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flucht und migration april 2016

Unabh채ngiges Magazin zum redaktionellen themenschwerpunkt herausgegeben von der Jugendpresse deutschland e.v.


Foto und Titelbild: Roser Corella

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» engagiert « Wie Geflüchtete für ihre eigenen Rechte eintreten. seite 5

» unbegleitet «

Lilian Pithan 30, Berlin Claudia Hammermüller 26, Dresden

eDitorial

… haben während des Projekts in 15 verschiedenen Sprachen gearbeitet.

Neun Redaktionen, 117 Teilnehmende, 95 Beiträge: Mit unserem Themenschwerpunkt „Flucht und Migration“ sind wir durch ganz Deutschland getourt. Dabei haben wir nicht nur Worte in anderen Sprachen gelernt, sondern auch herausgefunden, was sich hinter BumF, BAMF und UMA verbirgt. Vielsagend: Die richtigen Worte in der aktuellen Debatte zu finden ist schwierig. Auf Seite 4 haben wir deswegen ein Glossar zusammengestellt. Meinung: In dieser Ausgabe kommen viele Expert*innen zu Wort. Mit unseren eigenen Meinungen haben wir uns dagegen zurückgehalten, obwohl jede*r etwas zu sagen hat. Wir wollen informieren, damit ihr euch selbst eine Meinung bilden könnt. Erzählen: Mit Sorgfalt haben wir recherchiert. Für viele unserer Beiträge sind wir aber auf Erzählungen und Berichte angewiesen, die wir nicht immer bis ins Detail nachprüfen konnten. Digital: Im Online-Dossier auf flucht.politikorange.de geht es weiter! Weltweit: Nicht nur aus Syrien fliehen Menschen, nicht nur Europa hat Schwierigkeiten an seinen Grenzen. Trotzdem schauen wir vor allem, wie Flucht und Migration uns selbst betrifft. Wir blicken auch zurück in die Geschichte und vergessen nicht, dass Kolumbien nach Syrien die zweitgrößte Zahl an Binnenflüchtlingen verzeichnet. Wir wollen Augen und Ohren offen halten. Also: Lesen, informieren, Meinung bilden! Yalla, los!

Auf der Suche nach einem Vormund für Ismail. seite 11

» entrechtet « Wie in der EU Menschenrechte missachtet werden. seite 14

» ungewiss « Die deutsche Gesellschaft verändert sich. Aber wie? seite 22

» unermüdlich « Macht ein Ehrenamt wirklich glücklich? seite 26

» schutzlos « LGBTI*s werden auch in Deutschland noch diskriminiert. seite 29

» ironisch « Wie omar auszog, nach Eisenhüttenstadt zu wandern. seite 34

» ausgelassen « Tanzen auf dem karneval der Geflüchteten. seite 37

mach mit! l Ust aUf JoUrnal i sMUs? ob al s aUtor* i n, l aY oUte r* i n, f otograf * i n ode r che f re dak te Ur* i n. be i p ol i ti k orange k annst aUch dU ak ti v w e rde n!

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Glossar

Flüchtling? Geflüchtete*r? Asylbewerber*in? Die richtigen Worte zu finden ist schwierig, gerade beim Thema Flucht und Migration. Von Albert Wenzel Gedultete*r

Mensch

Wenn ein Mensch für den Moment nicht abgeschoben werden kann oder darf, duldet der deutsche Staat ihn*sie. Geduldete dürfen nicht arbeiten, keine weiterführende Schule besuchen und können kurzfristig abgeschoben werden.

Immer das richtige Wort. Denn jeder Mensch ist ein Mensch.

Einwander*in Mensch, der nach Deutschland zieht, um dauerhaft zu bleiben.

Geflüchtete*r Mensch, der vor Krieg, Terror, Armut, Diskriminierung oder Naturkatastrophen aus seiner Heimat flieht. Neutraler Oberbegriff (Stand April 2016).

Asylant*in Negativ aufgeladener Ausdruck für Asylbewerber*innen und Asylberechtigte. Vielen ist nicht klar, dass der Begriff abwertend ist.

Subsidiärer Schutz Um diesen „behelfsmäßigen“ Schutz zugesprochen zu bekommen, muss man nachweisen, dass einem in der Heimat ernsthafter Schaden droht.

Asylsuchende*r

Mensch, der Asyl beantragt hat oder beantragen will. Wird als politisch korrekter wahrgenommen als Asylbewerber*in.

Migrant*in Migrationshintergrund Wenn ein Mensch oder mindestens eines seiner Elternteile nach 1949 nach Deutschland zugewandert ist, hat er definitorisch gesehen einen Migrationshintergrund.

Mensch, der für lange Zeit oder dauerhaft in ein anderes Land zieht. Wird oft negativ verwendet.

Flüchtling Mensch, der in seiner Heimat verfolgt wird und sie deshalb verlässt. Für manche hat der Begriff einen negativen Beiklang.

Wirtschaftsflüchtling Politisches Schlagwort für einen Menschen, der aus wirtschaftlichen Gründen seine Heimat verlassen hat. Vor allem von Asylgegner*innen negativ gebraucht.

Ausländer*in Alle Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Manchmal wird das Wort negativ verwendet.

Asyl Ein Mensch, der in seinem Land vom Staat politisch verfolgt wird, hat in Deutschland laut §16a des Grundgesetzes Recht auf Asyl.

Aufenthaltserlaubnis Offizielle Erlaubnis zum Aufenthalt in Deutschland. Sie läuft nach einer gewissen Zeit ab und kann je nach Umständen verlängert werden.

Asylbewerber*in Behördensprache für einen Menschen, der Asyl beantragt hat. Wer den Schutzstatus erhält, wird zum*zur Asylberechtigten.

Zuwander*in Mensch, der nach Deutschland zieht (auch zeitlich begrenzt).

Flüchtlingsschutz Menschen, die in ihrer Heimat Angst vor Verfolgung haben, können in Deutschland Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention beantragen. Den Status als „anerkannter Flüchtling“ erhält man auch bei nichtstaatlicher Verfolgung.

Albert Wenzel 18, Hamburg … konnte sich vor dem Glossar vorstellen, Jura zu studieren. Quellen: BAMF, Duden, Statistisches Bundesamt, bpb, Mediendienst Integration, Neue Deutsche Medienmacher.

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Stimme haben – Stimme ergreifen

Nur wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat, darf uneingeschränkt wählen und gewählt werden. Geflüchtete sind deshalb in politischen Gremien bislang nicht zu finden. Von Christina Braun

Wa hlr ec ht für a lle? In 15 von 28 EU-Ländern dürfen auch Angehörige von Drittstaaten auf kommunaler Ebene wählen. Deutschland gehört nicht dazu. Berechnungen des Mediendienstes Integration im Jahr 2014 zeigen, dass damit je nach Bundesland zwischen 3,9 Prozent (SchleswigHolstein) und 10,2 Prozent (Berlin) der über 18-Jährigen nicht wählen dürfen. Nur EU-Bürger*innen können auf kommunaler Ebene ihre Stimme abgegeben, das regelt der Vertrag von Maastricht. Das Bundesministerium des Inneren schlägt lediglich alternative Teilhabemöglichkeiten für alle Ausländer*innen vor: Durch die Mitgliedschaft in Vereinen, Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und Schulen könne auf kommunaler Ebene mitgewirkt werden. Auf politischen Veranstaltungen sollten auch Geflüchtete zu Wort kommen.

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ine starke Demokratie lebt davon, dass alle Gruppen einer Gesellschaft die Chance haben, repräsentiert zu werden und sich einzubringen“, erklärt Dr. Jutta Aumüller vom Institut für Demokratische Entwicklung und Soziales. Die Politologin beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit dem Thema Flucht und Integration. „Die Mehrzahl der Geflüchteten hat meist weder eine Aufenthalts- noch eine Niederlassungserlaubnis und somit kaum eine Chance zu partizipieren“, sagt Aumüller. Dadurch würde sie auch von der Einglied erung in die Gesellschaft abgehalten. Oft würden Geflüchtete eher in eine passiv abwertende Opferrolle gedrängt: „Dabei können sie politische Akteure sein.“ Gerade auf kommunaler Ebene müssten deshalb zukünftig auch die Stimmen der Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus berücksichtigt werden, fordert die Politologin.

Geflüchtete als Akteur*innen Eine stärkere Repräsentation von Migrant*innen und Zugewanderten fordert auch Mamad Mohamad vom Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA). LAMSA – das sind 64 Migrantenvereine und 15 Einzel-

personen mit Migrationshintergrund aus ganz Sachsen-Anhalt, die sich gemeinsam für die politische, wirtschaftliche und kulturelle Interessensvertretung von Menschen mit Migrationshintergrund einsetzen. Im Jahr 2014 hatten laut Statistischem Bundesamt 20,3 Prozent der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Dazu zählen alle, die nach 1949 nach Deutschland gekommen sind, als Ausländer*innen in Deutschland geboren wurden oder mindestens ein ausländisches Elternteil haben. Migrant*innen sind in Räten und Parlamenten in der Bundesrepublik aber bislang unterrepräsentiert. „Weder Parteien noch politische Gremien sind momentan interkulturell geöffnet“, meint Jutta Aumüller. Auch Mohamad kritisiert das: „Der Landtag in SachsenAnhalt ist alles andere als bunt. Auf Bundesebene sind wir da schon weiter.“ Im Bundestag hätten momentan 39 Abgeordnete einen Migrationshintergrund, Tendenz steigend. Menschen mit eigener Migrations-oder Fluchterfahrung seien politische Vorbilder, so Mohamad weiter. Der gebürtige Syrer ist vor zwanzig Jahren selbst als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Repräsentant*innen mit eigener Migrationserfahrung und

Foto: Roser Corella

dem entsprechenden kulturellen Hintergrund hätten das nötige Verständnis, die Interessen dieser Bevölkerungsgruppen zu vertreten, meint Mohamad.

Mit eigener Stimme Partizipation meint aber nicht nur Repräsentation durch andere, sondern vor allem aktives Handeln. „Teilhabe beginnt dabei idealerweise im Alltagskontext“, sagt Jutta Aumüller. „Geflüchtete Menschen, die in einer Gemeinschaftsunterkunft leben, können zum Beispiel über Heimbeiräte ihre Wohnsituation mitgestalten“, so die Politologin. „Die Unterbringung und Integration von Asylbewerbern wird auf kommunaler Ebene von den einzelnen Bundesländern durch die Flüchtlingsaufnahmegesetzte geregelt.“ In diesen Gesetzen könnte die Einrichtung von Heimbeiräten verpflichtend festgeschrieben werden. „Das wäre auch ein erster Schritt, um in die partizipative Struktur hineinzukommen“, sagt Aumüller. „Viele Menschen flüchten teilweise aus sehr repressiven politischen Verhältnissen und haben vielleicht Demokratie, wie wir sie kennen, selber nie gelernt.“ Mitspracherechte müssten erst eingeübt werden: Wie führe ich einen demokratischen Diskurs? Wie lerne ich, auch andere Argumente gelten zu lassen?

Ein wichtiger Beitrag müsse auch von den politischen Parteien kommen: „Abgeordnete können zum Beispiel gezielt in Flüchtlingsunterkünfte gehen und dort Versammlungen abhalten,“ schlägt Aumüller vor. Durch einen weiteren Ausbau der Kommunikationsnetzwerke, zum Beispiel über soziale Medien, könnten Menschen mit Fluchthintergrund gezielter angesprochen und in die Arbeitsgruppen in Räten und Parlamenten integriert werden. Man dürfe nicht warten, meint Aumüller, sondern müsse Zugewanderten klar signalisieren: Wir wollen, dass ihr mitarbeitet.

Christina Braun 19, Freiburg … findet, dass es bei der Stimme nicht auf die Lautstärke, sondern auf die Tonlage ankommt.

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Improvisation ist alles

In Deutschland hat jedes Kind ein Recht auf Bildung. Auch die vielen minderjährigen Geflüchteten sollen zur Schule gehen dürfen. Kommunen und Schulen ringen Um Lösungen. Von Antonia Stille

Hilfe für wenige: Die Berliner Ikarus-Grundschule hat Platz für 24 junge Geflüchtete.

Ü 

ber 300.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche sind seit Dezember 2012 laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nach Deutschland gekommen. Sie alle sind schulpflichtig und sollen in Regelklassen eingegliedert werden. Die jungen Menschen mit Schulplätzen zu versorgen ist die Aufgabe der einzelnen Bundesländer: „Schulbildung ist in Deutschland Ländersache. Sie wird in den jeweiligen Schulgesetzen der Länder geregelt“, sagt Markus Fels, Pressereferent des Bundesbildungsministeriums. Berlin versucht, die circa 25.000 schulpflichtigen Geflüchteten in bestehende Strukturen zu integrieren: Schon lange werden Kinder aus zugewanderten Familien in „Willkommensklassen“ unterrichtet, um sie gezielt sprachlich zu fördern und auf den Unterricht in regulären Schulklassen vorzubereiten. In den letzten Jahren gab es ausreichend Plätze für alle Förderbedürftigen. Aber auf die aktuell sehr hohe Zahl zugewanderter Schulpflichtiger waren die Schulen nicht vorbereitet. Deshalb stellt die Stadt jetzt auch Menschen ohne für den Bereich qualifizierende Abschlüsse ein. Die Auswahl erfolgt über ein Casting.

„kreativ werden“ Eine von ihnen ist Judith Vöhringer. Seit März 2016 ist sie Klassenlehrerin in einer der zwei Willkommensklassen, die neu an der Ikarus-Grundschule im Be-

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zirk Tempelhof-Schöneberg eingerichtet wurden. In der Lerngruppe sind zwölf syrische Kinder zwischen sechs und neun Jahren. Bereits in einem Jahr sollen sie dem Unterricht in einer Berliner Regelklasse folgen können. Die studierte Kulturwissenschaftlerin Vöhringer hat bereits Erwachsenen Deutsch als Fremdsprache beigebracht. Doch mit Grundschüler*innen zu arbeiten, ist für sie neu: „Im Gegensatz zu Zwanzigjährigen müssen die Kinder erstmal lernen, mit Regeln umzugehen. Im Moment erziehe ich mehr, als dass ich sprachlich arbeiten kann.“ Ohne Erfahrung erfordere das viel Improvisationstalent. Das braucht auch Dr. Torsten Kühne, Stadtrat des Berliner Bezirks Pankow. Schon bevor die vielen geflüchteten Kinder dazukamen, herrschte Personalmangel an den Schulen. Auch die räumlichen Kapazitäten reichten nicht aus: „Ohne die Flüchtlingskinder hatten wir – nur in Pankow – schon sechs Schulen zu wenig. Freie Bauflächen fehlen. Wir müssen jetzt kreativ werden.“ Noch seien alle schulpflichtigen Geflüchteten versorgt. Ob Pankow das auch in Zukunft schafft, kann Kühne nicht sagen. In den anderen Berliner Bezirken sei die Situation ähnlich. Mit knapp 400.000 Einwohner*innen leben in Pankow mehr Menschen als in Bochum. „Dementsprechend vielschichtig und komplex ist unsere Verwaltung“, sagt Kühne. Das mache es nicht einfacher, schnelle Entscheidungen zu treffen und neue Kapa-

zitäten zu schaffen: „Die geltenden Vorschriften sind auf die jetzige Situation nicht ausgerichtet.“

auf sich gestellt Dass auf Verwaltungsebene Entscheidungen ausstehen, spürt auch die Ikarus-Grundschule. Die Schulleitung muss selbst entscheiden, wie sie das Konzept „Willkommensklasse“ organisiert und umsetzt. Auch die Lehrkräfte sind auf sich gestellt, denn einen vorgegebenen Lehrplan gibt es nicht. „Ich kann meiner Kreativität freien Lauf lassen“, sagt Judith Vöhringer. Das habe Vorteile, aber alles in allem wünsche sie sich mehr Orientierung und Anleitung: „Oft bin ich auch überfordert. Es gibt keine vorhandenen Strukturen, auf die ich mich stützen kann.“ Wie in Berliner Regelklassen schon lange üblich, würde Vöhringer die Klasse gerne gemeinsam mit einer sonderpädagogischen Fachkraft betreuen. Wann sie Unterstützung bekommt, ist unklar. Um Entscheidungen schneller fällen zu können, wünscht sich Stadtrat Dr. Thorsten Kühne mehr Vertrauen: „Müssten wir uns nicht für jeden noch so kleinen Antrag vor einem Gremium der Landesverwaltung rechtfertigen, würde der Bau einer Schule nicht acht, sondern nur zwei oder drei Jahre dauern.“ Der Berliner Senat habe einen Masterplan entworfen, der einige Vorschläge zur besseren Betreuung von

Foto: Roser Corella

geflüchteten Kindern und Jugendlichen mache. „Der durch Flüchtlingskinder erhöhte Bedarf an Integrationsstunden darf nicht zulasten des Regelsystems gehen und wird ausgeglichen“, heißt es darin. Kühne hält davon nicht sehr viel: „Da sind ein paar gute Ansätze bei, insgesamt ist der Plan aber viel zu abstrakt und unpräzise.“ Kühne selbst hat auch kein festes Konzept, wie es in Pankows Schulen weitergehen soll: „Wir müssen weiter improvisieren.“

Antonia Stille 18, Hamburg …hat zu viel Zeit mit dem Warten auf Pressestellen verbracht.


Frei für immer

Aus keinem afrikanischen Land kommen so viele Menschen nach Deutschland wie aus Eritrea. Warum fliehen so viele und was erhoffen sie sich von Deutschland? Von Tewelde und Rebecca Pfister

S 

 ami und Alexander kennen sich aus in Stuttgart. Wie andere Jugendliche fahren die beiden 16- und 17-jährigen Jungen mit der U-Bahn, spielen Basketball oder schauspielern in einer Theatergruppe. Dabei sind sie noch gar nicht lange in Stuttgart, sondern erst seit ein paar Monaten. Sie kommen aus Eritrea, einem kleinen Land am roten Meer zwischen dem Sudan, Äthiopien und Dschibuti. Jeden Tag gehen sie in eine Sprachschule und lernen Deutsch. Was sie bisher alles erleben mussten, merkt man den beiden Jungs nicht an. „In Eritrea gibt es sehr viele Probleme“, erzählt Sami, der seit acht Monaten hier ist. „Die Leute sind arm, es gibt keine Arbeit oder Ausbildung.“ Wer 18 Jahre alt sei, müsse zum Militär und kämpfen. „Und wenn du etwas Schlechtes über Eritrea sagst, wirst du getötet. Ich möchte aber arbeiten und in Frieden lieben.“ Krieg gibt es im Moment zwar nicht in Eritrea. Aber der Präsident Isaias Afwerki regiert in dem kleinen Land als Diktator. Es gibt keine Meinungs- und Religionsfreiheit, täglich werden Menschen, die nicht die Befehle des Militärs befolgen, ins Gefängnis geworfen oder getötet. Deshalb

suchen viele einen Weg in die Freiheit und machen sich auf eine gefährliche Reise, durch Afrika und über das Mittelmeer nach Europa. Auch Sami und Alex hatten in ihrem Heimatland keine Perspektive und hoffen nun auf eine bessere Zukunft in Deutschland. Alex ist seit fünf Monaten hier. Auch er wollte nicht zum Militär und mit Waffen gegen andere Menschen kämpfen: „In Deutschland kann ich lernen, eine Ausbildung beginnen und Geld verdienen. Hier bin ich frei, für immer.“

Eritreische Gemeinschaft Laut des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellten vergangenes Jahr 10.876 Eritreer*innen wie Sami und Alex einen Asylantrag in Deutschland, knapp 2.600 davon in Baden-Württemberg. Damit gehörte Eritrea 2015 zu den Top-Ten-Herkunftsländern von Asylantragsteller*innen in Deutschland. Weil viele Eritreer*innen auch in Stuttgart bleiben, gibt es in der Stadt ein großes Angebot an Vereinen und Freizeitaktivitäten. Hier haben sie einen Ort, an dem sich jemand um ihre

lie und auch anderen Menschen helfen. Die Hauptsache ist für Alex und Sami daher, einen guten Schulabschluss zu machen und eine Ausbildung zu finden. Den ersten Schritt dazu tun sie gerade und lernen richtig Deutsch.

