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Jahresbericht 2016


Grußwort

Liebe Leserinnen und Leser, wir alle kennen den Reiz, der darin liegt, etwas Neues zu beginnen, ein Projekt zu initiieren, also das Gefühl, jetzt „etwas zu bewegen“. Nicht ohne Grund dürfte das Zitat „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ von Hermann Hesse so bekannt sein und entsprechend häufig bemüht werden. Das gilt natürlich auch für das Stiftungswesen. Jeder Stifter möchte etwas auf den Weg bringen, begreift stiften auch als anstiften zum Tätigwerden. Aber irgendwann kommt zumeist auch der Zeitpunkt, an dem eine Förderung beendet wird. 2016 stand im Zeichen der Beendigung zweier lang von der Manfred Lautenschläger-Stiftung begleiteter Projekte: Die Ballschule (15 Jahre) und Schwimmfix (10 Jahre). Auf Seite 6 blickt Prof. Dr. Klaus Roth (Ballschule) auf die Anfänge dieses gemeinsamen Weges zurück, erzählt von einigen Meilensteinen und gibt einen Ausblick in die Zukunft des Projekts. Beide Geschichten zeigen, dass sich die oft schwer definierbaren und messbaren Begriffe „Nachhaltigkeit“ und „Return on Investment“ zuweilen ganz von selbst erklären. Sei es die beeindruckende Zahl an Kindern, die mit den jeweiligen Programmen erreicht wurden oder die weit überregionale Aufmerksamkeit, die beide erregt haben. Die Fortsetzung beider Programme mit anderen Partnern ist übrigens gesichert. Des Weiteren ist die Digitalisierung der Palatina-Handschriften inzwischen nahezu abgeschlossen, so dass die berühmte Bibliothek bald zumindest online wieder vereint und unter dem Dach der Universitätsbibliothek beheimatet ist. Hohe Zugriffszahlen zeigen das Interesse, das weltweit an diesen bedeutenden Schriften besteht. Schauen Sie auch einmal auf der Homepage vorbei, es lohnt sich. Wie in jedem Jahr stellen wir Ihnen auf den folgenden Seiten exemplarisch nur einige der über 40 geförderten Projekte vor. Informationen zu den weiteren Projekten können Sie unserer Internetseite entnehmen. Wir wünschen Ihnen viel Spaß bei der Lektüre.

Catharina Seegelken Geschäftsführerin

Markus Lautenschläger Geschäftsführer

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Beim Stiften geht es um die feste innere Überzeugung des Stifters, immer auch zum Wohle des Ganzen wirken zu wollen. Deshalb habe ich mich 1999 zur Gründung einer gemeinnützigen Stiftung entschlossen. Aus der im Grundgesetz verankerten Sozialverpflichtung des Eigentums folgt für mich aktives bürgerschaftliches Engagement. Von dem, was mir die Gesellschaft ermöglicht hat, möchte ich ihr einen Gutteil zurückgeben. Dr. h. c. Manfred Lautenschläger


Inhalt Grußworte Catharina Seegelken und Markus Lautenschläger

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Ballschule Heidelberg

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ML Talent Academy

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Schwimmfix

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Digitalisierung der lateinischen Palatina-Handschriften

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Erste Ergebnisse von EMIRA

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Zytoplasmatische Aminosäuresensoren als potenzielle Targets von Wachstums- und Infiltrationshemmung bei Gliomen

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Hildegard Lagrenne Stiftung

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Mediendienst Integration

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Heidelberger Frühling

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Enjoy Jazz

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Förderung nachhaltiger Entwicklung in von Dürre betroffenen Distrikten in Äthiopien

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Preise

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Das Stiftungsjahr 2016 in Zahlen

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Kuratoriumsmitglieder der Manfred Lautenschläger-Stiftung

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Ballschule Heidelberg

Ballschule Heidelberg: Mehr Bewegung für mehr Kinder!

Kinder sind durch und durch „Bewegungswesen“. Bewegung gilt als unverzichtbar für ihre Entwicklung. Sie ist Ausdruck von Vitalität, kindlicher Neugier und Lebensfreude. (Club of Cologne, 2003, S. 7) Sporttreiben und körperliche Aktivitäten wirken sich auf Körper, Geist und Psyche positiv aus. „Bewegung ist oft die beste Medizin!“ Das gilt schon für Klein- und Vorschulkinder. Ausreichende Gelegenheiten für Spiel und Sport im Alltag, im Kindergarten und in der Schule sind unverzichtbar. Sie tragen entscheidend zum Wohlbefinden und zur Bildung bei und sind so etwas wie der „Motor“ der Persönlichkeitsentwicklung unserer Heranwachsenden. Derartige Einsichten sind das eine. Die heutigen Lebenswelten der Kinder das andere. Bewegungsmangel ist keine Seltenheit mehr. Politiker, Pädagogen, Entwicklungspsychologen und Neurowissenschaftler sind sich daher einig: der Bereich einer breiten, allgemeinbildenden Frühförderung gehört zu den vordringlichsten gesellschaftlichen Zukunftsaufgaben. Dabei kann es nicht um ein Anything-Goes-Motto „Hauptsache Bewegung“ gehen. Den Kindern muss vielmehr die Möglichkeit gegeben werden, an Sportangeboten teilzunehmen, die auf den Gütesiegeln der Entwicklungsgemäßheit, der Vielseitigkeit, der Freudbetontheit und des selbstgesteuerten Lernens beruhen. Die Ballschule und die Mini-Ballschule sind die bisher einzigen wissenschaftlich evaluierten Programme dieser Art! Die Entwicklung der Ballschule Heidelberg ist eine Erfolgsgeschichte. Aus einer theoretischen Idee wurde eines der größten sportwissenschaftlichen Transferprojekte. Insbesondere in der Metropolregion Rhein-

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Neckar (MRN) – aber auch national und international – ist die Ballschule zu einem wichtigen Angebot in der Bewegungswelt von Kindern im Alter zwischen 18 Monaten und 10 Jahren geworden. Die Gründe hierfür liegen klar auf der Hand: das Ballschulprojekt wird seit 2002 in einer einzigartigen Weise durch Spenden und soziales Sponsoring unterstützt. Eine hervorgehobene Rolle nimmt die Manfred LautenschlägerStiftung ein. Sie hat durch ihre über 15 Jahre andauernde, kontinuierliche Förderung und als Türöffner für weitere Partner (Dietmar Hopp-Stiftung, Reimann-Dubbers-Stiftung, BASF) entscheidend dazu beigetragen, dass wieder mehr Kinder zu dem werden können, was sie eigentlich sind: zu „Bewegungswesen!“ Manfred Lautenschläger ist ein prominenter, engagierter „Anwalt“ für eine aktive Kindheit. Für den Bewegungsmangel gibt es keinen Beweismangel mehr Die Beschäftigung mit dem Thema „Kindheit und Bewegung“ hat Hochkonjunktur. Es war schon immer gebräuchlich, die Betrachtungen der Kindheit und Jugend mit einer Missratenheits- oder Mangeldiskussion zu


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verknüpfen. Nicht wenige Experten sprechen von verödeten Bewegungslandschaften, Sitzfallen oder einer sitzengebliebenen Gesellschaft. Belege darfür, dass die Bewegungsarmut bereits im Kindergartenalter beginnt, haben u. a. Woll, Jekauc, Mees und Bös (2008) im Zweiten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht präsentiert. Misst man die Bewegungszeiten an den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dann ist vor allem die rückläufige Anzahl der bewegungsaktiven Heranwachsenden im Laufe der Kindheit auffällig. Die Guideline der WHO legt ein Minimum von einer Stunde moderater Bewegung pro Tag fest. Das ist wohl nicht zu hoch angesetzt. Trotzdem wird im Vorschulalter diese Vorgabe nur von knapp einem Drittel der Kinder erreicht. Die Quote sinkt bis zum Eintritt in die Pubertät auf 8 % bei den Mädchen und 12 % bei den Jungen. Die Tendenz ist deutlich erkennbar: aus bewegungsscheuen Kindern werden bewegungsarme Jugendliche und später bequeme Erwachsene. Die Konsequenzen dieses sich früh einprägenden Lebensstils sind erheblich und werden nach wie vor unterschätzt. Wir sind von der Natur nun einmal nicht mit Rädern oder einem Ökomotor ausgestattet worden, sondern mit Beinen, die unsere Vorfahren – laut Aussagen von Evolutionsmedizinern – für eine tägliche Laufstrecke von bis zu 30 km genutzt haben. Bewegungsmangel widerspricht zentralen Anlagen im Menschen Das erste Spiegelbild des nachlassenden Aktivitätsniveaus ist eine verminderte motorische Leistungsfähigkeit. Der internationale Forschungsstand weist auf deutliche Verluste in den Ausdauer-, Kraft- und Koordinationsfähigkeiten gegenüber früheren Generationen hin (zusammenfassend Bös, 2003; Klaes et al., 2008; Raczek, 2002; Rusch & Irrgang, 2002; Eggert et al., 2000; Kirchem, 1998). Eine weitere negative Auswirkung bezieht sich auf gesundheitsbezogene Merkmale,

wie die Zunahme von Übergewicht und Adipositas. The Lancet, ein renommiertes Fachmagazin für Medizin, berichtet, dass sich die Zahl der Fettleibigen seit 1980 verdoppelt hat. 500 Millionen Menschen wiegen jetzt nicht nur zu viel, sondern bringen viel zu viel Kilos auf die Waage. Besonders besorgniserregend ist: 41 Millionen kleine Kinder sind betroffen. Zu den damit verbundenen Symptomen zählen schon im Kindes- und Jugendalter Kurzatmigkeit, Schwitzen sowie Rücken- und Gelenkschmerzen. Als gefährlicher erweisen sich die Begleit- und Folgekrankheiten: Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, koronare Herzkrankheiten, Nierenleiden, Osteoporose, Arthrose, Stresserkrankungen, Depressionen usw. „So früh rund ist also definitiv nicht gesund!“.

Anteil der Mädchen und Jungen zwischen 4 und 12 Jahren, die die von der WHO vorgegebene Guideline erfüllen (Woll, Jekauc, Mees & Bös, 2008)

Weniger intuitiv einleuchtend oder sogar etwas überraschend ist, dass Bewegungsmangel auch einen negativen Einfluss auf die Gehirnleistungsfähigkeit nehmen kann. Analysiert wurde vorwiegend die umgekehrte Wirkungsrichtung, d. h. positiv betrachtet, ob körperliche Aktivitäten in der Kindheit die kognitive Leistungsfähigkeit stärken. Dabei muss einem Missverständnis vorgebeugt werden. Der verbreitete Slogan „Toben macht schlau“ heißt nicht, dass Bewegung,

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Spiel und Sport direkt die Intelligenz fördern würden (Gegenbeispiele: motorisch ungeschickte Professoren, Fußballer im Interview). Aber: Toben verbessert die so genannten exekutiven Funktionen. Damit sind lernförderliche Rahmenkompetenzen gemeint, wie das Arbeitsgedächtnis (Fähigkeit, Informationen kurzzeitig zu speichern und mit ihnen zu arbeiten), die Inhibition (Fähigkeit spontane Impulse zu unterdrücken, Aufmerksamkeit zu lenken) und die kognitive Flexibilität (Entscheidungsfähigkeit, Einstellen auf neue Situationen). Diesen positiven Einfluss bestätigen inzwischen mehr als 200 internationale Untersuchungen (vgl. zusammenfassend z. B. Berwid & Halperin, 2012). Wie wichtig die exekutiven Funktionen für unseren Erfolg im Leben sein können, zeigt die folgende „Gedankenkette“: Toben verbessert die exekutiven Funktionen, diese (speziell das Arbeitsgedächtnis) ermöglichen im Kindergartenalter eine bessere Vorhersage der schulischen Leistungen als der IQ (Blair & Razza 2007; Duckworth & Seligman, 2005) und schulische Leistungen im Alter von acht Jahren lassen einen ziemlich zuverlässigen Schluss auf den Berufserfolg (Wohlstand) und den Gesundheitsstatus im Erwachsenenalter zu (Kantomaa u. a., 2013; n = 8.061).

