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Jahresbericht


Impressum

Herausgeber:

Manfred Lautenschläger-Stiftung gGmbH Geschäftsstelle Im Breitspiel 9 69126 Heidelberg Tel. +49 6221 31 13-0

Geschäftsführer: Jürgen Dernbach Redaktion:

Catharina Seegelken-Lautenschläger (CSL)

Gestaltung, Satz, Layout:

Denis Herrmann (GSM mbH)

Bildmaterial:

Catharina Seegelken-Lautenschläger, GSM mbH, iStockphoto, Brigitte Engelhardt (DKFZ), Alex Becker, Rachel Chester, Frederike Hentschel

Druck:

BAIER DRUCK, Heidelberg


GRUSSWORT

S. 05

NEUES GROSSPROJEKT 2011

S. 07

VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

S. 11

SPORT & GESUNDHEIT

S. 25

FORSCHUNG & WISSENSCHAFT

S. 37

GESELLSCHAFT & KULTUR

S. 45

PREISE

S. 65

WAS WURDE AUS...

S. 71

AUSBLICK

S. 89

KURATORIUMSMITGLIEDER

S. 99

PORTRAIT DES STIFTERS

S. 101

DAS ENGAGEMENT IN ZAHLEN

S. 103

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Die Manfred Lautenschläger-Stiftung: Die gemeinnützige Manfred Lautenschläger-Stiftung möchte die direkte Verbesserung der Lebensumstände von Menschen ebenso unterstützen wie die mittelbare Arbeit zugunsten eines besseren Lebens und einer besseren Gesellschaft durch Wissenschaft und Innovation. Insbesondere setzt sie sich dafür ein, in den Bereichen der Völkerverständigung, der Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen sowie des Forschungsstandortes Deutschland zu Fortentwicklungen beizutragen und die Voraussetzungen für eine positive Veränderung zu schaffen. In ihrer Arbeit folgt sie dabei den Werten des Stifters Manfred Lautenschläger: Ehrlichkeit, Menschlichkeit, Freiheit, Anständigkeit und Solidarität. Herausragende Zuwendungen der Stiftung sind die Angelika Lautenschläger Klinik (13,8 Mio) und der mittlerweile alle zwei Jahre zu vergebende Manfred Lautenschläger Forschungspreis, der mit 250.000 Euro zu den bedeutendsten Wissenschaftspreisen in Deutschland gehört.


GRUSSWORT Die Manfred Lautenschläger-Stiftung zeichnet sich unter anderem durch die Breite ihrer Fördergebiete aus. Auch im Jahr 2010 hat die Manfred Lautenschläger Stiftung viel für Völkerverständigung, Sport und Gesundheit, Gesellschaft und Kultur sowie Forschung und Wissenschaft getan. Die in diesem Jahresbericht aufgeführten und im Einzelnen beschriebenen Projekte sollen beispielhaft zeigen, in welcher Weise die Ziele der Manfred LautenschlägerStiftung im Jahr 2010 realisiert wurden. Daneben wurden zahlreiche weitere Projekte gefördert. Es würde den Rahmen dieses Jahresberichts sprengen, wollte man alle im Jahr 2010 geförderten Vorhaben aufzählen. Sämtlichen, zum Teil unterstützten Maßnahmen ist gemein, dass sie den hinter der Stiftung stehenden Menschen Manfred Lautenschläger authentisch widerspiegeln, weil er die Projekte nicht nur mit zum Teil erheblichem Aufwand finanziell unterstützt, sondern sie auch mit großem persönlichen Engagement verfolgt. Viele Vorhaben haben einen regionalen Bezug und die Menschen, die in dieser Region leben, haben hiervon auch im Jahr 2010 in hohem Maße profitiert.

Angelika Lautenschläger

(Vorsitzende der Manfred Lautenschläger-Stiftung)

Jürgen Dernbach

(Geschäftsführer der Manfred Lautenschläger-Stiftung)

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„Die Unterstützung von Kindern aus sozial schwachen Familien ist ein wichtiges Anliegen meiner Stiftung“ Dr. h. c. Manfred Lautenschläger


NEUES GROSSPROJEKT 2011 Sprachfรถrderung vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe

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NEUES GROSSPROJEKT 2011

Sprachförderung vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe Lernerfolge in der Schule und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hängen maßgeblich davon ab, wie gut man die deutsche Sprache beherrscht. Um von Beginn an optimale Voraussetzungen dafür zu schaffen, möchte die Stadt Heidelberg gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und dem Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universität Heidelberg ein durchgängiges Sprachförderkonzept vom Kindergarten bis zur 10. Klasse entwickeln und durchführen. „Sprache ist das wesentliche Kommunikationsmittel und der Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe. Sie bildet das Fundament zur Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und eingeschränkten Deutschkenntnissen. Deshalb wollen wir in Heidelberg das Sprachförderangebot systematisch ausweiten“, erklärt Oberbürgermeister Dr. Eckart Würzner. Am 30. November ist nun – mit offizieller Übergabe der Gelder – der Startschuss für das Projekt „Durchgängige Sprachförderung“ gefallen. Die Stadt Heidelberg trägt die Kosten für die Förderung in den Schulen für die Klassen 1 bis 4. Die derzeitigen Kosten für die wissenschaftliche Begleitung und Vernetzung im Verbundprojekt übernimmt die Manfred Lautenschläger-Stiftung. Die Pädagogische Hochschule wird mit der Organisation und Durchführung der Sprachförderung beauftragt. In die Weiterentwicklung werden die Schulleitungen, das Staatliche Schulamt Mannheim und das Regierungspräsidium einbezogen. Die bildungs- und kommunalpolitische Steuerung bleibt beim Amt für Schule und Bildung der Stadt Heidelberg. Das Sprachförderkonzept ist eine systematische Weiterentwicklung bereits bestehender Angebote in Heidelberg: Das Sprachförderprogramm „Deutsch für den Schulstart“ wurde am Institut für Deutsch als Fremd-

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sprachenphilologie der Universität Heidelberg in Kooperation mit städtischen Kindertagesstätten entwickelt. Die Entwicklung wurde durch die großzügige, langjährige Unterstützung der Reimann-Dubbers- und der Dürr-Stiftung möglich. Im Jahr 2007 wurde das Programm an Heidelberger Grund- und Förderschulen über den RotaryClub „Alte Brücke“ eingeführt und ab dem Jahr 2009 durch die Volkshochschule Heidelberg implementiert. Ab 2009 wurde ein weiteres Projekt, die integrierte Sprachförderung, in den Klassen drei und vier an Modellschulen eingeführt. Künftig werden weitere Teilprojekte nach und nach eingeführt und vernetzt: die Leseförderung in Klasse 5 (Prof. Dr. Reinold Funke, PH HD), die Schreibförderung in Klasse 6 (Prof. Dr. Anne Berkemeier, PH HD) sowie die Interkulturelle Lernbegleitung (Prof. Dr. Havva Engin/Sylvia Selke, PH HD). Begleitend erfolgt die Erhebung sprachheilpädagogischen Förderbedarfs. Außerdem findet ein Austausch mit Förderprojekten wie der Ballschule (Prof. Dr. Klaus Roth/Ulrike Hegar, Universität HD) statt. Prof. Dr. Anneliese Wellensiek, Rektorin der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, freut sich über die einzigartige Kooperation: „Das Projekt ist in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel für die Ausrichtung der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Strukturell spiegelt es die angestrebte Quervernetzung in der Region wieder, inhaltlich trifft es exakt den Kern von Inklusion als wesentliches Profil der Hochschule.“

Prof. Dr. Anne Berkemeier, CSL


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"Wer die Zukunft positiv gestalten will, muss sich der Vergangenheit erinnern und daraus eine besondere Verantwortung ableiten. Toleranz und Menschlichkeit finden ihren Ausdruck dort, wo die Verständigung zwischen Menschen und Völkern aktiv gelebt wird." Dr. h. c. Manfred Lautenschläger


VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Neue Projekte und einmalige Förderungen

Mehrjährige laufende Förderungen

They call me Yekisch Ein dokumentarisches Theaterprojekt

S. 12

Bruder Lukas und der Kellerladen e.V.

S. 13

Bildungsförderung durch Sport in Äthiopien

S. 13

Heidelberg-Zentrum in Simferopol Theaterstück „Ritmos con Alma“

S. 15

Empfang ehemaliger Heidelberger Juden

Zigeunerboxer

Sportkreis HD: Straßenfußball für Toleranz Abgeschlossene Projekte

Schulbauprojekt in Äthiopien – Resümee der fünfjährigen Unterstützung Exotische Pflanzen und brüllende Löwen - Neues aus dem Luxus-Palast und einem wehrhaften Bauernhof im antiken Jerusalem

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S. 15 S. 17 S. 17 S. 18 S. 19 S. 21

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VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Kurz vor dem Krieg geboren, hat Manfred Lautenschläger als Kind den Einsatz von Zwangsarbeitern miterlebt, wurde durch die Nachkriegszeit maßgeblich geprägt und diskutierte in den 68ern mit Kommilitonen und Freunden leidenschaftlich gegen den teilweise noch herrschenden, überkommenen Geist der Nachkriegseliten an. Durch diese Erfahrungen reifte in ihm die zentrale Erkenntnis und Überzeugung heran, wie wichtig die Förderung der Völkerverständigung ist. Neben der Förderung des deutsch-jüdischen Austausches möchte Manfred Lautenschläger besonders auch auf die Situation der Sinti und Roma sowohl während des 2. Weltkrieges als auch heute aufmerksam machen.

They call me Yekisch Ein dokumentarisches Theaterprojekt Weil sie auch bei großer Hitze nicht ohne ein Jackett aus dem Haus gingen, wurden jüdische Einwanderer aus Deutschland in Palästina spöttisch „Jeckes“ genannt. Der Spitzname, der auf ihre als typisch deutsch geltenden Eigenschaften und Verhaltensweisen anspielte, sich über ihre Pünktlichkeit und Genauigkeit lustig machte, über ihre übertriebene Höflichkeit und ihr Unvermögen, sich die hebräische Sprache akzentfrei anzueignen, bekam eine tragische Komponente, als ab 1933 der Zwang, Deutschland zu verlassen, die große Einwanderungswelle deutscher Juden nach Palästina auslöste. Die meisten von ihnen kamen nicht aus zionistischer Überzeugung ins Heilige Land, es war eine Frage des Überlebens. Kulturell waren sie mit Deutschland verwachsen und fühlten sich als Europäer. Die veränderten Lebensumstände, die fremde Kultur und Sprache und das ungewohnte Klima verstärkten die Schwierigkeit, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen. Dazu kam die Sorge um Familienangehörige und Freunde, die fast jeder hatte zurücklassen müssen. Die „Jeckes“ lebten die Ambivalenz gegenüber Deutschland zwischen Wut, Trauer und Heimweh als täglichen Konflikt. Noch heute bezeichnen sich viele Israelis als „Jecke“, wenn sie nach ihren Wurzeln gefragt werden. 200.000 von ihnen haben mittlerweile wieder einen deutschen Zweitpass.

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Im Sommer 2009 haben Regisseurin Nina Gühlstorff und Dramaturgin Nina Steinhilber zusammen mit vier Schauspielern aus Tel Aviv und Heidelberg in Israel recherchiert und mit Familien gesprochen, die Wurzeln in Deutschland haben. Auszüge aus wortgenauen Abschriften dieser Interviews bilden die textliche Grundlage des dokumentarischen Theaterabends. Sich der Erfahrungswelt deutschstämmiger Juden in Israel nicht über historische Fakten, sondern über sehr persönliche Lebensgeschichten zu nähern, ist dabei der zentrale Gedanke. Ausgehend von der Generation der Enkel, fanden in der Stadt und im Kibbutz, in Büros, Cafés und privaten Wohnzimmern fast fünfzig Gespräche statt. Es sind berührende, witzige, mutige und überraschende Berichte von einem Leben zwischen zwei Welten: Von Großeltern, die die Sprache ihrer Enkel nicht sprechen. Von der Ankunft in der Fremde und den Schwierigkeiten sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. Von Wüstensand, Vorurteilen, kulturellen Gegensätzen und deutscher Erziehung. Von Heimweh und verschütteter Erinnerung. Von den inneren Widerständen, in ein Land zu reisen, aus dem die Großeltern fliehen mussten und dem Stolz auf eine Kultur, die auch die Enkel geprägt hat. Von Schweigen, Verlust, Wut und Hoffnung. Vom Blick zurück und nach vorn in die noch ungewisse Zukunft einer vielleicht nie wirklich „normalen Beziehung“. Die Interview-Sprachen Englisch, Deutsch und Hebräisch werden auf die Bühne übernommen und erzählen von einem Leben zwischen zwei Welten, zu dem es auch gehört, dass die Generationen einer Familie nicht dieselbe Sprache sprechen.


VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Die Beschäftigung mit den Geschichten der „Jeckes“ provozierte gleich zu Beginn der vierwöchigen Proben in Heidelberg ein großes Bedürfnis der israelischen und deutschen Schauspieler, sich auch mit der eigenen Begegnung theatral auseinanderzusetzen. Das in Diskussionen am Tisch und bei szenischen Improvisationen gesammelte Text- und Spielmaterial wurde fester Bestandteil der Stückentwicklung. Nach dem gleichen Prinzip wie bei den Interviews wurde auch hier das Gesagte transkribiert und in Auszügen in die Textfassung übernommen. Die Frage nach der eigenen Rolle im Kontext dieser Arbeit und daran anknüpfend die Frage, ob es in einer Konstellation wie dieser überhaupt möglich ist, einfach nur zu spielen, begleitete eine intensive und emotionale Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart einer Beziehung, die immer noch jenseits der Normalität verläuft. Eigentlich hätte es aus organisatorischen Gründen nur vier Vorstellungen der israelisch-deutschen Koproduktion „They call me Jeckisch“ am Heidelberger Theater geben können. Aber bereits bei der Premiere war der Ruf nach weiteren Vorstellungen groß spontan sprang hier die Manfred Lautenschläger Stiftung ein, um vier weitere Vorstellungen zu ermöglichen. CSL

Neue Projekte und einmalige Förderungen

Bruder Lukas und der Kellerladen e.V.

Als Bruder Lukas, ein Benediktinermönch aus Maria Laach (Eifel), vor Jahren zusammen mit dem Kellerladen e.V. (ein Verein, der 1984 gegründet wurde, um unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ preiswert Dienstleistungen anzubieten) durch Zufall auf der Rückreise von der Ukraine das Romalager in Secovce in der Slowakei sah, entschied er spontan, dort zu helfen. Das Lager Habesch wird seit Jahrhunderten von Roma bevölkert, heute leben

dort 1200 Roma ohne Arbeit, ohne Perspektive und ohne Hoffnung. 2011 war der Zustand im Lager besonders schlimm. „Nach tagelangem Regen stand das Lager, in dem es keine Kanalisation gibt, unter Wasser. Dort, wo kein Wasser war, war Schlamm, der sich mit dem Müll vermischte. Dazwischen liefen Kinder barfuß und ohne Hosen umher. Und das bei Temperatuten nur wenig über Null“, beschrieb Bruder Lukas das Gesehene. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützte Bruder Lukas und den Kellerladen e.V., um ein Haus zu renovieren, in welchem jetzt Essen für bedürftige Kinder ausgegeben wird.

CSL

Mehrjährige laufende Förderungen

Bildungsförderung durch Sport in Äthiopien Unterstützung der „Tariku & Desta Kids Education through Tennis“ (TDKET Foundation) zur Bildungsförderung durch Sport – ein Projekt und seine Geschichte. In Addis Abeba, auf 2500 Meter Höhe in einem der ärmsten Länder der Welt, scharen sich über 100 Kinder um zwei junge Tennistrainer, die selbst aus ärmsten Verhältnissen stammen und als Balljungen zum Tennissport gekommen sind. Aus dieser Gruppe von Kindern können aus Platzgründen nur 20 ausgewählt werden. Tagtäglich um sechs Uhr in der Früh – noch vor der Schule – machen sich die fünf- und sechs-jährigen Kinder auf den Weg zum „Griechischen Club“, eine 3-Feld-Tennisanlage, in der Regierungs- und Botschaftsangehörige aus aller Welt in ihrer Freizeit Tennissport betreiben. Fortsetzung »

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VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Bevor die Mitglieder dies tun, dürfen diese Kinder dank des ehrenamtlichen Engagements ihrer Trainer Tariku und Desta Tesfaye Bälle schlagen - Tag für Tag, fern jeglicher Organisationen, jeglichen Verbandes. Unterstützung und Motivation erhalten die Kinder hier auch durch eine warme Mahlzeit, die Möglichkeit zu duschen und die Toilette zu benutzen sowie durch freundliche Worte und wertvolle Tipps in Fragen des schulischen Fortkommens. Auf Bitten des stellvertretenden Schulleiters der deutschen Botschaftsschule in Addis Abeba, Freund und Förderer von Tariku Tesfaye, beschließt der Verein, „sich die Kinder dann halt doch mal anzusehen“. Und so dürfen sechs Jahre später sechs dieser Kinder zu Pfingsten 2008 auf Einladung des Turniersportvereins Racket Center e.V. (www.trcev.de) nach Nußloch bei Heidelberg reisen und vier Wochen mit Training und Turnierteilnahmen verbringen.

Äthiopische Tenniskids mit Tariku Tesfaye und Haile Gebrselassie

einen Riesensprung in ihren sportlichen Leistungen. Zurück in Addis Abeba kommt die Ernüchterung: Neid und Missgunst macht den Kindern und ihren Trainern das Leben schwer. Die Trainingszeiten werden eingeschränkt. Wieder ein Jahr später wird den Kindern die Trainingsgrundlage entzogen: das „Ethiopian Kids´ Tennis Programme“, das seit 2010 als NGO anerkannt ist, muss vom Griechischen Club Abschied nehmen. Tariku Tesfaye und sein Bruder Desta mieten auf eigene Kosten zwei Tennisplätze an, die sie instand setzen. Gleichzeitig erlangen die mittlerweile 13 bis 15 jährigen Kinder die Qualifikation, in weiterführende Schulen zu gehen, die durch einen privaten Förderkreis finanziert werden. Damit aber ist die Grenze der Finanzierbarkeit fast schon überschritten. Es wird die Bitte nach einem schnellen Lösungsbeitrag an die Manfred Lautenschläger-Stiftung herangetragen. Dank der guten Beziehungen der Stiftung zur Kindernothilfe wird ein Förderbetrag gewährt, der seit Sommer 2011 in einer zunächst einjährigen Pilotphase das Projekt unterstützt. Und so trainieren mittlerweile über 60 Kinder auf einer primitiven Zweifeldtennisanlage in Begleitung von Assistenztrainern, erhalten ein ordentliches Essen am Tag, grundlegende pharmazeutische Versorgung und Nachhilfeunterricht in einem einfach eingerichteten Klassenzimmer mit dem Ziel, einen erstklassigen Schulabschluss zu erwerben. Bald schon sollen durch das unermüdliche ideelle Engagement der dadurch bekannt gewordenen Brüder Tesfaye noch mehr Kinder in den Genuss des Programms „Erziehung und Bildung durch Tennis“ kommen. Dass kein Geringerer als der Weltklasseläufer Haile Gebrselassie diesem Projekt seine Schirmherrschaft schenkt, unterstreicht die Bedeutung, zu welcher Tariku und Desta Tesfaye dieses Projekt in 10 Jahre unermüdlicher Arbeit geführt haben.

Dr. Matthias Zimmermann, CSL

Wieder ein Jahr später – Pfingsten 2009: Die Kinder des Projekts gewinnen Jugendtennisturniere in Deutschland und machen

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VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Empfang ehemaliger Heidelberger Juden 2011 begrüßten Oberbürgermeister Dr. Eckart Würzner und Dr. h. c. Manfred Lautenschläger ehemalige Heidelberger Juden. Zum vierten Treffen der jüdischen ehemaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger Heidelbergs und deren Familien wurden 110 Teilnehmer im Rathaus empfangen. Erstmals waren unter den Teilnehmern auch direkte Angehörige der ehemaligen Heidelberger. „Beim letzten Treffen wurde uns bewusst, wie wichtig es für nachfolgende Generationen ist, die Stadt ihrer Eltern oder Großeltern kennenzulernen. Sie können sich auf die Spurensuche nach der Vergangenheit ihrer Angehörigen machen und wir schaffen Kontinuität und lassen den Kontakt nicht abreißen“, erklärte Oberbürgermeister Dr. Eckart Würzner. Das Treffen ehemaliger jüdischer Bürgerinnen und Bürger findet seit 1996 alle fünf Jahre statt.

„Die Einladung an Sie ist Teil unserer langjährigen Bemühungen in Heidelberg, eine Erinnerungskultur zu pflegen, die Geschichte lebendig halten soll, damit wir selbst und künftige Generationen ein tieferes Verständnis für unsere Vergangenheit entwickeln. Nur so können wir die Zukunft verantwortungsvoll gestalten“ , betonte der Oberbürgermeister. Vorbereitet wurde das Treffen von der Stadtverwaltung, dem Förderkreis Begegnung, der Universität Heidelberg, der Hochschule für Jüdische Studien und Heidelberger Schulen. Die Teilnehmer kamen aus den USA, Belgien, den Niederlanden, Deutschland, England, Irland und Israel. Mit 91 Jahren war Miriam Ranan die älteste Teilnehmerin. Die ehemaligen Mitbügerinnen und Mitbürger führten Zeitzeugengespräche an Heidelberger Schulen. Darüber hinaus nahmen sie an der Einweihung des Denkmals, das an die Bücherverbrennung 1933 erinnern soll, teil.

Auf Initiative des Förderkreises Begegnung waren die Teilnehmer auch bei der Enthüllung der Grabplatte für Georg Hermann, Schriftsteller, auf dem jüdischen Friedhof anwesend. David Meyerhof, Enkel des Nobelpreisträgers Otto Fritz Meyerhof, begab sich auf einen Rundgang zu den Wirkungsstätten seines Großvaters. Ein weiteres zentrales Geschehen des Besuchs war eine Shabbat-Feier in der jüdischen Gemeinde. Seinen Abschluss fand das Treffen bei einem Festabend auf der Molkenkur.

CSL

Heidelberg-Zentrum in Simferopol Seit 2000 unterstützt die Manfred Lautenschläger-Stiftung das Heidelberg-Zentrum in Simferopol in der Ukraine. In diesem Haus sind eine Vielzahl an Verbänden und Interessengruppen vertreten. Zu ihnen zählen die Partnerorganisation des Freundeskreises Heidelberg-Simferopol mit dem Namen „Heidelberg-Haus“ (zuständig für die Koordination der Aktivitäten und die Verwaltung des Zentrums), der Krimverband der Zwangsarbeiter und seine Simferopoler Abteilung, die Krimabteilung der ukrainischen Stiftung „Gegenseitiges Verständnis und Toleranz“, der PHAB-Klub (ein Zusammenschluss von behinderten und nichtbehinderten Menschen), das Deutsche Sprachlernzentrum, Partner des Goethe-Instituts Ukraine, der Selbsthilfeverein für Diabetiker, der medizinisch-soziale Hilfsdienst der Manfred Lautenschläger-Stiftung, der Literatenklub sowie das therapeutisches Singen und ein Kindertheater. Im Jahr 2011 fand in dem Zentrum neben einer Fülle an Aktivitäten auch Renovierungsarbeiten statt. Das Erdgeschoss des Neubaus, das Domizil der ehemaligen Zwangsarbeiter, wurde total saniert. Fortsetzung »

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VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Eine Küche wurde errichtet und das Toilettenproblem auf dem Gelände des HeidelbergZentrums gelöst. Eine behindertengerechte Toilette, die erste dieser Art auf der Krim, und eine Gartentoilette wurden gebaut. Das Heidelberg-Zentrum Simferopol ist ein Ort der Freude, und so finden dort regelmäßig Feiern statt, oftmals kombiniert mit Spenden für die „eigene Sache“. An dem russisch-orthodoxen Weihnachtsfest beispielsweise, das am 06.01.2011 stattfand, sammelten Heidelberger Bürger und die Stadtverwaltung Geld, das an bedürftige Simferopoler verteilt wurde. In der Einrichtung wird ein Selbsthilfeprojekt zur Betreuung und sozialen Unterstützung ehemaliger Zwangsarbeiter und NS-Verfolgter durchgeführt, wobei die Ausgabe von Medikamenten genauso unterstützt wird wie die soziale Zusammenkunft der Betroffenen. Gut besucht sind die regelmäßigen, gemütlichen Treffen mit dem Motto „Aus ganzem Herzen...“, an denen die Jubilare des jeweiligen Monats gefeiert werden. Großer Beliebtheit erfreuen sich bei den betagten Menschen auch die Retro-Abende mit Schlagern der 30-Jahre, die ein junger Enthusiast mit Original Schellackplatten veranstaltet. Vorträge über Themen wie Gesundheit und Ernährung im Alter stoßen meist bei den jüngeren Generation ehemaliger Zwangsarbeiter, d. h. bei den über 70-Jährigen, auf reges Interesse. Im Durchschnitt nehmen monatlich 100 ehemalige Zwangsarbeiter an den Veranstaltungen teil. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Krimverbandes der Zwangsarbeiter fand im Juni 2011 eine Reihe von Veranstaltungen im Heidelberg-Zentrum statt. Auf der offiziellen Veranstaltung versammelten sich die aktiven Mitglieder aus der ganzen Krim und wurden von der Regierung der Autonomen Republik Krim und der Stadtspitze zu ihren Aktivitäten beglückwünscht und mit wertvollen Geschenken bedacht. Lidia Chodyreva, die Vorsitzende des Krimverbandes der Zwangs-

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arbeiter, dankte 40 langjährigen Mitgliedern für Ihre Treue und gute Zusammenarbeit und vergab Auszeichnungen. Im August wurde im Heidelberg-Zentrum die Wanderausstellung der Gedenkstätte Dachau mit dem Titel „Namen statt Nummern“ eröffnet. Mehr als hundert Besucher zählte die Vernissage. Es waren Zwangsarbeiter aus der ganzen Krim, Schüler einiger Simferopoler Schulen, Mitglieder unserer Partnerorganisation und aus Heidelberg Stadtrat Ernst Gund, beide Vorstandsvorsitzenden des Freundeskreises Heidelberg-Simferopol, Magdalena Melter und Gerd Guntermann. Dieselbe Ausstellung war vor zwei Jahren in Heidelberg, im Dokumentationszentrum für Sinti und Roma zu sehen. 20 Jahre Partnerschaft zwischen Heidelberg und Simferopol wurden in der Gartenanlage des Heidelberg-Zentrums gefeiert. Anwesend waren neben den offiziellen Vertretern der Stadt viele Simferopoler Persönlichkeiten aus der Politik, Kultur und den Medien, die seit der ersten Stunde an der Entwicklung der Partnerschaft mitgewirkt haben. Die Stipendiaten der Manfred Lautenschläger-Stiftung aus Simferopol, Hostpitanten in den Heidelberger Kliniken und Austauschstudenten an der Heidelberger Universität, nahmen auch an dem Fest teil. In ihrer Dankesrede fasste Violetta Tischina die Gesamtkoordinatoren der partnerschaftlichen Beziehungen zusammen: „Die lebendige Partnerschaft ist nur mit den deutschen Freunden möglich, allen voran ist es Manfred Lautenschläger, unser Mäzen und Förderer und seine Stiftung“. Melter ließ die Partnerschaft Revue passieren, wobei sich etliche Simferopoler lebhaft an der Darstellung beteiligten. Gerd Guntermann kam zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten wieder Mal per Rad in die Hauptstadt der Krim und schilderte den Gästen die Höhepunkte aus seiner sechswöchigen Radtour. Im Heidelberg-Zentrum werden auch nationale und internationale Gedenktage, die an


VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

den zweiten Weltkrieg erinnern, begangen, so unter anderem der Tag der Befreiung der Gefangenen aus den KZ-Lagern und der Tag des Sieges über die Deutschen. Laut der Information der Verwalterin nahmen an den verschiedenen Veranstaltungen im Heidelberg-Zentrum mehr als 1000 Menschen teil. Magdalena Melter, CSL

Theaterstück „Ritmos con Alma“ Mit Unterstützung der Manfred Lautenschläger-Stiftung konnte das Dokumentationsund Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma am 30. Oktober in Kooperation mit dem Theater Heidelberg das spanische FlamencoTanz-Theaterstück „Ritmos con Alma“ mit Miguel Vargas und seinem Ensemble in Heidelberg präsentieren. Das Gastspiel fand im Rahmen des internationalen, vom Europarat initiierten und von der Europäischen Kommission mitfinanzierten Pilotprojekts „Roma Routes“ statt. Das Stück „Ritmos con Alma“ ist durch die Geschichte des Flamencos – von seinen Anfängen bis in die heutige Zeit – inspiriert. Dieser einzigartige Musikstil entstand vor über 150 Jahren durch die Klagegesänge der andalusischen Sinti und Roma. „Ritmos con Alma” zeigt eine zeitgenössische Interpretation dieser alten Melodien und Rhythmen und ist eine Hommage an dieses kulturelle Erbe. Dabei verbinden sich verschiedene Kulturen, Musik- und Tanzstile zu einer einzigartigen Mischung. Für die Aufführung im – an diesem Abend auskauften – Opernzelt bedankte sich das begeisterte Publikum bei den spanischen Künstlern mit lang anhaltendem Applaus. Ein Teil dieser Würdigung galt dabei auch dem neuen Intendanten des Theaters Heidelberg, Holger Schultze. Werke mit und über Sinti

und Roma auf die Bühne zu bringen, das ist eines der Ziele, die sich der neue Intendant des Theaters Heidelberg, Holger Schultze, gleich zu Beginn seiner Tätigkeit gesetzt hat. Ein eigentlich naheliegender Gedanke, denn in der Stadt der deutschen Romantik schlägt seit vielen Jahren das politische und kulturelle Herz der deutschen Sinti und Roma: Einer seiner ersten Termine in Heidelberg führte Holger Schulze dann auch in das Dokumentations- und Kulturzentrum. Schnell waren dabei Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit ausgelotet. Seinen ersten Ausdruck hat diese Partnerschaft mit dem Gastspiel von Miguel Vargas und seinem Ensemble gefunden. Und auch das nächste Gemeinschaftsprojekt ist bereits in Vorbereitung: Im Frühjahr 2012 wird das Theater Heidelberg eine Adaption von ‚Elses Geschichte‘ aufführen.

Romani Rose, CSL

Zigeunerboxer Hans will vergessen. Vergessen, wie er seinen Freund Ruki kennengelernt hat, als dieser ihm in der Kindheit einen Apfel schenkte. Vergessen, wie Ruki ihn damals als Jugendlicher zum Boxen brachte und als junger Mann - als „Zigeunerboxer“ - zunehmend von den Nationalsozialisten am Boxen gehindert wurde. Vergessen, wie sie sich im Arbeitslager wiederbegegneten; wie sie dort zur Belustigung der Wachmänner gegeneinander kämpfen mussten; wie Ruki einen SS-Mann niederschlug und Hans ihn deshalb erschießen musste. Die Erinnerung ist ein Raubtier, eine Würgeschlange. Doch Hans kann sie nicht loswerden. Die Erinnerung ist er selbst. Reinigers Figur Hans macht die Schrecken der Nazizeit nachfühlbar, indem er die Geschichte einer Freundschaft erzählt, die im Dritten Reich nicht bestehen darf und die doch über den Tod hinaus besteht. Denn im Boxring, so Hans, ist nicht immer der Sieger, der den Gegner K.O. schlägt.