Probleme kümmert, an dem sie sich treffen und miteinander Zeit verbringen können. So gibt es zum Beispiel einen eritreischen Sportverein, verschiedene Cafés und auch eine eigene Radiosendung in der Landessprache Tigrinya. Weit weg von ihrer alten Heimat ziehen sich trotzdem politische Gräben durch die eritreische Gemeinde: „Es gibt zwei Gruppen“, meint Sami. „Die einen unterstützen die Regierung in Eritrea, die anderen nicht.“ Wer die Regierung gut finde, lebe vielleicht schon 30 oder 40 Jahre in Deutschland und kenne die Zustände in Eritrea gar nicht, sagt Sami. „Ich bin erst vor acht Monaten weg und weiß, wie schrecklich es dort zugeht.“

Irgendwas mit Auto Deshalb wollen die beiden Jungs auch erst einmal nicht zurück. Sie fühlen sich wohl in Deutschland und genießen ihre Freiheit. Und sie haben Pläne für die Zukunft: Beide wollen Automechaniker werden, Alex am liebsten bei Mercedes. Er hat sogar schon ein Praktikum in der Werkstatt seines Onkels in Eritrea gemacht. Sami möchte dagegen neue Autos entwerfen. Mit dem Geld, das er verdienen wird, möchte er seiner Fami-

Tewelde 17, Asmara Rebecca Pfister 25, Karlsruhe … gehen in Stuttgart am liebsten eritreisch essen.

onlineDossier

Die Redaktion der politikorange war nicht nur in Berlin für die gedruckte Ausgabe, sondern auch in Stuttgart, Saarbrücken, Bremen, Hamburg, Eisenhüttenstadt, Bayreuth, Halle und Dortmund unterwegs. Im Fotoalbum in der Mitte des Hefts und auf der Selfie-Rückseite seht ihr alle Redakteur*innen. Die Texte, Fotos und Videos aus den Länderredaktionen findet ihr auf Arabisch, Deutsch, Englisch und Französisch in unserem groSSen Onlinedossier. www.

flucht.

politik

orang

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Zahlen & Fakten

Die aktuelle Situation ist nicht auSSergewöhnlich: Weltweit hat die Zahl der Geflüchteten das Niveau von 1995 nicht überschritten. In Deutschland wurden in den 1990er-Jahren ähnlich viele Asylanträge gestellt. Andere Daten bergen dagegen übeRraschungen. Recherche & Gestaltung Von Paul Ramisch

flüchtlingszahlen Die Zahl der eingereisten Geflüchteten und der gestellten Asylanträge sind in Deutschland normalerweise nahezu identisch. Wegen der momentanen Überlastung der Behörden hat sich allerdings ein Antragsrückstau gebildet. Dieser führt dazu, dass die Zahl der registrierten Geflüchteten und die der Asylanträge stark voneinander

abweichen. Nach Angaben des EASY-Systems sind im letzten Jahr 1.091.894 Geflüchtete in Deutschland registriert worden, wobei Fehl- und Doppelregistrierungen nicht ausgeschlossen werden können. 2015 wurde über 283.000 Asylanträge entschieden, wobei in 49,8 Prozent der Fälle ein Schutzstatus zugesprochen wurde.

Zahlen für Deutschand & die EU

Asylanträge je 1.000 Einwohner*innen (EU, Schweiz, Kroatien und Norwegen) 18: Ungarn

Weltweite Zahlen

2.000.000 2.000.000

20.000.000 20.000.000 weltweit1

1.600.000 1.000.000

16.000.000 16.000.000

1.200.000 1.200.000

12.000.000 12.000.000

800.000 800.000

8.000.000 8.000.000

10: Österreich

EUROPÄISCHE UNION2

Deutschland2

400.000 400.000

17: Schweden

4.000.000 4.000.000

14

2014

2

2012 20

20 2010 1

2

01 2008 0

00

20068

6

2004 2

00

4

2002 2

20 2000 0

20

0

19960 20 02 1998

99

19948

6

1992 1

19 1990 9

19 1988 94

92 19

90 19

19

0 0

88

6: Norwegen, Finnland 0 0

Die weltweiten Flüchtlingszahlen berücksichtigen nicht nur grenzüberschreitende Flucht, sondern auch Binnenflucht. Die Zahlen für 2015 enthalten nur das erste Halbjahr. 2 Die Daten für Deutschland (bis 1990 nur BRD) und Europa (EU der 27) basieren auf den Asylanträgen in den jeweiligen Ländern – unabhängig vom Verfahrensausgang. Quelle: UNHCR, Eurostat, BAMF, BPB, Mediendienst Integration (Stand 2015)

1

5: Deutschland, Schweiz

Total World

Europäische Union (27 Länder) Deutschland (bis 1990 früheres Gebiet der BRD)

4: Luxemburg, Malta, Dänemark

Alter & Geschlecht Die Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) von Januar bis Februar 2016 zeigen ein Verhältnis von 66,3 Prozent männlichen zu 33,7 Prozent weiblichen Geflüchteten. Daraus lässt sich jedoch kein

Rückschluss auf die weltweite Situation ziehen: Nach Zahlen von UNHCR, des Fluchtamtes der Vereinten Nationen, liegt das Geschlechterverhältnis bei nahezu 50 Prozent (+/- 1).

3: Belgien, Bulgarien, Niederlande

56>65 <<65 2,5: EU-Durchschnitt, Zypern

560-65 660-65 -06 055-60 655-60 -55 550-55 550-55 -05 045-50 545-50 -54

1,5: Italien

540-45 440-45 -04 035-40 435-40 -53 530-35 330-35 -03

1: Frankreich, Griechenland

025-30 325-30 -52 518-25 218-25 -81 811-18 111-18 -11 11<11 <<11 .0 00

25000

25

00 0

20000

20 .

00 0

15000

15 .

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10000

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0

0

0

0

0005

50 0

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00001 10

00 0

00051 15 .

.0 00

00002 20

25

.0 00

00052

Quelle: BAMF, UNHCR (Stand 2015-2016)

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1 > Irland, Großbritannien, Spanien, Polen, Estland, Lettland, Slowenien, Tschechien, Litauen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Kroatien Quelle: EUROSTAT (Stand 2015)


Ukraine

aserbaidschan Afghanistan

Syrien

Irak Sudan pakistan Zentralafrikanische Republik Nigeria

somalia

Flüchtlingsbewegungen Die Kreise visualisieren sowohl alle Binnenflüchtlinge als auch diejenigen, die das Land ganz verlassen haben. In der Karte wurden nur Länder berücksichtigt, in die oder aus denen mehr als 10.000 Menschen geflüchtet sind. Bei mehr als 500.000 Menschen werden die Staaten namentlich benannt. Das Land auf Platz 2, hinter Syrien, ist gar nicht auf der Karte: In Kolumbien sind über 6.400.000 Menschen auf der Flucht, 90 Prozent davon sind Binnenflüchtlinge.

Paul Ramisch 22, Mannheim … glaubt keiner Statistik mehr, die er nicht selbst gefälscht hat.

Kongo

SüdSudan

5.000.000 1.000.000 100.000

Quelle: UNHCR (Stand 2014)

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Vieles ist ungeklärt

Minderjährige geFlüchtete ohne Begleitung werden nach ihrer ankunft vom jugendamt betreut. im saarland wird das vorclearing zentral geregelt. Von Maximilian Gerhards

UMF - UMA Laut Definition sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) Schutzsuchende, die noch nicht volljährig sind und ohne sorgeberechtigte Begleitung aus ihrem Heimatland fliehen. In der deutschen Amtssprache sind Flüchtlinge Personen, die schon einen Schutzstatus besitzen, was auf die unbegleiteten Minderjährigen noch nicht zutrifft. Deshalb werden sie auch oft als unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) bezeichnet. Foto: Anna Rakhmanko

beschleunigtes vorclearing im Saarland.

Sie kommen hauptsächlich aus Afghanistan, Syrien, Irak, Eritrea und Somalia. Von Krieg und Flucht geprägt, hoffen sie in Deutschland auf bessere Lebensbedingungen und aussichtsreichere Zukunftsperspektiven als in ihren Heimatländern. Viele junge Geflüchtete betreten am Saarbrücker Hauptbahnhof zum ersten Mal deutschen Boden. Dass viele im Saarland ankommen, liege insbesondere an der Grenznähe zu Frankreich, sagt Monika Bachmann: „Zusätzlich kommen im Saarland sehr viele unbegleitete minderjährige Ausländer an, die hier Angehörige haben.“

www.flucht.politikor

ange.de

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inderjährige Geflüchtete, die ohne Begleitung nach Deutschland kommen, werden bundesweit verteilt. Im Saarland wurde im Februar 2016 das erste zentrale Vorclearingzentrum Deutschlands in Betrieb genommen. Die saarländische Sozialministerin Monika Bachmann ist von dem Konzept überzeugt und plädiert für bundesweit einheitliche Standards. A nfang 2016 lebten über 60.000 Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) in Deutschland, wie der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF) angibt.

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im Vorclearingzentrum Der erste Kontakt zu deutschen Behörden ist für Geflüchtete am Saarbrücker Bahnhof die Bundespolizei. Bisher ging es für UMF dann weiter zum Saarbrücker Jugendamt, denn es galt: Die UMF werden von dem Jugendamt betreut, in dessen zugehöriger Kommune sie sich aufhalten. Das hat sich seit Februar 2016 geändert: Im Saarland gibt es nun eine zentrale Anlaufstelle, den „Schaumberger Hof“ in der 12.000 Einwohner*innen Gemeinde Tholey. In dem ehemaligen Therapiezentrum hat das saarländische Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie ein zentrales Vorclearingzentrum eingerichtet. Im Laufe des Vorclearings wird festgestellt, ob die Jugendlichen an einem Verteilverfahren teilnehmen

können. Sie werden dazu von sozialpädagogischen Fachkräften betreut und medizinisch untersucht. „Die ärztliche Betreuung der Jugendlichen, pädagogische Ansätze der Jugendhilfe sowie die pädagogische Versorgung und Unterbringung erfolgen unter einem Dach. Das Zentrum hat den Vorteil, dass das Vorclearing sehr schnell durchgeführt werden kann“, berichtet die saarländische Sozialministerin. Sie sieht jedoch nicht nur Positives in der aktuellen Situation: „Vieles ist ungeklärt. Vieles was im Jugendhilferecht gesetzlich normiert ist, passt nicht auf die Herausforderungen zu Integration, Betreuung und Einbindung von unbegleiteten Minderjährigen in unsere Gesellschaft.“

das Bundesland im Februar 2016 weit über seinem Soll von 833 und muss keine weiteren UMF mehr aufnehmen. Für viele der Jugendlichen geht es daher von Tholey aus weiter in andere Bundesländer, die ihre Quote noch nicht erfüllt haben. Die bundesweite Verteilung ist wie das zentrale Vorclearingzentrum eine organisatorische Herausforderung, der Monika Bachmann jedoch optimistisch entgegensieht: „Wir haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass wir alles schaffen können, wenn wir als Gesellschaft zusammenstehen. Wichtig ist jedoch, dass bundesweit einheitliche Standards für die Unterbringung und Versorgung der unbegleiteten Jugendlichen geschaffen werden.“

Ungewöhnlich viele UMF Nach etwa einer Woche werden die jungen Geflüchteten nach dem Königsteiner Schlüssel auf andere Bundesländer verteilt. Diese Regelung wurde im November 2015 neu eingeführt, da einzelne Jugendhilfeeinrichtungen eine geeignete Betreuung der Minderjährigen nicht mehr gewährleisten konnten. Monika Bachmann hält die Neuregelung für UMF für sinnvoll: „Das neue Meldeverfahren war wichtig, denn es hat Klarheit geschaffen, was Finanzierung und Verteilungsschlüssel betrifft. Vorher war nicht klar, wie die Gesamtlage in Deutschland überhaupt ist.“ Im Saarland leben nach Angaben des Sozialministeriums über 1.280 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Damit liegt

Maximilian Gerhards 17, Neef … weiß nun, wie wichtig langfristige Terminabsprachen sind.


Unter Brüdern

Minderjährige, die alleine nach Deutschland flüchten, befinden sich in einer schwierigen Lage. Denn sie benötigen dringend einen Vormund. Von Milena Bürki

Rami (rechts) ist sich nicht sicher, wer die Vormundschaft für seinen Bruder übernehmen sollte.

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smail* muss gleich zum Training. Er spielt Abwehr, darf aber auch mal ins Mittelfeld. Sein Wohnheim bei den Johannitern in Berlin-Kreuzberg organisiert zusammen mit anderen Einrichtungen abwechselnd Fußballspiele für unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Ismail kommt aus Syrien, wo er bis vor einem halben Jahr die 9. Klasse besuchte. Seine Eltern leben noch in Homs. Damit ist er eines von knapp 69.000 Kindern, die sich laut Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge e.V. (BumF) in Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe befinden. Seit Oktober 2015 lebt Ismail in Berlin. Er ist seinem großen Bruder Rami* über die Balkanroute gefolgt, der ein Jahr zuvor von seiner Familie nach Europa geschickt wurde. Doch die Reise war zu teuer, als dass es für alle Familienmitglieder gereicht hätte. „Der schwierigste Übergang war die Fahrt mit dem Boot nach Griechenland“, erinnert sich Ismail. Überladen mit illegalen Passagier*innen musste das Boot dem starken Wellengang standhalten: „Während der gesamten Flucht hatte ich keinen Akku. Erst als ich in Österreich ankam, konnte ich meinen Bruder Rami anrufen.“

Selbsthilfe für umf Wie schwierig die Flucht insbesondere für Kinder und Jugendliche ist, weiß auch Mohammed Jouni. Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Vorstand des BumF engagiert er sich seit über zehn Jahren als Mentor bei Jugendliche ohne Grenzen (JOG), einem bundesweiten Zusammen-

schluss jugendlicher Geflüchteter. Den BumF sieht er als „Selbsthilfegruppe“ und als Ansprechpartner für junge Geflüchtete, die in Deutschland vor besonderen Problemen stehen: „Es gibt das international geltende ‚Übereinkommen über die Rechte des Kindes’ der Vereinten Nationen“, erklärt Jouni. „Doch diese Kinderrechtskonvention, die das Kindeswohl sichern soll und von Deutschland unterzeichnet wurde, wird viel zu häufig missachtet – gerade, wenn es um Flüchtlingskinder geht.“ Rami ist sichtlich besorgt. Ismail hat nach einem halben Jahr in Deutschland immer noch einen amtlichen deutschen Vormund, obwohl Rami mit seinen 23 Jahren selbst die Vormundschaft für seinen jüngeren Bruder übernehmen könnte: „Ich verstehe das nicht. Wir haben denselben Geburtsort, denselben Vaternamen, denselben Familiennamen – warum ist es für mich so schwer, sein Vormund zu werden?“ Was fehlt, ist ein amtliches Dokument, das ihm seine Eltern aus Syrien schicken müssten. Gleichzeitig ist er unsicher, ob es überhaupt das Richtige wäre, wenn er selbst die Vormundschaft übernimmt: „Was wäre, wenn unsere Eltern dadurch weniger Chancen hätten, endlich zu uns zu kommen?“ Dazu kommt, dass auch er in einem Wohnheim lebt und Ismail nicht bei sich unterbringen kann. Das wenige Geld, das er bekommt, reicht gerade so für ihn selbst.

Vormund via WhatsApp Ismail würde am liebsten seine Eltern als Vormünder behalten: „Sie haben am mei-

sten für mich getan.“ Dennoch braucht er eine*n gesetzliche*n Vertreter*in in Deutschland, das weiß er. „Als Vorstand des BumF plädiere ich immer für Privatvormundschaften. Amtliche Vormünder haben viel zu wenige Kapazitäten und sind überfordert“, meint Mohammed Jouni. „Dadurch haben sie nie genügend Zeit, sich um die einzelnen Anliegen der bedürftigen Flüchtlinge zu kümmern.“ Bei verwandten Vormündern rät er zur Vorsicht: „Wenn der Verwandtschaftsvormund den finanziellen und psychischen Belastungen nicht standhalten kann und selbst noch nicht über die gesetzliche Lage Bescheid weiß, kann das katastrophal enden.“ Werde die Vormundschaft beispielsweise Verwandten zugesprochen, die zum Kindeswohl besser auf Abstand gehalten werden sollten, sei das Jugendamt ihnen gegenüber machtlos. Am schwierigsten seien Fälle, in denen beobachtet werde, dass minderjährige Geflüchtete über WhatsApp und Skype Kontakt zu ihren Eltern hätten. Oft erfolge der Beschluss, diese könnten von den Herkunftsländern aus weiter als Vormünder agieren. „Sie kennen die Umstände hier überhaupt nicht und unterschreiben einfach oder verbieten willkürlich“, bemängelt Jouni. „Zum Teil können sogar Handyverträge nicht über das Internet abgeschlossen werden, aber ein Menschenrecht kann man bei WhatsApp klären.“ Momentan läuft ein Verfahren, das einen Rechtsanwalt zu Ismails privatem Vormund machen soll. Einsicht in Ismails Akte wird er aber erst nach Bewilligung des Antrags auf Vormundschaft erhalten.

Foto: Roser Corella

Auch wenn Rami Angst hat, sich dann nicht mehr gut genug um seinen Bruder kümmern zu können, meint er: „Momentan ist das vermutlich die beste Lösung für meinen Bruder.“ Es werde Zeit, dass jemand das Bleiberecht für Ismail und die ersehnte Familienzusammenführung beantrage. Denn auch beim Asylantrag gibt es Ungereimtheiten. Ismails Ausweis ist mit einem roten Querstrich und dem Wort „Duldung“ versehen. Das bedeutet, dass seine Abschiebung lediglich herausgezögert wird. Stolz hält Ismail das Papier hoch. Ob er weiß, was er in den Händen hält, ist zweifelhaft. Gut integriert fühlt Ismail sich auf jeden Fall. Er ist dankbar, dass er in Deutschland aufgenommen wurde und hier „vom Brot essen darf“, wie man im Arabischen sagt. Allerdings würde er gerne einmal mit Deutschen zusammen Fußball spielen: „Wir sind alle Menschen und es ist immer schön, sich gegenseitig kennenzulernen.“ *Name von der Redaktion geändert

Milena Bürki 26, Berlin … findet, wir sollten uns bewusst sein, wie gut wir es eigentlich haben.

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Schwanger in der Turnhalle

Wärme, Ruhe und umfassende Unterstützung von der Familie: All das macht eine behütete Schwangerschaft aus. Für geflüchtete Frauen ist diese Vorstellung in weiter Ferne. Von Anna-Maria Polke

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bwohl Schwangere laut EU-Richtlinien zur Gruppe der besonders Schutzbedürftigen zählen, werden sie wie alle anderen Geflüchteten auch zuerst auf Not- und dann auf Gemeinschaftsunterkünfte verteilt. Dort haben sie kaum Privatsphäre und leben oft unter schlechten hygienischen Bedingungen. Ihre besonderen medizinischen Bedürfnisse und die gesundheitlichen Auswirkungen einer strapaziösen Flucht werden kaum beachtet. Simone Logar, zweite Vorsitzende des Hebammenverbands für Frauen, bezweifelt, ob sie als Schwangere die beschwerliche Flucht überstanden hätte. Ihre erste Begegnung mit schwangeren Geflüchteten fand im Sommer 2015 statt: Sie brachte gespendete Hygieneartikel zum Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo). Dort warteten viele schwangere Frauen, einige Kinder waren in Obstkörbe gebettet. Das machte ihr bewusst, dass Sachspenden allein nicht ausreichten. Simone Logar begann, sich privat stärker für geflüchtete Schwangere einzusetzen und sie zu betreuen.

