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Handwerk: Informationsorgan des Kurszentrums Ballenberg Heimatwerk

1/ 99 Stiftung Heimatwerkschule Ballenberg Ein Gemeinschaftswerk des Schweizerischen Freilichtmuseums Ballenberg und der Heimatwerke der Schweiz


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Der aktuelle Hinweis!

10 Jahre Interessengemeinschaft Korbflechterei Schweiz Samstag, 10. April 1999 ab 14.15 Uhr im grossen Hörsaal der Botanischen Institute der Universität Zürich Zollikerstrasse 107 Programm: ■ Prof. C.D.K. Cook, Direktor Botanischer Garten Universität Zürich: Begrüssung ■ Pepito Zwahlen, Präsident der Interessengemeinschaft: Werdegang ■ Christina Erni: Diaschau: Geflechte für einen Tag – Bilder für die Seele ■ Kurt Affeltranger und Peter Enz: Weiden für den Garten, die Bienen und zum Lebendverbau (Führungen) ■ Apéro und Schauflechten: Herstellung der Pflanzgefässe für die Balkongeranien-Ausstellung.

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Editorial: Fulminanter Start Drechslersymposium Drechslerkurse Drechslerin Gisela Müller Papier weben Spezialkurse, Inserate Teppichkunst: Teppich-art-Team Restenteppiche in Zwirnbindung Weberinnenfest Papiermaché Bauen – der Fussboden Ballenberg aktuell: Museumspädagogik

Interessierte sind herzlich eingeladen!

Herausgeber Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk Postfach, 3855 Brienz Telefon 033-952 80 40 Fax 033-952 80 49 Redaktion Ursina Arn-Grischott Druck Gisler Druck AG, 6460 Altdorf Jahresabonnement: Inland Fr. 24.–, Ausland Fr. 32.– 3 Ausgaben; 3200 Abonnemente Bestellkarte Umschlag hinten Inserate: ⁄1 Seite Fr. 600.–, 1⁄2 Seite Fr. 300.– 1 ⁄4 Seite Fr. 150.– 1

Ausgabe 2/99 Redaktionsschluss 1.6.99 erscheint 1.7.99


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Editorial

Fulminanter Saisonstart 1999 ! Das 1. Schweizerische Drechslersymposium eröffnete die Kurssaison 99 im Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk: Über 50 Drechsler und am Drechselhandwerk Interessierte aus der Schweiz, Deutschland und Holland trafen sich am Wochenende vom 13./14. Februar im Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk zum Austausch von Infor mation und Know-how, zu Demonstrationen, Vorträgen und Vor führungen. Der Anstoss für die Ausschreibung des Symposiums kam ursprünglich aus den Reihen der Kursleiter. Seit bald drei Jahren gehören die Drechselkurse im vielseitigen Programm des Kurszentrums Ballenberg Heimatwerk zu den gut gebuchten, regelmässig durchgeführten Kursen. Grund genug also, um hervorragende Exponenten des Fachs, die beiden Franzosen Jean-François Escoulen und Christophe Nancey sowie die Schweizer Peter Luisoni, Walther Bührer und Sigi Angerer, seines Zeichens Präsident des Schweizerischen Drechslermeisterverbandes, einzuladen. Das Symposium thematisierte Spezialitäten wie exzentrisches Drehen, Holz-/Metall-Kombinationen, Nassholzdrechseln und kantiges Drechseln.

Das Symposium wurde unterstützt durch die Bernische Stiftung für angewandte Kunst und Gestaltung. Neben einem Sockelbeitrag über nahm die Stiftung die Hälfte des Kursgeldes für die TeilnehmerInnen aus dem Kanton Bern. «Die Stiftung bezweckt die Förderung und Unterstützung der angewandten Kunst und Gestaltung, vorzugsweise aus dem Gebiet des Kantons Bern. Dabei ist dem zeitgenössischen Kunstschaffen eine vorrangige Beachtung zu schenken und mit anderen kulturellen und wirtschaftlichen Institutionen und Unternehmungen im Kanton Bern, Kunstschaffenden, Fachschulen (...) eine enge Zusammenarbeit anzustreben». (Auszug aus dem Jahresbericht 1997 der Stiftung.) Ich danke an dieser Stelle den Mitgliedern des Planungsausschusses für die Beiträge und darf gleichzeitig darauf hinweisen, dass ebenfalls das IGW Jubiläum vom 3./4. Juli und Feu sacré – Secrets of Fire vom 16./17. Oktober durch die Stiftung mitgetragen werden. Lesen Sie unseren ausführlichen Bericht zum Symposium.

■ Adrian Knüsel, Leiter Handwerk 1/99 1


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Drechslersymposium

Die Instant Gallery: Kennst du meine Arbeit, kennst du mich. Die Idee der «Instant Gallery» am Drechslersymposium war ein Wurf – alle Teilnehmer wussten davon und hatten ein paar wenige ihrer gedrechselten Arbeiten zur Präsentation mitgenommen. Kurz nach der Begrüssung wurde dann gemeinsam in einem der hellen Werkräume die Ausstellung eingerichtet – «instant» eben, sofort und jetzt. Es wurde zu einem Kennenlernen besonderer Art: Zusätzlich zu den Namensschildern sprachen nun noch die persönlichen Objekte – aha – du bist der mit der interessanten Schale dort drüben, du der Schöpfer der eigenwilligen Figuren – von dir kannte ich bis jetzt nur den Namen... Kurz nach Eröffnung des Symposiums wurde bereits heftig diskutiert, Know-how ausgetauscht, Visitenkärtchen wechselten ihre Besitzer und als Neuling in der Drechslerszene war man innert kürzester Zeit bekannt mit Personen des Fachs. Die Ausstellung konnte man während des ganzen Wochenendes besichtigen und einzelne Objekte auch fotografieren.

Ein Büchertisch mit viel Fachliteratur lud während des ganzen Symposiums zum Durchstöbern ein. Sie finden in dieser Nummer Bibliografie-Angaben.

«Lehr doch ou Drächsler !» So wirbt der Prospekt des Schweizer Drechslermeisterverbandes für Lehrlinge. Am Symposium hatte man Gelegenheit, aus erster Hand etwas über die Ausbildung der Lehrlinge zu erfahren; der Berufsschullehrer und Drechslermeister Thomas Meier aus Hombrechtikon gab Auskunft. In der Schweiz gibt es noch rund 80 Drechslereien. Obwohl nur noch wenige Junge diesen Beruf erlernen, stützt ein aktiver Berufsverband die Ausbildung und ist bestrebt, die Grundausbildung, welche vier Jahre dauert, immer wieder neuen Technologien anzupassen und auszubauen. In einer gut eingerichteten Kurswerkstatt in Langenthal mit Drehbänken, Ovalwerk, Hobelund Kehlmaschinen, Kreis- und Bandsägen werden für die Lehrlinge jährlich Einführungskurse organisiert, um verschiedene Arbeitstechniken kennen zu lernen und auch Sicherheiten an den Maschinen zu üben.

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Warum sich’s dreht ... Geübte Drechsler drehen nebst sämtlichen Hölzern auch andere Materialien wie Knochen, einzelne Metalle, Horn, Hartgummi, verschiedene Steinsorten oder Kunststoffe. Tisch- und Stuhlfüsse, Tischplatten, Treppensprossen, Küchengeräte, Teile von Beleuchtungskörpern sowie viele weitere Gegenstände, welche uns im Alltag begleiten, werden vom Drechsler gedreht. In grösseren Betrieben werden natürlich auch an Halbautomaten oder CNC-gesteuerten Maschinen Serien gefertigt. Trotz der Technisierung soll der Drechsler aber auch ein guter Handwerker sein, der seine Kreativität in die Arbeit einbringen kann.