Fortsetzung »

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VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Manchmal gewinnt der, der sich niederschlagen lässt und vom Publikum trotzdem bejubelt wird. Das Stück richtet sich nach der Biographie des im KZ Wittenberge ermordeten Sintos Johann „Rukeli“ Trollmann, Deutscher Meister im Halbschwergewicht 1933. Trollmanns Titel wurde ihm innerhalb einer Woche vom nationalsozialistischen „Verband deutscher Faustkämpfer“ aus rassischen Gründen entzogen. Die Begründung: er kämpfe „undeutsch“. 1944 treffen sich Hans und Trollmann im Konzentrationslager wieder. Hans versucht, sich an das Unerträgliche zu erinnern. Rike Reiniger schrieb ihren bewegenden Monolog nach der Biographie des im KZ Neuengamme ermordeten Sinto Johann „Rukeli“ Trollmann. Ihr Stück erhielt beim Heidelberger Stückemarkt 2011 den vom Publikum bestimmten „Preis des Freundeskreises“. Zu den bewegten Zuschauern der Uraufführung zählte Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma. Er dankte den Theaterleuten für die berührende Aufführung, „in der das Schicksal eines Menschen beispielhaft für die Verfolgten der Nazizeit“ stünde. CSL, www.blb-karlsruhe.de, www.theaterstueckverlag.de

Sportkreis HD: Straßenfußball für Toleranz Straßenfußball braucht keine speziellen Plätze, keine teuren Geräte und keine aufwendigen Rahmenbedingungen: überall spielbar, überall verständlich und allen gleichermaßen zugänglich erlaubt er einen einfachen, unbeschwerten, motivierenden und lebensraumorientierten Zugang zum Sport. In diesem Sinne spricht er im Besonderen die chancenschwachen Kinder und Jugendlichen an, denen sonst auf Dauer der Zugang zum Sport verwehrt bleibt. Der Sportkreis Heidelberg macht sich das große Potential des Straßenfußballs zu Nutze, in dem er sich seit 2001 am landesweiten

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Projekt “Straßenfußball für Toleranz“ als Ausrichter beteiligt. Das Projekt „Straßenfußball für Toleranz“ nutzt das Potential und schafft mit seinem besonderen Regelkatalog (s.u.) einen Rahmen für Lerninhalte wie Konfliktmanagement, Zivilcourage, interkulturelles Lernen, Fairness und Teilhabe. Das Lernen sozialer und personaler Handlungskompetenzen ist Voraussetzung für ein soziales und tolerantes Miteinander im europäischen und globalen Kontext. Bei den „Straßenfußball für Toleranz“Turnieren wird in einem besonderen Modus gespielt, der seine Wurzeln in Kolumbien hat. In jedem Team (sechs SpielerInnen) muss mindestens ein Mädchen mitspielen: Erst wenn das Mädchen ein Tor erzielt hat, zählen auch alle anderen Tore der Jungen. Außerdem gibt es keine Schiedsrichter. So genannte „Teamer“ übernehmen diese Aufgabe. Sie beobachten das Spiel vom Spielfeldrand aus und greifen nicht unmittelbar in den Spielverlauf ein. Eine weitere Besonderheit ist die Punkteverteilung. Neben den üblichen drei Punkte für ein gewonnenes Spiel, gibt es einen Punkt für ein verlorenes Spiel und zwei Punkte für ein Unentschieden. Genauso stark gewichtet wird Fairplay. Vor jedem Spiel einigen sich die gegnerischen Mannschaften auf drei Kriterien die in diesem Spiel besonders beachtet werden sollen (Beispiel: ShakeHands nach dem Spiel oder Fouls selbständig zugeben). Nach dem Spiel besprechen die „Teamer“ mit den Mannschaften den Spielverlauf und entscheiden mit ihnen über die Vergabe der Fairplay-Punkte. Es können pro Mannschaft und Spiel maximal drei Punkte vergeben werden, das heißt Fairplay entscheidet genauso über Sieg oder Niederlage wie die erzielten Tore. Somit kann eine Mannschaft, die sehr fair, fußballerisch aber nur durchschnittlich spielt, trotzdem eine gute Platzierung erreichen. Förderer des Projekts ist neben der Manfred Lautenschläger-Stiftung der Verein Sicheres Heidelberg e.V.

CSL


VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Abgeschlossene Projekte

Schulbauprojekt in Äthiopien – Resümee der fünfjährigen Unterstützung Die Manfred Lautenschläger-Stiftung errichtete mit Hilfe der Kindernothilfe und der Ethiopian Kaie Heywet Church (EKHC) in den Jahren 2005 bis 2010 Schulen in Äthiopien und sorgte zudem für eine ausreichende Wasserversorgung in den entsprechenden Distrikten. 16.000 Kinder und 4.000 Erwachsene profitieren direkt von diesem Projekt. 2011 führte die Kindernothilfe eine Evaluation des Projektes durch, die hier vorgestellt wird. Obwohl Bildung als einer der wichtigsten Indikatoren der menschlichen Entwicklung angesehen wird, müssen Millionen Kinder täglich arbeiten und können nicht zur Schule gehen. Vielfach sind Kinder Armut und Hunger sowie unterschiedlichen Arten von struktureller Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt. Armut ist der ausschlaggebende Grund dafür, warum so viele Kinder weltweit keinen Zugang zu Gesundheit und Bildung haben. Eine Gesellschaft, in der ein Großteil nicht lesen und schreiben oder andere grundlegende tägliche Anforderungen erfüllen kann, ist fundamental in ihrer Entwicklung gehindert. Nach Schätzungen des United Nations Children‘s Fund (UNICEF, 2002) sterben täglich rund 40.000 Kinder an den Folgen von Armut, Fehl- und Unterernährung sowie anderen Krankheiten. Ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in absoluter Armut, der überwiegende Teil davon sind Frauen und Kinder. Äthiopien ist eines der Länder, in denen der Zugang zur Grundbildung problematisch ist. Die Gründe warum die Kinder nicht zur Schule geschickt werden variieren: Manche können aufgrund zu weiter Schulwege nicht zum Unterricht gehen, andere sind darauf angewiesen zu arbeiten, um so zum Lebens-

unterhalt ihrer Familien beizutragen. Wieder andere werden von ihrer Familie oder Gemeinde davon abgehalten, zur Schule zu gehen, weil diese die schulische Bildung der Kinder nicht für wichtig erachten. Selbst die Kinder, die eingeschult wurden, haben oft nicht genug Zeit, um zu lernen, Hausaufgaben zu machen oder überhaupt dem Unterricht beizuwohnen - oft kommen sie zu spät oder fehlen ganz. Um diesen Problemen entgegenzuwirken, hat die Ethiopian Kaie Heywet Church (EKHC) als Projektträger gemeinsam mit der Kindernothilfe (KNH) und der Manfred Lautenschläger-Stiftung ein Projekt implementiert, welches 19.000 Kindern den Zugang zu Bildung ermöglicht hat, um dadurch Gemeinden weiterzubilden und zu stärken. In den letzten Jahren hat sich die Anwesenheitsrate in Grundschulen stark verbessert. Durch die Befragung der unterschiedlichen Gruppen ließen sich zahlreiche Informationen gewinnen: Fast alle der befragten Schüler, Eltern, Schuldirektoren, Gemeindevertreter, Komiteemitglieder, Regierungsbeamten und Bildungsexperten zeigten sich im Bezug auf das Level an Zufriedenheit und Fröhlichkeit der Projektteilnehmer äußerst zuversichtlich. Das Projekt hat auch auf längere Sicht eine sehr hohe Bedeutung für viele Kinder, die aus ökonomischen oder sozialen Problemen oder schlicht aufgrund eines zu weiten Schulwegs nicht die Chance hatten, eine formale Schule zu besuchen. Es gibt eine Vielzahl an Hinweisen, die Rückschlüsse auf die Effektivität des Projekts zulassen (die hier angeführten zentralen Ergebnisse werden anschließend genauer beschrieben). Erfreulich ist auch, dass es ein erhöhtes Lern-Interesse bei den Kindern - selbst in angrenzenden Distrikten – erzielt wurde. Auch wurden die Bildungskosten sowohl für die Regierung als auch für die Familien geringer. Fortsetzung »

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VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Obwohl das Projekt viele Vorteile und Stärken hat, bestehen auch einige Schwächen bzw. Herausforderungen, die aber den Gesamterfolg des Projektes nicht minderten. Beispielsweise war das Budget zu gering, um den Generator zur Wasserpumpung, ein Wasserverteilungssystem und „water points“ in Deneba, Shashogo Woreda zu bauen. ln einigen Projektgebieten wurde das Monitaring von den „Woreda Education Officials“ sowie von Projektkoordinierungspersonal der Woreda nicht wie vorgesehen durchgeführt, z.B. in Shashogo und Siraro/Shalla. Probleme gab es auch bei der fristgerechten Fertigstellung von Klassenräumen, z.B. in Siari/ Shalla Woreda. Unzureichende Implementierung von Erwachsenenbildung („Adult Fundianal Litearcy Education“) ist in fast allen Projektgebieten der Fall, ebenso verspätete Auszahlung des Budgets für Bauarbeiten sowie für die Gehälter der Betreuer. Niedrige Gehälter der Betreuer im Vergleich zu steigenden Kosten für Waren und Dienstleistungen sowie der fehlende Einsatz einiger Gemeinden bei der Bereitstellung von Ressourcen für Schulen und Versagen bei der Bezahlung ihres Anteils an den Gehältern der Lehrer und Betreuer zählen auch zu den Herausforderungen des Projektes. Durch die Studie kam zum Ausdruck, dass das Bewusstsein für und das Interesse an Schulbildung sowohl bei Eltern und Kindern erhöht wurde. Wie durch die Befragung von Lehrern, Schuldirektoren, Schülern, Eltern, Gemeindevertretern, Bildungsexperten und Regierungsbeamten der Woreda herausgefunden wurde, war der Einsatz von Eltern und Gemeindemitgliedern bei der Bereitstellung von Ressourcen für die Schulen hoch. Sie boten den Schulen Land, Arbeitskraft, Materialen wie Holz, Sand und Steine, Geld und anderes an. Alle 80 alternative Bildungszentren wurden mit günstigen, lokal vorhandenen Materialen gebaut. Alle 80 Zentren wurden in offizielle Grundschulen der Klassen 1 bis 4 umgewandelt und 60% von ihnen sind sogar Grundschulen bis Klasse 8. Alle Zentren

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wurden an die lokale Regierung übergeben und vom Woreda Education Office registriert. Schulmaterialen und Lehrpläne wurden vom Bildungsministerium (Ministry of Education) und den Regionalen Bildungsbüros entwickelt. Dies erleichterte es, Lehrpläne in lokalen Sprachen wie Oromifa, Hadiyissa und Kambatissa zu erstellen. Zusätzlich dazu wurden Schulbücher in den Fächern Englisch, Mathematik, Sachkunde und lokale Sprache entwickelt und in allen Zentren/ Schulen genutzt. Das Projekt war zudem erfolgreich bei der Durchführung von Schulungen für Lehrer, Betreuer und Schuldirektoren - sowohl vor Aufnahme ihres Dienstes als auch währenddessen. Themen waren das Management von Lehr- und Lernprozessen sowie die effektive Koordinierung aller Aktivitäten der unterschiedlichen Zentren. Die Mehrheit der Lehrer (90.8%) bewertete die Durchführbarkeit und Nützlichkeit der innerhalb des Projekts absolvierten Schulungen als hoch. Die ersten vier Schulungsthemen waren Planung des Unterrichts, Schüler ansprechende Lehrmethoden, kontinuierliche Bewertung und Evaluation sowie die Aufgaben und Verantwortlichkeiten eines Lehrers bzw. Betreuers. Die Relevanz dieser Themen wurde von 73.8% der Befragten als durchschnittlich bzw. über dem Durchschnitt bewertet. Vor der Durchführung des Projekts konnten viele Mädchen nicht die Schule besuchen. Nach der Durchführung des Projekts haben Jungen und Mädchen nun die gleichen Bildungschancen; in manchen Projektgebieten lagen die Einschulungsraten für Mädchen sogar höher. Durch die Studie kam zum Ausdruck, dass sich einige weitere Nicht¬ Regierungsorganisationen wie beispielsweise „World Vision Ethiopia“, „Community Development International“ oder „People in Need“ an der Errichtung zusätzlicher Klassenzimmer, Latrinen, Wassertanks und an der Bereitstellung anderer Materialen beteiligt haben. Dieses Engagement führte zudem dazu, dass sich in der Nähe der Schulen ganz


VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

neue Gemeindestrukturen entwickelt haben. Diese umfassen neben neu errichteten Gesundheitsstationen auch landwirtschaftliche Ausbildungszentren sowie Marktplätze, die den Warenaustausch in den abgelegenen Regionen erleichtern.

Nähe von Ramat Rahel ein Bauernhof ausgegraben, genauer heißt der Flecken er-Ras (= „das Haupt“).

Folgende Schlussfolgerungen wurden aus der Studie gezogen: Die erfolgreiche Implementierung und Durchführung von Entwicklungsprojekten basiert auf einer aktiven Beteiligung der Gemeinde und ihrer Bereitschaft, Ressourcen zur Verfügung zu stellen, der Unterstützung, angemessenen Nachverfolgung und Überprüfung der Aktivitäten durch Regierungsbeamte, einem adäquaten Budget und technischer Unterstützung, einem fristgerechten, geplanten Monitoring, Supervision und regelmäßiger Berichterstattung, kontinuierliche Aktivitäten zur Bewusstseinsschaffung in Gemeinden, sowie Schulungen für Mitarbeiter. Monitoring und Supervision sichern die Qualität von Entwicklungsprojekten.

Kindernothilfe, CSL

Exotische Pflanzen und brüllende Löwen - Neues aus dem Luxus-Palast und einem wehrhaften Bauernhof im antiken Jerusalem Im Königspalast von Ramat Rahel (Jerusalem) sind die archäologischen Grabungen 2010 zum Ende gekommen - aber keineswegs die Forschung! Mit Unterstützung der Manfred Lautenschläger-Stiftung konnten die ausgegrabenen Funde von einem internationalen Forscherteam weiter ausgewertet und für die Publikation vorbereitet werden. Was aber zum Verständnis des Palastes dringend noch fehlte, war eine genauere Kenntnis davon, wo und durch wen der für Juda opulente Luxus überhaupt produziert wurde. Aus diesem Grunde wurde unter Leitung von Dr. Yuval Gadot und Prof. Manfred Oeming 2011 in der

Dreidimensionales Model vom Königspalast von Ramat Rahel

Bei den Auswertungen der Funde von Ramat Rahel ging es um exakte Beurteilung und Einordnung der Keramik-, Münz- und Kleinfunde von der biblischen Königszeit (ab ca. 700 v. Chr.) bis hin in die arabische Epoche der Abbasiden, also bis zum Zeitalter der Kreuzritter (um 1100 n.Chr.). Auch die Architekturfunde konnten genauer analysiert und zu einem dreidimensionalen Modell ausgebaut werden. Wir erkennen jetzt, wie prunkvoll der Palast in der Phase seines größten Ausbaus gewesen ist. Auch die hohe Klasse der byzantinischen Epoche, als Ramat Rahel an der Via Aurea, der „goldenen Straße“ von Bethlehem nach Jerusalem, das heißt an einem enorm wichtigen Pilgerweg der damaligen Christenheit, lag, ist jetzt deutlich. Fortsetzung »

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VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Über die historische und archäologische Auswertung hinaus konnten v. a. aufwendigere naturwissenschaftliche Analysen durchgeführt und dabei wahrlich sensationelle Resultate erzielt werden. Die Grabungen hatten ein großes Gartenareal von 16.000 qm zu Tage treten lassen; was aber war hier gepflanzt worden? Bislang waren alle Versuche von Experten des Weizmann-Instituts und der Hebräischen Universität Jerusalem missglückt, die Pollen aus den antiken Erdschichten genauer zu bestimmen. Im Boden war der Blütenstaub im Verlauf der Jahrhunderte zu stark verwittert. Blüten und Samen sind fragil und erhalten sich einfach nicht über 2.500 Jahre hinweg. Gleich neben dem Garten befanden sich aber Wasserinstallationen wie Pools und Tunnel, die mit dicker Zementpflasterschicht abgedichtet wurden.

Ausgrabungsstelle, Ramat Rahel

Die zunächst „wilde“ Idee war, ob sich vielleicht Blütenstaub in diesem Verputz abgesetzt hat, als dieser noch frisch war, und so konserviert wurde. Die Paläobotanikerin Dr. Daphne Langot der Universität Tel Aviv

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hat Verputz-Proben unter dem Mikroskop sorgfältig auf Rückstände von Pollen untersucht und wurde fündig! 2011 gelang es der Forscherin, zwischen den verschiedenen Estrichlagen, mit denen Bewässerungskanäle, Becken und Rinnen des Gartens wasserdicht ausgekleidet wurden, brauchbare Pollenreste zu sichern. Offenbar blieben die Pollen in der Antike an den feuchten Putzoberflächen haften und wurden so tatsächlich konserviert. Insbesondere in den Putzschichten aus der Zeit der persischen Fremdherrschaft (5. und 4. Jahrhundert v. Chr.) identifizierte die Wissenschaftlerin nicht nur heimische Pflanzen wie Weinreben, Feigen- und Olivenbäume, sondern auch Zierpflanzen und Baumarten aus weit entfernten Gegenden. So hatte man hier Weiden, Pappeln und Wasserlilien, ferner spezielle Zitronen- sowie Myrtenbäume, Birken, persische Walnussgewächse und Zedern aus dem Libanon gepflanzt. Was wir schon aus allgemeinen Überlegungen zum Wesen eines Prachtgartens und aus anderen Texten und Bildern über persischen ParadiesAnlagen (das deutsche Wort „Paradies“ kommt vom dem persischen „pardes“ und meint einen „abgeschlossenen Ziergarten“) vermutet hatten, wurde jetzt naturwissenschaftlich bestätigt: der persische Statthalter hatte zur Machtdemonstration aus allen Winkeln des Perserreichs exotische Pflanzen einführen lassen. Bei dem 2011 untersuchten Bauernhof handelt es sich um eine kleine Farm, die bei Straßenbauarbeiten in der Nähe des Zoos von Jerusalem zufällig entdeckt wurde. In enger Zusammenarbeit mit den Naturwissenschaftlern vom Weizmann-Institut in Rehovot (einer der Partnerstädte Heidelbergs) wurden die kleinsten Spuren analysiert: Pollen und Samen, Kerne, Knochenreste, Fischgräten, der Inhalt von Vorratskrügen oder Asche. Besonders wichtig war die Luminiszenzanalyse der Terrassenmauern. Diese neue Methode der Datierung erlaubt die Bestimmung des Zeitpunkts, zu dem ein Quarz zum letzten Mal dem Sonnenlicht ausgesetzt war; dadurch kann die sehr wichtige Frage geklärt


VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

werden, wann die Terrassenmauern errichtet wurden. War die Terrassierung der steilen Hänge der Schlüssel zur Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge? Darüber hinaus verwendeten die Ausgräber besondere Aufmerksamkeit auf die Datierung der zahlreichen in den Felsen gehauenen Installationen. Wenn sie aus der Eisenzeit stammen, belegen sie den Wandel von der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft zur halbindustriellen Massenproduktion von Olivenöl, Wein oder anderen Flüssigkeiten. Durch die Grabungen tritt jetzt zunehmend eine „industrial farm“ hervor und man kann erkennen, dass man in der späten Königszeit (ab dem 7. Jh. v. Chr.) offenbar Spezialisierungen in die Landwirtschaft einbrachte. Nicht jeder Hof produziert alles, sondern einige Höfe werden ganz speziell für Produkte wie Wein, Olivenöl und getrocknete Früchte in größerem Stil ausgebaut. Außerdem zeigte sich, dass diese Höfe durchaus wehrhaften Charakter haben. Ein völlig überraschender Fund war eine Silbermünze. Es handelt sich um einen Stater, der um 480 v.Chr. in Ägina, einer ionischen Insel, geprägt wurde. Auf der Vorderseite ist eine Meeresschildkröte erkennbar, auf der Rückseite eine geometrische Figur, die einem Wagenrad ähnelt. Die 11,8 g schwere Münze, was genau einem königszeitlichen Schekel entspricht, wurde in der Frühzeit des Geldwesens wohl nicht als Zahlungsmittel verwendet, sondern eher als Gewicht. Diese seltene Münze ist die erste, die im Rahmen einer kontrollierten Ausgrabung zu Tage kam, und es handelt sich nach Auskunft des Numismatikers Yoav Fahri (Hebräische Universität Jerusalem) um eine der ältesten Münzen, die jemals in Israel gefunden wurde, wenn nicht sogar um die älteste überhaupt. Der Umstand, dass eine solche Münze ausgerechnet in einem kleinen Bauernhof der frühen Perserzeit abseits der Stadt gefunden wurde, ändert unser Verständnis davon, was „bäuerlich“ in dieser Zeit bedeutete.

Ein weiterer besonderer Fund des Metalldetektors Fahri ist eine perfekt erhaltene Speerspitze aus der Eisenzeit, die zeigt, dass die Landwirte schon damals sehr wehrhaft waren.

Speerspitze aus der Eisenzeit, Ramat Rahel

Mit Unterstützung der Manfred Lautenschläger-Stiftung nahmen 14 Studenten der Theologie aus Heidelberg an dem AusgrabungsProjekt teil, darüber hinaus arbeiteten 8 Studenten der Archäologie aus Tel Aviv sowie ein gutes Dutzend freiwillige Helfer aus alle Welt (USA, Kanada, Australien, Holland) bei dem Projekt mit. Die unmittelbare Nähe zum Zoo erzeugte eine weltweit wohl einmalige Geräuschkulisse bei einer Ausgrabung: das Brüllen der Löwen, das Schreien von Affen und das Tröten von Elefanten verliehen der harten und trockenen Arbeit einer peniblen Grabung den Hauch von Exotik.

Prof. Dr. Manfred Oeming, CSL

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"Wenn man weiĂ&#x;, dass 50 Prozent der deutschen Kinder nicht auf die von der Weltgesundheitsorganisation geforderte tägliche Bewegung von einer Stunde kommen, muss man handeln." Dr. h. c. Manfred Lautenschläger


SPORT UND GESUNDHEIT

Neue Projekte und einmalige Förderungen

Mehrjährige laufende Förderungen

Krebsprävention in der Praxis (NCT)

S. 26

Mit dem Fahrrad mobil: Allgemeiner Deutscher FahrradClub an Schulen und Kitas

S. 27

Fahrräder für die Geschwister-Scholl-Schule

S. 28

Ballschule

S. 28

Rudern gegen Krebs

S. 31

Schwimmkids durch Schwimmfix HD Rollstuhlmarathon e.V. Radtreff Rhein-Neckar Mannheim läuft e.V.

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S. 30 S. 33 S. 34 S. 34

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SPORT UND GESUNDHEIT

Nicht erst seit seiner Erkrankung ist der Stifter Manfred Lautenschläger ein Sportnarr. Ob Basketball, Tennis, Golf, Radfahren oder Schwimmen – er nimmt die Herausforderung an. Dies sieht er darin begründet, dass er schon als Kind im Hof kicken ging, wann immer die Zeit es zuließ. Dass heutzutage die meisten Kinder unter Bewegungsmangel leiden, ist eine Tatsache, der er entschieden entgegenwirken möchte. Unter dem Motto „wenn man als Mann aus der Wirtschaft Geld gibt, dann sollte man sich anschließend zurückhalten und die machen lassen, die sich in ihrem Feld am besten auskennen“ unterstützt die Stiftung einige Sportprojekte.

Krebsprävention in der Praxis (NCT) Schon lange wird vermutet, dass sich Sport positiv auf die Folgen von Erkrankungen wie Krebs und deren Behandlung auswirkt. Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg ist mit der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) in Saarbrücken sowie dem Zentrum Aktiver Prävention in Nußloch bei Heidelberg eine Kooperation eingegangen, deren Ziel die Durchführung interdisziplinärer

v.l.n.r.: Dr. Friederike Scharhag-Rosenberger, Prof. Dr. Dirk Jäger, Dr. h. c. Manfred Lautenschläger, Prof. Dr. Cornelia Ulrich, Prof. Dr. Thomas Wessinghage, Dr. Matthias Zimmermann

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Projekte zur Krebsprävention ist. Dabei geht es vor allem darum, die Lebensqualität von Krebspatienten nach der Behandlung zu erhalten und zu verbessern. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützt dieses Kooperationsprojekt. „Aktiv Leben mit Krebs“ ist ein typisches Projekt dafür, dass die Stiftung nicht allein finanzielle Aufwendungen trägt, sondern dass Manfred Lautenschläger als Person als „Spiritus Rector“ einer innovativen Idee fungiert. Diese Idee, gute Verbindungen und persönliche Energie bringen das Universitätsklinikum Heidelberg, das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), das Nationale Tumorzentrum (NCT) Heidelberg sowie die Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement zu einer fach- und wissenschaftsübergreifende Kooperation zusammen. Für die Kooperationspartner geht es darum, gemeinsame und längerfristige Fragestellungen der Lehre und Forschung auf dem Gebiet der Sport- und Präventivmedizin zu bearbeiten. Ziel der gemeinsamen Forschungsaktivitäten ist die Entwicklung von unterstützenden Maßnahmen zum Erhalt und zur Verbesserung der Lebensqualität von Krebspatienten in den Bereichen körperliche Aktivität, Kraft-/Ausdauer- Training, Ernährung, Psyche und Stressmanagement. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in die Studienprogramme der Partner einfließen. Wichtiger Teil der Zusammenarbeit sind Pilotprojekte, die ab Oktober 2011 am Zentrum Aktiver Prävention3 (ZAP3) in Nußloch durchgeführt werden. Hierfür finanziert die Manfred Lautenschläger-Stiftung im Zusammenwirken mit Johannes Marx von der DHfPG


SPORT UND GESUNDHEIT

den ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmern Stipendien für das jeweilige Acht-Wochen Programm unter dem Titel „Aktiv Leben mit Krebs“. Mit der neuen Kooperation wird eine fachund wissenschaftsübergreifende Zusammenarbeit gestartet, im Rahmen derer die führenden Krebs-Forschungsinstitute Deutschlands, das Universitätsklinikum Heidelberg, das DKFZ und das NCT ihre Fachkompetenzen im Bereich der forschenden medizinischen Disziplinen einbringen. Die Deutsche Hochschule liefert als Themenführer für akkreditierte Bachelor- und Master-Studiengänge im Bereich Prävention und Gesundheitsmanagement Kompetenzen aus den Themenfeldern Gesundheitswissenschaft, Ernährung und Psychologie. Die staatlich anerkannte Hochschule, vertreten durch Johannes Marx und Prof. Dr. Thomas Wessinghage in seiner Eigenschaft als Prorektor, entwickelt in diesem Zusammenhang Studienprogramme für ihre MasterStudiengänge sowie Kursprogramme für ehemalige Krebspatienten. Das NCT, vertreten durch Prof. Dr. Cornelia Ulrich (DKFZ) und Prof. Dr. Dirk Jäger (Universitätsklinikum Heidelberg) untersuchen die durchgeführten begleitenden Maßnahmen in den Bereichen körperliche Aktivität, Ernährungsberatung und Psyche/Stressmanagement. Das Ziel der gemeinsamen Forschungsaktivitäten ist es, herauszufinden, ob sich die vermuteten positiven Auswirkungen auf die Lebensqualität ehemaliger Patienten durch Maßnahmen in diesen Bereichen auch in klinischen Studien und bei größeren Fallzahlen bestätigen lassen. Im Rahmen der seit Oktober 2011 laufenden Pilotprojekte im Zentrum Aktiver Prävention3 (ZAP3) in Nußloch begleiten und steuern die Experten von NCT, Uniklinikum und DKFZ die in die Erprobung gehenden Maßnahmen vor Ort.

Dr. Matthias Zimmermann, CSL

Neue Projekte und einmalige Förderungen

Mit dem Fahrrad mobil: Allgemeiner Deutscher FahrradClub an Schulen und Kitas

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Rhein-Neckar/Heidelberg startet sein verkehrspädagogisches Angebot für Schulen und Kindertagesstätten. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützt dieses Projekt zur Mobilitätsbildung. In den letzten Jahren hat sich die Mobilität von Kindern immer mehr zu einer unselbständigen entwickelt: Viele Kinder werden von ihren Eltern mit dem Auto oder dem ÖPNV zur Schule und ihren Freizeitaktivitäten gebracht. Dadurch wird das Fahrrad fahren und zu Fuß gehen immer mehr in den Hintergrund gedrängt, was zu einem Rückgang an alltäglicher Bewegung führt. In der Folge stellen die Verkehrserzieher der Jugendverkehrsschulen in den vergangenen Jahren immer wieder fest, dass die Fähigkeiten der Kinder in der Fahrradbeherrschung immer mehr zurückgehen und die Kinder deshalb zum Zeitpunkt der Fahrradausbildung oft noch sehr unsicher auf ihrem Rad sind. In weiterer Konsequenz haben Kinder und später Erwachsene häufig Übergewicht und mit dessen Folgen zu kämpfen. Um diesen problematischen Entwicklungen entgegen zu treten und Kindern wieder das Verkehrsmittel Fahrrad näher zu bringen, hat der ADFC Rhein-Neckar/Heidelberg ein Konzept entwickelt, mit dem bei Kindern und Jugendlichen die Lust am Fahrradfahren geweckt und die entsprechenden Fähigkeiten entwickelt werden sollen. In verschiedenen Modulen begegnet den Kindern und Jugendlichen das Thema Radfahren vom Beginn des Schullebens bis zum Abschluss immer wieder. Fortsetzung »

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SPORT UND GESUNDHEIT

So schulen Kinder der Vorschule sowie der 1. und 2. Klasse mittels Rollerfahren ihren Gleichgewichtssinn, was für eine gute Fahrradbeherrschung unabdingbar ist. In Grundschulprojekttagen lernen die Kinder der 3. und 4. Klasse ihr Fahrrad in verschiedenen Facetten wie Technik, Reparatur und Verkehrssicherheit kennen, so dass sie optimal für die Fahrradausbildung der Jugendverkehrsschulen vorbereitet sind. Mit dem Wechsel in die weiterführenden Schulen wird der Weg oft deutlich länger und führt nicht selten über große Hauptverkehrsadern. Viele Eltern fürchten dabei nicht zu Unrecht um die Sicherheit ihrer Kinder und erlauben ihnen daher nicht die Nutzung des Fahrrades für den Schulweg. Um die Verkehrssicherheit der Kinder zu trainieren, werden sie mit dem „Cyclingbus“ von älteren Schülern oder Eltern für 2 bis 3 Wochen auf ihrem Schulweg begleitet. Im Rahmen weiterer Projekttage kehrt das Thema Fahrrad immer wieder in den Schulalltag zurück und die Schüler setzten sich so mit ihrer Mobilität auseinander. Zwei erfahrende Mitarbeiter arbeiten mit Know-How für die Verkehrspädagogik und bringen den Kindern das Fahrrad wieder näher. Für das umfangreiche Equipment wurde sogar eine eigene Lagerhalle in Heidelberg angemietet. Michael Fröhlich, CSL

Fahrrad-AG statt. Die Manfred LautenschlägerStiftung hat hierfür 10 Mountainbikes gestiftet. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung ist bemüht, Projekte zu finanzieren, die eine breite Masse erreichen und zudem replizierbar sind. Zumindest ersteres ist in diesem Fall nur bedingt zutreffend. „Diese Fahrräder kosten natürlich viel Geld und wir unterstützen damit nur eine Schule, aber die Idee war einfach zu gut“ erklärte der Stifter. Mit diesen Fahrrädern möchte die Schule sportliche Fahrten unternehmen. Es werden Strecken im flachen und bergigen Gelände gefahren. Gegen Ende des Schuljahres veranstaltet die Geschwister-Scholl-Schule eine Bergfahrt auf den Königsstuhl (567,8 m. ü. M.). Alle, die diese Bergstrecke schaffen, bekommen eine Urkunde und einen kleinen Preis. Für den Schnellsten ist der Preis etwas größer. Nicht nur die sportliche Betätigung soll im Fokus stehen. Auch die Wertigkeit und der Pflegebedarf der Geräte soll vermittelt werden. Wenn das Wetter zum Fahrradfahren zu schlecht ist, steht die Instandhaltung und das Durchführen kleinerer Reparaturen auf dem Plan. Dies war auch ein zentrales Anliegen von Manfred Lautenschläger. Daher richtete er sich bei der Übergabe der Räder auch direkt an die Schüler: „Die Räder bereit zu stellen, damit ihr euch sportlich betätigen könnt, ist die eine Sache. Ihr sollt aber auch lernen, mit dem Rad umzugehen.“

www.geschwister-scholl-schule.hd.schule-bw.de, CSL

Fahrräder für die Geschwister-Scholl-Schule Wie der ADFC zu Recht bemängelt, sind immer weniger Kinder in der Lage, sich sicher auf dem Fahrrad zu bewegen (s.o.). Doch es ist auch bekannt, dass gerade Fahrrad fahren eine sehr schonende und leichte Zugangsmöglichkeit zu sportlicher Betätigung ist. Ab dem 02.03.11 findet zu diesem Zweck jeden Mittwoch in der Geschwister-Scholl-Schule Heidelberg eine

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Mehrjährige laufende Förderungen

Ballschule

Die Ballschule Heidelberg versteht sich als Institution, die Kindern zwischen 5 und 8 Jahren eine professionelle und entwicklungsgerechte Ausbildung in den bekannten Ballsportarten spielerisch vermittelt. Gegründet 1998 unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Roth, angelegt als Kooperationsprojekt des Instituts für Sport und Sportwissenschaften


SPORT UND GESUNDHEIT

(ISSW), der FT Kirchheim und lokaler Grundschulen, fand das Projekt Ballschule bald große Anerkennung und weitere Kooperationspartner. Nach dem 10-jährigen Jubiläum der Ballschule Heidelberg im Jahr 2008 und der nationalen Auszeichnung im Rahmen des Wettbewerbs „Land der Ideen 2009“, konnte sich das von der Manfred LautenschlägerStiftung geförderte, wissenschaftlich fundierte Kindersportprogramm auch im Jahr 2011 qualitativ und quantitativ weiterentwickeln. National ist die Zahl der kooperierenden Grundschulen kaum mehr überschaubar, auch deshalb, weil in ganz Deutschland Ballschul-Unterzentren entstanden sind. Werder Bremen und die Brose Baskets z.B. führen Ballschul-Kurse an jeweils mehr als 100 Grundschulen durch. Auch die Zahl der Ballschul-Vereine liegt mittlerweile bei etwa 170. Ergänzt wird das Programm nach wie vor durch Projekte für adipöse, körperbehinderte Kinder sowie für Kinder mit ADHS. Die hierfür ausgearbeiteten speziellen Konzepte werden kontinuierlich evaluiert und verbessert. In der Erprobungsphase befinden sich ein Buch für die Ballschule, Torschussspiele sowie ein Band für Grundschullehrer mit dem Titel „Doppelstunde Ballschule“. Der größte Fortschritt wurde im Bereich der Mini-Ballschule erzielt. Im Jahr 2011 wurde ein Lehrplan erstellt, der sich in der Praxis hervorragend bewährt hat. Die Zahl der Fortbildungen für Erzieherinnen und Erzieher hat sich mehr als verdoppelt. International ist die Ballschule in Brasilien, Chile, Mexiko, Japan, Slowenien, Österreich, Südafrika und USA in verschiedenen Projekten vorgestellt worden und hat sich in einigen Ländern bereits sehr gut entwickelt. Neu hinzugekommen ist 2011 die Ballschule auf der Krim. Dr. h. c. Manfred Lautenschläger hat zusammen mit Prof. Dr. Klaus Roth anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft dem Oberbürgermeister der Stadt Simferopol Ageyev Viktor Nikolajewitsch eine Spende zum Aufbau und zur Förderung der

international erfolgreichen Kindersportinitiative überreicht. Erste Kontakte gibt es darüber hinaus mit der Qatar University, die Ballschulstunden in einer neuen Kette von Indoor SoccaFIVE- Arenas plant.