OB Dr. Eckart Würzner, Prof. Dr. Klaus Roth, Dr. h. c. Manfred Lautenschläger und Thorsten Damm beim Ballspielfest im ISSW

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Es gibt also viele gute Gründe, etwas gegen den zunehmenden Bewegungsmangel zu tun! Die drei Säulen der Ballschule Die Ballschule hat sich in ihrer 20-jährigen Geschichte über mehrere Phasen hinweg zu einem „Kindersportprogramm für Alle“ entwickelt. Im klassischen Sinne einer anwendungsbezogenen sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Forschung wurden ihre theoretisch abgeleiteten Kernannahmen empirisch überprüft und konsequent in praktisches Handlungswissen übertragen. Heute steht der zuletzt genannte Aspekt – und damit das Ziel möglichst viele Kinder in ihrer motorischen und damit ihrer gesamten Persönlichkeitsentwicklung zu fördern – im Mittelpunkt. Aus dieser Wunschvorstellung ergaben sich fast zwangsläufig die drei zentralen Aufgabenbereiche (Säulen) der Ballschule: die Konzeption von zielgruppenspezifischen Angeboten, die Kooperation mit Institutionen (Kindergärten, Grundschulen, Verbänden & Vereinen) und die qualifizierte Ausbildung von Ballschulleitern. Säule 1: Konzeption vielfältiger Ballschulprogramme Die Ballschule bietet in vier Stufen ein durchgehendes Konzept vom Kleinkindalter ab ca. 18 Monaten bis zum späten Schulkindalter mit ca. 10 bis 12 Jahren. In der Einführungsphase (Stufe 1) bilden die Baby-Ballschule und die Mini-Ballschule den Startpunkt in das „Ballspiel-Leben“. Die allgemeine sportspielübergreifende Ballschule für Grundschulkinder eignet sich dann vor allem für die Klassenstufen 1 und 2. Auch im Verein hat es sich bewährt, die Stufe 2 mindestens ein- besser zweijährig mit sechs- bis neunjährigen Kindern durchzuführen. Auf der dritten Ebene schließen sich die sportspielgerichteten Ausbildungen an. Sie sind schwerpunktmäßig für neun- bis elfjährige Kinder gedacht. In der Ballschule wird hier von zwei großen Gruppierungen ausgegangen, die als Rückschlagspiele und Zielschussspiele bezeichnet werden. Die vierte und letzte Stufe beinhaltet den Einstieg in das


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zielgerichtete Erlernen einzelner Sportspiele. Bis heute haben mehr als 300.000 Kinder an den Kursen der Ballschule Heidelberg teilgenommen. In allen Phasen wird den Heranwachsenden nach den zentralen Ballschulprinzipien der Entwicklungsgemäßheit und Vielseitigkeit (Ziele), der Freudbetontheit (Inhalte) und des spielerischunangeleiteten Lernens (Methoden) das ABC des Spielens vermittelt. Dieses ABC soll den Kindern genauso vertraut werden wie das normale ABC. Ähnlich wie Buchstaben das Baumaterial für Wörter und Sätze bilden, besteht das Ballschul-ABC aus Bausteinen, die mehr oder weniger in allen Sportspielen vorkommen. Die Kinder lernen mit Anforderungen umzugehen, die für die Familie der Sportspiele typisch sind. In diesem Sinne werden sie geschult, „Lücken zu erkennen“, sie verbessern ihre Ballkoordination, lernen die Flugbahn von Bällen einzuschätzen usw. Für alle Ballschulprogramme sind sorgfältig evaluierte Lehrpläne in Buchform veröffentlicht worden. Im Jahr 2005 begann die zusätzliche Erstellung von Ballschulprogrammen für spezifische Zielgruppen im Grundschulalter. In den Blick gerieten auf der einen Seite Kinder mit erkennbaren Defiziten in der motorischen Entwicklung. Im Rahmen von interdisziplinären Forschungsvorhaben, die von der Manfred Lautenschläger-Stiftung (mit-)gefördert wurden, sind maßgeschneiderte Interventionen, z. B. für übergewichtige, körperbehinderte und hyperaktive Kinder, erprobt und evaluiert worden. Auf der anderen Seite befasst sich die Ballschule seit dem Jahr 2006 verstärkt mit der Diagnostik, Sichtung und Ausbildung begabter Kinder. An dem Projekt Kooperative Talentförderung nehmen jährlich etwa 40 Grundschulen aus der Metropolregion Rhein-Neckar teil. Alle interessierten Kinder werden nach Abschluss der Ballschule in der zweiten Klasse motiviert, an diesen Anschlussangeboten teilzunehmen. Partner sind der USC Heidelberg, die TSG Hoffen-

heim, die Rhein-Neckar-Löwen und die Adler Mannheim. Bemerkenswert ist, dass es sich um die bisher einzige Talentfördermaßnahme in Deutschland handelt, bei der Kinder nicht aus dem Blickwinkel des Anforderungsprofils einzelner, sondern verschiedener Sportspiele ausgewählt werden. Säule 2: Kooperationen mit Kindergärten, Grundschulen & Vereinen Die Verbreitung der Ballschulangebote erfolgt über Kooperationen mit Kindergärten, Grundschulen und Sportvereinen. Aus den 100 Kindern in Heidelberg-Kirchheim im Jahr 1998 sind Tausende von Ballschulkindern in der MRN geworden. Etwa 500 Kitas und Grundschulen nehmen an den Programmen teil. Die Ballschule hat sich zusätzlich auch bundesweit zu einem gefragten Partner vor allem für Sportvereine entwickelt. Zu ihnen zählen kleinere Mehr- oder Einspartenvereine und bekannte Clubs wie der USC

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Ballschule Heidelberg

Heidelberg, die TSG Hoffenheim, die RheinNeckar-Löwen, die Adler Mannheim, Eintracht Frankfurt, Werder Bremen, der SC Freiburg, der THW Kiel, der VfL Gummersbach und Brose Bamberg. Begleitet wird die nationale Erweiterung durch Zentren in München, Bamberg, Köln, Halle, Hamburg und Kiel. Diese werden von fachkundigen Ballschulexperten geleitet und sind ebenfalls berechtigt in ihrer (vertraglich festgelegten) Region Kooperationen abzuschließen und Ballschulleiter-Ausbildungen durchzuführen. Die internationale Ausrichtung der Ballschule war bereits zum Startzeitpunkt vorhanden. Kurz nach dem Erscheinen des ABC-Grundlehrplans wurde dieser in die portugiesische Sprache übersetzt und in Belo Horizonte ist eine Escola da Bola eröffnet worden. Bis heute sind viele Kooperationspartner hinzugekommen. Im Jahr 2015 wurden erstmals auch Landeszentren gegründet (in Österreich und in der Schweiz), die eine flächendeckende, nationale Einführung der Ballschule zum Ziel haben. Säule 3: Ausbildung von Ballschulleitern Ein wichtiger Aspekt der Verbreitung des Konzepts der Ballschule Heidelberg ist die Sicherstellung eines adäquaten Systems von Aus- und Fortbildungen. Die Ausbildungen beziehen sich auf das Ballschul ABC (Grundschulkinder) und die Mini-Ballschule (Kleinund Vorschulkinder). Die Fortbildungen thematisieren die speziellen Zusatzprogramme (Fortbildung Wurfspiele, Fortbildung Adipositas usw.). Die beiden Abbildungen veranschaulichen, dass im Zeitraum von 2002 bis 2005 noch ein vergleichsweise niedriger Bedarf vorhanden war. Es fanden ausschließlich interne Ausbildungen für das Ballschul ABC am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg statt. In der Phase von 2006 bis 2010 wurde die Zahl der Kurse nahezu um das Fünffache gesteigert. Darin spiegelt sich einerseits der enorme Anstieg an Kooperationspartnern wider, deren Ballschulleiter verpflichtend die Veranstaltungen zu besuchen haben. Andererseits erklärt

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Anzahl der internen Aus- und Fortbildungsveranstaltungen (oben) und der Teilnehmer/innen (unten) von 2002 bis Mai 2015

sich der Zuwachs aus der Entwicklung der neuen Programmvarianten und der damit verbundenen Ausdifferenzierung der Ausund Fortbildungsthemen. Der Blick nach vorne: die Vision 2020 Positive Bilanzen sind „Wegweiser und keine Lagerstätten“. In allen Aufgabenfeldern der Ballschule gibt es noch Optimierungsideen und so etwas wie Visionen. Für die Säule 1 sind beispielhaft die Aspekte der Erweiterung und Kombination von Ballschulprogrammen zu nennen: Programmerweiterungen: Eine noch erkennbare Lücke im Ballschulrepertoire betrifft die Lehrpläne für die vierte Ausbildungsstufe. Hier geht es um den konzeptionellen Übergang von der sportspielübergreifenden bzw. sportspielgerichteten Vermittlung taktischer, koordinativer und technischer Basiskompetenzen hin zur Einführung in spezifische Sportspiele. Damit wird eine Brücke zu den herkömmlichen Vereinsangeboten geschaffen. Die ersten


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Entwürfe liegen für die Sportarten Golf und Fußball vor. In diesen Kontext sind auch die gerade begonnenen Aktivitäten zur Erstellung eines Ballschul-Talent-Checks einzuordnen. Er beinhaltet ein Testsystem mit vier Modulen, die aus einer Mixtur sportspielübergreifender (Personen-/Persönlichkeitsmerkmale; Allgemeine Athletik) und disziplinspezifischer Testungen (Technik & Taktik; Spielleistung) bestehen. Das biologische Alter der Kinder wird dabei ebenso berücksichtigt wie eventuelle Relativ-AgeEffekte. Zudem werden die üblichen statischen Talentbetrachtungen erstmals ergänzt durch dynamische Analysen und die Berücksichtigung des neuartigen Kriteriums der „Utilisation“. In das letztgenannte fließen die bisher genutzten Ressourcen (Trainingsalter, Förderungen usw.) mit ein. Eine Besonderheit des Talent-Checks ist darin zu sehen, dass die Trainer und teilnehmenden Kinder eine Sofort-Rückmeldung in Form von Zeugnissen mit Bezug zu repräsentativen Normwerttabellen erhalten. Programmkombinationen: Für das Kleinund Vorschulalter wird gefordert, dass die Kinder der Schule „entgegengebildet“, aber noch nicht analytisch in einzelnen Wissensoder Könnensbereichen unterrichtet werden sollen. Die Mini-Ballschule hat sich als effektives Programm zur Förderung der motorischen und sprachlichen Entwicklung erwiesen. Die Evaluationsergebnisse zeigen massive Fortschritte der Ballschulkinder gegenüber vergleichbaren Kontrollgruppen. Ein besonderer Resultatsaspekt ist darin zu sehen, dass vor allem die schwächeren Kinder (unteres Quartil) von der Intervention profitiert haben. Unter dem Label „Gesundes Aufwachsen“ wird die Ballschule ab Oktober 2017 an ausgewählten Kindergärten mit dem MRN-Projekt „Abenteuer Essen“ verknüpft. Angestrebt wird nicht die bloße Addition, sondern eine integrative Vernetzung der beiden Programme. In einer weiteren neuen Maßnahme geht es um die Chancengleichheit durch Förderung der exekutiven Funktionen (EF) im

Vorschulalter. Zentraler Ideengenerator für das Vorhaben ist die mittlerweile gefestigte Erkenntnis, „that an emphasis on executive functions in kindergarten may reduce poverty-linked deficits in school readiness“ (Blair & Raver, 2014; http://steinhardt.nyu. edu/site/ ataglance/2014/12/tools-of-themind-blair-raver.html; Zugriff am 22. Februar 2016). Das geplante Interventionsprogramm beruht im Kern auf ausgewählten und modifizierten Spielen/Übungen aus der MiniBallschule, die durch Elemente und Aufgabenstellungen aus den Projekten Tools of the Mind (Bodrova & Leong, 2004) und PFiFF (Kubesch, 2013) angereichert werden. Wichtig ist die Einbeziehung aller Kinder der teilnehmenden Kindergärten. Nach dem „Paradox of Targeting“ aus der Ungleichheitsforschung erreicht man mit universellen Treatments die sozial benachteiligten Gruppen besser, als mit ihrer isolierten, selektiven Förderung. Die Ballschule ist naturgemäß nicht an allen ihren Zielen angekommen und verfügt über weitere Potenziale – auch in den Bereichen Kooperation und Ausbildung. Stichworte sind z. B. die Fertigstellung eines Qualitätshandbuchs, der Ausbau der Kommunikation/ Vernetzung zwischen den Kooperationspartnern, die Optimierung von Beratungen und Hilfeleistungen für Sportvereine (Gewinnung von Übungsleitern, Ausstattung mit Spielmaterialien, Kooperationen mit Kindergärten und Schulen, Lehrmaterialien, Newsletter), die Stärkung der Corporate Identity, die Bereitstellung eines Testmanuals für einen Ballschul-Check und die konzeptionelle Neuplanung von Ballspielfesten (Dino-Days). Für uns gilt der Leitsatz: „Wer alle seine Ziele erreicht, hat sie zu niedrig angesetzt!“ Wir freuen uns auf viele spannende, zukünftige Ballschul-Herausforderungen. Ein Beitrag von Prof. Dr. Klaus Roth, Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg

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ML Talent Academy

ML Talent Academy

Das zentrale Ziel der Manfred Lautenschläger Talent Academy besteht darin, regionale Basketballtalente auf ihrem Weg an die Spitze zu begleiten, indem ihnen optimale, leistungsförderliche Voraussetzungen geboten werden. Die Talent Academy agiert als Gemeinschaft bestehend aus Basketballvereinen, dem Institut für Sport und Sportwissenschaft (ISSW), der Ballschule Heidelberg und kooperierenden Schulen. Qualifizierte Trainer, Schullehrer, Sportwissenschaftler und Sportstudenten bieten ein vielfältiges, lern- und trainingseffektives Basketballprogramm an, damit die Talente von heute sich zu den Stars von morgen entwickeln. Sowohl die Internetseite als auch der Flyer der ML Talent Academy dienen als Kommunikationsschnittstelle des Talentprojekts. Auf der Internetseite (www.mltalentacademy.de) werden sämtliche Vereinskontakte und Ansprechpartner aufgelistet. Über beide Präsentationsplattformen erhalten basketballinteressierte Kinder und Eltern der Region einen schnellen und transparenten Überblick über das Angebot der ML Talent Academy. Außerdem erhalten die Talente auf dem frei zugänglichen Web-Übungsportal Empfehlungen und Anleitungen für ein Eigentraining. Sowohl kindgerechte und übersichtliche Trainingsvideos als auch Übungsblätter regen zum Freizeittraining an. So können selbst die Kids, die bisher noch keinem Verein beigetreten sind, am „Ball“ bleiben. Die Inhalte des langfristig angelegten Talentförderprojektes beruhen auf einem DreiSäulen-Konzept.

