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N 24 Frühling / Sommer 2015

RELI GION


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1 EDI TOR I A L

 „Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion?“ Jahrzehn­ telang hat die sogenannte Gretchenfrage ein Schatten­ dasein in den öffentlichen Diskursen gefristet. Wer sich für aufgeklärt hielt, betrachtete das Tun und ­Wirken der Religionen und ihrer Vertreter mit kritischer Distanz und hielt die säkulare Gesellschaft für eine unhintergeh­ bare zivilisatorische und kulturelle Errungenschaft. In der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts setzte langsam, aber stetig ein Umdenken ein. Der prominente Philo­ soph und Soziologe Jürgen Habermas, der keinen Hehl daraus machte, „religiös unmusikalisch“ zu sein, setzte sich öffentlich für die Akzeptanz von Religionen als Sinnressource der Demokratie ein. Der Dialog, den er mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger führte, bestärkte ihn in seiner Forderung, die demokratische Öffentlichkeit müsse ein „Bewusstsein für das, was fehlt“ entwickeln und solle dabei die religiösen Wurzeln der Identitätsstiftung berücksichtigen. Sowohl in poli­ tischer als auch in wissenschaftlicher Hinsicht gibt es derzeit wohl kaum ein Verhältnis, das spannungsreicher wäre und mehr Diskussionsstoff böte als jenes von Reli­ gionen und säkularer Gesellschaft. Das spiegelt sich in den öffentlichen Debatten, befeuert um die Kritik am Islamismus und religiös motivierter Verfolgung, ebenso wider, wie es schließlich auch Spuren im inhalt­lichen Spektrum unserer Projektanträge hinterlässt, in denen das Thema Religion deutlich an Prominenz gewinnt. Die vorliegende Ausgabe des Magazins widmet sich des­ halb schwerpunktmäßig dem Thema „Religion“ im Zu­ sammenhang der von uns geförderten Projekte und ­berücksichtigt dieses Thema auch bei der Wahl der Bild­ strecke von Boris Mikhailov. Von heute aus betrachtet erscheint es nur folgerichtig, dass die evangelisch-luthe­ rische Kirche nicht nur die Feier des Reformationsju­ biläums im Jahr 2017 langfristig plante, sondern im­ Jahr 2008 die sogenannte „Luther-Dekade“ startete: Unser religiöses und kulturelles Selbstverständnis braucht und verdient eine umfassende Reflexion. Die Kulturstiftung des Bundes hat im Zusammenhang der Luther-Dekade schon mehrfach Projekte gefördert. In diesem Jahr nun hat die katholische Kirche eben­ falls ein historisch bedeutsames Datum zu feiern, den 50. Jahrestag des 2­ . Vati­kanischen Konzils. Das 2. Vatika­ nische Konzil (1962–1965) wirkt bis heute auf das Ver­ hältnis von Staat und römisch-katholischer Kirche oder den Umgang mit Nichtchristen oder Leitfragen der Ökumene nach. Die Kulturstiftung des Bundes fördert ab Mai eine große Ausstellung in Düsseldorf, in der anhand von zeitgenössischen Werken die christ­ liche Ikonografie als Bestandteil des kollektiven Bild­ gedächtnisses vorgestellt wird („The Problem of God“). Darüber ­hinaus führt die Kulturstiftung des Bundes ihre Tradition eigener Veranstaltungen („Die Untoten“, „Kulturen des Bruchs“, „Einbruch der Dunkelheit“, „Politische Romantik“) auch in diesem Jahr fort und lädt wieder zu einer internationalen Konferenz ein. Unter dem Ti­ tel „Religion und Wachstumsdenken“ fragt sie danach, ob Religionen den modernen Wachs­ tumsglauben fördern oder ihm in kritischer Absicht Grenzen setzen. Im Zentrum der Konferenz stehen die drei dominierenden Religionen Mitteleuropas,

die abrahamitischen Religionen Judentum, Islam und Christentum. Mit ­dieser Konferenz möchte die Kultur­ stiftung des Bundes einen eigenen, religionenüber­ greifenden Akzent zu den historischen und theologi­ schen Implikationen unserer gegenwärtig sich immer weiter globalisierenden Kultur setzen. Das ReligionsHeft macht mit dem Beitrag eines ganz „normalen“ evangelischen Pfarrers und weithin geschätzten Predi­ gers auf, der darüber nachdenkt, warum es religiöse, warum es „christliche“ Menschen hierzulande überhaupt noch gibt (S. 4). Die Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally stammt aus den USA, wo es evangelikale Strömungen gibt, die, anders als bei uns, den Ton in Politik und Gesellschaft angeben und dabei keineswegs rückschritt­ lich sein müssen. Und sie findet das auch gut und rich­ tig so, zumal sie die landläufige, auch in Europa vorge­ tragene Religionskritik für „naiv“ hält (S. 8). Marcia Pally wird ebenso an der Konferenz teilnehmen wie ­Birger Priddat aus Witten-Herdecke: Im Interview mit Jacque­ line Boysen ­ beleuchtet der Ökonom ­ und Philosoph ­verschiedene Facetten im Zusammenspiel von religiö­ sen Glaubensgrundsätzen und kapitalistischer Doktrin­ (S. 14). Der katholische Theologe Reinhard Hoeps be­ zweifelt, dass es eine Rückkehr christlicher Bilder, eine Renaissance christlicher Bildmotive gibt, auch wenn die These von der Rückkehr der Religionen dies scheinbar nahelegt. Die Kunst der Gegenwart lasse sich nicht so einfach auf das Erbe der Religion verpflichten, stellt er mit Bezug auf die Ausstellung „The Problem of God“ fest (S. 17). Christoph Balzar hat sich die Teilausstel­ lung „[O]ffene Geheimnisse“ in der Probebühne 4 des Humboldt Lab angesehen und beleuchtet am Beispiel der heiligen „Churingas“ austra­lischer Aborigines die moralischen Konflikte, wenn ­sakrale Objekte im profan-­ musealen Kontext einer ethnographischen Sammlung gezeigt werden (S. 21). Der britische Schriftsteller Tim Parks schließlich beschäftigt sich mit der (derzeit eher unpopulären) Frage, ob nicht die Wissenschaft(en) der Religion den Rang abgelaufen haben, wenn es um Deu­ tung und Sinn von Lebensfragen geht (S. 23). Hortensia Völckers, Alexander Farenholtz Vorstand Kulturstiftung des Bundes


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Schwerpunkt: Religion Ist Glauben gefährlich? Oder liefert er säkularen Gesellschaften lebenswichtige Werte für unser gesellschaftliches ­Zusammenleben? Braucht es überhaupt Religionen oder wäre zu wünschen, sie verschwänden?

BORIS MIKHAILOV Für die vorliegende Ausgabe mit dem Schwer­ punkt „Religion“ haben wir Boris Mikhailovs Serie „Strukturen des Wahnsinns, oder: ­Warum Hirten in den Bergen oft verrückt werden“ (2011/12) ­ausgewählt, die in Ägypten, nahe dem Roten Meer, entstanden ist. Felszeichnungen, Petroglyphen, gehören zu den ältesten Beispielen bildender Kunst und geben häufig religiöse Anschauungen wieder. Mikhailov, der selber nicht religiös ist, ist aller­ dings davon überzeugt, Religion habe der Ent­ wicklung der Bildkultur den entscheidenden An­ stoß gegeben. In der Serie in unserem Einleger führt der Künstler vor, wie unser Auge zur Wieder­ erkennung bestimmter visueller Gestalten, Sche­ mata, Dogmen, Kanons neigt. Die vom Fotografen eingefangene Felsstruktur bringt neue Zeichnun­ gen hervor und verweist zugleich auf vorhandene Bild- und Motivbezüge, man „liest“ Gesichter, Torsi, phantastische Wesen. Zusammen mit dem Kunstwissenschaftler Sergey Fofanov hat Mikhailov sie religiös interpretiert.

Thomas Baltrock  Das Fortbestehen der Kirche in ihrer vertrauten Form ist nicht das Ziel christlichen Glaubens. Was bleibt sind Räume, Rituale und Texte.

S. 4

Marcia Pally  Wir schieben die Schuld für die Übel des Lebens weit weg von uns selbst. Nicht wir sind die Ursache unserer Gier und unseres Scheiterns – es ist die ­Religion. Eine so erfolgreiche wie verlogene Strate­ gie, findet Marcia Pally in ihrem Essay.

S. 8

Neue Projekte — Bild & Raum Die medizinische Versorgung im Konzentrations­ lager Ravensbrück durch das Häftlingspersonal (1939–1945) / Common Grounds / Rémy Zaugg – und die Frage der Wahrnehmung / Kostas Murkudis. Alchemie / Things to come / Bodenlos / Groundless / Ironie in der Medienkunst / Counting in Eight, Moving by Color / Inhuman / Assoziationsraum Wunderkammer /

S. 11–13


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Neue Projekte — Bühne & Bewegung

Jacqueline Boysen im Gespräch mit dem Ökonomen und Philosophen Birger Priddat Kein Deal ohne Gott: Judentum, Christentum und Islam ordnen die Welt, auch die der Wirtschaft. Aber gelten ihre Lehren auch noch für den Turbokapitalismus unserer Gegenwart? Jacqueline Boysen im Gespräch mit dem Philoso­ phen Birger Priddat über die heikle Beziehung von Glauben und Geld.

Christoph Balzar Warnung: Australische Aborigines und Torres-­ Strait-Insulaner können auf den folgenden Artikel möglicherweise empfindlich reagieren, da er Hin­ weise auf Verstorbene und religiöses Geheimwissen beinhaltet.

S. 21

RomAmoR / TERRORisms / Impulse Theater Festival 2015 / Balagan!!! / Paul McCarthy – Stage Coach & ­Theo Altenberg – Invite / Dreck / ORFEO / Sieben Räume Unbegreifen / Save the world / Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 / Interview mit Michael Wildt – Die Angst vor der Spiegel-Bestsellerliste

S. 28–31

S. 14

Gremien & Impressum S. 32

Rufer in der Wüste Eine Bildstrecke von B ­ oris Mikhailov

Tim Parks Welche Rolle spielen wissenschaftliche Erkenntnisse für Sinngebung und Lebensführung? Können sie religiöse Gewissheiten beerben?

S. 23

Neue Projekte Neue Projekte — Bild & Raum Reinhard Hoeps Stehen wir vor der Rückkehr christlicher Bildwel­ ten? Künstler der Gegenwart stoßen weniger aus Glaubensgründen, als vielmehr durch ihre Beschäf­ tigung mit der Kunstgeschichte auf die christliche Bildsprache – die sie gleichwohl inspiriert.

S. 17

Neue Projekte — Wort & Wissen Grandhotel Cosmopolis Peace Conference / Wissenschaft als Religion? / CHANGE / Gedicht von Boris Chersonskij – Einer muss standhalten

S. 19–20

Walker Evans: Tiefenschärfe / Depth of Field / eigenvalue / Kingdom Paradise / Travestie für Fortgeschrittene / Nickolas Muray / Die Bestie und der Souverän /

S. 25–26

Neue Projekte — Musik & Klang Alif::split of the wall / Festival für Zeitfragen / 500 Jahre mit Luther /

S. 27

Die interdisziplinäre Jury hat auf ihrer letzten Sitzung im Herbst 2014 32 neue Förderprojekte ausgewählt. Die Fördersumme beträgt insgesamt 4­ ,1 Mio. Euro. Ausführlichere Infor­mationen zu den ein­zelnen Projekten finden Sie auf unserer Website ­w ww.kulturstiftung-bund.de oder auf den Websites der Projekt­träger. Nächster An­tragsschluss für die Allgemeine ­Projekt­­f örderung ist der 31.7.2015. Die Mitglieder der Jury: Dr. Brigitte Franzen Direktorin des Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen / Joachim Gerstmeier Leiter des Bereichs Darstellende Kunst bei der Siemens Stiftung / Dr. Angelika Nollert Direktorin des Neuen Museums – ­Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg / Dr. Andreas Rötzer Verleger und Geschäftsführer des Verlags Matthes & Seitz Berlin / Albert ­Schmitt Managing Director der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen / Gisela Staupe Stellvertretende Direk­torin des Deutschen Hygiene-Museums Dresden / Karsten Wiegand Intendant des Staats­ theaters Darmstadt


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WAR ES  UN IMMER   GIBT Über Religiosität zwischen Wahrheit und Wärmebedürftigkeit, Wachheit und Selbstvergessenheit


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RUM  UNS NOCH  Z

Thomas Baltrock

u den Überraschungen, die man er­ leben kann, wenn man heute eini­ ge b­ innenkirchliche Prognosen der acht­ziger Jahre zur Zukunft der evangelischen Kirche liest, gehört die ­ schlichte Tatsache, dass es christliche Religion in volkskirch­ lich verfasster Form überhaupt noch gibt. Die Formel „angesichts sinkender Mitgliederzahlen“ hat mich seit meinem Eintritt in den Kirchendienst begleitet. Und noch kurz vor Weihnachten 2014 erbat ein Journalist des Norddeutschen Rundfunks am Telefon Auskunft darü­ ber, wie es denn für einen Pastor so sei, am Heiligen Abend in einer überfüllten Kirche zu stehen und den Rest des Jahres vor leeren Bankreihen zu predigen. Nun, das Problem hat unsere Lübecker Innenstadtgemeinde nicht. Übrigens wird gern übersehen, dass sich an jedem

Wochenende des Jahres mehr Menschen in Kirchen als in Fußballstadien versammeln. Das ist eigenartig ange­ sichts der massiven Religions- und Kirchenkritik der Neu­ zeit. „Religion als Bagatellisierung sozialer Ungerechtig­ keit im Horizont eines jenseitigen Ausgleichs.“ Wer würde bestreiten, dass es das gegeben hat? „Religion als Instrument zur Disziplinierung der Massen im Interesse der Mächtigen.“ Wer würde bestreiten, dass es das gege­ ben hat? „Religion als Zementierung längst widerlegter Weltbilder und überholter Rollenzuschreibungen.“ Wer würde bestreiten, dass es das gibt? Und trotzdem scheint Religion zu dauern. Die Vorstel­ lung, dass mit wachsendem Wohlstand und fortschreiten­ der Aufklärung sich die Religion einbahnstraßenartig in eine säkulare Welt auflöst, scheint so nicht zuzutreffen. Inzwischen fällt bereits gelegentlich der Begriff des „post­ säkularen Zeitalters“ zur Kennzeichnung unserer Tage.


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arum ist das so? ­Zunächst, sehr prosaisch: Die Behar­ rungskraft von großen ­Institutionen ist phäno­ menal. Es gibt Liegen­ schaften, Pensionsfonds, Verträge zwischen Staat, Bundesländern und Kirchen, Rechtsnachfolgen und Ge­ wohnheiten. Weitere Antworten fallen natürlich höchst unterschiedlich aus, je nachdem, wem man die Frage stellt: Ein Theologe könnte darauf antworten, der Mensch sei eben von Natur aus religiös, da von Gott auf Gott hin ge­ schaffen. Ein anderer Theologe könnte widersprechen mit dem Argument, dass der Mensch faktisch gottlos sei, der Offenbarung bedürfe und somit ein Verschwinden des kul­ turellen Phänomens „Religion“ die Beziehung Gottes zum Menschen überhaupt nicht berühre.

nomen des „Heiligen“ vollständig abhandengekommen zu sein scheint. Auf der einen Seite, auch auf höchstem in­ tellektuellen Niveau, ein metaphysisch abgesichertes, er­ kenntnistheoretisch und dramaturgisch bis in das letzte Detail durchgearbeitetes System – das leider nur von ech­ ten Kennern der Form gewürdigt werden kann –, auf der anderen Seite, oft getragen von äußerstem Engagement, eine Gestalt von Religion, der jeglicher theologischer Eros abhandengekommen ist, die, kurz gesagt, die Frage nach der Wahrheit vor lauter Wärmebedürftigkeit überhaupt nicht mehr stellt.

Versucht man, die neuen – oder erneuerten – religiö­ sen Suchbewegungen und Findungen in der westlichen Welt zu ordnen, entdeckt man die erstarkenden erzkon­ servativen Flügel in der katholischen Kirche wie auch im protestantischen Milieu. Steht in katholischen Bewegun­ gen die Kirche selbst im Mittelpunkt der gedanklichen Systematisch könnte man zwei wesentliche Quellen Bewältigung der Gegenwart, so ist es im protestantischen des religiösen Gefühls anhand der überlieferten Texte der Bereich der Bibeltext als Grundlage von Moral und Regel­ Weltreligionen eher anvisieren als analytisch festschreiben: werk für ein gelingendes Leben. Da ist zum einen das Wissen um den Gesamtzusammen­ hang alles Wirklichen, die Einheit der Welt, die aller Zer­ eben diesen Gruppierungen exis­ splitterung in Einzelnes zugrunde liegt. Ausdruck dieses tieren all jene, die für sich allein Wissens um eine grundlegende Einheit ist das religiöse oder in Kleingruppen auf der Fest, die ritualisierte Feier des Lebens. Zum anderen ist ­Suche sind. Sie suchen auf höchst da der Trotz gegen die Welt, wie sie nun einmal ist, der unterschiedlichen Wegen von Protest gegen das Leid, die Ungerechtigkeit und den Tod. höchst unterschiedlicher Ernst­ Diese Verweigerung der Akzeptanz des Faktischen drückt haftigkeit: Da gibt es zum Bei­ sich aus in Klage und lindernder Tat. Schon eher nach­ spiel jene, die dem Weg des Buddha folgen, indem sie sich prüfbar ist die These, dass Religion eine ihrer alten Funk­ bemühen, ihre Gier zu durchschauen und eine Haltung tionen zurückerhält: Orientierungshilfe und Heimat in ohne Opfer, ohne eine Institution als Heilsmittlerin und einer unübersicht­lichen Welt. Über Jahrhunderte deute­ ohne einen Begriff des „Glaubens“ zu finden. Es gibt auch ten Religionen eine Welt, die dem einfachen Menschen jene, die sich auf dem Weihnachtsmarkt eine Kerze in Ge­ nicht durchschaubar war. Im Zuge der Aufklärung verlor stalt eines sitzenden Buddha kaufen, um sie im Advent zu Religion in der westlichen Hemispäre ihre Deutungsho­ entzünden … heit, und die Welt wurde durch Fortschritte in den Na­ turwissenschaften verständlicher. Zurzeit jedoch sind wir Zwei Momente vieler dieser neuen Erscheinungen von in einer Situation angekommen, in der menschliches Le­ Religion irritieren und beunruhigen mich: Da ist zum einen die perfekte Selbstimmunisierung gegenüber ben so global vernetzt und gleichzeitig in eine solche Fül­ ­ le von Informationen fragmentiert ist, dass es nicht mehr möglicher­weise verunsichernden Argumenten. Wie oft zu verstehen ist. Allein die Vorstellung, dass ein durch­ habe ich schon versucht, dem Druiden von nebenan zu schnittlicher Mitteleuropäer heute an einem einzigen Tag erklären, dass wir über die Spiritualität seiner selbst ge­ mehr Bildern verschiedenster Medien ausgesetzt ist, als wählten Vorfahren rein gar nichts wissen – außer einigen ein mittelalterlicher Mensch in seinem ganzen Leben ge­ vieldeutigen archäologischen Befunden und tendenziösen sehen hat, kann nachdenklich stimmen. bis gehässigen Berichten aus griechischen und römischen Federn. o wächst eine neue Sehnsucht nach vertrauten Gewissheiten, spiritu­ ine andere Szene: Es klingelt am ellen Bindungen und ordnenden frühen Morgen an der Tür des ­Ritualen, nennen wir es Religion. Pastorats und zwei spektakulär ad­ ­Bemerkenswert ist nun, dass die rette junge Herren stehen vor der hochinstitutionalisierten Großkir­ Tür. Ob wir ein wenig über un­ chen kaum von diesem Trend profi­ seren Glauben sprechen können. tieren können. Gründe dafür scheinen offensichtlich: An Okay, nehmen wir das „Unser“ einem Ende der konfessionellen Bandbreite eine hierar­ großzügig; ich sehe das dann mal sportlich und trete an, chisch strukturierte Amtskirche, die manchmal in ihren ich kenne mich in der Bibel ganz gut aus: schließlich lese alten Urteilen und Wertungen eher gefesselt erscheint, als ich täglich in ihr. „Sie glauben doch auch, Herr Pastor, dass sie diese vertritt; am anderen Ende eine basisdemo­ dass Mose die fünf Bücher Mose geschrieben hat?“ „Das kratisch organisierte Kleingruppenkultur des Händchen­ kann nicht sein, schließlich wird in 5. Mose 34, 5 der Tod haltens und der gendergerechten Sprache – „Es waren des Mose in der dritten Person Singular geschildert.“ „Das aber Hirten und Hirtinnen auf dem Felde“ –, der das Phä­ hat er vorausgesehen.“ Etwas ernsthafter: 200 Jahre phi­

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lologischer Arbeit an der Schrift, die auch für mich heilig ist, prallen ab wie Darwin und Dinosaurier an Ned Flen­ ders aus den Simpsons. Der imprägnierte Glaube – alles perlt von ihm ab. Doch bedrohlicher ist Folgendes: Diese neuen Regungen des religiösen Gefühls bilden absolut iro­ niefreie Zonen. Und wo die Ironie nicht wohnt, lässt sich auch Humor nicht nieder. Schließlich geht es um Eindeu­ tigkeit, und die ist ernst. Sie nimmt sich selbst so ernst, dass sie den möglichen Ernst auch anderer nicht sieht. Und daher werden die anderen, in unterschiedlicher Ge­ fährlichkeit, bewertet als: esoterisch unbegabt, Achse des Bösen, unrussisch, Ungläubige. Hier wohnt dann der Hass. Gibt es Praktiken, mit denen sich eine evangelische Kirchengemeinde wie die unsere auch in Zukunft behaup­ ten kann? Gibt es Vergegenwärtigungen des Heiligen, die auch heute berühren und motivieren? Wobei klar sein soll­ te, dass das Fortbestehen der Institution Kirche in ihrer vertrauten Form nicht das Ziel christlichen Glaubens ist. Ehrlich gesagt, „Glaube“ hat gar kein Ziel: Weder die Er­ neuerung des Abendlandes noch die psychische Optimie­ rung des Einzelnen. Glauben hat Konsequenzen, aber, wie die Liebe, keine Absichten. Drei Pfunde sind es, die uns anvertraut sind, die das/ den Andere/n, Unbeweisbare/n, für den Glaubenden je­ doch stets Gegenwärtige/n in die erfahrbare Welt hin­ eintragen: die Räume, die Rituale und die Texte.

