IPHIGĂNIE EN TAURIDE
CHRISTOPH WILLIBALD GLUCK
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CHRISTOPH WILLIBALD GLUCK
CHRISTOPH WILLIBALD GLUCK (1714-1787)
Cecilia Bartoli Spielzeit 2O19/2O
Jean-François Lapointe, Chor Spielzeit 2O19/2O
Die griechischen Heere haben sich in Aulis versammelt, um in den Krieg gegen Troja zu ziehen. Doch der Wind bleibt aus, die Flotte sitzt im Hafen fest. Der HeerfĂŒhrer Agamemnon erfĂ€hrt durch einen Seher, dass die Windstille durch den Zorn der Göttin Diana verursacht wurde, welche von ihm fordert, seine Tochter IphigĂ©nie zu opfern. TatsĂ€chlich lĂ€sst Agamemnon IphigĂ©nie nach Aulis kommen und fĂŒhrt sie zur Schlachtbank. Doch im letzten Moment wird IphigĂ©nie von der Göttin Diana gerettet; statt ihrer hat Agamemnon eine Hirschkuh getötet. IphigĂ©nie bleibt verschwunden und wird fĂŒr tot gehalten. Niemand weiss, dass sie seitdem als Priesterin der Diana auf Tauris lebt.
Ein Unwetter tobt. Die Priesterinnen flehen die Götter an, sie von der blutigen Pflicht, Menschen zu opfern, zu entbinden. Auch als der Sturm sich legt, ist Iphigénie innerlich noch immer in Aufruhr. Sie hat in der Nacht von ihrer Familie getrÀumt: In diesem Traum wurde ihr Vater Agamemnon von seiner Frau KlytÀmnestra ermordet, die wiederum Iphigénie bedrÀngte, ihren Bruder Orest umzubringen.
Thoas, Herrscher auf Tauris und König der Skythen, fordert von IphigĂ©nie neue Menschenopfer. Ein Orakel hat ihm verkĂŒndet, dass ihn eines Tages ein Fremder töten wird. Von Todesangst getrieben lĂ€sst er seither alle Fremden, die in Tauris stranden, umbringen. Auch zwei junge Griechen, die soeben an der KĂŒste entdeckt wurden, will Thoas opfern lassen. Keiner ahnt, dass es sich bei ihnen um IphigĂ©nies Bruder Orest und dessen Freund Pylades handelt.
Orest wird von furchtbaren SchuldgefĂŒhlen gequĂ€lt. Er hat seine Mutter getötet und fĂŒhlt sich nun verantwortlich dafĂŒr, dass sein einziger Freund mit ihm in den Tod gehen wird. Pylades hingegen findet Trost in der Vorstellung, gemeinsam mit Orest begraben zu werden.
Die Gefangenen werden getrennt. Alleingelassen, wird Orest im Schlaf von Rachegöttinnen, den Erinnyen, gepeinigt. Er erschrickt vor einer Erscheinung seiner toten Mutter â diese stellt sich jedoch beim Erwachen als IphigĂ©nie heraus, die gekommen ist, ihren Gefangenen nach seiner Herkunft zu befragen. Sie erfĂ€hrt, dass dieser wie sie selbst aus Mykene stammt. Als sie ihn nach der Familie des Königs fragt, erfĂ€hrt sie, dass Agamemnon von KlytĂ€mnestra erschlagen wurde und ihr Bruder diesen Gattenmord an seiner Mutter gerĂ€cht hat. Orest selbst sei tot; allein seine Schwester Elektra lebe noch in Mykene.
Verzweifelt sieht Iphigénie ihre Vorahnungen bestÀtigt: Ihre Familie ist ausgelöscht, und auch auf Orest kann sie nicht mehr hoffen.
IphigĂ©nie beschliesst, gegen Thoasâ Willen zu verstossen und nur einen der beiden Gefangenen zu opfern; der andere soll nach Mykene eilen und ihrer Schwester Elektra einen Brief ĂŒberbringen.
IphigĂ©nie zögert lange und entscheidet sich schliesslich fĂŒr Pylades als Opfer. Doch Orest sieht sich um die ErfĂŒllung seines Todeswunsches und die Erlösung von seinen inneren Qualen betrogen. Er zwingt IphigĂ©nie dazu, ihre Entscheidung zu revidieren. Sie ĂŒbergibt Pylades den Brief an Elektra.
Allein geblieben schwört Pylades, seinen Freund zu retten.
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oder am Vorstellungsabend im Foyer des Opernhauses erwerbenVierter Akt
IphigĂ©nie graut vor der AusfĂŒhrung des Opfers. Orest hingegen sieht in seinem Tod eine Befreiung. IphigĂ©nies Mitleid rĂŒhrt ihn.
In dem Moment, als sie im Begriff ist, Orest zu töten, beklagt dieser, den gleichen Opfertod erleiden zu mĂŒssen wie einst seine Schwester IphigĂ©nie. Die Geschwister erkennen sich.
Thoas hat unterdessen von IphigĂ©nies Verrat erfahren und fordert die sofortige Tötung des Opfers. Dass Orest IphigĂ©nies Bruder ist, berĂŒhrt ihn nicht. Als Thoas zum Messer greift und beide selbst töten will, erscheint der zurĂŒckgekehrte Pylades und ersticht ihn.
Aufruhr droht.
Da erscheint die Göttin Diana und verkĂŒndet den Willen der Götter: Orest sei von seinen SchuldgefĂŒhlen befreit und kehre gemeinsam mit IphigĂ©nie nach Mykene zurĂŒck.
Cecilia Bartoli, Andreas Wittmann Spielzeit 2O19/2O
Stéphane Degout, Frédéric Antoun Spielzeit 2O19/2O
Regisseur Andreas Homoki im GesprÀch
Andreas, vor einigen Jahren hast du an der Oper in Genf Christoph Willibald Glucks OrphĂ©e et Euridice inszeniert, nun folgt IphigĂ©nie en Tauride am Opernhaus ZĂŒrich. Was fĂŒr eine Beziehung hast du zu diesem Komponisten, der in der Musikgeschichte hĂ€ufiger fĂŒr seine berĂŒhmte Opernreform erwĂ€hnt wird als fĂŒr seine Werke selbst?
Ich wĂŒrde Gluck als einen eher unaufgeregt komponierenden Musiker beschreiben, der unglaublich souverĂ€n Geschichten erzĂ€hlt und dabei den ZustĂ€nden seiner Figuren sehr viel Raum gibt. Die Handlung steht oft eher still, aber hĂ€ufig geht es auch gar nicht so sehr um die Ă€ussere Handlung, sondern viel mehr um die Innenwelten der Figuren. Es gibt in Glucks Opern keine Milieuschilderungen, die StĂŒcke spielen an einem nicht genau festgelegten Ort, was mir als Regisseur eine grosse Freiheit gibt, Bildmetaphern zu finden. Mir gefĂ€llt auch das sehr ausgewogene VerhĂ€ltnis zwischen dramatischen und kontemplativen Momenten. Das ist fĂŒr mich das Wesen der Klassik: das Ebenmass, der Verzicht auf ĂŒbermĂ€ssige barocke Ornamentierung, die Einfachheit.
Genau das war ja auch Glucks erklĂ€rtes Ziel: die schematischen Strukturen der italienischen MetastasioÂOpern zu ĂŒberwinden und â im Verein mit den französischen EnzyklopĂ€disten, allen voran Diderot und Rousseau â im Paris der 1770er Jahre zu einer neuen Form der Oper zu finden, die von NatĂŒrlichkeit und Wahrhaftigkeit des Ausdrucks geprĂ€gt ist. Das ist ihm also gelungen?
Ja, absolut. Man spĂŒrt bei Gluck sehr viel Empathie fĂŒr seine Figuren, er zeichnet sie mit einer grossen Menschenliebe. Diese Menschen sind geprĂ€gt durch eine Empfindsamkeit, die natĂŒrlich fĂŒr diese Zeit typisch ist â sie verhalten sich sehr nobel, verzichten zugunsten des anderen...
Hat uns diese Empfindsamkeit, dieses Verzichtenwollen heute ĂŒberhaupt noch etwas zu sagen? Das sind nicht unbedingt Eigenschaften, die unsere Zeit charakterisieren...
Umso mehr mĂŒssen wir sie einfordern und auf dem Theater zeigen!
Anders gefragt: Was ist fĂŒr dich das Moderne an diesem StĂŒck?
Das Thema ist zeitlos! Es geht um eine Familie, konkret die exemplarische Familientragödie des Altertums â die Familie von Agamemnon und KlytĂ€mnestra. Diese Familie ist gefangen in einem Kreislauf von Mord und Rache, der damit beginnt, dass Agamemnon gezwungen wird, seine eigene Tochter Iphigenie zu opfern. Erst am Ende dieses StĂŒckes wird der Fluch gelöst. Die Familie sollte eigentlich ja eine glĂŒckliche Keimzelle der Gesellschaft sein, das Familienleben wird â auch in der Werbung â oft als Idylle dargestellt; aber das Leben zerrt an den Menschen, die Wirklichkeit sieht hĂ€ufig anders aus. Familienkonflikte können zu starken Reibungen und im schlimmsten Fall sogar zu Mord und Totschlag fĂŒhren. Gerade wenn in einer patriarchalen Gesellschaft mĂ€chtige VĂ€ter beteiligt sind, wie in unserem Fall Agamemnon, der König von Mykene ist und Feldherr im Krieg gegen Troja.
Also geht es hier neben dem familieninternen Konflikt auch um den Konflikt zwischen der Familie und der Gesellschaft? Ja, und dieser Konflikt kommt im Altertum immer wieder vor. Er hat mit der Entstehung der Polis zu tun, also mit der Entstehung von Strukturen, die es notwendig machen, dass Menschen aufgrund des gesellschaftlichen Fortschritts in immer grösseren Gemeinschaften zusammenleben, weil der Familienclan als Ordnungsprinzip nicht mehr ausreicht. So entsteht dieses Motiv â auch in der Bibel mit der Geschichte von Abraham und Isaak âdes kindlichen Opfers fĂŒr den Gott oder die Göttin, wobei ich Gott ganz allÂ
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gemein verstehe als ein Bild fĂŒr etwas, das ĂŒber die eigene Existenz hinausgeht. Agamemnon kann seiner Funktion und seiner Verantwortung als HeerfĂŒhrer nur gerecht werden, wenn er seine Tochter Iphigenie opfert. Damit tut er sich zunĂ€chst schwer, und letztlich ist es die Tochter selbst, die den Konflikt löst, indem sie sagt, ich verstehe das Problem und bin bereit, in den Tod zu gehen. Agamemnon tötet daraufhin Iphigenie und besteht damit die PrĂŒfung im Sinne der Gottheit.
Aber die Opferung Iphigenies fĂŒhrt innerhalb dieser Familie zu einem schweren Trauma...
Dieses Trauma ist mit dem Fluch des Tantalos beschrieben. Weil dieser Schuld auf sich geladen hat, haben die Götter verfĂŒgt, dass jeder seiner Nachkommen ein Mitglied der eigenen Familie umbringt. Dieser Fluch fĂŒhrt in der Folge dazu, dass die Mutter KlytĂ€mnestra ihren Ehemann Agamemnon tötet und selbst wiederum von ihrem Sohn Orest umgebracht wird. Soweit die Vorgeschichte. In der Oper selbst wird Orest seiner Schwester IphigĂ©nie wiederbegegnen, die von der Göttin Diana gerettet wurde; sie ist jetzt Priesterin des DianaÂTempels und wird von Thoas, dem Gewaltherrscher auf Tauris, gezwungen, jeden Fremden, der hier landet, umzubringen. Die Geschwister erkennen sich zunĂ€chst nicht, weil sie seit ihrer Kindheit getrennt waren; erst im letzten Moment, als IphigĂ©nie im Begriff ist, das grausame Opferritual auszufĂŒhren, erfĂ€hrt sie, dass es ihr Bruder Orest ist, den sie im Begriff ist zu töten, und verweigert das Opfer.
Der IphigenieÂStoff ist hĂ€ufig bearbeitet worden, unter anderem auch von Johann Wolfgang von Goethe; Iphigenie wird hier zum Denkmal der alle Gewalt ĂŒberwindenden HumanitĂ€t stilisiert. Wie hat Gluck sie charakterisiert?
IphigĂ©nie ist natĂŒrlich auch bei Gluck eine ausgesprochen humanistische Figur, aber sie ist zugleich auch sehr leidenschaftlich; wir sind ja schliesslich in der Oper! Das StĂŒck beginnt mit einem Sturm im Orchester, und wir werden als Zuschauer direkt mit dem Seelenzustand IphigĂ©nies konfrontiert; in der anschliessenden Arie sagt sie selbst: Der Sturm auf dem Meer ist
vorĂŒber, aber nicht der Sturm in meinem Inneren. Es geht also von Anfang an um IphigĂ©nies Inneres. Mozart hat das ĂŒbrigens wenige Jahre spĂ€ter in Idomeneo aufgegriffen, dort singt Idomeneo in seiner Arie: Zwar bin ich dem Sturm entkommen, doch ich habe den Sturm bzw. das Meer in mir. IphigĂ©nie kann sehr leidenschaftlich sein, aber auch sehr elegisch. Sie verfĂŒgt ĂŒber eine grosse emotionale Bandbreite und ist eine Frau aus Fleisch und Blut, wie ĂŒbrigens alle Figuren in dieser Oper. Alles andere wĂ€re auch uninteressant auf der BĂŒhne.
Diana hatte also Mitleid mit IphigĂ©nie und hat sie gerettet; zu Beginn der Oper lebt IphigĂ©nie bereits seit 15 Jahren als Priesterin der Diana auf Tauris. Was ist dieses Tauris fĂŒr ein Ort?
ZunĂ€chst mal ist es ein Ort, der sowohl geografisch als auch kulturell sehr weit von IphigĂ©nies griechischer Heimat entfernt ist. Und auf gewisse Weise scheint es ein Ort zu sein, der Menschen anzieht, die traumatisiert sind, ein Ort, an dem Traumatisierte aufeinandertreffen. Dieser Ort, der von Gewalt und Barbarei beherrscht wird, ist fĂŒr meinen Ausstatter Michael Levine und mich kein wirklicher Ort, sondern eine Art Unterwelt oder ein Fegefeuer IphigĂ©nie ist ja fĂŒr ihre Familie tot, denn niemand weiss, dass sie gerettet wurde. Ihr Bruder Orest ist dem Tode nahe, denn die Rachegöttinnen verfolgen und quĂ€len ihn; er trĂ€gt eine grosse Todessehnsucht in sich. Die BĂŒhne, die wir entwickelt haben, vermeidet konkrete Ărtlichkeiten. Im Zentrum des StĂŒckes stehen fĂŒr uns die Geschwister IphigĂ©nie und Orest, dazu kommt der Freund des Orest, Pylades, der nicht zur Familie gehört. Alle Figuren sind dem Gewaltherrscher Thoas ausgesetzt. Die beiden Hauptfiguren durchleben an diesem Ort immer wieder albtraumhaft ihr Trauma; deshalb erschien uns Thoas als eine Art verzerrter, ĂŒbersteigerter Reflex Agamemnons, der seine Tochter umgebracht hat und von dem Trauma dieser Tat allmĂ€hlich seelisch zugrunde gerichtet wurde. Am Schluss der Oper erscheint die Göttin Diana; deren Vergebung löst den Fluch schliesslich auf. Dies steht fĂŒr uns fĂŒr die Vergebung, die Orest von seiner toten Mutter KlytĂ€mnestra nie wird erhalten können und die er daher umso mehr ersehnt. Die Figuren AgamemnonÂThoas und KlytĂ€mnestraÂDiana werden sich in unserer Inszenierung so
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ineinander spiegeln, dass der Eindruck entsteht, das Personal des StĂŒckes bestĂŒnde letztlich nur aus diesen vier Figuren: den beiden Kindern und ihren Eltern.
