politikorange (GLEICH)BERECHTIGT

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GLEICHBERECHTIGT AUGUST 2019

UNABHÄNGIGES MAGAZIN ZUM 16. JUGENDMEDIENWORKSHOP IM DEUTSCHEN BUNDESTAG VOM 31. MÄRZ BIS ZUM 6. APRIL 2019


Foto und Titelfoto: Jonas Walzberg

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EDI TOR I A L Liebe Leserinnen und Leser,

LET’S TALK ABOUT SEX

ES GIBT WENIG INTIMERES ALS UNSERE EIGENE SEXUALITÄT. UMSO WICHTIGER IST, DASS WIR SIE KENNEN UND SELBST ÜBER SIE BESTIMMEN. EIN FEATURE VON SOPHIE SCHOEN ZU ÜBERHOLTEN STRUKTUREN SEXUELLER AUFKLÄRUNG.

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lamour.de ermutigt Mädchen, dem Oralsex nicht gleich abzuschwören, nur weil unangenehme Begleiterscheinungen wie Spermaschlucken oder Würgereize damit einhergehen. Schließlich mache dies den Partner zu einem glücklicheren Menschen. Die Tipps aus der Zeitschrift sollen verhindern, dass Mädchen einen so wichtigen Akt des Liebesbeweises womöglich nur „schlampig abhaken“. Davon, wie man auch selbst beim Sex glücklich wird, ist keine Rede. Nur Überlebenshinweise werden dazu geliefert: „Atmen nicht vergessen.“ Rund 40 Prozent der Mädchen in Deutschland sehen laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 2015 Magazine wie Glamour als Hauptquelle für Sexualaufklärung. Sie lernen, dass die Bedürfnisse des Partners wichtiger sind als die eigenen und persönliche Hemmnisse überschritten werden müssen, um den Partner zufriedenzustellen.

DER MYTHOS DER KONTROLLIERBAREN SEXUALITÄT

Hügel ist, sondern ein sieben bis acht Zentimeter langer Schwellkörper, der die gesamte Vagina umschließt und bei Erregung durchblutet wird. Hinfällig ist nach dieser Entdeckung nicht nur der Mythos vom kleinen, passiven Lustorgan, sondern auch die 1905 von Sigmund Freud aufgestellte Priorisierung von klitoralen und vaginalen Orgasmen: Da die Klitoris die gesamte Vagina umschließt, sind auch alle Orgasmen klitoral. Erschreckend genug ist, dass dies erst 1998 entdeckt wurde. Schlimmer noch ist, dass auch Publikationen aus den 2000er Jahren noch von der Klitoris sprechen, als hätte es diese Entdeckung nie gegeben. In dem 2002 erschienen Biologiebuch Natura vom Klett Verlag werden die Größe und der Aufbau der Klitoris nicht beschrieben. „Durch Reizen des Kitzlers können sich Frauen selbst befriedigen“, heißt es lediglich. Dahinter verbirgt sich die gleiche fehlerhafte Unterscheidung zwischen vaginaler und klitoraler Stimulierung wie bei Sigmund Freud.

DAS UNSICHTBARE GESCHLECHT

Das zeigt: Unsere Vorstellung von Sexualität bildet die Machtstrukturen unserer Aber warum wissen wir all das trotz schuGesellschaft ab. Jahrhundertelang wurde lischer Sexualaufklärung nicht? Die Autoweibliche Sexualität kontrolliert und un- rin Peggy Orenstein schreibt dazu in ihterdrückt. Manche der dadurch entstan- rem Buch „Girls & Sex“: „Man lernt, dass denen Mythen haben trotz wissenschaft- Jungs Erektionen haben und ejakulieren licher Erkenntnisse bis heute überlebt. und dass Mädchen ihre Tage kriegen und Das Jungfernhäutchen etwa wird nach ungewollt Schwangerschaften haben könwie vor als Mittel der Überprüfung der nen […] und die [Mädchen] gehen dann Jungfräulichkeit genutzt. So komme es Beziehungen ein und wir erwarten, dass beim ersten Geschlechtsverkehr nicht sie dafür sorgen können, dass sie selbst zwangsläufig zum Einreißen, zitiert das befriedigt werden.“ Ich erinnere mich aus Portal „Aufklärungsstunde.de“ den Pro- meinem eigenen Sexualunterricht an eine fessor für Gynäkologie, Werner Grün- vollständige Abbildung aller männlichen berger. Er berichtet, dass vier von fünf Geschlechtsorgane, aber nur an eine AbMädchen dabei weder Schmerzen noch bildung einer Gebärmutter, welche die Blutungen erlebten. Die Beschaffenheit biologische Funktion verbildlichte. Tatdes Jungfernhäutchens gibt also in Wahr- sächlich fehlt nicht nur die Abbildung der heit keinen Aufschluss darüber, ob ein äußeren Geschlechtsorgane in SchulbüMädchen oder eine Frau Geschlechtsver- chern, auch bei der Bezeichnung selbst kehr hatte. Dieses „Aufreißen“ der Frau scheitert es. Viele junge Frauen benutzen beim Ersten Mal bedient lediglich Vorstel- Synonyme wie „Muschi“, „Mumu“ oder lungen sexueller Machtausübung inner- „unten“. Oft hört man auch den Begriff halb einer patriarchalen Gesellschaft. „Vagina“, der zwar biologisch korrekt ist, Auch um die Klitoris sammeln sich aber falsch verwendet wird. Die Vagina unzählige Mythen weiblicher Sexualität. bezeichnet die Verbindung zwischen den So entdeckte die Forscherin und Chirur- äußeren Geschlechtsteilen und der Gebärgin Helen O’Connell 1998, dass die Kli- mutter. Die korrekte Bezeichnung der äutoris nicht nur – wie bisher angenom- ßeren Geschlechtsteile ist „Vulva“. Dieses men – ein circa ein Zentimeter g­roßer Wort kennen nur wenige.

WISSEN IST MACHT Der Vulva wird also wenig Aufmerksamkeit geschenkt; und die meisten Mädchen lernen nur wenig darüber, was Sexualität abseits von Schwangerschaft und Menstruation noch bedeuten kann. Wenig verwunderlich also, dass laut Umfrage der BZgA von 2010 76 Prozent der Jungen, aber nur knapp 30 Prozent der Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren sich im letzten Jahr selbst befriedigt haben. Dabei wäre Masturbation eine ideale Vorbereitung: So erklärt Claire Sullivan in ihrem Vice-Artikel aus dem Januar 2017, es gehe darum „sich die Zeit zu nehmen, sich selbst und seinen Körper kennenzulernen und zu erforschen und das Konzept der Achtsamkeit auch auf seine Sexualität anzuwenden.“ Wenn für Mädchen der erste Sex oft auch die erste sexuelle Erfahrung ist, dann konnten sie folglich noch nicht ihre sexuelle Lust und persönlichen Grenzen definieren. Weibliche Sexualität ist also oft kein Eigenwert, vielmehr ist sie passiv verfügbar und wird nur von einer anderen – männlichen – Person aktiviert. Dass viele Mädchen mit ihrem Informationsbedürfnis auf Ratgeber wie die Glamour zurückgreifen, zeigt, dass die Lücke, die schulische Aufklärung hinterlässt, dringend geschlossen werden muss, damit junge Menschen Selbstwertgefühl über den eigenen Körper erlangen, Wünsche formulieren und die eigenen Grenzen und die des Partners oder der Partnerin respektieren können. Besonders Mädchen müssen verstehen, dass Sex nicht als soziale Dienstleistung für jemanden erbracht werden muss. Denn das Wichtigste für eine gesunde Sexualität ist Selbstbestimmung und Ehrlichkeit mit allen Beteiligten.

vor 100 Jahren konnten Frauen das erste Mal selbst wählen und sich wählen lassen. 1949 trat das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Seitdem ist erstmals verfassungsrechtlich festgeschrieben, dass Männer und Frauen gleichberechtig sind. 30 Jahre später beschließt die UN das Übereinkommen über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Allein 2019 jähren sich mehrere Ereignisse, die die Rolle und Stellung von Frauen deutlich verändert haben. Auf den ersten Blick scheint es, dass Frauen gleichberechtigt sind. Doch immer wieder werden sie auf ihren Körper reduziert, sind finanziell schlechter gestellt als Männer, erreichen seltener Führungspositionen oder werden Opfer von Gewalt. Einige Menschen forcieren gar die Unterdrückung von Frauen. Grund genug die Situation des „unsichtbaren Geschlechts” genauer zu betrachten: Wie gleichberechtigt sind Frauen tatsächlich? Was braucht es, damit dieser Zustand erreicht wird? Die Redaktion des Jugendmedienworkshops hat sich mit dem Thema genauer auseinandergesetzt. Es wurden Zahlen, Daten und Fakten recherchiert, Hintergrundgespräche mit politisch Aktiven, Journalistinnen und Journalisten sowie Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen geführt und mit Betroffenen gesprochen. In dieser Ausgabe der politikorange könnt ihr nun lesen, wie Frauen in der Politik wahrgenommen werden, was es bedeutet, als Frau im Profifußball zu arbeiten und wie Schauspielerinnen mit Klischees am Theater brechen. Ihr erfahrt, wie die Situation für Frauen in Syrien aussieht, was es für Frauen bedeutet, Opfer von Genitalverstümmelung oder häuslicher Gewalt zu sein und wie es ist, nicht als Frau anerkannt zu werden. Vor allem aber werdet ihr lesen, welche Strategien Frauen entwickeln, um dem Ziel Gleichberechtigung näher zu kommen. Viel Spaß beim Lesen! Christina Heuschen, Theresa Müller, Niklas Thoms (Chefredaktion)

MACH MIT! Sophie Schoen 19, Frankfurt am Main … kriegt gern die Tür aufgehalten und hält sie auch gerne auf.

L U S T A U F J OU R NA L I S MU S ? OB A L S A U TOR OD E R A UTOR I N, L AY OU TE ND E R , F OTOG R A F I E R E ND E R OD E R I N D E R CH E F R E D A K TI ON – BE I ­P OL I TI K OR A NG E K A NNS T A U CH D U A K TI V W E R D E N!

> POLITIKORANGE.DE

IN HALT

»Frauenhäuser«

»Comic«

»Schauspiel«

Wenn Frauen aus einer gewalttätigen Beziehung fliehen. Seite 13

Über die erste MarvelVerfilmung in der es eine weibliche Superheldin gibt. Seite 15

Welche Rolle(n) Frauen im Theater einnehmen. Seite 21

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SICHTBAR UNGLEICH

ÜBER MÄNNER UND FRAUEN WIRD IN VIELEN MEDIEN AUF UNTERSCHIEDLICHE ART UND WEISE BERICHTET. PAULA HAMMERSCHMIDT HAT RECHERCHIERT, WIE POLITIKERINNEN DARGESTELLT WERDEN UND WIESO IHRE FACHLICHEN KOMPETENZEN DABEI OFT IN DEN HINTERGRUND RÜCKEN.

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eine Frau wird immer darauf ange- „Es gibt bei Politikerinnen eine Grundsprochen, wie sie das mit den Kin- suggestion von Inkompetenz.“ Durch dern macht, mich fragt dagegen niemand das Vorurteil, sie seien zu emotional und nach meiner Familie“, sagt Norbert Mül- nicht stark genug für die „harte Politik“, ler, MdB. Er und auch seine Frau arbei- müssten sie sich vor den Medien deutlich ten beide für die Partei „Die Linke“. Wie häufiger der Frage stellen, ob sie für eine sie aber in ihrer Rolle wahrgenommen bestimmte Position überhaupt geeignet werden und wie über sie berichtet wird, seien oder ob sie sich die Arbeit zutrauunterscheidet sich Müller zufolge stark: en würden. Dass der Fokus häufig nicht „Meiner Frau stellen die Medienvertreter auf den individuellen Kompetenzen liegt, andere Fragen als mir.“ stellt „Gender Equality Media“ auch an Das ist kein Einzelfall, weiß Leo- den Begriffen fest, mit denen Frauen benie Dorn von „Gender Equality Media“. zeichnet werden. Bei der Verwendung Seit eineinhalb Jahren unterstützt sie von Paar-Metaphern wird beispielsweise den gemeinnützigen Verein dabei, ge- ein Konflikt zwischen einem weiblichen schlechtsbezogene Berichterstattung in und einem männlichen Staatsoberhaupt den Medien zu untersuchen. Die dort als Ehekrise bezeichnet und damit ein veröffentlichten Studien betrachten un- traditionelles Rollenbild auf die Politik ter anderem bildliche Darstellungen und übertragen, erklärt die Politologin Dorn. Statusbezeichnungen von Frauen und Männern in der Bild-Zeitung. „Die Bild- FRAUEN WERDEN KRITISIERT Zeitung ist ein Extrembeispiel, die Strukturen der sexistischen Darstellung lassen Über Politikerinnen wird aber nicht nur sich hier sehr gut erkennen“, erklärt die anders berichtet, sondern auch deutlich Politikwissenschaftlerin. Doch auch auf weniger: Nur ein Viertel der Personen, andere Medien ließen sich die Beobach- über die im Politikteil der Bild-Zeitung tungen übertragen. geschrieben wurde, waren laut der 2017 von „Gender Equality Media“ veröffentlichten Studie über die BeschreiVORURTEILE WEITER IN DEN bungen von Frauen und Männern weibKÖPFEN lich. „Und das, obwohl Frauen heute Die Frau als Mutter und Hausfrau, der im Bundestag mehr als 30 Prozent der Mann als Familienernährer, der Karriere Abgeordneten bilden“, sagt Dorn. Die macht: Geschlechtsbezogene Stereotype fehlende mediale Sichtbarkeit von Pohalten sich hartnäckig in den Köpfen, litikerinnen bemerkt auch ARD-Reporobwohl Frauen und Männer per Gesetz terin und Veranstaltungsmoderatorin gleichberechtigt sind. Die Vorstellung Minou Amir-Sehhi: „Deutlich weniger der Frau, die abends zuhause auf ihren Frauen erklären sich bereit, im FernseMann wartet, gehört eigentlich längst der hen zu einem bestimmten Thema StelVergangenheit an. Dennoch b ­ estimmen lung zu nehmen.“ Das liege unter andesolche Vorurteile in vielen Fällen, wie rem an dem Druck, alles richtig machen Männlichkeit und Weiblichkeit definiert zu müssen. „Inhaltliche Fehler werden werden. Auch Journalistinnen und Jour- bei Frauen stärker kritisiert als bei nalisten sind mit diesen Rollenbildern Männern.“ Weibliche Vorbilder in Form Bild: Gender Equality Media e. V. aufgewachsen und übertragen sie auf von Expertinnen seien deshalb deutlich TROTZ BUNDESKANZLERIN: ihre Berichte, häufig auch unbewusst, seltener in den Medien zu finden, was SPIELEN FRAUEN IM POLITIKTEIL DER BILD-ZEITUNG NUR EINE KLEINE ROLLE. wie Leonie Dorn erklärt. Die Rolle als impliziere, dass „Männer die Welt erkläMutter werde bei Frauen besonders oft ren“, so die Journalistin. Auch Äußer- Die sexistische Darstellung von schees würden durch Medien ebenso in den Vordergrund gestellt: „Eine Po- lichkeiten spielen eine wichtige Rolle: Frauen und Männern in den Medien ­ verstärkt und verfestigt wie geselllitikerin gilt dann entweder als Raben- Ein makelloses Aussehen wird voraus- zu bekämpfen, ist Leonie Dorn ein schaftliche Strukturen. mutter, die ihre Kinder für die Politik gesetzt, bei Politikerinnen ebenso wie wichtiges Anliegen. Insbesondere vernachlässigt, oder als Karrierefrau, die bei Moderatorinnen. Minou Amir-Sehhi bei Journalistinnen und Journalisten keine Familie hat und sich allein über ih- kennt diese Anforderung selbst: „Vor möchte der Verein „Gender Equaliren Beruf definiert.“ Dass Männer dieses Auftritten gehe ich eigentlich immer ty Media“ Sensibilität für ungleiche Interesse an ihrer familiären Situation in die Maske, damit ich mich ganz auf Berichterstattung erzeugen und dahingegen kaum zu spüren bekommen, mein Auftreten konzentieren kann.“ durch zum Umdenken bewegen. Dabemerkt auch Ralf Kapschack, Bundes- Auch dem Kleidungsstil und der Körper- für gelte es, in den Redaktionen eine Paula Hammerschmidt tagsabgeordneter für die SPD: „Als Mann form von Frauen werden deutlich mehr größere Vielfalt an Perspektiven zu 18, Witten wird man eigentlich nie gefragt, wie Beachtung geschenkt, als der von Män- schaffen, auch durch mehr Frauen viele Kinder man hat oder wann man nern, wie aus den Untersuchungen des in höheren Entscheidungspositionen. … ist einfach kein kreativer Satz für diesen Kasten sich um sie kümmert.“ Vereins hervorgeht. Das Problem dabei: „Medien sind keine neutralen Spiegel eingefallen. Neben der Vereinbarkeit von Fa- „Wenn das Äußere im Vordergrund steht, der Gesellschaft, sondern beeinflusmilie und Karriere werde oft auch das rücken die Kompetenzen in den Hinter- sen die Wahrnehmung der Realität“, Können von Frauen hinterfragt, so Dorn: grund“, sagt Ralf Kapschack. findet Dorn. Traditionelle Rollenkli-

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EIN LEBEN LANG ZUGENÄHT

ALLEIN IN DEUTSCHLAND LEBEN LAUT SCHÄTZUNGEN MINDESTENS 60.000 FRAUEN MIT WEIBLICHER GENITALVERSTÜMMELUNG. DIE DUNKELZIFFER IST DEUTLICH HÖHER, DIE FOLGEN SIND WEITREICHEND. EMILY PFEIFER BELEUCHTET DAS SCHICKSAL ERSCHRECKEND VIELER FRAUEN.

Bild: Lukas Bruess

DAS AUSMASS DER GENITALVERSTÜMMELUNG IST VON DER REGION ABHÄNGIG.

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u befindest dich in einem Raum mit als religiöses Ereignis erwähnt. Bei der deinen Liebsten. Neben dir deine Genitalverstümmelung handelt es sich Mutter, deine Oma, deine Lieblingstante. also nicht um eine religiöse, sondern Sie alle unterhalten sich angeregt mit den vielmehr um eine kulturelle Tradition, Nachbarn. Essen und Getränke werden welche ihren Ursprung in Ägypten hat. serviert. In der Mitte des Raumes: ein Genitalverstümmelung ist als TraHolzstamm mit fleckigem Laken. Deine dition tief in Teilen der afrikanischen Arme werden festgehalten, deine Beine und ostasiatischen Gesellschaft verauseinandergedrückt. Du spürst das eis- ankert und meist durch das dortige kalte Rasiermesser. Dunkelheit. Schwarz. Rollenverständnis der Frau geprägt. Du schreist vor Schmerz. Blut, überall Unbeschnittene Frauen gelten als unBlut. Du kannst nicht aufhören zu schrei- rein. Durch die Genitalverstümmeen. Hell, so hell. Du spürst nichts, nur lung soll ihr Temperament gezügelt den Schmerz. Blutige Laken. Deine Bei- werden. Sie soll gewährleisten, dass ne, zusammengeknotet von einem blauen sich junge Mädchen zu gebärenden Seil. Deine Schmerzen, unbeschreiblich Frauen entwickeln, die primär den groß. Du schaust in die Augen deiner Anweisungen der Männer folgen. Mutter, deiner Oma, deiner Lieblingstante, „Genitalverstümmelung ist wie ein die mit den Nachbarn reden. Essen wird Kreislauf, aus dem die Familie nicht serviert. entkommen kann“, sagt die SPD-BunSo oder so ähnlich ergeht es immer destagsabgeordnete Gülistan Yüksel. wieder jungen Mädchen, die im Zuge der Denn auch die so genannte Mitgift sei Genitalverstümmelung mit alten Rasier- ein Grund für die Genitalverstümmeklingen meist den äußeren Teil ihrer Klito- lung. Die afrikanischen und süd-ost­ ris, sowie innere und äußere Schamlippen asiatischen Kulturkreise akzeptierten abgeschnitten bekommen. oft Frauen ohne Genitalverstümmelung nicht, weswegen sie nicht verheiratet werden könnten. Die Familien der GENITALVERSTÜMMELUNG ALS Mädchen sind allerdings auf die Mitgift KULTURELLE TRADITION der Männer angewiesen. Es steht aber Vor allem in Ländern wie Eritrea, Soma- noch viel mehr auf dem Spiel: Durch lia, dem Irak, Ägypten und Äthiopien eine unverheiratete Frau würde die gehört Genitalverstümmelung zum All- Familie zusätzlich ihre Ehre verlieren. tag. Alle elf Sekunden erleiden junge Familienmitglieder und religiöse OberMädchen laut dem Fulda-Mosocho-Pro- häupter üben daher massiven Druck jekt von der Weltgesundheitsorganisati- auf die oft noch sehr jungen Mädchen on beschriebene „Praktiken, bei denen aus. Das Alter, in dem die Genitalverdie äußeren weiblichen Genitalien teil- stümmelung durchgeführt wird, variweise oder vollständig entfernt werden“. iert von Ort zu Ort. Laut Plan-Studie Viele Betroffene sind Muslima, doch im sind die Mädchen größtenteils zwiKoran wird Genitalverstümmelung nicht schen sechs und dreizehn Jahren jung.

