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NETZSPIONIERE JUNI 2015

UNABHÄNGIGES MAGAZIN ZUM 12. JUGENDMEDIENWORKSHOP IM DEUTSCHEN BUNDESTAG VOM 7. BIS 13. JUNI 2015


Foto, Titelfoto: Manuel Dietrich

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NOCHMAL TESTPILOT*IN SEIN

EDI TOR I A L Liebe Leser*innen,

WIR SIND MIT DIGITALEM FREUNDEBUCH AUFGEWACHSEN, HABEN ETLICHE KATZENVIDEOS ANGEKLICKT UND BILL KAULITZ GEGEN HATER VERTEIDIGT. DOCH DIE ZEITEN SIND VORBEI. WIR MÜSSEN DAS INTERNET NEU ENTDECKEN – ALS POLITISCHE PLATTFORM. VON ANNA SEIFERT UND SIMON GROTHE

AUFBRUCH: SOZIALE NETZWERKE KÖNNEN AUCH POLITISCH SEIN

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s hat so unschuldig angefangen. Wir haben mit Pfeiltasten die dicke, orangefarbene Maus über den Bildschirm laufen lassen und virtuell Blüten gesammelt. Haben den kleinen blauen Elefanten Pfannkuchen essen lassen. Wir, die Kinder der 90er, haben uns in SchülerVZGruppen zusammengeschlossen und uns gefreut, wenn wir Mitglied in einer „Bei 1000 Mitgliedern ist Stopp“-Gruppe waren. Haben Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz in jeder Lebenssituation verteidigt. Wir mochten seinen Stil. Ach, Kindheitserinnerungen. Die Jahre gingen ins Land. Aus Gruscheln wurde Anstupsen. Aus Plauderkasten-Testpilot*innen Kaufmaschinen für Retromoden. Wir sind älter geworden. Mit Online-Spielen und Teeniebands. Heute wissen wir, dass die NSA Daten sammelt wie wir damals die Blüten. Einige Eltern, Lehrer*innen und Politiker*innen sagen, wir sollen etwas dagegen unternehmen. Wie? Durch Hashtags? Mit Facebook-Demos? Sollen Online-Petitionen die NSA und andere Geheimdienste stoppen?

wer in SchülerVZ online war – und nicht, was gerade in der Tagesschau gezeigt wurde. Plötzlich sollen wir aufhören, Candy-Crush-Einladungen zu verschicken und stattdessen im Netz zur Online-Revolution aufrufen? Selfies von Demonstrationen gegen G7, Klimawandel und Atomkraft posten anstelle von Duckfaces? Wir sollen wirklich online Politik machen? Ja, sollten wir.

MISSVERSTANDEN?

Keine Generation vor uns hatte die Möglichkeit, sich in Sekundenschnelle mit Gleichgesinnten zu verbinden, die am anderen Ende der Welt leben. Wir können unsere Meinung zu jeder Zeit öffentlich kundtun. Wir sind die Ersten, die mit Shitstorms sogar hochrangige Politiker*innen in Bedrängnis bringen können. Wir haben das Internet missverstanden. Wir, die Digital Natives, die mit dem Netz groß geworden sind, haben es schlicht nicht als politische Plattform kennengelernt. Sondern als einen großen, DAS IST NICHT UNSER INTERNET virtuellen Spielplatz. Wir müssen wieder Testpilot*innen sein und das Web auf anFür uns war Social Media sozial. Ein dere Art und Weise entdecken. Die NaiviFreundebuch, in das wir jeden aufgenom- tätsbrille abnehmen und anpacken. Vermen haben. Auch Fremde. Ein Tagebuch, antwortung von sich zu weisen ist leicht: dem wir alles anvertraut haben, ohne „Politik? Das machen die da oben. Ich überhaupt zu wissen, was Datenschutz kann sowieso nichts verändern.“ Doch, bedeutet. Naiv? Vielleicht. Wichtig war, kannst du.

Foto: Manuel Dietrich

FARMVILLE SCHLIESSEN Nie war es einfacher, sich zu informieren: Wen will ich wählen? Worüber wird diskutiert? Wer denkt genauso wie ich? Wie kann ich mich engagieren? Du kannst deine*n Abgeordnete*n kontaktieren und befragen und die Antworten öffentlich machen. Sogar die Herausgabe von Dokumenten aus dem Bundestag kann erfragt – und wenn nötig eingeklagt – werden. Der Wahl-O-Mat hilft dir, dich im Parteiendschungel zurechtzufinden. Also: Ignorieren wir doch einfach mal die ganzen Memes und Selfies. Schließen wir Farmville und das süße Katzenvideo auf YouTube. Es ist Zeit, unsere digitale Komfortzone zu verlassen.

nicht nur die Jugendpresse und die Teilnehmer*innen des Jugendmedienworkshops waren Anfang Juni 2015 eine Woche lang im Bundestag, sondern auch Hacker*innen – zumindest virtuell: Denn just zu dieser Zeit wurde bekannt, dass unbekannte Täter*innen bei ihrem Spähangriff auf das Computernetz des Deutschen Bundestags offenbar große Mengen vertraulicher E-Mails von Abgeordneten erbeutet haben. Während wir uns also mit Abgeordneten, gestandenen Hauptstadtjournalist*innen und Expert*innen über die Digitalisierung unterhalten, wird das Computersystem des Bundestages durch einen massiven Hackerangriff gestört. Ein Zufall, der zeigt, wie wichtig die Themen Datenschutz und Digitalisierung für alle sind, die sich im Netz bewegen. Ein kritischer und reflektierter Umgang mit unseren Daten scheint das Gebot der Stunde – und Thema dieser politikorange-Ausgabe. „Netzspioniere“ lautet der Titel dieser Ausgabe, der sich aus den Begriffen Pioniere und Spionieren zusammensetzt. Eine Wortneuschöpfung, die zusammenbringt, worum es uns in diesem Heft geht: darum, was unsere Generation im vermeintlichen „Neuland“ treibt, welche Möglichkeiten sowie Gefahren die digitale Welt bietet und welche Rolle die Politik bei all dem spielt. Als Digital Natives treffen wir Netzpioniere wie Markus Beckedahl und analysieren das G10-Gesetz, das die Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses beinhaltet. Wir hinterfragen unser eigenes Verhalten im Netz und erforschen die Welt des Bewegtbildes vom klassischen Fernsehen über YouTube bis zum Livestreaming. Unsere Zeitung über die Digitalisierung wird auf Papier gedruckt – klar, dass wir uns auch diesem Thema stellen. Wir malen uns einen papierlosen Alltag aus und fragen nicht zuletzt, wie eine Welt ganz ohne Internet aussehen würde. Wir stellen uns den Leitfragen: Was treibt Pioniere im Netz an und wie ist es um die Netzspionage bestellt? Eine interessante Lektüre wünschen Dorit Kristine Arndt & Vanessa Reiber Chefredaktion

I NHA LT

»Candystorm« Claudia Roth spricht über ihre Beziehung zum World Wide Web. Seite 6

»Liebe im Netz?« Anna Seifert 16, Nürnberg Simon Grothe 19, Berlin

Zwei unserer Autor*innen haben die Dating-App Tinder ausprobiert. Seite 25

... wollen Schluss machen mit Candy Crush und Co. und losziehen, um die Welt zu verändern.

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DEB AT T E

EIN EMOJI SAGT MEHR ALS TAUSEND WORTE

VERLIEREN WIR DURCH EMOJIS DIE FÄHIGKEIT, UNS AUSZUDRÜCKEN? EINE FRAGE – ZWEI UNTERSCHIEDLICHE MEINUNGEN: RUTH ARNSKÖTTER FINDET, DASS DURCH EMOJIS DIE VIELEN MÖGLICHKEITEN DER DEUTSCHEN SPRACHE, EMOTIONEN AUSZUDRÜCKEN, NICHT GENUTZT WERDEN. CAROLIN SCHNEIDER SIEHT IN DEN BUNTEN SYMBOLEN EINE CHANCE, NEU ÜBER SPRACHE NACHZUDENKEN.

liebe dich<3.“ Mein PRO „Ich Gott, ist das oldschool.

kreatives Potential, da die Bedeutungen von Begriffen und Symbolen noch geklärt werden müssen. Natürlich verändert das unsere Sprache, aber Sprache veränderte sich schon immer. Das würde genauso gut auch ohne Emojis passieren, da mit jedem Fortschritt, mit jedem neuen Phänomen Worte hinzukommen. Seit jeher waren Menschen bei der Wortfindung sehr kreativ.

„<3“ ist ja schon fast orthografisch korrekt. Wer heute cool sein will, verwendet Emojis, diese kleinen, süßen Symbole wie das rote Herz. Es soll ausdrücken, dass das Gesagte nicht einfach nur ein Lippenbekenntnis ist, sondern wir es wirklich ernst meinen. Das ist doch eigentlich etwas Gutes, oder? Früher gab es die Unterstützung durch Bildchen in der geschriebenen NATÜRLICHER SINN FÜR Sprache nicht. Die Worte mussten mit ÄSTHETIK mehr Bedacht gewählt werden, damit Die Smileys sind ausschließlich für die der Adressat die Botschaft nicht falsch verstand. Heute können durch die bun- Verwendung im Internet gedacht. Durch ten Symbole Zeit eingespart und Miss- die rasante Verbreitung können User auch schnell neue Trends setzen. Jede*r kann verständnisse vermieden werden. Ferner eröffnen Emojis vielfältige Möglichkeiten, mitbestimmen, welche Emojis cool sind und welche nicht. Das könnten wir naum beispielsweise Ironie oder Sarkasmus türlich bewusst steuern, es passiert aber zu kennzeichnen, und trotzdem versteht jede*r, was gemeint ist. Wir können un- meistens aus dem Bauch heraus. Intuitiv entscheiden wir uns, geleitet von unserem sere Sprache online genauso gestalten natürlichen Sinn für Ästhetik, für ein Bildwie offline. chen. Wir beherrschen den Umgang mit Das ist auch nötig. Die Online-Welt dient nicht mehr nur der reinen Informa- den bunten Symbolen wie eine Muttersprationsübertragung, sondern ist eine mei- che. Emojis haben das Potential, Informatinungs- und emotionsgeladene Plattform. onen zu übermitteln. Wenn ich die Frage „Treffen wir uns Es gibt immer etwas zu diskutieren. Die heute um 18 Uhr?“ in Emojis ausdrücken ganze Community ist live dabei, wenn will, dann scheitert es schon beim Wort irgendwo etwas passiert und kann in Echtzeit von überall auf der Welt kom- „treffen“. Alle Bilder, die dafür in Frage kommen, sehen so aus, als ob ich ein Date mentieren. wolle. Die Auswahl an Emojis passt also nicht für alle Zielgruppen. Dafür sind sie SPRACHE VERÄNDERTE SICH in der Online-Welt eine Möglichkeit, EmoSCHON IMMER tionen auszudrücken, für die wir sonst keiDamit das möglich wird, sind Fremdspra- ne Worte finden würden. Offline geht das chenkenntnisse notwendig. Diese sind nicht so einfach. Da müssen wir uns die aber leider nicht immer vorhanden. So Mühe machen, die richtigen Worte zu finwerden Emojis zu einer internationalen den. Aber online können wir uns ruhig ein Sprache, da von Schneemännern bis zum wenig von den Emojis helfen lassen. Karussell alles dargestellt werden kann. Das gibt dem Wort „Sprachbild“ eine völlig neue Bedeutung: als ein tatsächliches Bild und nicht mehr nur als eine Metapher. Carolin Schneider Warum sollen Emojis uns nicht auch 16, Chemnitz zu neuen Metaphern inspirieren? Manche Zeichen sind so absurd, dass die Bedeutung … achtet auf Rechtschreierst geklärt werden muss. Ein Geldschein bung. mit Flügeln als Zeichen dafür, dass das Geld ziemlich locker sitzt – warum nicht? Die deutsche Sprache wird dadurch nicht verfallen. Die Chatsprache birgt so viel

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CONTRA

Das rote Herz, zu beschreiben. Nach und nach kommt es zu einer Herabsetzung der deutschen der schüchtern lächelnde Smiley mit den roten Wan- Sprache, die unendliche Möglichkeiten gen, die süßen Äffchen: Für jede Emoti- besitzt. Genauso schlimm ist es, dass wir, die sprachlichen Erben von Schiller und on, jede Aktion, jede Reaktion, jegliche Sportart, für Früchte, Gemüse, Wetter- Goethe, von Lessing und Kästner, dabei lagen, Gebäude, Fahnen, Pflanzen, Orte, sind, diese Sprache zu verlernen. Gleichermaßen verlernen wir, Nachrichten zu Fortbewegungsmittel – ja, für (fast) alles verstehen und zu deuten, wie sie wirklich gibt es ein Emoji. Mittlerweile sogar in verschiedenen Hautfarben. Sie sind lustig, gemeint sind. bunt und vor allem schnell verfügbar. Wie Buchstaben, Zahlen und Satzzeichen ERST NACHDENKEN, können wir sie kostenlos in unsere Tasta- DANN SCHREIBEN tur integrieren und so immer dann auf sie zugreifen, wenn wir mit dem Handy Wir haben uns inzwischen so an die ergänzenden und ersetzenden Bildchen geTexte verfassen. Also vor allem, wenn wir wöhnt, dass manche wirklich ernsthaft bemiteinander kommunizieren. Ich gebe es offen zu: Emojis erleich- troffen sind, sogar wütend werden, wenn der „Glücklich-die-Augen-Schließende“ tern die Kommunikation enorm. Anstatt uns einen mehrere Zeichen langen Ant- hinter der Verabredungsbestätigung fehlt, der „Tränenreich-Lachende“ als Antwort worttext zu überlegen, wählen wir das auf einen Witz vergessen wird oder der passende Bildchen aus. Seine Gefühle in Worte zu fassen ist nicht mehr nötig. „Fassungslos-Glupschäugige“ als ReaktiEmojis funktionieren wie ein Code, un- on auf eine traurige Nachricht ausbleibt. sere ganze Generation kennt ihre Bedeu- Andere wiederum überfordert es, eine seriöse, freundlich klingende E-Mail zu tung. Werden sie kombiniert, entstehen schreiben – ohne Lächelsmileys. ganze Geschichten. Was bleibt uns? Was bleibt dem Gegenüber? Schreiben heißt Notiz nehmen. VERKÜRZTE KOMMUNIKATION Sich Zeit nehmen. Interesse zeigen. Kurz Vermeintlich gewinnen wir Zeit. Durch überlegen, wie man antwortet. Nachzudie fortschreitende Digitalisierung haben denken, welche Intention der Text versich die Kommunikationswege verkürzt. folgt. Sagt ein Emoji wirklich mehr als Aus einem Brief wurde ein Telegramm. tausend Worte? Und was steht zwischen Aus einem Telegramm ein Telefonat. Aus den Zeilen? einem Telefonat eine SMS. Aus einer SMS eine WhatsApp-Nachricht. Und aus einer WhatsApp-Nachricht ein Emoji? Alles wird kürzer und schneller, das gesamte Alltagsleben verändert sich durch die Digitalisierung. Aber muss es auch die Kommunikation sein? Was ist uns diese gewonnene Zeit wert? Können wir ein einzelnes Zeichen, unendliche Interpretationsmöglichkeiten mit einer persönlichen, geschriebenen Nachricht gleichsetzen? Sagt ein Emoji wirklich mehr als Ruth Alice Arnskötter tausend Worte? 19, Bad Kreuznach Nein. Was wir an Zeit gewinnen, verlieren wir an Sprache. Weil wir al… hat fünf Tageszeitungen les – ob Erlebnisse oder Emotionen – abonniert – aber auf Twitter. möglichst kurz in Bildern oder auch in Hashtags ausdrücken wollen, verlieren wir mehr und mehr die Fähigkeit, unsere Gefühle selbst mit eigenen Worten


STILLES POSTING

REDEN IST SILBER, SCHWEIGEN IST GOLD! SPD-POLITIKERIN RITA HAGL-KEHL, 44, SITZT ALS ABGEORDNETE IM AUSSCHUSS FÜR VERKEHR UND DIGITALE INFRASTRUKTUR IM BUNDESTAG. EIN STUMMES INTERVIEW ÜBER DEN DIGITALEN ALLTAG, EDWARD SNOWDEN UND DIE VORRATSDATENSPEICHERUNG. VON ALAIDA HOBBING

Alaida Hobbing 17, Hamburg ... verschlüsselt ihre Nachrichten auf WhatsApp durch Rechtschreibfehler.