Erfahrungsaustausch ist gefragt ! In seinem Vortrag über das Drechslerhandwerk plädierte Sigi Angerer, der Präsident des Drechslermeisterverbandes, für den Dialog, im Falle des Symposiums auch zwischen Berufsdrechslern und Hobbydrechslern. Er meinte, dass der eine Können und Erfahrung bieten kann, der andere mit viel Begeisterung und Interesse fürs Handwerk hierher gekommen ist, was gegenseitig sehr befruchtend sein könne. Er selbst ist seit 45 Jahren in diesem Metier tätig. An der Weltdrechslerkonferenz in den USA 1993 sah er sein bisher tra-

ditionell verstandenes Handwerk neu – auch unübliche Wege dürfen begangen werden! Das Produkt soll für sich sprechen, nicht die Technik. Eine eigene Formensprache ist wichtig, um eine Nische im Markt zu finden. Neues austauschen, statt ängstlich voreinander verbergen ist fürs Weiterkommen nötig. Auch berufsübergreifendes Arbeiten könnte Entwicklungsmöglichkeiten in sich bergen, so z.B. das Zusammenarbeiten mit einem Bildhauer, einem Schmuckgestalter, einem Maler oder Schreiner. Wir wollen widerlegen, was in einem alten Lexikon noch zu finden ist: «drechslern = verdreht, verschnörkelt...». Mit der Drehtechnik kann zeitgemässes Formempfinden geschaffen werden! Anschliessend referierte Walter Bührer als Drechsler und Bauer von mittelalterlichen Instrumenten zum Thema Tieflochbohrungen.

Wer Spuren hinterlassen will, muss unberührte Wege gehen Die zwei Gastreferenten aus Frankreich, JeanFrançois Escoulen und Christophe Nancey, überzeugten als Drechsler in unkonventionellen Techniken und als eigenwillige Gestalter. Jean-François Escoulen hat das Drechseln in übernommener Handwerksart bei seinem Vater erlernt. Jahrelang hat er das Handwerk in tradiHandwerk 1/99 3


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Seite 2 Peter Luisoni, Drechsler und Kursleiter, bei der Demonstration am Symposium.

tioneller Weise ausgeübt und von Hand Serien gedreht, bis er sich dann 1980 eine eigene Werkstatt einrichtete und neue Wege suchte. Er spezialisierte sich aufs Drehen kleiner Dosen mit Deckeln und suchte nach Möglichkeiten, diese interessant zu präsentieren. Dabei entwickelte er eine Technik, welche es ihm ermöglicht, exzentrisch zu drehen. Seine Dosen stehen nun auf kleinen, angedrehten Sockeln oder Füssen, schweben und halten sich mit gedrehten kleinen Elementen in der Balance. Experimentieren über Jahre, in Zusammenarbeit mit einem Ingenieur, brachte ihn an den Punkt, wo er heute steht und viel Beachtung bekommt. Seine subtilen, ausbalancierten Objekte, skurril und verspielt, immer noch als Dosen verwendbar, finden Liebhaber in Frankreich und Amerika. Ein zweimonatiger Aufenthalt in den USA, wo er zu einem internationalen Drechsler-Workshop eingeladen war, gab ihm den Mut, den Schritt vom Handwerker zum Künstler zu machen. Es ist ein Genuss, Jean-François beim Drehen zuzuschauen: leicht und schnell handhabt er sein Instrumentarium mit Perfektion. Eingehen auf die Situation des exzentrischen Drehens fordert Konzentration und gute Beobachtung; jedes Stück wird zum Unikat. Trotz dieser Komplexität skizziert er meistens, bevor die Arbeit beginnt.

Seite 3 Exzentrisch gedrehte Dosen des Franzosen Jean-François Escoulen. Seite 4 «Cornu» (Nachruf), Kuh- und Stierhorn, 28 x 120 mm, von Peter Luisoni, Drechsler und Kursleiter. Ganzseitig, Seite 5 Christophe Nancey: Schale aus Javah-Holz mit vielen kleinen Metalleinschlüssen. Seite 6 Schale von Sigi Angerer aus der «Instant-Gallery».

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Seine Stücke widerlegen zum Teil bekannte Gesetzmässigkeiten des Drechslerhandwerks, zeigen höchstes technisches Können und laden zum Staunen und Schmunzeln ein. Christophe Nancey hat sich mit den Mosaik- oder Einlagearbeiten in Holz und Metall, gedreht an der Drechslerbank, einen Namen gemacht. Als gelernter Möbelschreiner und Restaurator entdeckte er das Drechseln vor fünfzehn Jahren. Er sah in dieser Disziplin ein grosses künstlerisches Potenzial für sich. Ein langer Weg des Experimentierens mit Holz und Metall, was zusätzliche Farben und grafische Effekte ermöglicht, begann. Zinn oder Blei, welche er in seine Formen giesst, rinnt in die Hohlräume des Holzes und hebt die Holzstruktur hervor. Die Maserung und der Wuchs des Holzes, auf welche Christophe mit grosser Sensibilität eingeht, bestimmen die Gestaltung. Da seine Gefässe als Vasen, Amphoren oder Ur nen verwendet werden, sollen sie zwischen Holz und Metall-Fragmenten absolut dicht sein, was der Technik und dem Handwerk einiges abverlangt. Er baut seine Fragmente um eine Holzform herum, welche zerlegt und am Schluss wieder entfernt werden kann und benötigt während des Giessens und Drehens Drahtverstärkungen und äussere Holzformen. Die Arbeitsvorgänge sind sehr komplex und zeitaufwendig.

Mit derselben Technik der Drahtverstärkung kreiert er auch die fragilen, fragmentarischen Schalen, welche den Betrachter verblüffen. Seine perfekt geschaffenen Unikate sind Kunstwerke von beachtlichem Preis für Käufer und Sammler. Er betreibt eine eigene Galerie in St. Jean-Cap-Ferrat, zwischen Nizza und Monaco. ■ Ursina Arn-Grischott

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Drechselkurse Machen Sie einen Versuch an der Drechslerbank ! Drechseln ist ein sehr altes Handwerk; Wandreliefs der Sumezer und Ägypter bestätigen dies. Es ist Leonardo da Vinci (1452–1519) zu verdanken, dass die Drechslerei in der Renaissance einen derartigen Aufschwung erlebte. Er hat die abgekröpfte Welle erfunden, die es ermöglicht, eine gleichlaufende Bewegung zu erzeugen. Als Beispiel ist sicher allen die alte Tretnähmaschine in Erinnerung. Das Drehen an der Drechslerbank fasziniert auch heute noch – dieses Handwerk lässt viel eigene Gestaltung zu und ermöglicht einen zeitgenössischen Auftritt.

Drechseln in Variationen Das Kurszentrum bietet während des ganzen Jahres Drechselkurse an – sie finden im Programm elf verschiedene Drechselkurse, erteilt von fünf kompetenten Kursleitern. In den Drechselkursen werden die Grundkenntnisse dieses Handwerks weitergegeben. Bearbeitet werden unterschiedliche Hölzer an elektrisch getriebenen Drehbänken. Drechslerwerkzeuge und die verschiedenen Aufspannmöglichkeiten für Werkstücke werden erklärt, Techniken wie Schroppen, Schlichten und auf Schnitt drehen geübt. Die KursteilnehmerInnen können einfache Gegenstände in Lang- und Querholz herstellen. Neben der praktischen Arbeit an der Drechslerbank wird auch das Entwerfen und Gestalten von gedrehten Produkten ein Thema sein. In den Theorieblöcken wird über das Schärfen der Werkzeuge diskutiert, über Kugeldrehen und vieles mehr. Nassholzdrechseln ist eines der speziellen Kursthemen. Der Kursleiter, Peter Luisoni, sagt dazu: «Das Verarbeiten von nassem Holz erweitert die kreative Dimension um den Faktor Natur. Unsere Produkte gestalten wir so, dass sie sich verziehen sollen und dürfen!» In diesem Kurs ist allerdings Voraussetzung, dass Sie sich an der Drechslerbank schon etwas auskennen und offen sind für Neues! Lassen Sie sich überraschen!