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Säule 1: Talentsuche über Eventveranstaltungen und Grundschul-AGs Die erste Säule bezieht sich auf eine systematische, flächendeckende Talentsuche. Über einmalige Events und fortlaufende Schul-AGs sollen Kinder im Altersbereich von fünf bis zehn Jahren für Basketball begeistert und gewonnen werden, damit der Einstieg in die Basketballvereine geebnet wird. Vernachlässigt man die Maßnahmen der Talentsichtung in dieser kindlichen Entwicklungsphase, besteht die „Gefahr“, dass viele Bewegungs- und Ballspieltalente zunächst in Berührung mit Fußball kommen und dauerhaft ausüben. Ein möglicher Karriereweg im Basketball ist somit häufig beendet, bevor er angefangen hat. Durch die Sichtungsmaßnahmen wird der Grundstein für einen möglichst breiten Talentpool aufgebaut, der systematisch, langfristig und planmäßig gefördert wird. Über die Ballschule bestehen gute Kontakte zu den Grundschulen in der Region. In den Ballschul-AGs werden erste Bewegungstalente entdeckt und können von den Basketballvereinen rekrutiert werden. Die Trainer haben zudem die Möglichkeit, über ermäßigte Preise an den Fortbildungen der Ballschule Heidelberg teilzunehmen. Sichtungsmaßnahmen Fortlaufende Kurse • Ballschul AGs in den Grundschulen • Ballschul-Kurse am ISSW • Basketball AG Offensive (2015/2016) • Basketball AGs


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Veranstaltungen/Events • Heidelberger Basketball-Olympiade • Spieltreffen • DBB- Minifestival • Camps Sichtungsmaßnahmen 2016 2016 wurde in Zusammenarbeit mit der Mini-Referentin Elke Boll erstmalig die Heidelberger Basketball-Olympiade durchgeführt. Ein Team aus Sportstudierenden hat im Rahmen eines Hauptseminars tatkräftig an der Planung und Durchführung des Events mitgewirkt. Insgesamt nahmen ca. 100 Grundschulkinder aus vier Grundschulen teil. Jede Schule vertrat eine Nation. Eine weitere Besonderheit lag darin, dass neben dem Basketballwettbewerb auch die beste Fangemeinschaft ausgezeichnet wurde. Die Schulen investierten im Vorfeld viel Arbeit, Mühe und Schweiß, um ein ländergerechtes Outfit zu entwerfen und entsprechende Tanzauftritte einzustudieren, die sie am Veranstaltungstermin stolz präsentierten. Die Resonanz auf dieses Event war von allen Beteiligten derart positiv, dass die Veranstaltung auch 2017 durchgeführt wird. Wie in den Jahren zuvor fanden auch 2016 Spieltreffen statt. Neben dem BasketballTurnier wurde den Teilnehmern ein buntes Rahmenprogramm geboten: Nach einer Aufwärmphase konnten sie das DBB-Spielabzeichen erlangen, es gab ein „meet and greet“ inkl. einer Fragerunde und einem Einlagenspiel mit Basketballprofis. Das Highlight war jedoch der Besuch des Heimspiels der MLP Academics. Die Augen der Kinder funkelten noch etwas heller, als sämtliche Profis nach dem erfolgreichen Spiel auf den eigens ausgegebenen Event-T-Shirts unterschrieben. Eine weitere Sondermaßnahme startete bereits 2015 zu Beginn des Schuljahres 2015/16: Die Basketball AG Offensive. Um möglichst viele neue Ballschul-AGs an den Schulen zu implementieren, haben die Mitarbeiter der ML Talent Academy das Übungsleiterhonorar für ein Schuljahr übernommen und den erfahrungsgemäß nicht

immer ausreichend ausgestatteten Schulen Ballmaterialien spendiert. Das Angebot wurde von den Vereinen und Schulen sehr gut angenommen. Mit der Offensive konnten 19 Basketball AGs personell und materiell unterstützt werden, damit die Kinder auch zukünftig durch diese Anstoßmaßnahme einen Zugang zum Basketball erhalten.

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ML Talent Academy

Säule 2: Talentfördermaßnahmen – Individualität ist Trumpf Die zweite Säule, die Förderung, beinhaltet schwerpunktmäßig das mannschaftliche Vereinstraining. Daneben werden auch ein Kleingruppen-Athletiktraining sowie ein videogestütztes Technik-Individualtraining, das auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, angeboten. Außerdem regt ein eigens erstelltes Online-Übungsportal zum Eigentraining an. Dadurch sollen weitere Leistungsschübe der talentiertesten Basketballer erzielt werden. Die Intention der beschriebenen Fördermaßnahmen besteht darin, die individuellen Potenziale der Talente zu entwickeln und auszuschöpfen. Die Trainingseinheiten sollen die Kinder und Jugendlichen ganzheitlich fordern und fördern, es gilt die psychomotorischen Eigenschaften zu formen und zu stärken.

Fördermaßnahmen • Vereinstraining • Athletiktraining • Videogestütztes Techniktraining • Web-Übungsportal

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Fördermaßnahmen 2016 Ende 2016 wurde erstmalig eine videogestützte Technikanalyse durchgeführt. Hierbei werden die Würfe der Talente aus der Frontal- und Seitperspektive aufgenommen. Über ein Softwareprogramm und dem Abgleich mit Idealleitbildern können differenzierte Analysen vorgenommen und Empfehlungen zur Technikoptimierung ausgesprochen werden. Auf der Internetseite werden seit 2015 Übungen präsentiert, die in Eigenregie alleine oder mit Partner, zu Hause, auf der Straße oder auf einem Freiplatz durchgeführt werden können. Dieses Web-Übungsportal wurde stets weiterentwickelt und wird von den Sportlern häufig in Anspruch genommen. 2016 wurde die Internetseite noch übersichtlicher und transparenter aufbereitet. Die Übungen sind nun aufgeteilt nach technischen und athletischen Übungen und werden kindgerecht als Videosequenz oder Print-Version gezeigt. Neben der praktischen Umsetzung werden darüber hinaus leicht verständliche Trainingsprinzipien dargestellt und Leitbilder für die verschiedenen Wurfund Dribblingtechniken aufgeführt. Säule 3: Diagnostik – genaue Talentprognosen mit dem HD Talent Check Die dritte Säule – der Heidelberger Talent Check – basiert auf einer ganzheitlichen Talentidentifikation. Das Team um Markus Schmid und Prof. Dr. Klaus Roth haben ein neues, modernes Diagnosesystem entwickelt, das aktuelle Leistungszustände sowie -entwicklungen von Sportlermerkmalen erfasst und ein ganzheitliches Talentbild erstellt: Technische, konditionell-koordinative, psychologische und köperkonstitutionelle Personenmerkmale sowie die Bewegungsbiografie und Umfeldfaktoren der Talente


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werden erhoben. Der Heidelberger Talent Check wurde speziell auf die basketballspezifischen Anforderungen angepasst. Dazu wurden unter anderem neue Messinstrumente entwickelt und exklusiv für die ML Talent Academy angefertigt. Spieler ab der Altersklasse U12 und jedes Leistungsniveaus können getestet werden. Mit Hilfe des HD Talent Checks können genauere Talentprognosen abgeschätzt werden, da neben den aktuellen Leistungswerten auch Potenziale identifiziert werden. Außerdem liefert er dem Trainer und den Spielern nützliche Hinweise und Erkenntnisse zur weiteren individuellen Trainingssteuerung. Diagnostikmaßnahmen 2016 Nach bisher vier Testungen konnten mit einer nun ausreichend großen Probandenzahl die wissenschaftlichen Gütekriterien überprüft werden. Die wissenschaftliche Aussagekraft sportmotorischer Testverfahren hängt wesentlich von der Objektivität, der Reliabilität und der Validität ab. Eine hohe Objektivität wird durch die ausführlich beschriebenen Testbeschreibungen und Videodemonstrationen gewährleistet. Außerdem wird auf ein erfahrenes Testleiterpersonal zurückgegriffen, die alle vor ihrer erstmaligen Durchführung in einem umfassenden Workshop bzgl. der Testaufbauten und -durchführung ausgebildet wurden. Auch Auswertungen bzgl. der Reliabilität – wie zuverlässig messen die Tests? – haben äußerst positive Befunde aufgezeigt. Die athletischen Tests und die anthropometrischen Erhebungen weisen durchweg einen sehr hohen Qualitätsindex auf (r> 0.9). Die sehr komplexen technischen Testverfahren erreichen geringere Koeffizienten, die aber durchaus nachvollziehbar sind (0.6< r < 0.9). Der Ball als Unsicherheitsfaktor sowie eine strategische Herangehensweise erklären die geringeren Werte im Vergleich zu den

Athletik-Tests. In diesem Kontext liegen auch die Werte der technischen Tests in einem annehmbaren Bereich. Im Vergleich zur DFB-Leistungsdiagnostik im Fußball konnten sogar bessere Reliabilitätskoeffizienten erzielt werden. Eine zweite zentrale Weiterentwicklung im Jahr 2016 wurde bei den Spielerprofilen durchgeführt. Um die Serviceleistungen für Spieler und Trainer weiter zu optimieren, werden auf den Auswertungsprofilen mittlerweile neben den aktuellen Leistungszuständen auch die prozentualen Entwicklungen im Vergleich zur letzten Messung aufgezeigt. Somit werden auch Leistungsrückschritte, -stagnationen und -zuwächse übersichtlich dargestellt. Alle Maßnahmen 2016 im Überblick Sichtung • 1. HD Basketball-Olympiade • Spieltreffen • DBB-Minifestival Förderung • Videogestütztes Techniktraining • Web-Übungsportal Diagnostik • Prüfung wissenschaftlicher Gütekriterien • Spieler-Profile Die Vision ist klar: Die nächste Basketballgeneration aus der Rhein-Neckar Region soll optimal gefördert werden und die Bundesliga aufmischen. Und vielleicht schafft es das ein oder andere Talent erneut in die NBA. Ein Beitrag von Markus Schmid (ISSW Heidelberg), Leiter der ML Talent Academy

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Schwimmfix

Schwimmfix

Carola und Clemens sind 10 Jahre alt und sichere Schwimmer, d. h. die Eltern gestatten, dass sie mit Freunden im Winter im Hallenbad und im Sommer im Freibad schwimmen, springen, spielen und toben. Felix ist an diesen Nachmittagen immer etwas traurig, denn er ist noch kein sicherer Schwimmer und hat bisher nur die Anforderungen des „Seepferdchens“ bewältigt, daher kann er seine Freunde noch nicht ins Freibad begleiten. Leider ist Felix keine Ausnahme, denn eine landesweite Erhebung (Baden-Württemberg) des Instituts für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg ergab, dass in Klasse 2 über 50 % der Schüler, im Widerspruch zu den Vorgaben der Bildungspläne des Ministeriums für Kultus, Unterricht und Sport, nicht sicher schwimmen können (s. Tabelle 1): Schüler sind erst dann sichere Schwimmer, wenn sie die Anforderungen des Jugendschwimmabzeichens in Bronze (u. a. 200 m schwimmen in höchstens 15 Minuten) problemlos bewältigen. Nichtschwimmer und Halbschwimmer Datenerhebung 2009, 1151 Grundschulen (Baden-Württemberg) Klassenstufe Schülerinnen Klasse 1 67,6 % Klasse 2 53 % Klasse 3 41,8 % Klasse 4 30,4 %

Schüler 68,4 % 54,3 % 44 % 32 %

Tabelle 1: Anzahl der Nichtschwimmer und Halbschwimmer in Baden-Württemberg. Die Statistik wurde vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität erstellt.

