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Montagehalle der Pilatus-Flugzeugwerke, Stans Der Neubau der Montagehalle erweitert das am Südfuss des Bürgenstocks kontinuierlich gewachsene Werkareal der Pilatus-Flugzeugwerke prominent in Richtung Talboden und Flugplatz. Die enorme Dimension von über 120 m Länge und 70 m Breite als Konsequenz der geforderten Nutzung, die stützenfreie Statik sowie die spezielle Funktion führten zu einer ausgeprägten Form – einem riesigen, in der Landschaft liegenden ‹Flügel›. Der Bezug dieser Form zu Pilatus ist evident, resultiert aber aus dem inneren Aufbau des Neu­ baus. Die asymmetrische Lage der Werkstätten und Büros, die enorme statische Höhe der Bogenkonstruktion sowie die Lage der Lichtöffnungen führten zu einem speziellen Schnitt. Der Torso aus dunklem Aluminiumblech öffnet sich gegen Norden und gibt quasi die darunter liegende Holzkonstruktion der Halle frei. Die neue Montagehalle ist von der einen Seite eine Industriehalle mit angegliederten Werkstätten und dient der flexiblen Endmontage von sechzehn Geschäftsflugzeugen, von der anderen Seite aber auch ein repräsentativer Bürobau. Im zentralen Bereich wird dies durch einen aufgeklappten Körper, das Besucherzentrum, verdeutlicht. Es markiert zugleich den Haupteingang für die Besucher aus aller Welt. Die konzeptionelle Asymmetrie erlebt der Besucher im grossen Saal im dritten Obergeschoss eindrücklich auf einer zweiten Ebene. Er blickt nach Norden ins Werkgelände und nach Süden in die Halle, wo er sein Produkt, das Flugzeug, bestaunen kann.

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Werkstätten, Büros und Montagehalle liegen unter einem Dach, einem Flügel. Grosszügige Verglasungen schaffen Transparenz und machen es möglich, dass jeder Mitarbeiter die Arbeit des anderen sieht. Dies lässt sich lesen als bauliche Umsetzung des Credos der Geschäftsleitung, dass bei Pilatus jeder Mitarbeitende gleich wichtig ist. Aluminium und Holz sind die bestimmenden Materialien. Sie verweisen sowohl auf die Materialien des Flugzeugbaus als auch auf die landwirtschaftlichen Grossbauten in der Stanser Ebene. Das dunkle Aluminium und das naturfarbene Holz fügen sich harmonisch in die Landschaft ein. Der weisse Kunststoffbodenbelag verleiht der Halle mit den Flugzeugen im Zusammenklang mit dem naturbelassenen Holz eine gewisse Noblesse. Die stützenfreie Überspannung von über 60 m ist konstruktiv und bautechnisch eine Leistung im obersten Segment. Die Wucht der Holzbogenkonstruktion steht in einem dra­ matischen Gegensatz zu den filigranen Flugzeugen darunter. Die Träger spannen einen enormen, fast sakralen Raum auf und verschieben die Grenzen des einheimischen Baumaterials Holz in einen neuen Bereich. Lediglich die Bodenplatte sowie das Erdgeschoss und die Treppenhäuser des Bürotrakts wurden in Stahlbetonbauweise ausgeführt. Die Bodenplatte und eine Pfahlfundation waren unter anderem notwendig, um die grossen Auflagerkräfte in den Baugrund weiterzuleiten. Das Eigengewicht der Holzkonstruktion ist im Gegensatz zu einem Massivbau

gering und kommt dem Bauwerk bei den vorherrschenden Bodenverhältnissen zugute. Das Tragwerk der Montagehalle besteht aus einem Tonnendach und wird durch 14 Fachwerkträger mit gebogenem Obergurt und geradem Untergurt im Achsabstand von 8 m sowie zwei Giebelwände dargestellt. Die Aufnahme der lateralen Einwirkungen aus Wind und Erdbeben des 18 m hohen Gebäudes erfolgt durch drei Aussteifungsverbände, welche jeweils in einem Binderfeld angeordnet sind und in den Wänden in die Fundation weiterführen. Der Bürotrakt ist ab der Decke über dem Erdgeschoss in Holz ausgeführt. Dabei kamen Wände in Holzrahmenbauweise sowie Kastenelemente in Holz für die Decken und das Dach mit Spannweiten bis zu 16 m zum Einsatz. Bei der Ausführung der Holzkonstruktion kam qualitativ hochwertiges Brettschichtholz zum Einsatz. Holz als nachwachsender Rohstoff ist in grossen Mengen verfügbar und bildet die optimale Grundlage für ein wirtschaftliches Tragwerk. Die verbaute Holzmenge wächst in Unterwalden innerhalb von rund drei Wochen wieder nach. Die neue Montagehalle ist also nicht ein be­ liebiger Industriebau, sondern eine architektonische Antwort auf die traditionellen Werte der Unternehmens- und Baukultur in dieser Region. Sie schafft einen nachhaltigen emotio­ nalen und architektonischen Mehrwert für die Pilatus-Flugzeugwerke – ein weiteres Zeugnis der Leistungsfähigkeit des Unternehmens und ein Bekenntnis zu einheimischem Holz.

Holzbulletin 94/2010  

Hallen

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