625jahrfeier Universität Heidelberg, Ballschule

Im Jahr 2011 ist das von der Manfred Lautenschläger-Stiftung und Günter ReimannDubbers-Stiftung unterstützte, mehrjährige Projekt „Ballschule – leicht gemacht“ erfolgreich abgeschlossen worden. Rund 120 Kinder aus der Metropolregion haben von dem Bewegungsförderungs- und Ernährungsprogramm des Instituts für Sport und Sportwissenschaft, der Inneren Medizin der Universität Heidelberg, der Kinder- und Jugendklinik sowie der Abteilung Sportmedizin profitiert. Das Projekt zielte in einer bisher einzigartigen Weise auf die Untersuchung der Wirkungen von Bewegungsförderung und Ernährungsberatung auf motorische, psychosoziale und medizinischgesundheitliche Merkmale von übergewichtigen und adipösen Kindern. Fortsetzung »

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SPORT UND GESUNDHEIT

In den Jahren 2006 bis 2010 wurde eine kontrollierte Studie durchgeführt, bei der die Kinder über sechs Monate hinweg an einer von vier Programmvarianten teilnahmen. Dabei wurden die Therapiebausteine Ernährungsberatung und Bewegungsförderung gemeinsam oder getrennt voneinander angeboten, um die unterschiedlichen Wirkungen auf die Entwicklung der übergewichtigen Kinder zu untersuchen. Bei der Durchführung des Programms spielte die Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. Es wurde nicht auf kurzfristige Erfolge gesetzt, wie bei bloßen „Kalorienverbrennungsprogrammen“. Vielmehr wurden den Kindern dahingehende Kompetenzen vermittelt, dass sie mehr Erfolge und damit mehr Spaß am Sporttreiben erleben, sowie sich die Wahrscheinlichkeit eines langfristig bewegungsaktiven und gesundheitsfördernden Lebensstils erhöht. Die abschließenden Ergebnisse zeigen vielfältige positive Effekte der Interventionen auf die Gesamtentwicklung der Kinder. Dass das Projekt auch nachhaltig erfolgreich ist, zeigt sich an mehreren Mannheimer Schulen in sozialen Brennpunktvierteln, wo die „Ballschule – leicht gemacht“ ein fester Bestandteil des Nachmittagsangebots geworden ist. Die bewährten Ballschul-Events wurden 2011 fortgeführt. Dazu zählten u. a. der Talent-Tag der Ballschule Heidelberg, die Dino-Tour, u. a. am Racket Center Nußloch und das Ballschul-Basketball-Camp, das in Kooperation mit B.ALL jährlich stattfindet und bei dem auch traditionell USC-Spieler als Gäste erscheinen. Einen weiteren Höhepunkt bildete das Ballschulfest im Rahmen der 625-Jahresfeier der Universität Heidelberg, an dem mehr als 700 Kinder teilgenommen haben.

Prof. Dr. Klaus Roth, CSL

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Schwimmkids durch Schwimmfix „Kein Spaß im Nass“: 33% unserer Kinder im Grundschulalter sind Nichtschwimmer. Laut Statistik der DLRG sind im vergangenen Jahr in Deutschland 606 Menschen ertrunken, 27% mehr als 2005 (477). „Für eine moderne, hoch entwickelte Gesellschaft ist diese Bilanz nicht akzeptabel. Wenn wir die Opferzahlen nachhaltig senken wollen, müssen alle Beteiligten ... noch viele Hausaufgaben erledigen. Wir brauchen ... eine verbesserte Schwimmfähigkeit der nachwachsenden Generation“, fordert DLRG-Präsident Dr. Klaus Wilkens. Eine Datenerhebung (Grundlage sind 1151 Grundschulen in Baden–Württemberg) des Instituts für Sport-und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg im Jahr 2009 belegt, dass Baden-Württemberg auf der Klassenstufe 2 noch 53,9% und auf der Klassenstufe 4 immer noch 31% der Grundschüler nicht schwimmen können. Die Zahlen sind u. a. deshalb dramatisch, weil der Bildungsplan des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport (2004) für das Ende der Grundschule eindeutig eine Schwimmkompetenz fordert: Die Grundschüler sollen nicht nur „in einer Schwimmart sicher schwimmen können“, sondern auch noch „weitere Schwimmarten grob beherrschen“ – so der Bildungsplan 2004. Das ist auch das Ziel von Schwimmfix: Das Projekt wirkt auf drei Ebenen: Alle Heidelberger Grundschüler (das ist unser ehrgeiziges Ziel) lernen in Kleingruppen schwimmen – das Motto: „Viel Spaß im Nass“. Die Lehrassistenten (Instituts für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg und Pädagogische Hochschule Heidelberg) sammeln Unterrichtserfahrung – das Motto hier: „Bridge the gap“. Und schließlich werden auch die Lehrenden der Grundschulen entlastet, denn vor der Installierung des Schwimmfixprojektes haben die Lehrenden oft 25 Schülern und mehr (Nichtschwimmer


SPORT UND GESUNDHEIT

und Schwimmer), in der Schwimmhalle unterrichtet. Motto: „Unsolvable challenge“. Das Schwimmfix-Projekt wird vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule und der Stadt Heidelberg realisiert, d. h Studierende der beiden Institutionen unterrichten als Lehrassistenten die Nichtschwimmer der Heidelberger Grundschulen. Dr. Manfred Lautenschläger initiierte das Schwimmfix-Projekt im Schuljahr 2005/2006 sowie 2008 auch das Projekt „Schwimmfix-Plus“. Im Projekt haben inzwischen 1500 Grundschüler von 20 Grundschulen Schwimmen gelernt, d. h. an Heidelberger Grundschulen können nur noch 9% aller Grundschüler nicht schwimmen – der Landesdurchschnitt liegt bei 33%.

Schwimmkids bei Schwimmfix

Das „Schwimmfix-Plus“-Projekt richtet sich darüber hinaus an Schüler, die bereits schwimmen können. Diese werden gefördert, indem sie weitere Schwimmarten lernen und motiviert werden, die Sportart Schwimmen beim SV Nikar Heidelberg regelmäßig zu

trainieren. Schirmherrin von „SchwimmfixPlus“ ist die Heidelberger Meisterschwimmerin Petra Dallmann.

Schwimmkids bei Schwimmfix

Warum aber ist es so wichtig, dass Kinder schwimmen lernen? Die Forderung nach einem erfolgreichen Schwimmunterrichts hat mehrere gute Gründe. Da wäre zuerst der Sicherheitsaspekt: Die – eingangs erwähnte – seit Jahren wachsende Zahl der Badeunfälle erfordert verstärkte Anstrengungen zur Verbesserung der Situation. Ebenfalls zentral sind der Entwicklungs- und der Gesundheitsaspekt. Im Grundschulalter werden die verschiedenen Schwimmarten leicht und schnell gelernt. Schwimmen zählt zu den anerkannt gesunden Sportarten, die – wenn sie frühzeitig erlernt werden – problemlos bis ins hohe Alter ausgeübt werden können. Für übergewichtige Schüler ist Bewegung im Wasser ideal, denn der statische Auftrieb entlastet die Gelenke, und der Strömungswiderstand „frisst“ die Kalorien, d. h. Schwimmen ist für diese Schüler eine ideale Einstiegssportart. Darüber hinaus hat schwimmen können auch eine soziale Bedeutung. Schüler, die nicht schwimmen können, werden im Sommer, wenn die Freunde im Schwimmbad spielen oder schwimmen, leicht ausgegrenzt. Ins Wasser springen, im Wasser spielen, im Wasser schwimmen steigert das Selbstwertgefühl und vermittelt Wohlbefinden.

Klaus Reischle, CSL

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SPORT UND GESUNDHEIT

Rudern gegen Krebs Rudern gegen Krebs ist eine Benefiz-Regatta, die die „Stiftung Leben mit Krebs“ 2005 initiierte. Seither fanden die 27 Regatten in 13 Städten statt. Ziel der „Stiftung Leben mit Krebs“ ist es, zur Verbesserung der Lebensqualität nach einer Krebserkrankung sowie zu einer erhöhten Verträglichkeit der Therapien gegen Krebs beizutragen.

Einfach Rudern gegen Krebs 2011

Sieger „Rudern gegen Krebs“ 2011

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Die Teilnehmer sind vor allem Ärzte und Pflegerinnen und Pfleger: sie rudern aktiv zur Unterstützung dieses guten Zweckes. 2011 haben sich in Kiel, Frankfurt, Mainz, Dresden, Hamburg, Neuruppin und Heidelberg mehr als 425 Teams für den guten Zweck in die Riemen gelegt. Über 120 Firmen, Institutionen und Privatpersonen unterstützten die diesjährige Regattasaison mit großzügigen Geldbeträgen und Sachpreisen. Besonders hervorzuheben ist, dass 2011 einige Patienten aktiv teilgenommen haben, und dies nicht nur in ihren Heimatstädten, sondern erstmals auch an anderen Austragungsorten. Ihr sportlicher Einsatz und Mut zeigen eindrucksvoll, dass ein angeleitetes Ausdauertraining bei einer Krebserkrankung die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität deutlich verbessern kann. Der Abschluss der diesjährigen Regattasaison in Heidelberg war ein Fest der Superlative. Bei strahlendem Sonnenschein waren mehr als 2.000 Menschen an dem Veranstaltungsort unterwegs: sie ruderten, motivierten die Ruderer, amüsierten sich dank des Rahmenprogramms und informierten sich. Die Benefizregatta fand hier zum zweiten Mal statt, 75 Boote gingen an den Start. Mit den Erlösen wird das NCT-Projekt „Sport und Krebs“ (siehe auch Artikel) unterstützt. Zwei Krebspatienten-Teams aus Heidelberg und Neuruppin maßen sich unter den Klängen von Hubert von Goiserns „Sieger“ im Drachenboot. In einem ganz besonderen Wettbewerb trat der Einer-Weltmeister von 2002, Marcel Hacker, gegen drei Achterboote an und gewann knapp unter dem begeisterten Zuspruch der Zuschauer an Land. Die Initiatoren sagten abschließend zu den deutschlandweiten Aktionen: „Eine große Ehre war es für uns, dass viele namhafte Personen die Schirmherrschaft bei den Regatten übernommen haben und dass wir vor Ort viele Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft, Medizin und Sportszene begrüßen durften.


SPORT UND GESUNDHEIT

Unser besonderer Dank gilt allen engagierten Organisatoren von „Rudern gegen Krebs“: Kliniken, Rudervereinen, freiwilligen Helfern und Agenturen, die uns auch in diesem Jahr bei der Regattavorbereitung und -durchführung tatkräftig unterstützt haben. Durch diese wunderbare, sehr komplexe Teamleistung aller Beteiligten können wir unsere bestehenden Sportprojekte an den zahlreichen onkologischen Stätten fortsetzen und neue einrichten lassen. Darüber hinaus mobilisieren wir durch die Aktion all die onkologischen Patienten, die die heilende und ermutigende Auswirkung von Bewegung noch nicht entdeckt haben. Dafür danken wir Ihnen sehr herzlich und hoffen, Sie alle für die nächste „Rudern gegen Krebs“-Saison gewinnen zu können, denn nur zusammen sind wir stark!“

CSL

HD Rollstuhlmarathon e.V. Beim Heidelberg Marathon hat Jürgen Winkler vom TetraTeam in der Division H1.1 mit 01:39:21 eine neue Weltbestzeit aufgestellt. Herzlichen Glückwunsch dazu !

„Jetzt muss ich erst mal ganz dringend auf die Toilette.“ Nach der Zieldurchfahrt hatte es Vico Merklein eilig. „Ich musste eigentlich schon vor dem Rennen, aber da hat es leider nicht mehr gereicht“, lachte der Darmstädter etwas gequält. Egal, denn am Ende war Vico Merklein in der „offenen“ Klasse der strahlende Sieger beim 11. Heidelberger Rollstuhlmarathon. Nach 1:05,40 Std. war der amtierende Marathon-Weltmeister im Ziel, vor Bernd Jeffrè (Nendorf, 1:05:41,05 Std.) und Arkadiusz Skrzypinski (Polen, 1:05:41,25). Bei den Damen gewann Ursula Schwaller aus der Schweiz (1:15:07 Std.) vor ihrer Landsfrau Theres Huser (1:21:34 Std.). Strahlend blauer Himmel begleitete die insgesamt 429 Athleten aus 17 Nationen

über den Rundkurs zwischen Heidelberg und Neckargemünd. „Es hat wahnsinnig Spaß gemacht“, erzählt Merklein, „vor allen Dingen der neue Fahrbahnbelag auf dem Abschnitt vor dem Ziel ist ein Traum. Wenn man die Arme zur Seite ausbreiten würde, müsste man Angst haben abzuheben“. Mit Spitzengeschwindigkeiten von fast 60km/h „flogen“ die schnellsten Athleten über die Strecke. Für einen neuen Marathon-Weltrekord hat es dennoch nicht gereicht. Bei 1:01:07 Std. „raste“ der zu diesem Zeitpunkt führende Niederländer Mischa Hielkema über die Zeitmatte rund 2,5 km vor dem Ziel und verfehlte den Weltrekord von Vico Merklein damit um gut eine Minute. Am Ende wurde Hielkema in seiner Schadensklasse Vierter. „Wir sind eben im Oktober und damit am Ende einer langen Saison, da geben die Kräfte langsam nach“, entschuldigte Errol Marklein vom „Teamsopur“ die Fahrer. Einen guten Tag erwischte auch Tobias Knecht aus Epfenbach. Er war nach 44 Kräfte zehrenden Kilometern Erster und Zweiter zugleich. Das ganze Rennen über lieferte er sich in der Spitzengruppe heiße Positionskämpfe mit Vico Merklein und Co, um dann am Ende mit der zweitschnellsten Zeit des kompletten Teilnehmerfeldes (1:05:40,80 Std.) in seiner Rennklasse Erster zu werden. Auf die Strecke geschickt wurden die Sportler von Heidelbergs 1. Bürgermeister Bernd Stadel („Der Rollstuhlmarathon hat ein Alleinstellungsmerkmal und ist aus Heidelberg nicht mehr wegzudenken!“), Manfred Lautenschläger und Neckargemünds Bürgermeister Horst Althoff. Ihn wiederum könnten die Zuschauer beim nächsten Rennen in zwei Jahren vielleicht im Rennbike bewundern. Denn: „Ich bin begeisterter Radfahrer, die Technik der Rennbikes fasziniert mich und ich könnte mir durchaus vorstellen, mal eine Runde mitzufahren!“ Die Trainingszeit bis 2013 sollte ausreichen.

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SPORT UND GESUNDHEIT

Gut trainiert gingen unterdessen auch knapp 170 Inline-Skater auf die Halbmarathonstrecke. Gefolgt von den Kindern und Jugendlichen im „Mobifanten-Cup“. Mit müden Augen und komplett müde saß nach dem 1,5km-langen Kinderrennen z.B. die 14jährige Sabrina Karhan aus Ludwigshafen in ihrem Rollstuhl. „Ich bin so schlapp, aber ich habe es geschafft – mein erstes Rennen und meine erste Medaille“, freute sich die Nachwuchssportlerin.

Radtreff Rhein-Neckar

Kinder, Hobbysportler und Spitzensportler aus aller Welt – der Heidelberger Rollstuhlmarathon hat auch bei seiner 11. Ausgabe bewiesen, dass er weltweit ein fast eimaliges Event ist. Denn weltweit gibt es neben Heidelberg nur noch zwei weitere Marathonrennen, die eigens für behinderte Sportler ausgerichtet werden.

120 Kilometer und über 1.000 Höhenmeter mussten von den Teilnehmern bewältigt werden und das für einen guten Zweck – jeder Gast spendete mit seiner Teilnahme mindestens 55 Euro. Durch diese Spenden und die Vervierfachung des Betrags (Manfred Lautenschläger verdoppelte, und die „Tour der Hoffnung“ verdoppelte wiederum) kamen so 75.000 Euro zusammen, die in diesem Jahr an das Centrum für Tumorerkrankungen gehen.

„Wir sind froh, dass das Wetter so toll mitgespielt hat und das alles gut gegangenen ist“, bilanzierte Veranstaltungschef Joachim Schermuly vom Verein „Heidelberger Rollstuhlmarathon e.V.“ zufrieden. „Wir freuen uns auf das nächste Rennen im Jahr 2013!“ Die Unterstützung der Sponsoren und der Stadt Heidelberg hat Schermuly und sein 15-köpfiges Organisationsteam auf jeden Fall. Denn: „Es ist einfach genial, wie motiviert die Sportler bei der Sache sind“, äußerte sich Heidelbergs 1. Bürgermeister Bernd Stadel nach dem Rennen zufrieden, „ich hoffe es finden noch viele Rolli-Marathons in Heidelberg statt.“

Und beim nächsten Rennen 2013 wird der diesjährige Sieger Vico Merklein an den Marathon 2011 zurückdenken – und vor dem Startschuss sicher noch mal in aller Ruhe das stille Örtchen aufsuchen.

Matthias Methner, CSL

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2011 fand zum 14. Mal der „Radtreff RheinNeckar“ statt. Damit gehört die Rundfahrt für viele Teilnehmer schon zum festen Bestandteil der Jahresplanung. Neben den prominenten Wiederholungstätern wie Oberbürgermeister Eckhard Würzner und MLP-Vorstandsvorsitzender Uwe SchroederWildberg zählen viele Gäste zum festen Kader der Tour.

Ein Dank geht an die vielen treuen Helfer des Vereins Radsport Rhein-Neckar und die Einsatzkräfte der Polizei und des Deutschen Roten Kreuzes.

CSL

Mannheim läuft e.V. Der Mannheim-Marathon wird seit 2004 jeweils an einem Samstagabend im Mai ausgetragen. Veranstalter ist der Mannheim läuft e.V., Ausrichter die m³ Marathon Mannheim Marketing GmbH & Co. KG. Zum Wettbewerb gehören auch ein Duo-Marathon für zwei und ein Team-Marathon für vier LäuferInnen, ein Marathon für Inline-Skater sowie ein Marathon für Rollstuhlfahrer und Handbiker. Seit 2009 wird auch eine HalbmarathonStrecke angeboten. Da viele Teilnehmer das Ziel erst nach Sonnenuntergang erreichen, bezeichnet sich der Lauf auch als Dämmermarathon.


SPORT UND GESUNDHEIT

Die Laufstrecke ist ein flacher, durchgehend asphaltierter Rundkurs durch die Innenstädte und einige Stadtteile von Mannheim und Ludwigshafen. Entlang der Strecke sind rund 1.000 Helfer von Vereinen aus Mannheim und Ludwigshafen im Einsatz, welche die Verpflegungsstellen betreuen. Die Zeitmessung erfolgt per ChampionChip. Start und Ziel der Veranstaltung liegt am Wasserturm auf dem Friedrichsplatz. Von dort geht es zunächst ostwärts am Carl-BenzStadion vorbei durch die Oststadt und Neuostheim nach Seckenheim. Danach geht es am linken Ufer des Neckar entlang am Fernmeldeturm und dem Nationaltheater vorbei in die Quadratestadt auf die Fressgasse. Dort biegen die Halbmarathonis zum Ziel ab, während die Marathonläufer weiter west-

wärts laufen und auf der Kurt-SchumacherBrücke den Rhein überqueren. Jenseits des Rathaus-Centers erreicht man über die Heinigstraße die Innenstadt und läuft nun südwärts in die Stadtteile Mundenheim und Rheingönheim. Dort ist nach 30 km der südlichste Punkt der Strecke erreicht. Weiter geht es in einem Bogen durch die Gartenstadt zurück zur Kurt-Schumacher-Brücke und auf das rechte Ufer des Rheins. Die letzten beiden Kilometer verlaufen quer durch die Quadratestadt. Bereits seit einigen Jahren ist Manfred Lautenschläger fasziniert von der Leistung, die Handbiker bei solchen Wettbewerben bringen. So stockte die Stiftung das Preisgeld des Handbike-Marathons auf.

CSL

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"Wissenschaft braucht Neugier und frische Köpfe – und die brauchen Freiheit für ihre Forschung." Dr. h. c. Manfred Lautenschläger


FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT Masterstudiengang Kinder- und Jugendsport Neue Projekte und einmalige Förderungen

Mehrjährige laufende Förderungen

MINT

Darüber hinaus…

S. 39

Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie Heidelberg

S. 39

DKFZ

S. 41

MOI

Auslandsstipendien der Heidelberger Stiftung Chirurgie

Abgeschlossene Projekte

S. 38

S. 40 S. 41

Manfred Lautenschläger Stipendium für europäisch-jüdische Geschichte und Kultur

S.42

ExploHeidelberg

S. 42

Passivrauchen

S. 42

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S. 43

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FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT

Gesundheitsbewusstsein heißt in Deutschland: Man geht zum Arzt, wenn man krank geworden ist, das heißt man lässt einen aufgetretenen Schaden reparieren. Viel zu wenig Gedanken macht man sich darüber, ob und wie man vermeiden kann, dass der Schaden, sprich die Erkrankung, überhaupt eintritt. Prävention heißt das Stichwort. Die primäre Prävention betrifft in erster Linie die Lebensführung. Der moderne Zivilisationsmensch isst zu viel, bewegt sich zu wenig, trinkt zu viel Alkohol, raucht. Die Folge: Übergewicht, Krebserkrankungen, Diabetes.

Masterstudiengang Kinder- und Jugendsport Die Sportinstitute der Elite-Universität Heidelberg und des Karlsruher Instituts für Technologie bieten in Kooperation mit den Pädagogischen Hochschulen der beiden Standorte einen gemeinsamen Studiengang zum Kinder- und Jugendsport an. Es ist der erste Studiengang mit diesem Schwerpunkt europaweit. Die Einrichtung und Evaluation wird durch die Manfred Lautenschläger-Stiftung gefördert. Im Oktober 2010 ist der Startschuss zu einem neuen Masterstudiengang „Sport und Bewegung im Kindes- und Jugendalter“ gefallen. Die gesellschaftliche Bedeutung einer aktiven, bewegungsreichen Kindheit ist unstrittig. Mit dem neuen Masterstudiengang an den Studienorten Heidelberg und Karlsruhe soll dem zunehmenden Bedarf an hoch qualifizierten Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern Rechnung getragen werden, die innovative Konzepte und Programme für den Kinder- und Jugendsport erarbeiten, durchführen und evaluieren können. Er richtet sich an Studierende, die Interesse und Freude an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben. Mögliche Berufsperspektiven der Absolventinnen und Absolventen bieten sich in Kindergärten, Schulen, Vereinen, Verbänden, Krankenkassen, ambulanten und stationären Rehabilitationseinrichtungen sowie bei kommerziellen Anbietern im Sportund Gesundheitsbereich. Der Masterstudiengang „Sport und Bewegung im Kindes- und Jugendalter“ ist ein

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viersemestriger modular aufgebauter wissenschaftlicher Studiengang, der sich zentral mit Themen wie Entwicklung und Sozialisation, Lernen und Instruktion sowie Leisten und Trainieren befasst. Am Studienstandort Heidelberg kann zwischen den Profilen Prävention und Rehabilitation sowie Entwicklung und Talent gewählt werden. Im ersten Profil stehen die vielfältigen gesundheitlichen Wirkungen von körperlichen Aktivitäten im Vordergrund, im zweiten die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien des Nachwuchsleistungssports. In Karlsruhe konzentriert sich der Studiengang auf den Aspekt der Prävention und Rehabilitation. Ein vergleichbares Studienangebot existiert bisher nicht. Der Kinder- und Jugendsport ist ein traditioneller Lehr- und Forschungsschwerpunkt an den Universitäten und Pädagogischen Hochschulen in Heidelberg und Karlsruhe. So hat sich beispielsweise die Ballschule Heidelberg mittlerweile weltweit verbreitet und das Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen FoSS in Karlsruhe kann auf langjährige Aktivitäten in der wissenschaftlichen Begleitung des Schulsports zurückblicken. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung fördert den Aufbau des Masterstudiengangs durch die Finanzierung der Stellen der Studiengangskoordinatorinnen in Heidelberg und Karlsruhe. Das hat sich in vielfacher Hinsicht sehr positiv ausgewirkt. Die Studierenden werden umfassend betreut, beteiligen sich im Sinne einer forschungsorientierten Lehre an den zahlreichen wissenschaftlichen Projekten der Institute und werden in allen Inhalts-


FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT

bereichen zu selbstständigen und kreativen Expertinnen und Experten für den Kinderund Jugendsport ausgebildet. Unsere Heranwachsenden werden davon profitieren.

Prof. Dr. Klaus Roth, CSL

Neue Projekte und einmalige Förderungen

MINT

Die Manfred Lautenschläger-Stiftung und MLP fördern den akademischen Nachwuchs in Deutschland mit dem Stipendienprogramm Academic Excellence. Innerhalb des Programms werden Studierende der Humanmedizin und der Zahnmedizin im klinischen Studienabschnitt mit dem Programmzweig Medical Excellence gefördert. Studierende der so genannten MINT Fächer (Mathmatik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) werden mit dem Programmzweig MINT Excellence gefördert, welcher 2011 ins Leben gerufen wurde. Im Rahmen des Stipendienprogramms werden Studierende gefördert, die sich durch besondere Studienleistungen, besonderes gesellschaftliches Engagement oder besondere wissenschaftliche Leistungen auszeichnen. Die Förderung erfolgt zum einen in Form eines Stipendiums. Zum anderen erfolgt sie durch die Bereitstellung eines Netzwerks, in das neben den Stipendiaten auch alle Studierenden aufgenommen werden, die zum finalen Auswahlverfahren des jeweiligen Programmzweigs eingeladen werden. In diesem Netzwerk haben die Studierenden die Möglichkeit, an exklusiven Veranstaltungen teilzunehmen, die sie auf den späteren Berufseinstieg vorbereiten oder sie in ihrer beruflichen Laufbahn fördern. Im Programmzweig Medical Excellence werden pro Jahr 18 Stipendiaten ausgewählt. Jeder dieser Stipendiaten erhält eine finanzielle Förderung in Höhe von insgesamt jeweils 3.000 Euro. 15 der 18 Stipendien werden für einen Zeitraum von drei Jahren gezahlt. Beendet ein Stipendiat vor Ablauf dieses

Zeitraums erfolgreich sein Studium, erhält er den noch nicht ausgezahlten Differenzbetrag als Einmalzahlung, um den erfolgreichen Berufseinstieg zu unterstützen. Die restlichen drei Stipendien sind so genannte Sonderstipendien. Hierbei wird die Förderung über einen Zeitraum von sechs Monaten gezahlt, um ein konkretes Forschungsvorhaben oder Projekt zu verwirklichen. Sonderstipendien werden aktuell in den Kategorien „Gefäßmedizin“, „Neurowissenschaften“ und „Hausarzt“ vergeben. Wenn der jeweilige Stipendiat eines Sonderstipendiums es wünscht, kann er die Gesamtförderung auch als Einmalzahlung erhalten. Der Programmzweig Medical Excellence wurde in den Jahren 2009 bis 2011 allein durch MLP durchgeführt. Ab 2012 wird Medical Excellence in das Academic Excellence Stipendienprogramm der Manfred Lautenschläger-Stiftung integriert. Im Programmzweig MINT Excellence werden pro Jahr 30 Stipendiaten ausgewählt. Jeder dieser Stipendiaten erhält eine finanzielle Förderung in Höhe von insgesamt jeweils 3.000 Euro. Die Stipendien werden für einen Zeitraum von zwei Jahren gezahlt. Beendet ein Stipendiat vor Ablauf dieses Zeitraums erfolgreich sein Studium, erhält er den noch nicht ausgezahlten Differenzbetrag als Einmalzahlung, um den erfolgreichen Berufseinstieg zu unterstützen.

Malte Salmen, CSL

Mehrjährige laufende Projekte

Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie Heidelberg Plattenepithelkarzinome der Kopf-HalsRegion treten als Tumoren der Mundhöhle, des Rachens und des Kehlkopfes aus. Damit ist diese Krebsart weltweit die sechsthäufigste Tumorerkrankung: Allein für das Mundhöhlenkarzinom werden in Deutschland jedes Jahr mehr als 10.000 Neuerkrankungen beobachtet. Fortsetzung »

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FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT

Sie entwickeln sich aus nicht invasiven dysplastischen Läsionen der Schleimhaut des oberen Aerodigestivtraktes. Trotz moderner Therapieformen ist die Prognose der Patienten nach wie vor schlecht, die 5-Jahresüberlebensrate beträgt für alle Stadien nur etwa 55%. Herkömmliche Parameter, auf denen Therapieentscheidungen bisher basieren, geben nur ungenügend die biologische Situation der Tumoren wieder und erlauben nur eine eingeschränkte prognostische Aussage für den Patienten. Daher besteht der Bedarf an zytogenetischen Markern für spezifische Stadien der Tumorentwicklung, die eine genauere Typisierung der Läsionen erlauben. Tumoren der Mund- und Rachenschleimhaut, sogenannte Plattenepithelkarzinome, zeigen charakteristische Veränderungen im Erbgut: Bestimmte Abschnitte sind zu häufig vorhanden. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg und des Deutschen Krebsforschungszentrums untersuchen, wie sich diese Veränderungen auf die Aggressivität der Tumoren auswirken und wo individuell angepasste Therapien ansetzen können. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützt das Projekt. Die Bedeutung von Onkogenamplifikationen (Genamplifikation bezeichnet die Vervielfachung einer spezifischen DNA-Sequenz) für die Entstehung und Progression von Tumorerkrankungen wird bei Platenepithelkarzinomen der Kopf-Hals-Region diskutiert. Um klinisch verwertbare Korrelationen von molekulargenetischen Veränderungen zu definieren, ist es allerdings notwendig, mehrere hundert Tumoren in verschiedenen Stadien zu untersuchen. Um solche klinisch verwertbaren molekular- und zytogenetischen Marker zu finden, wurde vor einigen Jahren die Gewebearraytechnik entwickelt. In der vorliegenden Studie konnte gezeigt werden, dass die Gewebearraytechnologie ein verlässliches und schnelles Screening-

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Verfahren zur Charakterisierung von Onkogenen bei Plattenepithelkarzinomen der Kopf-Hals-Region ist. Die Ergebnisse könnten ein Beitrag dazu sein, ein Modell zu entwickeln und zu verfeinern, das die Abfolge der genetischen Veränderungen beschreibt, die im Verlauf der Progression einer oralen Dysplasie über das invasive bis hin zum metastasierenden Karzinom entstehen. Dieses Modell hätte nicht nur prognostische Bedeutung für den einzelnen Tumorpatient, es ließen sich auch die Indikationsstellungen für den Einsatz von Therapieverfahren neu evaluieren und diese Therapien auf ihre Wirksamkeit bezüglich einzelner Tumorklone überprüfen. Dies wäre nicht nur ein großer Fortschritt in der adäquaten Diagnose und Prognose einer Tumorerkrankung, es könnte auch dazu führen, dass die bis heute trotz großem technischen Aufwand noch mäßigen Therapieerfolge in Zukunft entscheidend verbessert werden.

Dr. med. Dr. med. dent Kolja Freier, CSL

MOI Das MOI sieht sich als Kompetenzzentrum für den oft noch verkannten, sich aber stark entwickelnden Wirtschaftsraum Mittel- und Osteuropa. Es fungiert als Drehscheibe für den Austausch von „Best Practices“ von West nach Ost und von Ost nach West. Das Mittel-Osteuropa-Institut der Hochschule Ludwigshafen am Rhein möchte durch seine Aktivitäten das Verständnis für den Wirtschafts- und Wissenschaftsraum Mittel- und Osteuropa erhöhen und dadurch zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region beitragen. Dabei zentriert, vernetzt und bewertet das Institut Informationen für die Wirtschaft, die Wissenschaft und die Politik aus Ost und West. Dies tut es, indem Entscheidungsträger dieser Disziplinen unterstützt und Forschungsaktivitäten gefördert werden. Die Arbeit soll Verständnis schärfen und Zusammenarbeit länderübergreifend ermöglichen.


FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT

Die Stiftung fördert die Wissenschaft und die Bildung, indem sie die vielfältigen, gemeinnützigen Tätigkeiten des MOI unterstützt, die aus der Zielsetzung resultieren. So hilft sie z.B. bei der Finanzierung neuer wissenschaftlicher Studienarbeiten, internationaler Tagungen mit den Partnern aus Mittel- und Osteuropa oder der Kreation neuer Weiterbildungsangebote.