Die Diskrepanz zwischen der erschreckend hohen Anzahl an Nichtschwimmern, deren Anzahl sich seit 2005 nicht verändert hat,

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und den Vorgaben des aktuellen Bildungsplans war für Dr. h. c. Manfred Lautenschläger bereits 2005 Anlass, den Schwimmunterricht in der Primarstufe zu unterstützen. Was war geschehen: An einem Freitag im Mai 2005 elektrisierte Dr. h. c. Manfred Lautenschläger ein Zeitungsbericht in der RNZ zu der aktuellen Nichtschwimmerstatistik, die von der DLRG deutschlandweit erhoben wurde und durch eine Datenerhebung des Instituts für Sport und Sportwissenschaft bestätigt wurde. Die in der Rhein-Neckar-Zeitung veröffentlichte Statistik war für ihn der Auslöser, um initiativ zu werden, er telefonierte mit Prof. Dr. Klaus Roth vom Institut für Sport und Sportwissenshaft der Universität Heidelberg: „Wir müssen in dieser Sache etwas unternehmen, um die Situation an den Schulen zu verbessern“. In Kooperation mit der Manfred Lautenschläger-Stiftung entwickelte das Institut für Sport und Sportwissenschaft unter der Federführung von Prof. Dr. Klaus Roth und Dr. Klaus Reischle das Schwimmfix-Konzept. Dieses Konzept trifft, im Vergleich zu den anderen Programmen, eine didaktisch bedeutsame Entscheidung, d. h. die motorische Zielsetzung ist es, zunächst überhaupt schwimmen zu lernen, und dann erst die einzelnen Schwimmarten einzusteigen: Nachdem die Schüler die notwendigen Vorerfahrungen gesammelt haben, also einfache Teilbewegungen, z. B. Brustarmzug und Kraulbeinschlag, gelernt haben, werden die Teilbewegungen zum „Hubschrauber“ kombiniert. Erst dann lernen die Kinder die Schwimmarten. Mit dem „Hubschrauber“ können die Schüler bereits schwimmen, beherrschen aber noch keine Schwimmart. Darüber hinaus kümmern sich die Grundschulen, die sich am Schwimmfix-Konzept orientieren, zunächst vorrangig um die


Schwimmfix

Nichtschwimmer. Mit diesen didaktischen und organisatorischen Entscheidungen, die mit dem Bildungsplan konform sind, konnte die Anzahl der Nichtschwimmer an den Heidelberger Grundschulen von über 50 % (s. Tabelle 1) in einen Bereich von 9 bis 15 % gesenkt werden. Diese didaktische Strategie des SchwimmfixKonzepts konnte durch die Unterstützung der Manfred Lautenschläger-Stiftung an 18 Heidelberger, 12 Mannheimer und 35 Karlsruher Primarschulen über einen Zeitraum von 10 Jahren realisiert werden. Die Lehrkräfte der Primarschulen, die sich für das Schwimmfix-Projekt entschieden haben, wurden durch Lehrassistenten (Sportstudierende der Universität Heidelberg, der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und des KIT Karlsruhe) unterstützt. Neben den Studierenden profitierten die Primarschüler, die Eltern und die Lehrkräfte der jeweiligen Schule vom Schwimmfix-Projekt, denn die Schüler lernten schwimmen, die Studierenden sammelten Lehrerfahrungen und wurden angemessen entlohnt, die Lehrkräfte wurden mit aktuellen Lehrmethoden konfrontiert, und die Eltern mussten nicht die teuren Nichtschwimmerkurse bezahlen. Inzwischen organisieren u. a. die Primarschulen in Unterfranken und in Ludwigsburg den Schwimmunterricht nach den Vorgaben des Schwimmfix-Konzepts. Viele der Schulen verwenden dabei die sogenannte DrehtürMethode: Die Schwimmer und ein Teil der Nichtschwimmer der jeweiligen Klasse haben eine Doppelstunde in der Sporthalle oder auf dem Sportplatz. Die ersten sechs Nichtschwimmer der Klasse (Gruppe A) nehmen nicht am Unterricht im Klassenverband teil, sondern haben gleichzeitig Schwimmunterricht. Nach 14 bis 16 Wochen können die Schüler dieser Gruppe schwimmen und werden wieder in den Unterricht inte-

Foto: Walter Fogel

Foto: Walter Fogel

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Schwimmfix

Tops des Schwimmfix-Konzepts • Die Schwimmschüler sammeln Vorerfahrungen in vertikaler und horizontaler Position in Rückenund Bauchlage. • Zunächst lernen die Schüler drei einfache Teilbewegungen: 1. Brustarmzug, in vertikaler Ebene in Schulterhöhe, 2. in Bauchposition paddeln (=„Hundeln“), 3. in horizontaler Ebene in Hüfthöhe, in Rückenposition paddeln in der Rückenlage, jeweils kombiniert mit Kraul- und Rückenbeinschlag. • Diese einfachen Teilbewegungen werden dann zu „Hubschrauber“, „Raddampfer“ und „Ruderboot“ kombiniert. • Die Schüler lernen also zunächst schwimmen („Hubschrauber“, „Raddampfer“ und „Ruderboot“) und dann erst eine oder mehrere Schwimmarten. • Schüler lernen, probieren und spielen beim Schwimmunterricht. Der Schwimmunterricht in der Primarstufe sollte sich im Idealfall zunächst um die Nichtschwimmer kümmern, die in Kleingruppen (sechs Schüler) sukzessive unterrichtet werden und zweimal pro Woche einen Schwimmunterricht besuchen. Die vorgeschlagene Organisationsform und die Unterrichtsdichte sind effektiver als der Schwimmunterricht im Klassenverband, denn meistens unterrichtet dann eine Lehrkraft 10 bis 12 Nichtschwimmer: „Mission impossible“!

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griert, der parallel zum Schwimmunterricht in der Sporthalle oder auf dem Sportplatz statt-findet. Nun kommt die nächste Gruppe, also die nächsten sechs Nichtschwimmer der Klasse, zum Schwimmunterricht. Diese methodische Entscheidung ist immer dann sinnvoll, wenn nicht genügend Lehrkräfte für den Schwimmunterricht zur Verfügung stehen. Das von Dr. h. c. Manfred Lautenschläger initiierte Schwimmfix-Konzept, von dem Schüler und Studierende profitiert haben, ist ein erfolgreich erprobtes Modell für den Schwimmunterricht an den Primarschulen. Das Ministerium für Kultus, Unterricht und Sport Baden-Württemberg bietet seit zwei Jahren am Landesinstitut (LIS) in Ludwigsburg regelmäßig für die Lehrenden der Primarschulen Schwimmfix-Weiterbildungen an, die bei der Lehrerschaft offenbar einen großen Anklang finden, denn die Weiterbildungen sind immer überbucht. Über diese Weiterbildungsmaßnahmen des Landes wird im Laufe der nächsten Jahre das Konzept an immer mehr Primarschulen des Landes verbreitet werden. Inzwischen hat auch Felix schwimmen gelernt, denn an seiner Schule wurde ebenfalls das Schwimmfix-Projekt installiert, d. h. die studentischen Lehrassistenten haben mit ihm und seinen Mitschülern intensiv geübt, gespielt und im Wasser getobt. Felix kann inzwischen problemlos 200 m schwimmen und endlich mit seinen Freunden das Freibad besuchen. „Die Schüler, die studentischen Lehrassistenten, die Lehrenden der Primarschulen, die Schulverwaltung und nicht zuletzt die Eltern haben von dem Schwimmfix-Projekt profitiert, das dank der zündenden Idee und des Engagements von Dr. h. c. Manfred Lautenschläger initiiert wurde.“ Ein Beitrag von Dr. Klaus Reischle, Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg


Schwimmfix

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Palatina-Handschriften

Digitalisierung der lateinischen Palatina-Handschriften

Die Ursprünge der Bibliotheca Palatina reichen zurück bis zur Gründung der Universität Heidelberg im Jahr 1386. In der Folge ständig erweitert, besaß die Bibliotheca Palatina zwischenzeitlich den Charakter einer Reichsbibliothek und galt zur Zeit ihrer Blüte, nach dem Erwerb bedeutender Manuskripte im 16. Jahrhundert, als die „Mutter aller Bibliotheken“. Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges wurde Heidelberg jedoch von katholischen Truppen erobert und die Bibliothek in den Vatikan transportiert. Aufgrund von entsprechenden Vereinbarungen während des Wiener Kongresses wurden zumindest die deutschsprachigen Handschriften im Jahr 1816 wieder nach Heidelberg verbracht. 2001 begann die Universitätsbibliothek Heidelberg, erste Bände aus diesen Beständen vermittels digitaler Techniken im Internet zugänglich zu machen.

Heidelberger Digitalisierungszentrum in Rom Heidelberger Mitarbeiterin bei der Digitalisierung am Grazer Buchtisch in Räumlichkeiten der Biblioteca Apostolica Vaticana Foto: Universitätsbibliothek Heidelberg

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Bis auf wenige Ausnahmen liegen die nicht deutschsprachigen Handschriften und sämtliche Drucke allerdings noch heute in den Tresoren der Vatikanischen Bibliothek. Nachdem bereits im Rahmen eines ersten Projekts 130 der ca. 2.030 lateinischen Handschriften von der Universitätsbibliothek Heidelberg digitalisiert werden konnten, wurde im Januar 2012 damit begonnen, auch die übrigen lateinischen Codices im Vatikan entsprechend zu bearbeiten. Darunter befinden sich so bedeutende Handschriften wie das Mitte des 13. Jahrhunderts entstandene „Falkenbuch“ Kaiser Friedrichs II. (De arte venandi cum avibus) oder „De rerum naturis“ des Rabanus Maurus aus dem Jahr 1425. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung förderte dieses Projekt in dem Zeitraum von 2013 bis 2016 mit einer Summe in Höhe von insgesamt 480.000 Euro. Von Anfang 2012 bis Juli 2013 konnten so im Vatikan bereits 331 Codices digitalisiert werden, was bedeutet, dass 500 Seiten pro Tag bearbeitet wurden. Die Universitätsbibliothek Heidelberg verzeichnete bereits zu diesem Zeitpunkt 1,2 Millionen Aufrufe von Einzelseiten aus Palatina-Handschriften auf ihrer Internetseite, die Teil des Projekts ist. 2014 stellte der Vatikan einen weiteren Raum für die Digitalisierungsarbeiten zur Verfügung. Innerhalb eines Jahres wurden nun bereits 317 Handschriften digitalisiert. Im Folgejahr wurde diese Jahresleistung mit 422 Schriften sogar noch deutlich überboten und dieses Tempo seitdem beibehalten, so dass 2017 die Digitalisierung abgeschlossen sein wird. Im Sommer 2016 wurden 1,5 Millionen Aufrufe pro Jahr auf der Internetseite gezählt.


Palatina-Handschriften

Doch der Erfolg des Projekts lässt sich nicht ausschließlich in Zahlen bemessen. Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft würdigten es als „Pionierleistung“ und bewilligten Mittel für eine wissenschaftliche Erschließung der Schriften. Zudem finanzierte das Wissenschaftsministerium des Lands Baden-Württemberg einen weiteren so genannten „Grazer Buchtisch“ mit Kameraaustattung für das zweite Studio im Vatikan. Dr. Veit Probst, Direktor der Universitätsbibliothek Heidelberg, konstatierte, das in beiden Fällen „die Projektförderung [der Manfred Lautenschläger-Stiftung] als Hebel für die Erlangung weiterer Drittmittel“ wirkte. Auch trägt das Projekt seiner Ansicht nach maßgeblich dazu bei, dass die Universitätsbibliothek Heidelberg im Bibliotheksranking BIX sechsmal in Folge Platz 1 erreichen konnte. Forscher (und natürlich auch interessierte Laien) aus aller Welt können nun auf die Schriften der Bibliotheca Palatina zugreifen und eine Vielzahl an Funktionen nutzen, etwa gezielt den Bilder- und Initialschmuck einzelner Schriften aufrufen oder sogar die Wasserzeichen, die nun ebenfalls mit einem aufwändigen Verfahren erfasst werden können. Und: Fast 400 Jahre nach ihrem Raub ist die „Bibliotheca Palatina“ nun, zumindest digital, wieder Teil der Universitätsbibliothek Heidelberg. Markus Lautenschläger

Rabanus Maurus, Pal. lat. 291, Bl. 2v Vatikan, Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. lat. 291 Rabanus Maurus De rerum naturis 1425 Bildnachweis: Biblioteca Apostolica Vaticana

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EMIRA

Erste Ergebnisse von EMIRA

Das vom Institut für Public Health der Universität Heidelberg, der KABS (Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage) und dem Centre de Recherche en Santé de Nouna (Burkina Faso) entwickelte und seit 2013 durchgeführte Projekt „Ecologic Malaria Reduction for Africa“ (EMIRA) ist 2016 abgeschlossen worden. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung hat diese neuartige Strategie zur Bekämpfung der Malaria, die in Burkina Faso durchgeführt wurde, mit 450.000 Euro unterstützt. In einer Pressekonferenz am 18.10.2016 mit Dr. Ali Sié (Centre de Recherche en Santé de Nouna), Prof. Dr. Norbert Becker (KABS e.V.), Prof. Dr. Till Bärnighausen, Prof. Dr. Rainer Sauerborn (beide Institut für Public Health, Universitätsklinikum Heidelberg) und Markus Lautenschläger wurden erste Ergebnisse des Projekts vorgestellt und mögliche Anschluss-Strategien diskutiert. Hintergrund: Ein in der Mückenbekämpfung am Rhein bereits seit vielen Jahren bewährtes Larvizid, Bti (Bacillus thuringiensis israelensis), wurde zur Mückenbekämpfung im Nordwesten von Burkina Faso eingesetzt. Dieses biologische Mittel tötet (ausschließlich) Mückenlarven in Brutgewässern ab und verhindert so die Ausbreitung der Überträgermücken. Das Ziel ist es, die Anzahl der Malariainfektionen zu verringern. Eine große Herausforderung war die Vermeidung der hohen Kosten, die entstehen würden, wenn flächendeckend sämtliche Brutstätten in der Nähe von Siedlungen behandelt würden. Daher wurden anhand von satellitenbildbasierten Risikokarten für jedes Dorf des Gesundheitsdistrikts die aufgrund ihrer Lage, Beschaffenheit und Mückenpro-