Isolation und Hilfe Wie viele schwangere Geflüchtete bisher nach Deutschland gekommen sind, ist unklar. Schwangerschaften werden in den zentralen Registriersystemen der Unterkünfte oft nicht erfasst. Logar schätzt, dass im Sommer 2015 jede dritte in Berlin angekommene Frau schwanger gewesen sei. Ihnen wird vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine Hebamme in Aussicht gestellt. Das sei beim allgemeinen Hebammenmangel aber utopisch, so Logar: „Wenn man als Hebamme für einen Einsatz in die Tempelhofer Hangars fährt, können schnell 100 Frauen zusammenkommen, die versorgt werden müssen.“ Viele Geburtshelfer*innen würden zudem von der ungeklärten Gehaltsabrechnung abgeschreckt, so Simone Logar. Auch die emotionale Anspannung hielten viele Helfer*innen nicht durch: Immer

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wieder werden die Hebammen mit den Schicksalen der werdenden Mütter konfrontiert. Besonders im Gedächtnis geblieben ist der Hebamme die Geschichte eines Ehepaares: Acht Tage wartete es im LAGeSo auf seine Papiere, obwohl die Frau an einer schweren Schwangerschaftsvergiftung litt. Mit den Papieren kam die Nachricht der Verlegung nach Eisenhüttenstadt – das Paar musste trotz der Gefahr für Mutter und Kind die Stadt verlassen. Logar weiß nicht, ob das Kind lebt oder wie es der Frau geht: „Die geflüchteten Frauen muss ich gehen lassen, ohne diese Sicherheit zu haben.“

Fehlende Kapazitäten Ein weiteres Problem sind die oft schwierigen Wohnsituationen. Katharina Mühlbeyer vom Flüchtlingsrat Berlin e.V. kritisiert den hohen bürokratischen Aufwand bei der Suche nach besseren Wohnungen. Die Stadt Berlin habe nicht genügend Kapazitäten, sagt sie. Es werden Massenunterkünfte gebaut, anstatt auf persönliche Bedürfnisse einzugehen. Auch Martina* und Marie Luise* von der Caritas, die ebenfalls am LAGeSO vor Ort ist, schildern dies: „Schwangere im Hochbett oder stillende Frauen in Turnhallen sind keine Seltenheit.“ Das Büro der Schwangerschaftsberatung Lydia des Sozialdiensts katholischer Frauen e.V. in Berlin-Neukölln hat sich auf die steigenden Zahlen geflüchteter Schwangerer eingestellt. Cindy Leifert ist Teil des Teams, das mittlerweile einmal die Woche eine Sprechstunde auf Arabisch anbietet. Neben Informationen rund um die Schwangerschaft bekommen die Frauen Unterstützung bei bürokratischen Anliegen. Gemeinsam werden Formulare ausgefüllt und Anträge gestellt, damit die Geflüchteten ihren rechtlichen Anspruch auf finanzielle Unterstützung geltend machen können. Ob sie eine Verbesserung der Situation von schwangeren Geflüchteten sehe? Simone Logar verneint das. Nur durch ständiges Engagement, viel Einsatz und

Für schwangere geflüchtete ist ruhe selten.

Pressearbeit sei das Thema nicht ganz unter den Tisch gefallen. Martina* und Marie Luise* von der Caritas heben ein paar positive Beispiele hervor: Besonders in Berlin gründeten sich vermehrt Vereine und Projekte, die sich für schwangere Frauen und Neugeborene einsetzten. Für Cindy Leifert vom katholischen Sozialdienst bleiben die kleinen Gesten der Frauen, das „Danke“, bevor sie ihr Büro verlassen, in Erinnerung: „Es sind Momente, die beweisen, dass sich jeder Einsatz lohnt und meine Arbeit geholfen hat.“ *Name von der Redaktion geändert

Foto: Roser Corella

Anna-Maria Polke 24, Berlin … bewundert die Kraft der Frauen.


Angst als ständige Begleiterin

Vor allem Frauen und Kinder sind auf der flucht vielen Gefahren ausgesetzt. Am Zielland angekommen hört die Bedrohung meist nicht auf. Auch in Deutschland werden SchutzmaSSnahmen nicht umgesetzt. Von Nil Idil Çakmak

Foto: Franziska Gaube

Viele Frauen fühlen sich in Frauenfluchthäusern das erste mal sicher.

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ei der Flucht ist nicht nur die Hoffnung auf ein besseres Leben im Gepäck, sondern auch Angst: In vielen Flüchtlingsheimen ist beispielsweise ein einfacher Toilettengang für Frauen und Kinder gefährlich, berichten das Deutsche Institut für Menschenrechte und die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Die Gefahr vor sexuellen Übergriffen sei zu groß, so zum Beispiel im jordanischen Zaatari Camp an der syrischen Grenze.

Frauen auf der Flucht Frauen verlassen ihre Heimatländer aus unterschiedlichen Gründen. Die Vereinten Nationen nennen neben Unterdrückung und Verfolgung aus politischen oder religiösen Gründen auch geschlechterspezifische Bedrohungen wie Genitalverstümmelung. Gerade die Flucht sei laut einem UN-Bericht aus dem Jahr 2016 und laut Menschenrechtsorganisationen mit zusätzlichen Risiken und Ängsten vor sexueller Belästigung verbunden. Deshalb sei Angst die ständige Begleiterin von Mädchen und allein reisenden Frauen, mit oder ohne ihren Kindern. Die Ankunft in Deutschland beende den Zustand häufig nicht. Nach

Medienrecherchen erlitten alleinstehende Frauen und Kinder sexualisierte Gewalt durch private Sicherheitskräfte oder Geflüchtete in Unterkünften. Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) waren im Januar 2016 von den 50.000 Asylantragstellenden rund ein Drittel Frauen. Schutzmaßnahmen seien für Frauen notwendig, wie Anfang 2016 das FEMM Committee, der Ausschuss für die Rechte der Frau und Gleichberechtigung der Geschlechter der Europäischen Union, erkannt hat. Die EU hat seit 2013 dafür sogar eine eigene Richtlinie (2013/33/EU) bestimmt. Darin werden Mitgliedstaaten aufgefordert, gegen Übergriffe und geschlechtsbezogene Gewalt an Schutzbedürftigen in den Unterkünften zu handeln.

VerstoSS gegen EU-recht Mit dem Asylpaket II verstoße Deutschland jedoch gegen diese Richtlinie. Mit dem Asylgesetz sollte ursprünglich der Schutz von Frauen vor Gewalt gesichert werden. Dazu zählte zum Beispiel die getrennte Unterbringung von Frauen in Gemeinschaftsunterkünften. Umgesetzt

wurden die Schutzmaßnahmen nicht. Der Deutsche Frauenrat kritisiert das Asylpaket in einem Brief an CDU und SPD: „Es kann nicht sein, dass man sich über die sexualisierten Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten empört, über Folgemaßnahmen diskutiert, aber die tägliche Gewalt an geflüchteten Frauen nicht thematisiert und einfach weiter geschehen lässt.“

ein Klima der Angst erzeugt, so Women in Exile. Der Deutsche Frauenrat kämpft dafür, dass geflüchtete Frauen, die Opfer von Gewalttaten wurden, nicht auf ihren Opferstatus reduziert werden, sondern dass ihnen mit Respekt für ihre Stärke, Ausdauer und Verantwortung begegnet wird.

Viele Fälle unbekannt Problematisch sei, dass viele Fälle von Gewalttaten an geflüchteten Frauen nicht bekannt werden, so Elizabeth Ngari, Gründerin der Initiative Women in Exile. Über die Vorfälle werde oft nicht gesprochen – aus Sorge, dadurch könne ihr Aufenthaltsstatus bedroht werden, sagt die Sozialpädagogin Nivedita Prasad. Women in Exile berichtet in einem offenen Brief außerdem über die fehlende Sensibilität von Polizeibehörden. Nach den Übergriffen an Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015 hätte die Polizei Großeinsätze in deutschen Flüchtlingsheimen gestartet. Ihre Präsenz und die Aufforderung, dass Betroffene sofort aussagen sollten, habe

Nil Idil Çakmak 26, Leipzig … findet, dass wir endlich handeln müssen.

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Percy MacLea n (69 JA hr e) ... ist Jurist und Spezialist für Asylrecht in Berlin. Seit er während seines Studiums einen Geflüchteten aus Burundi betreute, beschäftigt er sich mit dem Thema. MacLean ist Mitbegründer der Flüchtlingsarbeit von Amnesty International in Deutschland und war von 2002 bis 2003 Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte. 2004 erhielt er die Carl-von-Ossietzky-Medaille des Vereins „Internationale Liga für Menschenrechte“ und 2015 das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement für Menschenrechte und gegen Diskriminierung. Nachdem er von 1994 bis 2012 Vorsitzender Richter am Berliner Verwaltungsgericht war, arbeitet er seit 2013 als Rechtsanwalt.

Foto: Johanna Kleibl

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„Lösungen nur in Einzelfällen“ GERechtes recht?

Der Jurist Percy MacLean beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Situation Geflüchteter in Deutschland. Ein Gespräch über Menschenrechte, juristische Problemfälle in der EU und politische Lösungsansätze. Von Johanna Kleibl

Menschen- und Grundrechte gelten für alle. Hält sich die EU an diesen Grundsatz oder gibt es Ausnahmen für Geflüchtete? Ein aktuelles Beispiel, wo in der EU Recht gebrochen wird, sind die neuen Vereinbarungen über die Rückführung der nach Griechenland Geflüchteten. Dass sie in die Türkei zurückgeschoben werden sollen, widerspricht eklatant der Genfer Flüchtlingskonvention und dem darin geregelten Rückführungsverbot.

Warum ist das so? Die Türkei ist kein sicherer Drittstaat. Sie hat nicht einmal die Genfer Flüchtlingskonvention uneingeschränkt unterschrieben und gewährt Flüchtlingen keinen ausreichenden Schutz. An der türkisch-syrischen Grenze werden Menschen abgewiesen und nach Syrien zurückgeschickt, kurdischen Syrern droht auch innerhalb der Türkei Verfolgung.

Können sich Geflüchtete trotz des Türkei-Deals vor der Rückführung schützen? Man könnte prüfen, ob Flüchtlinge bei griechischen Gerichten Rechtsschutz erhalten könnten. Aber Flüchtlinge, die in einem Lager auf Lesbos sitzen, haben keine rechtliche Vertretung. Eine weitere Möglichkeit wäre die Anrufung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg, um eine einstweilige Anordnung zu erwirken. Doch für einzelne Flüchtlinge ist das ebenfalls äußerst schwierig.

Könnte man nicht juristisch einen Rückführungsstop für alle durchsetzen? Als Rechtsanwalt kann man vor Gericht keine politische Lösung erstreiten, sondern nur in Einzelfällen eine Lösung finden. Man könnte aber versuchen, als Musterfall vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eine einstweilige Anordnung zu erzielen. Doch dafür müssten sich geeignete Rechtsanwälte auf den griechischen Inseln engagieren.

Wie steht es um die Bewegungsfreiheit der Schutzsuchenden innerhalb der EU? Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass man Flüchtlinge nicht wie Stückgut umherschiebt und zwingt, in Länder zu gehen, in die sie über-

haupt nicht wollen. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum man sich ein Land aussucht: bessere Integrationsmöglichkeiten durch Verwandte und Freunde, andere Flüchtlinge aus der Region, Sprachkenntnisse. Man sollte Flüchtlinge aussuchen lassen, in welches Land sie gehen möchten, und dann innerhalb der EU einen finanziellen Ausgleich für die Länder schaffen, die viele aufnehmen.

Haben Sie einen konkreten Vorschlag, wie sich Einwanderung sicherer und gerechter regeln lieSSe? Prinzipiell muss man zwischen Einwanderung und Schutzsuche unterscheiden. Das Recht auf Schutz vor Verfolgung, Krieg und Bürgerkrieg ist durch internationale Abkommen und Gesetze ohne Einschränkungen gewährleistet. Wenn Schutzsuchende an der Grenze anklopfen, muss ihr Anliegen geprüft werden. Einwanderung hat ganz andere Voraussetzungen, hier geht es um die Interessen des Aufnahmelandes, ob es bestimmte Menschen gerne einwandern lassen möchte. Das erfordert ein Einwanderungsgesetz, das Kriterien aufführt, nach denen man Menschen in die EU lassen möchte.

Welche Vorteile hätte ein spezielles Einwanderungsgesetz?

Ist es letztendlich Glückssache, ob ein von Abschiebung bedrohter Mensch an eine*n gute*n Anwält*in gerät und in der EU bleiben darf? Meine These ist, dass es kein formalisiertes Verfahrengibt, das allen wirklich Schutzbedürftigen auch Schutz zubilligt. Es gibt eine Schnellbegutachtung, die dem Einzelfall nicht gerecht wird. Derzeit muss man eine Woche nach Ablehnung seines Asylantrags Einspruch erheben und bis dahin oft beispielsweise ausführliche Gutachten über den Gesundheitszustand organisiert und finanziert haben. Oft ist es der reine Zufall, dass ein Flüchtling schnell genug den richtigen Ansprechpartner findet.

Die gesellschaftliche Stimmung ist von groSSer Hilfsbereitschaft, aber auch Populismus geprägt. Spiegelt sich die Polarisierung der Gesellschaft auch in der Gesetzgebung? Mit Gesetzen wie den Asylbeschleunigungsgesetzen, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion durchgepeitscht wurden und die noch nicht einmal eine schnellere Rückführungs -möglichkeit eröffnen, kommen wir nicht weiter. Kaum ein Deutscher hat durch die Flüchtlingssituation persönliche Einschränkungen hinnehmen müssen. Wir brauchen keine neuen Gesetze gegen Flüchtlinge, sondern ein neues Bewusstsein und eine Politik, die der Bevölkerung unbegründete Ängste nimmt.

In einem Einwanderungsgesetz könnte man festschreiben, dass Menschen aus besonders gefährlichen Regionen mit Vorrang einwandern und mit entsprechenden Visa legal einreisen können. In den Schubladen der Parteien liegen schon Entwürfe, aber politisch ist das wahrscheinlich eine schwierige Thematik, weil man derzeit eher darauf aus ist, Menschen aus der EU heraus zu drängen.

Letztes Jahr wurden mehrere Balkanstaaten zu sicheren herkunftsländern erklärt, in die erleichtert abgeschoben werden kann. Die Konstruktion sicherer Herkunftsstaaten ist sehr problematisch. Es gibt kaum Länder, die wirklich sicher und frei von Verfolgung sind. Mit Pauschalierung wird das Grundrecht auf Asyl ausgehöhlt. Wir brauchen eine individuelle Betrachtung eines jeden Einzelfalls. In der letzten Zeit ist es schwer, das Schicksal von Schutz -suchenden aus diesen Ländern glaubhaft zu machen.

Johanna Kleibl 25, Berlin … fordert, dass

innerhalb der EU alle Menschenrechte geachtet werden und zwar ohne Ausnahmen!

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Vom Paradies ins Exil

Othman, Fawzeyah und Hazm Matar kamem im Juni 2015 nach Deutschland. In Saarbrücken fühlt die Familie sich sicher, obwohl sie ihre Heimat vermisst. Am schlimmsten ist jedoch, dass sie ohne ihren Sohn Mohammed Nour fliehen mussten: Er ist in IS-Gefangenschaft. Von Lubna Issa / Übersetzung: Sama Younes

Die syrische Familie Matar ist in Deutschland sicher, aber nicht glücklich.

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enn man Othman Matars Wohnung in Saarbrücken betritt, begegnet einem syrische Gastfreundschaft. Noch in der Tür empfängt uns seine Frau, Fawzeyah, mit einem großen Lächeln und der Frage, ob wir bereits zu Mittag gegessen hätten. Sofort macht sie sich daran, uns Kaffee zuzubereiten. Ihr Lächeln hält jedoch nicht lange an: Sie spricht von ihrem Sohn, der vom IS gefangen genommen wurde, vom Gefühl der Fremde fern von ihrer Heimat, ihrer Familie in Syrien, die noch immer unter den Bombardements und der Zerstörung leidet. Matars Familie ist die einzige syrische Familie in einem Haus, dessen Bewohner*innen größtenteils deutsch sind. Trotz der immensen Freundlichkeit seitens der deutschen Nachbar*innen fühlen sie sich, als wären sie ,,vom Paradies ins Exil‘‘ geflohen. Auf der Suche nach einem sicheren Ort und besseren Lebensbedingungen kam Othman Matar mit seiner Frau und seinem Sohn Hazm, 15 Jahre alt, Mitte 2015 mit einem Visum in Deutschland an. Ihre erste Station war München, dann sollten sie ins Saarland umziehen. Othman hat vier Söhne, der älteste von ihnen ist Journalist in der Türkei, der zweite ebenfalls Journalist in Berlin. Der dritte übte denselben Beruf aus, wurde jedoch vom IS in Gefangenschaft genommen. Der vierte und letze Sohn kam mit seinem Vater nach Deutschland. Othman, 60 Jahre alt, sagt, es sei nicht das erste Mal, dass sie das Gefühl der Fremde verspüren. In Istanbul, unter Menschen, deren Sprache sie nicht verstehen, haben sie oft darüber

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nachgedacht, in ihr Land zurückzukehren. Doch als der IS ihre Heimatstadt einnahm und ihr Sohn in Gefangenschaft geriet, war auch der letzte Hoffnungsschimmer verloren. Ihre Heimatstadt Raqqa wurde Zentrum des Islamischen Staates im Irak und Syrien (ISIS). Zusätzlich beschloss die internationale Gemeinschaft Standorte des IS zu bombardieren, die zwischen Häusern von Zivilist*innen liegen. Othman fährt fort, Deutschland hätte sie gut aufgenommen. Die Menschen würden sie sehr freundlich behandeln. Trotz der Sprachdefizite, die eine Hürde darstellen, könne man sich mit Zeichen und einigen englischen Wörtern verständigen. Dass Fawzeyah, 50 Jahre alt, ein Kopftuch trägt, spielt für die Bürger Saarbrückens keine Rolle. Im Gegenteil, sie behandeln sie mit Respekt, grüßen sie und helfen bei Fragen nach dem Weg. Trotzdem fühlt sich Fawzeyah nicht wohl. Eine fremde Sprache zu lernen und in einer völlig fremden Kultur zu leben, macht ihr Angst. Sie sorgt sich um ihre 14 Brüder und Schwestern, die noch in Syrien sind, und vor allem um ihren vom IS inhaftierten Sohn. Als sie über ihren Sohn spricht, kann sie die Tränen nicht zurückhalten. ,,Ich habe keinen Weg ausgelassen, um meinen Sohn zu befreien. Aber mein Sohn ist Pressefotograf und Fotos machen dem IS mehr Angst als Waffen.‘‘ Ihr Sohn, Mohammad Nour, ist nicht die einzige Person, die sie im syrischen Krieg verloren hat. Ihr jüngerer Bruder und ihr Neffe sind unter dem Bombardement des syrischen Regimes umge-

kommen. Jeden Tag lebt sie mit der Angst um ihre Familie und ihre Heimat. Ihrem Mann, Othman, fällt es leichter, sich den Umständen anzupassen. Jedoch ist seine Trauer über seinen verlorenen Sohn stets präsent. So sieht man ihn auch auf Othmans Profilbild bei Facebook. Die Freundlichkeit und Offenheit seiner Nachbar*innen sei für ihn eine große Hilfe, schnell in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Tatsächlich haben sie ihre Nachbar*innen bereits zwei Mal zum Essen eingeladen und werden von ihnen mit dem einzigen ihnen bekannten arabischem Wort gerufen: Habibi. Ihr Glaube wird hier respektiert. Für Othman ist das ein wichtiger Aspekt, schließlich seien sie geflohen, um Sicherheit zu finden. Nicht einmal die arabischen Golfstaaten mit ihren muslimischen Gesellschaften waren bereit, Othman und seine Familie aufzunehmen. Mit einem Lächeln stellt Othman fest, dass die deutsche Gesellschaft trotz allem distanzierter ist, die Menschen würden einfach zu viel arbeiten. Nur bei älteren Menschen sei es das Gegenteil und eine „offene arabische Mentalität“ zu spüren. Einmal setzte sich eine ältere Dame zu Fawzeyah in die Bahn und redete zehn Minuten auf sie ein, doch erst zum Schluss entdeckte sie, dass Fawzeyah gar kein Deutsch versteht. Sie lachte herzlich als ihr aufging, dass sie praktisch nur mit sich selbst gesprochen hatte. Fawzeyah weiß von einer weiteren Begegnung zu berichten: Eines Abends hat sie mit einem ,,Guten Morgen!‘‘ gegrüßt, woraufhin die Passantin herzlich lachte.