CSL

DKFZ Es ist ein besonderes Anliegen der Manfred Lautenschläger-Stiftung, die Krebsforschung zu fördern. Krebserkrankungen sind weltweit eine der häufigsten Todesursachen, in Deutschland liegen sie gar auf Rang 2 hinter Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das DKFZ ist die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland und arbeitet an der Erfassung von Krebsrisikofaktoren - sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der Entwicklung neuer Verfahren für die Klinik sind in den letzten Jahren am DKFZ entscheidende Fortschritte erzielt worden. 2010 wurde durch eine Spende von einer Million Euro für vier Jahre die 33-jährige Angelika Riemer an das DKFZ gebunden. Die Österreicherin kann eine beeindruckende Vita vorweisen, darunter zwei Promotionen und eine Habilitation, und wird nun die Arbeit von Prof. zur Hausen fortführen: Hatte sich seine Arbeit auf das Impfen gegen die krebsauslösenden Papillomviren konzentriert, so soll nun ein Medikament entwickelt werden, welches eingesetzt werden kann, wenn die Infektion bereits stattgefunden hat. Das Augenmerk liegt hierbei auf der Forschung an dem Papillomvirus 16, welches die Hälfte aller Fälle von Gebärmutterkrebs verursacht, jedoch auch eine weitere Reihe von Krebserkrankungen auslöst.

Jedoch waren nicht nur die Verantwortlichen des DKFZ von dem Neuzugang begeistert, ebenso sprach Angelika Riemer von einem Angebot, dass sie nicht ablehnen konnte. Und so zeigt sich, dass es auch in der Wissenschaft und Forschung ein Wechselspiel gibt: Bekannte, renommierte Einrichtungen, die exzellente Arbeit leisten, ziehen hervorragende Wissenschaftler an, die ihrerseits wieder dazu beitragen, dass ihre neue Arbeitsstelle an Prestige und Strahlkraft gewinnt. Es ist erfreulich, dass die Manfred Lautenschläger-Stiftung durch gezielte finanzielle Hilfe dazu beitragen kann, dass sich diese Spirale am Deutschen Krebsforschungszentrum weiterhin PD Dr. Dr. Angelika Riemer nach oben dreht und der Kampf gegen die Krebserkrankungen effektiv und innovativ fortgeführt werden kann. CSL

Auslandsstipendien der Heidelberger Stiftung Chirurgie Der Fortschritt in Klinik und Forschung hängt vom Potenzial junger Ärzte und Wissenschaftler ab. Um dieses ausschöpfen zu können, müssen sie an exzellenten Forschungsinstituten und Kliniken ausgebildet werden - auch im Ausland. Das Kuratoriumsmitglied der Heidelberger Stiftung Chirurgie Dr. h. c. Manfred Lautenschläger möchte dem „Brain Drain“, der permanenten Abwanderung erfolgreicher Jungforscher ins Ausland, entgegenwirken. Hierfür hat er das „Lautenschläger-Stipendium“ ins Leben gerufen. Fortsetzung »

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FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT

Das Ausbildungsstipendium in Höhe von 25.000 Euro, das von der Manfred Lautenschläger-Stiftung finanziert wird, soll jungen engagierten Ärzten der Heidelberger Klinik Aufenthalte an internationalen Forschungszentren ermöglichen. Wegweisende Forschungsergebnisse, die für die Gesellschaft von immenser Bedeutung sind, können nur erzielt werden, wenn der Standort Heidelberg attraktiv bleibt und die von dort ausgehenden weltweiten Forschungskooperationen möglich sind.

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Manfred Lautenschläger Stipendium für europäischjüdische Geschichte und Kultur Dem Stifter Manfred Lautenschläger ist es wichtig, dass die europäisch-jüdische Geschichte der Neuzeit beleuchtet bleibt. Daher wird das Stipendium für den Abschluss eines Promotionsvorhabens an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg vergeben, das sich mit einem Thema der europäisch-jüdischen Geschichte, vornehmlich der Neuzeit und der Neuesten Geschichte, befasst. Im Fokus stehen hierbei Arbeiten, die sich mit Fragen nach der inneren Gestaltung jüdischen Lebens auf individueller und gemeindlicher Basis, ferner nach Wechselbeziehungen zwischen Minderheit und Umwelt und nach jüdischen Antworten auf die kulturellen, politischen und sozialen Herausforderungen der Neuzeit und der Moderne befassen. Mit dem Stipendium wird die wissenschaftliche Nachwuchsarbeit an der HfJS zur Unterstützung ihrer Aufgaben für die Gemeinden und gegenüber der Gesellschaft insgesamt gefördert. CSL

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ExploHeidelberg Das interaktive Bildungszentrum mit Fokus auf Naturwissenschaften soll Kinder, Erwachsene, Lehrer und Wissenschaftler gleichermaßen erreichen und ihnen ermöglichen, wissenschaftlichen Basisphänomenen auf den Grund zu gehen – spielerisch und experimentell. Das ExploHeidelberg möchte bestehende Netzwerke der Region nutzen und Brücken zwischen Schulen, Wirtschaft und Wissenschaft bauen. Große Unternehmen entwickeln in Heidelberg neue Technologien, wissenschaftliche Einrichtungen wie die Universität, MaxPlanck-Institute oder das Deutsche Krebsforschungszentrum haben hier ihren Sitz. Das ExploHeidelberg formuliert auf seiner Internetseite: „Die Idee des ExploHeidelberg ist es, in wissenschaftlicher Ausstellung, Medienlabor und Lernlabor mit interaktiven Exponaten und Versuchen, unterstützt von pädagogischen Programmen, naturwissenschaftliche Phänomene und Erkenntnisse auf spontan verständliche Weise, kreativ zu vermitteln. Zudem wurde ein Ort gewählt, der in nahezu idealer Weise Wissenschaft, Wirtschaft und Schulen verbindet. Dazu bietet sich das Gelände des Technologieparks Heidelberg im Neuenheimer Feld, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Campus der Universität Heidelberg, mit all ihren Einrichtungen und dem Deutschen Krebsforschungszentrum an.“

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Abgeschlossene Projekte

Passivrauchen

Passivrauchen erhöht schon bei Vorschulkindern den Blutdruck. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt eine Studie, die Ärzte des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg sowie des Gesundheitsamts Rhein-Neckar bei über 4.000 Fünf- bis Sechsjährigen in Heidelberg


FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT

und der Rhein-Neckar-Region durchgeführt haben. Sie wurde am 10. Januar 2011 bei einer Pressekonferenz im Universitätsklinikum Heidelberg vorgestellt und an diesem Tag in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „Circulation“ online veröffentlicht. „Mit dieser Studie haben wir erstmals gezeigt, dass Passivrauchen bei Kindern den Blutdruck deutlich ansteigen lässt“, erklärte Professor Dr. Georg Hoffmann, Geschäftsführender Direktor des Heidelberger Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin, bei der Pressekonferenz in der Heidelberger AngelikaLautenschläger-Kinderklinik. Bislang war vor allem der schädliche Effekt auf die Lunge bekannt. Hoher Blutdruck bei Kindern kann bis ins Erwachsenenalter persistieren. Er ist dann einer der wichtigsten Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall. Für die Studie wurde die reguläre Einschulungsuntersuchung durch das Gesundheitsamt in den Kindergärten erweitert: Bei insgesamt 4.236 Mädchen und Jungen wurde von Februar 2007 bis Oktober 2008 zusätzlich der Blutdruck gemessen. Das Ergebnis der Studie im Detail: Kinder, die zu Hause dem Zigarettenrauch ihrer Eltern ausgesetzt waren, hatten ein um 21 Prozent erhöhtes Risiko für einen hohen Blutdruck. Von erhöhtem Blutdruck (Hypertonie) spricht man bei Fünfjährigen bereits, wenn der Blutdruck im Mittel über einem Wert von 111 / 72 mmHg liegt. Bei 28,5 Prozent der Kinder rauchten die Väter, bei 20,7 Prozent die Mütter und bei 11,9 Prozent beide Eltern. Vor allem das Rauchen der Mütter beeinflusste den Blutdruck negativ, vermutlich weil sie eher zu Hause rauchen als die Väter, die bevorzugt am Arbeitsplatz zur Zigarette greifen. Bekannte Risikofaktoren für Bluthochdruck bei Kindern sind Übergewicht, niedriges Geburtsgewicht sowie Bluthochdruck bei den Eltern. Passivrauchen stellt, wie die Studie jetzt aufdeckte, ein wichtiges zusätzliches, unabhängiges Risiko dar.

Wie kommt es, dass Passivrauchen den Blutdruck steigen lässt? „Tabakrauch hat vielfältige Effekte auf die Blutgefäße“, erklärt Privatdozentin Dr. Elke Wühl, Oberärztin am Heidelberger Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin. So komme es zu einem Anstieg der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin und einer Abnahme des Botenstoffs Stickoxid in der Gefäßwand, wodurch diese erweitert wird. Außerdem wird die Innenwand der Blutgefäße durch Tabakrauch dicker und verliert an Elastizität. Die Heidelberger Kinderärzte warnen Eltern davor, ihre Kinder Tabakrauch auszusetzen, da dies langfristige schädliche Folgen haben könne. Wichtig sei zudem, weitere Risikofaktoren wie Übergewicht zu reduzieren. Im Hinblick auf ein langfristig erhöhtes kardiovaskuläres Risiko von Kindern sind effektive Maßnahmen für eine rauchfreie Umgebung anzustreben. Erstautor der Heidelberger Studie ist Dr. Giacomo D. Simonetti, ehemals Heidelberg, der mittlerweile an der Kinderklinik des Universitätsspitals Bern forscht und arbeitet. Weitere Verfasser sind neben Privatdozentin Dr. Elke Wühl und Professor Dr. Georg Hoffmann, Professor Dr. Franz Schaefer, Leiter der Sektion Pädiatrische Nephrologie im Heidelberger Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Rainer Schwertz und Dr. Martin Klett vom Gesundheitsamt des RheinNeckar-Kreises. Die Studie wurde unterstützt von der Manfred Lautenschläger-Stiftung, der Reimann-Dubbers-Stiftung, der DietmarHopp-Stiftung und der Schweizerischen Hypertonie Gesellschaft.

CSL

Darüber hinaus...

…wurden weitere Projekte unterstützt, z.B. zwei Stipendien für die Orthopädie.

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"Bildung ist einer der Wegweiser in eine erfolgreiche Zukunft f체r unsere Gesellschaft und f체r die Kultur, die uns pr채gt." Dr. h. c. Manfred Lautenschl채ger


GESELLSCHAFT

UND KULTUR

Neue Projekte und einmalige Förderungen

Teach First jetzt auch an Grundschulen

S. 46

Tagung „Urteilen lernen“ der theologischen Fakultät Heidelberg

S. 48

Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS)

Tagung „Täter-Taten-Opfer“ der Kriminologische Gesellschaft in Heidelberg

Elterncafé Geschwister-Scholl-Schule Heidelberg Schüler helfen Schüler in der IGHeidelberg

Ohrfeige – Jugendkulturmagazin für Heidelberg

Malwettbewerb zum 50jährigen der Lebenshilfe Heidelberg

Zauberflöte für Blinde im Heidelberger Theater TelefonSeelsorge Rhein-Neckar Mehrjährige laufende Förderungen

Neues Fenster für die Peterskirche Heidelberg Mühlenhof Schriesheim

e-Ausleihe und Lesestart in der Stadtbücherei Heidelberg Konferenz „Religion and the Marketplace in the United States“ im HCA Symposium „The Privatisation of higher Education“ am CSI Heidelberg Herbstprogramm Geist Heidelberg im DAI Heidelberg Heidelberger Frühling

Heidelberger Stückemarkt Darüber hinaus…

Heidelberger Vorträge zur Kulturtheorie

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S. 47 S. 49 S. 50 S. 51 S. 52 S. 53 S. 53 S. 54 S. 55 S. 55 S. 57 S. 58 S. 59 S. 60 S. 61 S. 62 S. 63 S. 63

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GESELLSCHAFT UND KULTUR

Die Manfred Lautenschläger-Stiftung fördert ein verbessertes Zusammenleben der Menschen in unserer Gesellschaft. Dies umfasst sowohl Projekte von gesellschaftspolitischer Bedeutung für Deutschland insgesamt als auch solche, die die Lebensqualität in Heidelberg und der Region konkret betreffen. Heidelberg ist darüber hinaus in der ganzen Welt als Kulturstadt bekannt. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung setzt sich dafür ein, diesen Ruf zu erhalten und die kulturelle Vielfalt in der Region weiter zu fördern.

Teach First jetzt auch an Grundschulen Die Manfred Lautenschläger-Stiftung ermöglicht den Einsatz von zwei Teach First Deutschland Fellows an Heidelberger Grundschulen. Damit ist Heidelberg die erste baden-württembergische Stadt, in dem Fellows auch an Grundschulen eingesetzt werden. Um dies zu ermöglichen, übernahm die Manfred Lautenschläger-Stiftung erstmals und einmalig auch die sonst vom Land getragenen Gehälter der Fellows. Das Teach First Deutschland Programm fördert gezielt sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler und ermöglicht ihnen damit bessere Bildungschancen. Die Fellows unterstützen zwei Jahre lang an Schulen und führen Schüler zu besseren Leistungen. Geprägt durch diese Erfahrungen in den Schulen engagieren sie sich weiterhin für die Bildungschancen benachteiligter Kinder und Jugendlicher. „Ich war von Beginn an begeistert von der Idee, die Teach First Deutschland zugrunde liegt“, so Manfred Lautenschläger. „Mit der Förderung der ersten Fellow-Einsätze an baden-württembergischen Grundschulen möchte ich einen Impuls für eine gemeinsame Fortführung und Ausweitung dieses Piloten geben.“ Die gemeinnützige Bildungsinitiative Teach First Deutschland startete 2009 in drei Bundesländern. Der erste Jahrgang mit rund 60 Alumni hat das Programm bereits durchlaufen. In diesem Schuljahr werden rund 80 Fellows an Schulen in Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen arbeiten.

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Die konkrete Arbeit der Fellows an den Schulen ist vielseitig. Fellows fördern Schüler individuell und bringen neue Angebote an die Schulen. Sie arbeiten im Unterricht, indem sie Teilgruppen leiten oder durch Teamteaching und Einzelförderung unterstützen und schaffen zusätzliche Nachmittagsangebote. Die nun eingesetzten Fellows an den Heidelberger Grundschulen stehen ganz in der Tradition der hochqualifizierten Studienabgänger, die sich bei Teach First engagieren. Fellow Eva Blomberg unterstützt an der Eichendorffschule im Unterrichtsbereich vor allem in Deutsch und Mathe. Im Teamteaching und in ihrer Arbeit mit Teilgruppen stehen einzelne Schülerinnen und Schüler mit besonders hohem Förderbedarf im Fokus. Fellow Artemis Toebs bietet an der Pestalozzischule über ihren Unterrichtseinsatz hinaus mehrere Trommel- und Tanz-AGs sowie eine Ball-AG an. Ziel dieser AGs ist es, Kompetenzen wie z.B. Konzentration, Rhythmus oder Bewegungsabläufe zu fördern, die sich positiv auf den Unterrichtserfolg auswirken. Der Einsatz kommt an – Schulleitungen und Kollegien sind vor allem mit dem großen Engagement der Fellows sehr zufrieden. Christiane Müller-Zimmermann, Schulleiterin der Pestalozzi-Schule, sieht den FellowEinsatz an ihrer Schule als „Zugewinn in vielerlei Hinsicht: Die Lehrerinnen spüren Unterstützung und Entlastung in ihrer Arbeit im Unterricht. Die Kinder erfahren durch die persönlichen Zuwendung Selbstvertrauen in ihre eigene Leistung, gleichzeitig finden sie Ausgleich in vielen musikalischen und sportlichen Aktivitäten außerhalb des Unterrichts, die auf das schulspezifische Profil abgestimmt sind. Zusammengefasst:


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„For she is a jolly good fellow...“ Jutta C. Stempfle-Stelzer, Schulleiterin der Eichendorff-Schule in Heidelberg, ist darüber hinaus von der gesellschaftlichen Wirkung des Programms überzeugt: „Unsere Fellow ist einerseits eine große Unterstützung für uns an der Schule. Andererseits ermöglichen wir ihr als Gemeinschaftsschule, was die Grundschule ja immer schon ermöglichte, einen ganz weiten Blick auf die Gesamtgesellschaft und die dabei entstehenden bildungspolitischen Probleme und Chancen, die sich hier eröffnen. Insofern ist das Programm Teach First Deutschland eine sehr gute Möglichkeit, die Kinder nachhaltig beim Lernen zu unterstützen, aber auch das Thema Bildung ganz konkret in die Gesellschaft zu tragen. Dafür danken wir ganz herzlich der Manfred Lautenschläger-Stiftung.“

einzeltherapeutischen Maßnahmen finanziert der gemeinnützige Verein bereits in den Justizvollzugsanstalten Mannheim, Heimsheim, Heilbronn und Bruchsaal vier BIOS-Behandlungsabteilungen, in denen gefährliche Gewalt- und Sexualstraftäter psychologisch behandelt werden. Außerdem unterhält er die Forensische Ambulanz Baden, die größte freie Ambulanz Deutschlands.

Sabine Joos, CSL

Das Gruppenpsychotherapeutische Training sozialer Kompetenzen im gelockerten Bereich der Justizvollzugsanstalt Adelsheim startete im Oktober 2011 mit der ersten Gruppe. Ein Gruppendurchlauf umfasst zehn wöchentlich stattfindende zweistündige Sitzungen, die von regelmäßigen Einzelgesprächen begleitet werden. Die acht Teilnehmer der ersten Gruppe (Durchlauf Oktober bis Dezember 2011) haben erfolgreich an jeder Sitzung teilgenommen. Fortsetzung »

Auch Oberbürgermeister Dr. Würzner dankt ausdrücklich Herrn Dr. h.c. Lautenschläger für die Ermöglichung der Fellow-Einsätze an den Grundschulen sowie den Schulleitungen für ihre Hilfe beim Einstieg in die schulische Arbeit: „Dank der großzügigen Unterstützung der Manfred LautenschlägerStiftung ist der Einsatz von zwei Teach First Deutschland Fellows an zwei Heidelberger Grundschulen möglich geworden. Das ist ein weiterer Baustein, um Chancengleichheit in der Bildung realisieren zu können. Die Teach First Deutschland Fellows an der Eichendorff- und der Pestalozzi-Grundschule können gemeinsam mit den Lehrkräften wesentlich dazu beitragen, dass Kinder hier ihre Kompetenzen individuell weiterentwickeln können.“

Neue Projekte und einmalige Förderungen

Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS)

Die Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOSBW) e. V. setzt sich landesweit für die Verhinderung von Straftaten ein. Neben zahlreichen

Hier der Zwischenbericht zum Verlauf der beiden von der Manfred Lautenschläger-Stiftung finanzierten BIOS Behandlungsgruppen in der JVA Adelsheim und der JVA Offenburg unter Einbeziehung der ersten Forschungsergebnisse. Der in Karlsruhe ansässige gemeinnützige Verein Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW) e.V. hat Ende des Jahres 2011 in den Vollzugsanstalten Adelsheim und Offenburg in Abstimmung mit dem Justizministerium Baden-Württemberg zwei neue BIOS-Behandlungsabteilungen eingerichtet, in denen heranwachsende und erwachsene Gewaltoder Sexualstraftäter mit einem neuen Ansatz psychologisch behandelt werden, wobei die Kosten der Behandlung neben Leistungen der Vollzugsanstalten von der ebenfalls gemeinnützigen Manfred LautenschlägerStiftung getragen werden. Zielgruppe der beiden Behandlungsabteilungen sind jeweils Strafgefangene, welche aufgrund ihrer psychischen Disposition eine erhöhte Rückfälligkeit aufweisen und für die deshalb ein erhöhter gruppen- und einzel-therapeutischer Behandlungsbedarf besteht.

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Die Erfahrungen mit der ersten Gruppe sind konstruktiv und prozessorientiert in die Gestaltung der derzeitigen zweiten Gruppe (Start im Januar, Ende im März) eingeflossen. Die zweite Gruppe arbeitet bisher kontinuierlich sehr motiviert und gemeinschaftlich mit. Die erste der beiden geplanten Behandlungsgruppen für suchtkranke Gewaltstraftäter in der Justizvollzugsanstalt Offenburg hat im Dezember 2011 mit neun Teilnehmern ihre Arbeit aufgenommen, wobei wöchentlich zwei Gruppentherapieeinheiten für die jeweils im Hinblick auf die bestehende Gewalt- und Suchtproblematik durchgeführt werden. Zudem erhalten alle Gefangenen ab Aufnahme psychologische Einzelgespräche. Die zweite Gruppe wird im Frühjahr 2012 ihre Arbeit aufnehmen können. Die seit dem 1. Januar 2010 von der Universität Heidelberg, den Lehrstühlen von Prof. Dr Dieter Dölling und Professor Dr. Peter Fiedler, durchgeführte und ebenfalls von der Manfred Lautenschläger-Stiftung finanzierte wissenschaftliche Begleitforschung aller sechs BIOS-Behandlungsabteilungen in Vollzugsanstalten in Baden-Württemberg deutet darauf hin, dass die Behandlungsprogramme zu positiven Veränderungen bei den Teilnehmern geführt haben.

Klaus Böhm, CSL

Tagung „Urteilen lernen“ der theologischen Fakultät Heidelberg „Die zweite wissenschaftliche Tagung „Urteilen lernen – Orte der Urteilsbildung“ ermöglichte uns eine sehr ertragreichen Fortführung der ersten Tagung, bei der alle Teilnehmer der ersten Tagung wieder teilgenommen haben und insofern das wissenschaftliche Gespräch der ersten Tagung ohne große Mühe wieder aufgenommen und weitergeführt werden konnte“ fasst Ingrid Schoberth die Tagung zusammen.

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Im Vordergrund der zweiten Tagung standen die „Orte der Urteilsbildung“, die konkreten Kontexte und Praxen, an denen das Lernen des Urteilens sich vollzieht. Hierbei wurden ethische Bildungsprozesse in der Schule sowie religiösen Bildungsprozessen analysiert (dazu die Beiträge von Ina Kowaltschuk und Ingrid Schoberth), Prozesse des Urteilenlernens in Unternehmen betrachtet (Wolfgang Leyk) und das Lernen des Urteilens in Ehe und Familie untersucht (Peter Dabrock und Bernd Wannenwetsch). Die Teilnehmer der Tagung sind sich einig, dass die konkreten Orte der Urteilsbildung weiterhin beleuchtet werden müssen, zumal die Urteilspraxen erst am Anfang der Analyse steht. Insbesondere auch das Urteilen lernen in Ehe und Familie wird noch sehr ausführlich diskutiert werden müssen. Einen zweiten Schwerpunkt der Tagung bildete die Reflexion der Wirklichkeit des Urteilens: Im Spannungsfeld von Urteilen – Sühne – Schuld – Vergebung wurde gerade auch das Scheitern thematisiert, das dem Urteilen immer auch anhaften kann und insofern das je eigene Urteilen auch immer belastet und beschwert. Daniel Krochmalnik hat dazu in sehr eindrücklicher Weise die liturgischen Sprachformen der jüdischen Tradition vorgestellt, die es ermöglichen, das Scheitern menschlichen Urteilens und damit verbunden die Schuld der Menschen zur Sprache zu bringen; am Gerichtstag – Jom HaDin und Jom Kippur – wird dieses Scheitern vor Gott gebracht, in der Hoffnung auf Erfahrung der Befreiung von Schuld und Verhängnis durch den rituellen Vollzug an den Gerichtstagen selbst. Der Beitrag von Urs Espeel konzentrierte sich auf die theologischen Zusammenhänge von Schuld und Urteilen, die konkret im Confiteor des Gottesdienstes benannt werden, aber auch die Predigt immer wieder bestimmen. Was es sodann heißt, aus Vergebung leben zu lernen, wurde dann weiter diskutiert ebenso wie die Vorstellung von Gericht/End-


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gericht, der ja in der theologischen Tradition eine besondere Rolle zukommt. Auf diese theologische Dimension des Urteilens wird auf den nächsten Tagungen sicher noch deutlicher Bezug genommen werden müssen. Einen Perspektivenwechsel ermöglichte in diesem phänomenologischen Zusammenhang der Vortrag von Gerhard Dannecker, der der Frage nach „Schuld und Sühne vor Gericht“ mit instruktiven und weiterführenden Reflexionen aus dem Strafrecht nachging: Wenn die alltägliche Urteilspraxis versagt, wird die Rechtsprechung notwendig; thematisiert wurde in diesem Zusammenhang die Normativität des Schuldbegriffs im Recht. Der Sühnegedanke ist in der heutigen Rechtsprechung fast völlig in den Hintergrund getreten. An seine Stelle treten, wie Gerhard Dannecker zeigte, der für jeden Strafprozess wesentliche Aspekt der Schuld, wie aber auch die Perspektive auf den Rechtsfrieden, dem jeder Strafprozess dienen soll. Wolfgang Schoberth rekapitulierte den Ablauf der Tagung; diese Zusammenfassung diente auch dazu, die Veröffentlichung abzustimmen, die nun zusammenfassend für die ersten beiden Tagungen ansteht. Nach Absprache mit dem Verlag Vandenhoeck und Ruprecht in Göttingen und in der Hoffnung, dass die Beiträge für den Tagungsband auch rechtzeitig eingehen, soll der Band im Frühjahrsprogramm des Verlages mit dem Titel „Urteilen lernen I – Zur Grundlegung ethischer Urteilsbildung“ (Arbeitstitel) erscheinen. Aus der Schlussdiskussion am Dienstagvormittag hat sich auch die vorläufige Struktur der dritten Tagung ergeben, die dann vom 29. – 31. Juli 2012 (wieder im Moratahaus) stattfinden soll. Dabei soll nun stärker der Modus des Lernens des Urteilen thematisiert werden und der Frage nachgegangen werden, wie Menschen jeweils dazu kommen, sich für das Richtige (Karl Kraus) zu entscheiden. Dabei spielen das Verstehen, weisheitliche Traditionen, Intuitionen, Geschmacksurteile und kreative Wahrnehmungen (Ästhetik) eine

entscheidende Rolle. Wie sich also das Urteil einstellt, formt und woraus es sich speist, soll auf der dritten Tagung entfaltet, wissenschaftlich analysiert und im Horizont der Frage nach dem Lernen des Urteilens reflektiert werden. Voraussichtlicher Titel: Urteilen lernen – Wege des Urteilsbildung?

Ingrid Schobert, CSL

Tagung „Täter-Taten-Opfer“ der Kriminologischen Gesellschaft in Heidelberg Die Fachtagungen der Kriminologischen Gesellschaft dienen dem Austausch und der Diskussion aktueller Forschungsergebnisse. Im Rahmen der jetzt an der Universität Heidelberg stattfindenden Veranstaltung sollen unter der Überschrift „Täterpersönlichkeit“ unter anderem biopsychosoziale Kriminalitätsursachen und die Entwicklung von Delinquenzverläufen beleuchtet werden. Bei der Erörterung der Taten liegt ein Schwerpunkt auf der Internetkriminalität. In diesem Zusammenhang wird es auch um Kinderpornografie gehen. Weitere Themen sind Wirtschafts- und Gewaltdelinquenz. Neben verschiedenen Aspekten des Opferschutzes werden auch die Sanktionsforschung und die empirische Strafverfahrensforschung Gegenstand der Tagung sein. Außerdem werden sich die Teilnehmer mit Fragen der europäisch-vergleichenden kriminologischen Forschung und der kriminologischen Ausbildung befassen. Einen weiteren Schwerpunkt der Tagung bildeten viktimologische Fragestellungen sowie die Sanktionsforschung und die empirische Strafverfahrensforschung.

Fortsetzung »

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Die Tagung begann mit dem Vortrag dreier Hauptreferate. Prof. Dr. Klaus Boers, Universität Münster, sprach über Entwicklungskriminologie, der Präsident des Bundeskriminalamts Jörg Ziercke über Internetkriminalität und Prof. Dr. Reinhard Haller, Medizinische Universität Innsbruck, über Begutachtung in Fällen der Schwerstkriminalität. Drei weitere Hauptreferate wurden am Folgetag gehalten: Prof. Dr. Günter H. Seidler, Universität Heidelberg, referierte über traumatische Gewaltfolgen, Prof. Dr. Martin Killias, Universität Zürich, über Tötungsdelikte und Suizide in der Schweiz und Prof. Dr. Dieter Hermann, Universität Heidelberg, über Wertorientierungen und Kriminalität.

im Monatstakt stattfindenden Elterncafé von den Eltern-Mentoren beantwortet, die die Elternstiftung Baden-Württemberg eigens für diese Aufgabe ausgebildet hat.

Am letzten Tag fanden dann noch Foren zu verschiedenen Themen, wie bio-psychosoziale Kriminalitätsursachen, Kriminalstatistik/Rückfallstatistik, europäischvergleichende kriminologische Forschung, kriminologische Ausbildung, moderne Kriminalitätsformen, Wirtschaftskriminalität und Viktimologie (Opferforschung) statt.

Ziel des Elterncafés ist die Etablierung einer institutionellen Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern, das Elterncafé fungiert als Brücke zwischen beiden Institutionen. Eltern – Mütter wie Väter – sollen enger an den Bildungsweg ihrer Kinder angebunden werden, damit diesen die bestmögliche Förderung ermöglichen zu können.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde die Beccaria-Medaillen für besondere Verdienste in der kriminologischen Forschung verliehen. Ausgezeichnet wurden Prof. Dr. Reinhard Böttcher, ehemaliger Bundesvorsitzender des „Weißen Rings“ und früherer Präsident des Oberlandesgerichts Bamberg, sowie Prof. Dr. Henning Saß, ehemaliger ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Aachen.

Die Eltern treffen sich in der Schule zum Elterncafé und finden somit einen Raum in der Schule, in dem sie sich zunächst einmal form- und zwanglos begegnen können. Es ist sichergestellt, dass dieses Gremium in der Schule gehört wird, denn es gibt – neben der Schulleitung – eine Lehrkraft als Ansprechpartner für die Elternarbeit. Die Eltern können darauf aufbauend verschiedene Themen besprechen, die mit dem Alltag, der Schule oder dem konkreten Unterricht etc. zu tun haben. Bei Bedarf können Experten zu Fragen der Berufsorientierung, Lernschwächen, Gesundheitsfragen, sozialen und anderen Problemlagen etc. hinzugezogen werden. Das Elterncafé konnte bisher bereits neun mal realisiert werden.

CSL

Elterncafé GeschwisterScholl-Schule Heidelberg Im Juli 2011 hat das von Moritz Kilger initiierte Projekt „Elterncafé“ begonnen, in dem ElternMentoren Einwandererfamilien helfen, das deutsche Schulsystem zu verstehen. Wie liest man ein Zeugnis? Warum darf das Kind nicht das Gymnasium besuchen, sondern „nur“ die Hauptschule? Solche Fragen werden in dem

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Da sich das Angebot schnell erfolgreich etabliert hat, hat Kilger im Rahmen des Netzwerkes „Migranten machen Schule“ das Projekt auch als Best Practice-Beispiel im staatlichen Schulamt Mannheim vorgestellt. Im Rahmen des Elterncafés hat Moritz Kilger auch eine Förderzusage des Amtes für Chancengleichheit für das Rucksack-Projekt bekommen, das Mütter als Expertinnen für die Förderung der Muttersprachenkompetenz einsetzt.

Im Mai und Juni 2011 fand eine von der Elternstiftung Baden-Württemberg durchgeführte Elternmentorenschulung für 15 Teilnehmer aus der Region an der GeschwisterScholl-Schule im Rahmen des Elterncafés


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statt. Diese stehen den Eltern wie den Lehrern als Ansprechpartner und kompetente Auskunftgeber zur Verfügung. Während der Sitzungen des Elterncafés sorgen Schülerinnen mit Babysitterdiplom für die Betreuung der Kinder. Das Elterncafé wurde von den Eltern bislang gut angenommen. Sie zeigen deutliches Interesse, mehr über das System Schule zu erfahren und das Umfeld kennenzulernen, in dem ihre Kinder lernen.

Mechanismus und bietet insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund Unterstützung bei der Erarbeitung des Lernstoffes.

Dank des Elterncafés konnte die Stadt Heidelberg in Form des Amtes für Chancengleichheit wie auch des Kinder- und Jugendamtes (STÄRKE-Programm) als Förderer für das Rucksackprojekt gewonnen werden, welches ab dem kommenden Schuljahr bei uns an der Schule angeboten werden wird. Dabei geht es darum, dass die immigrierten Eltern gemeinsam mit ihren Kindern anhand des Schulstoffes Deutsch lernen. Zusätzlich können die Eltern in Fragen der Alltagsbewältigung Rat erhalten. Durchführen wird das Rucksackprojekt Frau Caliskan von der AGFJ, die das Projekt bereits seit vielen Jahren in Weinheim anbietet und schon im 2. Schulhalbjahr 2011/2012 für eine Elternsprechstunde (auch in türkischer Sprache) zur Verfügung stehen wird.

