Lucys Rausch Nr. 14

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Nr. 14 November 2022 Fr. 18.50 | € (D) 14,80 | € (A) 15,30

HANF

Das Magazin für psychoaktive Kultur

ETHNOBOTANIK

KULTUR

WISSENSCHAFT

In memoriam Christian Rätsch 1957–2022

Forum für veränderte Bewusstseinszustände Gesellschaftsmagazin für psychoaktive Kultur

Cannabis und Spiritualität Psychedelische Ritualmusik

Räuchern im Schamanismus

Nr. 14 | November 2022

Psychoaktive Pilze  Psilocybin vs. Antidepressiva  Fliegenpilz-Rituale  Merlin Sheldrake im Interview


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Auf meinen ausgedehnten Reisen in allen Kontinenten habe ich immer wieder beobachten können, dass Menschen aller Kulturen, aller sozialen Schichten, aller Religionen und Hautfarben psycho­ aktive Pflanzen oder psychoaktive Produkte konsumieren. Warum nehmen Menschen psychoaktive Substanzen ein? – Weil ein Grundbedürfnis nach Berauschung, Ekstase, seligem Schlaf, Erkenntnis und Erleuchtung in unseren Genen festgeschrieben ist. Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen (1998), Seite 7


Foto: merlinsheldrake.com

2 Lucys Rausch Nr. 11


3

Im Gespräch mit Merlin Sheldrake Seite 42


Foto: Adobe Stock

4

Lucys Rausch Nr. 11


5

Psychedelisches Cannabis Seite 70


Foto: Roger Liggenstorfer

6 Lucys Rausch Nr. 11


7

Der Tanz mit dem Fliegenpilz Seite 60


Foto: Brown: Luke Sensi Seeds Cosmic Circus (2020)

8 Lucys Rausch Nr. 11


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Begegnungen mit DMT-Wesen Seite 28


10

Lucys Rausch Nr. 14

INHALT 13

CANNABIS

Editorial Markus Berger

21 27

Alles bepilzt oder was...

70   Psychedelisches Cannabis

Klartext von Roger Liggenstorfer

Heilung und Spiritualität  Daniel McQueen

Magic Mushroom Social Clubs Coustos Psychedelikatessen

KULTUR 46

90

Guerilla-Anbau in Innenräumen Homegrowing ohne Hightech

Robert Crumb

Chuck Lore

Die Wahrheit über Sex & Drugs

ETHNOBOTANIK

Claudia Müller-Ebeling

78

Schamanische Räucherpraxis Anwendungszwecke und Räucherstoffe Kevin Johann

WISSENSCHAFT 52

Odilon Redon: Œil-Ballon

28

Claudia Müller-Ebeling

68

Psychonauten II

Begegnungen mit DMT-Wesen David Jay Brown

96

Peaks und Plateaus Musik in der psychedelischen Therapie

Ausstellung im Museum HR Giger

Dirk Netter

Christine Heidrich

100

Neue psychedelische Trips in der Musik Christian Rätsch


11

INHALT SCHWERPUNKT

34

Psychoaktive Pilze

In memoriam Christian Rätsch Claudia Müller-Ebeling, Roger Liggenstorfer, Markus Berger u.a.

41

Nachruf Ann Shulgin Zum Tod der Psychonautin

54

Drogen auf Reisen Teil 7: Der Abend vor der Finsternis

42

Stefan Haag

Psilocybin wirkt als Lockmittel Merlin Sheldrake im Gespräch

102

Bewusstseinstourismus

Markus Berger und Roger Liggenstorfer

60

Der Tanz der Fliegenpilze Wie Amanita-Rituale unser Leben bereichern können

Das Tor zu Ayahuasca R. Leutwiler

112

miraculix – Teste deine Drogen Felix Blei

Amanita Dreamer

105 Antidepressiva vs. Zauberpilze

Torsten Passie

RUBRIKEN 15 Lucys Mix 19 Lucys Agenda 22 Psychoactive Science News 85 Lucys Mediathek Bücher und Filme 116 Eleusis kompakt 118 Impressum


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lucys-magazin.com/abo


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EDITORIAL Foto:Elfriede Liebenow

von Markus Berger

Markus Berger ist Drogenforscher, Autor zahlreicher Bücher und Chefredakteur von Lucys Rausch.

R.I.P. Christian Rätsch

D

as Jahr 2022 hat es in sich. Erst wächst sich die Ukraine-­Krise zu einem verheerenden Krieg aus, der über das lokale Kriegsgeschehen hinaus globalen Schaden verursacht, dessen Ausmaß noch nicht abzusehen ist. Die daraus entstandene Mangel­ situation belastet zahlreiche Menschen in allen Ländern – ob privat oder geschäftlich. Auch Verlagshäuser bleiben nicht von den Auswirkungen des Kriegs verschont: neben steigenden Energie-, Logistik- und Papierpreisen vor allem da­ durch, dass die Menschen in diesen unsicheren Zeiten ihr Geld lieber für Heizmaterialien, Lebensmittel, Strom und Kraftstoff sparen und auf den Erwerb von Luxusartikeln verzichten. Und dazu gehören eben Bücher, Zeitschriften und andere Kulturgüter. Auch der Nachtschatten Verlag ist von dieser Entwicklung betroffen und wirtschaftet seit Monaten unterhalb der notwendigen Umsatzgrenze. Für die vorliegende Nummer unseres Magazins haben wir als Schwerpunktthema die psychotropen Pilze auserkoren. Dieses schöne Sujet wird nun allerdings von einem zutiefst traurigen und unfassbaren Ereignis überschattet, denn am 17. September ist unser Freund, Kollege und Hausautor Christian Rätsch unerwartet und viel zu früh am Aufbrechen eines unentdeckten und somit unbehandelten Magengeschwürs gestorben. Mit nur 65 Jahren – und nur zwei Tage, nachdem er allein die Buchvernissage unseres gemeinsamen Werks Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen Band 2 in Solothurn hatte bestreiten müssen, weil ich reiseunfähig darniederlag. Zu einem gemeinsamen Anstoßen auf das Erscheinen unseres Opus kam es nicht mehr. Nicht nur aus diesem Grund ist Lucys Rausch Nr.

14 dem Leben und Wirken des großen Ethnopharmakologen gewidmet – mehr dazu im Nachruf auf unseren Weggefährten ab Seite 34. Ebenfalls verstorben, allerdings bereits im Juni, ist die US-Forscherin und Therapeutin Ann Shulgin, Lebens- und Forschungspartnerin von Alexander «Sasha» Shulgin. Ann wurde 91 Jahre alt; unser Nachruf findet sich auf Seite 41. Trotzdem gibt es auch Erfreuliches im Zusammenhang mit unserer neuen Ausgabe. So freue ich mich sehr, dass Merlin Sheldrake, der Sohn des bekannten Biologen Rupert Sheldrake, uns für ein Interview zum Thema Pilze zur Verfügung stand. Sein Buch Verwobenes Leben legt wissenschaftlich fundiert die lebensspendende Funktion der fungalen Organismen auf dem Planeten dar. Torsten Passie befasst sich in seinem Beitrag mit dem antidepressiven Potenzial des Pilzwirkstoffs Psilocybin, bei dem es sich übrigens um eine DMT-Form handelt (4-HO-DMT). Der US-amerikanische Autor David Jay Brown – ein Urgestein der psychedelischen Bewegung, der schon als junger Mann in engem Kontakt mit Timothy Leary stand – hat ebenfalls einen Artikel beigesteuert, und zwar zur Phänomenologie der Begegnung mit «DMT-Wesenheiten», also mit Lebensformen im geistigen Raum, mit denen man nach der Einnahme einer ausreichenden Menge von N,N-DMT in Kontakt und Austausch treten kann. David arbeitet zurzeit an einem Buch zu diesem Thema, das 2023 in den USA erscheinen wird. Ich wünsche erhellende und gemütliche Stunden der anregenden Lektüre mit Lucys Rausch und einen angenehmen, psychoaktiven Winter und Jahres­wechsel.

Ein schönes Sujet wird nun von einem zutiefst traurigen und unfassbaren Ereignis überschattet.


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Lucys Rausch Nr. 14

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MIX

Deutschland: Cannabis wird legalisiert Hanfverband präsentiert Konzept mit Eckpunkten Wie in Lucys Rausch Nr. 13 berichtet, plant die deutsche Ampelkoalition, Cannabis noch in dieser Legislaturperiode zu legalisieren. Der Deutsche Hanfverband (DHV) hat für die praktische Umsetzung ein Konzept mit Eckpunkten entwickelt. Eine Übersicht der wichtigsten Punkte haben wir hier zusammengefasst.

Bald legal in Haus und Garten: Eine Besitz-Obergrenze für den Eigenanbau ist im Rahmen der DHV-Eckpunkte nicht vorgesehen.

Keine Obergrenzen Für Alkoholbesitz gibt es auch keine Obergrenze, weshalb der DHV eine Beschränkung von Cannabis-Mengen zum privaten Gebrauch für nicht sinnvoll erachtet. Auch die Weitergabe und das Verschenken von Cannabis und seinen Produkten sollten nicht illegal sein, solange kein Profit daraus gezogen wird.

Qualifikation des Fachpersonals Fachpersonal in offiziellen Cannabis­ abgabestellen sollte in Schulungen und Workshops auf den Verkauf von Cannabis(-Produkten) vorbereitet werden und mit einem entsprechenden Sachkunde-Nchweis ausgezeichnet sein. Geschult werden sollten in diesem Zuge außerdem folgende Kenntnisse:  Sortenauswahl  Konsumformen und Dosierungen  rechtliche Rahmenbedingungen  akute Wirkungen und Neben­ wirkungen  Risiken des Konsums  ErsterHilfe bei Überdosierungen  Safer-Use-Beratung  Wichtigkeit von Kenntnissen über lokale Anlaufstellen, Notfallnummern etc. Außerdem sollten Verkäuferinnen und Verkäufer Bescheid wissen über  die grundsätzliche Wirkweise von Cannabis über das

Endocannabinoidsystem bzw. die Cannabinoidrezeptoren  medizinische Anwendungs­ bereiche  verschiedene Wirkweisen bei Variationen von Terpenprofilen und Cannabinoidanteilen  Cannabiskultivierung  die Kulturgeschichte rund um Hanf

Produktregulierung und Mischkonsum Der DHV positioniert sich nicht mehr zu der Frage, ob Mischprodukte (Cannabisbier, vorgedrehte Tabakzigaretten mit Cannabis usw.) erlaubt oder verboten sein sollten. Obwohl der Hanfverband besonders den Tabakprodukten skeptisch gegenüberstand, überarbeitete er seine Position zu diesem Punkt nach reichhaltigem Feedback aus der Community.

Jugendschutz Produkte, die THC enthalten, sollten bei Außer-Haus-Verkauf mit einem kindersicheren Verschluss versehen werden. Psychoaktive Edibles sollten entsprechend deklariert werden, sodass eine Verwechslungsgefahr mit normalen Süßigkeiten ausgeschlossen werden kann. Außerdem soll nur der kommerzielle Verkauf mit Gewinnabzielungsabsicht an Jugendliche bestraft werden. Dazu meint der DHV: «Lediglich der kommerzielle Verkauf von Cannabis an Jugendliche mit Gewinnerzielungsabsicht, die Weitergabe an Kinder oder die Weitergabe aus niederem Beweggrund sollten bestraft werden. Wenn 18-Jährige ihren 17-jährigen Freunden Cannabis abgeben oder Eltern ihre 16-jährigen Kinder gelegentlich unter Aufsicht mit konsumieren lassen, sollte das analog zu Alkohol nicht bestraft werden.» Eine Besitz-Obergrenze für den Eigenanbau ist im Rahmen der Eckpunkte nicht vorgesehen. Sollte der Gesetzgeber eine Eigenanbau-Grenze einführen wollen, so sollte diese den Anbau von mindestens zehn weiblichen Pflanzen legalisieren. Eine formlose Meldung des Eigenanbaus beim Zoll analog zum privaten Bierbrauen ist für den DHV ebenfalls vorstellbar. In den angepassten und aktualisierten Eckpunkten finden sich weiterhin Reform-Forderungen für die strafrechtliche Verfolgung im Straßenverkehr und die Führerscheingesetzgebung, die Produktion und den Import, die Besteuerung sowie für eine Amnestie-Regelung für straffällig Gewordene. (mib) www.hanfverband.de


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MIX

Schweiz: Legales Gras per Modellversuch Schon oft wurde in der Eidgenossenschaft über Modellprojekte diskutiert, aber am 15. September 2022 war es endlich soweit: Bürgerinnen und Bürger der Stadt Basel konnten in Apotheken legal Cannabis erwerben. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hatte das Okay für diesen Modellversuch gegeben, um einen Einblick in die »Cannabis-Szene« gewinnen zu können. Dazu meinte die Basler Suchtfachfrau Regine Steinauer im Gespräch mit euronews.com: «Wir haben keine Kontrolle über die Qualität der Cannabis-Produkte, wir haben keinen Kontakt zu den Konsumenten. Der Schwarzmarkt boomt. Die Situation ist in der Tat sehr unbefriedigend. Und eine Reaktion darauf muss erfolgen. Unsere erste Forschungsfrage ist, ob sich der Konsum verändert. Ob mehr, weniger oder gleich viel konsumiert wird. Und wir untersuchen auch, ob sich die

Legales Cannabis aus kontrolliertem Anbau aus der Apotheke. Foto: iStock

psychische Befindlichkeit und die körperliche Gesundheit verändert bei Konsum von Cannabis aus den Apotheken.» Im Kanton Aargau wurden Felder mit potentem THC-Hanf kultiviert, um diesen dann an erste Teilnehmer des Modellversuchs verkaufen zu können. Ohne Anmeldung ging das allerdings nicht: Käuferinnen und Käufer mussten sich rechtzeitig beim BAG melden, um beim Projekt mitmachen zu dürfen. Die Teilnehmerzahl ist auf 400 Personen begrenzt. Das Experiment soll zweieinhalb Jahre

dauern, dann will das BAG die Ergebnisse des Versuchs prüfen. Nachdem am 1. August 2022 (dem Schweizer Nationalfeiertag) bereits die ärztliche Verschreibung von Medizinalcannabis in der Schweiz eingeführt worden war, folgt mit dem Basler Modellprojekt der nächste Schritt in Richtung Entkriminalisierung bzw. Legalisierung. Solche Pilotversuche können bald in jeder grösseren Stadt der Schweiz umgesetzt werden. Aktuell sind um die 10 Städte startbereit. www.bag.admin.ch/bag/de/home/gesund-leben/ sucht-und-gesundheit/cannabis/pilotprojekte.html

1V-LSD: Ein Verbot soll kommen Die deutsche Bundesregierung will 1V-LSD verbieten – ein Derivat, das in Europa aktuell zu den wohl bekanntesten noch legalen LSD-Formen gehört. Die Regierung reichte im Juli 2022 einen Verordnungsentwurf beim Bundesrat ein, der eine umfangreiche Erweiterung der Verbotsliste des Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetzes (NpSG) vorsieht. Die Existenz von 1V-LSD beruht – wie das bei vielen solcher abgewandelten LSD-Formen der Fall ist (z.B. 1Pund 1-cP-LSD) – auf der Illegalität der Originalsubstanz. Diese Stoffe werden also zumeist gezielt als legale LSD-Substitute entwickelt. Gibt der Bundesrat sein Ja zur Gesetzesände-

rung, wäre auch 1V-LSD verboten. Die Bundesregierung wird dies höchstwahrscheinlich als einen «Erfolg» verbuchen, doch hier trügt der Schein: Egal, wie viele Derivate künftig auch verboten werden sollen; irgendwo sind tüftlerische Chemiker und Pharmakologen schon dabei, die nächste Formel zu synthetisieren, die noch nicht von BtMG (Betäubungsmittelgesetz) und NpSG erfasst ist. Wie immer schafft sich die Prohibition ihre eigenen Probleme mit der Hydra: Schneidet man den einen Hals einen Kopf kürzer, wachsen zwei nach. Der Bundesdrogenbeauftragte der Bundesregierung Burkhard Blienert begrüßte diese prohibitiven Entwick-

lungen. Für ihn sind Verkäufer der Substanz «skrupellos agierende Akteure des Drogenmarktes». Er warnt im Hinblick auf 1V-LSD-Konsum vor «unkalkulierbaren gesundheitlichen Gefahren», da es unerforscht sei und deshalb auch potenziell stärker wirken könne, als «normales» LSD. Brandt, S.D., Kavanagh, P.V., Westphal, F., Pulver, B., Morton, K., Stratford, A., Dowling, G., Halberstadt, A.L. (2022) Return of the lysergamides. Part VII: Analytical and behavioural characterization of 1-valeroyl-d-lysergic acid diethylamide (1V-LSD), Drug Test Anal. 14(4): 733-740. 1V-LSD ist die Abkürzung für 1-Valeroyl-D-Lyserg­ säurediethylamid (1-Valeryl-LSD, 1-Pentanoyl-LSD, 1-V-LSD, «Valerie») «und könnte als ein höheres Homolog von ALD-52, 1P-LSD und 1B-LSD angesehen werden» (Brandt et al. 2022).


Lucys Rausch Nr. 14

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MIX Thailand: Psilocybin gegen Depressionen Die thailändische Regierung strebt an, erklärte. Da in der Vergangenheit eine Psilocybin-Pilze als Arznei zur Behandfortschrittliche Gesundheitspolitik lung von Depressionen zu untersuchen. betrieben worden sei, könnte innerhalb Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weniger Jahre ein Rahmen für Anbau, schätzt, dass etwa 1,5 Millionen Vertrieb und Verkauf von Psilocybin Thailänder:innen von depressiven geschaffen werden. Erkrankungen betroffen sind. Die Thailand ist das erste asiatische thailändische Drogenkontrollbehörde Land, das das therapeutische Potenzial wird zum Zweck der Studie mit psychedelischer Substanzen der Universität der Stadt anerkennt und den Einsatz Khon Kaen zusammenvon Medikamenten auf arbeiten. Dort sollen Psilo­cybin-Basis Psilocybin-Pilze ermöglicht. kultiviert werden, Medizinal­cannabis geplant ist außerdem wurde bereits im eine Ausweitung des Dezember 2018 Psilocybe samuiensis. Projekts auf weitere entkriminalisiert, der Universitäten des Landes. Sollten sich die Untersuchungen von Psilocybin als erfolgreich für die Therapie von behandlungsresistenten Depressionen erweisen, soll der Pilzwirkstoff aus der Kategorie 5 der thailändischen Betäubungsmittelverordnungen herausgenommen werden. Die Freigabe von Psilocybin bzw. Psilocybin produzierenden Pilzen könne eine wirtschaftliche Chance für den Landwirtschaftssektor des Landes bedeuten, wie der thailändische Justizminister Somsak Thepsuthin

Foto: PD

persönliche Konsum im Jahr 2021. Auf thailändischen Inseln wie Koh Samui und Koh Phangan existieren schon seit Längerem Zentren für Psilocybin-unterstützte Psychotherapie, da das bisher geltende Verbot von der Regierung nicht durchgesetzt wird. John W. Allen, V. M. Bandala und Gastón Guzmán haben auf der beliebten Touristeninsel die Psilocybe-Art Psilocybe samuiensis entdeckt und beschrieben. Die Spezies enthält Psilocybin und Psilocin und kommt, außer in Thailand, auch in Kambodscha vor.

Gründung der Psychedelic Society Hamburg Die Psychedelic Society Hamburg hat am 17. Juni mit Hilfe der Psychedelic Society Leipzig den ersten gemeinnützigen psychedelischen Verein Deutschlands gegründet. Der e.V. veranstaltet regelmäßige Events wie den Klönschnack (freies Treffen zum Kennenlernen, Austauschen und Vernetzen) und ein Integrations-Event. «Wir wollen eine psychedelische Gemeinschaft etablieren und den Menschen einen geschützten Raum unter Gleichgesinnten bieten. Wir wollen, dass Psychedelika erforscht und entstigmatisiert werden und dass die inakzeptable Drogenpolitik geändert wird, damit ein sicherer Einsatz im Freizeitbereich möglich ist bzw. das enorme Heilungspotenzial von Psychedelika der Menschheit wieder zur Verfügung steht (z.B. in Form von Psychedelika gestützten Psychotherapien)! Daher stehen bei uns Safer Use und Aufklärung im Vordergrund.» (Aus der Presse­mitteilung) www.psychedelic-society-hamburg.de

In memoriam Hans-Christian Ströbele

Foto: bundestag.de

Der Jurist, Grünenpolitiker und ehemalige Bundestags­abgeordnete Hans-Christian Ströbele (geboren am 7. Juni 1939) ist am 29. August 2022 in seiner Wohnung in Berlin-Moabit nach einer längeren Krebserkrankung gestorben. Insbesondere der Szene der Hanf­aktivisten war der Politiker durch seinen Einsatz für eine menschlichere Drogenpolitik bekannt, denn er machte sich über viele Jahre dafür stark, dass Cannabis politisch und rechtlich neu bewertet, also entkriminalisiert bzw. legalisiert wird. Entertainer Stefan Raab bastelte zusammen mit Reggaemusiker Shaggy ein witziges Lied mit einem gesampelten Zitat Ströbeles und veröffentlichte es in seiner Sendung TV Total (Pro 7). «Gebt das Hanf

frei! Und zwar sofort!», hatte Hans-Christian Ströbele als Redner auf der Hanfparade 2002 gefordert, nachdem die Polizei harmlose Faserhanfpflanzen vom Paradewagen der Grünen Jugend beschlagnahmt hatte (die in Deutschland angebauten Pflanzen waren zuvor als Dekoration für die Hanfparade offiziell genehmigt worden). Der Song war in den folgenden Monaten viel im Radio gespielt worden. 2018 verlieh der Deutsche Hanfverband (DHV) im Rahmen der Cannabis-Normal!-Konferenz Ströbele den Hanf-Adler für sein politisches Engagement. Lucys-Autor Mathias Bröckers beschreibt in seinem Nachruf Hans-Christian Ströbele als ein «seltenes Kaliber in der deutschen Politik – Friedenskämpfer und Menschenfreund, einer der letzten seiner Art. Möge er in Frieden ruhen.»


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MIX

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Juicy Fields Cannabis-E-Growing:

Ein Riesenbetrug um Millionen Mit «E-Growing» reich werden: Diese Option bot eine Firma namens Juicy Fields ihren Anlegern in spe auf die Investition in virtuell verwaltete Medizinalcannabis-Pflanzen. Das Projekt startete 2020 als «Cannabis Crowd­growing Plattform» in Berlin und versprach geradezu unverschämte Renditen von etwa 60 bis über 100 Prozent pro Jahr. Anlegen konnte jeder, ob Cannabis-Enthusiast oder nicht, und zwar zwischen 50 und 180 000 Euro. Der entsprechende Betrag konnte über das Bankkonto oder auch per Kryptowährung (Bitcoin & Co.) überwiesen werden. Den Investoren wurde versprochen, dass das angelegte Geld für Anbau, Pflege, Ernte und Verkauf von medizinischem Hanf verwendet und die Gewinne unter den Anlegern ausgeschüttet würden. Die gezogenen Pflanzen waren angeblich über virtuelle Gewächshäuser einsehbar, die Nutzer hätten auf Kauf und Verkauf des Materials Einfluss nehmen können. Ob es diese Pflanzen jemals gegeben hat, bleibt ungeklärt. Dies sind Auswüchse des kapitalistischen Markts, wie sie zu erwarten waren, sobald Cannabis mainstreamfähig wird. Hunderttausende von Anlegern aus aller Welt sind dem Versprechen auf schnellen Reichtum auf den Leim gegangen. «Die Auszahlungen der Gewinne liefen dabei lange reibungslos, wie Investoren (…) immer wieder versicherten. Viele Kleininvestoren prahlten mit ihren Renditen und pumpten dann häufig noch mehr Geld in das Unternehmen. Manche nahmen sogar Kredite auf. Juicy Fields setzte auf Social Marketing, engagierte Influencer, war omnipräsent auf Messen und steckte viel Geld in Werbung.» (dw.com) Im Juli 2022 waren dann von heute auf morgen die Accounts von Juicy Fields nicht mehr einsehbar, ein Einloggen in die Benutzerkonten nicht mehr möglich. Etwa 500 000 Kunden guckten in die Röhre. Auch die Social-Media-Auftritte von Juicy Fields wurden vom Netz genommen. Derweil präsentierten sich Mitarbeiter der Firma auf Hanfmessen mit teuren Autos, etwa mit Lamborghinis, die das Juicy-Fields-Logo auf der Motorhaube trugen. «Der mögliche Schaden könnte irgendwo zwischen einem zweistelligen Millionenbetrag und mehreren Milliarden Euro liegen. So schätzt eine

Außen fix, innen nix: Juicy Fields. Foto: PD

spanische Anwaltskanzlei, die dort nach eigenen Angaben mehr als 500 Betroffene vertritt, dass über die Crypto-Wallets von JuicyFields mehr als fünf Milliarden Euro liefen.» (vice.com) Die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hatte bereits im März 2022 eine Warnung vor Investitionen bei Juicy Fields veröffentlicht. Zwei Monate später bescheinigte die spanische Finanzaufsichtsbehörde CNMV, dass das Unternehmen für Anlagegeschäfte nicht zugelassen sei. Und im Juni verbot die BaFin schließlich offiziell das von Juicy Fields in Deutschland betriebene Geschäft, weil das Unternehmen keinen Prospekt für seine Angebote herausgegeben und damit gegen das Gesetz verstoßen hatte. Der Hauptsitz der Firma Juicy Grow GmbH war zu diesem Zeitpunkt bereits von der deutschen Bundeshauptstadt nach Amsterdam verlegt und in Juicy Holdings B.V. umbenannt worden. Wie die Deutsche Welle berichtete, weist der ehemalige CEO von Juicy Fields, Alan Glanse, jede Schuld von sich. Er sei weder für die Onlineplattform noch für das Finanzielle zuständig gewesen und von weiteren Drahtziehern nur benutzt worden. Zurzeit beschäftigt sich die Berliner Generalstaatsanwaltschaft mit dem Fall und ermittelt gegen das Unternehmen und dessen geschäftsführende Vorstände. Wie die Zeitschrift Finanztest und andere Medien berichten, hat die BaFin Zwangsgelder von einer Million Euro gegen Juicy Fields festgelegt: «Sie setzen sich aus jeweils 250 000 Euro zusammen, die sich auf die vier Pflanzen beziehen, die als Anlage angeboten wurden. Die Frist zur Zahlung lief am 21. Juli 2022 aus.» (test.de)


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MIX San Francisco entkriminalisiert Psychedelika Am 6. September 2022 entschied das Board of Supervisors (Aufsichtsbehörde) von San Francisco, den Besitz geringer Mengen diverser Psychedelika zu entkriminalisieren. Davon betroffen sind Ibogain (bis zu 15 Gramm), DMT (bis zu zwei Gramm), LSD (bis zu 0,01 Gramm, also bis zu 10 000 Mikrogramm), Psilocybin und Psilocin (jeweils bis zu zwei Gramm) und MDMA (bis zu vier Gramm). Die Resolution erlaubt nicht nur Besitz, Erwerb und Weitergabe (respektive Verkauf) der Substanzen, sondern auch den Anbau bzw. die Herstellung der bislang verbotenen Stoffe. San Francisco ist somit die vierte Stadt Kaliforniens (neben Arcata, Oakland und Santa Cruz), die Psychedelika entkriminalisiert. Diese rechtliche Anpassung geschieht aus verschiedenen Gründen: Zum einen möchte man die Persönlichkeitsrechte – insbesondere das Recht

auf Religiösität – das für viele Indigene Nordamerikas mit bewusstseinserweiternden Pflanzen und Erfahrungen eng verbunden ist – bewahren und schützen, zum anderen soll die therapeutische Anwendung der psychedelischen Substanzen ermöglicht werden, um posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen, Cluster-Kopfschmerz usw. besser behandeln zu können. Da die fraglichen Substanzen weiterhin sowohl auf Bundes- wie auch auf Landesebene der USA auf der Liste der verbotenen Substanzen stehen – sogar in der Kategorie Schedule 1 (in der die laut Prohibition «gefährlichsten Drogen» gelistet sind), können Polizei und Staatsanwaltschaft nach wie vor wegen Besitzes oder Verkaufs der genannten Stoffe einschreiten. Eine Entkriminalisierung sorgt also lediglich dafür, dass die Polizeibehörden der Stadt

Foto: Adobe Stock

dazu aufgefordert werden, die Durchsetzung von Gesetzen im Zusammenhang mit Psychedelika als eine der niedrigsten Prioritäten bei der Strafverfolgung zu behandeln. Ob dies in Form einer offiziellen Politik umgesetzt wird, hängt vom städtischen Polizeichef und dem Bezirksstaatsanwalt ab.

Weitere tagesaktuelle News und Beiträge finden sich auf unserer Website www.lucys-magazin.com. Mit einem Online-Abonnement können zusätzliche exklusive Inhalte günstig erworben werden.

AGENDA 6.–7. Dezember

10.–12. März 2023

Messe Freiburg Fachkongress zur Legalisierung von Cannabis

Europas dienstälteste Hanfmesse in Spanien. Fira de Cornellá, Barcelona

www.canna-b.de

www.spannabis.es

www.amsterdamcannabisexpo.nl

11.–12.Januar.2023

14.–19. April 2023

24.–27. November

Reykjavík, Island Medizinkongress in Island

Basel

Sandton Convention Centre, Johannesburg, South Africa Hanfmesse zu Industrie, Gesundheit und Landwirtschaft

www.maps.org/event/psychedelicsin-medicine/

www.bicycleday.ch

24.–26. November

Amsterdam Cannabis Expo

Amsterdam Vertreter :innen aller Akteure der Cannabisbranche aus über 100 Ländern weltweit

The Cannabis Expo

www.thecannabisexpo.co.za

CannaB – Cannabis is our Business

Psychedelics in Medicine

Spannabis

80 Jahre LSD: Bicycle Day Symposium der SÄPT

17.–19. Februar 2023

Canapa Mundi

Italienische Cannabis-Messe Fiera di Roma www.canapamundi.com

Holzpark, diverse kulturelle Veranstaltungen www.lsd80.org

Weitere Veranstaltungen und mehr Infos auf lucys-magazin.com

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KLARTEXT Fo to : Chr i s He i d r i c h

von Roger Liggenstorfer

Roger Liggenstorfer ist Leiter des Nachtschatten Verlags und Herausgeber von Lucys Rausch.

Alles bepilzt oder was ...?

W

as Pilze alles können, wissen eingefleischte Psychonauten seit Jahren. Als Nahrungsmittel sind sie uns ebenso längst bekannt. Sie sind aber weit mehr als Nahrung für Körper und Geist. Ihr Potenzial wird in der Medizin immer weiter erforscht, sei es zur Bekämpfung von Depressionen, in der Krebs- oder in der Suchtbehandlung, um nur einige Ansätze aufzuzählen. Als Baustoff und als Ersatz für Kunststoff eignen sie sich aber ähnlich wie Hanf und wären somit dafür geeignet, viele der anstehenden Umweltprobleme zu lösen. Und nicht nur das: Sie werden seit Jahren erfolgreich eingesetzt, um Schadstoffe in der Atmosphäre wie im Boden zu neutralisieren. Sie sind intelligent (wenn wir dies mit unserer «begrenzten» Intelligenz vielleicht auch noch nicht vollumfänglich verstehen können) und können mit anderen Spezies kommunizieren, seien es Tiere, andere Pflanzen – oder eben mit uns Menschen. Wie Merlin Sheldrake in seinem bahnbrechenden, sehr empfehlenswerten Buch Verwobenes Leben nebst vielen anderen verblüffenden Tatsachen schildert, umfasst der größte bekannte Pilz etwa zehn Quadratkilometer, wiegt mehrere hundert Tonnen und ist zwischen 2000 und 8000 Jahre alt! Wir sind wohl erst am Beginn der Erforschung dieser intelligenten Wesen, über die wir bestimmtnoch oft staunen werden. Bereits Terence McKenna konfrontierte uns mit der außergewöhnlichen und oft zitierten bemerkenswerten Hypothese, die weder mit herkömmlichen wissenschaftlichen Forschungen belegbar, noch gänzlich widerlegbar ist: dass intelligente, lebens- und geistfördernde Sporen – als «kosmische Flaschenpost» durchs Universum fliegend – die Evolution auf diesem und auf vielen ande-

ren Planeten erst ermöglichen. Und sich als psychonautischer Treibstoff, als Nahrungs- und Heilmittel triggernd über den ganzen Planeten ausbreitet und unsere menschliche Entwicklung fundamental bis heute und in alle Zukunft beeinflusst. Dabei haben Pilze, wie erwähnt, analog zum Hanf ein riesiges Potenzial, zur Rettung unseres Planeten beizutragen: Beide sind derartig vielfältig einsetzbar, dass man sich ernsthaft fragen muss, wieso der einfältige Mensch die Forschung nicht vertieft und dieses Wissen nicht entsprechend nutzt. Wobei die Forschung beim Hanf wie bei Pilzen bereits weit fortgeschritten ist – es liegt lediglich am fehlenden guten Willen und an der Gier nach wirtschaftlichem Gewinn, dass sie noch nicht umfassend zu unserem Wohl eingesetzt werden. Zum Schluss sei noch unser eigenartiges Verhältnis zum Fliegenpilz erwähnt: Einerseits wird er überall in unserer Gesellschaft als Glückspilz «gefeiert», er schmückt Schaufenster wie Geburtstagstorten und jeden Weihnachtsbaum. Andererseits wird er als angeblicher «Giftpilz» verachtet und erzeugt diffuse Ängste. Noch immer wird vom Verzehr dieses wunderschönen Pilzes abgeraten – zu Unrecht, wie wir wissen. Ebenso wird der rot-weiß gepunktete Fliegenpilz mit dem sogenannten «Weihnachtsmann» (in gleicher Farbkombination) in Verbindung gebracht, der eigentlich in Wahrheit einen sibirischen Schamanen darstellt. Und diese wiederum sind bekannt dafür, dass sie den Fliegenpilz in traditioneller Kultur verspeisen und psychonautisch nutzen. Würden wir das gesamte Wissen in Verbindung mit den Pilzen so anwenden, wie dies von Natur aus vorgesehen ist, dann hätten wir einige Probleme weniger auf diesem Planeten.

Pilze haben ein riesiges Potenzial, zur Rettung unseres Planeten beizutragen.


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PSYCHOACTIVE SCIENCE NEWS Dirk Netter aus Marburg/L., Doktorand der Sozialwissenschaften und Autor. berichtet über die neuesten Erkenntnisse und Fragestellungen aus der weltweiten wissenschaftlichen Erforschung psychoaktiver Substanzen und Organismen.

Verringerung chronischer Depression nach ­intravenöser Applikation von DMT Die Behandlung von Depressionen ist eines der Hauptgebiete zeitgenössischer Forschung an psychedelischen Substanzen. Üblicherweise kommen dabei LSD, Psilocybin, aber auch Ketamin zum Einsatz – während DMT auf diesem Gebiet, zumindest bisher, eher unerforscht ist. Zwar existieren vereinzelt Studien, die sich mit den antidepressiven Effekten von Ayahuasca auseinandersetzen, daraus lassen sich jedoch aufgrund der Verwendung von MAO-Inhibitoren nur sehr bedingt verlässliche Aussagen über die alleinige Wirkungsweise von DMT treffen. Die Autoren um Deepak Cyril D’Souza (2022) widmeten sich einer Studie, die sich dediziert mit der reinen Applikation von DMT beschäftigt. Final nahmen drei gesunde Kontrollpersonen sowie sieben Versuchspersonen mit einer schweren Depression (Major Depressive Disorder, kurz: MDD) an der Studie teil. Weitere Inklusionskriterien waren ein Minimum an zwei bisher fehlgeschlagenen Therapieansätzen sowie mindestens eine erfolglose Therapie mit Antidepressiva. Als Exklusionskriterien für beide Personengruppen galten eine vergangene oder derzeit vorliegende Abhängigkeitserkrankung, «hallucinogen use disorder», also der regelmäßige Gebrauch von Psychedelika, sowie eine aktuell bestehende Behandlung mit serotonergen Medikamenten. Die Versuchspersonen erhielten zunächst eine DMT-Dosis von 0,1 mg pro Kilogramm Körpergewicht und mindestens 48 Stunden später eine weitere Dosis von 0,3 mg/kg. Die Studie wurde nicht verblindet – keiner der Teilnehmenden erhielt ein Placebo.

Das bedeutendste Ergebnis der Studie war die signifikante Reduktion der depressiven Symptome Intravenöse Applikation (p = 0,017), gemessen an der Hamilvon DMT ist ton-Skala, einem der gängigsten verträglich, Diagnosewerkzeuge zur Ermittlung sicher und der Schwere einer depressiven effektiv. Foto: iStock Symptomatik. Allgemein deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die verwendete intravenöse Applikation von DMT allgemein verträglich, sicher und effektiv ist. Lediglich eine Person, deren entsprechende Vorerkrankungen zu Studienbeginn noch unbekannt waren, erlitt ungefähr fünf Minuten nach Injektion eine ausgeprägte Hypotonie und Bradykardie, weshalb die Studienautoren für nachfolgende Untersuchungen ein sorgfältiges Screening auf kardiovaskuläre Vorerkrankungen und Risikofaktoren vorschlagen. Spannenderweise umfasste das Studiendesign keine besondere Sorgfalt bezüglich Set und Setting. Die Versuchspersonen befanden sich in einem typischen Krankenhausumfeld, während lediglich ein Mindestmaß an psychologischer Betreuung angeboten wurde. Deshalb stellen die Autoren die Frage, ob zusätzliche Psychotherapie und ein «gemütlicher Rahmen», zu einer stärkeren Verringerung der Depressionssymptomatik beigetragen ­hätten. Alternativ sei es möglich, dass diese Vorkehrungen bei DMT zu vernachlässigen seien, da offenbar auch keine signifikante Korrelation zwischen der Intensität des psychedelischen Erlebens und den antidepressiven Effekten messbar war.

Die depressiven Symptome der Studienteilnehmer wurden signifikant reduziert.

D’Souza, D.C., Syed, S.A., Flynn, L.T., Safi-Aghdam, H., Cozzi, N.V., Ranganathan, M. (2022): Exploratory study of the dose-related safety, tolerability, and efficacy of dimethyltryptamine (DMT) in healthy volunteers and major depressive disorder, Neuropsychopharmacology 47: 1854–1862.


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Cluster-Kopfschmerz: LSD und Psilocybin sind präventiv wirksam Beim Krankheitsbild Cluster-Kopfschmerz (oder und Psilocybin eine hohe Wirksamkeit in der VorCluster headache, kurz: CH) handelt es sich um eine beugung von Cluster-Attacken aufweisen. Ein Team primäre Kopfschmerzerkrankung, die durch ex­­ um den finnischen Mediziner Sakari Santeri Rusatreme, oft einseitige Kopfschmerzen im Bereich von nen hat nun die erste systematische Übersichtsarbeit Augen und Schläfen gekennzeichnet ist. vorgelegt (2022), welche unter anderem die selbstbeIn der typischen Ausprägung des Syndroms richtete Effektivität dieser bisher unkonventreten die Schmerzen in Attacken auf, die tionellen Substanzen evaluiert. oft präzise zur gleichen Tageszeit Von zunächst 994 relevanten stattfinden. Die Dauer der AttaArtikeln erfüllten neun die cken kann bis zu vier Stunden strikten Inklusionskriterien. erreichen und in Serie für mehInsgesamt wurden dabei rere Wochen oder Monate aufDaten von 5419 Befragten treten – sogenannte Cluster-­ gesammelt. Cycles. Die Effektivität von Cluster-Kopfschmerzen Auf einer 10-Punkte-­ Vera­ pamil als CH-Protreten plötzlich und einseitig Schmerzskala wird der phylaxe wurde in der vorauf. Foto: iStock Schmerz während einer liegenden Übersichtsarbeit CH-Attacke meist mit einer ebenso bestätigt wie die Höchstpunktzahl angegeben. akute Wirkung von Sauerstoff. Der Schmerz soll sich stärker Spannender jedoch: Die vorbeuanfühlen als der Geburtsschmerz. gende Wirkung von LSD und PsiLaut Schätzungen sind in Deutschland, locybin wurde als noch effektiver angeÖsterreich und der Schweiz zwischen 100 000 und geben, als die der bisher zugelassenen 150 000 Menschen von dem Leiden betroffen. Medikation – wobei Psilocybin ebenfalls eine akute Zur akuten Behandlung werden in der Regel Wirkung zugeschrieben wird (vergleichbar mit der Triptane (wie z.B. Sumatriptan) angewendet, die von subkutanen Triptan-Injektionen und der Sauerwahlweise subkutan oder nasal appliziert werden. stofftherapie). Triptane sind gefäßverengende, entzündungshemDarüber hinaus berichteten die Befragten, dass mende und schmerzlindernde Wirkstoffe, die als Arz- die prophylaktische Wirkung von Psilocybin und neistoffe zur Akutbehandlung der Migräne und des LSD länger anhalte als die der herkömmlichen Cluster-Kopfschmerzes zur Anwendung kommen. Sie Medikamente – und das nach einer nur einmaligen wirken als Agonisten am Serotonin-Rezeptor vom Typ Dosis – wie auch in «kleinen, nicht-psychoaktiven 5-HT1 sowie den Subtypen 1B, 1D und 1F. Dosen». Ebenso zeigt die Inhalation von hundertprozenWährend Selbstberichte von Betroffenen stets tigem medizinischen Sauerstoff, verabreicht über mit Vorsicht betrachtet werden müssen, sprechen eine Hochkonzentrationsmaske, eine hohe Wirk- die Ergebnisse eine deutliche Sprache und erforsamkeit. Verapamilhydrochlorid, das eigentlich zur dern zukünftige randomisierte und kontrollierte Behandlung von Herzkrankheiten zugelassen ist, Studien – nicht zuletzt aufgrund des hohen Anteils wird im Off-Label-Gebrauch als prophylaktisches von Betroffenen, die trotz verfügbarer Medikation Mittel der ersten Wahl angewendet. Bei mangelnder zu bisher illegalisierten Substanzen greifen müssen. Wirksamkeit kommen ebenso Lithium sowie Topi- Stephen Ross, Gabrielle Agin-Liebes, Sharon Lo, Richard J. Zeifman, Leila Ghazal, Julia Benville, Silvia Franco Corso, Christian Bjerre Rusanen, S.S., ramat zum Einsatz. De, S., Schindler, E.A.D., Artto, V.A., Storvik, M. (2022): Self-Reported Aus Selbstberichten von Betroffenen ist bereits Efficacy of Treatments in Cluster Headache: a Systematic Review of Survey seit einiger Zeit bekannt, dass insbesondere LSD Studies, Curr Pain Headache Rep. doi: 10.1007/s11916-022-01063-5.