Foto: Anna Rakhmanko

Doch sie erinnert sich auch an traurige Momente. Zum Beispiel, als sie mit ihrer Familie in einem Restaurant saß und ein junger deutscher Mann ihrem Sohn fünf Euro zusteckte. Othman erklärt, dass die Syrer*innen aus Angst um ihr Leben geflohen seien, nicht weil sie verhungerten. Sie alle hatten ein Leben in Syrien, hatten Zeugnisse und übten Berufe aus. Er selbst sei Tierarzt gewesen. Über die Zukunft seines Sohnes Hazm mache er sich aber keine Sorgen. Viele Syrer*innen behaupteten, dass kleine Kinder dazu neigten, sich von ihrer Religion zu distanzieren. Er ist sich jedoch sicher: Wer in der Heimat seinen Glauben bewahren und leben kann, könne das überall. Familie Matar möchte in eine sichere Heimat zurückkehren. So wünscht sich Fawzeyah von allen jungen Syrer*innen: ,,Sobald sich die Lage in unserer Heimat beruhigt, kehrt zurück! Baut ein neues Land auf! Ein friedliches Land, wie wir es uns vorstellen. Nicht wie andere es haben!“

Lubna Issa 28, Syrien … wünscht sich, endlich die letzte Folge von Tom & Jerry zu sehen.


In fremden vier Wänden

Nach ihrer Ankunft in Deutschland suchen Geflüchtete ein langfristiges Dach über dem Kopf. In Berlin ist das nicht so leicht. Von Elias Sanharib Hanna und Aamr Essa

Abdulalim Tijan 23 Jahre, Aleppo

Ammar Karim 30 Jahre, Mossul

In Syrien studierte Abdulalim Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Buchhaltung. Seit vier Monaten lebt er nun in einer Basketballhalle der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin – zusammen mit knapp 180 weiteren Personen. Abdulalim träumt von einem Haus oder wenigstens einem Zimmer in Berlin. Aber die Maklergebühren, die laut seiner Freund*innen 2.000 Euro betragen, wird er sich nicht leisten können.

Früher arbeitete Ammar als Landwirt und Bäcker, jetzt wartet er auf die Entscheidung über seinen Asylantrag. Er ist unglücklich, weil er eigentlich Deutsch lernen will, es in der HTW-Halle dazu aber viel zu laut ist. Auch die Gemeinschaftsduschen und Toiletten sind ihm zu dreckig. Privatsphäre gibt es keine – dabei sehnt sich Ammar vor allem nach Ruhe und Beständigkeit.

Umid Malik Zade 28 Jahre, Teheran

Abdulalim, Umid und Ammar (im Uhrzeigersinn).

Foto: Taha Sheikh Dieh

Weil der Musiker Umid in seinen Songs die Politik im Iran kritisierte, musste er aus seiner Heimat fliehen. Seit Februar wohnt er in der Turnhalle des HTW. Die Enge und fehlende Privatsphäre machen ihm zu schaffen. Weil so viele Menschen auf kleinstem Raum zusammenleben, kommt es manchmal zu lautstarken Streitereien und sogar Prügeleien. Die anschließenden Polizeieinsätze drücken die Stimmung noch mehr.

Elias Sanharib Hanna 27, Damaskus Aamr Essa 25, Homma … finden, es sollte Wohnraum für alle geben.

Wie ein altes Ehepaar

In bremen gibt es verschiedene wohnprojekte für geflüchtete. zum beispiel wohngemeinschaften. Von Lea Stratmann Und Anna Warda

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ch sehe Ahmad nicht mehr als Flüchtling. Ich habe mir gesagt, ich frage einen Freund, ob er Bock hat, zusammen zu wohnen“, sagt Fabian Winkler. Im Dezember 2015 gründete Fabian mit fünf weiteren Mitbewohner*innen im ehemaligen Haus seiner Eltern eine Wohngemeinschaft. Einer seiner Mitbewohner*innen ist Ahmad Ibrahim. Er ist Syrer und einer von über 4.500 neuen Asylbewerber*innen, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 2015 für Bremen verzeichnet. Da Bremen laut Sozialsenatorin Anja Stahmann hinsichtlich der Aufnahme von Geflüchteten an seine Belastungsgrenzen stoße, könnte eine Unterbringung in Privathaushalten nicht nur einen Lösungsansatz für die Wohnproblematik darstellen, sondern der erste Schritt in eine gelungene Integration sein.

Schwierige Charaktere Fabian ist ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe Bremen engagiert. Der 26-Jährige unterstützt die über 90 Unterkünfte in der Hansestadt. In einer davon kreuzten sich Ahmads und seine Wege. Auf den Kontakt im Camp folgten private Treffen, es entstand eine enge Freundschaft: „Manche sagen,

wir sind wie ein altes Paar“, meint Fabian. Auch wenn Ahmad in Bremen nicht wie in seiner Heimat die Universität besuchen darf, nimmt der Sportstudent Anfang 30 am Student*innenleben teil. Sein Alltag ist abwechslungsreich - gemeinsame Kochabende, Mitgliedschaft im Fußballverein und Uniprojekte sind nur Beispiele. Natürlich gibt es auch die üblichen Probleme, die ein WG-Leben mit sich bringt: „Wir sind beide sehr schwierige Charaktere mit einer Menge Konfliktpotenzial“, meint Ahmad und lacht dabei.

lies den Ganzen Artikel hier

Endlich leben In der Wohngemeinschaften ist die Herkunft zweitrangig. Dass das nicht überall der Fall ist, erzählt Ahmad: „Ich sehe eine Menge Rassismus. Ich kann mich daran erinnern, dass wir mit vielen Leuten ausgegangen sind und ich der einzige war, der am Eingang seine Tasche öffnen musste.“ Abgesehen von Vorfällen dieser Art, fühlen sich dennoch alle in ihrem neuen Zuhause wohl. Die schönen Momente überwiegen, erinnert sich auch Fabian: „Einmal saßen wir in einer Bar auf einer Couch. Ahmad sah mich an und meinte: ‚Jetzt fühle ich mich, als würde ich leben.‘“

Anna Warda 17, Oldenburg Lea Stratmann 16, Hildesheim … halten Wohnen als Form der Integration für essenziell.

www.flucht.politikorange.de

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ziviler unGehorsam oDer Dienst am rechtsstaat?

über 400 GeFlüchtete FanDen im märz 2016 in DeutschlanD schutz im kirchenasyl. Die praxis ist allerDinGs sehr umstritten. von paUline rachor

sen Schutz bieten, obwohl sie aus polizeilicher Sicht nichts anderes sind als eine Turnhalle.“

abschiebung verhindern

Grafik: Paul Ramisch

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irchenasyl können Menschen erhalten, die aus Deutschland abgeschoben werden sollen, aber eigentlich noch Chancen auf Asyl hätten. Mitte März 2016 verzeichnete die ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche e.V. 274 Kirchenasyle mit mindestens 427 Personen, davon 92 Kinder. „Kirchenasyl ist ziviler Ungehorsam, könnte man sagen. Denn eine Abschiebung zu verhindern ist ein Gesetzesbruch“, sagt Rolf Schieder, Professor für Theologie an der HumboldtUniversität zu Berlin. Asylgewährende Kirchen müssten mit Sanktionen rechnen: „Die Kirchen bauen darauf, dass Kirchenräume immer noch einen gewis-

Cecilia Juretzka, Mitarbeiterin in der Beratungsstelle von Asyl in der Kirche Berlin e.V., erklärt, dass die Kirche vor Aufnahme eines Asylsuchenden prüfe, ob die rechtlichen Mittel zum Erwirken eines Bleiberechts ausgeschöpft seien: „Es geht eigentlich um die Fälle, bei denen nicht richtig hingeguckt worden ist, aus welchen Gründen auch immer.“ Ist ein Kirchenasyl gewährt, wird dies an die Behörden weitergeben. „Kirchenasyle sind keine geheimen Angelegenheiten, sie werden immer den zuständigen Behörden gegenüber offengelegt – selbst wenn wir die Öffentlichkeit nicht jedes Mal informieren, um die Asylsuchenden zu schützen“, so Juretzka. Die Dauer von Kirchenasylen variiere von einigen Tagen bis hin zu mehreren Monaten. Nach ihrer Einschätzung könne bei mindestens 70 Prozent der Kirchenasyle die Abschiebung abgewendet werden. So zum Beispiel bei einem Geflüchteten, der schwerkrank gewesen sei, dies aber nicht nachweisen konnte. Im Kirchenasyl habe er dann das nötige neurologische Gutachten bekommen.

Weil es keine eindeutige Rechtsgrundlage für das Kirchenasyl gibt, wird dieses immer wieder kritisiert. So sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière Anfang 2015, dass er das Kirchenasyl ablehne. In einem Interview mit Deutschlandfunk ergänzte er: „Wenn eine rechtskräftige Entscheidung für eine Aufenthaltsbeendigung vorliegt, die durch Gerichte und alles Mögliche bestätigt ist, dann hat keiner das Recht – auch nicht die Kirche – zu sagen: Ich sehe das aber mal anders.“ De Maizières Äußerungen sorgten für Diskussionen. Kurze Zeit später ruderte er zurück und erklärte, dass er in Härtefallen nichts gegen die Gewährung von Kirchenasyl einzuwenden habe.

menschliche pflicht Kirchen in Deutschland hätten aufgrund ihrer im Vergleich zu anderen Religionsgemeinschaften hohen Mitgliederzahlen eine Position der Stärke inne, sagt Rolf Schieder. „Als politischsymbolischer Akt ist es für die Kirche eine Möglichkeit, als zivilgesellschaftlicher Akteur Einfluss zu nehmen.“ Cecilia Juretzka bestätigt: „Wir verstehen das Kirchenasyl eigentlich eher als Dienst am Rechtsstaat. Es geht nicht darum, etwas gegen den Rechtsstaat zu tun oder ihn auszuhebeln.“

Cecilia Juretzka sieht das Kirchenasyl auch als menschliche Pflicht. Kirchen, die den Anspruch hätten, Nächstenliebe zu praktizieren, sollten sich auch gegenüber Geflüchteten so verhalten. Im Alltag organisiert die Kirche nicht nur die Unterbringung und den Schutz vor Abschiebung auf ihrem Gelände, sondern zum Beispiel auch Deutschkurse, Schulplätze, medizinische Hilfe und psychologische Unterstützung. „Dabei sind wir relativ unabhängig von den Behörden“, sagt Juretzka. Fremden Schutz zu gewähren und zu helfen, das „kann von einem Christmenschen erwartet werden“, meint auch Rolf Schieder. „Die Bibel ist im Grunde eigentlich auch eine Migrationsgeschichte.“ Dann das Gebot der Gastfreundschaft, das nicht nur im Christentum wichtig sei, finde man bereits im Alten Testament und „auch das Jesuskind musste erst einmal fliehen, um überleben zu können.“

Pauline Rachor 17, Darmstadt … wurde beim Workshop durch Begegnungen mit verschiedensten Menschen bereichert.

fruchtfleisch müssen religiöse einrichtungen geflüchteten schutZ bieten? „praktische hilfe“

„staat vor kirche“

„religiöse grundidee“

Fotos: Taha Sheikh Dieh

Foto: Manuel Dietrich

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kerstin nolte 52 jahre, berlin

manfred kilgus 75 jahre, västeras

RELIGIÖSE EINRICHTUNGEN SoLLTEN EHER BEI DER oRGANISATIoN HELFEN. zUM BEISPIEL DURCH SPENDEN, LEHRkRÄFTE UND DIE BEREITSTELLUNG VoN UNTERküNFTEN.

ES MUSS DIE AUFGABE DER kIRCHE SEIN, SCHUTz zU BIETEN UND zU HELFEN. TRoTzDEM GEHEN STAATLICHE BESTIMMUNGEN VoR.

tommaso bucciero 19 jahre, rom ES IST DIE GRUNDIDEE JEDER RELIGIoN, SCHUTz zU GEWÄHREN. MENSCHEN BRAUCHEN DEN GLAUBEN.


Moscheen als Schlüssel

S ie sind erste Anlaufstelle, geben Halt und Orientierung: Muslimische Gemeinschaften haben eine besondere Bedeutung bei der Nothilfe und Integration von geflüchteten. Die Al-Nour-Moschee in Hamburg geht mit gutem Beispiel voran. von Florian Bunes

Foto: Jonas Walzberg

Abdellah Benhammou (Mitte) in der Al-Nour-Moschee in Hamburg.

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enn die Gläubigen nach dem Gebet mit noch offenen Schnürsenkeln die Auffahrt in den Trubel des Hamburger Stadtteils St. Georg hinauf schlendern, kann es passieren, dass ein Autofahrer, dessen Blick nach rechts, links und wieder zurück huscht, laut zu hupen beginnt. Denn unter der Moschee parken Autos. Seit 1993 gibt es die Moschee im Parkhaus in einer kleinen Einbahnstraße, die vom Bahnhofsviertel in Hamburg abgeht. „Wir sind eine der größten Moscheen Norddeutschlands“, erklärt Abdellah Benhammou, Vorstandsmitglied der Al-Nour-Moschee. Das Wappen der Elb-Hansestadt an seinem Revers reflektiert das Licht der Leuchtstoffröhren der Moscheedecke. Wer sich unaufmerksam auf einem der in der Moschee verteilten Holzstühle, die einige Ältere während des Gebets benutzen, stellt, läuft Gefahr, sich den Kopf an der Decke zu stoßen. Um aus dem Parkhaus ausziehen zu können, baut die Gemeinde seit 2013 eine leerstehende Kirche um. „Hamburg braucht nicht mehr Moscheen, sondern repräsentative Moscheen. Etwas, das man von außen als Moschee erkennt

und nicht als Tiefgarage oder Lagerraum“, kritisiert Benhammou. So sei man gezwungen, für die Bildungsangebote in die nahegelegene Klosterschule oder die türkische Gemeinde auszuweichen.

Nothilfe für Gestrandete Dass mehr Platz notwendig ist, hat der Sommer 2015 gezeigt: „Ab August hatten wir drei Monate lang im Durchschnitt 400 bis 500 Obdachsuchende pro Nacht. Die Moschee war regelmäßig voll“, blickt Benhammou zurück. Die Obdachsuchenden? Geflüchtete aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Eritrea. „Ein Großteil war nur auf der Durchreise. Sie wollten nach Skandinavien weiterreisen. Wir haben Essen, Trinken und eine Schlafmöglichkeit angeboten.“ Doch nicht nur Nothilfe ist für die Gemeinde wichtig. Es ist ihr gleichermaßen ein Anliegen, Geflüchtete langfristig bei der Integration zu helfen. Die Moscheen seien sehr wichtig für die Integration, ist sich Benhammou sicher: „Diese Menschen haben andere Kulturen. Sie haben andere Vor-

stellungen, wie man miteinander lebt.“ Dass Frauen, die im Stadtpark sonnenbaden, ihren Körper nicht verkaufen wollten, müsse man erklären. Wenn Frauen besonders nett seien, hieße dies noch nicht, dass sie Interesse hätten. „Aber das sind Sachen, die du als Deutscher nicht vermitteln kannst, sondern nur eine Gemeinde, die die Kultur kennt.“ Deshalb geht Benhammou als Mittler zwischen deutscher und arabischer Kultur in wöchentlichen Vorträgen vor Geflüchteten den Fragen nach, wie Deutschland und wie die Deutschen an sich seien.

und Geschäften in der Nähe. Die knappen Mittel seien auch ein Grund dafür, dass die meisten Gemeinden nicht direkt helfen könnten. Sie hätten entweder kaum Platz oder kaum Geld. Zumindest Platz soll es in der Al-Nour-Moschee bald geben.

Hilfe Hand in Hand Es sind die kleinen Dinge, die es Geflüchteten erleichtern, sich in Deutschland zurechtzufinden. „Wir haben an die Moscheegemeinde appelliert, dass jeder, der zwei oder drei Korane zu Hause hat, aber nur einen braucht, den Rest hierher bringen soll. Das hat sehr gut funktioniert“, beschreibt Benhammou das Engagement der Gemeinde der AlNour-Moschee. Das Essen für die Geflüchteten komme aus den Bäckereien

Florian Bunes 19, Hamburg … findet, Geflüchtete brauchen nicht nur Partner, die ihre Sprache, sondern auch ihre Kultur verstehen.

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Dortmund Seite 30

Bremen Seite 17 und Seite 24

Hamburg Seite 19

L채nderredaktionen

Halle (Saale) Seite 23

Frankfurt (Oder) Seite 23 und Seite 34


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Stuttgart Seite 7

lies alle Artikel hier

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Judith Vöhringer Rebecca Pfister Jonas Walzberg Alireza Tewelde Mateen Alina Welser Kevin Frisch Talha Güzel Barbara Kling Stefanie Gorian Victoria Enzenauer Daniel Mayorov Hazem Obid Iman Nousair Bara’a N’zar Evamarie Schulze Hamdi Abdelmoula Omar Sourakli Markus Kollberg Molina Panzer Daniel Mayorov Rachel Calé Christina Heuschen Roser Corella Omar Sheikh Dieh Vindar Hussein Anastasia Stark Anna Munkler Anne-Sophie Göbel Ella Buchschuster Nele Bemmann Muhammad Ghasimi Rahmanullah Haidari Fawad Perzad Lilly Werny Ylli Krasniqi Tobias Wolfrum Ibrahim Loul Marie Gräf Bo Friedrich Kim Binnig Hussain Fasih Jenny Smolka Emilie Schleich Mohammad Ghunaim Verena Kensbock Redis Kaso Paula Winter Matto Shebo Zana Bazaz Abdal Badra Taha Sheikh Dieh Aamer Essa Eliass Hana Sergei Gubanov Johanna Kleibl Manuel Dietrich Chaima Bouzidi Inga Dreyer Paul Ramisch Pauline Rachor Milena Bürki Tobias Bayer Rafeek Samaan Dilara Acik Dennis Beltchikov Lisa-Marie Jeschina Lea Stratmann Christina Braun Albert Wenzel Antonia Stille Anna-Maria Polke Laura Bartels Maximilian Gerhards Paul Christian Heck Oliver Mehling Laura Meyer Lara Render Mohammed Swed Lubna Issa Hazm Mater Katharina Fäßler Katharina Kunert Anna Warda Güler Malkac Lisa Urlbauer Ali Alizadeh Mohammed Nousair Safi Abdulhafiz Hurre Florian Bunes Julia Diehl Marco Feldmann Ahmad Hussein Osama Ismael Marlene Knobloch Judith Köhler Kaja Kröger Henri Maiworm Antonia Wegener Nil Idil Cakmak Max Latinski Sandra Schröder Susanne Zimnoch Sophia Alt Franziska Gaube Isabel Schmitt Janela Hahne

Saarbrücken Seite 10 und Seite 16

Bayreuth Seite 25


Der sicherste Weg ist immer ein gelassener

Wie ändert sich eine Gesellschaft durch die Anwesenheit von Geflüchteten? Über die anspruchsvolle Aufgabe gelungener Inklusion. Von Tobias Bayer

Foto: Manuel Dietrich

Deutschland wird vielfältiger.