Fotos: Samuel Grösch

WAS IST IHRE LIEBLINGSAPP?

IHR ULTIMATIVES SELFIE-GESICHT…

IHRE MEINUNG ZUR VORRATSDATENSPEICHERUNG?

ASYL FÜR SNOWDEN IN DEUTSCHLAND?

LESEN SIE DIGITAL- ODER PRINTMEDIEN?

SIND IHRE DATEN SICHER?

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Z UR PERSON CLAUDIA R OTH Seit 2013 ist Claudia Roth Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Davor war sie mehrere Jahre eine von zwei Bundesvorsitzenden der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Schwerpunkte ihrer politischen Arbeit sind das interkulturelle Zusammenleben und der Schutz von Minderheiten.

Foto: Samuel Grösch

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»DER CANDYSTORM WAR DAS BEWEGENDSTE, WAS ICH IM NETZ ERLEBT HABE.« STÜRMISCHE ZEITEN

CLAUDIA ROTH MAG KEINE E-CARDS, ABER SIE SCHÄTZT DIE REVOLUTIONÄRE KRAFT SOZIALER NETZWERKE. MIT DOMINIK LAMBERTZ, CAROLINE BERNERT UND RUTH ARNSKÖTTER HAT DIE VIZEPRÄSIDENTIN DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES ÜBER DIGITALISIERTE DEMOKRATIE, NAIVE POLITIKER*INNEN UND IHRE GANZ PERSÖNLICHEN WEB-ERLEBNISSE GESPROCHEN. FRAU ROTH, HABEN SIE HEUTE SCHON WAS AUF FACEBOOK GEPOSTET? Nein. Wir haben aber heute im Büro schon darüber geredet, weil ich mich bei Herrn Weinzierl, dem Trainer des FC Augsburg, dafür bedanken möchte, dass er nicht zu Schalke geht. Das hat mich so gefreut – ich bin ja bekennender FCA-Fan.

VOR ZWEIEINHALB JAHREN SPIELTEN SIE MIT DEM GEDANKEN, DEN PARTEIVORSITZ ABZUGEBEN. DIE VERÖFFENTLICHUNG IHRER ENTSCHEIDUNG BEWIRKTE EINEN SOGENANNTEN „CANDYSTORM“. HÄTTEN SIE IHRE AKTUELLE POSITION HEUTE INNE, WENN ES DIESEN CANDYSTORM NICHT GEGEBEN HÄTTE?

organisieren. Man kann jetzt viel leichter Bewegungen organisieren und zwar weit über die lokale Ebene hinaus. Das ist erst mal gut. Für eine Partei stellen sich aber auch gewisse Anforderungen. Parteien müssen sich öffnen und im Netz Demokratie organisieren lernen. Das muss dann mehr sein als nur eine Abstimmung. Grundsätzlich finde ich E-Voting gut. Die Frage ist nur, wie man dabei den Datenschutz und den Schutz des Wahlergebnisses organisiert und auch garantiert. Denn wie schnell ein solches System manipulierbar ist und gehackt werden kann, das können wir ja gerade im Bundestag gut beobachten.

IN DER TÜRKEI GAB ES PROTESTE GEGEN DEN REGIERUNGSCHEF, NACHDEM DIESER UNTER ANDEREM DAMIT DROHTE, BESTIMMTE SOZIALE NETZWERKE ZU SPERREN ODER ZU VERBIETEN. INWIEFERN VERDEUTDas ist natürlich sehr viel Spekulation. Aber diese Er- LICHT DAS DEN STELLENWERT DES INTERfahrung war sehr berührend und motivierend. Candys- NETS FÜR DIE HEUTIGE DEMOKRATIE?

torm – das gab es ja wirklich zum ersten Mal. Es war für mich bis dahin unvorstellbar, in einer solchen Situation zu erleben, wie viele Menschen über das Netz bei mir sind. Ich kenne natürlich Shitstorms, aber ich habe eben auch das Gegenteil erlebt: Zustimmung, Solidarität und Zusammengehörigkeitsgefühl. Das war sicher nicht allein ausschlaggebend für meine Entscheidung damals, aber es hat einen richtigen Kick gegeben und war daher mit wesentlich dafür verantwortlich, dass ich erneut kandidiert habe. Dieser Candystorm war so ziemlich das Bewegendste, was ich jemals im Netz erlebt habe.

SEIT 2005 HABEN DIE BÜRGER*INNEN IN ESTLAND DIE MÖGLICHKEIT, IHRE WAHLSTIMME PER E-VOTING IM INTERNET ABZUGEBEN. WAS DENKEN SIE: WELCHE CHANCEN BIETET DIE DIGITALISIERUNG HINSICHTLICH DER STÄRKUNG DER DEMOKRATIE IN DEUTSCHLAND?

Erdogan hat das nicht nur angedroht, sondern immer wieder auch getan. Es gab vor der Wahl Zensur in der Türkei und es wurden Leute verfolgt, die im Internet aktiv sind. Die Gegenbewegung zur Regierung der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) hat ja davon gelebt, dass sie sich schnell durchs Netz austauschen konnte. Jetzt hat mit der HDP (Demokratische Partei der Völker) eine moderne, junge Partei viele Sitze im Parlament gewonnen, die die Jugendlichen anspricht und sehr europäisch auftritt. Diese Pluralisierung in der Türkei muss auch von uns unterstützt werden – auf allen Ebenen, damit die Türkei wieder auf einen demokratischen und rechtstaatlichen Weg kommt. Das gute Wahlergebnis für die HDP ist auch eine Art Aufbruch. Da geht es auch um die Verantwortung der globalen Netzcommunity, diese Leute jetzt nicht alleinzulassen, wenn zum Beispiel tagelang das Internet nicht funktioniert oder bestimmte Seiten nicht aufrufbar sind. Hier gilt es, auch international mitzuhelfen und zu protestieren, um Solidarität zu demonstrieren.

Bei einer Veranstaltung, zu der ich im Anschluss gehe, werde ich zum Beispiel über Menschenrechte reden: Wie INWIEFERN UNTERSCHEIDEN SICH DIE kann man Menschenrechte verbindlicher machen? Wie „DIGITAL NATIVES“ VON DEN „DIGITAL IMMIkann man Menschenrechtsverletzungen deutlicher ver- GRANTS“? UND WIE BEWERTEN SIE DIE AKfolgen oder sanktionieren? TUELLE AUSEINANDERENTWICKLUNG DER Da spielt das Internet natürlich eine riesengroße Rolle. Wenn gerade weltweit eine Kampagne um men- GENERATIONEN? schenrechtsfeindliche Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie startet, dann wird deutlich, welche Kraft in Ich glaube, die ist wirklich vorhanden. Das sehen wir akeiner solch globalen Aktion steckt. Das Netz ist sehr hilf- tuell hier im Bundestag: Wir haben diesen Cyber-Angriff, reich, wenn es darum geht, globale Bürgerinitiativen zu der nicht zu unterschätzen ist. Aber die Dimension da-

von und was das überhaupt bedeutet, das begreifen nur wenige. Ich höre immer wieder: Was soll ich denn jetzt machen? Und was ist mit den Sticks? Und warum soll ich das Passwort austauschen? Auch diese Unbekümmertheit von vielen. Man sagt ja immer: Ach, die naiven Jungen, die ihre Fotos von der Party da reinsetzen. Die wissen ja gar nicht, was damit passiert. Das sind aber nicht nur die 13-jährigen Mädchen und Jungs, die Partybilder posten – private Bilder posten auch Parlamentarier im Bundestag, also die Gesetzgeber. Ich glaube aber trotzdem, es tut euch, den „Natives“, ganz gut, die Perspektive der „Immigrants“ nicht außer Acht zu lassen.

WORAN DENKEN SIE DABEI KONKRET? Es ist ein blödes Beispiel, aber ich kann es überhaupt nicht ab, an Weihnachten E-Cards zu bekommen. Absolut unpersönlich. An Weihnachten geht es für mich um den Aspekt, sich Zeit für andere zu nehmen und selbst ein paar Zeilen zu schreiben.

Ruth Arnskötter 19, Bad Kreuznach Dominik Lambertz 16, Köln Caroline Bernert 19, Leipzig ... stehen total auf digitale Kommunikation, stellen ihre WhatsAppGruppen aber lieber auf stumm.

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DIGITAL DURCHSTARTEN

ARBEITEN AUF SITZSÄCKEN, AFTER-WORK-AKTIVITÄTEN, KOLLEG*INNEN, DIE FREUND*INNEN WERDEN SOLLEN: WIE START-UPS IHRE STANDORTE ZU WOHLFÜHLOASEN UMBAUEN – UND ERFOLG HABEN. VON LARA RENDER UND VIVIENNE SOPHIE SCHARFF

Foto: Samuel Grösch

BANKAUTOMAT 2.0: START-UPS PROFITIEREN VOM DIGITALEN GELDFLUSS

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rinnerst du dich noch an deinen letzten Einkauf? Hast du vielleicht im Restaurant ein Essen mit Kreditkarte bezahlt oder eine Hose in deiner Lieblingsboutique in bar? Das könnte sich ändern. Von der Bestellung deines nächsten Wocheneinkaufs, über Kleidung bis hin zu Dienstleistungen wie eine Beratung für deine Bewerbung oder Nachhilfeunterricht – alles ist schnell und einfach online zu finden. So erfreut sich der Einkauf über das Internet immer größerer Beliebtheit, auch aufgrund des erleichterten Vergleichs der Angebote und der beinahe grenzenlosen Produktvielfalt.

JUNG, INTELLIGENT, ERFOLGREICH Doch manche Dienstleistungen und Produkte fehlen noch auf dem OnlineMarkt. Diese Lücken werden oft von jungen Unternehmer*innen genutzt. Einer von ihnen ist Naren Shaam, Anfang 30, Harvard-Absolvent. Während einer Europareise erkennt der Student, wie schwierig es ist, das Netz an öffentli-

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chen Verkehrsmitteln zu durchblicken und bestmöglich zu nutzen. Nach seiner Rückkehr nach New York erarbeitet er eine Idee: Eine Suchmaschine, die Routen ermittelt und die Anbieter, deren Angebote und Preise vergleicht. Dieser Service schränkt die Monopolstellung der Verkehrsbetriebe ein und sichert Reisenden faire Preise. 2013 geht Shaams Baby „GoEuro“ online.

BERLINS ZWEITE GRÜNDERZEIT Shaam wusste schnell, wo er seine Idee in die Tat umsetzen will: an einem innovativen, internationalen Ort der Kreativität und des Talents. Dafür bietet sich neben der europäischen Start-Up-Metropole London besonders Berlin an. Während die britische Hauptstadt vor allem mit kapitalkräftigen Investoren punktet, zeichnet sich Berlin nicht nur durch niedrige Preise, sondern auch durch seinen internationalen Flair und seinen besonderen Charme aus. Während die gesamte Start-UpSzene wächst, wächst auch „GoEuro“. Zwei Jahre nach der Gründung ist

die fünfköpfige Crew, mit der Naren Shaam startete, auf mehr als einhundert Mitarbeiter*innen gewachsen und unterstützt Reiselustige aus aller Welt. Wie „GoEuro“ gehen auch viele andere Start-Ups bei der Auswahl neuer Kolleg*innen neue Wege: Menschlich muss es passen. Mitarbeitende sollen zum erweiterten Freundeskreis gehören, als Team zusammenwachsen, sich verstehen. Dementsprechend gestalten sich auch die Vorstellungsgespräche. So gehen die Vorstände sicher, dass die Persönlichkeiten der Neuen auch in den „Freundeskreis“ passen.

also auch in vielen Fällen das Arbeitsklima und damit die Unternehmerwelt an sich. Der digitale Wandel scheint daran nicht unbeteiligt zu sein: Mehr als die Hälfte neu gegründeter Start-Ups konzentriert sich schon heute auf die Bereiche Service, Verkauf und Vermarktung im Internet. Die gesamte Szene wird jünger, vernetzter und schneller. Durch die digitale Entwicklung ist es möglich geworden, dass immer mehr junge Menschen ihre Träume und Visionen verwirklichen und beispielsweise von einem Sitzsack aus mit der Welt teilen können.

SITZSACK STATT SCHREIBTISCH Gemeinsam essen, feiern und spielen – das ist Teil eines neuen Konzepts, das beispielsweise auch in Werbeagenturen zu beobachten ist. Genauso wie große, offen gestaltete Büroräume, in denen man statt vom Schreibtisch auch vom Sitzsack aus arbeiten kann. Digitalisierung und Globalisierung verändern neben unserem Privatleben

Lara Render 18, Düsseldorf Vivienne S. Scharff 18, Bad Kreuznach ... erwarten auf WhatsApp wohlformulierte Romane, antworten darauf aber nur mit einem kurzen „ok“.


LIVESCHALTE IN DIE ZUKUNFT

DER TREND KAM AUS DEN USA UND IST INZWISCHEN AUCH IN EUROPA ANGEKOMMEN – EIN EINBLICK IN DAS LEBEN EINES ANDEREN WIE DURCH EIN PERISKOP. MIT LIVE-STREAM-APPS KANN JEDE*R ALLES SEHEN. CAROLINE BERNERT HAT DIE ENTSTEHUNG DER APPS ZURÜCKVERFOLGT.

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er „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann nutzt die App „Periscope“ und zeigt darin, wie er ein Glas Wein trinkt oder wie er durch den Park joggt. Ein anderes Beispiel: Während der Halbzeitpause des Champions-League-Finales lief im ZDF das heute-journal. Zeitgleich analysierte SportReporter Boris Büchler das bisherige Spielgeschehen via Periscope. So sieht der neue Trend in den USA und auch Europa aus: Live-Stream-Apps. Aber wie funktionieren diese Programme? Ein Video, das mit dem Smartphone oder einem Tablet aufgenommen wird, wird durch diese Apps zeitgleich ins Internet übertragen und durch einen Link, zum Beispiel auf Twitter, für andere abrufbar gemacht. Wer seinen Followern zeigen möchte, was gerade um ihn herum passiert, braucht ein Smartphone (oder ein Tablet) mit einer leistungsfähigen Kamera und eine stabile Internetverbindung, um die Videos möglichst gut aufzunehmen und schnell zu übertragen. Der Live-Stream kann von anderen Usern auf Twitter in Echtzeit kommentiert bzw. „retweetet“ werden. Im Gegenzug wird der Follower informiert, wenn die entsprechende Person „wieder auf Sendung“ geht.

LIVE-STREAMING – WO KOMMT DAS EIGENTLICH HER? Entdeckt wurde diese neue Form der Echtzeitübertragung im März 2015 auf der Technikmesse „South by Southwest“

(SXSW) in Texas, einer jährlichen Veranstaltung, die als Festival und Fachausstellung die Rubriken Musik, Film und Interaktivität thematisiert. Das Besondere der Messe in diesem Jahr war, dass sie komplett live per App übertragen wurde. Entwickelt wurde Periscope von Kayvon Beykpour und Joe Bernstein. Sie ist allerdings nicht die einzige Applikation, die diesen Live-Stream anbietet. Im März 2015 hat Twitter Periscope gekauft und verdrängt damit den Vorgänger Meerkat weitestgehend vom Markt. Auch Meerkat stellte seine Dienste für die Twitter-Plattform bereit und sammelte dort die Daten der User. Twitter unterband diesen Datenzugang und etablierte damit die „hauseigene“ Dienstleistung, um Periscope für die Nutzer*innen attraktiver zu machen. Die User können nun entscheiden, ob sie ihr Video öffentlich oder nur einigen Nutzer*innen zugänglich machen.

WACHSENDE NUTZERZAHLEN

LIVE-STREAM-APPS: DIE WELT WIE DURCH EIN PERISCOPE

Neben Meerkat und Periscope gibt es allerdings auch noch eine andere, besonders bei Jugendlichen sehr erfolgreiche App: YouNow. Diese Software ist leicht zugänglich, da für sie kein besonderer Login benötigt wird, sondern die Anmeldung einfach über einen Facebook- oder Google-Account erfolgen kann – was sie für Jugendliche attraktiv macht. Mit durchschnittlich 12.000 bis 13.000 Zuschauer*innen ist YouNow am mei-

sten im englischsprachigen Raum verbreitet. Dort gehen die meisten Nutzer*innen schon regelmäßig auf Sendung mit eigenen Rubriken wie Quiz-Shows oder Let‘s Plays, Mitschnitte von Computerspielen. In Deutschland ist die Zahl mit knapp 1.000 Zuschauer*innen vergleichsweise gering, doch das Interesse an YouNow wächst. Viele YouTuber nutzen inzwischen YouNow und sind durch eine finanzielle Beteiligung an die App gebunden.