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PSYCHOACTIVE SCIENCE NEWS

Mystische Erfahrungen und umweltfreundliches Verhalten Eine methodische Schwierigkeit stellte hierbei Die Frage, ob psychedelische Erfahrungen das (persönliche bzw. politische) Handeln von Individuen die spezifische Operationalisierung des Umweltversignifikant beeinflussen können, wurde und wird in haltens dar: So bezieht sich ein Hauptteil des Fragezahlreichen Studien untersucht, so auch von Pate- bogens auf Konsumverhalten, das unter Umständen rini et al. (2022), die jedoch ausdrücklich den nicht primär eine positive Einstellung zur Natur Zusammenhang von mystischer Erfahrung und öko- abfragt, sondern eher den sogenannten «grünen Lifestyle», der ökonomisch schwächeren logischem Handeln in den Fokus setzten. Personen gegebenenfalls trotz posiDazu wurden per Online-Fragetiver Umwelteinstellungen nicht bogen insgesamt 240 Datensätze zur Verfügung steht (beierfragt. Wichtige Items betraspielsweise die Installation fen das eigene Umweltvereiner effizienten Heihalten («pro-environzung, der Abschluss mental behavior scale», «grüner» Energietarife kurz: PEBS) sowie oder die Anschaffung Berichte über eigene eines E-Autos). mystische Erfahrungen (mittels «Mystical Darüber hinaus konnte auch im vorlieExperience Ques­tion­ genden Paper – ähnlich nair­e 30»-Fragenkatawie in vorangegangelog, kurz: MEQ-30). nen Studien – kein Die Befragten waren ursächlicher Zusammenüberwiegend männlich Mystsich Sicht der Natur. Foto: Pixabay hang zwischen mystischer (65,24 %), bei einem AltersErfahrung und Umwelthanspektrum von 18 bis 67 Jahren. deln bewiesen werden. Paterniti Der Großteil der Teilnehmenden et al. bemerken selbst, dass interveniestammte aus Australien (26,7 %), den rende Drittvariablen das Ergebnis maßgeblich USA (25,83 %) und dem Vereinigten Königreich mitbeeinflussen. So ist es unter anderem möglich, (22,08 %). Die meistberichteten Sub­ stanzen (verantwortlich dass Personen, die ohnehin eine gesteigerte Umweltfür die mystische Erfahrung) waren psilocybinhaltige beziehung aufweisen, eher zu mystischen ErfahrunPilze (70,4 %), dicht gefolgt von LSD (63,3 %), DMT (27,1 %), gen neigen, da die Umweltbeziehung eine der besten Ayahuasca (10,4 %), Meskalin (8,3 %), sowie 22,9 % «Wei- Vorhersage-­Variablen für das Umweltverhalten darteren». stellt. Das Autorenteam fand einen signifikanten Weitere Studien sind nun gefragt, um die Bezie(jedoch schwachen) Zusammenhang zwischen «voll- hung zwischen mystischer Erfahrung und Umweltständiger» mystischer Erfahrung (hoher MEQ-30- verhalten genauer zu beleuchten und dabei wichWert) und positivem Umwelthandeln (entsprechen- tige Kontext- und Persönlichkeitsvariablen zu der PEBS-Wert), wobei bestätigt werden konnte, dass kontrollieren. nicht die Konsumfrequenz, sondern die Qualität der Paterniti, K., Bright, S., Gringart, E. (2022): The Relationship Between psychedelischen (bzw. mystischen) Erfahrung den Psychedelic Use, Mystical Experiences, and Pro-Environmental Behaviors, Zusammenhang mit dem Umweltverhalten beein- Journal of Humanistic Psychology 00221678221111024. flusst.


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Ketamin in der Behandlung bipolarer affektiver Störungen Als Bipolare affektive Störung (kurz BAS) wird eine psychische Erkrankung bezeichnet, die sich durch extreme entgegengesetzte Schwankungen in Antrieb, Stimmung und Aktivitätslevel bemerkbar macht. Weltweit gibt es Millionen Betroffene, von denen ein erheblicher Teil Suizidversuche unternimmt. Die typische Medikation bietet einem Großteil der Betroffenen oft keine hinreichende Linderung der Symptome und weist darüber hinaus auch häufig zahlreiche unerwünschte Arzneimittelwirkungen auf. Die laut Literatur vielversprechende Behandlung mit Ketamin ist deshalb Hoffnungsträger von vielen Patient/innen. Aus diesem Grund hat ein Forscherteam um die klinische Psychologin Raquel Bennett und den Psychiater Gary Bravo ein Paper (2022) vorgelegt, in dem es verschiedene Arten der Ketamintherapie aus ihrer eigenen klinischen Praxis beleuchten. Das Team schlägt eine analytische Trennung zwischen drei Paradigmen vor: Das «biochemische Paradimga», bei dem davon ausgegangen wird, dass der Wirkstoff allein die Symptome lindert, das «Psychotherapeutische Paradigma», bei welchem das Ketamin als «Katalysator» für psychotherapeutische Prozesse eingesetzt wird und das «psychedelische Paradigma», in dem durch hohe Dosen (1,5 mg/kg) profunde Bewusstseinsveränderungen angestrebt werden und eine intensive psychologische Betreuung angeboten wird. Da das biochemische Behandlungsparadigma eher niedrigdosiert (0,5 mg/kg) zur Anwendung kommt, eignet es sich besonders für Patient/innen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen oder solche, die auf weitere Medikation angewiesen sind. Im psychotherapeutischen Setting wird Wert auf die verbale Ausdrucksfähigkeit gelegt, so dass Gefühle und Gedanken während der Erfahrung psychotherapeutisch bearbeitet werden können – die Dosierung liegt dabei etwas höher, bewegt sich jedoch auf einem

Menschen mit einer bipolaren Störung erleben extreme Stimmungsschwankungen . Foto: iStock

«arbeitsfähigen» Niveau (0,3–0,9 mg/kg). Grundlage für eine solche Therapie ist eine bestehende und gefestigte Beziehung zwischen Patient/in und Psychotherapeut/in. Eine «psychedelische» Ketaminbehandlung sollte dabei laut den Autor/innen denjenigen Patient/innen vorbehalten sein, die eine gewisse Affinität und Fähigkeit zur Introspektion entwickelt haben (beispielsweise durch Meditation und Psychotherapie). Die Wirksamkeit von Ketamin in der Behandlung der BAS kann bei allen Behandlungsoptionen bestätigt werden, wobei der rein biochemische Weg eher eine temporäre Linderung verspricht. Die Autoren kon­ statieren jedoch auch, dass eine spezialisierte Ausbildung von größter Bedeutung für den Therapieerfolg sei. Es sei jedoch auch notwendig, die psychedelische Erfahrung nicht zu idealisieren: Ketamin zeigt hervorragende Ergebnisse als komplementäres Medikament, sei jedoch keine Abkürzung der trotzdem notwendigen psychotherapeutischen Behandlung.

Die Behandlung mit Ketamin ist Hoffnungsträger für viele Erkrankte.

Bennett, R., Yavorsky, C., Bravo, G. (2022): Ketamine for Bipolar Depression: Biochemical, Psychotherapeutic, and Psychedelic Approaches, Frontiers in Psychiatry 867484; doi: 10.3389/fpsyt.2022.867484.



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Foto: Thomas Rojahn

PSYCHEDELIKATESSEN von Hans Cousto Hans Cousto ist Sachbuchautor, Musikwissenschaftler und Mitbegründer von Eve&Rave Berlin.

Magic Mushroom Social Clubs

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agic Mushrooms – hierzulande Zauberpilze genannt – sind psilocybinhaltige Pilze. In Europa ist der Spitzkegelige Kahlkopf (Psilocybe semilanceata) am meisten verbreitet, aber auch der Blauende Kahlkopf (Psilocybe cyanescens) und der Azurblauverfärbende Kahlkopf (Psilocybe azurescens) gedeihen in der freien Natur. Vor allem in Mittel- und Südamerika kommen die Arten Kubanischer Kahlkopf (Psilocybe cubensis), Aztekischer Kahlkopf (Psilocybe aztecorum) und Mexikanischer Kahlkopf (Psilocybe mexicana) vor. Der Mexikanische Kahlkopf wird auch «Teonanacatl» (Gott-Pilz) genannt. Den Azteken galt der Pilz als «Fleisch der Götter». Zauberpilze sind nicht nur hedonistische Psychedelikatessen, die Spaß machen und die Lebensfreude steigern, sondern auch sakrale Entheogene für spirituelle Einsichten und Ausblicke auf dem Weg der Psychonauten zur Selbsterkenntnis. Eine niederländische Studie aus dem Jahr 2009* attestierte den Zauberpilzen unter allen untersuchten Drogen das geringste Risiko für die Konsumenten wie auch für die Gesellschaft. Die Experten untersuchten die akute sowie die chronische Toxizität von Drogen, das Abhängigkeitspotenzial und zudem die individuelle sowie die gesellschaftliche und allgemeine Schädigung. In Großbritannien gab es in den Jahren 2007 und 2010 ähnliche Studien unter Federführung von David Nutt. Die relative Gefährlichkeit wurde darin auf einer Skala von 0 bis 100 angegeben (0 = null Gefährdung, 100 = höchstmögliche Gefährdung). Alkohol rangierte auf Rang 1 mit 72 Punkten, Tabak auf Rang 6 mit 26 Punkten und Cannabis auf Rang 8 mit 20 Punkten. Die Zauberpilze lagen auch hier auf dem letzten Rang mit 6 Punkten und weisen somit auch gemäß dieser Studie die geringste Gefährlichkeit auf.

Cannabis Social Clubs organisieren für ihre Mitglieder den Anbau und die Verteilung psychoaktiver Hanfprodukte in kontrollierter Qualität jenseits von Schwarzmarktstrukturen. Magic Mush­ room Social Clubs sind ein Pendant zu Cannabis Social Clubs. Sie bieten die gleichen Vorteile wie Cannabis Social Clubs, sind jedoch nicht auf die Kultur von Pflanzen, sondern auf die Kultur von Zauberpilzen ausgerichtet. Das Züchten von Zauberpilzen verlangt mehr Sachkunde als das Züchten von Cannabispflanzen, insbesondere da bei einigen Arbeitsgängen möglichst steril, zumindest aber maximal keim­­arm gearbeitet werden muss. Gemeinsam gelingt dies oft besser, als wenn ein Laie beginnt, mit der Pilzzucht zu experimentieren. Da Zauberpilze als weniger gefährdend eingestuft werden als Cannabis und viele andere Drogen, ist die Schwelle für eine amtliche Genehmigung von Magic Mushroom Social Clubs wohl niedriger einzustufen, als dies bei den Cannabis Social Clubs der Fall ist. Cannabis wird heute oft unter Kunstlicht gezüchtet, was viel elektrische Energie benötigt. Pilze brauchen kein Licht, um zu gedeihen, und können gut umweltschonend im Keller gezüchtet werden. Und psychedelische Reisen in die eigenen inneren Welten hinterlassen einen vielfach geringeren ökologischen Fußabdruck als das physische Reisen mit einem Flugzeug an einen auf einer Insel gelegenen Urlaubsort. Vor dem Konsum von Psychedelika sollte man jedoch auf jeden Fall Fachinformationen für den nichtmedizinischen Gebrauch von Psychedelika genauestens studieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob man die Zauberpilze für rituelle, hedonistische oder ludische Zwecke nutzen will.

Eine niederländische Studie attestierte den Zauberpilzen das geringste Risiko für die Konsumenten.

*Ranking van drugs – Een vergelijking van de schadelijkheid van drugs (Ranking von Drogen – Ein Vergleich der Schädlichkeit diverser Drogen) des Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu in Bilthoven im Auftrag des Ministeriums für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport.


Begegnungen mit

DMT-Wesen TEXT

Da v i d Ja y B r o w n

D

u nimmst also (...) einen dritten Zug, lang und langsam. Du verdampfst [das DMT], du saugst es ein – und ein und ein. Und dann hörst du ein Geräusch wie das Zerknüllen einer Plastikverpackung oder das Knistern einer Flamme und einen Ton. Ein Mmmmmmmmmmmmmm ... und da ist es ... plötzlich ist da ein Jubilieren. Die Zwerge haben eine neue Art und Weise etabliert, Hurra zu sagen. An den Wänden wimmelt es von geometrischen Halluzinationen. Sehr farbenprächtig, sehr schillernd. Alles ist maschinell und poliert und pulsiert vor Energie, aber das ist nicht das, was meine Aufmerksamkeit sofort erregt. Was meine Aufmerksamkeit erregt, ist die Tatsache, dass dieser Raum bewohnt ist. Wie mit Juwelen besetzte, sich selbst dribbelnde Basketbälle kommen diese Dinge auf dich zugerannt, und was sie mit dieser sichtbaren Sprache tun, die sie selbst erschaffen, ist, dir Geschenke zu machen! Sie produzieren Geschenke für dich. Terence Mckenna

1990 öffnete sich an der Universität von New Mexico ein Tor zu neuen Dimensionen des Geistes und der Realität, als die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) und die Drogenbehörde Drug Enforcement Administration (DEA) dem Psychiatrie­ forscher Rick Strassman die Genehmigung erteilten, die außergewöhnlichen psychoaktiven Wirkungen von DMT an gesunden Menschen zu untersuchen. DMT (N,N-Dimethyl­tryp­ tamin) ist eine geheimnisvolle psychedelische Substanz, die natürlicherweise in vielen Tier- und Pflanzenarten vorkommt, von der jedoch bislang kein Biochemiker weiß, welche biologische Funktion sie in den Lebewesen erfüllt. Tatsächlich ist DMT in der Natur so häufig anzutreffen, dass der Chemiker Alexander Shulgin (1925–2014) schrieb: «DMT ist ganz einfach fast überall, wo man hinschaut. Es ist ... in dieser Blume hier, in dem Baum dort und in dem Tier da». Spuren von DMT finden sich sogar in jedem Glas Orangen- und Zitronensaft!

DMT ist im menschlichen Körper – wahrscheinlich auch im Gehirn – eine endogene, also körpereigene Substanz. Es wird spekuliert, dass DMT in der Zirbeldrüse biosynthetisiert wird, und dass es möglicherweise einen Beitrag zu unserem Traumprozess sowie zu mystischen oder Nahtoderfahrungen (NTE) leistet. Interessanterweise wird DMT in den Gehirnen von Nagetieren freigesetzt, wenn diese einen Herzstillstand erleiden, was darauf hindeutet, dass es bei unserer eigenen Spezies NTE vermitteln könnte. Wird DMT jedoch in ausreichenden Mengen verdampft, insuffliert oder injiziert, wird es zu einer der stärksten bekannten psychedelischen Substanzen – im Allgemeinen um eine Größenordnung intensiver als eine starke LSD- oder Psilocybin-Erfahrung. Die unglaubliche Erfahrung überwältigt die eigene Wahrnehmung vollständig, trennt das Bewusstsein vom Körper und der physischen Welt und versetzt den Menschen in ein verzaubertes

Sind diese Wesen tatsächlich real? Haben sie ein Bewusstsein?


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Foto: Shutterstock

XXX

Reich, das man sich nicht vorstellen kann, wenn man nicht selbst ein solches Erlebnis hatte. Dieses außergewöhnliche Reich, das von DMT-Reisenden oft als «Hyperraum» bezeichnet wird, scheint mit einer ähnlichen Konsistenz zu existieren wie die physische Realität oder ein luzider Traum, und am erstaunlichsten ist, dass es scheinbar von Schwärmen von Elfen, Entitäten, Geistern und anderen seltsamen nicht-körperlichen Wesen bevölkert wird. Dieser magische und furchterregende Ort scheint an die «Geisterwelt» vieler Mythologien zu erinnern, ebenso wie an das «Märchenland» der englischen und schottischen Folklore und an das Innere von Raumschiff-Laboratorien, die in

Berichten über Entführungen durch Außerirdische beschrieben werden. Nach der Einnahme von DMT berichten viele Menschen von fortgeschrittenen Roboter-Insektoiden, wie z.B. den «sich selbst verwandelnden Maschinenelfen», die seltsame wissenschaftliche Operationen an ihnen durchführen oder ihnen wichtige Informationen übermitteln. Ich habe das selbst erlebt. Nachdem ich 1983 drei tiefe Lungenzüge DMT inhaliert hatte, fand ich mich plötzlich in einem hyperdimensionalen, supertechnologischen Raum wieder, wo eine Wissenschaftlerin in Gestalt einer riesigen Gottesanbeterin, die mein eigenes Gesicht trug, eine Gehirn­ operation an mir durchführte, und ich bin mir }


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DMT-WESEN

Die Gottesanbeterin taucht oft in DMT-Visionen auf. Foto: Freepik

immer noch nicht sicher, was ich von dieser bewusstseinsverändernden, realitätsverdrehenden Erfahrung halten soll, die mir realer als real erschien. Ich wurde Zeuge, wie schelmische Elfen fröhlich in seltsame biologische Maschinen eintauchten. Als ich in die Welt des Alltagsbewusstseins zurückkehrte, kreisten viele Fragen in meinem Kopf. Sind diese Wesen tatsächlich real? Haben sie eine unabhängige Existenz? Haben sie ein Bewusstsein? Ist ihre Welt objektiv real? Oder war das alles nur eine großartige Halluzination? Ein Freund, der während einer DMT-Reise eine ähnliche Erfahrung in der Interaktion mit einigen dieser Wesen machte, beschrieb sie als «sich selbst transformierende, schwebende, metallische Kugeln, die hyperbewusst waren und deren geschlitzte Oberflächen ständig über und unter sich glitten. Sie hatten auch mit Lasern ausgestattete metallene Rüssel, die sie für chirurgische Eingriffe zur Untersuchung von Bakterien in meinen Gehirnzellen verwendeten». Meine Computerdateien quellen über von verblüffenden Berichten wie diesem. Eine andere Freundin, Danielle Bohmir, beschrieb ihre Begegnung so: «Jede Kreatur hatte eine Art spitzen Hut und austauschbare Körperteile, die mit den Teilen der anderen ausgetauscht werden konnten. Sie waren alle identisch in Form und Gestalt, hatten aber unterschiedlich gefärbte und strukturierte Teile. Die «Seelen» oder Energien konnten auch von einem Wesen auf ein anderes

übertragen werden. Ich konnte ein Teil von ihnen werden und sie konnten ein Teil von mir werden.» Der Komiker Shane Mauss hatte ein interessantes Erlebnis, das einen über die Realität dieser Wesenheiten nachdenken lässt. Mauss beschreibt, wie er zum ersten Mal DMT geraucht hatte: «Ich ging in die verschiedenen Dimensionen ein und sah diese unterschiedlichen Wesen, und ich dachte irgendwie, das alles passiere nur in meinem Kopf. Es sieht, in dem Augenblick, in dem man die Erfahrung macht, nicht so aus, aber so habe ich es mir hinterher rational erklären wollen. Ich sprach mit diesen Wesen, die mir scheinbar all diese Informa­ tionen gaben, an die ich mich nicht erinnern konnte.» Dann forderte Mauss die Wesen auf: «Ihr müsst mir etwas zeigen, um zu beweisen, dass ihr außerhalb meines Kopfes seid». Mauss beschrieb daraufhin eine Begegnung im DMT-Reich mit einer «tanzenden lila Zigeunerin», die er auf einem Karneval im inneren Raum kennenlernte und die er «schon seit Ewigkeiten» kannte. Nach fünf oder sechs weiteren Begegnungen mit der lila Frau während anderer DMT-Erfahrungen beschrieb er dann eine seltsame Geschichte, bei der er mit einem Freund DMT geraucht hatte und dieser ihm erzählte, dass ihm im Verlauf der Erfahrung eine tanzende lila Zigeunerin gesagt habe, dass sie Shane wirklich gut kenne. War dies Telepathie, übersinnliche Resonanz, ein Zufall oder ein Beweis für die Realität der DMT-Welt und der dortigen Wesenheiten? Ich habe dieses Phänomen und meine Fragen mit den DMT-Forschern Rick Strassman, David Luke, Andrew Gallimore und anderen für ein neues Buch diskutiert, an dem ich gerade arbeite, und werde einige ihrer Antworten in diesem Artikel wiedergeben. In Rick Strassmans fünfjähriger Studie mit DMT an der Universität von New Mexico stellte er fest, dass die Erfahrung der «Entitätsbegegnung» auf DMT überraschend häufig vorkommt, und eine von Forschern der Johns Hopkins University durchgeführte Umfrage unter mehr als 2500 DMT-Usern ergab, dass die von den Menschen berichteten Entitätsbegegnungen viele ähnliche Merkmale aufweisen. Eine naturalistische Feldstudie ergab, dass 94 Prozent der DMT-Konsumierenden Entitätsbegegnungen hatten, und eine Studie der Universität Sydney aus dem Jahr 2020 in Australien ergab, dass Entitätsbegegnungen bei mystischen Erfahrungen

War dies Telepathie oder ein Beweis für die Realität der DMT-Welt?


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Luke Brown: Cosmic Circus (2020)

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die therapeutische Wirkung von Psychedelika unterstützen können. Eine andere Studie, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, fand heraus, dass in weniger Fällen als in der oben genannten Studie über Begegnungen mit Entitäten berichtet wurde, nämlich nur bei 45,5 Prozent der DMT-Erfahrungen, aber immer noch in einem beträchtlichen Umfang. Bei den Begegnungen handelte es sich überwiegend um weibliche Phänotypen sowie um «Gottheiten», «Außerirdische», «auf diversen Kreaturen basierende Wesen» (einschließlich reptilienartige und insektoide Wesen), «mythologische Wesen» (einschließlich Maschinenelfen) und «Narren» (Clowns). Dieses Phänomen wird inzwischen von einer kleinen Gruppe seriöser Wissenschaftler ernstgenommen und systematisch in wissenschaftlichen Studien untersucht, die am Imperial College in London durchgeführt werden – an mutigen Probanden unter Verwendung von DMT im erweiterten Zustand. Bei diesen Studien werden Menschen mittels eines Perfusors (Spritzenpumpe) über längere Zeiträume im

DMT-Zustand gehalten, um zu sehen, ob auf diese Weise mehr wertvolle Informationen gewonnen werden können. Andrew Gallimore und Rick Strassman haben gemeinsam ein pharmakokinetisches Modell für DMT entwickelt, das als Grundlage für ein «zielgesteuertes intravenöses Infusionsprotokoll» für längere Reisen in den DMT-Raum dient. Sie haben mit der Arbeit an einer Technologie begonnen, die es den Menschen ermöglicht, über längere Zeiträume, z.B. über Stunden und länger, im hochdosierten DMT-Zustand zu verweilen, der normalerweise nur wenige Minuten lang anhält. Theoretisch wird dies den Menschen ermöglichen, über längere Zeiträume mit Wesen in Kontakt zu treten, die sich möglicherweise in diesem Reich aufhalten, und echte Fortschritte bei der Kommunikation zu erzielen. Diese Forschung ist derzeit im Gange, und ich werde einen der Probanden der Studie für mein neues Buch interviewen. Es werden auch andere ernsthafte Untersuchungen zu diesem faszinierenden Phänomen durchgeführt. Auf einem viertägigen Symposium in }

Neue Technologie ermöglicht längere Reisen in den DMT-Raum.


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Mit KI erzeugte Darstellung eines DMT-Wesens. Foto: PD

Tyringham Hall in England im Jahr 2017 kamen zwanzig psychedelische Koryphäen aus aller Welt zusammen, um über Begegnungen mit psychedelischen Entitäten und die Zukunft der Forschung auf diesem Gebiet zu diskutieren. Zwei außergewöhnliche Bücher mit Aufsätzen, herausgegeben von David Luke, sind das Ergebnis dieses Symposiums und fassen den neuesten Stand der Forschung zu diesem Phänomen zusammen: DMT-Dialogues: Encounters with the Spirit Molecule und DMT Entity Encounters (beide bei Inner Traditions erschienen). Weitere wichtige Bücher zu diesem Thema sind Rick Strassmans DMT: The Spirit Molecule (deutsch: DMT – Das Molekül des Bewusstseins), Graham St. Johns Mystery School in Hyperspace (North Atlantic Books) und Andrew Gallimores Alien Information Theory (Strange Worlds Press). Als ich Rick Strassman fragte, ob er glaube, dass die Wesenheiten, denen die Menschen auf DMT begegneten, eine echte unabhängige Existenz hätten oder nicht, antwortete er: «Ich selbst glaube das. Meine Kollegen halten mich für verrückt, aber ich denke, dass diese Hypothese genauso gut funktioniert wie jede andere. Ich habe alle anderen Hypothesen mit unseren Freiwilligen und an mir selbst ausprobiert: das Modell «Das ist Ihr Gehirn auf Drogen»; das Freudsche «Unbewusste, das verdrängte Wünsche und Ängste ausspielt»; die Jungschen «archetypischen Bilder, die unser unerfülltes Potenzial symbolisieren», die Hypothese, dass alles nur ein Traum sei, usw. Die Freiwilligen hatten starke Einwände gegen all diese Erklärungsmodelle – und es handelte sich um eine sehr erfahrene Gruppe von Freiwilligen mit

jahrzehntelanger psychotherapeutischer und spiritueller Praxis sowie früheren psychedelischen Erfahrungen. Ich führte ein Gedankenexperiment durch und fragte mich: Was wäre, wenn dies reale Welten und reale Wesen sind? Wo würden sie sich aufhalten, und warum würden sie mit uns interagieren wollen? Dies führte mich zu einigen interessanten Spekulationen über Paralleluniversen, dunkle Materie usw. Nur weil wir diese Ideen im Moment nicht beweisen können (weil uns die entsprechende Technologie fehlt), heißt das nicht, dass wir sie von vornherein als falsch abtun sollten.» Als ich diese Frage auch dem Psychologen David Luke stellte, der an der DMT-Studie des Imperial College beteiligt ist, antwortete er: «Ich versuche, keine festen Überzeugungen über irgendetwas zu haben. Ich versuche, agnostisch zu sein, und um ehrlich zu sein, ändern sich meine Meinungen und auch meine Neigungen von Tag zu Tag. Je länger ich von einer DMT-Erfahrung entfernt bin, desto mehr neige ich zu einer einfachen psychologischen und neurologischen Erklärung. Aber ich denke, je näher man an einer solchen Erfahrung ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man sie für bare Münze nimmt und glaubt, dass es sich um das handelt, was auf der Verpackung steht, nämlich um Geister, Totengeister, Engel, Dämonen, Götter, Elfen oder was auch immer sie sein mögen. Ich weiß es also nicht. Ich habe mich auf eine lange Reise begeben, um dies zu erforschen, und ich glaube nicht, dass der neurowissenschaftliche, psychologische Blickwinkel derzeit ausreicht, um diese Erfahrungen zu erklären. Aber gleichzeitig ist es ein metaphysisches Paradoxon und ein Rätsel zu versuchen, der Natur dieser Wesen, denen die Menschen begegnen, auf den Grund zu gehen. Sie fühlen sich auf jeden Fall real an – so real, dass sie mehr als die Hälfte aller Atheisten innerhalb von zehn Minuten in Nicht-Atheisten verwandeln können. Aber was ihre tatsächliche letztendliche Realität angeht, so möchte ich versuchen, agnostisch zu bleiben.» Ich habe mich mit der Fragestellung auch an den Neurowissenschaftler Andrew Gallimore gewendet, der ebenfalls an der DMT-Studie des Imperial College beteiligt ist. Er antwortete Folgendes: «Ich habe nie eine Vermutung darüber angestellt, was ich glaube, dass diese Dinge sind. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es sich bei diesen Wesenheiten nicht um Halluzinationen handelt, sondern,

«Was wäre, wenn dies reale Wesen sind? Und warum würden sie mit uns interagieren wollen?»


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dass sie bewusst und real sind. Der Grund dafür ist, dass ich denke, wenn man sich ihnen mit der Annahme nähert, dass sie nicht real sind, dann kann diese Art von Voreingenommenheit die Informationen beeinflussen, die man von ihnen zu erhalten in der Lage ist. Ich glaube, dass die Frage nach der Realität dieser Wesen sehr komplex ist. Ich habe viel darüber geschrieben, gesprochen und gelehrt, denn es ist eine immerwährende Frage – nicht nur die DMT-Wesen, sondern der DMT-Zustand selbst. Ist er real? Und ich denke, das Problem liegt zum Teil darin, zu definieren, was wir mit real meinen. Ich glaube die meisten Leute tun das nicht richtig oder formulieren diese Frage nicht richtig. Deshalb habe ich immer versucht, diese Frage viel spezifischer zu beantworten und zu sagen: Okay, versuchen wir, einen vielleicht kleineren Rahmen innerhalb dieser größeren Frage nach der Realität dieser Dinge zu setzen. Ich habe zum Beispiel darüber nachgedacht, was wir damit meinen, wenn wir nach der Realität dieser Wesenheiten fragen. Nun, meiner Meinung nach ist ein Wesen real, wenn es ein subjektives Bewusstsein hat. Wenn etwas von seiner eigenen Seite aus existiert und seine eigene Perspektive hat, dann ist es real. Es ist genauso real wie wir selbst. Descartes hat bekanntlich gezeigt, dass wir alles außer unserem eigenen Geist leugnen können. Wenn diese Wesenheiten ein subjektives Bewusstsein haben, dann können sie ihre eigene Existenz ebenso wenig leugnen wie wir unsere Existenz – was sie meiner Meinung nach real, vollkommen real, wirklich real macht. Glaube ich also, dass diese Wesen ein subjektives Bewusstsein haben? Ich gehe davon aus, dass sie es haben. Sie scheinen es zu haben, aber wie könnte man das formal testen? Ich bin mir da nicht sicher. Das sind die Fragen, an deren Beantwortung ich wirklich interessiert bin, vor allem, wie wir uns diesen Wesen nähern könnten. Ich denke, es hat etwas ziemlich Unverschämtes, in den DMT-Raum zu gehen und zu versuchen, diese Wesenheiten sozusagen auf ihren ontologischen Status hin zu testen. Das ist also ein Ansatz, über die Wesenheiten nachzudenken.»

Außerhalb der eher kleinen Wissenschafts- und Psychonauten-Gemeinschaft wusste vor dreißig Jahren kaum jemand, was DMT ist, und jetzt gibt es viele Tausende von Menschen, die in Online-Gruppen wie DMT Nexus und DMT World über Erfahrungen mit DMT-Wesen berichten. Es gibt inzwischen mehr als ein Dutzend Bücher zu diesem Thema – und jetzt sogar ein Programm auf der Basis von künstlicher Intelligenz, das DMT-Bilder und -Entitäten mit unglaublicher, unheimlicher Genauigkeit erzeugt. Die Erforschung der Auswirkungen von DMT auf das Bewusstsein könnte uns eine Technologie an die Hand geben, die es uns ermöglicht, ständig andere Bereiche der Realität zu besuchen und mit fortgeschrittenen nicht-menschlichen Wesen zu kommunizieren. Wie der verstorbene Ethnobotaniker Terence McKenna sagte: «DMT ist eine zuverlässige Methode, um in eine Dimension vorzudringen, über deren Existenz die Menschen seit 50.000 Jahren debattieren.» Es hat den Anschein, dass ein dauerhafter und verifizierter Kontakt mit anderen intelligenten Entitäten nun in greifbarer Nähe ist – und zwar nicht nur aus dem DMT-Bereich, denn es gibt noch andere echte Möglichkeiten, wie die jüngsten Enthüllungen der Regierung über UFO-Sichtungen durch das Militär zeigen, wie auch die Nachricht, dass der Google-Ingenieur Blake Lemoine beurlaubt wurde, nachdem er berichtet hatte, dass der Chatbot LaMDA mit künstlicher Intelligenz (KI) empfindungsfähig geworden war. Wir sind vielleicht nicht allein in diesem Universum, und unsere interstellaren oder interdimensionalen Nachbarn könnten direkt auf der anderen Seite des Schleiers leben und darauf brennen, mit uns Kontakt aufzunehmen.

Ein Kontakt mit anderen intelligenten Entitäten scheint nun in greifbarer Nähe.

David Jay Brown ist Autor von 16 Büchern über die Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Kunst und psychedelischem Bewusstsein, darunter Dreaming Wide Awake und The New Science of Psychedelics. Sein neues Buch, Renaissance of the Mind, wird 2023 bei Inner Traditions erscheinen.

www.davidjaybrown.com }


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In memoriam Christian Rätsch 20. April 1957 bis 17. September 2022

«Liebe das Leben!» Claudia Müller-Ebeling

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ie könnt ihr im dafür nicht reif sind» und vom Regen­ beim ersten Auftritt bei wald leben, ohne ihn Stefan Raab – das viral zu zerstören?», war die ging – machten ihn Frage, die den Ham­ medial populär. burger Studenten des Legendär wurde Orchideenfachs Alt­ Rätsch jedoch als Autor amerikanistik Ende des monumentalen der 1970er Jahre zum Standardwerks Enzyklozweitägigen Marsch pädie der psychoaktiven nach Nahà («Haus am Pflanzen (AT 1998, nun 17. See») motivierte. Auf Auflage) – just ergänzt Pfaden des (weitge­ von Band 2 (800 Seiten, hend noch intakten) 2,6 Kilo), mit brand­ Regenwaldes zwischen neuen Monographien Chiapas, Mexiko, und und Informationen, Claudia Müller-Ebeling und Christian Rätsch 2022. Foto: zvg Guatemala. Zur Sied­ realisiert mit Co-Autor lung der letzten (noch) nicht missionierten Lakan­ Markus Berger. «Mein Lebenswerk ist nun voll­ donen. Zum Glück hießen ihn der damals 98-jährige endet», sagte Christian am 15. September an der Ver­ Chan K‘in und der (mittlerweile ebenso alte) Anto­ nissage (spontan organisiert von Roger Liggenstor­ nio willkommen und öffneten dem an ihrem Alltag fer vom Nachtschatten Verlag). teilnehmenden Beobachter für insgesamt drei Jahre Neue Perspektiven auf Fragen und Vorstellun­ ihre Welten. Weil Christian bei der ersten Begegnung gen waren sein Ding. Bis zum letzten Atemzug – am vehement bestätigt hatte, kein Anhänger von Chesu 17. September 2022, in Kisslegg, Allgäu, der letzten Klitschto (Jesus Christus) zu sein und, wie sie, ein Station unserer zehntägigen Rundreise, wo er «richtiger Mensch» mit langen Haaren war. Weil die einem unentdeckten Magengeschwür erlag. Sein Lakandonen (deren Maya er fließend erlernte) sein Tod war so furchtbar wunderbar, wie sein Leben yukatekisches Maya verstanden hatten, erreichte der furchtlos und beglückend war. Sein friedlicher Übergang in die ewigen Jagd­ junge Rätsch in Nahà das Ziel seiner Träume – und die gründe – an meiner Seite, im letzten Bett unserer Quelle zahlreicher Bücher. An seinem Heavy-Metal-Look schieden sich die zehntägigen Tournee – tröstet mich. Meine Dank­ Geister ebenso wie an den Themen, die er beleuch­ barkeit für unsere gegenseitig inspirierende, stär­ tete (auch mit mir als Lebens- und Forschungspart­ kende und fördernde 38-jährige Lebens- und For­ nerin): Hexen, Heilkunst und heidnische Weihnacht; schungsgemeinschaft stärkt mich. Aphrodisiaka und Antike; germanische Mythen und «Liebe das Leben!» ruft mir – und uns allen – Götter der Maya; Regenwald und Räucherstoffe; Christian aus den ewigen Jagdgründen zu. Das war Weihrauch, Walpurgisnacht und Schamanismus. auch das Lebensmotto seines Vaters Paul (der uns, «Diskutieren ist sinnlos. Hören wir einander klar und friedlich, mit 96 Jahren verließ). Und auch lieber zu», konstatierte Rätsch mit tiefer und ruhi­ Albert Hofmann verabschiedete sich, zehn Tage vor ger Stimme in Talkshows aus der Exoten-Ecke. Das seinem Tod (mit 102, mit klarem Geist), von uns mit Interview im Spiegel, 2013 und sein ernüchterndes der visionären Botschaft: «Der Sinn des Lebens ist Statement «Ich empfehle Ihnen nichts, weil Sie Lebensfreude!»


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Leb wohl, mein psychedelischer Bruder Roger Liggenstorfer

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enn ein Abschied so dramatisch ist wie der von Christian Rätsch, ist es besonders schwer, die richtigen Worte zu finden. Noch immer ist sein Übergang in die Anderswelt unfassbar. Warum hat er so plötzlich die Dimension gewechselt? Ich versuche immer noch zu begreifen, wie es dazu kam. Seit Beginn der Corona-Zeit hatten wir leider sehr wenig physischen Kontakt; unser letzter gemeinsamer Anlass, das Jubiläum 75 Jahre LSD in Basel, war über vier Jahre her. Diesen Sommer hatten wir bereits ein geplantes Treffen kurzfristig verschieben müssen. So fragten mich Christian und Claudia Anfang August, ob es Mitte September passen würde. Wir vereinbarten ein Treffen zwischen dem 14. und dem 16. September. Kurze Zeit später erfuhr ich, dass die Enzyklopädie Band 2 Ende August aus der Druckerei kommen würde. Es war also naheliegend, die Buchpräsentation hier in Solothurn zu organisieren. Als ich Christian am 15. September nachmittags aus Basel kommend vor unserem Haus sah, erschrak ich: Er sah fahl und übermüdet aus, war sichtlich gealtert – das war nicht der Christian, den ich kannte. Als er dann hörte, dass Markus krank war und bei der Buchpräsentation nicht dabei sein könne, war er regelrecht deprimiert. Hatte er etwa da schon eine Vorahnung? Wir hatten noch etwas Zeit vor der Buchpräsentation, um uns auszutauschen, zu stärken und uns auf diesen besonderen Abend vorzubereiten. Zeit, die Alraunen auf dem Dach zu bewundern, die kurz

Christian war doch gerade eben noch da, real und (an)fassbar. vor der Blüte standen. Claudia und Christian waren begeistert, hatten sie doch gemeinsam das Alraunen-Buch im Nachtschatten Verlag verfasst. Die Buchvernissage war grandios. Claudia las die Grußworte des Co-Autors Markus Berger vor und ebenso konnte der AT-Verleger Urs Hofmann einige Worte zum Buch vortragen. Die aus der ganzen Schweiz (und sogar aus Deutschland) angereisten Fans spendeten am Schluss einen nicht enden wollenden Applaus. Christian war sichtlich gerührt. Es sollte der letzte Applaus sein, den er empfangen durfte.