D 

ie Integrationsfähigkeiten in unserer Gesellschaft sind erheblich“, meint Michael Opielka, wissenschaftlicher Direktor des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) und Professor für Sozialpolitik an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Langfristig schätzt er die Chancen, die im Zuzug von Geflüchteten und Einwander*innen stecken, höher ein als mögliche Risiken. Veränderungen werde es in jedem Falle geben. Trotzdem solle man sich keine Illusionen machen, was die Bildung angehe: „Die Vorstellungen, dass nur gut ausgebildete Flüchtlinge kommen, ist naiv.“ Bei Betrachtung der PISA-Studien der vergangenen Jahre werde ersichtlich, dass erwachsene Männer, die zu uns kommen, oftmals nur das Bildungsniveau eines hiesigen 12-Jährigen erreichten. Daher ist für Opielka klar: „Die Kosten der Integration sind erheblich.“ Ein enormer Wille und große Geduld seien notwendig.

„Die deutsche Kultur ist nicht erhaltenswert“ Deutschland ist kein klassisches Einwanderungsland, wie beispielsweise die USA oder Israel. Es fehle an vielen Stellen an Erfahrung, meint Michael Opielka. Deutschland lege derzeit vorrangig

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Wert auf das Erlernen der Sprache und die Akzeptanz des Grundgesetzes. Auf dem Weg zu einer gut funktionierenden Einwanderungsgesellschaft seien weitere, vor allem kulturelle Integrationsaufgaben zu lösen. Die Bevölkerung sei polarisiert: „Auf der einen Seite stehen aufgeschlossene Menschen, die der Meinung sind, dass die deutsche Kultur nicht wirklich erhaltenswert ist.“ Sie werde durch Zuwanderung diffuser, was diese Menschen begrüßten, erklärt Opielka. Andererseits gebe es Leute, die sich verunsichert fühlten und „ihr“ Land in Gefahr sähen. Bei der Integrationsfrage müsse man immer auch zwischen alten und neuen Bundesländern differenzieren. Die DDR hatte kaum Erfahrung mit Migration, so Opielka. Der Ausländer*innenanteil an der Bevölkerung ist in den östlichen Bundesländern bis heute sehr gering. Laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2011 liegt er bei etwa 2,5 Prozent. Trotzdem oder gerade deswegen seien Unwissenheit, Angst und Ressentiments der Bevölkerung dort so hoch, meint Opielka. „Die Geschichte hat uns gezeigt: Der größte Fremdenhass herrscht meist dort, wo es die wenigsten Fremden gibt.“ Dies werde das Gelingen von Annäherung und zielführender Inklusi-

on auch zukünftig erschweren, so der Professor für Sozialpolitik.

Gemeinschaft als Schutz Sehr häufig werden auch selbstorganisierte Netzwerke der Geflüchteten kritisiert. Jochen Oltmer, Professor für Migrationsgeschichte an der Universität Osnabrück, ist der gegenteiligen Auffassung: „Herkunftsgemeinschaften sind sehr wichtig, da sie Schutzraum bieten.“ Diese würden in der Öffentlichkeit viel zu negativ dargestellt, könnten aber langfristig nachhaltige Integration fördern, beispielsweise durch die Überwindung von Sprachbarrieren oder das Weitergeben von Alltagstipps. Michael Opielka sieht ein großes Problem im Rechts- als auch Linkspopulismus in ganz Europa: „Beide Pole eint die Skepsis“, meint Opielka. „Demokratie braucht freie Diskurse und Zeit. Populisten haben es immer eilig und sie sind stets intolerant.“ In Deutschland betrifft dies aktuell die Debatte um die AfD. Laut einer Studie von Infratest dimap – im Rahmen der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 2016 – ist nur jede*r vierte AfD-Wähler*in überzeugt von der Partei. Die AfD, so Opielka, sei eher der Ausdruck eines Problems und nicht einer Lösung. Die etablierten Parteien müssten nach Lösungen suchen und Antworten auf zentrale Zukunftsfragen

finden. Gelinge dies, würden populistische Parteien mittel- bis langfristig eine Randerscheinung bleiben. Beide Professoren blicken optimistisch in die Zukunft. Diese Einschätzung wird auch von der Bevölkerung vertreten: Eine aktuelle Studie von Statista befasst sich mit der Frage, wie sich die Politik auf die Integration von Zuwander*innen auswirken könnte. Die Hälfte der Befragten rechnet mit einer Verbesserung, ein Drittel geht von keiner Veränderung aus. Michael Opielka plädiert vor allem für Ruhe: „Der sicherste Weg ist immer ein gelassener.“ Jochen Oltmer vermutet, dass die mediale Präsenz in den nächsten Monaten abnehmen werde: „In einem halben Jahr spricht keiner mehr davon.“ Die öffentliche Aufmerksamkeit werde sich dann wieder auf Megatrends wie etwa den Klimawandel richten.

Tobias Bayer 18, Aschaffenburg … hat gelernt, dass nicht jede*r reißerische Headlines liebt.


Zwischen Diktatur und Bürokratie

Nicht nur Deutschland nimmt Geflüchtete auf: Während der Kriege im Irak und Libanon tat das auch Syrien. Von Omar Sourakli / Übersetzung: Iman Nousair

Omar Sourakli beim Interview in Frankfurt (Oder).

S 

eit dem Beginn des Arabischen Frühlings, der viele Menschen zur Flucht ins sichere Ausland zwang, sind fünf Jahre vergangen. Deutschland zählt zu den europäischen Ländern, die in den letzten zwei Jahren vielen Geflüchteten Asyl gewährten, die wegen der stetig wachsenden Gewalt im Nahen Osten ihrer Heimat den Rücken kehren mussten. Die größte Gruppe kommt aus Syrien, das einst selbst viele Geflüchtete aufnahm. Deshalb erleichterten viele Nachbarländer die Wege der Syrer*innen, die vor Tod und Terror in ihrem Heimatland flohen. In Deutschland mussten zahlreiche Notunterkünfte eröffnet werden. Bei der Aufnahme und Versorgung der Geflüchte-

Foto: Hazem Obid

ten war die Regierung von Angela Merkel gezwungen, die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Organisationen und Vereine anzunehmen. Antje, die für den Internationalen Bund (IB) eine der Flüchtlingsunterkünfte in Frankfurt (Oder) leitet, steckt mittendrin. Sie meint, dass vor allem die deutsche Bürokratie die Arbeit ihrer und vieler anderer Organisationen behindere.

Staatliche ausmerzung Als Syrien während der Kriege im Irak (seit 2003) und im Libanon (2006) viele Geflüchtete aufnahm, war die Lage komplizierter, da fast alle Lebensbereiche der Kontrolle des Regimes von Baschar

al-Assad unterlagen. Maher* erzählt, dass die Regierung Aktivist*innen genau beobachtete: „Es kam sogar dazu, dass ihnen die Arbeit ganz untersagt wurde.“ Mit dem Beginn der syrischen Revolution im Jahr 2011 nahm die Regierung die Organisationen noch stärker ins Visier. Viele Aktivist*innen des syrischen Roten Halbmonds, dem Pendant zum Roten Kreuz, fielen dieser Repression zum Opfer. Laut der Organisation starben Dutzende ihrer Mitarbeiter*innen. Das Schicksal anderer ist bis heute ungewiss. In Deutschland gründete Thomas Klähn 2014 in Frankfurt (Oder) mit einer Freundin den Verein Vielfalt statt Einfalt e.V. Dafür musste er nicht erst auf die Zustimmung der Regierung warten, wie das in Syrien nötig gewesen wäre. Anfangs gab es keinerlei Förderung, außer von persönlichen Bekannten Klähns. Mittlerweile hat sich der Verein aber etabliert und hilft Geflüchteten auf unterschiedliche Art und Weise. „Die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung wird leichter“, meint Klähn. „Wir dürfen nun einige städtische Gebäude für unsere Aktivitäten nutzen.“

fingen. Viele der Aktivist*innen waren im syrischen Roten Halbmond aktiv oder in informellen Gruppen organisiert, ohne in der Lage zu sein, richtige Organisationen zu gründen. „Wenn wir das doch versuchten, trat uns die Regierung mit viel Misstrauen gegenüber“, so Ibrahim*, der sich in jenen Jahren in Syrien für Geflüchtete engagierte. Der Mensch zeichnet sich durch sein soziales Wesen vor anderen Spezies aus und hat daher viele Mittel gefunden, um die Kommunikation mit anderen Menschen zu erleichtern. So zum Beispiel gesellschaftliche Netzwerke oder Vereine. Dieser Wille wird schlussendlich alle Grenzen überwinden, auch wenn einige Gruppen dies ablehnen – sei es aus purer Angst oder weil sie ihre eingeschränkte Lebens- und Sichtweise beibehalten wollen. *Name von der Redaktion geändert

Willkommenskulturen In Syrien nutzte die Regierung von Baschar al-Assad die Ankunft der vielen Iraker*innen und Libanes*innen aus, um europäische Hilfsgelder zu erhalten. Diese wurden jedoch nicht an die Geflüchteten verteilt oder nur selten in der Flüchtlingshilfe eingesetzt. Stattdessen wurde die Aufnahme und Versorgung der Geflüchteten von Freiwilligen übernommen, die sie sogar an den Grenzen emp-

Omar Sourakli 23, Damaskus ... ist einer der Träumer, die John Lennon in seinem Lied „Imagine“ besungen hat.

Wir waren Exoten

Der Fotograf Mahmoud Dabdoub über sein Leben zwischen Palästina und der DDR. Ein Auszug aus dem Onlinedossier. VOn Sophia Alt

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in neu eröffnetes orientalisches Café in Leipzig: Menschen aller Nationalitäten und Altersstufen trinken hier Kaffee oder Tee, essen Baklava und Simit, türkische Spezialitäten. Was sich im Westen Deutschlands durch Gastarbeit und Zuwanderung seit den 1960er Jahren zum Lebensalltag von Großstädter*innen entwickelt hat, scheint noch neu für Leipzig. In der ehemaligen DDR lebten nur wenige Ausländer*innen: 190.000 im Jahr des Mauerfalls, was etwas mehr als einem Prozent der damaligen Bevölkerung entsprach. Über die Hälfte von ihnen waren Vertragsarbeiter*innen, die die neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung aufgrund von Perspektivmangel ver-

ließen. Außerdem einige Griech*innen und Chilen*innen, denen der Staat Asylrecht gewährte, und über 10.000 ausländische Studierende. Zu diesen Studierenden zählte auch Mahmoud Dabdoub, der 1981 über ein Stipendium des Künstlerverbandes der DDR aus dem Libanon nach Leipzig kam. „Ich hatte Glück“, sagt der 58-Jährige. 1948 wurde Mahmouds Familie aus Palästina vertrieben, er selbst in einem Flüchtlingslager im Libanon geboren. Mahmoud erinnert sich gerne an die DDR, in der er zunächst Deutsch lernte und dann ein Hochschulstudium für Grafik und Buchkunst aufnahm. „Wie irre hab ich fotografiert“, lacht er.

„Die untereinander herrschende Solidarität, die Bodenständigkeit - die DDR war zwar grau, aber die Menschen haben sie bunt gemacht.“ Rassismus habe er kaum erfahren, nur ein einziges Mal seien er und eine Freundin beleidigt worden. Weil es keine Moscheen gab, haben seine palästinensischen Freund*innen und er im Clubraum des Studierendenwohnheims gebetet. „Ich kann mich anpassen“, betont Mahmoud, „aber nicht aufgeben.“ Nach Ende des Studiums beschloss er, eine Aufenthaltsverlängerung zu beantragen, die bewilligt wurde. 1992 holte er seine Frau aus dem Libanon nach. „Leipzig ist meine Endhaltestelle“, erklärt Mahmoud. Zweigeteilt

fühle er sich trotzdem. Mit gefalteten Händen fährt er in der Mitte seinen Oberkörpers entlang und öffnet die Bewegung zu beiden Seiten. Die linke Hand verweilt auf seinem Herzen und er seufzt: „Palästina.“

Sophia Alt 21, Magdeburg … findet, dass in der DDR auch nicht alles schlecht war.

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Parallelen? 1961 – 2015

Massenunterbringung in Baracken, befristete Aufenthaltserlaubnisse, erschwerte Arbeitsbedingungen: Viele gastarbeiter*innen befanden sich in den 1960er Jahren in genau dieser Situation. Von Katharina Kunert

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ora Aksen sitzt entspannt zurückgelehnt an einem großen Holztisch. Durch die bunten Glasscheiben der Bibliothek des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven fällt Licht auf die mit Büchern gefüllten Regale. Der Projektleiter des „Forums Migration“ ist selber Sohn eines Gastarbeiters. Um die Schwierigkeiten der Integration nachvollziehen zu können, müsse man weit zurückblicken: Zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geht es mit der deutschen Wirtschaft rasant bergauf, es fehlt den Fabriken an Arbeitskräften. Es werden Anwerbeabkommen mit verschiedenen Ländern abgeschlossen, wie zum Beispiel 1961 mit der Türkei. Türkische Arbeiter*innen werden als ,,Hilfsarbeiter*innen“ mit befristeten Arbeitsverträgen eingesetzt. Es wird von ungelernten und hochmotivierten Arbeitskräften ausgegangen, die Deutschland nach Vertragsablauf freiwillig wieder verlassen, die Devisen in ihre Heimat schicken und technisches Know-How erlernen, das sie später in der Türkei anwenden können.

Integration nicht geplant

das sogenannte Bundesvertriebenengesetz eine Aufenthaltsgenehmigung für die Bundesrepublik bekommen. Es kommt zu Ressentiments und Anfeindungen gegenüber türkischen Einwanderer*innen. 20 Jahre nachdem die ersten Gastarbeiter*innen eintrafen, wird das Rückkehr-Hilfe-Gesetz erlassen: 10.500 DM plus 1.500 DM für jedes Kind wird denjenigen geboten, die sie sich dafür entscheiden, für immer in ihr Herkunftsland zurückzukehren. „Man hätte das Geld in Integrationsangebote investieren sollen“, kritisiert Aksen und berichtet von Einwandererfamilien, die sich dermaßen von diesen Bemühungen verletzt fühlten, dass sie tatsächlich die Ausreise antraten.

Andere Fluchtgründe Betrachtet man die Situation der Geflüchteten seit Sommer 2015 und die türkische Arbeitsmigration nach Deutschland, so wird deutlich, dass diese kaum zu vergleichen sind. Die Gründe dafür sieht Bora Aksen in den Ursachen der Migration: „Menschen sind aus der Türkei gekommen, weil sie in Deutschland arbeiten

wollten und sich ein besseres, komfortableres Leben erhofft haben. Zudem war vielen Menschen in Deutschland bewusst, dass die sogenannten Gastarbeiter helfen, das deutsche Wirtschaftswunder weiter zu befeuern. Der Millionste Gastarbeiter wurde noch am Bahnhof von einer offiziellen Delegation begrüßt und ihm wurde zum Dank ein Moped überreicht. Die Flüchtlinge, die heutzutage zu uns kommen, flüchten wegen Krieg und Terror aus ihren Heimatländern. Aufgrund der hohen Zahl der geflüchteten Menschen denken immer mehr Menschen: ‚Die kommen und sind eine Belastung für uns‘ und wollen eine Verminderung der Zuwanderung.“ Trotzdem meint Aksen: „Heutzutage wird anders an die Sache rangegangen als noch bei der türkischen Arbeitsmigration. Die langsam eintretende Einsicht, dass Deutschland sich zu einem Einwanderungsland entwickelt, kann sich nur vorteilhaft für die geflüchteten Menschen auswirken.“ In vielen Köpfen habe ein Umdenken eingesetzt, betont er: Deutschund Integrationskurse seien zum Beispiel damals zu Anfang der Gastarbeiter*innen-

Migration nicht denkbar gewesen. Heute gebe es die Einsicht, dass man nicht wieder den Fehler machen dürfe und Migrant*innen ohne das Angebot, Teil der deutschen Gesellschaft zu werden, alleine mit sich zu lassen.

Katharina Kunert 18, Hannover … findet, Deutschland sei nun in der Verantwortung, seine Versäumnisse bei der Integrationsarbeit nachzuholen.

„Eine Integration war überhaupt nicht vorgesehen“, beschreibt Aksen die damalige Politik. Bis zu dieser Einsicht behalten die türkischen Arbeiter*innen den Status von ,,Hilfsarbeiter*innen“, einfachen Angestellten, die weder Führungspositionen bekleiden, noch Anspruch auf Sprach- geschweige denn Integrationskurse haben. Um Geld zu sparen, werden viele der Gastarbeiter*innen in firmeneigenen, barackenähnlichen Sammelunterkünften untergebracht. 1973 tritt eine rasante Veränderung ein: Während viele Deutsche den ersten Gastarbeiter*innen zunächst neugierig gegenüberstehen, ändert sich das Bild, als klar wird, dass viele von ihnen entgegen ihrer Erwartungen nicht in ihre Heimatländer zurückkehren wollen. „Man könnte sagen, dass an diesem Punkt die Stimmung gekippt ist“, stellt Bora Aksen fest. Die Ölkrise 1973 wird als willkommener Anlass genommen, um einen Anwerbestopp für ausländische Arbeitnehmer*innen zu beschließen. Kurz davor titelte der Spiegel: „Die Türken kommen – rette sich, wer kann“.

Rückkehr und Familiennachzug Die Angst vieler Gastarbeiter*innen vor unsicheren Arbeitsbedingungen in der Türkei und die Tatsache, dass sie nicht aus einem Land der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stammten, was die Wiedereinreise erschweren würde, bestärkte sie, sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Nach dem Anwerbestopp konnten nicht-deutsche Staatsbürger*innen nur noch über Familiennachzug, politisches Asyl oder über

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Bora Akşen, Projektleiter des „Forums Migration“ im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven.

Foto: Katharina Kunert


Willkommenskulturen

Zwischen ihnen liegen Generationen. Doch eines haben Manfred Kees, Jessica Richter und Firas Adel gemeinsam: Sie sind als Kind geflüchtet. 1946, 1989 und 2016 hat sie jeweils ein anderes Deutschland empfangen. Von Anna Munkler

Als kleiner Junge floh Manfred Kees aus dem Sudetenland.