Moritz Kilger, CSL

Schüler helfen Schüler in der IGHeidelberg An der Internationalen Gesamtschule Heidelberg (IGH) sind SchülerInnen aus ca. 50 Nationen vertreten. In den Klassen haben bis zu 60% der SchülerInnen einen Migrationshintergrund. Es ist bekannt, dass in Deutschland der Bildungserfolg nach wie vor stark schichtabhängig ist. Und besonders schlechte Chancen haben Kinder mit Migrationshintergrund. Die Initiative „Schüler helfen Schülern International“ unternimmt etwas gegen diesen

Workshop: Schüler helfen Schüler

Die Förderung ist jeweils individuell ausgerichtet: z.B. üben die Schüler-Tutoren mit Kindern der Primarstufe Texterfassung mittels interaktivem Vorlesen, andere Kinder erfahren gezielte Förderung ihrer Rechenfähigkeit, manche profitieren von einer Unterstützung bei den Hausaufgaben. SchülerInnen, die einen Schulwechsel, etwa von Hauptschule auf Realschule oder von Realschule auf das Gymnasium anstreben, lernen mit leistungsstarken erfahrenen Tutoren, die mitunter während der Schulferien ihre MitschülerInnen unterrichten. Die Verdichtung des Unterrichts unter anderem durch die Einführung von G8 erschwerte die Durchführung des Projektes zunehmend. Es konnte nicht mehr gewährleistet werden, dass alle Klassen mindestens zweimal in der Woche eine Stunde vor dem Unterricht gemeinsam unterrichtsfrei hatten, Fortsetzung »

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was eine Voraussetzung dafür ist, dass alle SchülerInnen die Chance haben, an „Schüler helfen Schülern International“ teilzuhaben, sei es als Tutoren, sei es als Lernende.

nur rausgehen und sie entdecken. Das war die Ursprungsidee der Gründer des Jugendkulturmagazins ,,Ohrfeige“: ein fünfköpfiges Redaktionsteam Jugendlicher zwischen 18 und 20 Jahren wollte den jungen Leuten unserer Stadt die Vielfalt des kulturellen Angebots zeigen und dass es Spaß macht, sich mit diesen Themen zu beschäftigen und Veranstaltungen zu besuchen. In drei Ausgaben stellten sie Events, Personen und Institutionen aus dem Kulturbetrieb vor und verfassten auch Texte darüber hinaus; das alles in einem jungen, frechen Layout. Die ,,Ohrfeige“ sollte einen Gegenpol zu der beschleunigten und nicht greifbaren Internetkultur darstellen, hochwertig und handfest sein und trotzdem am Puls der Zeit. Es war den Schülern möglich das nicht kommerzielle Magazin an über acht Heidelberger Schulen und an diversen Veranstaltungen für einen symbolischen Wert von einem Euro zu vertreiben.

Schüler helfen Schüler

Eine auch nur teilweise Verlagerung in die Mittagspause macht es unmöglich, dass wie bisher die organisatorische Betreuung und Aufsicht durch engagierte Eltern erfolgt. Hier hilft die Manfred Lautenschläger-Stiftung durch die Zusicherung einer mittelfristigen Finanzierung, die es möglich machte, die Begleitung des Projektes durch Studierende der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zu finanzieren. Die Studierenden führen die Aufsicht bei den Lernzeiten, unterstützen die Tutoren, führen Schulungen für die Tutoren durch und bereiten auch die Evaluation des Projektes vor.

Georg Mildenberger, CSL

Ohrfeige – das Jugendkulturmagazin für Heidelberg Heidelberg hat viel zu bieten. Kunst, Kultur und Kreativität stecken überall, man muss

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Initiatoren des Jugendkulturmagazins „Ohrfeige“

Die Initiatoren stießen auf große Resonanz, fanden neue Redakteure und viele interessierte Jugendliche, die dankbar für den frischen Wind waren, und bekamen positives Feedback und organisatorische Unterstützung von zahlreichen Kulturinstitutionen und engagierten Menschen aus Heidelberg. Nach einem Jahr trennten sich dann allerdings die Wege der Redakteure, einige zogen in andere


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Städte zum Studieren, andere reisten um die Welt. So war es leider nicht möglich an weiteren Ausgaben zu arbeiten. Nichtsdestotrotz sagen sie stolz: „Wir lernten die Stadt, in der wir schon lange lebten, mit neuen Augen zu sehen, und dass es sich lohnt, kreative Ideen umzusetzen und eigene Projekte zu starten. Ohne die freundliche Unterstützung der Manfred LautenschlägerStiftung wäre uns all dies nicht möglich gewesen. Hierfür möchten wir uns herzlich und aufrichtig bedanken.“

Celina Ponz, CSL

Malwettbewerb zum 50jährigen der Lebenshilfe Heidelberg Ein Haus auf Sylt, eine Reise mit dem Raumschiff Enterprise, Urlaub auf einer KaribikInsel – mehr als 50 Menschen zeigen derzeit in einer Ausstellung in den Heidelberger Werkstätten der Lebenshilfe Heidelberg, wovon sie träumen. Im Jubiläumsjahr hat der Verein all die Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, die eines der Angebote der Lebenshilfe Heidelberg nutzen, eingeladen, Bilder zum Thema „Mein größter Lebenstraum“ zu malen. Unzählige Bilder sind so entstanden. Aus all diesen Bildern hat eine Jury die fünf besten ausgewählt. Beim Regionalen Lebenshilfetag am 25. September 2011 auf dem Gelände der ISSW im Neuenheimer Feld wurden die drei besten Bilder prämiert. Das Preisgeld, gestiftet von der Manfred Lautenschläger-Stiftung, teilten sich Roland Förster (1. Preis für: „Seltsame Reise mit meiner Freundin“), Elisabeth Lange (2. Preis: „Auf der Neckarwiese“) und Daniel Germscheid (3. Preis: „Eine schöne Landschaft“). Den Sonderpreis der Heidelberger Werkstätten erhielt der fünf Jahre alte Simon Hess („Freude am Selbstausdruck“), einen

Atelierbesuch beim Künstler Pieter Sohl, der Mitglied der Jury war, gewann Christina Holzwart („Die perfekte Küchenmannschaft“). Vielleicht können sich die Gewinner davon so manchen kleinen Traum erfüllen.

CSL

Zauberflöte für Blinde im Heidelberger Theater Eine deutsche Oper in zwei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart. Mozarts WunderOper ist ein Opern-Wunder: Kein anderes seiner Meisterwerke ist derartig beliebt und bekannt wie die Zauberflöte. Jede kulturelle Epoche entdeckt ihre Sicht auf das Werk neu. Der Mythos Zauberflöte lebt und wird mit jeder neuen Inszenierung fortgeschrieben. Warum? Weil die Zauberflöte so leicht zu verstehen und gleichzeitig so unausdeutbar tiefsinnig ist. Weil in ihr ein ernster und ein komischer Handlungsfaden miteinander versponnen sind, und weil ihre Musik schlicht süchtig macht. Im Auftrag der Königin der Nacht soll Tamino die Tochter der Königin, Pamina, aus den Händen Sarastros befreien. Doch Sarastro entpuppt sich als weiser Priester, der das junge Paar vor eine schwere Prüfung stellt. Der Vogelfänger Papageno indes versucht, ohne „höhere Weihe“ ein „Weibchen“ zu bekommen und bringt sich dabei beinahe um. Das Theater & Orchester Heidelberg brachte in Zusammenarbeit mit dem Verein Hörfilm e.V. und erstmalig mit zwei Gebärdensprachdolmetschern Mozarts Zauberflöte für blinde und gehörlose Menschen auf die Bühne. Live eingesprochene Audiodeskription, detaillierte Beschreibungen zu Handlung, Bühnenbild und Kostümen, ermöglicht blinden und sehbehinderten Besuchern ein intensives und ganzheitliches Erlebnis dieser umjubelten Inszenierung des Heidelberger Theaters Die Audiodeskription wird von dem Berliner Autorenteam des Vereins Hörfilm e.V. erstellt Fortsetzung » und eingesprochen.

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Die Übertragung erfolgt drahtlos über das digitale guidePORT-System von Sennheiser, installiert durch die GPT Audio GmbH. Vor der Vorstellung wurden die Empfänger und Monoklipphörer gegen Abgabe des Personalausweises kostenlos an das sehgeschädigte Publikum ausgegeben. Zwei Gebärdensprachdolmetscher übersetzten von der Bühne aus Handlung und Charaktere der Opernaufführung gut erkennbar und verständlich, damit auch gehörlose und hörbehinderte Besucher in die Welt der Zauberflöte eintauchen konnten. Als kostenloses Rahmenprogramm zur Opernaufführung bot das Theater & Orchester Heidelberg neben einer speziellen musikalischen Einführungsveranstaltung auch eine Masken-, Kostüm- und Bühnenführung an. Durch das Befühlen der Kostüme und die Begehung der Bühne erschließt sich für die Nicht-Sehenden Gäste die Inszenierung ganzheitlich und auch für die sehenden Besucher eröffnen sich so ganz neue Einblicke in das Theatergeschehen. Eine AudioFührung, ebenfalls entwickelt vom Berliner Autorenteam von Hörfilm e.V., unterstützte den selbständigen Aufenthalt der blinden und sehgeschädigten Besucher im Theaterfoyer. Das Programmheft zur Zauberflöte stand kostenlos in Brailleschrift zur Verfügung. Im Anschluss an die Vorstellung lud das Theater & Orchester Heidelberg zu einer moderierten Diskussionsrunde zwischen Publikum und Theaterensemble.

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TelefonSeelsorge Rhein-Neckar Die TelefonSeelsorge Rhein-Neckar hat ihren Sitz in Mannheim und ist zuständig für das ganze Gebiet der Metropolregion. Sie ist als ökumenische Einrichtung die älteste und größte Telefonseelsorgeeinheit in Baden – eine Kooperation der evangelischen und katholischen Dekanate Mannheim, Ludwigshafen und Worms.

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Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, auch an Sonn- und Feiertagen, unter den gebührenfreien Rufnummern erreichbar, wobei die gewählte Nummer in der Telefonrechnung nicht auftaucht. Die TelefonSeelsorge ist ein ökumenisch getragenes Angebot der christlichen Kirchen für jeden Menschen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe oder Religion. Jeder ist willkommen, der ein Gespräch sucht und ein ernsthaftes Anliegen hat. Tag und Nacht erreichbar, ist sie ein Ohr, das hinhört, wenn andere den Rücken kehren, eine Stimme, die Trost zuspricht, wenn die Hoffnung gegen Null geht, für alle Themen und Probleme offen – aber nicht grenzenlos verfügbar, da die Mitarbeiter für Krisen da sein wollen und nicht für missbräuchliche Ansinnen. Für die TelefonSeelsorge arbeiten 145 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, zwei hauptamtliche Diplompsychologen, zwei hauptamtliche Halbtagsverwaltungskräfte und eine Verwaltungsassistenz in geringfügiger Beschäftigung. Der Anrufstatistik zufolge erhielt die TelefonSeelsorge im letzten Jahr knapp 40.000 Anrufe und ca. 500 E-Mails. Themen sind Psychische Erkrankungen, Probleme mit dem Partner, Einsamkeit/Vereinsamung, Sexualität und viele mehr. Alle MitarbeiterInnen werden in einer eineinhalbjährigen qualifizierten Ausbildung auf den Dienst am Telefon vorbereitet. Um den MitarbeiterInnen für ihren Dienst am Telefon, in der Online-Beratung und im Chat auch weiterhin die nötige Sicherheit zu gewährleisten, sind jährliche Fort- und Weiterbildungen sowie Supervisionen unabdingbar. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung zahlt ab Ende 2011 das Gehalt einer leitenden Mitarbeiterin für ein Jahr.

Gabriele Wolters, CSL


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Neues Fenster für die Peterskirche Heidelberg Die Peterskirche in Heidelberg hat ein neues, sechstes Fenster. Durch „Das himmlische Jerusalem“ strahlt nun orange-goldenes Licht. Es gilt als das bisher schönste Werk des renommierten Glaskünstlers Johannes Schreite. Auf die Frage, warum Manfred Lautenschläger, das Fenster stiftete, sagte er: „Die Peterskirche ist eine schöne Kirche und sie gehört zur Universität. Ich trage gerne dazu bei, diese Kirche noch zu verschönern. Zumal mir das Fenster sehr gefällt. Es ist groß, es ist glanzvoll, es ist farbenfroh und es besticht durch seine klare Linienführung. Ich finde, diese Moderne passt zu einer Studentenkirche.“

Seine Predigt im Semestereröffnungsgottesdienst zur Einweihung des Fensters „Himmlisches Jerusalem“ begann Professor Dr. Theo Sundermeier mit folgender Anekdote: „Als ein Mitarbeiter in Namibia vor Jahren auf Heimaturlaub fahren wollte, kündigte er das seiner Gemeinde an und sagte, dass er nach Deutschland fliegen werde, aber vorab auch Jerusalem besuchen wolle. Darauf fragte ihn ungläubig eine Hererofrau seiner Gemeinde: Ob er denn zuerst in den Himmel fliegen wolle?!“ Für die Frau war Jerusalem eine Botschaft, ein Symbol und Hinweis auf himmlische Realität. Für uns aber ist Jerusalem zunächst ein höchst realer Ort, ein Ort, der Weltgeschichte geschrieben hat und wieder ein politisches Pulverfass zu werden droht, ein zutiefst gefährdeter Ort. Auf dem neuen Glasfenster ist das höchst dramatisch unten im Fenster angedeutet. Doch nicht nur die Stadt ist bedroht, der ganze Erdkreis steht in Gefahr, zerstört zu werden. Die Stadt Gottes selbst aber ist sicher. Das zeigt auf dem Fenster die Grenze, die der zerstörerischen Kraft entgegengesetzt ist und die sie nicht durchbrechen kann.“

Abschließend folgerte Sundermeier in seiner Predigt: „Unsere Welt ist bedroht, wir erleben das gerade wieder tief erschrocken. Es ist als ob Scheiter das in prophetischer Vorwegnahme unten im Fenster schon andeutet. Aber nicht die Bedrohung ist das Zentrum, sagt das Fenster, sondern Gott. Weil das so ist, müssen wir nicht ängstlich werden und verzagen. Wir gehen einer gewissen Zukunft entgegen. Für Jerusalem und für unsere Welt vermittelt das Fenster Hoffnung und Zuversicht.“

Prof. Dr. Theo Sundermeier, CSL

Mehrjährige laufende Förderungen

Mühlenhof Schriesheim Auch wenn Deutschland in Hinblick auf Größe und Einwohnerzahl ein gut funktionierender Sozialstaat ist, so bleibt es naturgemäß nicht aus, dass immer wieder Menschen durch die Absicherungsnetze fallen.

Klienten des Projektes Mühlenhof

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Zwar ist erkennbar, dass es in Deutschland besser als in anderen Ländern gelingen mag, den „sozialen Abstieg“ zu vermeiden, jedoch staatliche Maßnahmen insbesondere bei der Wiedereingliederung von Obdachlosen aus mannigfaltigen Gründen nicht in wünschenswertem Maß greifen. Hier besteht eine Lücke, die durch privates Engagement geschlossen werden muss. Soziales, ethisches Unternehmertum und die daraus resultierende stifterische Tätigkeit beinhaltet nach der Überzeugung der Manfred LautenschlägerStiftung auch, beim Thema Obdachlosigkeit nicht wegzusehen, sondern vielmehr konkret und direkt vor Ort zu helfen. Im Kanzelbachtal in Schriesheim wurde ein Konzept umgesetzt, das für Manfred Lautenschläger von Anfang an eine Herzensangelegenheit war.

Aber auch andere Zielgruppen sollen im Mühlenhof Beachtung finden. So absolvieren seit September 2011 sechs Jugendliche mit Behinderung eine Berufsfindungszeit auf dem Hof, die 27 Monate dauert. Sie arbeiten in verschiedenen Bereichen mit den Klienten zusammen und erhalten zudem Schulunterricht. Es ist ein für Baden-Württemberg einmaliges Projekt, das unter anderem über das persönliche Budget der Eltern und viel Eigeninitiative der Eltern zustande gekommen ist. Gerade vor kurzem bekamen sie einen Preis der „Übermorgen Macher“ vom SWR. Gerade die Arbeit mit Tieren ist zentral auf dem Hof, hat der Umgang mit Tieren bekanntermaßen eine therapeutische Wirkung. Ziege Lea beispielsweise ist das (bisher einzige) Flaschenkind. Sie kam im Frühjahr als Drilling auf die Welt und konnte sich gegenüber ihren dreimal so schweren Brüdern nicht durchsetzen. Daher adoptierte sie die Familie Waegner und nahmen sie im Wohnzimmer auf. „Zwischendurch wusste Lea nicht, ob sie Hund, Katze oder Ziege war – sie schlief im Hundekorb und konnte klettern wie eine Katze“ erzählt Frau Waegner mit dem Stolz einer Lebensretterin in den Augen. Aber auch zwei neue Ponys zogen 2011 in der Mühlenhof, Lanzelot und Luise. Nachwuchs gab es viel in diesem Jahr: 11 Lämmer, 3 Meerschweinen und 6 Zicklein – damit leben nun etwa 80 Tiere auf dem Mühlenhof.

Sauberer Mühlenhof

Der Mühlenhof ist ein einmaliges Projekt, das wohnungslosen Menschen Raum für ein sinnvolles Leben mit der Natur ermöglichen soll. Bei der Betreuung von Tieren, der Beschäftigung in der Landwirtschaft oder bei Tätigkeiten im Restaurant erhält jeder Tag einen geregelten Ablauf. Auf diese Weise bekommt die Zeit Inhalt und Sinn. Der Mühlenhof zeigt, dass Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, dauerhaft Enormes leisten können und wollen. Die Männer und Frauen werden angeleitet durch das fach-

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kundige Team der Wiedereingliederungshilfe der Stadtmission Heidelberg, unter der Leitung von Herrn Waegner.

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Ziege Lea


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Auch das Feiern darf nicht zu kurz kommen – so wurden alle Kinder, die etwas mit dem Mühlenhof zu tun haben, zum Osterfest eingeladen. Zuerst führten die Voltigierkinder etwas vor (sie waren als Marienkäfer verkleidet) und anschließend gab es Kaffee und Kuchen. Die Kinder durften auf dem ganzen Hof nach den von den Klienten und FSJlern gefärbten und anschließend versteckten Ostereier suchen. Zudem wurde der Mühlenhof angefragt, ob er nicht mit einer Auswahl von Schafen an der jährlich in Weinheim stattfindender Osterwiese teilnehmen wollte. So ergab sich die Möglichkeit, dort auch Interessierten von der Arbeit auf dem Mühlenhof zu berichten. Ferienzeit ist Mühlenhofzeit. So wurden auch 2011 wieder zwei Ferienfreizeiten am Ende der Sommerferien für Kinder von 6 bis 10 Jahren veranstaltet, die beide voll belegt waren. In der ersten Schulwoche gab es dann noch das „Vorschulkinder-Spezial“. Hier wurden diejenigen Kinder betreut, die nach Ende der Sommerferien noch eine Woche auf ihre Einschulung warten mussten. Das ganze fand in Kooperation mit zwei Naturpädagoginnen statt. Natürlich waren die Klienten und FSJler auch hier eingebunden und halfen bei der Betreuung und der Essensvorbereitung voll mit. Ein voller Erfolg war auch wieder der „Selbsteinschlag“. In Kooperation mit einem ehemaligen Förster veranstaltet der Hof an einem Wochenende in der Adventszeit einen Tannenbaumselbsteinschlag. Hier wandern die Familien vom Parkplatz Rückhaltebecken zur Tannenschonung. Dort können sie sich ihren Weihnachtsbaum unter 14000 Bäumen selbst aussuchen und schlagen und sich anschließend bei Glühwein und Schafsbratwurst am Lagerfeuer mit kostenlosem Stockbrot für Kinder aufwärmen. Dieses Jahr kamen Samstag und Sonntag ca. 1000 Besucher. Das ist ein sehr arbeitsintensives Wochenende für alle Beteiligten, das auch viel Vorbereitungszeit bedarf, aber allen zusammen auch sehr viel Spaß macht.

CSL

e-Ausleihe und Lesestart in der Stadtbücherei Heidelberg Die virtuelle Stadtbücherei Heidelberg wächst – Bücherei-Direktorin Christine Sass konnte aus den Händen von Manfred Lautenschlägers Tochter Catharina Seegelken-Lautenschläger einen Scheck entgegennehmen. Bereits vor einem Jahr erhielt die Stadtbücherei Heidelberg die erste Hälfte einer Zuwendung, die die Lautenschläger-Stiftung der Heidelberger Stadtbücherei nun für den Ausbau der elektronischen Medienangebote gespendet hat. Mit dieser Unterstützung konnten im laufenden Jahr rund 900 elektronische Medien gekauft werden, im kommenden Jahr wächst der Bestand noch einmal um die gleiche Zahl. Der Lautenschläger-Stiftung ist es wichtig, auf das zukunftsorientierte Angebot der Stadtbücherei aufmerksam zu machen. Denn die Bücherei greift damit das veränderte Nutzungsverhalten vieler Menschen auf und verknüpft ihre Bildungsangebote mit neuer Technologie.

e-Ausleihe der Stadtbücherei Heidelberg

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Die elektronische Ausleihe gibt es seit März 2009 in der Stadtbücherei (www.heidelberg. de/stadtbuecherei/eAusleihe). Über die eAusleihe können Kunden der Stadtbücherei eine große Bandbreite digitaler Medien ausleihen und herunterladen und zeitlich begrenzt auf ihrem eigenen Rechner und verschiedenen mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablet-PCs nutzen. Derzeit bietet die Stadtbücherei Heidelberg fast 9.000 e-Books, e-Papers (Zeitungen und Zeitschriften), e-Audios (Hörbücher), e-Music-Titel und e-Videos an.

Forum den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Dadurch trägt es zur Stärkung der transatlantischen Beziehungen bei.

„Damit ist der virtuelle Bestand der Stadtbücherei Heidelberg, der bereits seit März 2009 kontinuierlich ergänzt und aktualisiert wird, einer der besten der Metropolregion und ein wichtiger Faktor für die Kundenorientierung mit Blick auf die Zukunft des Lesens, des Lernens und der Freizeitaktivitäten“, so Bücherei-Direktorin Christine Sass.

2010 wurde auf einem Treffen der “European Association of American Studies” in Dublin beschlossen, dass am Heidelberg Center for American Studies (HCA), in Kooperation mit dem American Studies Network (ASN), eine Konferenz zum Thema „Religion and the Marketplace: New Perspektives and New Findings“ stattfinden soll. Diese wurde dann 2011 im Rahmen der 625-Jahrsfeier der Universität Heidelberg abgehalten. Diese international und interdisziplinär ausgerichtete Tagung beleuchtete den Einfluss des Marktes auf die Religion in Amerika. Untersucht wurde, inwieweit der Markt die Religion bestimmt, beeinflusst und limitiert – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart.

Seit 2008 läuft zudem das Projekt „Lesestart“ in Zusammenarbeit mit der Stadtbücherei Heidelberg, dem Uni-Klinikum und der Stiftung Lesen. 2011 fand keine gesonderte Veranstaltung zu dieser Aktion statt. Nähere Informationen finden sich im Jahresbericht der Manfred Lautenschläger-Stiftung vom Jahr 2010.

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Konferenz „Religion and the Marketplace in the United States“ im HCA Das multidisziplinäre HCA ist eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität Heidelberg. Es bündelt die auf Amerika bezogene Forschung und Lehre von sechs Fakultäten und zehn Disziplinen. Es hat es sich zur Aufgabe gemacht, die für ein Verständnis von Politik, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft der USA notwendigen Kenntnisse zu vermitteln. Es ermöglicht überdies in seiner Funktion als

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Seit 2006 finanziert die Manfred Lautenschläger-Stiftung eine Serie internationaler Konferenzen, deren Ziel neben dem wissenschaftlichen Ertrag auch eine Stärkung der Zusammenarbeit zwischen dem HCA und dem Deutsch-Amerikanischen Institut Heidelberg (DAI) ist. 2011 wurde der Zusammenhang von Markt und Religion in Amerika genauer untersucht.

Angesichts der Prominenz der Establishment Clause (das Verbot per Gesetz eine Staatsreligion einzuführen) und der Free Exercise Clause (das Verbot der Einschränkung der freien Religionsausübung) in der amerikanischen Verfassung, bildet ein breit angelegter „Wettbewerb um Seelen und Geldbeutel“ historisch gesehen die Konturen der Religion in Amerika. Die Konferenz baute auf den bisherigen Erkenntnissen auf, um gleichzeitig tiefer in die komplexen Beziehungen von Religion und Markt zu schauen. Die Beiträge kamen aus so unterschiedlichen Bereichen wie amerikanische Studien, Religionswissenschaften, Wirtschaft, Geschichte, Medienwissenschaft, Recht und Literatur und


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wurden in elf Foren diskutiert. Themen dieser Panels waren Religion und der Markt in Theorie und Geschichte, Amerika und Europa im Vergleich und der Interaktion, Evangelikalismus und Fundamentalismus, Religion und Popkultur, Religion im täglichen Leben, Theologie und der Markt, Moderner Kapitalismus, Säkularisierung und neue Spiritualität, Made in America?: Religiöse Importe und Exporte, Medien, Religion und Markt, Politik und Religion und die Literatur und der religiöse Markt in Amerika. Am Ende gab es einen breiten Konsens, dass die Märkte zwar nicht die Religion erklären, die Schnittfläche von Markt und Religion in Amerika aber weiterer Untersuchungen bedarf – und die Konferenz lieferte einige Gedankengänge über künftige Forschungen zu diesem Thema.

titionen für deutsche Hochschulen: Möglichkeiten und Grenzen der Privatisierung“ öffentlich zur Diskussion zu stellen. Staatliche Universitäten und Hochschulen finanzieren Forschung und Lehre längst nicht mehr ausschließlich durch Gelder des Bundes und der Länder. Mäzene, Stiftungen und Unternehmen unterstützen wichtige Projekte und ganze Institute. Vertreter aus Wissenschaft, Stiftungen und Politik diskutierten in der gut besuchten Alten Aula der Universität Wege zu erfolgreichen Partnerschaften sowie Grenzen des Engagements.

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Symposium „The privatisation of higher education“ am CSI Heidelberg Das Thema des Symposiums „The privatization of higher education: Private investments for the common good?“ war die Privatisierung der akademischen Bildung. Ziel der Veranstaltung war es, eine theoretisch informierte Diskussion hervorzurufen, die ebensowohl international wie multidisziplinär ausgerichtet ist. Indem es dabei um die Gefahren und Potentiale einer Privatisierung der akademischen Bildungen gehen soll, sollte das Symposium zu einer weiteren Ausarbeitung und Differenzierung des Konzeptes beitragen. Ohne privates Engagement geht es nicht private Förderung von Wissenschaft und Lehre sind unverzichtbar. Das CSI selbst ist der Prototyp eines Instituts einer staatlichen Universität, das zu einem Großteil durch private Geldgeber und Forschungsförderung finanziert wird. Grund genug, „Private Inves-

CSI Heidelberg (Foto: Frederike Hentschel)

Neben Wissenschaftministerin Theresia Bauer und Prof. Dr. Bernhard Eitel, Rektor der Universität Heidelberg, diskutierten Prof. Dr. Helmut K. Anheier, Prof. Dr. Michael Göring, Vorstandsvorsitzender der ZEIT-Stiftung und Prof. Dr. Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität Lüneburg und waren sich schnell einig: Forschung und Lehre an Universitäten und Hochschulen braucht private Unterstützung und Förderung - es darf allerdings nicht die Unabhängigkeit der Forschung beeinträchtigt werden. Fortsetzung »

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Die mittlerweile langjährige Erfahrung mit privaten Förderern hat aber auch gezeigt: Es ist nicht sinnvoll, kurzfristig einzelne Projekte zu finanzieren. Förderung muss langfristig sein. Nur so lassen sich Forschung und Lehre nachhaltig unterstützen. Allein schon den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sei man diese Langfristigkeit schuldig, betonte etwa Prof. Eitel. Nur so können sichere Arbeitsplätze geschaffen werden. Einigkeit herrschte auch darüber, dass alle Hochschulen von privater Förderung profitieren können. Nicht nur große Universitäten und Hochschulen haben hier gute Chancen. Vielmehr geht es um den eigenen Markenkern, um Institute und Projekte, die herausragen, und so Förderer zur Unterstützung motivieren.

Größen wie den Nobelpreisträgern Christian de Duve und Frank Wilczek sollte aber auch eine Bühne für unbekanntere Referenten, Künstler und Literaten bereitet werden. Neben Diskussionen über Zustand und Zukunft unserer Gesellschaft fanden auch Lesungen aktueller Werke statt und es wurde eine Rede über die derzeitigen Verhältnisse in den USA gehalten. Auch Bildung stand wieder im Fokus: so diskutierten Experten wie Remo Largo, Felicitas Römer und Monika Czernin über Erziehungsmethoden und die Überforderung von Schülern in Zeiten von G8.

Das Symposium war eines der jährlichen, mit Mitteln der Manfred Lautenschläger-Stiftung geförderten internationalen Symposium, das 2011 als Beitrag zum Jubiläumsjahr der Universität Heidelberg stattfand.

Carsten Eggersglüß, CSL

Herbstprogramm Geist Heidelberg im DAI Heidelberg Das Programm stand im Herbst des letzten Jahres erstmals unter dem Motto „Geist Heidelberg“. Von nun an wird dies jedes Jahr der Fall sein. Die begleitende Kampagne sollte die Aufmerksamkeit auf diesen Neuanfang und die Vielschichtigkeit des DeutschAmerikanischen Instituts (DAI) lenken sowie dessen Maßgabe, in seinem Programm die Künste mit der Wissenschaft zusammenzubringen, verdeutlichen. Ziel ist es, Kultur und Wissenschaft zu vereinen. Dieses Programm mit dem Motto „Geist Heidelberg“ hat als Logo ein Gehirn, das symbolisch dafür steht, dass hier sowohl die linke als auch die rechte Gehirnhälfte beansprucht werden soll. Neben bekannten

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Die Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützte die begleitende Kampagne des Herbstprogramms.

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Heidelberger Frühling Wenn die Heidelberger etwas nicht wollen, machen sie es deutlich, und wenn sie etwas wollen, auch. Eines der wohl schönsten Beispiele für ihre Begeisterungsfähigkeit ist der „Heidelberger Frühling“. Durch bürgerschaftliches Engagement, unterstützende Unternehmen und die Verwaltung konnte das Projekt sich innerhalb kürzester Zeit zu einem der führenden Musikfestivals entwickeln. Nun wurde von Frühlings-Freunden die „Stiftung Heidelberger Frühling“ gegründet, die mit dem Festivaljahrgang 2011 – dem mittlerweile fünfzehnten – ihre Arbeit aufnimmt. 1997 gegründet, hat sich das Internationale Musikfestival „Heidelberger Frühling“ innerhalb kürzester Zeit als eines der „spannendsten und innovativsten Musikfestivals in Deutschland“ etabliert (Deutschlandradio), das „mit Darbietungen auf höchstem Niveau und mit Musikern von Weltruf aufwartet“ (Neue Zürcher Zeitung). Mit über 80 Veranstaltungen innerhalb von fünf Wochen, mehreren zehntausend Besuchern und einem innovativen Programmkonzept spielt der „Heidelberger Frühling“ mittlerweile in der ersten Liga der Festivals für klassische Musik. Charakteristisch für den „Heidelberger Frühling“ ist sein Selbstverständnis als Ort der Begegnung und des Dialogs. Damit ist neben dem ungezwungenen Austausch zwischen Künstlern und Publikum auch eine Einladung zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit klassischer und zeitgenössischer Musik gemeint. Ein wechselndes Jahresmotto bettet die Musik darüber hinaus in größere Zusammenhänge ein und bildet so die inhaltliche Klammer des vielfältigen Programms. Natürlich kann man beim „Heidelberger Frühling“ die Weltelite der Klassikszene bei großen Konzertabenden in festlichem Ambiente erleben. Das Herz des Festivals aber schlägt anderswo. Es ist zu finden in Projekten wie dem renommierten Streichquartettfest oder der neuen Lied Akademie.

Bei diesen Veranstaltungen wird die Distanz zwischen Akteuren und Publikum abgebaut, man kommt miteinander ins Gespräch und tauscht Erfahrungen aus. Das ist fruchtbar und schafft nachhaltige Erlebnisse, die mit dem Begriff „Event“ wenig zu tun haben. Ja, es geht um Erkenntnisgewinn. Denn der „Heidelberger Frühling“ versteht sich auch als Musikvermittler. Und er möchte Denkanstöße geben, wie die Musik in größere Zusammenhänge einzuordnen ist. Dass dies kein Lippenbekenntnis ist, beweisen der Umfang und die Qualität der begleitenden Vorträge, Künstlergespräche, Workshops und anderer, teils innovativer Veranstaltungsformate. Dabei hat Festivalleiter Thorsten Schmidt immer im Blick, dass all dies auf keinen Fall trocken und schulmeisterlich daherkommen darf. Schließlich hat das Festival auch junge Besucher im Visier. Programmschwerpunkte des „Heidelberger Frühling“ 2011 waren das Lied der Akademie, die Kammermusik Akademie und Akademie Junger Komponisten, Franz Liszt zum 200. Geburtstag, Beethovens Klaviertrios, das Streichquartettfest, „Artists in Residence“ 2011: Veronika Eberle, Marie-Elisabeth, die „New Generation“, festival+, „Classic Scouts“ Das Jugendprojekt des „Heidelberger Frühling“ und die Musik der Sinti und Roma mit dem Auftritt des budapest gypsy symphony orchestra. Fortsetzung »

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Großen Wert legt Schmidt darauf, dass sich der „Heidelberger Frühling“ sowohl an den Kenner als auch an den interessierten Neuling richtet: „Mit einer Vielzahl von Vermittlungsangeboten möchten wir Brücken bauen für alle, die wenige Vorkenntnisse, aber viel Neugier mitbringen.“ Und dass es von diesen Menschen mehr gibt, als Pessimisten manchmal vermuten, beweist ein Besucheranstieg von 82 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützt die Stiftung Heidelberger Frühling, deren Zweck die finanzielle Unterstützung des Internationalen Musikfestivals „Heidelberger Frühling“ bei seiner programmatischen Weiterentwicklung ist, sowohl finanziell als auch ideell.