Christian Rätsch, 2009. Foto: Elfriede Liebenow, Hamburg

Danach ließen wir privat viele Erinnerungen aus psychonautischen Zeiten aufleben. Christian war in diesen Momenten wieder der «gute alte Christian», wie ich ihn liebte – und lange nicht mehr hatte erleben dürfen. Nicht nur der Abend, die ganze Nacht war ein Geschenk der besonderen Art. Am Morgen danach machten wir uns langsam auf den Weg zum Bahnhof. Für unseren gemeinsamen Freund Mark, mit dem wir wunderbare Zeiten in Nepal erlebt hatten, knipsten wir noch ein Selfie – wer hätte in diesem Moment gedacht, dass es das allerletzte Foto von Christian werden würde? Am nächsten Morgen kurz vor neun Uhr erreichte uns die Hiobsbotschaft von Claudia, Christian sei gestorben. Gestorben? Wohl ein schlechter Witz! Das war so surreal, das musste bestimmt ein Alptraum sein. Christian war doch gerade eben noch hier gewesen. Umgehend schickte ich die Nachricht an Markus. Kurz darauf schrieb er mir: «Sag, dass das nur ein Traum ist! Das kann doch nicht wahr sein!» Und }


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Christian Rätsch und Roger Liggenstorfer nach einem Pilzritual vor dem Tipi, 1989. Foto: zvg

Von links: Jutta und Markus Berger, Roger Liggenstorfer, Chris Heidrich, Stanislav und Brigitte Grof, Christian Rätsch und Claudia Müller-Ebeling, 2018 am Symposium 75 Jahre LSD in Münchenstein. Foto: zvg

langsam kamen die Erinnerungen – ja, Christian war Die Rückblende auf vergangene Zeiten will nicht gerade eben noch da, real und (an)fassbar. enden. Nun kann ich mich mit Christian über all das Micha und Dirk, bei denen Claudia und Christian nur noch im Geiste austauschen. Kein «Weißt du am Mittwoch übernachtet hatten und die auf der noch ...?« mehr. Nur noch Erinnerungen, wunderBuchvernissage dabei gewesen waren, kamen umge- bare Erinnerungen. Keine dieser Erfahrungen hend aus Basel zu uns – um das Unfassbare und den möchte ich missen. Wie kaum jemand hat mich Schmerz zu teilen. Am Nachmittag zelebrierten wir zu Christian nachhaltig geprägt und mir so viel mit auf viert, zusammen mit meiner Partnerin Chris, auf der den Weg gegeben. Nicht von ungefähr haben wir einDach­ terrasse ein Räucherritual für Christian. Die ander «psychedelische Brüder» genannt. Und als solBlüten der Alraune hatten sich mittlerweile geöffnet. cher bleibst Du mir in ewiger Erinnerung, mein Bruder. Eben hatten wir uns doch noch Lebe wohl, wir sehen uns gemeinsam mit ihm daran wieder – und werden weitermaerfreut. Unfassbar. Surreal. chen, wo wir aufgehört haben. Mir kamen Geschichten von Es ist nur eine kurze Unterbrefrüher in den Sinn. Zwei Abende chung in einer unendlichen Seezuvor hatten wir uns an einige lenverbindung, in der wir uns davon gemeinsam erinnert: von unserem kosmischen Lager«Weißt du noch, damals, als wir feuer aus bei einem kurzen, uns an der Buchmesse in Frankintensiven Zwischenstopp auf furt das erste Mal trafen, war es Roger Liggenstorfer, Christian Rätsch und dem Planeten Erde auf alle 1987?» Oder als wir am Musik­ Claudia Müller-Ebeling am 16. September 2022 erdenklichen Weisen vergnügt festival in Thun bepilzt die Idee beim Abschied in Solothurn. Foro: Selfie haben – und dabei nie vergessen zum Buch über die Pilz-Schamanin Maria Sabina hatten – und dieses dann zum haben, wie wichtig die Weitergabe von Wissen ist. 90. Geburtstag des LSD- und Psilocybin-Entdeckers Wie unser gemeinsamer Mentor Albert Hofmann uns Albert Hofmann im Januar 1996 als Überraschung prä- immer wieder gelehrt hat: Ergänzung, nicht Aussentieren durften. Oder unsere Zeit in den Walliser schluss – man kann wissenschaftlich arbeiten wie Bergen und der Besuch an der Street Parade … Oder Christian und dabei dennoch dem Mantra Sex & die fantastischen Zeiten in Palenque, Mexiko, unver- Drugs & Rock’n Roll frönen, zur Abwechslung auch gesslich, wie wir uns tagsüber theoretisch, nachts mal zu Heavy-Metal-Klängen oder Wagner-Musik. praktisch mit unseren Themen auseinandersetzten … Wie Claudia es in unserem gemeinsam verfassten die Reisen zu den Mysterienkulten von Eleusis, zusam- Nachruf stimmig auf den Punkt brachte: Es war ein men mit Albert Hofmann, Jonathan Ott und anderen furios getimtes Finale à la Richard Wagner. Eine Woche später, als ich diesen Text hier … oder die eindrücklichen Schamanenrituale in Nepal bei der Psychoactivity-Konferenz ... schrieb, blühten die Alraunen noch einmal auf.


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Mit Markus Berger, 2022. Foto: Elfriede Liebenow

Dein Geist wird überleben Markus Berger

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it dem Tod von Christian Rätsch verliert die Welt nicht nur einen Ausnahmewissenschaftler und Forscher der ganz besonderen Art. Auch der Nachtschatten Verlag verliert einen seiner wichtigsten Autoren und Verbündeten, insbesondere aber einen Freund. Dieser Verlust kam überraschend und viel zu früh. Der 17. September sitzt mir noch immer in den Knochen. Direkt nach dem Aufstehen eine SMS von Roger Liggenstorfer: «Es ist etwas Schreckliches geschehen». Was er meinte, war Christians Tod, von dem er kurz zuvor von Claudia Müller-Ebeling selbst erfahren hatte. Einen Tag zuvor waren Christian und Claudia noch in Solothurn gewesen; am

Mittag hatte Roger die beiden zum Zug begleitet, der sie ins Allgäu zum abschließenden Seminar ihrer letzten gemeinsamen Vortragstournee bringen würde. Dort angekommen, ging es Christian zunehmend schlechter. Claudia wachte die ganze Nacht an seinem Bett, bis ihn am Morgen um 7.20 Uhr die Lebensgeister verließen und er die Dimension wechselte. Es ist unglaublich – Christian war im April gerade 65 Jahre alt geworden. Kein Alter für einen wackeren Mann wie ihn. Dachten wir alle. «Ich werde nach dieser Tour nicht mehr arbeiten, nur noch Sachen machen, die mir Spaß bringen», sagte er etwa zehn Tage vor seinem An der Vernissage am 15. September 2022 Tod zu mir am Telefon. «Oper, Theater, Kino, Lesen, Essen und } in Solothurn. Foto: Roger Liggenstorfer


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Reisen» – das war sein Ziel nach der Seminar- und Beiträge im Heft waren – wie konnte es auch anders Vortragsreise. Den ersehnten und verdienten Ruhe- sein – Highlights des Magazins. stand wird Christian nun nicht mehr erleben. Als ich 2016 Band 1 der Enzy überarbeitet und Eigentlich hatte ich auch am 15. September in korrigiert hatte, warst Du begeistert, weil Du wussSolothurn sein sollen. Eine ungünstige Verkettung test, dass Dein Lebenswerk auf jeden Fall überdauunschöner Umstände bescherte uns Bergers jedoch ern – und aktualisiert werden wird. Dabei konntest zunächst das Norovirus, das uns 12 Tage an Bett und Du sicher sein, dass ich die Arbeit ganz in Deinem Bad kettete; eine Woche später zog Corona bei uns Sinne weiterführe, immerhin warst Du schon vor ein. Eine Reise unter diesen Umständen wäre für über 20 Jahren mein Mentor, Lehrer, Ausbilder, Krimich, der ich auch mit einem Rückfall meiner Herz­ tiker, Freund sowie Gönner und Förderer. erkrankung zu leben habe, Und als wir 2017 zu Deiunmöglich gewesen. So nem 60. Geburtstag in Solomusste Christian Band 2 thurn zusammenkamen, unserer Enzyklopädie der um Dir die Festschrift Seepsychoaktiven Pflanzen dem lenlandschaften in würdigem begeisterten Publikum Rahmen zu überreichen, alleine präsentieren. Wir hast Du nicht nur feierlich verkündet, dass wir ab jetzt beide waren dar­über sehr die Enzy zusammen beartraurig. beiten werden. Du hast Wir haben insgesamt auch meine Frau Jutta offifast vier Jahre an unserer ziell in unseren «dezentrali«Enzy 2» gearbeitet. Wir Christian Rätsch und Markus Berger, Hamburg 2002. sierten psychedelischen haben oft telefoniert, uns Foto: Claudia Müller-Ebeling Stamm» aufgenommen. getroffen, ausgetauscht, beraten, ausgeheult und uns gegenseitig Mut Du und Claudia habt auch meinen Sohn aufgemacht. 1100 Manuskriptseiten haben wir gefüllt wachsen sehen – Mirko hat Euch 2019 zusammen und beim Verlag eingereicht. 1100 Seiten voller mit Freunden nach Marburg geholt, um vor einem Inbrunst und Liebe. Und der Verlag hat einen wür- proppenvollen Haus die psychonautische Szene zu digen Band 2 daraus gemacht. begeistern. In einen Saal, der etwa 300 Personen Dass Du wirklich nicht mehr greifbar bist auf fasst, quetschten sich über 400 Zuschauer. Auf dem dieser Ebene, will sich gar nicht als Wahrheit in Fußboden und den Treppen. Christian und Claudia meinem Kopf etablieren. Ich danke Dir, mehr als waren begeistert, voll des Lobes und wollten bald unbedingt wieder an diesen Ort. Ich bin froh, dass wir die Enzy 2 abschließen konnten und dass wir sie beide noch gesehen haben, bevor Du diese Welt verlassen hast. An dem Tag, als die Enzy 2 von der Auslieferung bei uns eintraf, telefonierten Dir bewusst war, für Dein Vertrauen. Obwohl wir zu viert: Du und Claudia, Jutta und ich. Wir brüllunsere Freundschaft durchaus von Höhen und ten vor Freude in den Hörer – alle vier – und führten Tiefen geprägt war, hast du Dein wissenschaftli- einen Derwischtanz auf. «Wir müssen uns so schnell ches Erbe an mich weitergegeben. Ich könnte wie möglich treffen und auf unser Baby anstoßen», Anekdoten zum Besten geben, die ganze Bücher beschlossen wir. Doch dazu kam es nicht mehr. füllen würden. Wir haben vieles zusammen ausLieber Christian, wir vermissen Dich, ich verbaldowert. misse Dich! So sehr! Zu realisieren, dass Du nun in Meine ersten paar Bücher schrieb ich in Ham- dieser Erfahrungsrealität nicht mehr da bist, wird burg am Esstisch und in Deinem Arbeitszimmer zu für mich noch lange dauern. So viel mehr gäbe es einer Zeit, da Du deutlich mehr Drogenbücher noch zu sagen. Doch ich weiß, dass Du Dir all dessen besaßest als ich. Zusammen mit Roger haben wir ohnehin bewusst bist. Dein Geist wird überleben, die Anthologie Psychedelische Tomaten herausgege- nicht nur in Form der von Dir hinterlassenen Schrifben, unser Magazin Lucys Rausch war Dir, lieber ten und Vermächtnisse. Ich werde Dein Erbe – unser Christian, immer wieder Grund, Rogers und gemeinsames Erbe – weiterführen. Und hoffe, Du meine Arbeit überschwänglich zu loben. Deine bist stolz darauf.

Du warst schon vor über 20 Jahren mein Mentor, Lehrer, Kritiker, Freund und Förderer.


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Auch als Lehrer ein Meister Es gibt kaum einen Menschen in meinem Leben, der so wichtig war und ist wie Christian Rätsch. 1992, vor genau 30 Jahren, habe ich ihn als junger Lektor des Eugen Diederichs Verlags auf der Frankfurter Buchmesse kennengelernt, und wir wurden sofort Freunde. Ich wurde später Herausgeber von Diederichs Gelbe Reihe, in der Christian mehrere Bände veröffentlichte. Auch später, im AT Verlag, war er mein Autor. Immer, wenn ich in Hamburg war, durfte ich bei Christian und seiner Frau Claudia Müller-Ebeling – CRCME – übernachten, im Bibliothekszimmer, auf einer Tatami-­Matte. Christian bot mir an, mein «pharmakologischer Betreuer» zu werden, und ich nahm an. Er brachte mir alles bei, die Ethik des Berauschtseins und was wir Menschen mit den Stoffen,

Christian Rätsch, Michael Günther, Urs Hofmann (beide AT-Verlag) Foto: C. Heidrich

haben die Götter und Göttinnen für ihn entschieden, die Sphäre des Leiblichen verlassen zu können. Du bist ein Wissender, Christian, und ein Held. Komm gut an, lieber Freund! Wir sehen uns dann in der Anderswelt. Michael Günther, Leiter Verlagsbüro AT Verlag Deutschland

Unermüdlicher Aufklärer

Zwei Tage vor seinem Tod bin ich Christian zum ersten Mal persönlich begegnet. Er ist mir mit einer Mit Christian Herzlichkeit und einem Strahlen zusammen sah ich die entgegengetreten, die den absolute Wahrheit. digitalen Austausch während den vorangegangen zwei Jahren sofort die die Natur uns schenkt, auf vergessen machten. Dieses Treffen dieser Erde Sinnvolles damit mit Christian werde ich nie anfangen können und auch dass vergessen. Nicht sein Tod macht es wir Spaß damit haben dürfen. für mich unvergesslich, sondern Auch als Lehrer war er ein großer seine Präsenz. Wir vom AT Verlag Meister. trauern um einen eminent Christian und Claudia bewirkten meine Aufnahme in die Akademie wichtigen Autor, um eine Kapazität auf seinem Forschungsgebiet, der neuen Berserker. Wolf-Dieter um einen unermüdlichen Storl, Ralph Metzner, Norbert Arbeiter und Aufklärer für ein Mayer und Franz-Theo Gottwald waren und sind Berserker-Brüder. besseres Verständnis dafür, wie Wir lasen Rheingold, erster Aufzug, sehr die Menschen auf diesem Planeten Teil der Natur sind. Wir erste Szene, Alberich und die trauern aber vor allem um einen Rheintöchter. Liebe oder Macht. verlorenen Freund. Es war klar, dass wir uns für Urs Hofmann, ersteres entschieden. Wir reisten Verlagsleiter AT Verlag in andere Welten, und mit Christian zusammen sah ich die Tragende Säule absolute Wahrheit. Nie mehr Vor 28 Jahren sind wir uns erstmals erlebt. Er kannte und achtete begegnet und haben in dieser Zeit auch das Dunkle, das Dämonizusammen 19 Bücher realisiert, als sche, die Faune und Incubi. Nun

Krönung 1998 die Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Die Zusammenarbeit mit Dir war von gegenseitigem Respekt getragen, spannend, sinnlich, oft lustig und immer anregend. Du warst in all den Jahren eine der tragenden Säulen des AT Verlags, hast maßgeblich zu dessen führender Stellung im Bereich Psychoaktive Pflanzen und Schamanismus im deutschsprachigen Raum beigetragen und uns so manche Tür geöffnet. Du warst aber nicht nur ein wichtiger Autor, du hast mich auch als Mensch berührt. Ich werde immer gerne an all das zurückdenken, was uns verbunden hat. Danke für alles und eine gute Reise. In welcher Welt du nun immer bist, sie ist bestimmt bunt und alles andere als langweilig. Urs Hunziker, Verlagsleiter AT Verlag bis Ende 2020

Ein Berserker mit Herz Christian war ein Berserker. Oft schwamm er gegen den Strom gesellschaftlicher Konventionen. Und da er kein Blatt vor den Mund nahm, eckte er öfters bei einigen Leuten – vor allem bei ideologisch voreingenommenen, oft scheinheiligen «Gutmenschen» –

Wolf-Dieter Storl und Christian Rätsch, Solothurn 2014. Foto: zvg

an. Sein Auftreten war für sie bedrohlich. Ein Berserker eben! Wer ihn jedoch besser kannte, entdeckte, unter der rauen Schale verborgen, ein gütiges Herz. Wolf-Dieter Storl

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In memoriam Ann Shulgin 22. März 1931 bis 9. Juli 2022

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nn Shulgin, geboren am 22. März 1931 in Wellington, Neuseeland, starb am Morgen des 9. Juli 2022 um 6.50 Uhr friedlich im Kreis ihrer Familie. Dies berichtete Tochter Wendy Tucker wenige Tage nach Anns Tod. Ann Shulgin, geborene Laura Ann Gotlieb und Mutter von vier Kindern, war Laientherapeutin, Drogenforscherin, Künstlerin sowie Ehefrau und Forschungspartnerin des psychedelischen Pioniers Alexander T. «Sasha» Shulgin, der bereits am 2. Juni 2014 im Alter von 88 Jahren, vier Jahre nach einem Schlaganfall, gestorben war. Ann hatte in ihrer Funktion als Therapeutin den Gebrauch von MDMA und 2C-B in therapeutischen Einrichtungen etabliert und ermöglicht, als diese Substanzen noch nicht dem Krieg gegen Drogen zum Opfer gefallen waren. Im Rahmen ihrer Untersuchung psychedelischer Erfahrungen hatte

sie sich unter anderem an der Lehre des Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung orientiert. Ann und Sasha hatten sich 1978 kennengelernt und sich am 4. Juli 1981 das Ja-Wort vor dem Traualtar gegeben. Das Ehepaar veröffentlichte zusammen zahlreiche Forschungsarbeiten und psychonautische Texte, darunter die beiden Kultbücher PiHKAL – A Chemical Love Story (1991) und TiHKAL – The Continuation (1997), die weltweit für jede Menge Aufsehen gesorgt haben. Ihr 1991 gemeinsam gegründeter Verlag Transform Press war kurz vor Ann Shulgins Tod gerade in den Verlag Synergetic Press (Santa Fe, New Mexico) integriert worden. Ann Shulgin war seit längerer Zeit an der ­chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung COPD erkrankt, sie wurde 91 Jahre alt. Ruhe in Frieden, liebe Ann! www.transformpress.com • www.shulginresearch.net

Ann als junge Wissenschaftlerin, zusammen mit ihrem Sasha und 2021 in ihrem Haus in Kalifornien. Fotos: zvg, Wendy Tucker (2)


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Lucys Rausch Nr. 14 13

«Psilocybin wirkt als Lockmittel» Merlin Sheldrake im Gespräch INTERVIEW

Roger Liggenstorfer und Markus Berger

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ilze sind in der Erde, in der Luft, in unserem Körper. Sie sind schlichtweg überall, werden aber leicht von uns Menschen übersehen. Pilz­ organismen halten uns am Leben, schenken uns wertvolle psychoaktive Inhaltsstoffe, bauen Schadstoffe in der Atmosphäre ab und verändern das Verhalten von Tieren. Sie beeinflussen, wie wir Menschen fühlen, denken und handeln und sind für alle Lebensformen unverzichtbar. Der Biologe Merlin Sheldrake (Sohn von Rupert Sheldrake) dringt mit seinem Buch Verwobenes Leben (siehe Mediathek) tief in das verborgene Netzwerk der Pilze ein und entschlüsselt der Leserschaft so manches mykophile Geheimnis. Wir haben mit dem Autor über seine Arbeit, die Pilzwelt und Psilocybin als Schrittmacher für die menschliche Kultur gesprochen.

Dein Buch erhellt, wie sehr Pilze das Leben auf der Erde prägen und beeinflussen – auch dort, wo man sie nicht vermuten würde. Stellt sich zunächst für den Unbedarften die Frage nach einer wie auch immer gearteten Intelligenz dieser Organismen. Die klassischen wissenschaftlichen Definitionen von Intelligenz sind anthropozentrisch und stellen den Menschen an die Spitze einer großen Rangliste, gefolgt von Tieren, die wie wir aussehen (Schimpansen, Bonobos usw.), und anderen «höheren» Tieren. Da Pilze, wie auch Pflanzen, nicht so aussehen oder sich so verhalten wie wir – oder Gehirne haben –, wurde ihnen traditionell eine niedrige Position in dieser Intelligenzrangliste zugewiesen. Zum Glück hat sich das Konzept der Intelligenz in den letzten Jahrzehnten vertieft und erweitert. Gehirne haben ihre Tricks nicht von Grund auf neu entwickelt, und

Merlin Sheldrake ist Biologe, Autor und Referent mit einem Hintergrund in Pflanzenwissenschaften, Mikrobiologie, Ökologie sowie Wissenschaftsgeschichte und -philosophie. Er erhielt einen Doktortitel in Tropenökologie von der Universität Cambridge für seine Arbeit über unterirdische Pilznetzwerke in tropischen Wäldern in Panama, wo er Forschungsstipendiat des Smithsonian Tropical Research Institute war. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Vrije Universität Amsterdam, arbeitet mit der Society for the Protection of Underground Networks (SPUN) zusammen und ist Mitglied des Beirats der Fungi Foundation. Merlins Forschungen reichen von der Pilzbiologie über die Geschichte der Ethnobotanik im Amazonasgebiet bis hin zur Beziehung zwischen Klang und Form in Resonanzsystemen. Als leidenschaftlicher Brauer und Gärer ist er fasziniert von den Beziehungen, die zwischen Menschen und nichtmenschlichen Organismen entstehen. Er ist Musiker und spielt Klavier und Akkordeon.

viele ihrer Eigenschaften spiegeln uralte Prozesse wider, die lange vor der Entstehung erkennbarer Gehirne existierten. Heute argumentieren viele, dass es weniger hilfreich ist, darüber nachzudenken, ob Organismen intelligent sind oder nicht, und dass es produktiver ist, sich zu fragen, inwieweit ein Organismus (oder auch ein Computer) intelligentes Verhalten zeigen kann, und es sind verschiedene Definitionen im Umlauf. Die meisten beziehen sich auf die Fähigkeit eines Organismus, Informationen aus seiner Umwelt zu empfangen und zu verarbeiten, Probleme zu lösen, sich an neue Situationen anzupassen und Entscheidungen zwischen Handlungsalternativen zu treffen. Wenn wir fragen «Inwieweit ist ein Organismus intelligent?» und «Welche Arten von intelligentem }


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Verhalten zeigt er?», gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, wie Pilze das Bild von Intelligenz beeinflussen. Was wir als Pilze bezeichnen, sind in Wirklichkeit nur die Fruchtkörper dieser Organismen: Der größte Teil der Pilze lebt unterirdisch in Form von verzweigten, miteinander verschmelzenden Netzwerken röhrenförmiger Zellen, die als Myzel bezeichnet werden. Diese Netze können sich über Dutzende oder gar Hunderte von Metern ausbreiten und sind einer unaufhörlichen Flut von sensorischen Informationen ausgesetzt. Und irgendwie, ohne ein Gehirn, sind Pilze in der Lage, diese vielen Datenströme zu integrieren, Entscheidungen zu treffen und geeignete Vorgehensweisen zu bestimmen. Pilze können den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten in einem Labyrinth finden (ähnlich wie Schleimpilze oder Physarum, die zu Vorzeigeorganismen für Problemlösungen geworden sind, für die es kein Gehirn braucht); sie können Insektenkörper kapern und deren Verhalten mit erstaunlicher Präzision steuern; sie können

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komplizierte Beziehungen mit Pflanzen aushandeln; sie unterhalten zahllose Kommunikationskanäle mit anderen Organismen und mit entfernten Teilen ihrer selbst. Das Myzel einiger Pilzarten ist elektrisch erregbar und leitet Spitzen elektrischer Aktivität entlang der Hyphen (analog zu den elektrischen Impulsen in tierischen Nervenzellen), und Forscher arbeiten an Möglichkeiten, Pilznetzwerke als lebende Schaltkreise – oder «Biocomputer» – zu nutzen, die Routing-Probleme lösen oder als Um­welt­ sensoren dienen können.

Wieso sind Pilze auch für die Pflanzen dieser Welt von grundlegender Bedeutung? Das, was wir als Pflanzen bezeichnen, hat sich aus Süßwasseralgen entwickelt. Das sind photosynthetische Organismen, die im Süßwasser leben. Aber diese Algen, die Vorfahren der Landpflanzen, schafften es nur mithilfe von Pilzen, die in ihren Wurzeln lebten, an Land. Süßwasseralgen leben in einer Art Nährstoffbrühe. Sie können alle Nährstoffe, die sie }


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MERLIN SHELDRAKE

brauchen, aus ihrer Umgebung aufnehmen und mussten nicht wie die Pflanzen an Land auf Nährstoffsuche gehen. Als sie dann an den sumpfigen Ufern von Seen und Flüssen angespült wurden, standen sie vor völlig neuen Herausforderungen. Sie mussten im Boden nach Nährstoffen und Wasser suchen. An dieser Stelle kamen ihre Pilzpartner ins

Pilzorganismen waren wichtig für die Evolution des menschlichen Bewusstseins. Spiel: Diese Pilze konnten mithilfe ihrer Myzelien viel effektiver nach Nährstoffen und Wasser suchen als Algen. In der Tat verhielten sich die Pilze wie das Wurzelsystem dieser frühen Pflanzen – und das über mehrere zehn Millionen Jahre hinweg, bis die Pflanzen ihre eigenen Wurzeln entwickeln konnten. Bis heute sind fast alle Pflanzen von den Pilzen abhängig, die in und um ihre Wurzeln und in ihren Trieben leben. Sie versorgen die Pflanzen mit Nährstoffen und Wasser, schützen sie vor Krankheiten, helfen ihnen, Trockenheit zu überstehen, und vieles mehr.

Kann man sagen, ob Pilzorganismen für die Evolution des menschlichen Bewusstseins von Bedeutung gewesen sein könnten? Das ist eine heikle Frage. Sie hängt davon ab, wie wir über das Bewusstsein denken. Um eine einfachere Antwort zu geben: Alles Leben, wie wir es heute kennen, hat sich in einer Welt entfaltet, in der Pilze eine enorm wichtige Rolle gespielt haben, und in gewisser Weise hat es sich in Verbindung mit Pilzen in den verschiedenen Prozessen, die sie überwachen, entwickelt. Das, was wir als Menschen bezeichnen, hätte sich also nicht so entwickelt, wenn es nicht all die Dinge gegeben hätte, die Pilze tun können. Ich denke also, dass wir auf einer einfachen Ebene sagen können, dass Pilzorganismen für die Evolution des menschlichen Bewusstseins wichtig waren, weil Pilz­ organismen für die Evolution von Menschen und Landtieren im Allgemeinen wichtig waren.

Denkst du, dass psychoaktive Pilze eine Rolle gespielt haben bei der Entwicklung des menschlichen Gehirns und der Kognition sowie Sprachfähigkeit des Menschen? Dies ist eine großartige Frage, auf die es keine klare Antwort gibt. Es ist sicherlich richtig, dass psychoaktive Pflanzen und Pilze im Allgemeinen die

menschlichen Kulturen über eine unvorstellbar lange Zeit in tiefgreifender Weise geprägt haben. Aber könnten diese Substanzen auch unser Gehirn, unsere Physiologie und unsere Anatomie geformt haben? Dies wird üblicherweise als die «Stoned-Ape-Hypothese» bezeichnet; sie wurde unter anderem von Terence McKenna vertreten. Ich bleibe Agnostiker. Obwohl es da sicherlich einiges zu erklären gibt: Zwischen 3 Millionen Jahren und 200 000 Jahren vor unserer Zeitrechnung wuchsen die menschlichen Gehirne auf die vierfache Größe im Vergleich zu den vorangegangenen sechzig Millio­ ­nen Jahren der Evolution. Manche Leute nennen das den «Gehirn-Boom». Es gibt einige Hinweise darauf, dass Psilocybin die Verzweigung und das Wachstum von Nervenzellen beschleunigt. Das reicht meines Erachtens nicht aus, um anzunehmen, dass Psilocybin die Gehirne der frühen Menschen vergrößern konnte, zumindest nicht auf chemischem Wege. Es gibt jedoch viele andere Dinge, die sich auf die Größe unseres Gehirns auswirken könnten, wie z.B. das Zubereiten von Lebensmitteln, wodurch wir weniger Zeit für die Nahrungssuche aufwenden mussten, um mehr Energie aus der Nahrung zu gewinnen, die wir essen. Das Gehirn ist ein sehr hungriges Organ und verbraucht eine große Menge an Energie. Die Zweibeinigkeit, die uns die Hände für den Gebrauch von Werkzeugen möglich gemacht hat, ist ebenfalls sehr wichtig. Das Gleiche gilt für unsere Fähigkeit, komplexe Laute zu erzeugen, die die Grundlage für unsere Sprache bilden. Es ist also schwierig, die menschliche Intelligenz und Kognition allein unserem Gehirn zuzuschreiben, auch wenn unser Gehirn selbstverständlich sehr wichtig ist. Natürlich sind Natur und Kultur nicht durch eine unüberwindbare Kluft voneinander getrennt. Wir können uns vorstellen, dass jemand, der unter dem Einfluss psychedelischer Drogen steht, Ideen hat, die dann in unsere körperliche Evolution zurückfließen, zum Beispiel wenn jemand, der psychedelische Pilze einnimmt, auf die Idee kommt, auf neue Weise mit Feuer zu arbeiten.

Weshalb produzieren Pilze die verschiedensten Substanzen, zum Beispiel psychedelische Moleküle – kann man das erklären? Die metabolische Genialität von Pilzen wirkt sich in vielerlei Hinsicht auf das menschliche Leben aus: Brot, Alkohol, Käse, Sojasoße, Penicillin, Krebs­ medikamente, immunsuppressive Medikamente, Organtransplantationen ... Die Liste ist lang.


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Besonders faszinierend ist jedoch die Fähigkeit einiger Pilze, bewusstseinsverändernde Chemikalien wie Psilocybin herzustellen, welche sich in die Funktionsweise unseres Gehirns «einschleichen», die seit Langem für Rätsel und Spekulationen sorgt. Sowohl Pilze als auch Pflanzen produzieren eine breite Palette von Stoffen, die eine bewusstseinsverändernde Wirkung auf Tiere haben. Manchmal wirken diese Verbindungen abschreckend: Nikotin beispielsweise, das von einigen Pflanzen produziert wird, lähmt Insekten, während Koffein ihren Appetit unterdrückt. Andere Pilze verteidigen sich mit tödlichen Giften. Halluzinogene, die wieder in anderen Pflanzen und Pilzen ent-

Psilocybin ist als Abschreckungs­ mittel nicht sehr effektiv. halten sind, können dazu dienen, Pflanzenfresser zu verwirren und sie von ihrer nächsten Mahlzeit abzulenken. Mutterkornpilze, aus denen die psychedelische Droge LSD ursprünglich synthetisiert wurde, rufen ein grauenhaftes Spek­trum von Symptomen hervor, die von Krämpfen bis zu einem unerträglichen Brennen reichen, was darauf hindeutet, dass sich diese Chemikalien entwickelt haben könnten, um tierische Schädlinge abzuschrecken (ich sollte hinzufügen, dass LSD selbst keine dieser Eigenschaften aufweist). Der Fall von Psilocybin ist weniger eindeutig. Die derzeit beste Schätzung geht davon aus, dass der erste «magische» Pilz vor etwa 75 Millionen Jahren unter holzfressenden und dungliebenden Pilzen entstand – zehn Millionen Jahre vor der Entwicklung unserer Gattung Homo. In diesen Lebensräumen leben auch Insekten, die Pilze fressen oder mit ihnen konkurrieren, und einige Forscher vermuten, dass sich Psilocybin mit seiner starken neurologischen Aktivität entwickelt haben könnte, um Pilze vor hungrigen Tieren zu schützen, indem es unter Angreifern mittels seiner psychoaktiven Wirkung Verwirrung stiftet oder ihren Appetit unterdrückt. Das Problem ist, dass Psilocybin, sollte es als Abschreckungsmittel gedient haben, nicht sehr effektiv ist. Es gibt Mücken- und Fliegenarten, die sich regelmäßig in Zauberpilzen einnisten. Schnecken und Nacktschnecken fressen sie ohne }

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offensichtliche Schäden. Und man hat beobachtet, dass Blattschneiderameisen aktiv nach einer bestimmten Art von Psilocybin-Pilzen suchen und sie in einem Stück in ihr Nest zurücktragen. Diese Beobachtungen haben einige zu der Annahme veranlasst, dass Psilocybin stattdessen als Lockmittel wirkt und das Verhalten der Tiere in einer Weise verändert, die dem Pilz zugute kommt – allerdings ist nicht klar, wie genau. Die Antwort liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Psilocybin-Pilze, die für einige Tiere giftig sind, könnten dennoch eine gute Mahlzeit für diejenigen sein, die eine Resistenz entwickeln können. Einige Fliegenarten sind beispielsweise resistent gegen die Gifte des Grünen Knollenblätterpilzes und haben daher fast ausschließlichen Zugang zu ihm. Interessanterweise befinden sich viele psilocybinproduzierende Pilze heute in einer ganz anderen Zwangslage. Welchen Nutzen Psilocybin auch immer ursprünglich hatte, seine Wechselwirkung mit dem menschlichen Geist hat das evolutionäre Schicksal der Pilze, die es herstellen können, verändert. Psilocybin wirkt mit Sicherheit nicht abschreckend auf Menschen – um eine Überdosis zu riskieren, müsste ein Mensch tausendmal mehr Pilze essen, als er für einen durchschnittlichen Trip benötigt. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen suchen nach psilocybinproduzierenden Pilzen, transportieren sie um die Welt und haben hart daran gearbeitet, neue Methoden zu entwickeln, um sie zu kultivieren. (Der Mensch scheint nicht das einzige Lebewesen zu sein, das ein solches Interesse hat: Michael Beug, der Mykologe, der für die Vergiftungsmeldungen der North American Mycological Association zuständig ist, sagte mir, dass es eine Reihe von Fällen gibt, in denen Hunde psychoaktive Pilze mit Wirkungen verzehrt haben, die dem menschlichen Beobachter bekannt vorkommen. Nur ein einziges Mal hatte er mit Berichten über eine Katze zu tun, die wiederholt Pilze aß und anscheinend ziemlich «bepilzt» gewesen war.) Eine neue Geschichte der Domestizierung ist in vollem Gange. In Schränken, Schlafzimmern und Lagerhäusern fristet eine Handvoll tropischer Pilzarten ein neues Leben in ansonsten unwirtlichen gemäßigten Klimazonen.

Danke für dieses Gespräch, Merlin Sheldrake. Transkript und Übersetzung: Mirko Berger www.merlinsheldrake.com


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Robert Crumb

Die Wahrheit über Sex & Drugs TEXT

I

Claudia Müller-Ebeling

gitt! Und sowas hängt im Museum! Jawohl, wie 2001 erstmals auf europäischem Boden im Stedelijk Museum, Amsterdam, wo Christiaan Braun die Ausstellung kuratierte und seine Landsleute mit einer «bislang vernachlässigten US-amerikanischen Kunstströmung, die das Leben in einer ästhetisch ungewöhnlichen und provokanten Weise beschreibt», konfrontierte – mit Werken von Mike Kelley, Jim Nutt, Peter Saul, H.C. Westermann – und Robert Crumb. In den ausgestellten Skizzenbuch-Zeichnungen und Comicstrips der 1960er Jahre begegneten dem Publikum zentrale Charaktere des Crumb-Universums. Der Wüstenguru Mr. Natural (der spirituell Hilfesuchenden in Stadt-Wüsten entflieht). Groucho-Marx-artig Schlurfende mit Keep-on-Truckin'-Sohlen in beängstigender Nahsicht. Magere Alter-Ego-Männchen im Schritt riesiger Vollweiber mit strammen Schenkeln.

Allerdings in artgerecht milden Versionen, wie alle in Amsterdam einst bemerkten, die Crumbs Magazine Zap, Arcade, Weirdo und Hup! kennen, seine Strips für Rip Off und Dope oder die Kompilationen, die in den 1970ern bei Zweitausendeins erschienen – kongenial ins Deutsche übertragen von «Dirty» Harry Rowohlt.

SEX Kopulationen mit Big-Foot-Weibchen, durch Scheiße tauchende Klempner, Mister Snoid, der im Arschloch lebt, und der sexwütige Fritz the Cat sind weitaus größere Herausforderungen für politisch Korrekte, die für das Wahre, Schöne und Gute in der Kunst kämpfen und allein KünstlerInnen mit tadellos reinen Westen tolerieren wollen. Tja, Kunst ist kein Wunschkonzert und Inspiration kein glasklar plätschernder Quell. Oft eher ein Neurosensumpf.

Von rechts nach links: Der sexwütige Fritz the Cat, Selbstportät des Zeichners mit Big Woman, Cover Art and Beauty Magazin. Fotos: zvg }


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Crumb und das LSD. Foto: zvg

Für wirklich fiese Schweinereien sind diejenigen verantwortlich, die eigene Sümpfe unterdrücken – und anderen aufdrängen. Angesichts all der gewaltsam gespreizten «tollen Beine» (von Riesenweibern, die sich lüstern grunzend ergeben) ist ein Kommentar wie dieser von Joan­­ na Frueh bemerkenswert: «Die Comics von Crumb sind die einzigen mir bekannten, in denen ihr männlicher Schöpfer seine an Lust grenzende Bewunderung großer muskulöser Frauen eingesteht und gleichzeitig zugibt, ein abnormal langweilig peinlicher Lüstling zu sein. Ich schätze seine Aufrichtigkeit.» Crumb bestätigt das an gleicher Stelle: «Diese Fantasien regieren mein Leben. Natürlich gingen sie mit Scham, Schuld und Selbstanklagen einher. Aber aus welchen bekloppten Gründen auch immer – ob aus dem verzweifelten Bedürfnis nach Bestätigung, narzistischer Veranlagung oder unterdrückter Aggression – ich muss sie der Öffentlichkeit einfach ins Gesicht schleudern (...), indem ich aus meinen neurotischen Marotten eine rohe, vulgäre Karikatur mache.» Sein Mut, «die Tandaradei-Atmosphäre zu erschüttern», brachte dem nonkonformistischen

Cartoonisten museumswürdigen Ruhm ein. Auch weil die von mal kernig, mal satirisch bis zynischen Varianten von Keep on truckin' (wozu ein Blues der 1930er Jahre den fanatischen Sammler alter Schellackplatten inspiriert hatte) zum größten Renner des florierenden Postergewerbes der Seventies wurde und von Mr. Natural Haschpfeifen und Trinkgläser

«Ich bin am besten, wenn ich meine eigene persönliche Absurdität ausdrücke.» R obert C rumb kursierten, natürlich ohne Gewinnbeteiligung für den Künstler. Ebenso beraubte ihn Columbia Records der Rechte an seinen Zeichnungen für die Vorder- und Rückseite der LP Cheap Thrills von Janis Joplin & Big Brother and the Holding Company. Den zunehmenden Ruhm, auch dank der erfolgreichen Verfilmung von Fritz the Cat, betrachtete Crumb stets als zweischneidiges Schwert, weil er sich weder dem merkantilen Interesse noch den Erwartungen seiner }


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Vorderseite der LP Cheap Thrills von Janis Joplin & Big Brother and the Holding Company.. Foto: PD

Fangemeinde künstlerisch beugen wollte. «Ich bin am besten, wenn ich meine eigene persönliche Absurdität ausdrücke.» Etwa im masturbierenden Buckwheat, der mit der Linken sein Gemächt bearbeitet, mit der Rechten sein Gesicht hinter dem Pornomagazin Glaube & Schönheit verbirgt und ringsum eine leere Konserve und Fastfoodtüte, ein Appelgriebsch und der Chauvie-Courier (beide Titel natürlich von Harry Rowohlt) die Szenerie rings um die stinkende liegende Gestalt garnieren, über der Fliegen aufsteigen. Die duselig betörte Versenkung in erotische Wunschträume, die sich in der versunkenen Haltung, der leicht heraushängenden Zunge und den verengten Augenschlitzen von Fritz the Cat punktgenau manifestieren, und die breitbeinige Kumpelhaftigkeit des gute Geschäfte witternden, breit grinsenden Hamsterpartners (abgedruckt im selben Band von 1975) sind beste Comic-Kunst. Comics ermächtigen Machtlose, belustigen Lüsterne, lassen raus, was nicht raus darf und erlauben, was nicht sein darf. Deshalb gehört(e) der Erfinder und Meister der Selbstparodie zur ersten Liga der Comix mit X. Warum, bringt Klaus Schikowski in Welcome to Crumbland auf den Punkt: «Der Zeichner Robert Crumb wurde zur Gallionsfigur einer Bewegung, die den Comic maßgeblich verändern sollte. Denn die Comix wurden mit x am Ende geschrieben, da sie x-rated, also für ein erwachsenes Publikum gedacht waren. Sie standen für eine persönliche Ausdrucksweise und neue Inhalte, und sie

Crumbs Obsession, das Vollweib: Devil Girl . Foto:Alamy

befreiten den Comic von der selbst auferlegten Zensur durch den Comics Code, der seit 1954 alle Comic­ hefte jugendfrei hielt. Die Comix hingegen setzten auf explizite Darstellungen und subversive Parodien, wovon vor allem der junge Robert Crumb ausgiebig Gebrauch machte.»