Foto: Samuel Grösch

Bedenkt man, dass diese Form des Live-Streamings erst seit 2015 auf dem Markt ist, sind die Zahlen der Nutzer*innen schon verhältnismäßig hoch. Allein das Beispiel YouNow zeigt, dass die Live-Stream-Dienste sich nicht auf einen Teilbereich beschränken, sondern sich mit verschiedenen sozialen Netzwerken zusammentun. Wie diese rasante Entwicklung weitergeht und ob sich private Live-Streams etablieren werden, bleibt abzuwarten.

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

MENSCHEN ALLER ALTERSGRUPPEN UND SOZIALEN SCHICHTEN GEHEN AUF SENDUNG MITHILFE VON LIVE-STREAM-APPS WIE PERISCOPE ODER MEERKAT. DOCH HABEN DIESE DIENSTE AUSSCHLIESSLICH UNTERHALTUNGSWERT? EIN KOMMENTAR VON CAROLINE BERNERT

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as mit YouTube-Videos angefangen hat, weitet sich jetzt zu einer Faszination am Streamen aus: Sie kochen vor der Kamera oder spielen Computer – Internetnutzer*innen lassen andere direkt an ihrem Leben teilhaben. Doch was ist der Beweggrund dafür, dass sie anderen Menschen ungefiltert Einblicke in ihr Leben gewähren? Welche Chancen und welche Risiken birgt der Einsatz von Streaming-Apps?

MÖGLICHE CHANCEN FÜR DEN JOURNALISMUS Für Journalist*innen sind Live-Streaming-Dienste ein sinnvolles Werkzeug, das hilfreich ist. So schnell und aktuell wie nie zuvor können sie von Ereignissen wie Terroranschlägen oder Naturkatastrophen in Echtzeit berichten. Nachrichten können schneller verbreitet werden. So konnten tausende User im Sommer via Live-Stream den Journalisten Paul Ronz-

heimer begleiten, wie er mit einer Grup- berrecht verstoßen. Zum Beispiel wurde pe von syrischen Flüchtlingen ihren Weg die Premiere der fünften Staffel der Serie von Griechenland nach Deutschland „Game of Thrones“ gestreamt und online beschritt. An diesem Beispiel zeigt sich, im Voraus bereitgestellt. Der Verstoß gedass der*die Journalist*in flexibler wird gen das Urheberrecht wird einem auch und spontan eine Nachricht mit Bild und einfach zu leicht gemacht! Ein Klick und man lässt andere an einem Film im Kino Ton verbreiten kann. Die hohen Nutzungszahlen spre- oder einem Konzert teilhaben. Ein weiterer kritischer Punkt ist, chen dafür, dass Live-Streams vor allem in den USA und in Großbritannien immer dass sich Kinder und Jugendliche gerabeliebter werden. Für den Journalismus de bei der Nutzung von YouNow ungehemmt „austoben“ können. Ob es besser bieten sie einen klaren Gewinn: Eine vollkommen neue Berichterstattung wird wäre, wenn es einen „Kinderschutz“ für möglich. Mehr noch, jede*r von uns kann diese App gebe? Es wäre zumindest ein sein Smartphone zücken, zum eigenen Anfang. Junge Nutzer*innen müssen deSender werden und per Liveschalte vom finitiv mit dieser Anwendung vertraut gemacht werden, um zwischen privat und Geschehen vor Ort berichten. öffentlich unterscheiden zu können. Sie DIE GEFAHR VON KUNSTRAUB? müssen lernen, was es heißt, das Privatleben per Live-Stream öffentlich zu maDer Umgang mit den neuen Apps stößt chen und dass der Begriff „privat“ durch aber immer wieder auch an rechtliche solche Apps neu definiert wird. Grenzen. Viele Nutzer*innen von PeriPeriscope und YouNow werden sich scope haben mehrmals gegen das Urhe- sicherlich auch in Deutschland etablieren.

Wichtig ist jedoch, dass die Nutzer*innen lernen, verantwortungsbewusst mit diesen Apps umzugehen. Ist es unbedingt notwendig, die Realität gegen digitales Streaming einzutauschen? Brauchen wir diese Form der Unterhaltung? Wir stehen noch ziemlich am Anfang der digitalen Revolution. Wie sich unsere Kommunikation entwickeln wird und welche Medien langfristig bleiben – das wird sich noch entscheiden.

Caroline Bernert 19, Leipzig … schaut auf Instagram am liebsten Hundebilder an und merkt nicht, wie die Zeit vergeht.

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YOUTUBE-EINMALEINS FÜR ANFÄNGER

300 STUNDEN VIDEOMATERIAL PRO MINUTE MIT VLOGS, HAULS UND TUTORIALS: YOUTUBE IST DAS FERNSEHEN EINER NEUEN GENERATION. DIE PLATTFORM LOCKT JUNGE MENSCHEN WIE ROBERT GLADITZ MIT DER AUSSICHT AUF SCHNELLEN ERFOLG. WENN YOUTUBE ZUM BERUF WIRD. EIN PORTRAIT VON ANNKATHRIN LINDERT

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as Erste, was ich von Robert Gladitz Weise möchte er auch seine eigene „Stosehe, ist seine Kameralinse. „Hey ry“ widerspiegeln. Die beginnt vor knapp Leute, da bin ich wieder! Ich nehm‘ euch zwei Jahren. Robert bricht sein Studium heute mit zu einem Interview. Ich hoffe, ab und jobbt als Nachhilfelehrer. Davon ihr habt Bock!“ kann er leben, will aber lieber „was RichIch treffe Robert in seinem natür- tiges machen“. Er startet einen Blog zu lichen Lebensraum: Das Betahaus am gesunder Ernährung: „Das Rohkost 1x1“. Berliner Moritzplatz ist ein Treffpunkt für Der Blog erreicht schnell tausende Fans alle, die irgendwas mit Medien machen. und Robert beginnt, eigene YouTube-ViAuf den Bänken lümmelt sich Berlins deos zu produzieren. Aus dem „Rohkost digitale Entwicklerszene. Bei Mate-Tee 1x1“ wird das „Business 1x1“. und Sesamstangen werden hier Ideen Für dieses „Business“ gebe es keiauf den Weg gebracht, die morgen schon nen konkreten Wegweiser. Es zähle die auf dem Smartphone sein können – oder innere Einstellung. „Lebe deinen Traum Foto: Anton Knoblach gnadenlos floppen. Diese Unsicherheit er- und verwirkliche dich selbst!“ – Robert fordert Gelassenheit, die in Birkenstock- hat gut reden. Er sagt, mittlerweile könLatschen und Jutebeutel daherkommt. ne er von seinen Projekten leben. Dafür Foto: Manuel Dietrich PROFESSIONELLES YOUTUBE-BUSINESS: ROBERT IM GESPRÄCH Trotzdem fühlt man sich ohne MacBook muss der 25-Jährige hart arbeiten. Seit wie ein Fremdkörper. Hier sitzen keine Anfang Februar lässt er seine Fans an „Warum das Internet uns zu besseren frontale Linse an – Selfiemodus. „So idealistischen Netzaktivist*innen, son- seinem eigenen Leben teilhaben. Da- Menschen macht“ oder „Warum die Un- Freunde, das war‘s auch schon. Wenn ihr dern Jungunternehmer*innen, die mit für nimmt er die Kamera überallhin mit. coolen heute die Coolen sind“. Robert, der Bock habt, nehm ich euch jetzt noch mit scheinbar neuen Ideen im Netz das große „Vloggen“ nennt man das. Jeden Moment Lifestyle-Guru. Die Beratungsstelle für zu …“ Geld wittern. mit der digitalen Welt zu teilen, nervt Ro- Probleme in allen Lebenslagen. Nur, dass bert nicht: „Es ist ein Job wie jeder ande- er allein vor der Kamera steht und seine re, das gehört dazu.“ Der Weg zum Erfolg Klient*innen vor dem Bildschirm sitzen. DIGITALER MARATHON FÜR DEN ist für Robert eben kein Sprint, sondern Das ist manchmal ziemlich kitschig. EIGENEN TRAUM Robert ist nicht nur von seiner Arbeit ein Marathon. Auch Robert gehört zu dieser Commuüberzeugt, sondern fühlt sich auch in der nity. Er schaltet die Kamera aus. Offline ALLROUNDBERATUNG VOM Szene wohl. Ein Kumpel bringt ihm ein Annkathrin Lindert ist er groß und blond, trägt enge Jeans Stativ vorbei, „so unter der Hand“. Man LIFESTYLE-GURU 18, Heilbronn und ein Pennyboard unter dem Arm. Er kennt sich im Betahaus. YouTuber sind lässt sich auf den Sessel plumpsen und YouTuber sind wie Freund*innen auf Zeit: auch Nomaden, ständig unterwegs. Inter… ist auf ihre YouTubeimmer lustig, immer locker. Nur, dass lächelt in die Runde. Dieser Termin passt net zum Arbeiten gibt’s überall. „Kommst Premiere bei das „Business 1x1“ gegut in sein Konzept. Auf seinem YouTube- sie damit Geld verdienen. Wenn Roberts du auf den WordPress-Kongress?“, fragt spannt. Channel „Das Business 1x1“ versucht er Tag mal nicht so spannend ist, bringt er jemand. „Mal schau‘n“, sagt Robert. mittlerweile anderen zu erklären, wie sie „Content“; das heißt, seine Kommentare Als wir uns verabschieden wollen, zu den ganz großen Fragen der Welt: packt er wieder seine Kamera aus. Die online erfolgreich sein können. Auf diese

HALLO DUMMKOPF

HATE SPEECH, ALSO DAS MASSIVE BELEIDIGEN ANDERER INTERNETNUTZER*INNEN, IST EIN AKTUELLES PROBLEM. WO SIND DIE GRENZEN FREIER MEINUNGSÄUSSERUNG IM INTERNET? VON ALAIDA HOBBING

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chnelle Informationen, unterhalt- Der Entwurf des Bildungsplanes 2015 von samen Zeitvertreib, weltweite Kommu- der Baden-Württembergischen Landesnikation – all das bietet das Internet. Es regierung, der sich unter anderem auch ist grenzenlos. Aber genau das lädt auch für die Stärkung der Akzeptanz sexuelzum Missbrauch ein. Denn jede*r kann ler Vielfalt aussprach. Eine Debatte entseine Meinung äußern, auch wenn sie flammte sofort und eine Online-Petition andere beleidigt oder rassistisch ist. Hate gegen den Bildungsplan wurde gestartet: Speech (zu Deutsch: Hassrede) kann nur „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein schwer unterbunden werden, da bis jetzt Bildungsplan 2015 unter der Ideologie nicht genau geregelt ist, wo freie Mei- des Regenbogens“. Tabler sah, wie viele nungsäußerung aufhört und die meisten Menschen die Petition unterzeichneten Kommentare anonym geschrieben sind. und dass von den 11.000 Kommentaren Hater greifen meist in radikaler Sprache etwa 5.000 diskriminierende Inhalte Feindbilder, wie zum Beispiel ethnische enthielten. #idpet steht laut der OrganiGruppen, an. satorin für Ideologie-Petition oder IdiotenPetition und soll auf die Debatte um den Bildungsplan aufmerksam machen. 5.000 HASS-KOMMENTARE Tabler und Blogger-Kollegin AUF OPENPETITION.DE Renate Meyer riefen den Betreiber der Bloggerin Nele Tabler hat Anfang des Online-Petition-Plattform mehrmals dazu Jahres das Hashtag #idpet ins Leben ge- auf, die diskriminierenden Kommentare rufen, um sich gegen Hasskommentare zu löschen. Doch es änderte sich nichts. im Internet einzusetzen. Die Ursache: Seitdem versuchen die beiden, sich für

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eine bessere Überwachung der Kommentare auf Online-Plattformen einzusetzen. Der Hass zeigt sich jedoch nicht nur bei Veröffentlichungen auf sogenannten Petitionsplattformen, sondern ebenso in den Briefen und Kommentaren an Journalist*innen. Neben wilden Beschimpfungen finden sich darin häufig schier endlose Argumentationsketten, sich wiederholende Verschwörungstheorien und vermeintliche Rückschlüsse aufgrund der „Herkunft“ wieder, die allesamt nur einen Zweck verfolgen: die Journalist*innen zu diskriminieren und in ihrer Pressefreiheit anzugreifen.

MIT POESIE GEGEN DEN HASS Hasstiraden allein zu lesen, tut weh, verunsichert und verängstigt Betroffene oft. Doch in einer Gemeinschaft aus Hassreden „Hassliteratur“ zu fertigen und sie in Lesungen dem Publikum witzig vor-

zuführen, ist eine Möglichkeit, den Hass zu thematisieren und gleichzeitig auf die Schippe zu nehmen. Die Idee: Neun Journalist*innen von taz, Der Spiegel und Die Zeit sitzen an einem Tisch. Jede*r hat einen Karton Hassbriefe dabei. Moderiert wird die Show von der taz-Redakteurin Doris Akrap. In einer Art Wettbewerb lesen sich die Redakteur*innen ihre „Hassliteratur“ vor und küren für jede Hate-Gattung eine*n Gewinner*in.

Alaida Hobbing 17, Hamburg … verschlüsselt ihre Nachrichten auf WhatsApp durch Rechtschreibfehler.


BILDUNG IN BILD UND TON

WELTWEIT SUCHEN WIR AUF YOUTUBE TAUSENDFACH NACH INFORMATIONEN. DIE ERSTEN SCHRITTE, UM ETWAS NEUES ZU LERNEN, SIND AUF DER VIDEOPLATTFORM NICHT WEIT ENTFERNT: DURCH TUTORIALS KÖNNEN WIR UNS DIGITAL UND EIGENSTÄNDIG WEITERBILDEN. KIRA MÜLLER FRAGT SICH: IST ES SINNVOLL, DEN LERNPROZESS AUF DEN BILDSCHIRM ZU REDUZIEREN? sychology 1 an der Universität Berkeley: Ein Dozent steht auf dem Podium und führt in die Vorlesung „Biological Bases of Mind and Behavior“ ein. Im Hörsaal selbst sitzen keine Student*innen. Die Vorlesung wird gefilmt und direkt im Netz zur Verfügung gestellt. Kilometerweit entfernt mitlernen – so kann ein Studium heutzutage aussehen. Die Menschen nutzen das Internet auf vielfältige Art und Weise. Eine der meistbesuchten Seiten im Netz ist YouTube, wo eine Bandbreite an Film- und Fernsehausschnitten und Musikvideos zu finden ist. Außerdem werden selbstgedrehte Filme in den verschiedensten Formaten veröffentlicht. Von Mode- und Beautytipps, über das Öffnen einer Thunfischdose ohne Dosenöffner bis hin zur Bedienung eines Feuerlöschers – alles kann gesucht und gefunden werden.

LERNEN MITHILFE VON TUTORIALS Neben diesen Beispielen gibt es immer mehr Selbstlernvideos in den unterschiedlichsten Fachbereichen: Tutorials. Oft sind die Videos als Unterstützung für bevorstehende Klausuren in Geschichte, Mathe oder naturwissenschaftlichen Fächern gedacht. Andere bilden sich in der Freizeit weiter, um ein weiteres Musikinstrument oder eine Fremdsprache zu

lernen. Ein Musiklehrer lehrt in den ersten Gitarrenstunden, wie man Akkorde greift oder welche Fehler man bei der Gitarrenhaltung machen kann. Englisch flüssig zu sprechen kann man so zum Beispiel ganz einfach bei „EnglishAnyone“ mit einer Vielzahl an Videos lernen. Auch wenn Tutorials eine gute Alternative zu seitenlangen Skripten und teuren Sprachkursen darstellen, ist es einerseits zweifelhaft, ob die Qualität die gleiche ist oder der direkte Lernprozess mit einem professionellen Lehrenden nicht doch zu größeren Erfolgen führen würde. Auch ist der direkte Austausch mit anderen Lernenden nicht gewährleistet und somit können klassische Fähigkeiten wie Hilfsbereitschaft und Teamarbeit nicht erprobt werden.

KOSTENLOSER ZUGANG ZU BILDUNG Andererseits hat die Universität Berkeley bereits über 300 Vorlesungsstunden ins Netz gestellt und so der ganzen Welt den Zugang zu neuem Wissen erleichtert. Die Online-Videos geben die Möglichkeit, auch ohne Uni-Einschreibung Neues zu lernen, in Studiengänge hineinzuschnuppern und Themen vorund nachzubereiten. Vor allem aber für junge Wissbegierige, die keine Aussicht auf einen der begehrten Plätze an einer Universität haben, bietet das Netz eine

Foto: Samuel Grösch

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PHÄNOMEN DES ALLTAGS: TRADITIONELLE UNTERRICHTSFORM ODER DIGITALER FORTSCHRITT?