Karsten Füllhaase, CSL

Heidelberger Stückemarkt Nicht nur das Wetter sorgte die neun Tage für gute Laune – auch die Preisvergabe des Heidelberger Stückemarktes 2011 sorgte für gute Stimmung. So gewann den Hauptpreis erstmals ein Stück aus einem Gastland, der Innovationspreis und der Publikumspreis gingen an deutsche Wettbewerbsteilnehmer. Der Hauptpreisträger „Schöne Dinge sind auf unserer Seite“ des türkischen Autors Berkun Oya handelt von einem Einbruch, der vier Schicksale erst aufeinander und anschließend auseinander prallen lässt. Ein modernes Istanbuler Paar kommt nach Hause und muss feststellen, dass die Wohnung aufgebrochen wurde. Zum Glück scheint aber nur der Fotoapparat verschwunden zu sein. Plötzlich taucht Einbrecher Ali auf – und bringt seine Freundin gleich mit. In der Hoffnung auf Freiheit ist das Mädchen ihrem religiösen Elternhaus und der Enge des Landlebens entflohen und hat sich für die Liebe zu ihrem Jugendfreund entschieden. Als Ali das andere Paar mit einem Messer bedroht und die Herausgabe des verschwundenen Foto-

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apparates fordert, stellt sich die Frage, wer hier eigentlich wem was weggenommen hat oder besser, wer was vermisst. Berkun Oya lässt in diesem Drama an einem Abend in einer Wohnung in Istanbul zwei sehr unterschiedliche Beziehungsgeschichten und Lebensentwürfe einander kreuzen und hinterfragt die Ideale der Liebe und ihre Moral ein „gesellschaftlicher Diskurs, wie er auch in Deutschland geführt wird“, wie Jurymitglied Felicia Zeller in ihrer Laudatio auf diese „abgefuckte Komödie und emotional aufgeladene Alltagskomödie“ befand. Den Innovationspreis erhielt der 23jährige Deutsch-Koreaner Bonn Park aus Berlin mit seinem Debüt „Die Leiden des jungen SuperMario in 2D“. Das Stück ist der Versuch, die Eindimensionalität von Super-Mario mit den klassischen Themen der Literatur; Liebe, Eifersucht, Versagensangst, Identitätssuche und Handlungsfreiheit zu verschmelzen. Der „Zigeuner-Boxer“, ein Stück von Rike Reiniger, erhielt den Publikumspreis. Nähere Informationen hierzu finden sich in diesem Jahresbericht unter „Völkerverständigung“.

Der Europäische Autorenpreis ging an „Die Spur“ von Ahmet Sami Özbudak. Eine Wohnung in einem alten Istanbuler Haus verbindet die Geschichten von fünf Menschen über die letzten sechzig Jahre hinweg. Die Zeitebenen verschwimmen in den Geschichten von Ausgrenzung und Verfolgung, die Chronologie der Ereignisse wird scheinbar aufgehoben, während man immer tiefer in die Vergangenheit der Bewohner eindringt. Özbudak verzichtet auf Hysterie oder tragisches Hasten und entfaltet das Drama, das zum Teil auf realen Schicksalen basiert, mit ruhiger Hand. Er zeichnet ein dichtes und bewegendes Gesellschaftsbild, das sich in der szenischen Einrichtung von Gernot Grünewald, die beinahe schon einem LiveHörspiel gleichkommt, zum eigenen Vorteil weit weg von der Geschichtsstundenschwere der gedruckten Vorlage bewegt. Das Stück verbindet „große Geschichte und individuelles Handeln in Szenen , die für politisches


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Theater im besten Sinne stehen“, so die Laudatio von Stephan Roppel, Intendant des Züricher Theaters an der Winkelwiese, der mit Heidelbergs Schauspielchef Jan Linders die Jury komplettierte. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung spendet den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes. Andreas Jüttner, CSL

Heidelberger Vorträge zur Kulturtheorie Mit dem Thema „Jüdische Überlieferung – deutsche Kultur. Gelingen und Scheitern einer Wechselbeziehung“ beschäftigt sich eine Vorlesungs- und Dialogreihe, die im Wintersemester 2011/2012 an der Universität Heidelberg stattfindet. Veranstaltet wird sie von Prof. Dr. Dieter Borchmeyer, Germanist an der Ruperto Carola und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. In Vorträgen von Prof. Borchmeyer und geladenen Wissenschaftlern sowie in Podiumsgesprächen, einer Lesung und einem Gesprächskonzert (ein Konzert, bei dem erklärt wird, was hinter den Tönen steckt, welche Wirkung erzielt werden soll) mit prominenten Künstlern werden verschiedene Aspekte des Themas beleuchtet. Zum Veranstaltungsprogramm gehört auch ein Schönberg-Symposium (Schönberg war ein Komponist von 1874 bis 1951). Die Veranstaltungsreihe ist Teil der von der Manfred Lautenschläger-Stiftung initiierten „Heidelberger Vorträge zur Kulturtheorie“. Den Auftakt machte am 6. Dezember ein Vortrag von Prof. Borchmeyer zum Thema „Jüdische Emanzipation und deutsche Bildung – Ideal und Realität einer Beziehung“.

Identitätsprisma in der Musik“. Zu Gast war auch der Schriftsteller Martin Walser. In einer Lesung und einem Podiumsgespräch am 25. Januar 2012 wird er über den jüdischen Anteil an der deutschen Geschichte sprechen und „eine Summe seiner so häufig angegriffenen Einsichten zu diesem Thema ziehen“, wie Prof. Borchmeyer erklärt. Am Tag zuvor, am 24. Januar, befasst sich die Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Kultur als Vorhof der Hölle“ mit dem Konzentrationslager Theresienstadt. In dem „Vorzeigelager“ der Nationalsozialisten entstanden poetische und musikalische Werke, die in Tonbeispielen zu hören sind. Weitere Vortragsthemen sind unter anderen „Die literarische Gestalt des Juden von Lessing bis Stifter“ sowie Bibelüber-setzungen von Moses Mendelssohn und Martin Buber. An der Vortragsreihe beteiligen sich auch Wissenschaftler der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

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Darüber hinaus...

…unterstützte die Manfred LautenschlägerStiftung den Freundeskreis Kurpfälzisches Museum, Sicheres Heidelberg (Gewaltlos glücklich), den Erzählwettbewerb der JuliusSpringer-Schule, die Karpow Schachakademie, ein Fahrzeug für das THW und das Intendanzbuch Heidelberg Sehnsucht 05/11.

„Wir wollen die wechselseitige und so fruchtbare wie auch furchtbare Beziehung der deutsch-jüdischen Kultur an verschiedenen Beispielen aufzeigen“, erklärt Prof. Borchmeyer. So widmete sich ein Gesprächskonzert, dem Thema „Jüdisch-deutsches

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"Als Unternehmer begreife ich große Begabungen als ein Versprechen. Ich möchte helfen, dieses Versprechen einzulösen." Dr. h. c. Manfred Lautenschläger


PREISE Lautenschläger-Forschungspreis

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Lautenschläger-Preis für Alkoholforschung ESBRA

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Innovationspreis der Metropolregion

Stanislaw Kutrzeba-Preis für europäische Menschenrechte Willibald-Kramm-Preis

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PREISE

LautenschlägerForschungspreis Der Lautenschläger-Forschungspreis wird alle zwei Jahre für Leistungen der Spitzenforschung vergeben. Die Auszeichnung wendet sich an Wissenschaftler der Universität Heidelberg sowie an Forscher aus dem Ausland, die der Ruperto Carola durch Wissenschaftskooperationen in besonderer Weise verbunden sind. Manfred Lautenschläger hat den Preis 2001 ins Leben gerufen, um herausragende, im Erkenntnisprozess aktive Forscherinnen und Forscher zu fördern. Ein interdisziplinär zusammengesetztes Kuratorium weltweit vernetzter Wissenschaftler entscheidet über die Auswahl der Preisträger, die aus allen Disziplinen für den Lautenschläger-Forschungspreis nominiert werden können. Den mit 250.000 Euro dotierten Lautenschläger-Forschungspreis erhielt 2011 Prof. Dr. Joachim Wittbrodt, Entwicklungsbiologe an der Universität Heidelberg. Ausgezeichnet wurde damit ein „weltweit herausragender Forscher mit wissenschaftlicher Exzellenz und Originalität“, betonte Manfred Lautenschläger.

Preisübergabe, Manfred Lautenschläger-Forschungspreis

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In seinen Arbeiten befasst sich Prof. Wittbrodt mit der Entwicklung der Augen bei Wirbeltieren und der Funktion von Stammzellen.

Alte Aula, Manfred Lautenschläger-Forschungspreis

Joachim Wittbrodt (Jahrgang 1961) studierte Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und wechselte nach seiner Promotion am Genzentrum in München an das Biozentrum der Universität Basel. Als Nachwuchsgruppenleiter am Max-PlanckInstitut für biophysikalische Chemie in Göttingen entwickelte er zwischen 1995 und 1998 molekulare und zellbiologische Werkzeuge, die anschließend zu spektakulären Arbeiten am European Molecular Biology Laboratory (EMBL) führten. Nach seiner Habilitation an der Technischen Universität Braunschweig war Joachim Wittbrodt von 1999 an am EMBL tätig. Seit 2007 forscht er in Heidelberg und Karlsruhe. Am Karlsruher Institut für Technologie ist er Direktor des Instituts für Toxikologie und Genetik; an der Ruperto Carola übernahm er eine Professur am Institut für Zoologie, das im Jahr 2010 im neu etablierten Centre for Organismal Studies (COS) mit Prof. Wittbrodt als Gründungsdirektor aufgegangen ist. Joachim Wittbrodt ist Sprecher des Heidelberger Sonderforschungsbereichs „Molekulare und zelluläre Grundlagen neuraler Entwicklungsprozesse“; er ist Mitglied des Interdisziplinären Zentrums für Neurowissenschaften und forscht am Exzellenzcluster „CellNetworks“ der Ruperto Carola.


PREISE

In seinen Forschungsarbeiten kombiniert Prof. Wittbrodt Fragestellungen, die von der frühen Embryonalentwicklung bis zur Regeneration von Augenstrukturen reichen. An dem Modell-Organismus des MedakaFisches hat der Wissenschaftler zentrale Gene der Augenentstehung identifiziert. Dabei entdeckte Prof. Wittbrodt, dass Zellen im Embryo früh zur Augenbildung programmiert werden und an den Ort ihrer Differenzierung wandern. Seine Forschungsergebnisse zur Entstehung von Organen belegen die Bedeutung wandernder Stammzellen. Für die Untersuchungen an lebenden Zellen verbindet Prof. Wittbrodt neue technologische Entwicklungen mit dem Wissen aus verschiedenen Gebieten der Zell- und Entwicklungsbiologie, der Molekularbiologie, der Genomik und der Modellierung zu neuen, zukunftsweisenden Konzepten der systemischen Biologie. Der Wissenschaftler hat für seine Arbeiten bereits in der Vergangenheit namhafte Preise und Ehrungen erhalten.

Dr. h. c. Manfred Lautenschläger

Anlässlich seines zehnjährigen Bestehens nimmt der Lautenschläger-Forschungspreis in diesem Jahresbericht eine prominente Stelle ein. Unter „Was wurde aus“ findet sich

eine Übersicht der bisherigen Preisträger, sowie die diesjährige Rede von Manfred Lautenschläger.

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Innovationspreis der Metropolregion Zum fünften Mal wurde der mit 25.000 Euro dotierte Preis an ein Forscherteam vergeben. In die Runde der letzten drei Anwärter schafften es zwei Projekte aus dem Bereich Medizintechnik und eines aus der Materialforschung. Für seine Spontanität bekannt, überraschte Manfred Lautenschläger die Nominierten, indem er das Preisgeld auf insgesamt 45.000 Euro aufstockte. Die Preisträger der zwei Hauptpreise über jeweils 20.000 Euro waren der Radiologe Prof. Dr. Frederik Wenz mit seiner intraoperativen Strahlentherapie und die Ingenieure Stefan König und Dr. Holger Schock-Kusch für ihre Entwicklung des Schlauen Pflasters. Den mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis erhielten der Chemieingenieur Dr. Jan Eubeler und sein Kollege Dr. Holger Eggers für die Innovative Silo-Folie für die Landwirtschaft. Brustkrebs ist bei Frauen die am häufigsten vorkommende Krebsart. Übersteht die Patientin die Operation und kann die Brust erhalten bleiben, ist noch nicht alles vorbei – anschließend müssen die Frauen noch eine sechs- bis achtwöchige Strahlentherapie ertragen, um die eventuell noch vorhandenen Tumorreste zu vernichten. Die von Prof. Dr. Wenz zusammen mit der Carl Zeiss Meditec im Jahr 2002 entwickelte Strahlentherapie mit INTRABEAM ist eine einmalige, direkt nach der Operation erfolgende Bestrahlung, während der die Frauen sich noch unter Narkose befinden.

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PREISE

Ein kugelförmiger Strahlenkopf wird hierfür in die Operationswunde gesetzt und das umliegende Gewebe etwa dreißig Minuten mit schwacher Röntgenstrahlung behandelt. Inzwischen sind weltweit über 100 INTRABEAM-Geräte im Einsatz. Neben der Verbesserung der Situation für die Patientinnen ist die Behandlung mit dem INTRABEAM zudem günstiger. Die Geräte sind günstiger als die bisherigen Linearbeschleuniger und benötigen zudem nicht den Bau von strahlengeschützten Räumen. Derzeit gibt es Ansätze, dieses Gerät auch bei schmerzhaften, instabilen Wirbelsäulenmetastasen einzusetzen. In einer Pilotstudie wurden bereits vielversprechende Ergebnisse erzielt. Niereninsuffizienz ist weltweit ein großes Thema – und gerade in Zeiten von einer immer älter werdenden Gesellschaft, die noch dazu auch bedingt durch ein steigendes Vorkommen von Übergewicht immer häufiger an Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und anderen organischen Fehlfunktionen leidet, wird die Niere immer häufiger geschädigt. Die bisherigen Methoden zur Untersuchung der Nierenfunktion sind meist die Abnahme von Blut oder Urin nach Gabe einer Substanz in den Blutkreislauf. Untersucht wird hierbei die Menge der ausgeschiedenen Marker. Auch das neu entwickelte Verfahren basiert auf der Abgabe eines Markers, allerdings ohne Blut- oder Urinabnahme. Es wird ein unbedenklicher fluoreszierender Marker injiziert, der sich gleichmäßig im Körper ausbreitet. Das auf der Haut angebrachte „Schlaue Pflaster“ sendet nun über eine Leuchtdiode ein Lichtsignal durch die Haut. Je stärker die optische Rückmeldung der Substanz, desto weniger Kontrollsubstanz wurde ausgeschieden. Parallel wird eine graphische Darstellung der Organfunktion abgebildet. Das „Schlaue Pflaster“ ist als Plattformtechnologie konzipiert, was bedeutet, dass mit

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Anpassung der Markersubstanz auch andere Organe auf ihre Funktion getestet werden können. Die Innovation besteht darin, dass der Patient keine meist mehrfache Entnahme von Urin oder Blut über sich ergehen lassen muss. Genauso entfallen die Mehrfachkonsultationen des Arztes, aufwendige Laboruntersuchungen der Funde, wie auch die damit einhergehenden Wartezeiten. Zudem verspricht man sich aufgrund der beliebigen Dichte an Messpunkten eine hohe Genauigkeit der Messungen. Futterverlust durch Schimmelbildung und ähnliche Ursachen ist schmerzhaft für die Landwirtschaft. Um dieses Problem zu verhindern, arbeitet der Sektor schon seit geraumer Zeit mit dem Verfahren der Silierung, eine Konservierungstechnik, bei der unter Einsatz verschiedener Folien eine Milchsäurevergärung eingeleitet wird. Die „POLYDRESS O2 Barrier 2in1“ ist eine Folienkombination, die wesentliche Vorteile gegenüber der bisherigen Silageabdeckungen bietet. Ein geringerer Materialeinsatz, ein niedrigerer Energiebedarf, sowie ein verringerter Arbeits- und Logistikaufwand zählen genauso zu den Vorteilen dieser neuen Technik wie auch die Abnahme des Rollengewichtes, der Abfall und Entsorgungskosten – zentral ist jedoch der erwartete niedrigere Futterverlust.

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Lautenschläger-Preis für Alkoholforschung ESBRA Im Rahmen des 13. Europäischen Alkoholforschungskongresses in Wien, an dem 400 Wissenschaftler aus 35 Ländern teilnahmen, um die neuesten Erkenntnisse der Alkoholforschung zu diskutieren, wurde zum dritten Mal der „Lautenschlägerpreis-Preis für Europäische Alkoholforschung“ vergeben. Preisträgerin 2011 für den mit 25.000 Euro dotierten Preis ist die Wissenschaftlerin


PREISE

Consuelo Guerri aus Valencia. Die Spanierin untersucht die Alkoholauswirkungen auf das Kind im Mutterleib. Consuelo Guerri arbeitet am Prince Felipe Research Centre (CIPF) und ist dort eine der führenden Wissenschaftlerinnen des Labors für Zellularpathologie, das sich der Auswirkungen von Alkoholkonsum auf die Gehirnentwicklung widmet. Genauer wird untersucht, inwiefern sich der Missbrauch von Alkohol auf das Absterben von Neuronen, Neurodegeneration und das fetales Alkoholsyndrom (FAS) auswirkt. Neben anderen Errungenschaften gelang es Guerri, die Auslösemechanismen des FAS sowie die Auswirkungen von exzessivem Trinken auf molekularer und zellulärer Ebene und das Neuronensterben in der Adoleszenz zu identifizieren. Eine ihrer aktuellsten Ergebnisse belegen, dass Alkoholkonsum das Immunsystem im Gehirn aktiviert und damit die Neurodegeneration und die Neuroinflammation unterstützten.

abzielte, die polnische Führungselite zu eliminieren. Stanislaw Kutrzeba verstarb 1946 im Konzentrationslager. Nach Herrn Wojciech Burek, dem ersten Preisträger, haben sich in der Folge immer Frauen bei der Preisvergabe durchgesetzt. Nach Frau Patrycja Pogodzinska, Frau Agata Helena Skora und Frau Marta Prucnal folgt nun als 5. Preisträgerin Frau Maria Stozèk. Sie wurde aus einer Vielzahl von Bewerbungen ausgewählt und wird durch das Preisgeld in die Lage versetzt, für ein Jahr stipendienfinanziert am MPI zu forschen. Da für die Preisvergabe allein die wissenschaftliche Reputation ausschlaggebend ist, ist es besonders bemerkenswert, dass überdurchschnittlich vielen Frauen das Stipendium zuerkannt wurde. Dies entspricht dem Ziel der Universität und der Manfred Lautenschläger-Stiftung, die Förderung von Frauen in der Forschung zu verstärken.

CSL

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Stanislaw Kutrzeba-Preis für europäische Menschenrechte Die Manfred Lautenschläger-Stiftung finanziert den mit 12.500 Euro dotierten Stanislaw Kutrzeba-Preis für Europäische Menschenrechte, der jährlich von der Universität Heidelberg und dem Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht vergeben wird. Der Preis soll dem Träger ein Forschungsjahr in Heidelberg sowie einen einwöchigen Aufenthalt am Europäischen Menschenrechts-Gerichtshof in Strassburg ermöglichen. Der Stanislaw Kutrzeba-Preis erinnert an die Verschleppung des Krakauer Rechtshistoriker Stanislaw Kutrzeba, der am 6. November 1939 zusammen mit weiteren Professoren und Assistenten der Jagiellonen-Universität Krakau Opfer der nationalsozialistischen „Sonderaktion Krakau“ wurde, die darauf

Willibald-Kramm-Preis 2011 wurde der Willibald-Kramm-Preis zum 40. mal verliehen. Der Preisträger, Paul M. Kästner, legt seine Schwerpunkte auf Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Performance, Installation und Schreiben über performative Kunstdidaktik. Paul Kästner stellte seine Malereien und Collagen unter dem Namen „Ich kann mein Pferd nicht zügeln“ aus. Die Ausstellung dauerte vom 2.10. bis zum 1.12.2011, Dr. Reimar Stielow, ein Freund des Künstlers, übernahm die Einführung. Paul M. Kästner wurde vom Kuratorium der Willibald-Kramm-Preis-Stiftung auf Vorschlag des damaligen Vorsitzenden Dr. Karl Korz einstimmig gewählt. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung stiftet das Preisgeld des Willibald-Kramm-Preises.

Jürgen Dernbach, CSL

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WAS WURDE AUS… Erfolge ehemaliger Projektpartner und Preisträger Diese Rubrik möchte beispielhaft über Erfolge ehemaliger Projektpartner oder Preisträger der Stiftung berichten - es besteht nicht der Anspruch, alle Erfolgsgeschichten zu erfassen.


WAS WURDE AUS… Am Anfang von Raum und Zeit - Johanna Stachel ergründet die ersten MillionstelSekunden des Universums (2001)

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Die Eigenkraft der Bilder - Tonio Hölscher erforscht Bedeutung und Wirkung antiker Denkmäler 2005

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Archäologische Spurensuche im Universum Eva Grebel rekonstruiert die Geschichte der Galaxien (2009)

S. 82

Auf Leben und Tod - Peter Krammer erforscht die Schalter des programmierten Zellwachstums (2003)

S. 74

Baupläne unter dem Mikroskop - Matthias Hentze und Andreas Kulozik verbinden Molekularbiologie mit medizinischer Praxis (2007)

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Laudatio vom Stifter auf den Preisträger von 2011

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WAS WURDE AUS...

Titel „Doppelhelix“. Darin schildert der amerikanische Biochemiker James D. Watson seine wissenschaftliche Jagd nach der Struktur der DNS, für deren Entdeckung er den Nobelpreis erhielt. Johanna Stachel ließ sich von Watsons Begeisterung anstecken: „Ich hatte das Gefühl, das ist genau das, was ich machen möchte.“ Nach dem Abitur entschied sie sich daher für ein Chemie-Studium in Mainz.

Prof. Dr. Johanna Stachel

Am Anfang von Raum und Zeit - Johanna Stachel ergründet die ersten Millionstel-Sekunden des Universums (2001) Alles begann mit dem Urknall und dem plötzlichen Freisetzen gewaltiger Energie. Im Bruchteil einer Sekunde bildete sich ein Plasma, aus dem – immer noch in den ersten Millionstel-Sekunden des Universums – die Elementarteilchen der Physik hervorgingen. Das sogenannte Quark-Gluon-Plasma bezeichnen manche Wissenschaftler deshalb gerne als Ursuppe der Materie. Professorin Johanna Stachel vom Physikalischen Institut der Universität Heidelberg hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen rätselhaften Zustand am Anfang von Raum und Zeit zu erforschen. Dabei wollte die 1954 in München geborene Wissenschaftlerin in der Schule von Physik wenig wissen. „Ich habe mich sogar geweigert, Physikbücher zu kaufen“, sagt Johanna Stachel in ihrem leichten Bayrisch und lacht – vermutlich immer noch erstaunt über ihr damaliges Desinteresse an der Disziplin. Stattdessen entdeckte sie eines Tages ein Buch mit dem

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Ein Jahr vor ihrem Diplom ging Johanna Stachel an die ETH Zürich, wo sie sich unter anderem mit Kernresonanzspektroskopie beschäftigte und erstmals Gefallen an Physik fand. Daraufhin wagte sie den Wechsel – sie promovierte ausgerechnet in dem einst wenig geliebten Fach. Mit einem Feodor-Lynen Stipendium der Alexander von HumboldtStiftung zog es sie im Anschluss an das Nuclear Structure Laboratory der State University of New York at Stony Brook. Eigentlich wollte sie in die Vereinigten Staaten, weil sie glaubte, die Karriere erfordere diesen Schritt. Doch Johanna Stachel war so beeindruckt von den Freiheiten, die sie hier als junge Forscherin genoss, dass sie blieb. Innerhalb weniger Jahre gelang es ihr, sich an ihrem New Yorker Institut von einer wissenschaftlichen Assistentin zu einer renommierten Physikprofessorin zu etablieren. Grund für Johanna Stachels Rückkehr nach Deutschland war der Bau eines neuen Teilchenbeschleunigers, des Large Hadron Collider (LHC), am Genfer Forschungszentrum CERN. Der LHC eröffnete ihr völlig neue Möglichkeiten bei der Erforschung des hochenergetischen Quark-Gluon-Plasmas. 1996 folgte die Physikerin einem Ruf an die Universität Heidelberg, die intensive Kontakte zum CERN unterhält. Hier wurde ihr ein Umfeld geboten, das sich auf ähnlichem Weltspitzen-Niveau bewegte wie Stony Brooks – die New Yorker Universität gehörte damals in den USA zu den „Top Ten“ im Fach Physik. Am neuen Teilchenbeschleuniger im CERN sollte Johanna


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Stachel den deutschen Beitrag zu ALICE auf die Beine stellen – ein Projekt, mit dem sie sich die letzten 14 Jahre über beschäftigt hat. ALICE steht für „A Large Ion Collider Experiment“ und ist eines der ganz großen Experimente am LHC: 1.000 Wissenschaftler aus der ganzen Welt sind beteiligt, 100 davon aus Deutschland. Ziel der Forscher ist es, einen Materiezustand zu reproduzieren, der dem ursprünglichen Quark-Gluon-Plasma ähnelt, einer extrem winzigen und heißen Masse, die nur für den Bruchteil einer Sekunde existiert hat. Um diese Materie im Labor zu reproduzieren, bedarf es großer Energiemengen auf sehr kleinem Raum – erzeugt etwa durch die Kollision zweier Atomkerne nach extrem starker Beschleunigung. Die Kerne treffen sich frontal, durchdringen einander und hinterlassen im Zentrum eine Region mit riesiger Energiedichte. Der LHC ist für dieses Experiment perfekt geeignet, da er wesentlich mehr Energie produzieren kann als ältere Beschleuniger. Johanna Stachels Team hat für ALICE zusammen mit anderen deutschen und internationalen Gruppen mehrere Detektoren entwickelt. Einer davon ist auf einem Foto im Büro der Physikerin zu sehen: Zwei Forscher spazieren in dem Detektor herum – ein Gebilde, das an das Innere eines Raumschiffs erinnert. Mittlerweile ist ein Aufenthalt im Inneren des Detektors nicht mehr möglich. In dem mit Gas gefüllten Raum finden jeden Tag Millionen von Atomkernkollisionen statt, bei denen Quark-Gluon-Plasma entsteht, wie es kurz nach dem Urknall – natürlich in wesentlich größerem Umfang – auch existierte. Das Plasma kristallisiert innerhalb des Bruchteils einer Sekunde aus und hinterlässt jedes Mal einige zehntausend Teilchen. Anhand von Häufigkeit und Impulsverteilung dieser Teilchen untersuchen die Physiker Eigenschaften des kurzlebigen Materiezustands wie Schallgeschwindigkeit, Wärmeleitfähigkeit und Wärmekapazität. So können sie Rückschlüsse darauf ziehen, was im Inneren des Quark-Gluon-Plasmas passiert ist.

„Beispielsweise können wir aus diesen Daten die Expansion und Abkühlung des Plasmas ableiten“, sagt Johanna Stachel. Eine Auswertungssoftware zeichnet aus den Daten ein dreidimensionales Bild: Farbige Linien, die sich von einem zentralen Punkt nach allen Richtungen ausbreiten, veranschaulichen die räumliche und energetische Verteilung der beobachteten Teilchen. Das Forschungsprojekt ALICE bietet großes Potenzial für die Wissenschaftler: „Eine Proton-Proton-Kollision bei einer solchen Energiemenge gab es nie zuvor“, so Johanna Stachel. Schon die ersten Daten waren überraschend: Die Forscher maßen die Teilchenemissionen bei Kollisionen, die nur mit der Hälfte der endgültigen LHC-Energie durchgeführt wurden – und entdeckten 30 Prozent mehr Teilchen, als die physikalischen Modelle vorausgesagt hatten. Zehn Jahre wird Johanna Stachel wohl mindestens noch an ALICE arbeiten. Die anfallenden Daten – die LHC-Detektoren produzieren etwa ein Gigabyte Daten pro Sekunde – beschäftigen die Forschung vermutlich noch viel länger. Zehn Jahre – so lange ist es auch her, dass der Lautenschläger-Preis erstmals vergeben wurde. Johanna Stachel hieß damals die Preisträgerin. Als sie davon erfuhr, überraschte sie das noch mehr als alle Ergebnisse, die der LHC bisher geliefert hat. „Ich wusste nicht einmal, dass ich vorgeschlagen worden war.“ Der Stifter des Preises, Manfred Lautenschläger, habe sie angerufen und erklärt, er würde gerne vorbeikommen – es gehe um etwas Gutes.

„Er kam mit einem Blumenstrauß in mein Büro, und ich fiel aus allen Wolken“, erinnert sich die Physikerin. Ein besonderes, fast astronomisches Ereignis bei einer Wissenschaftlerin, die ein Journalist einmal mit den Worten „Pragmatismus Pur“ beschrieben hat.

Boris Hänßler

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wesentlich zu dieser Erkenntnis beigetragen hat, forscht am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg: Professor Dr. Peter Krammer, Leiter der Abteilung Immungenetik. Seit fast 30 Jahren setzt er sich mit diesem Thema auseinander und hat dabei bahnbrechende Entdeckungen gemacht. Unter anderem fand er heraus, auf welchen Wegen Zellen das Signal zum Selbstmord übertragen. Krammer korrigierte damit die verbreitete These, dass Krebs ausschließlich durch entartetes Zellwachstum entstehe.

Professor Dr. Peter Krammer

Auf Leben und Tod Peter Krammer erforscht die Schalter des programmierten Zellwachstums (2003) Bis etwa zur zehnten Schwangerschaftswoche haben menschliche Embryonen Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen. Die Zellen, die dieses Gewebe bilden, erhalten irgendwann den Befehl zu sterben – ein Mechanismus, den Wissenschaftler als programmierten Zelltod bezeichnen. Auch bei Erwachsenen spielt der Zelltod eine wichtige Rolle: Er beseitigt defekte Zellen. Bei schwerwiegenden Erkrankungen wie Krebs, Alzheimer oder HIV/AIDS versagt der Mechanismus jedoch, die Zellen sterben und wachsen unkontrolliert. Heute weiß man, wie die molekularen Vorgänge des Zelltods funktionieren. Einer, der

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Für seine Arbeiten hat er mehr als ein Dutzend wissenschaftliche Auszeichnungen erhalten, 2005 den Lautenschläger-Forschungspreis. Dabei hätte die Wissenschaft fast auf Krammers Beiträge verzichten müssen. „Nach dem Abitur schwankte ich zwischen dem Medizinstudium und einer Karriere am Theater oder als Journalist“, erinnert sich der 1946 geborene Immunologe. „Ich stand oft auf der Bühne und gab eine Schülerzeitung für die Gymnasien meiner Stadt heraus.“ Am Ende überzeugte ihn die Medizin, doch seiner Leidenschaft für Theater und Literatur lieb er treu. „Theater ist noch immer so etwas wie mein zweites Leben“, bekennt er. Und nach wie vor sei er ein geradezu zwanghafter Leser. Aufgewachsen ist Peter Krammer in Rheydt, Mönchengladbach. Sein Vater war Ingenieur, seine Mutter musste als Jüdin die Nazi-Zeit im Untergrund überstehen. Der junge Peter war ehrgeizig: In seiner Rede im Rahmen der Lautenschläger-Preisverleihung wird er später erklären, als Wissenschaftler müsse man „nach den Sternen greifen“. Das gilt insbesondere für ihn selbst. „Ich glaubte schon immer, dass man sich für die großen Zusammenhänge interessieren und große Themen angehen muss – selbst wenn man dabei auf die Nase fallen kann.“ Es gebe zu viele, die das betreiben, was er scherzhaft Beckenbauer-Forschung nennt – Forschen ohne Hypothese nach dem Motto: „Schau’n mer mal, was rauskommt.“


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Nach dem Medizinstudium richtete Krammer seinen Blick entschlossen nach Basel, zu einem der weltbesten Institute für Immunologie. Er wurde Mitarbeiter am Institut des dänischen Immunologen und Nobelpreisträgers Niels Jerne. Nach einem Aufenthalt am Freiburger Max-Planck- Institut für Immunologie wechselte Krammer 1976 zum Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) nach Heidelberg. Hier begann seine langwierige Beschäftigung mit der Apoptose, dem programmierten Zelltod. Die Apoptose – griechisch für das Fallen der Blätte im Herbst – ist ein streng kontrollierter Prozess. Die Zelle schrumpft, sie wird in kleine Pakete zerlegt, die dann von Makrophagen, den Fresszellen, vernichtet werden. Entzündungen entstehen nicht. Man kann sich diese Vorgänge plastisch vorstellen, wenn Peter Krammer sie beschreibt. Er redet von Killerzellen, die Tumorzellen mit Giftpfeilen beschießen, von Zellen, die sich auffressen, Selbstmord begehen oder mit Lenkwaffen attackiert werden müssten. Er erklärt gerne seine Arbeit, vielleicht hilft ihm seine Leidenschaft für das Theater, sein Interesse am Journalismus oder einfach die angeborene rheinische Mentalität – vielleicht musste er auch seinen beiden Kindern früher oft genug Fragen beantworten. „Eine der größten Herausforderungen für mich war es, in einer Kindernachrichtensendung meine Forschungsarbeit in 30 Sekunden zu erklären.“

Vermutlich berichtete Krammer dort, wie wichtig die Erforschung der Apoptose ist. Der programmierte Zelltod sorgt dafür, dass schädliche und entartete Zellen absterben. Bei einem Tumor ist dieser Mechanismus in zweifacher Hinsicht gestört: Die entarteten Zellen erhalten keinen Selbstmordbefehl mehr, stattdessen vermehren sie sich. Warum das geschieht – das herauszufinden, ist für Peter Krammer eine Art Lebensaufgabe. „Wir hatten in den 1980er Jahren bereits die Idee, dass Zellen sich selbst stimulieren und Wachstumshormone produ-

zieren“, so der Immunologe. „Wir glaubten, wenn es uns gelänge, die Rezeptoren für diese Hormone bei bösartigen Zellen auszumachen und zu blockieren, könnten wir das Wachstum stoppen.“ Der Ansatz war richtig. Nach fünf Jahren mühsamer Laborarbeit gelang es Krammers Team, einen der Schalter zu finden, der Apoptose auslöst, das Protein CD95. Dieser Rezeptor kann schnelles Wachstum signalisieren und die Ausbreitung von Krebszellen vorantreiben. „Die Entscheidung, ob eine Zelle in den Tod geht oder sich vermehrt, findet also schon auf Rezeptor-Signal-Ebene statt“, sagt Krammer. Eine revolutionäre Entdeckung. Krebsforscher arbeiten nun an der Frage, wie sich Tumorzellen gezielt in den Tod treiben lassen. Kein einfacher Weg: So hat ein Tumor mit dem Gewicht von etwa einem Kilogramm schätzungsweise eine Billion Zellen und nicht in allen liegt die gleiche Störung vor. „Wir müssen das komplexe Signalgestrüpp der Zelle noch besser verstehen“, so Krammer. Das würde die Suche nach Molekülen erleichtern, die den Prozess der Selbstzerstörung beeinflussen. Erste Erfolge gibt es schon: Krammers Team konstruierte ein Protein, das den Signalweg von CD95 blockieren und Immunabwehrreaktion bei Transplantationen verhindern soll. Peter Krammers Forschung hat großes Potenzial: Denn Apoptose spielt bei vielen Erkrankungen eine zentrale Rolle. Bei dem HI-Virus etwa löst die Apoptose ein Massensterben aus, das erstaunlicherweise sowohl infizierte wie nichtinfizierte Zellen zerstört. Infektionen, die Menschen normalerweise abwehren können, werden lebensbedrohend. Seit etwa 20 Jahren versucht Krammers Team auch hinter diese Mechanismen bei HIV/ AIDS zu kommen. Und erneut steht es vor einer Entdeckung: Noch spricht der Immunologe vorsichtig über neue Ergebnisse, die die Forscherwelt überraschen dürften. Zutrauen würde man Peter Krammer aber durchaus weitere wichtige Entdeckungen.