Die nächsten Drechselkurse im Kurszentrum ■ Drechseln mit Ulrich Kehrli 12. bis 16. April ■ Nassholzdrechseln mit Peter Luisoni 19. bis 23. April ■ Nassholzdrechseln mit Peter Luisoni 26. bis 30. Juli ■ Drechseln mit Paul Ming 2. bis 6. August ■ Drechseln mit Paul Ming 9. bis 13. August ■ Drechseln mit Ulrich Kehrli 25. bis 29. Oktober ■ Drechseln mit Ulrich Kehrli 15. bis 19. November. Handwerk 1/99 7


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Die Drechslerin Gisela Müller

Gisela Müller an der Drehbank Oben rechts: Salz-, Pfeffer- und Zuckerstreuer in unterschiedlichen Hölzern Unten: Kugelschale, Ahorn natürlich verfärbt, mit eingesetztem Rand aus Mooreiche. Umschlag Handwerk: Stufenschalen Apfelbaum und Hagebuche.

Form – vollendet ! Die Arbeiten von Gisela Müller fielen bereits in der Instant Gallery auf. Neben hohem handwerklichtechnischem Können bestachen ihre Schalen und Objekte in Formgebung und Gestaltung. Unter Drechslern ist die gelernte Drechsel-Meisterin, die einzige in der Schweiz, bestens bekannt; sie wurde bereits verschiedentlich ausgezeichnet, dieses Jahr mit dem Form Forum 99-Preis. Gisela Müller hat nach ihrer Lehre in einer Weissküferei und auf dem Gebiet des Musikinstrumentenbaus gearbeitet. Seit dem Meisterkurs 1991 in Deutschland und der anschliessenden Meisterprüfung betrieb sie immer eine eigene Werkstatt. Die Kontinuität ihrer Arbeit ist sichtbar: sie forscht, entwickelt und arbeitet mit grosser Sensibilität und gestalterischem Anspruch. Ihre Werke sprechen dafür, dass in diesem Handwerk zeitgenössische Gestaltung möglich ist.

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Die meisten ihrer Arbeiten sind in der angewandten Kunst angesiedelt, d.h., sie sind für den täglichen Gebrauch gedacht, sind aber gleichzeitig auch ästhetische Objekte mit sinnlicher Ausstrahlung zum Betrachten und Betasten.

Handwerk und Gestaltung in Symbiose Gisela Müller kann sich mit Holz und Röhre ausdrücken, ohne technisch anzustehen. Für sie ist ihr technisches Können selbstverständlich; sie braucht es als Ausdruck und nicht um zu zeigen, wie sie die Technik beherrscht. Kunststücke technischer Art haben mit Gestaltung nichts zu tun, formuliert sie selbst. Technische Grenzen sind überwindbar. Als gelernte Handwerkerin ist der Baumstamm ihr Ausgangsmaterial. Mit der Motorsäge zersägt sie ihn in die gewünschten Stücke, um dann daraus nass Rohlinge zu drehen. Nach dem Trocknen, was 1 bis 2 Jahre dauert, werden die Stücke dann weiter verarbeitet und fertig gedreht.

Über Gestaltung nachdenken Als Denkerin und Gestalterin sitzt sie denn auch am Zeichnungstisch, hält Ideen fest, skizziert. Kontakte und Impulse kommen aus der vernetzten Kunsthandwerkerszene, Wettbewerbe und Ausstellungen finden mit Möbeldesignern, Schmuckgestaltern oder Keramikern statt. Als freischaffende Handwerkerin drängen sich auch Fragen der Vermarktung auf: Gisela Müller verkauft hauptsächlich in Galerien und Ausstellungen in der Schweiz und in Deutschland, als Form Forum-Mitglied an der Sonderausstellung der Muba oder am speziellen Form-Podium der Ornaris.

Bücher zum Drechseln ■ Das Drechsler Werk, Fritz Spannagel, 1940, Edition «Libri rari», Th. Schäfer, Hannover, ISBN 3-88746-014-6 ■ Drechseln in Holz, Rolf Steinert, Buchverlag Leipzig, 1984 ■ Wood dreaming, Terry Martin, the spirit of Australia, captured in woodturning, Angus & Robertson, Harper Collins Publisher ■ Die Schältechnik in der Drechslerei, Erläuterungen der alten Technik mit Beispielen und Vorlagen, Wille Sundqvist, Bengt Gustaffson, Verlag Th. Schäfer, Hannover ■ Das Drechslerbuch, broschiert, Dale L. Nish, Otto Maier Verlag, Ravensburg, 1983 ■ Woodturning in France, Gérard Bidou, Daniel Builloux, Editions Vial ■ Der Drechsler, Ein Handbuch für Werkstatt und Schule von C.A. Martin (1905), Edition «Libri rari» Verlag Th. Schäfer, ISBN 3-88746-242-4 ■ Handbuch Drechseln, Gottfried Böckelmann, Ravensburger Buchverlag 1997, ISBN 3-473-42532-X Zeitschriften

Auch im Kurszentrum Gleich anschliessend ans Drechslersymposium hat Gisela Müller erstmals in unserem Kurszentrum einen Drechselkurs angeboten. Es ist zu hoffen und anzunehmen, dass die Kursteilnehmer nebst dem handwerklich Vermittelten auch etwas von Gisela Müllers gestalterischem Gedankengut mitbekommen haben. ■ Ursina Arn-Grischott

■ Drechseln, Druck-Verlag Kettler, D–59193 Bönen, Deutsche Drechsler-Zeitung, 4x jährlich ■ Wonders in Wood, The Art of the Woodturner, Association of Woodturners of Great Britain 1998 ■ Woodturning, Official journal of the guild of Master Craftsmen, Guild of Master Craftsman Publications, Castle Place, 167 High Street, Lewes, East Sussex BN7 1XU, England ■ American Woodturner, The Journal of the American Association of Woodturners, 3200 Lexington Avenue, Shoreview MN 55126. Handwerk 1/99 9


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Papier weben Meine Faszination für Papiergewebe Ich habe immer gewoben. Waren es die Fäden, Stoffe und Knöpfe in der Nähstube meiner Mutter, oder war es die Möglichkeit, im Kindergarten werken und weben zu können, was mich immer wieder zu Geweben, Formen und Farben hinzog? Den Wunsch, als Handweberin zu arbeiten, habe ich mir mit einem Stipendium in Helsinki an der Fachhochschule erfüllt. Seit über 20 Jahren wohne ich in Landarenca, einem 14-Seelen-Dorf im Val Calanca auf 1250 m über Meer in einem denkmalgeschützten Haus aus dem 16. Jahrhundert. Ich arbeite als Weberin und biete Kurse an im alten Schulhaus in Landarenca, in der Lehrerfortbildung, im Atelier 3 und im Kurszentrum Ballenberg. Neben dem Färben mit Pflanzen, Bänder sammeln und deren Techniken austüfteln und dem Weben von Aufträgen möchte ich versuchen, Leuten, welche für sich und für ihren Beruf neue Ideen suchen, etwas von dem mitzugeben, was mich fasziniert. Mit meinen Bild-, Wand- und Bodenmatten möchte ich anregen, sensibler und auch qualitativ schöner zu wohnen. Meine Spezialität sind Matten im Diagonalspiel-Köper (Islandspitz). In einem Aufbau-Webkurs bei Ulla Harjumäki erlernte ich die Technik und spürte sofort, dass das Papiergarn dazu passt; das Spiel zwischen Beidem ist meine Handschrift. In der Beschäftigung mit Papier begegnete ich dem Buch «Japanpapier» von Therese Weber und damit dem anderen, dem älteren Papiergewebe. Somit begegnete ich auch dem Shifu (siehe Handwerk 3/98) und lernte Gisela Progin kennen, die uns Werkstattbriefe über Papier und Shifu aus Japan schrieb. Shifu, das Weiche, Warme, Textile. Ich wollte mehr darüber wissen. Bei den Papiermachermeistern Herr und Frau Fuijmori lernte ich etwas von dem faszinierenden Herstellen von Kozopapier. Frau Fuijmori zeigte uns, was alle Papier macher in Japan wissen müssen – wie man Fäden für Shifu daraus macht. Ich schaffte es, in einem Winter mein eigenes Papier herzustellen und mir über Literatur und Gespräche die Technik des Papierwebens anzueignen. Ich suche immer wieder die Herausforderung, mich bewusst einzuschränken und darin die Vielfalt zu entdecken!