Alternative – denn der Unterricht ist kostenlos und für jede*n verfügbar. Zudem muss man sich nicht auf eine Freizeitbeschäftigung festlegen, sondern kann sich beliebig ausprobieren und aus der Vielfalt wählen. Trotzdem gilt: Das Bildungssystem kann durch die Digitalisierung zwar verändert und auch ergänzt werden, doch die aktuellen Erfahrungen vieler Schüler*innen zeigen: Von einer Verdrängung des Unterrichts, wie wir ihn kennen, sind wir noch weit entfernt.

Kira Müller 20, Düsseldorf … braucht morgens direkt digitalen Input.

FRUCHTFLEISCH Was hast du von YouTube gelernt?

Fotos: Samuel Grösch

»FRISUREN«

»SCHWACHSINN«

RIKKE, 19 JAHRE KOPENHAGEN ICH HABE GELERNT, FRISUREN ZU MACHEN.

»WEGSCHAUEN«

KATINKA, 18 JAHRE MÜNSTER VIEL SCHWACHSINN. ES GIBT VIELE SACHEN, BEI DENEN MAN SICH DENKT: „WER GUCKT SICH DAS AN?“

STEPHAN, 24 JAHRE HALLE NIEMALS DIE KOMMENTARE LESEN!

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Jugendportal des Deutschen Bundestages Politik verstehen: www.mitmischen.de

Ob Regeln für das Internet, Umweltschutz oder Flüchtlingspolitik – Gesetze werden im Bundestag gemacht. www.mitmischen.de ist das Jugendportal des Deutschen Bundestages. Dort findest Du verständliche Texte zu aktuellen politischen Themen und rund um den Alltag der Abgeordneten – das sind Reportagen, Interviews, Umfragen, Meinungen, Fotos und Videos von jungen Medienmachern. Mit einem unterhaltsamen Quiz kannst Du Dein politisches Wissen testen. Das Jugendportal des Bundestages ist Deine Quelle, wenn es um Hintergrundinformationen zum deutschen Parlamentarismus und die neuesten Gesetze geht. Klar und verständlich sind im Lexikon selbst die kompliziertesten politischen Begriffe erklärt. Hier kann auch jeder selbst mitmischen. Unter den Beiträgen kannst Du Deine Meinung posten, im Forum mit anderen Usern diskutieren oder über unterschiedliche Themen abstimmen. Auf www.mitmischen.de kannst Du auch mit Abgeordneten ins Gespräch kommen. Die Autoren sind meist nicht viel älter als die Leser. Das Portal richtet sich an Jugendliche ab zwölf Jahren und junge Erwachsene. Wer selbst Autor werden möchte, kann sich gerne in der Redaktion melden (redaktion@mitmischen.de).

Keine Neuigkeit von mitmischen.de verpassen? Mitmischen.de bei Facebook: https://www.facebook.com/mitmischende

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KEIN PAPIER – KEIN PROBLEM?

BARGELD IST OLDSCHOOL. POSTKARTEN AUS DEM URLAUB? SCHON JETZT MANGELWARE. HEUTE HEISSEN BEDIENUNGSANLEITUNGEN TUTORIALS UND LANDKARTEN GOOGLE MAPS. ABER KÖNNEN WIR OHNE PAPIER LEBEN? ZINA MEDJADI SPIELT MIT DEM GEDANKEN.

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chim Barczok liest gern. Das hat auch merkt auch Barczok schnell. Sein Fazit: mit seinem Beruf zu tun: Als Journalist „Nach einem Monat ohne Papier kann ich gehört Lesen einfach dazu. Sein Bücherregal sagen: 70 Prozent der Umstellung fielen ist voll, der Schreibtisch ein einziges Chaos unglaublich leicht, 20 Prozent waren mit – bis er 2014 einen radikalen Schritt wagte: einiger Arbeit verbunden. Die letzten 10 Ein Leben ohne Papier – na ja, zumindest Prozent waren umständlich oder sogar unfür vier Wochen. „Zu Bergen türmten sich möglich.“ zu Hause und im Büro Rechnungen, Belege und Notizen“, erinnert er sich in einem ÜBERBLICK VERLOREN Artikel. Für seinen Selbstversuch setzt sich Barczok drei „einfache“ Regeln: Kein Papier Wichtige Unterlagen musste er trotzverbrauchen, Papiereingänge vermeiden, dem ausdrucken oder unterschreiben. Ob es sich gelohnt hat? Er habe Papierbestände reduzieren. nach der papierlosen Zeit vor allem eines wieder zurück gewonnen: den VIER WOCHEN OHNE PAPIER? Überblick. „Problematisch an der UmGanz so leicht wie es sich liest, ist es stellung ist weniger die Technik, die in der Realität aber natürlich nicht. Das sehr weit fortgeschritten ist, sondern

vielmehr die Außenwelt, Supermärkte und Banken zum Beispiel“, so Barczok.

UMWELTFREUNDLICHE DIÄT

noch per Mail. Apps ersetzen Kochbücher, Smartphones unsere Kalender und Landkarten. Sind wir nicht eigentlich schon längst auf dem Weg in die richtige Richtung?

Der Erfahrungsbericht zeigt, in welcher Form wir uns dem papierlosen Alltag zumindest annähern können. Aber geht nicht vielleicht doch mehr? Gehen wir einfach mal davon aus, dass in der digitalen Zukunft weder Zeitungen noch Bücher gedruckt werden. Und falls die Worte „Papier“ und „Buch“ fallen sollten, dann nur noch auf Englisch: E-Paper und E-Books. Bibliotheksbestände und Bedienungsanleitungen werden digitalisiert, Briefe und Rechnungen kommen nur

Zina Medjadi 18, Landau … wird panisch, wenn ihr Handyakku unter 50% fällt.

NEULAND GEGEN ALTPAPIER

ONLINEJOURNALISMUS SEI DIE ZUKUNFT, PRINT LÄNGST GESCHICHTE, SAGEN DIE EINEN. DIE GEDRUCKTE ZEITUNG WERDE ES IMMER GEBEN, ERWIDERN ANDERE. JAN NÖLKE UND FREDERIK SCHISSLER WAGEN EINEN DIREKTEN VERGLEICH.

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Die

NEWS Gedruckte Nachrichten

NO:1234 /22:12:2015

DIE NEWS online News-Ticker DOLOR SIT AMET

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Beim G10...

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Aktuelles

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erglichen wurden in dem Test PreisLeistungs-Verhältnis, „Feeling“, Reichweite, Aktualität und Interaktivität des jeweiligen Mediums. In jeder Kategorie wurden Sternchen vergeben.

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Preis-Leistungs-Verhältnis:

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Reichweite:

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Aktualität:

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Interaktivität:

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Feeling:

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Der klare Punktsieg geht an das Neuland: den Online-Journalismus. Er ist schneller, interaktiver und erreicht sein Publikum jederzeit an unterschiedlichen Orten. Ob und wann gedruckte Zeitungen k. o. gehen werden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht sagen. Bisher scheint es noch viele Menschen zu geben, die nicht auf die Haptik verzichten wollen. Im Preis-Leistungs-Verhältnis herrscht Punktgleichheit. Das liegt vor allem daran, dass immer mehr digitale Medien auf zu bezahlende Inhalte umsatteln. Zusätzlich müssen auch die Kosten für Computer, Laptops und Smartphones berücksichtigt werden.

Jan Nölke 17, Versmold Frederik Schissler 16, Kempten … glauben, dass Referate vorzubereiten vor dem Internet schwer zu bewerkstelligen war. Grafik: Tom Schliemann mit Inhalten von freepik.com

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NEULAND-QUARTETT

LIKEN, FOLGEN, POSTEN – DAS GEHÖRT MITTLERWEILE AUCH ZUM KABINETTSALLTAG. WER HAT DIE MEISTEN FOLLOWER? WELCHE MINISTER HALTEN SICH GANZ RAUS? CHARLOTT RESSKE UND JAN NÖLKE HABEN DER BUNDESREGIERUNG IN DIE KARTEN GESCHAUT.

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»MIST, JETZT HABE ICH DIE KAMERA VERGESSEN …«

OHNE DIGITALE MEDIEN SIND WIR AUFGESCHMISSEN, NICHTS WÜRDE FUNKTIONIEREN UND ALLES WÄRE KOMPLIZIERTER. IST DAS WIRKLICH SO? VIELE GENERATIONEN KONNTEN AUCH OHNE DIE DIGITALE WELT AUSKOMMEN UND IHREN ALLTAG ORGANISIEREN. EIN FIKTIVER RÜCKBLICK IN DIE VERGANGENHEIT. VON CHIARA WAHLER 8:20 Uhr box“, dem besten Plattenladen in der Fast eine Stunde auf den Zug warten – Stadt, fahren. Sie wollen die neue Platte gibt es etwas Langweiligeres, wenn man von Queen besorgen, Anna-Maria liebt kein Buch dabei hat, um sich zu beschäf- die Band. Am liebsten will sie die Musik tigen? Mittlerweile redet Anna-Maria jeden Tag zu jeder Uhrzeit hören. Aber schon mit sich selbst, während sie auf das ist leider einfach nicht möglich. den Zug zur Schule wartet und an den Hosentaschen ihrer neuen Schlaghose 15:30 Uhr herumspielt. Dank ihres Weckers, der „Stopp!“, ruft Anna-Maria ihrem Freund heute Morgen mal wieder batteriebedingt zu. „Halt an, dort steht eine Telefonzelle. den Geist aufgegeben hat, ist sie schon Ich muss doch noch Claudia anrufen und wieder zu spät zum Unterricht. Als Strafe ihr erklären, wo wir uns heute Abend brummt ihr Herr Meier, ihr Politiklehrer, zum Grillen treffen.“ Tuut, tuut… „Mist! ein Referat auf, das sie über den aktuellen Claudia ist anscheinend nicht zuhause. Bundeskanzler Helmut Schmidt am Ta- Ich hoffe, sie findet uns am Grillplatz und geslichtprojektor halten soll. Prima. Jetzt nimmt ihren Fotoapparat und Filmrollen muss sie morgen Nachmittag extra in der mit, sonst können wir doch gar keine FoBibliothek dafür recherchieren und noch tos machen. Warum muss Telefonieren mehr Zeit vergeuden. Gibt es dafür kei- eigentlich immer so kompliziert sein?“, nen schnelleren Weg? beklagt sich Anna-Maria, nachdem sie wieder zu ihrem Freund ins Auto gestie13:00 Uhr gen ist. Endlich Schule aus. Endlich raus aus „In welche Richtung müssen wir dieser Irrenanstalt. Schnell noch das denn jetzt?“ Genervt holt sie die Karte Flugblatt für das nächste Schultheater heraus, die ihr einen Überblick über die geschnappt und dann raus – denn Klaus, Gegend geben soll. Doch meistens verAnna-Marias Freund, wartet bereits auf wirren solche Pläne sie nur noch mehr. sie. Zusammen wollen sie zur „Musik- Man weiß nie, wo man sich eigentlich be-

SICH VERABREDEN: DAS GING FRÜHER NUR ANALOG

findet, wie man den Plan halten soll und welches die schnellste Route wäre. 20:20 Uhr Nach ein paar Umwegen, einem kleinen Einkaufsbummel und einem weiteren Versuch, Claudia zu erreichen, sind Anna-Maria und Klaus um eine neue QueenPlatte, Grillzeug und einige Diskussionen reicher. Auch Claudia gesellt sich mit ein paar Freunden dazu. Doch kein Fotoap-

Foto: Manuel Dietrich

parat. Anna-Marias Freude ist getrübt, sie hat sich schon gefreut, ein paar neue schöne Erinnerungsfotos zu machen. Doch Klaus nimmt sie in den Arm. „Es ist doch nicht wichtig, immer alles für die Ewigkeit zu dokumentieren und festzuhalten. Freu dich, dass wir jetzt zusammen sind und behalte einen schönen Abend in deiner Erinnerung.“

»SCHNELL NOCH WAS POSTEN …«

DIGITALE MEDIEN ERLEICHTERN DEN ALLTAG. THEORETISCH. DOCH GERADE DIE NEUEN MÖGLICHKEITEN WERFEN OFT UNZÄHLIGE PROBLEME AUF, DIE VORHER NIE ENTSTANDEN WÄREN. EIN EINBLICK IN MIAS WELT. VON THERESA HOFBAUER 05:45 Uhr Wie jeden Morgen wird Mia an dem letzten Tag vor ihrem lang ersehnten Wochenende mit dem Klang von Taylor Swifts Stimme geweckt. Nur noch wenige Stunden bis zu Jasons Party. Aber bevor sie überhaupt in die Nähe einer ausgelassenen Feier gelangen kann, muss sie zuerst den langweiligen Schulalltag überstehen. Mia checkt kurzerhand Instagram und seufzt bei dem Anblick von unzähligen Posts #mitdengedankenabschweifen. 07:11 Uhr In der wartenden Menschenmenge voller Schüler*innen erkennt Mia am Bahnhof ihre Freundin Chayenne: „Na, schon Pläne, was du heute Abend anziehst? Ich freu mich riesig!“ Ohne Mia Beachtung zu schenken, konzentriert diese sich weiter auf ihr Handy. 12:45 Uhr Die letzte Geografiestunde ist fast geschafft. Allerdings gestaltet diese sich durchaus „chillig“, weil Smartboard & Co. den Geist aufgeben und die Lehrerin nicht in der Lage ist, den Unterricht fortzusetzen. Die Schüler*innen

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freuen sich über die gewonnene Freizeit. Ein Hoch auf die heutige Technik – bleibt Mia da nur zu sagen. 16:27 Uhr Den restlichen Tag verbringt Mia damit, ihren Partyvorbereitungen nachzukommen – in Sekundenschnelle landet die neueste Musik auf ihrem Handy. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen widmet sie sich nun der Vielfalt an YouTube-Tutorials, um die ultimative Party-Frisur inklusive Make-Up zu finden. Jedoch erscheint die praktische Umsetzung der zahlreichen Demonstrationen fast unmöglich – nach unzähligen Versuchen und sieben Abschminktücher später gibt Mia endgültig auf und entscheidet sich für den guten alten Zopf. 22:03 Uhr Mias Smartphone piept – ein Snap mit der Unterschrift #readytoparty verrät, dass Chayenne bereits vor der Tür steht. 22:41 Uhr Anstatt von feiernden Menschen in Jasons Wohnzimmer begrüßt zu werden, empfängt sie dort ein Haufen junger

SICH TREFFEN: GEHT HEUTE AUCH VIRTUELL IM NETZ

Foto: Manuel Dietrich

Leute, die sich laut lachend über all die Selfies amüsieren. 22:57 Uhr Als ihr zu allem Überfluss am Ende auch noch das Handy ins Klo fällt, hält sie es nicht mehr aus. Sie verflucht das Teil, das ihr Leben so beeinflusst und sehnt sich insgeheim danach, die Spültaste zu drücken. Nur leider ist das blöde Ding einfach zu groß, um seinen Weg in die Kanalisation zu finden.

Chiara Wahler 17, Unterhaching Theresa Hofbauer 17, Regen … holen sich ihre Koch-Inspirationen auf Instagram.


POLITIK ERFOLGREICH AUF YOUTUBE KOMMENTIEREN

LEFLOID, PHILIP DEFRANCO UND SOURCEFED SIND ALLE DREI YOUTUBER, DIE EINE GEMEINSAMKEIT HABEN: DAS INTERESSE AN POLITIK. CAROLIN SCHNEIDER HAT SICH GEFRAGT, WIE GROSS IHRE RESONANZ IST UND WO DIE UNTERSCHIEDE LIEGEN. VON CAROLIN SCHNEIDER

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eFloid – sein Gesicht ist dank YouTube Millionen Menschen in Deutschland bekannt. Seit 2007 produziert er Videos, in denen er mit sehr viel Sarkasmus Themen der Gesellschaft provokant anspricht und über das Netz verbreitet. Die Sache ist nur: Es gibt so viele gesellschaftliche Themen, dass sie einen einzelnen YouTube-Channel sprengen würden. Die tägliche Nachrichtenflut ist so groß, dass sich LeFloid auf eines konzentriert und dieses ausführlich in einem Video behandelt. Grundsätzlich orientieren sich die Beiträge bei LeFloid am Interesse der Konsument*innen. Themen, die im großen Stil in den Medien behandelt und in der Bevölkerung viel diskutiert werden, greift der YouTuber in seinen Videos auf und bereitet sie neu auf. LeFloid kommt mit diesem Stil auf über 2,6 Millionen Abonnent*innen. Damit gehört er zu den beliebtesten deutschen YouTubern.