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duktivität gefährlichsten Brutstätten ermittelt. Ein lokales Team behandelte mit Beginn der Regenzeit gezielt nur diese Gewässer. Diese kostensparende, selektive Anwendung des Larvizids ist ein Novum in der Malariabekämpfung. (Eine ausführliche Projektbeschreibung finden Sie auch in unserem Jahresbericht aus dem Jahr 2013 auf Seite 18). Erste Ergebnisse und Erkenntnisse: • Im Modelldistrikt konnte gezeigt werden, dass die Methode die Malaria-Mücken effektiv bekämpft. Die Anzahl der Stechmücken in den Dörfern ging deutlich zurück, um fast 80 %. (Zum Vergleich: Am Oberrhein liegt der Wert nach jahrzehntelanger Erprobung und immer weiter perfektionierter Anwendung bei 90 %.) In welchem Umfang die Malaria-Infektionen reduziert wurden, wird derzeit noch ausgewertet und dann bekannt gegeben. • Die Bewohner berichteten von weniger Malaria-Fällen in ihren Dörfern. Blutuntersuchungen geben Hinweise auf geringere Belastung mit Malaria-Parasiten bei Kleinkindern. • Das Mittel erwies sich auch in Burkina Faso als gut einsetzbar und leicht in der Handhabung. • Die in dem Projekt angewandte selektive Behandlung ist mit weniger als einem Dollar pro Einwohner und Jahr relativ günstig, v. a. im Vergleich zu den gewaltigen Kosten, die durch das Verteilen von Bettnetzen und bei weiteren herkömmlichen Maßnahmen gegen die Malaria entstehen. • Die Bevölkerung hat das Projekt sehr gut angenommen und steht dem Ansatz einer Befragung zufolge sehr positiv gegenüber.


EMIRA

Die an dem Projekt beteiligten Dörfer wurden in verschiedene Zonen eingeteilt, in denen eine abgestufte Intervention mit Bti erfolgt (100 % Behandlung, 50 % Behandlung, keine Behandlung). Diese Einteilung gewährleistet, dass einzelne Moskitos aufgrund ihrer Flugreichweite nicht von der einen Zone in die nächste fliegen können. Auf weitere, von der Bevölkerung bereits eingesetzte Schutzmaßnahmen gegen Malaria (wie z.B. imprägnierte Bettnetze) wird bewusst kein Einfluss genommen.

Weitere Ziele: • Eine dauerhafte Etablierung des Projekts, zunächst im ganzen Distrikt Nouna, wird angestrebt.

• Die Projektergebnisse sollen weiter kommuniziert und publiziert werden, um einen möglichst hohen Bekanntheitsgrad zu erreichen.

• Die Politik in Burkina Faso und in weiteren betroffenen Ländern soll von diesem Ansatz überzeugt werden.

Weitere Auswertungen zu Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeit laufen aktuell noch. Wir werden Sie dazu auf unserer Internetseite auf dem Laufenden halten.

• Es müssen weitere Förderer für die Fortführung des Projekts nach dieser Pilotphase gewonnen werden.

Markus Lautenschläger

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Gliom-Projekt

Zytoplasmatische Aminosäuresensoren als potenzielle Targets von Wachstumsund Infiltrationshemmung bei Gliomen

Mit diesem Projekt betreibt eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Christian Mawrin (Institut für Neuropathologie, Universitätsklinikum Magdeburg) in Kooperation mit Prof. Dr. Wick von der Heidelberger Universitätsklinik (Neurologie) Grundlagenforschung zur Ausbreitung von bösartigen Gehirntumoren. Das Glioblastom zählt zu den bösartigsten Gehirntumoren und ist das am häufigsten auftretende Gliom. Gliomzellen zeichnen sich durch ihr hohes migratorisches Potential aus und infiltrieren sehr früh gesunde Hirnareale. Als ein wichtiges Element in der Regulation der

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Tumorausbreitung wird der Einfluss von Aminosäuren diskutiert. Da bisher keine größeren Studien zur Rolle der Aminosäuresensoren in malignen (bösartige) Hirntumoren verfügbar sind, könnte dieses Projekt wegweisende und bahnbrechende Erkenntnisse liefern. Das Projekt wird von der Manfred Lautenschläger-Stiftung über einen Zeitraum von drei Jahren (2015 bis 2017) mit einem Betrag in Höhe von insgesamt 35.000 Euro unterstützt. Die Förderung soll auch als Anschubfinanzierung dienen, damit die


Gliom-Projekt

Beteiligten mittelfristig auf diesem Gebiet größere Drittmittelförderungen einwerben können. In einem Zwischenbericht gibt Prof. Dr. Mawrin Einblick in den aktuellen Stand und bisherige Erkenntnisse: Das Ziel des Projektes ist, die mögliche tumorhemmende Wirkung einer Manipulation von Aminosäuresensoren, d. h. Faktoren, die für den Stoffwechsel der malignen Hirntumoren wichtig sind, zu prüfen. Hierfür war geplant, sowohl humanes Tumormaterial zu analysieren, als auch durch gezielte genetische Manipulation von Hirntumorzellen die Rolle der Aminosäuresensoren RagC, MAP4K3 und Vps34 klinisch und funktionell zu evaluieren. Das Team hatte zunächst erarbeiten können, dass sich das Gesamtüberleben von Patienten mit aggressiven Hirntumoren (Glioblastomen) in Abhängigkeit von der Menge der gebildeten Aminosäuresensoren unterscheidet. Hier haben sie noch im abgelaufenen Jahr weitere Untersuchungen an durch Biopsien von Patienten gewonnenen Proben dieser Tumoren durchgeführt. Dabei konnte erkannt werden, dass sich die Menge der für das Wachstum und den Stoffwechsel der Tumoren wichtigen Aminosäuresensoren zwischen Zentrum des Tumors und dem Randbereich unterscheidet (exemplarisch dargestellt in der Abbildung A & B). Dies wurde sowohl durch immunhistochemische Methoden (Färbung von Antikörpern) als auch mittels sogenannter Western blotStudien analysiert. Weiterhin besteht zwischen der Menge der verschiedenen Aminosäuresensoren (MAP4K3, RagC, VPS34) eine teilweise sehr gute Korrelation, was in quantitativen Messungen der Genexpression mittels sogenannter Real-time PCR bestimmt wurde (Abbildung C). Dies bedeutet, dass offenbar auch in einer Stoffwechselmangelsituation, wie sie in schnell wachsenden aggressiven Tumoren häufig vorliegt, verschiedene für

das Aufrechterhalten des Tumorzellstoffwechsels zuständige Aminosäuresensoren gleichsinnig verändert werden. Das wiederum bedeutet, dass eine therapeutische Hemmung eines einzelnen Transporters möglicherweise durch einen anderen Transporter nivelliert werden würde. Teile der erarbeiteten Daten sind bereits in einer medizinischen Promotionsschrift zusammengefasst, die sich derzeit in Begutachtung befindet. Das Hauptaugenmerk lag 2016 jedoch in der Herstellung von speziellen Tumorzellen, welche die jeweiligen Aminosäuresensoren in nur noch reduzierter Menge enthalten und damit für Untersuchungen geeignet sind, die das Verständnis der Mechanismen für die Wirkung der Aminosäuresensoren beleuchten. Die bisher gewonnenen Daten belegen nicht nur ein relevantes Vorhandensein von verschiedenen Aminosäuresensoren in aggressiven Hirntumoren des Menschen, sondern auch einen Einfluss auf den Verlauf der Tumorerkrankung sowie regionenspezifische Mengenunterschiede der Aminosäuresensoren im individuellen Tumor. Dies impliziert eine Funktion dieser Aminosäuresensoren für das Tumorwachstum in Abhängigkeit von der Verfügbarkeit von Nährstoffen und Sauerstoff. Da bestimmte derzeit bereits angewendete Tumortherapien (z.B. Hemmung der Tumorblutgefäß-Neubildung) beim Glioblastomen unmittelbar den Tumorstoffwechsel sowie den Sauerstoffgehalt im Tumor beeinflussen, kann ein Verständnis und eine mögliche Manipulation der Funktion bzw. Menge der Aminosäuresensoren hier zukünftig den Therapieerfolg positiv beeinflussen. Catharina Seegelken

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Hildegard Lagrenne Stiftung

Hildegard Lagrenne Stiftung

Die vor fünf Jahren errichtete Hildegard Lagrenne Stiftung ist die erste von Sinti und Roma selbst gegründete Stiftung und wird von der Manfred Lautenschläger-Stiftung, der Freudenberg Stiftung sowie der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft unterstützt. Die Stiftung ist nach Hildegard Lagrenne (1921–2007) benannt, die die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma prägte und Zeit ihres Lebens für Bildung und die Bekämpfung des Antiziganismus eintrat. Sowohl die Gründung der Stiftung selbst als auch die anschließende Besetzung der Gremien zeichnen sich besonders dadurch aus, dass die Minderheit selbst nicht nur zu Wort kommt, sondern auch aktiv wird. Die Stiftung versteht sich als eine institutionelle Antwort auf sieben Herausforderungen, aber auch Chancen, die das gesellschaftliche Zusammenleben von Minderheit und Mehrheit betreffen. Diese werden im Folgenden vorgestellt, wobei die einzelnen Passagen einer Rede des Geschäftsführers Romeo Franz entnommen wurden oder sich inhaltlich stark daran orientieren: 1. Fördern und schützen Die Idee zur Gründung einer Stiftung entstand als Antwort auf zwei Studien, die von Sinti und Roma selbst veranlasst und zum Teil auch selbst durchgeführt wurden: die „Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma“ (2012, RomnoKher, EVZ) und „Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit“ (2014, Markus End).

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Eine zentrale Erkenntnis aus ihnen ist, dass gleichberechtigte Teilhabe nur zu erreichen ist, wenn man im Rahmen sozialer Inklusion an Bildungsförderung und an der Bekämpfung von Diskriminierung und Antiziganismus zugleich ansetzt. 2. Erinnerung und Verantwortung Nicht ohne Grund wurde die Stiftung am 25. Oktober 2012, am Tag nach der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, gegründet. Ohne das Denkmal gäbe es die Stiftung nicht, jedenfalls wäre sie nicht von Sinti und deutschen und europäischen Roma gemeinsam gegründet worden. Als sich die Vertreter der Minderheit am Tag darauf in der Vertretung des Landes Baden-Württemberg trafen, war das Empfinden sehr stark: „Jetzt müssen wir uns der Zukunft zuwenden“. 3. Gesellschaft und Wandel Ohne den Druck von Migration, Flucht und der Öffnung der europäischen Grenzen hätte es die Hildegard Lagrenne Stiftung wohl nicht gegeben. Der Migrations- und Integrationsdruck, den viele deutsche Städte empfunden haben und empfinden, und der Ruf nach konzeptioneller und praktischer Unterstützung begleiteten die Arbeit der Stiftung. Denn es reicht nicht mehr aus, in den alten Strukturen nach Antworten zu suchen. Die aktuellen gesellschaftlichen Aufgaben erfordern vielmehr ein neues Handeln im Sinne einer Kooperationskultur zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft.