Interessant ist ja, dass in dieser Oper keine konventionelle Liebesgeschichte vorkommt; neben der Geschwisterliebe gibt es allerdings noch die sehr besondere Freundesliebe zwischen Orest und Pylades. Die Beziehung zwischen Orest und Pylades ist unglaublich liebevoll gezeichnet, fast homoerotisch; auf jeden Fall geht sie weit ĂŒber eine normale MĂ€nnerfreundschaft hinaus. Dass es in dem StĂŒck keine konventionelle Liebesbeziehung gibt, dient der Klarheit und ist nur konsequent. Zu den Hauptfiguren kommt dann noch der Chor, den wir aber auch als Spiegelungen oder Vervielfachungen einerseits von IphigĂ©nie, andererseits von Thoas sehen; der Chor wird ja die meiste Zeit ĂŒber in MĂ€nnerchor und Frauenchor getrennt eingesetzt, es wird nie eine gemischte Gesellschaft gezeigt. Wir fokussieren die Geschichte auf die Familie in einem klaustrophobischen, tunnelartigen Raum, der nur ab und zu aufbricht und grelles Licht einlĂ€sst; innen ist es beklemmend, aber aussen ist es möglicherweise noch bedrohlicher. Es gibt eigentlich keinen Ausweg aus dieser albtraumhaften Innenwelt.
Wie siehst du dann den Schluss des StĂŒckes â immerhin vergibt ja Diana Orest seine Schuld und schickt ihn als König zurĂŒck nach Mykene?
Ja, es gibt dieses «lieto fine», der Fluch wird gelöst und die Figuren entkommen ihrem GefĂ€ngnis. Wie erfolgreich sie ihr weiteres Leben nach all den seelischen BeschĂ€digungen meistern werden, bleibt natĂŒrlich dahingestellt, aber wir werden hier nicht versuchen, eine Antwort zu geben.
In dieser Produktion gibt es ein Wiedersehen mit Cecilia Bartoli, die dem ZĂŒrcher Opernhaus seit 30 Jahren verbunden ist; nun arbeitest du zum ersten Mal als Regisseur mit ihr zusammen.
Eine Produktion mit Cecilia ist natĂŒrlich immer etwas Besonderes; es ist nicht so wie sonst, dass man sich ein StĂŒck ĂŒberlegt und dann eine KĂŒnstlerin fragt,
ob sie frei ist, sondern man sucht mit ihr gemeinsam eine Periode und ĂŒberlegt mit ihr, welches StĂŒck passen könnte. Dieses StĂŒck hatte ich mir aber schon lĂ€nger gewĂŒnscht, und ich habe mich gefreut, dass es sie ebenfalls interessiert hat. In der Probenarbeit gehört sie zu den wenigen SĂ€ngerinnen oder auch SĂ€ngern, bei denen jede gesangliche Ăusserung von einem Maximum an Ausdruck erfĂŒllt ist. Die Dynamik, die textliche Ausgestaltung, die Agogik â alles dient dem maximalen musikalischÂdramatischen Ausdruck. Cecilia ist auf den Proben in jedem Moment prĂ€sent, zeigt immer vollen körperlichen und emotionalen Einsatz und hat unglaublich viel zu geben. Sie besitzt eine starke szenische Intuition und erfindet auf der Probe immer wieder auch fĂŒr mich ĂŒberraschende Dinge. Als Kollegin ist sie eine echte Teamplayerin. Aber auch die ĂŒbrigen Rollen sind mit StĂ©phane Degout, FrĂ©dĂ©ric Antoun, JeanÂFrançois Lapointe und Birgitte Christensen wirklich hervorragend besetzt. Alle in diesem Ensemble engagieren sich kraftvoll und kompromisslos. Das ist grossartig und macht sehr viel Spass.
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Birgitte Christensen, Cecilia Bartoli, Stéphane Degout Spielzeit 2O19/2O
Tantalos, König in Phrygien, raubt die Speise der Götter, schlachtet Pelops, seinen Sohn, setzt ihn den Göttern vor. Die Götter erkennen die Mahlzeit, nur Demeter isst von einer Schulter. So bestrafen sie den Raub: Tantalos hĂ€ngt an einem Obstbaum, der unter einem schwebenden Felsen in der dreifach ummauer ten Mitte des Hades aus einem Teich wĂ€chst, in ewigem Hunger zwischen den FrĂŒchten, Durst ĂŒber dem Wasser, Angst unter dem Stein. Die Götter ver fluchen sein Geschlecht. Niobe, Tochter des Tantalos, hat zwölf Kinder. Sie prahlt vor den Göttern mit ihrer Fruchtbarkeit. Apollon und Artemis töten die zwölf Kinder mit zwölf Pfeilen. Zeus verwandelt die schreiende Mutter in ihr eigenes Standbild. Im FrĂŒhsommer weint der Stein. Thyestes, Sohn des Pelops, bricht die Ehe seines Bruders Atreus. Atreus erschlĂ€gt die Söhne seines Bruders und bewirtet ihn mit ihrem Blut und Fleisch. Thyestes tut seiner eigenen Tochter Gewalt an. Ihr Sohn Aigisthos tötet Atreus. Agamemnon, Sohn des Atreus, nimmt Klytaimnestra zur Frau, sein Bruder Menelaos ihre Schwester Helena, der Trojanische Krieg beginnt. Zum ersten Kriegsopfer bestimmt ein Seherspruch Iphigenie, Tochter Agamemnons und der Klytaimnestra. Klytaimnestra widersetzt sich, Agamemnon gehorcht, Iphigenie legt ihren Hals unter das Beil. Klytaimnestra teilt mit Aigisthos, dem Sohn des Thyestes und Mörder des Atreus, Macht und Bett. Klytaimnestra und Aigisthos töten Agamemnon, nach seiner Heimkehr aus zehn Jahren Krieg, im Bad mit Netz Schwert Beil. Elektra, zweite Tochter Agamemnons, rettet Orestes, ihren Bruder, vor dem Schwert des Aigisthos und schickt ihn nach Phokis. Zwanzig Jahre lang, Magd unter MĂ€gden im Palast der Mutter, wartet sie auf seine Heimkehr. Zwanzig Jahre lang trĂ€umt Klytaimnestra den gleichen Traum: eine Schlange saugt Milch und Blut aus ihren BrĂŒsten. Im zwanzigsten Jahr kehrt Orestes heim nach Mykene, erschlĂ€gt Aigisthos mit dem Opferbeil, nach ihm seine Mutter, die mit entblössten BrĂŒsten vor ihm steht und um ihr Leben schreit.
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Iphigenie, Akt 2
Cecilia Bartoli Spielzeit 2O19/2O
Prolog
Agamemnon
Und nun das Heer versammelt und geordnet ist, Nun liegen wir vor Aulis, weil uns grollt der Wind. Der Seher Kalchas sprach in dieser Not, Wir mĂŒssten Iphigenia, mein geliebtes Kind, Der Artemis zum Opfer bringen, die dies Land Beherrscht. Dann wehe Fahrwind, falle Ilion; Doch blute sie nicht, wĂŒrde nichts von dem geschehn.
Ich, das vernehmend, wollte durch Talthybios
Mit lautem Ruf entlassen Argosâ ganzes Heer (Denn meine Tochter morden konntâ ich nimmermehr), Bis, alle GrĂŒndâ aufbietend, mich der Bruder zwang, Den Greuâl zu dulden. Und sofort vertraute ichâs Des Briefes BlĂ€ttern und gebot der Königin, Mein Kind zu senden als Achilleusâ junge Braut.
So tĂ€uschtâ ich ĂŒberredend mein Gemahl, indem Ich ihr der Tochter Ehebund vorspiegelte.
Klytaimestra
zu Agamemnon gewandt
Du, meines Lebens höchster Ruhm, Agamemnon, FĂŒrst!
Nicht ungehorsam deinem Ruf erschienen wir.
Iphigenie
O Mutter, eil ich entgegen ihm (ach, zĂŒrne nicht!), Dem Vater, drĂŒck ich meine Brust an seine Brust?
Klytaimestra
Der Lust geniesse; liebtest du den Vater doch Stets mehr als alle Kinder, die mein Schoss gebar.
Iphigenie
Wie freut michâs, Vater, dich zu sehn nach langer Zeit!
Agamemnon
Und mich â die Tochter! Was du sagst, uns beiden giltâs.
Iphigenie
Und dennoch strömen TrÀnen aus dem Auge dir?
Agamemnon
Wohl; eine Trennung, lang und schwer, steht uns bevor.
Iphigenie
Du fÀhrst so weit weg, Vater, und mich lÀsst du hier?
Agamemnon
Auch du musst eine weite Reise tun, mein Kind.
Iphigenie
Ach, herrlich! Könntâ ich deiner Fahrt Genossin sein!
Agamemnon
Auch dein harrt eine Fahrt noch, wo du mein gedenkst.
Iphigenie
Mit meiner Mutter, oder reis ich dann allein?
Agamemnon
Allein, getrennt vom Vater und der Mutter fern.
Iphigenie
Du bringst mich, Vater, doch nicht in ein ander Haus?
Agamemnon
Lass das! FĂŒr MĂ€dchen ziemt sich das zu wissen nicht.
Iphigenie
Komm bald von Troja, wenn du dort es wohl bestellt!
Agamemnon
Ein Opfer bringen muss ich noch vor allem hier.
Agamemnon
Ich weiss genau, wo Mitleid am Platz ist und wo nicht, und ich liebe meine Kinder, sonst wĂ€re ich verrĂŒckt. Furchtbar trifft es mich, dies zu wagen, Frau, furchtbar auch, es nicht zu tun. So oder so muss es geschehen.
Seht, welch grosse Flottenstreitmacht hier liegt, wie viele Krieger der Hellenen in eherner RĂŒstung es sind: Nicht können sie gegen die TĂŒrme von Ilion ziehen und nicht Trojas berĂŒhmte Festung einnehmen, wenn ich dich nicht opfere, wie es der Seher Kalchas bestimmt. Ohne eine Antwort abzuwarten, eilt Agamemnon zum Heer.
Klytaimestra
Mein Kind! Ihr fremden Frauen!
Weh mir, wie unglĂŒcklich bin ich ĂŒber deinen Tod!
Dein Vater flieht vor dir und liefert dich dem Hades aus.
Iphigenie
Wehe mir, Mutter!
Kein Licht gibt es mehr fĂŒr mich... und keinen Glanz der Sonne!
Klytaimestra
Ich habe deinen Ruf gehört, hier bin ich, voll Bangen, ich Arme, und von Furcht betÀubt. Du bringst mir doch nicht neues Unheil zum schon vorhandenen?
Bote
Von deinem Kind will ich dir ein unerhörtes Wunder anzeigen.
Klytaimestra
Dann zögere nicht, sondern berichte es schnell!
Bote
Liebe Herrin, alles sollst du genau erfahren.
Als wir mit deinem Kind zum Hain der Zeustochter Artemis gelangt waren und zu den blĂŒhenden Wiesen, wo das Heer der Achaier sich schon versammelt hatte, da drĂ€ngte sofort die Masse der Soldaten heran.
Sobald FĂŒrst Agamemnon das MĂ€dchen erblickte, wie es in den Hain schritt, um sich opfern zu lassen, stöhnte er auf, wandte sein Haupt ab und weinte, wobei er sein Gewand vor das Gesicht hielt.
Sie aber trat nahe an ihren Vater heran und sprach: «Lieber Vater, zur Stelle bin ich dir. Mein Leben gebe ich freudig hin zum Opfer fĂŒr mein Vaterland und fĂŒr ganz Hellas; man soll mich zum Altar der Göttin fĂŒhren, wenn dies der Seherspruch so fordert.
Soweit es an mir liegt, sei euch GlĂŒck beschieden und Sieg im Kampf und Heimkehr in das Vaterland. Darum soll kein Argeier Hand an mich legen, denn klaglos werde ich meinen Nacken darbieten, voll guten Mutes.»
So sprach sie. Jeder aber, der es hörte, staunte Ăber den Mut des MĂ€dchens.
Nun trat Taltybios hervor, dessen Amt dies war, und gebot dem Heer heiliges Schweigen.
Der Seher Kalchas aber nahm das scharfe Schwert. zog es aus der Scheide und legte es in den goldenen Korb.
Der Sohn des Peleus nahm den Korb und das reine Quellwasser, umkreiste schnell den Altar der Göttin und sprach: «Tochter des Zeus, Tiertöterin, die du dein helles Licht schimmern lĂ€sst in der Nacht, nimm dieses Opfer an, das wir dir darbringen, das Heer der Achaier und FĂŒrst Agamemnon, das reine Blut vom Nacken dieses schönen MĂ€dchens. Beschere den Schiffen eine schadlose Fahrt und uns, dass wir im Kampf die Burg von Troja einnehmen.»
Zu Boden senkten die Atriden und das ganze Heer den Blick. Der Priester aber ergriff das Schwert, betete und schaute auf ihre Kehle, wo er sie treffen könnte.
Mich hatte im Innern ein heftiger Schmerz erfasst und ich stand gebeugt; doch plötzlich bot sich ein Wunder dar.
Den Schlag des Hiebes hatte ein jeder deutlich vernommen, doch das MĂ€dchen war verschwunden, niemand wusste, wohin.
Da schrie der Priester auf und das ganze Heer mit ihm,
angesichts einer unerhörten göttlichen Erscheinung, die man nicht glauben wollte, selbst als man sie sah: eine Hirschkuh lag zappelnd am Boden, von stattlichem Wuchs prĂ€chtig anzuschauen, mit deren Blut der Altar der Göttin ganz bespritzt war. Da rief Kalchas vor ĂŒberschwenglicher Freude:
«Ihr Herrscher unseres gemeinsamen Achaierheeres, seht ihr dieses Opfertier, das die Göttin auf den Altar gelegt hat: eine Hirschkuh aus dem Gebirge?
