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KANN DIE WIRTSCHAFT UNSER KLIMA RETTEN?

DIE MEINUNGEN ZUM KLMASCHUTZ GEHEN WEIT AUSEINANDER. AUF DEN JUGENDPOLITIKTAGEN HAT AUTORIN ZOE BUNJE MIT ZWEI JUNGEN MENSCHEN GESPROCHEN, DEREN EINSTELLUNGEN UNTERSCHIEDLICHER NICHT SEIN KÖNNTEN. SANDER FRANK IST 21 JAHRE ALT, KOMMT AUS FRIEDRICHSHAFEN UND MITGLIED DER PARTEI DIE LINKE. ER ORGANISIERT VERSCHIEDENE “FRIDAYS FOR FUTURE“-DEMONSTRATIONEN UND WÜNSCHT SICH KLARE KLIMASCHUTZAUFLAGEN.

GLENN IST 18 JAHRE ALT, KOMMT AUS DER NÄHE VON HAMBURG UND IST FDP-MITGLIED. ER HINTERFRAGT “FRIDAYS FOR FUTURE“ UND SIEHT DIE ZUKUNFT DES KLIMASCHUTZES IN EINER FREIEN WIRTSCHAFT.

KANN DIE WIRTSCHAFT ALLEINE DEN KLIMAWANDEL STOPPEN? SANDER FRANK WÜNSCHT SICH MEHR VERSTÄNDNIS FÜR DEN KLIMAWANDEL.

WIE STEHST DU ZUM KLIMASCHUTZ? Für mich ist der Klimaschutz die zentrale Frage für die Zukunft. Es kommen enorme Veränderungen auf uns zu und unsere Lebensgrundlage wird sich radikal verändern. Wenn wir jetzt nichts verändern, wird alles den Bach runtergehen.

ENGAGIERST DU DICH SELBST? Ja, ich habe die allererste “Fridays for Future“-Initiative am Bodensee in Friedrichshafen gegründet. Ich organisiere die Demos, habe einen Überblick über die Arbeitskreise. Wir haben mittlerweile in zehn Orten am Bodensee Initiativen, die ich unterstütze und vernetze.

WAS FORDERT IHR? Unser übergeordnetes Ziel ist, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Jahr zu begrenzen. Dafür müssen die Kohlekraftwerke bis 2030 abgeschaltet werden, bis 2035 brauchen wir eine 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung.

WARUM FINDEST DU ES SO WICHTIG, DASS DU DICH SELBST ENGAGIERST?

fristig auf dieser Welt leben können. Bis alle verstanden haben, wie wichtig das Thema ist, wird es sehr lange dauern. Wir sind im 21. Jahrhundert und haben keinen Feminismus und keine Gleichberechtigung erreicht. Bis wir den Klimaschutz wirklich angehen würden, hätten wir unsere Welt schon längst zerstört.

GLAUBST DU, WIRTSCHAFTLICHE ANREIZE KÖNNEN DEN KLIMAWANDEL STOPPEN? Das halte ich für absoluten Schwachsinn. Wir haben auch gesagt, wenn wir die Wirtschaft einfach machen lassen, erreichen wir Wohlstand für alle. Wir haben mittlerweile in Deutschland den größten Niedriglohnsektor in Europa und auch Leute, die unter dem Existenzminimum leben. Ich glaube, es ist eine falsche Annahme, dass sich das alles von selbst reguliert.

KÖNNTE DIE WIRTSCHAFT AUCH CHANCEN FÜR DEN KLIMASCHUTZ BIETEN?

Wir sind die letzte Generation, die das Ganze in der Hand hat. Wir treffen wichtige Entscheidungen, sei es beim Thema Klimaschutz, der Digitalisierung oder der Gleichberechtigung. Wir sind dabei, die Grundsteine zu legen und sehr viel für die Zukunft zu entscheiden. Wir haben so viele Chancen wie keine Generation vor uns. Deswegen müssen wir handeln. Wir sind in der Pflicht.

Ja, auf jeden Fall! Der Grundgedanke der Wirtschaft ist Effizienz. Wenn wir unsere Ressourcen effizienter nutzen könnten, würde das für die Wirtschaft einen Mehrwert bedeuten, weil die Unternehmen dann billiger produzieren könnten. Sie müssten weniger Ressourcen verbrauchen, um die gleichen Produkte herzustellen. Eigentlich macht es aus wirtschaftlicher Sicht absolut Sinn, nachhaltig zu handeln. Aber die Umstellung ist schwer. Unser System ist jetzt gerade darin festgefahren, sehr viel zu verschwenden. Das müssen wir verändern.

