: So ist die Lage in Afghanistan weit davon entfernt, stabil zu sein. Auch in Ruanda, Somalia oder in Südosteuropa zeigten sich schwere Rück­ schläge.

Frauke Höller 20, Hagen … bewundert die Boden­ ständigkeit des Bündnisses „Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen“ (ICAN).


NACHWUCHS GESUCHT!

ACTION, SPANNUNG UND ABENTEUER BEI DER BUNDESWEHR. DAS VERSPRICHT DIE WEB-SERIE „MALI“. VOR ALLEM JUNGE MENSCHEN SOLLEN ANGESPROCHEN WERDEN. LINA KRULL HAT SIE SICH ANGESCHAUT.

Bild: Tim Eckert

MIT KURZEN SPANNUNGSGELADENEN VIDEOS WILL DIE BUNDESWEHR NACHWUCHS GENERIEREN.

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m Frühjahr 2017 startete die Produkti­ rinnen und Bewerber. Gleichzeitig wur­ on der neuen Web-Serie „Mali“. Acht den jedoch Stimmen laut, die Serie würde deutsche Soldatinnen und Soldaten wur­ den Alltag von Soldatinnen und Soldaten den über einen Zeitraum von drei Mo­ verharmlosen. Auch die neue Webserie naten bei ihren täglichen Aufgaben im „Mali“ soll viele junge Menschen anspre­ Auslandseinsatz begleitet. Die 40 Folgen chen. Keller merkt an: „Die Zielgruppe erreichten beachtliche Klickzahlen im sind 15-bis 25-Jährige, die viel in sozialen Millionenbereich und erzielten Aufmerk­ Netzwerken unterwegs sind.“ Das bestä­ samkeit in den sozialen Netzwerken, tigt auch das Verteidigungsministerium: insbesondere auf der Videoplattform „Um unsere Zielgruppe zu erreichen, set­ YouTube. Charakterisiert durch schnelle zen wir auf eine breite Kanalstrategie“, Schnitte, dramatische Musik und Handka­ führt Routsi aus. Damit sind die Socialmeraperspektive ist die Serie der Bundes­ Media-Kanäle Instagram, Facebook und wehr nicht nur zu Informationszwecken Snapchat gemeint. gedacht. Es wird Spannung aufgebaut Keller sagt, in der Serie „Mali“ wür­ und die acht Protagonistinnen und Prota­ den durch Elemente, die dem Video-Bloggonisten laden zur Identifikation ein. Ste­ Stil, dem „Vloggen“, ähnlich seien, eine ven Keller hat sich in seiner Bachelorar­ emotionale Nähe zwischen dem Zu­ beit am Institut für Filmwissenschaft der schauenden und Protagonistinnen und Universität Bremen intensiv mit der Serie Protagonisten erzeugt: „Man bekommt der Bundeswehr befasst. Spaß und Kame­ immer einen Blick von innen, weshalb radschaft sind seines Erachtens wichtige das Geschehen als authentisch wahrge­ Elemente der Serie. nommen wird. Wir sind zwar nicht live dabei, aber irgendwie doch mittendrin im Geschehen“. Authentizität ziehe bei der YOUTUBE-SERIE ALS Zielgruppe – das wisse auch die Abtei­ PERSONALWERBUNG lung für Personalgewinnung. „Die Bundeswehr sucht Nachwuchs“, sagt die Sprecherin für Personal- und Nach­ SOLDATINNEN UND SOLDATEN wuchsgewinnung des Verteidigungsmini­ IN DER SERIE steriums, Christina Routsi, im Interview mit politikorange. 2011 wurde die Wehr­ In einem Kriegsgebiet als Soldatin oder Soldat tätig zu sein bedeutet, bei bewaff­ pflicht abgeschafft und seitdem ist die neten Konfliktsituationen dabei zu sein Personalgewinnung eine der wichtigsten Aufgaben der Bundeswehr. Die „Personal­ – und notfalls auch andere Menschen tö­ ten zu müssen. Psychische Belastungen werbung“ sei darauf ausgerichtet, dass sie auch bei der Zielgruppe ankommt, so sind häufige Probleme des Alltags. „Psy­ chische Belastungen, negative Emotionen Routsi weiter. Und sie kommt an. Schon die Er­ und Langeweile werden in der Serie folgsserie „Die Rekruten“, die die Bun­ kaum gezeigt oder effektvoll durch viele deswehr im Jahr 2016 auf YouTube zeigte, Schnitte und flotte Musik überspielt, was erhöhte sich die Anzahl der Bewerbe­ auch die Attraktivität einer Bewerbung

steigen lässt“, meint Keller dazu. Eine Ausnahme bildet der Absturz eines deut­ schen Kampfhubschraubers am 26. Juli 2017. Grundsätzlich werden Posttrauma­ tische Belastungsstörungen (PTBS) aber selten zur Sprache gebracht. Die Spreche­ rin im Verteidigungsministerium meint dazu: „Serien wie ‚Die Rekruten’ oder auch ‚Mali’ stehen nicht für sich allein, sondern geben jeweils unterschiedliche Einblicke in die Bundeswehr, in diesem Fall in die Grundausbildung und in den Auslandseinsatz“. PTBS sei dagegen bei den Invictus Games thematisiert worden. Auch deutsche Soldatinnen und Soldaten hatten an der paralympischen Sportver­ anstaltung in Australien teilgenommen.

IST DIE SERIE AUTHENTISCH? In Mali gehören kriegerische Auseinan­ dersetzungen seit 2012 zum Alltag der Zivilbevölkerung. Die Bundeswehr betei­ ligt sich an der UN-Mission „Minusma“. Hauptaugenmerk liegt in der Stabilisie­ rung des westafrikanischen Landes, das von Terrorismus, Kriminalität und Armut geprägt ist. Laut dem Verteidigungsmini­ sterium sind ungefähr 11.000 Blauhelm­ soldatinnen und -soldaten an einer der gefährlichsten UN-Missionen überhaupt beteiligt. Ein Großteil deutscher Sol­ datinnen und Soldaten sind im „Camp Castor“ nahe der malischen Stadt Gao stationiert. Dort wurde auch die YouTubeSerie „Mali“ gedreht. Der Drehort ist folg­ lich authentisch – aber die Darstellung? Immer wieder kommen UN-Solda­ tinnen und -Soldaten zu Tode, aber in der Serie scheint es so, als seien „die Soldatinnen und Soldaten jederzeit Herr der Lage“, kritisiert Keller. ­­­­Überdies zeige

die Serie „eine stark ausschnitthafte Be­ trachtung des Auslandseinsatzes.“ Viele Aspekte fielen dadurch weg – vor allem die Gegenwart des Krieges. Dies erschwe­ re jungen Menschen, die Serie kritisch zu hinterfragen. Die Erzeugung eines positiven Images habe allerdings für die Bundes­ wehr Priorität, um neue Rekruten und Rekrutinnen anzuwerben. Keller ist sich sicher: „Die Bundeswehr würde sich mit einer umfassenderen Berichterstattung ins eigene Fleisch schneiden.“ Abschlie­ ßend erklärt er, dass der Krieg in der Serie in verharmlosender Art und Weise dargestellt werde, da die Bundeswehr die Serie natürlich zur Eigenwerbung nutze. Die Sprecherin für Nachwuchsgewin­ nung dagegen betont: „Die Serie zeigt die Transparenz der Bundeswehr – nichts wird verharmlost. Es gibt kein Drehbuch, deswegen ist die Darstellung sehr realis­ tisch.“ Ob die Darstellung authentisch ist, darüber lässt sich streiten. Sicher ist jedoch: Auch ein Video-Blog-Stil ist eine Inszenierungsstrategie.

Lina Krull 17, Ludwigshafen am Rhein … findet, dass die Bundeswehr mit ihren Marketingstrategien nicht übertreiben sollte.

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DEB AT T E

IM KRIEG VERLIEREN ALLE RUND UM DIE WELT VERBRAUCHEN KRIEGE UNMENGEN AN GELD, ZERSTÖREN DIE NATUR UND KOSTEN UNZÄHLIGE LEBEN. DER ZWEITE GOLFKRIEG UND SEINE AUSWIRKUNGEN SIND EIN EINDRÜCKLICHES BEISPIEL. OLIVER HAHN KOMMENTIERT DEN VERLAUF.

1990. 

Saddam Hussein, der Dik­ tator der Republik Irak, gibt den Befehl, in Kuwait einzufallen. Kuwait — ein kleines Land an der Süd­ grenze zum Irak — hat keine Chance ge­ gen die Übermacht der irakischen Armee. Die Vereinigten Staaten von Ameri­ ka (USA) bilden mit Verbündeten der Ver­ einten Nationen (UN) eine Allianz gegen den Irak; der zweite Golfkrieg beginnt. Dessen Folgen werden über Jahrzehnte nicht nur in der Region des Nahen Ostens, sondern in der gesamten westlichen Welt zu spüren sein werden.

WAS KRIEG WIRKLICH KOSTET Dabei sind nach Schätzungen der UN zwischen 151.000 und 183.000 Men­ schen umgekommen. Um die irakische Diktatur weiter zu schwächen, ließ die türkische Regierung 1991 auf Wir­ ken der USA die Flüsse Tigris und Eu­ phrat aufstauen. Die Folgen laut einer Greenpeace-Studie: Wasserknappheit, Verschlechterung der Lebensmittelqua­ lität, Kinder mit lebensbedrohlichen

­ rankheiten. Das Überleben war nur K noch unter sehr schwierigen Bedin­ gungen möglich, denn mit dem Krieg gingen auch dramatische Umweltzerstö­ rungen einher. Die USA beteiligten sich mit einem Bündnis von 30 Staaten an militärischen Interventionen gegen den Irak, die Aus­ einandersetzungen zielten auch auf wirtschaftliche und geopolitische Vor­ teile – es ging um Öl. Der Irak zerstörte im Gegenzug massenweise Bohrtürme in Kuwait. Das Öl entzündete sich und Kohlenmonoxid sowie andere Giftstoffe stiegen in zehnmal höherer Konzentra­ tion in die Luft. Anschließend sickerten die Stoffe auch ins Grundwasser, wie die „New York Times“ berichtete. Der gesamte Ölteppich, der sich auf dem Persischen Golf ausbreitete, war nach Schätzungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) etwa so groß wie Berlin. Husseins Truppen ergaben sich nach weniger als einem Jahr. Ein Ver­ geltungsschlag irakischer Raketen auf Washington blieb aus.

TERROR AUF BEIDEN SEITEN Bereits 1988, vor Beginn des Konflikts, gründete Osama Bin Laden die Terrororga­ nisation Al-Qaida. Am 11. September 2001 fallen die Zwillingstürme des „World Tra­ de Center“ in New York. Der Anschlag der Terrorgruppe demonstrierte die Verwund­ barkeit der USA und aller Westmächte. Fast 3.000 Menschen starben. Wie die Toten den Irak prägten, so hatte auch die­ ser Verlust Auswirkungen auf die weitere Entwicklung in den USA. Die nationale Sicherheit wurde wichtiger denn je. Ein speziell verabschiedetes Gesetz machte es Geheimdiensten der Vereinigten Staa­ ten möglich, auch ohne juristische Urteile, mobile Endgeräte abzuhören.

Weise an den USA zu rächen. Im End­ effekt konnten die Vereinigten Staaten jedoch neben dem kriegerischen Vergel­ tungsschlag auch ihre wirtschaftliche und geopolitische Agenda durchsetzen. Aber wofür? Eine Gewinnerin oder einen Gewin­ ner zu benennen scheint einfach: Es ist die- oder derjenige mit der größten Beute. Aber jedes zerstörte Haus und jede trau­ ernde Familie ist ein Verlust zu viel. Bei solchen Verlusten kann es keine Gewin­ nerin und keinen Gewinner geben.

ANGST KENNT KEINE RATIONALITÄT Es ist die Ungewissheit, die omniprä­ sente Angst vor dem Terror, die mit 9/11 induziert wurde. Die Auswirkungen des Terrors sind grenzenlos. Die Zerstörung des Iraks nutzten Terrororganisationen als Rechtfertigung, um sich auf brutalste

Oliver Hahn 18, KorntalMünchingen … findet, dass man dem Krieg den Frieden erklären sollte.