GEFÄHRLICHE FOLGEN Auch das Ausmaß der Genitalverstümmelung ist von der Region abhängig. Teilweise wird nur der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris entfernt, in anderen Fällen zusätzlich auch innere und äußere Schamlippen. Die Wunde wird zugenäht, wobei nur ein kleines Loch für den Ausfluss von Urin und der Periode bleibt. Zur besseren Wundheilung werden die Beine der Mädchen zusammengebunden, sodass diese sich mehrere Wochen lang nicht bewegen können. Bedingt durch die meist unsaubere Vorgehensweise, entstehen oft langanhaltende Krankheiten. Die Mädchen leiden an Tetanus, Problemen beim Wasserlassen und an starken Blutungen. Durch unsterile Rasierklingen oder Glasscherben, die oftmals für mehrere Eingriffe benutzt werden, steigt die Ansteckungsgefahr für HIV oder Hepatitis. Zusätzlich kann es zu Infektionen und Geburtsschwierigkeiten kommen, manche Verstümmelungen enden sogar tödlich. Dazu kommen die psychischen Schmerzen, unter denen die Frauen ihr Leben lang leiden. Oft quälen die Opfer Gedächtnisverlust, Depressionen und Angstzustände. Genitalverstümmelung ist in vielen Ländern Teil der Kultur, weswegen das Ritual von manchen Frauen nicht hinterfragt wird. Nicht immer wird Genitalverstümmelung gegen den Willen der Mädchen durchgeführt, sondern wird vielmehr mit einem Fest und Geschenken verbunden. In Deutschland wurde die Genitalverstümmelung 2013 als Strafbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen und wird

seitdem mit einer Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft. Um Frauen stärker zu schützen und „Ferienbeschneidungen“ zu verhindern, wurde 2017 die Möglichkeit des Passentzugs in Deutschland eingeführt. Seither droht jenen Personen der Entzug des Passes, die mit Mädchen oder Frauen ins Ausland reisen wollen, um dort eine Genitalverstümmelung vorzunehmen. Doch damit sei es nicht getan. Durch eine gelungene Integration sinkt das Risiko für in Deutschland lebende gefährdete Mädchen, stellt die von den Organisationen „Integra“ und „Ramboll“ durchgeführte „empirische Studie zur weiblichen Genitalverstümmelung“ fest. Aus der Studie geht hervor, dass in Zukunft Präventionsmaßnahmen und Versorgungseinrichtungen für Betroffene gestärkt werden müssen. Auch die Bundestagsabgeordnete Gülistan Yüksel ist von der Wichtigkeit der Aufklärung überzeugt. Sie sagt: „Jede Frau, die von Genitalverstümmelung betroffen ist, jedes Schicksal, ist eines zu viel.“

Emily Marie Pfeifer 16, Frankfurt am Main … findet, dass Journalismus nicht nur das Elend der Welt, sondern auch eigene Lösungsansätze aufzeigen sollte.

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MEHR FRAUEN IM HIP-HOP!

FRAUEN UND TRANSGENDER-ACTS SIND IN DER HIP-HOP-SZENE NACH WIE VOR KAUM SICHTBAR. LEA SCHÜRINGS HAT SICH AUF DIE SUCHE NACH GRÜNDEN, STRUKTUREN UND POSITIVEN BEISPIELEN GEMACHT.

Bild: Jonas Walzberg

DJ NOMI KRITISIERT DIE VORURTEILE GEGENÜBER FRAUEN IN DER HIP-HOP-SZENE.

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er gelegentlich im Nachtleben un- wenn populäre weibliche Vorbilder fehterwegs ist, stellt schnell fest: Weib- len“, ist für sie eine Antwort. Der selbstliche DJs sind immer noch die Ausnahme. ernannten „First Lady of Afrobeats“ geBesonders eklatant ist die Diskrepanz von lang jedoch der Einstieg. Mittlerweile ist Männern und Frauen hinter dem Misch- sie seit sechs Jahren in Berlin als DJ tätig pult in der Hip-Hop-Szene. Vor allem Rap – mal alleine, mal als Teil des Kollektivs wird sowohl von Medienvertreterinnen „Freak de l’Afrique“. und Medienvertretern als auch von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen MEHR LEISTUNG FÜR DIE oft vorgeworfen, ein Musikgenre zu sein, GLEICHE ANERKENNUNG in dem Frauenhass fester Bestandteil des Konzepts sei. Die Vorwürfe reichen von Ständige Begleiterinnen während dieser Frauenfeindlichkeit in den Texten bis zu Zeit: Vorurteile gegenüber Frauen. Auswenig respektvollem Umgang gegenüber sagen, wie „Die hat doch keine Ahnung Frauen seitens der männlichen Kollegen von Technik. Die bucht man nur, weil und vieler Fans. Begründen also männ- sie gut aussieht“, hat die Rapperin sich lich dominierte Strukturen die niedrige nicht nur einmal anhören müssen. Oft Zahl an Frauen im Hip-Hop; oder ist werde sie nicht einmal gegrüßt. Ähnschlicht ihr Interesse geringer? liche Erfahrungen hat auch die Musikerin, Lady Bitch Ray gemacht: „Während Männer meist vorbehaltlos akzeptiert BARRIEREN FÜHREN ZU und respektiert werden, wird man als UNTERPRÄSENZ Frau im Musikbusiness viel genauer Eine deutliche Meinung vertritt die Grü- unter die Lupe genommen und muss nen-Politikerin Claudia Roth, die vor ih- besser sein als Kollegen, um die gleirer Parteikarriere in der Musikszene ge- che Anerkennung zu erhalten“, sagte arbeitet hat. In den 1980ern managte sie die Künstlerin in einem Interview Ende einige Jahre lang die Band „Ton Steine 2017 gegenüber dem Hip-Hop-Magazin Scherben“. Sie attestiert der Branche „to- „Backspin“. Die 38-Jährige äußert sich in xische Muster“. Diese äußerten sich in und neben ihrer Musik oft kritisch und erster Linie in einer zu geringen Präsenz provokant zu feministischen Themen. von Frauen in vielen Sparten. Zudem Das ruft ihrer Aussage zufolge noch „verdienen Frauen weniger als ihre männ- mehr Anfeindungen hervor als ohnehin lichen Kollegen und werden weniger ge- schon: „Positioniert sich die Künstlerin bucht“, sagt Claudia Roth. dann noch in irgendeiner Weise poliDas beobachtet auch die Rapperin tisch oder thematisiert ihre Sexualität, und Producerin, Cambel Nomi. „Wieso ist die Angriffsfläche riesig. Es wird gibt es kaum Frauen? Warum müssen aufs Aussehen reduziert oder direkt bedas ständig Männer machen?“, fragt sie leidigt.“ Passen eine emanzipatorische sich. „Es ist extrem schwer, einen Ein- Grundhaltung und Liebe zu Rap vielstieg in die Szene zu finden, vor allem, leicht nicht zusammen?

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AUFMERKSAMKEIT DURCH HIP-HOP-FEMINISMUS Die amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Joan Morgan verneint diese Frage ganz eindeutig. Feminismus und Hip-Hop seien nicht nur vereinbar, sondern ergänzten sich optimal. Morgan spricht dabei von „Hip-Hop-Feminismus“. Das Augenmerk wird hier neben Frauenfeindlichkeit auch auf Rassismus und Homophobie gelegt; sexuelle Selbstbestimmung wird klar befürwortet. Dass dieses Konzept funktioniert, zeigen aktuell viele Künstlerinnen, die zusammen für diskriminierungsfreie Räume kämpfen. Das DJ-Kollektiv „hoe__mies“ aus Berlin veranstaltet Hip-Hop-Partys, auf denen bevorzugt weiblichen, transgender, nichtbinären Acts und Women of Colour eine Bühne geschaffen wird – Kennerinnen und Kennern der Szene zufolge mit Erfolg. Noisey, der Musikkanal des Magazins Vice, betitelte sie unlängst als „wichtigstes Hip-Hop-DJ-Team Deutschlands“. Begründung dafür sei unter anderem ihr Sieg beim „Red Bull Culture Clash“, wo sich die „hoe__mies“ gegen alteingesessene DJ-Teams behaupteten.

Diese Erfahrungen sind es, die in ihr die Hoffnung nähren, dass auch durch die Aktivität der Künstlerinnen ein Stein ins Rollen gebracht wurde, der nicht mehr aufzuhalten ist. Die aktive Einforderung dieser Werte unterstreicht auch Claudia Roth: „Gleichberechtigung und Vielfalt ergeben sich leider nicht von allein, sondern müssen erkämpft werden.“ Zu dieser Einstellung will auch Nomi junge Frauen mit ihrer Musik und ihrem Handeln ermutigen. Dazu möchte die Stuttgarterin eines Tages eine Agentur gründen, die Frauen unter Vertrag nimmt und sie auf ihrem Weg fördert.

FEIERN FÜR VIELFALT Auch mit ihren Veranstaltungen füllen die Künstlerinnen regelmäßig die Clubs der Hauptstadt. Bei zwei dieser Partys legte auch Dj Nomi auf. Sie berichtet von einer grundlegenden Offenheit: „Da wird man, auch wenn man anders aussieht oder ein anderes Geschlecht hat, nicht schief angeschaut, man feiert gemeinsam. Keiner ist ausgeschlossen. Das tut gut.“ ­­

Lea Schürings 19, Bonn … findet, dass Feminismus intersektional sein muss.


WENN BODYSHAMING DAS LEBEN BEEINFLUSST

DAS HERZIEHEN ÜBER ÄUSSERLICHKEITEN IST IN ZEITEN VON SOCIAL MEDIA ALLGEGENWÄRTIG. DOCH DAS THEMA IST AUCH IN UNSERER GESELLSCHAFT FEST VERANKERT. LARA BLUMENBERG BERICHTET, WIE DAS PHÄNOMEN EINZUG IN UNSEREN ALLTAG NIMMT.

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ls Ricarda Lang zur Bundessprecherin der Grünen Jugend gewählt wird, steht sie das erste Mal in der Öffentlichkeit. Doch es wird nicht über ihre politischen Ansichten diskutiert, sondern über ihre Figur hergezogen. Solche Beleidigungen aufgrund äußerlicher Merkmale werden Bodyshaming genannt. Insbesondere in sozialen Netzwerken sind sie schon fast zur Normalität geworden. Gerade Frauen werden unter anderem deswegen zu ihren eigenen, größten Kritikerinnen. Entweder sind sie zu dick oder zu dünn, am anderen Tag ist die Nase zu groß oder der Po zu flach. Ist jemand einmal halbwegs zufrieden, lässt einen der Blick auf Instagram das wieder in Frage stellen, denn hier wird jede und jeder mit Perfektion konfrontiert. Egal, wie eine Person aussieht – sie ist nie „schön“ genug. Nach einer repräsentativen Umfrage­des Marktforschungsinstitutes GfK – ­ Gesellschaft für Konsumforschung von 2014 fühlen sich 39 Prozent der Frauen nicht wohl in ihrem Körper, bei den Männern sind es 24 Prozent. So ist beispielsweise mehr als die Hälfte der Frauen mit ihrem Gewicht und ihrer Körperfigur unzufrieden. Demnach betrachten Frauen ihren Körper deutlich kritischer als Männer. Ein weiterer Grund sei, dass Männer und Frauen

auch im Job auf ihr Äußeres reduziert würden, bemerkt die Berliner Psychologin Gisela Scherer.

KONKURRENZVERHALTEN Dies liege einerseits daran, dass sie durch ihre bessere Bildung und ihr wachsendes Selbstbewusstsein eine kleinere Angriffsfläche im Rahmen ihrer geleisteten Arbeit bieten, erklärt Scherer. Dass sie von anderen Frauen als Konkurrentin angesehen würden, passiere oft unbewusst; unter anderem auch als Ergebnis der nicht zuletzt von den Medien produzierten ständigen Unsicherheit. „Das Konkurrenzverhalten zwischen Frauen wird von der Gesellschaft meistens auf Äußerlichkeiten reduziert und es wird oft so dargestellt, als sei es das Ziel, einen Mann zu ergattern oder ähnliches“, sagt die Berliner Psychologin. Schnell falle dann bei Frauen das Wort „Zickenkrieg“. Dass Männer miteinander konkurrieren, sei dagegen gesellschaftlich akzeptiert. Doch nicht nur Frauen, sondern auch Männer leiden zunehmend unter dem Druck des Körperideales, was von den Medien suggeriert wird. Zu diesem Ergebnis kommt auch Professor Ulrich Voderholzer von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.

BODYSHAMING KANN DIE KARRIERE BEEINFLUSSEN Aber auch in anderen Zusammenhängen spielt Bodyshaming eine Rolle. Eine Studie der britischen Fachzeitschrift „British Medical Journal“ von 2016 zeigt einen Einfluss von Größe und dem Body Mass Index (BMI) auf den sozioökonomischen Status: Vor allem kleine Frauen mit Übergewicht sind demnach benachteiligt, und große schlanke Männer im Vorteil, wenn es um Aspekte wie Gehalt und Jobklasse geht. Dass dicke Leute als faul und undiszipliniert gelten, zeigt auch hier eine Stigmatisierung von bestimmten körperlichen Eigenschaften. Bodyshaming findet also nicht nur in den sozialen Netzwerken statt und beeinflusst das Privatleben, es kann sogar Karriereverläufe beeinflussen.

noch ein ­ Umdenken stattfinden müsse. Sie appelliert an alle Frauen: „Seien Sie selbstbewusst, gehen Sie den Weg so weiter, schätzen Sie ihre Freundschaften und lassen Sie sich nichts einreden. Seien Sie solidarisch miteinander, das ist doch viel sinnvoller als Konkurrenzkampf und Hass. Lassen Sie sich nicht in irgendwelche Rollen zwingen. Zwänge funktionieren nur solange, wie viele mitmachen.“ Auch Ricarda Lang engagiert sich für „Body Positivity“. Angefangen hat sie mit einem Tweet und einem Facebook-Post. Seitdem nimmt Lang an Debatten teil und spricht mit verschiedenen Medien über Bodyshaming. Ein Anfang ist damit getan.

GEGENBEWEGUNG Doch es gibt immer mehr Gegenbewegungen, die vor allem im Internet agieren. Ein Beispiel ist die Bewegung „Body Positivity“. Die Unterstützerinnen und Unterstützer verfolgen das Ziel, Schönheitsideale abzuschaffen, die Schönheit jeden Körpers wahrzunehmen und das Bewusstsein zu stärken, dass wahre Schönheit von innen kommt. Die Berliner Psychologin Scherer ist daher optimistisch, auch wenn in vielen Köpfen

Lara Blumenberg 16, Limburg an der Lahn … versteht die Vorurteile vieler Menschen nicht.

FRUCHTFLEISCH WELCHER FRAU SOLLTE MEHR BEACHTUNG GESCHENKT WERDEN?

Fotos: Jonas Walzberg

»VERANTWORTUNG«

»ZUSAMMENHALT«

»AUFMERKSAMKEIT«

CANAN BAYRAM, 53, BERLIN, MDB BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

THOMAS BAREISS, 44, BALINGEN, MDB CDU

SACHA SLARB, 25, AMSTERDAM/BERLIN, BARKEEPERIN

LOUISE SCHROEDER, DIE ERSTE UND EINZIGE AMTIERENDE OBERBÜRGERMEISTERIN VON BERLIN, HAT GEZEIGT, DASS FRAUEN ÜBERALL VERANTWORTUNG TRAGEN KÖNNEN.

DIE GESCHICHTE VON BERTHA BENZ, DIE PIONIERIN IN DER AUTOBRANCHE, FASZINIERT MICH. SIE ZEIGT, DASS MÄNNER UND FRAUEN IMMER GEMEINSAM ERFOLGREICH WAREN.

ICH FINDE NICHT, DASS EINER BESONDEREN FRAU BEACHTUNG GESCHENKT WERDEN SOLLTE. FRAUEN SOLLEN GENERELL MEHR AUFMERKSAMKEIT BEKOMMEN.

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Z UR PERSON DIN A AB OUL HOSN gründete 2014 gemeinsam mit anderen Aktivistinnen im Exil die Syrian Feminist Lobby. Außerdem arbeitet sie als Journalistin, Autorin und Übersetzerin. 2012 floh die 49-Jährige aufgrund massiver Repressalien des syrischen Regimes nach Berlin. Sie studierte in ihrem Geburtsort Damaskus englische Literatur und war Vizepräsidentin der Syrian Journalist Association.

Foto: Jonas Walzberg

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»IM NAHEN OSTEN STECKT DER FEMINISMUS NOCH IN DEN KINDERSCHUHEN«

KAMPF FÜR FRAUENRECHTE IN SYRIEN

DINA ABOUL HOSN IST MITBEGRÜNDERIN DER SYRIAN FEMINIST LOBBY. SARAH SOLTYSIK HAT MIT IHR ÜBER GESCHLECHTERROLLEN, POLITISCHE TEILHABE VON FRAUEN UND FEMINISMUS IM NAHEN OSTEN GESPROCHEN.

2014 IST IN DER SYRISCHEN GESCHICHTE EIN DUNKLES KAPITEL: EINE INTERNATIONALE FRIEDENSKONFERENZ SCHEITERT, DER „ISLAMISCHE STAAT“ WIRD AUSGERUFEN UND LAUT AMNESTY INTERNATIONAL FLIEHEN ÜBER DREI MILLIONEN MENSCHEN. SIE HABEN DAMALS DIE SYRIAN FEMINIST LOBBY IM EXIL GEGRÜNDET. WARUM? Wir suchten nach Möglichkeiten, Frauen zu ermächtigen, die politisch tätig sind oder es werden wollen. Denn für uns war politische Partizipation aussichtslos: Männer rotteten sich gegen uns zusammen und machten es Frauen sehr schwer, in der Politik aktiv zu sein. Zwar setzte das Regime überall Quotenfrauen ein, in Wahrheit standen diese aber nur für Fotos mit Männern auf einer Ebene. Häufig wurden sie als Galionsfiguren genutzt, um dem Westen die Gleichberechtigung zu versichern. Niemand hatte wirkliche Rechte im Regime – wir Frauen schon gar nicht. Und keiner ging dagegen vor. Uns wurde vorgeworfen, zu sehr zu träumen und die harten Tatsachen nicht zu sehen. Daher luden wir viele Aktivistinnen und Politikerinnen zu unserem ersten Treffen ein. Eine Lobby klang für uns nach einer vielversprechenden Idee, um auf die politische Opposition Druck auszuüben. Beim Regime hätte das keinen Sinn gehabt. Trotz vieler Initiativen der Syrian Feminist Lobby finde ich, dass dieses Problem zu wenig bekämpft wird. Politik ist noch immer Männersache.

WIE IST DAS REGIME DENN MIT IHNEN UMGEGANGEN? Mein Pass war für mich als eine in Dubai, im Exil lebende Journalistin das Wichtigste. Als dieser dann schließlich voll war, wollte mir die Botschaft keinen neuen ausstellen. Nach Syrien zurückzugehen, um das Problem zu klären, war für mich keine Option. Meine Freunde und Familie in Syrien wurden bedroht und belästigt. Neben dem staatlichen gab es außerdem den sozialen Druck: Warum musste sie auch ihren großen Mund aufmachen? Ihr ging es in Dubai gut, was ist denn ihr Problem? Ich fühle mich manchmal meinen Eltern gegenüber schuldig. Sie haben mich jedoch immer unterstützt und wollten trotz des hohen Preises nicht, dass ich meinen Kampf gegen die Ungleichheit einstelle.

WAS SIND DIE GRÖSSTEN ERFOLGE IN IHRER ARBEIT MIT DER SYRIAN FEMINIST LOBBY?

Ende März diesen Jahres wurde die Lobby offiziell registriert. Das war schon lange unser Anliegen. Außerdem haben wir 2016 eine Studie über politische Partizipation von Frauen in den syrischen Oppositionsparteien veröffentlicht und diese bei einer Konferenz präsentiert. Das war für uns ein Durchbruch, auf den wir sehr stolz sind. Daraufhin mussten wir allerdings leider feststellen, dass viele Politikerinnen aus der Syrian Feminist Lobby austraten. Ihnen gefiel nicht, dass wir sowohl Politikerinnen aus ihren eigenen Parteien als auch Frauen aus gegensätzlichen Parteien unterstützten. Politische Ermächtigung für die eigene Partei und nicht für alle Frauen zu wollen, ist einfach der falsche Ansatz.

SIE SELBST UND ANDERE MITGLIEDER LEBEN IM EXIL. WIE ARBEITEN SIE MIT DEN ANDEREN MITGLIEDERN DER SYRIAN FEMINIST LOBBY? Für mich ist Berlin, wo ich jetzt lebe, ein Ort, an dem ich aktiv sein kann. Das wurde mir mein ganzes Leben vorenthalten. Jetzt kann ich mich, anders als in Syrien, engagieren. Wir nutzen Plattformen wie Skype, um uns digital zu vernetzen. Es wird aber immer schwieriger, Menschen in Syrien im Untergrund zu erreichen. Das letzte Mitglied verließ vor kurzer Zeit das Land. Nach wie vor sind aber syrische Frauen, unabhängig von ihrem Wohnort unsere Zielgruppe – Frauen, die hoffentlich einmal nach Syrien zurückkehren und dort politisch aktiv werden.