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nsere eigene Kirche, die kleins­ te der mittelalterlichen Lübe­ cker Innenstadtkirchen, reicht zurück bis ins frühe 13. Jahrhun­ dert, die jüngsten Kapellenan­ bauten und Ausstattungsstücke stammen aus dem 18. Jahrhun­ dert. Die Schrecken der Jahrhunderte einschließlich des Zweiten Weltkriegs hat unser Raum mit einigen Blessuren im Wesentlichen gut überstanden. In den Grüften und Kapellen ruhen noch die Verstorbenen. Tod und Gott­ vertrauen umgeben uns. Der Raum ist von unseren Vor­ fahren prächtig ausgestattet worden, und diese Pracht er­ füllt ihre alte Funktion noch immer: Sie inszeniert eine ästhetische Gegenwelt zur Alltagser­fahrung der Men­ schen und bietet dem grauen Alltag die Stirn. Als „Ab­ bilder des Himmels“ hat man einst die alten K ­ irchenbauten Europas gedeutet. Zumindest gehen sie nicht darin auf, Reflexionen der Gegenwart zu sein. Hier gewinnen die religiösen Strukturen von Fest als Lebensbejahung und Trotz gegenüber dem Faktischen gebaute Gestalt.

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ituale: Es mag erstaunen, aber bei uns ist der Gottesdienst der ­Mittelpunkt der Gemeinde. Wir ­pflegen eine feierliche, etwas ge­ straffte ­Liturgie und leugnen nicht, dass jedes Ritual auch eine Grenze zieht z­ wischen denen, die damit vertraut sind, und den Außenstehenden, darüber hinaus aber auch eine Grenze markiert zwischen dem Profanen und dem Heiligen. Interessant ist nun, dass die alten For­ men bei Besuchern den Wunsch nach intensiverer Teil­ nahme wecken – unsere Personalgemeinde (das sind

Menschen, die nicht im Bezirk unserer Gemeinde woh­ nen, sich aber trotzdem zu uns halten) wächst. Hier rea­ lisiert sich das Vertraute, Bekannte. Das Ritual des Got­ tesdienstes entspricht den Handbewegungen eines Tee-­ meisters oder den Schrittfolgen des klassischen Tanzes. Es entlastet für eine Weile von Entscheidungen und führt so in eine disziplinierte Wachheit. Und schließlich – wir sind eine lutherische Gemeinde – die Texte: Um sie zum Sprechen zu bringen, bedarf es, natürlich neben der Gabe des Heiligen Geistes, des Inte­ resses, der exegetischen Anstrengung und daher der Zeit. Die Geschichte der christlichen Kirche ist immer auch Interpretationsgeschichte von Texten gewesen, und einen Text zu interpretieren heißt auch immer, ihm nicht zu gehorchen, sondern ihn durch einen zweiten Text zu er­ gänzen oder gar zu ersetzen.

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nd manchmal mag sich im Durch­ schreiten heiliger Räume, in der ­Feier von Ritualen und in der ­A­rbeit ­an religiösen Texten ein „Mehr“ ­einstellen, das sich nicht im ästhetischen Gefallen oder methodisch verantworteten Ver­ stehen erschöpft und kaum begrifflich zu fassen ist. Manch­ mal stellt es sich ein, unverfügbar. Ich denke, diese sel­ tenen Momente klarster Selbstvergessenheit sind ein Kristallisationspunkt des Phänomens „Religion“, und ver­ mute, da, wo sie sich einstellen, da ist Religion – ob Kir­ che oder nicht. Warum es Religion und Glauben noch gibt? Für den ­Zustand „hungrig“ gibt es die Befriedigungsvokabel „satt“. Doch meiner Kenntnis nach verfügt keine Sprache über ein entsprechendes Wort zu „durstig“. Nichts und nie­ mand innerhalb dieser Welt vermag den Durst des Men­ schen zu stillen …

Thomas Baltrock, Jahrgang 1961, evangelisch-lutherischer Pastor an St. Aegidien zu Lübeck, ein weit über die Gemeindegrenzen hinaus geschätzter Prediger. Einer der wenigen, bei dem man sich wünschte, er würde sich nicht an die Regel „Predige über ­alles, aber nicht über zwanzig Minuten“ halten. Baltrock studierte alles Mögliche, Theologie, Altphilologie, Kunstgeschichte, Philosophie, und war zu Studienzwecken in Bonn, New York, Rom und Kiel unterwegs.


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DER pRAk­ t­iscHE SÜNDen bOCk

von

Marcia Pally


9 Betrachtet man die europäischen Debatten über Re­ ligion, müsste man zu dem Schluss kommen, dass diese ungeheure Macht besitzt. Was uns auch an Schlimmem zustößt – die Religion ist schuld. Sie hat die Übel der Modernität in Gang gesetzt, insbesondere den extrem rationalen Kapitalismus, und gleichzeitig lässt sie die Furien der vormodernen Irrationalität los. Sie macht die Menschen zu herzlosen Profiteuren und gleichzeitig zu leidenschaftlich unvernünftigen Vorkämpfern eines vor­ modernen Glaubens – von solcher Leidenschaft erfüllt, dass sie sich mehr um „Werte“ sorgen als um Profite. Wie unvernünftig!

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rüher übertrug der Hohe­priester mit Handauflegen die Sünden seiner Gläubigen auf einen bedauernswerten Ziegenbock, der daraufhin beladen mit allem Schlechten in die Wüste ver­ trieben ­wurde. Heute schieben wir die Schuld für gesell­­schaft­liche Kalamitäten auf die irrationalen Einflüsse der Religionen als ein verheer­endes Erbe. Eine so erfolg­reiche wie verlogene Strategie, findet Marcia Pally in ihrem Essay.

Die Kritiker des Kapitalismus möchten, dass man sich um andere Werte bekümmert als um den Profit, aber wenn die anderen Werte religiös sind, dann mögen sie das nicht – obwohl unter den Schlüsselgeboten der ab­ rahamitischen Religionen neben der Hilfe für die Ar­ men der Friede ist (5. Mose 15, 7–10 und etwa zweitau­ send andere Vorschriften), die Großzügigkeit den Fremdlingen gegenüber (2. Mose 22, 21; 3. Mose 19, 34; 3. Mose 23, 35–39; 5. Mose 27, 19; 10, 18; 24, 17; 16, 11; Lukas 10, 27–35 usw.) und gegenüber dem Feind (unter anderen Stellen 5. Mose 23, 7–8). Aber das zählt nicht. Die Religion ist das Opfer einer tautologischen Sündenbock-Strategie geworden: Man nenne das, was im Argen liegt, Religion, und dann mache man die Religion verantwortlich, wenn etwas im Argen liegt. Dies verdeckt den Umstand, dass die Religionen menschliche Institutionen sind, fähig zum Guten und Bösen wie andere Institutionen auch, und deshalb ­betrachtet werden müssen wie andere menschliche ­Anstrengungen. Wenn die Menschen von politischen ­Systemen brutal misshandelt werden – vom National­ sozialismus, vom Stalinismus, der Apartheid, dem Mao­ ismus usw. –, dann ziehen wir nicht den Schluss, dass die Politik gänzlich abgeschafft gehört. Wenn wirtschaft­ liche Systeme entsetzliche Gier und Ausbeutung produ­ zieren, überlegen wir uns nicht, wie wir die Ökonomie ein für alle Mal loswerden könnten. Ebenso sinnlos ist es, davon zu reden, wir müssten uns von der Religion befreien, wenn sich diese mit politischen Maßnahmen gemein macht, welche eine Last für die Menschen sind. Und kurzerhand den Nationalsozialismus, Stalinismus usw. als „Religionen“ zu bezeichnen – das ist eben jene tautologische Denunziation. Man bezeichnet eine Ideo­ logie als Religion und macht dann die Religionen (Chris­ tentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Bahai) für die Missstände der Welt verantwortlich. Drei der häufigsten Klagen, welche man gegen die Religion erhebt, lauten: Sie führt in stärkerem Maße als andere Institutionen zur Gewalt, sie ist widervernünftig und insofern per se schlecht, und sie stützt die schlimm­ sten Züge des Kapitalismus. Ich werde diese drei Punk­ te der Reihe nach durchgehen und dann auf religiöse Grundsätze zu sprechen kommen, die – ganz anders, als die tautologischen Vorwürfe es wollen – direkt die ego­ istischen, gewaltsamen Untaten kritisieren, zu welchen die Menschheit imstande ist. Der Vorwurf außergewöhnlicher Gewaltsamkeit des Religiösen hätte eigentlich bereits durch die säkularen Gräuel des 20. Jahrhunderts widerlegt sein sollen, doch auch die des 19. oder 18. hätten ausgereicht (Kolonialis­ mus, Sklaverei, politische Unterdrückung, Folter), wie auch die des 9. und 8. (und weiter zurück bis in die An­ tike). Die Kreuzigung war schließlich ein Instrument der römischen Politik, nicht der Religion. Schon ein kur­ zer Blick auf die Kriege, Unterwerfungsfeldzüge, die Verfolgungen von Stämmen und Ethnien und die Me­ thoden der Folter, die zum politischen und ökonomi­ schen Nutzen polytheistischer Gesellschaften ins Werk gesetzt wurden, ohne dass dabei die abrahamitischen Religionen irgendeine Rolle gespielt hätten (etwa in Ost­ asien, Afrika, im präkolumbianischen Amerika), sollte die Fabel von einer speziellen religiösen Neigung zur Gewalt der Absurdität überführen. Frieden ist ein wich­ tiger Zentralbegriff der Bibel: 5. Mose 20, 10 schreibt vor, Friedensverhandlungen zu führen, ehe man Krieg be­ ginnt; bei der Kodi­fizierung des Gesetzes durch die rab­

binischen ­Kommentatoren und Maimonides wurden solche Friedens­anstrengungen als bindend vorgeschrie­ ben. Man könnte bescheiden sagen, dass Jesus, der Frie­ densfürst, der die andere Wange hinhielt, diese Tradi­tion fortsetzte (für eine detailliertere Diskussion von Gewalt in der Bibel vgl. Pally, The Hebrew Bible is a problem set, in: Schieder, Die Gewalt des einen Gottes, Berlin 2014). In der Neuzeit stammten die Argumente gegen kirchliche Verfolgung nicht erst von den Wortführern der Aufklärung, sondern – zwei Jahrhunderte zuvor – von religiösen Denkern wie dem Reformierten Sebasti­ an Castellio, dem Juden Baruch Spinoza und dem Puri­ taner, Sozinianer (und möglicherweise Arianer) John Locke, die alle durchdrungen waren von judäochristli­ chen Lehren. Der kategorische Imperativ Kants nimmt die biblische Goldene Regel wieder auf. Es ist eine Ba­ nalität, die für Frieden und Gerechtigkeit eintretenden Bewegungen herzuzählen, die von religiösen Persön­ lichkeiten angeführt wurden: Dorothy Day und die ­lateinamerikanischen Befreiungstheologen (Katholiken), ­Martin Luther King Jr. und andere in der Bürgerrechts­ bewegung (Protestanten), Desmond Tutu (ein Anglikaner) oder Emmanuel Levinas, Martin Buber und ­Abraham Joshua Heschel (Juden). Man könnte auch die Kranken­ häuser, Schulen, die Programme zur Hilfe für Gefange­ ne usw. auflisten, die von Gläubigen betrieben werden. Den Vorwurf, die Religionen seien irrational und in­ sofern schlecht, finde ich doppelt merkwürdig: Irratio­ nalität ist nicht als solche schlecht, und religiöse Grund­ annahmen sind nicht irrational. Man nennt sie so, weil man sie ohne das notwendige exegetische Instrumenta­ rium falsch entziffert. Ich will nicht mäkeln, aber wir im Westen bilden uns politisch und ökonomisch, um die entsprechenden Texte mit Verstand lesen zu können, der Theologie aber nähern wir uns mit einer kindischen Hermeneutik, um dann zu erstaunen, dass nur Kinder­ geschichten dabei herauskommen. Bei theologischen Präzepten, die auf biblischer Er­ zählung und biblischer Bildlichkeit beruhen, geht es we­ der um historische Tatsachen noch um Wissenschaft. A. N. Whitehead nannte eine solche Annahme „den Trug­ schluss des falsch Konkreten“ (Whitehead, Wissenschaft und moderne Welt). Rowan Williams, der ehemalige Erz­ bischof von Canterbury, schreibt, dass die Versuche, die Bibel mit irgendeiner Faktizität in Einklang zu bringen, wohl „am falschen Ende“ ansetzen, da der Zweck des Textes nicht historische Genauigkeit ist, sondern die Erforschung der menschlichen Existenz – der Art und Weise, wie wir Gut und Böse hervorbringen und darauf reagieren (vgl. Williams, Being Christian). Die Bibel ist ein Apparat von Problemen, mit dem es eine Ethik zu entwickeln gilt, nicht eine Reihe von Ikea-Instruktionen, die man genau nachahmen muss. Das ist keine moderne Idee: Der Talmud verbietet es, die Bibel als Wissenschaft zu lesen; Averroes lehrte im 12. Jahrhundert die kritische Interpretation religiöser Texte. Die Noah-Geschichte beispielsweise soll uns nicht über eine große Flut in al­ ter Zeit informieren, sondern über die Folgen, welche menschliche Exzesse (Sünden), die der Natur Gewalt antun, auf diese Natur haben. Während manche eine buchstäbliche Auffassung der Bibel lehren, tun die meis­ ten dies durchaus nicht, und die Behauptung, eine solche eingeschränkte Interpretation sei mit der Religion schlechthin gleichzusetzen, lässt sich nicht aufrechter­ halten – falls man nicht tautologisch argumentiert und nur die Vertreter der Buchstäblichkeit religiös nennt (was den Erzbischof von Canterbury aus der Kirche vertriebe), um dann der Religion Buchstäblichkeit vorzuwerfen. Die Vorstellung, Irrationalität sei von Übel, ist nicht nur merkwürdig, sondern geradezu erschreckend, da die Liebe, die Kunst und jene Generosität, die wenig zu­ rückbekommt, allesamt „irrational“ sind, aber von ho­ hem Wert. Hier könnte die Kapitalismuskritik überhaupt ihr Ziel verfehlen: Es könnte sein, dass nicht der Einfluss irrationaler religiöser Werte, sondern deren Fehlen die fatalen Exzesse des Kapitalismus möglich macht. Der Ökonom Antonio Genovesi bemerkte im 18. Jahrhun­


10 dert, dass die kapitalistischen Märkte selbst keine nega­ tiven Folgen haben, sondern einfachen Leuten die Mög­ lichkeit geben, aus überkommener, ansonsten nicht abzuschaffender Armut herauszukommen. Doch, so meinte er in den „Lezioni di commercio“, blühen die Märkte nur bei Vorhandensein der „irrationalen“ Werte des Vertrauens und der gegenseitigen Fürsorge – irrati­ onal, weil man diesen Werten auch dann folgen soll, wenn man ohne sie rascher vorwärts kommen und mehr Pro­ fite erzielen könnte. Adam Smith, der angebliche Guru der Gier, war derselben Ansicht und lehrte, dass der Ka­ pitalismus nur dort funktioniert, wo die Beteiligten die Tugenden der Verantwortung für das Allgemeinwohl be­ sitzen, darunter Ehrlichkeit, das Einhalten von Verspre­ chen und Zusammenarbeit. Jedermann sollte, so schrieb Smith in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“, „ver­ suchen, so gut er nur kann, sich in die Lage des anderen zu versetzen, und sich selbst jeden geringen Umstand des Unglücks vor Augen halten, der dem Leidenden er­ denklicherweise zustoßen kann“. Hier haben wir wieder die Goldene Regel, die auf der „irrationalen“ Idee beruht, dass alle Menschen nach Gottes Bild geschaffen worden sind und infolgedessen so behandelt werden müssen, wie wir selbst behandelt werden möchten. Vielleicht sollten wir diese Position des Gurus der Gier ernst nehmen.

der Lust an unbegrenzter Verbesserung – „Mehr“ als ein ethisches Prinzip, synergetisch von der Wissenschaft, der Ökonomie und dem protestantischen Anstrengungs­ ethos vorangetrieben. Es ist wichtig, festzuhalten, dass die Anstrengung und der Wunsch, sich zu verbessern, in sich nichts Böses sind. Das Missbräuchliche an ihnen tritt erst dann her­ vor, wenn sie nicht länger mit einer Ontologie dessen verbunden sind, wozu die Anstrengung eigentlich dient, und mit einer Ethik, die überlegt, auf welche Weise man das Bessere erzielen soll – wie Genovesi und Smith be­ merkten. Und wie es die abrahamitischen Religionen statuieren: Ihnen zufolge soll das Individuum nicht aus Eigenem nach Kontrolle und Gewinn streben; es gehört zu einem System, dessen Grundlagen nur funktionieren, wenn wir füreinander und für die natürliche Infrastruk­ tur Sorge tragen.

Da die Religion jeglichem Ehrgeiz solche Kautelen vorschreibt, ist es ebenso töricht, sie für deren Verlet­ zung verantwortlich zu machen, wie das Heiratsgelübde als Ursache des Ehebruchs zu sehen. Wir mögen unsere religiösen Prinzipien verraten, wie wir unsere politischen Prinzipien oder unsere guten Vorsätze zum neuen Jahr verraten, aber das ist keine Eigenheit des Glaubens. Nun möchte ich kurz skizzieren, wie man in wirt­ schaftlicher Hinsicht von der Theologie zur Ethik ge­ Das Argument, dass man zu dieser Position auch auf langt. Die Theologie beginnt mit der Idee eines Seins, säkularem Wege gelangen könnte (wenn ich ehrlich mit einer Wesenheit, welche die Ursache dafür ist, dass etwas dir umgehe, wirst du mit mir ehrlich umgehen), ist le­ ist und nicht nichts, wie sie auch die Ursache der beson­ diglich strategisch. Die Menschen werden sich nur so deren Prinzipien ist, welche die Dinge bewegen – einer lange anständig verhalten, bis sie es sich leisten können, Ursache aller Ursachen. Individuelle Wesen gehen aus eigennützig zu agieren – nur bis zu dem Punkt, da die dem Seienden (wie Heidegger sagen würde) nicht als Vorteile, die der Missbrauch anderer mit sich bringt, grö­ identische Abbilder oder mit vergleichbaren Einzelhei­ ßer werden als die Nachteile. Genau dies ist das „ratio­ ten ihrer Erscheinung hervor, sondern auf analoge Wei­ nale“ Kalkül, das die Ausbeutung und die Finanzkrisen se – sie teilen mit dem Schöpferprinzip etwas von des­ von 2008 (1929, 1893, 1878 … 1673, 1619) mit sich bringt. sen Grundstruktur. Thomas von Aquin bezeichnet dies Wer erklärt, die Sorge um andere sei nicht bloß eine als analogia entis (Analogie des Seins): Ursachen führen Strategie, sondern ein säkulares humanistisches Prinzip, zu Ergebnissen, die ihnen ähneln, und so besitzt die der muss seine Prinzipien klar darlegen. Es mag dies Menschheit, verursacht von dem Grundprinzip Gott, seine Position sein, aber wie kam diese Position zustan­ eine gewisse tiefsitzende Ähnlichkeit mit diesem. Poe­ de? Der Humanismus hat sich nicht aus sich selbst heraus tischer ausgedrückt: Wir sind erschaffen nach seinem geboren, sondern ging aus der Ontologie der abrahami­ Bilde. „In allen Dingen“, schrieb Thomas von Aquin, „ist tischen Glaubensformen hervor, und selbst wenn heute Gott wesentlich die Ursache des universellen Seins, das ein säkularer Menschenrechtsdiskurs existiert, so sind im Innersten aller Dinge ist … In allen Dingen arbeitet die Prinzipien, die ihm zugrunde liegen, nicht säkular. Gott zuinnerst.“ (Summa Theologica, I a, q. 105, art. 5) Da das Schöpferwesen von den Einzelwesen unter­ Gewiss, manche Züge des Protestantismus haben den Kapitalismus begünstigt. Max Weber hat die Ratio­ schieden ist, aber gleichzeitig „zuinnerst“ in uns, ist das, nalisierung des Lebens betont, aber entscheidend ist was ich „bezügliche Unterschiedenheit“ nennen möch­ auch die Vorstellung von individueller Anstrengung: In te, schlechthin ein Teil dessen, was es bedeutet, über­ dem Maße, in dem jeder Mensch sich anstrengt, zu Gott haupt zu „sein“. Jeder Mensch ist unterschiedlich, aber zu gelangen und sich moralisch zu verhalten, wird die wir sind durch Beziehungen und für sie bestimmt. Selbst Anstrengung als solche zu einer gut trainierten Musku­ eineiige Zwillinge sind in ihren Zielen und Charakteren latur, die sich bald auf vielen Gebieten einsetzen lässt, unterschiedlich – was Alain Badiou als „universelle Sin­ darunter die Wirtschaft. Ist man einmal geübt im Sich-­ gularität“ bezeichnet (vgl. Badiou / Žižek, Philosophie Anstrengen, bemüht man sich um mehr von allem und Aktualität) –, und doch entwickeln sich alle Perso­ ­(Besitz, Marktanteil), ohne groß zu fragen, wozu der nen zu einzigartigen Individuen nur durch Be­ziehungen, ­Zuwachs dient oder wie man ihn auf gesellschaftlich ver­ beginnend mit denen zu unseren frühesten Bezugsper­ trägliche Weise erzielen könnte. sonen. Wir sind Geschöpfe der Beziehung und der ge­ Doch wurde der Protestantismus ebenso stark von genseitigen Beeinflussung und müssen uns deshalb auch der Wirtschaft beeinflusst, wie er diese wiederum präg­ um unsere Beziehungsnetzwerke kümmern – um die te. Mit der wissenschaftlichen Revolution wuchs die Institutionen von Erziehung, Verwaltung, Wirtschaft und Kontrolle über die Natur beträchtlich, was die beabsich­ Politik, welche es den Menschen erlauben, zu jenen Per­ tigten Folgen größerer Gesundheit und größeren Wohl­ sonen zu werden, die sie schließlich sind. Während dies standes hatte. Zu den unbeabsichtigten Folgen gehörte mit ganz nahen anderen Menschen anfangen mag, er­ eine Verschiebung des Menschheitsstandpunkts von ei­ strecken sich angesichts der Mobilität von Menschen, nem Ort in der Natur zu einer Haltung der Kontrolle Waren, Viren und Ideen die Zonen gegenseitiger Beein­ über die Natur und das Bestreben, immer mehr aus ihr flussung über den ganzen Erdball. herauszuholen. Das ging einher mit dem Nominalismus, einer Philosophie, die fasziniert war vom Verstand und Politische Strategien, welche diese bezügliche Un­ dessen Fähigkeit, festzulegen, was etwas bedeutet – die terschiedlichkeit berücksichtigen (welche die Probleme unberechenbare Natur in ein kontrollierbares Werkzeug nicht gegen den ontologischen Strich bürsten wollen), zu verwandeln. In dem Maße, in dem die Bedeutungen erzielen bessere Ergebnisse als andere. Eine derartige vom Verstand festgelegt wurden und in dem die Vortei­ Politik berücksichtigt die Anliegen der Einzelnen (das le wuchsen, welche die Kontrolle über die Natur mit sich Unterschiedliche) und hält diese Anliegen für beden­ brachte, wuchs auch die Wichtigkeit der persönlichen kenswert. Auf die Anliegen anderer einzugehen – wech­ (rationalen, wissenschaftlichen) Kalkulationen jedes selseitige Bedenkenswertigkeit – bedeutet nicht, dass Menschen, stets mehr aus der Welt herauszuholen, durch man die eigenen Ansichten aufgibt oder dass alles, was Bergbau, Erfindung und Fabrikproduktion. Kurz, die jemand verlangt, ihm auch zugestanden wird. Es bedeu­ Freude daran, nicht mehr so früh sterben zu müssen und tet, dass man wechselseitig die verborgenen Bedürfnis­ über schönes Weißzeug und Teetassen zu verfügen, wich se, Ängste und Pläne des anderen erkennt, damit man