FRUCHTFLEISCH WAS BEDEUTET FRIEDEN FÜR SIE?

Fotos: Tim Eckert

»DANKBARKEIT«

»SINN«

»KOMPROMISSE«

STEFAN, 48 PHARMAZEUT

SYLVIA, 56 JOURNALISTIN

CHRISTIAN. 52 MDB, CDU

FRIEDEN BEDEUTET, DASS ICH GLÜCKLICH SEIN KANN, IN DEUTSCHLAND LEBEN ZU KÖNNEN.

FRIEDEN IST FÜR MICH, WENN DAS LEBEN EINEN SINN HAT.

ALLGEMEIN BEDEUTET FRIEDEN FÜR MICH, DASS KONFLIKTE DURCH KOMPROMISSE GELÖST WERDEN.

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RÜSTUNGSEXPORTE – EIN GESCHÄFT MIT DEM TOD? LEOPOLD VON HANSTEIN UND FLORA MÜHLMEYER WERFEN EINEN BLICK AUF DIE VERSCHIEDENEN MOTIVE DES DEUTSCHEN WAFFENHANDELS UND ZEIGEN, WIE DER VIERTGRÖSSTE WAFFENEXPORTEUR DER WELT IMPULSGEBER SEIN KANN.

Foto: Unsplash

DEUTSCHLAND STEHT AUF PLATZ VIER DER GRÖSSTEN WAFFENEXPORTEURE WELTWEIT.

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lle 14 Minuten werde irgendwo die menschenrechtliche Verantwortung auf der Welt ein Mensch mit ei­ in der Wirtschaft noch nicht angekom­ ner deutschen Waffe getötet, sagt Al­ men. Auch Stefan Liebich, Obmann bert Recknagel, Vorstandsmitglied der Linken im Auswärtigen Ausschuss, von „Terre des hommes“. Kein Wunder, rügt Rüstungsexporte in kriegsführen­ denn allein 2017 betrug der Wert aller de Staaten, Diktaturen und Länder, in deutschen Rüstungsexporte rund 1,65 denen Menschenrechtsverletzungen Milliarden Euro. Auch wenn diese Ex­ begangen werden. Er geht noch weiter: porte die Rüstungsindustrie erfolgreich „Meine Partei und ich sind der Meinung, machen, stellt sich dennoch die Frage, dass Deutschland überhaupt keine Waf­ welche wirtschaftliche Bedeutung Rü­ fen mehr liefern sollte. Im Hinblick auf stungsexporte überhaupt haben und unsere Geschichte ist das falsch und ich vor allem: inwiefern daraus moralische bin generell für ein Rüstungsexportver­ Schwierigkeiten entstehen. bot.“ Laut dem Stockholmer Internati­ Fritz Felgentreu, Obmann für die onal Peace Research Institute (SIPRI) SPD im Verteidigungsausschuss, ist ge­ stieg das internationale Volumen der gen generelle Rüstungsexportverbote. Rüstungsexporte schwerer Waffen in Er betont, dass zwischen Importländern der vergangenen Dekade um zehn Pro­ und deren staatlicher Ordnung diffe­ zent – das höchste Niveau seit dem renziert werden müsse. So seien NatoKalten Krieg. In Deutschland hingegen Mitglieder, zu denen auch die Türkei wurden im selben Zeitraum die Rü­ gehört, und Verbündete mehr als legi­ stungsexporte halbiert. Allerdings hat timiert, deutsche Rüstungsgüter zu im­ sich im ersten Quartal 2018 das Geneh­ portieren. Gleichzeitig betont er, dass migungsvolumen für Rüstungsexporte – Deutschland die schärfsten Rüstungsex­ beispielsweise nach Saudi-Arabien – im portrichtlinien der Welt habe. Dennoch Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. Das gebe es Staaten, bei denen unklar sei, geht aus einer Antwort der Bundesregie­ ob Rüstungsexporte gerechtfertigt seien. rung auf eine Kleine Anfrage der Links­ „Es gibt Länder, die dazwischenstehen: partei hervor. Eine Grauzone, die von relativ hellem Grau zu relativ dunklem Grau reichen kann.“ IDEOLOGIE VERSUS Doch die politische, in Teilen REALPOLITIK auch ethische Debatte, wo, ob und in Gerade die Frage nach den Importlän­ welchem Umfang Rüstungsexporte ge­ dern gestaltet sich kontrovers. So kriti­ rechtfertigt sind, gibt nur einen Teil der siert Amnesty International: Hinsicht­ Kontroverse wieder. Die Rüstungsindu­ lich der Auswahl der Importländer sei strie hat auch eine wirtschaftliche und

sicherheitspolitische Bedeutung. Zwar machte sie 2015 laut dem Statistischen Bundesamt nur 0,26 Prozent des deut­ schen Bruttoinlandsprodukts aus; da­ rüber hinaus geht es aber auch um die Frage der Sicherheit, der eigenen Vertei­ digung und um den innovativen Indus­ triestandort Deutschland. „Ich lege Wert darauf, dass wir in Deutschland eine Rüstungsindustrie haben. Es wäre un­ günstig, wenn wir zu 100 Prozent vom Ausland abhängig wären,“ sagt Felgen­ treu. Außerdem seien Exporte für eine betriebswirtschaftliche und effiziente Führung von Rüstungsunternehmen wichtig, da die Bundeswehr sehr klein sei und mit ihren Bestellungen eine sol­ che Industrie alleine nicht tragen könne. Liebich dagegen strebt zumindest eine Verkleinerung der Industrie an; er will sie verstaatlichen und nur für den Ei­ genbedarf der Bundeswehr produzieren lassen. „Ich finde, man soll in Deutsch­ land auch Waffen herstellen dürfen, aber nicht für den Export.“ Er zeigt sich im Gegenzug zuversichtlich, dass neue Arbeitsplätze in anderen Branchen wie der Schiffsindustrie und den erneuer­ baren Energien entstehen würden. „Ich traue deutschen Ingenieuren mehr zu, als Kanonen und Panzer herzustellen.“ Offen bleibt laut Liebich, wie ein Un­ ternehmen, das durch den Verlust des Exportgeschäfts unprofitabel wird, in­ novativ bleiben kann. Ohne Gewinne, die in Forschung und Entwicklung in­ vestiert werden, könne Innovation nicht aufrechterhalten werden.

IMPULSGEBER DEUTSCHLAND? Der Anfang November 2018 verhängte Rüstungsexportstopp für Saudi-Arabien wird teilweise als Zeichen einer langsam größer werdenden Sensibilität der deut­ schen Politik gewertet. Dennoch muss dies weiterhin kritisch betrachtet werden. So galt der Stopp zunächst nur für kur­ ze Zeit und wurde bis Redaktionsschluss der politikorange regelmäßig nur um ei­ nen kurzen Zeitraum verlängert. Laut SI­ PRI ist Deutschland außerdem nach den USA, Russland und Frankreich trotzdem noch auf Platz vier der größten Expor­ teure schwerer Waffen. Bei zunehmenden Spannungen zwischen Groß- und Regi­ onalmächten kann ein Rüstungsexport­ stopp zumindest teilweise als friedens­ fördernd gewertet werden, da Aufrüstung zur Verhärtung der Fronten führt.

Flora Mühlmeyer 17, Berlin Leopold von Hanstein 17, Berlin … arbeiten bei dem bundesweiten JMWS als Hauptstädter und Europäer zusammen.

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ZWISCHEN KRIEG VIER BEISPIELE VON HENRI MAIWORM

Bilder: Ministry of Defense of Ukraine/Flickr.com/CC BY-SA 2.0, Dani Oliver/Flickr.com/ CC BY-NC-ND 2.0, Gordontour/Flickr.com/ CC BY-NC-ND 2.0,Pixabay

OSTUKRAINE EIN KRIEG MITTEN IN EUROPA: SEIT 2014 KÄMPFT DIE UKRAINISCHE ARMEE IN DEN ÖSTLICHEN REGIONEN DONEZK UND LUHANSK GEGEN PRORUSSISCHE REBELLEN. EIN ENDE IST NOCH NICHT IN SICHT.

ARGENTINIEN SEIT 1977 DEMONSTRIEREN DIE SOGENANNTEN MÜTTER DES PLATZES DER MAIREVOLUTION („MADRES DE PLAZA DE MAYO“) IN BUENOS AIRES STILLSCHWEIGEND GEGEN DAS VERSCHWINDEN IHRER TÖCHTER UND SÖHNE. DAS SYSTEMATISCHE VERSCHWINDEN UNTER DER MILITÄRDIKTATUR VON 1976 BIS 1983 WURDE BIS HEUTE NICHT VOLLSTÄNDIG AUFGEKLÄRT.

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...UND FRIEDEN

ÄTHIOPIEN/ERITREA ENDLICH FRIEDEN. NACH 20 JAHREN KRIEG UNTERZEICHNETEN ÄTHIOPIEN UND ERITREA AM 8. JULI 2018 EINEN FRIEDENSVERTRAG. DER KRIEG KOSTETE ETWA 100.000 MENSCHEN DAS LEBEN.

ISLAND EIN LAND OHNE EIGENE ARMEE: AUF DEM GLOBAL PEACE INDEX STEHT ISLAND SEIT 2008 AUF PLATZ EINS – ALS DAS FRIEDLICHSTE LAND DER WELT.

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EIN LEBEN DAZWISCHEN

ÜBER 70 JAHRE IST ES HER, DASS DAVID BEN GURION DEN STAAT ISRAEL PROKLAMIERTE. DOCH DIE GESCHICHTE DES LANDES WAR UND IST GEPRÄGT VON GEWALT UND BRÜCHIGEM FRIEDEN. TIM RENDER HAT SICH DIE HINTERGRÜNDE DES ISRAELISCH-PALÄSTINENSISCHEN KONFLIKTS ANGESCHAUT.

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alästinenserinnen und Palästinenser haben seit März 2018 im Gazastrei­ fen für ein „Recht auf Rückkehr“ für Ge­ flüchtete und ihre Nachfahren in die alte Heimat demonstriert, aus der sie vertrie­ ben wurden. Bei den Protesten kam es auch zu Zusammenstößen mit bewaff­ neten israelischen Soldatinnen und Sol­ daten. Laut dem Amt für die Koordinie­ rung humanitärer Angelegenheiten der UN (OCHA) wurden bis zum 22. März 2019 allein während der Demonstrationen 195 Palästinenserinnen und Palästinenser und ein Israeli getötet. Tausende Palästi­ nenserinnen und Palästinenser wurden verletzt. Regelmäßig tauchen gewaltvolle Bilder des israelisch-palästinensischen Konfliktes aus Gaza, der Westbank und Israel in den Medien auf. Viele Menschen sind Opfer des Konfliktes geworden. Häu­ fig stößt das auf Unverständnis oder führt zu politischer Polarisierung. Aber woran liegt das? Im Kern des Konflikts steht der Streit um das gleiche Land: Das Land in dem 1948 Israel proklamiert wurde und in dem ein unabhängiges Palästina seinen Platz sucht. Die Wurzeln des Konfliktes reichen in die Zeit vor dem Ersten Welt­ krieg zurück. Der Zweite Weltkrieg und das Schicksal der von Verfolgung und dem Holocaust traumatisierten jüdischen Gemeinschaft haben eine besondere Bedeutung. Denn viele Juden suchten nach 1945 ein neues Zuhause. Auch die arabisch­-palästinensische Bevölkerung sehnte ein Ende der seit den 1920ern an­ dauernden britischen Besatzung herbei und kämpfte dort für einen eigenen Staat. In der Folge lieferten sich die britische Mandatsmacht, die jüdische und die pa­ lästinensische Gemeinschaft immer wie­ der gewaltsame Auseinandersetzungen, wobei die Machtverhältnisse nicht aus­ gewogen waren. Vor diesem Hintergrund wurde im November 1947 die UN-Reso­ lution 181 beschlossen, die die Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabisch-palästinensischen Staat vorsah. Jerusalem sollte dabei als Zentrum der drei monotheistischen Weltreligionen als internationales Territorium unabhängig bleiben.