ES GIBT VIELE KLISCHEES HINSICHTLICH DER ARABISCHEN UNTERDRÜCKTEN FRAU UND DEN GESCHLECHTERROLLEN IM NAHEN OSTEN. Der Kampf für Gleichberechtigung ist überall ein harter; doch besonders im Nahen Osten steckt der Feminismus noch in den Kinderschuhen. In kleinen Schritten bewegen wir uns auf unsere fundamentalen Grundrechte zu. Beispielsweise haben wir keine sexuellen Rechte, wir dürfen ohne männliche Erlaubnis nicht reisen und Frauen werden Opfer von Ehrenmorden. In Syrien spricht man nicht einmal von Feminismus, es geht um Grundrechte. Des Weiteren wird uns die kulturelle Identität zum Verhängnis. Uns wird vorgeworfen, als Feministinnen gegen unsere Kultur zu sein. Im Nahen Osten bist du entweder Frau oder Feministin: Bist du Feministin, verlierst du deine Weiblichkeit.

IST DIE UNTERDRÜCKUNG DES WEIBLICHEN GESCHLECHTS EIN ZENTRALER ASPEKT DER KULTUR? Nein, das kann man so nicht sagen. Beim Kampf gegen die französischen Kolonialmächte zum Beispiel waren Frauen auf den Straßen, verarzteten und unterstützten ihre männlichen Kollegen. Von da an entwickelten sich die Dinge zum Negativen.

WIE SCHÄTZEN SIE DIE ZUKUNFT DES FEMINISMUS IM NAHEN OSTEN EIN? Die Zukunft ist die Zukunft. Ich glaube nicht, dass ich persönlich jemals sehen werde, wofür ich kämpfe. Trotzdem muss jemand irgendwo anfangen. Mit Blick auf die vielen Mädchen, die sich – auch dank der Projekte der Syrian Feminist Lobby – nach und nach ihrer Kraft und Auswirkung bewusst werden, bin ich aber optimistisch.

WIE KÖNNEN WIR IM WESTEN HELFEN UND UNSEREN BEITRAG LEISTEN, OHNE DEN VERMEINTLICH HILFLOSEN UND PASSIVEN FRAUEN IM NAHEN OSTEN UNSEREN FEMINISMUS AUFZUDRÄNGEN? Durch das Respektieren von Unterschieden und ohne das Bilden von Grenzen. Wir wollen nicht belächelt oder von oben herab behandelt werden. Wir werden durch Unterstützung und nicht durch Belehrungen bereichert. Wenn man mir nicht zuhört, warum will man mich dann belehren? Ich wünsche mir mehr Respekt und auch gegenseitiges Verständnis. Am Ende des Tages kämpfen wir doch schließlich für dasselbe.

Sarah Soltysik 16, München … findet Feminismus und Gleichberechtigung viel zu facettenreich und komplex für ein kurzes Statement am Rande.

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HÖCHSTE ZEIT FÜR DEN AUSGLEICH

LARA HUS HAT MIT DEN FUSSBALLERINNEN DINA UND KATJA ORSCHMANN ÜBER DIE UNGLEICHHEIT ZWISCHEN MÄNNERN UND FRAUEN IM SPORT GESPROCHEN. DER BLICK IN DAS LEBEN DER ZWILLINGE ZEIGT: DER KAMPF GEGEN DUMME SPRÜCHE UND VORURTEILE IST NOCH NICHT GEWONNEN.

KATJA UND DINA ORSCHMANN GEBEN NICHT AUF: FRAUENFUSSBALL MUSS SICH WEITERENTWICKELN.

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er heute auf den Fußballplätzen AUF DEM PAPIER Deutschlands unterwegs ist, für ÜBERWUNDEN den gehört es zum normalen Bild, dass nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen Eine Antwort, die vor nicht allzu langer gegen den Ball treten. Ein Umstand, der Zeit noch Probleme nach sich gezogen vor 60 Jahren undenkbar gewesen wäre, hätte. 1955 verbot der Deutsche Fußballals der Frauenfußball von den offiziellen Bund (DFB) auf seinem Bundestag am 30. Sportverbänden noch verboten war. Juli in Berlin den Frauenfußball. Bis in Ein Verbot ihrer Leidenschaft – das die 1970-Jahre mussten Vereine mit Strakönnen sich die Zwillinge Katja und Dina fen rechnen, wenn sie FrauenmannschafOrschmann heute kaum vorstellen. Trotz- ten stellten und sie ihren Platz oder ihre dem mussten auch die beiden ehemaligen Umkleidekabinen nutzen ließen. Zudem U20-Nationalspielerinnen vom 1. FC Tur- war es Schiedsrichtern untersagt, Frauenbine Potsdam erfahren, dass es nicht im- spiele zu pfeifen. mer leicht ist, einen Sport zu betreiben, Die Begründung des DFB auf seider oft noch als ,,Jungssport“ abgestem- nem Bundestag 1955 lautete wie folgt: pelt wird. ,,Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und DUMME SPRÜCHE ALS das Zurschaustellen des Körpers verletzt ANSPORN Schicklichkeit und Anstand.“ Eine ArguDie beiden erinnern sich, dass sie sich mentation, die genau wie das Verbot, auf schon als Kinder anhören mussten, dass es rechtlicher Ebene in den 1970er Jahren nicht normal sei, als Mädchen Fußball zu überwunden wurde. In den Köpfen vieler spielen. Trotz sexistischer Bemerkungen Fußballer hat dieser Prozess aber offenhaben sich die Zwillinge mit sieben Jah- sichtlich länger gedauert. Der Beitrag von ren im Verein angemeldet. Heute spielen Bayern-Legende Gerd Müller zur damasie in der Bundesliga. Geholfen hat ihnen ligen Diskussion war: „Kochen statt Kidabei vor allem ihr Wille, es den anderen cken“, der seines Kollegen Uwe Witt von sportlich zu zeigen: ,,Wir haben gesagt: Hertha BSC: „Wenn meine Frau spielt: ‚Na los‘ dann lass uns doch ein Spielchen Scheidung!“ machen`“, erinnert sich Katja Orschmann. „Dann sahen sie: ‚Oh, die können doch KLEINE FORTSCHRITTE IN was‘ und wurden ganz still.“ DER DEBATTE Im Umgang mit Diskriminierungen sind sich die Schwestern einig: ,,Das hat Aussagen, die heute in der medialen uns nur angespornt“, erzählt Dina Orsch- Öffentlichkeit nur noch schwer vorstellmann: ,,Jeder sollte akzeptieren, dass ich bar sind: ,,Es hat sich ganz schön was auch Fußball spielen will, genau wie jeder bewegt, wenn wir überlegen, wo wir andere Mensch – egal, ob männlich oder hergekommen sind“, stellt der Sportmoweiblich!“ derator Andreas Ulrich vom Rundfunk

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Berlin-Brandenburg (rbb) fest. Das spiegelt sich in Teilen auch in der heutigen Diskussion um Frauenfußball weltweit wider. Besonders prominent wird die Bekämpfung des Gender Pay Gaps diskutiert, der Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen, die im Fußball besonders gravierend ist. Branchenübergreifend haben Frauen in Deutschland im vergangenen Jahr im Schnitt rund 21 Prozent weniger als Männer verdient, im Fußball waren es 87,5 Prozent. Das jährliche Gehalt aller Spielerinnen der sieben Top-Ligen im Frauenfußball addiert liegt Statista zufolge bei rund 37,6 Millionen Euro. Damit kommt die Summe der Gehälter hunderter Fußballerinnen nicht an das Jahresgehalt des Superstars im Männerfußball, Neymar Jr., heran: Der Brasilianer verdient Statista zufolge bei Paris Saint-Germain rund 38,69 Millionen Euro im Jahr.

FUSSBALLERINNEN KÄMPFEN FÜR GLEICHSTELLUNG Die Unterschiede bleiben auch in Ländern bestehen, in denen die Frauen weit erfolgreicher spielen als die Männer. So liegt die Frauennationalmannschaft der USA mit drei WM-Titeln und vier Olympischen Goldmedaillen beispielsweise auf Platz eins der Weltrangliste, die Männer hingegen nur auf Platz 30. Die Reaktion der US-Frauen: Sie machten 2016 mit den Hashtags „#equalplay #equalpay“ auf die Ungleichheit aufmerksam. Eine Ausnahme bezüglich des Gehalts in Nationalmannschaften stellt Norwegen dar. Dort erhalten die Frauen seit

Bild: Katja Orschmann

vergangenem Jahr für ihre Auftritte im Nationaltrikot das Gleiche wie die Männer. Deutschland ist von einem solchen Zustand noch weit entfernt; auch was die TV-Einnahmen, die Präsenz in den Medien, sowie die Sponsorengelder angeht. Eine Realität, zu der die Bundestagsabgeordnete Nicole Bauer von der FDP eine klare Meinung hat: ,,Es wird zu viel unterschieden zwischen Männerfußball und Frauenfußball“, sagt die Politikerin. Gemeinsamkeiten schaffen, ein Lösungsweg den auch ihr Bundestagskollege Stefan Schwartze favorisiert. Der SPDMann schlägt vor, eine gemeinsame Vermarktung anzustreben. In eine ähnliche Richtung argumentiert Andreas Ulrich, der vorschlägt, Frauen mit in die Sponsorenverträge der Männer zu integrieren. Bis dato sind derartige Vorschläge jedoch noch nicht auf offene Ohren gestoßen. Für Dina und Katja Orschmann ist das aber kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Sie sehen lieber das Positive: „In den letzten Jahren hat sich der Frauenfußball enorm weiterentwickelt“, lobt Katja Orschmann. Nun gelte es, diesen Weg weiterzugehen.

Lara Fabienne Hus 16, Bielefeld … hofft, irgendwann in einer Gesellschaft leben zu können, in der alle – Männer und Frauen von überall – die gleichen Chancen haben.


FRAUEN AN DIE MACHT

WIE LEBT ES SICH IN EINER GESELLSCHAFT, IN DER DIE FRAUEN DAS SAGEN HABEN? KATHARINA KÖHLER HAT SICH MIT MATRIARCHALEN GESELLSCHAFTEN VON MEXIKO BIS INDONESIEN BESCHÄFTIGT.

JUCHITÁN IST BESONDERS: HIER WIRD DIE HÄLFTE DES JAHRES GEFEIERT UND FRAUEN HABEN DAS SAGEN.

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untes Treiben und Dekorationen prä- Frauen liegt; etwa in China, Indien und gen die mexikanische Stadt Juchitán den USA. Und auch bei den Minangkabau gut die Hälfte des Jahres – so lange dauert im Westen Sumatras in Indonesien haben die Saison der Feste und Feiern. „Meist die Frauen das Sagen. Mit geschätzten steigt jeden Tag irgendwo eine Party“, sagt mehreren Millionen Anhängerinnen und die Journalistin Friederike Oertel. Sie hat Anhängern gilt dieses Matriarchat als das die Juchiteken für drei Monate besucht größte der Welt. und deren Lebensweise kennengelernt. In Juchitán existiert zudem eine Denn in Juchitán arbeiten zwar sowohl Besonderheit: Neben den biologischen Frauen als auch Männer, das Geld der ge- Männer und den biologischen Frau gibt samten Familie landet allerdings bei den es noch die Muxe und Marimacha, die Frauen. Sie sind die Familienoberhäupter. sich mit keinem der beiden Geschlechter Werden die Männer also unterdrückt? identifizieren. Auch sonst stehen die GeTatsächlich ist das Gesellschaftssy- schlechterrollen der mexikanischen Stadt stem, das landläufig als „Matriarchat“ be- zum Teil im Kontrast zu westlichen Trakannt ist, nicht einfach eine Umkehrung ditionen, wie Friederike Oertel berichtet: des Patriarchats. Wie die Ethnologin Ute „Die Frauen trinken oft sehr viel Bier und Metje im Journal Ethnologie beschreibt, sind in ihrer Ausstrahlung sehr präsent, zeichnen sich die Gemeinschaften nicht kräftig und respekteinflößend.“ Allerso sehr durch Machtansprüche, sondern dings: Die Erziehung der Kinder sowie vor allem durch die Erbfolge aus, die von die Aufgaben im Haushalt sind auch in Mutter zu Tochter verläuft. Deshalb wird Juchitán meist Frauensache. in der Forschung auch eher von matrilinearen Gesellschaften als von Matriarchaten KONSERVATIVE ROLLENBILDER gesprochen. WANDELN SICH AUCH IN

DREI GESCHLECHTER Über die ganze Welt verteilt gibt es noch weitere in sich geschlossene Gesellschaften, in denen der Besitz – und damit auch eine gewisse Macht – bei den

JUCHITÁN Juchitán kämpft mit modernen Herausforderungen. „Im Grunde sind die Rollenbilder dort auch recht festgefahren – nur eben auf eine andere Weise“, sagt Oertel. Spannungen gibt es inzwischen beson-

ders dann, wenn Lebensentwürfe aufeinanderprallen: „Die jungen Leute möchten zum Beispiel reisen oder in anderen Städten studieren und sehen dann dort, wie andere leben.“ Nicht jedes Mädchen würde später einmal den Marktstand oder das Geschäft der Mutter übernehmen wollen und auch die Muxe und Marimacha hätten inzwischen Kontakt zur globalen Queer-Gemeinschaft, wodurch möglicherweise verschiedene Selbstverständnisse aufeinanderprallen könnten. Friederike Oertel vermutet deshalb, dass sich auch die Gesellschaft in Juchitán zukünftig in Richtung Egalität entwickeln könnte: „Ich kann mir vorstellen, dass sich Juchitán verändern wird und diese strikte Einteilung nach Geschlecht sich mehr auflöst.“ Die Journalistin hat die Einwohnerinnen und Einwohner allerdings auch als sehr traditionsbewusst kennengelernt: „Besonders auf ihre Feste, Tänze und Trachten sind sie sehr stolz, das wird sicherlich fortbestehen.“ Und wie steht es nun mit der Unterdrückung der Männer? Friederike Oertel sagt dazu: „Ich glaube nicht, dass sich die Männer schlecht behandelt fühlen. Sie führen ja im Grunde auch ein ent­ spannteres Leben mit viel weniger Verpflichtungen.“ Da bei den Frauen im Regelfall, wie häufig auch im Westen, die

Bild: Friederike Oertel

Familie an erster Stelle stehe, habe der Umgang zwischen den Geschlechtern meist nur ein geringes Machtgefälle und sei eher konsensorientiert. Die Diskrepanz im Westen ist da schon deutlich höher.

Katharina Köhler 20, Berlin … findet Patriarchate uncool. Matriarchate allerdings auch. Lieber sollen alle zusammen an einem Strang ziehen.

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WARUM STEUERN EHEN STEUERN DAS SOGENANNTE EHEGATTENSPLITTING VERSCHAFFT VERHEIRATETEN PAAREN, DIE UNGLEICH VERDIENEN, ERHEBLICHE STEUERVORTEILE. JAN-MARIUS KOMOREK WOLLTE VON POLITIKERINNEN UND POLITIKERN WISSEN, INWIEFERN DIESE REGELUNG HEUTZUTAGE NOCH ZEITGEMÄSS IST.

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icht aus jeder Ehe gehen Kinder hervor, und nicht jedes Kind wächst in einer Ehe auf. Dennoch gilt nur für diese eine Form des Zusammenlebens das Ehegattensplitting, das 1957 eingeführt wurde, um Familien mit Kindern zu unterstützen. Das Verfahren ist ein Mittel zur Berechnung der Einkommenssteuer in einer Ehe. Dabei werden beide Einkommen zusammengezählt und zu gleichen Teilen einzeln versteuert, wodurch meist ein Steuervorteil entsteht. Unverheiratete Paare und Alleinerziehende genießen keine steuerlichen Vorteile. Aber wie steht es um andere Formen familiären Zusammenlebens?

NICHT ALLE PROFITIEREN Obwohl das Ehegattensplitting zunächst nicht für eingetragene Lebenspartnerschaften galt, berücksichtigt die ­ Regelung seit 2013 auch gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften und, seit ihrer Einführung 2017, auch Ehen. Der Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi (Die Linke) begrüßt das. Er beklagt jedoch, dass sich steuerliche Vergünstigungen nach wie vor auf

EIN BUND FÜRS GELD? Bild: Takmeomeo/ Pixabay

­ erheiratete Paare beschränken: „Zwei v entschließen sich, zusammenzuleben, wollen aber nicht heiraten – weder Mann und Frau, noch Mann und Mann, noch Frau und Frau. Warum werden sie steuerlich benachteiligt, nur weil ein Rechtsinstitut fehlt?“ Aber was könnte stattdessen als Grundlage dienen, um unverheiratete Paare zu unterstützen? Katrin Werner (Die Linke), familienpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, plädiert dafür, Kinder zu unterstützen: „Wir möchten eine Individualbesteuerung einführen und wollen die Kindergrundsicherung in den Mittelpunkt stellen.“ Finanziert werden solle dieses Vorhaben

durch ein geringeres Verteidigungsbudget, so Werner. Die FDP-Bundestagsfraktion dagegen hält eine grundsätzliche Überarbeitung des Steuersystems für notwendig und möchte die Mittelschicht entlasten, die verhältnismäßig hohe Steuern zahlt. Der Bundestagsabgeordnete Markus Herbrand (FDP) spricht sich für eine Unterstützung aller Verantwortungsgemeinschaften aus: „Wenn man nur Kinder als Kriterium nimmt, diskriminiert man zum Beispiel Partnerschaften ohne Kinder.“

Müttern ist primär in den Arbeitszeiten zu sehen, die immer noch nicht familienbewusst sind.“ Alleinerziehenden und unverheirateten Paaren mit Kindern fehlt zum Teil finanzielle Unterstützung. Viele ­Politikerinnen und Politiker fordern deswegen eine Überarbeitung des Ehegattensplittings, andere verteidigen das Modell nach wie vor.

REALISTISCHE AUSWIRKUNGEN Zurzeit ist der Steuervorteil bei Ehepaaren jedoch nur dann hoch, wenn die Einkommen in der Ehe stark auseinandergehen. Viele sehen darin ein Modell, das traditionelle Rollenbilder verstärkt. Der Bundestagsabgeordnete Marcus Weinberg (CDU), der leider im Zeitraum der Produktion dieses Magazins nicht persönlich erreicht werden konnte, erklärt hingegen in einer Pressemitteilung der CDU-Fraktion, das aktuelle Verfahren wirke sich nicht negativ auf die Berufstätigkeit von Frauen aus: „Eine Barriere für die Erwerbsbeteiligung von

Jan-Marius Komorek 18, Oldenburg … ist davon überzeugt, dass Vorhersagen schwer zu treffen sind, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.

ANPFIFF FÜR GLEICHBERECHTIGUNG

IMMER ÖFTER ERSCHEINEN IN DEN MEDIEN ARTIKEL ÜBER FRAUEN, DIE IN DEN MÄNNERABTEILUNGEN VON VEREINEN TÄTIG SIND. ABER WIRD DIE SPORTWELT TATSÄCHLICH GLEICHBERECHTIGTER? JASMIN BAUCH HAT MIT DER SCHIEDSRICHTERIN AYLIN ACUR GESPROCHEN.

I

m April berichteten die Medien von einer „Sensation“, als bekannt wurde, dass Inka Grings das Traineramt beim Männerregionalligisten SV 19 Straelen im Kreis Kleve nahe der niederländischen Grenze übernehmen wird. Damit führt die 40-Jährige, deren Traum eine Trainerstation in der Bundesliga ist, den Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen im Fußball fort. Eine Frau, die bereits im Oberhaus des Männerfußballs mitmischt, ist Bibiana Steinhaus. Als Schiedsrichterin hat sie auf dem Platz das Sagen über 22 Männer und ist dadurch für viele ein Idol. So auch für Aylin Acur, eine 22-jährige Nachwuchsschiedsrichterin aus Berlin. Die Studentin für öffentliche Verwaltung pfeift unter anderem die Juniorinnen-Bundesliga und die Landesliga der Männer. Nachdem sie zehn Jahre selbst Fußball gespielt hat, begann ihre Karriere als Schiedsrichterin mit 13 Jahren. Heute ist ihr Ziel, Spiele in der Herren-Bundesliga zu leiten.

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EIN VORBILD FÜR MÄDCHEN

EINE ZÄHE ENTWICKLUNG

Auf die Idee, Schiedsrichterin zu werden, brachte sie ihr Trainer. Viele sähen es gar nicht als Option, eine Tätigkeit im Fußball zu übernehmen, weil sie nicht darauf aufmerksam gemacht würden – auch das sei ein Grund, warum es wenige Frauen im Männerfußball gebe: „Ich glaube, es muss mehr an die Öffentlichkeit gebracht werden“, meint Acur. Sie sieht sich selbst als Vorbild für Mädchen, die bei ihren Spielen zugucken und denken: „Wow, eine Frau leitet das Spiel. Die hat das Sagen!“ Denn obwohl es mittlerweile einige Frauen im Herrenbereich gibt, zählen sexistische Sprüche auf dem Fußballplatz immer noch zur Tagesordnung. Doch von diesen unschönen Ausnahmen abgesehen, wurde Acur ihrer Aussage zufolge sehr gut in der „Männerwelt“ aufgenommen. Das zeige sich bis heute durch positives Feedback von Spielern nach Abpfiff. Aber auch während des Spiels seien die Reaktionen weniger aggressiv und zurückhaltender, so die Unparteiische.