sich mit alledem so beschäftigen kann, dass alle Betei­ ligten ihren Beitrag leisten. Kurz, die Theologie vom Wesen der Dinge ergibt eine Ethik, die lehrt, wie man es vermeidet, die Dinge in den Sand zu setzen. Ein praktisches Beispiel: Die Frage ist nicht, ob eine Holzfirma und deren Angestellte (die ihre Arbeit behal­ ten möchten) weiterhin legal Bäume abholzen dürfen, obwohl die in der Gegend Wohnenden und diverse Um­ weltschutzgruppen dagegen protestieren. Die Frage ist, wie die Verhandlungen aussähen, wenn alle Beteiligten (Besitzer, Aktionäre, Angestellte, Anwohner, Umwelt­ schützer) des Glaubens wären – und zwar auf so selbst­ verständliche Weise, wie wir glauben, dass wir atmen –, dass eine Diskussion (mit Joel Hunters Formulierung) damit beginnt, herauszufinden, „weshalb die andere Seite für die andere Seite ist“, und sich damit fortsetzt, dass wir das als bedenkenswert betrachten (Hunter ist Pfarrer und war von 2009 bis 2010 Mitglied des „Presi­ dent’s Advisory Council on Faith-Based and Neighbor­ hood Partnerships“ von Präsident Barack Obama; vgl. Hunter, A New Kind of Conservative). Niemand verlässt die Diskussion, ehe er nicht substanziell zur Lösung bei­ getragen hat und ehe nicht ein Konzept entwickelt wor­ den ist, bei dem niemandes Anliegen ignoriert werden. Kurz: Wie sähe die Ökonomie aus, wenn wir die Kon­ sequenzen aus einer derartigen Theologie zögen, die in den abrahamitischen Glaubensformen recht verbreitet ist? Ich glaube, die reflexhafte Verurteilung der Religion funktioniert wie jeder andere Sündenbockmechanismus. Sie schiebt die Schuld für die Übel des Lebens beruhi­ genderweise weg von uns selbst. Wir sind nicht die Ur­ sache unserer Gier und Aggressivität – die Religion ist‘s. Wäre dieser Eindringling nicht mehr da, dann wären wir alle freundlich und unschuldig. Wir machen die Religion zum Teufel und ziehen uns zurück auf den bekannten Satz „Dazu hat mich der Teufel verleitet!“. Die Religion, die seit Jahrtausenden über die Schwä­ chen der Menschheit meditiert, gibt auch einige Hin­ weise zur Mechanik des Sündenbockes. Das Judentum verbietet es, jemanden zum Sündenbock zu machen; will man unbedingt Aggressionen ausagieren, bediene man sich eines Ziegenbockes. Das Christentum ist vertraut mit dem Vorgang, dass man von eben den Menschen ­gekreuzigt wird, denen man helfen möchte. Tatsächlich – um zu unserer Diskussion, wie man die Bibel lesen soll, zurückzukehren – ist die Erforschung dieser mensch­ lichen Angewohnheit ein Hauptzweck der Lektüre. Aus dem Amerikanischen von Jo Kalka

Marcia Pally forscht als Kultur- und Sprachwissenschaftlerin zum Verhältnis von Kultur, Religion und Politik sowie zum Einfluss von Kultur auf Sprachgebrauch und Spracherwerb. Pally lehrt Multilingual Multicultural Studies an der New York University. 2014/15 ist sie DAAD-Gastprofessorin, 2012/13 war sie Mercator­-Gast­professorin an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin sowie 2006/07 und 2009/10 Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg. Als Ergebnis ihrer Beschäftigung mit religiösen Strömungen in den USA erschienen „Die hintergründige Religion“ und „Die neuen Evangelikalen in den USA“, beide Berlin University Press, 2008 und 2010. Zurzeit arbeitet Pally an einem Buch über „Theologies of Rela­tionality“, das Anfang 2016 bei Eerdmans erscheint. Marcia Pally wird auf der Konferenz „‚Ihr aber glaubet‘ – Über Religion und Wachstumsdenken“ sprechen, die vom 12. bis 14. Juni in Köln stattfindet und von der Kulturstiftung des Bundes veranstaltet wird (vgl. S. 15).

↗ www.kulturstiftung-bund.de/ihraberglaubet


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Neue Projekte Bild & Raum

Die medizinische ­Versorgung im ­Konzentrationslager Ravensbrück durch das Häftlings­personal (1939–1945)

© Timm Rautert

Dokumentation und Wanderausstellung

Über die Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus hat die Wissenschaft seither viele Forschungen angestellt – ins­ besondere über die Euthanasieprogramme und die sogenannten Humanexperimen­ te in den Konzentrationslagern. Der Ein­ satz von Häftlingen in der Krankenbe­ treuung hingegen wurde nie eingehender systematisch untersucht oder darge­ stellt. In einer Fallstudie zum brandenburgi­ schen Konzentrationslager Ravensbrück, wo die SS zwischen 1939 und 1945 Häft­ linge unterschiedlichster Herkunft als Ärz­ te und Pfleger einsetzte, befasst sich das Projekt nun mit deren Arbeit – ­Arbeit, die für diese „Funktionshäftlinge“ eine ­ständige Gratwanderung zwischen den Befehlen der SS, ihren eigenen Über­ lebensinteressen und den Bedürfnissen der Kranken bedeutete, und die dem­ entsprechend kontrovers von den Mit­ häft­lingen beurteilt wurde, die sich in ih­ rer ­Obhut befanden. Eine Wanderausstellung präsentiert die Forschungsergebnisse anhand von historischem Material einer interessierten Öffentlichkeit. Eine Dokumentation der Arbeit sowie eine Datenbank bieten die Grundlage für weitere Forschungsvor­ haben. Projektleitung: Karin Bergdoll Künstlerische Leitung: Christl Wickert Autorin: Ramona Saavedra Santis Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Fürstenberg / Havel: 24.4.–30.9.2016; Deutscher Frauenrat, Berlin / ­Bundesministerium für Familie, ­Senioren, Frauen und Jugend, Berlin / Interkulturelles Frauenzentrum, Berlin: Stationen zwischen Oktober 2016 und April 2017; Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse: 1.5.–31.8.2017; Gedenkstätte Hadamar: 15.10.–16.12.2017; ­KZ-­Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg: 15.1.–4.3.2018 ↗ www.akf-info.de

↓ Timm Rautert: Werkaufnahmen des 1. Werksatzes von F.E. Walther, 1969/70

Kostas Murkudis. ­A lchemie Experimente zu Form und Farbe in Kunst und Mode

Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main thematisiert seit sei­ ner Eröffnung im Jahr 1991 immer wieder den Grenzbereich von Bildender Kunst und Mode. Nun widmet es Kostas Mur­ kudis, einem der renommiertesten Mo­ deschöpfer der Gegenwart, eine umfas­ sende Werkschau. Murkudis‘ Ideen und Entwürfe neh­ men häufig Bezug auf zeitgenössische künstlerische Arbeiten. Sein skulpturaler Ansatz beispielsweise und die sichtbaren architektonischen Einflüsse sind Merk­ male, die sein gesamtes Schaffen durch­ ziehen. Auch durch neue Präsentations­ formen und seine Auseinandersetzung mit sozialen und partizipatorischen Fra­ gestellungen verändern seine Arbeiten unseren Blick auf Mode. Für die geplante Ausstellung wird sich Kostas Murkudis mit den ästhetischen und konzeptuellen Verbindungen zwi­ schen seinen Entwürfen und Werken aus der Sammlung des MMK auseinanderset­ zen. Dazu gehören Konzepte und Formen des Displays, der Performance, des Ready-­ mades oder der Materialästhetik. Murku­ dis‘ Kollektionen werden im Dialog mit künstlerischen Positionen präsentiert, die

sich in verschiedenster Weise mit Textili­ en beschäftigen, unter anderem Werke von Blinky Palermo oder Franz Erhard Walther. Die Ausstellungsarchitektur und die Displays entwirft der deutsche Künst­ ler Carsten Nicolai, mit dem Murkudis in den vergangenen Jahren mehrfach zusam­ menarbeitete. Nach der Eröffnung in Frankfurt am Main ist eine Tournee mit weiteren internationalen Ausstellungssta­ tionen geplant. Künstlerische Leitung: Peter ­Gorschlüter Künstler: Kostas Murkudis Ausstellungs­ architektur: Carsten Nicolai Weitere beteiligte Künstler aus der Sammlung des MMK: Mark Borthwick (US), John Chamberlain (US), Jack Goldstein (US), Douglas Gordon (GB), Thom Merrick (US), Blinky Palermo, Steven Parrino (US), Timm Rautert, Peter Roehr, Franz Erhard Walther u. a. MMK 2, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt/Main: 17.7.2015–14.2.2016 ↗ www.mmk-frankfurt.de

Rémy Zaugg – und die Frage der ­Wahrnehmung Retrospektive

Anlässlich des 10. Todestages von Rémy Zaugg (1943–2005) möchte das Museum für Gegenwartskunst Siegen erstmals das komplexe Œuvre des Schweizer Künstlers und Ausstellungsmachers würdigen und aufarbeiten. Die Retrospektive präsentiert Zauggs Malerei, Videoarbeiten und Projekte im öffentlichen Raum. Ein internationales Experten- und Kuratorenteam erarbei­ tet ein Symposium, das ethische und äs­ thetische Aspekte in Rémy Zauggs Werk diskutiert – etwa seine lebenslange Aus­ einandersetzung mit der Frage, in wel­ cher Weise Wahrnehmung die künstleri­ sche Produktion wie auch die Rezeption ihrer Ergebnisse beeinflusst, oder die nach der Rolle des Künstlers in der Ge­ sellschaft. In internationaler Kooperation wer­ den die gesammelten Schriften, Texte, Briefe, Vorträge und Gespräche von Rémy Zaugg in neun Bänden auf Deutsch und Französisch ediert. Nach Siegen wird die Schau in Madrid und Tours zu sehen sein. Zwei Symposien – in Basel und in Siegen – werden sich der Aufarbeitung des Werks von Rémy Zaugg widmen.


Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv

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↘ 2001: A Space Odyssey, Regie: Stanley Kubrick, GB/USA 1968

Kurator/innen: Eva Schmidt, Javier Hontario (ES), Alain Julien-Laferrière (FR) in Zusammenarbeit mit Manuel Borja-Villel (ES), Teresa Velazques Cortes (ES) Autor/innen: Mathilde de Croix (FR), Christian Spies, Jean-Christophe Royoux (FR), Rémy Zaugg (CH) Museum für Gegenwartskunst, Siegen: 1.11.2015–6.3.2016; Reina Sofia, Madrid: 7.4.–28.8.2016; Tours: 18.12.2016–26.3.2017 ↗ www.mgk-siegen.de

Common Grounds Zeitgenössische Kunst aus dem Nahen und Mittleren Osten

Die Ausstellung präsentiert erstmals in München eine große Bandbreite an Positionen zeitgenössischer Künstler/in­ nen aus dem Nahen und Mittleren Osten. In der Berichterstattung der westlichen Medien über die Region dominieren ­einerseits Bilder von Konflikten, häufig ­ausgetragen im öffentlichen Raum, und ­andererseits Bilder von Luxus und Super­ lativen in den aufstrebenden Städten der Golf-­Staaten. Die Schau setzt diesen Bil­ dern künstlerische Positionen entgegen, die sich auf vielfältige Weise mit dem Wandel im Nahen und Mittleren Osten auseinandersetzen. Ein Schwerpunkt der Schau wird das Thema Sammeln und Ar­ chivieren sein. Die in der Ausstellung ver­ tretenen Künstler sind international tätig:

Parastou Forouhar und Abbas Akhavan beispielsweise haben beide ihre Heimat Iran verlassen und leben in Deutschland bzw. Kanada. Während Forouhar sich in ihrer Bildsprache explizit mit der Politik des iranischen Systems auseinandersetzt, beschäftigt sich Akhavan in seinen orts­ spezifischen Installationen mit intimen Räumen wie dem Zuhause, dem Hinter­ hof oder dem Garten. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf die sprachwissenschaftliche Theorie des „Common Ground“, die Vorstellung, dass zwischen Kommunikationspartnern ein gemeinsamer Wissensraum besteht, der einen Dialog zu einem erfolgreichen Ergebnis führt. Ein umfangreiches Rah­ menprogramm mit Vorträgen und Füh­ rungen ergänzt die Schau. In Kooperation mit anderen Münchner Kultureinrichtun­ gen sollen ein Performance- und Tanz­ programm, Lesungen und eine Filmreihe entwickelt werden. Künstlerische Leitung: Verena Hein Künstler/innen: Abbas Akhavan (CA), DAAR (PS), Parastou Forouhar (IR), Babak Golkar (IR), Dor Guez (IS), Joana Hadjithomas und Khalil Joreige (LB), Hazem Harb (PS), Susan Hefuna (EG), Bouchra Khalili (FR/MA), Sophia Al Maria (US/AE), Ahmed Mater (SA), Nasser al Salem (SA) Museum Villa Stuck, München: 12.2.–17.5.2015 ↗ www.villastuck.de

Things to come Science – Fiction – Film

Das Science-Fiction-Genre erlebt ak­ tuell wieder einen Boom. So kam allein in den Jahren 2013/2014 eine Vielzahl von Science-Fiction-Filmen ins Kino, die mit hohen Budgets ausgestattet waren und für großen Erfolg an den Kinokassen sorgten. Die geplante Ausstellung im Filmmuseum Berlin will einen Überblick über das Genre geben und nach den Ursachen für den ak­ tuellen Erfolg des Genres fragen: Lässt sich ein Zusammenhang zwischen den öko­ nomischen, ökologischen und sozialen ­Krisen der Gegenwart und dem momen­ tanen Boom des Science-Fiction-Genres­ er­kennen? Gestaltet ist der Ausstellungsparcours als eine Reise: Der erste Teil widmet sich dem Weltall. Im zweiten Teil stehen die Landung auf einem fremden Planeten und die Begegnung mit den „Fremden“ (Aliens, Außerirdische) im Mittelpunkt. Der dritte Bereich, „die Gesellschaft der Zukunft“, thematisiert den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, ver­ bunden mit der Frage nach dem sozialen Miteinander. Neben Installationen, die die überwältigenden Bilder, das Design und die Tricktechnik präsentieren oder die Filmsets zum Leben erwecken, wer­ den Originaldokumente und Requisiten ausgestellt. Präsentationen zum techno­ logischen Forschungsstand und zu aktu­ ellen gesellschaftspolitischen Debatten beziehen das Genre auf unsere Gegenwart. Eine gemeinsam mit dem Einstein F­o rum Potsdam konzipierte Tagung lädt Vertreter verschiedener Disziplinen

­(Klima- und Zukunftsforschung, Design und Softwareentwicklung, Robotik und Weltraumforschung) ein, über die Gesell­ schaft der Zukunft zu diskutieren. Künstlerische Leitung: Rainer Rother Kurator/innen: Peter Mänz, Kristina Jaspers, Vera Thomas, Nils Warnecke, Gerlinde Waz Deutsche Kinemathek, Berlin: 4.11.2015–28.8.2016, Paris, Toronto ↗ www.deutsche-kinemathek.de

Bodenlos / ­ Groundless Vilém Flusser und die Künste / ­­ Vilém Flusser and the Arts

Vilém Flusser (1920–1991) gehört zu den herausragenden Kunst- und Medien­ philosophen des 20. Jahrhunderts. Viele seiner Texte nehmen die Zukunft tech­ nisch basierter Kommunikation und Ver­ netzung vorweg. Sein Werk ist bis heute inspirierend: Flusser war überzeugt, dass die Veränderung der Kommunikations­ strukturen durch Codes und neue Medien alle Bereiche der Gesellschaft betreffen wird. Er plädierte für eine grundlegende Auseinandersetzung mit technischen Bil­ dern und den sie generierenden Appara­ ten. Die Ausstellung „Bodenlos / Ground­ less“ bereichert die Rezeption Flussers um einen wichtigen Aspekt: die enge und facettenreiche Verknüpfung seines Werks mit den Künsten. Das ZKM in Karlsruhe zeigt deshalb Collagen, Zeichnungen,


Composition XXII, 2001, Ink and Plaka on graph mylar, 56 x 71 cm © Sammlung Oehmen

13 ­ ideo- und Audioarbeiten, frühe Compu­ V terarbeiten und Artefakte des Philoso­ phen aus dem Vilém-Flusser-Archiv Berlin sowie zeitgenössische Arbeiten internati­ onaler Künstler/innen, die im Dialog mit dem Werk Flussers stehen. Mit zahlrei­ chen Künstlerpersönlichkeiten wie Mira Schendel, Louis Bec und Fred Forest ver­ banden Flusser intensive Freundschaften und gemeinsame Projekte. Durch die Fo­ kussierung auf die Künste werden Flus­ sers Arbeiten in einem neuen Kontext präsentiert. Dadurch wird die Verbindung von Medien- und Kunsttheorie im Flus­ ser‘schen Denken auf besondere Weise herausgearbeitet. Die Ausstellung möchte einen Beitrag zur internationalen Flusser-Forschung leisten. Dazu findet zeitgleich zur Schau eine wissenschaftliche Konferenz statt. Zusätzlich wird ein dreisprachiges Wörter­ buch zu Flussers Denkwelt, die „Flusseri­ ana“, entwickelt. Das Projekt entsteht in Kooperation mit der Akademie der Küns­ te in Berlin sowie mit Institutionen in der Tschechischen Republik und Brasilien. Künstlerische Leitung: Siegfried Zielinski mit Peter Weibel Kuratoren: Baruch Gottlieb mit Siegfried Zielinski und Norval Baitello jr. Künstler/innen: Louis Bec (FR), Michael Bielicky (CZ), Harun Farocki, Alex Fleming (BR), Samson Flexor (BR), Juan Fontcuberta (ES), Fred Forest (FR), Marcello Mercado (AR), Anthony Moore (GB), Andreas Müller-Pohle, Quay Brothers (GB), Mira Schendel (IT/BR) ZKM Zentrum für Kunst und ­Medientechnologie, Karlsruhe: 20.6.–15.10.2015; Akademie der Künste, Berlin: 15.11.2015–15.1.2016; SESC Sao Paulo: 30.3.–15.6.2016; DOX Centre for Contemporary Art, Prag: 30.7.–31.11.2016 ↗ www.zkm.de

Ironie in der Medienkunst Subversive Interventionen

Mit Themen ironisch, satirisch und ­ umorvoll umzugehen, ist eine häufig an­ h gewandte künstlerische Strategie, deren Spektrum in der Medienkunst kaum weni­ ger breit ist als in der Bildenden Kunst. Ironie dient nicht nur hintergründiger Un­ terhaltung, sondern ist vor allen Dingen ein Mittel der Analyse und Kritik. Spielerisch im Grenzgang zwischen Skulptur, Aktion und Performance entwickeln Künstler eine Gesellschaftskritik, die einen Fokus auf ökonomisch-soziale Verhältnisse legt. Dafür „kapern“ sie Material aus den Medien, das sie neu zusammensetzen und verfremden. Mit Versatzstücken der All­ tags- und Warenwelt kommentieren die Künstler gesellschaftliche Machtverhält­ nisse und Wohlstandsverteilung. Insbeson­ dere mit dem Einzug der Neuen Medien in die Kunstwelt hat sich dieser Ansatz als künstlerische Strategie weiterentwickelt. In ihren Arbeiten setzen Künstler auf die Wirksamkeit der Ironie, um nach den Aus­ wirkungen der Medientechnologien auf ge­

sellschaftliche Interaktion und persönliche Identität zu fragen. Dabei werden oft Gren­ zen überschritten, Werte in Frage gestellt, Tabus gebrochen. Die Ausstellung „Ironie in der Medien­ kunst“ präsentiert ca. 25 Positionen inter­ national renommierter (Medien-)Künst­ ler/innen wie Hito Steyerl, Istvan Kantor und Paolo Cirio – begleitet von Perfor­ mances, Talks, Filmen, Workshops und Vermittlungsprogrammen. Die Schau ist integriert in das Programm des European Media Art Festivals in Osnabrück, das zu den bedeutendsten Foren der internatio­ nalen Medienkunst zählt. Künstlerische Leitung: Ralf Sausmikat, Hermann Nöring Künstler/innen: Matt Barton (US), ­Paolo Cirio (IT), Emily Vey Duke & Cooper Battersby (CA), Etoy (CH), Istvan Kantor (CA), Georg Klein, Roee Rosen (IL), Egill Saebjörnsson (IS), Hito Steyerl Kunsthalle Osnabrück: 22.4.–25.5.2015

Horwitz‘ Arbeiten sind geprägt von der Suche nach einem einfachen und zugleich universellen System, um Bewegungen in der Zeit aufzuzeichnen. Mittels eines – auf der Zahl 8 basierenden – Notationssys­ tems beschrieb sie in immer neuen Varia­ tionen komplexe Systeme nach Art einer Partitur, die Bewegungen mittels grafi­ scher Skalen und Farbschemata in ihrem Verhältnis zu Zeit und Raum visualisiert. Die KW Institute for Contemporary Art widmen der Künstlerin erstmalig eine um­ fassende Einzelausstellung mit vielen bis­ lang nicht gezeigten Werken, die Horwitz‘ Position in aktuelle Diskurse einbindet. Einige zentrale Arbeiten werden – nach von der Künstlerin für zukünftige Vorha­ ben ausgearbeiteten Plänen – rekonstru­ iert, teils sogar erstmalig realisiert.

Ausstellung. Erste Einzelpräsentation

↓ Channa Horwitz: Sonakinatography

Als 2013 die kalifornische Künstlerin Channa Horwitz im Alter von 81 Jahren starb, hatte ihre künstlerische Karriere gerade erst begonnen: Hatte sie bis vor wenigen Jahren völlig zurückgezogen ge­ arbeitet, löste ein Jahr vor ihrem Tod die Präsentation ihrer Werke im Rahmen der Ausstellung MADE IN L.A. eine Welle der Begeisterung bei Presse und Publikum aus – die internationale Aufmerksamkeit für ihr Werk auf der vergangenen Venedig Biennale erlebte sie aber schon nicht mehr.