Hildegard Lagrenne Stiftung

4. Europäische Dimensionen In Europa gibt es seit dem Jahr 2005 erhebliche Anstrengungen zur Entwicklung von praktisch umsetzbaren Konzepten, um die Distanz zwischen armer, und dies sind v. a. in Ost- und Südosteuropa ganz oft Roma, und reicher Bevölkerung zu verringern. Im Rahmen der sogenannten Dekade der „Roma Inclusion“ wurde in 10 Ländern konzeptionelle Arbeit zur Überwindung von Social Exclusion aufgenommen, die ein hohes Niveau erreicht hat. Verstärkt wurden dabei Roma selbst mit einbezogen. Problematisch ist jedoch, dass die praktische Umsetzung nicht immer mit der Theorie Schritt hält. Aber es gibt sie, die wirkungsvollen praktischen Ansätze. Vor allem der von Stiftungen, der Weltbank und einzelnen engagierten Staaten gelenkte und finanzierte Roma Education Fund ist reich an evaluierten Beispielen, die zeigen, was in Europa funktionieren kann. Die Hildegard Lagrenne Stiftung ist Mitglied des Forum for Roma Inclusion des European Foundation Centres und sieht sich als Vermittler guter europäischer Praxis, zu der umgekehrt auch ein deutscher Beitrag geleistet werden soll. 5. Gemeinsam und erfolgreich Die Hildegard Lagrenne Stiftung sieht sich zudem als eine Trägereinrichtung, die in Deutschland exemplarisch Projekte entwickelt und erprobt. Dabei folgt sie den Bildungsempfehlungen, die der „Bundesweite Arbeitskreis zur Verbesserung der Bildungs-

beteiligung und des Bildungserfolgs von Sinti und Roma in Deutschland“ der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft entwickelt hat. 6. Teilhabegerechtigkeit und Antiziganismus Die Hildegard Lagrenne Stiftung sieht sich als eine Antwort auf strukturelle Barrieren, zum Beispiel in Form von institutionellem Rassismus. Durch Sensibilisierungsprogramme, Workshops und Aufklärungsarbeit in Behörden und Schulen soll Wissen vermittelt, Informationssicherheit hergestellt und Kompetenzen erweitert werden. Die von der EU-Kommission entwickelten Ideen und Vorschläge zur Umsetzung einer ganzheitlich angelegten Strategie der Förderung sozialer Inklusion lassen sich leider nur schwer realisieren. Zusammenarbeit im Bildungsbereich stößt sich an den föderalen Strukturen, die so notwendige und empfohlene Kooperation zwischen den Bereichen Arbeit, Wohnen, Gesundheit, Bildung bei gleichzeitigem Kampf gegen Diskriminierung berührt vielerlei Zuständigkeiten. Die Hildegard Lagrenne Stiftung kann und könnte hier Brücken bauen und sich neue Handlungskompetenzen sichern. Sie kann und soll auch dazu beitragen, das Prinzip der EU - „explicit but not exclusive“ - zu verwirklichen. Minderheiten sollen ausdrücklich, aber nicht exklusiv, gefördert werden, und zwar mit Handlungsmodellen, die allen zugutekommen.

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Hildegard Lagrenne Stiftung

7. Gemeinsam und miteinander Aus all diesen Gründen will die Hildegard Lagrenne Stiftung, unter Einschluss von Organisationen mit Romno-Hintergrund, eine Austauschplattform für Politik und Zivilgesellschaft sein. Sie möchte Türen öffnen und Informationen sowie Kompetenzen zur Verfügung stellen, damit gemeinsam Strategien für eine vielfältige, friedliche Gesellschaft entwickelt werden können. Tätigkeiten 2016 Das Jahr 2016 diente weiterhin zur Profilschärfung, es wurde ein Vier-Säulen-Prinzip entwickelt: Die Stiftung möchte • Antiziganismus entgegentreten, • Bildungsgerechtigkeit herstellen, • Vorbilder unterstützen und • Solidarität schaffen. Nach dieser Vorgabe wurden einige Projekte umgesetzt. Unter anderem haben acht Frauen und Männer mit Romno-Hintergrund in Berlin und Brandenburg mittels eines nicht akademischen Stipendienprogramms Unterstützung erhalten, um ihr Ziel, einen pädagogischen Beruf auszuüben, verwirklichen zu können. Des Weiteren wurden fünf Jugendliche im Rahmen des Romno-PowerClub bei ihrer Ausbildungsplatzsuche informiert und beraten sowie über verschiedene Bildungswege aufgeklärt. Darüber hinaus bietet die Stiftung Einzelcoachings, Seminare und Workshops an. Die Stiftung ist auch im Bereich des Community Building und NGO- Coachings tätig, um

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beispielsweise Kommunen und Gemeinden mit Strukturprogrammen fachkompetent zu unterstützen, damit Inklusion nicht nur in Europa, sondern auch vor Ort gelingen kann. Die Hildegard Lagrenne Stiftung arbeitete hier zum Thema Sensibilisierung an Schulen und regionalen Einrichtungen in Mannheim. Durch eine Kooperation mit der EMBA (Europäische Medien und Business Akademie) wurden beispielsweise von Studierenden des Moduls Social Campaining drei Kampagnen erstellt, die auf die Arbeit der Stiftung hinweisen. Dies kam nicht nur der Stiftung zu Gute, sondern durch das Auseinandersetzen mit der Thematik wurden auch die Studierenden gezwungen, ihre eigene Haltung kritisch zu hinterfragen. Am 27.06.2016 stellte die Hildegard Lagrenne Stiftung ihre Studie zu Kinderrechten in der Abschiebeeinrichtung in Bamberg vor. Diese Studie wies erschreckende Verletzungen von Kinderrechten nach, insbesondere solcher mit Romno-Hintergrund, u. a. in Form von antiziganistischer Diskriminierung und Übergriffen. Menschen mit Romno-Hintergrund haben so keine Chance auf eine gleichberechtigte Teilhabe in den von der Bundesregierung als sicher erklärten Staaten. Das gilt leider auch für viele EU-Mitgliedsstaaten. Aber nicht nur in der konkreten Projektarbeit hat die Hildegard Lagrenne Stiftung Fortschritte erzielen können. Durch die kontinuierliche Aufklärung und Sensibilisierungsarbeit mit politischen Akteuren hat sich die Stiftung sowohl in den unterschied-


Hildegard Lagrenne Stiftung

lichen Landtagen als auch im Bundestag einen Namen gemacht. Immer häufiger wird sie als Fachkompetenz in Anspruch genommen, um beratend bei Fragen rund um das Thema Menschen mit Romno-Hintergrund qualifizierte Antworten zu geben. Das Netzwerk der Hildegard Lagrenne Stiftung umfasst eine Vielzahl von nationalen und internationalen Institutionen, Politiker, NGOs und andere Aktivisten. So wurde sie beispielsweise hinzugezogen, als im Koalitionsvertrag des Berliner Senats ein Rahmenvertrag mit den Sinti und Roma aufgenommen wurde. Derzeit liegen auĂ&#x;erdem weitere Anfragen von Landesregierungen vor, die solch einen Rahmenvertrag eingehen mĂśchten und Rat bei der Hildegard Lagrenne Stiftung suchen. Catharina Seegelken

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Mediendienst Integration

Mediendienst Integration

Der Mediendienst Integration ist eine Informations-Plattform für Verantwortliche und Mitarbeiter der Medien und ist seit November 2012 online. Auf der Internetseite finden Journalisten die wesentlichen Informationen zu den Themenfeldern Migration, Integration und Asyl in Deutschlands. Das Ziel dabei ist, mit Hilfe wissenschaftlicher Expertise die Grundlage für eine sachlichere Berichterstattung zu den genannten Themen zu schaffen. Das ursprünglich ebenfalls formulierte Ziel des Mediendienstes, die Aufmerksamkeit der Medien auf vernachlässigte Themen wie Integration und Migration zu lenken, dürfte spätestens seit dem Sommer 2015 hinfällig geworden sein. Vielmehr ist die mediale, politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit seitdem deutlich angestiegen. Umso größer ist jedoch die Notwendigkeit geworden, den sachlichen Teil der Debatte zu stärken. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung hat den Mediendienst in seinen Anfängen, 2013 und 2014, mit insgesamt 50.000 Euro unterstützt. Aufgrund der großen Resonanz, die der Mediendienst erzeugen konnte, sowie seiner ständig wachsenden Reichweite bewilligte die Stiftung für die Jahre 2015 und 2016 weitere 20.000 Euro. Migration, Integration und Asyl standen auch 2016 weiter im Fokus der Berichterstattung und Debatten. Der Erfolg des Mediendienstes und seine Reichweite lassen sich unter anderem an der Statistik der Internetseite und der Zahl der Anfragen ablesen.

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• Die Zahl der Besucher auf der Internetseite hat sich 2016 bei durchschnittlich 70.000 Besuchen pro Monat eingependelt (zum Vergleich: So genannte „special interest“-Angebote gelten bereits als gut angenommen, wenn sie 1.000 Besuche pro Tag aufweisen). • Über das Jahr gesehen hat das Team über 600 Anfragen von Journalisten sowie von Vertretern aus Politik, Stiftungen und NGOs beantwortet. Zudem stieg die Anzahl der Anfragen internationaler Medien. Außerdem wurde seit seinem Bestehen der Mediendienst über 1.100 Mal in deutschen und internationalen Medien als Informationsquelle zitiert, 2016 bereits rund 320 Mal. • Der wöchentliche Newsletter des Mediendienstes („Themen-Alert“) hat inzwischen fast 3.500 Abonnenten, immer wieder finden sich Ideen und Inhalte daraus in der Berichterstattung. • Über den Verteiler werden mehr als 4.000 Journalisten und Akteure im Themenfeld (z.B. kommunale Integrationsbeauftragte und Nichtregierungsorganisationen) erreicht. Bei der Vermittlung von Ansprechpartnern an Journalisten wird auf eine interne Experten-Datenbank zurückgegriffen, die inzwischen rund 1.400 Einträge hat.


Mediendienst Integration

Neben der Unterstützung von Medienschaffenden in der Berichterstattung veröffentlicht der Mediendienst auch eigene Recherchen oder Expertisen von Wissenschaftlern zu aktuellen Themen. 2016 erschienen rund 100 Hintergrundberichte, Gastkommentare, Informationspapiere und Fakten Checks, die den Bekanntheitsgrad des Projekts verstärkt haben. Beispiele für eigene Berichte: • Ein Informationspapier mit den wichtigsten Begriffen zur Asyldebatte (Februar 2016). • Eine Recherche zu der Frage, wie andere Länder mit Flüchtlingen umgehen (April 2016). • Ein Informationspapier zur statistischen Erfassung von Menschen mit „Migrationshintergrund“ (Mai 2016).

Während der Medien-Tour über die Situation geflüchteter Frauen in Deutschland befragen Journalisten zwei Asylbewerberinnnen aus dem Irak (Berlin, März 2016). Foto: Thomas Lobenwein

• Ein Gutachten von Dr. Christian Walburg zur Frage, was die Forschung über den Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität weiß (Juli 2016). • Ein Fakten-Check zu den Ängsten in der Bevölkerung wegen des Zuzugs von Flüchtlingen (Oktober 2016). • Eine Expertise mit Vorab-Ergebnissen einer Studie zu „Willkommensklassen“ in Berlin von Prof. Dr. Juliane Karakayali (Dezember 2016).

Besuch bei den Ford-Werken in Köln im Rahmen der Medien-Tour „Welche Chancen haben Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt?“ im November 2016. Foto: Thomas Lobenwein

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Mediendienst Integration

Auch die „Zahlen & Fakten“ auf der Internetseite wurden laufend aktualisiert und ergänzt. Insgesamt bietet der Mediendienst inzwischen über 30 Online-Dossiers zu verschiedenen Themen aus den Bereichen Migration, Integration, Desintegration, Flucht und Asyl an. 2016 neu hinzugekommen sind unter anderem Rubriken zu Ausbildung, Einstellungen

in der Bevölkerung, Integration in den Bundesländern, Medien in der Einwanderungsgesellschaft, Menschenhandel, Rassismus und Militantem Islamismus. Zudem wurde die Rubrik Flucht und Asyl ausgebaut, damit Journalisten schneller einen Überblick über die wichtigsten Informationen zu diesem aktuellen und zentralen Thema erhalten. Hier finden sich umfangreiche Zahlen und Fakten zu Asylbewerbern, unbegleiteten Minderjährigen, syrischen Flüchtlingen u.v.m. Seit 2013 bietet der Mediendienst auch Informationsveranstaltungen für Journalisten an, seit Juni 2015 erhält er dafür Fördermittel aus dem „Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds“ (AMIF) der Europäischen Union und kann diesen Service bundesweit anbieten. Die Veranstaltungen waren 2016 erneut sehr gut besucht. Informationsveranstaltungen für Journalisten:

Werner Schiffauer, Aydan Özoguz, Rana Göroglu, Timo Tonassi und Riem Spielhaus stellen im November 2016 in Berlin das „JournalistenHandbuch Islam“ des Mediendienst Integration vor. Foto: Thomas Lobenwein

• Asylrechts-Verschärfungen: Wie schätzen Experten die Reformen ein? (Februar 2016, Berlin) • Berichterstattung über Migration und Asyl im Journalisten-Alltag (Juni 2016, Berlin) • Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Herkunft? (Juli 2016, Köln) • Integration von Geflüchteten – was kann Deutschland von Schweden lernen? (Oktober 2016, Berlin) • 5 Jahre NSU – was hat sich im Umgang mit rassistischen Straftaten und rechter Gewalt geändert (Oktober 2016, Erfurt)

Journalisten bei einer Medien-Tour in Hamburg zur Frage „Wie verändern Flüchtlinge den Islam in Deutschland?“ im Juli 2016. Foto: Thomas Lobenwein

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Fortschrittsbericht des Mediendienstes Integration, redaktionell bearbeitet


Heidelberger Frühling

Heidelberger Frühling Das internationale klassische Musikfestival „Heidelberger Frühling“ findet jährlich im März und April in Heidelberg statt. 2016, im Jahr seines 20. Jubiläums, lockten weit über hundert Veranstaltungen 44.000 Besucher an. Einem Beitrag von 3sat zufolge ist der „Heidelberger Frühling“ somit das „größte Musikfestival in Baden-Württemberg“. Die Idee dahinter ist, ein Festival zu präsentieren, das von der individuellen Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern, die als Teil der Festivalfamilie über Jahre mitwirken, geprägt ist. Unter anderem dadurch soll „der Frühling“ einen essentiellen Beitrag dazu leisten, klassische Musik in einer der Gegenwart angemessenen Form zu präsentieren. Zudem soll durch die Entwicklung und Präsentation von Projekten zum Impulsgeber werden und nationale sowie internationale Aufmerksamkeit erregen. Dass dies gelungen ist, belegen Presseberichte in nationalen Medien wie der F.A.Z („eigenwilliger und wichtiger Brennpunkt der Musik“), dem Deutschlandradio („eines der … innovativsten Musikfestivals in Deutschland“) oder auch der Süddeutschen Zeitung („So also macht man das mit Festivals, wenn man außer guten Zahlen auch noch gute, kluge Inhalte haben will. Bravo!“). In der internationalen Presse sprach das BBC Music Magazine von einem „flagship festival“, und die Neue Zürcher Zeitung lobte „Darbietungen auf höchstem Niveau und mit Musikern von Weltruf“.