Diese nimmt sie lieber entgegen als das MĂ€dchen, um nicht ihren Altar mit edlem Blute zu besudeln.
Wohlwollend hat sie dies angenommen und gewĂ€hrt uns gĂŒnstige Fahrt und die Eroberung von Ilion.
Darum soll ein jeder Krieger jetzt Mut fassen und an Bord seines Schiffes gehen, denn heute noch mĂŒssen wir die tiefe Bucht von Aulis verlassen und die wogende ĂgĂ€is durchqueren.»
Als nun das Opfer ganz verbrannt war in der Flamme des Hephaistos, betete Kalchas angemessen um gute Fahrt fĂŒr das Heer. Agamemnon aber schickt mich, dir dies zu melden, welches Schicksal die Götter deiner Tochter beschieden haben, und dass sie unvergĂ€nglichen Ruhm in Hellas erworben hat. Ich selbst war dort und habe es gesehen und sage: Dein Kind ist eindeutig zu den Göttern geflogen! Lass ab von der Trauer und zĂŒrne deinem Mann nicht mehr.
Unerwartet fĂŒr die Menschen kommt, was Götter fĂŒgen, und sie retten, wen sie lieben. Der heutige Tag hat dein Kind sterben und wieder leben sehen.
Cecilia Bartoli, Andreas Wittmann, Damenchor Spielzeit 2O19/2O
Iphigenie, Akt 3
Ein GesprÀch mit Elisabeth Bronfen
Frau Bronfen, die Vorgeschichte zu Iphigénie en Tauride erzÀhlt davon, dass Agamemnon, Iphigénies Vater, bereit war, seine eigene Tochter zu opfern. Wie kann Iphigénie mit diesem Trauma weiterleben?
IphigĂ©nie ist das Lieblingskind Agamemnons, seine Ă€lteste Tochter; das ist also auch eine Liebesgeschichte, eine Vertrauensgeschichte, und gleichzeitig muss sie sehen, dass der Vater bereit ist, sie zu zerstören. Das bedeutet nicht nur eine Infragestellung des VerhĂ€ltnisses der Tochter zum Vater, sondern auch einer jungen Frau zu einem Ă€lteren, von ihr geliebten Mann. Psychoanalytisch könnte man sagen, es geht hier â in sehr stark ĂŒberhöhter Weise âum etwas, das alle Töchter erfahren mĂŒssen: Sie mĂŒssen sich von ihrem Vater, mit dem sie meist die wichtigere Beziehung haben als mit der Mutter, trennen. Man kann es also auch als eine notwendige Trennungsgeschichte verstehen, dass die Tochter erkennen muss: Mein Vater ist nicht mein geliebtes GegenstĂŒck, sondern er ist ein von mir abgetrenntes Wesen, das seine eigenen Interessen meinen Interessen gegenĂŒber privilegiert. Das hat natĂŒrlich auch etwas mit dem Erwachsenwerden zu tun.
Dann wĂ€re also die Opferung der IphigĂ©nie durch ihren Vater ein Bild fĂŒr einen natĂŒrlichen Vorgang und gar nicht so grausam, wie sie auf den ersten Blick erscheint? Oder ist dieser «natĂŒrliche» Vorgang umgekehrt im Grunde ein sehr grausamer?
Wenn man den Mythos als Familiengeschichte liest, wird deutlich, wie grausam dieser natĂŒrliche Vorgang ist. Diese Trennung kann von den Kindern durchaus als eine Form von Opferung verstanden werden. Denn sie begreifen,
dass sie dem Vater nicht absolut vertrauen können, nicht von ihm geschĂŒtzt werden, Zutrauen und Liebe nicht mehr an ihm festmachen können. Erwachsenwerden heisst, zu verstehen: Der Vater ist kein Ăbermensch, der Vater ist sowohl gut als auch böse, er wird mich nie schĂŒtzen können. Tod und Opferung sind in der Mythologie Chiffren fĂŒr etwas, man darf das nicht immer wörtlich nehmen, es geht um Begeisterung, Hingabe, Abtrennung, Lust. Diese Geschichten lassen sich sehr zeitgenössisch lesen.
Glucks IphigĂ©nie en Tauride hat Ereignisse lange nach dieser Opferung zum Thema: IphigĂ©nie wurde im letzten Moment von der Göttin Diana gerettet und lebt nun seit 15 Jahren als Priesterin der Diana auf Tauris. Dort sieht sie die Gewalt, die ihre Familie in der Zwischenzeit zerstört hat, im Traum; ihr Bruder Orest wiederum wird â im Traum â von den Eumeniden verfolgt, den Rachegöttinnen, die ihm den Mord an seiner Mutter vorwerfen. Welche Rolle spielen TrĂ€ume in dieser Geschichte?
Innerhalb der Antike ist Wachen und TrĂ€umen nicht so strikt voneinander getrennt wie bei uns. Oft geht es dabei um Prophezeiungen, in denen die Götter mit einem sprechen. Bei Gluck geht es darum, dass wir in unseren TrĂ€umen unsere Ăngste, unsere positiven oder negativen Erwartungen oder unsere Schuld durchspielen, Dinge, die wir so direkt nicht ausdrĂŒcken können; es ist wie eine Geschichte, die man sich selbst erzĂ€hlt, es kommen Dinge zum Ausdruck, die wir tagsĂŒber so nicht zulassen wĂŒrden. Es ist eine chiffrierte Fantasiearbeit, Theater im Theater oder auch ein inneres Theater, das sowohl die Theatersituation reflektiert als auch die TheatralitĂ€t unseres Seins in der Welt. Wir beobachten uns hier selbst.
Interessant ist, dass die Grenzen zwischen RealitĂ€t, Traum, Erinnerung, Fantasie in Glucks Oper sehr fliessend zu sein scheinen. FĂŒr mich ist auch der Krieg letztlich eine Fantasie. Es hat etwas geradezu Rauschhaftes, wenn die MĂ€nner als eine Einheit gegen Troja ziehen, und es hat auch etwas Rauschhaftes oder Traumartiges, wenn der Vater die Tochter nicht mehr als Tochter sieht und bereit ist, sie fĂŒr diesen Krieg zu opfern.
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Neben den TrĂ€umen ist auch die Todessehnsucht der Hauptfiguren auffallend. IphigĂ©nie möchte lieber sterben, als weiter auf Tauris Menschen zu opfern, Orest wird so sehr von seiner Schuld gequĂ€lt, dass er den Tod herbeisehnt, und Pylades, Orests Freund, möchte lieber selbst geopfert werden, als seinen Freund dem Tod zu ĂŒberlassen. Selbstmord scheint aber fĂŒr keine dieser Figuren eine Option zu sein. Zur Zeit Glucks beginnt sich zu zeigen, dass in der bĂŒrgerlichen Familie etwas nicht stimmt: Es geht nicht nur um das VerhĂ€ltnis zwischen Gatte und Gattin, sondern auch um das zwischen Eltern und Kindern und zuweilen auch Schwestern und BrĂŒdern. Die Todessehnsucht der verschiedenen Figuren kann man sehen als Erlösungsfantasie aus der Unmöglichkeit heraus, sich zurechtzufinden in einem System, in dem mir so vieles vorgeschrieben und in dem mein Begehren nicht mit meinen Pflichten zu vereinbaren ist. Damit wird diese Todessehnsucht auch zu einer Kritik an der Familieneinheit: Diese bĂŒrgerliche Familie, die stark von der AufklĂ€rung, von einem paternalen, rationalen Denken und von ebensolchen Gesetzen getrieben ist, hat etwas Zerstörerisches. Der Streit zwischen den Eltern frisst die Kinder auf. Deren Todessehnsucht wird 30 Jahre nach Gluck in der Romantik bei Novalis, Kleist und anderen ihre absolute BlĂŒtezeit haben.
Aufgelöst wird der Konflikt und damit auch der ĂŒber mehrere Generationen dauernde Atridenfluch durch die Göttin Diana â es sind also wiederum nicht die Menschen, die Entscheidungen treffen, sondern die Götter mĂŒssen eingreifen, um eine Lösung herbeizufĂŒhren.
1779, als die Oper entstanden ist, kann man noch akzeptieren, dass nur die Götter eine Lösung herbeifĂŒhren können â nach der französischen Revolution zehn Jahre spĂ€ter wird man sich dann nicht mehr vorstellen können, dass die Menschen zu keiner eigenen Entscheidung fĂ€hig sein sollen â und dann hĂ€ufen sich ĂŒbrigens auch die Selbstmorde oder auch die Liebestodfantasien wie beispielsweise in Wagners Tristan und Isolde. Zur Zeit Glucks gibt es fĂŒr die Erkenntnis des Unbehagens an der bĂŒrgerlichen Familie und an den bĂŒrgerlichen Gesetzen mit all ihren ZwĂ€ngen nur auf der Ebene der Götter eine Lösung. Umgekehrt könnte man auch sagen, das Eingreifen
der Göttin ist wie die letzte Feier des noch nicht mĂŒndigen individuellen Subjekts; das absolut mĂŒndige individuelle Subjekt gipfelt im revolutionĂ€ren Subjekt, das dann spĂ€ter in Frankreich den König umbringt. Hier wird eine Art Umbruchphase markiert.
Diese Umbruchphase scheint sich auch in der Oper zu spiegeln: IphigĂ©nie trifft selbstĂ€ndig die Entscheidung, einen der beiden Gefangenen frei zu lassen; dann geht sie noch einen Schritt weiter und entscheidet â als sie erkennt, dass der zweite Gefangene ihr Bruder ist â, diesen nicht zu opfern. Sie ist also durchaus zu einer selbstbestimmten Handlung fĂ€hig. Die Göttin Diana erscheint erst, als die wichtigste Entscheidung bereits getroffen ist, sie ist also strenggenommen keine Dea ex machina mehr. Hier treffen zwei Denksysteme aufeinander, und es ist interessant, dass es die Frau ist, also das weibliche Subjekt, das auf ihrer HandlungsbefĂ€higung insistiert und im Gegensatz zu ihrem Vater die Göttin herausfordert.
Die Figur IphigĂ©nie ist also in dem Moment, in dem sie geopfert werden soll â noch in der Vorgeschichte der Oper â dem Willen der Götter und dem Willen ihres Vaters passiv ausgeliefert, entwickelt sich aber im Laufe der Oper zu einer aktiven, selbst handelnden Figur. Dass die Göttin am Schluss noch einmal auftritt, das wirkt wie eine Konzession an die Konvention. Die Dea ex machina wird dekonstruiert und bleibt ein leerer Gestus. Die Tochter erhĂ€lt die HandlungsbefĂ€higung und durchbricht den Kreislauf der Gewalt.
Die Göttin erkennt diese Handlungsfreiheit IphigĂ©nies an und verzeiht. Am Anfang und am Ende der Geschichte steht die Göttin, aber die wandelt sich und insistiert nicht mehr auf dieser Wiederholungsschlaufe von Frauenraub fordert Krieg fordert Frauenopfer fordert noch mehr Krieg âsie insistiert deshalb nicht, weil sie in einer Tochter etwas sieht, was ihr ein anderes Modell vorgibt. Das wĂŒrde ich potentiell feministisch nennen.
Das GesprĂ€ch fĂŒhrte Beate Breidenbach
Stéphane Degout, Cecilia Bartoli, Frédéric Antoun Spielzeit 2O19/2O
Klytaimnestra gebar dem Agamemnon einen Sohn namens Orestes und drei Töchter: Elektra, Iphigeneia und Chrysothemis.
Paris, der Sohn des Königs Priamos von Troja, hatte Klytaimnestras Schwester Helena verfĂŒhrt und so den Trojanischen Krieg hinaufbeschworen. Da zogen Agamemnon und Menelaos fĂŒr lange zehn Jahre von der Heimat fort. Aigisthos aber schloss sich ihrem Zuge nicht an, sondern zog es vor, in Argos zu bleiben und Rache am Hause des Atreus zu nehmen. Er plante nicht nur, Klytaimnestras Liebhaber zu werden, sondern er wollte auch mit ihrer Hilfe Agamemnon töten, sobald der Trojanische Krieg beendet wĂ€re.
Der allwissende Zeus sandte Hermes zu Aigisthos und liess ihn davor warnen, seinen Plan auszufĂŒhren; denn Orestes wĂŒrde, sobald er zum Manne geworden wĂ€re, gezwungen sein, den Vater zu rĂ€chen. Trotz all seiner Beredsamkeit gelang es Hermes nicht, Aigisthos von seinem Beschluss abzubringen.
Klytaimnestra hatte wenig Grund, Agamemnon zu lieben: Er hatte ihren frĂŒheren Gemahl und das neugeborene Kind an ihrer Brust getötet und sie gezwungen, ihn zu heiraten. Dann zog er in einen Krieg, dessen Ende nicht abzusehen war; auch hatte er die Opferung der Iphigeneia auf Aulis gutgeheissen und sollte â was sie noch hĂ€rter zu ertragen fand â Kassandra, die Prophetin, die Tochter des Priamos, als seine Geliebte zurĂŒckbringen. So verschworen sich Klytaimnestra und Aigisthos, Agamemnon und Kassandra zu töten.
Klytaimmestra begrĂŒsste ihren von der Reise mĂŒden Gatten mit allen Zeichen der Freude, rollte einen purpurnen Teppich fĂŒr ihn aus und fĂŒhrte ihn zum Badehaus, wo SklavenmĂ€dchen ein warmes Bad vorbereitet hatten. Als Agamemnon sich gewaschen hatte und das Bein aus dem Bade hob, eifrig bereit, an dem reichen Mahl, das schon auf den Tafeln aufgetragen war, teilzunehmen, kam Klytaimnestra zu ihm. Sie tat, als wolle sie ein Badetuch um ihn wickeln, aber
statt dessen warf sie ein selbstgewobenes Netzhemd ĂŒber sein Haupt, das weder Halsöffnung noch Armlöcher hatte. In diesem, wie ein Fisch gefangen, starb Agamemnon durch die HĂ€nde des Aigisthos, der zweimal mit einem zweischneidigen Schwert auf ihn einschlug. Er fiel in die silberwandige Wanne zurĂŒck, und Klytaimnestra rĂ€chte das ihr angetane Leid; sie schlug sein Haupt mit einer Axt ab. Dann rannte sie hinaus, um Kassandra mit der gleichen Waffe zu töten.
RĂŒckkehr und Rache des Orestes
Um ihn vor Aigisthos zu schĂŒtzen, war der junge Orestes kurz vor der RĂŒckkehr des Agamemnon nach Phokis geschickt worden, wo er am Hof des Strophios erzogen wurde. Dort fand Orestes einen abenteuerlustigen SpielgefĂ€hrten, nĂ€mlich Pylades, den Sohn des Strophios, der etwas jĂŒnger war als er selbst.