Künstlerische Leitung: Susanne Pfeffer Künstler/innen: Julieta Aranda (MX), Dora Budor (HR), Andrea Crespo (US), Nicolas Deshayes (FR), Aleksandra Domanović (YU), David Douard (FR), Jana Euler, Cécile B. Evans (US), Melanie Gilligan (CA), Oliver Laric (AT), ­Johannes Paul Raether, Pamela ­Rosenkranz (CH), Stewart Uoo (US), Lu Yang (CN), Anicka Yi (KR) Fridericianum, Kassel: 29.3.–14.6.2015 ↗ www.fridericianum.org

Künstlerische Leitung: ­Ellen Blumenstein KW Institute for Contemporary Art, Berlin: 15.3.–25.5.2015 ↗ www.kw-berlin.de

www.emaf.de

Counting in Eight, Moving by Color

ten des Post- und Inhumanen. Ein umfas­ sendes Vermittlungs- und Veranstaltungs­ programm flankiert die Schau, die einen wesentlichen Beitrag zur Debatte um ein neues Menschenbild leisten möchte.

Inhuman Konstruktionen des Menschlichen nach dem Humanismus

Angesichts rasanter technologischer Erneuerungen und tiefgreifender klimati­ scher wie geologischer Veränderungen wird die Vorrangstellung des Menschen zuneh­ mend in Frage gestellt. Ist das humanisti­ sche Bild vom Menschen als „Maß aller Dinge“ noch haltbar? Die Ausstellung „Inhuman“ versammelt internationale Po­ sitionen junger bildender Künstler/innen, die in ihren Arbeiten gegenwärtige huma­ noide Körpermodelle untersuchen, die über Avatare, Cyborgs und andere Zwitter­ wesen hinausreichen. Sie führen vor ­Augen, dass sich bereits der Mensch von heute in einem Zwischenstadium verschie­ denster Grade von Entsubjektivierung be­ findet, und veranschaulichen so dystopi­ sche Aspekte dieser Entwicklung. Ex negativo soll das Konstrukt des „Menschen“ überdacht, sollen neue Ent­ würfe des Humanen erarbeitet werden, die den rasanten Veränderungen unserer Ge­ genwart Rechnung tragen. Während eines begleitenden Symposiums widmen sich zeitgenössische Philosoph/innen Aspek­

Assoziationsraum Wunderkammer Zeitgenössische Kunst und Design zur Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen. Ein Kooperationsprojekt der Franckeschen Stiftungen mit der Burg ­Giebichenstein Kunsthochschule Halle anlässlich deren 100jährigen ­Jubiläums

Die Wunderkammer verkörpert ein enzyklopädisches Modell der Welterfas­ sung und -erklärung. Als historischer Aus­ gangspunkt für die Herausbildung von Spezialmuseen dient sie in jüngerer Zeit wieder als ein Modell für aktuelle Ausstel­ lungskonzepte. Die Schau in Halle will die Prinzipien der Kunst- und Naturalien­ kammer fortschreiben und sie weiterden­ ken im Sinne einer transdisziplinären Ver­ netzung. Dafür versammelt sie Exponate von 35 internationalen Künstler/innen und Künstlergruppen, die mit Objekten aus der historischen Wunderkammer so kombiniert werden, dass Prozesse kultu­ reller Hybridisierung und Kolonialisie­ rung nachvollziehbar sind. Künstler/in­ nen und Gestalter/innen, die noch am Beginn ihrer Laufbahn stehen, werden gemeinsam mit arrivierten und in der Ausstellungslandschaft einflussreichen Positionen präsentiert. Von Halle aus sol­ len, im Sinne der universalen Ausrichtung der Wunderkammer, durch Gesprächs­ runden, Tagungen, Kabinettausstellungen und eine Biennalebeteiligung Impulse in den internationalen Raum ausstrahlen, indem das Projekt Stationen macht in Sinop, Istanbul, Paris und Rom. Künstlerische Leitung: Nike Bätzner Künstler/innen: Charlotta Bellander (SE), Alighiero Boetti (IT), Mario Brondo (MX), Pia Fischer, Murat Haschu (RU), David Lynch (US), Anna Maria Maiolino (BR), Ogwa (PY), Ginan Seidl, Silvia Weidenbach u. a. Franckesche Stiftungen, Halle/Saale: 24.4.–16.8.2015; Centre Allemand d’Histoire de l’Art, Paris: Tagung ­ 29.–31.10.2015; Galerie Laurent Mueller, Paris: cabinet de curiosité: Oktober 2015; Sinopale, International Sinop Biennial: 2.8.–20.9.2016

← Istvan Kantor: Videostill aus „The Blood of Many Filmmakers“

↗ www.francke-halle.de


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HimMEl AUf ERden? Wirtschaft und Religion – Überlegungen v­ on Birger Priddat zu einer ­heiklen Beziehung Kein Deal ohne Gott: Judentum, Christentum und Islam, die drei abrahamitischen Religionen ordnen die Welt, auch die der Wirtschaft. Aber gelten ihre Lehren auch noch für den Turbo­kapitalismus unserer Gegenwart? Jacqueline ­Boysen im Gespräch mit dem Ökonomen und Philosophen Birger Priddat über Eigenverantwortung und Maßlosigkeit, die Anhäufung von Kapital, geplatzte Erlösungserwartungen und die Kirchensteuer als Flatrate.

Gnade Gottes. Während wir im Alten Testament oder im Islam eher den zornigen Gott erleben, der das Leben beherrscht, haben wir in der – ich möchte sagen: aufge­ klärteren – christlichen Variante die Verantwortung des Einzelnen vor Gott und damit eine weitere Kategorie zur Ordnung der Gesellschaft, auch übrigens Leitmotiv zur Ordnung der Kirche. Selbstverständlich sind auch die Märkte so zu ordnen, dass die Handelnden der Gnade Gottes teilhaftig werden.

Jacqueline Boysen Geld und Glaube, Wirtschaft und Religion – wie verhal­ ten sich diese Begriffe zueinander, sie scheinen unver­ bunden nebeneinander zu stehen?

JB Welchen Beitrag leisten die Religionen zur Ethik des Handels oder Wirtschaftens?

Birger Priddat Historisch gehören sie unmittelbar zusammen: Die jü­ dische, die christliche und die islamische Religion sind in Lebenswirklichkeiten entstanden, in denen der Han­ del hoch entwickelt war. Vergessen wir nicht: Mohammed selbst war Händler. Von jeher fragen die Menschen, wem steht was zu, was steht den Menschen zu – und was Gott? Wir haben im Zusammenleben bis heute ständig Fragen nach dem Aushandeln, nach Maß, Bemessung und Ge­ rechtigkeit. Und natürlich folgt daraus ein – zumindest in den drei abrahamitischen Religionen – beschriebener ökonomischer Mechanismus. Die Verteilung aller mate­ riellen und immateriellen Güter lässt sich in einer trian­ gulären Beziehung darstellen: Mensch – Mensch – Gott. Jedes Handeln mit einem anderen Menschen steht für den Gläubigen immer unter der Beobachtung Gottes, jedes Maß ist eines, das auch vor Gott bestehen muss. Dieses Dreieck bekommt in den drei großen Schriftre­ ligionen eine unterschiedliche Ausprägung. Im Neuen Testament wird mit Jesus Christus noch eine zusätzliche gesellschaftlich relevante Kategorie hinzugefügt: die Va­ ter-Sohn-Beziehung, die Liebe Gottes, die Nächstenund die Fernstenliebe, von der Jesus predigt, und die

BP Ich bin skeptisch, ob sich aus der Religion eine für die Wirtschaft taugliche Ethik ableiten lässt. Man stellt im Zusammenhang von Ökonomie und Religion immer ethi­ sche Fragen, ist also bemüht, aus den Religionen Glau­ benssätze für das ökonomische Handeln abzuleiten. Für mich ist aber etwas anderes verbindend: Es ist die Glau­ bensfrage, die Glaubensintensität und Überzeugung. Es sind die Kategorien Hoffnung, Glaube, Erwartung, die Ökonomie und Religion gemeinsam haben, tatsächlich auch eine Heils- oder Erlösungserwartung – da erkenne ich zumindest in Europa eine entscheidende ideenge­ schichtliche Parallele, gerade in der oekonomia divina, der göttlichen Ökonomie. Sie hat gar nichts mit unserer Vor­ stellung von Wirtschaft zu tun, sondern meint oikos, das Haus, die griechische Haus- und Wirtschaftsgemein­ schaft als kleinste Einheit menschlichen Zusammen­­ lebens, aus der Novalis in der Frühromantik noch die „göttliche Haushaltung des Universums“ ableitet im Nachschatten der mittelalterlichen großen Schöpfungs­ haushaltung Gottes. Dahinter verbirgt sich ein schöp­ fungstheologischer Gedanke: Gott weiß, wie die von ihm erschaffene Welt sein soll, er hat das Haus schon geord­ net und die Handelnden auf Grundsätze oder Regeln


15 verpflichtet. Im Sinne einer Herrschaftstheorie erken­ nen wir so den Menschen als Untertan, der sich in eine Ordnung zu fügen hat, der gibt und dem gegeben wird. JB Das Geben und Nehmen in ökonomischen Prozessen ist für den Gläubigen ein Handel mit Gott? BP Ja, denn wenn wir diese Prozesse schematisch darstel­ len, sehen wir: Der Mensch gibt Gott und Gott gibt dem anderen Menschen. Nehmen wir als Beispiel den Sama­ riter, der seinen Mantel teilt und so Gott wohlgefällig handelt. Barmherzigkeit, soziales Handeln ist dabei erst in zweiter Linie wichtig, primär ist die Gabe ein Akt zwischen dem Samariter und Gott. Gleichwohl kommt sie dem anderen Menschen zugute. JB Der Samariter spendet den Mantel, unser Wirtschafts­ system hält zum materiellen Profit an. In der Bibel gibt es Aussagen, die wir als Kritik am Gewinnstreben ver­ stehen können: „Was nütze es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele“, heißt es im Neuen Testament bei Matthä­ us in Kapitel 16. Wir lesen oft nicht weiter, dabei wird von Matthäus eine nächste Frage aufgeworfen: „Was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“ – wie gewinnt der Mensch Seelenheil? BP Der Mensch ist nach christlichem Verständnis gut, be­ sonders wenn er teilt und nicht egoistisch Vermögen akkumuliert. Dieses Teilen wird auch in anderen Reli­ gionen zur Basis der Ordnung, die es erlaubt, gläubig in der Gemeinschaft zu bleiben und diese Gemeinschaft zu erhalten. Das Wort Gläubiger müssen wir nicht über­ interpretieren, aber damit ist tatsächlich ein sozial-öko­ nomischer Zusammenhang beschrieben. Man will oder soll Geld geben und den anderen das Dasein ermögli­ chen durch die eigene Gabe. Aber natürlich ist es kein funktionaler Deal mit Gott. Aber Grundvoraussetzung ist der Glaube. Wer nicht glaubt, der kann noch so viel geben, er wird nicht der Gnade teilhaftig werden. JB Hängt Euer Herz nicht an irdische Reichtümer, warnen die Psalmen, die Schätze helfen nicht, wirklicher Reich­ tum sei der von Gott gewährte. Sind diese biblischen An­ sätze im Judentum und im Islam gültig? BP Im Judentum und im Islam hat das Geben noch stärker den Charakter des Gesetzmäßigen. Es wird ausdrücklich befohlen, den Armen zu helfen, Almosen sind Teil der Kultur und des gemeinschaftlichen Lebens. Dabei geht es um die Daseinsvorsorge. Um wieder im Christentum zu schauen: Im 13. Jahrhundert haben wir in der Tho­ masischen Theologie die Unterscheidung zwischen dem Nötigen, das der Mensch braucht, und dem Überzäh­ ligen, das er darüber hinaus anhäuft. Sie fragen, wer ­bestimmt, was das Überschüssige ist? Da muss man schließlich selbst kalkulieren – und so kommt wieder Gott ins Spiel, der mich zu der Frage der Eigenverant­ wortung bringt: Praktiziere ich über meine Gaben, also auf ökonomischem Weg, genügend Nächstenliebe, um Gott wirklich gefällig zu sein? JB Ist die Buße ein Deal mit Gott? Bei Verfehlungen kauft sich der Sünder frei? BP Ja, nach der Beichte und nach einer Buße kann die Gna­ denoption wiedererrungen werden. Aber die dem Men­ schen im ausgehenden Mittelalter auferlegten Zahlun­ gen waren fragwürdig, so kam es zum Bruch zwischen Vorreformation und Reformation: Martin Luther er­ kannte und entlarvte den Ablass als Deal, aber weniger mit Gott als mit dem Klerus – und genau dagegen wand­ te sich der Reformator.

JB Wenn wir heute Exzesse der Bereicherung nicht zuletzt auf Kosten der Gesellschaft erleben, scheint die Vereh­ rung des Geldes religiöse Absolutheit erreicht zu haben – trägt der Kapitalismus religiöse Züge? BP Alles, was wir bis hierher besprochen haben, beschreibt eine vertikale Beziehung: Ich und Er, und Er ist die an­ erkannte letzte Instanz. Alles ist darauf zu prüfen, wie ich den Zugang zu Gott erhalte und gut genug handele, um belohnt zu werden. In der rationalen Moderne aber folgen wir einem Maximierungs- oder Steigerungs­ grundsatz. Hier spielt der Tod eine Rolle: Der Tod wird von uns als final erkannt. Was ich erreichen will, muss folglich im Leben geschehen, der Gewinn wird im Diesseits, und nicht nach mittelalterlicher Vorstellung im Jenseits ausbezahlt. Der Preis des Himmels ist zu einem irdischen geworden. Und heute ist es meine pri­ vate Angelegenheit, ob ich glaube oder ob nicht. In die­ se Gemengelage geht der Kapitalismus mit dem Handel mit Geld, Krediten, Zinsen und individuellem Ge­ winnstreben hinein. Er ist keine Ableitung aus der Re­ ligion, aber er gibt ein vergleichbares Versprechen. Und so trägt er religiöse Züge. Der Ökonom Robert H. Nel­ son spricht von „Heaven on Earth“, also der Verheißung und Erlösung schon im Diesseits, nicht erst im Himmel – über die Anhäufung von Kapital. JB Inwieweit ist das eine Perversion vom Credo der Unab­ hängigkeitserklärung der USA, die den Dreiklang von „life, liberty and the pursuit of happiness“ beschwor und persönliche Freiheit und materielle Sicherheit meinte? BP Das ist das große Versprechen des Liberalismus. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich dagegen Kritik. In den Blick kam angesichts des Wohlstandsgefälles zwischen Besitzenden und Mittellosen das Wohl der Gesellschaft und im 20. Jahrhundert das Wachstumsziel. Aber jetzt haben wir das Ende von sozialen Bewegungen und des Wachstumsideals, weil den Generationen heute offen­ kundig wird, dass Wachstum im alten Sinne endlich ist. Die Verteilungs-, Klima- und Energiefragen zeigen es – und damit ist das Erlösungsversprechen weg. Wir mer­ ken, dass der Kapitalismus leergelaufen ist, sein Heils­ versprechen ist zerplatzt, wir denken: mein Gott, wir können uns nicht mehr in ein noch besseres Leben hi­ neingeben. In China – religiös und politisch anders ge­ prägt – sind da noch lebendige Erwartungen. Aber wir definieren für uns Wachstum neu. Das ist schwierig, aber berechtigt: das Verhältnis von Geld, Banken, Finanzka­ pital, Krediten, Verträgen erfüllt keine Erlösungserwar­ tung mehr. Wir sind ernüchtert und an einer Grenze, an der das Religiöse und das Wirtschaftliche nicht mehr not­ wendig korrelieren. JB Wir treiben nicht mehr Tauschhandel mit elementar le­ bensnotwendigen Gütern, sondern bezahlen in der ar­ beitsteiligen Gesellschaft mit Geld – ist das Geld zum Fetisch geworden? BP Ja, das liebe Geld ... Das ist natürlich für Transaktionen unerlässlich. Wir tauschen nicht mehr und handeln aus­ drücklich mit Geld: Die Wirtschaft ist kreditfinanziert, Gewinne erzielen wir über Zinsen, Derivate sind wie­ derum Ableitungen – und in dem Sinn ist das Geld so­ gar produktiv. Nun haben wir aber in den Finanzmärk­ ten spekulative Investitionen, nicht mehr reale Erträge, die sich nicht mehr mit Produktion und Arbeitskraft rückkoppeln: ein milliardenschwerer Hedgefonds ist mit drei Leuten zu machen, ein gewinnträchtiges Stahlwerk braucht dagegen Zehntausende anpackender Hände. Das Versprechen der Aktie, Gewinn für mich und ande­ re zu erzielen und Kapital für die AG zu akkumulieren, das gesellschaftlich wirksam wird, weil auch der Arbeiter oder der Kleinanleger davon profitiert, ist geplatzt. Ein­ kommen zur Sicherung des Lebensstandards, diese vor­ hin in biblischen Zusammenhängen beschriebenen Ver­

„Ihr aber glaubet“ – Über Religion und Wachstumsdenken Eine Konferenz der Kulturstiftung des Bundes Das kapitalistische Wachstums-Dogma wird schon seit Längerem kritisch hinterfragt. Kaum beleuchtet wurde dagegen der Zusammenhang zwischen Wachstumsglaube und Religion. Und das, obwohl bereits seit einigen Jahren allerorten von einer „Wiederkehr“ der Religion die Rede ist. Welche Rolle spielen die drei abrahamitischen Religionen in den heutigen konsum-, steigerungs- und wettbewerbs­ orientierten Gesellschaften? Befördern sie das Wachstumscredo, oder haben sie das Potenzial, es einzuhegen? Diesen ­Fragen möchte die internationale Konferenz „‚Ihr aber glaubet‘ – Über Religion und Wachstumsdenken“ nachgehen, die die Kulturstiftung des Bundes im Juni 2015 veranstaltet. In Vorträgen, moderierten Gesprächen, Workshops und Lesungen sollen die verschiedenen Positionen diskutiert werden. Wirtschaftswissenschaftler treffen auf Theologen, Soziologen auf Künstler, Politiker auf Aktivisten, Literaturwissenschaftler auf Ökonomen. Schauspiel Köln / Depot (Mülheim) und Kölnischer Kunstverein, Köln: 12.–14.6.2015 ↗ www.kulturstiftung-bund.de/ ihraberglaubet


16 pflichtungen, die der Gesellschaft dienen, sind da nicht mehr erkennbar. Wenn jetzt Liquidität in die Finanz­ märkte geht, wird sie der Realwirtschaft entzogen, und für die Einkommensentwicklung ist sie nicht mehr wirk­ sam. Das hat erstmal mit dem Religiösen nichts zu tun. JB Allenfalls insoweit, als Sie Geben und Nehmen als Akte gottgefällig beschrieben haben, den Finanzmärkten aber den Segensreichtum absprechen. BP Ja, das kennen wir seit dem 19. Jahrhundert. Die Spe­ kulationsräume sind so enorm gewachsen und die Fi­ nanzräume können nicht mehr ernsthaft als Teil des volkswirtschaftlichen Ganzen wahrgenommen werden, weil sie keinen gesellschaftlichen Nutzen mehr erfüllen. Der Glaube oder theologische Argumentationen helfen hier nicht mehr. Das Maß des Menschlichen im Leben auf den Tod hin, sollte mit diesen Aspekten zwischen Theologie und Ökonomie neu ins Gespräch gebracht werden, und da sehe ich derzeit noch eine Leerstelle. Was ich wahrnehme, sind ältere Formulierungen, Über­ legungen zum Wachstum, aber nichts, was der derzeiti­ gen Entwicklung gerecht würde. JB In Krisenzeiten gewinnen Glaubensfragen hohe Bedeu­ tung, der religiöse Markt wächst, während die Kirchen hierzulande über Austritte klagen – was hat das für Folgen? BP Viele Menschen haben heute drei bis vier Glauben, man ist evangelisch oder katholisch sozialisiert, findet aber auch im Buddhismus oder Hinduismus etwas Passendes, mag Yoga, Laotse und ist fasziniert vom jüdischen Glau­ ben, den islamischen Derwischen oder dem einen oder anderen Guru und interessiert sich auch für Schamanen. Es wird alles probiert. Das Bedürfnis nach Spirituellem ist hoch, man verfällt allen möglichen Glaubensrichtun­ gen und sammelt einzelne Glaubenselemente aus ver­ schiedenen Religionen. Wer ökonomische Prozesse heu­ te nicht mehr versteht, sucht nach Erklärungsmustern auch im Magischen. Darin ist ein Glaubensmoment ent­ halten, die Suche nach einer höheren Ordnung. Vor al­ lem wird Letztgültiges mit Blick auf den Tod gesucht. Die Frage nach dem Leben nach dem Tod wird durch die Auffächerung in unterschiedliche Glaubenselemen­ te vielstimmig beantwortet, lieber mit vielen Optionen als gar keiner. Zur Beruhigung wird ein Portfolio von Religionsmustern angelegt, eines wird schon wirken. Die Vielfalt nimmt zu, das hat nichts mit dem großen, unbedingten Glauben und der Hinwendung zu einem Gott zu tun, aber drückt doch ein Bedürfnis nach Er­ rettung aus. Und wir beobachten die Marktförmigkeit des Religiösen: Sie verheißt jetzt schon Glück oder Er­ füllung, da muss nicht auf die Zeit nach dem Tod ge­ wartet werden, sondern Hoffnung bekomme ich gleich. Dafür, den Gesetzen des Marktes folgend, opfert man auch ordentlich Geld. Viele dieser Heilslehren werden nicht gratis angeboten. Die einzigen, die noch günstig Seelsorge anbieten, sind die Kirchen. Die Kirchensteu­ er ist wie eine Flatrate, aber für einen tüchtigen Scha­ manen muss ich erstmal 800 Euro hinblättern ... JB Sie setzen die experimentelle Augenblickserwartung an das Abenteuer mit dem Schamanen gleich mit demüti­ ger Religiosität – ist das legitim? BP Ja, der anzubetende Gott wurde ausgetauscht. Das ist eine Folge des Niedergangs der Kirchen, von der eige­ nen Tradition erwartet man nicht mehr viel, die Prägung verblasst ... Die Kirchen sind ein Broker- oder Reise­ büro, der Mittler. Aber wo der Glaube nachlässt, ist die Kirche als spiritueller Mittelpunkt weg, man wendet sich in gleicher Intensität auch anderen Anbietern zu, es hat sich ein Polytheismus entwickelt, das Spektrum ist weit und es spuken auch Geister, Hexen und Dämonen ­herum, von Engeln ganz zu schweigen. Aber es ist kein