DER KONFLIKT Was der Mehrheit der UN als sinnvoll erschien und auch von der jüdischen Selbstverwaltung in Palästina als Kom­ promiss akzeptiert wurde, traf bei der noch jungen Arabischen Liga auf Kritik. Kurz nachdem die britische Regierung ihr Mandat niedergelegt hatte und nach der Proklamation Israels 1948 griffen sechs arabische Länder Israel an, verloren aber den Krieg. „Es gelang Israel, das ihm im UN­-Teilungsplan zugesprochene Staats­ gebiet von 15.100 ­Quadratkilometern auf

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JERUSALEM STEHT IMMER WIEDER IM MITTELPUNKT DES KONFLIKTS.

20.766 Quadratkilometer bzw. 78 Prozent des ehemaligen britischen Mandatsge­ bietes Palästina nach Abtrennung des Emirats Transjordanien im Jahre 1923 zu vergrößern“, sagt Margret Johannsen vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Ham­ burg. Laut der palästinensischen Ver­ tretung in Deutschland wurden dabei mehrere hundert palästinensische Dörfer von der israelischen Armee zerstört und über 700.000 Palästinenserinnen und Palästinenser zu Geflüchteten. Einige flohen aufgrund der Kriegshandlungen, viele wurden direkt vertrieben. Sie ver­ loren ihre Heimat und fanden sich in Geflüchtetenlagern im Libanon, Syrien, Jordanien, der Westbank und im Gaza­ Streifen wieder. Für die Palästinenserin­ nen und Palästinenser wurde der Krieg somit zur „Nakba“ (Arabisch für Kata­ strophe, A.d.R.). Der unerwartete Sieg im Sechs­-Tage-­Krieg 1967 ermöglichte Israel schließlich die weitere Ausweitung seiner Grenzen. Die Zahl der palästinensischen Geflüchteten wuchs auf 1,4 Millionen an. Obwohl die UN in vielen Reso­ lutionen und Beschlüssen des Weltsi­ cherheitsrates seither den israelischen Rückzug aus besetzten Gebieten sowie die Regelung des Geflüchtetenproblems und von palästinensischer Seite die Ein­ stellung von Terrorismus und eine Aner­ kennung Israels forderte, begann Israel seit 1967 eine zunehmend offensive und gegen das Völkerrecht verstoßende Sied­ lungspolitik. „Eigentlich ist die Zwei­ staatenlösung für die Palästinenser, erst durch die Besetzung des eigenen Landes im Zuge des Krieges 1967 zur politischen Forderung geworden“, sagt Johannsen. Die Geflüchtetenthematik, der Status

J­ erusalems, die Sicherheit der israelischen Bevölkerung und die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung aber auch Zugänge zu Ressourcen wie Wasser oder Rohstoffen sind weitere Punkte, über die seit langem gestritten wird.

IST FRIEDEN MÖGLICH? Vor allem nach 1967 wuchs der sowohl mit politischen als auch terroristischen Mitteln geführte palästinensische Wi­ derstand gegen die israelische Politik. Nachdem 1987 ein israelischer Militär­ lastwagenfahrer in mehrere Autos in das im Gaza gelegene Geflüchtetenlager Jaba­ liya fuhr, dabei vier Menschen tötete und weitere verletzte, kam es zu Massende­ monstrationen und zu Zusammenstößen zwischen palästinensischen Jugendlichen und der israelischen Armee. Dies war der Beginn der Ersten Intifada und hatte Auswirkungen auf politischer Ebene. Im November 1988 rief der Palästinensische Nationalrat einen unabhängigen palästi­ nensischen Staat aus, erkannte aber auch den UN­-Teilungsplan und somit indirekt das Existenzrecht Israels an. Nach den ersten Friedensgesprächen 1991 und zä­ hen Verhandlungen in den Folgejahren waren die Verträge von Oslo schließlich ein wichtiger Schritt. Diese waren zwar kein endgültiges Friedensabkommen, sollten aber eine Zwischenlösung her­ beiführen, mit dem Ziel nach fünf Jahren ein „Endstatusabkommen“ abschließen zu können. Lange hielt die Ruhe jedoch nicht, denn die Ziele der Oslo­-Verträge wur­ den nie vollständig realisiert. Israel setzte seine Siedlungspolitik fort. Eine Folge war die Zweite Intifada, bei der es zu palästinensischen Anschlägen in

Bild: Henri Maiworm

Israel und m ­ assiven israelischen Mili­ täraktionen in den besetzen Gebieten kam. Allein im März 2002 gab es nach Angaben der Bundeszentrale für poli­ tische Bildung zwölf Anschläge in Isra­ el. Viele der Selbstmordattentäterinnen und ­-attentäter stammten aus der von Jo­ hannsen als national­-religiöse Organisati­ on beschriebenen Hamas. Eine der Kon­ sequenzen war, dass Israel begann, eine Sperranlage rund um die von Palästinen­ serinnen und Palästinensern bewohnte Westbank zu bauen. Viele internationale Akteure kritisieren, dass dies nicht nur den Zweck verfolge, Israel zu schützen, sondern vielmehr die Westbank territorial weiter zu zerteilen und so das Leben der palästinensischen Bevölkerung massiv zu erschweren sowie das politische Ziel ei­ ner Zweistaatenlösung zu unterwandern. In diesem Kontext von Gewalt und poli­ tischen Blockaden leben die Menschen in Palästina und Israel auch weiterhin zwi­ schen Krieg und Frieden.

Tim Render 18, Leonberg … wünscht sich Frieden in der Region.


PALÄSTINENSISCHE LITERATUR ALS FORM DES WIDERSTANDS

WENN ÜBER PALÄSTINA GESPROCHEN WIRD, STEHT OFT DIE POLITISCHE SITUATION IM VORDERGRUND. KULTUR SPIELT KAUM EINE ROLLE. NIKE SCHNITKER BERICHTET, WIE KUNST UND INSBESONDERE LITERATUR DIE PALÄSTINENSISCHE KULTUR PRÄGEN UND MENSCHEN EINE STIMME VERLEIHT.

DIE GESCHICHTE VON MAHMUD DARWISCH UND SEINER POESIE ALS ÜBERBLICK ÜBER PALÄSTINENSISCHE LITERATUR.

Bild: Tim Eckert

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EIN LAND AUS WORTEN ls Autorin möchte ich Geschichten bekannten literarischen Stimmen. Hilwi der Text auch von ihnen erzählt. Die pa­ von Menschen erzählen, die nicht lästinensischen Schriftsteller schaffen es, betont, dass die wichtigsten unter ihnen die Chance haben, ein Mikrofon in die „Wir haben ein Land aus Worten“, schreibt auch eine entscheidende Rolle in politi­ Menschen nah an ihre eigene Geschichte Hand zu nehmen. Ich möchte auch von der palästinensische Lyriker Mahmud schen Prozessen und Kämpfen gespielt und die unserer Leute und Orte zu brin­ den persönlichen Details in den Geschich­ Darwisch in einem seiner Gedichte. Viele haben. So seien sie entweder selbst Po­ gen“, sagt Hilwi. ten der Menschen und Orte berichten“, palästinensische Schriftstellerinnen und Für Hilwi ist die palästinensische litikerinnen oder Politiker gewesen oder sagt Rasha Hilwi über ihre Texte. Hilwi, Schriftsteller haben wie Darwisch in ih­ waren beratend tätig. Und dennoch bleibt Kulturszene dennoch keine statische. die 1984 in Akkon nördlich der Stadt Hai­ ren Werken versucht, ihrer Heimat ein für Hilwi die Literatur lebendiger als po­ Denn es gebe rund elf Millionen Palästi­ fa geboren wurde, arbeitet als Autorin, Gesicht zu geben. Die Nakba, das meint litische Statements. Die Geschichten der nenserinnen und Palästinenser weltweit Kulturjournalistin und DJ. Schon seit ih­ im Arabischen die Vertreibung der Paläs­ Menschen würden so unsterblich. – in Israel, im Westjordanland, im Gazatinenserinnen und Palästinenser nach der rer Kindheit schreibt die Palästinenserin Streifen, in Geflüchtetencamps und im literarische Texte. Während ihres Studi­ Gründung des Staates Israel, beeinflusste GESCHICHTEN, DIE ALLE Exil. So habe sich auch die Literatur des ums der Anthropologie und Soziologie an die palästinensische Literaturszene sehr. ERREICHEN SOLLEN Widerstands weiterentwickelt. Heute wer­ der University of Haifa begann sie als Kul­ Die Erlebnisse hinterließen ein Trauma in de auch vermehrt darüber geschrieben, Doch die Szene hat sich weiterentwickelt. wie Menschen leben oder was sie denken. turjournalistin zu arbeiten. Durch Inter­ der Gesellschaft und die Literatur diente views mit arabischen Künstlerinnen und dazu, die palästinensische Vergangenheit Laut der Heinrich Böll-Stiftung hat sich Basierend auf verschiedenen Faktoren Künstlern sowie Musikerinnen und Mu­ festzuhalten. Größtenteils waren die The­ die palästinensische Kunst- und Kultur­ ändere sich dementsprechend jederzeit men daher von der politischen Situation szene besonders in den letzten 25 Jahren etwas. „Aber die palästinensische Kultur­ sikern erkannte Hilwi schließlich, dass sie über Kunst und Kultur als Form des geprägt und behandelten Themen wie seit dem Oslo-Abkommen emanzipiert. szene war und wird immer Akt des Wi­ Widerstands schreiben wollte. Damit will Heimatverlust und die Ängste, die mit der Internationale Geldgeberorganisationen derstandes und Ausdruck der Zeiten sein, sie auch Hoffnung auf eine bessere Welt Vertreibung und der Entfremdung einher­ setzen sich für palästinensische Kunst in denen Kultur vom politischen Kontext und Kultur ein. So entstanden beispiels­ bedroht ist. Meiner Meinung nach wird machen – auch wenn es dabei oft um gingen. Insbesondere Mahmud Darwisch weise das Kulturzentrum Al Sakakini, die traurige Themen und Geschichten geht. sie der palästinensischen Sache mehr als Für Palästinenserinnen und Palä­ prägte die palästinensische Kulturszene Qattan Foundation oder die jährlichen alles andere dienen“, sagt Hilwi. Ihre Exi­ stinenser in Israel, in den palästinen­ in dieser Zeit maßgeblich. Bis heute gilt Palestine Cinema Days. Dadurch entwi­ stenz, trotz aller Umstände, sei eine Sa­ sischen Gebieten und auch im Exil sei er als die poetische Stimme der Palästi­ ckelte sich eine umfassende und von jun­ che der Hoffnung. nenserinnen und Palästinenser. „Die Ge­ gen Menschen geprägte Kulturszene, die Kultur wichtig. Sprache, Musik, Essen schichte von Darwisch und seiner Poesie auch mit Provokationen und der Verbin­ und Literatur – all das seien Dinge, die Geschichten von Palästinenserinnen und gibt einen kurzen Überblick über die pa­ dung von Vergangenheit und Gegenwart Palästinensern und ihres Landes erzähl­ lästinensische Literaturszene“, fasst Hilwi Palästinas arbeitet. Auch Hilwi ist Teil der jungen Szene. ten. „Das bedeutet nicht, dass es nur um die Bedeutung seiner Werke zusammen. Sie seien vielschichtig, denn sie befassten Mittlerweile sei die Nakba eher zwischen die politische Situation geht. Es geht auch um eine Liebesgeschichte in den Straßen sich sowohl mit der politischen Debatte den Zeilen und im Hintergrund erkenn­ Haifas oder in einem Gedicht darum, wie wie auch mit der eigenen Identitätszer­ bar. Bedeutend sei jetzt, dass die neue schön es ist, eine Frau zu sein“, betont rissenheit und persönlichen Geschichten. Generation palästinensischer Schriftstel­ Nike Schnitker lerinnen und Schriftsteller ihre Geschich­ „Er brachte damit auch die menschliche Hilwi. 19, Düsseldorf Haltung gegenüber Palästinensern zu­ ten teilten: egal, ob ihre biografische Ge­ Hilwi ist eine der Schreibenden, die schichte oder das beschriebene Außen. rück.“ Palästinenserinnen und Palästinensern … ist nach wie vor mit Neben Darwisch zählen die Pro­ „Alle, die einen Text lesen, auch wenn sie mit ihren Texten eine Stimme verleiht. der Aussprache des Ara­ bischen überfordert. Aber was macht die palästinensische Kul­ saautoren Ghassan Kanafani und Jabra oder er hunderte Kilometer weg wohnen und kaum Wissen über die palästinen­ turszene aus? Und was macht ihre Litera­ Ibrahim Jabra und Emil Habibi sowie die Prosaautorin Sahar Khalifa zu den sische Lage haben, sollen merken, dass tur so besonders?