Einer der Veranstaltungsorte: Stadthalle Heidelberg

Foto: Sven Marten

Stadthalle Heidelberg innen

Foto: studio visuell

Eine weitere Besonderheit des Festivals ist, dass es in hohem Maße von Privatpersonen, Firmen und weiteren Institutionen unterstützt und gesponsert wird. Auch die Manfred Lautenschläger-Stiftung steuerte 2016 erneut eine Spende bei. Markus Lautenschläger

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Enjoy Jazz

Enjoy Jazz

Im Jahr 2016 lud Enjoy Jazz bereits zum 18. Mal Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt ein, ihr kreatives Schaffen auf den Bühnen der Metropolregion RheinNeckar zu präsentieren. Das Musikfestival ist als integrative Schwerpunkt-Veranstaltungsreihe konzipiert, die künstlerisch hochwertige Konzerte, vielfach Welturaufführungen, an oftmals ungewöhnlichen Spielorten mit zahlreichen anderen Veranstaltungsformaten verbindet. Auch aktuelle Trends aus korrespondierenden Musikgenres wie Klassik, Indie-Pop, Hip-Hop und elektronische Musik sind Bestandteil des Programms. Mittlerweile zählt das Festival mehr als 20.000 Besucher jährlich. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kam bereits 2007 zu dem Schluss, dass „nicht New York, Montreux oder Den Haag [...] das umfangreichste Jazzfestival weltweit [bieten], sondern Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen.“ Mitschnitte von Konzerten wurden mit Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Pulitzer-Preis, der zum ersten und bislang einzigen Mal für eine komplett improvisierte, live eingespielte Musik vergeben wurde, veröffentlicht auf dem Album „Sound Grammar“ von Ornette Coleman. Zahlreiche Projekte und Zusammenarbeiten nahmen bei Enjoy Jazz ihren Ausgang, darunter die später bundesweit gefeierte Kooperation des Schauspielers Matthias Brandt mit dem Pianisten Jens Thomas. Viele bedeutende Musiker spielten hier erstmals in ihrer Karriere in neuer Konstellation zusammen. So auch bei dem von der Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützten Eröffnungskonzert von Mashrou‘ Leila aus dem Libanon.

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Als Weltpremiere stand hier der schwedischtürkische Saxofonist Ilhan Erşahin mit auf der Bühne. Darüber hinaus war dieses Konzert eines der schönsten Beispiele dafür, dass Ideologien unterlaufen werden können und Lebenswirklichkeit in der Kunst ihren Widerhall findet. Mashrou‘ Leila zieren sich nicht davor, brisante aktuelle gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen und musikalisch zu verarbeiten. Selbstbestimmte Sexualität, religiöse Freiheit und politisches Aufbegehren sind nur einige der weltweit akuten Themen, die sie in ihren Texten verarbeiten. Besonders Frontsänger Hamed Sinno steht mit seiner offen gelebten Homosexualität im Visier vieler religiöser und politischer Strömungen und macht deutlich, inwieweit Kunst ein Mittel im Kampf gegen Homophobie sein kann. Stets am Zeitgeist und eigensinnig genug, um die Musikwelt kräftig aufzuwirbeln. Des Weiteren unterstütze die Manfred Lautenschläger-Stiftung das Konzert von Ferenc Snétberger. Snétberger, Jahrgang 1957 und vielfach ausgezeichnet, studierte von 1977 bis 1981 am Béla-Bartók-Jazzkonservatorium in Budapest und entwickelte in der Auseinandersetzung mit Bach, dem Jazz, dem Flamenco und der brasilianischen Musik eine umfassende eigene Tonsprache, die ihn weit über das Genre des sogenannten Gypsy-Jazz hinausführte und so ist er einer der wichtigsten, vollständigsten und eigenständigsten Gitarristen überhaupt. Internetseite Enjoy Jazz und Catharina Seegelken


Enjoy Jazz

Mashrou´ Leila

Ferenc Snetberger

Foto: Christian Gaier

Foto: Manfred Rindersbacher

Ferenc Snetberger

Foto: Christian Gaier

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Selbsthilfegruppen in Äthiopien

Förderung nachhaltiger Entwicklung in von Dürre betroffenen Distrikten in Äthiopien

Den Ausgangspunkt für dieses Projekt bildete eine Kooperation zwischen der Manfred Lautenschläger-Stiftung, der Kindernothilfe und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Das BMZ trug 75 % der Kosten, für die Finanzierung der übrigen 25 Prozent stellte die Manfred-Lautenschläger-Stiftung der Kindernothilfe rund 167.000 Euro zur Verfügung. Das Projekt begann am 1. November 2012 und wurde am 31. August 2016 beendet. Das Projekt Das Ziel des Projekts „Förderung nachhaltiger Entwicklung in von Dürre betroffenen Distrikten der Regionalstaaten Oromia, Afar und Somali in Äthiopien“ lag darin, einen

Beitrag zur Armutsbekämpfung zu leisten und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit von ausgegrenzten Frauen, ihren Familien und Dörfern gegenüber externen Schocks und Katastrophen zu stärken. Die direkte Zielgruppe waren zunächst etwa 10.000 am Rande der Gesellschaft lebende Frauen in neun Distrikten der Regionen Afar, Somali und Oromia in Äthiopien, die allesamt zu Projektbeginn unterhalb der international definierten Armutsgrenze von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag lebten. Sie erhielten eine Einladung, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Da im Durchschnitt jede Frau im Projektgebiet fünf bis sechs Kinder hat, sollten so ebenfalls 50.000 bis 60.000 Kinder erreicht werden. Das Projekt basiert auf der Idee, dass Menschen aus ähnlichen Lebenssituationen ihre Potenziale in einer Selbsthilfegruppe entdecken und entwickeln. Die Gruppen und ihre einzelnen Mitglieder erhielten Schul-ungen zu den verschiedensten Bereichen wie etwa Konfliktmanagement, Menschenführung, Kommunikation, Buchführung und die Mobilisierung von Ressourcen. Zudem wurden sie zu Themen wie Gesundheitsvorsorge (insb. HIV/Aids), Bildung, Gewalt gegen Frauen und Kinder und schädliche traditionelle Praktiken informiert. Gleichzeitig begannen die Frauen, gemeinsam zu sparen sich bei Bedarf gegenseitig aus diesem zurückgelegten Betrag kleine Kredite zu geben. Die dazu zu zahlenden Zinsen legten sie gemeinsam fest. So wuchs der ersparte Betrag und damit auch die Höhe der zu vergebenden Kredite. Gleich-zeitig lernten die Frauen, ihn zu verwalten und sinnvoll einzusetzen.

Zusammenkunft einer Selbsthilfegruppe

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Selbsthilfegruppen in Äthiopien

Evaluierung und Erkenntnisse Die Kindernothilfe konnte in ihrem Abschlussbericht ein sehr positives Fazit zu dem Projekt ziehen. Das beginnt damit, dass mit 14.029 Selbsthilfegruppen-Mitgliedern (geplant: 10.000) die tatsächlich erreichte Zielgruppe die Erwartung um mehr als 40 % übertraf. Hinzu kommt eine sehr geringe Rate an Frauen, die die Gruppen verließen (2 %). 43.371 Kinder profitierten zudem von den Aktivitäten ihrer Mütter. In einer umfassenden Evaluierung konnten viele positive Veränderungen und Fortschritte für die beteiligten Frauen und ihre Familien beobachtet werden. Einige Beispiele in Zahlen: • 94 % der Frauen gingen am Projektende einer Geschäftstätigkeit nach, wobei 91 % über keine Vorerfahrung verfügten. • 94,5 % der Haushalte in von Dürre bedrohten Gebieten sind der Auffassung, dass dieser Ansatz ihnen hilft, aus der Armut herauszukommen. • 77 % der Frauen sind inzwischen in die Entscheidungsprozesse über die Ausgaben ihrer Familien eingebunden, vor Projektbeginn war dies nur bei 27 % der Fall. • 97,5 % der Frauen berichten von einem Rückgang der Gewalt an Frauen durch den Gruppendruck, den sie aufgebaut haben. • Basierend auf einer Studie waren die Hauptkreditgeber der Frauen vorher Kooperativen, Verwandte und Wucherer. Diese Struktur wurde durch die Gründung von Selbsthilfegruppen komplett durch die Kreditvergabe der Frauen

Zusammenhalt in den Selbsthilfegruppen: Eine schwangere Frau wird ins Krankenhaus transportiert.

untereinander ersetzt. Das Gruppenkapital erreichte am Projektende umgerechnet 212.000 Euro. • In Bezug auf Katastrophenvorsorge bestätigen 71,5 % der befragten Haushalte, dass sie mit Hilfe des Projektes zusätzliches Wissen erwerben konnten, 28,8 % sogar sehr viel Zusatzwissen. Herausforderung: Besonders schwere Dürren 2015 und 2016, also im Projektzeitraum, litt Äthiopien unter einer schweren Dürre bedingt durch das Wetterphänomen El Niño. Erschwerend kam hinzu, dass es sich bei den ausgesuchten Projektregionen um äußerst dürreanfällige Regionen handelt. Ernteausfälle, Mangel an Nahrungsmitteln, Preissteigerungen, Wassermangel und Vieh-

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Selbsthilfegruppen in Äthiopien

sterben sind die hauptsächlichen Faktoren, mit denen die Menschen in einer solchen Katastrophe konfrontiert sind. Im Juli 2016 wurde eine Studie erstellt, mit dem Ziel, festzustellen, welche Auswirkungen die vorherrschenden Katastrophen und Dürren auf die Selbsthilfegruppen hatten. Drei Selbsthilfegruppen aus verschiedenen Regionen des Landes wurden ausgewählt (Regionen Sidaro und Adaba, die direkt von der Dürre betroffen waren und die Region Chiro, welche sekundär betroffen war). Die Studie hat gezeigt, dass die Gruppen im Vergleich zu anderen nicht organisierten Bevölkerungsgruppen besser auf wirtschaftliche Schocks vorbereitet sind. Folgende Gründe werden als Vorteile angeführt: Die Möglichkeit interner Kreditvergaben (auch in Form von Vieh, Nutzpflanzen), das soziale Netzwerk, der Austausch von Wissen und die Vermittlung von Kompetenzen. Als Reaktion auf die Katastrophen haben die Gruppen verschiedene Maßnahme ergriffen, um in Zukunft besser vorbereitet zu sein: • Anbau von dürreresistentem Gemüse. • Anbau und Lagerung von Mais und Sorghum. • Kauf von Ziegen für die Milchproduktion zur Versorgung der Kinder.