Wahrheitsanspruch mehr da, die Vaterfigur, die Leben gibt und nimmt, ist zusammengeschrumpft, ersetzt durch kleine Geister, auch austauschbare Geister. Das ist Ausdruck von Unsicherheit. Niemand traut mehr der Zeit, der Geschichte. Da ist nur die breite Gegenwart, wie der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gum­ brecht sagt: Nicht mehr den Kindern soll es besser ge­ hen, die Zukunft ist nicht mehr das Thema, sondern der Weg zum Heil in der Gegenwart. JB Ist das ein typisch westliches Denken, weil es Wohlstand voraussetzt? BP Durchaus, zum Beispiel der Islam hat da ein ganz an­ deres Selbstverständnis, die Muslime wollen zurück in den Ursprung, das heißt, die Zukunft ist der Ursprung, daher auch die Tendenz zur Härte und der wörtlichen Koran-Auslegung. Es kommen vormoderne Herr­ schaftsvorstellungen zum Tragen. Die Kalifate sind aus­ gerichtet gen Mekka, hochzentriert auf Allah. Jeder steht in diesen Ausprägungen des Islam stets unter Be­ obachtung – das ist kulturgeschichtlich interessant, weil es die Entwicklungsfähigkeit der Gesellschaft berührt. Es ist eine fortschrittsfeindliche Theologie, die uns fern ist, weil wir mit dem Appell leben, macht Euch die Welt un­ tertan. Im Islam fehlt der Impuls, die Gesellschaft zu ent­ wickeln. Das gilt auch für die ökonomische Entwicklung. Bei Juden ist das historisch gesehen ganz anders – schon allein, weil Juden im Laufe ihrer Geschichte nicht in ­geschlossenen Gemeinschaften lebten, sondern in der ­Diaspora in der Auseinandersetzung mit Nicht-Juden, was wiederum auch die Handelsaktivitäten beeinflusste, wenn wir an Zinsverbote oder andere Restriktionen denken. Da muss viel im Leben geschehen. Auch da ist ein tragender Gedanke die Hoffnung auf die Rückkehr nach Jerusalem, auf den Messias, auf die Erfüllung im­ materiell begründeten Heils. JB Herr Priddat, wie sehen Sie sich selbst – als Gläubigen oder als wissenschaftlich neugierigen Beobachter und Analysten? BP Ich schaue eindeutig von außen – und dies nicht, weil ich im Alter von 16 Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten bin. Aber ich bin zunehmend überzeugt, dass Glaube in Wirtschaft und Gesellschaft auch heute eine mächtige Wirkkraft entfaltet. Ich bin auch nicht mehr kritisch oder herablassend gegenüber Gläubigen. Ich halte es für möglich, dass Menschen, die glauben, ihr Leben besser gestalten können. Wenn man genau hinschaut, wie Finanzanleger mit ihren Milliarden ­handeln, so basiert die Zinserwartung nicht mehr auf ­Wissen oder nüchterner Berechnung, sondern auf Hoff­ nung. Da sehen wir, dass die Welt, die vordergründig alles andere als religiös ist, hochreligiös aufgeladen ist. Da sind Glaubensstrukturen am Werk, die lebenswelt­ lich präsent sind und die wir natürlich ernst nehmen und zwischen Theologie und Ökonomie diskutieren müssen. JB Herr Priddat, haben Sie vielen Dank für das Gespräch. ­

Birger Priddat (*1950) ist Ökonom und Philosoph. Er hat den Lehrstuhl für Politische Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke inne, deren Präsident er von 2007 bis 2008 war. In den vergangenen Jahren publizierte er u. a. zum Verhältnis von Schuld und Schulden sowie zu Kapitalismus als Religion. Im Januar dieses Jahres erschien sein jüngstes Buch „Economics of Persuasion. Ökonomie zwischen Markt, Kommunikation und Überredung“, Metropolis, Marburg 2015. Priddat ist Mitherausgeber der Zeitschrift agora 42, die als philosophisches Wirtschaftsmagazin interdisziplinäre Perspektiven auf die Fragen unserer Zeit versammelt. Jacqueline Boysen, ehemals Kulturkorrespondentin im Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, ist seit 2011 Studienleiterin für Zeitgeschichte und Politik an der Evangelischen Akademie zu Berlin. Jacqueline Boysen verfasste eine Biografie über Angela Merkel (zweite, erweiterte Auflage 2005) und 2010 „Das weiße Haus in Ost-Berlin“, eine Geschichte der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR, mit der sie an der Universität Rostock promoviert wurde.


Rufer in der W端ste

Eine Bild足strecke von

Boris 足 Mikhailov


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Boris Mikhailov — Rufer in der Wüste Sergey Fofanov Boris Mikhailovs Fotografien werden nicht selten religiös, oder sagen wir: spirituell interpretiert. Ein vorzügliches Beispiel dafür ist die berühmte Serie Case History (1996), die dem Leben und Sterben von Obdachlosen, sogenannten „Bomž“, im ukrainischen Charkiv gewidmet ist, Menschen, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion „am Boden“ der Gesellschaft wiederfanden. Die Arbeit wurde von der Kunstwissenschaft und -kritik im Westen sehr pointiert aufgenommen, man sah darin motivische Parallelen zu orthodoxen Ikonen und Gemälden alter Meister mit religiöser Thematik, was der ursprünglichen Intention des Autors allerdings durchaus nicht entspricht, Mikhailov ist nie ein religiöser Mensch ge­ wesen. Auch wenn die Sowjetmacht sich eisern um die Ausrottung der Religion bemühte – hierfür war von 1929 bis 1947 eine militante atheistische Organisation, der sogenannte „Verband der kämpfenden Gottlosen“ aktiv –, ist es ihr nie gelungen, die jahrhundertealten, fest im kulturellen Gedächtnis der Nation verankerten Topoi auszumerzen; deren Resistenz gegenüber der ideologischen Propaganda war so evident, dass man von einem bestimmten ­ Moment an dazu überging, die alten, wieder­ erkennbaren Muster in Anspruch zu nehmen und im Dienste der kommunistischen Ideen zu adaptieren. Für die vorliegende Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Religion“ haben wir Mikhailovs Serie „Strukturen des Wahnsinns, oder: Warum Hirten in den Bergen oft ­ verrückt werden“ (2011/12) ausgewählt, die in Ägypten, nahe dem Roten Meer, entstanden ist. Warum ausgerechnet sie? Steine in der Landschaft bergen oft einen Sinn, sie können als Chroniken der menschlichen Kultur herhalten. Felszeichnungen, Pe­ troglyphen, gehören zu den ältesten Beispielen bildender Kunst schlecht­hin und geben dabei vor allem ­ religiöse Anschauungen wieder. Religion, so ist Mikhailov über­ zeugt, habe der Entwicklung der Bildkultur den entscheidenden Anstoß gegeben. Als „Entwickler“ war bei dieser Serie der Zufall im Spiel, der die Bilder durch neue Inhalte bereichert hat. So fanden sie all­ mählich zu einem Zyklus zusammen, der den Vergleich mit berühmten Serien wie Dürers Kleiner und Großer Passion (1507–12), Beckmanns ­ Apokalypse (1941/42) oder Chagalls Bibel-­ Illustrationen (1950-60) nicht scheuen muss. Während diese jedoch bewusst und autonom geschöpft wurden, entstanden Mikhailovs Bilder auf dem Umweg der strukturellen Übertragung vom

­elsen auf die fotografische Ebene; F sie hervortreten zu lassen, musste der Fotograf zum Zeichner werden. Mikhailov hat die Entstehungs­ geschichte des Zyklus so beschrieben: „Es war eine völlig neue Landschaft für mich, mit nie gesehenen Strukturen und Geometrien. Diese Fremdheit rief ein Gefühl von Furcht und Gefahr in mir wach – wenn du nicht weißt, was dich hinter der nächsten Ecke erwartet. Zugleich kam mir die Bedeutung des Ortes zu Bewusstsein, der mit der Geschichte des alten Ägyptens und Israels, der Zeit, als diese Steine hier zerstreut wurden, so eng in Zu­ sammenhang steht. Am schnellsten ergaben sich irgendwelche sexuellen Phantasien: Löcher, Genitalien … aber dann zunehmend konkrete mensch­ liche Figuren. Als wir am Abend nach Hause kamen, sah ich die Fotos mit entspannterem Auge noch einmal durch. Der Fokus veränderte sich, ich erkannte das Allgemeine, sah anderes Gestalt werden. Ich verspürte den Wunsch, es nachzuzeichnen. Durch diese Zeichnungen erfolgte nun eine Art Übergang aus der sichtbaren in eine imaginäre Welt. Das Gedächtnis wurde aktiviert, visuelle Erfahrungen wurden abgerufen. Der Moment des Erkennens – im Übergang vom Foto zur Zeichnung – ließe sich gewiss als schöpferisch oder geistig ansehen. Etwas, womit nur der Mensch begabt ­ ist. Das macht für mich den grundlegenden Unterschied zwischen Malerei und Fotografie aus. In der Regel hat der Fotograf nur einen vor­ bereiteten Fokus, nur eine Art Ober­ fläche. Stellt man das Objektiv oder den Blick unscharf, treten andere Linien und Volumen zutage, die sich später zu etwas Ganzem fügen können, so dass ein neues Bild entsteht. Und auch sie hängen einer bestimmten ­ kulturellen Tradition an, wecken Assoziationen. In gewisser Weise lässt sich sagen, ­ die Malerei steht zwischen der Kulturphilosophie und ihrer visuellen Repräsentation, sie bezieht alles Wesentliche aus der Kultur ein, macht es sichtbar. Bei der Fotografie wiederum scheint es sich um ein irgendwie vorgegebenes Bild zu handeln, ein Stück realen Lebens, deshalb meint man, es wäre Gott ferner.“ Ungeachtet dieser Feststellung tritt in vielen von Mikhailovs Fotografien, die vom Leben handeln, das Geistige hervor. Darin liegt die Universalität seiner Arbeiten, deren Verankerung in der kultu­ rellen ­ Tradition unauflösbar scheint. Die Fotos sind Abgüsse von Realität, denen der Autor ebenso wie der Betrachter neuen Sinn oktroyieren. In der hier zu sehenden Serie führt der Künstler vor, wie unser Auge zur Wiedererkennung bestimmter visueller Gestalten, Schemata, Dogmen, Kanons konditioniert ist. ­ Die vom Fotografen eingefangene Felsstruktur bringt neue Zeichnungen

hervor und verweist zugleich auf vor­ handene Bild- und Motivbezüge, man „liest“ Gesichter, Torsi, phan­ tas­ tische Wesen. Es genügt, einen bestimmten Sinn anzustoßen, schon ­ bekommt man ihn zu sehen. Die Auswahl der Bilder erfolgte gemeinsam mit dem Autor; ebenso ihre Benennung, welche auf die christ­ liche Tradition und ihren universellen Charakter abhebt. Die Motive suchen die jahrhundertealten Dissonanzen zwischen Ost- und ­ Westkirche zu negieren, über diese Traditionen hinauszugehen, sie appellieren an ein vorzeitliches Unbewusstes. Stein und Wüste haben eine gewichtige Semantik. In der Wüste wird Jesus vom Teufel versucht mit der Forderung, Steine zu Brot werden zu lassen. Die Geschichte des Fotografen, der sich der Wüste, dem ­ Felsen, der Einsamkeit gegenübersieht, kreuzt sich mit der von Einsiedlern, „Wüstenvätern“ und As­ keten, die in die Wüste zogen, um Gott zu suchen. Körper und Geist gelangen in der Wüste zu höheren Weihen: Einsiedler, die ihr Fleisch durch Fasten und den Geist durch beflissenes Beten kräftigten, wurden heimgesucht von mystischen Eks­ tasen, Visionen, die den Weg zu Gott ebneten. Und auch der Fotograf in der ägyptischen Wüste hat Gesichte, die er mit Kamera und Stift fest­ zuhalten versucht. Die Entwicklung der modernen Kunst als globalem Projekt hat seit Anfang des 20. Jh. eine fundamenta­ le Wendung genommen. Malewitsch schuf sein schwarzes Quadrat, die Ikone der „neuen Welt“, ein Werk größter Klarheit, Lakonie, Uni­ versalität und Ubiquität. ­ Mikhailov sieht darin die erste, ursprüng­ liche Phase reflektiert, das Gött­ liche abzubilden, die sich auf den Gottvater des Alten Testaments bezog. Anders die Darstellung des auf die Erde gekommenen Sohnes – dieses sei die zweite Phase, die mit dem em­ pirischen Weltwissen in seiner realistischen Darstellung in Verbindung stehe. In Phase drei schließlich gehe es um das rein „Geistige in der Kunst“, die auszudrücken bestrebt sei, was sich weder sehen noch abbilden lässt, das Empfinden einer ­ „Gegenwart in allen Dingen“, der Versuch, dem Heiligen Geist Ausdruck zu verleihen. Diese Phase sei in der modernen Kunst verkörpert. Aus dem Russischen von Andreas Tretner

Boris Mikhailov, 1938 in Charkiv (Ukraine) geboren, ist einer der weltweit angesehensten Künstler der ehemaligen Sowjetunion, der vor allem durch sein fotografisches Werk immer wieder für Furore sorgt. Seit Ende der 1990er Jahre lebt und arbeitet er in Berlin. 2008 wurde er in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen. In diesem Jahr wird ihm der Goslaer Kaiserring verliehen. Sergey Fofanov, 1984 im damaligen Leningrad geboren, ist Kunstwissenschaftler und Kurator. Er lebt und arbeitet in Berlin. Bildtitel: Das Kind, Die Grablegung, Das Gebet, Das Schweißtuch, Kreuz.


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GoTT iST nicht die LÖSung. GoTT iST dAS ProbLEm Anlässlich des 50. Jahres­tages des Zwei­ ten Vati­kanischen Konzils zeigt die Düssel­ dorfer Ausstellung „The Problem of God“,

wie sich Künstler der Gegenwart mit christ­ ­­­l­icher ­Ikonografie auseinandersetzen. Gibt es eine Rückkehr christlicher ­Bilder?

Reinhard Hoeps

I Nach wie vor gilt das Verhältnis zwischen den bildenden Künsten und der christlichen Religion als prekär. Die zur Gewohnheit ge­ wordene wechselseitige Entfremdung zwi­ schen ihnen in der Moderne hat doch die Er­ innerung daran nicht verblassen lassen, dass vergangene Epochen der abendländischen Kunstgeschichte von Bildwerken geprägt wa­ ren, in denen der christliche Glaube sich an­ schaulich manifestierte. Seit dem 3. Jahrhun­ dert hat dieser Glaube nach künstlerischem Ausdruck gesucht, der durch das Medium der Bilder wesentlich zur Verbreitung des Chris­ tentums beigetragen und dessen Erschei­ nungsbild tief geprägt hat. Gleichzeitig hat sich die Kunst auf diese Weise entlang von Darstellungsaufgaben und Funktionen des christlichen Glaubens entwickelt.

Kunst und Christentum schotten sich gegeneinander ab Diese engen Verflechtungen sind immer noch im Gedächtnis, wenn man ihre Auflösung nach etwa anderthalb Jahrtausenden in den Blick nimmt, eine Auflösung, die nun auch schon immerhin mindestens zwei Jahrhunder­ te andauert. Die Anfänge dieser Entzweiung werden mit der Epochenschwelle um 1800 in

Verbindung gebracht, die Gründe selbst un­ terschiedlich beurteilt: Sieht man die Ent­ wicklungen etwa im Horizont von Säkularisie­ rungsprozessen, lassen sich Erosionen religi­öser Sinnstiftung auch im Bereich der Kunst wie­ derfinden, die sich seitdem anderen Darstel­ lungsgegenständen zuwendet. Verbindet man mit dieser Epochenschwelle in erster Linie das Ende der großen Geschichten und die zunehmen­ de Ausdifferenzierung zentraler gesellschaft­ licher Funktionen, treten Entwicklungen zur Ausbildung künstlerischer Autonomie in den Vordergrund, denen eine wachsende Konzen­ tration der christlichen Kirchen auf religiöse Binnenräume gegenübersteht. Kunst und Christentum schotten sich gegeneinander ab; allenfalls noch Relikte religiöser Traditionen lassen sich in der Kunst aufspüren. Wie auch immer man die Prozesse wech­ selseitiger Entfremdung beschreiben mag: Ihre theologische Essenz hat in einmaliger Präzision der Kunsthistoriker Wolfgang Schöne (1910– 1989) zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts in zwei Thesen auf den Punkt gebracht: „­ 1. Gott (der christliche Gott) hat im Abendland eine Bildgeschichte gehabt. 2. Diese Bild­ geschichte ist abgelaufen.“ Diese prägnanten Thesen konstatieren zum einen das Ende der innigen Verbindung von Kunst und christlicher Religion. Zum anderen aber begnügen sie sich nicht damit, dies allein als eine Etappe der abendländischen Religionsgeschichte zu no­ tieren. Die Beziehungen zwischen Christen­ tum und Kunst sind nach Schönes Thesen noch nicht angemessen verstanden, wenn sie lediglich auf der Ebene religiöser Funktionen

und deren geschichtlicher Entwicklungen ge­ deutet werden. Es ist vielmehr vor allem Gott selbst, dessen Bildgeschichte zu einem Ende gekommen scheint. Der Kunsthistoriker sieht sich veranlasst, seine Thesen in ihrer theolo­ gischen Konsequenz zu bedenken. Die Kunst der Moderne erhebt nach Schöne aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus den An­ spruch, nicht nur funktional gegenüber religi­ ösen Zusammenhängen gelesen zu werden; es geht in der Kunst – in der Darstellung wie in der Bestreitung – nicht um die Funktionen, sondern um das Woraufhin der Religion.

II Vor diesem Hintergrund weckt ein Aus­ stellungsprojekt die Neugier, das dem Thema „The Problem of God“ gewidmet ist. Die Aus­ stellung der Kunstsammlung Nordrhein-West­ falen, die sich mit dem Ort der christlichen Bildsprache in den Werken international be­ deutender zeitgenössischer Künstler befasst, wird von der Kulturstiftung des Bundes und dem Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst gefördert. Das Thema der Ausstellung ruft zwei wegweisende Berliner Ausstellungen von Wieland Schmied (1929–2014) in Erinnerung: ­„Zeichen des Glaubens – Geist der Avantgar­ de“ (1980) und „Gegenwart Ewigkeit“ (1990). Schmied verfolgte seinerzeit die These, dass allein noch in der von den Kirchen wie von der Theologie missachteten zeitgenössischen


18 Kunst das Fenster zur Transzendenz ­offen gehalten werde, das die Kirchen mit ihren notorischen Binnenfixierungen längst aus dem Blick verloren hatten. Ins­ besondere in künstlerischen Positionen der Abstraktion und des Verzichts auf ge­ genständliche Darstellung, zumal auf Mo­ tive der christlichen Ikonografie, wurden Potenziale der Spiritualität aufgewiesen, für die in den erstarrten Konventionen kirchlich akzeptierter Kunst schon längst kein Platz mehr schien. „The Problem of God“ zeigt neben exemplarischen Repräsentanten solcher Spuren der Transzendenz, die inzwischen selbst historisch geworden sind, in der Hauptsache Werke der Gegenwart, bei denen in einer Art gegenläufiger Bewe­ gung wieder ein Interesse an Bildmotiven aus dem Umkreis christlicher Tradition erkennbar ist. Soll man dies als eine Rück­ kehr der autonomen Kunst zur Bildspra­ che des christlichen Glaubens deuten? Die Weisen, in denen die zeitgenössi­ schen Werke christliche Bildformeln auf­ greifen und bearbeiten, entziehen einer solchen Vermutung allerdings sogleich den Boden. Der Umgang mit den über­ lieferten Bildmotiven ist offen, häufig auch spielerisch, in jedem Falle sehr ­experimentell und insofern fern jeder ­Ambition, solche Bildtraditionen nahtlos fortsetzen zu wollen. Stattdessen begeg­ net man vermeintlich vertrauten Symbo­ len, um schließlich festzustellen, wie fremd ihr Inhalt geworden ist. Ursprüng­ lich christliche Bildzeichen werden bis auf ihre Hülle entleert, um sie probehal­ ber mit neuen Bedeutungen zu füllen. ­Inhalte wandeln und verschieben sich, ­ikonografische Motive erhalten ein neues Gesicht. Ihre Entzifferung führt keines­ wegs automatisch zu einem religiösen Gehalt, erst recht keinem altvertrauten.

Vertraute Symbole, fremde Inhalte Vor allem scheinen es nicht eigentlich die ikonografischen Motive zu sein, die das künstlerische Interesse in der Gegen­ wart wecken. Es geht vielmehr um kom­ plexe Konstruktionen bildlichen Aus­ drucks, um eigene Formen bildsprachlicher Artikulation, zu denen christliche Bild­ traditionen ehemals ihre ikonografischen Motive ausgebaut und entwickelt hatten. Schon die Intentionen christlicher Bild­ nerei gingen ja eigentlich niemals im iko­ nografischen Textbezug, in der bloßen Illustration biblischer Texte, auf. In Frage stand vielmehr stets die Authentizität der Darstellung, dann auch die Steigerung dieser Darstellung zur wirklichen Ver­ gegenwärtigung. Zusammen mit der Dar­ stellung sollten die Bilder außerdem die Grenzen der Darstellbarkeit reflektieren. Über solche Anforderungen hinaus dien­ ten sie vor allem der Aufgabe, zur Andacht anzuleiten, im Betrachter Gefühle und Empfindungen zu wecken, mit ihm in ei­ nen lebendigen Austausch zu treten und ihn zu eigenen, inneren Bildern anzure­ gen. Solche Werke überschreiten den Ho­ rizont der Ikonografie. Sie hervorzubrin­ gen, setzt ein differenziertes Bewusstsein für spezifisch bildnerische Verfahren und

für das Potenzial abstrakter Bildkompo­ sition voraus, das in christlichen Bild­ traditionen bereits lange vor der Ära der Kunst wirksam ist. Vieles spricht allerdings dafür, dass Künstler der Gegenwart nicht aus Grün­ den des Glaubens, sondern im Zusam­ menhang ihrer Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kunst auf die Verfah­ rensweisen christlicher Bildsprache sto­ ßen. Gerade vor diesem Hintergrund aber erscheint ihnen offenbar die distanzierte theoretische Rekonstruktion der religi­ ösen Funktionen von Bildern nicht hin­ reichend. Von Interesse ist vielmehr, mit welchen bildnerischen Mitteln und unter welchen spezifisch künstlerischen Bedin­ gungen es den christlichen Werken gelin­ gen konnte, diesen Funktionen tatsäch­ lich zu entsprechen. Kurz gesagt: Es geht nicht um die menschliche Seite der Reli­ gion, sondern um Gott, seine Beziehung zur Welt sowie die daraus resultierenden Beziehungsmöglichkeiten des Menschen zu Gott: „The Problem of God“.