DRUGS Und weil nach Sex im Sixties-Dreisatz Drugs folgt, dürfen wir nun endlich Nuancen der Psychedelik à la Crumb goutieren. Seine Drug of choice war LSD. Als er damit 1965 begann, fiel ihm endlich wieder etwas ein, wie er selbst betonte. Er vertiefte sich monatelang besessen berauscht in Erfahrungen mit explodierenden Farben, Welten, Inspirationen und war blown away

Crumbs Drug of choice war LSD. Als er damit begann, fiel ihm endlich wieder etwas ein. von Postern, die ganz klar von LSD inspiriert waren. Wie Konzertplakate von Moscoso, Griffin und Wilson, denen er 1968 in San Francisco begegnete, in gegenseitiger Bewunderung für «irre Zeichnungen», die keiner zuvor je gesehen hatte. Ebenso irre erscheint es retrospektiv, dass in den goldenen Anfängen der Hippie-Bewegung der Respekt für Werke der Kollegen (Kolleginnen waren rar gesät) vor Neid und Gewinnsucht dominierte und aus


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Oben: Voll drauf, 1970. Unten: Mr. Natural. Fotos: Alamy, zvg

diesem Respekt sogar substanzielle juristische Unterstützung erwuchs, wie Crumb im ausführlichen Interview 1972 (einem psychedelisch überaus produktiven Jahr) erläuterte: «Dann schleppte Moscoso diesen Anwalt an, und die Print Mint kam dazu, und plötzlich waren wir kein kleines Hippie-Unternehmen mehr, sondern eine größere Sache mit Anwalt (...) und dem ganzen juristischen Kram, damit wir nicht gelinkt werden.» Mit geübt typischer Schraffur zeichnet der ComixHero 1970 in sechs Bildern die dramatische Voll-Drauf-Verwandlung vom Kiffergesicht zum ausufernden Delta von Augäpfeln und Penisnase. Mein erster LSD-Trip (ausdrücklich als «wahre Geschichte» überschrieben) zeigt ein ekstatisch schwatzendes

Oben: LSD. Unten: Titelblatt ZAP Comix. Fotos: zvg

Pärchen, das sich, bei zunehmend herabbrennender Kerze, auch als Monsterpaar mit Fell, Vogelschnabel und dürren Gliedern (wie Crumb sich porträtierte) prächtig amüsiert. Im achtseitigen Strip Kubistische Be Bop Comics trudelt das menschliche Bestiarium durch musikalische und theoretische Galaxien, transzendiert das übliche Quadrat-Schema kubistisch im schrillen Stilmix und lässt den Betrachter auch am kreativen Prozess des Cartoonisten Anteil nehmen, der sich mit «einem Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration» seinem Pinselstrich und rasant wechselnden Einfällen hingegeben muss. Wow! Unfassbar! Wie genial El Crumbo psyche­ delische Erfahrungen in Mimik, Gestik, Szenerien und Szeneslogans auf den Punkt bringt, äh, }


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(1993 in Weirdo 28) und im fünfseitigen Strip Ein paar Worte über unser modernes Amerika (in Arcade 2) seine verwirrte Überforderung angesichts feindlicher

Dass Crumb Donald Trump schon 1989 aufs Korn nahm, ist verblüffend visionär.

Aus «Kubistische Be Bop Comics». Foto: zvg

pardon, aus der Feder spritzt – dafür begeisterten sich viele, die in seinen Comix ureigene kosmische Einsichten erkannten. Dass Crumb Donald Trump schon 1989 aufs Korn nahm (in Hup 3); Müll als konsequentes Ergebnis globaler Konzerne (1982 in Weirdo 6); den Rassismus und Antisemitismus faschistoider White Supremacy

Meinungsgatter bekannte, in die sich die Hippie-Community schon 1975 einsperren ließ, ist aus heutiger Sicht verblüffend visionär! – Das zum politisch korrekten Feldzug «Reine-Weste». Wie schon der alte Goethe aus seiner Zwiesprache mit Mephisto erfuhr, der bekannte: Ich bin «ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft». Andersrum funktioniert's leider nicht, in unserem besessenen Kampf vom Guten (was ist das?) gegen das sogenannte Böse ... Exakt deshalb ist Robert Crumb alles andere als Igittigitt! Robert Crumb, good old fellow: Happy Birthday zu Deinem 79.! Denn diese Zeilen entstanden rund um den 30. August 2022, als Du vor genau 79 Jahren zum ersten Mal extrauterin in die Windeln kacktest. Diese vom üblichen runden Geburtstag abweichende Hommage wird Dir, dem Comix-Kreator, sicherlich gefallen. Denn Du hattest den Mut, niemandem zu gefallen, und wurdest gerade deshalb von vielen bewundert (sogar von starken Frauen).

Robert Crumb, der legendäre Cartoonist und Gründer von Under­ ground-Comix, kam am 30. August 1943 in Philadelphia, Pennsylvania, zur Welt. Dort und in Delaware wuchs er mit seinem älteren und jüngeren Bruder in prekären Verhältnissen auf. Mit dem künstlerisch talentierten älteren Bruder entfloh er bis zum Highschool-Abschluss dem vom gewalttätigen Vater und der psychisch labilen Mutter geprägten familiären Milieu (1994 ohne Voyeurismus meisterlich im Kinofilm dokumentiert von Terry Zwigoff) in kreative Gefilde, mit «ekligen Zeichnungen für Schülerzeitungen».

Crumb 2014 in Lucca. Foto: Niccolò Caranti Mit Anfang 20 lebte er mit seiner ersten Frau Dana Morgan Crumb in Cleveland, Ohio, wo er mit dem Zeichnen von Glückwunschkarten erste berufliche Erfahrungen sammelte. Nach achtmonatiger Auszeit in Europa

lucys-magazin.com/autoren/mueller-ebeling/

(wo er Fritz the Cat erschuf), künstlerischen Kontakten in New York und überwältigenden LSD-Erfahrungen 1965 begann sein Aufschwung mit der Hippie-Bewegung. 1967 «verduftete» er nach San Francisco und machte mit eigenen subversiven, sogar persönlich verkauften Underground-Comics (Zap, Arcade, Weirdo, Hup!) Furore. Er begegnete seiner zweiten Frau Aline Kominsky-Crumb, Comic-Zeichnerin und Sex-Idealbild. Seit 1993 lebt die Familie mit Tochter in Südfrankreich, wo sie sich auch gemeinsam den Comics widmen und Robert seinen musikalischen Ambitionen als Bandgründer und Bluesmusiker frönt.


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Odilon Redon: Œil-ballon TEXT

Claudia Müller-Ebeling

Über einem dunklen Gewässer, mit schlanken Schilfblättern am kargen Gestade und einer flachen Hügelkette am tiefen Horizont, schwebt ein seltsames Gefährt am fahlen Himmel. Ein Auge-Ballon, wie der symbolistische Künstler sein Blatt betitelte. Aus dem prallen samtschwarzen Ballon, oben von Wimpern umgeben, tritt ein weißer Augapfel hervor, der die dunkle Pupille nach oben lenkt. Dass sich das plastisch gerundete Auge (links umschattet, mit Lichtreflexen, die sich in Bögen gegenüberstehen; links verrieben, rechts scharf weiß akzentuiert) aus der vertieften Rundung des Ballons wölbt, ist befremdlich. Doch okay, heutzutage sind wir sogar an Enten und Mickymäuse als Ballons gewohnt. Allerdings mit Menschen in Körben ... Umso befremdlicher ist, dass Odilon Redons Ballon keinen Korb, sondern eine Schale trägt – mit einem isolierten Kopf. Und dass wir fröstelnd realisieren, wie absurd es ist, dass uns tote Augen fixieren. Heißluftballons waren in den 1870er Jahren in Frankreich, speziell in Paris, die Attraktion. Diese, nach ihren Erfindern, den Gebrüdern Mongolfier, Ende des 18. Jahrhunderts, als Mongolfieren benannte Inspirationsquelle ist für Redon bestens belegt und bekannt. In der entsprechenden kunsthistorischen

Literatur sind psychoanalytische Interpretationen vom Auge als Phallussymbol en vogue sowie als Kastrations- und Verlustangst gedeutete, isolierte oder abgetrennte Köpfe. Doch Augen und Blicke (z.B. im Gemälde I lock my door upon myself, 1891 von Fernand Khnopff) und die Obsession für Judith und Salome, mit abgeschlagenen Häuptern von Holofernes und Johannes, faszinierten zeitgleich mit Redon alle Sparten der Kunst. Vom Maler Gustave Moreau, über den englischen Dichter Oscar Wilde bis zum Wiener Komponisten Richard Strauss. Auch weil Sigmund Freuds Schriften erst nach 1882 auf Französisch erschienen und die Redon-Forschung entsprechend fundierte Quellen schuldig blieb, erscheint es mir weitaus plausibler, dass Augen und isolierte Köpfe den französischen Symbolisten Odilon Redon (1840–1916) in ihren Bann zogen, weil gravierende Umwälzungen seiner industrialisierten Gegenwart quasi den Kopf vom Rumpf überkommener Traditionen trennte; mitsamt beängstigenden Emanzipationsbestrebungen allseits aufmüpfiger Suffragetten.

Augen und Blicke faszinierten zeitgleich mit Redon alle Sparten der Kunst.

Bildquelle: Wildenstein, Alec, Odilon Redon. Catalogue raisonné de l‘œuvre peint et dessiné, Bd. 2: Mythes et légendes, Paris: Wildenstein Institute 1994: XII.


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Kohlezeichnung, 42,5 x 33,5 cm, um 1882, New York, Museum of Modern Art

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5 4 DR DR OG O EGN E NAU AU F FR ERIESIESN EN

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DROGEN AUF REISEN TEIL 7: DER ABEND VOR DER FINSTERNIS

Kolumbien TEXT

Stefan Haag

VALLEDUPAR, KOLUMBIEN. Valledupar ist jetzt nicht unbedingt eine dieser Städte, in denen man länger als nötig verweilen möchte. Ein Paradebeispiel südamerikanischer Zweck-Architektur, allgemeiner Geschäftstätigkeit und überbordenden Verkehrs, eingebettet in eine unangenehme trocken-staubige Hitze, wie sie hier am Südrand der kolumbianischen Sierra Nevada so üblich ist. Zumindest wenn nicht gerade Regenzeit ist, denn dann dürfte der ganze Moloch nur im Morast und Dreck ersticken. Ich hatte mich am frühen Morgen von meinem Haus in den Bergen Santa Martas aufgemacht, um einer bevorstehenden Sonnenfinsternis beizuwohnen, die erst auf diesem Breitengrad eine komplette Verfinsterung bieten sollte. Und das war selbst für mich, der normalerweise das Haus in diesen Tagen nur zum Besuch des Dealers verließ, Ansporn genug, die ungemütliche sechsstündige Busreise nach Valle­dupar anzutreten. Das Hotel Central machte seinem Namen alle Ehre – es lag in der Stadtmitte – und war zudem die billigste Absteige der Stadt. Satte fünf Dollar die

Nacht, ohne Frühstück natürlich. Wer braucht schon Frühstück? Bloß nicht zu viel Geld für ein Hotel ausgeben! Für alles andere, vor allem für die lieben Rauschmittel, saß die Knete irgendwie immer lockerer. Aber sich zu erlauben, einmal ein paar Pesos mehr für eine etwas behaglichere Umgebung auszugeben, das kam mir damals einfach nicht in den Sinn. Lonely-Planet-Reiseführer-Syndrom. «Set und Setting» ein völliges Fremdwort! Allerdings, und das ist fast schon eine eherne Regel, je billiger die Absteige, um so weniger dumme Fragen werden gestellt, und – in diesen Zeiten, wo man noch nicht online buchen konnte, ein wichtiges Kriterium in Kolumbien – umso besser nämlich die Chance, als offensichtlicher Drogenkonsument überhaupt eine Unterkunft zu bekommen. Gute Hotels nahmen keine «Junkies» auf. Das Central war also perfekt! Und sein Sahnehäubchen war Señor Lopez, der fette Kerl an der Rezeption, der sich außerdem als Chef, Koch, Kellner, Hoteldealer und Zuhälter zuständig zeigte.


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«Quieres chicas? Drogas?» Ohne Umschweife kam Senor Lopez, noch ehe ich meine Eintragungen im Gästebuch abgeschlossen hatte, auf seine kleinen Nebengeschäfte zu sprechen. Nun … ein Mädchen hatte ich zuhause, die betrog ich nicht; aber claro que sí, amigo: drogas immer. Er habe da algo special, also was Besonderes, etwas, was ich sicherlich noch niemals in meinem Leben bekommen habe. Nun ja, diese Sprüche kennt man ja zur Genüge, aber in Kolumbien entsprachen sie meistens den Tatsachen. Denn damals wie heute gab und gibt es in Kolumbien wenig schlechten oder gestreckten Stoff. Es war und ist eine Frage der Ehre und auch eine der persönlichen Sicherheit für kolumbianische Drogenhändler, gutes Material zu verkaufen. Mit ganz wenigen Ausnahmen war alles, was ich jemals dort bekam, sauber, rein und somit gut. Ich gehe sogar soweit und behaupte, dass kolumbianische Drogenhändler besonders korrekt sind. Egal ob Koks oder Weed, es gehört zu ihrem Berufsethos und ihrer Überlebensstrategie, guten Stoff zu verkaufen. Und das galt sicher auch für diesen etwas windigen, aber nicht unsympathischen Rezeptionisten im zentralen Stundenhotel von Valledupar, insofern

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kein großes Risiko, auf sein «algo special» einzugehen. Ich erwartete natürlich Koks und signalisierte mein Interesse. Mit den Worten «Na, dann komm mit, Gringo ...» (er wagte es tatsächlich, dieses rassistische Wort zu verwenden), vale la pena, es ist die Mühe wert, lotste er mich in ein kleines Hinterzimmer, an dessen schwere Holztür ein verrostetes «Oficina»-Schild genagelt war. Sein Büro also.

Keine Frage, Koks! Herr Lopez öffnete die Tisch-Schublade, in der er seine Vorräte samt Waage und einer mächtigen Knarre – gefühltes Kaliber: 45 – aufbewahrte. Dann schüttete er eine Handvoll Pulver auf die blanke hölzerne Tischplatte, als ob es Mehl wäre. Aber das Mehl war braun, und braun erinnert einen dann ja eher an Heroin, dem ich glücklicherweise nicht auch noch verfallen war und auch nicht vorhatte, das zu ändern. «No quiero heroina! Ich will kein Heroin!». Kollege Lopez lachte: «Das ist auch keines, Amigo!» – «Eso es patraciado.» Patraciado? Soweit mir bekannt, war das nicht wirklich eine Qualitätsbezeichnung, sondern bedeutete gestrecktes Koks, zum Beispiel mit }


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DR O G E N AU F R E I S E N

Ziegelstaub oder feinem Glaspulver. Wagte er tatsächlich, mir einen gestreckten Scheiß anzubieten und den auch noch namentlich zu benennen? Sehr unwahrscheinlich. Ich steckte meinen Finger in den braunen Haufen und schmierte mir das Zeugs ins Zahnfleisch. Es betäubte sofort den ganzen Mund bis zu meinen Rachen. Keine Frage, Koks! Aber es roch und schmeckte nicht danach. Zwar leicht bitter, aber ohne diesen strengen chemischen Beigeschmack, eher, als ob man einen Klumpen Erde gekaut hätte. Nach Mutter Natur irgendwie, das gefiel mir. Ich nickte anerkennend und kaufte fünf Grämmer für 20 Dollar. Mit einem breiten Grinsen und den Worten «No tomes demasiado, es muy fuerte» (Nimm nicht zu viel, es ist sehr stark) entließ mich Senor Lopez aus seinem Büro. Danke, alles klar, ich komme schon zurecht!

Blöde Köter Mein Zimmer in diesem Etablissement spottete jeder Beschreibung. Heiß, eng und nach billigem Parfum, schnellem Sex und Crack stinkend. Nicht einmal ein Fenster hatte das Loch. Wie man da bumsen oder eine Pfeife rauchen kann, ist mir ein Rätsel. Da kann man gar nichts drin tun, außer durchzudrehen. Ich legte mir, naiv, wie ich war, und trotz aller Warnungen, drei fette Linien, die ich mit viel Akribie in Form eines gleichseitigen Dreiecks auf dem abgehängten Badezimmerspiegel drapierte. Keine Ahnung, warum ein Dreieck. Intuitiv. Absolute Premiere. Es folgten ein schlagartiger Schweißausbruch, Herzrasen und die Herausgabe meines ausschließlich aus Coca Cola bestehenden Mageninhalts. Ich muss raus hier! Mein Körper zitterte und bebte und ich spürte, dass ich mich am Rande einer Überdosis

bewegte. Sofort raus, Gringo! Abkühlen! Ich schnappte meine Matratze vom Bett und stieg damit die schmale Treppe auf das Flachdach des Hotels hinauf. Die Fallwinde von der Sierra Nevada machten es tatsächlich kühl und angenehm da oben. Kein Vergleich zur meuchelnden Sauna in meinem Zimmer. So lag ich nun auf dem Rücken und schaute in den Himmel, über den der Sturm weiße Schäfchenwolken trieb. Zwischen den Wolken kamen immer wieder die

Keine Frage, ich war ein Roboter des Lichtes am Himmel. Sterne zum Vorschein und ich versuchte, anstatt Schäfchen zu zählen und trotz der Wolken und ziemlicher Aufhellung des Himmels durch die Lichter der Stadt, mir bekannte Sternbilder zu suchen oder wenigstens ein paar Sternschnuppen zu erhaschen. Die Sternbilder, die mir damals geläufig waren und die man auf Äquatorhöhe bestens sehen kann (Orion, Hund, Zwillinge, Plejaden), konnte ich nicht finden – wahrscheinlich, weil sie zu dieser späten Stunde bereits untergegangen waren, und so bot mir der Himmel einen recht unbekannten und für diese Region auch überraschend sternarmen Anblick. Über dem Ganzen lagen die typischen Geräusche einer südamerikanischen mittelgroßen Kleinstadt: hupende Autos, knatternde Mopeds, laute Musik und vorlautes Hundegebell. Ich zündete mir noch einen Spliff «Punto Rojo» an und legte mich wieder auf den Rücken. Plötzlich sah ich genau im Zenit, also senkrecht über mir, ein weißes Licht nach hinten fliegen, welches wie ein Pfeil aussah, und dem mein Kopf, wie von magischer Hand


Lucys Rausch Nr. 14

gezogen, roboterartig folgte. Ich war wie in Trance, aber bei klarem Verstand. Nun lenkte der Pfeil meinen Blick auf einen Stern, der pulsierte und mich hypnotisch anstarrte und begann, meinen Kopf und meine Augen – wie soll ich sagen? – zu justieren. Wie abgefahren! Ich hatte das Gefühl, dass ich da irgendetwas übte. Mein Kopf folgte willenlos den Bewegungen des Lichts, das mich, soviel war mir nun klar, irgendwie auf telepathische Art und Weise angezapft hatte. Nun bemerkte ich, dass die unangenehmen Stadtgeräusche völlig verschwunden waren. Ich hörte nur noch das Rauschen des Sturmes und – allerdings überlaut – das Gebell der Hunde aus der Nachbarschaft. Aber die Köter kläfften nicht nur, sie sprachen miteinander und – mein Gott – ich konnte sie verstehen. Obwohl es kolumbianische Köter waren, unterhielten sie sich in Deutsch, aber nicht etwa über den letzten Knochen, den sie gefunden hatten oder darüber, welcher Arsch wieder Steine nach ihnen geworfen hatte, nein, sie sprachen über mich. Ich hatte sowas schon mit dem Gequake von Fröschen erlebt und lauschte daher gespannt ihren Worten, die allerdings wenig Tiefgang hatten: «Ist er da?»– «Da oben liegt er!» – «Völlig dicht!» – «Aus Deutschland!» Solche Dinge kläfften sie sich zu. Blöde Köter halt. Nun begann mein Gesicht, wie von einer Fernbedienung gesteuert, Grimassen zu schneiden. Keine Frage, ich war ein Roboter des Lichtes am Himmel. Pro Sekunde eine Grimasse, und die meisten waren solche, die ich in meinem Leben noch niemals geschnitten hatte. Hunderte! Wird da mein Gesicht eingescannt mit so viel verschiedenen Grimassen und Gesichtsausdrücken wie möglich? Werde ich kopiert? Irgendwie nicht verwunderlich, dass man in ­einer solchen Situation an die Existenz außerirdischer Intelligenzen zu glauben beginnt. Gott sei Dank war ich in keiner Weise ängstlich oder gar paranoid, sondern überaus fasziniert und willig, mich weiter meinem unbekannten Gegenüber, diesem Licht, zu unterwerfen. Ich glaube, ich wäre auch nicht mehr in der Lage gewesen, mich dagegen zu wehren, denn längst war mein Körper völlig unter fremder Kontrolle. So ließ ich alles erwartungsfroh geschehen und versuchte, ein guter Proband zu sein.

Ein Intelligenztest Okay. Schließlich war die Hardware installiert: Die Augen unter Kontrolle, die Akustik eingestellt, das Gesicht ließ sich wunschgemäß bewegen. Bluetooth war sozusagen aktiviert und der restliche Körper lag nur noch regungslos da.

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Offenbar Zeit, die Software herunterzuladen. Das kläffende Publikum kommentierte das Ganze mit mehr oder weniger dummen Sprüchen, und plötzlich hörte ich eine Stimme, die nicht von den Hunden kam, sondern vom Rauschen des Windes

«Du bist schlau, das ist gut!», sagte der Wind, während mein Kopf immer noch Grimassen schnitt. und sich feierlich als mein «Lehrer» zu erkennen gab. Dann folgte wohl so was wie ein Intelligenztest, den ich allein dadurch bestand, dass ich ihn als solchen identifiziert habe. «Du bist schlau, das ist gut!», sagte der Wind, während mein Kopf sich wie wild umherbewegte und immer noch Grimassen schnitt. Meine Gedanken verschmolzen immer mehr mit denen meines «Lehrers», aber auch das musste wohl erst richtig justiert werden. Er feuerte mich an: «Richtig! Gut!», und ich war stolz, gelobt zu werden. Schließlich wurde ich belohnt, indem mein Kopf endlich eine optimale Position fand. Man glaubt gar nicht, wie viele schlechte Kopfpositionen es im Liegen gibt. Eigentlich sind sie alle nicht optimal, außer einer einzigen, und die hatten wir nun wohl endlich gefunden. «Richtig!», jubelte mein Lehrer und belohnte mich, indem sich nun ein Gefühl wunderbarer Schwerelosigkeit und völliger Schmerzu­nemp­ findlichkeit einstellte. So gut hatte sich mein Körper noch nie angefühlt. Hundert Prozent Entspannung. Ich fragte: «Softwareinstallation abgeschlossen?» Die Hunde und der Wind antworteten unisono: «Ja, du Schlaumeier!» Und nun ging der «Bildschirm» an. Mein Stern, den ich seit Beginn des Kontaktes keine Sekunde mehr aus den Augen verloren hatte, teilte sich nun in drei Lichtpunkte, die sich am Himmel zu einem perfekten gleichseitigen Dreieck formierten, dessen Fläche noch dunkler war, als der ansonsten nun völlig sternenlosen Neumondhimmel. «Du interessierst dich für Astronomie, gell?» Plötzlich erschienen auf dem «Bildschirm» diverse astronomische Objekte. Man zeigte mir in schneller Abfolge Galaxien, schwarze Löcher, Sternhaufen, Planeten und ich versuchte, so viel wie möglich zu erkennen. Weil ich mich schon seit meiner Kindheit mit Astronomie beschäftigt habe, war ich ziemlich gut und ich erkannte vieles, eigentlich fast alles von dem, was mir da gezeigt wurde. Stolz durchströmte wie süßer Honig meine Knochen. Endlich mal ein guter Schüler. }


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Fotos: iStock, Adobe Stock

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Nun wurden mir die drei Sterne, die das Dreieck in meinem Blickfeld bildeten, explizit. Ein roter Riese, ein weißer Zwerg und ein gelbe Sonne. Sterne unterschiedlicher Spektralklassen beziehungsweise Entwicklungsstufen also. Genauer konnte ich sie leider nicht identifizieren. Mein Lehrer war jedoch mit meiner Vermutung, dass es sich um besondere Sterne handle, die möglicherweise mit der Herkunft meiner Visionen zu tun hatten, zufrieden und beendete unsere astronomische Fragestunde. «Note eins!», kläfften die Köter. Ich war inzwischen völlig überzeugt davon, mit einer außerirdischen Intelligenz Kontakt aufgenommen zu haben und fühlte mich über alle Maßen privilegiert, ja geradezu auserwählt, als einer der wenigen Menschen überhaupt Derartiges erleben zu dürfen.

Einmal in Kontakt, immer in Kontakt Nächstes Thema. Geschichte. Und zwar die meines Volkes, und genau das dunkelste Kapitel von allen. Ein Hakenkreuz erschien auf meinem Bildschirm im Himmel und dann ein Davidstern. Dann verschmolzen die beiden Zeichen zu einem Symbol. Mich fröstelte plötzlich. Was soll das bedeuten? Swastika und Davidstern zusammen? Ist das nicht wie Feuer und Wasser? Ich hatte bis dato dieses Symbol noch nie gesehen und war entsprechend ratlos. Ich verstand null, was mir damit gesagt werden sollte, und bekam auch keine Antwort. Leider. Ich musste das später natürlich recherchieren und fand heraus, dass dies das Symbol einer sektenartigen Gemeinschaft ist, die sich als «Raelisten» bezeichnet. Diese Gruppe sieht sich – ich zitiere Wikipedia – als eine «Bewegung für den Empfang der außerirdischen Schöpfer der Menschheit» und ist «dafür bekannt, dass sie das Klonen von Menschen ermöglichen will». Auf was bin ich da gestoßen? War das tatsächlich dieser außerirdische Schöpfer, mit dem ich da in Kontakt getreten war? Und dann dieses «Klonen».

War das nicht genau das, was ich am eigenen Körper gespürt hatte? Das, was ich als die Installation der Hard- beziehungsweise Software bezeichnet hatte? Wurde da eine Kopie, ein Klon also, erstellt? Hatten die Raelisten einst auch Patraciado geschnupft und den gleichen Trip wie ich erlebt?

Hatten die Raelisten einst auch Patraciado geschnupft und den gleichen Trip wie ich erlebt? Damals auf dem Flachdach in Valledupar hatte ich von Raelisten und außerirdischen Schöpfern auf jeden Fall noch keine Ahnung und mich bis dato mit Aliens und solchen Dingen nicht näher beschäftigt. Das änderte sich mit dieser Nacht auf dem Hoteldach jedoch nachhaltig und bei fast allen folgenden psychedelischen Erlebnissen meines Lebens sollte das Thema «Außerirdische» von nun an eine zentrale Rolle spielen. Denn einmal in Kontakt, immer in Kontakt. Auf einmal wurde ich furchtbar müde, und wie zum Abschied formte sich eine Wolke im Dreieck in den Schriftzug «VELA 10». Dann verformte sich die Wolke zu einem dieser langen, dünnen Wesen mit dem typischen birnenförmigen Alienkopf und riesigen mandelförmigen Augen. Es lachte freundlich und hob seinen linken Arm mit vier Fingern zum Gruß. Dann war es verschwunden, der Himmel sah aus wie immer, und meine vierbeinigen Freunde mit wedelnden Schwänzen kümmerten sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten, sprich: Ich konnte sie nicht mehr verstehen. Auch der Wind heulte nur noch, anstatt mit mir zu sprechen. Schließlich kehrte die Gravitation zurück und beendete das wunderbare Gefühl der Schwerelosigkeit. Ich drehte mich zur Seite und versank augenblicklich in wunderbaren Tiefschlaf. lucys-magazin.com/autoren/Haag/


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Der Tanz mit dem Fliegenpilz Wie Amanita-Rituale unser Leben bereichern können TEXT

I

Amanita Dreamer*

ch bin ohne jegliche Verbindung zu einer Geschichte oder Praxis oder auch nur zu einer kulturellen Erfahrung aufgewachsen. Ich habe eine naturwissenschaftliche Ausbildung, unterrichtete an einer High School Naturwissenschaften und schrieb Bücher für Pädagogen. Doch 2008 nahm eine Naturkatastrophe mir alles und löste schwere Panik­ attacken aus, die mich schließlich auf Benzodiazepine brachten. Und so kam es, dass der Fliegenpilz (Amanita muscaria) mein Leben veränderte. Fünf Jahre Clonazepam-Konsum beeinträchtigten meinen Verstand, und eine früh einsetzende Demenz begann sich einzuschleichen. Ich verbrachte weitere fünf Jahre mit dem Versuch, die

Droge abzusetzen, nur um Alpträume von Schmerzen, Panik und eine Hölle zu ertragen, die nur diejenigen verstehen, die das selbst erlebt haben. Schließlich war ich so erschöpft, dass ich plante, mir das Leben zu nehmen. Eines Tages, als ich auf der Terrasse saß, hörte ich eine Stimme, die mir sagte, dass ich den Wald hinter meinem Haus besuchen müsse, bevor ich diesen Planeten verlasse. Sie war sehr überzeugend und verführerisch, also musste ich einfach dorthin. Fast sofort fand ich einen leuchtend bunten, rot-orangen Pilz. Ich pflückte ihn und rannte nach Hause, um herauszufinden, was es war. Nachdem ich viel über Amanita muscaria recherchiert und mehr davon


Lucys Rausch Nr. 14 12

gefunden hatte, machte ich einen Tee und trank ihn. Der Fliegenpilz hat mir das Leben gerettet. Ich war frei von allen Symptomen, Panik, Ängsten und Schmerzen. Ich begann auf eine Weise zu leben, die ich vorher nicht gekannt hatte. Ich wachte jeden Tag energiegeladen, glücklich und motiviert auf. Ich brauchte sehr wenig Schlaf und war kreativ und produktiv. Doch schon bald hörte ich wieder dieselbe Stimme. »Du solltest es den Menschen mitteilen«, flüsterte sie mir zu. »Viele Menschen leiden, sie müssen es wissen. Du solltest Videos machen und all die irreführenden Informationen korrigieren« und schließlich: »Du musst das jetzt wirklich tun!« Ich dachte, ich müsse verrückt geworden sein und dass dieser Pilz die Verantwortung dafür trage. Aber ich hörte auf die Botschaft, woher auch immer

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sie gekommen war, und damit begann die Story von Amanita Dreamer*, der Person, dem Kanal und der Website. Die Stimme wurde immer lauter. Andere Leute schrieben mir, dass der Pilz sie ebenfalls gerufen hatte, dass die Stimme des Pilzes auch sie förmlich dazu zwang. Ich machte mir Sorgen, den Respekt der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu verlieren, aber ich konnte auch nicht leugnen, wie laut, liebevoll und tief diese Stimme war. Schließlich ging ich mit dieser Information an die Öffentlichkeit und sprach über die Pilzstimme. Ich sagte, dass die Fliegenpilze uns vermissten und dass sie hofften, dass die Menschen sie wieder verwenden würden. Ich beschloss, den Pilz vor laufender Kamera zu rauchen und Fragen zu beantworten, die ich }}


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FLIEGENPILZ-RITUALE

online über die psychonautische Praxis mit Amanita gelesen hatte. Fast sofort waren die Stimmen dieser Wesen wieder da, wie Hunderttausende tief weiser Bewusstseinswesen. Sie unterrichteten mich, lehrten mich, liebten mich und gaben mir Ratschläge. Es war tiefgründig. Mit der Zeit verstand ich zum ersten Mal in meinem Leben, was die Ältesten, die Götter und die Vorfahren wirklich bedeuteten. Ich erkannte, dass es sich nicht nur um erfundene Geschichten handelte, sondern dass die Götter und Ahnen real sind. Ich lernte, dass das Rauchen großer Mengen von Amanita muscaria sie in den Mittelpunkt rückte, und dass ich mit den Wesenheiten sprechen konnte, nicht nur zuhören. Und sie sagten es mir. Sie sagten mir, das Wichtigste, was die Menschen heute tun können, ist, zu der Praxis zurückzukehren, die Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen mit Trommeln zu feiern, Amanita zu rauchen, zu tanzen, die Unterwelt zu besuchen und mit unserem Volk in Einklang zu sein. Erlauben Sie mir, hier die Pilze selbst zu zitieren. »Liebe Träumer, wir haben euch alle so sehr vermisst. Wir sind schon seit Tausenden von Jahren zusammen. Wir haben uns eure Geschichten angehört, eure Ängste, eure Freuden und Feste. Wir waren dabei, als das Eis marschierte, wir waren dabei, als die Flüsse ihren Lauf änderten. Wir waren bei euch, als ihr neue Werkzeuge herstelltet und neue Wege fandet. Wir haben gehört, wie ihr um geliebte Menschen geweint und euch über Geburten

«Wir sind ein Teil von euch und ihr seid ein Teil von uns.» gefreut habt. Wir sind ein Teil von euch und ihr seid ein Teil von uns. Doch dann kam es zu einer großen Scheidung und plötzlich waren die Menschen verschwunden. Wir waren traurig und trauern nun schon seit Hunderten von Jahren um euch und euren Verlust. Wir haben zugesehen, wie ihr krank und ängstlich wurdet. Da wir wussten, dass wir euch helfen können, haben wir uns entschlossen, härter zu arbeiten und die uns zur Verfügung stehenden Nährstoffe zu nutzen, um zu lernen, euch näher zu kommen, in der Hoffnung, dass ihr uns

«Der Fliegenpilz hat mir das Leben gerettet.»

Foto: Shutterstock

wiederfinden würdet. Wir freuen uns über deine Rückkehr, und wir weinen auch vor Glück, Freude und Festlichkeit. Wir haben dich vermisst.« Als ich anfing, dies vor der laufenden Kamera zu sagen, wurde ich nicht ermahnt oder ausgelacht. Ich wurde umarmt, die Botschaft wurde gehört, und immer mehr Menschen baten um weitere Informationen. Es war fast so, als ob sich auch die anderen Menschen erinnern würden. Nach und nach begann ich, entsprechende Zeremonien zu gestalten, und die Kraft, die von ihnen ausging, war wunderbar. Ich verstehe jetzt, was sie bedeuten und warum sie so wichtig sind. Natürlich stehen wir noch ganz am Anfang. Zurzeit bin ich dabei, meine Erfahrungen nach außen zu tragen, um anderen zu zeigen, was ich selbst entdeckt habe. Bei einem echten Ritual wird tagelang getrommelt, und es wird viel gefeiert und zelebriert. Es ist eine Erfahrung, die sich über Tage und nicht über Stunden erstrecken und die alle paar Monate wiederholt werden sollte. Natürlich ist dies nicht die ultimative Lösung, die alle Probleme beseitigt. Es ist eine reinigende Praxis, ein Ritual, ein Werkzeug für


Lucys Rausch Nr. 14

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Der Trancezustand, der durch die Trommel erzeugt wird, ist tief in unserem Körper verankert.

die mentale, emotionale und spirituelle Hygiene. Die Art und Weise, wie unsere Vorfahren solche Rituale praktiziert haben, und die Art und Weise, wie ich sie heute lehren muss, sind unterschiedlich, aber die Hoffnung ist, dass die Menschen diese Rituale noch lange nach meiner Abreise in ihrer Gemeinschaft praktizieren und sie vierteljährlich etablieren. Auf diese Weise können wir diese wichtige Tradition und Verbindung zwischen den Menschen und den Pilzen wiederbeleben. Und sie zeigten es mir. Ein Ritual mit Amanita muscaria ist keine feierliche Angelegenheit. Es geht nicht wie bei vielen anderen psychedelischen Ritualen darum, die Droge in einem dunklen Raum einzunehmen. Es wird viel geraucht und Tee getrunken, um ein Feuer herum, mit Trommeln und Geschrei, Gesang und Bewegung. Es ist ein Krawall, eine laute und ungestüme Erfahrung. Wir besuchen die Unterwelt, Loki kommt und bringt uns zum Tanzen, Thor kommt und führt uns zu der Kraft, die tief in uns steckt. Wir graben unsere Wut und Scham, unseren Schmerz und das Böse aus und versetzen uns in Trancezustände der Glückseligkeit, wie

Foto: 123RF

Umarmungen durch einen Pilz. Viele Kulturen und Menschen haben sich über Tausende von Jahren mithilfe dieser Praktiken entwickelt. Und wir tanzen zusammen. Wenn die Zeremonie beginnt, beginnen wir mit dem Rauchen des Pilzes und dem Trinken des Aufgusses, der aus den getrockneten Fruchtkörpern des Fliegenpilzes hergestellt wird. Bislang verwenden wir Hookas (Wasserpfeifen), in Zukunft soll jedoch jede Person ihre eigene Zeremonialpfeife verwenden. Früher wurde für solche Rituale ein großer Kessel mit Amanita-Tee gekocht. Heute ist es aber sinnvoll, dass jeder Ritualteilnehmer sein eigenes Gefäß mit dem Aufguss erhält, um diesen nach eigenem Ermessen einnehmen zu können, z.B. indem er oder sie alle 20 Minuten etwas davon trinkt und abwartet, ob sich Krämpfe oder Übelkeit einstellen. Das ist dann ein Zeichen dafür, mit dem Trinken des Tees auszusetzen und mehr zu rauchen. Wenn wir mit dem Trommeln beginnen, lernen wir, uns geschmeidig zu bewegen und zu wiegen, um die festgefahrenen Gefühle zu lösen, die durch die Ereignisse seit der letzten Zeremonie entstanden }

}


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FLIEGENPILZ-RITUALE

Loki kommt und bringt uns zum Tanzen. Foto: Adobe Stock

sind. Wenn wir mit dieser Praxis gerade erst beginnen, sollten wir uns so viel wie möglich bewegen. Trommeln sind für diesen Prozess unerlässlich. Wir können allein zu Hause trommeln und Heilung erfahren, und das sollten wir auch. Wir können Amanita ohne Trommeln benutzen, auch dies sollten wir tun. Wir können uns um ein Feuer versammeln, ohne Trommel und Pilze, und auch das sollten wir. Aber etwas Einzigartiges geschieht, wenn alle drei Praktiken zusammenkommen. Der Trancezustand, der durch die Trommel erzeugt wird, ist tief in unserem Körper verankert, von der Trommel im Mutterleib bis hin zu all unseren menschlichen Vorfahren, die in Trance getrommelt haben, um zu heilen und mit den Geistern zu reisen. Wenn wir Amanita verwenden, katapultieren wir uns in eine andere Welt. Wenn wir uns dem Trancezustand nähern, lassen wir die Wut, die Scham, die Hilflosigkeit und den Groll los. Wir knurren und schreien, wir wirbeln und bewegen uns und geben den Dämonen des Schattens, der Unterwelt und unserem dunklen Selbst die Ehre und gestatten ihnen, sich furchtlos zu erheben. Setzen wir den dunklen Aspekten keinen Widerstand entgegen, sondern akzeptieren sie als Teil unserer Selbst, verschwinden sie genauso schnell, wie sie gekommen sind. Wenn wir diese Energie aufrechterhalten, werden wir womöglich feststellen, dass die Liebe in unser Herz eindringt. Wir stellen fest, dass Vergebung ganz von selbst kommt, und sehen, dass alles in Ordnung ist. Wir beginnen uns daran zu erinnern, dass wir uns selbst und die Menschen um uns herum

lieben. Die Trommeln beruhigen uns und führen uns in tiefere Zustände, wir sehen andere weinen und spüren ihre Erleichterung, ihre Selbstliebe und sehen ihr Leuchten. Und während wir uns beruhigen und zur Ruhe kommen, beginne ich als Ritualleiterin, uns alle sanft in tiefere Zustände zu führen, in denen wir lernen, wie wir mit den Ältesten und Ahnen arbeiten können. Wir lernen, wie man auf ihre Weisheit und ihren Rat hört, wie man durch die Zeit reist und wir erfahren, wem die Pilzstimme gehört. Wir lernen die Ältesten und Ahnen kennen und erinnern uns an die Beziehungen, die wir früher zu ihnen hatten. Und wenn meine Stimme verstummt, überlasse ich es

Die wahre Kraft entfaltet sich erst anschließend, wenn wir schlafen. den Ritualteilnehmern, zwischen den Sternen, Seelen und Göttern zu fliegen, während wir den Stimmen der Kreaturen der Nacht lauschen. Aber die wahre Kraft entfaltet sich erst anschließend, wenn wir schlafen und in die Wachzustände Alpha, Theta und Delta eintreten, wo wir Visionen haben, die manche als luzides Träumen bezeichnen. Wir treten persönlich – allein – auf einer tiefen Ebene mit der Pilzstimme in Kontakt, wo sich die Dinge verändern und unser Gehirn moduliert wird. Wo wir wachsen, alte Ängste ablegen und in einem neuen Leben erwachen, erfrischt und neu. Einige, die an meinen Amanita-Ritualen teilnahmen, sagten, dass sie nicht wirklich viel von der Erfahrung gespürt haben. Hier könnte man vermuten, dass es für sie schlichtweg noch nicht an der Zeit ist. Der Pilz mit seiner Weisheit erlaubt es noch nicht. Ich habe auch den Eindruck, dass viele Menschen, die Cannabis konsumieren, sehr wenig Erfahrung mit Amanita muscaria haben. Allerdings haben zahlreiche Hanfgebraucher, die an meinen Fliegenpilzritualen teilnehmen, häufig am Ende das Gefühl, dass sie mit Cannabis aufhören und stattdessen den Pilz nehmen sollten. Hat der Pilz ihnen das beigebracht? Es gibt ein paar Medikamente, die die Wirkung des Fliegenpilzes beeinträchtigen, und manche Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), die paradoxe


Lucys Rausch Nr. 14

Reaktionen auf Stimulanzien zeigen, haben zuweilen Schwierigkeiten, die Wirkung des anregenden Inhaltsstoffs des Pilzes, dem Muscimol, zu spüren. Solche Personen sind aber zumeist entweder erst seit Kurzem auf ihrem spirituellen Weg unterwegs oder sie haben ein sehr tiefsitzendes, kompliziertes Trauma zu verarbeiten, von dem der Pilz vielleicht meint – ich wage es zu sagen –, es sei nicht klug, es an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt zu verarbeiten. Manchmal höre ich von meinen Ritualteilnehmern schon nach einer Woche wieder. Dann erzählen sie mir von Erfahrungen, die die meisten von uns bei entsprechenden Zeremonien so oder ähnlich erleben. Wir fühlen uns plötzlich anders, haben mehr Energie und eine positivere Einstellung, sind konzentrierter, weniger ängstlich und motiviert, Projekte in Angriff zu nehmen, die wir schon lange aufgeschoben haben. Wir sind positiv und hoffnungsvoll, aufgeregt und erleben viele Synchronizitäten. Wir finden Antworten auf Probleme, die uns schon lange beschäftigt haben, und diese Antworten scheinen auf der Hand zu liegen und einfach zu sein. Unsere Arbeit fällt uns leich-

Schon das Räuchern von Amanita allein hat transzendente Eigenschaften. ter, und was wir brauchen, scheint direkt vor unserer Nase zu landen. Es wäre vermessen zu behaupten, dass es die eine Amanita-Erfahrung gibt. Denn ich beschreibe hier nur einen Aspekt der Fähigkeiten dieses Zauberpilzes. So kann zum Beispiel das Microdosing mit dem Fliegenpilz zur Aufarbeitung und Linderung innerer Traumata aus frühen Jahren beitragen. Die normale psychedelische Dosierung des Tees kann zu schneller Heilung und tiefen Lektionen führen. Und

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hohe Dosen eröffnen uns Dimensionen, die wie alternative Zeitlinien und Realitäten erscheinen, wo wir die besten Versionen von uns selbst nach Hause bringen können. Schon das Räuchern von Amanita allein hat transzendente Eigenschaften, und die Kombination mit anderen speziellen Kräutern und Entheogenen kann uns an noch magischere Orte bringen. Heute wird endlich mehr Forschung über dieses magische Wesen betrieben. Und die fördert zahlreiche medizinische Nutzungsmöglichkeiten des Fliegenpilzes zutage. So weist der Pilz unter anderem entzündungshemmende, immunstärkende und leicht MAO-­ hemmende Eigenschaften auf und eignet sich zur Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems, von ADHS und Schmerzen und vielem mehr. Aus diesem Grund bin ich in die magische Amanita muscaria verliebt. Sie hat mich gerettet und im Gegenzug lebe ich, um ihre Geheimnisse mit allen Menschen zu teilen, die es hören wollen. Und sie haben mich gesegnet. Heute darf ich reisen und viele Menschen treffen, die solche heiligen Zeremonien abhalten. Ich darf ihre Speisen genießen, darf Geschenke und Erfahrungen austauschen. Ich darf außerdem einen entsprechenden Dokumentarfilm realisieren und Orte besuchen, an die ich sonst nicht gekommen wäre. Ich habe meine eigenen Online-Räume, die frei von Zensur sind, obwohl dieser Pilz in fast jedem Land legal ist, auch in meinem eigenen. Ich bin aus einem nicht wirklich gelebten Leben in ein Leben aufgewacht, das so voll und reich ist, dass ich mit der neu entdeckten Fülle fast schon zu kämpfen habe. Ich hoffe, dass einige Leser:innen jetzt neugierig geworden sind und Amanita kennenlernen möchten. Sie vermissen uns. Sie vermissen dich. Und mir scheint, in einer Zeit wie dieser könnten wir alle ein wenig Sonnenschein und einen roten Pilz mit weißen Punkten gebrauchen. * Name ist der Redaktion bekannt.