Unangenehmere Erfahrungen mache sie im Frauenbereich, erzählt die 22-Jährige. Dort würden die Spielerinnen eher mal laut. Ansonsten beobachtet die Studentin beim Pfeifen von Frauen- und Herrenmannschaften, dass die sportlichen Unterschiede geringer würden. Einen Grund dafür sieht sie in der Entwicklung des Frauenfußballs, der dynamischer und populärer geworden sei. Trotz des steigenden Interesses sind die Zuschauerzahlen aber noch lange nicht mit denen der Männer vergleichbar. „Ich find‘s schade, denn die Frauen spielen auch einen richtig guten Fußball“, sagt sie. Der Unterschied wird auch in der Bezahlung sichtbar. Wenn die Deutsch-Türkin bei den Herren pfeift, bekommt sie das Zehnfache dessen, was sie bei den höherklassigen Frauen erhält. Das liege allerdings nicht nur an der Größe des Publikums, sondern auch an der geringeren Aufmerksamkeit für Frauenfußball seitens Dritter, etwa von Sponsoren.

Insgesamt bescheinigt Acur dem Fußball einen Trend hin zur Gleichberechtigung – auch wenn das noch nicht bei allen Fans angekommen sei. Kommentare wie „Frauen haben im Fußball nichts zu suchen“, höre sie auch heute noch. Das seien aber die gleichen Menschen, die auch unabhängig vom Sport behaupten würden, dass Frauen in die Küche gehörten. Denen sei ohnehin nicht zu helfen.

Jasmin Bauch 17, Altenburg … findet, dass im Fußball für alle Platz ist.


WENN DAS ZUHAUSE NICHT MEHR SICHER IST

ETWA ZEHN PROZENT DER FRAUEN IN DEUTSCHLAND ERFAHREN SCHWERWIEGENDE UND WIEDERHOLTE GEWALT IN BEZIEHUNGEN. MANCHEN BLEIBT NUR NOCH EIN AUSWEG: DIE FLUCHT IN EIN FRAUENHAUS. ELISABETH WOLF HAT RECHERCHIERT, WIE ES UM DIE SITUATION DIESER LETZTEN ZUFLUCHTSSTÄTTE IN DEUTSCHLAND BESTELLT IST.

Bild: ninocare/Pixabay

FRAUENHÄUSER BIETEN BETROFFENEN OFT DEN EINZIGEN SCHUTZ VOR GEWALT.

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ie Statistik des Bundeskriminalamtes erfasste im Jahr 2017 rund 114.000 Frauen, die Opfer partnerschaftlicher Gewalt wurden. Etwa die Hälfte der Betroffenen lebte mit dem oder der Tatverdächtigen in einem Haushalt. Die Fälle umfassen unter anderem Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Vergewaltigung – selten sogar Mord und Totschlag. Umgerechnet wird in Deutschland an jedem dritten Tag eine Frau von ihrem Ehemann, Partner oder Ex-Partner umgebracht. Das zeigt eine Studie zur Partnerschaftsgewalt, die 2017 vom Familienministerium vorgelegt wurde. Der letzte Ausweg, dieser Gewalt zu entfliehen, ist für viele Frauen, ihr Zuhause zu verlassen und sich in die Obhut eines Frauenhauses zu begeben.

SCHUTZ DURCH ANONYMITÄT Zur Aufnahme in einem Frauenhaus kommt es in der Regel bei andauernder und/oder akuter Gefahr. Entweder nehmen die Betroffenen direkt Kontakt mit einer Einrichtung auf, oder die Polizei wird gerufen und vermittelt die Frauen weiter. Sind die entsprechenden Frauenhäuser voll, vermitteln sie die Betroffenen nach Möglichkeit an eine andere Institution, erklärt Alannah Borgmeier. Sie hat selbst als Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus gearbeitet und berichtet, worauf bei der Aufnahme geachtet wird: „Meist geht es darum, die Frau aus ihrer Stadt herauszuholen. So soll verhindert werden, dass sie dem Täter begegnet.“

Neben psychosozialer Betreuung und juristischer Hilfe bieten viele Frauenhäuser Kinderbetreuung. In der Regel können die Frauen Kinder mitbringen. Jungen allerdings würden meist nur bis zum Alter von 14 Jahren aufgenommen, da sich in den meisten Institutionen keine Männer im Haus aufhalten sollten, erzählt Borgmeier. Kontakt zum Täter oder der Täterin, der/ die in vielen Fällen der zweite Elternteil ist, sei oft untersagt. Auch in der neuen Schule dürften die Kinder ihren Wohnort nicht preisgeben: Die Adresse von einem Frauenhaus sollte immer anonym bleiben.

MANGEL AN ZUFLUCHTSSTÄTTEN Doch unabhängig davon, ob die Frauen allein oder mit ihren Kindern fliehen, findet sich nicht immer sofort ein Platz in einer entsprechenden Einrichtung. Der Mangel an Zufluchtsstätten in Deutschland ist eklatant. Insgesamt fehlen etwa 4.250 Wohngelegenheiten, um die Richtlinien der Istanbul-Konvention zu erfüllen (A. d. R.: Die Istanbul-Konvention ist ein Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, das 2014 in Kraft getreten ist und 2017 vom Deutschen Bundestag ratifiziert wurde). Dabei beschränkt sich der Mangel an Plätzen nicht auf bestimmte Regionen, sondern ist in Ballungsgebieten wie im ländlichen Raum gleichermaßen zu verzeichnen. 125 Landkreise beziehungsweise kreisfreie Städte in Deutschland verfügen über gar kein Frauenhaus.

WENN FRAUENHÄUSER AN IHRE GRENZEN STOSSEN

FÖRDERUNG IN SICHT

Dass Frauen, denen Gewalt angetan wurNicht nur die räumliche Situation ist dürf- de, bislang zu wenig Versorgung zuteil tig. Häufig mangelt es auch an Personal. wurde, sieht mittlerweile offenbar auch Ein großes Problem sei oft schon die Ver- der Bund so. Einem Sprecher des Bunständigung, berichtet Alannah Borgmeier. desfamilienministeriums zufolge werden 68 Prozent der Bewohnerinnen bundesweit im Zuge des Bundesförderprogramms haben einen Migrationshintergrund. Die „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ in Sozialarbeiterin wünscht sich daher mehr diesem Jahr 6,1 Millionen Euro bereitgeDolmetscherinnen in den Einrichtungen. stellt, 2020 sollen es sogar 35 Millionen Nur so könne den Frauen die Möglich- sein. Das Programm will Wege finden, keit gegeben werden, sich zu öffnen. Ein den Zugang zum Hilfesystem zu verbesweiteres Problem ist die Finanzierung der sern und „bislang unzureichend erreichte Frauenhäuser sowie der Aufenthalte dort. Zielgruppen“ zu versorgen. Bundesweit werden zwei Drittel der Frauenhäuser durch Tagessätze finanziert. Betroffene mit ausreichendem Einkommen müssen diese selbst zahlen, andere sind gezwungen, Sozialleistungen zu beantragen. Mehr als 80 Prozent der Bewohnerinnen von Frauenhäusern sind nicht erwerbstätig. Auszubildende, Studentinnen, Geflüchtete und andere Frauen ohne den Anspruch auf Sozialleistungen können daher oft nicht in solchen tagessatzfinanzierten Einrichtungen aufgenommen werden oder müssen sich verschulden. Um dem entgegenzuwirken, solle „der Bund mehr Verantwortung übernehmen“, fordert Elisabeth Wolf Ulle Schauws, Bundestagsabgeordnete von 19, Frankenthal (Pfalz) Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied im Ausschuss für Familien, Senioren, Frauen … wird bei Politik schnell und Jugend. Mit 17 Jahren hat sie selbst laut – und hat mit der Zeitung einen Weg gebei einem Notruf für vergewaltigte Frauen funden, das Gehör ihrer gearbeitet. Für Schauws ist eins der Haupt­Mitmenschen zu schonen. probleme, dass es kein einheitliches Gesetz zur Finanzierung von Frauenhäusern gibt.

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DEB AT T E

WORTE_SUCHEN

SPRACHE IST AUSDRUCK, KREATIVITÄT UND VOR ALLEM BEGEGNUNG. ABER LADEN WIR IN EINER MÄNNER­ DOMINIERTEN SPRACHE FRAUEN NICHT VON DIESEM ZENTRALEN MOMENT DES MITEINANDERS AUS? CLARA HÜMMER ÜBER SICHTBARKEIT UND WÖRTERFINDEN. EIN KOMMENTAR

Bild: Jonas Walzberg

CLARA HÜMMER IM GESPRÄCH MIT DEM LINGUISTEN PETER EISENBERG

»sprache meint mich//mit sprache meine „Die deutsche Sprache hat so viele ich//sprache richtet mich//richtet mich zu Ansätze, Knospen, Möglichkeiten in der in worten, die mich nicht meinen//in wor- Wortbildung und auch in der Syntax, sich ten, in denen ich mich nicht finde.« in diesem Sinn zu verändern, dass man darauf vertrauen kann, dass sie das auch s ist ein Gefühl der Einsamkeit, tun wird“, kommentiert der Linguist Peter das der Linguist Lann Hornscheidt Eisenberg bei einem Gespräch im April heraufbeschwört. Und tatsächlich: 99 2019 im Paul-Löbe-Haus. Wie wir Frauen Ärztinnen und ein Arzt verschmelzen begegnen, ist seiner Ansicht nach das im Deutschen zu 100 Ärzten. Typisch Resultat einer reflektierten Ausdrucksweise, männlich konnotierte Berufe werden die sich des bereits Vorhandenen bedient. schon von Kindern oft als unerreich- Das grammatische Geschlecht habe bar eingeschätzt. Das belegt eine Stu- nichts mit dem biologischen Geschlecht die der Freien Universität Berlin, in der zu tun: Aus „lehren“ wird „der Lehrer“ den jungen Probandinnen und Proban- – eine Form losgelöst von jeglichem den entsprechende Professionen in ge- natürlichen Geschlecht. Deshalb redet schlechterneutraler Sprache beschrieben Eisenberg von „Gewalt in der Sprache“, wurden. Prompt trauten sich Mädchen von Reglementierungen und dem Raub deutlich eher zu, Berufe wie Autome- von Möglichkeiten, wenn es um die chanikerin zu ergreifen. Frauen spüren aktive, grammatikalische Veränderung des also, wie sie durch eine Lücke in der Deutschen geht. Was er zum Ausdruck deutschen Sprache fallen. Schon in den bringen möchte: Sprache ist Freiheit. Der 1980er-Jahren entwickelte sich daraus Wunsch danach ist verständlich. Doch hat die Forderung nach einer geschlechter- nicht gerade deshalb jede und jeder ein gerechten Sprache. Die Frage nach den Anrecht darauf, sich inbegriffen zu fühlen? richtigen Worten, mit denen wir jedes Individuum erreichen können, lässt uns STÜTZE VERALTETER seither nicht mehr los. STRUKTUREN

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DAS GENERISCHE FEMININUM ALS SPRACHROHR Bekannte Linguistinnen wie Luise F. Pusch meinten, die Antwort zu kennen: Der konsequente Gebrauch des generischen Femininums soll Frauen endlich sichtbar machen. „Stellen Sie sich nur einmal vor: Aus ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘ wird ‚Jede ist ihres Glückes Schmiedin‘“, schreibt sie Ende 2018 in der feministischen Zeitschrift Emma. Könnte dies der Anfang vom Ende einer männerdominierten Welt sein?

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Und wer sagt eigentlich, dass wir uns überhaupt biologischen Geschlechtern zuordnen müssen? Der „Genderismus“ will das soziologische Geschlecht in den Mittelpunkt stellen und hält übliche Kategorisierungen für überholt – sieht in ihr sogar den Ursprung eines Systems struktureller Gewalt. Dabei würden vor allem Frauen in eine Rolle gepresst, die das Medium Sprache auf brutale Weise systematisch stützt. „Es fällt schwer oder es erscheint häufig fast unmöglich, Menschen zunächst und zuerst als Menschen zu ‚sehen‘“, schreibt Lann ­Hornscheidt, Professorin für Gender Studies und Sprachanalyse an der ­Humboldt-Universität in Berlin, in dem

Buch „Exit Gender“. Frauen also sichtbar machen, indem sie keine Frauen mehr sind, sondern einfach Menschen? Eisenberg fürchtet die Auflösung unserer Sprache. Das natürliche Geschlecht als die „grundsätzlichste Klassifikation von Lebewesen überhaupt“ lasse sich nicht beseitigen – zumindest nicht ohne die gesamte Grammatik auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen. Er spricht von drohender gesellschaftlicher Unsicherheit in einer Welt ohne Geschlechterkategorien.

WER VERÄNDERT WEN? Die Einführung einer neuen, geschlechterneutralen Sprache verlangt uns eine grundlegende Entscheidung ab: Verändern wir als Gesellschaft unsere Sprache oder überlassen wir es der Sprache, uns zu verändern? Einige wollen Ersteres nicht dulden. Sprache, das ist ein „hochkomplexes, sensibles, fragiles Netzwerk“, wie es Eisenberg formuliert. Es ist ein System, in dem alles zusammenhängt, eins das andere stützt – und wenn wir einen Stein aus diesem Konstrukt herausziehen, wissen wir nicht, was passiert. Deshalb kritisiert der Linguist die aktiv Änderungswilligen, die sich zu „Herren in der Sprache erheben“. Er prangert an, dass sie Dinge abschaffen, Dinge anschaffen, die das Deutsche zerstörten und dabei „eine Spur der Verwüstung hinterlassen“. Er will den Leuten „ihren kulturellen Boden“ nicht unter den Füßen wegziehen. Denn wie reagieren wir, wenn jahrzehntelange Selbstverständlichkeit ins Wanken gerät? Auf der anderen Seite stehen die Menschen, um die es schon immer still war und es ohne eine Änderung auch bleiben wird. Denn wie schon der Philosophen Ludwig Wittgenstein schrieb: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen

meiner Welt“. Wer der Sprache lediglich die Beschreibung unserer Realität zuschreibt, der unterschätzt sie. Sprache bildet Wirklichkeit nicht nur ab, sondern reproduziert sie auch.

AUF DER SUCHE NACH LÖSUNGEN Kommunikation auf Augenhöhe ist im Kampf um Gleichberechtigung essentiell. Dafür müssen Männer es wagen, einen Teil ihrer „Macht abzugeben“, wie es die Leiterin der DudenWörterbuchredaktion, Kathrin Kunkel-Razum in einem Interview Ende 2018 gegenüber Spiegel Online auf den Punkt bringt. Es gilt, den Entwurf einer männlichen Sprachwelt zu hinterfragen. Einseitig männliche Sprachund Vorbilder stützen das strukturelle Problem der Benachteiligung der Frau, das der Feminismus im Sinne einer Gleichstellung mit allen Mitteln beseitigen will. Eine richtige Lösung, wie Frauen sprachlich sichtbar gemacht werden können, gibt es dabei noch nicht. Vielleicht endet das am Anfang zitierte Gedicht Lann Hornscheidts deshalb mit den Worten: »im ringen um w_ortungen//im nie-ankommen in w_orten, im suchen, ver_suchen.«

Clara Hümmer 20, Berlin … zog letztes Jahr von Bamberg nach Berlin und findet Reinheitsgebote für Bier besser als für Frauen.


NUMMER EINUNDZWANZIG

CAPTAIN MARVEL FLACKERT SEIT MÄRZ ÜBER DIE KINOLEINWÄNDE IN DEUTSCHLAND. DER FILM ZEIGT DIE LANG ERWARTETE SUPERHELDIN, DIE FÜR IHRE FEMINISTISCHE HALTUNG UND EINSTELLUNG IN DEN COMICS BEKANNT IST. HANNAH WOLTERS REZENSIERT DEN VERSUCH, DIE COMICS IN SPIELFILMLÄNGE UMZUSETZEN.

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aptain Marvel ist der 21. Film des Marvel Cinematic Universe (MCU) und gleichzeitig der erste mit einer Superheldin als Protagonistin. In Deutschland erschien der Science-Fiction orientierte Film mit der Oscar-Preisträgerin Brie Larson in der Hauptrolle Ende März. Die Erwartungen waren dementsprechend hoch. Doch bereits die ersten Werbeplakate deuteten an: Eine Hauptdarstellerin alleine macht einen Film noch nicht feministisch. Ein Eindruck, der sich beim Anschauen des Films bestätigte. Darin ist die unter Amnesie und wiederkehrenden Albträumen leidende Carol Danvers (Brie Larson) Teil einer Elitekampfeinheit eines fernen, hochentwickelten Planeten. Durch einen mysteriösen Zwischenfall verfügt sie über Superkräfte. Ein misslungener Einsatz sorgt dafür, dass sie unfreiwillig auf der Erde der 90er Jahre landet, wo sie dem jungen SHIELD Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) begegnet. Mit dessen Hilfe will sie ihren aufkommenden Erinnerungsfetzen nachgehen und gleichzeitig einen Krieg beenden. Es ist die standardisierte Marvel Heldengeschichte, die leider nicht einmal ein geringes Maß an Spannung erzeugt. Überraschend war lediglich die Tatsache, dass der Film ohne Liebesdrama auskommt – nicht aber die im Film enthaltenen Wendepunkte.

WESTLICHES SCHÖNHEITS­ IDEAL ANSTELLE VON INDIVIDUALITÄT Bereits auf den Filmpostern wurde die in den Comics so rebellische, gerne auch mal mit Irokesen-Frisur ausstaffierte Captain Marvel zur braven Blondine mit trendy Longbob im Latexanzug. Obwohl in den Trailern bereits klar wurde, dass auch die eigenwilligere Seite Danvers gezeigt werden würde, bleibt der Eindruck, dass ihre Figur ein Verschnitt des westlichen Schönheitsideals ist. Eine Objektifizierung der Geschlechter ist bei Marvel keine Seltenheit. Nahezu alle der männlichen Superhelden entsprechen muskelbepackten Idealen. Im Vergleich zu anderen Heldinnen aus dem Hause Marvel wird dennoch deutlich, wie bedeckt und zurückhaltend Danvers ist, denn Charaktere wie Black Widow oder Scarlet Witch zeigen deutlich mehr Haut.

CHARAKTERLICH SCHWACH, KÖRPERLICH STARK Ein großes Problem des Films stellt auch die Gestaltung Danvers' dar. So ist es nicht möglich, sich uneingeschränkt mit ihr zu identifizieren. Denn Gefühlsextreme, Schwachpunkte und Akzente, finden im Film keinen Raum. Ebenso mangelt es der

Bild: Disney/Offizielles Pressematerial

EINE SUPERHELDIN ALS IKONE DES FEMINISMUS?

Protagonistin sowohl an charakterlichen als auch körperlichen Schwächen, denn ihre Kräfte funktionieren scheinbar immer und überall. Auch im Laufe des Films durchlebt sie insgesamt keinerlei Form der charakterlichen Entwicklung, was zwar als Selbsttreue interpretiert werden kann, die Figur dadurch jedoch flach und einseitig wirken lässt. Die körperliche Verwundbarkeit, die Captain Marvel fehlt, ist dafür doppelt an ihre Gegner verteilt worden. Keiner von ihnen macht auch nur für kurze Zeit den Eindruck, auf einem Level mit ihr zu sein oder es mit ihr aufnehmen zu können. Kein Wunder, dass die Kampfszenen langweilig und kurz gehalten sind. Erst gegen Ende werden sie dank Special Effects reizvoller. Captain Marvels unbefriedigende Heldenhaftigkeit hat aber auch positive Seiten: Sie handelt kein einziges Mal leichtsinnig, überstürzt oder unbedacht, wie es ihre männlichen Kollegen oft tun. Der ohnehin geringe Raum für charakterliche Entfaltung wird Captain Marvel von starken Nebenfiguren streitig gemacht. Fury und Coulson harmonieren bestens als bereits bekanntes Team. Mit Monica Rambeau, Rambeau junior und Dr. Lawson sind drei unglaublich interessante weibliche Figuren am Start, die der Pro-

tagonistin die Show stehlen. Tatsächlich bringt auch die Katze Goose eine Menge Spaß und Witz ein, an manchen Stellen sogar mehr als die menschlichen Charaktere. Wirklich gut gemeistert wurden dafür die Sprünge zwischen Erinnerungen, Vergangenheit und Gegenwart. Nicht minder schön sind auch die zahlreichen Weltenwechsel.

SOUNDTRACK KANN FILM NICHT RETTEN Die Filmmusik ist so passend gewählt, dass schon einzelne der Lieder die Botschaft der ganzen 124 Minuten besser transportieren, als die Story selbst es vermag. Besonders Just a Girl sowie Come As You Are entfalten glücklicherweise etwas von dem Potenzial, das der Film hätte haben können, und retten somit zumindest die Endszenen. Interessant wird in Anbetracht der Schauspielerinnen und Schauspieler und Kostüme auch die Auswahl des Liedes Celebrity Skin von Hole für den Abspann, in dem genau diese oberflächlichen Schönheitsideale, die besonders durch Hollywood populär wurden, verspottet werden. Die eigentlich wertvolle Botschaft des Films „Steh einmal mehr auf als du umgeworfen wirst“ wird abseits des Soundtracks sehr einfach und plump vermittelt, wodurch sie zur bedeutungslosen Phrase verkommt.