III Wenn zeitgenössische Künstler Bild­ formen der christlichen Tradition wieder aufrufen, so verknüpfen sie ihre spezifi­ schen Fragen nach Themen der Darstel­ lung, nach künstlerischer Selbstvergewis­ serung und nach bildlicher Evidenz mit Fragen im Umkreis der Religion, deren letzter Fluchtpunkt die Gottesfrage ist. Dies geschieht durchaus nicht überall of­ fensichtlich, es geschieht auch in ironi­ scher Brechung oder aus der Distanz his­ torischer Fremdheit; erst recht geschieht es nicht im systematischen Duktus theo­ logischer Traktate oder als Illustration spekulativer Philosophie. Aber die erin­ nerten christlichen Bildformen erschei­ nen auch nicht als bloße Versatzstücke eines postmodernen Historismus oder der religiösen Nostalgie. Die Prägnanz der Bildfindungen fordert zu Auseinan­ dersetzungen in einem breiten Spektrum religiöser Themen heraus – von der Got­ tesfrage in ihren unterschiedlichen Di­ mensionen bis zu Fragen der Kirche, dem Ort des Individuums, der Spannung von Diesseits und Jenseits, und dies natürlich auch über das Gebiet der christlichen Re­ ligion hinaus. Es ist müßig, das thema­ tische Feld abstecken oder gar syste­ matisch gliedern zu wollen. Hier wächst gegenwärtig ein veritables Forschungsfeld für interdisziplinäre Untersuchungen zwi­ schen Kunstwissenschaften und Theologie heran. Zwei Grundzüge scheinen sich da­ bei gleichwohl abzuzeichnen. Zunächst scheint heute gegenüber den künstlerischen Positionen, wie sie Wieland Schmied in seinen Ausstellungen 1980 und 1990 präsentierte, die Neigung der Kunst zurückhaltend, in der Gesell­ schaft als Platzhalter dessen zu fungieren, was gewöhnlich unter dem Begriff der Transzendenz gefasst wird. Kunst lässt sich nicht auf das Erbe der Religion ver­ pflichten, zumal an Transzendenzverhei­ ßungen im Kosmos der alltäglichen Bilder keinerlei Mangel herrscht. Angezeigt ist deshalb eine Transzendenzkritik durch Kunst – im Interesse an der Transzen­

The Problem of God Vor 50 Jahren ist das Zweite Vatikanische Konzil in Rom zu Ende gegangen. Dieses Jubiläum begleitet die Deutsche Bischofskonferenz mit einem überregionalen Kulturprojekt. Anlässlich dieses Kulturprogramms zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen die ­Ausstellung „The Problem of God“, in der Werke von rund 40 Künstlerinnen und Künstlern zu sehen sein werden. In ihren Werken setzen sie sich mit der christlichen Bildsprache als Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses auseinander, das sich vielschichtig und ambivalent in der Kunst wiederfindet. Der Fokus der Ausstellung richtet sich auf Arbeiten, die auf christliche Bilder oder Themenfelder Bezug nehmen, sie jedoch kritisch reflektieren und in neue Zusammenhänge überführen. Vielfältig ist die Bandbreite der Themen: Sie reichen von den Grundfragen des Lebens über eine humorvoll-kritische Beschäftigung mit Aspekten von Religion und Bildtradition bis hin zu gesellschaftspoli­ tischen Themen. Ausgestellt werden u. a. Werke von Eija-Liisa Ahtila, Berlinde de Bruyckere, Francis Bacon, Pavel Büchler, Andrea Büttner, Tacita Dean, Harun Farocki, Katharina Fritsch, Douglas Gordon, Katarzyna Kozyra, Santu Mofokeng, Aernout Mik, Boris Mikhailov, Hermann Nitsch, Robert Rauschenberg, James Turrell, Bill Viola und Paloma Varga Weisz. Eine zweitägige internationale Konferenz und ein besonderes Vermittlungsprogramm begleiten das Ausstellungsprojekt, das die Kulturstiftung des Bundes mit 500.000 Euro fördert. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21 ­Ständehaus, Düsseldorf: 26.9.2015–24.1.2016 ↗ www.kunstsammlung.de

denz. Oder mit den Worten des Ausstel­ lungstitels: Gott ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Ein zweiter Grundzug der Wiederauf­ nahme christlicher Bildformen durch zeitgenössische Künstler liegt in einer Neuentdeckung christlicher Figuren der Visualität und ihres bildnerischen Poten­ zials. Jenseits ikonografischer Adaptionen reflektieren die einschlägigen künstleri­ schen Positionen der Gegenwart Figuren aus dem Bilderkosmos christlicher Ima­ gination: Visionen, himmlische und irdi­ sche Räume, Formen der Liturgie und der Andacht, bildnerisch ausgeführte Erzäh­ lungen von Wundern und Erlösung, auch von Verletzung, Tod und Ende. Deren Gehalt ist von der Evidenz ihrer sichtba­ ren Gestalt nicht zu trennen. „The Prob­ lem of God“ ist in hohem Maße ein Dar­ stellungsproblem, die Gottesfrage seit ihrem Anbeginn eine Bilderfrage. Imaginationen verleihen religiöser Erkenntnis Intensität, führen zugleich über den Bereich des Kognitiven hinaus zu Gefühlen und Empfindungen, die durch bildliche Vorstellungen ausgelöst, ausgedrückt und mitgeteilt werden. Die Bildsprache der Kunst auf der Höhe ihrer spezifischen Möglichkeiten ist das prä­ destinierte Medium der Reflexion dieser christlichen Imaginationen, weil sie deren Prinzipien und Verfahren auf ihrem eige­ nen Terrain des Bildlichen und ohne den Zwang zur Reduktion auf Begriffe zu be­ denken vermag. Mit ihrer Arbeit an christ­ lichen Bildformen bringen Künstler der Gegenwart deren imaginative Evidenz zur Sprache, stellen sie in gezielten Experi­ menten auf die Probe und reflektieren sie in Horizonten unserer Zeit.

„The Problem of God“: Das Projekt dieser Ausstellung ist die vergangene wie die gegenwärtige Brisanz der Visualität im Christentum. Aus der Perspektive der Ge­ genwartskunst öffnet die Ausstellung den Blick für die prägende Kraft der Bilder auf Theorie und Praxis des Glaubens in der Geschichte des Christentums. Die Werke zeigen, was mit dem Untergang der christ­ lichen Bildformen verloren ging, die sie gleichzeitig spielerisch, aber auch kri­ tisch, auf ihr aktuelles Potenzial der Ver­ mittlung wie der Stiftung visueller Bedeu­ tung hin untersuchen. So wecken die Werke den Sinn für die visuelle Sprach­ kraft christlicher Bildformen und er­ schließen zugleich diese vergangene Bild­ sprache für Diskurse der Kunst in der Gegenwart.

Fluchtpunkt Gottesfrage Solche Diskurse vorzubereiten und anzubahnen, ist ein Anliegen dieser Aus­ stellung, die auf Einladung der Deutschen Bischofskonferenz zum Anlass des 50jäh­ rigen Jubiläums des Zweiten Vatikani­ schen Konzils stattfindet. Zusammen mit anderen künstlerischen Projekten der Deutschen Bischofskonferenz in diesem Jahr steht sie unter dem Motto des ersten Satzes der „Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute“ (1965): „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind


19 auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Papst Johannes XXIII. berief dieses ökumenische Konzil ein mit dem Ziel, die Fenster der Kirche zu öffnen auf die Welt außerhalb hin und damit auf diese Welt einerseits zuzugehen, andererseits sie auch in den Raum der Kirche einzulassen. Diese Geste der Öffnung zielt letztlich auf die Identifizierung der „Jünger Christi“ mit den „Menschen von heute“, wie dies der erste Satz der Pastoralkonstitution programmatisch zum Ausdruck bringt. Es ist bezeichnend, dass diese Identifizie­ rung, die der Text der Konstitution ent­ faltet, im einführenden Satz nicht den gesellschaftlichen Verhältnissen und den Lebensbedingungen der Menschen ge­ widmet ist, sondern zuvor ihren elemen­ taren Gefühlen und Empfindungen: Freu­ de und Hoffnung, Trauer und Angst. Es sind solche Gefühle und Empfindungen, die sich vor allen Begriffen, Argumenten und Analysen zuerst in Imaginationen Ausdruck verschaffen und die in ihrer vi­ suellen Prägnanz durch die Kunst der Ge­ genwart zur Sprache gebracht werden. Für die Identifizierung der „Jünger Christi“ mit den „Menschen von heute“ schafft die Kunst der Gegenwart insofern einen wesentlichen Zugang. Zugleich da­ mit schärft sie in grundsätzlicher Hinsicht die Sinne für das Bedeutungspotenzial des Visuellen – sowohl in den Zusammen­ hängen der heutigen Gesellschaft als auch in der Geschichte des Christentums, de­ ren Bilderkosmos sie neu entdeckt, dann vor allem aber auch für das Christentum der Gegenwart. Den Kirchen und der Theologie bringen die zeitgenössischen künstlerischen Positionen die enormen und in langen Traditionen herangewach­ senen Valenzen des Visuellen zu Bewusst­ sein, die der Verantwortung in der Gegen­ wart aufgegeben sind. Fragen nach der Bedeutung von Bildern und nach ange­ messenen Formen der Visualität betreffen den christlichen Glauben nicht nur an den Rändern seiner medialen Präsentation, sondern rühren an den Kern der Gottes­ frage. Dass und mit welcher möglichen Konsequenz Gottesfragen nicht in letzter Hinsicht auch Bilderfragen sind, führt derzeit der Islam einer breiten Öffentlich­ keit lebhaft vor Augen. Was die eigene Ima­ ginationsgeschichte für die gegen­wärtige Selbstverständigung des (evan­gelischen, katholischen, orthodoxen, ­deutschen, ­europäischen) Christentums bedeutet und bedeuten könnte, scheint einstwei­ len weitgehend ungeklärt. Die Kunst der Gegenwart mit ihren Adaptionen von ­Bildformen der christlichen ­Tradition eröffnet ein weites Feld notwendiger und perspektivenreicher bildtheologischer Experimente.

Reinhard Hoeps (*1954) ist Professor für Systematische Theologie und ihre Didaktik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Seit 1993 leitet Hoeps dort die Arbeitsstelle für christliche Bildtheorie, theologische Ästhetik und Bilddidaktik. Er hat umfangreich zum Themengebiet Theologie und Kunst publiziert und ist Herausgeber des vierbändigen „Handbuch der Bildtheologie“, Schöningh Verlag, Paderborn. Reinhard Hoeps studierte katholische Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn und Bochum.

Neue Projekte Wort & Wissen

Grandhotel Cosmopolis Peace Conference Internationale Gesprächsrunden und Workshops zu Flucht und Vertreibung

Inmitten von Augsburgs Domviertel gründeten en­ gagierte Bürger/innen in einem renovierungsbedürfti­ gen Betonbau aus den 50er Jahren, der nach längerem Leerstand als standardisierte Flüchtlingsunterkunft vor­ gesehen war, das „Grandhotel Cosmopolis“. Es bietet zwölf von Künstler/innen gestaltete Hotelzimmer, eine temporäre Heimat für 60 Flüchtlinge, Künstlerateliers und ein Café als Veranstaltungsort und Treffpunkt für die Stadtgesellschaft. Diese Initiative erzeugte deutsch­ landweit erhebliches öffentliches Aufsehen und erhielt als Modellprojekt bereits etliche Auszeichnungen. ­Eindrücke von Austausch- und Recherchereisen in die Grenzregionen der EU und nach Nordafrika fließen nun in eine internationale Konferenz ein, auf der Erfahrun­ gen weitergegeben und künftige Kooperationspartner gewonnen werden sollen: Welche Chancen und Risiken stecken in dieser anderen Form der Willkommenskultur? Wie viel kreativen Protest braucht eine demokratische Gesellschaft? Die Konferenz bietet Rückblick, Reflexi­ on und Anknüpfungspunkte, die dokumentiert und von Ausstellungen begleitet werden. Expert/innen und Künstler/innen: Ariane Brennsell, Nayari Castillo (VE), Heidrun Friese, Lukas Houdek (CZ), Daniela Kammerer, Peter Jacob Maltz (IL), ­Hannah Reich, Dorothee Richter (CH), Bahia Shehab (EG), René Zechlin Internationale Konferenz, Grandhotel Cosmopolis, Augsburg: 2.–8.8.2015 ↗ www.grandhotel-cosmopolis.org

Wissenschaft als ­Religion? Ein Praktikum

Lässt sich eine Verwissenschaftlichung unserer Dis­ kurse in Politik, Gesellschaft, aber auch in unseren All­ tagserfahrungen feststellen? Schafft Wissenschaft Legiti­ mationen, Normen und eine Sinnstiftung, die früher der Religion vorbehalten waren? Werden die Wissenschaften zu einer neuen Religion? Das Projekt basiert auf zehn Praktika, die an namhafte internationale Autor/innen ver­ geben werden, die diese Fragen exemplarisch überprüfen sollen. Zwei Wochen lang gewinnen die „Praktikant/in­ nen“ einen vertieften Einblick in die Arbeit von Naturwis­ senschaftler/innen und renommierten wissenschaftlichen Instituten wie das Deutsche Krebsforschungszentrum, das Europäische Molekularbiologische Labor oder MaxPlanck-Institute. Dabei sollen sie untersuchen, inwiefern Wissenschaften das Potenzial besitzen, unser Weltbild zu formen und unsere Normen zu beeinflussen. Im Anschluss daran schreiben sie ihre Eindrücke in Gestalt von Repor­ tagen, Essays, Erzählungen u. Ä. auf, die später in einer

Publikation zusammengefasst werden, nachdem sie in einem Town-Hall-Meeting der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Das Projekt soll eine öffentliche Debatte über die Rolle von wissenschaftlichen Erkenntnissen als normative Ordnung für die individuelle Lebensführung anstoßen. Künstlerische Leitung: Jakob Köllhofer Künstlerische Betreuung: Russ Hodge Autor/innen: Siri Hustvedt (US), Ben Markus (US), Tim Parks (GB), Colm ­Toibin (IE), Michaela Murgia (IT), Michael Maar, Kathrin Passig, Marcel Beyer, Daniel Kehlmann, Judith Kuckart Wissenschaftler/ innen: Prof. Ian W. Mattaij, European Molecular Biology Laboratory; Prof. Mathias Weidenmüller, Center for Quantum Dynamics; Prof. ­Joachim Wambsganß, Astrophysical Research Institute; Prof. Joachim ­Wittbrodt, Center for Organismal Studies; Prof. Hannah Monyer, ­Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg: 1.3.–31.12.2015 ↗ www.dai-heidelberg.de

CHANGE Ein Symposium über Literatur in Protestkulturen Mittel- und Osteuropas und des nordafrikanischen Raums

So grundsätzlich unterschiedlich die Proteste und Aufstände in der Ukraine und der Türkei, in Russland oder in den nordafrikanischen Ländern sind – sie verbindet die Tatsache, dass sie Gesellschaftssysteme ins Wanken brach­ ten und den Menschen in den betroffenen Ländern neue Denk- und Handlungsräume eröffneten. Schriftsteller/ innen und Künstler/innen haben auf die Umbrüche in ihren Ländern seit jeher besonders sensibel reagiert und sie in ihren Arbeiten reflektiert. Auf der folgenden Seite drucken wir ein Gedicht des ukrainischen Lyrikers Boris Chersonskij, der auch am Symposium teilnehmen wird. „Change“ befasst sich mit der Frage, welche Rolle der Kunst in diesen Transformationsprozessen zukommt, die sie ihrerseits re-politisieren und zugleich besonders an­ greifbar machen. Erstmals bringt das Projekt in Stuttgart Schriftsteller, Künstler und Aktivisten, Wissenschaftler, Kultur- und Literaturvermittler aus dem arabischen Raum, Mittel- und Osteuropa mit dem Ziel zusammen, ihre heterogenen Erfahrungen über Grenzen hinweg aus­ zutauschen. Das Symposium diskutiert zentrale Aspekte von Demokratisierung und zivilgesellschaftlichen Prozes­ sen, ein weiteres Modul präsentiert internationale Positi­ onen aus Bildender Kunst und Fotografie, Performance wie auch Literatur und fordert sie zum gemeinsamen Di­ alog auf, der dokumentiert und einer breiten Öffentlich­ keit zugänglich gemacht werden soll. Künstlerische Leitung: ­Kateryna ­Stetsevych, Stefanie Stegmann, Katarina Tojic Künstler/innen, Expert/innen: Jörg Armbruster, Boris Chersonskij (UA), Borka Pavicevic (CS),­Tanja Ostojic (CS), Juri Andruchowytsch (UA), Sahar El Mougy (EG), Valzhyna Mort (BY) u. a. Literaturhaus Stuttgart: 18.–20.9.2015 ↗ www.literaturhaus-stuttgart.de


20 Boris Chersonskij

Freut euch, Ihr Waisen! Alle, die durch Kugeln getötet wurden, bekommen am Dnjepr-Ufer ein Ehrenbegräbnis, die Sieger werden vergessen, dass sie erneut betrogen wurden, sie werden in einem langsamen Marsch, in geordneten Reihen, vorbeiziehen. Aber die Mutter-Heimat wird keinen warmen, randvollen Babylöffel an die Lippen des Kindes führen. Freut euch, ihr Überlebenden! Zeit des Teilens, Zeit der Teilung. Unser Gewissen aber bittet uns um Almosen. *** Das erste Gebot eines Arztes lautet: „nicht zu schaden“, weder dem Körper noch dem Geist, weder deinem Nächsten noch denen, die weit weg sind. In der Mitte der Mutterstadt des – sagen wir mal – russischen Landes sehe ich so etwas wie ein Höllenfeuer. Aufschreie, Explosionen … Gestern noch schien es, dass es möglich sei, kein Blut zu vergießen, aber nein, es geht nicht! Unsere Machthaber sind elende Ärzte: Ausbrennen, Schröpfen, das Nichts ... *** Der Platz geräumt, der Fleck aus dem Geschichtsbuch radiert, ihnen fällt es leicht vorzutäuschen, dass die Glocken läuten und das Weihrauchfass qualmt, ansonsten ist nie etwas passiert. Es gab einen festlich geschmückten Baum und eine Weihnachtsfeier, drollige, lustige Masken von Bewohnern der Unterwelt, Köpfe mit Helmen und Füße in schweren Schuhen, alles so wie auf komischen Wimmelbildern. Mit Aquarell- und Buntstiften zeichnen die Kinder im Malbuch, mit dem Rot einer Blutlache, mit dem Grün eines militärischen Helms, mit dem Schwarz von Schwermut und Trauer, mit dem Grau des Alltags. Je schrecklicher die Geschichte, desto weniger lässt sie sich anklagen. *** Und was erwartet uns hinter den Türen? Schon wieder der Knast und ein Bettelsack. Ein Land, in dem alle ins Gefängnis gehören, wird selbst zum Gefängnis. Ein Land, in dem jeder mit einem Bettelsack wandert und langsam verrückt wird, ist selbst verarmt, und es schämt sich, dass der Bettelsack leer und voller Löcher ist. *** Denn solange die Saite klingt, solange das Land strammsteht und die Fahnen im Wind flattern, solange das Wappen die Scham bedeckt, solange die Hymne jeden Morgen gesungen und der Wodka getrunken wird, solange der Weg aus dem Haus in den Stall führt, solange das Brot in den Kirchen geschändet und der Messwein mit Wodka versetzt wird, solange das Recht unter den Füßen ächzt und ein namenloser Heiliger aus einer vergessenen Ikone auf uns herabblickt, solange Trompeter spielen und Boten in alle Richtungen dieses gottverlassenen Landes fliegen und sprengen wird die Geschichte von Beginn an neu gelernt, wird dem Schlag der Beerdigungsglocke und dem Klang der Abschiedssaite gelauscht. *** Die Sonne der Geschichte geht auf. Die Menschen schreien: „Vivat!“ Du schreist auch „Vivat“, und das heißt: „nicht schuldig“. Die Kälte erwischt dich nicht, die Flamme wird dich nicht versengen, denn du bist der Kommandeur und dir zur Seite steht ein Stellvertreter. Und du befehligst Soldaten – Helm an Helm, Schild an Schild. Und du hast den Befehl, die Nutzlosigkeit zu verteidigen. Und die Sonne der Geschichte leuchtet, und die ganze Sache läuft, und der Scharfschütze auf dem Dach legt den Gewehrkolben an die Schulter. ***

Auf dem schwarz gewordenen Platz die schwarzen Autoreifen brennen, den schwarzen Rauch schlucken – bis es einem hochkommt oder den Atem verschlägt. Aber unter einem Joch leben wir nicht, das für keinen Preis, für kein Geld, für keine Sozialleistungen, für kein Versprechen eines besseren Lebens und einer leichteren Arbeit, für keinen Bürokratenposten, für keine Rendite einer ungerechten Sache. Jetzt sehen wir es, aber wie war es früher? Früher schauten wir nicht hin, wir dachten, es wird schon, sogar eine Katze hört auf ein gutes Wort, schmiegt sich an den Fuß des Tyrannen, buckelt den Rücken, schnurrt vor sich hin: „Gott, segne die Ukraine!“ Und Gott würde seinen Segen geben, nichts ist unmöglich für einen Gott, schade nur, dass er allein ist und wir ihm keine Hilfe sind. *** Ich sag zu ihr: Nimm deinen Koffer – und die Dokumente in einen Extra-Sack. Koffer, Bahnhof und danach – weiß der Teufel, wohin. Sie dann zu mir: Die Apfelblüten sind schon gefallen, die Clematis blüht und das Wasser im Meer ist klar. Ich dann: Nachts wurde wieder geschossen, näher dran als gestern. Nimm nur das Nötigste, lass die anderen Sachen hier. Sie dann: Schau, wie die Sonne am Morgen scheint, du musst mir nicht zuhören, schau einfach hin. *** Sie schreibt mir: Ich werde Blumen zum Obelisken tragen, lege die Blumen dort, am ewigen Feuer, nieder, das Leben ist scheiße, ich hasse die Gefahr, ja, ich weiß, jetzt rollen Panzer und Einsatzwagen in Richtung Odessa, mit ihnen kommen die Bandera-Faschisten, uns zu töten, das also schreibt sie mir und anderen Unsinn. Ich les es und denke: Schön, dass du seit so vielen Jahren nicht mit mir gesprochen hast, mir kommt vor, seit Jahrhunderten, dass du mir nicht geschrieben, meine bärtige Fresse nicht gesehen, nicht meine Gedichte gelesen hast – es gibt doch Lermontow, Jewtuschenko, und ich, beim genaueren Hinsehen, bin nur ein gealterter Handlanger eines Bandera-Schlägers. Ich antworte ihr: Du, Alte, solltest lieber zu Hause sitzen, wir sind zu alt, um den geschlossenen Reihen eines Einsatzkommandos entgegenzutreten. Mir kommt es vor: Sie ist wie ein Wischmopp, und ich, ich bin wie ein Putzlappen, zusammen könnten wir, läge es in meiner Kraft, das Kulikovo-Feld und den Alexander-Prospekt vom Blut reinwaschen, aber die Geschichte nimmt ihren Lauf und zwischen uns wird das Einsatzkommando stehen. *** Die Sprache der Besatzer ist wie eine Formation im Gefecht, wie eine Kanzleisprache, eine Schlagzeile in der Zeitung. Die Hände der Kämpfenden sind bekanntlich müde geworden vom vielen Stechen. Die Sprache der Besatzer ist wie ein Panzer – er akzeptiert keine Grenzen. Er brüllt und knarrt und muht, verleumdet und wütet, er rollt durch das eroberte, verwüstete Land. Aber die russische Sprache wird sich darin nicht verlieren, Sie überlebt, aber wie genau, das weiß ich nicht. Panzer rollen über ein schwarzes Feld, schießen, suchen den Jungen Kolja. Kolja sitzt in einem Graben mit einem Maschinengewehr, er zittert am ganzen Körper, er flucht. Im schwarzen Himmel fliegen Geschwader – schwere Bomben, Stahlflügel. Kolja sitzt im Graben, nass bis auf die Haut, er hat weder eine Granate noch ein Flak-Geschütz. Kein Haus, keine Heimat, keinen Gefechtsbefehl, keine freundlichen Worte und keinen bösen Blick, aber Kolja hat einen Schutzengel, den Heiligen Nikolaus, mit einem Bart und einem Offizierskittel. Er steht stramm, die Hand an der Schirmmütze: Erlöser, gedenke des armen Kolja! Und der Erlöser gedenkt des Jungen Kolja, aber er sitzt, ganz Herrscher, weiterhin auf seinem goldenen Thron. Kolja wird leben, mit einem Bein und einer Medaille, im Keller wird er mit dem Pack trinken, wird trinken und feiern, seinem Nachbarn einschenken, wird Lieder singen, über den Krieg und über den Sieg.