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Radovan Hirsl: Reichi, 2006. Acryl auf Recyclingmaterial, Privatbesitz.

Mischa Good: Grandmaster Gangbang, 2011. Fimo, Holz, Plexiglas, Privatbesitz.

Nadia Honarchian: Kali 1, 2012. Fine Art Print, Fotopapier auf Alu. Limitierte Auflage.

Ausstellung im Museum HR Giger

PSYCHONAUTEN II Die zweite Gruppenausstellung visionärer und psychonautischer Kunst im Museum HR Giger präsentiert Werke von insgesamt 21 KünstlerInnen von verschiedenen Kontinenten und ist dem Psychotherapeuten und Psychiater Stanislav Grof gewidmet, der unter anderem das Holotrope Atmen entwickelte. Seine Schriften haben viele visionäre Kunstschaffende inspiriert. Zur Eröffnung am 14. Mai 2022 versammelte sich im Dachgeschoss des Museums ein bunt gemischtes Publikum in herzlich-angeregter Atmosphäre. In einer Videobotschaft sandten Stan und Brigitte Grof mit Claude Steiner ihre Grüße nach Gruyères. Carmen Giger-Scheifele und Nicolas Trauner (Berlin) würdigten in ihren Begrüßungsreden insbesondere Stanislav Grofs Beobachtungen und Beschreibungen innerer Welten als wichtige Inspirationsquellen für die visionäre Kunst; seine tiefenpsychologischen Analysen von Werken der bildenden Kunst und Literatur liefern erstaunliche neue Sichtweisen, vor allem dank Grofs Konzept der Perinatalen Grundmatrizen (PGM), der Geburtsphasen, die das individuelle Leben prägen. Beim Gang durch die Ausstellungsräume wird deutlich, wie facettenreich die Wahrnehmung dieser

Welten ist und wie vielfältig ihre Umsetzung. Die Ausstellung umfasst ein breites Spektrum: Malerei, Fotografie, digitale Grafiken, Skulpturen und audiovisuelle Werke. Als Auftakt sind aquarellierte Zeichnungen von Stanislav Grof zu sehen. Sie veranschaulichen Erfahrungen aus den verschiedenen PGM-Phasen, wie sie in veränderten Bewusstseinszuständen, etwa durch Holotropes Atmen oder meditative Praktiken, auftreten können. Neben Grofs Bildern präsentiert die Ausstellung weitere Gemälde mit unterschiedlichen Maltechniken: So setzt etwa Wolfgang Maria Ohlhäuser eine alte nepalesische Technik ein und malt in feinsten Punkten, Nana Nauwald verwendet kräftige, eher flächige Farben, Fred Weidmann lässt seine Figuren in Acryltechnik organisch ineinander fließen, und Christian Rätsch verwendet für seine schamanischen Bilder Aquarellfarben. Gezeigt werden aber auch in Mischtechnik oder komplett digital erstellte und auf Leinwand gedruckte Werke, wie zum Beispiel die von Nadia Honarchian. Ihre Porträt-Fotografien, die sie in sich überlagernden Schichten am Computer weiterbearbeitet, verweisen auf die Vielschichtigkeit und Weite psychedelischer Welten.


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L u c y s Rausch Lucys R a u s c hNr. Nr. 141 1

Kris Markiewicz: Melancholia21. Acryl auf Holz, 2021

Neben collageartigen Werken sind auch Readymades wie etwa die von Mischa Good ausgestellt, die etwas Plakatives und Verspieltes an sich haben. Radovan Hirsl formt Recycling-Materialien zu einem Gebilde, dessen Bestandteile wie Antennen in den Raum greifen, ergänzt durch einen kleinen Pilz. Igor Grechanyks Bronzeskulptur mutet wie ein zartes, seltsames Meereswesen an, das Assoziationen zu HR Gigers Biomechanoiden oder Salvador Dalís Frauenfiguren weckt. Klänge und Videobilder können Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Substanzen zum Ausdruck bringen oder sie unterstützen. Ein solches Werk ist die Videoinstallation The Sound Of DMT von Trig Fardust (Video) und B. Ashra/Klangwirkstoff Records (Musik), eine visuell-musikalische Umsetzung des DMT-/Ayahuasca-Moleküls. Die auf den Berechnungen von Hans Cousto basierende Vertonung vermittelt zusammen mit den Videobildern einen rauschhaften Eindruck innerer Räume auf einer Ayahuasca-Reise. Die Vielfalt der Stile und Techniken war ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl der Künstler und Werke. Das Netzwerk der Kuratoren Nadia Honar­ chian und Claude Steiner ist in den letzten Jahren

Nana Nauwald: Reconnection, 2021

gewachsen, doch die in den 1990er Jahren aus der Galerie Tumb in Zürich hervorgegangene Kerngruppe hat immer noch Bestand. Die Ausstellung ­Psychonauten II musste aufgrund der Pandemie mehrere Male verschoben werden. An der ersten Werkschau waren auch einige amerikanische KünstlerInnen beteiligt; diesmal sind nur KünstlerInnen aus Europa mit von der Partie. Trotz der Hindernisse ist dem Kuratorenteam eine abwechslungsreiche und sehr sehenswerte Ausstellung gelungen. Christine Heidrich lucys-magazin.com/autoren/Heidrich

Psychonauten II HR Giger Museum, Château St. Germain in Gruyères, Schweiz. 14. Mai 2022 bis März 2023 Kuratiert von Nadia Honarchian und Claude Steiner unter Mitwirkung von Carmen Giger-Scheifele. Gruppenausstellung mit Werken von: Nana Nauwald • Wolfgang Maria Ohlhäuser • Nadia Honarchian • Fred Weidmann • Stanislav Grof • Christian Rätsch • Chandra Fanti • Radovan Hirsl • Mischa Good • Liliana Hirsl • Davide Scianca • Claude Steiner • Jakco Mosqueira • Alpamys Batyr • Elena Starkova • B. Ashra • Kris Markiewicz • Le dernier cri • Theus Heberlein • Eva Wipf • Igor Grechanyk


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Heilung und Spiritualität:

Psychedelisches Cannabis TEXT

DA N I E L MC QU E E N

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an muss die Details der Pflanze nicht kennen, um sie als psychedelische Medizin zu verwenden. Aber ich möchte denen, die Cannabis schon länger nicht mehr verwendet haben, sowie denjenigen, die noch nie Cannabis verwendet haben, etwas Hintergrundwissen vermitteln. Wenn Sie daran zweifeln, dass Cannabis eine psychedelische Erfahrung hervorrufen kann, überlegen Sie, wann Sie es zuletzt geraucht haben – vor einem Jahr, einem Jahrzehnt oder einer Generation? Einfach ausgedrückt: Jüngsten Studien zufolge ist das Tetrahydrocannabinol (THC) in Cannabis dreimal so stark wie noch vor zwanzig Jah-

Psychedelisches Cannabis ist auch für ältere Menschen viel sicherer zu konsumieren. ren. Darüber hinaus nimmt der Anteil des Cannabinoids Cannabidiol (CBD), das ebenfalls in der Pflanze als natürliches «Gegenmittel» zu THC vorkommt, bei den meisten Sorten durch selektive Züchtung ab. Das bedeutet, dass die subjektive Wirkung des THCs als noch stärker empfunden wird. Wir erleben buchstäblich aus erster Hand die Evolution einer ganzen Spezies durch menschliches Engineering.

Die Beziehung zwischen den Cannabinoiden (den Wirkstoffen von Cannabis) und Terpenen (den aromatischen Verbindungen) wird als Entourage-Effekt bezeichnet, und die neue wissenschaftliche Forschung hat die vielfältigen Qualitäten von Cannabis durch die Züchtung subtiler Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung verstärkt. Aufgrund dieses neuen Verständnisses kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass Cannabis heute nicht mehr das ist, was es vor zwei Jahrzehnten war, geschweige denn während der psychedelischen 1960er Jahre. Ich bin sicher, dass es einige unglaubliche Ausnahmen von diesem Trend gegeben hat, denn es gab schon immer wunderbare Züchter dieser erstaunlichen Pflanze, im Durchschnitt prägte außergewöhnliches Cannabis aber nicht die Erfahrung der großen Mehrheit der Konsumenten. Vielleicht ist es an der Zeit, diese bescheidene Pflanze und ihre ungewöhnlich riechenden Terpene, die wie kleine Motoren der Transformation wirken, neu zu überdenken. Trotz der Stärke der modernen Sorten wird Cannabis in der Heilkundigengemeinschaft immer noch für seine therapeutische Wirkung geschätzt. Da die psychedelischen Cannabissitzungen kürzer sind und die Erholungszeit minimal ist, ist die Integration einfacher als bei anderen psychedelischen Medikamenten, was es ideal für diejenigen macht,


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Foto: Dreamstime

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die viel im Beruf und in der Familie zu tun haben. Psychedelisches Cannabis ist auch für ältere Menschen viel sicherer zu konsumieren, da es nicht nur weniger Stress für den Körper bedeutet, sondern sogar neuroregenerativ ist. Regelmäßige Cannabiskonsumenten berichten, dass ihr Gesamtkonsum von Cannabis und anderen Drogen deutlich zurückging, als sie zum bewussten Konsum übergingen und sich tatsächlich dem zuwandten, was Heilung brauchte – und das ohne große Anstrengungen oder klinische Intervention. Als Mittel zur Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen ist Cannabis in der Anfangsphase eine viel sicherere Alternative zu Suchtmitteln, und Cannabisprotokolle und Atemtechniken können als Werkzeuge zur Heilung der zugrunde liegenden Ursachen des Suchtverhaltens

eingesetzt werden. Abgesehen von einigen leicht zu überprüfenden Kontraindikationen gibt es nur wenige Gründe, die gegen den Einsatz dieses Medikaments zur persönlichen Heilung sprechen. Cannabis ist auch psychologisch und physisch viel sicherer als andere psychedelische Arzneimittel, und es hat eine kürzere Wirkungsdauer als die meisten Psychedelika, was die Integration und Erholung von der Erfahrung erleichtert. Es kann effektiv in kleineren Dosen oder als Einstieg in die Arbeit mit anderen Psychedelika verwendet werden. Wir nennen dies «das Wasser testen». Wenn Sie noch nie ein Psychedelikum probiert haben, müssen Sie vielleicht einige Schritte unternehmen, bevor Sie für eine legale Ayahuasca-Erfahrung nach Peru reisen. Im Gegensatz zu anderen Psychedelika und }


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PSYCHEDELISCHES CANNABIS

MDMA, bei denen zwischen den einzelnen Sitzungen eine beträchtliche Zeitspanne für die Integration und das körperliche Wohlbefinden erforderlich ist, kann Cannabis sicher und kontinuierlich zu Heilungszwecken verwendet werden, in einem geeigneten Kontext sogar wöchentlich. Zusätzlich zum sicheren Dauergebrauch können betroffene Personen zu Gemeinschaftsveranstaltungen zusammenkommen. Wir nehmen regelmäßig mehr als 25 Personen in unseren Kreisen auf. Die Gemeinschaft ist wirklich ein Teil der Medizin. Subjektiv unterscheiden sich psychedelische Cannabiserfahrungen bei geschickter Anwendung nicht so sehr von MDMA-unterstützter Psychotherapie. Die heilenden Wirkungen und die Intensität der Emotionen, der somatischen Freisetzung und der körperlichen Erschütterung sowie der Erinnerung an traumatische Erlebnisse in einem sicheren und akzeptierenden Zustand, sind manchmal nicht von

Cannabis sativa ist ein sicheres und heiliges medizinisches Werkzeug. denen von MDMA und anderen Psychedelika zu unterscheiden. Meiner Erfahrung nach beginnen psychedelische Cannabiserfahrungen oft wie MDMA-Sitzungen und gehen dann in etwas über, das einer Psilocybin-Pilz-Erfahrung ähnelt – mit erheblichen Körperempfindungen und lebhaften inneren Bildern. Eine beträchtliche Anzahl von Klienten gibt auch an, dass sie Trips auf Ayahuasca- und DMT-Niveau erleben, insbesondere wenn sie bestimmte einfache Atemübungen während der Erfahrung praktizieren. Cannabis sativa ist ein sicheres und heiliges medizinisches Werkzeug, das uns dabei unterstützt, uns nach innen zu wenden, tief im Körper sitzende Spannungen aufzulösen, inneren Empfindungen nachzuspüren und Traumata aus dem Nervensystem zu lösen. Cannabis mit dieser Intention zu konsumieren ist etwas völlig anderes, als high zu werden und seinen Problemen vermeintlich zu entkommen.

Das psychedelische Cannabiserlebnis Die psychedelische Cannabiserfahrung bedeutet eine synergetische Verschmelzung eines Voll­ spektrum-Blends von Cannabis sativa mit der Umgebung, dem Setting und anderen Faktoren – in erster Linie Musik, somatisches Bewusstsein und Atem – in einem multiparadigmatischen und begleiteten

Einige allgemeine Wirkmerkmale von psychedelischem Cannabis  Erhöhte Wahrnehmung des physischen Körpers, die oft eine Form der Synästhesie hervorruft, die unsere visuelle Wahrnehmung mit der Propriozeption (Wahrnehmung des eigenen Körpers) verbindet, was im Modell der medizinischen Achtsamkeit als visuelle Propriozeption bezeichnet wird.  Tiefe Muskelentspannung, die zu energetischen Entladungen und Traumabewältigung führt, inklusive der Aktivierung und Klärung der Meridian- und Chakrakanäle, was die Energiebewegung im gesamten Körper und tiefgreifende neue Ebenen der Regulation des Nervensystems erleichtert.  Fähigkeit, durch die Erinnerungen zu reisen; erhöhtes Bewusstsein für mentale Gewohnheiten, Urteile und Ängste, was zur Auflösung ungesunder Prozesse führt.  Tieferes Gewahrsein von emotionalen Prozessen und Aktivierung von emotionalen Entladungen, was zu Befreiung und Heilung führt.  Aktive, traumartige, innere visuelle Erfahrungen und eine klare Vorstellungskraft in einer hypervitalen inneren Realität.  Extreme kreative Problemlösungsaktivierung und verstärkte Verbindung zur Intuition.  Transpersonale Phänomene wie Begegnungen mit Wesenheiten oder Aspekten des Selbst, die sich außerhalb des Selbst fühlen (Ahnen, Führer, Engel, Totems usw.) sowie tiefe spirituelle Zustände des Seins und Nicht-Seins, die eher dem Einheitsbewusstsein und einer tiefen Verbindung mit dem Göttlichen ähneln.  Aktivierung von synchronen transformatorischen Wachstumserfahrungen im äußeren Feld (der realen Welt), auf die sich der Reisende einlassen muss.  Ein tiefes Gefühl der Präsenz und des Körperbewusstseins im Gegensatz zu einem dissoziativen Gefühl oder einem Gefühl «da draußen» oder «irgendwo anders».  Entwicklung eines Gefühls der Handlungsfähigkeit im Leben, das Gefühl, mehr Kontrolle über die Lebenssituationen zu haben, mehr Wahlmöglichkeiten zu haben und eine tiefere Verbindung mit der Welt und ein größeres Gefühl der Sinnhaftigkeit zu verspüren.


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Foto: Adobe Stock

Lucys Rausch Nr. 14

Prozess, der eine Verschmelzung von MDMA und Psilocybin nachahmt und oft Zustände auf Ayahuasca- und DMT-Niveau erreicht, insbesondere in Kombination mit sanften Atemübungen. Die psychedelische Cannabiserfahrung erfordert keine extrem hohen Dosen, ist aber exponen­ tiell stärker als eine Erfahrung, die normalerweise

Erfahrungen mit psychedelischem Cannabis haben eine starke persönliche Wirkung. mit Cannabis allein assoziiert wird. Erfahrungen mit psychedelischem Cannabis weisen jedoch im Allgemeinen eine weitaus größere persönliche Wirkung auf als andere starke psychedelische Arzneimittel. Der Höhepunkt des Erlebnisses kann je nach Dosierung unterschiedlich stark ausfallen und etwa eine bis drei oder mehr Stunden andauern. Cannabis ist in den meisten Teilen der Vereinigten Staaten legal, kann sicher und häufig für die laufende psychedelische Therapie und die psychedelische

Erforschung verwendet werden und bei der Behandlung erheblicher klinischer Störungen ebenso wirksam sein wie andere psychedelische Arzneimittel, wenn ein geeignetes Protokoll vorbereitet wird. Wenn wir schon dabei sind zu erläutern, was psychedelisches Cannabis ist, möchte ich kurz erörtern, wieso ich diesen Begriff verwende. Manche verwenden Wortschöpfungen wie Transcannabis (was etwas bezeichnet, das «über Cannabis hinausgeht, aber Cannabis einschließt»), und «bewusstes Cannabis» (conscious Cannabis), das in erster Linie die bewusste Verwendung von Cannabis als Werkzeug der Achtsamkeit bezeichnet, habe ich mich für die einfache und direkte Bezeichnung «psychedelisches Cannabis» entschieden, um die heilsame bzw. spirituelle Erfahrung mit Cannabis als etwas zu beschreiben, das sich vom Freizeitkonsum, auch bekannt als «Kiffen», unterscheidet. In Anbetracht des aktuellen Dialogs über kulturelle und spirituelle Aneignung möchte ich darum bitten, dass wir auf die Worte achten, die wir verwenden, um diese Medizin zu beschreiben – da gibt es Namen wie Ganja aus hinduistischen }


PSYCHEDELISCHES CANNABIS

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Traditionen und, wie ich es in letzter Zeit gehört habe, Santa Maria, ein Name, der mit der religiösen Verwendung der Medizin in Mittel- und Südamerika verbunden ist. Ich finde nicht, dass dies die richtigen Namen für unsereins sind. Meistens bezeichne ich die Medizin einfach als «Cannabis» oder nenne sie mit ihrem wissenschaftlichen Namen Cannabis sativa. Da psychedelisches Cannabis so neu ist, haben wir hier die Gelegenheit, unsere Beziehung zu dieser Medizin in Begriffen neu zu definieren, die der heutigen multikulturellen Gesellschaft angemessen sind.

Wissenschaftliche Fallstudien Während die Cannabisforschung im klinischen Bereich durch die Qualität des staatlichen Cannabis und die künstlichen Verbote der DEA eingeschränkt ist [der Autor bezieht sich hier auf sein Heimatland, die USA; Anm. d. Red.], konnten wir einige Experimente durchführen, um die Potenz von psychedelischem Cannabis zu erforschen und zu sehen, wie es im Vergleich zu anderen psychedelischen Medikamenten wirkt. Wir haben einige psychedelische Cannabissitzungen mit Teilnehmern durchgeführt,

die an ein EEG-Gerät angeschlossen waren, und einen Fragebogen zu veränderten Bewusstseinszuständen, auch bekannt als Altered States of Consciousness Rating Scale (OAV), von einer großen Gruppe ausfüllen lassen. Obwohl beide Experimente sehr vorläufig waren, waren die Ergebnisse überraschend und inspirierend. Bei einer Schulung in meiner Psychedelic Sitters School (psychedelicsittersschool.org) wurde die Gehirnwellenaktivität von zwei Studenten mit einem EEG-Gerät vor und nach einem Conscious Cannabis Circle (psychedelische Cannabissitzung zu Heilzwecken) gemessen. Die beiden getesteten Probanden zeigten beide eine signifikante Verringerung der Aktivität im Default Mode Network (DMN), einer Gruppe von Hirnregionen, die mit der Bildung des Egos bzw. des individuellen gedanklichen Selbsts assoziiert sind. In der Literatur über psychedelische Medizin wurde durchweg nachgewiesen, dass Probanden in einem psychedelischen Zustand eine verringerte EEG-Aktivität in allen Frequenzbändern mit Ausnahme von Gamma im Standardmodus-Netzwerk aufweisen. Dies deutet darauf hin, dass die in den


Lucys Rausch Nr. 14

Fallstudien des Conscious Cannabis Circle beobachteten Muster den EEG-Veränderungen ähneln, die in der Forschung mit anderen psychedelischen Medikamenten wie LSD, Psilocybin und Ayahuasca beobachtet wurden. Der Literatur zufolge führt typischer Cannabisgebrauch, der eher einem Freizeitkonsum entspricht, durchweg zu einer erhöhten Alpha-Aktivität, doch nahm die Alpha-Aktivität bei beiden Probanden der Fallstudie ab. Eine Abnahme der Alphawellenaktivität steht auch im Einklang mit der Forschung über andere psychedelische Medikamente. Beide Probanden in dieser Studie zeigten ein EEG-Muster, das im Gegensatz zu den typischen Reaktionen auf Cannabiskonsum steht. Zukünftige Forschungen sollten die EEG-Veränderungen bei einer Vielzahl von cannabisbezogenen Erfahrungen sowie die Nutzung dieser Erfahrungen für therapeutische Zwecke untersuchen. Ein zweites Experiment ist sogar noch auffälliger. Vor Kurzem habe ich in San Francisco zwei Conscious Cannabis Circles mit jeweils 26 Teilnehmern geleitet. Von diesen 52 Teilnehmern füllten 32 den OAV-Fragebogen aus. 36 Prozent der Teilnehmer waren nicht weiß, das Durchschnittsalter lag bei 36 Jahren, und die Geschlechterzusammensetzung war mit fünfzehn Frauen, fünfzehn Männern, einem Transgender-Teilnehmer und einem geschlechtsuntypischen Teilnehmer etwa gleichmäßig verteilt. Es gab keine Kontrollgruppe. Es gibt zwar einige Diskussionen darüber, ob die OAV-Skala psychedelische Erfahrungen genau genug misst, aber das war schlichtweg die Grundlage, mit der wir arbeiten mussten. In der Umfrage mit 42 Fragen wurden die Antworten in die folgenden Kategorien eingeteilt: Einheitserlebnis, spirituelle Erfahrung, Glückseligkeit, Einsicht, körperlose Erfahrung, beeinträchtigte Wahrnehmung, Angst, komplexe Bilder, elementare Bilder, Synästhesie und veränderte Bedeutung. Anschließend verglichen wir die Ergebnisse mit derselben Umfrage, die während einer Reihe von MDMA-, Psilocybin- und Ketamin-Forschungsstudien durchgeführt wurde, wie in einem 2010 veröffentlichten Papier mit dem Titel «Psychometric Evaluation of the Altered States of Consciousness Rating Scale (OAV)» von Eric Studerus, Alex Gamma

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und Franz Vollenweider beschrieben. Obwohl unsere Ergebnisse nicht von Fachleuten begutachtet wurden, sind die Ergebnisse der Umfrage signifikant. Die Messwerte der Umfrage zu psychedelischem Cannabis waren im Durchschnitt doppelt so hoch wie die Ergebnisse zu MDMA, Psilocybin und Ketamin, mit Ausnahme der Kategorien Wahrneh-

Meine psychedelischen Cannabiserfahrungen waren genauso stark wie ein Trip. mungsstörungen und Angstzustände, die beide etwa gleich hoch waren wie bei den anderen Substanzen. Ich habe versucht, dieselben Informationen für Ayahuasca und DMT zu finden, um psychedelisches Cannabis damit zu vergleichen, war aber bisher nicht erfolgreich. Was bedeutet dieses Ergebnis nun? Ich habe die Daten mehr als einmal überprüft, und dies sind die Ergebnisse unserer Umfrage im Vergleich zu den Ergebnissen der anderen. Unser Datensatz ist deutlich kleiner, und wir kamen ohne Kontrollgruppe aus. Ist psychedelisches Cannabis in Bezug auf Einheit, Glückseligkeit, Einsicht, spirituelle und körperlose Erfahrungen, komplexe und elementare Bilder, Synästhesie und veränderte Bedeutung wirklich doppelt so stark wie die anderen Medikamente? Ich weiß es nicht, aber die Ergebnisse unserer kleinen Studie stimmen mit vielen der Erfahrungen überein, die ich mit psychedelischem Cannabis gemacht habe, und sie stimmen mit vielen der Erfahrungen überein, von denen meine Klienten berichtet haben. Meine psychedelischen Cannabiserfahrungen hatten vielleicht nicht gerade die doppelte Potenz wie der stärkste psychedelische Trip, aber sie waren ohne Weiteres genauso stark. Es ist eindeutig mehr Forschung erforderlich, um das tatsächliche Potenzial von psychedelischem Cannabis im Vergleich zu anderen psychedelischen Medikamenten zu erforschen. Kapitel «Characteristics of Psychedelic Cannabis» aus Psychedelic ­Cannabis von Daniel McQueen, Findhorn Press 2022,. Aus dem Englischen übersetzt und abgedruckt mit Genehmigung des Verlags Inner Traditions International. www.innertraditions.com


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Schamanische Räucherpraxis

Anwendungszwecke und Räucherstoffe TEXT

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Ke v i n Jo h a n n

as Räuchern von bestimmten Harzen, Kräutern und Hölzern gehört zu den ältesten rituellen Praktiken der Menschheit. Es ist ein universelles Faszinosum, das aller Wahrscheinlichkeit nach nur unwesentlich jünger als die Entdeckung des Feuers ist und sich in fast allen menschlichen Kulturen bis zum heutigen Tag einer stetigen Beliebtheit erfreut. Obwohl das Räuchern von aromatischen Pflanzenteilen seit Jahrtausenden auch schlicht zur Beduftung des Wohnraums, der Kleidung oder des Körpers genutzt wird – wir denken an den Ausdruck «Parfum» (von lat. per fumum, dt. «durch Rauch»), wird es im folgenden Beitrag ausschließlich um die schamanische Räucherpraxis gehen. Das Räuchern kann in diesem Zusammenhang eine Vielzahl unterschiedlicher Funktionen erfüllen, die wir uns – vorausgesetzt, es ist für uns selbst authentisch und dem Vorhaben dienlich – natürlich auch in modernen psychonautischen Settings zunutze machen können.

Olfaktorisches Wohlbefinden Die Schaffung einer angenehmen Wohlfühlatmos­ phäre ist ein wichtiges Element zur Vorbereitung eines schamanischen Rituals. Denn nur dann, wenn sich die Teilnehmer wohlfühlen, können sie sich entspannen und fallen lassen, was eine wichtige Grundvoraussetzung für sämtliche «Reisen» in die inneren Welten ist. Mit einem angenehmen und mit positiven Assoziationen verbundenen Duft kommen wir diesem Ziel ein großes Stück näher. Sicherlich ist in diesem Zusammenhang die Erfüllung anderer Rahmenbedingungen aber mindestens genauso wichtig; dazu gehört beispielsweise eine adäquate Auswahl an Musik sowie das Vorhandensein bequemer Sitz- und Liegemöglichkeiten etc.

Durch Räuchern wird ein sakraler Raum geöffnet.

Markierung von Ritualbeginn und -ende Nichts wird eindrücklicher im Unterbewusstsein gespeichert als die Erinnerung an einen Geruch. Aus diesem Grund markieren Schamanen den

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Lucys L u c y sRausch R a u s cNr. h Nr. 14 1 1

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Beginn sowie das Ende eines Rituals nicht selten mit einem bestimmten Räucherstoff. Das ist sinnvoll, vor allem, wenn es um Rituale mit entheogenem Charakter geht. Denn durch das Räuchern wird nicht nur ein sakraler Raum geöffnet und ein Rahmen gesetzt, der eine gewisse Orientierung bietet. Vielmehr verknüpfen die Ritualteilnehmer (zumeist unbewusst) ihre während des Rituals erlebte Bewusstseinserweiterung mit dem Räucherstoff, und immer dann, wenn sie diesen Duft im Nachhinein noch einmal riechen, werden sie quasi automatisch an ihre vormalige Ritualerfahrung erinnert.

Rituelle Reinigung

Foto Shutterstock

Der Begriff «reinigend» ist im Zusammenhang mit schamanischen Räucherungen in seiner Ganzheitlichkeit zu betrachten, da er sich sowohl auf physische, psychische wie auch energetische Aspekte bezieht. Denn einerseits wirken die aufsteigenden Räucherdämpfe in vielen Fällen desinfizierend und befreien aufgrund dieses Wirkverhaltens die Luft von pathogenen Keimen. Gleichzeitig haben Räucherstoffe vielfach die besondere Qualität, dass sie den menschlichen Geist klären, indem sie ihn beispielsweise von destruktiven Gedanken reinigen. Auf der energetischen Ebene wirkt das Räuchern insofern reinigend, dass es sogenannte Energiefelder bzw. -muster harmonisiert, in dem es ebensolche, vereinfacht formuliert, wieder an ihren gesunden Urzustand erinnert. Das können gleichermaßen unsere eigenen durch Ängste oder unverarbeitete Emotionen blockierten Körperenergien oder die durch Streit ö.a. in Disharmonie geratenen Raumenergien sein. Nicht von ungefähr kommt es, dass es vor Beginn eines schamanischen oder anderweitig kultischen Rituals üblich ist, den Ritualplatz abzuräuchern und sich selbst ebenfalls einer gründlichen Reinigung mit Räucherstoffen zu unterziehen. Weiterhin werden mit reinigenden Räucherstoffen – z.B. Beifuß, Drachenblut, Fichtenharz, Salbei oder Tabak – seit jeher Krankenzimmer, Wohnstätten sowie Ritualobjekte gereinigt.

Meditation, Gebet und Geistfokussierung Die geistöffnende und zentrierende Wirkung bestimmter Räucherstoffe lässt sich hervorragend zur Bewusstwerdung im «Hier und Jetzt» beziehungsweise zum geistigen Ankommen im Ritual sowie zur Unterstützung der Meditation, des Gebetes und anderer kontemplativer Techniken nutzen. Dazu geeignet sind beispielsweise Adlerholz, Copal, Sandelholz und Weihrauch.

Der Pflanzengeist als Reisebegleiter Immer dann, wenn eine reisende Seele an die Schwelle zur Anderswelt stößt, beispielsweise im Rahmen einer schamanischen Initiation, einer psychedelischen Reise, in Zuständen tiefer Trance oder Ekstase, aber auch beim Sterben, begleiten Schamanen diese Übergänge durch das Räuchern bestimmter Pflanzen. Eine Praxis, die auf der Überzeugung gründet, dass der durchs Räuchern freigesetzte Pflanzengeist der durch die «Welten» reisenden Seele als schützender Begleiter und wegweisender Navigator zur Seite stehen kann. Sicherlich kann er das aber auch, wenn die Pflanze eingenommen oder anderweitig appliziert wird. Eine Erkenntnis, die südafrikanische Schamanen vor langen Zeiten dazu veranlasste, ihren sogenannten «Traumschaum» (= ein schaumiges Getränk, das traditionell für Prophezeiungen, Ahnen- und GeisterKontakte sowie zur Schärfung des Traumbewusstseins eingesetzt wird) als Ubulawu zu bezeichnen, zu Deutsch «der Geist, der einen leitet».

Anrufungsopfer für Götter und Hilfsgeister In vielen schamanischen Kulturen werden Räucherstoffe als «Nahrung der Götter» angesehen und diesen zu Ehren im Rahmen von Dankes- und Anrufungsritualen verbrannt. Die aufsteigenden und in Richtung Himmel ziehenden Räucherschwaden sind gemäß der schamanischen Vorstellung für die Götter eine wichtige Nahrungsquelle, weshalb ein Rauchopfer ein sehr gutes Mittel dafür sein kann, die höheren Mächte zum Wohle der Menschen und aller anderen Erdenbewohner gnädig zu stimmen. Im alten Ägypten war es beispielsweise Brauch, als }


8 0 SCHAMANISCHE RÄUCHERPRAXIS

Räucherstoffe klären den menschlichen Geist . Foto Adobe Stock

Opfer für den Sonnengott Ra zu jedem Sonnenaufgang große Mengen Weihrauchtränen zu räuchern. Doch nicht nur die Götter, sondern auch die persönlichen Hilfsgeister eines Schamanen werden durch Räucherungen angerufen und um wohlgesonnene Unterstützung gebeten.

Räuchern als Mittel zur Trance-Erlangung Meist wird die von einem Schamanen erlangte Bewusstseinserweiterung durch monotone Trommelrhythmik, Gesänge, Tänze und/oder die Einnahme eines Psychoaktivums hervorgerufen. Aus einigen indigenen Kulturen ist jedoch bekannt, dass auch das Verbrennen bestimmter Räucherstoffe traditionell für diesen Zweck eingesetzt wird. Beispielsweise räuchern nepalesische Schamanen das sogenannte Sal-Harz und inhalieren die aufsteigenden Dämpfe so lange, bis ihr Bewusstsein in einen tranceartigen Zustand versetzt ist. Ähnlich praktizieren es traditionelle Heiler der malaiischen Regenwaldstämme, die zur Erlangung eines erweiterten Bewusstseinszustandes eine Kombination aus Adlerholz und Stechapfelsamen räuchern.

Apotropäischer Schutz In den indigenen Volksgruppen in Süd-, Mittelund Nordamerika, Indien, Afrika sowie im Orient ist das Räuchern ausgewählter Substanzen ein wichtiges apotropäisches Hilfsmittel, um unheilvolle Einflüsse abzuwehren oder um eine

diesbezügliche Unempfänglichkeit herbeizuführen. So wird sich durch Räuchern seit langen Zeiten und in den unterschiedlichsten Kulturen vor schwarzmagischem Zauber, bösen Blicken, übler Nachrede und schadenfreudigen Geistwesen geschützt. Eine Pflanze, die in diesem Zusammenhang eine besondere Erwähnung finden sollte, ist der Tabak, welcher gemäß dem Erfahrungswissen vieler Schamanen wie eine Art «energetischer Schutzschild» wirkt.

Traumintensivierung Für Schamanen und Heiler aus verschiedenen Kulturkreisen ist das luzide Träumen (auch Klarträumen genannt) eine bewährte Technik, um zur Beantwortung wichtiger Fragen in andere Bewusstseinsdimensionen vorzustoßen. Beispielsweise können sie in diesem außergewöhnlichen Zustand den aktuellen Aufenthaltsort des Jagdwildes ausfindig machen, Krankheitsursachen erkennen, lokale und globale Entwicklungen voraussehen, vermisste Personen oder Gegenstände lokalisieren und vieles mehr. Um einen luziden Traum herbeizuführen oder stabilisierend zu unterstützen, ist eine ganze Reihe unterschiedlicher Techniken bekannt, wozu auch das Räuchern gehört. Zu den relevantesten traumintensivierenden Räucherpflanzen gehören das Aztekische Traumkraut, Beifuß, Copal und Lavendel sowie andere. lucys-magazin.com/autoren/johann/


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Wichtige schamanische Räucherstoffe (Auswahl) Beifuß Der am Weg- oder Feldrand gedeihende Beifuß (Artemisia vulgaris) gehört zu den ältesten Räucherstoffen Europas, er ist ein uraltes Schamanenkraut. Die ältesten Funde belegen eine Verwendung als rituelle Grabbeigabe und wurden auf ein Alter von 70 000 Jahren bestimmt, und sicherlich wurde das Kraut von unseren frühen Paläo-Vorfahren auch schon für Räucherungen eingesetzt. Traditionell wird Beifuß unter anderem zur Vertreibung schädlicher Geister, zur Reinigung von Krankenzimmern, zur Vorbereitung auf den Schamanenflug, zur Abwendung von Alpträumen, zur Intensivierung des nächtlichen Traumerlebens, zur Klärung des Gedankenflusses sowie im Rahmen von Geburts- und Sterberitualen oder anderen Übergangszeremonien geräuchert. Das Räucheraroma ist herb-würzig. Kombinationen bieten sich beispielsweise mit einem der heimischen Koniferenharze sowie mit Wacholdernadeln an.

Echter Copal Echter Copal von Protium copal (Weißer Copal) stammt aus Mexiko und war für die Maya und Azteken einer der wichtigsten rituellen Räucherstoffe. In der Sprache der Maya wird das Harz «Pom» genannt, was «Gehirn des Himmels» bedeutet und die einstige spirituelle Bedeutung erahnen lässt. Es wurde als Opfer für die Götter, zur Vertiefung von Trancezuständen, zur Förderung der Hellsicht, zur Unterstützung transformativer Bewusstseinsprozesse sowie zur energetischen Reinigung vor

schamanischen Ritualen geräuchert. Die Wirkung umfasst euphorisierende, geistöffnende und reinigende Eigenschaften. Copal verströmt ein würziges Aroma und verdampft auf Räucherkohle, ohne Rückstände zu hinterlassen.

Palo Santo Für die südamerikanischen Indios ist das Palo Santo genannte Holz eines der wichtigsten Räucherstoffe; Palo Santo bedeutet übersetzt «Heiliges Holz», meist wird der Name für Räucherstoffe von Bursera spp. verwendet. Die aufsteigenden Räucherdämpfe duften sehr angenehm und erinnern an eine Kombination aus Weihrauch, Kokos und Zimt. Traditionell wird Palo Santo zur Abwehr von Krankheiten, zur feinstofflichen Reinigung sowie aus Schutzaspekten geräuchert. Als besonders synergistisch gilt die Kombination aus Palo Santo, Tabak und Copal.

Sage Die in Nordamerika heimischen und als «Sage» bezeichneten Beifuß-Arten (Artemisia) – nicht zu verwechseln mit den Salbei-Spezies – werden von den indigenen Stammesvölkern zur Vertreibung schädlicher Geistwesen und destruktiver Gedanken sowie zur Reinigung von Personen, Ritualplätzen und heiligen Objekten (z.B. Rauchpfeifen) geräuchert. Weiterhin werden die duftenden Zweige als Bodenbedeckung in Schwitzhütten ausgelegt, um sich zwecks Reinigung während des Schwitzrituals den Körper damit abzureiben. Gleichzeitig sind die nordamerikanischen Artemisien als vielseitig anwendbare Heilpflanzen von ethnobotanischer Relevanz. }


8 2 SCHAMANISCHE RÄUCHERPRAXIS

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Sal

Wacholder

Der in Nordindien und Nepal heimische Salbaum liefert ein Harz, das beim Räuchern einen dichten und kräftigen Dampf erzeugt, der von einigen nepalesischen Schamanen als bewusstseinserweiterndes Trancemittel zum Einsatz kommt. Dazu muss der aromatische Dampf lange und tief inhaliert werden. Daneben wird das Harz zur Abwehr von schädlichen Geistern sowie zur Stärkung der Psyche geräuchert. In Indien ist Sal ein beliebtes Räucherwerk für hinduistische Pujas und andere religiöse Zeremonien.