Boris Hänßler

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gewordenen Zeugnisse von Macht und Herrschaft, und auf der anderen Seite von politischer und gesellschaftlicher Übereinkunft. Tonio Hölscher: „Die Durchsetzung von Bildwerken im öffentlichen Raum zwingt immer entweder zu Konsens oder in den Konflikt. Damit entfalten diese Werke gleichzeitig eine ungeheure Eigenkraft, indem sie auf die politischen Praktiken fokussieren, die in der Konstituierung eines Denkmals wirksam werden.“

Professor Dr. Tonio Hölscher

Die Eigenkraft der Bilder Tonio Hölscher erforscht Bedeutung und Wirkung antiker Denkmäler 2005 „Wir denken Geschichte in den Kategorien von Veränderung und Umbruch. Deshalb sagt uns der Umgang mit den Symbolen, mit den Bildwerken und Abbildungen, den Denkmälern der Macht so vieles über die Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung von Gesellschaften.“ Wenn Tonio Hölscher, emeritierter Professor für Klassische Archäologie an der Universität Heidelberg, über seinen Erkenntnisgegenstand spricht, werden nicht nur die antiken, eben die „klassischen“ Denkmäler und die mit ihnen untrennbar verbundenen Konflikte um Krieg und Frieden, Tyrannei und Demokratie lebendig. Auch aktuelle Ereignisse wie der Bildersturm radikal-islamistischer Gruppen oder der Umsturz der Statue von Saddam Hussein durch amerikanische Soldaten in Bagdad tauchen vor dem inneren Auge auf. Sie belegen die ungebrochene Relevanz der Bild oder Stein

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Tonio Hölscher faszinieren seit seiner frühen Studienzeit politische Monumente im öffentlichen Raum als identitätsstiftende Symbole, was sicherlich auch Ausdruck seiner humanistischen Bildung und seiner intellektuellen Prägung sein mag. Als Spross einer Gelehrtenfamilie mit dem Urgroßvater Wilhelm und dem Großvater Gustav Hölscher, beide Theologen, dem Vater Uvo Hölscher, Philologe und Homerforscher, und seiner Mutter, der Goethe-Kennerin Dorothea Hölscher-Lohmeyer, war der Umgang mit Antike und Klassik gleichsam familiäres Erbgut. Tonio Hölscher begeistert sich dabei nicht nur für Schönheit, Größe und Erhabenheit: Ihn interessieren die politischen und gesellschaftlichen Funktionen der Bildkunst in verschiedenen Epochen, vor allem im archaischen und klassischen Griechenland, im Hellenismus, in Etrurien, in der Römischen Republik und der Kaiserzeit. Im klassischen Griechenland kamen den Bildwerken normative Eigenschaften zu. „Denkmäler mussten von der Volksversammlung beschlossen werden“, erklärt Hölscher. Dadurch erhielten sie den Charakter einer politischen Manifestation und stabilisierten Herrschaft: Wer gegen politische Machthaber aufbegehren wollte, musste zunächst deren Denkmäler stürzen. Tonio Hölscher betrachtet sich als Grenzgänger – seine Arbeit ist ein Brückenschlag zwischen Archäologie und Kunstgeschichte, politischer und Sozialgeschichte, Literaturund Religionswissenschaft, Philosophie und Medienforschung. So erhielt Hölscher den Lautenschläger-Forschungspreis nicht nur


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für die Förderung seiner archäologischen Forschung, sondern vor allem für die Weiterentwicklung seiner Methoden – er verbinde fruchtbar Fragestellungen all dieser Wissenschaften und eröffne der Archäologie damit neue Wege, hieß es in der Begründung für die Auszeichnung. Der Blick über die Grenzen der eigenen Disziplin führe ihm die Konturen der Epochen schärfer vor Augen, begründet Tonio Hölscher seinen Ansatz. Diese Erkenntnis ist unter den Altertumsforschern der Universität Heidelberg, an der er seit 1975 forscht und lehrt, unumstritten: „Lange bevor man bundesweit nach interdisziplinärer Forschung rief, haben wir schon so gearbeitet.“ In Heidelberg liegt das nahe: Weltweit bekannte Forscher wie der Althistoriker Géza Alföldy oder der Ägyptologe Jan Assmann arbeiteten praktisch Tür an Tür – auch Theologen, Kunsthistoriker, Philosophen und Orientalisten sind ständig miteinander im Gespräch. „Wir verstehen Altertumswissenschaften als Verbund“, bekräftigt der Wissenschaftler. Der Austausch inspiriere, fordere und fördere ihn – so sehr, dass er einen ehrenvollen Ruf der Columbia University in New York ablehnte. In seinen Ausführungen lässt Tonio Hölscher die Antike lebendig werden – wenn er spricht, sieht man die langen Reihen der Grabmäler vor sich, die außerhalb der Städte die Straßen säumten, und auch die Monumente auf den belebten Plätzen in der Mitte der Städte und Metropolen. Wie im antiken Athen verstand sich die römische Oberschicht als egalitär, die expansive Kriegspolitik forderte gleichzeitig jedoch ihre Helden und damit einen privilegierten Status für die erfolgreichen Heerführer: Konflikte waren unumgänglich.

„Wem es gelang, sein Denkmal in der Volksversammlung oder im Senat durchzusetzen, der demonstrierte öffentlich seine Macht, es gab regelrechte Denkmalkriege“, so Hölscher. Cäsar ließ sich ein Denkmal mit der Inschrift „dem Halbgott“ aufstellen – das gab soviel Widerspruch, dass er die Inschrift

einige Wochen später tilgen lassen musste. Denkmäler wurden aufgestellt, die des Gegners zerstört, Statuen wurden von Siegermächten in ihre Territorien entführt und nach deren Zerschlagung wiederum auf die Plätze der großen Städte zurückgebracht. Bilder standen mitten im Leben und wurden als Teil des öffentlichen Lebens wahrgenommen: Sie waren präsent und schufen Präsenz. Mit seinen vergleichenden Studien wendet sich Tonio Hölscher nicht zuletzt gegen vorherrschende Deutungen antiker Bildwerke, die in ihnen vor allem einen Ausdruck des künstlerischen Zeitstils sehen wollen. Mit seinem Essay „Römische Bildsprache als semantisches System“ wagte Tonio Hölscher eine neue Analyse: Er stellte die These auf, dass die Römer ihren Stil nicht zeitgenössischen Trends, sondern der Botschaft oder dem Thema unterwarfen und sich dabei durchaus der Formen vergangener Epochen bedienten. Sollte beispielsweise der Erhabenheit des Staates gehuldigt werden, nutzte man den griechisch-klassischen Stil. Mit diesem Ansatz gelang es Hölscher, die Rezeption der griechischen Kunst in der römischen Antike neu zu definieren. Insgesamt gibt es Tausende von erhaltenen und überlieferten Bildwerken aus den Epochen, die der Heidelberger Archäologe vorrangig untersucht. Bislang sind sie weitgehend noch nicht digital katalogisiert – Tonio Hölscher hat mit Mitteln aus dem Lautenschläger-Preis eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die genau das übernimmt: Sie baut eine Datenbank der römischen Staatsdenkmäler auf, die der internationalen Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden soll. Das eigentliche Ziel des Projekts ist jedoch wiederum nicht die Dokumentation, sondern die weitergehende Interpretation: Inhaltlich machen die Erfahrungen mit anderen Gesellschaften und Kulturen Möglichkeiten deutlich, „wie der Mensch auch sein könnte“. Fortsetzung »

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Tonio Hölscher: „Die einzige Möglichkeit, sich aus dem Gefängnis der Eigenbetrachtung zu lösen und von außen auf die eigene Welt zu schauen, ist der Blick in die Vergangenheit. Das hat Realitätscharakter, der weit über die Imagination hinausgeht.“ Methodisch will Tonio Hölscher zur Ausbildung von kritischer visueller Kultur beitragen, den kritischen Umgang mit Bildwerken und deren Wirkweisen fördern. Visuelle Prägung ist keine Erfindung unserer Gegenwart und der Welt, in der wir uns bewegen. Die antike Welt pflegte einen in hohem Maße bewussten Umgang mit Bildwerken und Abbildungen. Sie wurden mitten hinein gesetzt in das alltägliche, das religiöse, das politische Leben, auf die Märkte, in die Tempel, in Festveranstaltungen und Versammlungen. Bemalt, bekleidet, bekränzt, umtanzt, gefeiert, aber auch gestürzt und zerstört, vertreten diese materiellen Visualisierungen die wichtigen Ereignisse, die leitenden Personen und die Grundwerte der jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Gemeinschaft und fordern damit gleichzeitig auch für die Gegenwart dazu auf, öffentlichen Raum und letztlich gesellschaftliche Realität bewusst zu formen und zu gestalten.

Boris Hänßler

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Matthias Hentze und Andreas Kulozik untersuchen an bestimmten Krankheiten, wie das Kontrollsystem arbeitet und warum es manchmal nicht funktioniert. Für die Forschung ist das Wissenschaftlerduo ein Glücksfall: Matthias Hentze arbeitet am European Molecular Biology Laboratory (EMBL), einem der weltweit führenden Forschungszentren der Molekularbiologie. Andreas Kulozik ist Direktor der Klinik für Kinderonkologie und Kinderhämatologie an der Angelika Lautenschläger Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Heidelberg. Beide treibt seit vielen Jahren dasselbe Ziel an: Sie wollen die Erkenntnisse der Molekularbiologie direkt in die medizinische Praxis überführen.

Prof. Dr. Matthias Hentze und Prof. Dr. Andreas Kulozik

Baupläne unter dem Mikroskop - Matthias Hentze und Andreas Kulozik verbinden Molekularbiologie mit medizinischer Praxis (2007) Damit wir Menschen aussehen und funktionieren, wie wir es tun, muss unser Organismus ständig genetische Informationen auslesen und sie in die Grundbausteine der Zellen, die Proteine, transportieren. Die Erbinformation wird dabei zunächst in BotenRibonukleinsäuren (mRNAs) übertragen – ein Vorgang, den man Transkription nennt. In einem zweiten Schritt, der Translation, übersetzen die Ribosomen diese Informationen anhand der mRNA-Vorlagen in Proteine. Damit bei solch hoch komplexen Vorgängen nichts falsch läuft, gibt es ein strenges zellulares Kontrollsystem. Versagt dieses, können mannigfaltige Erkrankungen entstehen.

Hierfür gründeten sie die Molecular Medicine Partnership Unit (MMPU) – die erste Partnerschaft des EMBL mit einer medizinischen Einrichtung. Den Lautenschläger-Forschungspreis erhielten sie sowohl für ihre Forschung als auch für dieses wegweisende Kooperationsprojekt. Ihr Weg zum MMPU führte über mehrere gemeinsame Stationen. Beide studierten Humanmedizin an der Universität Münster und erlangten dort 1984 ihre Approbation zum Arzt, beide verbrachten ihre Auslandssemester an renommierten Hochschulen in Großbritannien – mit dem Ziel, gute Ärzte zu werden. „Die Ausbildung in Deutschland war in der Theorie ausgezeichnet“, sagt Matthias Hentze, „aber am Krankenbett war sie nicht befriedigend.“ Angehende Ärzte seien hier in Gruppen von 15 Studenten auf einzelne Patienten getroffen. In England sei er hingegen ein intensiv angeleiteter Lehrling gewesen. Matthias Hentze wollte immer Arzt werden, nach dem Studium beschloss er jedoch, zunächst seine wissenschaftliche Ausbildung zu vertiefen. So begann er mit Unterstützung des renommierten Freiburger Internisten Wolfgang Gerok eine wissenschaftliche Ausbildung in den USA: „Ich wollte die Methodologien der damals noch jungen Molekularbiologie besser kennen lernen“, sagt er. Fortsetzung » www.manfred-lautenschlaeger-stiftung.de

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„Mir war klar, dass sich hier ein wichtiger Forschungszweig auftat.“ Aus dem geplanten Lern- wurde ein erfolgreicher Forschungsaufenthalt: An den National Institutes of Health in Maryland gelang es ihm zusammen mit Kollegen, erstmals eine Genregulation auf translationaler Ebene bei Tierzellen nachzuweisen. In der Folge wurde ihm die Leitung einer unabhängigen Forschungsgruppe am Heidelberger EMBL angeboten. „Ich hatte zunächst Sorge, mit 28 Jahren an einem so renommierten Institut in einer doch recht hohen Position einzusteigen“, erinnert sich Hentze. Letztlich nahm er die Herausforderung jedoch an – und entschied sich damit dauerhaft für die Forschung. Andreas Kulozik schlug zunächst einen ähnlichen Weg ein. Auch er ging nach der Promo-tion ins Ausland – an die Universität Oxford, deren Labor für molekulare Medizin Anziehungspunkt für Pioniere dieser Disziplin war. 1987 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde 1994 Facharzt für Kinderheilkunde in Ulm, kurz danach Oberarzt und schließlich Professor und stellvertretender Abteilungsleiter in der Pädiatrie der Berliner Charité. Ende 2001 übernahm Kulozik die Leitung der Klinik für Pädiatrische Onkologie, Hämatologie, Immunologie und Pneumologie der Kinderklinik der Universität Heidelberg - unmittelbar nach seiner Ankunft gab er gemeinsam mit Hentze den Startschuss für die MMPU. Die Forschung von Matthias Hentze und Andreas Kulozik im Rahmen der MMPU nahm ihren Ausgang von der Regulation der Genexpression bei Thalassämien – das sind genetische Erkrankungen, in deren Verlauf der rote Blutfarbstoff nicht gebildet werden kann. Millionen von Menschen weltweit sind von dieser Erkrankung betroffen. Kinder, die von beiden Eltern eine entsprechende Anlage geerbt haben, müssen ihr Leben lang mit Bluttransfusionen oder mit einer Knochenmarktransplantation behandelt werden. Kinder mit nur einer solchen Erbanlage werden jedoch durch die Mechanismen der Qualitätskontrolle der Genexpression geschützt. Diese

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Mechanismen wurden von Hentze und Kulozik entdeckt und detailliert charakterisiert. Heute ist bekannt, dass dieser „TÜV“ der Genexpression bei vielen Erkrankungen wirkt, und Hentze und Kulozik arbeiten daran, dies auch therapeutisch einzusetzen. Ein weiteres Projekt des ungewöhnlichen Forscherduos basiert auf der Analyse einer bestimmten Art der Thromboseneigung, bei der ein Übermaß von einem der wichtigsten blutgerinnungsfördernden Eiweißstoffe gebildet wird. Ein bis zwei Prozent aller Menschen leiden unter dieser Form der gestörten Genexpression. Inzwischen hat die Gruppe um Hentze und Kulozik entdeckt, dass der hier aktive Mechanismus auch bei der Ausbreitung von Tumormetastasen und bei unkontrollierten Entzündungsreaktionen eine wesentliche Rolle spielt. Die MMPU fördert gezielt Forschung in diesem Zwischenbereich von Medizin und Biologie. Dafür entwickelten Hentze und Kulozik ein spezielles Konzept: Jede Forschungsgruppe hat zwei Leiter – je einen Mediziner und einen Grundlagenwissenschaftler. Beide arbeiten gemeinsam an demselben Projekt und profitieren von den gegenseitigen Erfahrungen. Die konventionelle medizinische Forschung hat einen krankheitsfokussierten Ansatz: Die Wissenschaftler suchen nach den Ursachen einer bestimmten Erkrankung. Die Molekulare Medizin indes konzentriert sich auf allgemeine Mechanismen auf Zellebene, die bei ganz unterschiedlichen Erkrankungen eine Rolle spielen können. „Gemeinsam wollen wir diese Mechanismen in ihre Bestandteile aufdröseln, um dann vielleicht irgendwann eingreifen zu können“, sagt Kulozik. Ab 2011 stehen der MMPU zentrale Räumlichkeiten zur Verfügung, in die derzeit fünf Gruppen einziehen können. „Das sei allerdings nicht der letzte Schritt“, so Hentze. „Hier in Heidelberg ist so viel Potenzial, dass wir hoffen, daraus könnte ich ein Institut für Molekulare Medizin entwickeln.“


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Auch über eine neue wissenschaftliche Ärzteausbildung, die Forschung und medizinische Praxis enger verbindet, denken die beiden MMPU-Gründer nach. „Man sollte sich nicht aus bloßer Realisierungsangst auf bescheidene Projekte begrenzen“, sind sich Hentze und Kulozik einig. „Wir finden es wichtig, ambitionierte Ziele zu formulieren und diese gemeinsam mit unseren ausgezeichneten Partnern vor Ort zu verfolgen.“

Boris Hänßler

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beobachten, da in unsere Galaxie in der Vergangenheit zahlreiche andere, kleinere Galaxien eingebunden wurden. Andere Verschmelzungen sind noch nicht abgeschlossen. Für Astronomen ein Glücksfall: Sie können im laufenden Prozess die frühen Phasen unserer Galaxie besser verstehen und rekonstruieren. Eva Grebel bezeichnet sich daher auch gerne als eine Art Archäologin – eine, die Sterne aus früheren Epochen betrachtet, um auf diesem Weg Vergangenheit und Zukunft der Galaxien zu erforschen.

Prof. Dr. Eva K. Grebel

Archäologische Spurensuche im Universum - Eva Grebel rekonstruiert die Geschichte der Galaxien (2009) In rund zwei Milliarden Jahren wird die Milchstraße mit ihrer großen Nachbargalaxie, dem Andromeda-Nebel, kollidieren – kosmisch betrachtet direkt vor unserer Haustür. Eva Grebel, Direktorin des Astronomischen Rechen-Instituts, einem der drei Institute des Zentrums für Astronomie der Universität Heidelberg, hat eine genaue Vorstellung davon, wie diese Kollision ablaufen wird: Teile der beiden Galaxien werden herausgerissen, die Galaxien verformen sich und verlieren ihre Spiralstruktur. Am Ende dieses spektakulären Naturereignisses entsteht ein einziges riesiges Sternensystem – und wir haben einen neuen leuchtenden Nachthimmel. Solche Verschmelzungsprozesse sind in unserem Universum nicht ungewöhnlich. Zeugnisse dieser Ereignisse lassen sich zum Beispiel am Rande der Milchstraße

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Schon als Kind faszinierten die 1966 geborene Astronomin Sterne und Planeten. Sie ließ sich von ihren Eltern populärwissenschaftliche Bücher schenken und besuchte Kurse in der Volkshochschule. Nach dem Abitur schrieb sie sich in Bonn für das Studium der Physik und der Astronomie ein, um dann in letzterem Fach zu promovieren. Der Frauenanteil in Eva Grebels Jahrgang lag bei etwa zehn Prozent. Von einigen Professoren musste sie sich sagen lassen, Frauen hätten in der Physik nichts zu suchen. Zum Glück für die Disziplin ignorierte Eva Grebel solche Ressentiments. Inzwischen ist sie eine von zwei ordentlichen Professorinnen für Astronomie in Deutschland – und motiviert andere Frauen, sich für das Universum zu begeistern. Drei Doktorandinnen betreut sie zur Zeit, weitere fünf hat sie bislang auf dem Weg zu einer erfolgreichen Promotion begleitet. Während ihrer eigenen Promotionszeit arbeitete Eva Grebel zwei Jahre an der Europäischen Südsternwarte ESO in Chile. Als Postdoc ging es über Urbana-Champaign im US-Bundesstaat Illinois an die Universität Würzburg und von dort aus in das kalifornische Santa Cruz und nach Seattle. Da sie sich als Frau kaum Chancen auf eine Karriere in Deutschland ausrechnete, wollte sie in den USA arbeiten – bis sie das überraschende Angebot für eine C3-Forschungsgruppenleiterstelle am Heidelberger Max-Planck-Institut für Astronomie erhielt. Dort blieb sie drei Jahre, bevor sie als Direktorin an das Astronomische Institut der Universität Basel wechselte. 2007 kehrte Eva


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Grebel nach Heidelberg zurück, dieses Mal an die Ruperto Carola. Die ersten Forschungsaktivitäten der Astronomin fielen in eine Phase wichtiger technischer Entwicklungen: Das 1990 gestartete Weltraumteleskop Hubble lieferte gestochen scharfe Bilder aus dem fernen Universum – für die Erforschung der Galaxienentstehung und -entwicklung ein regelrechter Quantensprung. Neue bodengebundene Großteleskope mit bis zu zehn Metern Spiegeldurchmesser ermöglichten zudem detaillierte Analysen der Bewegungen und der Zusammensetzung von Himmelskörpern. Die Entfernungen im Weltraum sind so groß, dass bereits das Licht aus der nahen AndromedaGalaxie 2,5 Millionen Jahre braucht, um uns zu erreichen. Die neuen Teleskope erlaubten somit einen Blick direkt in die Vergangenheit des Universums. Je weiter die Astronomen ins Universum vorstoßen, desto häufiger begegnen sie Galaxienkollisionen. „Die gängigen kosmologischen Modelle beschreiben die Strukturbildung im Universum als einen fortdauernden Verschmelzungsprozess“, sagt Eva Grebel. „Demnach gab es ursprünglich eine relativ homogene Massenverteilung mit niedrigen Dichtefluktuationen, die aber ausreichten, um umgebende Materie anzuziehen.“ So bildeten sich immer stärker konzentrierte Strukturen aus, während der Raum dazwischen regelrecht leer gefegt wurde. Vermutlich wuchs auch die Milchstraße selbst zu ihrer heutigen Größe, weil sie immer wieder kleinere Galaxien und Gas aufnahm. Soweit Theorie und Simulation. Doch zwischen der Theorie und den aktuellen Beobachtungen gibt es noch viele Diskrepanzen: So müssten eigentlich hundertmal mehr Himmelskörper um die Milchstraße kreisen, als die Astronomen derzeit sehen können. „Vielleicht bestehen einige einfach nur aus dunkler Materie und konnten nie Sterne bilden“, sucht Eva Grebel nach einer Erklärung. „Oder aber wir haben sie einfach noch nicht entdeckt.“ Tatsächlich hat sich in

den letzten Jahren mit Hilfe empfindlicher Himmelsdurchmusterungen die Zahl der bekannten Zwerggalaxien in der Umgebung der Milchstraße mehr als verdoppelt. Grebel und ihr Team haben etliche dieser kleinen, extrem lichtschwachen Objekte entdeckt. Auch innerhalb der Milchstraße sind die Wissenschaftler auf neue Strukturen gestoßen, die vermutlich von früheren Verschmelzungsprozessen mit derartigen Galaxien stammen. „Gaia“ wird viele der heute noch offenen Fragen klären können. Mit ihrer Abteilung koordiniert Eva Grebel den deutschen Hauptbeitrag zu dem im Jahr 2012 startenden Satelliten der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Gaia soll mit nie zuvor erreichter Genauigkeit die Entfernungen, Geschwindigkeiten und physikalischen Eigenschaften von bis zu einer Milliarde Sternen in der Milchstraße bestimmen. Die Gaia-Daten werden die galaktische Archäologie revolutionieren. Eva Grebel erhofft sich von diesen Daten beispielsweise genaue Aufschlüsse über die Zahl, Art und Zeitpunkte vergangener Verschmelzungsprozesse und ein detailliertes Bild typischer Evolutionsprozesse im Universum. Vielleicht wird es irgendwann möglich sein, durch unsere Galaxie zu reisen und sich alles aus der Nähe anzusehen – wie in der Sciencefiction. Eva Grebel schaut sich gerne Filme aus diesem Genre an oder liest Science fiction-Bücher. „Ich finde es schön, dass man einfach so herumreisen kann, ohne hinterfragen zu müssen, wie etwas funktioniert.“ Unter den heutigen Bedingungen durch den Weltraum zu fliegen, dem kann sie dagegen nichts abgewinnen. Mehrere Jahre in einem engen Raumschiff – nein danke! Der Blick durch das Teleskop erscheint ihr aufregender und aufschlussreicher. Als passionierte Archäologin ist sie voll auf die Zukunft programmiert – und der heutigen Technik damit bereits weit voraus.

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Laudatio vom Stifter auf den Preisträger von 2011 „Die Praxis der Wissenschaft ist die Forschung“ – das hat kürzlich der Münsteraner Systemtheoretiker Frank Marcinkowski auf einer großen Tagung gesagt. Ich meine, dieser Aussage kann man sich voll und ganz anschließen. Und sie trifft exakt das, wofür mein Forschungspreis stehen will. Ich möchte in diesem Sinne die Forschungsarbeit als wissenschaftliche Praxis in und um die Heidelberger Universität unterstützen, voranbringen. Es ist eine der besten und interessantesten Möglichkeiten, uns als Gesellschaft weiterzuentwickeln, uns eine Zukunft zu schaffen. Die Praxis der Wissenschaft also ist die Forschung! Gerade die Naturwissenschaften sind ohne eine genau auf diese Weise verstandene wissenschaftliche Praxis nicht vorstellbar: Ohne Forschung blieben am Ende in der Wissenschaft Verharrung, Stagnation, Bewegungslosigkeit. Welch ein Glück also, mag man im 625. Jahr des Bestehens dieser Universität sagen, dass hier in Heidelberg Forschung in ganz besonderer Weise unsere Wissenschaft prägt, dass das „Voranschreiten“ auch spürbar ist und dass diese Universität bei aller Tradition und Verpflichtung Veränderung zugelassen hat und zulässt. Die Feierlichkeiten zum Jubiläum meiner Alma Mater zeigen dies sehr eindrucksvoll. Das Geburtstagsfest mit all den Einzelveranstaltungen, den Kongressen und Symposien, den Festakten und Empfängen, den Diskursen und Vorlesungen präsentiert eine lebendige Vielfalt, die einzigartig ist und die mich einmal mehr in meiner Entscheidung bestätigt, meine Heimatstadt und meine Heimatuniversität ins Zentrum eines Preises zu rücken, der – wie diese ebenso traditionsreiche wie moderne Universität – in Europa seinesgleichen sucht.

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Aus meiner Sicht ist es gerade im Rahmen stiftungsinduzierter Forschungsförderung durchaus wichtig, auch viele kleine Projekte mit mehr oder weniger geringen Beträgen zu unterstützen – wenn man gezielt vorgeht. Genauso wichtig ist es aber auch, „groß“ zu denken. Denn wir benötigen Leuchtturmprojekte, wir benötigen Forschung, die auch international auffällt. Und wir benötigen nachhaltige Entscheidungen, die ausgewählten Forschungsteams eine Plattform bieten. Dies wird sie im internationalen Vergleich herausheben – und bei aller Heimatverbundenheit ist Forschung heute längst international. Es ist das erklärte Ziel des LautenschlägerForschungspreises, international konkurrenzfähige Ideen und Forschungsansätze zu unterstützen, Wissenschaftler zu fördern, die höchstes Potenzial besitzen, die an einzigartigen Ideen arbeiten. Ich glaube, in der Vergangenheit ist uns dies gut gelungen – und ich bin der Universität Heidelberg und den Juroren des Preises sehr dankbar, dass wir auch in diesem Jahr mit der Auswahl des Preisträgers nicht nur ein sehr spannendes Thema, sondern gerade die Lebendigkeit, die Flexibilität und die Wandlungsbereitschaft einer traditionsreichen Universität auszeichnen. Doch lassen Sie mich zunächst den heute zu Ehrenden und seine Arbeit in den Blick fassen. Die Entscheidung für Professor Joachim Wittbrodt folgt der Tradition, herausragende Forschungsleistungen auch mit einem herausragenden Betrag zu fördern. Es ist deshalb eine goldrichtige Entscheidung, weil dieser Forscher mit seinem Team quasi par excellence für die Weiterentwicklung naturwissenschaftlicher Disziplinen steht. Er ist – so gesehen – ein forschender Wissenschafts-Praktiker aus dem Bilderbuch. Lassen Sie mich an dieser Stelle kurz aus dem Schreiben des Dekans der Fakultät für Biowissenschaften der Universität Heidelberg zitieren.


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Professor Holstein also schreibt: „Herr Wittbrodt ist einer der heute weltweit führenden Entwicklungsbiologen neuro- und systembiologischer Arbeitsrichtung. Herr Wittbrodt hat mit dem von ihm maßgeblich etablierten Vertebraten-Modellsystem des Fischs Medaka bahnbrechende Erkenntnisse zur Augenentwicklung erzielt, die höchstrangig in Science, Nature und einer Vielzahl weiterer erstklassiger wissenschaftlicher Zeitschriften publiziert wurden. Wir sind der Meinung, dass Herr Wittbrodt aufgrund seiner konti-nuierlich exzellenten wissenschaftlichen Leistung und großer wissenschaftlichen Erfolge den LautenschlägerForschungspreis 2011 verdient.“

Diese Aussage ist nicht hoch genug einzuschätzen. Denn in ihr zeigt sich die Veränderungsqualität, die konzentrierte, die konsequente Forschungsarbeit, in die Wissenschaft sich einbringen kann. Professor Wittbrodt steht für ambitionierte Zoologie, für Wissbegierde und Ideenreichtum.

Soweit das Zitat aus dem Schreiben des Dekans.

Lassen Sie mich hinzufügen, dass mich die diesem Brief angefügten Seiten mit Vita, Publikationsliste und Kommentaren zu den Forschungsarbeiten unseres Preisträgers restlos überzeugt haben. Ich freue mich, dass es der Universität Heidelberg, dass es „meiner“ Uni gelungen ist, diesen Ausnahmeforscher an den Neckar zu holen – das war keine Selbstverständlichkeit, hatte Herr Wittbrodt doch eine ganze Zahl weiterer Optionen. Ich glaube, dass neben den weichen Faktoren des Standortes, neben der Lebensqualität in der Metropolregion Rhein-Neckar und neben dem Kulturkalender und der Lebensqualität in dieser Stadt, für diese Entscheidung insbesondere Tradition und Reputation unserer Universität eine entscheidende Rolle gespielt haben. Daneben dürfte ein weiterer Punkt von höchster Relevanz gewesen sein – und lassen Sie mich dazu noch einmal aus dem Empfehlungsschreiben des Dekans zitieren: „Professor Wittbrodt steht außerdem für die am Institut für Zoologie erfolgreich betriebene Transformation eines klassischen Instituts in ein modernes Zentrum für entwicklungsbiologische Forschung.“

1te Reihe v.l.n.r.: Dr. h. c. Manfred Lautenschläger, Frau Wittbrodt, Prof. Dr. Joachim Wittbrodt, Angelika Lautenschläger

Kurz gesagt: Hier zeigt sich die Kreativität moderner Biologie. Wir erleben vielleicht die Entstehung einer neuen Disziplin, die sich zwischen Entwicklungs- und Systembiologie platziert und damit eine Tradition öffnen kann, die wir bisher so nicht kennen. Das ist Innovation Marke Heidelberg, denn in den 625 Jahren ihrer Geschichte hat sich diese Universität mehrfach neu erfinden – oder zumindest neu ausrichten müssen. Es beweist die Lebendigkeit, die Zukunftsfähigkeit, die Modernität, wenn dies auch nach mehr als sechs Jahrhunderten immer noch gelingt, getreu unserem Wahlspruch: ZUKUNFT. Seit 1386.