Aus dem Russischen von Alexander Filyuta und Matthias Kniep

EINER MUSS STANDHALTEN


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Some objects say

HELLo Warnung: Australische Aborigines und Torres-Strait-Insulaner ­ können auf den folgenden Artikel möglicherweise empfindlich ­reagieren, ­ da er Hinweise auf ­Verstorbene und religiöses Geheimwissen beinhaltet. Christoph Balzar Warnungen wie diese sind im postkolonialen Australien kei­ ne Seltenheit, sondern finden sich in allen nur denkbaren Me­ dien. Fernsehsendungen und Nachrichtenmagazine werden oft so angekündigt, genauso wie viele Schulbücher, Websites oder Kinofilme. Der Zweck der Hinweise ist es, spirituelle Risiken für die indigene Bevölkerung zu markieren und sie vor tabu­ isierten Inhalten ihrer Glaubenswelt zu bewahren. Manch tra­ ditionell gläubige Aborigines und Torres-Strait-Insulaner, also die Bewohner der Inseln vor Queensland, kann nämlich allein schon eine Andeutung auf etwas verstören, was sie als ihr secretsacred business bezeichnen. Dazu zählt all das, was für sie heilig ist und – aufgrund seiner besonderen spirituellen Kraft – auch bestimmte Gefahren für Leib und Seele birgt. Dies können Lie­ der, Zeremonien, Geschichten, Artefakte, aber auch Namen oder Stimm- und Bildaufzeichnungen von Verstorbenen sein. Initiationsgrad, Geschlecht und Totemzugehörigkeit regeln, wer was sehen, wissen und kennen darf und was nicht. Eine Grund­ regel könnte dabei lauten: Alles, was mit den Toten zu tun hat, ist tabu. Tatsächlich könnte der nun folgende Aufsatz manche Aborigines und Torres-Strait-Insulaner verstören, obgleich er das genaue Gegenteil beabsichtigt. Denn es geht um eine Re­ vision des Umgangs mit diesen Tabus in den Berliner Museen. Es geht mehr noch um die Frage, ob heilige oder tabuisierte Objekte überhaupt zur Schau gestellt werden dürfen. Dafür müssen wir öffentlich über sie sprechen. Ancestral remains von Aborigines und Torres-Strait-Insula­ nern, also alles, was in irgendeiner Weise mit ihren Ahnen zu tun hat, gibt es in Berlin tatsächlich zuhauf. Hier wurden Anfang des 20. Jahrhunderts umfangreiche ethnografische und anthro­ pologische Sammlungen von Wissenschaftlern wie Felix von Luschan zusammengetragen. Darunter ist alles, was die For­ schung der damaligen Zeit für wichtig erachtete, um sich ein Bild von fremden Kulturen zu machen: von Werkzeugen bis zu Jagdwaffen, von Fotos bis zu Stimmaufzeichnungen, von religi­ ösen Artefakten bis hin zu menschlichen Skeletten. Im postkolonialen Diskurs wird hitzig über diese Samm­ lungen und ihre Entstehung diskutiert. Ethnografische und an­ thropologische Objekte erzählen nicht nur von anderen Kultu­ ren, sondern sind oft auch Zeugen einer Zeit, in der diese Kulturen einen großen Teil ihres materiellen, immateriellen und natürlichen Erbes verloren haben. Vielerorts mussten Ureinwohner in Kolonialgebieten mit ansehen, wie Ethnologen ihr Hab und Gut wegschafften, wie Biologen ihre Toten zu

­ orschungszwecken ausgruben, wie Missionare ihre Traditionen F zur Sünde erklärten und landgierige Siedler sie mit Alkohol und Grippeinfektionen dezimierten. Soziopolitische Einflüsse wie diese ebneten Unmengen von Objekten den Weg nach Europa in eine historisch beispiellose Diaspora. Natürlich gab es dabei auch fairen Handel, dennoch liegt es vor dem Hintergrund des enormen Unrechtskontextes des Kolonialismus nahe, der Vor­ stellung mit Skepsis zu begegnen, ethnografische und anthro­ pologische Sammlungen seien generell rechtmäßig akquiriert worden. Sie können kaum anders als über koloniale Infrastruk­ turen beschafft worden sein, weswegen ihnen die damit verbun­ dene Geschichte der Gewalt, ob nun in direkter oder indirekter Form, subtil anhaftet. Dass Museumsethnologen insofern eine enorme Verantwortung tragen, ist offensichtlich. Dass sie aber für die Verbrechen der Kolonialära nicht persönlich verantwort­ lich sind, wird von manchen postkolonialen Aktivisten zumal übersehen. Die größte Kontroverse im Diskurs um ethnografische und anthropologische Sammlungen bilden gewiss die „sensiblen Ob­ jekte“, was so viel meint wie menschliche Überreste oder Hei­ ligtümer lebender Kulturen. Viele indigene Völker aus postko­ lonialen Gebieten eint nicht nur ihr Kampf um Bürger- und Landrechte, sondern auch ihr spezifisches Bestreben, heilige „Dinge“ zu restituieren, die ihren Gesellschaften im Zuge des Kolonialismus geraubt wurden. Ihre Restitutionsanträge an Mu­ seen sind deswegen – ganz anders als die Forderungen nach dem Kunstwerk Nofretete seitens des ägyptischen Nationalmu­ seums – oft religiös motiviert. Eingesperrt und ohne geistige Nahrung wähnen Würdenträger der in Kolumbien lebenden Kogi ihre Götterfiguren in internationalen Museen; vorgeführt und entwürdigt empfinden Repräsentanten der namibischen Herero die dort ausgestellten Gebeine ihrer Vorfahren. Viele australische Aborigines leiden darunter, dass sie von Artefakten, in denen angeblich ihre Ahnen weilen, abgeschnitten sind. Museumskonservatoren und -kuratoren könnten, so wird häufig argumentiert, den eigentlichen Ansprüchen solcher Hei­ ligtümer nach einem spirituellem Kontext und zeremoniellem Gebrauch nicht gerecht werden und müssten sie deshalb zu­ rückgeben. Die kritisierten Institutionen weisen solches An­ sinnen oft von sich. Gebrauch bedeute Verbrauch und sei ein ­kulturelles Tabu, man müsse Kulturschätze für künftige Gene­ rationen von Forschern und Museumsbesuchern bewahren. Sol­ che Konflikte zeigen auf, wie groß die Spannungen zwischen Religion und Wissenschaft bis zum heutigen Tag sind. Und so führt die Diskussion, ob bei sensiblen Sammlungen nun die religiöse oder die wissenschaftliche Fürsorgepflicht wichtiger ist, zur Gretchenfrage an die Wissenschaftler im ­Museum. „Was denken Sie? Bergen sensible Objekte in Ihren Sammlungen tatsächlich spirituelle Kräfte?“ Die Frage ist den Ethnologen und Anthropologen nicht selten unangenehm, for­ dert sie doch ein persönliches Bekenntnis zu Themen, die aus wissenschaftlicher Sicht eher private Angelegenheiten des Glau­ bens sein sollten. Manch Wissenschaftler hält die vermeintliche Kraft sensibler Objekte für ein Ergebnis von individuellen Be­ deutungszuschreibungen. Alles spiele sich nur im Kopf ab, alles sei nur eine Frage der Perspektive. Dr. Anita Herle vom Muse­ um of Archaeology and Anthropology in Cambridge beschreibt ihre mit sensiblen Sammlungen gemachten Erfahrungen anders: „Some objects say ‚Hello‘!“ Selbst wenn man aber nun gar keinen Zugang zum Bewusst­ seinsraum findet, den Heiligtümer aus fremden Kulturen für ihre traditionellen Eigentümer entfalten können, kann man


22 dennoch anerkennen, dass diese Dinge für die betroffe­ nen Menschen nicht einfach „Dinge“ sind. Auch in den Berliner Museen wird dieses besondere Verhältnis zwi­ schen sensiblen Sammlungen und ihren traditionellen Eigentümern mehr und mehr respektiert und es entwi­ ckelt sich ein Gespür für das Trauma des Kolonialismus. Provenienzforschung wurde so zu einem festen Teil der musealen Aufarbeitungskultur. Dabei sind die Charité und ihr Medizinhistorisches Museum Vorreiter. 2008 in­ itiierten dort Dr. Andreas Winkelmann und Prof. Dr. Thomas Schnalke das human remains project, in dessen Zentrum eine riesige Sammlung von humanbiologischen Objekten stand. Darunter waren allein um die 5.000 Schädel, die jener Felix von Luschan Anfang des 20. Jahr­ hunderts in den Kolonien für die dubiose Rassenfor­ schung beschaffen ließ. Die Provenienz dieser mensch­ lichen Überreste versuchte das Team mit detektivischem Spürsinn und Fördermitteln der Deutschen Forschungs­ gemeinschaft über drei Jahre hinweg zu bestimmen. Man wollte so wenigstens die Rückführung eines Teils dieser Sammlungen zu ihren Herkunftsgesellschaften ermög­ lichen. Unter anderem waren Vertreter verschiedener australischer Stämme in Berlin. Feierlich nahmen sie die Gebeine ihrer Ahnen in Empfang, um sie für eine wür­ devolle Bestattung nach Hause zu bringen. Mittlerweile ist das human remains project ausgelaufen. Rückblickend betrachtet war es keine Kampagne politischer Korrekt­ heit, kein öffentlichkeitswirksames Bußritual, kein blo­ ßer publicity stunt der Charité. Dr. Winkelmann erklärt, dass sein Team stets die Wünsche der Kooperationspart­ ner berücksichtigte. Die Aborigines wollten Diskretion, damit ihre Toten und ihre Trauer nicht noch weiter zur Schau gestellt werden. Beim human remains project ging es tatsächlich um Menschen und die Heilung historischer Wunden, vielleicht auch, weil es Mediziner waren, die das Projekt betreuten. Auch das Ethnologische Museum Berlin besitzt sen­ sible Sammlungen, die jener Felix von Luschan ange­ kauft hat. Darunter befinden sich ancestral remains von Aborigines, jedoch nicht in Form von menschlichen Ge­ beinen. Es sind „Seelenhölzer“, genauer gesagt Churingas, vom zentralaustralischen Volk der Aranda. Churingas sind

Humboldt Lab Mit dem Humboldt-Forum entsteht in der historischen Mitte Berlins ein Zentrum für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Bildung, das sich dem Dialog zwischen den Kulturen der Welt widmet. Das Humboldt Lab Dahlem dient seit 2012 als Experimentierfeld zur Vorbereitung insbesondere der Museumsausstellungen im zukünftigen Humboldt-Forum. Ausgangspunkt ist die Frage, wie ein Museum heute zugleich anschaulich und fundiert Zugang zu nicht europäischer Kunst und Kultur vermitteln kann. In dem Ausstellungsformat Probebühne werden regelmäßig Arbeitsergebnisse von Künstler/innen und Kurator/innen vorgestellt. Im Rahmen der Probebühne 4 fand bis Februar 2015 die Ausstellung „[Offene] Geheimnisse“ statt, die dem Problem der musealen Präsentation des Sakralen nachging. Seit dem 26.3.2015 läuft die Probebühne 6. Neben neuen Angeboten im Hörraum von „Musik hören“ stehen dabei mit „Objektbiografien“ und „Verzauberung / Beauty Parlour“ zwei Projekte im Mittelpunkt, die sich mit Sammlungsgeschichte sowie mit der Herausforderung beschäftigen, ungewohnte ästhetische Vorstellungen eindrücklich zu vermitteln. Die Probebühne 7 sowie die Abschlussausstellung zum Humboldt Lab eröffnen am 24.6.2015. ↗ www.humboldt-lab.de

ein zentrales Element ihrer 40.000 bis 60.000 Jahre alten Religion und ihres Glaubens an die Alcheringa (Spencer & Gillen), auf Deutsch: die Traumzeit. Dieser höheren Wirklichkeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zu­ kunft zusammenlaufen, entspringt ihrer Vorstellung nach alles Leben, vom Land, über die Pflanzen, die Tie­ re und die Menschen bis hin zu den Gesetzen, nach de­ nen es zu leben gilt. Die Gesetze der Alcheringa sind nicht die der Physik, sondern die der Poesie. Wenn bei den Aranda eine schwangere Frau zum ers­ ten Mal ihr Kind in ihrem Bauch spürt, so ist in der Vor­ stellung ihrer Kultur in diesem Moment eine spirituelle Entität aus der Alcheringa in den Fötus eingegangen. Die Mutter erzählt dies dem Vater und der sucht den Ort der Empfängnis wiederum mit seinem Vater ab. Dieser Geist des Kindes, so weiß man, ist eng verbunden mit dieser Landschaft, womöglich ein Känguru-, Schlangen- oder Ameisengeist, der entschieden hat, an diesem Ort ein Mensch zu werden. Er hat dort während des Übergangs einen Churinga fallen lassen, den es zu finden gilt, ein besonderes Stück Stein oder Holz, in das mystische Symbole aus Kreisen und Linien geritzt werden. Die Männer bringen diesen Churinga zu den Ältesten in eine geheime Höhle, das Allerheiligste ihres Volkes, den Ertnatulunga. Für alle Zeit wird man ihn dort behüten, zu­ sammen mit seinen Brüdern und Schwestern, den Ahnen und denen, die erst noch kommen werden. Er ist dort in der Traumzeit. Der Ertnatulunga und alle Churinga sind normaler­ weise strengstens geschützt. Alles, was damit zu tun hat, ist secret-sacred und darf nicht gezeigt oder gesehen wer­ den. Frauen, Kinder, nicht initiierte Männer und grund­ sätzlich alle Fremden müssen ihnen unter Androhung der Todesstrafe fern bleiben, vielleicht weil die Hüter dieses Ortes sich sonst nicht in der Lage sähen, die Schwelle zur Traumzeit offen zu halten. Die magische Technik der Verhüllung ist dabei von höchster Wichtig­ keit. Den Ertnatulunga nicht sehen oder betreten zu dür­ fen schafft nicht nur Begehrlichkeiten, es macht ihn für diejenigen, die an ihn glauben, zu einem vollkommen anderen Ort, den man als ein Zentrum verstehen könn­ te, von dem Ordnung in das Chaos der Welt und das Leben jedes Einzelnen strahlt (Eliade). Nirgendwo sonst ist die Alcheringa, das „Gesetz des Kosmos“, näher. Die besagten sensiblen Sammlungen von Churingas im Ethnologischen Museum Berlin waren 2014/15 auch Thema in der Ausstellung „[Offene] Geheimnisse“ der Probebühne 4 im Humboldt Lab. Die Kuratoren Dr. Markus Schindlbeck und Indra Lopez Velasco hatten erforscht, wie man sakrale und tabuisierte Objekte prä­ sentieren kann. Die Frage besitzt eine gewisse Dring­ lichkeit, denn das Ethnologische Museum in Dahlem soll 2016 geschlossen werden. Während der Großteil sei­ ner Sammlung später in Friedrichshagen deponiert wird, werden seine Ausstellungsstücke in das rekonstruierte Stadtschloss in Berlin-Mitte ziehen, wo sie zu einem Teil des Humboldt-Forum werden. Historische Objekte will man dort ab 2019 gegenwartsbezogen in thematische Ausstellungen einbringen. Selbst wenn sie nicht ausge­ stellt werden, könnten sensible Sammlungen spätestens dann aus politischer Sicht zum Risiko werden, gesetzt den Fall, sie erregen Anstoß in ihren jeweiligen Glau­ bensgemeinschaften. Es müssen also Lösungen gefun­ den werden. Die Ausstellung „[Offene] Geheimnisse“ experimentierte mit den Prinzipien des Zeigens und Verbergens in dem Versuch, die Heiligkeit der Objekte zu berücksichtigen. Der schwarz gestrichene Ausstel­ lungsraum erinnerte stark an eine Höhle. Unter anderem war dort ein in Pflanzenfasern gehüllter Churinga, eine 3-D-gedruckte Plastikreplik und eine konzeptkünstle­ risch leer geräumte Vitrine mit dem Hinweisschild zu sehen, ein Objekt sei entnommen worden. Das Glas ei­ ner anderen Vitrine wurde mal milchig und dann wieder transparent und zeigte und verbarg abwechselnd weite­ re rituelle Objekte. Neugier und Zweifel lagen gleicher­ maßen in der Luft. Es ist den Machern dieser Ausstellung hoch anzu­ rechnen, dass sie die institutionskritische Frage nach der Daseinsberechtigung solch sensibler Sammlungen nicht scheuten. In einem öffentlichen Workshop luden

sie internationale Museumsforscher mit Spezialisierung auf sensible Objekte ein und diskutierten das kontro­ verse Thema der Restitution. Philip Batty vom Museum Victoria in Melbourne berichtete in einer Videokonfe­ renz, wie schwierig sich konkret die Rückführung von Churingas gestaltet. Dem Restitutionsprogramm, das er in Australien koordinierte, hätten immerhin 3.000.000 australische Dollar zur Verfügung gestanden, um die Provenienz von 1.500 Sammlungsstücken zu erforschen. Er und sein Team konnten davon aber lediglich 100, also nicht einmal sieben Prozent, mit traditionellen Eigen­ tümern in Verbindung bringen. Aufgrund ihrer tabu­ isierten Natur als secret-sacred business traute sich kaum ein traditionsbewusster, gläubiger Aborigine, sie zu iden­ tifizieren. Und die, die nicht traditionsbewusst und gläu­ big sind, können es nicht. Die Situation gleicht einem Drama. Mittlerweile wurden spezielle Depots in ausge­ suchten Institutionen und in der Nähe von Aborigines­ gemeinden eingerichtet, um wenigstens die Möglichkeit zu schaffen, dass Churingas aus internationalen Samm­ lungen auf australischen Boden zurückgebracht werden können. Die Versammlung der verstreuten Churingas in diesen Aufbewahrungsstätten erleichtert wahrscheinlich langfristig ihre genaue Identifikation. Ob sie so irgend­ wann wirklich in die Glaubenswelt und das Leben der Aborigines reintegriert werden können, wird die Zeit zeigen. Philip Battys Rat an seine Museumskollegen in Berlin: Sucht den Kontakt zu den traditionellen Eigen­ tümern! Indra Lopez Velasco hatte genau diesen Schritt im Anschluss an die Ausstellungseröffnung getan. Sie be­ richtete auf dem Workshop von einer Reise nach Aus­ tralien und ihrer Aufgabe, Kontakte mit Museumskura­ toren und Würdenträgern der Aborigines zu knüpfen. Sie hatte mit ihnen über „[Offene] Geheimnisse“ in Deutschland gesprochen und schilderte das enorm brei­ te Spektrum an Resonanz. Und es gab großes Interesse an den Sammlungen in Deutschland und den hiesigen Churingas. Eine Frau forderte explizit, dass sie dieses men’s business, also „diese Sachen, die nur Männer etwas angehen“, sehen dürfe und begrüßte es, dass ein Muse­ um nach Möglichkeiten ihrer Präsentation forsche. Eine wahrhaftige Genderkontroverse! Was die Fürsorge für Churingas anbelangt, sagte ihr ein Aborigine, konser­ vatorisches Insektenschutzmittel sei zwar wichtig, aber eben auch nicht alles. Manche prophezeiten sogar schlimme Folgen für Leib und Seele, würde man hier­ zulande weiterhin mit dem Feuer des secret-sacred business spielen. Andere wollten einfach nur wieder ihre Churingas zurück und sie selbst verwalten. Lopez Velasco ­unterstrich die Notwendigkeit, die Interessen der ­Menschen in Zentralaustralien ernst zu nehmen. Die Wissenschaft müsse sich auch hierzulande mit den Über­ zeugungen der Aborigines auseinandersetzen, so ihr Schlusswort auf dem Workshop. Doch wie? Ein Forschungsprojekt zur Restitution speziell für sensible Objekte wäre aus meiner Sicht ein geeigneter erster Schritt. Es geht immerhin um das See­ lenheil ganzer Völker, vielleicht auch unseres eigenen.

Christoph Balzar, *1980, Doktorand an der ­ heinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im R Fach Kunstgeschichte, ist Künstler, Kurator und Mediator. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Konfliktforschung bei Kulturerbschaftsstreitigkeiten zwischen Vertretern indigener Gesellschaften und denen ethnologischer und kulturhistorischer Museen oder Sammlungen. Das Ziel seiner künstlerisch-wissenschaftlichen Praxis ist die Schaffung von Dialogen in Form gemeinsamer Ausstellungen, Forschungskooperativen oder transdisziplinärer Projekte.


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„ DeNN ein JEgLICHER wird seiNE LAST tRAgen ” Zum

Verhältnis

von Wissenschaft

und Religion

Tim Parks

Wissenschaftler haben jahrhundertelang die Schöpfungsmythen der Weltreligionen abgeräumt und den Menschen aus dem Zentrum des Univer­ sums vertrieben. Als Ausgleich versprachen sie ein

schöneres, längeres Leben. Kann Wissenschaft am Ende sogar den Glauben ersetzen? Können uns ihre Erkenntnisse ein festes Weltbild und tiefen Trost schenken?