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Z UR O RG ANI SATI ON ICAN ist die internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen und ein internationales Bündnis von zivilgesellschaftlichen Organisationen mit über 400 Partnerorganisationen in über 100 Ländern. 2017 gewann „ICAN“ den Friedensnobelpreis. Anne Balzer ist Mitarbeiterin der NGO.

Foto: Henri Maiworm

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»STATUS QUO AKZEPTIEREN?« EIN STOPPZEICHEN GEGEN KRIEG

WLADIMIR PUTIN PRAHLT MIT ATOMWAFFEN, TRUMP HÄLT DIE WELT MIT TWITTERFEUER IN ATEM. DIE INTERNATIONALE KAMPAGNE ZUR ABSCHAFFUNG VON ATOMWAFFEN ICAN IST MITTEN DRIN IN DER DEBATTE. JOSCHUA GREITEN UND LINA JAKUBCZICK SPRECHEN MIT ANNE BALZER ÜBER DIE HERAUSFORDERUNG „WELTFRIEDEN“.

FRAU BALZER, IM JAHR 2017 BEKAM IHRE ORGANISATION DEN FRIEDENSNOBELPREIS. WOFÜR GENAU WURDEN SIE AUSGEZEICHNET? ICAN setzt sich dafür ein, dass Atomwaffen generell ver­ boten werden. Es sind die verheerendsten aller Massen­ vernichtungswaffen, weil sie nicht zwischen zivilen und militärischen Zielen unterscheiden und Menschen wie Umwelt über Generationen hinaus schädigen. Es sind inhumane Waffen. Und trotzdem verstoßen sie bisher nicht gegen das internationale humanitäre Völkerrecht. Der von ICAN durchgesetzte Atomwaffenverbotsvertrag ist der erste Vertrag der UN, der nukleare Waffen umfas­ send ächtet. Nicht nur der Einsatz, die Androhung und Herstellung von Atomwaffen, sondern auch der Besitz ist mit Unterzeichnung des Vertrages verboten. Das gab es vorher in dem Umfang noch nicht. Es ist auch eine Art Stoppzeichen, das die internationale Gemeinschaft mit dem Verbotsvertrag setzt. Ich glaube, dass das No­ belpreiskomitee dem ein bisschen Nachdruck verleihen wollte.

WOZU BRAUCHT MAN DENN ÜBERHAUPT ABRÜSTUNG? ES GIBT DOCH VOM EHEMALIGEN US-AUSSENMINISTER JOHN FOSTER DULLES AUCH DIE THEORIE DES „NUKLEAREN TABUS“, DASS SICH KEINER ÜBERWINDEN KANN, WIRKLICH EINEN ATOMAREN ANGRIFF DURCHZUFÜHREN? Es wäre schön, wenn das so wäre. Wenn ich mir die Nu­ klearstrategien der USA oder Russlands angucke, bin ich mir aber nicht sicher, ob es dieses Tabu wirklich noch gibt. Die großen Mächte USA, Russland und China ent­ wickeln Atomwaffen, die deutlich kleiner und präziser als ihre Vorgänger sind. Kritisch ist, dass die psycholo­ gische Hemmschwelle sinkt, sie einzusetzen, wenn es sich um kleinere Waffen handelt. Dabei darf man nicht vergessen, dass auch die Hiroshima-Bombe nach heu­ tigen Maßstäben als kleine Bombe gilt. Diese Anzeichen der letzten Jahre deuten darauf hin, dass dieses Tabu nicht sonderlich stabil ist.

IST DER ATOMWAFFENVERBOTSVERTRAG EINE WEITERENTWICKLUNG DES 1970 VERABSCHIEDETEN ATOMWAFFENSPERRVERTRAGES ODER SIND DAS ZWEI VERTRÄGE, DIE PARALLEL ZUEINANDER EXISTIEREN? Aus unserer Sicht ist es eine Weiterentwicklung. Der Atomwaffensperrvertrag- oder Nichtverbreitungsver­ trag, kurz NVV, hat festgelegt, dass die Atomwaf­ fenstaaten zwar Nuklearwaffen haben, aber an nie­ manden weitergeben dürfen. Alle Staaten, die keine

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­ uklearwaffen besitzen, dürfen auch nicht aufrüsten. N Das hat zu einem Ungleichgewicht geführt. Der Atom­ waffenverbotsvertrag sagt jetzt, dass Atomwaffen für alle Staaten, die diesem Vertrag beitreten, verboten sind. Der NVV gilt aber weiterhin als Grundstein der internationa­ len Abrüstung. Alles, was die Länder im NVV beschlos­ sen haben, hat weiter Bestand.

WIE LÄSST SICH DENN KONTROLLIEREN, OB STAATEN GEGEN DIE AUFLAGEN DES VERTRAGES VERSTOSSEN? Es gibt Organisationen, wie die CTBTO (Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklear­ versuchen) oder die IAEO (Internationale AtomenergieOrganisation), die prüfen können, ob nukleare Energie nur für zivile Zwecke genutzt wird oder Atomwaffen­ tests durchgeführt wurden. Sie haben verschiedene technische Möglichkeiten, um zu untersuchen, wo oder ob Atomwaffen getestet wurden. Zum Beispiel durch Messungen der Strahlung oder Erschütterungen im Bo­ den.

UND WAS PASSIERT, WENN SICH DIE STAATEN NICHT DARAN HALTEN? Man hat natürlich die Möglichkeit, ein Land internatio­ nal zu isolieren, Wirtschaftssanktionen zu erheben, di­ plomatische Beziehungen oder Geldströme einzufrieren. Aber die Frage ist, wie erfolgreich diese Methoden allge­ mein sind.

WIE SIEHT ES MIT DER AKTUELLEN LAGE AUS? DONALD TRUMP GILT ALS UNBERECHENBARER MANN. IST DIE WELT GEFÄHRLICHER GEWORDEN DURCH IHN? Man kann auf jeden Fall sagen, dass die Rhetorik lange nicht mehr so aufgeladen war, gerade durch die kurzen Kommunikationswege. Trump stellt bestehende Verträ­ ge konsequent in Frage, trifft Entscheidungen, ohne sie intern abzusprechen und hält wenig von Dialogen mit politischen Akteuren. Das destabilisiert die internationa­ len Verflechtungen und kann zu Verunsicherungen bei anderen Staaten führen.

DEUTSCHLAND ALS WICHTIGE INDUSTRIENATION HAT WEDER AN DEN VERHANDLUNGEN ÜBER DEN ATOMVERBOTSVERTRAG TEILGENOMMEN NOCH BISHER UNTERSCHRIEBEN – HÄTTE DENN DEUTSCHLANDS ENTSCHEIDUNG, DEM VERTRAG ZUZUSTIMMEN, EINEN EINFLUSS AUF DIE ATOMMÄCHTE? Die deutsche Bundesregierung führt oft das Argument an, dass es in der aktuellen Sicherheitslage nicht möglich sei, auf nukleare Waffen zu verzichten. Wenn Deutsch­ land aber entscheiden würde, nicht auf Atomwaffen zu setzen, dann wäre das ein Signal an die Atommächte, dass sie diese Waffen nicht brauchen. Und über die Atomwaffenstaaten hinaus gibt es andere Staaten, zu de­ nen man auch Signale aussendet. Wie will man die denn überzeugen, sich diese Waffe nicht anzueignen, wenn man davon selber nicht abrückt? Entweder kein Land hat Atomwaffen und wir müs­ sen darauf hinarbeiten oder es ist die logische Konse­ quenz, dass alle Länder Atomwaffen haben wollen. Und das kann ja auch nicht die Entwicklung sein, mit der wir leben wollen.

KÖNNTEN SIE SICH EINE WELT VORSTELLEN, IN DER ES KEINE ATOMWAFFEN MEHR GIBT? Als Optimistin denke ich schon, dass es einen politischen Weg dahin gibt. Die Frage ist nur, wie lange das dauert. Bei Abrüstung spricht man über unglaublich lange Pro­ zesse. Außerdem ist es immer eine Frage des politischen Willens und welche Akteure daran beteiligt sind. Vor allem ist es wichtig, einen Dialog aufrecht zu erhalten. Weil das Schlimmste was uns passieren kann, ist, dass wir diesen Status Quo akzeptieren und dann überrascht sind, wenn auf einmal eine Atomwaffe eingesetzt wird.

SIND WIR VIELLEICHT SOGAR AUF DEM WEG ZUM NÄCHSTEN „KALTEN KRIEG“? Es ist eine gefährliche Episode, in der wir uns ge­ rade befinden. Staaten wie Indien oder Pakistan eignen sich weiter Atomwaffen an. Staaten, wie die USA, Russland oder Frankreich, modernisieren ihre Waffen. Russland zum Beispiel hat eine S ­ trategie, genannt „Eskalation zur Deeskalation“, die auch erwägt kleine Nuklearwaffen einzusetzen, um grö­ ßere Kriege auf konventioneller Ebene zu verhin­ dern.

Lina Jakubczick 16, Berlin Joschua Greiten 18, Welschen Ennest ... wissen jetzt, dass Frieden nicht gleich Frieden ist.

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FRIEDEN EINE FRAUENSACHE?

OBWOHL ES SELBSTVERSTÄNDLICH SEIN SOLLTE, SIND FRAUEN NOCH IMMER VON FRIEDENSSCHAFFUNGSPROZESSEN AUSGESCHLOSSEN. DABEI BELEGEN STUDIEN, DASS GERADE DURCH DAS MITWIRKEN VON FRAUEN, FRIEDEN NACHHALTIG GESICHERT WERDEN KANN. IDA LEINFELDER GIBT EINEN EINBLICK.

Bild: Tim Eckert

FRAUEN ALS FRIEDENSBOTSCHAFTERINNEN

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hne Frauen kein Frieden“, das ist der Konsens der Agenda „Frauen, Frieden, Sicherheit“ des UN-Sicherheits­ rats. Tatsächlich hat eine Studie der UN herausgefunden: Die Wahrscheinlichkeit für ein Friedensabkommen, mindestens 15 Jahre zu halten, steigt um 35 Prozent, wenn sich Frauen aktiv an dem Prozess der Friedensbildung beteiligen bzw. betei­ ligt werden. Warum also ist der Vorsitz in Kommissionen für Friedensprozesse und Verhandlungen immer noch größtenteils männlich besetzt? Bereits mit der UN-Resolution 1325, die im Jahre 2000 einstimmig vom UN-Sicherheitsrat verabschiedet wurde, wurde die Beteiligung von Frauen an friedensbildenden Maßnahmen ver­ bindlich beschlossen. Dennoch sind Frauen an aktuellen Friedensbildungs­ prozessen, wie zum Beispiel in Afgha­ nistan, Israel, Palästina oder Syrien, mit nur knapp 16 Prozent noch immer deut­ lich unterrepräsentiert. Das liegt unter anderem daran, dass in der UN bisher nur rund 27 Prozent aller hohen Positi­ onen mit Frauen besetzt sind.