Herstellung und Verwendung von Papiergarn Zur Herstellung von Papiergarn werden Holzhäcksel in Sulfitlauge gekocht, zurück bleibt die Cellulose. Papier wird maschinell hergestellt, in Bahnen geschnitten und maschinell gedreht. Papierschnüre werden in Strangen chemisch gefärbt. Die Lichtechtheit ist relativ gut. Papierschnüre tauchten immer wieder in Notzeiten auf zum Binden von Säcken, Paketen und zum Weben von Uniformen bis hin zu Gürteln und «Hügüs», vor allem auch für Teppiche und Wohnaccessoires. Papier auf Kupferdrahtseele finden wir z.B. bei Stühlen von Lloyd Loom seit den 20er-Jahren. Drei dieser wunderschönen Papierstühle stehen im Kurszentrum Ballenberg. Seit einigen Jahren erlebt Finnland einen Papiergarnboom. Das Garn wird vor allem für Innendekoration und Teppiche eingesetzt.

Weben mit Papiergarn Das Papiergarn wird vor allem in Baumwoll-, Hanfzwirn- oder Papiergarnketten verwoben. Kombinationen mit anderem Material sind möglich. Dicke farbige Zwirne gibt es leider nicht, d.h., man muss geschickt kombinieren, z.B. bei Geweben mit sichtbaren Ketten muss man das weisse Kettmaterial selber einfärben. Es ist auch mögHandwerk 1/99 10


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lich, farbige 12/6 Zwirne doppelt zu führen. Das Papiergarn eignet sich vor allem zum Weben von Teppichen oder für Wand-, Tisch- und Bodenmatten und für Raumteiler.

Das ist wichtig

z.B. in Schussreps Ketten: Hanfzwirn farbig Baumwollzwirn 12/6 Baumwollzwirn 12/9 Baumwollzwirn 12/18

2,5-3F/cm 3-4 DF/cm 2-3 DF/cm 2-3 F/cm

Schuss: dünnere, farbige oder ungefärbte Papierschnur. 10 – 11 Schüsse pro cm. Kanten: mindestens 2 LB-Fäden im Einzug (klemmt Schussmaterial gut an, Kanten werden schöner). Leinenbindung Kette: Papier 4 F/cm Schuss: Papier 4 F/cm Köper Kette:

Hanfzwirn farbig 4 F/cm Baumwollzwirn farbig 12/6 3-4 F/cm Baumwollzwirn 12/18 3-4 F/cm

Islandspitz Die Kettdichte bestimmt den Köpergratwinkel. Schuss: dicke Papierschnur mit oder ohne Zwischenschuss in Baumwoll-Zwirn (2,5-3 Schüsse/cm). Doppelte dünne Papierschnur im Schuss eignet sich auch für Tischmatten auf einer Kette mit Baumwolle 8/4 (4F/cm) oder Leinen 8/5 (3F/cm) und Papierschnurflottierungen.

Die Webstühle müssen sauber sein. Wir arbeiten ziemlich nass und Metallteile können rosten, schmutzige Holzteile reiben auf das Gewebe ab (z.B. beim Brustbaum). Dicke Papierschnüre lege ich immer gleich lang, mind. 1 Stunde, ins Wasser, farbige, dünne Schnüre höchstens 10 Minuten. Am besten arbeitet man ohne Unterbruch oder hält das Gewebe gleich feucht und die Kette gleichmässig gespannt. Es ist ziemlich schwierig, z.B. zwei gleiche Sets zu weben. Ich lasse die Sets auch am Webstuhl trocknen und arbeite mit Breithalter (so lange das Gewebe nass ist), sonst geht die Kette ein. Erfahrungen sammeln und mustern ist angesagt! Bei den Schussrepsteppichen haben wir ein weites Feld (Rhythmen, Farben, Kompositionen) zum Experimentieren. Matten können auch aus anderen Papieren gewoben werden.

Pflege, Wäsche, Eigenschaften Gewebe auslegen (in der Wanne, Brünneli) in handwarmem Wasser und Feinwaschmittel mit Schwamm in Papierschussrichtung reinigen (bei dicken Schnüren ev. Bürste). So kann man auch Flecken beseitigen. Spülen, ausgelegt rasch trocknen (keine Sonne, Luftzirkulation). Gewebe schrumpft vor allem in der Länge mind. 5%. Gewebe sind in der Schussrichtung (Papier) steif, nicht dehnbar. Die Fasern sind staubfrei und erstaunlich strapazier fähig, ökologisch wertvoll, können kompostiert oder verbrannt werden. Teppiche ohne Kantenbänder und auf Klinker oder Parkett liegend rutschen, vor allem wenn man Gummisohlen an den Hausschuhen trägt. Unterlagen sind nötig. ■ Mäti Müller Meine nächsten Kurse im Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk: ■ Faszination finnische Papierschnur 23. bis 25. April ■ Shifu: Papiergewebe 12. bis 16. Juli Handwerk 1/99 11


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Spezialkurse Schnupperkurse in Zusammenarbeit mit Annabelle Création

Robert Bosch AG Schweiz: Schreinerkurse mit kleinen Handmaschinen

Im Juni finden bei uns die Annabelle-CréationSchnupperkurse statt. Für detaillierte Informationen beachten Sie bitte die Ausgabe Annabelle Création vom 16. April. Oder Sie melden sich direkt bei: Annabelle Création, Schnupperkurse Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk, Postfach, Baslerstrasse 30, 8048 Zürich. Danke!

Die von Robert Bosch AG Schweiz unterstützten Kurse richten sich an handwerklich interessierte Erwachsene, die den Umgang mit elektrischen Heimwerkgeräten üben und Vertrauen und Sicherheit bei der Arbeit in der Werkstatt und zu Hause erlangen wollen. Das Kennenlernen der verschiedenen Holzarten, einfache Holzverbindungen, die wichtigsten Techniken der Ober flächenbehandlung sowie der Bau Ihres persönlichen Werkstückes sind Ziele der Kurse. Kein Elektrogeräte-Verkauf! Anmeldung beim Kurszentrum.

Schnupperkurse am Freitag, 11. und Samstag, 12. Juni im Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk ■ 1. Tapedrillos (Schuhmacherei) mit Franz Kälin ■ 2. Miniaturen in Zwirnbindung (Raffia, gewachstes Leinen und Gräser) mit Silvia Fallett ■ 3. Papierschöpfen (Dekorpapiere) mit Inge Moser ■ 4. Drucken (der gefundene Druckstock) mit Martin Wallimann ■ 5. Korben und Flechten mit Bernard Verdet ■ 6. Filzhut mit Martha Angehrn ■ 7. Heisse Eisen im Feuer mit Alfred Mauerer

Günstig abzugeben sehr gut erhaltener

Einbauherd Miele de Luxe, Euronorm für Fr. 100.–. Melden Sie sich bei: L. Brunner-Lang, Hintere Risi 939, 9103 Schwellbrunn Tel 071/ 352 27 45.