Zum Mann herangewachsen, besuchte Orestes das Delphische Orakel, um zu fragen, ob er den Mörder seines Vaters töten sollte. Wenn er es unterliesse, Agamemnon zu rĂ€chen, war Apollons Antwort, die auch von Zeus gutgeheissen wurde, wĂŒrde er von der Gesellschaft ausgestossen, von jedem Schrein und Tempel verbannt und von Lepra befallen werden. Diese Krankheit sollte sich in sein Fleisch fressen und es mit weissem Schimmel bedecken. Gleichzeitig gab die Pythia zu bedenken, dass die Erinyen nicht leicht einen Muttermord vergeben wĂŒrden. Daher gab sie Orestes auf Befehl des Apollon einen hörnernen Bogen, mit dem er ihre Angriffe abschlagen könnte, sollten sie unertrĂ€glich werden. Nach ErfĂŒllung dieser Befehle mĂŒsse er wieder nach Delphi kommen, wo Apollon ihn beschĂŒtzen werde.
Im achten Jahr â oder nach einer anderen Version, nach Ablauf von zwanzig Jahren â kehrte Orestes heimlich ĂŒber Athen nach Mykene zurĂŒck, mit dem Entschluss, sowohl Aigisthos wie auch seine eigene Mutter zu töten. Orestes klopfte an das Tor des Palastes und fragte nach dem Herrn oder der Frau des Hauses. Klytaimnestra kam selbst heraus, doch erkannte sie Orestes nicht. Er gab vor, traurige Nachrichten von einem gewissen Strophios zu bringen, den er durch Zufall auf der Strasse nach Argos getroffen habe: nĂ€mlich, dass ihr Sohn Orestes tot sei. Klytaimnestra hiess Orestes sofort im Palast willkommen.
Sie verbarg ihre Freude vor den Dienern und liess Aigishtos herbeiholen. Ohne Verdacht zu schöpfen, betrat Aigisthos den Palast, wo gerade Orestesâ Freund Pylades angekommen war und eine bronzene Urne brachte. Er erzĂ€hlte Klytaimnestra, dass sie die Asche des Orestes enthielte. Diese Nachricht liess Aigisthos vollstĂ€ndig arglos werden; so hatte Orestes keine Schwierigkeit, sein Schwert zu ziehen und ihn niederzustrecken. Klytaimnestra erkannte jetzt ihren Sohn und versuchte, sein Herz zu erweichen: Sie entblösste ihre Brust und flehte ihn an, seine Pflicht als Sohn nicht zu vergessen. Orestes jedoch enthauptete sie mit einem einzigen Schlag des gleichen Schwertes, und sie fiel an der Seite ihres Liebhabers zu Boden. WĂ€hrend er ĂŒber den Leichen stand, wandte er sich an die Dienerschaft des Palastes, hielt das noch immer blutbefleckte Netz hoch, in dem Agamemnon gestorben war, und entschuldigte sich beredt fĂŒr den Mord an Klytaimnestra. Er erinnerte an ihren Verrat und fĂŒgte hinzu, dass Aigisthos die Strafe erlitten hĂ€tte, die das Gesetz fĂŒr Ehebrecher vorschreibe.
Die Mykener, die Orestes bei seiner unerhörten Tat unterstĂŒtzt hatten, erlaubten nicht, dass die Leichen der Klytaimnestra und des Aigisthos in ihrer Stadt liegen blieben, sondern sie begruben sie ausserhalb der Stadtmauern. In dieser Nacht wachten Orestes und Pylades am Grab Klytaimnestras, dass keiner wagen sollte, es zu berauben. Doch wĂ€hrend ihrer Wache erschienen die schlangenhaarigen, hundeköpfigen, fledermausgeflĂŒgelten Erinyen und schwangen ihre Geisseln. Verwirrt durch diese wilden Angriffe, gegen die Apollons hörnerner Bogen von wenig Nutzen war, fiel Orestes flach auf eine Liege, wo er sechs Tage lang, sein Haupt in einen Mantel gehĂŒllt, lag und sich weigerte zu essen oder sich zu waschen. Dann betrat Menelaos in tiefe Trauer gekleidet den Palast, wo ihn sein Pflegevater Tyndareos begrĂŒsste. Dieser war der Meinung, dass sich Orestes mit der Verbannung Klytaimnestras durch seine MitbĂŒrger hĂ€tte zufriedengeben sollen. Wie die Dinge jetzt standen, mussten sie dazu ĂŒberredet werden, ob sie wollten oder nicht, nicht nur Orestes, sondern auch Elektra, die ihn angetrieben hatte, als Muttermörder zu Tode zu steinigen. Menelaos, der sich fĂŒrchtete, Tyndareos
zu beleidigen, sorgte dafĂŒr, dass das erwĂŒnschte Urteil gefĂ€llt wurde. Aber dank der beredten Selbstverteidigung des Orestes, der durch Pylades unterstĂŒtzt wurde, verwandelten die Richter das Urteil der Steinigung in ein Urteil zum Selbstmord.
Orestes vor den Richtern
Mit wolleumwundenen Lorbeerzweigen und ÂkrĂ€nzen â um zu zeigen, dass er unter dem Schutz Apollons stand â machte sich Orestes nach Delphi auf, noch immer von den Erinyen verfolgt. Die pythische Priesterin war erschrocken, ihn als Bittsteller auf den marmornen Nabelstein gekauert zu sehen â seine ungewaschenen HĂ€nde befleckt von Blut und die schreckliche Schar der schwarzen Erinyen schlafend an seiner Seite. Apollon jedoch beruhigte sie und versprach, als FĂŒrsprecher fĂŒr Orestes einzutreten. Ihm befahl er, seiner PrĂŒfung mit Mut entgegenzutreten. Nach einer Zeit der Verbannung sollte er nach Athen gehen und dort das alte Bild der Athene umarmen, die ihn, wie die Dioskuren bereits vorausgesagt hatten, mit ihrer gorgonengesichtigen Aigis schĂŒtzen und den Fluch zunichte machen wĂŒrde. WĂ€hrend die Erinyen noch fest schliefen, entfloh Orestes von Hermes geleitet. Aber Klytaimnestras Geist betrat bald den Tempelbereich, machte ihnen VorwĂŒrfe und erinnerte sie, dass sie oft Trankopfer von Wein und grimmige Mitternachtmahlzeiten aus ihrer Hand empfangen hĂ€tten. Daher nahmen sie erneut die Verfolgung auf.
Als ein Jahr vergangen war, besuchte Orestes Athen. Er ging sofort zum Tempel der Athene auf der Akropolis; dort warf er sich nieder und umarmte ihre Statue. Athene, die das Flehen des Orestes gehört hatte, eilte nach Athen, vereidigte die edelsten BĂŒrger als Richter und rief den Areopagos zusammen, um ein Urteil zu fĂ€llen. Dies war erst der zweite Mordfall, der vor ihn kam.
Zur festgelegten Zeit fand der Prozess statt. Apollon erschien als Verteidiger und die Ă€lteste der Erinyen als öffentlicher AnklĂ€ger. Als die Abstimmung unentschieden ausging, stellte sich Athene ganz auf die Seite des Vaters und gab ihre Stimme zugunsten Orestes ab. So war er nun in Ehren freigesprochen. Er kehrte freudenvoll nach Argolis zurĂŒck und gelobte, den Athenern, solange er lebte, ein treuer VerbĂŒndeter zu sein. Doch die Erinyen beklagten laut diese Vergewaltigung des alten Gesetzes durch neugekommene Götter.
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Klytaimestra sieht durch das offene Portal den Leichnam des Aigisthos liegen
Weh mir! Tot bist du, Liebster, du, mein Aigisthos!
Orestes
Du liebst ihn? Nun, so ruhe auch in einem Grab mit ihm. Er ist ja tot, ihn wirst du nie verraten!
Klytaimestra
Halt ein, mein Sohn! Empfinde Scheu vor dieser Brust, mein Kind, an der du oft, noch schlummernd, ohne ZĂ€hnchen, die Milch geschleckt, die dir so gute Nahrung bot!
Orestes
Was soll ich tun, mein Pylades? Die Mutter schonen?
Pylades
Wo bleiben kĂŒnftig dann die delphischen Orakel Apollons? Wo die Eidestreue?
Mache dir die ganze Welt zum Feinde, doch die Götter nicht!
Orestes
Recht hast du, meine ich, und gibst mir guten Rat.
Zu Klytaimestra.
Komm mit! An seiner Leiche will ich dich erschlagen.
Du zogst ihn auch im Leben meinem Vater vor. Im Tode schlaf mit ihm, du liebst ihn ja, indes du den, dem du die Liebe schuldig wÀrst, nur hasst.
Klytaimestra
Ich zog dich auf, an deiner Seite will ich altern.
Orestes
Als Mörderin des Vaters willst du bei mir leben?
Klytaimestra
DafĂŒr, mein Kind, trĂ€gt Moira die Verantwortung.
Orestes
So hat dir Moira nun auch diesen Tod bestimmt.
Klytaimestra
Die FlĂŒche deiner Mutter scheust du nicht, mein Kind?
Orestes
Du hast, als Mutter, tief ins Elend mich gestossen.
Klytaimestra
Ich stiess dich nicht â barg dich in teurem Freundeshaus!
Orestes
Schmachvoll ward ich verkauft, Sohn eines freien Vaters!
Klytaimestra
Wo ist dann der Erlös, den ich fĂŒr dich empfing?
Orestes
Aus Scham will ich dir diesen Schandpreis gar nicht nennen.
Klytaimestra
Sprich ebenso auch deines Vaters Fehler aus!
Orestes
Klag ihn nicht an: Er litt, du hocktest in der Heimat!
Klytaimestra
Es schmerzt ein Weib, den Mann entbehren mĂŒssen, Kind.
Orestes
WofĂŒr der Mann sich quĂ€lt, das nĂ€hret die daheim.
Klytaimestra
So willst du wirklich deine Mutter töten, Kind!
Orestes
Du selber bist es, die dich tödlich trifft, nicht ich.
Klytaimestra
Gib acht, scheu vor den bösen Hunden deiner Mutter!
Orestes
Und die des Vaters fangen mich, wenn ich dich schone.
Klytaimestra
Noch lebend, flehe ich zu einem Grabstein âsinnlos!
Orestes
Des Vaters Tod verhĂ€ngt dies Urteil ĂŒber dich.
Klytaimestra
Oh, ich gebar und ich ernÀhrte diese Schlange!
Orestes
Ein trefflicher Prophet war dein Entsetzenstraum!
Den Unrechten erschlugst du, dulde selbst jetzt Unrecht!
Er drÀngt sie in das Schloss.
Chor
Wehe, wehe! Unselige Tat!
Zu dem Leichnam Klytaimestras gewandt. Einem furchtbaren Tode fielst du zum Opfer. Wehe, wehe! Dem Ăberlebenden aber sprosst gleichfalls Leid!
Orestes
Tat sie es oder nicht? Als Zeuge gilt mir dies Gewand: Das Schwert des Aigisthos hat es gefÀrbt.
Der Blutfleck, als VerbĂŒndeter der langen Zeit, hat manches von der alten Farbenpracht zerstört.
Bald lobe ich mich selbst, bald muss ich mich bejammern, und wÀhrend ich zum Kleid des Vatermordes spreche, bedaure Tat und Leid ich und mein ganzes Haus, dem der Sieg als grauenvoller Schandfleck gilt!
Chor
Keiner der Sterblichen wird den Weg seines Lebens
ganz ohne UnglĂŒck, mit ungeschmĂ€lerten Ehren, zurĂŒcklegen. Wehe, wehe!
Kummer heute und Kummer in Zukunft!
Orestes
Ihr sollt es hören: Ich weiss nicht, wie das noch endet!
Mit meinem Wagen komme ich vom Wege ab; mein unzÀhmbarer Sinn reisst ohne Widerstand mich fort, und dicht an meinem Herzen ist die Furcht bereit, zu singen und dabei, vor Hass, zu tanzen.
Solang ich noch bei Sinnen bin, erklÀre ich den Freunden laut:
Mit Recht schlug ich die Mutter tot, die gottverhasste Schmach, die mir den Vater raubte!
Und als Haupttriebkraft meiner KĂŒhnheit nenne ich den Seher Pythos, Loxias; er sicherte fĂŒr diese Tat mir Freiheit zu von jeder Schuld, fĂŒr eine Weigerung â ich nenne nicht die Strafe; kein Pfeil wird dieser Qualen Gipfel je erreichen. Und ihr, Argeier, bitte, bleibt mir allesamt des UnglĂŒcks eingedenk, das hier geschah, und legt mir Zeugnis dafĂŒr ab, wenn Menelaos heimkehrt!
Doch ich bin heimatlos, aus diesem Land verbannt, und lasse, tot wie lebend, solchen Ruf zurĂŒck.
ChorfĂŒhrerin
Nein, recht hast du getan; missbrauch die Zunge nicht zu bösen Worten, stosse keine SchmĂ€hung aus, wo du die Freiheit fĂŒr ganz Argos brachtest durch die glĂŒckliche Enthauptung eines Schlangenpaares!
Orestes
Ha! Ihr MĂ€gde, da, die Frauen, fast wie die Gorgonen, in dĂŒsteren GewĂ€ndern und von Schlangen dicht umwimmelt! Nein, ich kann nicht lĂ€nger hier verweilen!
ChorfĂŒhrerin
Du, den der Vater innigst liebte â welch ein Wahn verwirrt dich? Ruhig! Keine Angst! Du, solch ein Sieger!
Orestes
Die Schrecken, die mich quÀlen, sind kein Wahn.
Das sind gewiss die hasserfĂŒllten Hunde meiner Mutter!
ChorfĂŒhrerin
Frisch ist das Blut noch, das an deinen HÀnden klebt; daher stammt die Verwirrung, die dich jetzt befÀllt.
Orestes
Oh, FĂŒrst Apollon, immer grösser wird ihr Schwarm, sie lassen bittres Blut aus ihren Augen tropfen!
ChorfĂŒhrerin
Ein Mittel zur EntsĂŒhnung steht dir frei; Apollon wird durch BerĂŒhrung dich von dieser Qual erlösen.
Orestes
Ihr seht sie nicht, doch ich, ich habe sie vor Augen; sie jagen mich, hier kann ich lÀnger nicht verweilen!
Er stĂŒrzt davon.
Stéphane Degout, Frédéric Antoun Spielzeit 2O19/2O
Orest
aus seiner BetÀubung erwachend und sich aufrichtend. Noch einen! reiche mir aus Lethes Fluten
Den letzten kĂŒhlen Becher der Erquickung!
Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen HinweggespĂŒlt; bald fliesset still mein Geist, Der Quelle des Vergessens hingegeben, Zu euch, ihr Schatten, in die ewgen Nebel.
GefÀllig lasst in eurer Ruhe sich
Den umgetriebnen Sohn der Erde laben!