GESTECKTE ZIELE WERDEN WEIT VERFEHLT Grundsätzlich ist die Figur Captain Marvel zu vorsichtig angesetzt, es scheint, als fürchte sich Marvel vor Kritik – besonders von weiblicher Seite. Auch wenn einzelne Reaktionen von Danvers womöglich als stark interpretiert werden können, wie beispielsweise ihr Umgang mit chauvinistischen Anmachsprüchen, so macht eine hochgezogene Augenbraue ihrerseits einen Film noch lange nicht feministisch. Insgesamt mangelt es dem Film an Frechheit, Individualität und charakterlichen Akzenten. Es handelt sich lediglich um die Vorgeschichte einer wichtigen Figur, die aber aufgrund der langweiligen Handlung nicht annähernd an Erfolge wie Black Panther anknüpfen kann.

Hannah Wolter 18, Velbert … freut sich schon auf Film Nr. 22.

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UNTERREPRÄSENTIERT? 30,9 PROZENT ALLER BUNDESTAGSABGEORDNETEN SIND FRAUEN. ABER WIE SIEHT DER FRAUENANTEIL EIGENTLICH IN DEN LANDESPARLAMENTEN AUS? HENRI MAIWORM HAT RECHERCHIERT.

Schlesw

Breme

Ni

25-29,9 30-34,9

Nordrhein-Westfalen

über 35 Prozent

Rheinland-Pfalz | 35,6 Saarland | 35,5

Baden-Württe Quellen: Heinrich Böll Stiftung, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung \\ 16


wig-Holstein | 30,1

Mecklenburg-Vorpommern | 25,3

Hamburg | 38,2

en | 34,1

Brandenburg | 36,4

iedersachsen | 27,7

Berlin | 33,1 Sachsen-Anhalt | 26,4

n | 27,6 Sachsen | 31,7

emberg | 25,9

ThĂźringen | 39,6

Bayern | 26,8 Bild: uwebeierbergen/Pixaybay, Montage: Henri Maiworm

Hessen | 33,6

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FRAUEN UNTEN, MÄNNER OBEN. ALLTAG IM JOURNALISMUS?

TROTZ ALLER GLEICHBERECHTIGUNGSDEBATTEN SIND JOURNALISTINNEN IMMER NOCH IM NACHTEIL GEGENÜBER IHREN MÄNNLICHEN KOLLEGEN. JOLINA SCHLASS STELLT DIE HEUTIGE SITUATION AUF DEN PRÜFSTAND.

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in Aufschrei ging durch die Medien, Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) Amir-Sehhi, Vorsitzende der Kommissials die „Frontal 21“-Reporterin Birte mehr als die Hälfte der Führungsposi- on Chancengleichheit und Diversity im Meier ihren Arbeitgeber ZDF verklagtionen an Frauen vergeben haben, be- Deutschen Journalisten-Verband (DJV): te. Trotz gleicher Arbeit und Erfahrung setzt zum Beispiel der Saarländische „Männer werden fachlich angegriffen. verdiene sie deutlich weniger als ihre Rundfunk nur 26 Prozent der hören Po- Journalistinnen wird in Kommentaren männlichen Kollegen. Birte Meier verliert sitionen mit Frauen. gedroht.“ Julia Krittian äußert sich folin zwei Instanzen – doch ihr Fall steht gendermaßen dazu: „Kritik gegenüber stellvertretend für nur eines von vielen Männern ist weniger emotional und IST DIE QUOTE EINE OPTION Problemen von Frauen im deutschen personalisiert.“ FÜR MEHR GLEICHBERECHTIJournalismus. Die Zukunft ist offen. Julia Krittian GUNG? Ungleiche Behandlung von Jourvermutet: „Das Ziel der Gleichberechtinalistinnen gibt es schon lange. Als die Julia Krittian, Journalistin aus dem gungsdebatte ist noch lange nicht erreicht. Schriftstellerin Louise Otto-Peters im Jahr ARD-Hauptstadtstudio schließt dies Und manchmal habe ich das Gefühl, das 1849 die erste deutsche „Frauen-Zeitung“ nicht aus: „Je älter man wird, desto Rad der Zeit dreht sich eher zurück.“ herausgab, erließ das Königreich Sachsen mehr realisiert man, dass es immer noch Bild: Jonas Walzberg im Folgejahr ein Gesetz, das Frauen die gläserne Decken und Mechanismen gibt. Herausgabe von und die redaktionelle Ich glaube, eine feste Quote oder mehr Mitarbeit in einer Zeitung verbot. Louise öffentliche Aufmerksamkeit würde der Otto-Peters umging das Verbot, indem sie WENIGER GELD, WENIGER ANERKENNUNG: Gesellschaft gut tun.“ Aber eine Quote AUCH WENN ES IMMER MEHR JOURNALISTINNEN­ ihre Zeitung im preußischen Gera weiter- GIBT, WERDEN SIE NOCH IMMER BENACHTEILIGT.­ könnte nur einen Teil der Probleme enthin erschienen ließ. schärfen während mit dem größer werHeute sind Frauen gesetzlich gleichdenden Einfluss von sozialen NetzwerJolina Schlaß berechtigt. In der Medienwelt gibt es Medienwelt in der Gesamtzahl dominie- ken längst ein neues dazugekommen ist. 16, Gardelegen jedoch immer noch Benachteiligungen. ren, tun es die Männer in den Chefetagen. Durch Twitter, Facebook & Co. entsteht … kann jetzt erfolgLaut einer Studie der Organisation Nur circa 37 Prozent der höheren Po- mehr Hass im Netz. Das stellt auch Jureich mit Schlafmangel „Worlds of Journalism“, verdienen Jour- sitionen im öffentlich-rechtlichen Rund- lia Krittian fest: „Mir wurde geschrieumgehen. nalistinnen in Deutschland 22,7 Prozent funk bekleiden Frauen. Die Verteilung ben: Dich sollte man vergewaltigen!“ weniger als ihre männlichen Kollegen. variiert jedoch sehr stark. Während Anfeindungen wie diese sind kein EinDenn obwohl die Journalistinnen in der Sender wie die Deutsche Welle und der zelfall. So sagt die J­ournalistin Minou

GLÜCKWUNSCH, SIE HABEN IHR KIND PROGRAMMIERT

MÄDCHEN TRAGEN ROSA UND SPIELEN MIT PUPPEN. JUNGS TRAGEN BLAU UND SPIELEN MIT AUTOS. EIN BLICK IN HEUTIGE KINDERZIMMER ZEIGT: JUNGEN UND MÄDCHEN WERDEN VON GEBURT AN GESCHLECHTSSPEZIFISCHE VORLIEBEN UND VERHALTENSWEISEN ZUGESCHRIEBEN UND ANERZOGEN. HANNAH KOHNEN BERICHTET.

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ake-up, rosarote Perlen zum Auf- FARBEN ENG MIT INTERESSEN „Mädchen-Sein definiert sich laut Marfädeln und „Das Mädchenbuch VERKNÜPFT keting vor allem durch nett, schlank, mit über 230 Ideen für mehr Glitzer im hübsch und angepasst sein“, sagt sie. Leben“. Sucht man auf Amazon nach „Die Farben an sich sind nicht das Von Jungen dagegen werde erwartet, „Geschenke Mädchen 10 Jahre“, erschei- Problem“, meint Almut Schnerring sich vor allem mit Technik und Wisnen all diese Vorschläge in strahlendem von der „Rosa-Hellblau-Falle“, ein senschaft zu beschäftigen. Diese geRosa. Für Jungen gibt es hingegen einen Team von Autorinnen und Autoren sellschaftlichen Normen bleiben nicht kleinen, blauen Roboter, ein Rückzie- aus Bonn, dass über Farbstereotype ohne Folgen: Auch heute ergreifen hauto mit aufgemalten Flammen und aufklären möchte. Vor dem Ersten Frauen beispielsweise vor allem sozieine kleine faltbare Drohne. Das macht Weltkrieg war ‚das kleine Rot‘, also ale Jobs, MINT-Berufe gelten als Mändeutlich: Nur bei Jungen soll Neugier auf Rosa, sogar als Symbol für Macht und nerdomäne. Abenteuer und Technik geweckt werden. Stärke noch eine Farbe für junge MänAuch der feministische Autor JoIn den sozialen Netzwerken sieht ner. „Viel größeren Einfluss hat es, chen König hat eine kritische Meinung: es nicht viel besser aus. Bei Kinderge- dass mit den Farben auch Interessen, „Jede Beschränkung auf eine bestimmte burtstagen regnet es rosa oder blaues Eigenschaften und Verhaltensweisen Rolle beziehungsweise auf eine beKonfetti. Mädchen und Jungen werden, verbunden sind“, erklärt Schnerring. stimmte Farbe ist eine Einschränkung je nach Geschlecht, in zarte Feen und Denn wenn in der Kindheit vermeint- für Kinder“, sagt der zweifache Vater. furchtlose Piraten verwandelt. Auch hier lich geschlechtsspezifische Vorlieben Er wünscht sich für seine Kinder, „dass zeigt sich: Forscherdrang für Jungen, gefördert würden, könne das Einfluss sie sich aus dem ganzen Farb- und InMake-up für Mädchen. auf den späteren Lebensweg haben. teressensspektrum das auswählen kön-

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nen, was am besten zu ihnen passt.“ Die Entscheidung für den Kauf von bestimmtem Spielzeug kann also ein ganzes Leben prägen und sollte daher sehr gut überlegt werden.

Hannah Kohnen 19, München … hat so viele Energizer hinter sich, dass es für zwei Leben reicht.


DIE VERSCHLEIERUNG DES FEMINISMUS?

MUSLIMAS, DIE SICH OFFEN ZU FEMINISTISCHEN WERTEN BEKENNEN, MÜSSEN SICH HÄUFIG RECHTFERTIGEN: FEMINISMUS UND ISLAM GEHÖREN FÜR VIELE IN DEUTSCHLAND NICHT ZUSAMMEN. LOTTE ZIEGLER HAT SICH MIT DER FRAGE AUSEINANDERGESETZT, OB SIE ZUSAMMENPASSEN.

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eit ihrer Eröffnung am 4. April erlebt die Frankfurter Ausstellung für „Contemporary Muslim Fashion“ – Mode nach muslimischen Kleidungsvorschriften – heftige Kritik. In dem feministischen Magazin EMMA erklärte etwa Seyran Ates, Rechtsanwältin und Gründerin der liberalen Ibn Rushd-GoetheMoschee in Berlin, die Veranstaltenden seien verlogene Handlangerinnen und Handlanger von Frauenunterdrückung und der Wirtschaft. Dadurch rief die Ausstellung eine Debatte hervor, in der religiöse Verschleierung grundsätzlich im Gegensatz zum Kampf für Frauenrechte gesehen wird: Unter einem Kopftuch, dem Symbol muslimischer Unterdrückung, könne keine Feministin stecken. Solche Stereotype sieht auch Riem Spielhaus kritisch. Die Professorin für Islamwissenschaften an der Universität Göttingen stellt klar: Weder Islam noch Feminismus definierten sich eindeutig, sondern würden immer kontrovers diskutiert. Dadurch entstünden diverse Feminismen und Religionsauslegungen.

DIE MUSLIMISCHE GESCHÄFTSFRAU Die Berliner Staatssekretärin für Internationales, Sawsan Chebli (SPD), berichtet zum Beispiel, sie sei in einem sehr freien Islam aufgewachsen, in dem sie keine Geschlechterdiskriminierung erkenne. Sogar eine Frau des Propheten Mohammed sei schließlich eine Unternehmerin und Kauffrau gewesen, die frei über das eheliche Vermögen verfügte. „Da kann mir keiner erzählen, dass die Frau im Islam nicht arbeiten darf!“, findet Chebli. Das gesellschaftliche Bild des Islams sei von Fanatikerinnen und Fanatikern manipuliert worden, die den Koran fehlinterpretierten und für ihre Zwecke instrumentalisierten. Unter diesen Vorurteilen verteidigt Chebli sich beinahe, dass ihre Auffassung vom Islam als „Weg ins selbstbestimmte Leben ohne Beschränkungen“ für viele „sehr naiv“ klinge. Das Aktionsbündnis muslimischer Frauen e.V. (AmF) findet, dass einige Alt-Feministinnen ihr früheres Feindbild, die Männer, nur durch ein neues ersetzt haben: Kopftuch tragende Frauen. Nach ihren Vorstellungen seien Kopftuchträgerinnen entweder Opfer von patriarchaler Gewalt oder islamischer Manipulation, also nie selbstbestimmt oder gar feministisch. Das Bündnis setzt sich daher gegen die strukturelle Benachteiligung kopftuchtragender Frauen und Mädchen ein. Es fordert altersgerechte Aufklärungs- und Hilfsangebote.

FEMINISMUS MÜSSE INTERSEKTIONAL GEDACHT WERDEN, FINDET SAWSAN CHEBLI.

ISLAMOPHOBER FEMINISMUS In der Debatte um islamischen Feminismus geht es aber nicht nur um ein liberales Religionsverständnis, sondern vielmehr um die Öffnung der Gesellschaft und des Feminismus selbst. Denn das Bild der weißen, gut ausgebildeten Feministin, das etwa Alice Schwarzer verkörpert, empfindet Chebli als anti-islamisch. Es schließe andere Frauen aus. Auch das AmF beobachtet, dass viele religiös praktizierende Muslimas sich noch immer kaum als Feministinnen identifizieren können. „Das liegt daran, dass der Begriff doch sehr mit der spezifischen, in der deutschen Geschichte wurzelnden Assoziation verbunden ist“, erklärt Gabriele Boos-Niazy vom AmF. So würden muslimische Feministinnen doppelt marginalisiert, nämlich im gesellschaftlichen und im religiösen Umfeld, bestätigt die Kulturwissenschaftlerin Ulrike Auga. Die Religionsphilosophin findet, dass islamischer Feminismus zu stark vereinfacht dargestellt wird: „Um Verkürzungen und die Gewalt eines ‚westlichen‘ Blicks zu vermeiden, ist es wichtig, die Zugänge und Selbstbezeichnungen verschiedener Autorinnen zu würdigen.“ Auga hat unterschiedliche feministische, islamische Strömungen untersucht. Einige, sagt sie,

erklärten – wie Sawsan Chebli – das Fundament des Korans sei geschlechtergerecht; andere empfänden den Koran als rein deskriptiv, nicht vorschreibend, und analysierten seine historischen Ansätze.

ÜBER DEN TELLERRAND HINAUS Wie auch immer eine Frau ihren Feminismus begründet, er muss intersektional gedacht werden – das fordern viele Aktivistinnen und Aktivisten. „Feministinnen, die nur für Frauenrechte stehen, sind für mich nicht glaubwürdig“, meint Sawsan Chebli. Stattdessen sollten sie für – und mit – anderen Minderheiten kämpfen, die diskriminiert werden: Muslimas genauso wie People of Colour, Menschen mit eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten, transsexuelle und intersexuelle Menschen. Zur Schaffung eines solchen Feminismus wünscht sich Boos-Nazy, dass alle Gruppen, die für die Selbstbestimmtheit der Frau kämpfen, über ihren jeweiligen Tellerrand hinaus größere Allianzen bilden. Gendertheoretikerin Ulrike Auga geht noch einen Schritt weiter: Sie setzt sich für die gänzliche „De-Essentialisierung“ von Religion, Geschlecht und

Bild: Jonas Walzberg

Sexualität ein. Das bedeutet, dass diese Begriffe nicht als feststehend und „natürlich“, sondern als offene Kategorien des Wissens gedacht werden. Damit lasse sich etwa Religion diskursiv verstehen als ein „Raum für Subjektformation, Handlungsmachtgewinn und gelingendes Leben oder ‚menschliches Blühen´“. Nur so könne ein Mensch in seiner Komplexität erfasst werden – und eine feministische Muslima müsste sich nicht für ihr Kopftuch rechtfertigen, sondern könnte ihren ganz persönlichen Zugang zum Feminismus leben.

Lotte Ziegler 16, München … fragt sich, warum das Wort intersektional nicht im Duden vorkommt.

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EINE STADT FÜR JEDE FRAU U-BAHN-HALTESTELLEN, UNTERFÜHRUNGEN, TUNNEL ODER KURZ: ANGSTRÄUME FÜR FRAUEN. MARLEEN UMMINGER HAT VON STEPHANIE BOCK VOM DEUTSCHEN INSTITUT FÜR URBANISTIK (DIFU) ERFAHREN, DASS SICHERHEIT NUR EINER DER VIELEN ASPEKTE VON GENDER-MAINSTREAMING IN DER STADT IST.

Bild: Jonas Walzberg

STRASSEN, DIE NACH FRAUEN BENANNT WURDEN, SIND EHER SELTEN.

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inige Orte gibt es in Berlin nicht an jeder Ecke. So sind zwei aufeinandertreffende Straßen, die nach Frauen benannt wurden, selten. Nur knapp sechs Prozent der 10.000 Straßen in Berlin tragen Frauennamen. Das ist wenig, denn rund 51 Prozent der Stadtbewohnerinnen und -bewohner sind Frauen. Es drängt sich die Frage auf, wie dieser offensichtlich ungleiche Zustand umgestaltet werden kann. Und, weitergedacht: Wie kann Frauen in ihrem alltäglichen, städtischen Leben geholfen werden?

GENDER-MAINSTREAMING IN DER STADTENTWICKLUNG

Interessen, Bedarfe und Bedürfnisse von Gruppen, die nicht so stark im Fokus stehen, gezielt in den Blick zu nehmen und umzusetzen.“ Bock ist Expertin, wenn es um Gleichberechtigung in der Stadtentwicklung geht, und hat das Konzept mitentwickelt. Gender-Mainstreaming ist in EURichtlinien verankert und umfasst alle Menschen gleichermaßen. Frauen betreffend ist vor allem das Thema Sicherheit zentral. So tragen U-Bahnhöfe, Unterführungen und Tunnel vor allem im Dunkeln dazu bei, dass Frauen sich unwohl fühlen. Beleuchtungskonzepte sowie kurze, breite Wege sind eine mögliche Gegenmaßnahme.

Stadtplanende, Expertinnen und Experten sowie Politiker und Politikerinnen MODERNE STRUKTUREN SIND haben daher bereits vor acht Jahren ein GEFRAGT Konzept mit dem Titel Gender-Mainstreaming in der Stadtentwicklung als Auch bei der Konzeption von Wohnraum Antwort entworfen. Ein moderner An- ist auf Genderaspekte zu achten. Älglizismus für ein trockenes Thema? Ste- tere Grundrisse zeigen meist ein großes phanie Bock vom Deutschen Institut für Wohnzimmer, ein kleines Kinderzimmer Urbanistik verneint das. Sie erklärt: „Das und ein mittelgroßes Elternschlafzimmer. ist ein Ansatz, bei dem es darum geht, „Es ist wichtig, diese normierten Formen

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zu hinterfragen“, erklärt Bock; mit der Gesellschaft veränderten sich auch die familiären Strukturen.

EINE WIEDERHOLUNG DER FEHLER VERMEIDEN Auch wenn das Konzept über acht Jahre alt ist, hat es laut der Wissenschaftlerin nicht an Relevanz verloren. „Das ist so ein Thema. Man weiß zwar um das Konzept, aber so richtig intensiv darüber diskutiert wird eigentlich nicht.“ Sie wünscht sich, dass bei neuen Projekten mehr Bezug auf die Genderaspekte genommen wird und damit Fehler verhindert werden, die sonst immer wieder begangen würden. Einige Städte hätten Gender-Mainstreaming auch schon gut umgesetzt, ein positives Beispiel sei Freiburg. Dort soll unter anderem mit dem Projekt „Sicherheit und Ordnung“ das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung verbessert werden: Seit 2017 wird in zusätzliche Beleuchtung für dunkle Gassen und Unterführungen investiert. Außerdem verfolgt die Stadt das Ziel, bis

2020 alle Busse und Bahnen mit Videoüberwachung ausgestattet zu haben und Frauentaxis zu fördern, in denen Frauen zu einem ermäßigten Preis oder einen Festpreis innerhalb einer bestimmten Reichweite befördert werden.

Marleen Umminger 16, Nürnberg … hält nichts von Stereotypen, verlief sich trotzdem zehnmal im Bundestag.


WENN FRAUEN THEATER MACHEN EINE FRAU IST HAUSFRAU, MUTTER UND MÖRDER? AM THEATER PROBIEREN SCHAUSPIELERINNEN UND SCHAUSPIELER ROLLEN AUS UND BRECHEN MIT KLISCHEES. CARLOTTA HARTMANN ÜBER VERALTETE FRAUENBILDER UND DIE FEHLENDE WEIBLICHE SICHT AM THEATER.

DIE SCHAUSPIELERIN AYSIMA ERGÜN RASIERT ALS WOYZECK DEN HAUPTMANN.