GESELLSCHAFTSKRITIK MIT HOHEN KLICKZAHLEN Im nationalen Vergleich können sich die Zahlen von LeFloid sehen lassen. Schaut man in die USA, könnte man „SourceFed“ als das amerikanische Pendant bezeichnen. Philip DeFranco ist einer der Mitbegründer dieses Channels – er gehört zur Phil DeFranco Family. Der Kanal Source-

Fed agiert aber im Vergleich zu LeFloids und Phil DeFrancos eigenem Kanal auf eine andere Weise, was Inhalt und Setting betrifft.

EIN NEUTRALER RAUM Während Philip DeFranco sich genauso wie LeFloid in sein Zimmer setzt und über die Gesellschaft sinniert, arbeitet die Crew von SourceFed in einem neutralen Raum mit der Ausstattung eines Radiostudios und mehreren Moderatoren, die Pop-Kultur, Nachrichten und die eigene Persönlichkeit präsentieren. LeFloid und Philip DeFranco agieren beide allein oder mit einem Interviewpartner. Grundsätzlich ist die Idee der drei Channels ähnlich; doch bei der Resonanz unterscheiden sie sich stark. Die Videos von SourceFed bekommen im Schnitt „nur“ 150.000 Klicks. Philip DeFranco erreicht durchschnittlich über 500.000 User. LeFloid übertrumpft beide mit rund einer Million Klicks pro Video. Längst können YouTube-Stars von ihren Videos und deren hohen Aufrufzahlen auf der Plattform leben. Die Summen dahinter werden allerdings oft in der Öffentlichkeit verschwiegen. Über Geld redet man in der Branche, in der häufig die Authentizität betont wird, ungern. In al-

KLICKZAHLEN: POLITIK KOMMENTIEREN TRIFFT DEN NERV DER ZEIT

len drei Kanälen kommt Gesellschaftskritik zum Zuge. Die emotionale, schnelle und radikal subjektive Moderation trifft den Nerv der Zeit. In den USA nennt man dies “New Sincerity”.

Grafik: Tom Schliemann

kunft genügend Raum für neue kreative Kanäle, die die Nachrichtenlage neu auffassen und an ihre YouTubeAbonnent*innen weitergeben.

AKTUELLE POLITIK IM FOKUS Die Kommentierung der aktuellen Politik steht dabei im Fokus der YouTuber. Ernste Fragestellungen und kritische Auseinandersetzungen mit komplexen Themen wie Islamismus gehören dabei genauso dazu wie ein eher unterhaltender Teil. Die Aufrufzahlen in diesem Sektor der politischen Kommentierung sind hoch und lassen auch für die Zu-

Carolin Schneider 16, Chemnitz … achtet auf Rechtschreibung.

FRUCHTFLEISCH Welcher alte Post ist dir heute peinlich?

Fotos: Manuel Dietrich

»ZAHNSPANGE«

»PARTYNÄCHTE«

»ALLES«

LINDA, 17 JAHRE RUSSLAND

DAVID, 14 JAHRE FRANKFURT AM MAIN

PATRICK, 22 JAHRE GROSSBERN

FRÜHER HAB ICH LAUTER BILDER MIT MEINER ZAHNSPANGE GEPOSTET. TOTAL PEINLICH!

ICH HABE FRÜHER JEDEN MIST GEPOSTET: FOTOS VON BESÄUFNISSEN, PSEUDOSCHLAUEN TEXTEN UND ZITATEN – ES WAR ALLES DABEI.

AM SCHLIMMSTEN SIND VIDEOS VON BESOFFENEN PARTYNÄCHTEN UND AUCH FOTOS AUS MEINER KINDHEIT SIND MIR IM NACHHINEIN ETWAS UNANGENEHM.

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IST DAS INTERNET BÖSE?

WEIL ES NICHT REICHT ZU VERTRAUEN, SOLLTE ICH MEINE DATEN IM NETZ SCHÜTZEN. DOCH WIE? – CRYPTOPARTYS ERÖFFNEN UNGEAHNTE MÖGLICHKEITEN. EIN SELBSTVERSUCH VON ALINA FRECHEN

Foto: Manuel Dietrich

SICHER SURFEN: DIE IP-ADRESSE ZU VERSCHLÜSSELN IST EINFACHER ALS GEDACHT

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ienstagabend, 20 Uhr in Berlin. 30 Teilnehmer*innen des Jugendmedienworkshops warten in den Räumen der Bundeszentrale für politische Bildung gespannt auf die Ankunft der acht Informatikexpert*innen, die uns in die geheime Welt der Verschlüsselung einführen sollen. Laptops und Smartphones sind bereit, Akkus aufgeladen – es kann losgehen. Drei Frauen und fünf Männer treten ein, leger in Jeans und T-Shirt gekleidet. Sie sind überraschend offen und bereit, auch die vermeintlich dümmsten Fragen unsererseits zu beantworten. Die Cryptoparty Berlin pflegt keine Hierarchie, Einzelpersonen sind für sie nicht so wichtig, alle lernen voneinander, duzen und akzeptieren sich. Cryptopartys kommen ursprünglich aus Australien. Als dort vor drei Jahren in der Politik über Vorratsdatenspeicherung diskutiert wurde, protestierten einige Netzaktivist*innen unter anderem mit Cryptopartys dagegen. Inzwischen gibt es auch in Europa und Deutschland regelmäßig solche Verschlüsselungstreffen. Wer auf einer Cryptoparty allerdings Tanz und laute Musik erwartet, ist an der falschen Adresse. Stattdessen zeigen Informatikexpert*innen, wie auch Laien ihre Onlinekommunikation verschlüsseln können.

ENDLICH UNERKANNT SURFEN Zur Einstimmung flimmert schrill ein kurzer Film-Clip über Netz-Aktivist*innen

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auf der Leinwand, dann dürfen wir uns alle ein Thema aussuchen, mit dem wir uns in den nächsten zwei Stunden beschäftigen. Zur Auswahl stehen beispielsweise E-Mail- oder Chatverschlüsselung.

HUNDERTPROZENTIGE SICHERHEIT IST UNMÖGLICH Ich entscheide mich für den Workshop zur Verwendung eines sicheren Betriebssystems mit Internetbrowser. Unsere Gruppe ist mit fünf Personen verhältnismäßig klein, die meisten scharen sich um den Tisch der E-Mail-Verschlüsselung. Bevor es losgeht, macht Michael, einer der acht Expert*innen, unserer Gruppe klar, dass wir unsere Situation verbessern können, aber es „keine generelle, hundertprozentige IT-Sicherheit“ gebe und dass das Internet im Grunde böse sei. Sein Kollege Till ergänzt, dass Verschlüsselungssoftware immer nur so gut sein könne, wie die Nutzer*innen, die sie einsetzen. Wer einen sicheren Browser verwende, sollte auch verschlüsselte E-Mails verschicken. Sonst bringe der Browser nichts, weil Firmen oder Behörden trotzdem an die Daten kämen. Mithilfe von Michael lade ich mir den Webbrowser „Tor“ herunter. Tor sorgt dafür, dass ich im Internet anonym bleiben kann und meine IP-Adresse nicht öffentlich sichtbar ist. Niemand weiß, woher ich komme und wer ich bin, wenn ich diese Daten nicht selbst freigebe. Der

Browser lädt zunächst eine Liste von etwa 7.500 Rechnern weltweit herunter, die von Freiwilligen betrieben werden. Der Browser wählt wahllos drei davon aus. Wenn ich nun im Internet surfe, läuft ein komplizierter Prozess im Hintergrund ab. Der erste Server, den ich ausgewählt habe, verschlüsselt die Web-Adresse, der zweite und dritte Server bilden noch weitere Verschlüsselungsschichten darum herum. Das funktioniert also wie bei einer Zwiebel, deswegen nennt man Tor auch den Zwiebel-Browser. So wird es schier unmöglich nachzuvollziehen, mit welcher IP-Adresse auf bestimmte Seiten zugegriffen wird. Das alles hört sich kompliziert an, ist es auch – aber ich vor meinem Laptop merke davon nur etwas, wenn meine Internetseiten langsamer laden als sonst. Geduld ist also wichtig, wenn man mit Tor arbeitet.

Funktionen. Tails löscht nach jeder Anwendung alle Spuren auf dem Arbeitsspeicher. Um trotzdem Dokumente bei der nächsten Tails-Nutzung sichern zu können, habe ich noch einen persistenten, also dauerhaften Speicher auf dem USBStick angelegt. Dort kann ich auch Installationsprogramme speichern, weil diese sonst ebenfalls nach jedem Herunterfahren auf dem PC gelöscht würden. Deswegen muss ich bei jeder Nutzung Tails neu installieren, ebenso die Dokumente und Installationsprogramme. Ob ich Tor und Tails auch noch in Zukunft nutze, weiß ich nicht. Vor allem, wenn ich es eilig habe, meinen Laptop zu verwenden. Aber eine Cryptoparty werde ich ganz bestimmt nochmal besuchen: Meine Haltung gegenüber den Chancen und Risiken des Netzes ist kritischer geworden.

ALLES NEU, ALLES SICHERER Danach widme ich mich dem sicheren Betriebssystem. Um nicht gleich einen neuen PC mit Linux kaufen zu müssen und als Laie erst einmal klein anzufangen, lädt mir Till auf meinen USB-Stick „Tails“. Gebannt verfolgt die ganze Gruppe, wie sich der Ladebalken vervollständigt und das Betriebssystem auf den Stick kopiert wird. Nun besitze ich auf meinem USBStick ein eigenes, abgeschlossenes Computersystem mit allen notwendigen

Alina Frechen 20, Troisdorf ... hört ihr Handy andauernd klingeln.


­­E-MAIL-VERSCHLÜSSELUNG LEICHT GEMACHT

WER VERTRAULICHE INFORMATIONEN PER E-MAIL VERSCHICKEN MÖCHTE, IST AUF EINE FUNKTIONIERENDE VERSCHLÜSSELUNG ANGEWIESEN. WIR ERKLÄREN, WIE MAN SEINE E-MAILS VOR DEM ZUGRIFF DER GEHEIMDIENSTE SICHERT. VON MALTE WORAT

B

ei der Verschlüsselung von E-Mails wird ein lesbarer Text in einen Geheimtext umgewandelt, den nur derjenige lesen kann, der den entsprechenden Schlüssel besitzt. Obwohl der mathematische Hintergrund sehr kompliziert ist – die Anwendung ist es nicht. politikorange zeigt, wie es geht.

ANLEITUNG:

nannte Schlüsselserver. Dort kann jede*r seinen*ihren öffentlichen Schlüssel hinterlegen (unter dem Namen oder der EMail-Adresse), sodass andere darauf Zugriff haben. Voraussetzung ist, dass dein Gegenüber ebenfalls die Verschlüsselungssoftware installiert hat. Ansonsten ist eine verschlüsselte Kommunikation nicht möglich.

Du brauchst: einen PC oder Mac mit Thunderbird (E-Mail-Programm).

WIE FUNKTIONIERT DAS ÜBERHAUPT?

Um E-Mails mit Thunderbird zu verschlüsseln, musst du das Plug-in „Enigmail“ (https://www.enigmail.net/) installieren. Nach dem Start der Einrichtung folgt man den Anweisungen des Programms, um ein Schlüsselpaar zu erzeugen und sichert es danach mit einem Passwort. Das Generieren dauert einige Zeit, da es sehr rechenintensiv ist. In der Schlüsselverwaltung findet sich zunächst nur dein eigener Schlüssel. Wenn du den öffentlichen Schlüssel deines Gegenübers – zum Beispiel per Mail – erhältst, importierst du diesen in die Schlüsselverwaltung. Damit du nicht jeden, mit dem du verschlüsselt kommunizieren willst, nach seinem öffentlichen Schlüssel fragen musst, gibt es soge-

Enigmail benutzt eine sogenannte asymmetrische Verschlüsselung. Das bedeutet, dass es getrennte Schlüssel zum Ver- bzw. Entschlüsseln der Nachricht gibt. Einer ist öffentlich, der andere ist geheim und wird deshalb privater Schlüssel genannt. Der öffentliche funktioniert im Prinzip wie ein offenes Vorhängeschloss, dass du an alle verteilen kannst, mit denen du kommunizieren möchtest. Wer so ein Vorhängeschloss bekommt, kann damit eine private Nachricht an dich sichern. Bildlich kannst du dir das vorstellen wie eine Kiste, in die die Nachricht gelegt und mit dem Vorhängeschloss gesichert wird. Beim Versenden wird sie verschlossen, danach kann niemand mehr etwas daran ändern. Nur du kannst dein eigenes

Grafik: Manuel Dietrich

Schloss öffnen, also die Nachricht lesen. Dadurch kannst du sicher sein, dass niemand den für dich bestimmten Inhalt lesen kann. Wir haben das Prinzip hier mit Thunderbird beschrieben, generell ist eine Verschlüsselung aber mit vielen Geräten und E-Mail-Programmen möglich.

Malte Worat 16, Neustadt am Rügenberge ... bleibt zu oft und zu lange auf 9GAG hängen.

Unter blog.politikorange.de beschreiben wir, wie du mit Outlook oder Android verschlüsseln kannst.

DIE LEIDEN DES JUNGEN USERS

DIE DIGITALE WELT ERÖFFNET UNGEAHNTE MÖGLICHKEITEN – UND BIRGT GROSSE RISIKEN. FREIHEIT ODER SICHERHEIT? EINE VIRTUELLE ZWICKMÜHLE EINE GLOSSE VON DOMINIK LAMBERTZ

M

anche Dinge ändern sich nie: Der Ball ist rund, Will Smith sieht aus wie Mitte 20 und meine Mutter verschickt noch heute Postkarten aus dem Urlaub: „Schönes Wetter… Überfüllter Pool… Viele Grüße...“ Briefmarke drauf, und Tschüss. Ganz analog. Ich stelle selbstgeschossene Fotos auf Instagram – und kaum einen Wimpernschlag später sehen meine Abonnent*innen die Welt durch meine Augen... äh, Linse. Ich gebe ihnen allen die Gelegenheit mitzuerleben, wo ich mich bewege und was mich bewegt – ohne vorher abzuwarten, bis die an meine Freund*innen in Deutschland adressierte Karten mit dreiwöchiger Verspätung (eventuell, unter Umständen, vielleicht) ihr Ziel erreichen. Ist doch appgefahren!

DIGITALES DILEMMA Alle Welt rät mir neuerdings, mich abzusichern, meine empfindlichen Daten zu

verschlüsseln. Viel zu leicht sei es für nahezu jede*n, abzufangen, was nur mich und meine Adressat*innen etwas angeht. Dagegen solle ich mich zur Wehr setzen: Threema statt WhatsApp. Digitale Schutzmauer statt Pinnwand. Aber wohin führt uns eine solche Abschirmung? Wo bleiben Transparenz und Freiheit? Und wer likt noch mein Urlaubsbild, wenn wieder jede*r aufs staubige Fotoalbum umsteigt?

STRESS OHNE GRUND? Es ist schier unvermeidlich, auf die scheinbar schutzlosen Mainstream-Angebote zurückzugreifen. Sicherheit im Internet bedeutet heute gleichzeitig den Verlust von sozialen Kontakten. Verschlüsseln heißt auch, meinen Mitmenschen den Zugang zu meinem Leben zu entziehen. Ich habe nicht die Absicht, eine solche Mauer zu bauen. Bei aller Mühe – ich kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Die

NSA sammelt meine Daten? Pah, soll sie doch! Ich habe schon immer davon geträumt, dass man eines Tages auch in Amerika meinen Namen kennt. Und was sollen die mit dem Rest schon anfangen? Liebesnachrichten? Abfotografierte Hausaufgaben? Badezimmerselfies? Meinetwegen könnten die bei Gelegenheit mal meinen E-Mail-Ordner ausmisten. Dass ich allein mein Verhalten ändere, bewirkt ja wohl auch nicht viel. Ganz ehrlich: Am Ende ist noch jedes Schloss geknackt worden. Anscheinend ist nicht einmal mehr der Bundestag vor Attacken aus dem Netz gefeit. Wenn selbst dessen Verteidigung nicht ausreicht – wie soll ich mich und meine Daten schützen? Zielgerichteter Informatikunterricht wäre dazu beispielsweise recht hilfreich. Aber die Fläche zwischen zwei Graphen auf die vierte Nachkommastelle genau berechnen zu können, ist wohl nach wie vor bedeu-

tender als die Vorbereitung auf einen sicheren Umgang mit den modernen Medien. Ob sich das mal ändert oder Will Smith doch vorher graue Haare bekommt?