Welch ein Gelispel hör ich in den Zweigen, Welch ein GerÀusch aus jener DÀmmrung sÀuseln?
Sie kommen schon, den neuen Gast zu sehn!
Wer ist die Schar, die herrlich mit einander
Wie ein versammelt FĂŒrstenhaus sich freut?
Sie gehen friedlich, Alt- und Junge, MĂ€nner
Mit Weibern; göttergleich und Àhnlich scheinen
Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sinds,
Die Ahnherrn meines Hauses! â Mit Thyesten
Geht Atreus in vertraulichen GesprÀchen;
Die Knaben schlĂŒpfen scherzend um sie her.
Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch?
Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne?
So bin auch ich willkommen, und ich darf
In euern feierlichen Zug mich mischen.
Willkommen, VĂ€ter! euch grĂŒsst Orest, Von euerm Stamme der letzte Mann; Was ihr gesĂ€t, hat er geerntet: Mit Fluch beladen stieg er herab; Doch leichter trĂ€gt sich hier jede BĂŒrde: Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis! Dich, Atreus, ehr ich, auch dich, Thyesten: Wir sind hier alle der Feindschaft los.
Zeigt mir den Vater, den ich nur einmal Im Leben sah! â Bist duâs, mein Vater? Und fĂŒhrst die Mutter vertraut mit dir?
Darf KlytÀmnestra die Hand dir reichen, So darf Orest auch zu ihr treten
Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn!
Seht Euren Sohn! Heisst ihn willkommen. Auf Erden war in unserm Hause
Der Gruss des Mordes gewisse Losung, Und das Geschlecht des alten Tantalus
Hat seine Freuden jenseits der Nacht.
Ihr ruft: willkommen! Und nehmt mich auf!
Birgitte Christensen, Statisterie Spielzeit 2O19/2O
Christoph Willibald Gluck und die Opernreform
BreidenbachIphigĂ©nie en Tauride, uraufgefĂŒhrt 1779 in Paris und ebendort stĂŒrmisch gefeiert, ist Glucks radikalste Reformoper. Sie bildet innerhalb seines Opernschaffens zweifellos den Höhepunkt und ist zugleich eine Synthese der verschiedensten musikalischen und geistigen Strömungen seiner Zeit; Spuren der italienischen Opera seria finden sich hier ebenso wie solche der OpĂ©ra comique, Elemente der TragĂ©die en musique verbinden sich mit den Gedanken der französischen AufklĂ€rer.
Der Beginn von Glucks Lebensweg als erstes von neun Kindern eines Forstmeisters liess seine spĂ€teren internationalen Erfolge als Opernkomponist in Wien und Paris nicht unbedingt erwarten. Geboren 1714 in der NĂ€he von NĂŒrnberg, riss Gluck als SechzehnjĂ€hriger nach eigenen Angaben heimlich von zuhause aus, um in Prag zunĂ€chst Logik und Mathematik zu studieren; seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Organist. Anschliessend fĂŒhrte ihn sein Weg vorĂŒbergehend nach Wien, wo er vermutlich bei dem FĂŒrsten Lobkowitz im Dienst war. Von dort ging er 1737 nach Mailand, um bei Giovanni Battista Sammartini Unter richt zu nehmen.
Im Vergleich zu anderen Komponisten seiner Zeit muss Gluck als musikalischer SpĂ€tentwickler gelten; erst mit 27 Jahren debĂŒtierte er als Opernkomponist mit Artaserse auf ein Libretto von Pietro Metastasio. Nach weiteren italienischen Opernkompositionen, die ihm mittlere Erfolge bescherten, wurde er 1745 fĂŒr zwei Opern ans Haymarket Theatre nach London engagiert. Dort blieb der Er folg zwar aus, doch er lernte Georg Friedrich HĂ€ndel kennen, dessen Musik
Beategrossen Eindruck auf ihn machte. Arbeiten fĂŒr verschiedene WanderoperTruppen folgten.
1748 erhielt Gluck den Auftrag, zum Geburtstag der Kaiserin Maria Theresia eine Oper zu schreiben. Der Wiener Hof sparte nicht mit Ausgaben, und so wurde die UrauffĂŒhrung von Semiramide zu einem â wie der berĂŒhmteste Librettist seiner Zeit, Pietro Metastasio, schreibt â «himmelstĂŒrmenden Erfolg dank der hervorragenden Mitwirkenden und der Pracht der Dekorationen, trotz einer unertrĂ€glichen, erzvandalischen Musik». Metastasio hielt es nicht einmal fĂŒr nötig, in seinem Brief den Namen des Komponisten zu erwĂ€hnen.
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1752 erregte Gluck dann erstmals europaweit Aufmerksamkeit mit einer Auftragskomposition fĂŒr Neapel, der damaligen Hauptstadt der Oper: La clemenza di Tito auf das gleiche MetastasioÂLibretto, das Mozart spĂ€ter vertonen sollte, spaltete die Musikwelt. Eine Arie aus der Oper löste besonders heftige Kontroversen aus: «Se mai senti spirarti sul volto» wurde zum Emblem einer ganz neuen Art, sich musikalisch auszudrĂŒcken. Die rhythmische Struktur der Arie ist schlicht, die Harmonik gewagt, alles zielt auf den Ausdruck, die VirtuositĂ€t des SĂ€ngers tritt in den Hintergrund. Damit weist diese Arie bereits weit voraus in die Zukunft: 20 Jahre spĂ€ter wird Gluck sie wiederverwenden, an zentraler Stelle in IphigĂ©nie en Tauride als «O malheureuse IphigĂ©nie», der Arie im zweiten Akt, mit der IphigĂ©nie ihren totgeglaubten Bruder betrauert.
Auch andernorts ist 1752 ein aufregendes Jahr fĂŒr die Oper. In Paris tobt zu jener Zeit der Buffonistenstreit, die «Querelle des Buffons», eine â vor allem unter Adeligen â leidenschaftlich gefĂŒhrte Auseinandersetzung ĂŒber die Frage, ob die französische oder die italienische die «wahre» Oper sei.
Ausgelöst wurde dieser Streit in der Stadt, in der bisher Lully und Rameau die Oper beherrscht hatten, einerseits von einem Gastspiel von Pergolesis Opera buffa La serva padrona, andererseits von einem Singspiel JeanÂJacques Rousseaus mit dem Titel Le devin du village. Dieses StĂŒck, eine der ersten OpĂ©ras comiques ĂŒberhaupt, spiegelt Rousseaus Kritik an der Zivilisation und seine Forderung, zum Einfachen, Unverstellten, Echten zurĂŒckzukehren; es enthĂ€lt Lieder, TĂ€nze und Volksmusik und preist das Landleben gegenĂŒber dem Leben in der Stadt. Die Melodie als Sprache der GefĂŒhle ist klar, einfach und empfindsam. (Das Libretto wurde spĂ€ter ĂŒbrigens noch einmal vertont â in Bastien und Bastienne
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von Wolfgang Amadeus Mozart.) Gluck hat diesen Streit nicht direkt mitbekommen, wohl aber die Auswirkungen davon. Um 1750 versuchte Ăsterreich unter Maria Theresia, sich mit Frankreich gegen die Preussen zu verbĂŒnden, was auch zu einer Neuorientierung der Kulturpolitik fĂŒhrte: Die diplomatischen BemĂŒhungen wurden von einer Hinwendung zum französischen Theater flankiert. Mit dem Grafen Durazzo wird 1754 ein AnhĂ€nger der französischen AufklĂ€rung Theaterdirektor in Wien; er lud französische Schauspieltruppen ans Burgtheater ein und förderte die französische OpĂ©ra comique. Gluck engagierte man als Bearbeiter dieser Werke; auf diese Weise machte er sich mit der Dramaturgie der französischen Oper vertraut, lernte den in Frankreich ĂŒblichen Einsatz des Chores schĂ€tzen und entdeckte die Stoffe der griechischen Klassik, die in Frankreich durch Corneille und Racine lĂ€ngst etabliert waren.
Mit Graf Durazzo gelangten die Ă€sthetischen Forderungen von Rousseau, Diderot, dâAlembert von Paris nach Wien: An die Stelle höfischer Konvention sollten, so die französischen AufklĂ€rer, in der Oper Einfachheit, NatĂŒrlichkeit, Aufrichtigkeit und echter Ausdruck treten.
1761 schliesslich traf eine weitere Person in Wien ein, die fĂŒr Glucks Opernreform eine entscheidende Rolle spielen sollte: Ranieri deâ Calzabigi, Librettist von Glucks erster grosser Reformoper, Orfeo ed Euridice. Calzabigi hatte zwischen 1750 und 1760 in Paris gelebt und dort die Kunsttheorie von Diderot, Rousseau und Voltaire aufgesogen. Bis dahin hatten in Wien die Italiener mit Opern nach Libretti von Metastasio die BĂŒhnen beherrscht; diese Opere serie wurden nun zunehmend als steif und schematisch empfunden, besonders in Bezug auf die immer gleiche Intrigenhandlung und die strikte Trennung der nur vom Cembalo begleiteten «recitativi secchi» von den Ă€usserst virtuosen Arien in DaÂCapoÂForm, bei denen vor allem das Können der SĂ€ngerinnen und SĂ€nger im Vordergrund stand. Nun waren Charaktere gefragt, die aus der Natur selbst kommen, mit individuellen Leidenschaften, die fĂŒr das Publikum nachvollziehbar waren. Folgerichtig befreite Calzabigis Libretto die Handlung des Orfeo von Intrigen und Nebenfiguren, gab dem Chor eine tragende Rolle, setzte ganz auf einen wortbetonten, expressiven Deklamationsstil â und weckte in Gluck den RevolutionĂ€r.
FĂŒnf Jahre spĂ€ter trieben Gluck und Calzabigi ihre Opernreform noch weiter, und zwar mit der Oper Alceste. Das Vorwort zu dieser Oper ist in die Musikgeschichte eingegangen; Gluck pocht hier auf «stets anziehende Situationen», «abwechselnde Handlung» und auf die «Sprache des Herzens». Mit Alceste wurde er in ganz Europa bekannt â und war nun in der komfortablen Situation, sich selbst mit einem Brief an den Leiter der Pariser Oper fĂŒr einen lukrativen Opernauftrag ins Spiel bringen zu können. Glucks Wunsch stiess dort auf offene Ohren â nicht zuletzt dank der Protektion von Marie Antoinette, die vormals die österreichische Prinzessin Maria Antonia war und als Kind in Wien von Gluck Gesangsunterricht erhalten hatte. Gluck bekam den Auftrag, sechs Werke fĂŒr die Pariser Oper zu komponieren, der ihm die unfassbare Summe von 6000 Livres pro Jahr plus noch einmal die gleiche Summe fĂŒr jede abgelieferte Partitur einbringen sollte. Im GepĂ€ck hatte er die bereits halbfertige IphigĂ©nie en Aulide nach einer Tragödie von Racine.
WĂ€hrend der intensiven Proben zur UrauffĂŒhrung der Aulischen Iphigenie in Paris machte Gluck sich Ă€usserst unbeliebt. Er nahm keinerlei RĂŒcksicht auf SĂ€ngerinnen und SĂ€nger, probte unermĂŒdlich und vergriff sich öfter mal im Ton; er gilt heute als einer der ersten «Pultstars» und als einer der ersten Komponisten, die Wert auf die Interpretation ihrer Opern legten und diese auch möglichst immer selbst leiten wollten.
Nichtsdestotrotz feierte man IphigĂ©nie en Aulide in Paris geradezu hysterisch. Gluck wurde zum Mittelpunkt der Gesellschaft; man trug Kleidung «à lâIphigĂ©nie», und Rousseau schrieb an Gluck, dieser habe «in die Tat umgesetzt», was Rousseau «bis heute fĂŒr unmöglich gehalten habe». Marie Antoinette berichtete ihrer Schwester: «VoilĂ un grand triomphe, wir haben am 19. die erste AuffĂŒhrung von Glucks IphigĂ©nie gehabt, ich bin hingerissen davon; man kann von nichts anderem mehr sprechen, Du kannst Dir nicht vorstellen, in welchem Mass es in allen Köpfen gĂ€rt, es ist unglaublich. Man formiert sich, man attackiert sich, als ginge es um eine Frage der Religion.» Mit 60 Jahren war Gluck weltberĂŒhmt.
So viel Erfolg musste Glucks Gegner provozieren: Die AnhĂ€nger der italienischen Opera seria warfen ihm vor, er kenne keinen wirklichen Gesang und schon gar keine Melodie und sei nur fĂ€hig zu musikalischem LĂ€rm â der alte
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Streit um die Vorherrschaft der italienischen bzw. der französischen Oper flammte wieder auf, und Glucks Gegner luden den Komponisten NiccolĂČ Piccinni zu einem Wettstreit nach Paris ein. Mit dem EinverstĂ€ndnis von Marie Antoinette wurde vereinbart, dass beide Komponisten dasselbe Libretto vertonen sollten, den Roland von Quinault, seinerzeit Librettist von Lully. Gluck, der sich der Protektion MarieÂAntoinettes sicher sein konnte, setzte sich jedoch ĂŒber diese Abmachung hinweg und komponierte stattdessen Quinaults ArmideÂLibretto, ein französisches Nationalheiligtum, das schon Lully vertont hatte. Damit trieb er seine Gegner, die ihn als «dictateur dâart» und als arroganten Teutonen bezeichneten, endgĂŒltig zur Weissglut. Es wurde nun so heftig ĂŒber Oper gestritten, dass es fast zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kam.
Daraufhin wagte die Pariser Oper einen zweiten Versuch, Piccinni und Gluck zu einem lukrativen Schaukampf antreten zu lassen. Piccinni, der «unschuldige PrĂŒgelknabe der Musikgeschichte» (Eduard Hanslick), erhielt die Zusage, er könne seine Oper als erstes herausbringen; aber Gluck, einmal mehr von Marie Antoinette protegiert, unterlief auch diese Abmachung: Mit seiner IphigĂ©nie en Tauride feierte die Opernreform im Mai 1779 einen ĂŒberwĂ€ltigenden Triumph, Piccinnis Werk erschien erst zwei Jahre spĂ€ter.
Dieser Erfolg sollte Glucks grösster Erfolg bleiben; mit seinem letzten Werk fĂŒr die OpernbĂŒhne, Ăcho et Narcisse, konnte er nicht mehr an seine vorangegangenen Triumphe anknĂŒpfen. EnttĂ€uscht verliess er Paris in Richtung Wien. Dort wenigstens wurde der 67ÂJĂ€hrige gebĂŒhrend gefeiert; etliche der zahlreichen AuffĂŒhrungen seiner Opern gerieten durch Besuche europĂ€ischer Herrscher zu FestauffĂŒhrungen, und 1781 wurde mit grossem Erfolg die deutsche Fassung der Taurischen Iphigenie in Wien uraufgefĂŒhrt. Mehrere SchlaganfĂ€lle vereitelten Glucks letzte ReiseplĂ€ne; am 15. November 1787 starb er in Wien.