MÄNNER ZIEHEN IN DEN KRIEG UND FRAUEN BLEIBEN ZUHAUSE? Historisch gesehen zogen Männer in den Krieg, Frauen blieben zuhause. Das Rollenbild, das sich daraus entwickelte,

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projiziert auf Männer Eigenschaften wie Stärke, Mut und Heldenhaftigkeit, aber auch Gewalt und Aggressivität. Frauen hingegen werden Familienverbunden­ heit, Versöhnlichkeit und Heimat, jedoch auch Schwäche und Abhängigkeit zuge­ schrieben. Für die Mediatorin und Sozi­ alpädagogin Cordula Reimann führt diese Kombination aus Geschlechterhierarchie und der vermeintlichen Annahme, dass Frauen grundsätzlich friedfertig seien, zur Ausgrenzung von Frauen in sämt­ lichen Machtzentren dieser Welt. Diesen Zustand wollen immer mehr Frauen nicht akzeptieren. Welt­ weit organisieren sich daher Frauen und politisch Aktive. Marissa Conway und Kristina Lunz gründeten deshalb im Dezember 2016 das „Center for Fe­ minist Foreign Policy“ (CFFP) mit Sitz in Deutschland und Großbritannien. Ihr Ziel: Außenpolitik feministischer, trans­ parenter und mit einem stärkeren Fokus auf Intersektionalität gestalten, damit die Kategorie Geschlecht nicht allein sondern auch in Kombination mit an­ deren Kategorien wie etwa Ethnizität, soziale Herkunft oder Alter zusammen gedacht werden. Für die beiden spielt Feminismus eine wichtige Rolle im Kampf für Gleichberechtigung und ge­ gen Diskriminierung. In einer diskrimi­ nierenden Welt könne es keine Freiheit und ohne Freiheit keinen Frieden geben. Um ihr Ziel zu erreichen, informieren

Conway und Lunz auf Veranstaltungen über feministische Außenpolitik, prä­ sentieren und diskutieren Bücher, geben Interviews und publizieren auf ihrer Website. Auf dem Weg werden sie von zahlreichen Feministinnen unterstützt. Unter ihnen ist Clare Hutchinson, Vertreterin der Agenda Frauen, Frieden und Sicherheit der NATO. Im Gespräch mit CFFP weist sie auf der Website des Centers daraufhin, wie wichtig eine Än­ derung der Strukturen ist, sodass auch Frauen als Entscheidungsträgerinnen in Friedensverhandlungen beachtet wer­ den: „Leider müssen wir immer noch die Anwesenheit von Frauen in solchen Situationen rechtfertigen. Ich habe ge­ sehen, wie wichtig es ist, Frauen als Abgesandte in der NATO zu haben. Es ist sehr beeindruckend, was für phä­ nomenale Denkansätze sie mitbringen, um die Sicherheit zu ändern und wie sie sich gegenseitig unterstützen. Es hat meine Meinung über Frauennetzwerke und -gruppen auf Führungsebene geän­ dert, nachdem ich gesehen habe, wie sie zusammenkommen und nicht nur mich persönlich unterstützen, sondern auch diese Agenda.“

POLITISCHE AGENDA Auch auf politischer Ebene wird daran ge­ arbeitet. Die Bundesregierung unterstützt die Agenda „Frauen, Frieden, Sicherheit“

der UN. Dazu hat sie einen konkreten Ak­ tionsplan für den Zeitraum 2017 bis 2020 formuliert. In diesem heißt es: „Nachhal­ tige Krisenprävention, Konfliktbeilegung, Stabilisierung, Friedensbildung bedarf auch der gleichberechtigten Mitwirkung von Frauen. Frieden muss inklusiv ge­ staltet und von allen mitgetragen werden. Erfolgreiche Krisen- und Gewaltpräven­ tion, aber auch Maßnahmen des Krisen­ managements, der Konfliktnachsorge und des Wiederaufbaus erfordern gleich­ berechtigte Mitwirkungs- und Führungs­ chancen von Frauen.“ Auch wenn also rechtlich gesehen auf den ersten Blick alle Weichen gestellt sind: In der Realität sieht es für die Gleichberechtigung von Frau und Mann in Mediationsprozessen oft noch anders aus.

Ida Leinfelder 19, Bremen … plädiert für mehr Feminismus in der Friedensbildung.


KRIEGE, KRISEN, KRIMINALITÄT?

BERICHTEN MEDIEN ÜBER AFRIKA, WERDEN IMMER WIEDER THEMEN WIE KRIEG UND ARMUT AUFGEGRIFFEN. POSITIVE ENTWICKLUNGEN KOMMEN DAGEGEN KAUM VOR. ABER WIE SIEHT DIE LAGE WIRKLICH AUS? DOLUNAY TEMUR HAT MIT EXPERTINNEN UND EXPERTEN GESPROCHEN.

JUGENDLICHE SIND FÜR OUMAR DIALLO HOFFNUNGSTRÄGER.

Bild: Thies J. Hansberg

»SCHLECHTES IN DEN MITTELPUNKT ZU RÜCKEN UND VON KRISEN ZU ERFAHREN, IST GANG UND GÄBE. STATTDESSEN SOLLTE AUCH IN DEN FOKUS GERÜCKT WERDEN, WAS IM WERDEN IST.« OUMAR DIALLO, VORSITZENDER DES AFRIKA-HAUSES E.V.

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frika steht in Europa nicht im Fokus, beispielsweise werden Handelsab­ kommen mit afrikanischen Ländern nicht diskutiert. Wir müssen umdenken“, kri­ tisiert Martin Rabanus (SPD), Bundes­ tagsabgeordneter und Vorsitzender der Parlamentariergruppe für Zentralafrika. So haben diese weniger Aufmerksam­ keit erhalten als beispielsweise das um­ fassende Wirtschafts- und Handelsab­ kommen zwischen Kanada und der EU (CETA) oder das Transatlantische Frei­ handelsabkommen (TTIP). Es seien immer die gleichen Themen, über die berichtet werden, findet Liesbeth Quart, promovierte Afrikanistin und ehe­ malige Diplomatin: „Kriege, Krisen, Kri­ minalität“. Von positiven Entwicklungen werde nicht gesprochen. Dabei habe sich die Lage in einigen afrikanischen Län­ dern verbessert. So würde Botswana als ein Land mit lobenswerten Fortschritten eher selten in den Medien auftauchen, obwohl der ehemalige Präsident Festus Gontebanye Mogae sogar mit dem MoIbrahim-Preis für gute Regierungsführung ausgezeichnet wurde.

AFRIKANISCHE UNION

sis entgegen. Das liege vor allem daran, dass sie nicht miteinbezogen werden. Die AU wirke wie eine abgespaltene Elite, statt sich als Gewerkschaft der Bevölkerung zu verstehen. Gleichzeitig macht ein Blick in andere Quellen deutlich, wie groß das Pro­ blem mit Korruption ist. So berichtete die nigerianische Zeitung „Vanguard“ 2018 un­ ter Berufung auf die Generalsekretärin der UN-Wirtschaftskommission, Vera Songwe, dass dem afrikanischen Kontinent jährlich 148 Milliarden Dollar verloren gingen.

Afrika sei ein großer Kontinent – dort herr­ sche nicht nur Krieg. Es gebe kooperative Gespräche unter den Ländern – und zwar im Rahmen der Afrikanischen Union (AU). Die im Jahr 2002 gegründete supranatio­ nale Organisation ist ein Zusammenschluss aller 55 Länder des Kontinents. Die AU ermögliche eine Kooperation zwischen diesen Ländern. Bei Herausforderungen werden auf politischer Ebene gemeinsame Lösungen erarbeitet. Mangels finanzieller Mittel würden die Lösungen allerdings oft HOFFNUNGSTRÄGER nicht umgesetzt, spezifiziert Quart. JUGENDPROJEKTE Jürgen Kunze, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Afrikanischen-Gesellschaft, Eine vielversprechende Möglichkeit, die findet die Afrikanische Union sei trotz guter zivile Bevölkerung an politischen Prozes­ Bestrebungen daher häufig Gegenstand sen teilhaben zu lassen, seien die Jugend­ von Kritik. Gleichzeitig steckten hinter Ab­ projekte der Afrikanischen Union, sagt der sichten und Entscheidungen oftmals auch Bundestagsabgeordnete Falko Mohrs (SPD). wirtschaftliche und strategische Interessen, Er ist Mitglied der Parlamentariergruppe sagt Kunze gegenüber politikorange. Der „Südliches Afrika“ und hat mit der AU in Fokus auf die Interessen der zivilen Bevöl­ Fragen der Jugendpolitik zusammengear­ beitet. Im Rahmen seiner Projekte baute er kerung fehle dabei. Bewohnerinnen und Bewohner afrikanischer Länder blickten Jugendringe auf, die sich unabhängig von der internationalen Organisation mit Skep­ Regierungsstrukturen für die Jugendlichen

einsetzen. Junge Menschen sollten über ihre Rechte Bescheid wissen, Menschen­ rechtsverletzungen dokumentieren und veröffentlichen, betont Mohrs. Jugendliche sind auch für Oumar Di­ allo, Vorsitzender des Afrika-Hauses e.V. in Berlin, die Hoffnungsträger. Blickt er in die Zukunft Afrikas, sieht er die Technikindu­ strie im Zentrum. Dann seien insbesondere junge, technikversierte Menschen gefragt. Da aktuell mehr als die Hälfte der Bevöl­ kerung Afrikas jünger als 25 Jahre alt ist, blickt er optimistisch nach vorn: „Afrika bedeutet Zukunft.“

Dolunay Temur 20, Kiel … möchte den Blick weiten und vom Frieden berichten.

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FRIEDENSHILFE IN ZIVIL

IN VIELEN KRISENGEBIETEN DIESER WELT SETZEN SICH MULTINATIONALE ORGANISATIONEN FÜR FRIEDEN EIN. AURELIA SCHEURING HAT DAS ZIF, DIE ORGANISATION DES AUSWÄRTIGEN AMTES BESUCHT, DIE AUS DEUTSCHLAND ZIVILE EXPERTINNEN UND EXPERTEN FÜR FRIEDENSMISSIONEN VERMITTELT.

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eronika Weidringer hat während ihres Friedenseinsatzes auf Haiti ein Erdbe­ ben miterlebt. „Ich bin aus dem Büro raus­ gerannt und dann war das Gebäude weg“, erzählt sie in einem Video des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze, kurz ZIF. Das ZIF beschäftigt Menschen wie Veronika Weidringer in außergewöhnlichen Arbeitssituationen: Sie leben in Kriegs- oder Krisenregionen, wo sie im Auftrag von Ver­ einten Nationen (UN), Europäischer Union (EU) oder der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) Frieden über­ wachen und erhalten. Allerdings sind sie dort nicht Teil der Armee oder der Polizei, sondern zivile Einsatzkräfte. Als Tochterorganisation des Auswär­ tigen Amtes stellt das ZIF im Auftrag der Bundesregierung Expertinnen und Exper­ ten aus verschiedenen Fachgebieten ein, trainiert und betreut sie. Anschließend werden die Fachkräfte an internationale Organisationen vermittelt. Anlass für die Gründung des ZIF 2002 waren die Entwick­ lungen auf dem Balkan Mitte der 1990er Jahre. Damals stieg der Bedarf an erfah­ renen zivilen Expertinnen und Experten zur Sicherung eines dauerhaften Friedens sprunghaft an.

DER GROSSTEIL KOMMT AUS ENTWICKLUNGSLÄNDERN Wenn der UN-Sicherheitsrat beispiels­ weise einen Friedenseinsatz beschließt, stellen die Mitgliedstaaten Einsatzkräf­ te zur Verfügung. Diese kommen zum großen Teil nicht aus reichen westlichen Ländern. Unter den Staaten, die die meisten militärischen und zivilen Ein­ satzkräfte ins Ausland senden, sind vor allem sogenannte Entwicklungsländer wie Pakistan und Bangladesch. Das liegt daran, dass in westlichen Staaten die politischen Hürden für militärische Ein­ sätze deutlich höher sind. So muss zum Beispiel der Bundestag in Deutschland jedem Bundeswehreinsatz zustimmen. Darüber hinaus macht die finanzielle Unterstützung, etwa durch die UN, eine Entsendung für Länder des Globalen Südens attraktiv.