Zum Räuchern können die Nadeln, die Beeren sowie das Harz des Wacholders (Juniperus) genutzt werden. Man kann sagen, dass die Pflanze überall dort, wo sie wächst, als magisches und heilsames Schamanengewächs bekannt ist. Als Räucherwerk wurde Wacholder beispielsweise zur Herstellung von Ahnenkontakten sowie zur rituellen Reinigung von Personen und Räumen eingesetzt. Das Aroma der geräucherten Nadeln ist angenehm und holt einem den Duft des Waldes in die Wohnung. Die zentrale Wirkung umfasst sowohl reinigende als auch angstlösende, geistklärende und intuitionsfördernde Eigenschaften.

Tabak Die Blätter des Bauerntabaks Nicotiana rustica (Mapacho) verfügen über hohe Konzentrationen an Nikotin und gehören zu den essenziellen Arbeitsmitteln vieler südamerikanischer Schamanen. Meist werden die Blätter zu «Smudge Sticks» gebunden, die an einer Seite angezündet und durch Pusten am Glimmen gehalten werden. Der aufsteigende Rauch hält während einer Heilzeremonie nicht nur lästige Insekten fern, er wehrt gemäß den Ausführungen der Schamanen ebenso schädliche Dämonen und schwarzmagischen Zauber ab. Zudem hat Tabakrauch die besondere Eigenschaft, disharmonische Energiemuster wieder auszugleichen, wozu der Schamane den Rauch ausgiebig auf die entsprechenden Körperstellen seines Patienten pustet. Die Duftnote geräucherten Tabaks lässt sich als herb und schwer umschreiben, die Wirkung ist eine reinigende.

Weißer Salbei

Die Indianerstämme Kaliforniens verwenden den Weißen Salbei (Salvia apiana) vermutlich schon seit präkolumbianischen Zeiten als rituelles Räucherwerk. Die losen oder zu Smudgesticks gebündelten Blätter verströmen ein intensives Aroma und werden insbesondere zur rituellen Ausräucherung von Zelten und Schwitzhütten genutzt. Weißer Salbei wirkt stark reinigend, was sowohl für die physische als auch für die geistige Ebene gilt.


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MEDIATHEK Die große psychoaktive Erweiterung Nach 23 Jahren legt das Autorenduo Christian Rätsch und Markus Berger die lang ersehnte Fortsetzung des weltweiten Standardwerks «Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen» vor. Mit 800 Seiten ist Band 2 der Enzyklopädie nur 140 Seiten dünner als Band 1 von 1998. Band 2 enthält über 500 neue Pflanzen, Pilze, Flechten und Bakterien in mehr als 140 Monografien – von Acacia bis Zornia und von Agrocybe bis Xanthoparmelia –, sowie neue Forschung zu Pflanzen des ersten Bands. Über 350 weitere psychoaktive Gewächse, deren Potenzial noch zu erforschen ist, werden in einem eigenen Kapitel aufgeführt. Die Kulturgeschichte der psychoaktiven Gewächse und deren Einfluss auf die bildenden Künste, Musik und Literatur wird ebenfalls ausführlich dargestellt. Neu indizierte Pflanzen- und Pilzprodukte, die Erläuterung deren wichtigster Sekundärmetaboliten sowie umfangreiche Literaturhinweise runden den Band ab. Nur 17 Tage nach Erscheinen des Bandes 2 verstarb Christian Rätsch viel zu früh und unerwartet an den Folgen eines unentdeckten Magengeschwürs (siehe Nachruf ab Seite 34). Die Enzyklopädie wird damit ab jetzt von Markus Berger allein weitergeführt. Berger zeichnet bereits seit 2016 für Aktualisierungen und Updates des Bandes 1 verantwortlich und wird auch diesen im Lauf der kommenden Monate komplett überarbeiten und neu edieren. Christian Rätsch und Markus Berger, Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen Band 2, AT Verlag 2022, ISBN 978-3-03902084-3, Lizenzauflage im Nachtschatten Verlag (ISBN 978-3-03788-484-3)

Kulturschrittmacher Pilz Pilze sind in der Erde, in der Luft, in unserem Körper. Sie sind schlichtweg überall, werden aber leicht von uns Menschen übersehen. Pilzorganismen halten uns am Leben, schenken uns wertvolle psychoaktive Inhaltsstoffe, bauen Schadstoffe in der Atmosphäre ab und verändern das Verhalten von Tieren. Sie beeinflussen, wie wir Menschen fühlen, denken und handeln und sind für alle Lebensformen unverzichtbar. Der Biologe Merlin Sheldrake (Sohn von Rupert Sheldrake) dringt mit seinem Buch tief in das verborgene Netzwerk der Pilze ein und entschlüsselt der Leserschaft so manches mykophile Geheimnis. Wir haben mit dem Autor ab Seite 42 über seine Arbeit, die Pilzwelt und Psilocybin als Schrittmacher für die menschliche Kultur gesprochen. Merlin Sheldrake: Verwobenes Leben, Ullstein 2021, ISBN 978-3-54806-531-1

Microdosing mit dem Fliegenpilz Dieses englischsprachige Buch dokumentiert u.a. die Ergebnisse der ersten internationalen Studie über die medizinischen Wirkungen von Microdosing mit Amanita muscaria, dem Fliegenpilz, und zeigt anschaulich, wie mehr als 3000 Freiwillige positive Ergebnisse bei einer Vielzahl von Krankheitszuständen erlebten sowie über eine gesteigerte Kreativität und sportliche Leistung berichteten. Baba Masha entdeckte, dass Amanita-Microdosing Hilfe und Linderung bei hormonellen Störungen, gestörter Libido, Allergien,

Asthma, Schwellungen, Zahnfleisch­ entzündungen, Nagelpilz, Verdauungsproblemen und Hautkrankheiten wie Ekzemen und Schuppenflechten sowie bei der Genesung nach einem Schlaganfall und Herzstillstand herbeiführen kann. Die Praxis des Fliegenpilz-Microdosings hat positive Auswirkungen auf Depressionen, Epilepsie, Bluthochdruck, Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit. Der Autor zeigt, dass Amanita-Microdosing wirksam in der Schmerzbekämpfung ist, auch bei rheumatoider Arthritis, Menstruationsschmerzen und Migräne. Mit einem Vorwort von James Fadiman. Baba Masha, Microdosing with Amanita Muscaria: Creativity, Healing, and Recovery with the Sacred Mushroom, Park Street Press 2022, ISBN 978-1-64411-505-3

Pilze medizinisch verwendet Der Autor Dr. Christopher Hobbs beschäftigt sich intensiv mit Pilzorganismen, insbesondere mit Heilpilzen und deren Potenzial. Dieses großformatige Werk versammelt auf 328 Seiten Wissen zu den Pilzen selbst, zu den vielen heilkräftigen Eigenschaften diverser Fungi und zur Nutzung der Pilze im Krankheitsfall wie auch für persönliches spirituelles Wachstum. Dies natürlich ganz besonders im Fall der psychotropen psilocybinhaltigen Pilze: «Psilocybinhaltige Pilze sind Kulturerbe der Menschheit und seit Urzeiten in Gebrauch. Sie bergen großes Heilpotenzial, wenn sie mit Respekt und Achtsamkeit behandelt werden. Wer sich spiritueller Pilzmedizin mit Dankbarkeit, Erstaunen und Hingebung nähert, profitiert von ihr. Der Spirit der ‹magischen› Pilze fungiert als Wegweiser zu den Sphären des Geistes. Psychische Probleme, Krankheit, Ängste und Symptome


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MEDIATHEK erscheinen im größeren Zusammenhang, können bearbeitet und positiv integriert werden – ‹Heilung der Seele›. Je tiefer die spirituelle Erfahrung, desto besser die Prognose». Tipp der Redaktion! Im Vertrieb des Nachtschatten Verlags erhältlich. Christopher Hobbs, Ganzheitliche Anwendung von Heilpilzen: Vital und gesund mit Pilzen in Hausapotheke und Küche. Herba Press 2022, ISBN 978-3-94624-510-0

Schamanisches Leben der Kogi 1985 machte sich der französische Geograph und Alpinist Éric Julien auf den Weg nach Kolumbien, um dort das Leben der indigenen Völker zu studieren. Dort angekommen, prägte der Forscher ein lebensbedrohliches Lungenödem aus, das ohne die Hilfe des Stammes der Kogi sein Todesurteil bedeutet hätte. Sie heilten und retteten ihn mit speziellen Pflanzenzubereitungen und ihrem schamanischen Wissen. Als Julien später wieder nach Paris kam, wurde ihm klar, dass das indigene Volk der Kogi als letzter Stamm eine große vorkolumbianische Kultur Südamerikas lebendig hält. Zehn Jahre später erkannte Éric Julien, dass nun er an der Reihe war, den Kogis zu helfen. Er kehrte in die Berge zurück, um den Stamm dabei zu unterstützen, sein Land zurückzubekommen. «Unter manchen Gefahren (Drogenhändler, Guerilleros) fand er den Weg in ihr Rückzugsgebiet, wo dieses Volk im stillen Gebirge abgeschieden lebt und eine großartige Schönheit in seiner Beziehung zur Natur aufrechterhält. Mehr und mehr versteht er, dass die Kogis mit ihren Zeremonien das Gleichgewicht der Erde bewahren helfen und dass es ein für das gesamte Ökosystem nicht mehr gutzumachender Verlust wäre,

würden sie ausgerottet und ihre Kultur zerstört». Ein eindrückliches Dokument der Zeitgeschichte schamanischer Kultur. Éric Julien, Der Weg der neun Welten, Neue Erde 2022 (3. Aufl.), ISBN 978-3-89060-322-3

Buch für CannabisGourmets­ Das CannabisKoch- und Backbuch «High Cuisine» von André Schneider aus Berlin ist ein gewichtiger und großformatiger Brocken. In sieben Kapiteln und auf 400 Seiten werden Rezepte aus aller Welt abgebildet, die der Autor, selbst ein ausgewiesener Gourmetkoch, über 15 Jahre zusammengetragen, kreiert und ausprobiert hat. Den Leser erwarten mehr als 120 Rezepte für psychotrope Menüs inklusive einer initialen Einführung ins Kochen mit Hanfblüten, Haschisch und Co. Ein Tipp für alle Feinschmecker, die auf Cannabis stehen und nicht nur immer rauchen wollen – oder Hanfprodukte aus gesundheitlichen Gründen nur oral zu sich nehmen können. Mit dem Betrugsdrama um die Firma Juicy Fields (siehe Seite 18) ist auch das Buch entsprechend nicht mehr verfügbar. Der Nachtschatten Verlag wird es 2023 in einer neuen Edition wieder auf den Markt bringen. André Schneider, High Cuisine, Selbstverlag/ JuicyFields 2022, ISBN 978-8-40937-828-9

Hanf und spirituelle Praxis In diesem englischsprachigen Softcoverbuch legen der Herausgeber Stephen Gray und 17 weitere einflussreiche Stimmen der modernen

Cannabisbewegung die spirituellen Aspekte der Einnahme von psychoaktivem Cannabis dar und bieten eine Anleitung, wie man mit der Intelligenz dieses pflanzlichen Verbündeten, der die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet und unterstützt, interagieren kann. In den Kapiteln über Cannabis-Spiritualität in der Praxis untersucht Gray Dosierung, Sorten und Methoden der Einnahme, die Verwendung von Cannabis zur Öffnung der schöpferischen Kanäle, die Durchführung von Gruppenzeremonien mit Cannabis sowie Vorsichtsmaßnahmen und Gegenanzeigen bei

Die Autoren erforschen die spirituelle Zukunft dieses pflanzlichen Verbündeten und seine rituelle Verwendung. der Verwendung von psychotropem Hanf. Der Leser erfährt von Chris Bennett über die religiöse und rituelle Verwendung von Cannabis von vorbiblischen Zeiten bis zur Gegenwart, von Joan Bello über Marijuana und die Verbindung zwischen Körper und Geist, von Dee Dussault über Ganja-Yoga, von Kathleen Harrison über die Co-Evolution der Menschheit mit Cannabis und vom Cannabis-Schamanen Hamilton Souther über die Arbeit mit dem Geist von Cannabis. Die Autoren erforschen die spirituelle Zukunft dieses pflanzlichen Verbündeten ebenso wie die rituelle Verwendung von Cannabis durch die Rastafari in Jamaika und die Sadhus in Indien. Die Kapitel des brasilianischen Ayahuasca-Schamanen Mariano da Silva und des Ayahuasca-Praktikanten Francisco enthalten Weisheiten über die Vermischung der sakramentalen Medizin von Cannabis und Ayahuasca. Mit einem Vorwort von Julie Holland. Stephen Gray, Cannabis and Spirituality, Park Street Press 2016, ISBN 978-1-62055-583-5


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MEDIATHEK Handbuch für Psychedeliker Der US-amerikanische Arzt und Autor Dr. Rick Strassman ist einer der weltweit bekanntesten Drogenforscher überhaupt. Er führte als erster Wissenschaftler klinische Studien mit N,N-DMT (DMT) am Menschen durch und dokumentierte dies in seinem Buch «DMT – Das Molekül des Bewusstseins». Mit dem «Psychedelic Handbook» legt Strassman eine konzise Übersicht über die diversen psychedelischen Substanzen und die entsprechende medizinische, transformatorische und rekreative Nutzung der Moleküle vor. Das Werk umfasst Substanzporträts u.a. von LSD, Psilocybin, DMT/ Ayahuasca, 5-MeO-DMT, Ibogain, MDMA, Ketamin und Salvinorin. In weiteren Kapiteln wird auf Safer Use, Microdosing und Rechtliches eingegangen. Ein Handbuch für Therapeuten, Tripsitter und Anwender. Dieser Titel wird 2023 auf Deutsch im Nachtschatten Verlag erscheinen. Rick Strassman, The Psychedelic Handbook, Ulysses Press 2022, ISBN 978-1-64604-381-

Neues von Ed Rosenthal Der Nachfolger des Bestellers «Marijuana Grower’s Handbook» ist da. Der englischsprachige Band umfasst 688 Seiten und zahlreiche farbige Fotos und behandelt die neuesten Beleuchtungstechnologien wie LED und Lampen mit einstellbarem Spektrum, Permakultur und regenerative Anbaumethoden, fortschrittliche Trocknungsmethoden und -strategien, umfassende integrierte Schädlingsbekämpfung und über ein

Dutzend spezieller Gartenarrangements. Dieser Leitfaden hilft dem ambitionierten Leser bzw. Grower bei der Auswahl unter den vielen Optionen innovativer Hanfgärtner, die jetzt auch Autoflowering-Pflanzen und CBD- sowie CBG-Hanfsorten umfassen. Das Handbuch präsentiert die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, Werkzeuge und Methoden, die es allen Cannabisgrowern ermöglichen, einen Hanfgarten in jeder Größe und an jedem Ort anzulegen – egal ob drinnen oder draußen. Außerdem haben zwei neue Co-Autoren ihr Fachwissen in das «Cannabis Grower‘s Handbook» eingebracht: Dr. Robert Flannery hat einen Doktortitel in Pflanzenbiologie und ist der Gründer von Dr. Robb Farms, einem lizenzierten Cannabisproduzenten in Kalifornien. Angela Bacca ist Redakteurin und Journalistin, die sich seit über zehn Jahren auf Cannabis spezialisiert hat. Das Buch wird ins Deutsche übersetzt werden und im Nachtschatten Verlag erscheinen. Ed Rosenthal, Cannabis Grower’s Handbook, Quick American Archives 2021 ISBN 978-1-93680-754-3

Psychedelische Psycho­ therapie Das englischsprachige Werk versteht sich als Leitfaden für alle, die an psychedelisch unterstützter Therapie und Integration interessiert sind. Als der Psychologe und Psychotherapeut Marc B. Aixalá begann, Anfragen von Menschen aus aller Welt zu analysieren, die Hilfe bei der Integration ihrer eigenen psychedelischen Erfahrungen suchten, konnte er keine einzige Quelle für gesammelte Forschung und Unterstützung finden. Was als Versuch begann, anderen zu helfen, wurde zu Psychedelic Integration, einem Werk,

das die Entwicklung der psychedelisch unterstützten Therapie und der Integrationsforschung von den 1960er Jahren bis zur Gegenwart nachzeichnet, therapeutische Techniken erklärt und die realen Beobachtungen eines Klinikers über die tiefe Arbeit der Heilung skizziert. Das für Praktiker und allgemein Interessierte geschriebene Buch ist Werkzeug für Therapeuten, ihre Patienten und alle, die Integrationsarbeit nicht als Lösung, sondern als Weg zur Selbst- und Kollektiventdeckung sehen. Marc B. Aixalà, Psychedelic Integration: Psychotherapy for non-ordinary States of Consciousness, Synergetic Press 2022, ISBN 978-0-90779-139-3

Freak Brothers: Gesamtwerk, zweiter Teil Mit diesem abschließenden Band ist die Gesamtausgabe der Freak Brothers vollständig. Das großformatige Werk versammelt wie schon Band 1 auf mehr als 300 Seiten nicht nur die restlichen Comicstrips rund um das chaotisch-psychonautische Trio, das vor allem die älteren Semester unserer Bewegung geprägt hat. Das Buch enthält überdies Werbeplakate, Covers der diversen Comics, Screenshots aus dem Freak-Brothers-Film, Fotos von Merchandise sowie drei neue Geschichten in deutscher Erstveröffentlichung: «Fat Freddy wird religiös», «Franklin kauft sich eine Knarre» und «Phineas Suicide-Bomber». Eine wahre Schatztruhe für alle echten Gilbert-Shelton-Fans in einer bibliophilen Ausgabe. Übersetzt von Lutz Müller. Die Besprechung von Band 1 der Gesamtausgabe findet sich in Lucys Rausch 13. Gilbert Shelton, Freak Brothers: Gesamtausgabe Band 2, Avant-Verlag 2021, ISBN 978-3-96445-065-4


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MEDIATHEK

Wenn der Pilz spricht: The Mushroom Speaks

Psilocybin und Meditation: Descending the Mountain

Was wäre, wenn der Pilz unsere Gesellschaft heilen, und unser Verhältnis zu dieser Welt radikal verändern könnte? Der Film The Mushroom Speaks spürt möglichen Allianzen mit der Pilzherrschaft nach. Wie der Ausbruch der Sporen erkunden die Begegnungen das Thema der Erneuerung und fragen, was uns verbindet, wenn die Welt auseinanderzufallen scheint.

Was passiert, wenn man erfahrenen Zen-Meditierenden Psilocybin verabreicht? Der Neurowissenschaftler Franz X. Vollenweider und der Zen-Praktiker Vanja Palmers führen ein Doppelblind-­Experiment auf der Rigi durch. Ihr Ziel: die Natur des Bewusstseins zu untersuchen. Zu diesem Experiment läuft jetzt ein Film in Kino: Descending the Mountain.

The Mushroom Speaks bietet eine Vision von Interkonnektivität und Zusammenarbeit. Die Gespräche in diesem Film sind durchdrungen von Mustern der Widerstandsfähigkeit, der Selbstverantwortung, der Verantwortung und der Heilung. Die Erzählung erkundet eine persönliche Gedankenreise, eine Art rhetorisches Myzel, eine von Pilzen inspirierte Wahrnehmung, in der Ideen zu Sporen werden, während der Pilz das Konkrete transformiert. Bei der Betrachtung des Pilzbewusstseins versucht die Produzentin, eine freudige Beziehung zur natürlichen Welt zu zelebrieren. Mit den Pilzen und ihren Verbündeten lädt der Film dazu ein, sich eine myko-kulturelle (R)Evolution vorzustellen. Ein Film von Marion Neumann, einer in Genf und Basel lebende Filmemacherin. www.themushroomspeaks.ch

Mystische Erfahrungen werden durch eine Kombination aus tiefer Meditation und Psilocybin, einer psychoaktiven Substanz, die in Zauberpilzen vorkommt, hervorgerufen. Genau 50 Jahre nach dem Verbot von Psychedelika wird einer Gruppe von Zen-Meditierenden, die noch nie psychedelische Substanzen verwendet haben, am letzten Tag eines fünftägigen Retreats Psilocybin verabreicht. Die Hälfte der Gruppe erhält ein Placebo. Dieses wissenschaftliche Experiment, das 2020 in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde, könnte die Kontroverse auflösen, die den Bereich der Psychedelika schon viel zu lange überschattet hat. Der Wissenschaftler Franz X. Vollenweider und der Zen-Praktiker Vanja Palmers steigen vom Berg der Glückseligkeit herab, um uns zu zeigen, wie wir die Mystik in unser tägliches Leben integrieren können. Descending the Mountain ist ein fesselndes Zeugnis des inneren Klimawandels, das uns zeigt, wie Psilocybin eine Revolution zur Verbesserung der geistigen Gesundheit und zur Stärkung unserer Verbindung mit unserer Umwelt bewirken könnte. Regie geführt hat Maartje Nevejan, eine preisgekrönte, unabhängige Filmemacherin aus Amsterdam. www.felsentor.ch/blog/descending-the-mountain


Das Universum der Pilze

Paul Stamets

Fantastische Pilze ISBN 978-3-03902-057-7 UVP CHF 34.– / EUR 29,– www.at-verlag.ch

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Guerilla-Anbau in Innenräumen Homegrowing ohne Hightech TEXT

Chuck Lore

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erzeit ist der Anbau von Hanf für Privatleute in den meisten Ländern Europas verboten. Oft genug ist darum der Konsument von Rauschhanfprodukten zur Deckung seines Bedarfs auf den Schwarzmarkt angewiesen. Dort erhält er die begehrten Produkte in der Regel überteuert und in zweifelhafter Qualität. Zudem ist das Umfeld meist wenig vertrauenserweckend, neben Cannabis werden aus Profitgier auch andere Drogen angeboten. Um diesem Dilemma zu entgehen, kultivieren Hanffreunde ihre Pflanzen gerne selbst, was sogar mit einfachen Mitteln problemlos möglich ist. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Anzucht in Innenräumen. Anders als beim Anbau im Freiland hat der Züchter in überdachten Räumen deutlich mehr Möglichkeiten, die Qualität seiner Ernten zu beeinflussen. Empfindliche Sorten sind oftmals für die Aufzucht im Freien ungeeignet und Cannabis sativa wird wegen der langen Blütezeit erst im November reif, wenn denn überhaupt. Um dem interessierten Grower einen Einblick in die Kultivierung von Hanfpflanzen in der eigenen Wohnung zu geben, wird die Einrichtung eines simplen Anbauzeltes beschrieben. In diesem können bis zu drei Pflanzen in verschiedenen Wachstumsphasen aufgezogen werden, ein monatlicher Ertrag von rund 15 Gramm und mehr ist trotz der marginalen Ausstattung durchaus realistisch.

Grundsätzliche Überlegungen Wer sich im Internet über den Anbau von Cannabis schlau machen möchte, wird mit einem reichen Angebot von Growboxen, Spezialleuchten,

Düngemitteln, Zuchtmedien und anderem Zubehör konfrontiert. Dabei sind zahlreiche Dinge nur für einen professionellen Betrieb sinnvoll; der Aufwand für die Anschaffung amortisiert sich erst nach längerer Zeit. Zudem benötigt man für einige Prozesse detailliertes Fachwissen. Als Beispiel mögen die korrekte Begasung und der Einsatz von Hydroponik dienen. Neben einer teuren Ausrüstung ist viel Wissen nötig, um die Verfahren gewinnbringend einsetzen zu können. Zum Glück sind die Anforderungen für einen mittleren bis guten Ertrag erfreulich gering. Pflanzen brauchen für ihr Wachstum Wärme, Nährstoffe,

Der Grund für eine magere Ernte liegt in fast allen Fällen an der Lichtquelle. Licht, Wasser und Kohlendioxid. Dabei wird die Temperatur von rund 20 bis etwa 28 Grad Celsius in Wohnungen zumeist erreicht, auch das Kohlendioxid findet sich in der Raumluft in ausreichenden Konzentrationen. In bewohnten Räumen erhöht sich übrigens der Anteil des Gases durch die Atemluft zusätzlich, die Hanfpflanzen wissen das zu schätzen. Gute Blumenerde enthält alle benötigten Nährstoffe, eine Nachdüngung ist erstmalig nach vier Wochen und dann nur einmal wöchentlich vonnöten. Wird die Erde regelmäßig feucht gehalten, steht auch genügend Wasser zur Verfügung. Was bleibt, ist das zugeführte Kunstlicht. Die meisten Anfänger machen immer wieder


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genutzt wird, liegt bei ungefähr 500 µmol/(s·m²). Um also einen Quadratmeter wirtschaftlich optimal auszuleuchten, wird eine moderne Pflanzleuchte mit etwa 200 Watt Leistungsaufnahme benötigt. Für das in Folge vorgestellte Zelt, das eine Fläche von circa 0,3 Quadratmetern hat, reichen demnach um die 60 Watt. Doch aufgepasst, hier wird von einer Leuchte gesprochen, die nur photosynthetisch ver-

Spezialleuchten sind sehr teuer, doch keine Angst, es geht auch günstiger.

Cannabis im Freiland

Foto: Adobe Stock

den gleichen Fehler. Sie sorgen für einen ausreichend großen Pflanzbehälter, wählen gute Pflanzerde, sparen nicht am Saatgut und widmen den besten Platz im Zimmer ihren Pflanzen, die sie mit einer günstigen Leuchte illuminieren. Defizite im Wachstum versuchen sie mit Spezialdünger, Boostern oder durch Tricks auszugleichen, doch leider nur mit mäßigem Erfolg. Der Grund für die magere Ernte liegt in fast allen Fällen an der Lichtquelle. Cannabis zählt zu den Sonnenpflanzen (Heliophyten) und braucht zum Gedeihen viel Licht. Zwar setzt irgendwann eine Lichtsättigung ein, doch diese wird erst bei einer photosynthetisch aktiven Lichtmenge von rund 1100 µmol/(s·m²) bis 1450 µmol/(s·m²) erreicht. Bei der Verwendung von modernen LEDs sind dafür etwa

400 Watt Leistungsaufnahme pro Quadratmeter nötig. Das ist schon recht beachtlich, weil die dazu erforderlichen Spezialleuchten etliche hundert Euro kosten. Doch keine Angst, es geht auch günstiger, wenn auch nicht kostenlos. Wegen der ab einem bestimmten Punkt zunehmenden Lichtsättigung ist es nämlich so, dass eine wirtschaftliche Beleuchtung deutlich weniger stark sein muss. Dieser Punkt, ab dem zugeführtes Licht bei Normalatmosphäre nicht mehr gänzlich zum Aufbau von Pflanzenmasse

wertbares Licht emittiert! Der Fachbegriff in Growbüchern lautet hier PAR (engl. photosynthetically active radiation). Die deutlich günstigeren Lampen, die im Baumarkt erhältlich sind, strahlen neben den für die Pflanzen dienlichen Lichtspektren auch solche im gelbgrünen Spektrum aus. Das kommt uns Menschen entgegen, weil wir diesen Bereich des Lichts besonders gut wahrnehmen. Für Pflanzen ist er aber vergebens, sie reflektieren die nicht einsetzbaren Wellenlängen und erscheinen uns demnach mehr oder weniger hellgrün. Um diese Differenz zu kompensieren, wählen wir ein stärkeres Modell, es sollte um die 100 Watt Leistung aufnehmen und im kaltweißen Spektrum strahlen. Nach diesen theoretischen Überlegungen können wir uns nun an die Auswahl der benötigten Materialien machen. Als Grundausstattung sind folgende Dinge unabdingbar: •   1 Rettungsfolie Gold/Silber für etwa einen Euro das Stück •   1 Pflanzkübel 20 Liter mit Unterschale für etwa fünf Euro •   1 Dachlatte 4 cm x 2 cm x 200 cm für etwa drei Euro •   1 Zeitschaltuhr für etwa fünf Euro •   1 100 Watt Werkstatt- oder Hallenstrahler mit LEDs (kaltweiß!) für etwa fünfzig Euro •   1 Sack Pflanzerde mittlerer Qualität für rund fünf Euro •   1 Flasche biologischer Blumendünger für etwa fünf Euro •   Mit Aktivkohle gefüllte Säckchen, etwa zehn Euro • Kleinmaterial wie Klebeband, Schrauben, Nägel, Leim und Paketschnur }} }


9 2 G U E R I L L A - A N B AU

Bei der Auswahl der Leuchte ist darauf zu achten, dass auch wirklich die Aufnahmeleistung angegeben ist. Viele Hersteller geben stattdessen an, welche herkömmlichen Glühlampen mit den angebotenen Lampen ersetzt werden können. Diese Leuchten sind zwar sehr günstig, aber nicht hell genug. Interessant ist auch die Anschaffung eines runden Hallenstrahlers, weil an diesem die Folie später gut befestigt werden kann. Alle benötigten Dinge zusammen sind für unter 100 Euro zu bekommen, das ist im Verhältnis zu Lösungen aus dem Fachgeschäft geradezu geschenkt! Wer keine Angst vor unangenehmen Gerüchen hat, der kann die Aktivkohlesäckchen sogar weglassen, sie ändern nichts am Ergebnis der Ernte. Lediglich die lästigen und verräterischen Düfte, die in manchen Wohnungen durchaus zu Problemen führen können, werden gemindert. Weiter unten wird erneut auf das Geruchsproblem eingegangen.

Der Aufbau des Zeltes Zuerst wird von der Dachlatte ein Stück von rund 50 Zentimetern Länge abgesägt. Dieses wird im rechten Winkel mittig am Ende des verbleibenden Stücks angeschraubt, mit Kordel festgebunden oder verleimt. Die Latte wird dann auf einen Schrank gelegt, sodass sie soweit in den Raum hineinragt, dass die Leuchte, die später am Ende befestigt wird, frei hängen kann. Sie sollte sich möglichst genau über dem Pflanzkübel befinden. Damit die Konstruktion stabil ist, wird auf das lange Ende der Dachlatte ein Gewicht gestellt oder diese wird mittels Schrauben mit der oberen Schrankplatte verbunden. Die Leuchte wird nun so aufgehängt, dass sie in der Höhe verstellbar ist. Das ist wichtig, um den

Junge Hanfpflanze.

Foto: iStock

Abstand zur Pflanze anpassen zu können. Ideal sind rund 20 Zentimeter oder etwas mehr. Nun wird noch der Topf mit Erde befüllt und ein Samenkorn oder Steckling eingebracht, gut angegossen und unter die Lampe gestellt. Die Rettungsfolie kann jetzt mit der Silberseite nach innen so um alles gelegt werden, dass ein Zelt mit einem Radius von circa 30 Zentimetern entsteht. Als Letztes wird die Zeitschaltuhr auf 18 Stunden tägliche Lichtzufuhr eingestellt, mit dem Stromnetz verbunden und das Pflanzzelt ist fertig. Noch ein Wort zu den laufenden Kosten: Pro Tag fällt durch den Stromverbrauch ein zusätzlicher Aufwand von rund zwei Kilowattstunden an. Diese kosten je nach Stromanbieter um die 80 Cent. Das mag nicht viel erscheinen, aber pro Monat sind 25 Euro Mehrkosten durchaus realistisch. Wird ganzjährig angebaut addieren sich die Kosten zu respektablen 300 Euro; der Innenraumanbau sollte selbst bei einer so kleinen Anbaufläche sorgfältig erwogen werden.

Der Guerillaanbau in der Praxis Reguläre Sorten

Temperatur messen.

Foto: Depositphotos

Bei regulären Cannabissorten (photoperiodische Sorten) ist das Vorgehen relativ einfach. Wegen des begrenzten Platzangebots wird in der Regel nur eine einzelne feminisierte Pflanze aufgezogen. Diese wird bis zur Blüte, ungefähr drei bis vier Monate nach der Keimung, täglich mit 18 Stunden Licht beleuchtet, ehe durch die Verringerung auf 12 Stunden die Blütephase eingeleitet wird. Diese Phase dauert je nach Art unterschiedlich lange, meist um die zehn Wochen.


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Die Blütenstände sind erntereif, wenn die Hälfte der Stigmen sich verfärbt hat oder die meisten Trichome (hier: Harzdrüsen der weiblichen Hanfpflanze) milchig sind. Um dies zu prüfen, braucht man ein kleines Mikroskop, das für wenige Euro erworben werden kann. Optimal ist eines mit integrierter Beleuchtung und dreißigfacher Vergrößerung. Der Ertrag einer solchen Pflanze ist erfahrungsgemäß recht hoch, es können tatsächlich fünfzig Gramm oder mehr sein, ganz nach gewählter Sorte und Volumen des Pflanzkübels.

Selbstblühende Sorten Neben den Sorten, die ihre Blütephase lichtabhängig einleiten, gibt es noch welche, die dies unabhängig von der Lichtzufuhr chronologisch machen. Diese Arten, denen Gene des Ruderalhanfs Cannabis ruderalis eingezüchtet wurden, kommen nach einer gewissen Zeit ganz automatisch in die Blüte und sind

Es ist möglich, mit marginalem Aufwand verschiedene Züchtungen auszuprobieren. rund zehn Wochen nach der Einsaat erntereif. Aus diesem Grunde kann die tägliche Lichtzufuhr von der Aussaat an bis zur Ernte durchgehend 18 Stunden betragen. Dazu wachsen sie weniger hoch, was für die Anzucht in einem kleinen Raum spricht. Für diese selbstblühenden Sorten spricht zudem ein anderes Argument. Weil diese so schnell reifen, ist es möglich, drei Pflanzen in unterschiedli-

chen Wachstumsphasen parallel zu kultivieren. Die größte steht kurz vor der Ernte, die danach folgende ist fünf Wochen alt und die letzte wurde gerade erst gesät. So ist es möglich, mit marginalem Aufwand verschiedene Züchtungen auszuprobieren. Ideal für Feinschmecker und für Hanffreunde, die ihre Lieblingssorte noch nicht gefunden haben!

Checkliste Guerillaanbau  Als Erstes sollte sich der Grower fragen, ob er nur moderate Mengen benötigt oder ob ihm reiche Ernten wichtig sind. In einem derartig kleinen Zelt sind große Erträge eher unwahrscheinlich. Dafür ist es aber leicht möglich, binnen kurzer Zeit zahlreiche Sorten bis zur Reife zu kultivieren.  Auch die Geruchsbildung spielt bei der Überlegung eine Rolle. Mit Aktivkohle gefüllte Säckchen

Cannabis unter Kunstlicht.

Foto: Shutterstock

sind zwar lautlos, filtern aber nur einen Teil des Geruchs. Darum sollte im Zweifelsfall kein Cannabis indica, sondern Cannabis sativa angebaut werden.  Trotz der moderaten Kosten ist zu überlegen, ob man bereit ist, rund 100 Euro für die Ausstattung samt den Aufwand für die Energie auszugeben. Die jährliche Stromrechnung wird schnell um 300 Euro teurer, demgegenüber stehen etwa 350 Gramm Marihuana, die im Idealfall geerntet werden können. Realistisch betrachtet werden aber eher geringere Mengen anfallen, 200 Gramm sind eine solide Berechnungsgrundlage.  Als letztes ist der Standort des Zeltes zu beachten. Die Installation ist nicht unauffällig, und Besucher werden neugierig nachfragen, was denn hinter der Folie so hell beleuchtet wird. Darum ist ein Platz im Nebenraum sicher angebrachter als der neben dem Wohnzimmerschrank.

Fazit Alles in allem ist der Anbau unter einem solch kleinen Pflanzzelt eine sinnvolle Angelegenheit, wenn moderate Erträge erzielt werden sollen und sich ein Plätzchen für die Installation findet. Gerade Gelegenheitskonsumenten werden sich über die gute Qualität und die Sortenvielfalt freuen. Namhafte Samenbanken bieten etliche Züchtungen an, die sich in Wirkung und Aroma unterscheiden. Die Kosten werden sich im Laufe der Zeit bei ungefähr 1,50 Euro je Gramm einpendeln, ein traumhafter Preis für hervorragendes Marihuana! lucys-magazin.com/autoren/lore/


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Hanf

Der Deutsche Hanfverband ist im Kontakt mit Abgeordneten aller im Bundestag vertretenen Parteien. Auf öffentlichen Veranstaltungen, parlamentarischen Anhörungen und mit Hintergrundgesprächen werben wir direkt an den Schaltstellen der Macht für die Legalisierung von Cannabis.

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Peaks und Plateaus Musik in der psychedelischen Therapie und Forschung TEXT

Dirk Netter

M

usik spielt für viele Psychonaut/innen eine herausragende Rolle in der Gestaltung des Trips – ob nun für den bequemen Couch-Genuss oder auf der PA-Anlage von Partys und Festivals. Auch in verschiedenen Spielarten von traditioneller Medizin und spirituellen Riten spielt(e) Musik eine gewichtige Rolle. So sind Icaros ein integraler Bestandteil von Ayahuasca-Ritualen, die als notwendig zur physischen und psychischen Heilung erachtet werden. Einen vergleichbaren Stellenwert hat Musik auch bei

Icaros, magische Lieder, sind ein integrales Element in Ayahuasca-Ritualen. den Pilz-Veladas der Mazateken, den Peyote-Ritualen der amerikanischen Ureinwohner und den Iboga-Zeremonien der Bwiti in Westafrika. Gordon Wasson, Albert Hofmann und Carl Ruck spekulierten in Der Weg nach Eleusis (1987) darüber, dass die musikalische Untermalung auch bei den eleusinischen Mysterien eine ähnliche Funktion gehabt haben könnte (vgl. Barrett, Preller et Kaelen 2018).

Die «Entdeckung» der Musik in der psyche­delischen Forschung Auch die psychedelische Therapie und Forschung macht sich die profunde Wirkung von Klängen zunutze – und das schon seit mindestens 50 Jahren. Bereits im Jahr 1970 forschten die beiden Wissenschaftler E. Thayer Gaston und Charles T. Eagle zur Anwendung von Musik in der LSD-Therapie zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit (Eagle 1972). Die beiden Forscher konnten nicht nur erstmals

wissenschaftlich verifizieren, welche beachtliche Wirkung Musik auf die psychedelische Erfahrung hat, sondern sie formulierten auch eine Forderung nach einer systematischen Analyse der Wirkung verschiedener Musikstücke (Gaston et Eagle 1970: 18).

Der Grundstein für psychedelische Playlists wird gelegt Helen Bonny und Walter Pahnke forschten ebenfalls zum Thema und veröffentlichten zwei Jahre darauf ihr wegweisendes Paper «The Use of Music in Psychedelic (LSD) Psychotherapy» (1972), in dem sie verschiedene Phasen der LSD-Erfahrung identifizierten und ihnen konkrete Genres und Titel zuwiesen (Bonny et Pahnke 1972: 77ff.). Phase 1: Vor dem Einsetzen der Wirkung (0 bis 1,5 Stunden): Gefordert ist leichte Musik. Die Stimmung sollte ruhig, angenehm und emotional-neutral sein. Beispiele sind: Hurry Sundown und For Baby von Peter, Paul and Mary, Within You Without You und Let It Be von den Beatles sowie Love Is All Around von The Moody Blues. Phase 2: Einsetzen der Wirkung (0,5 bis 1,5 Stunden): Die musikalische Atmosphäre sollte die Entspannung während der meist wellenhaft einsetzenden Wirkungen fördern. Empfohlen seien hier Vivaldis Gitarrenkonzert in D-Dur sowie Brahms 2. Klavierkonzert in B-Dur. Phase 3: Aufbau zur Peak-Intensität (1,5 bis 3,5 Stunden): Die Musik soll in dieser Phase als «Verstärker» und «Stabilisierer» dienen. Musik mit Gesangsbegleitung kann in einem solchen Zustand beruhigend wirken – der Text sollte dabei jedoch nicht in einer Sprache vorgetragen werden, die der Patient versteht, da konkrete Assoziationen vermieden werden sollen. Vorgeschlagen werden }


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(kurioserweise) Komm, süßer Tod von Bach, I Believe von Mahalia Jackson sowie Schuberts Ave Maria. Phase 4: Peak-Intensität der Substanzwirkung (3 bis 4,5 Stunden): Die Peak-Phase (Plateau) gilt bei den Autorinnen als «kritischste» Phase, in der die Musikauswahl von größter Bedeutung sei. Stark strukturierte Musik mit klaren Rhythmen soll schwierige Situationen erleichtern. Vivaldis Vier Jahreszeiten und Beethovens Fünfte Symphonie seien sinnvoll – wobei die Musikauswahl besonders in dieser Phase nur in enger Abstimmung mit den Patienten erfolgen soll. Phase 5: Wiedereintritt (4,5 bis 7 Stunden): Ruhige, friedvolle Musik soll den Übergang vom Peak-Plateau zum Normalbewusstsein erleichtern. Hilfreich seien der Schlusspart von Coplands Appalachian Spring, Apassionata von Luboff Choir sowie Villa Lobos‘ Bachians Brasileiras Nr.5. Phase 6: Rückkehr zum Normalbewusstsein (7 bis 12 Stunden). In dieser Phase soll eine Auswahl von Musik gespielt werden, die dem Patienten als besonders bedeutungsvoll erscheint. Pahnke und Bonny beziehen sich in ihrem Paper unter anderem auf die damalige Expertise des LSD-Forschers und Psychiaters Stanislav Grof («1972: Agony and ecstacy in psychiatric treatment: Theory and practice of LSD psychotherapy») – während Grof

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sich später in seinem Buch LSD Psychotherapy (1980: 161) auf Bonny zurückbezieht und vergleichbare Vorschläge für eine psychedelische Playlist liefert (vgl. ebd. S. 153–158). Nach der Illegalisierung der psychedelischen Substanzen im Jahre 1971 ersetzte Bonny deren Einsatz durch die Anwendung von Entspannungstechniken und setzte damit den Grundstein für die Methode der «Guided Imagery and Music» (GIM), die auch heute noch bei der Behandlung von psychischen Leiden Anwendung findet (vgl. O’Callaghan et al. 2020: 28). Pahnke, der als Doktorand 1962 das berüchtigte «Karfreitagsexperiment» durchführte und damit bewies, dass psilocybinhaltige Pilze bei religiös veranlagten Personen verlässlich als Entheogen wirken können, starb 1971 bei einem Tauchunfall (bzw. kehrte nie von einer Tauchtour zurück).