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Birgitte Christensen, Stéphane Degout,Damenchor Spielzeit 2O19/2O
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Glucks «Iphigénie en Tauride» zwischen Klassizismus und Revolution
Uwe Schweikert
Die Zeit zwischen 1760 und 1780 war eine Ăbergangszeit in der Operngeschichte und Gluck mit seinen erst fĂŒr Wien und dann nach 1770 fĂŒr Paris entstandenen Werken nicht der einzige, wohl aber der radikalste Neuerer, der um den dramatischen Ausdruck in der ernsten Oper rang. Das gilt nicht zuletzt fĂŒr den Gipfel seines Schaffens, die am 18. Mai 1779 uraufgefĂŒhrte IphigĂ©nie en Tauride. Der Anspruch gerade dieses StĂŒckes, mit dem Gluck die 1774 mit IphigĂ©nie en Aulide begonnene Reihe seiner Pariser Opern sowohl stofflich wie Ă€sthetisch weiterfĂŒhrte, manifestiert sich bereits in der Gattungsbezeichnung. WĂ€hrend die vorausgegangenen Werke, der französischen Tradition der TragĂ©die en musique entsprechend, als TragĂ©dieÂopĂ©ra firmieren, haben Gluck und sein Librettist Guillard IphigĂ©nie en Tauride lapidar als TragĂ©die benannt. Nirgends unterstreicht Gluck das Ziel der Reform, die Oper aus dem Geist der antiken Tragödie zu erneuern und damit das gesprochene Drama vom Musikdrama her zu ĂŒbertreffen, deutlicher als hier. Erst das musikalisierte Drama ist das wahre Drama und fĂŒhrt â ein revolutionĂ€rer Anspruch im Operndiskurs der Zeit! âsowohl ĂŒber die Verstragödien Corneilles und Racines als auch ĂŒber die antike Tragödie in der uns ĂŒberlieferten Form hinaus.
Ausgangspunkt fĂŒr Gluck und seinen Librettisten war die Tragödie des Euripides. Sie kannten aber auch die französische Bearbeitung des Stoffs durch Claude Guimond de La Touche (1757), aus der sie den von Euripides abweichenden Schluss ĂŒbernahmen: IphigĂ©nie leistet im Tempel offenen Widerstand gegen das Opfergebot des Thoas und stellt ihren Bruder Orest unter den Schutz der Priesterinnen; Pylades dringt mit einigen Griechen ein und ersticht Thoas. Und zumindest Gluck kannte Tommaso Traettas 1763 in Wien uraufgefĂŒhrte Ifigenia in Tauride, der er wesentliche Anregungen fĂŒr die musikalische Gestaltung der
FurienÂSzene verdankte. Nimmt man hinzu, dass auch andere Reformer wie Francesco de Majo (1764), NiccolĂČ Jommelli (1771) und, in direkter Konkurrenz zu Gluck, NiccolĂČ Piccinni (1781) denselben Stoff fĂŒr die OpernbĂŒhne bearbeiteten, so darf man annehmen, dass der IphigenieÂMythos, der schon in der Gestaltung des Euripides einen humanitĂ€ren Kern besitzt, den Ă€sthetischen Nerv dieser vorrevolutionĂ€ren Umbruchszeit getroffen haben muss. Indirekt bestĂ€tigt wird dies durch Goethes nur wenige Wochen vor Glucks Oper im Weimarer Liebhabertheater uraufgefĂŒhrtes Schauspiel Iphigenie auf Tauris, das allerdings erst 1787 im Druck erschien.
Was hat es nun mit der «verteufelten HumanitĂ€t» (um Goethes spĂ€tere Distanzierung gegenĂŒber dem Traum von der HumanitĂ€t zu paraphrasieren) von Glucks IphigĂ©nie en Tauride auf sich? Winckelmann hat 1755 am Beispiel der LaokoonÂFigur «edle Einfalt» und «stille Grösse» als «vorzĂŒgliche Kennzeichen» der griechischen Kunst benannt und damit zur normativen Vorgabe fĂŒr die eigene Zeit erhoben. Diese Kampfansange an den Schwulst des Barock und die Verspieltheiten des Rokoko meinte aber noch nicht jene gipserne KlassizitĂ€t, zu der die RĂŒckwendung zur Antike im 19. Jahrhundert verkam und die man lange auch Gluck vorwarf, sondern Beherrschtheit und erhabene Haltung selbst in der GefĂ€hrdung physischer Existenz.
FĂŒr den Opernreformer Gluck bedeutete dies, in Anlehnung an Francesco Algarottis Ă€sthetisches Manifest «Saggio sopra lâopera in musica» (1754), MissbrĂ€uche der italienischen Opera seria zu bekĂ€mpfen: «Ich suchte ... die Musik zu ihrer wahren Bestimmung zurĂŒckzufĂŒhren: die Dichtung zu unterstĂŒtzen, um den Ausdruck der GefĂŒhle und das Interesse der Situationen zu verstĂ€rken, ohne die Handlung zu unterbrechen oder durch unnĂŒtze Verzierungen zu entstellen» (Vorwort zur Alceste, 1769). Die musikalischen Konsequenzen waren: Verzicht auf die Vorrangstellung des Gesangs; Aufhebung der starren Trennung von Rezitativ und Arie, wie sie in der metastasianischen Seria ĂŒblich war und stattdessen, nach französischem Vorbild, expressive Deklamation des Textes; nicht zuletzt die EinfĂŒhrung von Chören und die Integration des Balletts. Hinzu kam in der IphigĂ©nie der Verzicht auf jegliche Liebeshandlung. Erhabene Schlichtheit, Wahrheit und NatĂŒrlichkeit waren Glucks Ziele â im Bewusstsein, dass zwar die Musik dem Drama mit seinen diskontinuierlichen GefĂŒhlen und
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Empfindungen zu dienen hatte, dass sie aber allein mit ihrer FĂ€higkeit, Furcht und Mitleid zu erregen, den Einbruch des Mythischen ins Geschehen beglaubigen konnte.
«Die Poesie verlangt etwas Ungeheures, Barbarisches und Wildes.» An diese Maxime des AufklĂ€rers Denis Diderot (De la poĂ©sie dramatique, 1758) hielt Gluck sich und hat sie auf die Musik ĂŒbertragen, als er sich daranmachte, die Tragödie Iphigenie auf Tauris zu vertonen. Zu diesem Zweck greift er auf die TableauÂTechnik der französischen Oper mit ihren wirkungsvollen Bildern zurĂŒck, fĂŒgt sie ins Seelendrama von IphigĂ©nie und Orest ein und versetzt den Zuschauer damit in die Lage, das BĂŒhnengeschehen zugleich von aussen wie von innen, als Drama wie als Psychodrama zu verfolgen. Dies gilt fĂŒr die grossen, in dieser Verdichtung nie wieder erreichten Bilder im ersten und zweiten Akt: den Gewittersturm, den Auftritt der Furien und das Gedenkritual IphigĂ©nies um den tot geglaubten Bruder. Gluck konnte hier an vergleichbare Szenen anknĂŒpfen, wie er sie im Orfeo und in der Alceste gestaltet hatte. Allerdings â und das macht die Unterwelt und TombeauÂBilder der IphigĂ©nie so einzigartig âhebt er den mythischen Vorgang, darin durchaus Goethe vergleichbar, auf eine individuelle, rein menschliche Ebene: IphigĂ©nie und Orest sind Figuren, deren Schicksal und seelische Gestimmtheit «wie Pfeile mit der Gewalt der Musik die Herzen treffen» (um den Zeitgenossen Wilhelm Heinse zu zitieren).
Auch Majos 1764 in Mannheim aufgefĂŒhrte Ifigenia beginnt mit einem auskomponierten Unwetter, das gleichsam pantomimisch den Schiffbruch Orests untermalt. Gluck nimmt die Anregung auf, schreibt aber keine formelle OuvertĂŒre mehr, sondern lĂ€sst die zunĂ€chst bukolische Stimmung nach wenigen Takten in einen Sturm ĂŒbergehen, dessen szenografischen Ablauf samt Regen und Hagel er in der Partitur aufs Genaueste mit der Musik korreliert. Und er verbindet dieses Naturereignis mit dem Auftritt IphigĂ©nies und ihrer Priesterinnen, die die Götter um Erbarmen anflehen. Zugleich ist das Unwetter sichtbares Zeichen des in IphigĂ©nies Seele tobenden Sturms, ihres nĂ€chtlichen Traums ĂŒber den Untergang des eigenen Geschlechts, den Mord an Vater und Mutter. Damit ist vom ersten Moment an das Schicksal des unglĂŒcklichen Geschwisterpaars auf theatralisch wie musikalisch gleichermassen wirksame Weise angeschlagen.
Kontrapunktisch zur Introduktion steht am Ende des ersten Aktes der Auftritt der Skythen und ihres Königs Thoas. Gluck hat zur Charakterisierung der Barbaren mit dem aus der Janitscharenmusik bekannten Schlagwerk â Triangel, Becken, Pauken und Trommel â das entsprechend exotisch klingende Instrumentarium gewĂ€hlt. Dass Aggression aus Angst entsteht, diese Einsicht vermittelt Gluck lange vor Freud im drohenden Unterton der posaunenartig eingesetzten Hörner sowie im dumpfen Klang, mit dem die Streicher Thoasâ Auftritt begleiten. Auf dieselbe «rohe StĂ€rke» (Heinse) sind auch die Chöre und MordtĂ€nze gestimmt, mit denen die Skythen die Opferung der beiden schiffbrĂŒchigen Fremden, Orest und Pylades, fordern. Mit dieser Einbindung der in der französischen Oper ĂŒblichen Tanzszenen in die Handlung gibt Gluck dem Ballett eine vollkommen neue, geradezu schockierende Form.
Von Ă€hnlich dramatischer Stringenz und szenischer Geschlossenheit wie der erste ist auch der zweite, im Opfertempel spielende Akt. Nachdem Pylades von den Tempeldienern hinweggefĂŒhrt wurde, bleibt Orest allein zurĂŒck. Erregte Streicherfiguren begleiten seinen Zusammenbruch. Nachdem er wieder zu sich kommt, fĂŒhlt er sich wie im Delirium von einer beglĂŒckenden Stille umfangen. Die untergrĂŒndig weiterwirkende Unruhe des Fluchbeladenen verlegt Gluck in einer Art «nervösem EmpfindungsÂDiagramm» (Norbert Miller) ganz ins Orchester. Seufzerfiguren in den Violinen, ein ĂŒber 60 Takte hinweg festgehaltener Synkopenrhythmus in der «unablĂ€ssig und leisâ nagenden Bratschen» (Adolf Bernhard Marx) sowie der kaum je sich vom A wegbewegende Orgelpunkt in den KontrabĂ€ssen evozieren einen Abgrund der Angst. Als bei den Proben jemand bemerkte, die fortarbeitende Bratsche widerspreche den Worten, rief Gluck nach dem Zeugnis von Madame de Genlis aus: «Er lĂŒgt, er lĂŒgt! Er hat die Mutter erschlagen!» Gluck, so kommentiert die Genlis, verstehe es, «durch die Begleitung auszudrĂŒcken, was in der Szene vorgeht, wenn die Worte es zu verbergen trachten». Dies ist aber erst der Auftakt zur Unterweltszene mit ihrem Terror der Seele, wenn die Furien, die Orest verfolgen, wie aus dem Unterbewusstsein des Schlafenden auftreten und ihn seines Verbrechens anklagen. Die chorische Pantomime mĂŒndet in die bestĂŒrzende Verwechslung des Erwachenden, der in der eintretenden Schwester die im Traum erblickte Mutter zu erkennen glaubt. Anders als bei Euripides findet bei dieser Begegnung noch kein Wiedererkennen
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von Bruder und Schwester statt. IphigĂ©nie erfĂ€hrt nur, was seit ihrer EntrĂŒckung nach Tauris in Mykene geschehen ist â eine Szene, in der Glucks rezitativische Deklamation dem Wortwechsel der beiden Schlag um Schlag mit Ă€usserster PrĂ€gnanz folgt. IphigĂ©nies Klagegesang ĂŒber den Bruder, den sie nun fĂŒr tot hĂ€lt, spricht sich in reinstem Dur aus â ein Dur, dem allerdings die sehnsuchtsvoll mit dem Gesang sich verschlingende Oboe und die rhythmische Gegenakzentuierung einen Unterton von schmerzvoller Melancholie beimischen. Glucks Musik vermittelt â ganz im Einklang mit der Ăsthetik Winckelmanns, Diderots oder Edmund Burkes â, dass im Erhabenen selbst die innere Erregung noch des schönen Ausdrucks bedarf. Sie baut â wie in der Sturmszene, in Orests Traum oder, an IphigĂ©nies Arie sich anschliessend, im Ritornell des Totenrituals â eine «psychische Spannung zwischen innerem Zustand und Ă€usserer Haltung» (Ulrich Schreiber) auf.
Die Anagnorisis, das Wiedererkennen von Bruder und Schwester und damit die Peripetie des Dramas, hat Guillard, entgegen der Vorlage von Euripides, fast bis zum Schluss hinausgezögert, nĂ€mlich unmittelbar bis zum Moment der Opferung â dem «grossen Theaterstreich, wie IphigĂ©nie das Messer in die Hand nimmt» (Heinse). Gluck und Guillard gönnen beiden nur wenige Takte der Wiedersehensfreude, ehe, Katastrophe und Rettung in eins, Auftritt und Tod des racheschnaubenden Thoas sowie der Einspruch der friedenstiftenden Göttin Diana das glĂŒckliche Ende bringen â und selbst hier geht dem Schlusschor noch die in Moll abgedĂ€mpfte «verhaltene Freude» (Klaus Hortschansky) voraus, mit der Orest seine Befreiung durch IphigĂ©nie preist. Zu Recht entfĂ€llt denn auch das ĂŒbliche Schlussballett, ein vermeintlicher «Fehler», den schon die Nachwelt korrigieren zu mĂŒssen glaubte.
«Einfach und natĂŒrlich» â so Gluck in einem Brief vom Februar 1773 im Mercure de France, der seiner Berufung nach Paris vorausging â «strebt meine Musik, soviel es mir möglich ist, immer nur nach der höchsten Kraft des Ausdrucks und nach VerstĂ€rkung der Deklamation in der Poesie.» In der taurischen Iphigenie hat er diesen Vorsatz verwirklicht: in dramatisch packenden Situationen, die er an den Gelenkstellen des Dramas zu szenischen Bildern verdichtet; in Chören und Pantomimen, die die erhabene Stimmung des Orfeo fortschreiben und sich doch ganz dem Handlungsaugenblick unterordnen; in einer IndividualiÂ
sierung und Humanisierung des antiken Stoffes, bei der ethische Menschlichkeit den Sieg ĂŒber die Macht des Schicksals davontrĂ€gt; nicht zuletzt einer musikalischen Deklamation, die alle Elemente Melos, Rhythmik, Harmonik und Instrumentation â in den Dienst einer Erfahrung des Unbewussten stellt, wie sie gleichzeitig bei den VorlĂ€ufern der modernen Psychiatrie, dem Magnetismus Franz Anton Mesmers, dem Spiritismus Armand de PuysĂ©gurs oder der Erfahrungsseelenkunde Karl Philipp Moritzâ aufscheint.