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eutschland 1946: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Deutschland hat verloren und wird von vier Besatzungsmächten verwaltet. Ganze Städte liegen in Trümmern, es gibt zu wenig zu essen, zu wenige Wohnungen, kaum Arbeitsplätze. Ausgerechnet in dieser Zeit kommen mehr als 13 Millionen Menschen ins Land. Sie sind Angehörige deutscher Minderheiten, die von den Sowjets aus Osteuropa vertrieben werden. Einer von ihnen ist Manfred Kees. Mit viereinhalb Jahren steht er an der Hand seiner Mutter auf dem Dorfplatz in einem kleinen fränkischen Dorf und wartet. Keiner nimmt sie mit. „Es war schlimm, übrig zu bleiben“, sagt Kees heute. In seinem Wohnzimmer in Bayreuth legt er alte Schwarzweiß-Fotos und Informationsmaterial über die Vertreibung der Sudetendeutschen auf den Tisch. An die Flucht selbst hat er nicht viele Erinnerungen. In seiner Heimat, dem Sudetenland im heutigen Tschechien, habe man auf sie geschossen. Warum hat der Vierjährige nicht verstanden. In Viehwaggons wurden sie nach Deutschland transportiert, wo sie zunächst in Massenquartieren in Hof und Bayreuth untergebracht wurden.

Manfred Kees: „Wir haben Deutschland mit aufgebaut“ Am schlimmsten war aber dieser Moment auf dem Dorfplatz. Erst nachdem sich der Bürgermeister für sie eingesetzt hatte, kam die Familie auf einem Bauernhof unter. „Wir Sudetendeutschen

sind aufgenommen worden“, sagt Kees, „aber mit Widerstand.“ In der Schule sei er in der Anfangszeit beschimpf worden. Als „Flüchtling“, „Dahergelaufenen“ oder „Rucksackdeutschen“ haben seine Mitschüler*innen ihn bezeichnet. Doch das sei vorbeigegangen. So wie alle Probleme vorbeigegangen sind. „Veränderungsprozesse brauchen Zeit“, sagt Kees heute. Deshalb müssten Einheimische wie Geflüchtete einfach Geduld haben – egal ob 1946 oder 2016.

Jessica Richter: „Wir wurden sehr herzlich empfangen“ Deutschland 1989: Das Land ist geteilt. In der DDR rumort es, immer mehr Menschen fliehen. Sie wissen nicht, dass die Mauer im November fallen wird. Im Sommer und Herbst gelingt Tausenden die Flucht über Ungarn in die BRD. Auch die Eltern von Jessica Richter haben sich entschieden, den Überwachungsstaat zu verlassen. Als die Familie nach Ungarn aufbricht, glaubt die Sechsjährige, dass es in den Urlaub geht. An der Grenze muss das Mädchen ein Kofferradio festhalten und so tun, als ob es schläft. In dem Radio stecken die wichtigsten Dokumente der Familie. Erst als die Grenze nach Österreich überquert ist, erfährt Richter, dass sie nicht mehr zurückfahren wird. „Wir wussten gar nicht, wo wir hinkommen“, erinnert sie sich heute. „Die Leute haben uns Platz gemacht und applaudiert.“ Aber das seien fremde Menschen gewesen. Die ersten Wo-

Foto: Roser Corella

chen und Monate hat die Familie in einer Massenunterkunft in Würzburg und in einem Kloster in Bad Wurzach verbracht. Dann haben sie eine Wohnung in einem 300-Seelen-Dorf im Allgäu bezogen. In Jessica Richters Erinnerung waren die Menschen in der BRD sehr freundlich und herzlich. Die Dorfbewohner*innen hätten ihnen geholfen, wo es ging. Es gab aber auch Menschen, die misstrauisch waren. Dass beide Eltern der Familie gearbeitet haben und die Kinder nicht getauft waren, konnten in dem kleinen Allgäuer Dorf nicht alle verstehen. Mit offener Feindseligkeit sei ihr aber niemand begegnet: „Wenn, dann wurde hintenrum geredet oder die Leute haben uns einfach gemieden.“ Richter fand sich in ihrem neuen Leben schnell zurecht. Die freundliche Behandlung der meisten Einheimischen half ihr, sich in ihr neues Umfeld zu integrieren.

Firas Adel*: „Ich kann noch gar nicht urteilen“ Deutschland 2016: Im wirtschaftlich stärksten Land Europas steht eine große Frage im Raum: Schaffen wir das? Seit Monaten kommen viele Geflüchtete an. Das ehrenamtliche Engagement eines Teils der Bevölkerung wächst. Die Angst eines anderen Teils auch. Das alles weiß Firas Adel nicht, als er mit dem Zug die Grenze überquert. Über die Balkanroute haben der 14-Jährige, seine Tante, seine Cousine und ein Onkel es bis nach Passau geschafft. Seine Eltern sind in Syrien geblieben.

Knapp zwei Monate später steht Firas in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Bayreuth neben einem Stockbett aus schwarzem Metall. Wie die Deutschen mit ihm umgehen? Er schüttelt den Kopf. Beim Fußballspielen, sagt Firas, nennen sie ihn einen Ausländer. Einen ohne Pass. Dabei seien die meisten seiner Fußballfreunde selbst Migranten. Ansonsten weiß der Junge mit den großen dunklen Augen und dem Undercut nicht so recht, was er über Deutschland sagen soll. Die Deutschen seien alle sehr nett, findet er. „Hier ist Frieden“, sagt er. Das ist das Wichtigste für ihn. Wie Deutschland wirklich ist, darüber will er noch nicht urteilen. Er kennt die Deutschen ja nur vom Einkaufen. Solange er in der Erstaufnahmeeinrichtung lebe und mit all seinen Mitbewohner*innen nur arabisch spreche, fühle er sich überhaupt nicht in Deutschland angekommen, sagt Firas. Er möchte Deutsch lernen, Deutsche kennenlernen. Und dann, wenn er weiß, ob er eine Chance bekommt, Deutschland mitzugestalten, dann möchte Firas sein Urteil fällen. *Name von der Redaktion geändert

Anna Munkler 24, Kempten … wüsste gerne, wie sich Firas in 70 Jahren an seine Ankunft erinnert.

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UNERSCHÖPFLICHES EHRENAMT Viele ehrenamtliche Helfer*innen engagieren sich für Geflüchtete. Wo ihre Belastungsgrenze liegt, beschäftigt mittlerweile auch die Wissenschaft. Von Lea Stratmann

Foto: Roser Corella

Die Freiwilligen von Moabit hilft verteilen Hilfsgüter am LAGeSO.

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enn wir im Sommer 2015 nicht hier gewesen wären, wären definitiv Menschen gestorben“, meint Christiane Beckmann. Sie ist Koordinatorin der Ehrenamtlichen und PR-Beauftragte der Initiative Moabit hilft, die sich im September 2013 im Berliner Stadtteil Moabit gegründet hat. Seit August 2015 übernehmen sie an der Erstaufnahme des Berliner Landesamts für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) die humanitäre Erstversorgung. Außerdem initiiert die Organisation Projekte für Geflüchtete wie Deutschunterricht oder Kinderbetreuung. Allein in Berlin verzeichnete das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 2015 über 33.000 Asylerstanträge. Dementsprechend hoch ist der Bedarf an Hilfe und Versorgung. „Letztendlich beginnt Ehrenamt dort, wo die Politik im sozialen Sektor versagt“, sagt Christiane Beckmann. Offizielle Stellen wie Senatsverwaltung und Behörden täten auf humanitärer und gesetzlicher Ebene zu wenig, um Geflüchteten ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Das sieht Claudia Schulte, Ehrenamtliche der Berliner Initiative Kreuzberg hilft, genauso: „Aber nichts tun ist

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keine Option“, stellt sie klar. Man habe das Gefühl, von staatlichen Stellen ausgenutzt zu werden.

Wenn die Politik versagt „Der Entschluss, sich ehrenamtlich für Geflüchtete zu engagieren, wurzelt oft in dem Willen, Menschen in Not helfen zu wollen“, erklärt Dr. Serhan Karakayali. Der Integrations- und Migrationsforscher an der Humbold-Universität zu Berlin untersucht die Strukturen und Motive ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit. Meist bereite diese Aufopferungsbereitschaft aber auch den Nährboden für Erschöpfung und Überforderung – zeitlich, körperlich und seelisch. „Wir haben alles gesehen: unbehandelte Schusswunden, Diabetiker ohne Insulin, Dialysepatienten“, sagt Christiane Beckmann, „ganz abgesehen von den vielen schwangeren Frauen, die auf der Flucht ihre Kinder verloren haben.“ Das Erlebte nehmen die Ehrenamtlichen mit nach Hause, berichtet die 50-Jährige, die hauptberuflich in der freien Wirtschaft tätig ist: „Als die Belastung extrem war,

schlief ich schon sehr schlecht. Wenn ich nachts aufwachte und es regnete, dachte ich als erstes an die tausenden Menschen, die in diesem Moment schutzlos vor dem LAGeSo saßen.“

Kaum Erschöpfung In der Realität sei trotz eines hohen Arbeitspensums das Maß der Überforderung in den Reihen der Helfenden eher gering. „70 bis 80 Prozent der Befragten geben an, keine Erschöpfung durch ehrenamtliches Engagement zu empfinden“, sagt Dr. Serhan Karakayali. Erschöpfung finde man hauptsächlich bei Älteren, die schon länger dabei seien. Als Lösung schlägt er Beratungsnetzwerke als Austauschplattform für Ehrenamtliche und die optionale Möglichkeit einer psychologischen Betreuung vor. Jedoch ist Karakayali der Ansicht, dass die Verarbeitung des Erlebten vollkommen individuell sei. Deshalb könne man über Strategien zur Bewältigung keine pauschalen Aussagen treffen. „Einerseits ist die Arbeit hier unglaublich kräftezehrend, aber auf der anderen Seite genauso motivierend. Es wird

unheimlich viel gelacht“, sagt Christiane Beckmann. Ehrenamtliches Arbeiten verlangt den Helfenden einiges ab. Gemischte Gefühle, Grenzsituationen und Herausforderungen gehören zum Alltag. Trotzdem könnte sich Beckmann nichts anderes vorstellen: „Ich kann die Menschen hier ja nicht im Stich lassen. Das wäre, wie jemanden blutend auf der Straße liegen zu sehen und drumherum zu fahren.“

Lea Stratmann 16, Hildesheim … spricht allen ehrenamtlich Helfenden den größten Respekt aus.


Mehr als eine Kleiderkammer

Nicht nur Deutsche, sondern auch Geflüchtete engagieren sich ehrenamtlich. Fatima hat bei Moabit hilft eine neue Aufgabe gefunden. Von Laura Bartels

Foto: Roser Corella

Fatimas Arbeitsplatz ist die Kleiderkammer von Moabit hilft.

F atima* sitzt zwischen Regalen in der Kleiderkammer des Vereins Moabit hilft. Die 30-jährige Designerin wurde im Libanon geboren und zog als Kind mit ihren Eltern nach Syrien. Im letzten Jahr ist sie nach Deutschland gekommen. Fatima ist täglich in der Kleiderausgabe und verteilt Hosen, T-Shirts und Jacken. Sie fühle sich akzeptiert von den anderen Helfenden, die sie einfach „wie einen Menschen“ behandelten. Außerdem könne sie die Unterstützung, die sie gleich am ersten Tag von freiwilligen Helfer*innen erfahren habe, durch ihr Engagement zurückgeben. Es ist voll in den Räumen von Moabit hilft. Zahlreiche Leute warten darauf, versorgt zu werden. Viele Ehrenamtliche mit grünen Jacken laufen am Freitagnachmittag über das Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales (LAGeSO). Einige sind – wie Fatima – selbst Geflüchtete. Ihr Engagement habe verschiedene Gründe, erklärt Christiane Beckmann, Koordinatorin der Ehrenamtlichen: „Für manche ist es eine Art Traumabewältigung. Denn es bietet natürlich eine sinnvolle Beschäftigung, wenn man sonst nur

in der Turnhalle gegen die Wand starrt und nichts zu tun hat.“ Doch es gehe nicht nur um Ablenkung, vielmehr diene das Ehrenamt auch der Inklusion und der Teilhabe: „Für viele, die hier helfen, ist es ein Start, weil sie so viele Leute kennenlernen“, meint Beckmann.

„Ich liebe es zu helfen“ Auch Fatima sagt, sie habe durch ihr Engagement Halt bekommen und Freund*innen gefunden. Kurz nach ihrer Ankunft habe sie Ehrenamtliche am LAGeSo gesehen, die Getränke an die Wartenden verteilten. „Das wollte ich auch, weil ich es liebe, Leuten zu helfen, seitdem ich klein bin“, erklärt Fatima. Der Weg zum Ehrenamt war einfach. Ob sie helfen könne, habe Fatima im September 2015 gefragt. „Klar“, sei die Antwort gewesen. Sie solle einfach am nächsten Morgen wiederkommen. Fatima dolmetschte zwischen Arabisch und Englisch. Mittlerweile verteilt sie Kleidung und hilft, wo sie gebraucht wird: beim Einräumen von Kisten oder beim Beantworten von Fragen.

Fatimas Engagement bestimmt ihren Alltag: „Das Erste, was ich morgens denke, ist: Was steht heute bei Moabit hilft an?“ Ihre Motivation ist simpel: „Ich weiß, was die Leute brauchen.“ Wenn Geflüchtete ankommen, besäßen sie kaum etwas. Fatima hat selbst erlebt, wie wichtig die Kleiderverteilung und feste Ansprechpartner*innen sind. Eines hatte sie sich aber anders vorgestellt: Bei ihrem Ehrenamt lernt sich nicht so schnell Deutsch wie gedacht: „Die anderen Helfer*innen möchten lieber Arabisch lernen. Ich versuche aber, zu den Deutschkursen zu gehen.“ Manchmal sei allerdings so viel zu tun, dass sie den Kurs doch ausfallen lasse. Es ist Freitagnachmittag, das Gelände des LAGeSo leert sich langsam. Es dauert nicht mehr lange, bis Fatima Feierabend hat. Montagmorgen wird sie wieder da sein, denn Moabit hilft ist für Fatima mehr als eine Kleiderkammer: „Ich bin glücklich, das machen zu können. Wir sind wie eine große Familie.“

Austa usc h Die Gemeinde Schildow im Norden Berlins bindet 60 Geflüchtete in Arbeitskreise und Ortsgremien ein. Viele Geflüchtete hätten sich selbst ehrenamtliche Aufgaben gesucht, wie zum Beispiel die Unterstützung Einheimischer bei der Gartenarbeit, sagt Volker Gäng. Für ihn ist das Zusammenleben ein „Austausch auf Augenhöhe“. Ghias, der zu den ersten Geflüchteten in Schildow gehört, bestätigt das und ist froh, beim Schildow-Projekt mitzumachen: „Erst so habe ich viele Leute aus der Gemeinde kennen gelernt.“

Laura Bartels 26, Münster … hat mitbekommen, wie viel Energie Geflüchtete in ihr ehrenamtliches Engagement investieren.

*Name von der Redaktion geändert

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Homosexualität in Tunesien

Tunesien wurde 2015 im Demokratieindex von Freedom House als einziges Land in der arabischen Welt als „frei“ bezeichnet. Homosexuelle werden dort dennoch diskriminiert. Von Chaima Bouzidi

Beim "Karneval der Geflüchteten" im März 2016 in Berlin marschieren auch LGBTI*-Gruppen mit.

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omosexualität ist in Tunesien als einem muslimischen Land ein Tabuthema. „Homosexuelle Männer sind gesellschaftlich abgelehnt und werden ausgegrenzt“, meint Fadoua Brahem. Die Rechtsanwältin vertrat Ende 2015 sechs Männer zwischen 19 und 22 Jahren, die wegen ihrer sexuellen Orientierung in der Stadt Kairouan festgenommen und vor Gericht gestellt wurden. Mittels eines Analtests sollte ihre Homosexualität nachgewiesen werden. Brahem schildert die Situation homosexueller Frauen als weniger gefährlich, da es keine Möglichkeit gebe, gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen Frauen nachzuweisen.

Analverkehr strafbar Artikel 230 des tunesischen Strafgesetzbuchs stellt Analverkehr mit bis zu drei Jahren Haft unter Strafe. Er existiert seit 1913. Einer rektalen Untersuchung müssen die Beschuldigten zustimmen, das

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ist gesetzlich festgeschrieben. Die sechs Männer, die Ende 2015 verhaftet wurden, lehnten es aber ab, den Test zu machen. Trotzdem wurden sie schließlich zur Untersuchung gezwungen: „Dieser Test gilt nicht nur als Verstoß gegen die Menschenrechte und die ärztliche Berufsethik, sondern auch als Folter vor dem UN-Auschuss“, sagt Fadoua Brahem. Das Gericht in Kairouan verurteilte die Männer auf der Basis des Testergebnisses in erster Instanz zur Höchststrafe von drei Jahren Haft und einer fünfjährigen Verbannung aus der Stadt. In zweiter Instanz wurde die Haftstrafe auf einen Monat reduziert, den die Beschuldigten bereits in Haft verbracht hatten. Die Verbannung wurde aufgehoben.

Mediale aufmerksamkeit Der Fall der sechs jungen Männer hat viel Aufmerksamkeit in den Medien erregt. Fadoua Brahem weist auf deren wichtige Rolle hin. Durch sie konnten die Männer

Unterstützung von Psycholog*innen, Rechtsaktivist*innen, Vereinen und Privatpersonen bekommen. Trotzdem hätte die Zivilgesellschaft mehr Druck auf die tunesische Regierung ausüben müssen, so Brahem. Anfang 2016 haben verschiedene Persönlichkeiten wie die Schauspielerin Saoussen Maalej und die Rechtsaktivistin Lina Ben Mheni ein Video veröffentlicht, indem die Abschaffung des Analtests sowie des Artikels 230 verlangt wurde. Fadoua Brahem sieht vor allem die Arbeit von Human Rights Watch und Amnesty International als sehr positiv: Die Menschenrechtsorganisationen setzten sich aktiv für die Rechte Homosexueller ein. Auch die Initiativen des Vereins „Shams“, Homosexualität in Tunesien zu entkriminalisieren, begrüßt Brahem. Sie findet jedoch, der Verein könne sich stärker für seine Forderungen einsetzen. Brahem ist überzeugt: Der Staat darf sich nicht in das Privatleben der Bürger*innen einmischen.

Chaima Bouzidi 24, Neinstedt … freut sich, dass sie über LGBTI* schreiben konnte.