WAS HÄLTST DU VON KONKRETEN KLIMASCHUTZAUFLAGEN?

WAS WÜNSCHST DU DIR VON DER POLITIK?

Ich fände es super, eine Plastiksteuer und eine CO2-Steuer einzuführen. Wir brauchen konkrete Regulierungen. Sonst schützen wir das Klima nicht so, dass wir lang-

Es müssen andere Maßstäbe gesetzt werden. Nachhaltigkeit muss eine zentrale Rolle spielen. Eine CO2-neutrale Verwaltung ist sehr wichtig. Wir dürfen nicht so viel Pa-

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Foto: Christopher Folz

pier in der Verwaltung zu nutzen, es muss mehr elektronisch ablaufen. Alle Gebäude der Verwaltung sollten energetisch saniert werden. Die Politik muss in grünen Strom und nachhaltige Projekte in Kommunen investieren.

WAS WÜNSCHST DU DIR VON DER DEUTSCHEN BEVÖLKERUNG? Ich wünsche mir, dass die Leute verstehen, was der Klimawandel für Auswirkungen hat, ohne ihn am eigenen Leib erfahren zu müssen. Es ist leider so, dass die Leute Dinge erst verstehen, sobald sie direkt betroffen sind.

DENKST DU, DASS JEDER EINZELNE HANDELN MUSS? Auf jeden Fall. Jeder muss sich die Frage stellen, was er oder sie tun kann. Die Plastiktüte mag heute billig sein, doch später wird der Preis ein ganz anderer sein. Wir sind sehr bequem, aber da muss jeder bei sich selbst anfangen. Wir können viel verändern.

GLENN ÜBERLÄSST PROFIS DEN KLIMASCHUTZ.

WIE STEHST DU ZUM KLIMASCHUTZ?

ENGAGIERST DU DICH SELBST?

Der Klimaschutz ist eine wichtige Sache. Aber an der Klimadebatte hängen nicht nur die Umwelt, sondern auch ökonomische und soziale Aspekte, beispielsweise die Automobilbranche. Bei BMW und VW arbeiten Ingenieure, die speziell für den Dieselmotor ausgebildet sind. Sollten wir den Dieselmotor verbieten, bräuchten wir Umschulungsmaßnahmen, sonst würden diese Jobs wegfallen. Die Ingenieure wären dann arbeitslos

Ich gehe nicht zu den “Fridays for Future“-Demonstrationen, weil mir die Schule wichtiger ist. Wenn ich demonstriere, dann am Wochenende. Ich achte darauf, nicht viel Fleisch zu essen und vor allem kein Rindfleisch. Außerdem fahre ich viel Fahrrad. Das Wichtigste ist natürlich, dass ich kurze Strecken nicht fliege, sondern mit dem Zug fahre.

WAS HÄLTST DU VON DEN “FRIDAYS FOR FUTURE“-DEMOS? Die “Fridays for Future”-Demonstrationen beachten viele Aspekte nicht: Wenn wir Dieselautos verbieten, hat das auch Risiken. Was passiert mit einem Familienvater, der in eine größere Stadt pendeln muss und aufgrund der schlechten Zugverbindung auf das Auto angewiesen ist? “Fridays for Future” darf nicht nur den ökologischen, sondern muss auch den ökonomischen Aspekt berücksichtigen. Denn wir sind die Generation, die die Suppe auslöffeln muss, wenn alles unbezahlbar wird.

WIE WILLST DU DAS KLIMA DANN SCHÜTZEN?

Zoe Bunje … 19, Wilhelmshaven ... mag Lasagne, weil sie vielschichtig und geschmackvoll ist.