EXPERTISE AUS ALLEN BEREICHEN Aktuell sind beispielsweise vier Deut­ sche im Auftrag des ZIF in Mali beschäf­ tigt, wo sie zusammen mit Menschen

aus über fünfzig anderen Nationen unter anderem für die Sicherung des Waffenstillstands und den Schutz der Menschenrechte sorgen. Doch zivile Fach- und Führungskräfte aus Deutsch­ land sind nicht nur in Mali tätig. Die Expertinnen und Experten arbeiten in über 40 internationalen Friedenseinsät­ zen weltweit. Doch nicht jede Mission ist gleich: Was die Aufgaben der zivilen und mili­ tärischen Akteurinnen und Akteure sind, hängt von den jeweiligen Mandaten ab. Durch die Vielzahl von Tätigkeitsbe­ reichen sind Expertinnen und Experten aus verschiedenen Gebieten notwendig, von Politikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern über Juristinnen und Juristen bis zu Medienexpertinnen und -experten. „Den einen idealen Bewerber gibt es nicht, weil die Missionen so viel­ fältig sind“, erklärt Marlien Schlaphoff, Referentin der Geschäftsführung bei ZIF. Bevor Bewerberinnen und Bewer­ ber in den Expertenpool aufgenommen werden, der aktuell etwa 1.600 Profile umfasst, werden sie gründlich auf ihre fachliche und psychische Eignung ge­ prüft. Voraussetzungen sind unter ande­

rem Berufserfahrung sowie die Kenntnis mehrerer Sprachen. Wer angenommen wird, wird direkt beim ZIF angestellt. Die zukünftigen Verantwortlichen für den Frieden erhalten vor dem Ein­ satz einen zweiwöchigen Grundkurs, der vor allem ein Sicherheitstraining und die Vorbereitung auf die Bedingungen im Einsatzgebiet beinhaltet. Auch wenn der Friedenseinsatz dann erfolgreich ist, fin­ det Schlaphoff: „Das Schönste für einen Friedenseinsatz ist, wenn man ihn nicht mehr braucht.“

Aurelia Scheuring 16, Schweinfurt … bewundert Menschen, die den Mut haben, in Kriegsgebieten zu arbeiten.

RUSSLAND – EINE HOFFNUNG AUF FRIEDEN?

RUSSLANDS BEZIEHUNGEN ZUM WESTEN SIND UNRUHIG: AUF DER EINEN SEITE EXISTIERT EINE PLATTFORM, DIE ZUM POLITISCHEN DIALOG FÜHREN SOLL, ANDERERSEITS HÄLT SICH RUSSLAND NICHT AN DIE ZIELSETZUNGEN. LUCAS SCHMUTZ HAT SICH SCHLAU GEMACHT.

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m Syrien-Krieg unterstützt Russland das Regime unter dem Machthaber Baschar Al-Assad und positioniert sich damit gegen die westlichen Kräfte. Im März 2018 wurde ein Giftanschlag in Großbritannien auf den ehemaligen rus­ sischen Spion Sergej Skripal und seine Tochter Julija verübt. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPWC) bestätigte die Herkunft des Giftes als rus­ sisch.

Staatenkonferenz zur Friedenssicherung, die immer wieder in Krisenregionen tä­ tig ist und Aufgaben wie Grenzschutz, Terrorismusbekämpfung und Sicherung der Demokratie in den betroffenen Ge­ bieten übernimmt. Die Organisation ging nach Ende des Kalten Krieges im Jahr 1995 aus der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) hervor. Die Teilnahme an solchen multi­ nationalen Friedenswahrungs- und Frie­ densschaffungsprojekten soll zu einem engeren Vertrauensnetz führen.

RUSSLAND UND FRIEDEN Dennoch engagiert sich Russland in einer der größten internationalen Organisati­ onen, die in Kriegs- und Krisenregionen tätig wird: der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Sie ist eine der raren Foren für Russlands Dialog mit dem Westen. Die OSZE ist eine

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DIALOG MIT UNTERSCHIEDLICHEN ZIELSETZUNGEN FLAGGE ZEIGEN: DAS RUSSISCHE KONSULAT IN BERLIN

Foto: Tim Eckert

Mehrere militärische Konflikte mit Rus­ sland sind jedoch ungelöst: So ist die Krim weiterhin besetzt und der Krieg in der Ostukraine wird weiterhin von

Russland gelenkt. Die Beziehungen zwi­ schen dem Westen und Russland sind daher a­ngespannt. Zahlreiche Sankti­ onen w ­ urden gegen Russland verhängt. Dialog bedeutet bislang noch nicht, sich einig zu sein.

Lucas Schmutz 17, Bad Schönborn … folgt dem Credo „Es gibt nichts Gutes außer man tut es“.


WINTERSCHLUSSVERKAUF IN DER MIGRATIONSPOLITIK

„DEIN LAND, DEINE ZUKUNFT, JETZT!“ SO HEISST DIE WERBEKAMPAGNE DES BUNDESMINISTERIUMS DES INNEREN, FÜR BAU UND HEIMAT (BMI) INSGESAMT SIND 2.400 PLAKATE IN ACHTZIG VERSCHIEDENEN DEUTSCHEN STÄDTEN ZU FINDEN UND STOSSEN OFTMALS AUF KRITIK. LUIS SCHNEIDERHAN HAT NACHGEHAKT.

Bild: Inga Dreyer

DAS RÜCKKEHRERPLAKAT STÖSST AUF KRITIK.

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n Bushaltestellen oder an Bahnglei­ Die Vorteile laut BMI: Zugehörige Re­ sen sind sie häufig zu sehen. Blau- integrationsprogramme helfen bei der weiße Plakate mit der oben genannten nachhaltigen sozialen und wirtschaft­ Aufschrift in sieben verschiedenen Spra­ lichen Wiedereingliederung - beispiels­ chen: Deutsch, Englisch, Französisch, weise durch psychologische und soziale Arabisch, Russisch, Paschtu und Farsi. Beratung, Wohnungsmiete und -ausstat­ Die Sprachauswahl orientiert sich laut tung oder finanzielle Zuschüsse für Me­ Bundesministerium für Inneres, Bau und dikamente. Heimat (BMI) an den Sprachen, die von Im letzten Jahr warb das BMI zu­ den Migranten und Migrantinnen in den sätzlich mit einem Sonderprogramm: meisten Herkunftsländern und -regionen Bis zum 31. Dezember 2018 konnten verstanden werden. Ein gezacktes Band Sonderleistungen im Bereich Wohnen mit verschiedenen Landesflaggen zieht finanziert werden. Einzelpersonen er­ sich durch die linke Bildhälfte. Vorne hielten einen Wohnzuschlag von 1000 mit dabei: die Flaggen von Afghanistan, Euro, Familien bis zu 3000 Euro, wenn Russland, Irak, Libanon, Indien und der sie bis dahin freiwillig ausreisten. Die Türkei. Links das Logo des BMI, rechts Plakate erinnern Hübner an Werbung: das Logo der Kampagne „Rückkehr“. „Rückkehr ist aber kein Produkt, das „Deine Zukunft - ja was für eine man zu Weihnachten kauft.“ Das The­ Zukunft ist das genau?“, fragt sich die ma sei zu komplex und sensibel, um es Politologin Hannah Hübner. Zusammen in einem Plakat zusammenzufassen. mit ihrem Team hat sie die Petition „Weg mit den Rückkehrplakaten des Bundesin­ „DAS KANN WEG.“ nenministeriums“ ins Leben gerufen, die bis Anfang Dezember 2018 27.000 Men­ Wird für weniger Vielfalt in Deutsch­ schen unterschrieben hatten. „Eine Zu­ land geworben? Der Abgeordnete Uli kunft, geprägt von Menschenrechtsver­ Grötsch (SPD) bejaht dies. Zusätzlich letzungen und Terrorismus“ stehe hinter setze das BMI ein Zeichen gegen deut­ den positiv gezeichneten Plakaten, wenn sche Willkommenskultur. Auch weitere diese Menschen in ihr Heimatland zu­ Bundestagsabgeordnete, darunter André Hahn (Linke) und Saskia Esken (SPD), rückkehrten, sagt sie. Die Werbung gab bezeichnen die Werbekampagne als „un­ es erst seit dem 1. September 2018, die terirdisch“. Das Parlament habe keinen Initiative schon länger. Einfluss auf die Werbekampagne gehabt. Dafür habe Horst Seehofer (CSU) umso WIE ALLES BEGANN mehr zu sagen, meint Hübner. Als In­ Das Bundesamt für Migration und nenminister habe er die Oberhand über Flüchtlinge (BAMF) unterstützt Migran­ das BMI und er sei sehr „monothema­ tinnen und Migranten seit 2013 finanzi­ tisch unterwegs“. Hahn warnt, wer ver­ ell und organisatorisch – und zwar mit suche die AfD zu überholen, solle auf­ der Initiative „Freiwillige Rückkehrer“ passen, dass er dieser Partei nicht noch bei der Rückführung ins Heimatland. mehr Stimmen zuspricht.

Laut einem Sprecher des BMI richte sich die Plakatierung insbesondere an ausrei­ sepflichtige Menschen, bei denen behörd­ lich festgestellt wurde, dass kein Aufent­ haltsrecht in Deutschland besteht. Wenn diese Ausreisepflichtigen Deutschland verließen, gebe es mehr Aufnahmemög­ lichkeiten für „tatsächlich Schutzbedürf­ tige“, gab das BMI auf Anfrage von po­ litikorange an. In Deutschland befinden sich derzeit 235.000 ausreisepflichtige Menschen, darunter sind 57.000 nicht geduldet. „Rechtmäßig in Deutschland lebende Personen sind überhaupt nicht Ziel dieser Kampagne“, sagt der Bun­ destagsabgeordnete (CDU) und Mitglied im Innenausschuss Alexander Throm. Selbstverständlich sei deren Aufenthalt nicht in Frage gestellt. Das BMI sieht seine Aufgabe darin, die Menschen über ihre Möglichkeiten zu informieren, was mithilfe der Plakate flächendeckend möglich sei. Für Throms ist dies im Gegensatz zur zwangsweisen Rückführung das „mildere Mittel“. Die CDU-/CSU-Fraktion, versichert Throm, sehe es als selbstverständlich, denjeni­ gen zu helfen, die durch Krieg gefährdet seien. Jedoch gelte das nicht für Men­ schen, die „nur für ein wirtschaftlich besseres Leben nach Europa kommen wollen.“ Die SPD-Abgeordnete Esken räumt in einem Tweet ein, dass mit der Plakat­ kampagne sogar im digitalen Zeitalter Aufmerksamkeit erzeugt werden konnte, auch wenn „das weg kann“.Trotz ihrer reichlichen Kritik ist Hübner nicht voll­ ends gegen das Programm der Freiwilli­ gen Rückkehr: „Ich halte es nach wie vor für total wichtig, dass es transparente In­ formationen zum Thema gibt. Das ist für

viele Menschen relevant.“ Die Plakate allerdings seien irreführend und bestär­ kten vielmehr rechte Denkmuster. Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) sieht das ähnlich. „Anstelle des Versuchs, schnell und kurzfristig gesteigerte Ausreisezah­ len zu erzeugen sollte der Schwerpunkt auf Reintegration in den Heimatländern liegen“, sagt Sebastian Koch, Migrations­ berater beim DRK. Das DRK berät in ih­ ren sogenannten Perspektivberatungen nicht nur über Rückkehr-, sondern auch über Bleibemöglichkeiten.

W E I TE R E I NF OS G I BT E S H I E R :

> WWW.POLITIKORANGE.DE/BMI

Luis Schneiderhan 18, Horb am Neckar … sind die Plakate bei seiner Ankunft in Berlin sofort aufgefallen und wollte mehr darüber erfahren.

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ENTDECKUNGEN AUF DEN ZWEITEN BLICK IN BERLIN GIBT ES VIELE KRIEGSDENKMÄLER, NICHT ALLE STEHEN AUF EINER TOURISTISCHEN KARTE. LARISSA MENNE UND MARIA ULJANOW HABEN ORTE BESUCHT, DEREN GESCHICHTEN NICHT AUF DEN ERSTEN BLICK SICHTBAR SIND.

DER BUNKER IN DER PALLASSTRASSE IST NICHT FÜR ALLE SOFORT ALS SOLCHER ZU ERKENNEN.

KYRILLISCHE SCHRIFTZEICHEN ERINNERN IM REICHSTAG AN DEN ZWEITEN WELTKRIEG.