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WAS WURDE AUS...

Ich weiß, dass das Preisgeld bei Ihnen, lieber Herr Professor Wittbrodt, gut aufgehoben ist. Ihre Arbeiten verbinden systematische Genauigkeit mit Neugierde und Kreativität – ein Idealfall für eine im Sinne des Eingangswortes verstandene praxisorientierte Wissenschaft. Ein für mich ganz entscheidender Punkt ist auch, dass Sie in Ihrer ersten Reaktion sich inbesondere darüber glücklich zeigten, dass Sie mit diesem Preisgeld einen hervorragenden, in Ihrem Institut tätigen jungen Wissenschaftler in einem hochinteressanten Projekt unterstützen und ihn damit der Universität Heidelberg erhalten können.

stehen. Darin gleicht Wissenschaft dem Unternehmertum, große Unternehmer und große Wissenschaftler sind in diesem Punkt Brüder im Geiste. Auch in diesem Jahr ist es der Auswahlkommission des Lautenschläger-Forschungspreises wieder gelungen, einen Bereich zu wählen, der sich auf der einen Seite auf richtungweisende Grundlagenforschung bezieht – auf der anderen Seite aber jede Menge Potenzial für in einigen Jahren vielleicht folgende medizinisch-therapeutische Entwicklungen enthält. Entwicklungen, die dann auch das Leben von uns Menschen verbessern helfen können. Lassen Sie uns die Arbeit von Professor Wittbrodt und all jenen, die er inspiriert, weiter aufmerksam verfolgen. Rund 21 Milliarden Euro investierten Bund und Länder im Jahr 2010 in Forschung und Entwicklung – so jedenfalls die Angaben des Forschungsministeriums. Im Jahr 2000 waren es noch 16 Milliarden. Ein Wachstum von 30 Prozent, es zeigt gleichermaßen spiegelbildlich den Druck, unter dem Deutschland steht. Und es fragt sich, ob dieses Wachstum ausreichend ist. „Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Innovationen und grundlegende Erkenntnisse aus Europa oder den USA kommen“, schreibt das Bundesministerium in seinem Jahresbericht 2010. Asien steht – auch bezogen auf die Forschungsausgaben – für die Weltregion mit den höchsten Wachstumsraten.

Preisvergabe Lautenschläger-Forschungspreis durch Herrn Lautenschläger (links) und Harald zur Hausen (rechts) an Prof. Dr. Joachim Wittbrodt (Mitte) am 1. Juli 2011 Foto: Universität Heidelberg - Kommunikation und Marketing

Und noch etwas sagten Sie: „Mit diesem Geld kann ich auch einmal etwas Verrücktes machen.“ Damit trafen Sie den Kern meiner Einstellung, die auch hinter meinem Preis steht: Wissenschaft braucht Freiheit, Freiheit zum Risiko, Freiheit auch zu scheitern. Nur mit dieser Freiheit kann Großes ent-

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Ein weiteres Wachstum der Forschungsausgaben des Staates ist damit programmiert. Es muss dabei peinlich genau darauf geachtet werden, dass die zur Verfügung stehenden Gelder auch in die richtigen Projekte fließen. Und ich bin mir nicht sicher, ob dies immer der Fall ist. Ich bin mir nicht sicher, ob das ausufernde Antragswesen immer die Besten erreicht. Lassen Sie uns nach den Guten, nach den Besten Ausschau halten, nach wirklich – auch unter wissenschaftlichen


WAS WURDE AUS...

Kriterien – forschungswürdigen Projekten suchen. Es ist wichtig, potentiell frustrierte Hochschullehrer nachhaltig zu motivieren, um weitere Potenziale zu erschließen. Dies alles vorausgeschickt, will der Lautenschläger-Forschungspreis ein Motivator sein, der die Exzellenz der Heidelberger Universität als hervorragende Bildungseinrichtung und Forschungshochschule heraushebt. Er will diese Region unterstützen, und er will das Richtige und die Richtigen erreichen. Ich bin sicher, dass uns dies gelungen ist. Lieber Herr Professor Wittbrodt, in diesem Sinne drücke ich Ihnen nochmals meinen tiefen Respekt aus und freue mich über einen weiterhin hoch motivierten Heidelberger Forscher.“

Dr. h. c. Manfred Lautenschläger

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„Mit meiner Stiftung möchte ich kreative und innovative Personen dabei unterstützen, ihre Idee zu verwirklichen.“ Dr. h. c. Manfred Lautenschläger


AUSBLICK Das Motorik-ABC und „Bewegte Sprache“

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James W. C. Pennington Distinguished Fellowship

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Die 16. deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften in Heidelberg und Mannheim

S. 94

Lesescouts: Schüler motivieren Schüler zum Vorlesen

S. 95

„Zwischen Aseka und Socho“ – wo David gegen Goliath gekämpft hat

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Manfred Lautenschläger Award for Theological Promise

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Glykosyliertes Albumin

S. 94

Kurpfälzisches Museum Heidelberg

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AUSBLICK

Das Motorik-ABC und „Bewegte Sprache“ Die Manfred Lautenschläger-Stiftung und die BASF SE haben eine groß angelegte Initiative zur Entwicklungsförderung für Klein- und Vorschulkinder gestartet. An der Erprobungsphase im Herbst 2011 waren 15 ausgewählte, von den öffentlichen und kirchlichen Trägervertretungen benannte Kindertageseinrichtungen beteiligt. In den Jahren 2012 bis 2014 sollen jeweils 40 weitere KiTas aus der gesamten Metropolregion Rhein-Neckar in das Projekt einbezogen werden. Die inhaltliche Grundlage liefert ein vollständig neu konzipiertes Programm: das so genannte „Motorik ABC“. Mit ihm sollen einerseits die motorischen Basisfähigkeiten und andererseits die sprachlichen Kompetenzen der Kinder frühzeitig, systematisch und nachhaltig gefördert werden. Die Entwicklung der motorischen und insbesondere der koordinativen Fähigkeiten von Kleinkindern gewinnt aufgrund der sich stark verändernden Lebensräume und Lebensumstände zunehmend an Bedeutung. Früher bewegten sich die Kinder selbstverständlich, umfassend und ohne Anleitung im Alltag. Heute ist das leider häufig anders. Die Kinderwelt ist keine Bewegungswelt mehr. Experten sprechen von einer „sitzengebliebenen Gesellschaft“. Das hat weitreichende Folgen für die Gesamtentwicklung unserer Heranwachsenden. Gerade das Kindergartenalter ist ein „goldenes Lernalter“, indem sich das Bewegungsrepertoire und auch die Sprachfähigkeiten enorm erweitern. Bewegung und Sprache gelten als wesentliche Dimensionen der kindlichen Entwicklung, die sich in Abhängigkeit voneinander entfalten und gegenseitig beeinflussen. Das „Motorik ABC“ setzt sich aus zwei innovativen, wissenschaftlich fundierten Teilprogrammen zusammen: aus dem namensgebenden Modul „Motorik ABC“ und aus einem evaluierten Aufbaumodul „Bewegte Sprache“.

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Im ersten geht es schwerpunktmäßig um Bewegungsförderung mit sprachlichen Lerngelegenheiten, im zweiten um die Verbindung von Sprachförderung mit körperlich-sportlichen Aktivitäten. Beide Module folgen einer gemeinsamen Grundphilosophie und fühlen sich den Leitlinien der Entwicklungsgemäßheit, Ganzheitlichkeit und Freudbetontheit verpflichtet. Bewegungs- und Sprachanlässe und auch die Vermittlungen mathematischnaturwissenschaftlicher und sozial-emotionaler Kompetenzen werden zwanglos in spielerischer Form aufeinander bezogen. Im Mittelpunkt des „Motorik ABC“ steht die Schulung erster motorischer Basiskompetenzen. Der Buchstabe A steht für die Aneignung und Vervollkommnung grundlegender Bewegungsformen wie Springen, Werfen, Rollen und Balancieren. Erst auf ihrer Grundlage können einfache sportliche Fertigkeiten (B) und die koordinativen Basisfähigkeiten (C) geschult werden. Letztere werden als so etwas wie die motorische Intelligenz angesehen. Wer über gute koordinative Fähigkeiten verfügt, lernt schneller neue Bewegungen, bewältigt beim Spielen auch schwierige motorische Aufgaben und kann sich besser anpassen, wenn sich Situationen rasch und unvorhergesehen verändern. Das Programm „Bewegte Sprache“ beinhaltet konkrete Maßnahmen zu einer bewegungsorientierten und alltagsbezogenen Förderung sprachlicher Kompetenzen. Von der Lust der Kinder an der Bewegung ausgehend, wird die Lust an der Sprache – die Sprechfreudigkeit – geweckt. Es geht dabei um verschiedene Bereiche der Sprachentwicklung: um das Erschließen von Wörtern, den Ausbau des Wortschatzes, das Bilden von Begriffskategorien und vieles andere mehr. Die beiden Programme gründen auf langjährigen Forschungen des Initiators der weltweit bekannten Ballschule Heidelberg, Prof. Dr. Klaus Roth (Universität Heidelberg), sowie auf Studien der national und international bekannten Bewegungspädagogin für das


AUSBLICK

Kleinkind- und Vorschulalter, Prof. Dr. Renate Zimmer (Universität Osnabrück). Das „Motorik ABC“ und das Modul „Bewegte Sprache“ werden über die Erzieherinnen und Erzieher an die Kinder herangetragen. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung und die BASF SE finanzieren die Aus- und Fortbildungen aller interessierten Erzieherinnen und Erzieher sowie die anschließende fachliche Unterstützung der Programmdurchführungen in Form von begleitenden Hospitationen. Zudem werden für jeden teilnehmenden Kindergarten Spiel- und Lernmaterialien zur Umsetzung des Projekts vor Ort angeschafft. Kindergärten müssen keine speziellen Voraussetzungen erfüllen, um sich für das Projekt zu bewerben. Da Heranwachsende aus sozial schwachen, bildungsfernen Schichten bzw. aus Migrantenfamilien einen besonderen Förderbedarf aufweisen, sollen vor allem Einrichtungen mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil an solchen Kindern einbezogen werden. Vor allem für diese Kinder lassen altersgerechte und wissenschaftlich fundierte Förderprogramme deutliche und „lohnende“ Effekte erwarten. Adäquate Anregungen im Kindergartenalltag können zu einem „Vorsprung fürs Leben“ führen. Zu den Projektangeboten gehören vor diesem Hintergrund zum einen auch ergänzende Informationsveranstaltungen für die Erzieherinnen und Erzieher, um deren Handlungskompetenz im kultursensiblen Umgang mit Kindern und in der inter-/transkulturellen Elternarbeit zu stärken. Zum anderen ist eine zweisprachige Beratung von Migranteneltern und ihren Kindern für Fragen einer gesunden Ernährung, ausreichender Bewegung sowie nachhaltiger Alltagsmobilität in elementarpädagogischen Bildungseinrichtungen geplant. Diese Angebote werden von der Arbeitsgruppe von Frau Prof. Engin (Pädagogische Hochschule Heidelberg) entwickelt und durchgeführt.

„Zwischen Aseka und Socho“ – wo David gegen Goliath gekämpft hat Im Sommer 2012 startet ein neues Grabungsprojekt der Universitäten Heidelberg und Tel Aviv, das von der Manfred LautenschlägerStiftung auf 15 Jahre langfristig finanziert wird. Aseka und Socho (in der Mitte zwischen Jerusalem und Tel Aviv gelegen) werden intensiv ergraben werden. Die Grabungsleiter Prof. Dr. Manfred Oeming, Heidelberg, und Prof. Dr. Oded Lipschits, Tel Aviv, haben die beiden Orte ausgewählt, weil sie – in der Bibel mehrfach erwähnt - außerordentlich verheißungsvoll sind:

Aufgrund der Voruntersuchungen steht schon fest, dass Funde von der Früh- und Mittelbronzezeit (ab 2000 v. Chr.) bis zur byzantinischen Epoche (640 n. Chr.) gemacht werden. Aseka lag im 2. Jahrtausend vor Chr. für Jahrhunderte im ägyptischen Herrschaftsbereich. Ab dem Übergang zur Eisenzeit bildetet sich genau hier die Grenze zwischen der Pentapolis der Philister und dem entstehenden Königtum Juda, eine Grenze, welche bis heute von großer Bedeutung ist.

Klaus Roth, CSL Fortsetzung »

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AUSBLICK

Aseka tauchte auch in außerbiblischen Schriften auf; es wird in einem Brief von Sanherib an den Staatsgott Assur die Lage der Stadt beschrieben: „wie ein Dolch im Lande“: Aseka war „wie ein Adlerhorst“, aber es wurde doch von den Assyrern eingenommen und zerstört. Ferner wird es in den Lachisch-Ostraka erwähnt. Wir werden die Spuren der Assyrischen Invasion in Juda ebenso finden wie die der babylonischen Eroberung. Einen Schwerpunkt der erhaltenen Architektur bildet wahrscheinlich die hellenistische Epoche. In byzantinischer Zeit gehörte Aseka als Heimat des Zacharias zum christlichen Pilgerwesen (Tell Zacharia). Socho war nach der Analyse von Prof. Dr. Yuval Goren das Produktionszentrum aller lemäläk-Krüge, also eine enorm wichtige Industriestädte. Die Teilnahme an der Grabung vermittelt archäologische und historische Kenntnisse, Einsichten in die Biblische Theologie und verschiedene religiöse Traditionen, aber auch Einblicke in das gegenwärtige kulturelle und politische Leben Israels. Hinzu kommen intensive Begegnungen mit Israelis und Freiwilligen aus aller Welt. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützt diese Grabung finanziell. Alle wichtigen Informationen sind auch unter www.azekah.com zu finden.

Prof. Dr. Manfred Oeming, CSL

James W. C. Pennington Distinguished Fellowship Als Teil der Feierlichkeiten zum Universitätsjubiläum beging die Ruperto Carola am 24. Juni den Amerikatag. Nach einem musikalischen Intermezzo mit Eva Mayerhofer und Christian Eckert wurde in festlichem Rahmen das James W.C. Pennington Distinguished Fellowship vorgestellt, das vom Heidelberg Center for American Studies und der Theologischen Fakultät eingerichtet wurde. Es erinnert an den amerikanischen Pastor und ehemaligen Sklaven James W.C. Pennington,

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dem die Ruprecht-Karls-Universität 1849 als erstem Afroamerikaner die Ehrendoktorwürde verlieh.

Nach den Grußworten von HCA Gründungsdirektor Prof. Dr. Dr. h. c. Detlef Junker und Ehrensenator Dr. h. c. Manfred Lautenschläger hatte U.S. Konsulin Jeanine Collins eine Überraschung mitgebracht – eine Grußadresse des amerikanischen Präsidenten! Barack Obama dankte dem HCA für diese Initiative, die die starke Allianz und andauernde Freundschaft zwischen den USA und Deutschland widerspiegele. Er zeigte sich überzeugt davon, dass die Hochachtung vor den Leistungen Penningtons zukünftige Generationen von Amerikanern und Deutschen inspirieren werde. Das Stipendium würdigt den amerikanischen Pastor und ehemaligen Sklaven James W.C. Pennington, dem die Universität Heidelberg 1849 als erstem Afroamerikaner in Europa, möglicherweise sogar in der Welt, eine Ehrendoktorwürde verliehen hat. Es sei besonders angemessen, so Präsident Obama, dass dadurch Forschungsaufenthalte von


AUSBLICK

Wissenschaftlern in Heidelberg ermöglicht würden, deren Forschungsfelder ein Nachhall der Themen seien, die Pennington beschäftigten: Sklaverei, Emanzipation, Frieden, Bildung, Religion und interkulturelles Verständnis. Der Präsident zeigte sich überzeugt davon, dass die Hochachtung vor den Leistungen Penningtons es der Universität Heidelberg ermöglichen werde, durch dieses Beispiel zukünftige Generationen von Amerikanern und Deutschen zu inspirieren. In ihrem Jubiläumsjahr erinnert die Ruperto Carola an einen Pastor und Gelehrten, der sich mit seinem gewaltlosen Einsatz für die Freiheit der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA und weltweit einen Namen in der internationalen Friedens- und Anti-SklavereiBewegung machte. Der ehemalige Sklave James W.C. Pennington besuchte von 1834 an als erster Afroamerikaner die Yale University und wurde 1838 presbyterianischer Pastor. Auf dem Weltfriedenskongress in Paris lernte er 1849 den Heidelberger Gelehrten Friedrich Carové kennen, der noch im selben Jahr die Theologische Fakultät der Ruperto Carola davon überzeugte, Pennington die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Der Gründungsdirektor des HCA, Professor Detlef Junker, zeigte sich sehr bewegt über die Grußadresse des amerikanischen Präsidenten. Er dankte Präsident Obama im Namen aller Mitarbeiter und Studenten des Heidelberg Center for American Studies. Sein Gruß sei für das HCA eine große Ermutigung, auf dem eingeschlagenen Weg fortzufahren. Professor Junker dankte ebenfalls dem Ehrensenator der Universität Heidelberg und Ehrendoktor der Theologischen Fakultät Dr. h. c. Manfred Lautenschläger für seine Entscheidung, die ersten Forschungsaufenthalte hochqualifizierter Wissenschaftler in Heidelberg zu finanzieren. Das erste Stipendium werde noch im Juni diesen Jahres international ausgeschrieben. Manfred Lautenschläger

betonte, dass die Verständigung zwischen Völkern und Kulturen zu den großen Zielen seiner Stiftung zähle.

Dr. Anja Schüler, CSL

Manfred Lautenschläger Award for Theological Promise Von 2007 bis 2011 hatte die John Templeton Foundation jährlich einen Preis ausgesetzt für die besten Dissertationen oder das erste Buch nach der Promotion zum Thema „Gott und Spiritualität”. Der Award wurde weltweit ausgeschrieben, und im genannten Zeitraum haben 60 Nachwuchswissenschaftler/innen den Preis erhalten. Die Preisträger/innen kommen aus 17 Ländern, haben unterschiedliche religiöse Zugehörigkeit und arbeiten in einem breiten wissenschaftlichen Spektrum. Der Preis wurde jedes Jahr im Mai an der Universität Heidelberg verliehen. Danach fand ein Kolloquium im Internationalen Wissenschaftsforum Heidelberg (IWH) statt. Die Preisträger/innen stellten das Projekt vor, an dem sie zum Zeitpunkt der Preisverleihung arbeiteten, und diskutierten es mit Heidelberger Kollegen und verschiedenen Evaluatoren (das Gutachtergremium bestand aus 26 Professoren/innen aus 19 Ländern). Von 2013 an wird der Templeton Award zum Manfred Lautenschlaeger Award for Theological Promise und wird wie auch die Jahre zuvor jährlich an 10 Nachwuchswissenschaftler/innen aus der ganzen Welt verliehen. Zusätzlich zum Preis erhalten die Gewinner die Möglichkeit, ein internationales und interdisziplinäres Kolloquium über ein wichtiges wissenschaftliches Thema vorzuschlagen. Mindestens zwei Gewinner aus mindestens zwei Ländern und mindestens zwei Disziplinen sollen dieses Kolloquium organisieren und leiten. Jedes Jahr werden zwei Lautenschläger-Kolloquien unterstützt.

Caroline Gödde, CSL

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AUSBLICK

Die 16. deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften in Heidelberg und Mannheim

gibt es keine Vorgaben, was bedeutet, dass sich bei einem Slam alle bekannten Vortragsformen finden – von moderner Literatur und Sprachkunst über klassische Lyrik und Kabarett, Comedy bis hin zu Prosa.

Europas größtes Bühnenliteratur-Festival findet 2012 in Heidelberg und Mannheim statt. Der Wettbewerb, der 1986 erstmals in Chicago von Marc Kelly Smith organisiert wurde, baut einen dramatischen Bogen über den Abend auf. Eröffnet wird er vom sogenannten „Opferlamm“, anschließend werden Vorrunden ausgeführt, die dann im großen Finale enden. Es handelt sich um einen Vortragswettbewerb, in dem selbstgeschriebene Texte in einer vorgegebenen Zeit einem Publikum vorgetragen werden. Bewertet werden sowohl Inhalt als auf die Performance als solche.

Ab 1986 fanden Veranstaltungen unter dem Titel „Jeder darf mal“ in Frankfurt am Main statt, ab 1994 mit dem Titel „Poetry Slam“ in Berlin, ab 1996 in München, Frankfurt am Main und Düsseldorf sowie ab 1997 in Hamburg. Diese vier Städte trugen im selben Jahr in Berlin zum ersten Mal einen National Poetry Slam aus. Schon ab 1998 kamen dann weitere Städte wie z. B. Augsburg, Freiburg im Breisgau, Kiel oder Marburg hinzu. 1999 wurden die Slams auch in Österreich und der Schweiz ausgetragen, was dazu führte, dass zwei Jahre später die Veranstaltung in „German International Poetry Slam“ (GIPS) umbenannt wurde. Im Jahr 2004 wurden erste Versuche von Slamweltmeisterschaften gemacht. Sowohl in Greenville, South Carolina, als auch in Rotterdam wurden World Championship Poetry Slams abgehalten, die beide von Buddy Wakefield aus den Vereinigten Staaten gewonnen wurden. Sowohl die sehr hohen Kosten, die mit der Anreise der Teilnehmer aus den verschiedenen Ländern entstehen, als auch die Sprachbarrieren machen ein solches Unterfangen jedoch zu einem Projekt, das seinem Anspruch kaum gerecht werden kann.

CSL

Glykosyliertes Albumin Poetry Slam-Teilnehmer Florian Cieslik

Im Gegensatz zu einem sogenannten Open Mic oder Lesebühnen wird das Publikum aktiv mit einbezogen – sie küren mittels ihres Applauses den Sieger. Inhaltlich wie formal

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Einer der Schwerpunkte der Manfred Lautenschläger-Stiftung ist die Erforschung der Ursachen von, aber auch der Kurz- und Langzeitschäden durch Diabetes. Nun soll eine Studie einen neuen Parameter zur mittelfristigen Stoffwechselkontrolle und Prädikator für das Auftreten von Gefäßkomplikationen untersuchen. Durchgeführt wird die Studie


AUSBLICK

von Professor Dr. med. Christoph Hasslacher, leitender Arzt der klinischen Studienabteilung des St. Josefskrankenhauses Heidelberg. In einer von 2004 bis 2009 von der Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützten Studie (Namens CARISMA) wurden rund 500 Patienten mit Diabetes über fünf Jahre hinsichtlich des Auftretens von Komplikationen an Herz, Augen, Nieren und peripheren Gefäßen in jährlichem Abstand untersucht. Gleichzeitig wurden alle therapeutischen Maßnahmen, Stoffwechsel- und Blutdruckkontrolle exakt erfasst und Blutproben eingefroren. Seit kurzem steht der Forschung mit dem sogenannten glykosylierten Albumin ein Marker zur Verfügung, der die Nachteile des bisherigen Markers zur Güte der Stoffwechseleinstellung bei Patienten mit Diabetes überwinden soll. Diese sind insbesondere die fehlende Erfassung kurzfristiger Änderungen der Stoffwechsellage und die Abhängigkeit des Markers vom Stoffwechsel des Hämoglobins. Ziel der neuen, ebenfalls von der Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützten Studie ist es nun, anhand der 500 Serumproben der Patienten aus der CARISMA-Studie das glykosylierte Albumin zu bestimmen und anhand dieser die folgenden Fragestellungen zu klären: 1. Wie ist die Beziehung zwischen des herkömmlichen Markers und dem glykolysierten Albumin im mehrjährigen Verlauf bei Diabetikern mit normaler und eingeschränkter Nierenfunktion? 2. Welchen Einfluss haben nicht stoffwechselabhängige Faktoren (z.B. Anämie, Eisenmangel, Proteinurie, etc) auf die Langzeitparameter?

Lesescouts: Schüler motivieren Schüler zum Vorlesen Lesescouts heißt eines der zahlreichen Projekte der Stiftung Lesen, die den Lesespaß bei Schülern wecken soll. Um dieses Ziel zu erreichen, motivieren hier andere Schüler, die bereits begeisterte Leser sind. Diesen „Peer Group“-Effekt nutzt das Projekt, das in Rheinland-Pfalz, Hessen, Gütersloh und Sachsen mit großer Resonanz Schüler als ehrenamtliche Lese-Multiplikatoren ausbildet. Entwickelt wurde die Lesescout-Initiative im Jahr 2002 im Rahmen der Kampagne „Leselust in Rheinland-Pfalz“ vom RheinlandPfälzischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur sowie der Stiftung Lesen. Die sogenannten Lesescouts übermitteln ihre Begeisterung mit Hilfe von Bücherpartys, Autorenspiele, Adventskalender mit Vorleseaktionen oder einem Büchertausch in der Schule. Die Lesescouts können bereits ab der 1. Klasse bei ihren Mitschülern für das Lesen werben, z.B. als Lesementoren in jüngeren Klassen, in der Kindertagesstätte oder im Seniorenheim, mit Buchtipps in der Schülerzeitung und spannenden Aktionen rund um Bücher. Vorbereitet werden sie in regionalen Seminaren mit dem Titel „Abenteuer Lesen“, durchgeführt von der Stiftung Lesen. 2012 soll das Projekt auch in Baden-Württemberg starten. Die Manfred Lautenschlägre-Stiftung wird dieses Projekt finanziell unterstützen.

Dr. Joerg F. Maas, CSL

3. Wie genau sind der alte und der „neue“ Parameter als Prädikator zum Auftreten von diabetestypischen Folgeerkrankungen, insbesondere von kardialen Komplikationen?

Prof. Dr. med. Christoph Hasslacher

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Kurpfälzisches Museum Heidelberg Die Chancen stehen gut, dass das Heidelberger Kurpfälzische Museum in zwei Jahren ein Projekt von nationaler Bedeutung präsentieren kann. Geplant ist die Ausstellung von Original-Fundstücken aus Ramat Rahel. Erste Kontakte in diese Richtung knüpften jetzt der Theologe und Ausgrabungsleiter Prof. Manfred Oeming und der Direktor des Kurpfälzischen Museums, Prof. Frieder Hepp, während einer Israel-Reise mit Vertretern der Stadt Heidelberg. Knapp 3000 Kilometer liegt Ramat Rahel von Heidelberg entfernt, und doch ist der Ort zwischen Jerusalem und Betlehem eng mit der Stadt am Neckar verbunden. Hier wurden von 2004 bis 2010 in einem Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Heidelberg und Tel Aviv, mit Unterstützung der Manfred Lautenschläger-Stiftung, Teile des David-Palastes mit Gärten, Wassersystemen und unterirdischen Taubenschlägen freigelegt. Gefunden wurden aber auch bedeutende Exponate. Und die sollen auch in Heidelberg zu sehen sein. Bis es so weit ist, wird es noch ein Weilchen dauern. Aber die Heidelberger sind zuversichtlich, dass sich dieses „international einmalige Projekt“ (OB Würzner) realisieren lässt. Jetzt verschafften sich Manfred Oeming und Frieder Hepp einen Überblick über den Stand der Restaurierungen und der wissenschaftlichen Auswertung der Fundstücke aus Ramat Rahel in der Universität Tel Aviv. Dort sprachen sie auch mit dem Grabungsleiter vor Ort, Oded Lipschits, und führten Gespräche über die Konzeption einer möglichen Ausstellung mit dem Kurator des Israel Museums in Jerusalem, da die geplante Präsentation im Kurpfälzischen Museum noch mit weiteren Funden der israelischen Antikenbehörde ergänzt werden soll.

Kurpfälzisches Museum Heidelberg

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Angetan von der Idee zeigte sich der Kulturattaché der deutschen Botschaft in Israel, Stefan Kobsa. Er versprach, seitens der


AUSBLICK

Bundesregierung die Initiative zu unterstützen. Was auch notwendig wäre. Denn, so Frieder Hepp, der Transport und die Versicherung der fragilen Ausstellungsstücke koste doch einiges. Allerdings hat auch schon die kalifornische Universität in Berkeley Interesse an dem einmaligen Projekt signalisiert. Wäre sie mit im Boot, würde das die Kosten reduzieren. Berkeley wäre nach Heidelberg die zweite Station. Was den Museumsdirektor begeistert, ist nicht nur die internationale Kooperation, sondern vor allem die Tatsache, dass die „eindrucksvolle Geschichte“ (Hepp) des Schmelztiegels Israel, die Geschichte der Juden, Christen und Moslems, in Heidelberg sichtbar gemacht werden könnte. Übrigens: Ein Stück Völkerverständigung wurde schon bei der Grabung sichtbar, als sich junge und alte Menschen verschiedener Religionen und aller Nationalitäten engagierten.

Ingrid Thoms-Hoffmann

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"Man sollte die Verantwortung, die einem auferlegt ist, wahrnehmen und alle MÜglichkeiten, die man finanziell hat nutzen, um zu helfen." Dr. h. c. Manfred Lautenschläger


KURATORIUMSMITGLIEDER

Angelika Lautenschl채ger (Vorsitz)

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Markus B체chler

Prof. Dr. Dr. h. c. Detlef Junker

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Paul Kirchhof

Romani Rose

Dr. Volker Then

Dr. Matthias Zimmermann www.manfred-lautenschlaeger-stiftung.de

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„Manfred Lautenschläger ist ein Mäzen der Wissenschaft, des Sports und der Kinder. In der kritischen Nachdenklichkeit über unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem tritt er uns als ein erfolgreicher Unternehmer vor Augen, der in seiner Region verwurzelt ist, sein Unternehmen persönlich aufgebaut und als Verantwortungseigentum geführt hat, der nunmehr über seine Stiftung einen Teil seines Erfolges an die Allgemeinheit weitergibt. Hier wird eine große Tradition wieder lebendig, nach der Unternehmer, Wissenschaftler oder Künstler nachhaltig die Kultur pflegen und fördern, in der ihre Leistungskraft wurzelt.“ Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Paul Kirchhof


PORTRAIT DES STIFTERS

In der Begründung seines Engagements, das in hohem Maße den Jüngsten unserer Gesellschaft gewidmet ist, spannt Manfred Lautenschläger gerne den Bogen zu seiner Kindheit im Karlsruher Stadtteil Mühlburg. Geboren am 15. Dezember 1938 wächst er zunächst in Abwesenheit seines Vaters auf, der erst nach Kriegsende zur Familie zurückkehren kann und dann einen Berufsweg einschlägt, der ihn bis in die höchste Beamtenbesoldungsstufe für Nichtakademiker führt. Er sieht es mit Freude, dass sein Sohn Manfred von 1959 bis 1964 in Freiburg, Hamburg und Heidelberg Rechtswissenschaften studiert und dort 1969 mit dem zweiten juristischen Staatsexamen abschließt. Dass dieser allerdings, anstatt mit der schwarzen Robe im Gerichtssaal zu wirken, lieber Versicherungen verkauft, erzählt er seinem Vater erst, nachdem sich belegen lässt, dass auch damit ein Lebensunterhalt gesichert werden kann.

standsvorsitzender zieht er sich 1999 aus dem operativen Geschäft zurück, übernimmt den Aufsichtsratsvorsitz der MLP AG und gründet die Manfred LautenschlägerStiftung. Seither gilt seine Leidenschaft dem Engagement für die Projekte seiner Stiftung.

„Früher, da habe ich meine Phantasie eingesetzt, um Geld zu verdienen. Und heute macht es mir halt Spaß, es sinnvoll auszugeben“. Es entspricht seiner Lebenslogik, dass sich in den Aktivitäten seiner Stiftung vieles wiederfinden lässt, was ihn auf seinem Lebensweg geprägt hat. Dass seine Frau Angelika, seine beiden Töchter und drei Söhne eng eingebunden werden, hat zu tun mit der Kraft der Werte, die er lebt und seinen Kindern stets vermittelt: „Man sollte die Verantwortung, die einem auferlegt ist, wahrnehmen und alle Möglichkeiten, die man finanziell hat nutzen, um zu helfen...“

Ein Pankreaskarzinom macht ihn 1980 zum Diabetiker. Trotz einer radikalen Operation liegt die Überlebensrate nur bei etwa einem Prozent. Der leidenschaftliche Sportler wiegt bei 1,86 Metern nur noch 63 Kilo – und verhandelt über den Verkauf von MLP an einen großen Versicherer. Dann trifft er die Entscheidung weiterzumachen, ändert seinen geschäftlichen Stil total und findet nach über zwei Jahren zurück zur alten Stärke und Belastbarkeit. Nach zehn Jahren erfolgreichen Schaffens als Vor-

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Spenden in Euro 2011


DAS ENGAGEMENT IN ZAHLEN Das Spendenaufkommen der Manfred Lautenschläger Stiftung im Geschäftsjahr 2011 betrug insgesamt 3.897.395 Euro. Es wurden über 90 einzelne Projekte und Vorhaben gefördert.

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Profile for Manfred Lautenschläger-Stiftung gGmbH

Jahresbericht 2011  

der Manfred Lautenschläger-Stiftung www.manfred-lautenschlaeger-stiftung.de

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