Vom Regen in die Traufe

Kaum jemand kennt die schwierige Lage von LGBTI*-Geflüchteten. Sie fliehen vor Diskriminierung und Gewalt in ihrer Heimat, aber in Deutschland geht es oft genauso weiter. Von Sergei Gubanov/ Übersetzung: Maria Ugoljew Schwierige Rechtslage Die Lebensumstände von LGBTI*s sind nicht in jedem EU-Mitgliedsstaat gleich. Zwar wurde schon 1993 eine Resolution über „gleiche Rechte für Homosexuelle und Lesben in der Europäischen Gemeinschaft“ verabschiedet. Trotzdem werden LGBTI*s weiterhin in vielen Ländern benachteiligt, beispielsweise wenn es um Heirat, Adoption oder den Zugang zum Gesundheitswesen geht. Auch sind Homo- und Transphobie weit verbreitet. Die LGBT-Erhebung der EU Agency for Fundamental Rights (FRA) von 2013 bringt das auf den Punkt: Knapp 47 Prozent der Befragten gaben an, im letzten Jahr wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert worden zu sein. Rund 26 Prozent wurden in den letzten fünf Jahren angegriffen oder bedroht. werden, müssen sie nachweisen, dass sie in ihrer Heimat gerichtlich verfolgt werden oder in Lebensgefahr schweben. Trotz der positiven Entscheidung des EuGH gibt es große Probleme. Während LGBTI*-Geflüchtete auf die Entscheidung über ihren Asylantrag warten, werden sie in regulären Wohnheimen untergebracht. Dort begegnen sie oft den gleichen Vorurteilen wie in ihrer Heimat. Sie erleben Homo- und Transphobie und nicht selten körperliche oder sexualisierte Gewalt. Auch Michail* aus Sibirien ist das passiert. 2013 wurde er Opfer eines homophoben Übergriffs in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt: „Ich bin zusammen mit meinem Partner nach Deutschland gekommen“, meint Michail. „Einen Monat später hat mich ein Mann mit einer Fahrradkette attackiert, weil ich schwul bin.“

im Stich gelassen

Foto: Roser Corella

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hristina kam 2004 aus Moskau nach Deutschland, um Asyl zu beantragen. Als Transfrau war das Leben in Russland für sie unerträglich geworden. Die deutschen Behörden schickten sie zuerst in eine Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber*innen im niedersächsischen Oldenburg. Innerhalb einer Woche wurde Christina dort von anderen Heimbewohnern vergewaltigt: „Ich war jung, verängstigt, kannte die Sprache nicht“, sagt Christina. „Ich wollte keine Polizei rufen, denn ich hatte Angst um mein Leben. Angst, dass sich das morgen alles wiederholen könnte!“ So wie Christina geht es vielen LGBTI*Geflüchteten, die in Deutschland Asyl beantragen, weil sie in ihrer Heimat wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität verfolgt werden. Das international genutzte Akronym LGBTI* steht für „Lesbian, Gay,  Bisexual, Transgender, Inter“. Das Sternchen symbolisiert alle übrigen Menschen, die nicht in diese Kategorien passen, sich aber auch nicht so wie die heterosexuelle Mehrheit der Bevölkerung füh-

len. In der EU sind LGBTI*s, die weltweit überprozentual häufig von gesellschaftlicher Ausgrenzung und sexualisierter Gewalt betroffen sind, mittlerweile bei weitem besser geschützt als in anderen Erdteilen. Viele EUMitgliedsstaaten haben Anti-Diskriminierungsgesetze verabschiedet und in 21 von ihnen können gleichgeschlechtliche Paare eine offizielle Ehe oder eine eheähnliche Partnerschaft eingehen.

Durchbruch 2013 Außerhalb der EU gibt es aber weiterhin viele Länder, in denen Menschen, die anders fühlen und lieben, ins Gefängnis gesperrt oder gar zum Tode verurteilt werden. Am 7. November 2013 entschied der Europäische Gerichtshof (EuGH), dass Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechts-identität innerhalb der EU als Asylgrund anerkannt werden muss. Bis dahin waren die meisten Asylanträge von LGBTI*-Geflüchteten abgelehnt worden. Um ein anerkannter Flüchtling zu

Alica aus Sankt Petersburg erzählt ähnliches: „In den Augen anderer Frauen war ich schon immer anders. Ich trage keine Kleider und kurze Haare, habe weder Kinder noch einen Mann“, sagt sie. Nach ihrer Ankunft in Deutschland, wo sie Asyl beantragen wollte, wurde sie in ein Wohnheim in Brandenburg an der Havel geschickt. Dort wurde sie von anderen Bewohnern*innen attackiert: „Sie drohten mir, dass ihre Männer aus mir noch eine ‚echte Frau’ machen würden. Zwei Wochen später sind sie dann über mich hergefallen, aber ich habe mich gewehrt.“ Quarteera e.V., ein Zusammenschluss russischsprachiger LGBTI*s und ihrer Freund*innen in Deutschland, kümmert sich seit 2013 um den aktiven Schutz von Menschen wie Alica, Michail und Christina. Besonders in Russland haben sich ihre Rechte seit 2011 radikal verschlechtert. Nachdem in den Medien eine lange Anti-LGBTI*-Kampagne geführt worden war, wurde am 11. Juni 2013 das Gesetz „Gegen homosexuelle Propaganda unter Minderjährigen“ in der gesamten russichen Förderation angenommen. Das Leben von LGBTI*-Russ*innen wurde in der Folge so unsicher, dass viele sich zur Flucht in die EU entschieden. Um ihnen zu helfen, engagiert sich Quarteera. „Schon 2013 initiierten wir einige Treffen mit Berliner LGBTI*-Organisationen und Politiker*innen“, meint Artjom Uspenskij von Quarteera. „In den Berliner Senat

haben wir die Idee einer speziellen Quote für LGBTI*-Geflüchtete eingebracht.“ Passiert ist damals erst einmal nichts.

Ein Heim für LGBTI* Erst heute, drei Jahre nach der Entscheidung des EuGH, trägt die Arbeit von LGBTI*-Organisationen Früchte. Mittlerweile sind in Nürnberg und Berlin zwei Wohnheime eröffnet worden, in denen ausschließlich LGBTI*-Geflüchtete untergebracht werden. Dort können sie ohne Angst vor Diskriminierung oder Gewalt von Seiten ihrer Landsleute oder anderer Geflüchteter die Entscheidung über ihren Asylantrag abwarten. Außerdem arbeiten in den Heimen Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen, die sich mit den spezifischen Bedürfnissen von LGBTI*Menschen auskennen. „Leider können nur diejenigen in unser Heim kommen, die auch in Berlin registriert wurden“, erklärt Mahmoud Hassino vom Berlin Day Centre for LGBTI Refugees. Das Wohnheim, das Ende Februar 2016 seine Pforten geöffnet hat, wird von der Schwulenberatung Berlin betrieben. „Diese behördliche Vorgabe führt dazu, dass alle anderen, die ebenfalls Hilfe benötigen, sie weiterhin nicht bekommen werden“, bedauert Hassino. Wie viele LGBTI*-Geflüchtete jedes Jahr in Deutschland Asyl beantragen, ist nicht bekannt, da das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) diese Zahlen nicht aufnimmt. Hält man sich an Schätzungen der Schwulenberatung Berlin und anderer LGBTI*-Interessenvertretungen, dann ist ihr Anteil an der Gesamtanzahl der Geflüchteten relativ gering. In jedem Fall handelt es sich bei LGBTI*Geflüchteten um Menschen, die besonderen Schutz brauchen. Die Einrichtung von zusätzlichen, spezialisierten Wohnheimen in ganz Deutschland wäre sicherlich ein Anfang.

Sergei Gubanov 30, Moskau … ist aus seiner Heimat Russland nach Deutschland geflüchtet.

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In die Armut geboren

Eine richtige Heimat haben die Roma nicht: Heute hier, morgen da. Diskriminiert werden sie aber überall. Viele entscheiden sich daher zur Flucht aus ihren Herkunftsländern. von Verena Kensbock

Viele Roma in der Dortmunder Nordstadt müssen sich mit Betteln über Wasser halten.

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mra ist ein Rom. Der kleine Mann mit dem akkurat gestutzten Bart kam vor acht Monaten aus Albanien nach Deutschland. Heute lebt er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in Bonn in einer Sozialwohnung. Über sein früheres Leben spricht der 22-Jährige nicht gerne. Er ist geflohen, um der Armut und dem Hass zu entkommen. Missverständnisse und Vorurteile verfolgen die Minderheit, der seine Familie und er angehören, schon lange. Alleine der Doppelbegriff Sinti und Roma sei falsch, sagt Michael Schäfer vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma NRW: „Sinti sind Deutsche. Sie leben seit 600 Jahren in diesem Land“, erklärt Schäfer. Der Begriff „Roma“ hingegen umfasse alle Gruppen außerhalb des deutschen Sprachraums. Die Vorfahr*innen der Roma stammen aus Indien und wanderten ab dem 8. Jahrhundert in Richtung Persien, seit dem 13. Jahrhundert dann nach Europa. Viele von ihnen leben heute in Ungarn, Bulgarien, Rumänien und auf dem Balkan. Sie sprechen ihre eigene Sprache, Romani, die auf dem altindischen Sanskrit basiert. Die Roma haben eine Flagge und eine Hymne – aber sie haben keine Heimat. Wie viele von ihnen heute in Deutschland leben? Zahlen gibt es nicht, denn die ethnische Zugehörigkeit wird in Deutschland nicht

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erfasst. Nach Schätzungen des Landesverbands leben in NRW rund 35.000 Sinti und Roma mit deutschem Pass. Auf ganz Europa verteilen sich laut Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) knapp zwölf Millionen.

zwischen müll und plastik Seit 2007 sind Rumän*innen und Bulgar*innen  Bürger*innen der EU und können in anderen EU-Ländern leben und arbeiten. Auf diesem Weg kommen auch viele Roma nach Deutschland. Andere, die wie Emra aus dem EU-Ausland kommen, ziehen illegal nach Deutschland und beantragen hier Asyl. „In ihren Herkunftsländern sind sie oft vom gesellschaftlichen und politischen Leben ausgegrenzt“, meint Michael Schäfer. Sie lebten abgeschottet in eigenen Dörfern oder Vierteln, in Hütten aus Müll und Plastik. Ohne Chance auf Bildung, Arbeit, Einkommen. In Albanien hielt sich Emra als Tagelöhner mit kleinen Jobs über Wasser, arbeitete schwarz, vertickte Metall. Oft nicht länger als einen Tag, bis die nächste Arbeit kam – oder auch nicht. Eine Studie der EU aus dem Jahr 2011 fasst das Elend der Roma in Zahlen. In den zwei Jahren vor der Umfrage hatten nur 10 Prozent der Minderheit in

Rumänien dauerhaft Arbeit – rund die Hälfte war arbeitslos. Schnell sickert die Armut in alle anderen Lebensbereiche: Nur jede*r zweite Roma hat eine Krankenversicherung, nur jeder dritte Haushalt hat fließendes Wasser, die wenigsten haben eine Toilette. Fast 23 Prozent der Romakinder gehen nicht zur Schule, nur die Hälfte schafft es bis zur 8. Klasse. In seinem Dorf durfte Emra die Schule gar nicht besuchen, er kann bis heute nicht lesen und schreiben. Die Armut wird den Roma in die Wiege gelegt, sie werden in Slums geboren – mitten in Europa.

Aufbruch ohne Aussicht Wenn das alles zusammenkommt, der Hass und die Not, liegt die Flucht nah. Emra kostete sie 1.100 Euro, die er beim Schlepper abdrücken musste. Viel zu viel, das weiß er heute. Aber Emras Cousins waren in Deutschland, erzählten ihm von den schönen Straßen und sagten, er solle kommen. „Viele Roma glauben, dass man ohne Probleme eine gute Arbeit findet, dass man schnell zu Geld kommt und Hilfe hat, wenn es nicht klappt“, sagt Michael Schäfer vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma NRW. Tatsächlich brauche es aber zwei bis drei Jahre, um Deutsch zu ler-

Foto: Bo Friedrich

nen, einen Job zu finden und in geregelten Verhältnissen zu leben. Emra hat noch keinen Plan, wie es für ihn in Deutschland weitergeht. Hauptsache Arbeit, Hauptsache nicht zurück. Aber die Aussichten, länger zu bleiben, seien für ihn gleich null, meint Michael Schäfer. Auch Romafamilien, die seit vielen Jahren in Deutschland leben, werden zurückgeschickt, denn Albanien gilt als sicheres Herkunftsland. Emras Antrag auf Asyl wird nicht bewilligt werden, das weiß er. Deshalb schiebt er den Termin für die Anhörung und Entscheidung seines Asylverfahrens immer weiter auf – in der Hoffnung, dass sein kleiner Sohn einmal die Chance haben wird, zur Schule zu gehen.

Verena Kensbock 25, Essen … hat nichts gegen Zigeunerschnitzel, will Vorurteile aber endlich vom Teller putzen.


Am politischen Krückstock

Asylsuchende mit Behinderungen sind besonders schutzbedürftig. In der Politik scheint das Problem angekommen, doch es wird nichts getan. Von Dilara Açik

Rollstühle für gehbehinderte Geflüchtete müssen von Ehrenamtlichen organisiert werden.

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sylsuchende mit Behinderungen gelten laut Artikel 21 der Aufnahmerichtlinie der EU als besonders schutzbedürftige Personen. Sie haben gemäß des deutschen Asylbewerberleistungsgesetzes zumindest Anspruch auf eine medizinische Notversorgung. Die Umsetzung bleibt jedoch hinter den gesetzlichen Vorgaben zurück. Gemeinnützige Vereine wie Be an Angel e.V. oder Moabit hilft ergreifen in Berlin selbst die Initiative und kümmern sich um die schnelle Versorgung mit Gehstöcken oder behindertengerechten Betten. Annton Beate Schmidt, die sich bei Moabit hilft engagiert, konnte durch eine Spende 30 Rollstühle organisieren: „Ohne die Ehrenamtlichen wäre die Versorgung praktisch nicht vorhanden”, so Schmidt. Familien mit behinderten Angehörigen würden zum Teil nicht barrierefrei untergebracht. Auf die Bewilligung von Rollstühlen oder Therapien müssten sie bis zu einem Jahr warten. „Dadurch verschlimmert sich der Gesundheitszustand der Menschen häufig.“

Registrierung ändern Laut Annton Beate Schmidt gibt es viele Gründe für die unzureichende Versorgung. Es fehle vorn und hinten an finanziellen Mitteln für die Betreuung von Geflüchteten mit Behinderungen. Dazu kommen ganz

praktische Dinge: „Es gibt weder genug geschultes Personal noch genug barrierefreie Unterkünfte”, beklagt Annton Beate Schmidt. Problematisch ist außerdem, dass körperliche oder geistige Behinderungen bei der Erstregistrierung selten erfasst werden. Eine Statistik existiert daher nicht. Eva Gebel-Martinetz vom Berliner Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen will die Zahl der Geflüchteten mit Behinderungen nicht schätzen. Im Jahr 2015 habe die Selbsthilfeorganisation ungefähr 100 Geflüchtete beraten und unterstützt. Es ging dabei vor allem um Anträge auf die Feststellung einer Schwerbehinderung oder die Bescheinigung der Schutzbedürftigkeit.

kaum Problembewusstsein Schon im November 2015 forderte die Menschenrechtsorganisation PRO ASYL e.V. in einem offenen Brief an Bund und Länder eine Optimierung der Versorgung von behinderten Geflüchteten, die Therapien und Hilfsmittel berücksichtigt. Auch die AG Selbst Aktiv brachte die Problematik im gleichen Jahr auf dem SPD-Landesparteitag in Berlin mit einem Antrag ein – jedoch ohne weiteren Erfolg. Im neuen Masterplan „Integrati-

Foto: Roser Corella

on und Sicherheit” des Berliner Senats sind Geflüchtete mit Behinderungen auf jeden Fall kein Thema. Er sieht nur die Entwicklung eines Leitfadens vor, der Behördenmitarbeiter*innen dabei helfen soll „Indikatoren für die verschiedenen Formen von Schutzbedürftigkeit” zu erkennen. Ausschließlich bei „akuter“ und „schmerzhafter“ Erkrankung besteht laut dem im Februar 2016 vom Bundestag verabschiedeten Asylpaket II ein Leistungsanspruch. Das Gesetz legt unter anderem Neubestimmungen zum Bleiberecht und zur Aufenthaltsbeendigung fest. Eine angemessene medizinische und soziale Versorgung während des laufenden Asylverfahrens sei damit aber nicht gesichert, meint PRO ASYL. Auch Annton Beate Schmidt ist überzeugt: „Es muss sich etwas ändern.“

Dilara Acik 23, Hamburg … weiß jetzt, was der Unterschied zwischen Geflüchteten und Flüchtlingen ist.

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Molina Panzer 24, Berlin Daniela Mayorov 25, Frankfurt … haben im Repair Café die Länder Afrikas kennengelernt.

Mohammed Nousair 24, Hamburg Johannes Kolb 20, Freiburg

Das Repair Café an der Oder

Asylsuchende, deren Status noch nicht geklärt ist, bekommen in Deutschland erst nach drei Monaten eine Arbeitserlaubnis. Die Geflüchteten in Frankfurt (Oder) arbeiten im Repair Café gegen die Langeweile an.

Raaid Abas 22, Bremen ... wir können, weil wir wollen, was wir müssen. Eines Tages kehren wir zurück.

Von Raqqa nach Bremen

Jihad Omaraya 33, Damaskus … findet, dass Liebe wichtiger als Mitleid ist.

Raaid Abas ist Kriegsreporter aus Syrien. Der IS inhaftierte ihn. Als Raaid entkam, floh er aus seinem Heimatland. Im Video erzählt er von seiner Arbeit als Journalist und von seiner Flucht und seinem neuen Hobby Capoeira.

Nele Bemmann 18, Weimar

Was bedeutet Mitleid für dich?

Omar Sheikh Dieh 26, Aleppo

Wie fühlen sich Geflüchtete, wenn sie Hilfe in Deutschland aus Mitleid erhalten? Wollen sie überhaupt bemitleidet werden? Eine syrische Familie erzählt.

Fawad Perzad 29, Kabul Lilly Werny 21, Saarlouis ... haben beim Fotoshoot gelernt, wie man authentisch lächelt.

Marco Feldmann 21, Wilhelmshaven Julia Diehl 21, Uelzen … sind durch viele Zugwaggons gegangen.

Bayreuther Kneipenspiele

In den letzten Monaten sind viele Geflüchtete in Deutschland angekommen. Einige von ihnen leben nun in Bayreuth. Damit sie den Anschluss schaffen, nehmen die Freiwilligen von Bunt statt Braun e.V. sie mit in die Kneipe.

Die Welt im Zug

Züge bilden einen Mikrokosmos, in dem die unterschiedlichen Lebenswelten vieler Menschen aufeinandertreffen. Aber wie nehmen sie ihre Rollen wahr? Ein Einblick in die Welten der Reisenden..

Tobias Wolfrum 23, Bayreuth Ylli Krasniqi 24, Bayreuth ... finden, dass keine Berichterstattung echte Begegnungen ersetzt.

Ausgesprochen

Wie wird man Teil einer neuen Gesellschaft? Deutsche und Geflüchtete haben dazu verständlicherweise unterschiedliche Ansichten – aber wie sieht es mit den Einwander*innen der zweiten und dritten Generation, den „In-Betweens“, aus?

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ALLE FILME

ge.de

t.politikoran

www.fluch


Paul Christian Heck 18, Greimersburg Rebecca Pfister 25, Karlsruhe … hoffen, dass die Bewohner in Lebach bald besser wohnen können.

Ausfahrt Lebach

In Lebach befindet sich die größte Flüchtlingsunterkunft im Saarland. Tumaj Talimy hatte Glück und verbrachte nur seine ersten zwei Lebensjahre in Lebach. Um auf die Situation der Menschen aufmerksam zu machen, hat der 28-jährige Regiestudent ein Video über die Unterkunft und ihre Bewohner gedreht – und wir über ihn.

Kim Binnig 23, Tübingen Mohammad Ghunaim 25, Damaskus … finden, dass kulturelle Unterschiede kein Hindernis im Leben sein sollten.

Grenzenlose Liebe

Eine Liebe, die alle Hindernisse überwindet: Normalerweise gibt es so etwas nur in Filmen. Für Mariam aus dem Rheinland und Yamen aus Damaskus ist sie Realität geworden. Wie funktioniert ihre interkulturelle Beziehung?

Lisa-Marie Jenischa 24, Bayreuth … hat Spaß an der multimedialen Begegnung zwischen Menschen und Kulturen.

Die Kopftuchfrage

Ist das meist diskutierte Kleidungsstück: Ein Symbol von Freiheit oder Unterdrückung? Eine junge Muslima antwortet auf die Vorurteile, die ihr im Alltag begegnen.

Multi mediell Nicht nur lesen, sondern auch sehen und hören: Bei den verschiedenen workshops haben unsere Videoredakteur*innen reportagen, features und kurzdokumentationen gedreht. alle videos findet ihr im onlinedossier.

Isabel Schmitt 24, Fulda … sagt nicht gerne „Action!“, aber filmt unglaublich gerne.

Hallo aus Halle!

Wie sah eigentlich die Arbeit in den Länderredaktionen aus? Ein schneller Einblick in die Redaktion in Halle: mit Küchenfee und Couchgesprächen im Redaktionsraum, einem alternativen Cafétreff.