BERLIN STORY BUNKER

VERSTECKTE SCHRIFTZEICHEN

Unser Spaziergang beginnt bei eisigen Temperaturen an einem Freitagmorgen im November. Über den Anhalter Bahnhof gelangen wir in die Schöneberger Str. 23A. Der Berlin Story Bunker ist der erste Bun­ ker, den wir betreten. Seine Erscheinung: Klotzig und grau. Er wirkt genauso, wie man sich einen Bunker vorstellt. Im Winter 1942/43 wurde er er­ baut – ursprünglich für 3.500 höherran­ gige Nationalsozialisten. Im Januar 1943 wurde er aber auch für Zivilistinnen und Zivilisten freigegeben, um den Platz, den der Bunker bot, vollständig zu nut­ zen. So spendete er Schutz für mehr als die dreifache Anzahl Menschen. Selbst eine 500 Kilogramm schwere amerika­ nische Fliegerbombe konnte die 3,8 Me­ ter dicke Betondecke im Jahr 1945 nicht durchdringen. Laut dem Betreiber des Berlin Story Bunkers, Enno Lenze, über­ lebten alle Menschen diesen Angriff.

Auch an sehr bekannten Sehenswürdig­ keiten können kleine Details übersehen werden. Ein Beispiel dafür liefern die ky­ rillischen Inschriften im Reichstag: Beim ersten Hinsehen scheinen sie wie eine unzusammenhängende Ansammlung von Wörtern in einer fremden Schrift. Doch hier verewigten sich Soldaten der Roten Armee nach der „Schlacht um Berlin“ im Frühjahr 1945. An den Wänden findet man Grüße in die Heimat, Unterschriften und auch das ein oder andere Schimpf­ wort. Bei einer Führung erfahren wir, dass schlimme Beleidigungen während des Umbaus des Plenarsaalgebäude 1995 entfernt wurden, andere Nachrichten der Soldaten blieben stehen. Wir fragen uns, wie viele Abgeordnete sowie Besu­ cherinnen und Besucher täglich an den Schriftzügen vorbeilaufen, ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei zahlt sich genaueres Hinschauen aus.

HOCHBUNKER

SIEGESSÄULE

Im Gegensatz zum Berlin Story Bunker sind nicht alle Berliner Gedenkstätten sofort als solche erkennbar. Beim Aus­ steigen aus dem Bus übersehen wir den sogenannten Hochbunker in der Pallas­ straße 28 komplett. Erst auf den zweiten Blick bemerken wir, dass der mit Graffiti besprühte, und rundum von Hochhäu­ sern umzingelte Rohbau unser Zielort ist. Tatsächlich kam der von Zwangsarbei­ terinnen und -arbeitern gegen Ende des Zweiten Weltkrieges errichtete Bunker aufgrund des späten Erbauungsdatums nicht zum Einsatz. Das Bauwerk verschwindet in sei­ ner Umgebung als gäbe es dort nichts Sehenswertes. Warum ist dieser Bunker so unbekannt? Wie so oft spielt Geld die entscheidende Rolle. Wie Enno Lenze berichtet, gibt es für die notwendige Re­ staurierung derzeit kein Geld. So kommt es, dass der vernachlässigte Bunker zer­ fällt und von Touristinnen und Touristen übersehen wird. Einerseits verleiht das dem Ort eine gewisse Spannung, ande­ rerseits geht damit ein Erinnerungsort verloren.

Ähnlich verhält es sich mit der Sieges­ säule. Sie ist bekannt als Symbol für die Einigungskriege Deutschlands und wurde anlässlich von Preußens Sieg im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 erbaut. Zusätzlich erzählen aber Einschusslö­ cher am Säulensockel die Geschichte eines anderen Kriegs: von dem letzten großen Kampf im Zweiten Weltkrieg, der in der Besetzung der Stadt durch die Sowjetunion mündete. Für uns ist diese Säule fortan nicht nur ein Symbol für einen Sieg, sondern auch für die Erin­ nerung. Doch diese bleibt den meisten Menschen, die die Insel umfahren, auf der die Siegessäule steht, sowie jedem, der keine Zeit für eine genauere Be­ trachtung aufwendet verborgen.

Bilder: Tim Eckert

Larissa Menne 16, Höxter Maria Uljanow 17, Bad Lippspring AUCH DIE EINSCHUSSLÖCHER IN DER SIEGESSÄULE MAHNEN VOR DEM KRIEG.

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… finden, dass man genau hinschauen muss, um die Bedeutung von Dingen verstehen zu können.


AUF DEM RÜCKEN DER FRAUEN WELTWEIT WIRD SEXUALISIERTE GEWALT ALS KRIEGSWAFFE EINGESETZT. PAULA BLASCHKE HAT MIT DER ORGANISATION MEDICA MONDIALE DARÜBER GESPROCHEN, WIE SIE TRAUMATISIERTE MÄDCHEN UND FRAUEN UNTERSTÜTZEN.

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ie kommen häufig. Die Panikattacken. Die Angst. Mitten in der Nacht. Jede Nacht. Die Bilder verschwinden nicht mehr aus dem Kopf. Manchmal kommen Selbstmordgedanken dazu. Am schlimm­ sten ist die Scham. Die Scham, mit ande­ ren Menschen darüber zu reden. Über die sexualisierte Gewalt oder Vergewaltigung. Im Krieg. So oder so ähnlich können die trau­ matischen Gedanken eines Mädchens oder einer Frau aussehen, die in einem Krieg sexuell bedrängt oder gar vergewal­ tigt wurde. „Kriege und politische Krisen werden oft auf dem Rücken von Frauen und Mädchen ausgetragen“, sagt Mecht­ hild Buchholz von Medica Mondiale. Die deutsche Frauenrechtsorganisation wurde 1993 während des Bosnienkriegs gegründet. Der Europarat schätzt, dass Jungen und Männer damals rund 20.000 Frauen vergewaltigt haben. Sie wurden wochen- und monatelang in Vergewalti­ gungslagern festgehalten. Monika Hauser, Gynäkologin und Gründerin von Medica Mondiale, wollte das nicht hinnehmen. Mitten im Krieg beschloss sie nach Bos­ nien zu fahren und mit Psychologinnen und Ärztinnen vor Ort ein Therapiezen­ trum zu eröffnen, das vergewaltigte Frauen medizinisch und psychologisch betreut. Aber die Fälle in Bosnien sind nicht die einzigen. Weltweit wird in bewaff­ neten Konflikten sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe eingesetzt. So wurden nach Angaben der UN während des Bürger­ kriegs in Liberia von 1989 bis 2003 rund 40.000 Mädchen und Frauen vergewal­ tigt, im Kongo waren es seit 1998 minde­ stens 200.000. In Afghanistan fanden laut Amnesty International unter anderem in Kunduz Massenvergewaltigungen statt.

PROJEKTE IN KONFLIKTGEBIETEN „Frauen zu vergewaltigen wird häufig als Kriegsbeute betrachtet – als Beweis für ei­ nen Sieg und Macht sowie als Möglichkeit Männer zu demütigen, die ihre Frauen und Töchter nicht schützen können. Die Konsequenz ist, dass weder Frauen noch ihre Familien oder die Gesellschaft über sexualisierte Gewalt reden“, schreiben Ingvill C. Mochmann und Ingeborg K. Haavardson in einem Paper des Peace Research Institutes Oslo. Medica Mondi­ ale hat daher weitere Projekte in anderen Ländern eröffnet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten betroffenen Frauen vor Ort medizinische, psychologische und auch eine rechtliche Beratung an. In den Gesprächen wird häufig über eine zentra­ le Frage gesprochen: Soll die Tat bei der Polizei angezeigt werden? Wird der Täter angeklagt?

MEDICA MONDIALE GIBT MÄDCHEN UND FRAUEN EINE STIMME.

Wo Frauen und Mädchen Hilfe von Me­ dica Mondiale finden können, ist in allen Ländern etwas unterschiedlich. In Afgha­ nistan gibt es zum Beispiel Krankenhäu­ ser mit Beratungsräumen. Außerdem wird versucht, mit der Polizei zusammenzuar­ beiten. Das Problem ist, dass Vergewalti­ gung in Afghanistan zwar mittlerweile als Straftatbestand anerkannt ist, das Gesetz aber kaum angewandt wird. Daher sollen Rechtsberaterinnen vor Ort unterstützen. In Liberia gibt es ein anderes Konzept. Dort wurden unter anderem Dorfberate­ rinnen ausgebildet, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Im Kongo findet auch Präven­ tionsarbeit in Gemeinden und Schulen statt.

POLITIK ZUR VERANTWORTUNG ZIEHEN Ein weiteres wichtiges Anliegen der Or­ ganisation ist es, die Politik auf die grau­ samen Taten aufmerksam zu machen. Ein Meilenstein für alle Frauen und Mädchen weltweit im Kampf gegen sexualisierte Gewalt ist die UN-Resolution 1820 aus dem Jahr 2008. Sie erkennt zum ersten Mal sexualisierte Gewalt und Vergewalti­ gung als Kriegstaktik und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Mit der Re­ solution sollen alle Formen der Gewalt gegen Mädchen und Frauen beseitigt, Straflosigkeit beendet und der Schutz von Mädchen und Frauen in bewaff­ neten Konflikten gewährt werden. Aber reicht das? „Papier ist geduldig“, kritisiert

­ uchholz. ­„In ­unseren Augen gibt es kei­ B nen ausreichend starken Willen, politisch auch Dinge zum Schutz der Frauen zu ändern. Es gibt wenig Gewaltprävention in Krisen- und Konfliktregionen. Frauen werden nach wie vor nicht an Friedens­ verhandlungen beteiligt und Frauen, die von Gewalt bedroht sind, werden nicht aus dem Land gebracht, wenn sie das möchten. Da ist noch viel zu tun!“

VERTRAUEN SCHAFFEN Auch in Deutschland ist Medica Mondiale aktiv. Hier bildet die Frauenorganisation haupt- und ehrenamtliche Personen aus, die schwerpunktmäßig mit Geflüchteten arbeiten. Viele geflüchtete Mädchen und Frauen haben in ihrer Heimat oder auf der Flucht Gewalt erlebt. „Wir wol­ len, dass die Frauen wenigstens eine ab­ schließbare Toilette und Dusche haben, um dort sicher zu sein. Es sollte Räume geben, in denen sie sprechen können und eine Beratung durch Übersetzerinnen und Psychologinnen bekommen“, fordert Buchholz. Eine besondere Herangehensweise ist der Peer-to-Peer Ansatz. Medica Mon­ diale bringt Frauen mit Migrationsge­ schichte mit Frauen zusammen, die ge­ rade erst nach Deutschland gekommen sind und ähnliche Erfahrungen machen mussten. „Nicht erst seit 2015 fliehen Menschen nach Deutschland. Wir ha­ ben eine Gruppe mit Frauen aufgebaut, die bereits vor längerer Zeit aus ihren

Bild: © Sybille Fezer/Medica mondiale

Heimatländern geflohen sind und ihre Erfahrungen und Tipps weitergeben“, beschreibt Buchholz. Organisationen wie Medica Mon­ diale haben bereits einiges ermöglicht. Trotzdem bleibt eine Menge zu tun, da­ mit Mädchen und Frauen sicher sind. Das Thema sexualisierte Gewalt muss entta­ buisiert werden. Mädchen und Frauen brauchen Anlaufstellen und rechtliche Mittel, damit Täter zur Verantwortung gezogen werden. In Deutschland, und in allen anderen Ländern dieser Welt.

Paula Blaschke 20, Neuss … möchte sich für eine gerechtere Welt enga­ gieren.

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Bild: Tim Eckert

FRIEDENSMACHT EU?

SEIT ÜBER 70 JAHREN LEBEN WIR UNTER ANDEREM DANK DER EUROPÄISCHEN UNION (EU) IM FRIEDEN. DOCH IST DIE EU WIRKLICH EINE FRIEDENSMACHT? UND WIE WEIT REICHT IHR EINFLUSS AUSSERHALB EUROPAS? CHARLOTTE NIEHOFF BERICHTET. DIE WICHTIGSTE ERRUNGENSCHAFT DER EU: FRIEDEN.

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rotz größerer Herausforderungen wegen des zu Redaktionsschluss noch immer nicht geregeltem Brexit ist die Zustimmung zur EU, laut einer Studie des Europaparla­ ments von 2018, so hoch wie seit 25 Jahren nicht mehr - und das nicht ohne Grund. 62 Prozent der befragten EU-Bürgerinnen und -Bürger werten die Mitgliedschaft ihres Lan­ des in der EU als positiv. Viele kritisieren, die EU habe Defizi­ te. Zum Beispiel würden Mitgliedstaaten regelmäßig die Gemeinschaft untergraben und nicht zu gemeinsamen Werten stehen. Wir – die Bürgerinnen und Bürger – wäh­ len nur das Europäische Parlament direkt und dürfen dafür noch nicht einmal, wie im Bundestag möglich, eigene Gesetzesvor­ schläge einbringen. Trotzdem sind sich im Grunde alle einig, dass die EU, die politisch und wirtschaftlich erfolgreichste Gemein­ schaft verschiedener Nationalstaaten in der europäischen Geschichte ist. Alle Mitglied­ staaten müssen demokratisch gewählte Re­ gierungen aufweisen und sich verpflichten, die Menschenrechte einzuhalten.