Die Kurse finden bei uns im Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk statt. ■ Holzlastauto, mit Käthi Fässler SA bis SO, 17. und 18. April Kosten Fr. 140.–, Material ca. Fr. 20.– ■ Holzkoffer/Puppenstube, mit Käthi Fässler MO bis FR, 5. bis 9. Juli Kosten Fr. 390.–, Material ca. Fr. 80.– ■ Holzlastauto, mit Käthi Fässler SA bis SO, 9. und 10. Oktober Kosten Fr. 140.–, Material ca. Fr. 20.– ■ Holzkoffer mit Innenleben, mit Käthi Fässler MO bis FR, 8. bis 12. November Kosten Fr. 390.–, Material ca. Fr. 60.–

Ich habe Folgendes abzugeben:

4-teiliger Kreiselheuer, 12 PS Heubomben, Heugebläse Waldsägen Melden Sie sich bei: Hans Laich, 9044 Wald Tel 071/ 877 18 27 Handwerk 1/99 12


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Teppichkunst

Auf der Suche nach Strukturen in Papier

Eine Begegnung der besonderen Art Bei einem Kursbesuch steht die Thematik, und für uns Erwachsene auch immer die Zeit, im Vordergrund – auf welchem Gebiet wollen wir uns weiterbilden – was interessiert uns gerade jetzt – wann können wir uns die Zeit nehmen? Dass wir uns auf viel mehr einlassen als nur auf ein Fachgebiet wird uns bereits am ersten Kurstag klar: Unterschiedlichste Menschen, Sympathien, Antipatien, Lebensgeschichten, Gruppendynamik und ab und zu weiterführende Kontakte und Freundschaften. Handwerk 1/99 13


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«Teppiche aus Papier» hiess der Kurs, welchen Mäti Müller letztes Jahr im Kurszentrum anbot. Zwei der Kursteilnehmer waren Männer, eine Seltenheit beim heutigen Weberhandwerk (bis zur Industrialisierung wurde allerdings nur von Männern gewoben). Peter Birsfelder und Hugo Zumbühl sind beide mit der Handweberei beruflich in Kontakt; Peter betreut seit vielen Jahren die Weberei in der Strafanstalt Thorberg, wo Teppiche gewoben werden, Hugo ist Werklehrer an der Bündner Frauenschule und Gestalter.

Ein Weber und ein Gestalter treffen sich Gleiche Thematik und ergänzende Fähigkeiten allein hätten nicht genügt, auf dass ein Weber und ein Gestalter beschliessen, eine Idee, eine Vision zu verfolgen und ein gemeinsames Projekt zu realisieren. Stand es in den Sternen...? Zwei Männer, auf den Tag gleich alt, treffen sich... Peter Birsfelder hat viel Erfahrung im Teppichweben. In seiner Werkstatt auf dem Thorberg stehen 6 robuste Webstühle, bis zu 3 m Webbreite. Peter ist Koordinator und Weblehrer der Sträflinge. Gewoben werden vor allem Flickenteppiche in vielfältiger Art nach Kundenwunsch; neuerdings sind auch Auftragsarbeiten einer Teppichfirma dazugekommen, welche eine handwerklich gefertigte Designer-Linie ins Sortiment aufgenommen hat. Die Teppiche, welche in Peters Weberei entstehen, sind handwerklich perfekt und von hoher Qualität. Das Thema Papier als Schussma-

terial interessiert ihn, da es eine Entwicklung darstellen könnte, ein neues Fabrikat, ein heutiger Trend. Hugo Zumbühl ist ganz Gestalter. Er skizziert, malt die Schusspapiere ein, bedruckt, beobachtet, verändert, sucht weiter. Auch er kennt das Weberhandwerk und setzt sich an seinen Webstuhl um zu experimentieren und geeignete Strukturen zu finden. Er sucht das Schlichte aber Aussagekräftige und wird dem Material gerecht. Gefällige Effekte gehören nicht zu seiner gestalterischen Sprache. Die Zusammenarbeit mit Peter eröffnet ihm neue Möglichkeiten.

Teppich-art-Team Mit Leidenschaft sind Peter Birsfelder und Hugo Zumbühl am Entwickeln ihrer vielversprechenden Papierteppiche; bereits im Mai möchten sie mit einer kleinen Musterkollektion an die Öffentlichkeit treten. Das Teppich-art-Team stellt sich hier mit eigenen Worten vor: «Papier ist heute so allgegenwärtig, dass es von uns schon kaum mehr wahrgenommen wird; dabei ist es ein unendlich vielfältiges und umweltverträgliches Material. Dass man Papier auch für Gewebe einsetzt, ist nicht neu, man kann dies in Japan bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. In Europa wurde der erste Papierfaden Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt. Auf Grund von Rohstoffnöten wurden während des ersten Weltkrieges aus Papiergarn verschiedenartigste Textilien gefertigt. Von Finnland ausgehend erlebt Handwerk 1/99 14


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heute die Papierteppichweberei eine eigentliche Renaissance. Die Papierteppichkollektion des Teppich-artTeams zeigt neue Wege auf; einerseits in der Absicht, eine zeitgemässe umweltbewusste Haltung auszudrücken, anderseits in ihrer konsequenten Materialästhetik nichts Fremdes vorzutäuschen. Unsere Teppiche sind aus Papier und sprechen auch die leise Sprache dieses Materials. Jeder Teppich ist ein Unikat. Einzigartig ist die Einfügsamkeit dieser archaisch wirkenden Teppichstrukturen im modernen Wohnraum. Einige Angaben zur Herstellung: Als Nutzschicht (Schussmaterial) verwenden wir ökologisch vertretbares, strapazierbares Papier, welches in einem Hanfzettel zusammengeschichtet, zu einem dicken, robusten Teppich verwoben wird. Bei einigen Teppichen werden die Papiere vor dem Verweben mit umweltverträglichen Farben bemalt oder gefärbt. Nach dem Weben werden die Teppichoberflächen mit Naturwachsen behandelt. Die einzigartige schwere Teppichqualität lässt sich nur am speziell umgerüsteten Handwebstuhl anfertigen. Unsere Produkte werden unter höchsten Qualitätsanforderungen in einer professionell geführten Weberei einer Schweizerischen Strafsvollzugsanstalt hergestellt. Die Teppichgrössen sind wählbar, die maximale Webbreite beträgt jedoch 2.80 m. Die Teppiche sind strapazierfähig und pflegeleicht. Dank der glatten Papieroberfläche sammelt sich weniger Staub und Schmutz an als bei

Faserteppichen, was für Allergiker von Wichtigkeit ist. Die Teppiche eignen sich für den gesamten Wohnbereich sowie für Empfangszonen.» ■ Hugo Zumbühl und Peter Birsfelder Die Redaktion wünscht dem Teppich-art-Team viel Erfolg! Ursina Arn-Grischott

Seite 14: Links: «Chaotisch schön» sieht es aus, wenn die gefärbten Papierbänder getrocknet werden. Im Hintergrund Hugo Zumbühl. Rechts: Unsere Papierteppiche sind vielfältig in Struktur, Oberfläche und Farbe. Oben: Ein Produkt des Teppich-art-Teams Birsfelder/Zumbühl. Peter Birsfelder, Webmeister auf dem Thorberg, bürgt für hochstehende handwerkliche Qualität.