Mitglieder tauschen und handeln

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Eine weitere Reaktion auf die Dürre: Im letzten Projektjahr hatten fünf der neun lokalen Partner ein Katastrophenvorsorgekomitee,


Selbsthilfegruppen in Äthiopien

bestehend aus verschiedenen Interessenvertretern, gegründet. Zum einen wurde die Bevölkerung in Workshops über die Aufgaben und Ziele dieser Komitees informiert, wie etwa dem Aufbau von Frühwarnsystemen und einem Maßnahmenkatalog zur besseren Vorbereitung auf Naturkatastrophen. Zum anderen initiierten die Beteiligten auch eigene Projekte: Instandsetzung und Instandhaltung von Wasserreservaten, Brunnenbau, Reparatur maroder Straßen, Getreidespeicher als Saatgutreserve und Schutz natürlicher Wasserquellen im Dorf. Weitere positive Veränderungen und Nachhaltigkeit des Projekts Für die arme Bevölkerungsschicht mit nur sehr geringen Einkommensmöglichkeiten ist dieser Ansatz eine große Chance zur Reduzierung von Armut. Gestärkt von den Trainings und zumeist positiven Erfahrungen begannen die Frauen im Laufe des Projektes, sich mehr und mehr politisch einzubringen: Verschiedene Frauen engagierten sich als Vertreterinnen ihrer Gruppen aktiv in den Lokalregierungen ihrer Kebele (Bezirke). Die Abschlussevaluierung bescheinigt dem Projekt eine hohe zu erwartende Nachhaltigkeit. Dies basiert auf dem großen, tiefgreifenden Interesse der Frauen an den Gruppen und den Maßnahmen, die direkt zu Beginn des Projektes initiiert wurden. Alle Befragten waren sehr motiviert und wollten nach dem Projektende weiter daran arbeiten, die Strukturen zu stärken und weiter auszubauen. Daher sehen alle Seiten eine große

Traditionelle Ambulanz (Adaba Distrikt)

Notwendigkeit für eine Weiterführung des Projekts. Vor diesem Hintergrund hat CoSAP (der äthiopische Projektpartner) ein Nachfolgeprojekt bei der EU beantragt. Durch dessen Genehmigung sind sechs sehr engagierte, interessierte CoSAP-Mitgliedsorganisationen aus dem hier vorgestellten Projekt auch in diesem Nachfolgeprojekt eingebunden, so dass die Fortführung ihrer Arbeit sichergestellt werden kann. Auszüge aus dem Abschlussbericht der Kindernothilfe, redaktionell bearbeitet

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Preise

Preise

Europäischer Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma Am 13. April 2016 vergaben das Dokumentations- und Kulturzentrum und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sowie die Manfred Lautenschläger-Stiftung den mit 15.000 Euro dotierten Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma an die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Amnesty International setzt sich seit vielen Jahren gegen die Stigmatisierung und Ausgrenzung der Minderheit ein und mobilisiert

Iverna McGowan, Leiterin des Amnesty International Büros für Europäische Institutionen und Dr. h. c. Manfred Lautenschläger Foto: Silviu Muscan

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gegen ihre Diskriminierung in allen Lebensbereichen, insbesondere der Schulbildung und im Bereich des Wohnens. Mit der Kampagne „Human Rights Here­– Roma Rights Now“ wandte sich Amnesty International im April 2013 direkt an die Europäische Union, um die EU-Institutionen und ihre Mitgliedsstaaten daran zu erinnern, dass die bereits existierenden Rechtsvorschriften gegen Diskriminierung, wie die „AntirassismusRichtlinie“ und die Charta der Grundrechte der EU, ernst genommen und auch im Falle der Diskriminierung von Roma umgesetzt werden müssen. Obwohl die EU-Staaten verpflichtet sind, das Verbot der Diskriminierung umzusetzen, werde es weiterhin in großen Teilen Europas missachtet. 2014 hielt die Organisation in ihrem Bericht „We ask for justice – Europe’s failure to protect Roma from racist violence“ der Europäischen Union erneut ihr Versagen beim Schutz der Roma vor rassistischer Gewalt vor. Um diesen Einsatz zu würdigen, aber auch als Ansporn, im Kampf für die Rechte der Roma nicht nachzulassen, fiel die Wahl der Jury auf Amnesty International. Erstmalig wurde der Preis im Europäischen Parlament in Straßburg verliehen. Die Laudatio auf Amnesty International hielt der Generalsekretär des Europarats, Thorbjörn Jagland, Grußworte kamen von Ulrike Lunacek, der Vizepräsidentin des Europaparlamentes. Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, betonte, dass mit der Wahl des Europäischen Parlaments zum Ort der Verleihung ein doppeltes Zeichen gesetzt werden solle. Er unterstrich die europäische Dimension des Preises und hob die besondere Rolle der europäischen Institutionen für den Minderheitenschutz hervor.


Preise

Einen mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis erhielt die ungarische Filmemacherin Eszter Hajdú. Die ungarische Filmemacherin dokumentiert in ihrem 2013 erschienenen Film „Judgement in Hungary“ den zweieinhalbjährigen Prozess gegen die rechtsextremistischen Täter, die 2008 und 2009 sechs Dörfer in Ungarn überfielen und dabei sechs Roma, darunter ein fünfjähriges Kind, ermordeten. Die Jury würdigte diese hochintensive Dokumentation, die viel über die weitverbreiteten Ressentiments gegenüber Roma und Juden in Ungarn erzählt, und entschied sich, Eszter Hajdú für ihr Engagement mit einem Sonderpreis auszuzeichnen. Hintergrund Der Europäische Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma wurde anlässlich des 10-jährigen Gründungsjubiläums des Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma im November 2007 ins Leben gerufen und im Dezember 2008 erstmalig verliehen, seitdem erfolgt die Verleihung im Zweijahresturnus. Der Preis soll vor dem Hintergrund der äußerst besorgniserregenden Menschenrechtssituation der Sinti und Roma in vielen europäischen Staaten einen Beitrag zur Wahrung und Durchsetzung der Bürgerrechte sowie der Chancengleichheit für die Angehörigen der Sinti- und Roma-Minderheiten in ihren Heimatländern leisten. Zugleich soll er ein Aufruf an politisch Verantwortliche, die Medien sowie gesellschaftliche Gruppen in Europa sein, gegen tief verwurzelte Klischees und Vorurteile vorzugehen, um die alltägliche Ausgrenzung der Minderheit schrittweise zu überwinden.

James W. C Pennington Award Am 14. Juni 2016 erhielt der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. John Witte Jr. von der Emory University in Atlanta (USA) den James W.C. Pennington Award der Universität Heidelberg. Der international renommierte Experte für Religionsgeschichte und Fragen der Religionsfreiheit wurde für seine Arbeiten zu den religiösen Wurzeln der modernen Idee von Menschenrechten geehrt und ist der fünfte Preisträger des James W. C. Pennington Awards.

Dr. h. c. Manfred Lautenschläger (l.) und Prof. Dr. Dr. h.c. Bernhard Eitel (r.) übergeben den Preis Prof. Dr. Witte Jr. (m.)

Über den Preis Anlässlich des 625-jährigen Bestehens der Ruperto Carola riefen das Heidelberg Center for American Studies (HCA) und die Theologische Fakultät 2011 den James W. C.

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Preise

Pennington Award ins Leben, der 2012 zum ersten Mal vergeben wurde. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung stiftet das Preisgeld sowie den mit der Preisverleihung verbundenen Forschungsaufenthalt des jeweiligen Preisträgers in Heidelberg. Der Preis soll an den afroamerikanischen Pfarrer und ehemaligen Sklaven James W. C. Pennington erinnern, der 1849 die Ehrendoktorwürde der Ruperto Carola erhielt. Dabei handelt es sich um die wahrscheinlich erste Ehrendoktorwürde für einen Afroamerikaner in Europa, vielleicht sogar weltweit. Der 1809 geborene Pennington entkam mit 18 Jahren der Sklaverei, lernte Lesen und Schreiben und belegte von 1834 an als erster schwarzer Amerikaner Kurse an der Yale University, allerdings unter der Bedingung, dass er in den Lehrräumen immer hinten sitzen musste und keine Fragen stellen durfte. 1838 wurde er Pfarrer in der Presbyterianischen Kirche, 1841 schrieb und veröffentlichte er das Buch „The Origin and History of the Colored People“, das als erstes Buch über die Geschichte der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten angesehen wird. Auf dem Weltfriedenskongress in Paris lernte Pennington 1849 den Heidelberger Gelehrten Friedrich Carové kennen. Dieser war von ihm so beeindruckt, dass er noch im selben Jahr seine Universität davon überzeugte, Pennington die Ehrendoktorwürde in Theologie zu verleihen. Mit dem James W. C. Pennington Award werden hervorragende Wissenschaftler geehrt, die zu Themen forschen, die für Pennington eine besondere Bedeutung hatten: Sklaverei, Emanzipation, Frieden, Bildung,

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gesellschaftliche Reformen, Bürgerrechte, Religion und interkulturelle Verständigung. Der Preisträger Der Preisträger, Prof. Dr. John Witte Jr., ist Direktor des Center for the Study of Law and Religion der Emory University. Der Herausgeber von zwei wissenschaftlichen Publikationsreihen führte bereits zwölf internationale Forschungsprojekte zu den Themen Demokratie, Menschenrechte und Religionsfreiheit sowie Ehe- und Familienrecht durch. Vortragsreisen führten ihn nach Europa, Japan, Israel, Hong Kong, Südkorea, Australien und Südafrika. Seine wissenschaftlichen Arbeiten wurden in 15 Sprachen übersetzt, er selbst wurde bereits mit zahlreichen Preisen für Forschung und Lehre ausgezeichnet. AutorenPreis des Heidelberger Stückemarktes 2016 Der jährlich stattfindende Heidelberger Stückemarkt des Theaters und Orchesters Heidelberg ist eine Plattform für zeitgenössische deutschsprachige und internationale Dramatik. Das Festival hat sich auf die Entdeckung von unbekannten Autoren und Schauspielern spezialisiert und zu einem beliebten Treffpunkt der deutschen Theaterszene entwickelt. An zehn Tagen im Frühling werden Uraufführungen sowie noch nicht uraufgeführte Stücke von Theatern und Gruppen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum präsentiert. Seit 2001 wird das Programm um die Vorstellung von Autoren und Aufführungen eines Gastlandes ergänzt. Der Heidelberger Stückemarkt gilt mittlerweile als eins der wichtigsten deutsch-


Preise

sprachigen Festivals zur Förderung von Theaterautoren, nicht zuletzt wegen seines vielbeachteten Autorenwettbewerbes. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung stiftet dabei den Hauptpreis, den mit 10.000 Euro dotierten „AutorenPreis“ für noch nicht uraufgeführte Stücke neuer Theaterautoren. Aus den Einsendungen wählt das Festivalteam sechs bis sieben Stücke für die Endauswahl aus. Die Fachjury, verstärkt um den Vorjahressieger, entscheidet dann über die Vergabe des Autorenpreises des Heidelberger Stückemarktes. 2016 gewann Maria Milisavljevic den Preis für ihr Stück „Beben“. Die Dramaturgin und Regisseurin aus Arnsberg zeigt mit diesem Text in mehreren Erzählsträngen auf, wie virtuelle und reale Gewalt zusehends ineinanderfließen und Computerspiele zur schrecklichen Wirklichkeit werden können. Manfred Lautenschlaeger Award for Theological Promise Der seit 2013 vergebene Manfred Lautenschlaeger Award for Theological Promise dient der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und ist mit einem Preisgeld in Höhe von jeweils 3.000 Euro verbunden. Mit dieser Auszeichnung werden jährlich zehn Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt für herausragende Doktorarbeiten - oder die erste Buchpublikation nach der Promotion - zum Thema „God and Spirituality (broadly understood)“ geehrt. Mit der Preisverleihung ist ein dreitägiges Kolloquium mit den Preisträgern, Mitgliedern des Forschungszentrums Internationale und Interdisziplinäre Theologie sowie einem Teil der Gutachter verbunden.

Sonja Ammann (l.), Prof. Dr. Dieter W. Heermann (m.) und Dr. h. c. Manfred Lautenschläger (r.)

Die Preisverleihung fand am 6. Mai 2016 in der Alten Aula der Universität Heidelberg statt. Geehrt wurden: Sonja Ammann (Universität Göttingen), Brennan Breed (Emory University, Atlanta), Kenneth Brown (Universität Göttingen), Ryan Coyne (University of Chicago), David Decosimo (Princeton University), Courtney Friesen (University of Minnesota), Alison Joseph (University of California, Berkeley), Andrew Perrin (McMaster University, Ontario), Kyle Wells (Durham University) und Brittany Wilson (Princeton Theological Seminary).

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Stiftungsjahr in Zahlen

Anteil der gefรถrderten Projekte 2016 nach Fรถrderbereichen (gut 40 Projekte)

20 %

19 %

12 %

17 % 15 %

17 % Kinder und Jugendliche Forschung und Wissenschaft Toleranz und Integration Kunst und Kultur Heidelberg Preise und Stipendien Allgemeine Spenden

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Stiftungsjahr in Zahlen

Prozentuale Verteilung der Stiftungsgelder 2016 auf die Fรถrderbereiche (insgesamt 1,3 Millionen Euro)

15 %

20 %

12 %

26 %

11 % 16 %

Kinder und Jugendliche Forschung und Wissenschaft Toleranz und Integration Kunst und Kultur Heidelberg Preise und Stipendien Allgemeine Spenden

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Das Kuratorium

Kuratoriumsmitglieder der Manfred Lautenschl채ger-Stiftung

Angelika Lautenschl채ger (Vorsitz)

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Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Markus B체chler

Prof. Dr. Dr. h. c. Detlef Junker

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Paul Kirchhof

Dr. Volker Then

Romani Rose

J체rgen Dernbach

Dr. Matthias Zimmermann

Sascha Spartaru


Impressum Herausgeber:

Manfred Lautenschläger-Stiftung gGmbH Zeppelinstraße 151 69121 Heidelberg

Geschäftsführer:

Catharina Seegelken Markus Lautenschläger

Redaktion:

Catharina Seegelken Markus Lautenschläger

Gestaltung, Satz, Layout:

Denis Herrmann (www.gsm-mbh.net)

Druck:

Baier Digitaldruck, Heidelberg

Tel. +49 (0)6221 54 50-89 www.manfred-lautenschlaeger-stiftung.de

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlechter.


Jahresebericht 2016  
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