Weiterer therapeutische Playlists Die Playlist des John Hopkins Center for Psychedelic and Consciousness Research ist vermutlich die bekannteste, die sich derzeit im Einsatz befindent – so zum Beispiel in einer Studie von Davis et al. (2021), die das Potenzial von Psilocybin zur Depressionsbehandlung deutlich unterstreicht. Die Playlist hat eine Spieldauer von fast acht Stunden und reicht zurück bis ins Jahr 1967, als ihr }


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PEAKS UND PLATEAUS

Schöpfer Bill Richards am «Spring Grove Center» in Cantonsville, Maryland, Forschungen zu LSD betrieb – am selben Institut, an dem auch unter anderem Walter Pahnke und Stanislav Grof tätig waren (Shapiro 2020). Als Richards im Jahr 1999 zur John Hopkins University wechselte, um dort die Psilocybin-Forschung zu initiieren, schuf er eine offizielle Playlist, die auf seiner vorigen (mehr oder minder) inoffiziellen Trackliste sowie auf den Vorschlägen von Bonny und Pahnke basierte. Die vollständige Playlist kann Richards Buch Heilige Erkenntnis (2015: 244ff.) entnommen werden. Eine weitere Playlist-Variante liefern Kaelen et al. (2018b), die im Paper «The hidden therapist: ­evidence for a central role of music in psychedelic therapy» aufzeigen, dass Musik das Auftreten von mystischen Erfahrungen im Rahmen der psychedelischen Therapie erhöhen kann. Die Playlist basiert laut den Autor/innen ebenfalls auf den Vorarbeiten von Grof, Bonny, Pahnke und Bill Richards (vlg. ebd. S. 4).

Musik verstärkt die Fähigkeit zur Emotionsverarbeitung und verbessert das Therapieergebnis Therapeutisch eingesetzte Musik wirkt positiv auf verschiedene Aspekte der psychedelischen Erfahrung. So kann sie beispielsweise die Bereitschaft, sich bestimmten Gefühlen zu «ergeben», erleichtern, auch wenn diese vormals unterdrückt wurden und schwer zu erleben seien (Griffiths et al. 2008: 629; Watts et al. 2017: 7). In einer placebokontrollierten Studie konnte ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem therapeutischen Einsatz von Musik und stärkerem emo­ tionalen Erleben, Transzendenz und Ehrfurcht ­fest­gestellt werden (Kaelen et al. 2015). Einige Studienteilnehmer/innen sprachen von gesteigerter «spiritueller Verbindung» und verglichen die Musik als solche mit dem «Himmel», in dem sie aufgehen können und «von Schönheit umhüllt werden» (Griffiths et al. 2008: 19; vgl. Gaston et Eagle 1970: 17).

Transformation und Ich-Entgrenzung Die Musik kann dabei als «lebendig», «Verbündete» oder gar «Liebhaberin» wahrgenommen werden (O’Callaghan et al. 2020); die Verbindung von göttlicher Erfahrung und erotischer Liebe sind insbesondere in der sufistischen Dichtung bekannt. Durch die synästhetische Qualität der Musik kann sie nicht nur auditiv wahrgenommen, sondern subjektiv erlebt bzw. sogar «gelebt» werden. Manche

Studienteilnehmer/innen berichten von einem Aufgehen in der Musik, die sich bis zur vollständigen Ich-Auflösung steigern kann – eine reichere Selbsterfahrung sei eine der vielen therapeutischen Effekte dieser Entgrenzung (ebd.).

Offenheit gegenüber unbekannter Musik verbessert den Therapieverlauf Generell scheint ein Zusammenhang zwischen der Wertschätzung von Musik und dem therapeutischen Outcome zu existieren, während ein schwacher Zusammenhang zwischen verringertem Therapieerfolg und Ablehnung der Musik festgestellt werden konnte. Wobei ein Unterschied zwischen solcher Musik besteht, die aus geschmacklichen Gründen abgelehnt wird, und Musik, die negative Emotionen hervorrufen kann. Letztere könne im Falle einer guten therapeutischen Beziehung in der Regel besser aufgearbeitet werden (Kaelen et al. 2018b; O’Callaghan et al. 2020: 25f.). Während des Einsetzens der psychotropen Effekte wird beruhigende Musik von der Mehrheit der Studienteilnehmer/ innen bevorzugt, derweil gefühlsbetonte Titel während des Peaks die höchste Zustimmung finden (O’Callaghan et al. 2020: 22).

Musik kann längeranhaltende positive Veränderungen anstoßen Der Verlust von früheren Interessen ist eines der kennzeichnenden Merkmale einer klinischen Depression. In einigen Studien konnte entsprechend beobachtet werden, dass die Vorliebe für Musik durch musikalisch-psychedelische Therapie wiederhergestellt werden konnte (Kaelen et al. 2018b; Watts et al. 2017). Einige Studienteilnehmer/innen erweiterten ihre musikalischen Vorlieben, ihre Hörfrequenz oder nahmen sich aufgrund der Erfahrung vor, ein Musikinstrument zu erlernen (O’Callaghan et al. 2020: 23). Für die Effektstärke ist dabei nicht die Intensität der Drogenerfahrung von Bedeutung, sondern die gelungene Interaktion zwischen Psychedelikum und subjektiver Musikerfahrung (Kaelen et al. 2018a).

Neurologische Grundlagen der Wirkungsweise von Musik auf Psychedelika Ergebnisse aus aktuellen neurowissenschaftlichen Studien bestätigen die genannten Beobachtungen. Eine Überlappung zwischen den Gehirnregionen, die für die Musikwahrnehmung zuständig sind, und jenen, die von klassischen Psychedelika beeinflusst sind, konnte festgestellt werden. Ebenso seien die


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Erweiterung der auditiven Wahrnehmung sowie aktuellen Ergebnissen, einige Punkte formuliert, die eine Verbesserung der Tonhöhenerkennung nach- vor allem für die Teilnehmer/innen von psychedelischen Reisen von Nutzen sein können: gewiesen (Barrett, Preller et Kaelen 2018). Psychedelika aktivieren und verknüpfen die neu Offenheit für bisher unbekannte Musik, denn auditive Reize können in veränderten Bewusstseinsronalen Bereiche, die für Emotionen, autobiogra­fisches zuständen anders wahrgenommen werden. Musik, Gedächtnis und die Verarbeitung mentaler Bilder zuständig sind (primär durch 5-HT2A-­­­ Rezeptor-­ die in der Freizeit gehört wird, weist eventuell keinen vergleichbaren therapeutischen Effekt auf. Signalübertragung) (O’Callaghan et al. 2020). Kaelen et al. (2015) konnten nachweisen, dass die  Idealerweise sollte Musik ausgewählt werden, die LSD-Wirkung und Musik interagieren und dabei die den Hörer/innen bisher unbekannt ist, um Konnektivität zwischen Gyrus parahippocampalis negative oder positive Assoziationen zu vermeiden. und visuellem Kortex erhöhen (erster spielt eine Ebenso sollten konkret religiöse (beispielsweise wichtige Rolle für Wahrnehmung und Erinnerung). christliche) Stücke vermieden werden. Die Effektstärke dieser Konnektivität korrelierte  Musikgenres, die den Patient/innen gefallen, dabei mit gesteigerter Wahrnehmung mentaler Bilkönnen einen besseren therapeutischen Effekt der und persönlichen autobiografischen Szenen. aufweisen – auch dann, wenn es sich um bisher unbekannte Musik handelt. Die Forschung zur Anwendung von Musik in der psychedelischen Therapie steckt noch immer in den  Es ist meist erlaubt, Musik für die therapeutische Kinderschuhen. Aufgrund des profunden Einflusses Sitzung aus einer Reihe von Samplern auszuwählen, welche die Therapeut/innen selbst erstellt von Musik ist es verwunderlich, dass die Datenlage haben. dazu bisher so überschaubar ist. Ein Großteil der aktuellen Studien erwähnt die Anwendung von  Stille ist jederzeit erlaubt, um den psychedeliMusik nur sehr knapp und liefert keine Angaben zu schen Effekt der Musik besser wahrnehmen und den verwendeten Genres oder gar Tracklisten wertschätzen zu können – wenn absolute Stille als (O‘Callaghan et al. 2020). störend empfunden wird, bieten sich auch Vogelzwitschern, Meditationsmusik oder NaturgeObwohl in der Entwicklung der bekannten Playräusche an. lists einige (praktische) Erfahrung steckt, wurden bisher keine akzeptierten Richtlinien für deren Anwen Die Playlists können je nach Person verschieden dung in der klinischen Forschung formuliert (Kaelen sein. Manche ziehen klassische Musik vor, während et al. 2018b). Eine Zusammenarbeit zwischen Neuroandere Weltmusik genießen (usw.). Es gibt keine wissenschaft, Psychotherapie und Musikwissenschafuniversell anwendbare Playlist für die psychedeliten ist gefragt, um diese Lücke zu schließen. sche Therapie.

Auswahl einer psychedelischen Playlist Die Autoren der relevanten Studien, allen voran O‘Callaghan et al. (2020), haben basierend auf den

Weiterführendes  lucys-magazin.com/psilocybin-playlist-der-john-hopkins-university/ Ressourcen zur Playlist der John Hopkins University  wavepaths.com/blog/whats-the-best-playlist-for-psychedelic-therapy Ressourcen zur Playlist von Mendel Kaelen

Literatur Barrett, F. S./Preller, K. H./Kaelen, M. (2018): Psychedelics and music: neuroscience and therapeutic implications. In: International Review of Psychiatry (Abingdon, England), 30. Jg., H. 4, S. 350–362 • Bonny, H. L./Pahnke, W. N. (1972): The Use of Music in Psychedelic (LSD) Psychotherapy. In: Journal of Music Therapy, 9. Jg., H. 2, S. 64–87 • Davis, A. K./Barrett, F. S./May, D. G./Cosimano, M. P./Sepeda, N. D./Johnson, M. W./Finan, P. H./Griffiths, R. R. (2021): Effects of Psilocybin-Assisted Therapy on Major Depressive Disorder: A Randomized Clinical Trial. In: JAMA Psychiatry, 78. Jg., H. 5, S. 481–489 • Eagle, C. T. (1972): Music and LSD: An Empirical Study. In: Journal of Music Therapy, 9. Jg., H. 1, S. 23–36 • Gaston, E. T./Eagle, C. T. (1970): The Function of Music in LSD Therapy for Alcoholic Patients. In: Journal of Music Therapy, 7. Jg., H. 1, S. 3–19 • Griffiths, R./Richards, W./Johnson, M./McCann, U./Jesse, R. (2008): Mystical-type experiences occasioned by psilocybin mediate the attribution of personal meaning and spiritual significance 14 months later. In: Journal of Psychopharmacology, 22. Jg., H. 6, S. 621–632 • Grof, S. (1980): LSD Psychotherapy. Pomona, Calif. • Kaelen, M./Barrett, F. S./Roseman, L./Lorenz, R./Family, N./Bolstridge, M./Curran, H. V./Feilding, A./Nutt, D. J./ Carhart-Harris, R. L. (2015): LSD enhances the emotional response to music. In: Psychopharmacology, 232. Jg., H. 19, S. 3607–3614 • Kaelen, M./Giribaldi, B./Raine, J./Evans, L./Timmermann, C./Rodriguez, N./Roseman, L./Feilding, A./Nutt, D./Carhart-Harris, R. (2018a): Correction to: The hidden therapist: evidence for a central role of music in psychedelic therapy. In: Psychopharmacology, 235. Jg., H. 5, S. 1623 • Kaelen, M./Giribaldi, B./Raine, J./Evans, L./Timmerman, C./Rodriguez, N./ Roseman, L./Feilding, A./Nutt, D./Carhart-Harris, R. (2018b): The hidden therapist: evidence for a central role of music in psychedelic therapy. In: Psychopharmacology, 235. Jg., H. 2, S. 505–519 • O’Callaghan, C./Hubik, D. J./Dwyer, J./Williams, M./Ross, M. (2020): Experience of Music Used With Psychedelic Therapy: A Rapid Review and Implications. In: Journal of Music Therapy, 57. Jg., H. 3, S. 282–314 • Richards, W. (2015): Sacred Knowledge: Psychedelics and Religious Experiences. New York • Shapiro, M. (2020): Inside the Johns Hopkins Psilocybin Playlist. https://www.hopkinsmedicine.org/news/articles/inside-the-johns-hopkins-psilocybin-playlist (17. Juli 2022) • Wasson, R. G./Hofmann, A./Ruck, C. A. P. (1978): The Road to Eleusis: Unveiling the Secret of the Mysteries. Harvest/HBJ ed. New York • Watts, R./Day, C./Krzanowski, J./Nutt, D./Carhart-Harris, R. (2017): Patients’ Accounts of Increased «Connectedness» and «Acceptance» After Psilocybin for Treatment-Resistant Depression. In: Journal of Humanistic Psychology, 57. Jg., H. 5, S. 520–564. }


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Neue psychedelische Trips in der Musik Christian Rätsch

Dieser Text aus dem Sommer 2022 ist der letzte Beitrag, den Christian Rätsch exklusiv für unser Magazin geschrieben hat.

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sychedelische Musik gab es nicht nur in den Sechzigern und Siebzigern! Sie ist eine kulturelle Institution bis heute. Allerdings gehören die psychedelischen Musik-Trips heute nicht mehr – wie früher – zum Mainstream. Sie sind Under­g round, der Ort an dem sich das psychedelische Myzelium ausbreitet. Dessen Fruchtkörper findet man meist nur bei Kleinstlabeln, oft nur auf der Homepage der Bands oder Musiker (natürlich jenseits der GEMA). Da die Geschichte der psychedelischen Musik

zu meinen zentralen Forschungsfeldern gehört, begegnen mir immer wieder obskure Bands und ihre Früchte. Deshalb möchte ich hier ein paar aktuellere Artefakte der psychedelischen Kultur (CDs!) vorstellen. Wenn man von diesen Lecker­ bissen naschen möchte, besucht man am besten erst mal die Homepages der Labels und der Künstler oder Künstlerinnen. Ich wünsche allen Interessierten viel Spaß und gute Reisen. Manche Bands sind retro, andere Avantgarde; aber alle folgen ihren neuen Trips.

 Acid’s Trip, Strings of Soul

 Heavy Trip, o.T.

www.heavypsychsounds.com

www.burningworldrecords.com

Die junge schwedische Rockband mit der attraktiven Sängerin, die sich selbst den Künstlerinnennamen Acid gibt (bürgerlich Anna Skogö), spielt eine eher traditionelle Hardrockmusik ... Acid’s Trip ist musikalisch mit (der ebenfalls italienischen Band – auch mit Sängerin) Psychedelic Witchcraft oder auch Lucifer (italienische Band mit sexy Sängerin ...) verwandt. Frau Acid hat das Album selbst produziert und spielt die Leadguitar ... es ist eben ganz ihr Trip.

Diese kanadische Band (ein Power Trio), die sich selbst als »heftigen Trip» bezeichnet, knüpft an den Acid Rock der frühen siebziger Jahre an und jamt sich gerne in Ekstase. Die Musiker lieben und verehren anscheinend den psychedelischen Zauberpilz, der von «Gottes Hand» auf dem Cover dargeboten wird. Obwohl er eine harte Erfahrung bescheren kann, scheint er zu lächeln.

Heavy Psych Sounds 2021

Burning World Records 2019


 Huxley Would Approve, Grave New World – Part One Huxley Would Approve 2016

www.huxleywouldapprove.com Alle Stücke wurden von dem Multiinstrumentalisten Rainer Schneider komponiert und eingespielt; die Texte und das Artwork stammen von Joe Bolieiro. Bandname und Albumtitel beziehen sich – unübersehbar – auf den dystopischen Roman Brave New World («Schöne neue Welt») des englischen Schriftstellers, Philosophen und Psychonauten Aldous Huxley. Denn der würde zustimmen, dass die traurige neue Welt unbedingt weiter psychedelisiert werden sollte. Aber mit einem neuen Soma.

 Motorpsycho, Kingdom of Oblivion Stickman Records 2021 www.stickman-records.com

Hier sind die neuen Motorpsychodelic Tunes der (doch recht bekannten) norwegischen Band (hervorragende Musiker! Und bekennende Psychonauten) zu genießen. Am besten auf Pilz, wie das Cover suggeriert. Die Zauberpilze, die dieses Album inspiriert haben, gedeihen prächtig auf dem Haarschopf eines Geköpften – ganz entrückt, selig im Vergessen … mit metallischen Anklängen gewürzt …

 Sounds of New Soma, Trip Tonzonen Records 2020 www.tonzonen.de Wir wissen nicht einmal, was genau das alte Soma war – was soll denn nun das neue Soma sein? Das alte Soma wird in den jahrtausendealten vedischen Schriften als ein gar göttliches Entheogen beschrieben, sogar als eine «Erleuchtungsdroge» charakterisiert. Ich tippe, dass das neue Soma ein Psychedelikum aus der Reihe von LSD, Psilocybin, DMT usw. ist – oder gibt es gar eine ganz neue/neu entdeckte Substanz, die der Traum aller Psychonauten wäre? Auf dem Cover der CD sucht man vergeblich nach erleuchtenden Informationen. Das neue Soma bewirkt sicherlich einen Trip (denn sonst ergäbe der Albumtitel keinen Sinn). Übrigens ist auf die CD nur ein einziger Titel von kaum einer Dreiviertelstunde Dauer gepresst. Es gibt auch keinerlei Hinweise auf die Band oder den bzw. die Musiker. Ein GEMA-­ Siegel ist auch nicht zu finden. Also bleibt nur die recht avangardistische Musik, die offensichtlich die Vertonung einer psychedelischen Erfahrung sein möchte oder sein sollte. Sie «spricht»ganz für sich. Bleibt aber doch enigmatisch. PS: In einer Hymne aus dem Rig Veda heißt es: «Wir haben Soma getrunken und sind unsterblich geworden; wir haben das Licht erreicht, das die Götter entdeckt haben».


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PUBLIREPORTAGE

Das Tor zu Ayahuasca Angesichts des immer populärer werdenden Ayahuasca-Tourismus, der sich auf indigene Völker und die Natur schädlich auswirken kann, gibt es Aktivisten und Veranstalter, denen ein bewusster Umgang mit Ayahuasca-­ Schamanen, Klienten und die Umwelt am Herzen liegt. Ein solches Projekt stellen wir im Folgenden vor.

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R. Leutwiler

yamira, zwei Stunden von Belo Horizonte. Hier hat sich 2008 eine Gruppe engagierter Naturschützer zusammengefunden, um ein nachhaltiges Projekt ins Leben zu rufen. Die Gründer sind Individualisten aus der Schweiz und Deutschland, unterstützt von gemeinnützigen Gesellschaften und Stiftungen. In einem ersten Schritt erwarben sie ein ökologisches Kronjuwel von einzigartiger Schönheit. Mittlerweile ist eine Anlage von über 200 Hektar für 20 Besucher entstanden. Ayamira ist das Portal zum Nationalpark Serra do Cipo und der Naturschutzzone APA Morro de Pedreira von insgesamt 100 000 Hektar – und ein Tor zu Ayahuasca. Für die Vision eines sanften Bewusstseinstourismus könnte dieses Pilotprojekt als Vorbild dienen. Menschlich und naturbewusst, zugleich achtsam und selbstverantwortlich – ohne Gewinnorientierung. Dafür braucht es nicht nur «good governance» und «think globally, act locally», sondern viele Initiativen sowie die Bereitschaft, gemeinsam Impulse zu setzen. Das Scheitern sämtlicher Klimakonferenzen zeigt, dass das Umweltproblem nicht allein durch die Politik gelöst werden kann. Veränderungen müssen aus der Natur selbst und durch das Verhalten der Menschen kommen. An dieser Schnittstelle möchte das Projekt Ayamira (Aya = Aya­huasca, Mira = Sehen) mahnend, schützend und visionär als Pate, Fürsprecher und Multiplikator wirken.

Wir sprachen mit Ulrich Meyerratken, Visionär und Initiant von Ayamira sowie schamanischer Begleiter vor Ort.

Uli, wer bist du? Ich bin Deutscher, Diplom-Biologe, 62 Jahre alt und lebe seit über 30 Jahren in Deutschland und Brasilien. Dort lernte ich Ayahuasca kennen und ließ mich über viele Jahre zu einem «Ayahuasqueiro» ausbilden, einem, der sich selbst und andere durch die Welten des Aya begleiten kann. Die Vision von Ayamira führte mich nun wieder nach Brasilien. Ich bin ein kritischer Geist, der sich selbst durch Ayahuasca und Kontemplation immer wieder näherkommt. Einer, der andere Individualisten dazu einlädt, ihre Vergangenheit zu integrieren und durch Selbstheilung im Leben zwischen Visionen und

Das Aya holt jeden dort ab, wo er sich befindet. Wunschdenken unterscheiden zu lernen. Seit ich denken kann, empfinde ich den Umgang des Menschen mit der Erde und ihren Lebewesen als unfassbar traurig. Nachhaltige Heilung, Überleben und geistige Evolution für die Menschen kann es erst


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geben, wenn sie ihr Verhalten ändern. Es geht um ein kollektives psychotisches Verhalten aufgrund einer Entkopplung von den natürlichen Vorgängen. Aya hilft, die Augen für das «Andere» zu öffnen sowie Mitgefühl und Liebe zu entwickeln.

Was ist anders bei Ayamira im Vergleich zu anderen Ayahuasca-Destinationen? Wir folgen keiner bestimmten Ayahuasca-Tradition mit historisch bedingten Regeln. Nichts ist von vornherein gut oder schlecht, nur weil es einmal als Tradition festgelegt wurde. Alle Menschen sind verschieden und entwickeln sich, so auch seit 30 Jahren unsere Rituale. Das Aya holt jeden dort ab, wo er sich befindet, und führt ihn in die eigene Wahrheit. Diese wollen wir nicht vorgeben, denn sie ist spontan und nicht konzeptuell. Wir kennen und halten den Raum für diese Transformationen. Weisheitslehren inspirieren uns auf der Reise ebenso wie Musik und schamanische Heilungstechniken. Unsere Prozesse sind subtil, in Verbundenheit zur sichtbaren und unsichtbaren Natur, der Spiritualität und der Sicherheit des Settings. Im vollen Vertrauen, dass die Pflanzenmedizin uns einlädt, dort hinzuschauen, wozu wir im Unterbewusstsein bereit sind, damit wir uns selbst heilen und unserem Leben Impulse geben können, die aus unserem Innersten kommen. Deshalb halten wir unsere Rituale oft tagsüber ab, beim Wandern und an geeigneten Kraftplätzen von besonderer Schönheit und Offenheit. Wir wollen nicht nur in unseren inneren Welten kreisen, sondern uns im Außen wiederfinden, in der Harmonie mit den Elementen.

Ayamira liegt nicht im Amazonasgebiet. Was bedeutet dieser örtliche Unterschied? Die Pflanzen kommen aus dem Amazonasgebiet, wo Ayahuasca seit Jahrtausenden verwendet wird. Inzwischen werden sie in weiten Teilen Südamerikas angebaut, auch hier. Ayamira ist ein allumfassender Kraftplatz. Diese ursprüngliche Landschaft ist unvergleichlich, mit tropischen, subtropischen und Steppen-Elementen. Sowohl unsere Sehnsucht nach Geborgenheit und überschaubarer Nähe wie auch das Streben nach Freiheit sind hier gut aufgehoben. Die Landschaft ist sanfter, abwechslungsreicher und klimatisch angenehmer als die im Amazonas. Sie bietet uns Zugang zu Erfahrungsräumen der Rückbesinnung und Inspiration. Man kann sogar alleine

loswandern – in einen menschenleeren Raum voller Wunder, in dem man sich kaum verlaufen kann.

Gibt es noch andere Elemente, welche die Erfahrung «europäischer» machen? Ich würde es nicht unbedingt als europäischer, sondern eher als umfassender bezeichnen, da wir unsere gesamten spirituellen und sensorischen Kompetenzen einbringen. Je nach Setting fließen Gitarre und Gesang mit vorwiegend deutschen und englischen Aya-Texten, wie auch Praktiken aus dem Dzogchen und buddhistischem Vajrayana, Körper- und Atemübungen des Nejangs und andere Energiearbeiten ein. Wir lassen uns vom Moment und der holistischen Gruppenintelligenz leiten. Es gibt kein Richtig oder Falsch, da sich Heilung und Erkenntnis durch den immer neuen Fluss von Licht, Gewahrsein und Inspiration manifestieren.

Was für Menschen kommen nach Ayamira? Der Älteste war 73, der Jüngste 4 Jahre alt. Es kommen vor allem Individualisten und Gruppen aus dem deutschsprachigen Raum. Dank mündlicher Empfehlungen durften wir auch schon Menschen aus Brasilien, Mexiko, Spanien, den USA, England, Lettland und Polen begrüßen. Jährlich gibt es von mir zudem ein Seminarangebot, inklusive Herstellung des Produkts.

Kommen auch Menschen hierhin, die nichts mit Ayahuasca am Hut haben? Ja, regelmäßig. Der Ort dient auch als Eco-Hotel für Brasilianer. Als Seminarhaus kann es auch exklusiv für Gruppen gemietet werden, für Yoga, Meditation, Vision Quests und anderes. Alle paar Jahre kommen auch internationale Botaniker mit Studenten, um die endemische Flora zu studieren. Während der Aya-Gruppen bleibt die Anlage für andere Gäste jeweils geschlossen.

Wie lange sollte man einplanen und was kostet ein Aufenthalt? Für Europäer ist ein Aufenthalt von zwei bis vier Wochen sinnvoll, weil dies wirkliches Abschalten bedeutet, auch wenn wir auf Internet nicht ganz verzichten können und wollen. Ein Flugticket via Lissabon oder Sao Paulo nach Belo Horizonte kostet etwa 1000 Schweizer Franken. Der Aufenthalt im Doppelzimmer mit Vollpension und spiritueller Begleitung beläuft sich ebenfalls auf ungefähr 1000 Franken pro Person und Woche. Mehr Informationen auf www.ayamira.de und www.altamira-eco.ch


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Tattva Viveka ist eine philosophischspirituelle Zeitschrift für wissenschaftlich interessierte Leserinnen und Leser. Wir helfen Ihnen bei der Unterscheidung zwischen oberflächlichen Halbwahrheiten und echten spirituellen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Tattva Viveka steht für die Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität. Wir kombinieren wissenschaftliche Fakten z. B. aus der Hirnforschung mit weltreligiösen Lehren wie Buddhismus und Meditiation. Wir stehen für unabhängigen Journalismus und gehen in die Tiefe! Wir verbinden die Welten!

»Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaften macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.« (Werner Heisenberg, Physiker und Nobelpreisträger)

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SPUREN Magazin für Spiritualität und Ökologie

Nr. 145, Herbst 2022: Sphären des Bewusstseins Mit Beiträgen zu: 20 Jahre hochdosierte Trips im stillen Kämmerlein, ein Schluck aus dem Gral, afrikanische Weisheit, Träume als Geschenke der Nacht. Mit: Andrea Jungaberle, Juri V. Stork, Philipp Sterzer und vielen weiteren. Für € / Fr. 15.- bei abo@spuren.ch, +41 52 212 33 61 www.spuren.ch

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Antidepressiva vs. Zauberpilze Lassen sich Depressionen mit Psilocybin behandeln? TEXT

To r s t e n P a s s i e

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eit Jahrzehnten versucht man, die Ursachen von Depressionen herauszufinden und darauf Behandlungen zu begründen. In den 1950er bis 1970er Jahren dominierte die Psychoanalyse, die ein psychologisches Verständnis der Ursachen von Depressionen favorisiert. Seit den 1950er Jahren wurden die Psychopharmaka entdeckt. Das führte zu einem Boom der Behandlung von Depressionen mit Medikamenten. So wurde 1955 das erste sogenannte Antidepressivum namens Imipramin entdeckt. Was folgte, war nicht etwa eine Reihe von umfassenden Placebo-kontrollierten Studien,

Viele Patienten können nicht mehr weinen, sich nicht mehr freuen. sondern die hoffnungsfrohe Anwendung dieser Mittel; es gibt also bezüglich der Wirksamkeit der ersten Generation von Antidepressiva kaum kontrollierte Studien. Erst mit dem Aufkommen einer neuen Generation von Antidepressiva wie den Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI), wurden Placebo-kontrollierte Studien durchgeführt. Obgleich diese Studien methodische Mängel aufweisen, da sie z.B. nicht gegen andere Medikamente oder Psychotherapie vergleichen, sondern gegen eine wirkungslose Behandlung (Placebo), konnten sie nicht überzeugen. Zudem waren die gegenüber

Placebo festgestellten Besserungen graduell so gering, dass sie selbst von FachärztInnen nicht unterschieden werden können. Dennoch wurden die Mittel in großer Breite weltweit angewandt. Dies bis heute, und die Verschreibungsraten steigen weiter, obgleich seit der Untersuchung von Irving Kirsch (2008) die Mängel der Studien und die Geringfügigkeit der Effekte in der psychiatrischen Community bekannt sind. Antidepressiva wirken gegen Angstzustände und Panikattacken besser als gegen Depressivität. Sie wirken über eine Einschränkung der Emotionalität, auch als «emotionale Abstumpf­ ung» (emotional blunting) bezeichnet, die bei den meisten Patienten dazu führt, dass sie weniger Gefühle spüren und dadurch vielleicht weniger intensiv unter ihren Symptomen/ihrer Situation leiden. Viele Patienten können nicht mehr weinen und sich nicht mehr freuen, die Traurigkeit und Freude anderer nicht mehr teilen, sich nicht mehr freuen. Andere nehmen wahr, dass die Emotionen eher «kognitiv» werden – Gedanken statt Gefühle. Dies führt bei mehr als einem Drittel zum Absetzen des Medikaments. An weiteren typischen Nebenwirk­ ungen kommen Unruhe, sexuelle Funktionsstörungen und andere hinzu. Bisher gibt es keine einheitliche Erklärung für die Ursache der Gefühlsabschwächung. Diskutiert }


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ANTIDEPRESSIVA VS. ZAUBERPILZE

wird, ob eine direkte oder indirekte Wirkung des durch die Mittel vermehrten Serotonins auf das Vorderhirn verantwortlich sein könnte. Nach dem oben Beschriebenen mutet es erstaunlich an, in welchem Maße diese Mittel immer noch verschrieben werden. Einzelfälle mögen den Ärzten suggerieren, dass sie von der Medikamenteneinnahme profitieren, aber die Besserungen depressiver Symptome, wie sie sich in den Studien zeigen, sind kaum der Rede wert.

Serotonin Aufgrund der rasanten Entwicklung neuer technischer Geräte und Methoden seit den 1990er Jahren geriet die neurobiologische Forschung in der Psychiatrie stark in den Vordergrund. So wurde für die Depressionen, die eine wenig einheitliche Gruppe von Erkrankungen darstellen, die Hypothese formuliert, dass ein Mangel an einem der für die Hirnaktivität wesentlichen

Der Begriff der Therapie­ resistenz ist wissenschaftlich nicht definiert. Neurotransmitter, dem Serotonin, für depressive Zustände ursächlich sei. Diese Hypothese stammt vermutlich aus Affenversuchen in den 1950er Jahren, bei denen man feststellte, dass eine bestimmte Substanz, die auf das Serotoninsystem einwirkt, bei Affen depressionsähnliche Zustände hervorrufen kann. Allerdings hat die weitere, recht umfangreiche Forschung gezeigt, dass es keinen konsistenten, also wiederholt und regelhaft aufzeigbaren Zusammenhang zwischen dem Serotonin-System und depressiven Zuständen gibt. Auch Veränderungen der Serotonin-Rezeptoren wurden untersucht, führten aber ebenso zu keiner Bestätigung der Seroto­ nin-Hypothese. Versuche an Menschen, bei denen durch eine bestimmte Ernährung der Serotonin-Spiegel stark abgesenkt wurde, führten ebenfalls zu keinerlei Anzeichen für Depres­ sivität. Daher ist die Wissenschaft heute skeptisch in Bezug auf den Zusammenhang von Serotonin und Depressionen. Es wird vielmehr angenommen, dass es sich bei der Serotonin-Theorie zur

Depressionsentstehung um eine gleichermaßen «plausible» wie werbeträchtige Fehlinformation durch die Pharmakonzerne handelt, um diese Medikamente besser verkaufen zu können. Außerdem muss vor dem Phänomen der Kausalitätsumkehr gewarnt werden. Wenn man Depressive auf ihre Neurotransmitter hin untersucht, zeigen sich vielleicht «Abweichungen». Doch es stellt sich die Frage, ob diese für die Depression ursächlich sind oder ob sie durch die Depression (und ihre Begleiterscheinungen wie Verminderung von Sozialkontakt und Körperberührungen usw.) erst hervorgerufen werden.

Der Begriff der Therapieresistenz Vielfach hört man heute bei Psychedelika-­Versuchen zur Behandlung der Depressionen, dass es sich um «therapieresistente Patienten» handeln würde. Der Begriff der Therapieresistenz ist jedoch wissenschaftlich nicht definiert, und es gibt dazu auch keinen internationalen Konsens. Stattdessen versteht jeder darunter etwas anderes. Was als «Therapieresistenz» bezeichnet wird, hängt letztlich davon ab, was das jeweilige Land an Behandlungsmöglichkeiten für Depression zur Verfügung stellt. So ist es in einigen Ländern so, dass Psychotherapie (in Deutschland gemäß fachlicher Leitlinien die erstrangige Methode zur Depressionsbehandlung), dort nicht in entsprechendem Maße vorgehalten wird. Daher gelten in diesen Ländern Patienten schon als therapieresistent, wenn sie mit ein oder zwei Antidepressiva ohne wesentliche Wirkung behandelt wurden. Wenn wir der Wissenschaft folgen und annehmen, dass diese Mittel kaum wirksam sind, so bedeutet «Therapieresistenz» in diesem Fall, dass mit weitgehend unwirk­ samen Mitteln behandelt wurde, was (erwartungs­ gemäß) nicht gut geholfen hat. In Deutschland ist die Versorgung mit Psychotherapie dagegen Standard und auch für jedermann erreichbar. Die meisten depressiven Patienten werden in Deutschland in psychosomatischen Rehabilitationskliniken psychotherapeutisch behandelt; mit meist gutem Erfolg. 15 000 Betten stehen in deutschen Kliniken für solche etwa 5-wöchigen


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stationären Behandlungen zur Verfügung. Solch ein Reha-System gibt es in den meisten Ländern nicht. Die dort lebenden Patienten sind also psychotherapeutisch unterversorgt und werden stattdessen lediglich mit Antidepressiva behandelt. Um keinen falschen Annahmen aufzusitzen, sollte der Begriff der Therapieresistenz vermieden werden.

Defensives und aktives Coping Geht man davon aus, dass Antidepressiva hauptsächlich über eine emotionale Abstumpfung wirken, so wird klar, dass wir durch diese Medikamente nur selten Patienten dabei unterstützen, die Lebensoder Arbeitsbedingungen, welche sie bedrücken, konstruktiv anzugehen, d.h. aktiv anzusprechen und zu verändern. Wahrscheinlicher ist, dass die Patienten dabei unterstützt werden, trotz widriger Bedingungen weiterhin ihre Situation «auszuhalten». Sie werden ihre Situation eher nicht aktiv verändern, da sie ja durch das Medikament vor den durch ihre bedrückende Situation aufkommenden Gefühlen «geschützt» werden. Das kann konkret bedeuten, dass jemand noch jahrelang weiter an einem Ort arbeitet, wo er Mobbing erlebt, was ihn kaum gesünder machen dürfte. Daher spricht der Psychopharmakologe David Nutt aus London von einem «defensiven Coping». Im Unterschied dazu aktiviert Psilocybin (was heute experimentell zur Depressionsbehandlung eingesetzt wird), die Gefühlswelt. Psilocybin unter therapeutischen Bedingungen verabreicht, verstärkt die Emotionalität und bringt latente Konflikte ins Bewusstsein. Das führt dazu, dass die Patienten sich sowohl während der Sitzung als auch danach mit ihren Gefühlen und ihrer Bedrückung wie auch deren Ursachen aktiver auseinandersetzen. Nicht selten verstehen sie auch eigenes Verhalten und das anderer besser. Aufgrund der verstärkten Gefühlswahrnehmung und erhöhten Einsichtsfähigkeit sind die Patienten eher bereit, Veränderungen aktiv anzugehen und mitzugestalten. Das kann an einem Arbeitsplatz, wo Mobbing herrscht, bedeuten, dass

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sie den Betriebsrat einschalten, dass sie mit dem Vorgesetzten sprechen, dass sie auf Kollegen neu zugehen usw. Dies gilt natürlich auch für die nahe Beziehungswelt. Auch hier sind bei Depressiven oft Konflikte in Latenz geraten, nicht selten zusätzlich verstärkt durch die Einnahme von Antidepressiva. Sie können deswegen nur schwer oder gar nicht aufgelöst werden können. Dazu ein Beispiel von einem Patienten, der (nach Jahren) sein Antidepressivum wegen Wirkungslosigkeit absetzte. Er berichtete über Entzugssymptome wie eine leicht vermehrte Depressivität, ein «Störgeräusch im Hinterkopf» und anderes. Dennoch habe er das Absetzen gut durchhalten können. Im Anschluss habe er festgestellt, dass seine Motivationslosigkeit zurückgegangen sei und er eine ganze Reihe von Dingen konsequent angehen konnte: «In den letzten Wochen habe ich mehr Dinge geregelt gekriegt als in den letzten zwei Jahren.» Davor sei er durch das Medikament wohl undynamisch und gleichgültig gewesen. Der Stresslevel sei ohne das Mittel zwar etwas höher, aber er sei viel aktiver und könne seine Probleme wieder lösen. Hiermit soll nicht gesagt werden, dass nicht einzelne Patienten von einer

Die Einnahme dieser ­Medikamente stellt keine ­Lösung dar. reduzierten Emotionalität – mindestens zeitweise – profitieren können. Aber die Einnahme dieser Medikamente stellt keine Lösung dar, sondern sie reduziert lediglich die Wahrnehmung einiger Symptome.

Psilocybin-Behandlung bei Depressionen Was macht nun Psilocybin zu einer Substanz, die man bei der Depressionsbehandlung anwenden möchte? Vor einigen Jahren wurden am Imperial College in London Studien mit Psilocybin und LSD durchgeführt, bei denen die Probanden während der Wirkung in einen Magnetresonanz-Scanner geschoben wurden, um die Hirndurchblutung }


1 0 8 ANTIDEPRESSIVA 108 DE R F L I EG E N P I LVS. Z ZAUBERPILZE

detailliert zu messen. Dabei stellte sich heraus, dass Psilocybin und LSD in mittlerer Dosierung das Gehirn ziemlich durcheinanderwirbeln. Das wissen viele aus eigener Erfahrung. Es zeigte sich zudem, dass die Konnektivität, also die Art und Weise, wie die Hirnareale miteinander

Das Gehirn wird von der Psilocybin-Wirkung «durch­geschüttelt». zusammenarbeiten – bei der Lösung von Aufgaben oder einfach auch nur beim entspannten Liegen – sich durch die Substanzen massiv verändert. So wird die Konnektivität innerhalb aufgabenorientierter Netzwerke reduziert, während die Verbindungen zwischen den Netzwerken, die bei Depressiven vermindert sind, in enormem Maße zunehmen. Dies natürlich nur während der Wirkung der Substanzen. Es scheint, dass das Gehirn dadurch wie «durchgeschüttelt» wird und einige der verkrusteten emotionalen, kognitiven und gedanklichen Strukturen aufgebrochen werden. Stimmt das, so wäre das Gehirn auch danach noch für eine Zeit noch in einem flexiblerem Zustand. Da es sich um eine Aktivierung von Emotionalität und geistiger Aktivität handelt, wurde diese Art der Depressionsbehandlung als «aktives Coping» bezeichnet. Demnach sollen die Patienten, deren Gehirn derartig aktiviert wurde, besser in der Lage sein, ihre Probleme umfassender wahrzunehmen, neue Perspektiven zu entwickeln und sich aktiv mit ihrer Situation gestaltend auseinanderzusetzen – mehr als dies bei einer emotionalen Abstumpfung der Fall sein dürfte.