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Zwirnbindung Bunter Teppich in Zwirnbindung

Restenteppiche in Zwirnbindung Die Zwirnbindung gehört zu den ältesten uns bekannten, textilen Techniken. In Osteuropa (Mähren) wurden 2700 Jahre alte Textilfragmente gefunden. Was genau ist Zwirnbindung? Sie ist keine eigentliche Webtechnik, sie ist am Übergang zur Flechterei einzuordnen. Sie besteht aus zwei verschiedenen Systemen: einem passiven (Spannfäden, Kette) und einem aktiven (Eintrag). Für den Eintrag werden zwei oder mehrere Fäden, Stoffstreifen o.ä. zwischen zwei Spannfäden verkreuzt. Je nach Drehrichtung beim Verkreuzen spricht man von S- resp. von Z-Richtung. Dazu die obige Zeichnung. Textilien in dieser Technik sind fest, stabil, nicht schiebbar und liegen wunderbar flach auf dem Boden. Die Besonderheit der Teppiche in Zwirnbindung liegt darin, dass für die Kette nicht wie üblich Hanf-, Baumwoll- oder sonstige Schnüre verwendet werden. Sowohl für die Kette wie für den Eintrag werden alte Kleider, Leintücher, Stoffresten usw. verwendet. Die ursprünglich aus der Not entstandenen ArmeLeute-Teppiche finden in der heutigen Wegwerfzeit unter dem Motto «Recycling» eine neue Beachtung. Weil die Kombination von handfestem altem Handwerk mit der Wiederverwertung von Bestehendem überzeugt, habe ich viel Zeit in diese faszinierende Technik investiert. Dabei kamen für mich viele neue Kenntnisse dazu und ich erhielt

selbst von mir unbekannten Leuten immer wieder neue Informationen über diese alte Art der Teppichherstellung. Die Technik ist relativ einfach zu erlernen, aber ohne Übung geht auch hier nichts. Es sind nur wenige Hilfsmittel notwendig. Ein einfacher gezimmerter Holzrahmen reicht aus. Die vorbereitete Kette wird in den Ramen gespannt und schon kann mit dem Eintrag gestartet werden. Je nach Lust der Handwerkerin oder auch ausgehend von den vorhandenen Stoffen entsteht ein fröhlichbunter oder eher ein «gestalteter» Teppich. Und wer sich nicht gleich an einen Teppich wagen will.... ein Sitzkissen oder eine Bankauflage für draussen sieht auch schön aus und leistet obendrein ganz gute Dienste! ■ Silvia Falett, Handweberin

Nächster Kurs mit Silvia Falett im Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk ■ Restenteppiche: Gewoben – geflochten – zwirngebunden 16. bis 20. August

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Weberinnenfest

20 Jahre IGW Die Interessengemeinschaft Weben (IGW) feiert ihren 20. Geburtstag mit einem zweitägigen Fest im Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk. Was vor 20 Jahren als Zusammenschluss von textilschaffenden Berufsleuten, im speziellen Handweberinnen, begann, hat sich vor wenigen Jahren zu einer Interessengemeinschaft gewandelt, welche allen Textil- und Webinteressierten offen steht. Die 3-jährige Berufsausbildung zur Handweberin läuft unter ihrem Segel, Ausstellungen werden zur Publizität und Förderung des Handwerks organisiert, Regionalgruppen sind aktiv geworden und die Zeitschrift TFT /Textil Forum Textile informiert alle handwerklich interessierten Textilerinnen in deutsch und französisch über aktuelle Themen, Geschichtliches und technisch Interessantes. Die Handweberei hat schliesslich auch den Anschluss ans Internet gefunden und arbeitet z.T. mit Webprogrammen am Bildschirm und an computergesteuerten Handwebstühlen! Jährlich machen in der Schweiz noch etwa ein Dutzend Frauen den gewerblichen Lehrabschluss als Handweberinnen. Obwohl die privaten Webateliers seit den 80er-Jahren zahlenmässig rückläufig sind, existiert eine kleine aktive Weberinnenszene in der Schweiz.

Der Fortbestand des Interesses am Handweben auch im digitalen Zeitalter ist Grund genug zum Feiern! Am Weberinnenfest vom 3./4. Juli 99 gibt es neben einem Fest am Samstagabend einen grossen Webermarkt mit Materialien, Geräten, Computerprogrammen, Fachbüchern, Infos zu Aus- und Weiterbildung und auch ein Verkaufsangebot handgewobener Produkte. Im Angebot stehen auch Workshops zu Themen wie: Kleine Schmuckbeutel aus gewachstem Leinen, Weben am Inkle-Loom, Sticken, Filzen und Färben für Erwachsene und Kinder. Demonstrationen finden statt zu Computer-Webprogrammen, Klöppeln und Spinnen von Leinen. Der Autor des Buches «Sie waren Seidenbeuteltuch-Handweber», Ruodi Klee, wird zum Thema referieren, Marie-Louise Nabholz vom Völkerkundemuseum Basel hat einen Vortrag über Miao-Textilien, Ursina Arn-Grischott spricht über die Handweberei gestern und heute. ■ Die Redaktion Kommen Sie am 3./4. Juli zum Weberinnenfest ins Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk!

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Papiermaché Edles Altpapier Werken mit Papier hat eine lange Vergangenheit und Papiermaché-Gegenstände sind überall beliebt. Das alte Handwerk erlebt nun einen neuen Aufschwung. In Mengen stapelt sich in jedem Haushalt gedrucktes Zeitungspapier. Dieses Material sinnvoll weiter zu verarbeiten ist ein spannendes Unterfangen. Es ist kostengünstig und leicht zu Hause durchführbar, denn für Papier maché-Gegenstände braucht man keine Spezialgeräte und es gibt viele Gestaltungsmöglichkeiten. Wichtig sind vor allem Kleister und Papier.

Kriegshelme und Essgeschirr Blättern wir in der Kulturgeschichte zurück, er fahren wir, dass die Chinesen die grossen Papierkünstler waren. Selbst als Kriegsausrüstung trugen sie gehärtete Papierhelme als Kopfschutz. Archäologische Grabungen brachten Essgeschirr, Topfdeckel, Kriegshelme, alles aus Papier gefertigt, zutage. Auch in Indien blühte die alte Papiermachékunst. Eine Glanzzeit erlebte die Technik ab 1670 in England. England besass die grössten Papiermaché-Produktionsstätten Europas. Doch auch auf dem Kontinent, in Frankreich und Deutschland, hielt die vielseitige Technik Einzug. Die Japaner stellten aus der Papiermasse Drachen, Tiger und andere Tierfiguren her. In Mexico werden noch heute, vor allem zum grossen Fest der Toten, Fetische aus Papiermaché geformt. In Südamerika ist die weihnächtliche Krippe ein besonders beliebtes Thema der Papiermachékunst.

Experimentierfreudige Papiergestalterin Das Buch «Papiermaché» von Ursula Müller-Hiestand, erschienen im AT Verlag Aarau, greift das alte Handwerk wieder auf; Gegenstände aus Papier und Kleister formen und gestalten. Mit vielen Anregungen und Anleitungen zum fantasievollen und kostengünstigen Werken wie zum Beispiel Handpuppenköpfe, Masken, Fruchtschalen usw. Die Autorin Ursula Müller-Hiestand hat sich nach dem Besuch des Werkseminars der Schule für Gestaltung in Zürich ganz dem Thema Papier verschrieben. Sie ist mit Leib und Seele Papiergestalterin. Vielen Besuchern des Kurszentrums ist sie als engagierte Kursleiterin bekannt.

Gestalterische Zusammenarbeit von Ursula MüllerHiestand und Hanni Brügger zum Wettbewerb 1+1+... Zeitgenössisches Kunsthandwerk, Kornhaus Bern. Leicht und stark gekrinkeltes Gewebe in Leinenbindung, 95% Seide, 5% Wolle mit Schmuck in feingeschichteter Papiermachétechnik, Zeitungspapier und gebrauchtes Seidenpapier. Bild Seite 19: Schmuckobjekte in Papiermachétechnik von Ursula Müller-Hiestand, Ausstellung Schweizer Heimatwerk, RennwegGalerie 1997.

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Ursula Müller-Hiestand ist auch als freischaffende Gestalterin tätig. Hier eine kleine Kostprobe ihrer Arbeit zum Wettbewerb des früheren CCS, Thema 1+1+ ...Zeitgenössisches Kunsthandwerk, Kornhaus Bern. In Zusammenarbeit mit Hanni Brügger entstanden die abgebildeten Arbeiten. In der Ausführung wurden von beiden Werkstoffen ausgehende ganzheitliche Lösungsversuche angestrebt. Eine der technischen Problemstellungen an die Schmuckgestalterin war, dass der leichte Papierschmuck das Gewebe genügend klemmen musste, nicht aber verletzen durfte. Fliegengitter diente als Armierung und gewährleistet die Beweglichkeit des Schmucks. Ein hoher Anteil Weissleim erzeugt Stabilität und Elastizität in der Oberfläche. Der Papierschmuck bildet die Nahtstelle in seiner Funktionalität, er führt die Stoffbänder zusammen, rafft sie spielerisch, knotet sie fest, lässt sie ausgefächert mitschmücken: es entstehen unübliche Kleidungsstücke.