Obwohl AufklĂ€rer durch und durch, hat Gluck sich den AbgrĂŒnden des Menschseins so wenig verschlossen wie die wesentlich jĂŒngeren Dramatiker des Sturm und Drang und in der Seelenmalerei seiner Musik Psychogramme entworfen, deren Kompromisslosigkeit noch heute den Atem verschlĂ€gt. «Gluck» â so sein Wiener Librettist Ranieri deâ Calzabigi in der RĂŒckschau â «liebte die GefĂŒhle, die der einfachen Natur abgelauscht waren, liebte die mĂ€chtigen Leidenschaften auf ihrem Siedepunkte, auf der Höhe ihres Ausbruchs; liebte den lauten, theatralischen Tumult». Als revolutionĂ€res Gesamtkunstwerk durfte er seine Oper IphigĂ©nie en Tauride darum zu Recht als eine in Musik gesetzte «Tragödie» bezeichnen.
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Cecilia Bartoli, Birgitte Christensen, Stéphane Degout, Chor Spielzeit 2O19/2O
Cecilia Bartoli Spielzeit 2O19/2O
Christoph Willibald Gluck an seinen Librettisten Nicolas-François Guillard
Wien, 17. Juni 1778
Ihre Briefe treffen sehr spĂ€t ein, mein Freund, erst gestern erhielt ich Ihren letzten, der 16 Tage unterwegs war; ich glaubte schon, Sie seien krank. Sie wollen, dass ich die wesentlichen Punkte Ihres Briefes beantworte? Sie sehen mich dazu bereit. Erstens möchte ich Ihnen sagen, dass die Ănderungen, die Sie in Ihrem vierten Akt vorgenommen haben, ganz umsonst sind, weil ich das Duett zwischen Orestes und Pylades sowie die Arie, die den Akt schliesst, «DivinitĂ©s de grandes Ăąmes», bereits vollendet habe und nichts mehr daran Ă€ndern kann. Ferner, in dem, was Sie den fĂŒnften Akt nennen, wird man wahrscheinlich die dritte Strophe der Hymne streichen oder eine interessantere schreiben mĂŒssen, in der die Worte «le scythe fier et sauvage» nicht hervorstechen, da diese nur schlecht zur Pathetik der Situation taugen; ĂŒberdies mĂŒssen die Verse das gleiche Versmass haben, vier zu vier. Die zweite Strophe sieht jetzt folgendermassen aus: «Dans les cieux et sur la terre, tout est soumis Ăą ta loi, tout ce que lâErĂšbe enserre Ăą ton nom pĂąlit dâeffroi». Falls Sie eine dritte Strophe machen wollen, muss sie die gleichen VersfĂŒsse wie die zweite haben, denn wĂ€hrend gesungen wird, vollzieht sich die Feierlichkeit nach der Gesangsmelodie; und das ist wesentlich. Ich möchte auch, dass Thoas in der vierten Szene wĂŒtend, mit einer Arie voll SchmĂ€hungen auftritt, und dass alle Verse bis zum Eintritt des entscheidenden Momentes ohne Rezitativ gesungen werden können. Dadurch erhielte die Auflösung WĂ€rme und alle Schauspieler und die Chöre eine höchst wirkungsvolle Bewegung. Aber sprechen wir nun von der Arie, die den Akt wĂ€hrend der Totenopfer beendet. Ich wĂŒnschte mir eine Arie, in der die Worte
sowohl den Vorgang als auch die Musik ausdrĂŒcken, wobei das sinntragende Wort stets am Ende und nie am Anfang oder in der Mitte des folgenden Verses stehen darf. So schlecht sich dies im Rezitativ macht, so wesentlich ist es bei Arien, und macht den Unterschied zwischen den beiden Ausdrucksmitteln aus. Auch wirken die Arien dadurch viel flĂŒssiger. Nun aber kommen wir zum Metrum der Arie, die ich haben möchte. Ich gebe Ihnen den italienischen, zehnsilbigen Text und unterstreiche darin die Silben, die lang und klingend sein mĂŒssen:
se mai senti spirarti sul volto lieve fiato que lento sâaggiri di, son questi gli estremi sospiri del mio fido che muore per me.
Den dritten Vers hĂ€tte ich gern durch ein einsilbiges Wort unterbrochen wie im Italienischen, beispielsweise «vois nos peines, entends nos cris perçants». Der letzte Vers muss womöglich schwermĂŒtig, dunkel sein, um mit der Musik ĂŒbereinzustimmen. Nach diesen vier, oder wenn Sie wollen acht Versen, sofern Sie bloss das gleiche Versmass haben, kommt der Chor, die dĂŒsteren Vorbereitungen zu betrachten. Das scheint mir der Situation sehr zu entsprechen, und ich wĂŒnschte fast, die Arie, um die es sich hier handelt, möge ungefĂ€hr den gleichen Sinn haben. Nach dem Chor wird die Arie da capo gesungen oder nur die vier Verse, die Sie machten. Ich drĂŒcke mich etwas verworren aus, denn die Musik geht mir stĂ€ndig im Kopf herum.
Alles ĂŒbrige, glaube ich, dĂŒrfte bleiben, wie es ist; wir werden höchstens da und dort ein StĂŒck Rezitativ streichen, das eine textliche Wiederholung bringt oder eine LĂ€nge enthĂ€lt. Das aber wird dem Werk nicht schaden, das nach meiner Meinung eine ausserordentliche Wirkung ausĂŒben muss. Ich gebe Ihnen noch keinen Bescheid wegen meiner Einrichtung, sondern warte Ihren ersten Brief mit VorschlĂ€gen ab, um Ihnen dann meine Stellungnahme bekannt zu geben. Richten Sie es in der Zwischenzeit doch so ein, dass die Königin mich fĂŒr unbestimmte Zeit anfordert, fĂŒr einige Jahre, damit ich mich hier mit Anstand losmachen kann. Nur mĂŒsste sie es unverzĂŒglich machen, denn ich will nicht mehr im Winter reisen und wĂŒrde mich anfangs September auf den Weg
machen. Nur mĂŒsste ich es einige Monate vorher wissen, um meine Sachen zu verkaufen und meine Angelegenheiten in Ordnung bringen zu können.
Leben Sie wohl, teuerster Freund, ich umarme Sie von ganzem Herzen; Sie und unsere Bekannten.
PS: Ich finde den Prolog nicht mehr! Auf alle FÀlle könnte Abbé Pezzona ihn aus Parma kommen lassen. Sagen Sie es unserem lieben Abbé.
Wie ich mir die Einteilung des StĂŒckes in vier Akte denke, ersehen Sie aus folgendem:
Erste Szene: Orestes und Pylades in Ketten. Die ganze Szene besteht aus der Arie «Unis de la plus tendre enfance», und endet auch mit ihr.
Zweite Szene: Orestes, Pylades, der Minister. Die fĂŒnf Verse bleiben gestrichen, da sie ĂŒberflĂŒssig sind.
Dritte Szene: Orestes allein.
Vierte Szene: Orestes, die Eumeniden.
FĂŒnfte Szene: IphigĂ©nie, allein mit Orestes. Pylades tritt nicht auf. Diese Szene kann als Dialog interessant sein. Es ist fesselnd, wenn das Wort Agamemnon dreimal von Orest wiederholt wird. Das gibt eine Art Duett der beiden Hauptdarsteller. Im grossen und ganzen kann, was sie sich zu sagen haben, bleiben. Dadurch kommt mehr Abwechslung in das StĂŒck, denn sonst sind Orest und Pylades in dieser Szene zu viel beisammen. Alles, was Pylades sagt, ist ohne Bedeutung und mit FĂŒllwörtern ĂŒberladen. Orest hat genug Selbstbeherrschung, und IphigĂ©nie entreisst ihm die Worte beinahe mit Gewalt, so dass er nicht von Pylades aufgehalten werden muss. Schreiben Sie diese Szene so rasch wie Sie können, denn ich möchte mit der Oper Ende Juli fertig sein.
Sechste Szene: Szene des Totenopfers und damit Schluss des Aktes. Auf diese Weise kann die Oper in vier Akte eingeteilt bleiben. Setzte man einen fĂŒnften hinzu, wĂ€re der Schluss des zweiten Aktes, nach meiner Ansicht, schlecht, weil die Eumeniden Orest nur im Traum und der Phantasie erscheinen. Das zerstört die Vorstellung, er sĂ€he seine Mutter, wenn er IphigĂ©nie sieht. Wenn er die Worte «Ma mĂšre! Ciel!» sagt, muss er noch mit seinem Traum beschĂ€ftigt sein, sonst wĂŒrden diese ihre Wirkung verlieren. Der Akt wird dadurch zwar lĂ€nger werden, das macht aber nichts, da alles viel leidenschaftlicher ist.
1744 1746
Christoph Willibald Gluck
Am 2. Juli wird Christoph Willibald Gluck in Erasbach (Oberpfalz) geboren.
NiccolĂČ Piccinni wird geboren.
Im Alter von 16 Jahren verlÀsst Gluck nach einem Streit mit seinem Vater das Elternhaus und musiziert, um Geld zu verdienen.
Gluck wird als Student der Logik und Mathematik an der UniversitÀt Prag immatrikuliert.
In Mailand wird Gluck Mitglied der Hauskapelle des FĂŒrsten Antonio Maria Melzi. Ausserdem ist er SchĂŒler von Giovanni Battista Sammartini.
Glucks erstes Werk als Opernkomponist, Artaserse, wird in Mailand erfolgreich auf die BĂŒhne gebracht. Antonio Vivaldi stirbt in Wien.
In Italien werden in diesem Jahr drei Opere serie von Gluck uraufgefĂŒhrt: La Sofonisba, Ipermestra, Poro (Alessandro nellâIndie).
Glucks Oper La caduta dei giganti wird in London uraufgefĂŒhrt. Dort trifft er an einem Benefizkonzert trifft zum ersten Mal auf Georg Friedrich HĂ€ndel.
Johann Wolfgang von Goethe wird geboren. Dreissig Jahre spĂ€ter wird sein Werk Iphigenie auf Tauris zum ersten Mal aufgefĂŒhrt werden.
Gluck heiratet Maria Anna Bergin (1732Â1800). Gemeinsam werden sie 1768 Nanette (Marianna) Hedler, die Tochter von Glucks Schwester, adoptieren.
Johann Sebastian Bach stirbt in Leipzig.
Gluck zieht mit seiner Ehefrau permanent nach Wien, wo er Kapellmeister und Komponist fĂŒr die Hauskapelle des Prinzen
Joseph Friedrich von SachsenÂHildburghausen wird.
Durazzo, der Generalintendant der Wiener Theater, stellt Gluck als Komponist von «Theatral und Akademiemusik» fĂŒr beide Hoftheater an.
FĂŒr Rom komponiert Gluck die Oper Antigono. Er erhĂ€lt den Titel des «Cavaliere dello sperone dâoro» und wird seitdem oft als Ritter Gluck bezeichnet.
Wolfgang Amadeus Mozart wird in Salzburg geboren.
Gluck komponiert seine erste OpĂ©raÂcomique (La fausse esclave ).
Am Wiener Hoftheater wird Gluck zum BallettmusikÂKomponisten ernannt.
Georg Friedrich HĂ€ndel stirbt.
Die Zusammenarbeit zwischen Calzabigi und Gluck beginnt.
Ihr Ziel ist es, das musikalische Drama moderner zu gestalten.
Orfeo ed Euridice wird am 5. Oktober als erste Reformoper mit dem Libretto von Calzabigi uraufgefĂŒhrt.
1765 1767 1770 1773 1776
Glucks vierte BallettÂPantomime IphigĂ©nie wird uraufgefĂŒhrt. Die Musik ist verschollen.
Zu Traettas Ifigenia in Aulide komponiert Gluck einen Prolog. Ausserdem arbeitet er intensiv an seiner zweiten Oper mit Calzabigi: Alceste wird am 16. Dezember uraufgefĂŒhrt.
Paride ed Elena, Glucks und Calzabigis letztes gemeinsames Werk, wird im November uraufgefĂŒhrt. Durch Du Roullet vermittelt, begibt sich Gluck nach Paris, wo Marie Antoinette die Oper grosszĂŒgig unterstĂŒtzt.
Ludwig van Beethoven wird geboren, und Mozart wird zum Ritter vom Goldenen Sporn ernannt.
Gluck vertont Du Roullets Libretto zu IphigĂ©nie en Aulide. Dank dieser ersten französischen Reformoper wird er in Paris bekannt. Zudem schliesst er mit der «AcadĂ©mie Royale de Musique» einen Vertrag ab: Er wird sechs Opern fĂŒr Paris komponieren.
Der Tod seiner Adoptivtochter Nanette trifft Gluck zutiefst. In Paris beginnt die Auseinandersetzung zwischen den AnhÀngern Glucks und Piccinnis. Gluck arbeitet an der Vertonung des Roland von Quinault, als er erfÀhrt, dass die «Académie Royale de Musique» Piccinni mit der Komposition des gleichen Werkes beauftragt hat, und bricht die Arbeit an seiner Komposition ab.
Nach der Premiere von Glucks Armide spitzt sich der Streit zwischen den Gluckisten und den Piccinnisten zu.
In Wien komponiert Gluck seine beiden letzten Werke fĂŒr Paris: IphigĂ©nie en Tauride und Echo et Narcisse. Die Vertonung einer weiteren Dichtung Calzabigis (Les DanaĂŻdes) ĂŒbergibt Gluck an seinen SchĂŒler Antonio Salieri.
1779 1780 1781 1783 1787
IphigĂ©nie en Tauride nach dem Libretto von NicolasÂFrançois Guillard wird am 18. Mai in Paris uraufgefĂŒhrt. Es wird Glucks grösster BĂŒhnenerfolg. Gluck erleidet seinen ersten Schlaganfall. Bereits sechs Wochen zuvor wird am 6. April in Weimar Johann Wolfgang von Goethes Iphigenie auf Tauris uraufgefĂŒhrt.
Sein letztes Werk fĂŒr Paris, Echo et Narcisse, wird uraufgefĂŒhrt. Gluck erleidet einen zweiten Schlaganfall.
Gluck erleidet einen dritten Schlaganfall. Die deutsche Version Iphigenie in Tauris wird in Wien uraufgefĂŒhrt, wĂ€hrend in Paris Piccinnis IphigĂ©nie en Tauride uraufgefĂŒhrt wird.