Der Psilocybin-Hype und die Realität Das klingt ja zunächst mal ziemlich gut, dass man da Mittel in der Hand hat, mit denen man so stark in die Hirnaktivität eingreifen kann und depressives Leiden möglicherweise vermindern kann. Doch erfordert die aktive Auseinandersetzung mit den eigenen

Problemen und vielleicht Situationen, die einen bedrücken, einen längerwährenden Prozess, der fast immer der psychotherapeutischen Unterstützung bedarf. Deshalb, aber auch um Gefahren zu minimieren, sollten die Psilocybin-Sitzungen in einen psychotherapeutischen Rahmen eingebettet werden. Nur dann kann der Patient diese womöglich tiefgreifenden Erfahrungen ausreichend integrieren und zielgerichtet Konsequenzen für sein Verhalten entwickeln, um sein Leben wieder stärker gestalten und formen zu können. Findet eine solche psyc ho the rap e utische Vor- und Nacharbeit nicht ausreichend statt, so kommt es schnell zum Rückfall in alte Verhaltensmuster und Depressivität. In diese Richtung weisen auch die Studienergebnisse. Weitere mögliche Probleme sind auch die Überforderung der Patienten durch die starken Psilocybin-Erfahrungen und deren Integration. Es können traumatische Erlebnisse eintreten, Ängste vermehrt werden, dass Ich kann labilisiert werden, eine zeitweilige Arbeitsunfähigkeit kann eintreten und auch unfreiwillige Rückerinnerungen (Flashbacks) können auftreten. Werden solche Sitzungen in ein längerfristiges stationäres Psychotherapie-Setting einer Klinik integriert, so sind diese möglichen Folgeerscheinungen vermindert und können problemlos aufgefangen und sogar therapeutisch genutzt werden. Daher bin ich persönlich der Ansicht, dass solche Behandlungen grundsätzlich nur in Kliniken durchgeführt werden sollten, da dort rund um die Uhr Fachpersonal verfügbar ist. Sieht man, wie viel Aufhebens derzeit in der Presse, aber auch an der Börse, um diese möglichen Therapien gemacht wird, so darf man vermuten, dass diese Entwicklung weniger auf wissenschaftlich gesicherten Ergebnissen als auf der Annahme beruht, dass hier womöglich sehr viel Geld zu verdienen ist. Sieht man dann jedoch, dass der Wert der größten dieser Firmen (z.B. Mindmed, COMPASS, Atai Life­sciences) auf ein Fünftel bis ein Zehntel ihres Wertes von vor zwei Jahren gesunken ist, so könnte das


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auch als Zeichen für einen vorübergehenden Hype interpretiert werden.

Psycholytische Therapie und Ausbildung Die klassische Methode der Anwendung von Sub­ stanzen wie Psilocybin in Psychotherapien ist ja in Europa nicht die psychedelische Therapie, sondern die sogenannte psycholytische Therapie. Bei dieser werden 5- bis 20-mal geringere Dosen in einer laufenden Psychotherapie verabreicht. Es wird keine mystisch geprägte Ich-Auflösung (wie bei der psychedelischen Therapie) angestrebt, sondern es geht um die kleinteilige Arbeit an persönlichen, situations- und beziehungsbezogenen Problemen – unter denen die Patienten zumeist schon leiden, bevor sie dann als Symptom eine Depression entwickeln. Die mit dieser Methode erzielten Veränderungen scheinen mühsamer zu erreichen, aber dauerhafter zu sein*. Es bedarf in Zukunft vermutlich größerer Bescheidenheit und Offenheit gegenüber langwierigen

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Veränderungsprozessen, die durch psycholytische Sitzungen zwar begünstigt und gefördert werden können, aber beileibe nicht von selbst ablaufen, sondern nicht selten mit schmerzhafter Selbsterkenntnis einhergehen und nur in kleinen Schritten ins Alltagsleben umgesetzt werden können. Von zentraler Bedeutung für die weitere Entwicklung des Einsatzes von Psilocybin, MDMA u.a. ist eine gute Ausbildung der behandelnden TherapeutInnen. Diese Ausbildungen müssen sowohl theoretische Anteile (z.B. zu pharmakologischen Eigenschaften der Substanzen) als auch praktische Übungen in Behandlungskontexten wie auch Selbsterfahrungen enthalten. Nur wenn dies gewährleistet ist, werden derartige Therapien wirklich gefahrlos und effizient eingesetzt werden können. lucys-magazin.com/autoren/passie * Ein Buch über das Leben und Wirken des psycholytischen Pioniers Hanscarl Leuner mit dem Titel Psycholytische Therapie wird voraussichtlich 2023 im Nachtschatten Verlag erscheinen.


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miraculix: Teste deine Drogen

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Fe l i x B l e i

chon Paracelsus stellte fest: «Sola dosis facit venenum – Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist». Und um die richtige Dosierung geht es bei miraculix: Wir übernehmen die Analyse im ersten mobilen Drug Checking in Deutschland und entwickeln erstmals ganz einfache Konzentrationsschnelltests. Mit unseren Tests haben Anwender:innen die Möglichkeit, zuverlässig und unkompliziert die Zusammensetzung und Konzentration psychoaktiver Substanzen selbst zu analysieren. Das macht die Sub­ stanzen natürlich nicht zu Safer Drugs, aber erstmals kann auf Basis echter Fakten bewusst entschieden werden, welche Substanz und wie viel davon man eigentlich konsumieren möchte. Das Startup miraculix stammt direkt aus der universitären Wissenschaft. Wir fragen uns, warum sich in Deutschland nichts verändert, obwohl zahlreiche Studien und Erfahrungen, auch aus Nachbarländern wie Österreich und der Schweiz, ein Umdenken im Umgang mit den meisten psychoaktiven Substanzen nahelegen. Die konservative Babyboomer-Generation verschließt mit ihrer Null-Toleranz-Strategie seit Jahrzehnten die Augen vor den Auswirkungen

Dr. Felix Blei aus Jena ist Biologe und Mikrobiologe. In Zusammenarbeit mit seinen Kollegen gelang es ihm erstmals, die Biosynthese des Wirkstoffs Psilocybin aufzuklären. In Kooperation mit dem Usona-Institut entwickelte er eine in‑vitro-Syntheseroute für die pharmazeutische Herstellung und spätere klinische Anwendung von Psilocybin, Serotonin und weiterer nicht-natürlicher Analoga. Weiterhin gelang ihm die Entdeckung natürlich vorkommender -Carboline in den psychedelischen Pilzen, welche aufgrund eines Synergismus die Wirkung des Psilocybins drastisch verstärken könnten. Sein neuestes Projekt, die Entwicklung und Herstellung einfacher quantitativer Schnelltests für psychotrope Wirkstoffe, wird von seinem Startup miraculix realisiert.

des Drogenkonsums unter der Prohibition. Konsumierende werden kriminalisiert und stigmatisiert – wohin das aktuell führt, sehen wir deutlich an den Zahlen: Es konsumierten niemals mehr Menschen als nach knapp 60 Jahren internationalen Drogenverbots, und auch die Todeszahlen durch die Folgen des Drogenkonsums nehmen in Deutschland und vielen weiteren Ländern jedes Jahr konstant zu. [1] Während für manche der Konsum von Weißbier zum Mittagessen eine Selbstverständlichkeit darstellt,


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ist beispielsweise «Cannabis eben immer noch kein Brokkoli». Unsere ehemalige Drogenbeauftragte ist mit diesem Spruch ein Paradebeispiel dafür, dass hier in Deutschland noch einiges falsch läuft. Überall in Deutschland? Nein! Wir von miraculix aus Jena stellen uns gegen längst überholte Klischees grauhaariger Politiker und bieten sachlich und wissenschaftlich fundierte Substanz-Aufklärung. Im Auftrag der Thüringer Landesregierung und in Kooperation mit dem Drogerie-Projekt der Suchthilfe in Thüringen bieten wir erstmals Klient:innen die Möglichkeit, ihre Drogen vor dem Konsum analysieren zu lassen und damit umfassende Informationen zur Substanz sowie zum Konsum im angeschlossenen Beratungsgespräch zu erhalten. Stellt euch einmal vor: Ihr kommt in eine Bar und auf der Karte steht nur «Alkohol». Da wäre theoretisch bei einem Glas von einem kleinem Schwips bis hin zum Koma alles möglich. Genau so geht es allen Konsumierenden abseits des Alkohols, und niemand hat faktisch eine andere Möglichkeit als den Test am eigenen Leib, um Näheres über Zusammensetzung und Konzentration seiner Drogen zu erfahren. Um diese Situation zu ändern, möchten wir die Menschen dazu befähigen, ein selbstbestimmtes und

sicheres Leben zu führen. Das ist die Vision hinter miraculix. Dafür haben wir ein wirklich niedrigschwelliges Angebot geschaffen, um psychoaktive Substanzen ganz ohne aufwändiges Analyselabor zu testen. Schon immer konnte ich mich für Wissenschaft und Natur begeistern; so lösten Naturstoffe aus Pflanzen und Pilzen großes Interesse bei mir aus. Das war auch der Anstoß für mein Biologiestudium. Als Barkeeper lernte ich, dass Menschen aus unterschiedlichsten Motiven und mit diversen Mustern konsumieren. Die Idee zum Drogenschnelltest kam mir durch meine Promotion über den vielversprechenden Wirkstoff Psilocybin aus den halluzinogenen Pilzen, der durch seine Heilungserfolge bei Depressionen, Substanzabhängigkeiten, Dysmorphophobien und ähnlichen Erkrankungen in Studien auch medial in den vergangenen Jahren für Aufmerksamkeit sorgte. An der Uni konnten wir mit unserer Forschung unter anderem die Biosynthese des Wirkstoffes aufklären. Nach der Veröffentlichung unserer Forschungserfolge erreichten uns immer wieder Nachfragen von Patient:innen. Man muss wissen, dass es sich }

miraculix bietet sachliche, wissenschaftlich fundierte Substanz-Aufklärung.

Das miraculix-Team (v.l.n.r. Hagen, Roxana, Lea, Felix, Christoph, Frank und Bob) vor dem Bioinstrumentenzentrum Jena.

Foto: zvg}


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TESTE DEINE DROGEN

bei Psilocybin mitnichten um einen neuen exklusi- Hosentasche passt. Mittels Schnelltestverfahren ist ven pharmazeutischen Wirkstoff handelt. Zahlrei- damit erstmals möglich, Aussagen über Qualität und che Nachweise zeigen den menschlichen Konsum Quantität eines Wirkstoffes ohne nennenswerten von psychedelischen Pilzen, welcher teilweise viele Aufwand und ganz ohne Expertenwissen zu treffen. Die Tests arbeiten nach einem zweistufigen VerTausend Jahre zurückreicht. In über 200 unterschiedlichen Arten, verbreitet auf jedem Kontinent fahren: Im ersten Schritt wird der Wirkstoff aus der der Welt, konnte der Wirkstoff bereits nachgewiesen Probe extrahiert und im zweiten Schritt nachgewiewerden. Auch in Deutschland kommt es im Herbst sen und quantifiziert. Die Analyseflüssigkeit erzeugt jedes Jahr zum massenhaften Auftreten solcher dabei innerhalb weniger Minuten eine spezifische Pilze, wie beispielsweise Psilocybe semilanceata und Farbreaktion. Allgemein gilt: je intensiver die Farbe, desto höher die WirkstoffkonPsilocybe cyanescens. Psilocybe zentration, es handelt sich also cubensis ist vermutlich einer um einen quantitativen Test der am einfachsten zu (QTest). Doch damit nicht züchtenden Pilze. Aber gerade genug: Bei den QTests steht die Fülle der unterschiedlijedem Farbton ein ganz konkrechen Arten mit ebenso diverter Wert in Milligramm oder sen Wirkstoffgehalten macht Prozent gegenüber. Dadurch eine genaue Analyse vor einer lassen sich Missverständnisse therapeutischen Anwendung vermeiden und Risiken miniobligatorisch. Selbst im Labor mussten mieren, auch wenn die Sub­ wir dafür erst neue Methoden stanz keine Safer Drug ist. entwickeln. Die Analyse Neben dem ersten QTest zur erfolgt hier mittels Flüs- Die Stärke der Färbung spiegelt direkt den Wirkstoff- Konzentrationsbestimmung sigchromatographie unter von Psilocybin ist es uns mit gehalt wieder, anhand der charakteristischen Farbe lässt sich der Wirkstoff auch von anderen großem Druck an sehr teuren miraculix gelungen, dieses einunterscheiden. Maschinen. Über die Jahre in fache Verfahren auf viele weider Forschung habe ich viele tere Wirkstoffe auszuweiten. unterschiedliche Proben im Unsere QTests sind jetzt schon in Labor analysiert. Alle Proben der Lage, Psychedelika wie Psihatten eins gemeinsam: Der locybin, LSD sowie CannabiPsilocybingehalt schwankte noide wie THC bzw. CBD, diverse beachtlich, teilweise um Phenylethylamine wie MDMA, mehrere hundert Prozent Amphetamine und 2C-B zu zwischen verschiedenen detektieren. Die Stärke der FärArten, zwischen verschiedebung zeigt direkt den Wirkstoffnen Fundorten bzw. Zuchtversuchen. Die Entde- gehalt an; aufgrund der charakteristischen Farbe lässt ckung weiterer Wirkstoffe in den Psilocybe-Pilzen sich der Wirkstoff auch von anderen unterscheiden. (siehe Lucys Rausch Nr. 11) untermauerte meine VerMit den QTest-Verfahren und der damit gegemutung, dass neben dem Einzelwirkstoff Psilocybin benen Möglichkeit, Analysen schnell und einfach auch die natürlichen Pilze bzw. Vollspektrumext- direkt vor Ort durchzuführen, konnten wir im rakte der Fruchtkörper in der therapeutischen letzten Jahr gemeinsam mit der Drogerie – einem Anwendung von großer Relevanz sein können. Safer Nightlife Projekt der Suchthilfe in Thüringen Was ließ sich also tun für all die Menschen, die die- – das erste Drug Checking auf Parties und Festivals sen Wirkstoff gern in Form von Fruchtkörpern, «Trüf- starten. Das ALIVE Projekt (Analysebasierte Interfeln» (Sklerotien) oder Extrakten anwenden würden vention) ist das Thüringer Pilotprojekt zum mobiund die bei uns in der Uni genau nach solchen Infor- len Drug Checking weit verbreiteter Substanzen. mationen fragten? Mit ALIVE werden seit 2021 erstmals und mit gromiraculix hat ein wissenschaftlich aufwendiges ßem Erfolg Konsumierende vor gefährlichen Verfahren dekodiert und simplifiziert, sodass eine Überdosierungen, Fehldeklaration bzw. BeimiAnalyse, die vorher nur mit viel Geld und Aufwand schungen geschützt sowie über den Konsum und im Labor möglich war, jetzt in eine ausgebeulte die damit einhergehenden Risiken aufgeklärt und

Eine Analyse, die vorher nur mit viel Geld und Aufwand im Labor möglich war, passt jetzt in eine Hosentasche.


L u c y s Rausch Lucys R a u s c hNr. Nr. 141 1

Der miraculix THC-/CBD-QTest untersucht in zwei unabhängigen Farbreaktion die Konzentration beider Wirkstoffe. Denn synthetische Cannabinoide werden immer auf THC-armen Materialien wie CBD-Blüten oder diversen ähnlich aussehenden (Küchen) Kräutern gestreckt. Foto: zvg

beraten. Insbesondere das mit der Analyse verknüpfte Beratungsgespräch mit ausgebildeten Sozialarbeitern regt Konsument:innen zur eigenen Konsumreflektion an. Da es von staatlicher Seite sonst keinerlei vertrauenswürdige Quellen für Konsument:innen gibt, welche Risiken und Nebenwirkungen des Konsums bewusstsseinserweiternder Sub­ stanzen einhergehen, bezieht der/die klassische Konsument:in seine/ihre Informationen aus dem Hörensagen innerhalb der Szene. [2] Der miraculix THC-/CBD-QTest untersucht in zwei unabhängigen Farbreaktion die Konzentration beider Wirkstoffe. Denn synthetische Cannabinoide werden immer auf THC-armen Materialien wie CBD-Blüten oder diversen ähnlich aussehenden (Küchen-)Kräutern gestreckt. So passiert es dann auch mal, dass aktuell unter minderjährigen Schüler:innen gerade «CBD-Liquids/Ballerliquids» zum Vapen weit verbreitet sind. Dabei handelt es sich eigentlich um Produkte, die eine Vielzahl unerforschter synthetischer Cannabinoide enthalten können, welche stärkere Entzugserscheinungen erzeugen, als beispielsweise Heroin, Crystal Meth und Kokain-Crack [3] und aufgrund derer hier schon einige Todesfälle aufgetreten sind. Diese Stoffe sind aber derzeit noch legal, solange bis die Bundesregierung die neuen Strukturen aufgegeklärt und das Gesetz entsprechend angepasst hat

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– also erst in einigen Jahren, wie es beim Beispiel Spice zu beobachten war. Was stünde dagegen, pharmazeutisch gesehen, deutlich «sicherer» zu konsumieren? Richtig! Die illegalisierte und kriminalisierte Cannabispflanze, die wissenschaftlich bereits umfassend erforscht ist und von deren Konsum vergleichsweise nur sehr geringe Risiken ausgehen. Bestes Beispiel war 2020 das synthetische Cannabinoid-Derivat MDMB-4enPINACA, das in Cannabisproben nachgewiesen wurde. Durch Drug Checking ist ein sehr effektives Monitoring möglich. So konnten in diesem konkreten Beispiel diverse europäische Drug-Checking-­ Einrichtungen nach der Strukturaufklärung des synthetischen Cannabinoids sofort auf dieses Derivat testen, und in der Tat wurde dieser Wirkstoff mittlerweile in mehr als acht Ländern nachgewiesen [4]. Dies zeigt, wie wichtig eine internationale Zusammenarbeit in diesen Fällen ist und wie groß die Chance ist, die Deutschland bisher damit verpasst hat, um Menschenleben zu retten. Klingt wirklich paradox, oder? Es gibt Millionen Konsument:innen in Deutschland, welche einfach im Regen stehen gelassen werden. Dabei fußt die deutsche Drogenpolitik eigentlich auf vier gleich großen Säulen (Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression). Uns kommt es so vor, als sei eine dieser Säulen in den letzten Jahrzehnten größer geworden als die anderen drei [5]. Genau diese Situation müssen wir ändern. Wir freuen uns über jede:n Unterstützer:in. Der einfachste Weg führt natürlich über unseren Shop. Hinterlasst uns gern ein Abo oder folgt uns auf Instagram (@miraculixlab). Generell helft ihr uns auch immens, indem ihr zum «Influencer» für die Sache werdet. Sprecht mit anderen über den Sinn von Substanz­analysen, erklärt ihnen den Mehrwert und weitet ihren Blick für das Potenzial psychoaktiver Substanzen. Literatur: [1] Drogenbericht, Europäischer: «Trends und Entwicklungen.» Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union: Luxembourg (2021) • [2] Valente, Helena, et al.: «A longitudinal study of behavioural outcomes following a visit to the Boom Festival 2018 drug checking service: individual and group level results» Drugs: Education, Prevention and Policy (2022): 1-10.• [3] Craft, Sam, et al. : «Clinical withdrawal symptom profile of synthetic cannabinoid receptor agonists and comparison of effects with high potency cannabis». Psychopharmacology 239.5 (2022): 1349-1357. • [4] Oomen, Pieter E., et al.: «Cannabis adulterated with the synthetic cannabinoid receptor agonist MDMB-4en-PINACA and the role of European drug checking services». International Journal of Drug Policy 100 (2022): 103493. • [5] Legnaro, Aldo: «Vier Säulen der Ratlosigkeit? Zur Drogenpolitik in der späten Moderne» (2012).


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Giorgio Samorini

ELEUSIS KOMPAKT

Der bekannte italienische Drogenforscher präsentiert Nachrichten und kurze Meldungen zu psychoaktiven Pflanzen und Substanzen und zur Rauschkultur.

ARCHÄOLOGIE

berühmten Bericht von Herodot über die Skythen). Das Fehlen von berauschendem Hanf in den archäologischen und literarischen Quellen Eurasiens ist nach wie vor eines der größten ethnobotanischen Rätsel.

Tabak

Yunjun, B. et al. 2021, Archaeobotanical evidence of the use of medicinal cannabis in a secular context unearthed from south China, J. Ethnopharm. 275: 114114.

PILZE 2 mm Makro-Aufnahme der Nicotiana-Samen.

Fliegenpilz Foto: NHMU

Die Beziehung des Menschen zum Tabak scheint vor mindestens 12 000 Jahren begonnen zu haben. Dies geht aus dem jüngsten Fund von Samen von Nicotiana attenuata in der archäologischen Stätte von Wishbone, Utah (USA), hervor. Eine Reihe von Elementen schließt das zufällige Vorhandensein dieser Samen aus und stützt die Hypothese, dass der Mensch diese Tabakart zu Rauschzwecken verwendete. Daron, D. et al. 2021, Earliest evidence for human use of tobacco in the Pleistocene Americas, Nat. Hum. Behav. 6: 183-192.

Hanf In einigen chinesischen Gräbern, die auf die Zeit von vor 2000 Jahren datiert werden, wurden 120 000 Hanfsamen gefunden. Auch hier stellt sich die Frage: Wo ist der berauschende Hanf? Bei den meisten archäologischen Hanf-Funden wurden Hanfsamen. Foto: Adobe Stock nur die Samen gefunden, die bekanntermaßen nicht psychoaktiv sind. Auch in der antiken Literatur, sowohl in der chinesischen als auch in der mediterranen, wird den Samen eine überragende Bedeutung beigemessen (wie in dem

Warum zertrampeln die Menschen den Fliegenpilz, wenn sie ihm im Wald begegnen? Alexandr Verbnikov (1962 – 2018), der den Spitznamen «der Dichter des Urals» trägt, bietet eine interessante Erklärung an: Fliegenpilze (Amanita muscaria) in Es liege nicht so ihrer ganzen Pracht. Foto: RL sehr daran, dass die Menschen ihn für giftig hielten, es sei also kein Akt der «Verteidigung» (wirklich tödliche Pilze wie Galerina marginata werden nämlich nicht willkürlich zerstört), sondern es gebe einen versteckteren psychologischen Grund, der daher rührt, dass wir alle als Kinder widersprüchliches Verhalten von Erwachsenen beobachten und annehmen: Die kindliche Welt wird mit Bildern von Fliegenpilzen überflutet, die zu einem Symbol für Zuneigung, Wärme, Unschuld und Sicherheit von Kindern werden. Dieser Mythos wird an dem Tag brutal zerstört, an dem die Familie im Wald Pilze sammeln geht und die Erwachsenen mit einschüchternden Gesten und Worten den ahnungslosen Sprössling daran hindern, den Fliegenpilz zu sammeln, und ihm verbieten, dies jemals zu tun. In diesem Moment kommt es zu einem «Verrat» in der Psyche

Giorgio Samorini (* 1957 in Bologna, Italien) ist Ethnopharmakologe und Drogenforscher und Herausgeber der ethnobotanischen Fachzeitschrift Eleusis. Er war der erste Weiße, der in Gabun (West­afrika) in den Bwiti-Kult (Iboga-Kult) eingeweiht wurde. www.samorini.it


Lucys Rausch Nr. 14

Samorini, G. 2022, «Lenin was a mushroom.» Russian post-Soviet history of fly-agaric, Antrocom J. Anthrop. 18(1): 5-27.

Psilocybin-Pilze Es scheint nun endgültig bewiesen, dass die Blaufärbung von Psilocybin-Pilzen durch enzymatische Abbauprodukte von Psilocybin und Psilocin verursacht wird. Daher ist Getrocknete Psilocybe diese spezielle Art der cubensis. Foto: Erik Fenderson Blaufärbung ein direkter Hinweis auf die Anwesenheit dieser Tryptaminderivate, auch wenn nicht alle Psilocybin bzw. Psilocin enthaltenden Pilze eine entsprechende Blauung aufweisen. Claudius, L. et al. 2020, Injury-triggered blueing reactions of Psilocybe «magic» mushrooms, Agew. Chem. 132: 1466-1470.

PFLANZEN Harmin Zum ersten Mal wurde das Beta-Carbolin Harmin, ein MAO-Hemmer, in einer Pflanze der Familie der Solanaceae (Nachtschattengewächse) gefunden, und zwar in den Blättern und Wurzeln des Bocksdorns Lycium europaeum L., einer im Mittelmeerraum weit verbreiteten dornigen Pflanze. Aufgrund der engen taxonomischen Verwandtschaft mit Lycium europaeum ist es sehr wahrscheinlich, dass auch die im

Foto: Xavier Pelayo

Mittelmeerraum vorkommende Art Lycium intricatum Boiss. das gleiche Alkaloid produziert. Harmin wird auch von Erigeron (Conyza) canadensis L. produBocksdorn (Lycium europaeum). ziert. Es handelt sich um eine in Nordamerika beheimatete Asterazee, die sich um 1700 auf andere Kontinente ausbreitete und auch auf dem gesamten deutschen Staatsgebiet weit verbreitet ist. Die Anwesenheit von Harmin in der gesamten Pflanze wurde bereits im Jahr 2002 nachgewiesen, eine neuere Analyse bestätigte dies. Diese Pflanze kann mit anderen giftigen Asteraceae verwechselt werden.

Bendjedou, H. et al. 2019, Alkaloids and sesquiterpenes from roots and leaves of Lycium europaeum L. (Solanaceae) with antioxidant and anti-acetylcholinesterase activities, Nat. Prod. Res.: 1-5. Mukhtar, N. et al., 2002, Sphingolipids from Conyza canadensis, Phytochem. 61: 1005-1008. Abood, M.A. und E.J. Kadhim 2021, Phytochemical investigation of some active components in Iraqui Conyza canadensis (syn. Erigeron canadensis), Int. J. Drug Del. Techn., 11(3): 669-675.4.

DMT Die bisher durchgeführten biochemischen Analysen der Rinde von Mimosa tenuiflora, der in den einheimischen brasilianischen Jurema-Kulten am meisten verwendeten Art, hatten bisher DMT-Konzentrationen ergeben, die die bereits Mimosa tenuiflora. beachtliche Menge von 1 % des Trockengewichts nicht überstiegen; eine Zahl, die im Widerspruch zu den «Keller»-Extraktionen der Psychonauten steht, die oft eine Konzentration von bis zu 2 % ergaben. Eine neue professionelle biochemische Untersuchung nähert sich in ihren Ergebnissen denen der Psychonauten an und hat Konzentrationen von 1,5 % DMT nachweisen können. Araujo e Amariz, I. et al. 2022, Chemical study of Mimosa tenuiflora barks, Nat. Prod. Res. 36(7): 1893 – 1897.

Foto: João de Deus Medeiros

des Kindes, und zwar auch bei denjenigen, die diese wahnhafte Anwandlung nicht im Wald erleben, sondern die vermeintliche Gefährlichkeit und Giftwirkung des Pilzes auf andere Weise nahegebracht bekommen, etwa durch Lesen oder verbale Kommunikation. Wenn der nun Erwachsene durch den Wald wandert und dem Fliegenpilz begegnet, wird er ihm seine ganze unbewusste Wut über diesen «Verrat» in der Kindheit entgegenschleudern. Man könnte annehmen, dass wir Menschen der westlichen Kultur alle als Kinder in unterschiedlichem Maße unter dem gelitten haben, was ich zu Ehren des russischen Schriftstellers, der darauf hingewiesen hat, als «Verbnikovs Trauma» bezeichnet habe.

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Lucys Rausch Nr. 14

IMPRESSUM Lucys Rausch Nr. 14 November 2022 ISBN 978-3-03788-414-0 ISSN 2296-8695 Lucys Rausch erscheint in der Regel zweimal jährlich. Nächste Ausgabe: Frühling 2023 Herausgeber Roger Liggenstorfer Nachtschatten Verlag AG Kronengasse 11 CH-4500 Solothurn Fon: +41 32 621 89 49 info@nachtschatten.ch www.nachtschatten.ch www.lucys-magazin.com Chefredaktion Markus Berger markus@lucys-magazin.com Redaktion Roger Liggenstorfer roger@lucys-magazin.com Bild- und Textredaktion Nina Seiler nina@lucys-magazin.com Mitarbeit an dieser Ausgabe Felix Blei, David Jay Brown, Hans Cousto, Amanita Dreamer, Michael Günther, Stefan Haag, Christine Heidrich, Urs Hofmann, Urs Hunziker, Kevin Johann, R. Leutwiler, Chuck Lore, Daniel McQueen, Claudia Müller-Ebeling, Dirk Netter, Torsten Passie, Christian Rätsch, Giorgio Samorini, Merlin Sheldrake, Wolf-Dieter Storl

Korrektorat Agnes Karl, Jutta Berger Layout Nina Seiler (Art Director), Silvia Aeschbach Umschlaggestaltung Nina Seiler Anzeigen werbung@lucys-magazin.com Administration Caro Lynn von Ow caro@nachtschatten.ch Abo-Verwaltung Lukas Emmenegger lukas@lucys-magazin.com Büro Deutschland Jutta Berger jutta@lucys-magazin.com Bankverbindungen Schweiz Regiobank Solothurn Konto-Nr.: 443.213.16.114 IBAN: CH20 0878 5044 3213 1610 8 BIC: RSOSCH22

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Deutschland Postbank Hamburg Konto-Nr. 969 792 202 IBAN: DE35 2001 0020 0969 7922 02 BIC: PBNKDEF, Vermerk: Lucys Rausch

Bitte beachten Sie unsere «Charta für eine Kultur des Rausches» auf lucys-magazin.com/charta. Beachten Sie auch die Inserate unserer Werbepartner und gleichzeitig das geltende Recht Ihres Landes. Der Verlag ruft weder zu illegalem Drogenkonsum auf, noch beabsichtigt er, diesen zu fördern.

VERKAUFSSTELLEN

Lucys Rausch ist im Kiosk-, Presse- und Buchhandel sowie in folgenden Head- & Growshops erhältlich (Stand Oktober 2022):

SCHWEIZ BASEL Sibannac GmbH, Güterstr. 138 (im Hinterhof), 4053 Basel Gaia Media Lounge, Hochstrasse 70, 4053 Basel BERN Secret Nature, Kramgasse 68, 3011 Bern, secret-nature.ch KALISHA, Rathausgasse 47, 3011 Bern, www.kalisha.ch LUZERN Artemis GmbH, Murbacherstrasse 37, 6003 Luzern ST. GALLEN BREAKshop, Gaiserwaldstrasse 16a, 9015 St. Gallen, www.breakshop.ch

Babacool, Löwengasse 4, 4502 Solothurn, babacool.ch • Nacht­schatten Shop, Kronengasse 11, 4500 Solothurn, nachtschatten.ch THUN Secret Nature, Obere Hauptgasse 11, 3600 Thun, secret-nature.ch Thuner Hanf Center, Burgstr. 37, 3600 Thun, www.thunerhanfcenter.ch ZÜRICH Bio Top Center GmbH, Konrad­str. 28, 8005 Zürich, biotop-zuerich.ch • Grünhaus AG, Herostr. 7, 8048 Zürich, gruenhaus-ag.ch SOLOTHURN

DEUTSCHLAND ALFTER Mojamba, Pelzstrasse 30, 53347 Alfter, www.mojamba.det ALTENMEDINGEN Kudra NaturBewusstSein, Im Dorfe 1B, 29575 Altenmedingen-Bohndorf, kudra.net

Buchladen Schwarze Risse, Gneisenau­str. 2a, 10961 Berlin • Kaya Foundation, Schliemannstr. 26, 10437 Berlin, kayagrow.de • Klaus der Gärtner, Straßmannstr. 1, 10249 Berlin, klausdergärtner.de • Queenz Einzelhandel, Dudenstr. 32a, 10965 Berlin, www.420queenz.de • Sensatonics, Teilestr. 11-16, T.0, 12099 Berlin, sensatonics.de • Verdampftnochmal, Karl-Kunger-Str. 28, 12435 Berlin, verdampftnochmal.de Zabriskie, Manteuffelstr. 73, 10999 Berlin, www. zabriskie.de BRUCHSAL Planet Blunt, Bannweideweg 4, 76646 Bruchsal, planet-blunt.de DÜSSELDORF White Rabbit, Dorotheenstraße 82, 40235 Düsseldorf, www.headshop-white-rabbit.de BERLIN


VORSCHAU

Nr. 15

Frühling 2023 Happy Bicycle Day 80 Jahre LSD-Erfahrung

Die Rückkehr der Lysergamide: 1V, 1P & Co. Simon D. Brandt und Markus Berger

Christian Rätsch: Balche’ – der Rausch der Götter Psychoaktive Kultur im indigenen Schamanismus

Kochen mit Cannabis: Hanfgenuss abseits von Joint und Vaporizer

Torsten Passie: Psychedelika im Dienste des Dunklen Fotos: Pixabay (1) zvg

Über Geheimdienstversuche mit «Halluzinogenen»

sowie zahlreiche Beiträge zu Psychedelik, Rauschkunde, Psychonautik, Ethnobotanik und Drogenpolitik ... Zaubertrank, Mexikoring 11a, 22297 Hamburg, zaubertrank-hamburg.de • Udopea Hamburg, Schanzenstrasse 95, 20357 Hamburg MAINZ Der Hänfling, Gärtnergasse 5, 55116 Mainz, derhaenfling.de MALSCH Kalidad Grow- & Headshop, Am Bahnhof 6, 69254 Malsch, www.kalidad.de MANNHEIM New Asia Headshop, F1, 10 (Nähe Paradeplatz), 68159 Mannheim, www. new-asia-headshop.de Bock Shop GmbH, Keplerstr. 33, 68165 Mannheim, www.bock-shops.de MARBURG Sirius Buchhandlung, Barfüßerstr. 13, 35037 Marburg, thefinalembrace.de NÜRNBERG Aeroponik Systems, Austr. 71, 90429 Nürnberg • Inzider’s HAMBURG

Metalhead Greenpoint, Vordere Sterngasse 15, 90402 Nürnberg REUTLINGEN HanfHaus Reutlingen, Weingärtnerstr. 27, 72764 Reutlingen, hanfhaus-reutlingen.de ROSSDORF Syntropia, Industriestr. 20, 64380 Roßdorf, syntropia.de, www.rauschkunde.net ULM Hanf-Lager Ulm, Zinglerstraße 1, 89073 Ulm, hanflager.de WIESBADEN Supporter Wiesbaden, Boris Kolodziej, Blücher Straße 6, 65195 Wiesbaden, www.supporter-wiesbaden.de WITZENHAUSEN Kiosk Storno, Ermschwerderstraße 2, 37213 Witzenhausen

ÖSTERREICH WIEN Querbeet, Neubaugasse 71, 1070 Wien, http://querbeet.at KANARISCHE INSELN LA GOMERA Tienda Ansiria, Calle Normara, Edificio Normara, local 15, 38870 La Playa/Valle Gran Rey

Aktualisierte Liste unter www.lucys-magazin/verkaufsstellen In Deutschland findet man Lucys Rausch über mykiosk.com.


Berauschend!

für die Preissenkung Ausgaben 1–9

Alle bisherigen Ausgaben sind noch einzeln oder im Set lieferbar! Ausgaben Nr. 1–9: jeweils € 10.–/ Fr. 12.–, ab Ausgabe Nr. 10: € 14.80 / Fr. 18.50

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ISBN 978-3-03788-401-0 ISSN 419896701480501 2. Auflage

Ayahuasca Entheogen, Heilmittel und Lebenshilfe HR Giger – Das grosse Interview Akasha Project im Interview – Besuch im Val-de-Travers Absinthe Die Kunst des– Luke Brown Claudia Müller-Ebeling Falsche Perspektiven Legal Highs Alexander T. Shulgin Pate des MDMA El Pepe – oder die Verbesserung der Welt Tanzkultur und Transformation Raval – Ein GesprächRoberdo mit Albert Hofmann Drug,LSD-Entdecker Set und Setting Alex Bücheli dem

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Nr.8 / Herbst 2018

Wolf-Dieter Storl: Titanische Illusionen • Christian Rätsch: Ayahuasca-Oper • Erfahrungen mit CBD • Psychoaktive Orchideen: Dendrobium • Psychoaktive Augentropfen Sananga • Visionäre Kunst: Martina Hoffmann

Psychoaktive Pflanzen Christian Rätsch: Ayahuasca-Oper Psychoaktive Orchideen Erfahrungen mit CBD Psilocybin & Meditation MDMA-Untergrundproduktion Hans Plomp im Interview

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ISBN 978-3-03788-475-1 ISSN 419896701480507 128 Seiten, 16 Seiten plus zum selben Preis!

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ISBN 978-3-03788-407-2 ISSN 419896701480506

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Bicycle Day: 75 Jahre LSD-Erfahrung • Acid-Pioniere: DAS WELTWEITE Albert Hofmann CANNABIS-VERZEICHNIS / Timothy Leary / Stan SEIT 2008 Grof • Wie psychedelisch kann Cannabis sein • Christian Rätsch: LSD und Musik • Unterwegs mit Timothy Leary • Blotter Art

ISBN 978-3-03788-405-8 ISSN 419896701480505

ISBN 978-3-03788-404-1 ISSN 419896701480504

Lucys Nr. 7

Ketamin gegen Depression • MDMA in der Psychotherapie • Stefan Haag: Drogen auf Reisen • Lucys Geschichte: John C. Lilly • Entheogene Gruppenrituale • Marijuana oder Hanf? • Fliegenpilz vs. Ayahuasca

Lucys Nr. 5

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Nr. 8 / Herbst 2018

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AyahuascaTourismus in Peru

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ISBN 978-3-03788-412-9 ISSN 411986701480512 128 Seiten

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Microdosing: Sinn und Unsinnmit – Ein Gespräch Albert Hofmann Kakao-Zeremonien: dem LSD-Entdecker Alltagsdroge und Rituale

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Lucys Nr. 10

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Frauen in der Psychedelik • Christian Rätsch: Psychedelische Paläontologie • Erinnerungen an Ralph Metzner • Froschmedizin aus dem Regenwald: Kambô • Torsten Passie & Markus Berger: Microdosing • Cannabis • Kakao-Zeremonien

Schwerpunkt: Regulierter Rausch • Stanislav Grof: Der Weg des Psychonauten • Cannabis-Legalisierung weltweit • Der Fliegenpilz • Visionäre Kunst: Fred Weidmann • Die Technik des Slow Dosings • Psychedelisches Yoga • Annäherungen an psychoaktive Pflanzen

ISBN 978-3-03788-410-2 ISSN 411986701480510 120 Seiten

ISBN 978-3-03788-411-9 ISSN 411986701480511 128 Seiten

Lucys Nr. 13 Psychedelische Renaissance • Cannabisanbau für Ambitionierte • Wege in die Drogenmündigkeit • Kontrollierte Heroinvergabe • Sensi-Seeds-Gründer Ben Dronkers im Interview • «Psilocybin-Zen»

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WISSENSCHAFT

Nr. 13 | April 2022

Nr. 12 | Sommer 2021

Die Geschichte der Wasserpfeifen

Christian Psychedelische – Falsche Perspektiven Paläontologie Legal HighsRätsch: Indica vs. Sativa der Welt die Verbesserung ElCannabis: Pepe – oder

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Forum für veränderte Bewusstseinszustände Gesellschaftsmagazin für psychoaktive Kultur

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Psychoaktiver Honig

Ralph Metzner: Leben für die Psychedelik HR Giger – Das grosse Interview Kambô: –Froschmedizin aus dem Regenwald Besuch im Val-de-Travers Absinthe

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Schwerpunkt: Hanf • Die Geschichte der Wasserpfeifen • Heilmittel Cannabis • Ayahuascatourismus in Peru • Psychoaktiver Honig • Ethnobotanik: Kratom • Guru Guru Mani Neumeier

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Bufo alvarius - Der Film zur Colorado-Kröte Legal Highs – Falsche Perspektiven

Kunst: Klarweinder Welt die Mati Verbesserung ElVisionäre Pepe – oder Alchemistische nach mit Ralph Metzner – Ein Gespräch Albert HofmannDivination Der Herr der Blotter: Mark McCloud dem LSD-Entdecker

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Ralph Metzner: Alchemistische Divination • 5-MeO-DMT: Film über Bufo alvarius • Jeremy Narby: Kulturgeschichte des Rauschs Mark McCloud: Herr der LSD-Blotter • Musik für den Trip: The Young Gods • Christian Scharfetter: FILTERT VIELES, Haschisch-Forschung NUR NICHT DEN SPASS

Nr. 10/ Herbst 2019

Nr. 9/ Frühjahr 2019

Lucys Nr. 9

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Cannabisanbau für Ambitionierte Wege in die Drogenmündigkeit Kontrollierte Heroinvergabe

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Nr. 14 November 2022 Fr. 18.50 | € (D) 14,80 | € (A) 15,30

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In memoriam Christian Rätsch 1957–2022

Forum für veränderte Bewusstseinszustände Gesellschaftsmagazin für psychoaktive Kultur

Cannabis und Spiritualität Psychedelische Ritualmusik

Räuchern im Schamanismus

Nr. 14 | November 2022

Psychoaktive Pilze  Psilocybin vs. Antidepressiva  Fliegenpilz-Rituale  Merlin Sheldrake im Interview