Die Aufgabenstellung und die gestalterische Zusammenarbeit haben Ideen ausgelöst, die sich vom persönlichen geläufigen Werkstoff her nicht aufgedrängt hätten. In der gemeinsamen Auseinandersetzung mit der Aufgabe sind materialgerechte, neue Band-art-Gewandungen entstanden. ■ Ursina Arn-Grischott Die nächsten Kurse im Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk: ■ Papiermaché: vielseitiges Gestalten mit Altpapier, mit Ursula Müller-Hiestand 26. bis 30. Juli ■ «Generationenkurs» Papiermaché, mit Marina Landolt-Bleuler 16. bis 20. August

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Gipsböden Der Fussboden als raumbestimmendes Element Der Steinrestaurator Josef Ineichen ist spezialisiert in der traditionellen Technik des Giessens oder Stampfens von Gipsböden. Er beteiligt sich an Restaurationen historischer Gebäude, realisiert aber auch neue Entwürfe. Zusammen mit der Restauratorin Claudia Knerr hat er eine Studie über die Verwendung von Gips und Anhydrit als Bindemittel verfasst, die hier auszugsweise wiedergegeben wird. Josef Ineichen wird, zusammen mit Claudia Knerr aus Saarbrücken und Manfred Steinbrecher aus Tübingen, diesen Frühling im Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk einen Kurs anbieten zum Thema «Der Fussboden als raumbestimmendes Element»: Fertigung und Gestaltung von Fussböden aus Gips- bezw. Anhydritmörtel.

Die Ausgangsmaterialien Die Sulfatgesteine Gipsstein (CaSO4 + 2H2O) und Anhydrit (CaSO4) werden auch als Evaporite bezeichnet. Sie sind oft geschichtet oder durch Farbunterschiede gebändert. Gips und Anhydrit tauchen gleichzeitig auf. In Lagen, in denen die Anhydritschicht die Gipslage entwässert, wird ein sehr guter trockener Gipsstein abgebaut. In der Schweiz geschieht der Abbau des Gesteins vorwiegend im offenen Terrassenbau. Die wichtigsten Vorkommen und Abbauorte finden sich heute in Bex im Kanton Waadt, im bernischen Leissigen-Krattigen, in Kerns-Melbuch in Obwalden und in Granges im Wallis. Im Gipswerk von Ennetmoos/NW wird Gips aus Dihydrat nach der klassischen Methode im Zweibrand-Verfahren hergestellt.

Die Herstellung von Gipsmörtel Das Grundschema der Fabrikation (GipssteinMahlen und Trocknen – Brennen und Anrühren mit oder ohne Verwendung von Füllstoffen) entwickelte sich aus den Erfahrungen mit diesem Baustoff und wurde im Laufe der Jahrhunderte immer weiter verfeinert. Der natürlich vorkommende Gips erhält die für seine Verwendung ausschlaggebende Eigenschaft – das Abbinden (Erhärten) mit Wasser – erst durch Brennen. Von den Brennbedingungen (Temperatur, Geschwindigkeit des Entwässerns, Wasserdampfgehalt der Brennatmosphäre) und von der Beschaffenheit des

Gipsgesteins hängen die Eigenschaften des Endproduktes ab. Über 190 – 200 °C (zum Teil bereits über 110 °C) verliert das Halbhydrat weiteres Kristallwasser und geht in löslichen Anhydrit über, eine weitere Temperatursteigerung auf 400 bis 500 °C führt zur Anhydritform II, die mit Wasser nur noch sehr langsam erhärtet. In der Regel entstehen beim Brennen mehrere Entwässerungsstufen und Modifikationen nebeneinander, deren Anteile letztlich die Eigenschaften des Gipses bestimmen. Durch Brennen des Naturgipses in Schachtöfen im Temperaturbereich zwischen 800 bis 1100 °C (zum Teil bis 1300 °C) gewinnt man den sogenannten Estrichgips. Mit Wasser angerührt erhärtet Estrichgips wesentlich langsamer als Stuckgips – jedoch schneller als Kalkmörtel – zu einer dichten, harten, weitgehend feuchtigkeitsbeständigen Masse.

Rekonstruierte und neue Anhydritmörtel-Fussböden Der Fussboden, darunter auch der Gipsestrichboden, als künstlerisch gestalteter Teil des Innenraums, wurde von der kunstwissenschaftlichen Forschung vernachlässigt. Als Estrich bezeichnet man einen Fussboden, der aus einer weich aufgetragenen Masse besteht, die nach Erhärten eine fugenlose Fläche bildet. Estriche können auch mit Materialien wie Kalk oder Lehm gefertigt werden. Estriche aus Gips eignen sich nicht für Bereiche, in denen mit aufsteigender Feuchtigkeit zu rechnen ist. Als Restaurator hatte der Verfasser nicht nur die Gelegenheit, historische Gipsestrichböden anhand von Fundstücken und Mörtelanalysen in Profanund Sakralbauten zu rekonstruieren, sondern konnte sich auch mit Entwürfen verschiedener Künstlerinnen und Künstler zu diesem Thema auseinandersetzen. Bei den neuen Entwürfen handelt es sich immer darum, gestalterische Vorstellungen zu verwirklichen und/oder bereits vorhandene oder geplante Gestaltungen und Gegenstände miteinzubeziehen. ■ Josef Ineichen, Rupperswil

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Rekonstruktion eines Gipsmörtelbodens. An Ort ausgeführt 1992 im Estrichsaal (18. Jh.) Haus Hofmatt, Sarnen.

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Linke Seite: Erlebnistag «Ziegel und Zeichen»

Rechte Seite: Erlebnistag «Schule wie vor 200 Jahren». Die Holzscheite vor den Kindern waren der frühere Lohn des Lehrers. Erlebnistag «Nägel mit Köpfen».

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Museumspädagogik ... ...der Blick hinter den Alltag In der städtischen Suppenküche schöpfen helfen, sich die unterschiedlichsten Aufgaben auf einem Bauernhof erklären zu lassen, selber einen Film produzieren, schneiden, vertonen... Projekte, Werkstätten, erweiterte Lernformen: die heutige lebensnahe Schule orientiert sich am Unterricht vor Ort. Lernorte ausserhalb des Klassenzimmers haben deshalb eine grosse Aufwertung erfahren. Als spielerische Lernorte, Neues – nicht immer nach didaktisch überkorrekten Massstäben – zu entdecken und zu erfahren, eignen sich Museen gut. Ganz besonders natürlich das Freilichtmuseum Ballenberg. Die Häuser, ihre Einrichtung und Umgebung bieten unzählige Themen an. Wie sich die verschiedenen Formen der Landwirtschaft in den Bauten repräsentierten – so zu sehen am Beispiel des Oberentfelder Hauses AG (221) mit seinem riesigen Strohdach. Das Stroh, das als Nebenprodukt des Kornanbaus im Über fluss anfiel, wurde – bis zum feuerpolizeilichen Verbot – als Dachdeckmaterial verwendet. Die verkleinerte Ausgabe, das gegenüberstehende Bauernhaus aus Leutwil AG (231), verdeutlicht überdies die Wohnsituation von Kleinbauernfamilien oder Tagelöhnern. Die Wohnverhältnisse waren eng und bescheiden, das tief heruntergezogene

Strohdach liess nur wenig Licht in die Wohnräume. Das Leben und Arbeiten in diesen Räumen war mit Mühsal verbunden, insbesondere auch für die Bäuerin und Magd. Wie es wohl war, in einer offenen Rauchküche Koch- und andere Arbeiten zu verrichten? Welchen Zeitaufwand und Arbeitseinsatz mag wohl ein Waschtag den Frauen abverlangt haben? Nachempfinden könnte man(n)’s im Waschhaus von Rüschlikon ZH (612)!