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Syrischer Wanderurlaub Wer aus Syrien über Land und See nach Europa flieht, hat wie omar einen beschwerlichen Weg vor sich. ironie hilft. Von Omar Sourakli und Rachel Calé

Ready for Take-Off

Die Reise beginnt in Kairo und führt mit einem Last-Minute-Flug nach Istanbul, wo bereits Omars Cousins auf ihn warten. Sightseeing in Istanbul

Um die Erinnerung an den Aufenthalt in Istanbul festzuhalten, werden fleißig Selfies gemacht, wie hier vor der blauen Moschee.

Warten auf den Schlepper

Im nächsten Halt in Izmir verspricht ein Schlepper, die Brücke nach Europa zu sein. Die Wartezeit lässt sich mit Frühsport in einem kleinen Park überbrücken. Mit Sieben-Meilen-Stiefeln

In Griechenland steht eine längere Strecke mit dem Bus an, der Omar und seine Freunde vor der mazedonischen Grenze rauswirft. Die letzten Kilometer müssen sie zu Fuß gehen.

wie robinson crusoe

Auf der Überfahrt nach Griechenland erleidet die Gruppe Schiffbruch. Sie stranden auf einer Insel und kontaktieren diverse Küstenwachen, bis sie von der griechischen eingesammelt werden.

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Duschen im Fluss

Wanderurlaube sind nicht für hohen Komfort bekannt, wobei die Hygiene am meisten zu leiden hat. Zum Glück gibt es eiskalte Flüsse.

Grenzderby

Bevor sie die Grenze nach Serbien überqueren, findet die Gruppe in einem Dorf nette Gastgeber*innen. Die Gastfreundschaft reicht von einem Schlafplatz bis zum internationalen Fußballduell.

Tischlein deck dich

Nach drei Tagen miserabler Verpflegung in verschiedenen Camps steigert ein leckeres Essen in einem libanesischen Restaurant die Stimmung der Reisegruppe.

Versteckspiel

Das Sonnenlicht scheint idyllisch durch die Blätter einer Waldlichtung, auf der sich Omar mit seinen Freunden verstecken muss. Nicht etwa vor Tieren, sondern vor der Polizei.

Überleben mit Musik

Nach 31 Tagen geht die Reise zu Ende und die Ankunft im Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt wird mit Musik gefeiert.

Omar Sourakli 23, Damaskus Rachel Calé 19, Greifswald ... haben sich durch mehr als 500 Handyfotos gewühlt.

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­Kunst als Brücke

Unter den Geflüchteten aus Syrien sind zahlreiche Musiker*innen, Künstler*innen und Theaterleute. Zwei syrische Kulturschaffende berichten, wie Kunst Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte verbindet. Von Johanna Kleibl

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usik spielt eine große Rolle im Leben der Syrer. Damaskus war eine Stadt voller Konzerte, jeder in der arabischen Welt erkennt die traditionelle Musik von dort.“ Nabil Arbaain sitzt mit seiner Oud auf dem Bett in seiner Souterrain-Wohnung in BerlinDahlem und lässt das Plektrum über die Seiten der orientalischen Laute flitzen. Er spielt den „Tanz der Großmutter“, eine traditionelle Melodie, zu der ältere Menschen im Sitzen tanzen können. Dann erklingt eine arabisch inspirierte Version klassischer europäischer Musik. Vor seiner Flucht nach Deutschland arbeitete Nabil als Musiker und hatte seine eigene Produktionsfirma, die noch unbekannte Künstler*innen förderte. Doch der Ausbruch der Revolution 2011 erschwerte ihm die Arbeit. Immer weniger Musiker*innen kamen nach Damaskus, um Platten aufzunehmen und Konzerte zu spielen. Die Tourist*innen, die bis dahin einen wichtigen Teil seiner Kundschaft ausgemacht hatten, blieben fort. Im Frühjahr 2012 gab Nabil sein Unternehmen auf und verließ ein Jahr später gemeinsam mit seiner Frau Damaskus. Sie konnte problemlos mit einem Studentenvisum nach Portugal weiterreisen. Er machte sich nach erfolgloser Kommunikation mit der spanischen und portugiesischen Botschaft erst ein Jahr später von der Türkei aus auf den Weg nach Europa. In Deutschland beantragte er schließlich Asyl.

Kunst und Integration Auch Raajai Alkoja hat es nach Berlin verschlagen. In Damaskus hatte er bis 2009 Szenografie studiert und arbeitete anschließend für Theater- und Filmproduktionen. Während eines Aufenthalts in Jordanien, der eigentlich nur wenige Tage dauern sollte, verschlechterte sich die Sicherheitslage in Syrien dramatisch. Rajaai entschied sich, nicht mehr nach Damaskus zurückzukehren. Er blieb im Exil und arbeitete dort in Kulturprojekten weiter, unter anderem mit einem Chor. Mit diesem reiste er im Sommer 2014 zum „Festival junger Künstler“ nach Bayreuth und stellte im Anschluss einen Asylantrag in Berlin.

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Nabil Arbaain spielt den "Tanz der GroSSmutter" auf seiner Oud.

„Als Künstler muss man anderen Menschen und Kulturen gegenüber offen sein“, meint Rajaai. „Das macht es einfacher, sich in einem neuen Umfeld zu integrieren.“ Seit er Syrien verlassen hat, ist er immer in Bewegung geblieben, hat in Deutschland eigene Ideen verwirklicht und interessante Jobs gefunden: Nicht lange nach seiner Ankunft gab er Kurzfilmworkshops für geflüchtete Jugendliche. Inzwischen hat er eine Festanstellung zur Gestaltung eines kinderfreundlichen Ortes in einer großen Flüchtlingsunterkunft.

Mit der Oud durch Berlin Auch Nabil hat seine Musik viele Türen geöffnet. Kurz nach seiner Ankunft gab er bereits sein erstes Konzert in Deutschland, inzwischen tritt er regelmäßig auf: manchmal bei Veranstaltungen zu Fluchtbewegungen und in syrischen Kulturzentren, aber auch bei Eröffnungsfeiern, in Bars und Kneipen. Während er im brandenburgischen Rathenow auf die Entscheidung über seinen Asylantrag wartete, fuhr Nabil mindestens zweimal pro Woche nach Berlin, um Kontakte zu knüpfen und Konzerte zu spielen. In der Kleinstadt zu bleiben, wie es ihm von der Ausländerbehörde empfohlen wurde, war für ihn unvorstellbar: „Ich bin Musiker, in einer Stadt wie Rathenow konnte ich einfach nicht bleiben. Außerdem war es dort schwierig,

Kontakt zu Deutschen zu bekommen.“ Am Rande seiner Konzerte in Berlin hat Nabil viele Menschen kennengelernt, spielt inzwischen in zwei Bands. „Für manche kann die Fluchtgeschichte ein Türöffner sein“, meint Rajaai. „Deutschland ist nicht nur für die Geflüchteten ein neues Land, sondern durch die Geflüchteten auch für die Deutschen.“ Ein Teil der Bevölkerung sei sehr interessiert daran, etwas über die Kultur der Neuangekommenen zu erfahren. Doch vieles, was in Deutschland als syrische Kunst präsentiert werde, sei in erster Linie der individuelle Ausdruck einzelner Personen und nicht unbedingt repräsentativ für Syriens Kulturszene. Bei aller Vielfalt Berlins sehnt sich Rajaai manchmal nach der Theaterkultur seiner Heimat, die in der arabischen Welt hoch angesehen ist. Seit einiger Zeit arbeitet er mit anderen syrischen Theaterleuten an einem gemeinsamen Projekt. Rajaais Vision ist es, qualitativ hochwertiges Theater zu machen – auf Arabisch, aber mit deutschen Untertiteln.

musikalische förderung Auch Nabil möchte an seine Arbeit in Syrien anknüpfen. Unter dem Titel „Alkhaimeh“, was auf Arabisch „Zelt“ bedeutet, will er geflüchtete Musiker*innen mit Instrumenten versorgen und ihnen Auftritte vermitteln: „Wenn Musiker gleich nach ihrer

Foto: Johanna Kleibl

Ankunft wieder spielen können, verschwenden sie in den Unterkünften nicht unnötig Zeit und verdienen früher ihr eigenes Geld“, meint Nabil. Der wichtigste Aspekt des Projekts sei aber, Musiker*innen mit und ohne Fluchtgeschichte zusammenzubringen. Solche Bands können eine wichtige Integrationshilfe für die Geflüchteten, aber auch eine Bereicherung für die deutsche Gesellschaft sein. Denn da, wo Menschen mit unterschiedlichsten Erfahrungen und kulturellem Hintergrund zusammenarbeiten, kann unerwartet Kreatives entstehen.

Johanna Kleibl 25, Berlin … ist überzeugt, dass Kunst Grenzen durchbrechen und Brücken bauen kann.


Widerstand ist Macht

Können politische Herausforderungen auch künstlerisch angegangen werden? Der Karneval der Geflüchteten in Berlin versucht das. Von Dennis Beltchikov

Foto: Roser Corella

Mit Tanz und Musik politisch aktiv.

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oweit das Auge reicht, tümmeln sich gut gelaunte Menschen in der Masse. Kinder bemalen sich gegenseitig mit Fingerfarben, tanzen zu Karnevalsmusik. Man könnte denken, es handele sich um eine Parade oder einen Festzug. Doch der Schein trügt: Die Veranstaltung am 20. März in Berlin hat einen ernsten politischen Hintergrund. Schilder mit Aufschriften wie „Stop Deportation!“, „Against Anti-Muslim Racism!“ und „Gegen den Krieg!“ zieren die Festwagen. Es ist Karneval: Karneval der Geflüchteten, „Carnival Al-Lajíin_Al-Lajiáat“. Ins Leben gerufen wurde der Umzug von dem Bündnis My Right Is Your Right, das sich für die Rechte Geflüchteter einsetzt. Anlässlich des globalen Aktionstages gegen Rassismus veranstaltet die Initiative ihren „Carnival“, um gegen die derzeitige politische Lage zu protestieren. Doch im Gegensatz zur „klassischen“ Demonstration des Verbands im Vorjahr entschied man sich dieses Mal für ein aufregenderes Format: Durch den Karnevalsumzug soll ein künstlerischer Protest gestartet werden.

politische Veränderungen Samee Ullah, Initiator des Karnevals und Koordinator von My Right Is Your Right, erklärt den Zusammenhang: „Durch Kunst kann man zwar keine bürokratischen Gesetze überwinden, aber sie zeigt auf, wie man unter den schlechtesten Bedingungen überleben

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kann.“ Kunst sei ein Mittel des politischen Ausdrucks: „Widerstand ist Macht und der Karneval hat eine lange Tradition solcher Proteste.“ Hier träfen sich „die Kunst und das wahre Leben.“ Wolken bedecken den Himmel, es ist Regen angesagt. Doch das stört niemanden. Nach einigen Vorbereitungen halten Repräsentanten des Refugee Club Impulse eine Eröffnungsrede: Es sollen politische Probleme thematisiert und mehr Menschen für ein solidarisches Miteinander sensibilisiert werden. Dahinter stecke das Streben nach einer stärkeren politischen Teilhabe in der Berliner Flüchtlingspolitik, sagt Samee Ullah: „Ich persönlich versuche nun seit zweieinhalb Jahren meine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Wir brauchen bezüglich des Arbeitsrechtes, der Unterkünfte, aber auch der Integrationskurse einschneidende politische Veränderungen.“

Zeit für Hakawati Ein mehrere Meter langes, gelöchertes Tuch wird aus dem Wagen gereicht, über die Köpfe der Karnevalist*innen. Das Tuch stehe für die Grenzen, die Geflüchtete auf ihrem Weg nach Europa passieren müssen. In einem symbolischen Akt werden diese gemeinsam überwunden: Alle Beteiligten greifen in die Löcher und zerreißen das Tuch. Mit lauter Musik und guter Stimmung setzt sich die Parade in Bewegung. Zwischen-

durch erschallt immer wieder das Motto: „Say it loud, say it clear, refugees are welcome here!“ Gegen halb vier hält der vorderste Wagen an, die Parade bleibt stehen. „Es ist Zeit für Hakawati!“ Hinter dem fremd klingenden Begriff versteckt sich die syrisch-arabische Straßenkunst des Geschichtenerzählens. Ein Mann springt mit einem kleinen Podest in der Hand von einem Festwagen. Um ihn herum bildet sich ein Kreis. Als er zu erzählen beginnt, werden die Karnevalist*innen plötzlich ruhig. Es folgen bildhafte Erzählungen über die Themen Rassismus und Krieg, verbunden mit der Forderung nach anderen Konfliktlösungen als Kriegen. Anschaulich schildert der Erzähler eine Flucht über das Meer. Den Protagonisten lässt er die Lebensweisheiten seines Großvaters erzählen. Mit einem Poetry Slam geht es weiter: Eine junge Frau thematisiert in ihrem Beitrag „Staub“ das Fortgehen aus der eigenen Heimat. Die Menge applaudiert, Anwohner*innen verfolgen das Geschehen interessiert von den Fenstern ihrer Wohnungen aus.

Chris Brown - Bob Marley Genauso vielfältig wie die Auswahl der Programmpunkte ist auch die Musikwahl des Karnevals: Innerhalb weniger Minuten wechselt sie von internationalem Rap zu Black zu Arabic Music zu Reggae. Den Karnevalist*innen scheint es zu gefallen,

denn auch nach fast sechs Stunden ist immer noch niemand zu müde zum Tanzen. Der Umzug endet mit einer Solidaritätskundgebung mit den Bewohner*innen der Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg. Das Gebäude ist für viele Berliner*innen ein Symbol des Widerstands gegen die Asylpolitik. Alle strecken ihre geballten Fäuste in die Luft. „Viele leben seit zwei Jahren in dem Heim und haben dort noch nicht mal warmes Wasser“, erklärt eine junge Frau. Deshalb wolle man den Bewohner*innen Respekt ausdrücken und sie in ihrem „fight“ unterstützen. Mit Einbruch der Dunkelheit ist das bunte Karnevalstreiben vorbei. Samee Ullah hat sein Ziel erreicht, schließlich sind statt der erwarteten 7.000 Besucher*innen um die 10.000 erschienen. „Lasst uns das, was wir heute getan haben, nicht nur heute machen, sondern jeden Tag“, gibt Ullah allen mit auf den Weg. „Gemeinsam werden wir Rassismus bekämpfen!“

Dennis Beltchikov 16, Bremen … fand in der Berliner U-Bahn das meiste Multikulti.

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Für die Yallaisierung des Abendlandes!

Bei den Länderredaktionen haben wir zusammen mehr als 15 Sprachen gesprochen. Herausgekommen ist Neu-Almani für Beginner*innens.

Vielen spas Du minah, ey! Tschüss aleikum! Der Übersetzer was übersetzing falsch Selamat-o!!! Vielen choukran Eto otschen cool! Ey, Habibchen! Ich habe nicht gespecified Walla, Digga! Wie kemeyts dir? You have to integrate into this suiciety Yalla, los! Ja bil w sportivvnam Vereinje. Der Text ist optisiert Waleikum al tschüss! tschüssieren Herzlich ahlan wa sahlan! auf dousche prost, saha! Liebe silav Beteami danke Alles gut? Zum Geburtstag! Kommst du, Schatzti? Viele maç Baby zetser Konzertiert euch! Tschüss chaw \\ 38


F R I S CH , F R UC HTIG, S E L BS TGE P R ES S T – M IT M ACHEN @PO LIT IK O RAN G E.DE

i mpr essum diese ausgabe von politikorange entstand im rahmen der endredaktion des themenschwerpunkts „flucht und migration“ in berlin (17. bis 20. märz 2016). herausgeber und redaktion politikorange c/o Jugendpresse Deutschland e.V. Alt-Moabit 89, 10559 Berlinber li n, www.politikorange.de

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rintmagazine, Blog und Videos: politikorange erreicht sein Publikum über viele Kanäle und steht neuen Wegen offen gegenüber. Junge, kreative Köpfe berichten in wechselnden Redaktionsteams aus einer frischen Perspektive. Ob aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft oder die kritische Begleitung von Veranstaltungen – politikorange ist mittendrin.

politikorange – das multimedium politikorange wurde 2002 als Veranstaltungszeitung ins Leben gerufen. Rund 130 Ausgaben wurden seither produziert. Seit Anfang an gehören Kongresse, Festivals, Parteitage und Events zum Programm. 2004 kamen Themenhefte hinzu, die aktuelle Fragen aus einer jugendlichen Sichtweise betrachten. 2009 nahm politikorange Video und Blog ins Portfolio auf und präsentiert spannende Beiträge unter den Labels politikorange TV und blog.politikorange.de.

chefredaktion (v.i.s.d.p.) Claudia Hammermüller Lilian Pithan

wo kann ich politikorange lesen? Gedruckte Ausgaben werden direkt auf Veranstaltungen und über die Landesverbände der Jugendpresse Deutschland e.V. verteilt. Im Online-Archiv auf politikorange.de können digitalisierte Magazine durchgeblättert und Videos aufgerufen werden. Printausgaben können kostenlos nachbestellt werden – natürlich nur, solange der Vorrat reicht. Für das Stöbern auf dem Blog genügt der Aufruf von blog.politikorange.de.

warum eigentlich politikorange? Welchen Blick haben Jugendliche auf Politik und gesellschaftliche Veränderungen? politikorange bietet jungen Menschen zwischen 16 und 26 Jahren eine Plattform für Meinungsaustausch und den Ausbau eigener Fähigkeiten. Engagement und Begeisterung sind die Grundpfeiler für journalistisch anspruchsvolle Ergebnisse aus jugendli-

cher Perspektive. Frei nach dem Motto: frisch, fruchtig, selbstgepresst.

wer macht politikorange? Junge Journalist*innen – sie recherchieren, berichten und kommentieren. Wer neugierig und engagiert in Richtung Journalismus gehen will, ist bei politikorange an der richtigen Adresse. Genauso willkommen sind begeisterte Fotograf*innen, Videoredakteur*innen und kreative Köpfe fürs Layout. politikorange funktioniert als Lehrredaktion: Die Teilnahme ist kostenlos und wird für jede Ausgabe neu ausgeschrieben. Der Einstieg ist damit ganz einfach. Den Rahmen für Organisation und Vertrieb stellt die Jugendpresse Deutschland. Du willst dabei sein? Infos zum Mitmachen gibt es unter politikorange.de, in unserem Newsletter und via Facebook und Twitter. mitmachen@politikorange.de

redaktionsleitung Albert Wenzel redaktion Dilara Açik, Rafeek Al Samaan, Laura Bartels, Tobias Bayer, Dennis Beltchikov, Chaima Bouzidi, Christina Braun, Milena Bürki, omar Sheikh Dieh, Aamer Essa, Sergei Gubanov, Eliass Sanarib Hanna, Lisa-Marie Jenischa, Johanna kleibl, Iman Nousair, Anna-Maria Polke, Pauline Rachor, Paul Ramisch, Antonia Stille, Lea Stratmann bildredaktion Roser Corella Fotografie Manuel Dietrich Taha Sheikh Dieh layout Dani Nikitenko projektleitung Maximilian Gens Inga Dreyer Judith Vöhringer Jens Moggert druck: bvZ berliner Zeitungsdruck gmbh Auflage: 35.000 Exemplare ein projekt der

im rahmen von

gefördert vom

im rahmen des bundesprogramms

gefördert durch

in kooperation mit

Foto: Roser Corella

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politikorange Flucht und Migration  
politikorange Flucht und Migration  

politikorange zum Themenschwerpunkt "Flucht und Migration" im 1. Quartal 2016

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