Dominik Lambertz 16, Köln … liest Nachrichten auf WhatsApp ohne sie anzuklicken, damit der andere keine Lesebestätigung erhält.

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LEGAL – ILLEGAL – DIEBSTAHL?

ÜBERWACHUNG, WAS IST DAS EIGENTLICH? ALEXANDRA RATKE UND PAUL BEKKER HABEN SICH DAS G-10-GESETZ GENAUER ANGESEHEN UND GEBEN EINEN ÜBERBLICK IM PARAGRAFENDSCHUNGEL.

AUSSPÄHUNG: OHNE EINE ERKENNBARE DROHENDE GEFAHR NICHT ERLAUBT

I

m Juni 2013 veröffentlichten die britische Zeitung The Guardian und die amerikanische Washington Post geheime Dokumente, die der frühere NSA-Mitarbeiter Edward Snowden ihnen zugespielt hatte. Diese enthüllten ein weltweites Spionagesystem von Geheimdiensten. In den vergangenen zwei Jahren kamen immer mehr Details über das Ausmaß der Überwachungen ans Licht.

IST EINE ÜBERWACHUNG IN DEUTSCHLAND LEGAL? Nicht nur die NSA überwacht, auch in Deutschland ist eine Überwachung unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Das Gesetz zur Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses, das sogenannte G-10-Gesetz, regelt seit 1968, unter welchen Voraussetzungen eine Überwachung in Deutschland erlaubt ist. Die Verfassungsschutzbehörden, der Bundesnachrichtendienst (BND) und der Militärische Abschirmdienst dürfen unsere Telekommunikation überwachen und aufzeichnen, wenn eine Gefahr für die freiheitliche demokratische Grundordnung besteht oder der Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gefährdet ist. Kurz gesagt: Eine Überwachung ist nur dann erlaubt, wenn die Demokratie oder der Staat in Gefahr sind. Wenn Deutschland in Gefahr ist, dürfen die gesammelten Daten sogar an ausländische Geheimdienste weiterge-

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geben werden. Juristisch ausgedrückt heißt das, dass unter bestimmten Voraussetzungen auf Grundlage von Paragraf 7a des G-10-Gesetzes Daten auch an ausländische Geheimdienste weitergegeben werden, beispielsweise wenn die Übermittlung zur Wahrung außen- oder sicherheitspolitischer Belange Deutschlands erforderlich ist oder erhebliche Sicherheitsinteressen des ausländischen Staates bestehen. Der ausländische Geheimdienst darf aber nicht alles mit den Daten machen: Er muss dafür sorgen, dass ein gewisses Datenschutzniveau erhalten bleibt und die Verwendung der Daten im Einklang mit grundlegenden rechtsstaatlichen Prinzipien steht. Außerdem muss das Prinzip der Gegenseitigkeit gewahrt werden: Übermittelt der BND beispielsweise Daten an den französischen Auslandsnachrichtendienst DGSE, übermittelt der DGSE auch Daten an den BND.

DATENÜBERMITTLUNG ANS AUSLAND Der BND agiert in der Übermittlung der Daten an ausländische Geheimdienste nicht allein. Dafür bedarf es der Zustimmung des Bundeskanzleramtes. Ein Bediensteter des BND, der die Befähigung zum Richteramt hat, entscheidet über die Datenübermittlung. Die Empfänger der Daten dürfen die übermittelten Informationen nur zu dem Zweck verwenden, zu dem sie weitergegeben wurden. Gleich-

Foto: Samuel Grösch

zeitig ist der Empfänger dazu verpflichtet, verfügen darf, aber auch, dass Beschränauf Anfrage des BND Auskunft über die kungen in einem Gesetz angeordnet werVerwendung der Daten zu geben. den dürfen. Die Erhebung persönlicher Die Bundesregierung unterrichtet Daten durch den BND, die unbemerkt monatlich die G-10-Kommission im Bun- von Abgehörten erfolgt, schließt die destag über die Übermittlungen des BND. Selbstbestimmung des Betroffenen aus, Zu ihren Aufgaben zählen die Erhebung, der deswegen in seinen Grundrechten Verarbeitung und Nutzung der vom BND eingeschränkt wird. erlangten personenbezogenen Daten und Die Begriffe „drohende Gefahr“ oder diese zu kontrollieren, auch hinsichtlich „grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien“ der Weitergabe der Daten an auslän- in dem G-10-Gesetz, die die Überwadische Geheimdienste. Daneben hat das chung rechtlich legitimieren, lassen einen Parlamentarische Kontrollgremium als Ermessensspielraum zu. Aufsichtsorgan im Sechsmonatsrhythmus Gerade die ungewisse Verwendung die Möglichkeit, Akten einzusehen und der Daten wirft Fragen auf: Können die DaFragen zu stellen. ten gegen uns verwendet werden? Wie ist das Datenschutzniveau, das ausländische Geheimdienste nach Übermittlung der DaG-10-GESETZ IST EIN EINGRIFF ten durch den BND aufrechterhalten müsINS GRUNDGESETZ sen, auszulegen? Üben die eingesetzten Um die freiheitliche demokratische Gremien tatsächlich eine KontrollfunktiGrundordnung und die außen- oder si- on aus, wenn nicht gewährleistet ist, dass cherheitspolitischen Belange Deutsch- der Bundesnachrichtendienst absolute lands zu wahren, ist es rechtlich legitim, Auskunft erteilt? bei drohender Gefahr Tatverdächtige abzuhören. Politische Organe haben eine Kontrollfunktion inne, die unumschränkten Handlungsspielraum des BND unterbinden soll. Unter diesen GesichtspunkAlexandra Ratke ten erscheint das Prinzip des Abhörens 19, Papenburg rechtmäßig. Paul Bekker Demgegenüber stehen das Brief-, 16, Leer Post- und Fernmeldegeheimnis sowie das ... halten das AusspähRecht auf informationelle SelbstbestimVerhalten der Geheimmung, die im Grundgesetz verankert sind. dienste für nicht ganz so Letzteres besagt, dass jeder frei über die legitim. Verwendung und Weitergabe seiner Daten


»DATEN BEDEUTEN MACHT«

WAS MIT UNSEREN DATEN IM INTERNET PASSIERT UND WIE WIR SIE SCHÜTZEN KÖNNEN – VIKTORIA HORN UND KARINA GLAUM HABEN MIT MARKUS BECKEDAHL GENAU DARÜBER GESPROCHEN. HERR BECKEDAHL, SIE INTERESSIEREN SICH BESONDERS FÜR DAS THEMA DATENSCHUTZ. WAS HAT SIE DAZU BEWEGT, SICH DAFÜR EINZUSETZEN? Datenschutz ist ein Grundrecht und ein Menschenrecht. Datenschutz ist etwas, das wir immer weniger durchsetzen können, da es nicht transparent ist, wer unsere Daten überhaupt verarbeitet. Mir geht es darum, zeitgemäße Datenschutzgesetze zu schaffen, um Kontrolle darüber zu besitzen, wer Daten von mir sammelt und unter welchen Bedingungen. Denn Daten von einer Person zu besitzen, bedeutet Macht über diese Person zu haben.

WARUM GEHEN DIE MEISTEN MENSCHEN SO FAHRLÄSSIG UND UNBEDACHT MIT IHREN DATEN UM? Dieser Prozess des Datensammelns ist sehr schwer nachzuvollziehen für Menschen, die sich nicht mit der Informatik dahinter beschäftigen. Wer weiß denn zum Beispiel, was genau mit seinen Daten auf Facebook passiert, welchen Klick man wann getätigt hat und in welche Relationen Daten zueinander gestellt werden? Selbst mir fällt es manchmal schwer, nachzuvollziehen, welche Datenspuren ich hinterlasse.

WAS SOLLTE UND MÜSSTE DIE BUNDESREPUBLIK TUN, UM UNSERE DATEN BESSER ZU SCHÜTZEN? Zunächst einmal müsste der Staat Regeln schaffen, die jeder versteht. Das Datenschutzgesetz ist mit 20 Jahren ziemlich veraltet und somit sehr schwer zu verstehen. Das kann man alles vereinfachen. Der Staat könnte zum Beispiel veranlassen, dass die AGB auf eine beschriebene Seite beschränkt sein müssen. Außerdem müsste sich der Staat viel mehr um Aufklärung und Bildungsarbeit kümmern, damit mehr Menschen ein Bewusstsein entwickeln, welche Daten sie überhaupt hinterlassen. Viele wissen gar nicht, dass ihre Daten etwas wert sind.

WAS KANN MAN ALS PRIVATPERSON TUN, UM DER DATENSAMMELWUT DER UNTERNEHMEN ZU ENTGEHEN?

Z UR PERS O N M ARK US B ECK EDAHL Jahrgang 1976, ist in Deutschland momentan einer der Experten, wenn es um Netzpolitik, Datenschutz und Vorratsdatenspeicherung geht. Seit 2002 schreibt er kritisch über die Netzwelt auf dem Blog netzpolitik.org. Außerdem ist er Mitbegründer der re:publica, einer dreitätigen, jährlichen Konferenz rund um aktuelle Themen der digitalen Gesellschaft. Wir treffen den aufgeschlossenen Journalisten und Netzaktivisten in dem Büro seiner Firma newthinking.

Wenn ihr mehr zum Thema Datenschutz, Beckedahls Online-Verhalten und den kommenden Trends in der digitalen Welt erfahren wollt, findet ihr die Fortsetzung des Interviews unter blog.politikorange.de

Wichtig ist, möglichst datensparsam zu leben und sich immer bewusst zu sein, dass mit jedem Klick im Internet Daten gesammelt werden. Es ist ratsam, bewusste Kaufentscheidungen zu treffen. Das heißt, auf Produkte Wert zu legen, bei denen der Datenschutz von Anfang an gewährleistet ist.

Viktoria Horn 20, Fulda Karina Glaum 16, Frankfurt am Main ... schauen bis tief in die Nacht YouTube-Videos.

Foto: Samuel Grösch

GLÄSERN INS UNGLÜCK

DER NEUESTE DIGITALE MIST? WIR WOLLEN IHN! UND KAUFEN RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN MIT. GIBT ES ÜBERHAUPT NOCH HOFFNUNG FÜR DATENSCHUTZ UND KRYPTOGRAFIE, ODER IST DAS SCHON LANGE OUT? EIN KOMMENTAR VON TOMKE SCHÖNINGH

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983. Das Jahr der Proteste, der Demonstrationen und der Verweigerung, das Jahr der Menschen, die eine Volkszählung boykottierten. Damals fällte das Bundesverfassungsgericht ein Urteil über das sogenannte Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Grund war eine geplante Volkszählung, bei der jede*r Bürger*in erfasst werden sollten. Nach zahlreichen Beschwerden urteilte das Bundeverfassungsgericht schließlich, dass Teile des zugehörigen Bundesgesetzes in die Grundrechte eingriffen. 2013. Der US-Amerikaner Edward Snowden begeht Geheimnisverrat. Er erzählt, dass wir alle vom Geheimdienst seines Landes, der NSA, abgehört werden. Die versuchte Volkszählung, die wegen Bürgerprotesten nicht stattfand, erscheint dagegen fast lächerlich. Aber anders als 1983 war 2013 das Jahr der Ignoranz. Wir geben weiterhin Daten über uns preis, als wäre nichts

gewesen. Denn wir werden belohnt: Im Tausch gegen unsere Daten erhalten wir kostenlosen Zugang zu sozialen Netzwerken oder E-Mail-Programmen. Für die meisten scheint das ein guter Deal zu sein. Das beweisen die Mitgliedszahlen von Facebook und Tinder, Instagram und Google.

WAS PRIVAT WAR, WIRD ÖFFENTLICH Doch die Antipathie gegenüber dem Datenschutz ist unverständlich. Verschlüsselungsprogramme lassen sich heute kinderleicht herunterladen, genauso wie Rezensionen und Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Niemand ist schutzlos ausgeliefert. Viele fühlen sich im Internet dagegen schon so heimisch, dass sie den Datenschutz vernachlässigen, die Wohnungstür gar nicht mehr abschließen. Facebook dient längst als Tagebuch und Instagram

als persönliches Fotoalbum. Was privat „rechtmäßig“ gesammelt werden? Weil wir war, wird öffentlich, und zwar für alle und diese Fragen kennen, sollten wir uns mögjeden. Was dazu zählt und wer sich für un- lichen Antworten nicht verschließen. Wer sere Urlaubsfotos interessiert, das ist nicht es dennoch tut, ist seit Snowden auf eine nur unbekannt, sondern auch deutlich un- deutlich peinlichere Art naiv. Dennoch, heimlicher, als wir es uns vorstellen. die Hoffnung bleibt: Vielleicht wird die Wer meint, dass wir als „normale“ kommende Generation verschlüsseln und Bürger*innen nicht belangt werden kön- für Freiheit im Netz kämpfen. Vielleicht nen, so lange wir kein Verbrechen bege- will sie aber auch gar nicht kämpfen, sonhen, ist schlichtweg blauäugig. Niemand dern schweigen, wegschauen und nicht weiß, was aus unseren Daten wird, wem hinhören. sie in die Hände fallen und wie schmutzig deren Hände sein werden. Auch das lehrt uns die Geschichte. Vermutlich ahnte 1872 Tomke Schöningh bei Einführung der sogenannten Rosa Li17, München sten kaum einer, dass diese Daten viele Jahre später im Nationalsozialismus den … hört selbst auf dem Tod fast aller dort aufgelisteten HomosexuFahrrad noch iPod. ellen bedeuten würde. Zurück in die Zukunft. Wer weiß, in welche Hände unsere Daten noch gelangen können? Was passiert dann mit den Informationen, die jetzt

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SIEHT MAN MIT DEM ZWEITEN BESSER?

SEIT SEINER ERFINDUNG BEKAM DAS FERNSEHEN FAST DIE VOLLE AUFMERKSAMKEIT DER ZUSCHAUER*INNEN. DOCH SEIT EINIGEN JAHREN ÄNDERT SICH DIESES VERHALTEN: IMMER MEHR MENSCHEN NUTZEN „SECOND SCREEN”. WAS IST DAS EIGENTLICH? OLIVER MATTUTAT UND ALEXANDER KRÜGER SUCHEN NACH ANTWORTEN.

AUCH BEI DER ZDF-SHOW „MAYBRIT ILLNER“ IST DER „SECOND SCREEN“ IN EINER SENDEREIGENEN APP IM EINSATZ.