«Erlebnistage» Themen des Alltags, soziale, wirtschaftliche, historische, kulturelle Zusammenhänge wahrnehmen, erleben und eigenhändig umsetzen – dies möchte das Freilichtmuseum den Schülerinnen und Schülern vermitteln. Auf das selbstständige, aktive Gestalten wird dabei viel Wert gelegt: Brot backen, Nägel schmieden, Ziegel in die Form schlagen, Heilpflanzentee mischen sind Teil der sogenannten «Erlebnistage». Beim Thema «Nägel mit Köpfen» dürfen die Teilnehmenden mit fachlichem Beistand des Museumsschmieds einen Eisennagel selber schmieden. Mit der Führerin und einem Arbeitsblatt geht es anschliessend auf Entdeckungsreise im Museum: wo wurden eigentlich überall handgeschmiedete Eisennägel verwendet? Wie behalf man sich zu einer Zeit, wo sich nur wenige reiche Bauernfamilien solche Nägel leisten konnten? Klar – mit «genialen» Holzverbindungen wie dem Schwalbenschwanz, der Verblattung, dem Schwellenschloss... Diese Holzverbindungen werden dann (am Modell) auch gleich selbst fachgerecht zusammengesetzt. Ein anderer Erlebnistag setzt sich mit Fragen rund um die Hygiene, um Gesundheit und Krankheit vor 200 Jahren in ländlichen Gebieten auseinander. Welche Heilmittel kannte man damals? Wie ging eine Geburt vor sich? «Nachgespielt» werden solche Szenen in der Schlafstube des Toggenburger Hauses von Wattwil SG (931), in der die Vorbereitung zur Geburt ausgestellt, bzw. inszeniert ist. Wie «bequem» ein Gebärstuhl ist, darf (vielleicht nicht zur unbedingten Freude des Sammlungskonservators oder der Restauratorin) an Ort und Stelle ausprobiert werden, selbstverständlich mit der dem Objekt gegenüber gebotenen Vorsicht. Es ist einerseits ein zentrales museumspädagogisches Anliegen, aufzuzeigen, wie der Alltag früher hätte gewesen sein können – und gleichzeitig (und dies ist manchmal ein ziemlicher Handwerk 1/99 23


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Balanceakt!) muss die museale Situation, welche die Wirklichkeit nie eins-zu-eins widerspiegeln kann, bewusst sein!

Museumspädagogik konkret Das Aufgabenfeld der Museumspädagogik hat sich in den letzten Jahren stark vergrössert und geht längst über die Unterstützung «nur» der Schulen hinaus. Bevölkerungsgruppen wie Seniorinnen und Senioren, Freizeitgruppen von Erwachsenen, verschiedene Behindertengruppen, speziell interessierte Laien, aufgeklärte Fachpersonen – kurzum: alle müssen auf die Dienste der Museumspädagogik zählen können. Wie es David Marc Hoffmann, Absolvent des Nachdiplomstudiums Museologie überaus treffend ausdrückte, umfasst das Gebiet der Museumspädagogik «im Gegensatz zur trivialen Auffassung, es gehe nur darum, Plastilin, Papier und Farbstifte für die Kinder der erwachsenen Besucher bereitzuhalten, eigentlich alle Fragen der Vermittlung: von der Eingangsgestaltung des Museums über die Anordnung des Rundgangs durch eine Ausstellung, über die Schriftgrösse und Aufhängung der Informationstafeln bis hin zur Gestaltung von Begleitveranstaltungen und Führungen.»

Museumspädagogik oder Vermittlung ? Die Museumspädagogik lässt sich verstehen als ein Teil der klassischen musealen Aufgaben: Sammeln, Bewahren, Forschen und eben dann als Folge der drei: Vermitteln. Da die Objekte – wie man so schön sagt – stumm sind, sollen sie durch Vermittlungsprogramme, die alle Sinne ansprechen (sehen, hören, riechen, schmecken, tasten), den Besucherinnen und Besuchern näher gebracht werden. Modern gesprochen geht es darum, dass die Museumspädagogik dem Publikum hilft, mit den Objekten und der gesamten Ausstellung zu interagieren. Im französischen gibt es keine Museumspädagogik, der dort verwendete Begriff «médiation culturelle» stellt die Vermittlerrolle in den Vordergrund. Ebenso redet man in Deutschland und Österreich von Vermittlung statt Museumspädagogik, da die «Pädagogik» allzusehr an den erhobenen Mahnfinger, bzw. Zeigestock erinnert.

...Hauptsache, den Besuchern und Besucherin nen gefällt’s Im Freilichtmuseum Ballenberg sind daher – neben Schulen – Gross und Klein mit «Entdeckungsrundgängen» angesprochen. Gemeint sind damit individuelle Spaziergänge, die je nach Entdeckungslust, Suchen und Verweilen, zwei bis drei Stunden dauern und auf die Spuren des vergangenen ländlichen Alltags führen. Auf dem Rundgang «Arm und Reich» beispielsweise lässt sich in den engen dunklen Räumen des an den schattigen Hang hingeduckten Taglöhnerhäuschens von Detligen BE (371) die Not seiner BewohnerInnen erahnen, während beim stattlichen Gebäude von Ostermundigen BE (331) der Reichtum in üppiger Pracht zur Schau gestellt wird. Wer in diesem Haus gewohnt hat, wer es baute, warum und in welchem Zeitraum es aufgerichtet wurde, lässt sich alles auf der Inschrift über dem Tenntor ablesen. Hausinschriften und Hausgeschichten entziffern. Geheimnisvolle, sogenannt «abergläubische» Hauszeichen auffinden oder die Funktion von Rinderunterschenkelknochen an der Fassade entdecken lässt sich auch mittels weiterer Rundgänge für Kinder – «Ost», «West» und «Tiere und ihr Nutzen». Die Erwachsenen dürfen sich beim Rundgang «Typisch Schweiz?!» dafür einmal mit der Frage auseinandersetzen, ob die von ländlichen wie städtischen Balkonen und Fenstersimsen nicht mehr wegzudenkenden Geranien wirklich so typisch schweizerisch sind. Oder wussten Sie, dass auch im afrikanischen Kongo oder den zentralmelanesischen Pazifikinseln gejodelt wird? Das Sprichwort «auf den Eichen wachsen die besten Schinken» haben Sie bestimmt schon gehört. Leibhaftig vor Augen geführt wird es auf dem Entdeckungsspaziergang «Waldweide und Holzhieb», der erleben lässt, wie einerseits der Wald mit seinen «Naturgaben» die Bauweise und Einrichtung der Häuser sowie die Ernährung von Mensch und Tier stark beeinflusste, andererseits Nutzung und Kultivierung das Waldbild präg(t)en. ■ Esther Schönmann, Museumspädagogin im Freilichtmuseum Ballenberg

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Ablage-Symbole Werkstatt

Wissenswertes

Bauen

Kurszentrum Ballenberg Heimatwerk

Geschreinerter Hausrat

Freilichtmuseum Ballenberg

Hof- und Stallzubehör

Textil

Kunsthandwerk

Spielzeug

Bestellkarte Kursinformationen

«Handwerk»

■ Jahresprogramm 1999 Ex. Kurzprogramme 1999 ■ ■ Informationen für Veranstalter von Kursen, Seminarien und Tagungen ■ Information über Lehrlingslager

■ Abonnement, Jahr: Fr. 24.–, Ausland Fr. 32.– ■ Probenummer Fr. 8.– ■ Ausgabe Nummer:.....

Freilichtmuseum Ballenberg

Ich bin interessiert an Informationen über

■ Veranstaltungsprogramm


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Gisela Müller, Schalen Apfelbaum und Hagebuche, mit blauen und mit roten Stufen.

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Publikation des Kurszentrums Ballenberg

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