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a, sie zuckt noch; noch nicht? Noch häufig um Gefühle; und um Männer, für nicht? Immer noch“, ruft Woyzeck die sie sterben könnten. „Antigone bringt und sticht nochmals auf seine Geliebte sich um, Julia bringt sich um, Lady MacMarie ein. „Bist du tot! Tot! Tot!“, ruft beth wird wahnsinnig“, sagt sie. Männer er, lässt das Rasiermesser fallen und läuft hingegen sprächen auf der Bühne über weg. Die Szene aus Georg Büchners Woy- Macht, über Sein und Nichtsein – „eben zeck, in welcher der arme Soldat vom über das, was alle Menschen bewegt“, Opfer der Gesellschaft zum Mörder wird, sagt die Schauspielerin. haben seit der Uraufführung 1913 viele Diese ungleiche Rollenverteilung Männer gespielt. An der Berliner Hoch- spiegelt sich auch in den Machtverhältschule für Schauspielkunst Ernst Busch nissen am Theater wider. So machen ist Woyzeck eine Frau. „Die Freiheit, zu laut der Studie „Frauen in Kultur und entscheiden, die Freiheit, einfach zu ge- Medien“ vom Deutschen Kulturrat aus hen: Das in dieser Szene zu spielen, war dem Jahr 2016 Männer 78 Prozent der stark“, sagt die Schauspielerin Aysima Intendantinnen und Intendanten aus Ergün. und führen bei 70 Prozent der Stücke Frei sind die weiblichen Rollen Regie. Im Niedriglohnjob der Souffleuse selten, die Schauspielerinnen verkör- arbeiten dagegen 80 Prozent Frauen. Im pern. „Männer müssen stark und rati- Gegensatz dazu sind die Verhältnisse onal, Frauen sozial und sensibel sein“, bei den Absolventinnen und Absolsagt Corinna Schlicht, Literaturwissen- venten der theaternahen Studiengänschaftlerin an der Universität Duisburg- ge ausgeglichen. Die Hälfte dort sind Essen. Diese Bilder seien in der Literatur Frauen. erfunden, von der Gesellschaft reproduziert und wiederum in der Literatur WEIBLICHE AUTORINNEN verstärkt worden. „Im 18. Jahrhundert BRINGEN VIELFALT haben Schriftsteller und Philosophen wie Rousseau Geschlechterdifferenzen „Die Theaterstrukturen sind nicht zeitgestark gemacht.“ Diese hätten Frauen mäß“, sagt „Pro Quote Bühne“-Mitbeals fühlend und schamhaft dargestellt, gründerin Angelika Zacek. Frauen, die Männer als stark. Texte von Frauen, die eben meist immer noch für die Familie sich dem entgegensetzen, seien einfach zuständig seien, würden in der nicht-fanicht verbreitet worden. Und diese Ge- milienfreundlichen Theaterwelt benachschlechterrollen würden wir bis heute teiligt. An diesen Strukturen müssten reproduzieren. sie sich abarbeiten und für jeden Erfolg hart kämpfen. „Das ist nicht gerecht. Wir wollen unsere Energie wieder in die MÄNNER SPRECHEN ÜBER Kunst stecken“, so Zacek. Sie wünscht SEIN UND NICHTSEIN sich flachere Hierarchien und fordert eine Aysima Ergün, die Woyzeck-Darstellerin, gesetzlich geregelte Frauenquote am Thesagt: „Ich musste erstmal begreifen, was ater. 75 Prozent der Texte, die deutsche ich da spiele.“ In Frauenrollen gehe es Theater aufführen, seien von Männern

Bild: Tim Boultwood

geschrieben. „Mit mehr weiblichen Auto- Theater ist ein Ort, um Geschlechterrolrinnen und Regisseurinnen gäbe es auch len aufzubrechen. Das Klischee muss vielfältigere Rollenbilder“, ist sich Zacek nicht immer die erste Antwort sei, wenn sicher. Und: Die gesetzten Bilder schaden es um Rollen geht. „Wenn wir der Tatsanicht nur Frauen. „Woyzeck zerbricht che Glauben schenken, dass Geschlecht am Männlichkeitsbild der Gesellschaft“, Performance ist, sollte es uns komplett sagt Marco Damghani, der Regisseur der egal sein, wie viele Y-Chromosomen der Inszenierung an der Berliner Hochschu- Mensch hat, der Hamlet spielt“, sagt Rele für Schauspielkunst Ernst Busch. Die gisseur Marco Damghani. Die Rollen für einzige Frau aus dem Ensemble für die Frauen seien zwar inzwischen vielfältiger, Hauptrolle auszuwählen, erzählt er, habe sagt die Woyzeck-Schauspielerin, „aber er als Chance gesehen, „toxische Männ- wir sind noch lange nicht am Ziel.“ lichkeit“ zu erzählen. „Die ErwartungsFrauen kommen in einer männhaltung steigt unglaublich“, sagt Damg- lich-dominierten Theaterwelt zu kurz hani. Teile des Publikums suchten sofort – in den Rollen, die sie spielen und jenach einer Rechtfertigung, warum diese nen, die sie leben. Das Theater möchte Rolle weiblich besetzt ist. aber der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Ist es also Zeit, dass sich etwas verändert? Aysima Ergün will noch viele EINE ANDERE ART ZU KÄMPFEN Männerrollen spielen: „Ich möchte alles spielen. Ich möchte alles denken und Aber was bedeutet es überhaupt, einen alles denken können.“ Mann zu spielen? Anfangs habe sie auf das Oberflächliche, das Gehen und Sprechen, geachtet, sagt Ergün. Die Verhaltensweisen, die ihr die Gesellschaft eingetrichtert habe, wie ein Mann sein solle. „Irgendwann habe ich mir die Freiheit genommen, wie ein Mann zu denken“, sagt Ergün. „Es war spannend, mich als Frau mit diesem Männlichkeitsbild auseinanderzusetzen.“ Frauen versagten in der Literatur häufig wegen ihres Aussehens. Männlichkeit dagegen bedeute, intellektuell mitzuhalten oder gesellschaftlich eine Machtposition Carlotta Hartmann anzustreben. „Woyzeck scheitert daran, 20, Hannover aber für mich als Schauspielerin war das eine andere Art zu kämpfen“, erzählt sie. … glaubt an Hosenröcke Plötzlich sei alles im Spiel von ihr abhänfür die Gleichberechtigung. gig gewesen: „Ich musste nicht mehr hinterfragen, ob ich genug bei meinem SpielPartner bin, ob ich genug Liebe schenke.“

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VOM WUNSCH NACH ANERKENNUNG TRANS PERSONEN HABEN MIT VIELEN HÜRDEN UND VORURTEILEN ZU KÄMPFEN. ABER WIE GEHEN SIE IM ALLTAG DAMIT UM? LORENA LEICHT HAT MIT SAMI RAUSCHER ÜBER IHRE ERFAHRUNGEN GESPROCHEN.

Bild: Jona Aulepp

DAS STARRE FESTHALTEN AN GESCHLECHTSKATEGORIEN SCHADET ALLEN, FINDET SAMI RAUSCHER.

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berteuerte Kosmetikprodukte. Benachteiligung am Arbeitsplatz. Hinterherpfeifen in der Öffentlichkeit. All dies sind diskriminierende Alltagssituationen, mit denen die meisten Frauen im Alltag konfrontiert werden. Auch Sami Rauscher hat solche Erfahrungen gemacht. Darüber hinaus erfährt die 27-Jährige jedoch fast täglich noch ganz andere diskriminierende Situationen. Rauscher befindet sich nämlich in einer ganz besonderen Lage. Bei der Geburt hieß es, sie sei ein Junge. Ein Irrtum. Die gebürtige Nürnbergerin ist eine von 58 Prozent trans Personen, die sich in Deutschland laut einer EU-weiten Studie der European Agency for Fundamental Rights aus dem Jahr 2014 aufgrund ihrer Geschlechtsidentität diskriminiert fühlten. Aus Angst vor Angriffen und Belästigungen traute sich rund die Hälfte der Befragten in Europa nicht an öffentliche Orte. Ein Drittel gab an, bei der Stellensuche oder am Arbeitsplatz diskriminiert zu werden. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass trans Personen immer wieder Verletzungen ihrer Grundrechte ausgesetzt sind und belästigt und diskriminiert werden – und sogar von Gewalt betroffen sind.

AUFKLÄRUNG NOTWENDIG Gerade das Coming-out ist bei Betroffenen von Angst vor Verurteilung begleitet. Schlichte Unkenntnis sei die Ursache vieler Vorurteile gegenüber trans Personen, erklärt der fachpolitische Sprecher für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Intersexuelle (LSBTI) der FDPBundestagsfraktion, Jens Brandenburg.

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Er sagt, dass erheblicher Aufklärungsbedarf bestehe. „Solange das so ist, ist es ein großer Schritt, sich anderen anzuvertrauen“, sagt Brandenburg. Sami Rauscher bestätigt dies im Interview. Die Frage nach der eigenen Identität begleitete die 27-Jährige sehr lange. Immer wieder fragte sie sich: „Wer bin ich? Und welches Geschlecht habe ich?“ Vor etwa zwei Jahren begann sie, ihre Gefühle mit anderen zu teilen, zu Beratungsstellen zu gehen und mit anderen trans Personen darüber zu reden. Am 31. März, dem International Transgender Day of Visibility, postete sie schließlich in den sozialen Netzwerken, dass sie trans Frau sei, damit alle, die es bis dahin nicht wussten, nun Bescheid wissen. Viele stellten Nachfragen. In vielen Teilen Deutschlands gibt es allerdings kaum oder überhaupt keine Beratungsstellen, kritisiert die Bundesvereinigung Trans*. Der Verband fordert, das Recht auf angemessene Trans*-Beratung gesetzlich zu verankern.

GESCHLECHTLICHE VIELFALT IN SCHULE Auch wenn viele Vorurteile gegen trans Personen vorlägen, gebe es auch eine größer werdende gesellschaftliche Offenheit, sagt Jens Brandenburg. Er hat großen Respekt vor Menschen wie Sami Rauscher und vielen anderen. „Ich bin tief beeindruckt, wenn ich sehe, wie selbstverständlich und selbstbewusst viele junge Menschen heutzutage damit umgehen. Das hat sicher damit zu tun, dass man mittlerweile offener darüber nachdenkt und auch die Gesellschaft etwas lockerer

damit umgeht“, sagt Brandenburg. Auch wenn die Gesellschaft toleranter zu sein scheint, findet er, dass zusätzlich zu der herkömmlichen Sexualaufklärung in der Schule geschlechtliche Vielfalt thematisiert werden sollte. Sami Rauscher sagt, dass sich auch das System ändern müsse, damit Menschen wie sie weniger Diskriminierung erfahren. Für die Bundesvereinigung Trans* ist ein Schritt in die richtige Richtung, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2018 Transsexualität von der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen hat. Doch auch wenn die Gesellschaft langsam toleranter wird, gibt es weiterhin auch bürokratische Hürden. Denn wer seine Identität auch offiziell sichtbar machen möchte, der fällt nach wie vor unter das seit 1981 geltende Transsexuellengesetz. Dieses soll Menschen ermöglichen, ihre bei der Geburt festgestellte Geschlechtsidentität anzugleichen, wenn diese von ihrem anfänglichen medizinisch-formaljuristisch festgelegten Geschlecht abweicht. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Menschen sich einem aufwendigen Begutachtungs- sowie einem Gerichtsverfahren unterziehen. Laut dem Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz wurden bis 2016 etwa 27.000 Namensund Personenstandsänderungsverfahren durchgeführt. Die Bundesvereinigung Trans* vermutet, dass diese auch seither jährlich steigen. „Ich wünsche mir, dass sich die Macht verteilt und trans Personen selbstbestimmt entscheiden können“, sagt Sami Rauscher dazu. Andere sollten nicht über das Leben von trans Personen bestimmen dürfen.

Auch wenn trans Personen all diese Verfahren hinter sich haben, werden sie weiterhin mit Diskriminierung konfrontiert. Das hat Auswirkungen. Brandenburg erklärt, dass trans Personen permanent mit der Angst leben, nicht als die Person anerkannt zu werden, die sie eigentlich sind. Für die Zukunft erhofft sich der FDP-Abgeordnete deutlich mehr Aufklärung und einen offeneren Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt im Alltag. Auch Sami Rauscher sieht das so. „Wir wollen am Ende einfach gleichberechtigt sein. Und das ist nur möglich, wenn erkannt wird, dass es Gemeinsamkeiten gibt, dass die Fremdbestimmung von Geschlecht und das starre Festhalten an diesen Kategorien uns allen schadet“, sagt sie. Sie wünscht sich jedoch auch, dass es nicht nur um Einzelschicksale gehe. Es sei zwar wichtig, diese herauszustellen, um Empathie zu schaffen und zu sensibilisieren. Doch die Herausforderungen Einzelner sei nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Sie bildeten ab, was am Ende alle gleichermaßen betreffe.

Alexandra Leicht 17, Wolfsburg … wünscht sich, dass geschlechtliche Vielfalt in allen Bereichen anerkannt wird.


ARM, ÄRMER, ALTERSARM: FRAUEN IN DER RENTENFALLE

FRAUEN SIND IN DEUTSCHLAND WEIT MEHR VON ALTERSARMUT BETROFFEN ALS MÄNNER. PATRICK SIEBENROCK HAT NACH DEN URSACHEN GESUCHT UND ERKLÄRT, WIE SICH DIE ROLLENAUFTEILUNG IN HAUSFRAUEN UND FEIERABENDVÄTER AUF DIE RENTE AUSWIRKT.

Bild: StockSnap/Pixabay

VOR ALLEM RENTNERINNEN RUTSCHEN IN DEUTSCHLAND UNTER DIE ARMUTSGRENZE.

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er in Deutschland arm ist, hat laut des Statistischen Bundesamts weniger als 1.096 Euro im Monat. So hoch lag die relative Armutsgrenze im Jahr 2017. Unter dieser Schwelle sind vor allem häufig Rentnerinnen anzutreffen. Laut einer aktuellen Studie der DekaBank erhalten Frauen in Deutschland durchschnittlich 427 Euro weniger Rente als Männer, das entspricht einer Kluft von 36 Prozent. Aber woran liegt das? Und welcher Maßnahmen bedarf es, um der Altersarmut von Frauen entgegenzuwirken? Wenn man nach den Ursachen für das erhöhte Armutsrisiko sucht, „ist es notwendig, die Entstehungsgeschichte der Rente in einer Biographie zu betrachten“, so der finanzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lothar Binding. „Frauen arbeiten sehr häufig in Teilzeit und befinden sich in Minijobs oder Leiharbeit; hinzu kommt die immer noch existierende ungleiche Bezahlung zwischen Frauen und Männern. Das zusammen führt am Ende oft zu geringen Rentenansprüchen“, sagt Binding.

GROSSE UNTERSCHIEDE ZWISCHEN OST UND WEST Die schlechtere Einkommenssituation von Frauen im Alter ist in Deutschland derzeit jedoch keineswegs homogen. So ist das Nettoeinkommen von alleinstehenden Frauen im Westen nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales 230 Euro niedriger, als das der alleinstehenden Männer. Während im Osten Frauen nur 22 Euro unter den Männern liegen. „Daran erkennt man, dass

Frauen im Osten oft länger gearbeitet haben, und dort die Lohnunterschiede zu den Männern nicht so groß waren. Im Westen hingegen haben Frauen ihr Arbeitsleben oft für die Erziehung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen unterbrochen und sie mussten häufiger in Teilzeit arbeiten“, erklärt Matthias Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Die Linke.

GRUNDRENTE KÖNNTE FRAUEN HELFEN Ein Lösungsansatz, um Frauen im Alter finanziell zu stärken, könnte die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) vorgeschlagene Grundrente für Geringverdienerinnen und -verdiener sein, die Heil laut der offiziellen SPD-Website bis zum 1. Januar 2021 eingeführt haben will. Sein Konzept sieht vor, dass jede Person, die mindestens 35 Beitragsjahre erreicht hat, Anspruch auf eine Grundrente hat. Demnach würde beispielsweise eine Friseurin, die 40 Jahre auf Mindestlohnniveau gearbeitet hat, statt 513 Euro künftig 961 Euro bekommen. Dabei sollen auch Zeiten anerkannt werden, in denen Versicherte ihre Angehörigen gepflegt oder Kinder erzogen haben. Die Grundrente ist ein Vorschlag, den auch Matthias Birkwald für richtig hält: „Diese Rente ist zwar kein Wundermittel, aber im Idealfall kämen besonders Frauen nach jahrelanger Arbeit im Niedriglohnsektor ohne Bedürftigkeitsprüfung auf eine Rente in Höhe des Existenzminimums.“ Er äußert aber auch Bedenken: „Viele Frauen im Westen schaffen keine 35 Beitragsjahre.“

Seine Partei fordert deshalb, dass jeder, der mindestens 25 Jahre gesetzlich rentenversichert war und dessen Einkommen zwischen 20 und 80 Prozent des Durchschnittsentgelts lag, einen Zuschlag auf die Rente bekommt. Es gibt jedoch auch grundsätzliche Bedenken gegenüber Heils Vorschlag. Insbesondere der Plan, keine Bedürftigkeitsprüfung durchzuführen, stößt auf Kritik, da Vermögenswerte und das Einkommen des Ehepartners bei der Berechnung des Rentenanspruchs keine Rolle spielen würden. Die Berliner Rentenberaterin Sabine Schmidt beispielsweise vertritt im Interview die Ansicht, dass der Staat die Grundversorgung gewährleisten müsse, eine Grundrente nach dem Gießkannenprinzip halte sie jedoch für den falschen Ansatz. Auch beim Koalitionspartner CDU/CSU stößt das Vorhaben in den Parteireihen nicht überall auf Zustimmung. So bewertet der Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels Karl-Josef Laumann gegenüber der Rheinischen Post die Grundrente als „ungerecht“, da nicht berücksichtigt werden würde, „in welchem Umfang die Menschen gearbeitet haben“.

und Beratungsstellen. „Es ist in jedem Fall wichtig, möglichst früh mit der Altersvorsorge zu beginnen, um nicht später von den geringen Rentenansprüchen schockiert zu sein“, sagt die Rentenberaterin Sabine Schmidt. Fest steht, dass es an der Zeit ist, verschiedene strukturelle Barrieren wie unterbezahlte traditionelle Frauenberufe oder die mangelnde finanzielle Anerkennung von Erziehungs- und Pflegezeiten zu überwinden, um Frauen aus der Rentenfalle zu befreien. Für ein künftiges Rentenkonzept ist es unerlässlich, verschiedene Erwerbsbiografien und daraus resultierende Frauenrollen in unserer pluralistischen Gesellschaft differenziert zu betrachten und gewohnte Denkmuster aufzubrechen. Klar ist aber auch, dass die Gesetzgebung nur Rahmenbedingungen schaffen kann: Familienfreundliche Ideen in der Unternehmenskultur sind ebenso gefragt wie ein vorausschauendes, eigenverantwortliches Mitdenken aller Frauen bei der Altersabsicherung in ihrem individuellen Lebenskontext.

ALTERSVORSORGE FRÜHZEITIG ANFANGEN Besonders für Frauen ist empfehlenswert, sich schon während ihres Erwerbslebens mit dem Thema Rente auseinanderzusetzen. Ein aufmerksamer Blick auf die jährlichen Bescheide der gesetzlichen Rentenversicherung kann ebenso aufschlussreich sein, wie die Informationen der bundesweit kostenlosen Auskunfts-

Patrick Siebenrock 19, Heidelberg … ist jetzt bestens auf die Rente vorbereitet.