S

onntag, 20:15 Uhr, für viele Deutsche und zusätzliche Funktionen sollen viele heißt das: Fernseher an, Tatort gucken. Nutzer*innen angesprochen werden. InSchon seit 45 Jahren läuft die Krimi-Reihe wieweit diese Anwendungen nützlich in deutschen Wohnzimmern – und mitt- sind, haben wir anhand der ZDF-App lerweile nicht nur dort. Online kann man im Zusammenspiel mit der Talkshow heutzutage auch über den Hashtag #tat- „maybrit illner” an der Ausgabe vom ort auf Twitter mitverfolgen, wen andere 4. Juni getestet. Thema war die Eurokrise. Hobbyermittler*inner für eine*n Täter*in Zuerst wird die App aus einem Apphalten und auch selbst Vermutungen an- Store geladen, erhältlich ist sie für Apples stellen. iOS und Googles Android. Allein aus dem Sogar der Tagesspiegel greift die- Google Playstore wurde sie schon über se Diskussionen auf und rezensiert eine Million Mal heruntergeladen. Die Folgen des Sonntagabend-Klassikers App umfasst neben den Second-Screenanhand der Meinungen aus dem Netz. Funktionen auch die ZDF-Mediathek und Auch andere etablierte Medien gehen Livestreams. auf die Second-Screen-Nutzung der Fernsehzuschauer*innen ein. ERKLÄRUNGEN UND DIA-

MEHR PUBLIKUMSBINDUNG DURCH ZWEITBILDSCHIRM Die Zuschauer*innen verlieren zunehmend das Interesse am Hauptprogramm, denn anstatt auf den Fernseher schauen sie lieber aufs Smartphone. Für Fernsehproduzent*innen bietet der zweite Bildschirm die Möglichkeit, das Publikum intensiver an Fernsehinhalte heranzuführen. Und genau das versuchen einige Sender mit ihren neuen Angeboten zu erreichen. Durch mobile Apps

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GRAMME AUFS SMARTPHONE Sobald eine Sendung mit Second-ScreenFeature gesendet wird, erscheint in der App ein kleines Pop-Up-Fenster. Durch ein Tippen darauf gelangt man in den Live-Bereich, bei dem man Zugriff auf den zweiten Bildschirm erhält. Bereits zu Beginn der Sendung wurden den Second-Screen-Nutzer*innen wichtige Begriffe erklärt, etwa „Primärüberschuss” oder „Grexit”, die zum Verständnis der Sendung wichtig sind. Als Martin Schulz in der Sendung gezeigt

Foto: Samuel Grösch

wurde, liefen auf dem zweiten Bild- bote noch viel zu zögerlich angenommen schirm biografische Details des EU-Par- – was vermutlich auch daran liegt, dass lamentspräsidenten, außerdem wurden die Dienste eine zu geringe Bekanntheit besitzen. Nicht jeder Beitrag stellt sofort Screenshots aus der laufenden Sendung eingeblendet. Als sich der Talk in Rich- einen Mehrwert für das abendliche Ferntung Schuldenkrise bewegte, erschien in sehpublikum dar. Dennoch ist Second Screen eine interessante Innovation, die der App ein passendes Diagramm, das die geplanten Rückzahlungen Griechenlands den herkömmlichen Fernsehbildschirm sinnvoll ergänzt und zum besseren Veran die Gläubiger veranschaulicht. Unter „Chat” kann man sich mit an- ständnis von Sendungen beitragen kann. deren TV-Zuschauer*innen austauschen, auf Kommentare aus sozialen Netzwerken auch ohne Registrierung reagieren. Ob junge Leute in Zukunft dieses Angebot wahrnehmen, wird sich erst noch zeigen. Die bisherigen Reaktionen sind gemischt. Im Moment befinden sich die Technologie und die Entwicklung des Second Screen noch in der Startphase. Nach Angaben des Senders nutzen bis zu 15 Prozent der Zuschauer*innen das Angebot während der Sendungen von Maybrit Illner.

MEHRWERT NICHT IMMER DEUTLICH Second-Screen-Apps binden die Zuschauer*innen besser an das Fernsehprogramm, sie bieten Abwechslung und nützliche Informationen. Allerdings werden die Ange-

Oliver Mattutat 19, Berlin Alexander Krüger 16, Ulm

... gucken nach der Arbeit immer gleich YouTube.


»DAS KOMMENDE DING«

SABINE BLEICH IST MITGLIED IN DER REDAKTION VON „MAYBRITT ILLNER“ UND SECOND-SCREEN-EXPERTIN. LOU GODVLIET UND MARKUS HEHN SPRACHEN MIT IHR IM ZDF-HAUPTSTADTSTUDIO DARÜBER, WELCHE BEDEUTUNG DAS INTERNET FÜR DAS FERNSEHEN VON HEUTE HAT. FRAU BLEICH, WELCHE CHANCEN BIETET DIE TECHNOLOGIE DES SECOND SCREEN IHRER MEINUNG NACH FÜR DIE FERNSEHSENDER? Die Zuschauer mussten sich bisher entscheiden, ob sie die Facebook-App, die Twitter-App oder den Livestream öffnen. Und jetzt führen wir das zusammen. Zusätzlich gibt es noch den Liveblog, auf dem wir mehr Hintergrundinformationen geben. Zusatzinformationen rund ums Thema dienen an bestimmten Knackpunkten der Sendung dem besseren Verständnis. Auch können Zuschauer über den Second Screen miteinander kommunizieren und Diskussionen fortführen. Fragen und Meinungen der Zuschauer fließen natürlich auch direkt in die Sendung ein. Dabei haben wir festgestellt, dass die Äußerungen während der Sendung oft sehr persönlich sind. In den Tagen vor der Sendung sind die Leute mehr beim eigentlichen Thema und das hilft unserer Vorbereitung und der Sendung dann auch inhaltlich weiter. Früher hätte man mit seiner Familie darüber gequatscht, heute twittert man mit seinen Bekannten, der Netzgemeinde oder mit den Illner-Fans.

WIRD DAS AUCH FÜR ANDERE SENDUNGEN UND DAS FERNSEHEN IM ALLGEMEINEN DIE ZUKUNFT SEIN? Zumindest im ZDF machen das immer mehr Sendungen. Das bietet sich bei einigen mehr an als bei anderen. Ich glaube auch, dass man etwas bereits Bestehendes aufgreift. Wenn die Zuschauer während des Fernsehens auf Wikipedia nachschauen, in welchen Filmen der Schauspieler mitgespielt hat, dann hat man sie dadurch weggeschickt. Wenn man ihnen das aber gleich selbst gibt, bleiben sie dabei. Der Service kommt direkt von uns. Daher glaube ich schon, dass der Second Screen das kommende Ding sein wird.

WENN WIR EINEN BLICK IN DIE ZUKUNFT WERFEN: WAS KOMMT NACH DEM SECOND SCREEN? Es ist nie stehengeblieben, es ist immer weitergegangen. Es sind Sachen gekommen, von denen wir vor zwei oder drei Jahren noch geträumt haben. Wir wissen nicht, welche Wirkungen Periscope haben wird, ob das Livestreaming noch stärker kommen

„VIELES STEHT NOCH AN“, ERKLÄRT SABINE BLEICH IM INTERVIEW.

wird. Ich frage mich auch, ob es für uns Sinn macht, Instagram zu featuren. Ausprobiert und experimentiert wird auf jeden Fall. Möglicherweise finden am Ende des Tages die eigentlichen medialen Inhalte, also das, was wir hier die ganze Zeit machen, nur noch in einer App statt.

Foto: Samuel Grösch

Lou Antoinette Godvliet 17, Wuppertal Markus Hehn 19, Pfullingen ... Markus muss immer alles auf Wikipedia nachlesen und Lou kann das Checken der Startseite nicht unterbrechen.

Den zweiten Teil des Interviews findet ihr auf unserem Blog: blog.politikorange.de

WIR KINDER VOM BAHNHOF WEB

BESONDERS JUNGEN LEUTEN WIRD DAS NETZ IMMER HÄUFIGER ZUM VERHÄNGNIS, DIAGNOSE: INTERNETSUCHT. WARUM IST ES FÜR VIELE SO SCHWER, DAVON WEGZUKOMMEN? MAXIMILIAN FRIEDRICH GEHT AUF SPURENSUCHE.

W

ir leben in einer vernetzten Welt, in der wir mittlerweile nie mehr offline sein müssen. Die Gelegenheit des ununterbrochenen Informationsflusses ermöglicht uns in vielerlei Hinsicht ein bequemes Leben. Schon früh am Morgen wird das Smartphone angeworfen und liefert uns eine Flut an Informationen. Doch die Benutzung des Internets birgt mehr Gefahren als das Preisgeben sensibler Daten. Schon längst ist die Internetsucht zu einem Symptom der digitalen Gesellschaft geworden. Die Anzeichen weisen Parallelen zu anderen Suchterkrankungen auf. Dennoch gibt es Kontroversen darüber, ob man in diesem Fall tatsächlich von einer „Sucht“ oder einem „exzessiven Nutzungsverhalten“ sprechen sollte. Jedenfalls sind Betroffene, wie so oft, unehrlich zu sich selbst und anderen gegenüber. Expert*innen sprechen dabei von Nomophobie, um die Angst vor mobiler Nicht-Erreichbarkeit zu beschreiben, die mit Internetsucht auf-

treten kann. Vor allem junge Menschen seien betroffen. Durch den Umstand, dass sie mit der Technik aufgewachsen sind, würden viele von ihnen übermäßige Internetnutzung als normal empfinden. Die Zeit, die man vor dem Rechner verbringt, könne jedoch nicht allein als sicheres Anzeichen für Internetsucht gesehen werden.

GESTEIGERTE REIZBARKEIT BEI INTERNETENTZUG

leiden deutschlandweit etwa 560.000 Menschen unter Internetsucht. Der Studie nach verbringen die Süchtigen durchschnittlich vier Stunden im Internet. Als Kriterien spielen neben der Zeit im Netz vor allem die oben genannten Symptome eine Rolle. Noch größer ist der Anteil der „problematischen“ Internetnutzer*innen. In Deutschland werden 2,5 Millionen Bürger*innen als gefährdet eingestuft. Unter der am stärksten betroffenen Gruppe der 14- bis 24-Jährigen sind Frauen häufiger abhängig als Männer. Als Medien werden von dieser Gruppe vor allem Chatfunktionen und Onlinespiele genutzt.

Menschen können ebenso gut viel Zeit im Internet verbringen, weil es zu ihrem Beruf gehört. Erst wenn der Aufenthalt im Internet den Lebensmittelpunkt darstellt, könne man von einer Sucht sprechen. Hinzu kämen Symptome wie DER WEG ZURÜCK INS gesteigerte Reizbarkeit bei Internetent- RICHTIGE LEBEN zug und das Verheimlichen von Internetaktivitäten. In extremen Fällen kann Ein Versuch, dieser bedrohlichen Entes dazu kommen, dass Süchtige ihre Er- wicklung entgegenzuwirken, ist eine Berliner Selbsthilfegruppe, die sich nährung vernachlässigen. Laut einer vom Bundesministeri- „Lost in Space“ nennt. Unter Leitung der Caritas sollen die betroffenen Menschen um für Gesundheit beauftragten Studie

den Weg zurück ins richtige Leben finden. Die Schwierigkeit an der Therapie ist, dass sich, anders als beispielsweise bei Alkohol und Zigaretten, keine vollkommene Abstinenz erreichen lässt. Das Internet ist zum ständigen Begleiter geworden: auf den Smartphones in den Hosentaschen, den Rechnern in der Arbeit, sogar auf Bildschirmen in Bus und U-Bahn.

Maximilian Friedrich 17, Halberstadt … öffnet für jede Seite einen neuen Tab.

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VON DER KUNST, PERFEKT ZU SEIN

WIR SIND JUNG UND BRAUCHEN DIE AUFMERKSAMKEIT: DIE SOGENANNTE MEME-GENERATION BREITET IHR GANZES LEBEN IM NETZ AUS. WIE SOLL DAS WEITERGEHEN? WIE GEHEN WIR MIT DEM DRUCK UM, ONLINE PERFEKT ZU SEIN? VON ANNA SEIFERT

D

er Narzissmus trägt viele Masken: Heiligkeit, Pflichtbewusstheit, Freundlichkeit und Liebe, Bescheidenheit und Stolz“, sagte der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm einmal. Heutzutage trägt er auch Instagram-Filter. Sutro, Earlybird, Toaster. Wir verstecken uns online hinter einer Maske aus Weichzeichner und Hashtags. Perfektes Zahnpasta-Lächeln hier, ein kunstvoller Filter da. Doch woran erkennt man nun Narzisst*innen? Im Internet scheinen sie schnell gefunden. Erkennungsmerkmale: Die zu enge Yogahose, das Mittagessen, die neue Designerhandtasche. Alles online ausgebreitet in unzähligen Posts.

WARUM MÜSSEN WIR ONLINE MAKELLOS SEIN? Alles so wahnsinnig wichtig, dass man es sofort allen Freunden, Fans und Followern mitteilen muss. Ich, ich, ich. Überall. Man kann sich nur wundern: Wozu das Ganze? Wer sind diese Selbstinszenie-

rungs-Künstler*innen? Und warum müssen wir online makellos sein? Gelernt haben sie ihre außerordentlichen PR-Fähigkeiten wohl in der Werbung. Eine große deutsche Bank wirbt mit dem Slogan „Unterm Strich zähl‘ ich“. Worte der Weisheit für all die professionellen Selfie-Fotograf*innen und FilterAuswähler*innen. Vielleicht kopieren sie auch Prominente wie Kim Kardashian. Wenn die ein ganzes Fotobuch voller Selfies veröffentlichen kann, kann ich mich doch wohl im Fitnessstudio fotografieren und so tun, als ob ich Sport treiben würde! Muss doch keiner wissen, dass ich das perfekte Foto von meinem Steak aus dem Internet habe, da mein eigenes verbrannt ist. Oder, dass ich mir nur für das Foto das neue Kleid angezogen habe und nach dem erfolgreichen Posten sofort wieder in die Jogginghose geschlüpft bin. Merkt ja keiner. Die beigefügte Beschreibung dieser Bilder ist nicht weniger poetisch als ein Badezimmerselfie: Lebensweisheiten, die

offensichtlich aus irgendeiner FacebookChronik übernommen wurden. So originell wie ein weißer Ikea-Stuhl.

DÜNNER, SCHÖNER, AUFREGENDER Im Internet können wir perfekt sein. Wir mogeln uns dünner, die Fotos schöner, unseren Alltag aufregender. Doch warum? Haben wir verlernt, ehrlich zu sein? Während meiner Recherche fliegen Fotos von makellosen Erdbeer-BioFairtade-Smoothies und süßen DIYs für ein buntes Fahrrad-Makeover an mir vorbei. Ich komme ins Grübeln: Was ist nur schiefgegangen mit unserer Generation? Wir sind damit beschäftigt, gierig auf Likes zu warten. Auf den einen Kommentar, der uns in unserer Selbstverliebtheit bestätigt. Wir sind immer auf der Suche. Und wenn es nur gilt, die perfekte Selfie-Beleuchtung zu finden. Zeit für Selbstreflexion bleibt da kaum. Was ist nur aus uns geworden? Früher haben

wir unseren besten Freund*innen erzählt, wer wir gern sein wollen. Prinz*essin, Astronaut*in, Abenteurer*in. Vielleicht ist jetzt an der Zeit, zu offenbaren, wer wir wirklich sind. Eben nicht die Möchtegern-Hobbyköch*innen, Teilzeit-Philosoph*innen und PseudoFotograf*innen aus dem Netz. Müssen wir uns von unseren perfekten OnlineSpiegelbildern lösen? Die Abhängigkeit von Likes und Herzchen überwinden? Denn sagt man nicht so schön: Ehrlich währt am längsten?

Anna Seifert 16, Nürnberg … stalkt Prominente auf Instagram.

NICHT OHNE MEIN SMARTPHONE

OHNE DAS SMARTPHONE GEHT NICHTS BEI DEN POLITIKORANGE-REDAKTEUR*INNEN. WELCHE MEDIEN SIE AUSSERDEM NUTZEN, ZEIGT DIE REDAKTIONSSTATISTIK. 34 32 30

17 14

8

4 0 Twitter

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Facebook

Instagram

WhatsApp

Tinder

Telegram

Fax

Smartphone


ICH WILL TINDER VON DIR WIE FUNKTIONIERT LIEBE IM INTERNET? ZWEI POLITIKORANGEAUTOR*INNEN HABEN DIE DATING-APP TINDER AUSPROBIERT. 32 MATCHES IN 24 STUNDEN – AM ENDE TREFFEN SICH IHRE PROFILE. VON CHARLOTT RESSKE UND SIMON GROTHE

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s ist zehn vor acht, Max schreibt mich an: „Wollen wir ‚Into the Wild‘ schauen?“ Kenn´ ich schon. „Klar, aber ist der Film nicht zweitrangig?“, antwortet er. Funkstille. 20:12 Uhr meldet er sich wieder. „Woher kommst du eigentlich?“, hakt er mit schlechtem Gewissen nach. Eine Minute bis zur ersten Sexverabredung war dann doch zu schnell. Das hat selbst Max gemerkt. Die Tinder-Welt funktioniert einfacher als die Realität. Oberflächlicher. Bequemer. Direkter. Tinder loggt sich über das Facebook-Profil ein und greift auf Freundeslisten, Interessen und GPS-Daten zu. Dann wird endlich gewischt: Nach rechts („liken“) oder links („nope“). Wischen, liken, nächster. Wenn sich beide einig sind, ist es ein „Match“. „Du und Max steht aufeinander.“ Aha. Und dieser Max lässt auch nicht mehr locker. „Hast du Lust auf ein Abenteuer?“, fragt er nochmal um kurz vor neun. Ich ignoriere ihn. 22:35 Uhr: „Kommst du heute noch?“ Ich bleibe konsequent. Dann lässt er mich in Ruhe. Endlich. Der Nächste, bitte.