KANN DIE EU FRIEDEN SCHAFFEN? Die wichtigste Errungenschaft der EU aber ist der Frieden. Vor der Gründung des Verbundes wurde Europa jahrtausen­ delang von Kriegen, Leid und Verwüstung

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heimgesucht. Für nun schon mehr als 70 wären. Diplomatische Bemühungen wä­ Jahre Frieden wurde der EU 2012 der Frie­ ren in diesem Fall vermutlich gescheitert, densnobelpreis verliehen. Aber kann die da das Ausmaß der Verzweiflung der Pro­ EU auch über ihre Grenzen hinaus agie­ testierenden und die Entschlossenheit der ren, um Frieden zu ermöglichen? Autokraten, keine klärenden Gespräche Diese Frage stellte sich auch wäh­ zu führen, zu groß waren, sagen viele rend des sogenannten Arabischen Früh­ Kritikerinnen und Kritiker. lings in Nordafrika. Im Winter 2010 gin­ gen die ersten Menschen in Nordafrika, MACRONS LÖSUNG unter anderem in Tunesien, im Jemen und in Ägypten, auf die Straße, um gegen Deswegen plädiert der französische Prä­ Korruption, soziale Not, wirtschaftliche sident Emmanuel Macron dafür, eine ge­ Ungleichheit und staatliche Willkür zu meinsame europäische Armee aufzustel­ len. Während der Gedenkfeierlichkeiten demonstrieren. Sie wehrten sich gegen Autokraten, wie zum Beispiel in Tunesien zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Ben Ali, damaliger Präsident des Landes, Weltkriegs erklärte Macron 2018, die USA der seine Bevölkerung zu diesem Zeit­ hätten an Vertrauenswürdigkeit verlo­ ren, vor allem seit dem von ihrem Prä­ punkt 23 Jahre unterdrückte. Als sich die Demonstrationen aus­ sidenten Donald Trump angekündigten weiteten, ging die Polizei mit Gewalt ge­ Rückzug aus dem Intermediate Range gen die Demonstrierenden vor. Menschen Nuclear Forces (INF)-Abrüstungsvertrag starben. Einzelne Staaten wie Frankreich mit Russ­land. Für mehr Einfluss, Schutz griffen in den Konflikt ein, was der EU als und Sicherheit sei eine europäische Ver­ teidigungsunion sinnvoll. Ganzes nicht möglich war, da es keine Markus Töns, SPD-Bundestagsab­ Verteidigungsunion gab und auch heute noch nicht gibt. „Die EU-Mitgliedstaaten geordneter und Mitglied des Ausschus­ konnten sich nur darauf einigen, die ses für die Angelegenheiten der Europä­ weiteren Ereignisse aufmerksam zu ver­ ischen Union meint dazu, um die EU zu folgen“, kritisierte Daniel Cohn-Bendit, stärken, müsse sie sich umstrukturieren ehemaliger Fraktionschef der Grünen im – zum Beispiel durch ein neues Initia­ tivrecht für das Europäische Parlament, Europaparlament, im Spiegel. Doch auch wenn die EU-Staaten kooperiert hätten, damit auch dieses Gesetzesvorschläge ist unklar, ob sie erfolgreicher gewesen erarbeiten kann. Weiterhin müsse man

darüber nachdenken, dass die Bürge­ rinnen und Bürger nicht nur Abgeordnete aus ihrem eigenen Land, sondern dass die EU-Bürgerinnen und -Bürger statt Ab­ geordneten aus ihren eigenen Ländern und Parteien Vertreterinnen und Vertre­ ter gesamteuropäischer Parteien wählen. Dadurch müssten sich die Parteien von vorneherein einer Position klar zuordnen. So könne die politische Arbeit der EU ver­ ständlicher werden. Im Hinblick auf die Europawahl Ende Mai meint Töns: „Klar ist, dass sich etwas verändert, nur in­ wieweit sich die EU verändern wird, ent­ scheidet der Wähler 2019.“

Charlotte Niehoff 16, Jesteburg … ist jetzt klar geworden, wie wenig selbstverständ­ lich Frieden ist.


EIN BLICK ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

DAS ANTI-KRIEGS-MUSEUM IN BERLIN KONFRONTIERT BESUCHERINNEN UND BESUCHER MIT DER UNGESCHMINKTEN REALITÄT DER ZWEI WELTKRIEGE. TOMMY SPREE SCHUF HIER VOR KNAPP 40 JAHREN EINEN ORT, AN DEM KRIEG GEÄCHTET UND FRIEDEN GEFEIERT WIRD. LARA SCHWALB HAT DAS MUSEUM BESUCHT.

Bild: Tim Eckert

ANTI-KRIEGS-MUSEUM: EIN ORT, DER AUF PAZIFISMUS AUFMERKSAM MACHT.

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er die Tür zum Anti-Kriegs-Muse­ „Der Begriff des Friedens war Tommy um in Berlin-Wedding öffnet, wird Spree zu schwach. Genug Menschen von einer freundlich klingelnden Laden­ behaupten, im Sinne eines allgemeinen glocke begrüßt. Trügerisch vermittelt sie Friedens zu handeln, unterstützen aber das Gefühl, einen einladenden Raum zu gleichzeitig in verschiedenster Form den betreten. Dieses Gefühl vergeht aber, so­ Krieg. Der neue Name setzt sich ganz bald man einen ersten Blick an die Wände konkret von dieser Ansicht ab und de­ wirft. Schwarzweiße Aufnahmen von Sol­ monstriert, dass Frieden jeglichen krie­ datinnen und Soldaten – manchen fehlt gerischen Akt ablehnt“, führt Bator aus. die Hälfte des Gesichts – hängen unkom­ An die Sammlung angegliedert eröffnete mentiert neben einem Plakat, das zum Spree die „Peace Gallery“, in der Künst­ „totalen Krieg“ aufruft. Das Konzept der lerinnen und Künstler ihre Friedens­ Ausstellung scheint klar: eine warnende kunst präsentieren können. Das Thema Abschreckung. Frieden zieht sich jetzt auch durch das In den Anfängen des Museums war Museum selbst: Kinderspielzeugsoldaten die Botschaft jedoch eine andere. Bei oder eine Butterpresse, die das Eiserne der Entstehung im Jahr 1925 wollte der Kreuz darstellt, prangern beim Eintreten Gründer Ernst Friedrich mit brutalen Fo­ die Vergangenheit in der ersten Hälfte tos und vom Krieg geprägten Alltagsge­ des 20. Jahrhunderts an. Auf deutlich genständen gegen die „Vermarktung“ des weniger Quadratmetern bezieht das Schlachtfeldes vorgehen. „In der dama­ hintere Zimmer eindeutig Stellung ge­ ligen Nachkriegszeit wurden Besuchstou­ gen Krieg und Gewalt. Dort hängen an ren durch ehemalige Schützengraben den Wänden informative Biografien von angeboten, was Friedrich abgrundtief Menschen und Organisationen, die sich verurteilte“, erzählt der ehrenamtliche aktiv für Frieden einsetzten oder heute Mitarbeiter Christian Bator. Im März 1933 noch aktiv sind. Diese reichen von den zerstörten dann Nationalsozialisten das Sabinerinnen im 8. Jahrhundert vor Museum. Lange Zeit verschwand es von Christus bis zur Gründung des Strafge­ Berlins Bildfläche. richtshofs in Den Haag 1998. In Vitrinen liegen vergilbte Flyer, die in altdeutscher Schrift zu Demonstrationen gegen Krieg ANTI-KRIEGS-MUSEUM IM und Gewalt aufrufen. Dass Brutales auch NEUEN GEWAND schön inszeniert werden kann, zeigt die Erst 1982 eröffnete Friedrichs Enkel, paradoxe Ausstellung von aus Patronen­ Tommy Spree, ein neues Anti-Kriegs- hülsen gebastelten Armbändern. Eine Museum an einem anderen Ort, nun Regenbogenfahne an der Decke verleiht mit einem Bindestrich mehr im Namen. dem Raum etwas Hoffnungsvolles.

Bator erzählt, dass dieser Friedensraum für die Bedeutung des Museums entschei­ dend sei. „Im ‚Kriegszimmer‘ werden Beobachter gezwungen, sich aktiv mit dem Thema Krieg auseinanderzusetzen. Ein Kinderbuch wird direkt neben einem Schild mit der Anzahl der Toten des Zweiten Weltkriegs gezeigt. Etwas Un­ schuldiges steht im Zusammenhang mit der grausamen Realität, was auf die Besu­ cher eine verschreckende Wirkung hat“, definiert Bator das Konzept. Dass Belange wie Freiheit und Selbstbestimmung auch heute noch angegriffen werden, zeigt un­ ter anderem eine lebensgroße Weltkarte, auf der vorherrschende Konflikte auffällig markiert sind. Aktuelle Zeitungsartikel berichten dazu von Toten und Verletz­ ten. Daneben hängt ein Schaukasten mit einem Häftlingskleidungsstück aus einem KZ – überschrieben mit den Worten „Ge­ gen das Vergessen“.

In dem Museum stehen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer bereit, um Besu­ cherinnen und Besuchern mehr Hinter­ gründe zu liefern. „Es gibt viel zu wenige Einrichtungen, die sich mit Frieden be­ schäftigen. Meiner Meinung nach sollte es viel mehr Museen geben, die auf Themen wie Pazifismus aufmerksam machen“, sagt Bator. Und so sind im Museum auch einige Ehrenamtliche tätig, die selbst von Krieg betroffen waren. Durch ihr Engage­ ment wollen sie vor Augen führen, wie wichtig es ist, diesen zu vermeiden. Auch junge Praktikanten und Praktikantinnen, die an der aktiven Friedensaufarbeitung mitwirken wollen, arbeiten regelmäßig im Anti-Kriegs-Museum. Gerade für jun­ ge Leute sei es wichtig, sich mit den Welt­ kriegen auseinander zu setzen, denn der Bezug zu diesen Ereignissen schwinde immer mehr, appelliert Bator an die Ju­ gend.

DEN KRIEG ERLEBEN Auch in dem im Original erhaltenen Luft­ schutzkeller des Hauses will keiner lange verweilen. Kalt und beklemmend stellt sich dieser den Besucherinnen und Besu­ chern vor. Die Dunkelheit und der mod­ rige Geruch, der über dem Keller liegt, lassen viele Stunden in Angst und Schre­ cken erahnen. Beim Verlassen über eine knarzende steile Leiter sticht eine Karte von Berlin ins Auge. Sie stellt Auswir­ kungen dar, die ein Atombombenabwurf auf Berlin haben könnte.

Lara Schwalb 19, Freiburg im Breisgau … findet, dass wir uns alle für ein bisschen mehr Frieden einsetzen müssen.

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I MPR ESSUM Diese Ausgabe von politikorange entstand während des 15. Jugendmedienworkshops im Deutschen Bundestag 2018, der vom 25. November bis zum 1. Dezember in Berlin stattfand. Herausgeber und Redaktion: politikorange c/o Jugendpresse Deutschland e.V., Alt-Moabit 89, 10559 Berlin, www.politikorange.de

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rintmagazine, Blog und Videos: po­ litikorange erreicht sein Publikum über viele Kanäle und steht neuen We­ gen offen gegenüber. Junge, kreative Köpfe berichten in wechselnden Redak­ tionsteams aus einer frischen Perspekti­ ve. Ob aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft oder die kritische Begleitung von Veranstaltungen – politikorange ist mittendrin.

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Foto: Tim Eckert

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Diese Ausgabe von politikorange entstand im Rahmen des Jugendmedienworkshops 2018, einem Projekt von Jugendpresse Deutschland, Deutschem Bun...

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