Foto: Christopher Folz

Ich sehe die Chancen für den Klimaschutz in einem weiterhin liberalen Markt. Wir sollten Firmen nicht kollektivieren, sondern weiter privatisieren. Wir sollten den CO2-Emissionshandel erweitern lassen und EU-weit fördern. Wir brauchen einen Binnenmarkt für Energie. Wenn wir CO2 einen Preis geben, werden Firmen innovativer, um einzusparen. Dabei werden CO2-Zertifikate vergeben, die jährlich (in der Stückzahl, Anm. d. Red.) immer weniger werden. Wenn eine Firma nicht innovativer wird, muss sie sich CO2-Zertifikate dazukaufen. Firmen, die sowieso wenig CO2 ausstoßen, können ihre zusätzlichen Zertifikate verkaufen und das Geld in weitere Innovationen investieren.

STATT “FRIDAYS FOR FUTURE” FORDERST DU “MONDAYS FOR ECONOMY”? Die “Fridays for Future”-Demonstrationen sind da, um den Klimaschutz voranzutreiben. Wir leben in einer Industrienation und sind wirtschaftlich stark aufgestellt. Trotzdem haben wir soziale Schichten, in denen nicht jede oder jeder von der Wirtschaft profitiert. “Mondays for Economy” war eigentlich eine Spaßidee der FDP. Trotzdem ist es nicht falsch, auf Defizite in der Wirtschaft einzugehen, sich zum Beispiel für Arbeitsplätze oder den Mindestlohn einzusetzen. “Mondays for Economy” könnte dazu dienen, sich für diese wirtschaftlichen Ziele einzusetzen.

WAS HÄLTST DU VON KONKRETEN KLIMASCHUTZAUFLAGEN? Der Staat sollte sich aus dem Markt heraushalten. Die Klimadebatte kann die Politik mit dem CO2-Emissionshandel lösen. Es ist egal, wo wir CO2 einsparen - Hauptsache wir sparen CO2 ein. Der Staat kann Anreize setzen, aber sollte nichts verbieten. Anreize würden zu einer schnellen Veränderung führen und der CO2-Handel schnell genug etwas bewirken, wenn er richtig durchgesetzt würde.

Auch der einzelne Mensch muss sein Konsumverhalten einschränken. Aber wir Menschen sind schon soweit entwickelt, dass wir selbst wissen, wann Schluss ist. Wir brauchen keinen Staat, der Verbote setzt. Der Staat verbietet kein Fleisch, aber ich habe selbst gemerkt, dass ich meinen Fleischkonsum einschränken muss, wenn ich weiter auf dieser Erde leben will.

WAS WÜNSCHST DU DIR VON DER POLITIK? Der Klimaschutz ist eine europäische Aufgabe. Wenn wir aus der Kohle aussteigen, kostet das enorm viel Geld und hat keinen Einfluss, wenn die anderen EU-Mitgliedsstaaten nicht mitziehen. Deutschland muss sich dafür einsetzen, dass alle Mitgliedstaaten mitziehen. Denn der Klimaschutz ist keine deutsche Aufgabe, sondern eine europäische Aufgabe. Deshalb muss Deutschland sich dafür einsetzen, dass andere Staaten mitziehen, aber sollte keinen Einzelgang starten. Das verursacht Kosten und die würden auf den Steuerzahler zurückfallen. Und wieso sollten wir für etwas zahlen, das keinen Einfluss hat.

WAS WÜNSCHST DU DIR VON DER DEUTSCHEN BEVÖLKERUNG IN BEZUG AUF DEN KLIMASCHUTZ? Ich wünsche mir, dass nicht so einspurig gedacht wird. Wir müssen uns bewusst machen, dass die Nachhaltigkeit nicht mit der Wirtschaft ausgespielt werden kann. Die beiden Themen sind sehr eng verknüpft. Die meisten Leute denken, es sei möglich, innerhalb von einem Tag aus der Kohlekraft auszusteigen. Das funktioniert nicht. Da hängen sehr viele ökonomische Prozesse dran. Der Spruch von Lindner „Wir sind keine Profis“ stimmt genau. Ich kenne mich nicht mit den ökonomischen und ökologischen Zusammenhängen aus. Die meisten Leute kämpfen für den Klimaschutz, aber “Fridays for Future“ ist auch eine Plattform, um andere politische Überzeugungen rüberzubringen. Zum Beispiel sieht man dort Antifa-Plakate. Ich wünsche mir, dass die Ziele dort etwas mit dem Klimaschutz zu tun haben und realisierbar sind.

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politikorange Diskurskratie  

Diese Ausgabe von politikorange entstand im Rahmen der JugendPolitikTage 2019, einem Projekt des Bundesministeriums für Familie, Senioren, F...

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