17 MATCHES, 12 NACHRICHTEN, 2 SEXANGEBOTE Mein Handy fühlt sich an wie ein Katalog. Ich muss mich nur entscheiden, auf wen oder was ich Lust habe. Wer mich auf den ersten Blick nicht überzeugt, wird weggewischt. Manchmal ärgere ich mich, weil ich jemanden überblättert habe. In Millisekunden lerne ich, Typen zu bewerten. Irgendwie gruselig. 20 Minuten nach meiner Anmeldung ziehe ich eine erste Bilanz: 17 Matches, Zwölf Nachrichten, zwei Sexangebote und ein Typ, der mir

analoge Fotografie beibringen will. Am nächsten Morgen sind es schon 28. Jedes Match fühlt sich an wie ein Volltreffer. Jede Nachricht wie ein schäbiger Triumph. Die App ist wie mein Panini-Stickeralbum von früher – ich sammle, sammle und sammle. Die Typen sind meine Sticker. So wertlos und trotzdem schön. Keine Lücke, bitte.

TINDER-BOY TOM Da ist zum Beispiel Tom – nur einen Kilometer entfernt. Er ist gerade „im Gym hart trainieren.“ Tom schickt mir direkt seine Handynummer. Ich solle ihm doch mal schreiben. Oder anrufen. So gegen elf. Warum nicht? Wir telefonieren 13 Minuten. Tom klingt sympathisch. Wir unterhalten uns über Liebe, Beziehungen – und Tinder. Er erholt sich gerade von einer schmerzvollen Trennung nach einer langjährigen Beziehung. Tom möchte sich auf nichts Ernstes einlassen. Aber trotzdem nicht allein sein. „Wenn du willst, komm doch direkt vorbei“, sagt er mir am Telefon. „Ich liege auch schon geduscht im Bett.“ Ich zögere. Er bleibt dran und wird deutlich: „Okay. Dann lass uns eben Donnerstag zum Sex verabreden“. „Ich melde mich“, antworte ich und lösche die App.

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erdammt, sehen die gut aus. Blond, jung, sportlich. Sie lächeln mich an. Wie in einer Werbebroschüre, in der alles kostenlos ist. Manche gefallen mir nicht, aber die wische ich nach links. TinderNutzer*innen sind wie Hipster. Beide Wörter spricht man vorsichtig aus. Die App hat niemand und Jutebeutel trägt man nur, weil sie praktisch sind. Dabei haben Millionen junger Leute die App mit der roten Flamme auf ihrem Smartphone-Display installiert. Fast niemand spricht darüber. Jetzt soll ich sie ausprobieren, um einen Text zu schreiben. Ich armer Tropf. Im Prinzip werde ich dazu gezwungen. Am Ende des Tages werde ich die App sowieso wieder löschen. Als ob ich so was nötig hätte.

KLEINES DISPLAY, GROSSE LIEBE? Auf meinem Foto habe ich eine Zigarette in der Hand. Ich sehe supercool aus. Das muss gut werden. Der erste Match. Wir stehen aufeinander, steht auf meinem Display. Damit ist alles gesagt, oder? Es fühlt sich an, als hätte ich einen Liebesbrief geschrieben, und einen Liebesbrief zurückbekommen. In meinem Kopf Urlaub am Meer, ein Abend im Theater. Lina sieht gebildet aus. Ich habe schon immer an die große Liebe geglaubt. Was soll ich schreiben? Ein „Hey“ macht mich zum Surferboy, ein „Hi“ zum Nerd. „Hallo“? Verstaubt. „Du siehst intelligent aus“ schreibe ich, sie antwortet nicht. Mir egal. Dann halt die Nächste.

KÖPFCHEN STATT KNUTSCHEN Sieben Matches, aber kein Plan, was ich schreiben soll. Viel romantischer ist die Vorstellung, in einem Café zu sitzen und die Frauen wegzuwischen, die mir nicht gefallen und die anzusprechen, die ich gut finde. Ich kann euch alle haben. Wenn es gut läuft, kann ich mir jede halbe Stunde ein Date legen. Leider antwortet keine. Es ist so deprimierend. Das große Glück zum Greifen nah, aber ich habe keine Chance mit mehr als meinem Aussehen zu punkten. Entweder sollte ich ins Fitnessstudio gehen oder aufdringlicher werden. Ich habe nach einem Tag zwar sieben Matches – aber nur eine hat mir geantwortet. Sie schreibt, ihre Intelligenz sei Teil ihrer Selbstdarstellung und sie möchte auf Tinder nur über Sein und Schein diskutieren. Klasse. Vielleicht habe ich die einzige intelligente Frau der Tinder-Welt getroffen. Und sie hat mich gematcht. Ich bin stolz und liege trotzdem allein im Bett. Jetzt werde ich die App aber löschen. Wirklich.

Charlott Resske 20, Neubrandenburg Simon Grothe 19, Berlin … haben sich bei Tinder getroffen. Er so „Like“, sie so „Nope“.

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ERROR 404: INTERNET NOT FOUND

WELTWEIT SIND LAUT DEM INTERNETPORTAL STATISTA RUND DREI MILLIARDEN MENSCHEN ONLINE. EIN PLÖTZLICHER AUSFALL DES INTERNETS WÄRE FATAL. DOCH IST DIESES SZENARIO ÜBERHAUPT DENKBAR UND WAS WÜRDE DANN PASSIEREN? VON DOMINIK GLANDORF

Foto: CC BY-ND 2.0 Dennis Skley / flickr.com

EINE WELT OHNE INTERNET: HEUTE UNVORSTELLBAR

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ine Cyberattacke auf den Deutschen aus, die schnell überlastet sind. Somit Bundestag im Mai dieses Jahres be- kann eine ganze Verkehrsregion zum unruhigte zahlreiche Gemüter. In die- Erliegen kommen. sem Fall zielten die Angreifer*innen Die größten Autobahnen im weltwahrscheinlich auf geheime Daten ab. weiten Datennetz stellen GlasfaserbünDoch auch das Lahmlegen eines kom- del dar, die im Meer verlegt werden und pletten Netzes kann das Ziel eines ganze Kontinente miteinander verbinsolchen Angriffs sein. Ende letzten den. Sowohl diese großen DatentrasJahres wurde beispielsweise das nord- sen wie Atlantic Crossing 1, als auch koreanische Netz für mehrere Stunden zentrale Knotenpunkte wie der DE-CIX blockiert. Aufgrund der rückständigen in Frankfurt am Main sind potenzielle Infrastruktur des Landes, welches un- Ziele von Angreifer*innen. Denkbar ter dem Regime des jungen Diktators ist eine sogenannte DDoS-Attacke. Als Kim Jong Uns nur durch vier Leitungen „Distributed Denial of Service“ wird der über China mit dem globalen Internet Ausfall eines Dienstes wie eines Interverbunden ist, war dies eine überschau- netknotens durch massenhafte Anfragen bare Herausforderung. Ist es möglich, von einem Rechnernetz aus bezeichnet. eine größere Region oder das ganze Der dabei entstehende Datenstrom, der Internet zum Zusammenbruch zu brin- sogenannte „Traffic“ überlastet die Ingen? Und welche Auswirkungen hätte frastruktur und blockiert Internetleider digitale Blackout? tungen auch für andere Nutzer*innen. Um das Risiko eines globalen Internetausfalls abzuschätzen, lohnt sich ein GEFAHR DURCH CYBERKRIEG Blick auf den Aufbau des weltumspannenden Netzsystems. Das Besondere am Ist es möglich, durch eine solche AttaInternet ist seine dezentrale Struktur. Es cke das gesamte Internet lahmzulegen? Kurz und knapp: Noch nicht. Eine der existiert kein Mittelpunkt, in dem alle Daten zusammenlaufen. In jedem Netz größten bekannten DDoS-Attacken wurgibt es jedoch bedeutende Knoten, über de im März 2013 auf die Anti-Spamdie sehr viele Daten transportiert wer- Organisation Spamhaus gestartet. Dabei den und welche somit anfällig für Mani- waren die Server des Opfers in Europa mit einer Datenmenge von bis zu 300 pulation sind. Der Ausfall eines solchen Knotenpunktes ist mit einem Unfall auf Gigabit pro Sekunde belastet. Das enteiner Autobahn vergleichbar. Dadurch spricht der 8.500-fachen Datenmenge bildet sich ein Stau und die restlichen der Bibel in jeder Sekunde. Zwei Tage lang war Spamhaus offline. Laut dem Daten weichen auf kleinere Strecken

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Web-Überwachungsdienst Akamai hat der „Cyberkrieg“ jedoch nur einen geringen Anstieg des Traffics in Europa verursacht.

EIN TOTALAUSFALL IST NICHT AUSZUSCHLIESSEN Die Datenströme in Großbritannien lagen während des Angriffs 8,2 Prozent über dem Durchschnitt, in Deutschland waren es 5,6 Prozent. Dies zeigt, dass das Internet extrem hohe Datenlasten verkraften und nur an einzelnen Stellen zeitweise blockiert werden kann. Bei der rasanten Entwicklung im digitalen Sektor ist die Zukunft jedoch kaum vorherzusehen. Daher kann niemand einen Totalausfall des Internets ausschließen, zumal das Internet stets mit Strom versorgt werden muss. Das Risiko eines partiellen Stromausfalles besteht auch in einem hochentwickelten Land wie Deutschland. Wenn es hart auf hart kommt, kann das Stromnetz eine ganze Weile zum Erliegen kommen. Was würde ein solcher Stromausfall im politischen Berlin anrichten? Auch wenn Deutschland für mangelnden Fortschritt in Bezug auf Digitalisierung und Netzausbau kritisiert wird und dabei Vorreitern wie Estland weit hinterherhinkt, spielt Vernetzung in der Bundeshauptstadt eine wichtige Rolle. Zur Sitzungswoche im Bundes-

tag kommen die Politiker*innen zwar persönlich, jedoch werden sie von der Technik unterstützt. Abgesehen von der Einschränkung großer Teile der digital gesteuerten öffentlichen Infrastruktur beim „Internet-Blackout“ würde auch die eigentliche Arbeit der Abgeordneten erschwert, denn die vom Ältestenrat beschlossene Tagesordnung wird im Internet veröffentlicht. Bevor sich die Versammlung am Mittwoch von den behandelten Themen überraschen lassen würde, käme es bereits vor den Sitzungen der Arbeitsgruppen zu einem Chaos, da deren Orte und Zeiten auf Bildschirmen im Sitzungsgebäude angezeigt werden. Auch die Öffentlichkeitsarbeit des Bundestags wäre behindert. Die Live-Übertragung der Plenarsitzung auf bundestag.de käme nicht zustande. Was der digitale Blackout in größerem Maßstab anrichtet, lässt sich nur schwer abschätzen. Es wird sich in dem Moment zeigen, in dem die Bildschirme ausgehen.

Dominik Glandorf 18, Bremen … hat

das Bedürfnis, in Klausuren Smileys zu benutzen.


F R I S CH , F R UC HTIG, S E L BS TGE P R ES S T – M IT M ACHEN @PO LIT IK O RAN G E.DE

I MPR ESSUM Diese Ausgabe von politikorange entstand während des 12. Jugendmedienworkshops im Deutschen Bundestag 2015, der vom 7. bis 13. Juni in Berlin stattfand. Herausgeber und Redaktion: politikorange Jugendpresse Deutschland e.V., Alt-Moabit 89, 10559 Berlin, www.politikorange.de Chefredaktion (V.i.S.d.P.): Dorit Kristine Arndt (dkarndt@outlook.de) Vanessa Reiber (v.reiber@web.de)

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  rintmagazine, Blog und Videos: politikorange erreicht sein Publikum über viele Kanäle und steht neuen Wegen offen gegenüber. Junge, kreative Köpfe berichten in wechselnden Redaktionsteams aus einer frischen Perspektive. Ob aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft oder die kritische Begleitung von Veranstaltungen – politikorange ist mittendrin.

POLITIKORANGE – DAS MULTIMEDIUM politikorange wurde 2002 als Veranstaltungszeitung ins Leben gerufen. Rund 130 Ausgaben wurden seither produziert. Von Beginn an gehören Kongresse, Festivals, Parteitage und viele weitere Events zum Programm. 2004 kamen Themenhefte hinzu, die aktuelle Fragen aus einer jugendlichen Sichtweise betrachten. 2009 nahm politikorange Video und Blog ins Portfolio auf und präsentiert spannende Beiträge unter den Labels politikorange TV und blog.politikorange.de.

WO KANN ICH POLITIKORANGE LESEN? Gedruckte Ausgaben werden direkt auf Veranstaltungen und über die Landesverbände der Jugendpresse Deutschland e.V. verteilt. Im Online-Archiv auf politikorange.de können digitalisierte Magazine durchgeblättert und Videos aufgerufen werden. Printausgaben können kostenlos nachbestellt werden – natürlich nur, solange der Vorrat reicht. Für das Stöbern auf dem Blog genügt der Aufruf von blog.politikorange.de.

WARUM EIGENTLICH POLITIKORANGE? Welchen Blick haben Jugendliche auf Politik und gesellschaftliche Veränderungen? politikorange bietet jungen Menschen zwischen 16 und 26 Jahren eine Plattform für Meinungsaustausch und den Ausbau eigener Fähigkeiten. Engagement und Begeisterung sind die Grundpfeiler für journalistisch an-

spruchsvolle Ergebnisse aus jugendlicher Perspektive. Frei nach dem Motto: frisch, fruchtig, selbstgepresst.

WER MACHT POLITIKORANGE? Junge Journalist*innen – sie recherchieren, berichten und kommentieren. Wer neugierig und engagiert in Richtung Journalismus gehen will, ist bei politikorange an der richtigen Adresse. Genauso willkommen sind begeisterte Fotograf*innen, Videoredakteur*innen und kreative Köpfe fürs Layout. politikorange funktioniert als Lehrredaktion: Die Teilnahme ist kostenlos und wird für jede Ausgabe neu ausgeschrieben – der Einstieg ist damit ganz einfach. Den Rahmen für Organisation und Vertrieb stellt die Jugendpresse Deutschland. Du willst dabei sein? Infos zum Mitmachen gibt es unter politikorange.de­, in unserem Newsletter und via Facebook und Twitter. mitmachen@politikorange.de

Redaktionsleitung: Julian Erbersdobler, Niklas Faralisch Redaktion: Alaida Hobbing, Alexander Krüger, Alexandra Ratke, Alina Frechen, Anna Seifert, Annkathrin Lindert, Carolin Schneider, Caroline Bernert, Charlott Resske, Chiara Wahler, Dominik Glandorf, Dominik Lambertz, Frederik Schissler, Jan Nölke, Karina Glaum, Kira Müller, Lara Render, Lou Antoinette Godvliet, Malte Worat, Markus Hehn, Maximilian Friedrich, Oliver Mattutat, Paul Bekker, Ruth Alica Arnskötter, Simon Grothe, Theresa Hofbauer, Tomke Schöningh, Viktoria Horn, Vivienne Sophie Scharff, Zina Medjadi Bildredaktion: Manuel Dietrich (manu-dietrich@hotmail.de) Samuel Grösch (info@samuelgroesch.de) Layout: Tom Schliemann (info@tom-schliemann.de) Projektleitung: Viktoria Hahn (v.hahn@jugendpresse.de) Tino Höfert (t.hoefert@jugendpresse.de) Inga Dreyer (i.dreyer@jugendpresse.de) Betreuung: Maike Gauweiler, Jonas Kunze Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH Auflage: 18.500 Exemplare Ein besonderer Dank gilt den Partnern: dem Deutschen Bundestag, insbesondere Andrea Arolt, Dr. Siegfrid Gelbhaar, Christoph Grunske, Katerina Ness, Clara Westerhoff, Volker Jörg, Eva Haacke und Manuela Hoffmann sowie der Bundeszentrale für politische Bildung, insbesondere Dr. Michaela Conen und Sophia von Carnap-Bornheim sowie Susann Feuerschütz und dem Präsidenten Thomas Krüger. Wir danken auch dem Team der Jugendpresse Deutschland, Claudia Roth, der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und den zahlreichen engagierten Abgeordneten sowie allen unseren Interviewpartner*innen.

DIE TEILNEHMER*INNEN DES JUGENDMEDIENWORKSHOPS MIT CLAUDIA ROTH IM BUNDESTAG.

Foto: Manuel Dietrich

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>> Netzdebatte ist das Debattenportal der Bundeszentrale f체r politische Bildung. Das Weblog greift Themen auf, die die Gesellschaft bewegen. Netzdebatte erkl채rt Hintergr체nde, bildet Positionen ab und bietet einen Ort zum Diskutieren.

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politikorange zum Jugendmedienworkshop im Deutschen Bundestag 2015

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