Gluck besucht ein Konzert Mozarts und lÀdt diesen zusammen mit dessen Frau zu sich nach Hause ein.
Am 15. November stirbt Christoph Willibald Gluck in seinem Wiener Stadthaus in der Wiedener Hauptstrasse 32.
Iphigenie,
Akt 2
CHRISTOPH WILLIBALD GLUCK (1714-1787)
Tragédie en quatre actes
Libretto von Nicolas-François Guillard nach der gleichnamigen
Tragödie von Claude Guimond de La Touche
Fassung Opernhaus ZĂŒrich 2020
Personen
Iphigénie Sopran
Oreste, Iphigénies Bruder Bariton
Pylade, Orestes Freund Tenor
Thoas, König von Tauris Bass
Diane Sopran
Femme Grecque Bass
Chor
Griechen, Priesterinnen, Eumeniden, Volk der Skythen, Wache des Thoas
Le théùtre reprĂ©sente, dans le fonds, lâentrĂ©e du temple de Diane; sur le devant, le bois sacrĂ© qui le prĂ©cĂšde et lâentoure.
On entend dĂšs le commencement de la symphonie quelques coups de tonnerre qui se succĂšdent plus rapidement, Ă mesure quâelle marche. Elle finit par une tempĂȘte furieuse. Le jour est commencĂ©, mais il est obscurci par les nuages, et le théùtre nâest Ă©clairĂ© que par la lueur des Ă©clairs.
IphigĂ©nie, les PrĂȘtresses.
Le calme. / TempĂȘte de loin, doucement. / TempĂȘte un peu plus en avant. / TempĂȘte trĂšs forte. / La pluie et la grĂȘle. / La tempĂȘte cesse.
IPHIGĂNIE
Grands Dieux! soyezÂnous secourables, DĂ©tournez vos foudres vengeurs; Tonnez sur les tĂȘtes coupables, Lâinnocence habite en nos cĆurs.
TempĂȘte./ La tempĂȘte cesse.
Grands Dieux! soyezÂnous secourables, etc.
TempĂȘte./ La tempĂȘte cesse.
IPHIGĂNIE
Si ces bords cruels et sinistres
Sont lâobjet de votre courroux, Daignez Ă vos faibles ministres
Offrir des asiles plus doux.
CHĆUR DES PRĂTRESSES
Grands Dieux! soyezÂnous secourables, etc.
TempĂȘte./ La pluie et la grĂȘle./ La tempĂȘte cesse.
IPHIGĂNIE
Que nos mains, saintement barbares, Nâensanglantent plus vos autels!
Rendez ces peuples plus avares
Du sang des malheureux mortels.
TempĂȘte./ La tempĂȘte cesse tout Ă fait.
Im Hintergrund der BĂŒhne der Eingang zum Tempel der Diana; im Vordergrund der heilige Hain, der ihm vorgelagert ist und ihn umgibt.
Zu Beginn der Symphonie hört man einige DonnerschlÀge, die mit fortschreitender Musik immer schneller aufeinander folgen.
Sie schliesst mit einem heftigen Sturm. Der Tag ist angebrochen, wird aber von Wolken verdunkelt, und die BĂŒhne wird nur vom Licht der Blitze erhellt.
SZENE I
Iphigenie, die Priesterinnen.
INTRODUKTION UND CHOR
Stille. / Sturm in der Ferne, leise. / Sturm etwas nÀher. / Starker Sturm. / Regen und Hagel. / Der Sturm wird schwÀcher.
IPHIGENIE
Grosse Götter! Steht uns bei, wendet ab eure rÀchenden Blitze!
Donnert ĂŒber den schuldigen HĂ€uptern, in unseren Herzen wohnt die Unschuld. Sturm./ Der Sturm wird schwĂ€cher.
CHOR DER PRIESTERINNEN
Grosse Götter! Steht uns bei, usw. Sturm./ Der Sturm wird schwÀcher.
IPHIGENIE
Sind diese grausamen und dĂŒsteren KĂŒsten das Ziel eures WĂŒtens, so habt die GĂŒte, euren schwachen Gesandten ein friedlicheres Asyl zu geben.
CHOR DER PRIESTERINNEN
Grosse Götter! Steht uns bei, usw. Sturm./ Regen und Hagel./ Der Sturm wird schwÀcher.
IPHIGENIE
Mögen unsere HĂ€nde, geweiht der Barbarei, nicht lĂ€nger eure AltĂ€re mit Blut beflecken! Helft diesen wilden Völkern, vom Blut unglĂŒcklicher Sterblicher abzulassen.
Sturm./ Der Sturm legt sich ganz.
CHĆUR DES PRĂTRESSES
Grands Dieux! soyezÂnous secourables, etc.
IPHIGĂNIE
Ces Dieux, que notre voix implore
Apaisent enfin leur rigueur:
Le calme reparaĂźt, mais, au fond de mon cĆur, HĂ©las! lâorage habite encore.
Cette nuit... jâai revu le palais de mon pĂšre,
Jâallais jouir de ses embrassements; Jâoubliais, en ces doux moments, Ses anciennes rigueurs et quinze ans de misĂšre...
La terre tremble sous mes pas,
Le soleil indignĂ© fuit ces lieux quâil abhorre, Le feu brille dans lâair, et la foudre en Ă©clats
Tombe sur le palais, lâembrase et le dĂ©vore!
Du milieu des débris fumants
Sort une voix plaintive et tendre;
Jusquâau fond de mon cĆur elle se fait entendre;
Je vole Ă ces tristes accents...
à mes yeux aussitÎt se présente mon pÚre, Sanglant, percé de coups,
Et dâun spectre inhumain fuyant la rage meurtriĂšre.
Ce spectre affreux, câĂ©tait ma mĂšre!
Elle mâarme dâun glaive, et disparaĂźt soudain:
Je veux fuir... On me crie:
«arrĂȘte, câest Oreste!»
Je vois un malheureux et je lui tends la main, Je veux le secourir;
Un ascendant funeste forçait mon bras
A lui percer le sein.
CHĆUR DES PRĂTRESSES
O songe affreux! nuit effroyable!
O douleur! ĂŽ mortel effroi!
Ton courroux estÂil implacable?
Entends nos cris, ĂŽ Ciel! apaiseÂtoi!
RĂCITATIF ET AIR IPHIGĂNIE
O race de Pélops! race toujours fatale!
Jusque dans ses derniers neveux
Le Ciel poursuit encore le crime de Tantale!
Grosse Götter! Steht uns bei, usw.
IPHIGENIE
Die Götter, die wir anflehen, mildern endlich ihre Strenge. Die Ruhe kehrt zurĂŒck, doch im Grunde meines Herzens, ach, wohnt noch immer der Sturm.
Heute Nacht... sah ich den Palast meines Vaters wieder.
Ich wollte ihn umarmen...
Ich vergass in diesem sĂŒssen Moment seine frĂŒhere HĂ€rte und fĂŒnfzehn Jahre des Elends... Die Erde bebt unter meinen Schritten, die Sonne flieht empört den verhassten Ort. Feuer leuchtet in der Luft, und der Blitz fĂ€hrt gleissend in den Palast, versengt und verschlingt ihn! Aus den rauchenden TrĂŒmmern dringt eine klagende, zĂ€rtliche Stimme. Sie dringt tief in mein Herz. Ich eile zu diesen traurigen Tönen...
Vor meinen Augen erscheint plötzlich mein Vater, blutend, von Stichen durchbohrt, auf der Flucht vor dem mörderischen Zorn eines unmenschlichen Gespenstes...
Dieses entsetzliche Gespenst war meine Mutter! Sie bewaffnet mich mit einem Schwert und verschwindet plötzlich: Ich will fliehen... Jemand schreit: «Halt ein, es ist Orest!»
Ich sehe einen UnglĂŒcklichen und reiche ihm die Hand.
Ich will ihm helfen, doch eine unheilvolle Macht zwang meinen Arm, ihm die Brust zu durchbohren!
CHOR DER PRIESTERINNEN
Was fĂŒr ein schrecklicher Traum! Entsetzliche Nacht! O Schmerz! O Todesschrecken!
Ist dein Zorn denn unerbittlich?
Höre unsere Schreie, o Himmel, besÀnftige deinen Zorn!
IPHIGENIE
O Geschlecht des Pelops! Auf ewig vom UnglĂŒck verfolgt!
Bis zum letzten Nachkommen verfolgt der Himmel Tantalosâ Verbrechen!
Das komplette Programmbuch können Sie auf www.opernhaus.ch/shop
oder am Vorstellungsabend im Foyer des Opernhauses erwerben
ORESTE
Partage mon bonheur. Dans cet objet touchant Ă qui je dois la vie, Et quâun penchant si doux rendait cher Ă mon cĆur...
Connais ma sĆur IphigĂ©nie.
CHĆUR DES PRĂTRESSES, DES GRECS ET DES SCYTHES
Les Dieux, longtemps en courroux, Ont accompli leur oracle; Ne redoutons plus dâobstacle, Un jour plus pur luit sur nous. Une paix douce et profonde RĂšgne sur le sein de lâonde: La mer, la terre et les cieux, Tout favorise nos vĆux.
OREST
Teile mein GlĂŒck mit mir!
In diesem rĂŒhrenden Wesen, dem ich mein Leben verdanke, und das eine so zarte Zuneigung meinem Herzen wiedergab⊠erkenne meine Schwester Iphigenie!
CHOR DER PRIESTERINNEN, GRIECHEN UND SKYTHEN
Die Götter, so lang erzĂŒrnt, haben ihr Orakel erfĂŒllt. FĂŒrchten wir keine Hindernisse mehr, ein hellerer Tag leuchtet auf uns herab. Ein sanfter, tiefer Frieden herrscht im Innern der Wellen: Meer, Erde und Himmel, alles ist unseren WĂŒnschen wohlgesinnt.
Deutsche Ăbersetzung: Daniela Wiesendanger / Beate Breidenbach
Programmheft IPHIGĂNIE EN TAURIDE
Tragédie en quatre actes von Christoph Willibald Gluck (1714-1787)
Premiere am 2. Februar 2020, Spielzeit 2019/20
Wiederaufnahme am 24. September 2023, Spielzeit 2023/24
Herausgeber Opernhaus ZĂŒrich
Intendant Andreas Homoki
Zusammenstellung, Redaktion Beate Breidenbach
Mitarbeit Laura Minder
Layout, Grafische Gestaltung Carole Bolli
Anzeigenverkauf Opernhaus ZĂŒrich, Marketing
Telefon 044 268 66 33, inserate@opernhaus.ch
Schriftkonzept und Logo Studio GeissbĂŒhler
Druck Fineprint AG
Textnachweise:
Die Handlung schrieb Beate Breidenbach fĂŒr dieses Programmheft. Die GesprĂ€che mit Andreas Homoki und Elisabeth Bronfen (Auszug) erschienen zuerst im Magazin des Opernhauses ZĂŒrich (Januar 2020). Heiner MĂŒller, Der Fluch des Tantalos (Elektratext), zitiert nach: Mythos Elektra, Reclam, Stuttgart 2010. Euripides, Die Opferung der Iphigenie in Aulis, in: ders., Iphigenie in Aulis, ĂŒbersetzt von Horst-Dieter Blume, Stuttgart 2014. Robert von Ranke-Graves, Die Tragik des Orest, in: ders., Griechische Mythologie, Quellen und Deutung, Hamburg 1992. Aischylos, Muttermord und Rachegöttinnen, aus: ders., Orestie, in: Antike Tragödien, ĂŒbersetzt von Dietrich Ebener, Berlin und Weimar 1990. Johann Wolfgang von Goethe, Orests Traum von der Vergebung im Tode, in: ders., Iphigenie auf Tauris, Goethe â Gesammelte Werke, Frankfurt am Main 1965. Beate Breidenbach, Als wĂ€re es eine Frage der Religion. Gluck und die Opernreform,
Originalbeitrag. Uwe Schweikert, Verteufelt human. Glucks «IphigĂ©nie en Tauride» zwischen Klassizismus und Revolution, in: Komische Oper Berlin, Programmheft zur Premiere «Iphigenie auf Tauris» am 22. April 2007, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Christoph Willibald Gluck, «So wird alles viel leidenschaftlicher sein», ders., Briefe, AusgewĂ€hlt und ĂŒbersetzt von W. M. Treichlinger, ZĂŒrich 1951. Die Zeittafel zu Christoph Willibald Gluck stellte Laura Minder zusammen.
Bildnachweise:
Monika Rittershaus fotografierte die Klavierhauptprobe am 25. Januar 2020.
Urheber, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachtrÀglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.
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Unsere Vorstellungen werden ermöglicht dank der Subvention des Kantons ZĂŒrich sowie den BeitrĂ€gen der Kantone Luzern, Uri, Zug und Aargau im Rahmen der interkantonalen Kulturlastenvereinbarung und den Kantonen Nidwalden, Obwalden und Schwyz.
PRODUKTIONSSPONSOREN
AMAG
Atto primo Clariant Foundation
Freunde der Oper ZĂŒrich
ZĂŒrich Versicherungs-Gesellschaft AG
PROJEKTSPONSOREN
René und Susanne Braginsky-Stiftung
Freunde des Balletts ZĂŒrich
Ernst Göhner Stiftung
Hans Imholz-Stiftung
Max Kohler Stiftung
KĂŒhne-Stiftung
Georg und Bertha Schwyzer-Winiker Stiftung
Hans und Edith Sulzer-Oravecz-Stiftung
Swiss Life
Swiss Re
ZĂŒrcher Kantonalbank
GĂNNERINNEN UND GĂNNER
Art Mentor Foundation Lucerne
Josef und Pirkko Ackermann
Alfonsâ Blumenmarkt
Familie Thomas BĂ€r
Bergos Privatbank
Margot Bodmer
Elektro Compagnoni AG
Stiftung Melinda EsterhĂĄzy de Galantha
Fitnessparks Migros ZĂŒrich
Egon-und-Ingrid-Hug-Stiftung
Walter B. Kielholz Stiftung
KPMG AG
Landis & Gyr Stiftung
Die Mobiliar
Fondation Les Mûrons
Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung
StockArt â Stiftung fĂŒr Musik
Else von Sick Stiftung
Ernst von Siemens Musikstiftung
Elisabeth Weber-Stiftung
FĂRDERINNEN UND FĂRDERER
CORAL STUDIO SA
Theodor und Constantin Davidoff Stiftung
Dr. Samuel Ehrhardt
Frankfurter Bankgesellschaft (Schweiz) AG
Garmin Switzerland
Stiftung LYRA zur Förderung hochbegabter, junger Musiker und Musikerinnen
Irith Rappaport
Richards Foundation
Luzius R. SprĂŒngli
Madlen und Thomas von Stockar