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VON FRAUEN FÜR FRAUEN

WAS LESEN EIGENTLICH FRAUEN, DIE DEN THEMEN VIELER FRAUENZEITSCHRIFTEN NICHTS ABGEWINNEN KÖNNEN? KLARA BRACHMANN WIRFT EINEN BLICK AUF DAS „STRAIGHT MAGAZINE“ UND DAS ONLINEMAGAZIN „EDITION F“ – ZWEI MEDIEN, DIE FRAUEN MEHR ALS SCHMINKTIPPS BIETEN MÖCHTEN

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ode, Diäten, Make-up- und Well- rin des „Straight Magazines“ – im Fall ­entwickelten sich aus unterschiedlichen Bereich der feministischen Medien aber ness-Tipps – Print-Magazine wie des „Straight Magazines“ mit Gender- Aspekten der Ungleichbehandlung von eine Vielfalt an Ansätzen und SchwerVogue, Brigitte oder Bild sind unter Le- Sternchen. Zum feministischen Ansatz Mann und Frau, sprechen verschiedene punkten existiert, zeigen „Edition F“ und serinnen Spitzenreiter. Das in diesen gehört auch ein vielfältiges Redaktions- Zielgruppen inmitten der weiblichen das „Straight Magazine“. zum Ausdruck gebrachte Frauenbild un- team. „Wir möchten fair sein. Diversität Hälfte der Gesellschaft hat, konzentrieWährend sich „Edition F“ als ein Zuterscheidet sich kaum und spricht vor ist uns daher wichtig“, betont Mutterer. ren sich auf Themen, Lebensbereiche hause für Frauen begreift, die ihre persönallem Lifestyle-Aspekte an: Wie kleide Das Onlinemagazin „Edition F“ hat sich und nicht das Bedienen von bestehen- liche Verwirklichung zu einem wesentich mich, wie schminke ich mich? Wo- eine Männerquote von 20 Prozent für den Rollenmustern. lichen Anteil im Job sehen, steht beim hin fahre ich in Urlaub? Frauen werden alle Beschäftigten gesetzt. Themen für Mutterer ist sich sicher, dass femi- „Straight Magazine“ der Zusammenhang darin also gerade nicht als komplexe Frauen nicht ausschließlich von Frauen nistische Ansätze in den Medien eine queerer Identität bei Frauen mit moderMenschen mit sehr unterschiedlichen beschreiben zu lassen, ist beiden Maga- Zukunft haben: „Mit uns ging auch eine ner Weiblichkeit im Fokus. So entstehen Interessen beschrieben. zinen wichtig. Welle zu anderen Medien.“ Das Thema Räume für unterschiedliche Interessen Doch der Magazin-Markt ist breiDas „Straight Magazine“ richtet habe es jenseits der Community geschafft. und auch vielfältigere Ideen davon, was ter und vielfältiger – vor allem online, sich vor allem an lesbische Frauen. Die „Es ist ja ganz wunderbar, Themen inner- Frauenthemen alles sein können. Bald aber auch der gedruckte. Zwei Beispiele, Motivation der Gründerin und Chefre- halb eines Personenkreises zu bespielen, wird es für Frauen keinen Grund mehr wie Journalistinnen und Journalisten dakteurin Felicia Mutterer, es ins Leben in dem sich alle irgendwie einig sind. Für geben, sich mit der leeren Themenhülle Frauen als eine Vielzahl von Interes- zu rufen, waren fehlende Sichtbarkeit eine gesamtgesellschaftliche Wirkung je- herkömmlicher Frauenzeitschriften zusens- und Zielgruppen betrachten und und stereotypische Darstellungen von doch muss man sich trauen, mehr Men- frieden zu geben. nicht als homogene „Fashionvictims“, Frauen in den Medien. Einen anderen schen erreichen zu wollen.“ sind „Edition F“ und das „Straight Ma- Ansatz wählten die Gründerinnen von gazine“. „Edition F“: Das Onlinemedium entstand REAKTIONEN AUF FEMINISTIals Wirtschaftsmagazin, um in einem SCHEN JOURNALISMUS von Männern beanspruchten Bereich VERSCHIEDENE Klara Brachmann weibliche Blickwinkel zu schaffen, wie Noch sieht sich feministischer JournalisFEMINISTISCHE ANSÄTZE 18, Meiningen Teresa Bücker, die zum Zeitpunkt des mus zahlreichen Anfeindungen und HassGeschlechtergerechte Sprache ist nur Interviews Chefredakteurin von Edition kommentaren ausgesetzt. So wird den … findet, dass der Kampf für Gleichberechtigung ein Aspekt, auf den die Medien Wert F war, erzählt. Medien regelmäßig vorgeworfen, dass noch lange nicht vorbei legen. „Natürlich achten wir darauf, Keines der beiden Magazine will sie Männer ausschließen. Oder sie werist. diese möglichst korrekt abzubilden“, den Anspruch erheben, Frauen als den als unnötig empfunden, weil Frauen erklärt Felicia Mutterer, Chefredakteu- Gruppe anzusprechen. Die Medien bereits gleichberechtigt seien. Dass im

DIE EINE ANTWORT GIBT ES NICHT

FEMINISMUS IST EIN THEMA, DAS POLARISIERT – SOWOHL IN DEN MEDIEN ALS AUCH IN DER POLITIK. LAURA LÖHDE HAT SICH MIT DER „DEFINITORISCHEN DEBATTE“ AUSEINANDERGESETZT UND DIE UNTERSCHIEDLICHEN MEINUNGEN ZWEIER MITGLIEDER DES BUNDESTAGES GEGENÜBERGESTELLT. WIE WIRD DER FEMINISMUS DEFINIERT? Seit den siebziger Jahren haben sich im Bereich des Feminismus ganz unterschiedliche Perspektiven und Schwerpunkte entwickelt. Die vielfältigen Verständnisse und Auslegungen erschweren es, eine einheitliche Definition zu finden. Einen gemeinsamen Grundbaustein aller Theorien und Herangehensweisen gibt es trotzdem: die Forderung nach Gleichberechtigung. So sind sich Feministinnen über alle Strömungen hinweg einig, Frauen sollen die gleichen Chancen wie Männer haben und die im Gesetz verankerten Rechte für Männer und Frauen sollen eingehalten werden. Doch welche Konsequenzen werden daraus in der Praxis gezogen?

„ICH MÖCHTE GERNE FRAU SEIN DÜRFEN.“ In der Politik gehen die Meinungen der Parteien und Abgeordneten bezüglich des Themas Feminismus und den damit

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verbundenen Forderungen zum Teil weit ­ auseinander. Dabei haben nicht nur Männer, sondern auch Frauen im Hinblick auf die aktuelle feministische Debatte eine zurückweisende Einstellung. Nicole Höchst, Mitglied des Bundestages (AfD): „Die Ideen, die jetzt fokussiert werden, teile ich nicht. Der heutige Feminismus, wie er sich für mich darstellt, bedarf einer dringenden Modernisierung.“ Die Gleichberechtigung beider Geschlechter sei für die Abgeordnete dennoch wichtig, denn wenn ein Mann den Wunsch äußere, arbeiten zu gehen, solle das auch eine Frau dürfen „ohne, dass ihr da jemand reinquatscht.“ Aber ist Nicole Höchst deswegen eine Feministin? Sie überlegt: „Also in dem Sinne, dass Frauenrechtlerinnen, echte Feministinnen, heute wertekonservativ sein müssen, ja. Aber ich bin keine von denen, die rumläuft und gegen Penetration wettert. Ich habe vier Kinder. Der Feminismus, so wie ich ihn heute wahrnehme, kämpft dafür, dass Männer und Frauen komplett gleich sind, das sind wir aber nicht. Ich möchte auch gar nicht gleich sein, ich möchte gerne Frau sein dürfen.“

GLEICHSTELLUNG IN ALLEN LEBENSBEREICHEN Josephine Ortleb, ebenfalls Mitglied des Bundestages (SPD), kämpft für Gleichstellung in allen Lebensbereichen. Sie kritisiert vor allem die ungleiche Bezahlung der Geschlechter. Ihre erste Rede im Bundestag hielt die Abgeordnete im März 2019 zum Thema „Equal Pay“. Sie kam zu folgendem Schluss: „21 Prozent weniger Lohn bedeutet 21 Prozent weniger Wertschätzung für die tagtägliche Arbeit von Frauen.“ Das sei aber nur ein Grund von vielen, warum die Politikerin den Feminismus unterstützt. Sie spricht die Rollenbilder und den Sexismus nicht nur in der Sprache, sondern auch in den Medien und in der Werbung an. „Frauen werden als Sexobjekte oder Opfer dargestellt“, erklärt sie. Damit sei sie nicht einverstanden. Das wolle sie ändern. Die Einstellungen von Höchst und Ortleb bilden nur einen kleinen Ausschnitt unzähliger Meinungen ab, die

über den Feminismus herrschen. Daher wird der Feminismus auch in Zukunft sowohl in der Medienberichterstattung als auch in der politischen Debatte kontrovers diskutiert. Aber gerade dieser anhaltende Diskurs zeigt die Relevanz des Themas.

Laura Löhde 17, Potsdam … freut sich über die spannenden Einblicke in den politischen Alltag und die journalistische Arbeit.


FEHLEN FRAUEN IN DER POLITIK?

ÜBER DEN GESUNKENEN FRAUENANTEIL IM PARLAMENT NACH DER BUNDESTAGSWAHL 2017 GAB UND GIBT ES VIELE DISKUSSIONEN. ABER WIE SEHEN DAS DIE POLITIKERINNEN UND POLITIKER SELBST? CATHARINA KUHN HAT ULLE SCHAUWS (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) UND WOLFGANG KUBICKI (FDP) GEFRAGT, WIE SIE DIE SITUATION EINSCHÄTZEN.

ZU R P E R S ON

Z UR PERS O N

U L L E S CH AU W S

W O LFG AN G K UB ICKI

ist stellvertretende Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie frauen- und queerpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages und Vorsitzender der Kommission des Ältestenrates für Bau- und Raumangelegenheiten. Beim Jugendmedienworkshop 2019 hat er die Schirmherrschaft übernommen.

Bilder: Jonas Walzberg

ZWEI POLITISCH AKTIVE, ZWEI VERSCHIEDENE MEINUNGEN: ULLE SCHAUWS, MDB (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) UND WOLFGANG KUBICKI, MDB (FDP).

SIND ZU VIELE MÄNNER IN DER POLITIK? Ich würde die Frage nicht beantworten mit „zu viele“, aber es sind definitiv zu wenig Frauen. In der Politik sollten die Geschlechter so repräsentiert sein wie in der Gesellschaft.

IST DIE FRAUENQUOTE IN DER POLITIK SINNVOLL? Die Quote ist sicher nicht schön, aber sie hilft. Und darum geht es. Denn wir haben eine strukturelle Benachteiligung für Frauen in der Gesellschaft, die in den letzten Jahrzehnten trotz verschiedener Gleichstellungsmaßnahmen immer noch besteht. Wir Grünen haben es mit unseren feministischen Wurzeln von Beginn so geregelt, dass Frauen immer mindestens die Hälfte der Mandate in den Parlamenten in Bund, Ländern oder Kommunen bekommen. Wenn das alle so machen würden, hätten wir das Problem im Bundestag also nicht. Bei uns ist festgeschrieben, dass Frauen auf allen ungeraden und geraden Listenplätzen kandidieren. Männer können auf den geraden Listenplätzen antreten. So haben wir in der Bundestagsfraktion heute mit 58 Prozent Frauenanteil den höchsten von allen Fraktionen.

WAS BRINGEN FRAUEN MIT IN DIE POLITIK, DAS MÄNNER NICHT HABEN? Ich glaube nicht, dass Frauen pauschal so sind und Männer anders. Ich erlebe oft, dass Frauen sehr in der Sache und an Ergebnissen orientiert arbeiten. Dabei spielt Teamarbeit oft eine große Rolle. Bei Männern stehen meiner Wahrnehmung nach strategische Gedankenzüge im Vordergrund. Ich kann sagen, dass Frauen sehr verlässliche Partner in der Politik sind – zum Beispiel bei Menschenrechtsfragen oder wenn es um Gerechtigkeit geht. Frauen sind zum Beispiel in der UN ganz wichtige Akteurinnen, gerade mit ihrem spezifischen Blick auf Krisengebiete und die Auswirkungen auf Menschen. Hier sind Frauen ganz entscheidend und wichtig. Ohne Frage können Frauen genauso wie Männer als politische Akteurinnen agieren. Sie bilden mehr als die Hälfte der Menschheit ab. Es sollte daher selbstverständlich sein, dass sie in der Politik entsprechend repräsentiert sind und mitgestalten. Darum ist es ein politischer Auftrag, dafür den Weg zu ebnen.

SIND ZU VIELE MÄNNER IN DER POLITIK? Nein, ich finde nur, zu wenige Frauen sind in der Politik. Das hat womöglich etwas damit zu tun, dass die Abläufe in politischen Parteien von Frauen nicht so sehr gemocht werden. Denn auch bei den Grünen, die den größten Frauenanteil haben, sind immer noch weniger als 40 Prozent weibliche Mitglieder.

IST DIE FRAUENQUOTE IN DER POLITIK SINNVOLL? Ich finde das nicht, weil die Versuche, mit Frauenquoten zu arbeiten, nicht dazu geführt haben, dass sich mehr Frauen in politischen Parteien engagieren. Man kann das bei den Grünen sehen, man kann das bei der Union sehen, die die Quote in bestimmten Landesverbänden eingeführt hat, weil sie nur Führungsrepräsentanz dokumentiert. Das scheint Frauen aber nicht so zu begeistern. Es muss also etwas anderes sein, als die Repräsentanz in Führungspositionen.

WAS BRINGEN FRAUEN MIT IN DIE POLITIK, DAS MÄNNER NICHT HABEN? Diese Frage dürfen Sie einem Mann nicht stellen, weil ich sie präzise nicht beantworten kann. Ich glaube,

dass bei der Frage „Vereinbarkeit von Beruf und Familie?“ Dinge ganz anders diskutiert werden, wenn Frauen dabei sind. Ich zum Beispiel merke an mir selbst, dass ich Themen häufig technokratisch diskutiere, es muss die ­Zuganbindung stimmen. Es müssen die Öffnungszeiten für die Kindertagesstätten so geregelt sein, dass man tatsächlich Beruf und Familie verbinden kann. Aber da habe ich festgestellt, es geht um ganz andere Dinge. Meine Töchter beispielsweise haben mir erklärt, es ist viel wichtiger, dass du dich darum kümmerst, dass die Kinder in unserer Nähe untergebracht sind. Auf so eine Idee wäre ein Mann nie gekommen, zumindest kenne ich keinen, der auf diese Idee gekommen wäre.

Catharina Kuhn 16, Saarbrücken … wünscht sich mehr junge Frauen in der Politik, damit wir nicht irgendwann einen Kanzler haben!

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FRAUEN SEHEN ROT!

BINDEN, TAMPONS UND CO. GEHÖREN FÜR DIE MEISTEN FRAUEN ZUR GRUNDAUSSTATTUNG. FÜR DIE SOZIALÖKONOMISCH SCHWÄCHEREN SIND DIE HYGIENEARTIKEL ALLERDINGS NICHT SELBSTVERSTÄNDLICH, DENN SIE KÖNNEN DEN VERMEINTLICH KLEINEN BETRAG KAUM STEMMEN. LAURA PICKL BERICHTET.

I

n Deutschland herrscht ein oft willkürliches Geflecht, was wie besteuert wird. Das müssten wir grundsätzlich überdenken. Dass Hygieneprodukte für Frauen mit 19 Prozent besteuert werden, ist nicht fair und gehört geändert“, sagt Doris Achelwilm. Die Bundestagsabgeordnete der Linken bestärkt alle Frauen, die sich in Deutschland schon lange gegen die ungerechte Besteuerung wehren. Denn: Auf Alltagsprodukte wie Lebensmittel und Bücher gilt ein ermäßigter Steuersatz von sieben Prozent. Aber warum zahlen Frauen für Tampons und Binden immer noch eine „Luxussteuer“? Ungeachtet dessen, dass die weibliche Menstruation, wie alle Frauen wissen, kein Luxus ist. Vor allem für Wohnungslose ist die monatliche Periode ein großes Problem: „Für obdachlose Frauen ist das natürlich nochmal eine besondere Situation,

wenn sie ihre Regel bekommen. Das ist VERBESSERUNG NÖTIG dann eine Woche im Monat, in der sie den Blicken der Öffentlichkeit besonders Eine Idee, die Situation dauerhaft zu verausgesetzt sind“, verdeutlicht Ortrud bessern, wäre die Verteilung von MenstruWohlwend, Pressesprecherin der Ber- ationstassen. Die Drogeriekette Rossmann liner Stadtmission. Der gemeinnützige wirbt damit, dass dieses Hygieneprodukt Verein bietet Bedürftigen die Möglichkeit „auf Dauer günstiger, umweltschonender und sich in einem „Hygienecenter“ zu wa- wiederverwendbar, im Gegensatz zu Tamschen, pflegen und „einfach mal die Tür pons und Binden, sei“. Ortrud Wohlwend hinter sich zu zumachen“, so Wohlwend. zweifelt allerdings daran, dass dieses ProWenn Frauen ihre Periode haben, erhal- dukt einen guten Lösungsansatz für obdachten sie in den Centern und in anderen lose Frauen darstellt. Die Tasse würde eher Einrichtungen der Stadtmission zudem verloren gehen; außerdem sei die Säuberung Tampons und Binden. Die meisten Hy- ohne eigenes Badezimmer zu aufwendig. gieneartikel werden der Stadtmission Auch wenn die billigste Tamponpagespendet; wenn es an ihnen mangelt, ckung im Discounter Lidl nur etwa 2,55 schaltet sie einen Spendenaufruf. „Be- Euro für 80 Stück kostet, wehren sich aufsonders bei der Hygiene helfen Frauen, gebrachte Frauen, wie Yasemin Kotra und weil sie spüren: Klar, ich kann mir das Nanna-Josephine Roloff auf Social-Mediakaufen und für mich ist das kein Pro- Plattformen weiter gegen die Luxussteuer. blem. Aber für andere eben schon“, stellt Die SPD-Bundestagsabgeordnete Wiebke Wohlwend klar. Esdar äußert Hoffnung, dass sich bald etwas

bewegt. Allerdings gibt sie, die Mitglied im Finanzausschuss des Bundestages ist, auch zu bedenken: „Wenn man die Umsatzsteuer senkt, ist zunächst der Effekt zu befürchten, dass die Unternehmen die Preissenkung nicht vollständig an die Verbraucherinnen weitergeben und sich lediglich ihr Gewinn erhöht.“ Der Kampf um die ungleiche Besteuerung ist also noch nicht zu Ende.

Laura Pickl 19, Nürnberg … hat ihre kreative Ader voll ausgelastet.

UNGEWOLLT UNGLEICH

WELTWEIT HAT SICH DER STAND DER GLEICHBERECHTIGUNG 2018 IM VERGLEICH ZUM VORJAHR LAUT WELTWIRTSCHAFTSFORUM VERSCHLECHTERT. AUCH IN DEUTSCHLAND. EMMA GRUNDMANN BERICHTET, WIE DIE LAGE AUSSIEHT UND WAS GETAN WERDEN MUSS, UM DIE UNGERECHTIGKEITEN ZU BEENDEN.

A

lle Menschen sind gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, heißt es in Artikel 3 im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Die Lebensrealität sieht jedoch anders aus. Seit der Wahl 2017 ist die Anzahl der Frauen im Bundestag gesunken. Und von einer gleichen Bezahlung der Geschlechter ist Deutschland noch weit entfernt. Laut dem Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums von 2018 ist Deutschland von Platz 12 auf Platz 14 gerutscht. Island liegt auf Platz eins, der Jemen auf Platz 149. Allerdings wird dabei nicht beachtet, dass die Länder sich auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus befinden. So liegen Länder wie der Jemen und Syrien der Studie zufolge ziemlich weit hinten, weil sie als Kriegs- und Krisenregionen kaum eine wirtschaftliche Chancengleichheit, politische Mitwirkung, ein gleiches Bildungsniveau sowie Zugang zu medizinischer Versorgung und Hygiene bieten.

MEHR FRAUEN IN DIE PARLAMENTE „Es gibt viele Gründe, warum die Gleichberechtigung hierzulande stehen geblieben ist. In Deutschland ist zum Beispiel die Anzahl der Frauen im Bundestag von 36,3 Prozent auf 31 Prozent g­esunken“,

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sagt Antje Asmus, Referentin beim Deut- geschlechterspezifischen Diskriminierung schen Frauenrat. Der Verband ist mit am Arbeitsplatz, berichtet Asmus. „Es rund 60 aktiven Frauenorganisationen kommt oft vor, dass Männer und Frauen die bundesweit größte frauen- und gleich- einen gleichen Beruf ausüben, aber stellungspolitische Interessenvertretung. Frauen deutlich weniger Lohn erhalten“, Und auch wenn es in Deutschland mit kritisiert sie. Darüber hinaus arbeiten Angela Merkel eine Staatschefin gibt, Frauen häufig in sozialen Berufen. Diese reicht dem Verband die derzeitige poli- würden oft schlechter vergütet als Berufe, tische Partizipation von Frauen nicht. Mit in denen typischerweise eher Männer täseiner Kampagne „Mehr Frauen in die tig sind, sagt Asmus. Parlamente“ möchte der Verband gegen die niedrige Frauenrate im Bundestag an- WUNSCH NACH ANERKENNUNG kämpfen. „Unser Ziel ist es, Druck auf die Verantwortlichen der Wahlrechtskommis- „Ich würde mir wünschen, dass dieser sion und den Bundestag auszuüben, um wichtige Beruf, in dem ich tätig bin, endeine Wahlrechtsreform mit paritätischen lich mehr Anerkennung bekommt“, sagt Elementen zu erreichen – sowohl für die Felicitas Grundmann. Die KrankenschweListen als auch die Direktmandate. Wir ster glaubt, dass ihr Beruf deswegen nicht wollen im Bundestag künftig genauso anerkannt sei, weil die Gesellschaft darin viele Frauen wie Männer sehen“, erklärt keinen finanziellen Profit sehe. Deswegen Asmus. Dies will der Deutsche Frauenrat sei weder in der Vergangenheit noch in unter anderem mit einer Unterschriften- der Gegenwart ins Gesundheitssystem inkampagne erreichen. vestiert worden. Ein weiteres Zeichen, warum die Auch der Deutsche Frauenrat sieht Gleichberechtigung in Deutschland wei- in der Aufwertung der als weiblich anterhin nicht vorankommt, ist der Lohnun- gesehenen Berufe durch eine bessere terschied zwischen Frauen und Männern. Bezahlung einen wichtigen Schritt. HinSo betrugen die vom Statistischen Bun- zu komme, dass Mütter oft Teilzeit arbeidesamt errechneten Bruttostundenlöh- teten oder eine längere Job-Pause machne von Frauen im Jahr 2018 17,09 Euro, ten. Danach sei es schwierig, wieder ins Männer kamen auf 21,60 Euro. Damit Berufsleben einzusteigen, und erst recht liegt die Lohnlücke in Deutschland bei 21 eine Führungsposition zu erlangen. „Es Prozent. Das liege beispielsweise an der gibt Lösungsansätze, die diese Punkte

angehen sollen. Bis jetzt wurde aber zu wenig in die Tat umgesetzt“, kritisiert Asmus. Dazu gehören für sie beispielsweise der bedarfsgerechte Ausbau der Kinderbetreuung, die Frauen mit Kind die Chance gäbe, ihre berufliche Laufbahn nicht unterbrechen zu müssen. Außerdem müsste der Staat Männer darin unterstützen, ihren Anteil an Kindererziehung und Hausarbeit zu übernehmen, z.B. mit einer Ausweitung der sogenannten Partnermonate beim Elterngeld. „Insgesamt sollen Frauen mit oder ohne Partner die Möglichkeiten haben, so zu arbeiten, dass es existenzsichernd für sie ist“, fordert Asmus.

Emma Grundmann 16, Witten … wünscht sich, dass Gleichberechtigung endlich selbstverständlich ist.


»ICH HABE DEN HAKEN BIS HEUTE NICHT GEFUNDEN« DAS ÄLTESTE GEWERBE DER WELT SIEHT SICH IMMER HÄRTERER KRITIK AUSGESETZT. TROTZDEM EXISTIEREN IN FAST JEDER GRÖSSEREN STADT BORDELLE. ROBIN FICHTNER ÜBER DIE GEDANKEN DER ESCORT SALOMÉ BALTHUS UND EINE SELTEN IN DER ÖFFENTLICHKEIT GEFÜHRTE DISKUSSION.

Bild: francescoronge/Pixabay

SALOMÉ BALTHUS SCHRIEB ALS „DAS KANARIENVÖGELCHEN“ EINE KOLUMNE BEI DER „WELT“

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chätzungen verschiedener Organi- der Frauenhilfsorganisation Terre des sationen und Institutionen zufolge Femmes. Für die Bundesverdienstkreuzgibt es in Deutschland zwischen 200 000 trägerin steht fest: „Es gibt keine gute oder und 400 000 Prostituierte. Allein daran schlechte Prostitution. Prostitution ist imzeigt sich, dass dieser Beruf kein gewöhn- mer Gewalt an Frauen.“ Deswegen setzt licher Job ist. Doch es fehlen nicht nur sich Bell seit Jahren für die Rechte von genaue Statistiken, in der Öffentlichkeit Frauen in der Sexarbeit ein und würde wird auch selten konkret über Prostituti- das Gewerbe gerne gänzlich aus Deutschon und Prostituierte berichtet. Eine, die land verbannen. Ein Lösungsansatz auf darüber spricht und schreibt, ist Klara diesem Weg stellt für sie das sogenannte Johanna Lakomy. Sie ist unter dem Pseu- „nordische Modell“ dar. In Schweden gilt donym Salomé Balthus selbst aktive beispielsweise seit 1999 ein Gesetz, das Escort-Dame und hat 2016 die Escort- vorsieht, dass der Sex-Kauf an sich illeVermittlungsagentur Hetæra gegründet, gal wird – nicht aber das Anbieten soldie sich auf ihrer Website als „exklusi- cher Dienstleistungen. Damit wolle man ver Club emanzipierter junger Frauen, Freier vom „Kauf“ abhalten und das Maß die frei und selbstbestimmt ihr Dasein an Prostitution verringern, ohne die Sexals moderne Kurtisanen genießen“ be- arbeiterinnen zu kriminalisieren, wie es schreibt. Bis vor kurzem schrieb Lakomy derzeit in vielen Ländern der Fall ist. Laaußerdem Kolumnen für die Tageszeitung komy sieht das kritisch. Das einzige, was Welt. Sie wirbt für ein Ende der pauscha- sich ändern würde, wäre ihrer Meinung len Betrachtung ihrer Branche: „Ich zum nach, dass ihr Job potenziell gefährlicher Beispiel wollte durch die Prostitution ein- werde: „Nach dem nordischen Modell ist fach nur unabhängiger werden und etwas egal, ob ein Kunde mich in mein Liebmehr Zeit haben für mein Studium und lingsrestaurant einlädt, mit mir schläft meine Abschlussarbeiten. Doch dann war und mir danach Pralinen schenkt oder es so toll, dass ich weitergemacht habe. ob dieser mich an den Haaren in ein HoIch habe den Haken bis heute einfach telzimmer schleift, um mich dort zu vernicht gefunden“, erzählt Lakomy. gewaltigen. Am Ende gäbe es dann nur noch die Kunden, die wissen, dass sie eh schon ein Verbrechen begangen haben DAS NORDISCHE MODELL und denen es dann egal ist, wie sie mich ALS LÖSUNGSANSATZ behandeln.“ Dieses Szenario möchte die Nicht nur einen, sondern unzählige Ha- selbstständige Prostituierte vermeiden. ken sieht demgegenüber Inge Bell, Un- Denn sie sei gerne Prostituierte und vor ternehmerin und Zweite Vorsitzende allem eines: „selbstbestimmt“. Auf der

Website ihrer Vermittlungsagentur wirbt sie für ihre Kolleginnen, Provision verlangt sie keine. „Des Weiteren garantieren wir auch nicht für Sex. Sondern wir werden immer für die Zeit bezahlt.“

DAS PROSTITUTIERTENSCHUTZGESETZ Eine Gesetzesänderung, wie in Schweden hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Neuerungen in der Gesetzeslage waren jedoch auch hier keine Seltenheit. So wurde beispielsweise im Jahr 2017 das Prostituiertenschutzgesetz eingeführt, das regelmäßige Gesundheitsberatungen und das Anmelden der Tätigkeit für Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern zur Pflicht macht. „Eine Frechheit“, findet Lakomy: „Es gibt sonst keinen Beruf im Bereich der Selbstständigkeit, in dem man sich registrieren muss und wo man mit ungeschultem Personal in Amtsstuben konfrontiert ist.“

das eine Farce: „Jede von uns hängt doch an ­seinem Leben und seiner Gesundheit. Aber wer kontrolliert die Kondompflicht denn? Kaum einer. Und wenn es kontrolliert wird, stürmen zwanzig Polizisten das Bordell und reißen die Männer von den Frauen weg, um nachzuschauen, ob sie Kondome tragen. Der Laden kann dann im Prinzip zumachen, denn wenn das öfter passiert, dann spricht es sich rum. Das ist Sabotage von Arbeitsplätzen.“ Auf die Frage, was sie sich denn für die Zukunft erhoffe, antwortet sie mit dem Wunsch nach einer klareren Debatte – ohne Pauschalisierung: „Jedes Opfer, das in der Prostitution von Menschenhandel betroffen ist, ist eines zu viel. Aber es gibt doch auch LKW-Fahrer, die ohne Pause durchfahren müssen. Wollen wir da jetzt das LKW-Fahren verbieten?“ Eine Analogie, die genau wie das ganze Thema, die Gesellschaft spaltet.

WUNSCH NACH EINER OFFENEN DEBATTE Bell sieht das anders. Das Prostituiertenschutzgesetz sei zwar noch nicht weitreichend genug, aber ein „guter Versuch“. Auch weil es ein Bestandteil des Gesetzes ist, Kondome zur Pflicht zu machen. So sollen Prostituierte vor den Gefahren sexuell übertragbarer Krankheiten geschützt werden. Für Lakomy ist

Robin Fichtner 20, Leipzig … wünscht sich trotz Rechts- und Linkspopulismus mehr Demokratie und Neutralität innerhalb von Politik und Medien.

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ANTIFEMINISMUS ALS KITTSTELLE IMMER WIEDER HETZEN MITGLIEDER DER NEUEN RECHTEN GEGEN MENSCHEN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND – ANGEBLICH, UM FRAUEN ZU SCHÜTZEN. ABER WELCHE ROLLE SPIELEN FRAUEN IN RECHTEN BEWEGUNGEN? SALIMA EL KURDI HAT SICH DIE KAMPAGNE 120 DEZIBEL ANGESCHAUT. DIE TRADITIONELLE FAMILIE GILT IN DER NEUEN RECHTEN ALS ERSTREBENSWERTES LEBENSMODELL.

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m Kampagnenvideo von 120 Dezibel heißt es: „Wir sind kein Freiwild, keine Sklavinnen, keine Kriegsbeute, kein Kollateralschaden. Wir sind die Töchter Europas.“ Junge Frauen schauen anklagend in die Kamera. „Mach mit und erzähle unter #120db von deinen Erfahrungen mit Überfremdung, Gewalt und Missbrauch.“ Unterlegt ist das Video mit dramatisch anschwellender Musik. 120 Dezibel ist nur eine von vielen Gruppen der Neuen Rechten, zu denen unter anderem auch PEGIDA gehört. Auf der Website von 120 Dezibel sind elf Mitglieder aufgeführt; sie alle sind Teil der Identitären Bewegung und kommen aus diversen Ortsgruppen in Deutschland und Österreich. Aufgrund der „völkisch“-orientierten Haltung der Identitären Bewegung und ihren Kontakten in die rechtsextreme Szene liegt für das Bundesamt für Verfassungsschutz auch eine rechtsextreme Bestrebung vor. Der Name 120 Dezibel ist angelehnt an die Lautstärke eines Taschenalarms, den nach Aussage der Bewegung viele Frauen inzwischen bei sich tragen, um sich so vor sexualisierter Gewalt zu schützen.

METHODE DER KAMPAGNE Drei Frauen liegen scheinbar leblos auf dem Boden. Auf ihrer Kleidung und um sie herum liegt rote Farbe, die an Blut erinnert. Im Hintergrund halten Frauen ein Banner. Auf dem Schild steht „Tote Mädchen lügen nicht.“ Zu sehen ist das Szenario auf der Website von 120 Dezibel. Die Aktion solle auf den Mord an einem Mädchen durch einen Asylbewerber aufmerksam machen, schreibt 120 Dezibel. Mit Provokationen wie dieser richtet sich die Kampagne gegen die von ihr so be-

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nannte „Ausländerkriminalität“ und „im- SCHNITTSTELLE VON ANTIFEMIportierte Gewalt“. Die Menschen, die hin- NISMUS UND RASSISMUS ter ihr stehen, machen also nicht nur auf Fälle sexualisierter Gewalt aufmerksam, Strick beschreibt, weshalb Antifeminismus sondern vor allem auf die Herkunft der mit Rassismus kombiniert werde: „AntifeTäter. minismus geht in praktisch alle B ­ ereiche der Auf den ersten Blick agieren die Gesellschaft ein und ist somit eine Kittstelle Frauen von 120 Dezibel nach feministi- für viele andere Diskriminierungsformen schen Grundsätzen. Doch sie selbst be- wie Antisemitismus, Rassismus, antimuslizeichnen sich als anti-feministisch. Was mische und auch homosexuellenfeindliche umfasst also das Frauenbild der Neuen Haltungen.“ Auch die Wunschvorstellung Rechten? der traditionellen Familie als „Keimzelle des „Im Zentrum steht das sogenann- Volkes“ wäre folglich mit den rassistischen te völkische Familienbild als Keimzelle Ansichten der Neuen Rechten zu verbinden. des Volkes“, sagt die feministische Au- Zuwanderung verhindere die Stärkung des torin, Bloggerin und Referentin Jasna „deutschen Volks“, da auch Menschen mit Strick. Frauen nähmen darin eine wich- nichtdeutschen Wurzeln Familien gründetige Rolle ein. Ihr Wert sei abhängig von ten und Kinder in Deutschland bekämen. der Fähigkeit, viele Kinder zu gebären Eine diverse deutsche Gesellschaft lehnt die und somit das deutsche Volk zu stärken. Bewegung ab. Die traditionelle Familie – Vater, Mutter, In dem Kampagnenvideo von 120 Demehrere Kinder, ein Hund – wird als das zibel zählen Frauen angebliche Fälle sexuaerstrebenswerte, wenn nicht sogar als lisierter Gewalt auf: „Ich wurde in Malmö das einzig akzeptable Lebensmodell dar- vergewaltigt. Ich wurde in Rotterdam missgestellt. Janina Bauke, Vorsitzende des braucht und in Stockholm überfallen.“ Die Informations- und Dokumentationszen- Neue Rechte nutzt das, um die Gesetzeslatrum für Antirassismusarbeit e. V. erklärt, ge anzuklagen. So sagen sie in ihrem Video: die Vertreterinnen der Bewegung gingen „Wegen eurer Zuwanderungspolitik stehen davon aus, dass sich Frauen, genetisch wir bald einer Mehrheit von jungen Mänbedingt, mehr für das Thema „Familie nern aus archaischen, frauenfeindlichen und Kinder“ interessieren müssten. Der Gesellschaften gegenüber.“ Feminismus hingegen sei in ihren Augen Sexualisierte Gewalt wird also als Argegen die angeblich natürliche Bestim- gument gegen eine offene Gesellschaft gemung der Frau gerichtet und schreibe nutzt. Täter spielen für die Bewegung nur Frauen Eigenschaften und Verantwor- dann eine Rolle, wenn sie einen Migratitungen zu, die nicht in ihrer Natur lä- onshintergrund besitzen. Die Politikwissengen. Somit verstehe sich die Neue Rechte schaftlerin Natascha Strobl geht sogar noch klar als antifeministisch und lehne bei- weiter: „Es sind genau jene, die Frauenhäuspielsweise Gender Mainstreaming, die ser zusperren wollen, Slutshaming (Frauen Verpflichtung, bei allen Entscheidungen werden für ihr sexuelles Verhalten oder ihre die unterschiedlichen Auswirkungen auf Kleidungsweise angegriffen und man redet Männer und Frauen in den Blick zu neh- ihnen hierfür Schamgefühle ein; A.d.R.) bemen, vehement ab. treiben und Täter in Schutz nehmen.

Bild: Lukas Bruess

Aber wenn es darum geht, rabiaten Rassismus zu verbreiten, dann ist jedes Mittel recht – auch sexuelle Übergriffe zu instrumentalisieren, die man, hießen die Täter Herbert, Steffen und Michael, nicht einmal wahrnehmen würde“

RECHTE STIMMUNGSMACHE Dass rechte Kampagnen wie 120 Dezibel Anklang in der Gesellschaft finden, beweisen unter anderem die Zahlen ihrer Facebook-Präsenz: 17.817 Likes und 19.034 Abonnenten. Ihre Initiatorinnen scheinen zu wissen, wie sie Menschen, vor allem auch junge Menschen, ansprechen können. Sie produzieren YouTube-Videos, planen Aktionen und initiieren Hashtags. Sie spielen nach den Regeln der heutigen Jugendkultur. Strick ist deswegen besorgt: „Nicht die realen Personen hinter 120 Dezibel sind die Gefahr, sondern vor allem ihre Methodik und die Stimmungsmache. Heutzutage braucht es keine Masse mehr, um Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen. Wichtig ist nur, genug Aufmerksamkeit von den Medien und Repräsentation in den sozialen Netzwerken.“

Salima El Kurdi 19, Hannover … findet, dass der Kampf um die Rechte der Frauen nicht instrumentalisiert werden darf, um Rassismus salonfähig zu machen.


DEB AT T E

OFFENHEIT STATT RADIKALITÄT

CELINE FRANK PLÄDIERT IN IHREM KOMMENTAR FÜR EINE ABKEHR VON FEMINISTISCHEN NARRATIVEN, DIE TEILHABE VON MÄNNERN GRUNDSÄTZLICH AUSSCHLIESSEN. EINE EINLADUNG ZU EINER GESAMTGESELLSCHAFTLICHEN BEWEGUNG. NEUE NARRATIVE

W

Foto: Jonas Walzberg

ird in Deutschland über die Geschichte des Feminismus gesprochen, fällt vor allem ein Name umgehend: Alice Schwarzer. Nicht nur, weil die wohl bekannteste deutsche Feministin seit fast 50 Jahren präsent ist, sondern auch, weil sie bis heute immer wieder mit provokanten Aussagen auffällt. Ob sie Männern erklärt, dass sie im Feminismus eine „ungewohnte, weil sekundäre Rolle“ spielen, die Einstellungen einiger Frauen als „Sklavenmentalität“ bezeichnet oder den Hass von Juden gegenüber Antisemiten auf Frauen und Männer überträgt – Schwarzers Aussagen sind gerne provozierend, oft skandalös.

DIE GESELLSCHAFT IST AUFGERÜTTELT Sicherlich waren derart radikale Aussagen im Feminismus der 70er Jahre notwendig, um die Gesellschaft aufzurütteln und auf Probleme aufmerksam zu machen. Schwarzers Rolle im Feminismus der damaligen Zeit war unbestreitbar eine wichtige und prägende. Ohne sie wären wir bezüglich Frauenrechten und Gleichberechtigung heute wohl noch nicht auf dem Stand, auf dem wir sind. Doch in der heutigen Zeit richtet sich die ­Aufmerksamkeit

SIND MÄNNER IM FEMINISMUS UNVERZICHTBAR?

durch derartige Aussagen oft nur noch auf die Person Alice Schwarzer. Die eigentlichen Themen rücken dadurch in den Hintergrund. Oft werden Leserinnen und Leser von der Radikalität und Obszönität sogar abgeschreckt.

Die Gesellschaft hat sich gewandelt und so braucht auch der Feminismus neue Narrative anstelle von plumper Provokation. Nur so kann die gesamte Gesellschaft zum Denken angeregt und zum Handeln überzeugt werden. Ein Beispiel für einen gesamtgesellschaftlich gedachten Ansatz liefert die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie in ihrem berühmten Essay „We Should All Be Feminists“. Darin fordert sie insbesondere Männer dazu auf, sich gegen Geschlechterrollen zu wehren und Stereotype aufzubrechen. Ein Wunsch, den Schwarzer so wohl nie artikulieren würde.

Schwarzer das nun gefällt oder nicht: ­ Feminismus ist nicht nur Frauensache. Männer im Feminismus sind schlichtweg unverzichtbar. Und zwar nicht nur, weil sie wichtige Positionen in der Gesellschaft innehaben oder feministische Meinungen in Männerzirkeln vertreten können, sondern vor allem, weil Männer mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Eine Gesellschaft verändern zu wollen, ohne die Hälfte der Menschen einzubeziehen, ist schlicht irrsinnig.

EIN GESAMTGESELLSCHAFTLICHER WEG Trotzdem vermutet beispielsweise der Blogger Jochen König, hinter den scharfen, scheinbar männerfeindlichen Aussagen Schwarzers schlicht ein gewisses Maß an Überdruss und eine Wut auf diejenigen Männer, „die sich nicht bewegen und so tun als hätte das ganz nichts mit ihnen zu tun. Als ob man so weitermachen könnte, wie die letzten Jahrzehnte.“­ Aber unabhängig davon, ob Alice

Celine Frank 19, Kreis Karlsruhe … meint, die Probleme des Feminismus sind von Menschenhand geschaffen. Warum sollten Menschen sie nicht lösen können?

FRUCHTFLEISCH WAS IST IHR ERSTER GEDANKE ZU FEMINISMUS?

Fotos: Jonas Walzberg

»UNABHÄNGIG«

»AUFSTIEG«

»LEGITIM«

PETRA MARTINEZ, 59, SCHWEIGEN, RELIGIONS- UND MUSIKLEHRERIN

GEORGIOS CHRYSSOS, 55, HAMBURG, GESCHÄFTSFÜHRER EINER STIFTUNG

LAURA ADEBAHR, 28, TELTOW, BÜROLEITERIN

AUF FRAUEN BEZOGEN HEISST ES, DAFÜR ZU KÄMPFEN UND AUF MÄNNER BEZOGEN, DASS EINE FRAU NIEMAND IST, DIE NUR FINANZIERT WIRD.

FEMINISMUS IST DAS BERECHTIGTE DURCHSETZEN VON GLEICHBERECHTIGUNG FÜR FRAUEN.

ES GEHT NICHT DARUM, MÄNNERN ETWAS WEGZUNEHMEN. GUTER FEMINISMUS IST, DIE FRAUEN MIT NACH OBEN ZU NEHMEN.

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Politik verstehen: mitmischen.de


F R I S CH , F R UC HTIG, S E L BS TGE P R ES S T – M IT M ACHEN @PO LIT IK O RAN G E.DE

I MPR ESSUM Diese Ausgabe von politikorange entstand während des 16. Jugendmedienworkshops im Deutschen Bundestag 2019, der vom 31. März bis zum 6. April in Berlin stattfand. Herausgeber und Redaktion: politikorange c/o Jugendpresse Deutschland e.V., Alt-Moabit 89, 10559 Berlin, www.politikorange.de

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rintmagazine, Blog und Videos: politikorange erreicht sein Publikum über viele Kanäle und steht neuen Wegen offen gegenüber. Junge, kreative Köpfe berichten in wechselnden Redaktionsteams aus einer frischen Perspektive. Ob aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft oder die kritische Begleitung von Veranstaltungen – politikorange ist mittendrin.

POLITIKORANGE – DAS MULTIMEDIUM politikorange wurde 2002 als Veranstaltungszeitung ins Leben gerufen. Rund 130 Ausgaben wurden seither produziert. Seit Anfang an gehören Kongresse, Festivals, Parteitage und Events zum Programm. 2004 kamen Themenhefte hinzu, die aktuelle Fragen aus einer jugendlichen Sichtweise betrachten. 2009 nahm politikorange Video und Blog ins Portfolio auf und präsentiert spannende Beiträge unter den Labels politikorange TV und blog.politikorange.de.

WO KANN ICH POLITIKORANGE LESEN? Gedruckte Ausgaben werden direkt auf Veranstaltungen und über die Landesverbände der Jugendpresse Deutschland e.V. verteilt. Im Online-Archiv auf politikorange.de können digitalisierte Magazine durchgeblättert und Videos aufgerufen werden. Printausgaben können kostenlos nachbestellt werden – natürlich nur, solange der Vorrat reicht. Für das Stöbern auf dem Blog genügt der Aufruf von blog.politikorange.de.

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Foto: Jonas Walzberg

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Der Moment, wenn du merkst,

picture alliance / Gerhard Ketterl / Pforzheimer Zeitung / dpa

du musst nicht alles können.

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