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n den vergangenen Monaten bin ich verschiedent­ lich gefragt worden, ob ich glaube, dass die Wissen­ schaft an die Stelle der Religion trete, dass die Kunst an die Stelle der Religion trete, dass der Sport an die Stelle der Religion trete oder die Politik und so weiter. Jedes Mal wurde dabei unterstellt, dass dieser Vorgang schädlich sei, dass jeder Erfahrungsraum seinen Platz habe und wir das eine nicht mit dem anderen verwech­ seln dürften. Kurz, es handelte sich um Fragen von verunsicherten Konservativen. Die Religion scheint derweil alles andere als auf dem Rückzug. Trotzdem werde ich nie gefragt, ob ich glaube, dass die Religion an die Stelle von Wissenschaft, Kunst, Sport, Politik etc. trete. Menschen haben komplexere Ansprüche, als nur ihre Grundbedürfnisse nach Nahrung, Obdach, Wärme, Raum zu befriedigen. Vor allem müssen Bedingungen für eine bestimmte geistige Verfassung geschaffen wer­ den, für ein Glaubensgerüst oder zumindest Denkge­ wohnheiten, die uns erlauben, zu tun, was die Gesell­ schaft von uns erwartet, ohne uns auf der einen Seite eingezwängt zu fühlen oder auf der anderen von Sinn­ leere überwältigt. Wir brauchen eine Vision von Welt und Leben, um den Willen zum Weitermachen aufzu­ bringen. Das ist nicht einfach. Die Weltreligionen sind zahlreicher und unter­ schiedlicher, als die meisten Menschen vermuten; im Allgemeinen aber regeln sie das Leben so, dass es Sinn und Schwung hat. Eine Reihe von Schöpfungsmythen und Geschichten vom Umgang der Gottheit mit den Menschen erlaubt es den Gläubigen, ein Gefühl für ih­ ren Platz im Universum zu entwickeln. Es gibt einen Generalplan für ein tugendsames Leben, über den sich außerdem ein großer Erfahrungsschatz erschließen lässt, von Arbeit über Kunst und Sex bis hin zur Mystik. Vor allem aber gibt es eine Gemeinschaft, von der die­ se Glaubensvorstellungen geteilt werden, so dass jedem Gläubigen ein Zugehörigkeitsgefühl garantiert ist. Er ist nicht allein. Er weiß, wie seine Beziehungen zu an­ deren Menschen mehr oder weniger aussehen sollten. Wenn seine religiösen Empfindungen stark sind, weiß ein Gläubiger, worum es im Leben geht, und die Ge­ meinschaft stützt seine Überzeugungen. Das war eine ganz schöne Leistung. Obwohl im Ergebnis oft eine Gemeinschaft gegen die andere kämpft.

Wir haben Bedürfnisse, die früher von Religion befriedigt wurden. Der Glaube ist der Schwachpunkt aller Religion. Wenn einem der Glaube fehlt, wird nicht nur das indi­ viduelle Schicksal in Frage gestellt, sondern der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, das Leitbild für das Leben selbst. Und so wurde die Wissenschaft für die Religion unweigerlich zur Bedrohung. Die Geschichte der Neuzeit im Westen lässt sich über die verschiedenen Abkommen zwischen Wissenschaft und Religion be­ greifen, die es der Gesellschaft erlauben sollten, von der Wissenschaft zu profitieren und dabei ihre Religion mehr oder weniger intakt zu halten. In dieser Hinsicht war die kartesianische Spaltung zwischen einer mate­ rialistischen Sphäre der Forschung und einer spiritu­ ellen Sphäre des Glaubens von unschätzbarem Wert. Aber nachdem die Geologie, die Astronomie und vor allem die Biologie einen Schöpfungsmythos nach dem anderen abgeräumt hatten, fanden manche Men­ schen es natürlich schwer, am Glauben festzuhalten, und eine Religion, die sich immer mehr gezwungen

sieht, ihre wichtigsten Dogmen als Metaphern zu ver­ stehen und nicht mehr als unumstößliche Tatsachen, verliert an Überzeugungskraft. Was den Religionen ihre Kraft verliehen hatte, war der Glaube an ein Absolutum. In den Religionen der Gegenwart kommt es mehr und mehr zu einer Polarisierung zwischen Fundamentalis­ ten, die sich nach den alten Absoluta sehnen, aller wis­ senschaftlichen Erkenntnisse zum Trotz, und Liberalen, die eine Konstruktion religiöser Hingabe ohne Buchsta­ benglauben wollen. Zum Glück ist Religion nicht das einzige Mittel, ein Bild der Welt zu konstruieren, das uns zu leben er­ laubt. Als Giacomo Leopardi, der italienische Dichter und Philosoph des 19. Jahrhunderts, über das „Massa­ ker der Illusionen“ nachdachte, das die Wissenschaft ausgelöst hatte, sah er die Verfasstheit des Menschen der Neuzeit durch eine Art „Doppeldenk“ bestimmt: Man wusste, dass es nichts gab, woran man glauben konnte, aber da irgendein Glaubensgerüst notwendig war, um handlungsfähig zu bleiben, würden die Men­ schen solche ­Gerüste, wie wacklig sie auch sein moch­ ten, anderswo errichten. Leopardi benannte folgende Gebiete: Wissenschaft, Kunst, Sport.

Die unsterbliche Seele, das Selbst war es, was zählte. Die Wissenschaft bietet Fakten, Wahrheiten mög­ licherweise, zum Thema „Schöpfung“ (bzw. Evolution), und im Verein damit Begriffe sowohl von Determinis­ mus und, wackliger, Fortschritt. Wir können unser Le­ ben als Teil des vorwärts gerichteten Marsches der Ar­ ten begreifen. Gleichzeitig ermöglicht uns technischer Fortschritt auf der Basis wissenschaftlicher Entdeckun­ gen ein angenehmeres Schicksal. Ja, irgendwie scheint die Wissenschaft ständig um Entschuldigung dafür zu bitten, uns unsere Illusionen geraubt zu haben, indem sie uns zum Ausgleich Entdeckungen andient, die uns ein schöneres oder längeres oder zumindest bequeme­ res Leben ermöglichen oder einfach ein interessante­ res. Ein ziemlich schlechter Deal, denkt man an das allumfassende Weltbild und den tiefen Trost, den die Religion einst bot, aber wenn die Kunst unseren schwe­ rer fassbaren und edleren Impulsen Form und Stimme gibt, wenn Sport und Politik einen Rahmen für Zuge­ hörigkeitsgefühl und relativ harmlosen Wettbewerb set­ zen, wenn der Konsumismus (in sich stark von der Wis­ senschaft abhängig) den Menschen eine Reihe von Sehnsüchten schenkt, die sie erfüllen wollen, dann kann das Leben eine Gestalt annehmen. Und kulturel­ le Trägheit ist natürlich ein großer Aktivposten: Wir tun es unseren Eltern nach. Daran ist nichts Perverses oder Seltsames. Wir ha­ ben Bedürfnisse, die früher von Religion befriedigt wur­ den. Für viele von uns geht Religion nicht mehr. Selbst jene, die sich zum Glauben bekennen, tun es meist auf eine Weise, die sich mit der tiefinnigen Überzeugung aus der Zeit vor einigen Jahrhunderten kaum verglei­ chen lässt. Die Welt ist heute nicht in Gläubige und Ungläubige geteilt, sondern in Menschen mit unter­ schiedlichen Überzeugungsgraden oder, wie man sagen könnte, in Menschen, die Religion zu unterschiedlichen Zwecken „nutzen“: als Trost im Angesicht des Todes, für ein militantes Gemeinschaftsgefühl. Auffällig ist, wie labil alle neuzeitlichen Denkwei­ sen unweigerlich sind, seien sie religiös oder nicht, wie hart wir ständig daran arbeiten müssen, unserem Leben eine Richtung zu geben. Und vor allem: Wie schwierig es für uns ist, überhaupt einen Grund zu finden, uns als Individuen der Gesellschaft als Ganzem unterzu­ ordnen. Louis Dumont hat es in seinen Untersuchun­ gen menschlicher Hierarchien ungefähr so formuliert: Von dem Augenblick an, da wir keinen religiösen Glau­ ben mehr haben, der eine hierarchische Ordnung der Menschheit stützt, wird jede Begegnung von Einzel­ wesen zum reinen Konkurrenzkampf. Und damit bin ich bei meinem Interesse an dem Projekt „Wissenschaft als Religion?“ des Deutsch-Ame­ rikanischen Instituts Heidelberg angelangt, zu dem ich

als „Praktikant“ eingeladen bin. Christentum und west­ liche Wissenschaft haben einen gemeinsamen Begriff von der Überlegenheit des Bewusstseins des Menschen als Individuum auf Erden, der Überlegenheit seines Geistes oder seiner Seele. Schon das Christentum hat eine direkte Beziehung zwischen dem Individuum und Gott postuliert, neben der alle anderen Beziehungen zweitrangig sind. Die unsterbliche Seele, das Selbst war es, was zählte. Die kartesianische Spaltung zwischen Materialität und Spiritualität verstärkte diese Sicht. Der menschliche Geist war irgendwie von der Welt ge­ trennt, ein spirituelles Wesen in einem materiellen Schädel. Man konnte ihn sich sogar als unsterblich den­ ken, wenn nicht durch die Himmelfahrt, dann vielleicht durch eine raffinierte, noch zu programmierende Soft­ ware. Im Laufe der vergangenen Jahre haben Wissen­ schaftler mit Hilfe der Fortschritte in der Hirnfor­ schung und überlegener neuer Scanner versucht, Be­ lege für dieses Leitbild zu finden und das Bewusstsein im Körper zu lokalisieren. Die Seele gewissermaßen festzunageln. Dabei sind sie komplett gescheitert. We­ der hat das Selbst sich lokalisieren lassen, noch hat sich eine völlig überzeugende Vorstellung von Bewusstsein herauskristallisiert. In jüngster Zeit habe ich begonnen, mich für die Arbeit der „Externalisten“ zu interessieren, die den Grund für dieses Scheitern gerade in der falschen Vor­ stellung sehen, der Geist sei irgendwie im Inneren des Kopfes eingeschlossen, abgetrennt von der Welt. Ihrer Ansicht nach ist das Bewusstsein eher ein Kontinuum, das nur durch den konstanten Austausch des Körpers mit der Welt besteht. Es gibt kein vom Kopf umschlos­ senes Selbst. Es gibt keine Seele. Diese Haltung ist viel näher an einer östlichen Sicht der Beziehung von Mensch und Natur. Wenn ich zum Beispiel einen Apfel sehe, ist das nicht, als würde ich ein Foto des Apfels schießen, das ich dann im Kopf aufbewahre, vom Apfel getrennt. Nein, das Bewusstsein des Apfels befindet sich im direkten Austausch zwischen dem Apfel und meinen mentalen Rezeptoren, und jede spätere Erin­ nerung an den Apfel ist ein Widerhall dieses Austauschs, kein Abbild, das ich besitze und mit meinem geistigen Photoshop bearbeite. Dieser Denkansatz hat weitreichende Konsequen­ zen. Wenn wir uns radikal als Wesen verorten, die in der Welt aufgehen, und jede Art von Teilung zwischen einer eklen materiellen Welt und einem davon abgetrennten, edleren menschlichen Bewusstsein ausschließen, wür­ de das unsere Beziehung zur Natur und zueinander zweifellos umwälzen. Das ist es also, was ich gerne ein wenig tiefer untersuchen würde. Dass solche Ideen mit erheblichem Widerstand rechnen müssen, versteht sich von selbst. Die Menschen haben Hunderte, wenn nicht ­Tausende von Jahren damit zugebracht, die Vorstellung zu nähren, dass sie etwas Besonderes, Einmaliges sind und vor allem über eine Individualität verfügen, die sich irgendwie aus der wirklichen Welt, der sinnlich erfahr­ baren Welt herausrechnen lässt und für die die Geset­ ze des Wandels, denen alle Materie unterworfen ist, nicht ­gelten. Schon der Begriff „sinnlich erfahrbare Welt“ soll betonen, dass wir ihr überlegen sind und sie unseren Sinnen unterwerfen. Solche Vorurteile werden sich lange halten. Aus dem Englischen von Robin Detje

Tim Parks wurde 1954 im englischen Manchester geboren, studierte Englische und Amerikanische Literatur an den Universitäten Cambridge und Harvard. Seit 1981 lebt er in Italien. Parks ist Autor von vierzehn Romanen sowie zahlreicher Sachbücher und Essays. Zuletzt erschien von ihm „Painting Death“, Harvill Secker, London 2014. Er hat Werke u. a. von Moravia, Calvino und Tabucchi ins Englische übertragen und lehrt literarische Übersetzung an der Universität Mailand. Das Deutsch-Amerikanische Institut Heidelberg hat Tim Parks zusammen mit anderen Autor/innen dazu eingeladen, als „Praktikant“ zwei Wochen lang die Arbeit von naturwissenschaftlichen Instituten zu begleiten und anschließend über seine Eindrücke zu berichten. Weitere Informationen zum Projekt „Wissenschaft als Religion?“ finden Sie auf S. 19.


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Neue Projekte Bild & Raum

Walker Evans: ­Tiefenschärfe / Depth of Field Eine Retrospektive seines ­fotografischen Werks

Der Amerikaner Walker Evans hat wie kein Zweiter die Geschichte der Fotogra­ fie im 20. Jahrhundert geprägt. Im Jahr 1903 geboren, studierte er in den 1920er Jahren Literatur an der Sorbonne in Paris und interessierte sich zunehmend für die europäische Fotografie. Die Einflüsse von Eugène Atget und August Sander prägten zeitlebens das künstlerische Werk von Evans. Der „transatlantische“ und distan­ zierte Blick auf die amerikanische Kultur zeichnet sein Œuvre besonders aus. Nach seiner Rückkehr in die USA be­ gann Evans zu verstehen, dass das künst­ lerische Material, nach dem er suchte, auf den Straßen und in den kleinbürgerlichen Wohnungen offen zutage lag. Er blickte auf Amerika mit den Augen eines Fremden und entdeckte im scheinbar Vertrauten einen neuen Zauber. Was ihn faszinierte, waren die Zeichen und Symbole der kommer­ ziellen Welt, eine gesichtslose, anonyme Architektur, die vernachlässigten Ränder der industriellen Landschaft und die Nöte der Menschen in der Wirtschaftskrise. Evans entwickelt sich schon in den 1930er Jahren zu einem der weltweit be­ deutendsten Fotografen, seine Arbeiten sind für zahlreiche nachfolgende Künstler zu einem wichtigen künstlerischen Ori­ entierungspunkt geworden. Selbst für die Pop-Art der 70er Jahre des 20. Jahrhun­ derts waren seine Werke Vorbild. Die Ausstellung, die gemeinsam vom Bottroper Josef Albers Museum und dem High Museum of Art, Atlanta, erarbeitet wird, ist die erste europäische Retrospek­ tive. Zahlreiche Leihgaben werden aus wichtigen Museen der USA zur Verfügung gestellt. Die Schau wird den Fokus auf Evans Werk, den man bislang stark auf die frühen Arbeiten aus den 1930er Jahren legte, wesentlich erweitern und auch spä­ tere künstlerische Phasen mit in den Blick nehmen. Ein umfangreicher Ausstellungskatalog mit zahlreichen Essays wird die Ausstel­ lung begleiten und dokumentieren. Kurator/innen: John T. Hill (US), Brett Abbott (US), Heinz Liesbrock Künstler: Walker Evans (US) Josef Albers Museum Quadrat, Bottrop: 27.9.2015–10.1.2016; High Museum of Art, Atlanta: 31.1.–8.5.2016; Vancouver Art Gallery: 29.10.2016–22.1.2017 ↗ www.bottrop.de

← Walker Evans: Roadside Stand near Birmingham, Alabama 1936

eigenvalue Technologie als handelndes Subjekt

Der Medientheoretiker Marshall Mc­ Luhan beschrieb 1964 Technologien als Werkzeuge des Menschen. In den 1980er Jahren befand der Literaturwissenschaft­ ler und Medientheoretiker Friedrich Kitt­ ler, der Mensch sei durch Technologie konstituiert und ihr als Subjekt unterwor­ fen. Heute werden so viele Aufgaben von Technologie übernommen, dass diese scheinbar selbst den Status eines Subjekts erlangt hat. Handlungs- und Entschei­ dungsoptionen, die bis dato Vorrecht des Menschen waren, werden zunehmend in vernetzte Maschinen bzw. deren Pro­ grammierung ausgelagert. Die Interfaces und intuitiven Oberflächen, die das a­ lltägliche Leben bestimmen, bringen die darunterliegenden Technologien zum Verschwinden. Die Technik agiert selb­ ständig und nimmt dem Nutzer Ent­ scheidungen ab, bevor diese als solche ­wahrgenommen werden. Gleichzeitig er­ möglicht sie neue Formen der Kontrolle. Das Ausstellungsprojekt „eigenvalue“ will zeigen, inwieweit Technologie heute zum handelnden Subjekt wird und welche Auswirkungen das auf Politik, Unterneh­ menskultur und zeitgenössische Kunst hat. Die Schau präsentiert künstlerische Arbeiten, die in ihrem Umgang mit Tech­

nologie ein Bewusstsein für diese Ent­ wicklungen schaffen. Sie ist im Stil einer „Produktmesse“ konzipiert, zu der Tech­ nologiefirmen und innovative Start-ups wie z. B. Cogito Dialogue oder Deep Mind sowie internationale Künstler/innen wie Ed Atkins, Dora Budor, Constant Dullaart und JODI eingeladen sind. Zusammen mit der Leuphana Universität Lüneburg wer­ den die medientheoretischen Grundlagen des Projekts erarbeitet. Weiterhin sind eine Konferenz und ein umfangreiches Vermitt­ lungsprogramm geplant. Künstlerische Leitung: Inke Arns, ­Christian von Borries Kurator/innen: Inke Arns, Christian von Borries, Nina Franz Künstler/innen: Simon Denny, ­Dullaart (NL), JODI (NL), ­ÜBERMORGEN (AT) u. a. Dortmunder U, Dortmund: 31.10.2015–21.2.2016 ↗ www.hmkv.de

Kingdom Paradise Christian Gottlieb Priber und die Sozialutopien der Gegenwart. ­Ausstellung und Rahmenprogramm

Sozialutopien früher und heute – die­ sem in heutigen Krisenzeiten aufflammen­

den Themenbereich widmet sich ein Pro­ jekt der Städtischen Museen Zittau. Der Titel „Kingdom Paradise“ spielt auf die außergewöhnliche Geschichte des einzig bekannten Entwurfs einer weltlichen Uto­ pie des 18. Jahrhunderts an. Verbunden da­ mit ist der Name Christian Gottlieb Priber. Priber, ein Anwalt aus der sächsischen Oberlausitz, entflieht 1735 dem bürgerli­ chen Leben in Deutschland in eine neu gegründete britische Kolonie in Nordame­ rika. Dort schließt er sich einem India­ nerstamm an und versucht sein bereits in Deutschland im Verborgenen entworfenes Konzept eines idealen Gemeinwesens ­umzusetzen. In einer Gemeinschaft ohne ­Eigentum, Rasse, Klasse und Geschlecht möchte er den paradiesischen Zustand auf Erden erreichen. Davon inspiriert, ent­ steht im Jahr 2015 in Kooperation mit der ACC Galerie Weimar ein multidisziplinäres Langzeitprojekt. Es setzt die Utopie Pri­ bers mit weiteren historischen, aber auch mit aktuellen Idealvorstellungen mensch­ lichen Zusammenlebens und deren Auf­ greifen in der Kunst in Verbindung. Betei­ ligt sind sowohl bildende Künstler als auch Filme- und Theatermacher, Schriftsteller, Songwriter, Kulturhistoriker, Anthropolo­ gen, Soziologen und Philosophen. Neben Ausstellungen in Weimar und Zittau ist ein umfangreiches Begleitprogramm geplant – Lesungen, Interventionen, Workshops, Expeditionen in die Oberlausitz sowie ­Diskussionsrunden ergänzen die Schau.


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ACC Galerie, Weimar: 29.5.–9.8.2015; Städtische Museen, Zittau: 1.7.–30.10.2016 ↗ www.museum-zittau.de

Travestie für Fortgeschrittene Eine szenische Darbietung in m ­ ehreren Akten

Kollektive gesellschaftliche Identitä­ ten konstituieren sich oft über Ausgren­ zung von nonkonformen Wertvorstellun­ gen. Dabei erweist sich der Aufruf, das Eigene und Althergebrachte zu wahren, immer wieder als wirksam und hat zur Folge, dass Veränderungen oder Abwei­ chungen abgewehrt oder diskriminiert werden. „Travestie für Fortgeschrittene“ setzt sich zum Ziel, statische und eindi­ mensionale Gesellschaftsmodelle, eng­ stirnige Denkbilder und Lebensentwürfe zu unterlaufen. Das Projekt nimmt The­ men wie Migration, Homosexualität und Inklusion ins Visier, die gern von neokon­ servativen und populistischen Positionen besetzt und vereinnahmt werden. Im Neubau der GfZK in Leipzig wird eine theatrale Ausstellung mit einer ­Dreh­bühne im Mittelpunkt realisiert, die ­Einzelpräsentationen, Tanzaufführungen, Vorträge und Workshops umfasst. Das Projekt interessiert sich insbesondere für kollektive und persönliche Identitäten, die im Wandel begriffen sind. Gemeinsam mit der Choreografin Heike Hennig wird eine Ausstellungsdramaturgie entwickelt, die verschiedene Aspekte von Verwand­ lung szenisch und tänzerisch umsetzt. „Travestie für Fortgeschrittene“ reflek­ tiert auch die Funktionsweise einer ­Kunstinstitution: Wie können kritische ­Diskurse und deren künstlerische Refle­ xionen in die öffentliche Wahrnehmung hineinwirken? In Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Institutionen in Paris, Wien und Moskau sollen viele verschiedene Öffentlichkeiten erreicht werden. Eine Publikation in Form eines Skripts, das jederzeit fortgeschrieben werden kann, begleitet das Projekt. Künstlerische Leitung: Julia Kurz, Julia Schäfer, Franciska Zolyóm Assistenz: Katrin Kappenberger Dramaturgie der Tanz- und Schauspielsequenzen: Heike Hennig Grafisches Erscheinungsbild / Bühnen: hoelb/hoeb (AT) Künstler/innen, Performer/innen: Christine Hill (US), Henrik Olesen (DK), Katharina Lampert (AT), Michaela

Nickolas Muray Photo Archives © Nickolas Muray Photo Archives

Künstlerische Leitung: Frank Motz Künstler/innen: Caitlin Baucom (US), Robert Beske, Agyenim Boateng (GH), Samuel Draxler (US), Francis Hunger, Ursula Naumann / Henrik Schrat, Fabian Reimann, Roberto Santaguida (CA), John Jeremiah Sullivan (US), Michael Townsend / Emily Bryant (US), Alex Young (US)

Schwieger, Clemens von Wedemeyer, Ann-Sofi Sidén (SE), Anna Witt (AT), Katrina Daschner (AT) Tänzer/innen, Schauspieler/innen: Julia Berke, Hong Nguyen Thai (VN), Catherine Jodoin (CA) u. a. Brut, Wien: März 2015; Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig: 27.3.–28.6.2015, 10.7.–11.10.2015, 23.10.2015–31.01.2016; Laboratoires d’Aubervilliers, Paris: Oktober 2015 ↗ www.gfzk.de

Nickolas Muray Erste Retrospektive in Deutschland

← Frida Kahlo auf weißer Bank (Ausschnitt), New York, 1939, Giclée-Farbdruck, 48 x 33 cm

In den USA zählt Nickolas Muray (1892–1965) zu den bedeutendsten Porträtund Werbefotografen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – während in Europa sein Werk bislang wenig bekannt ist. Geboren im ungarischen Szeged, lernte er an der Technischen Universität Berlin sein Hand­ werk und siedelte 1913 in die USA über, wo er fortan für Magazine wie Vanity Fair, Vogue oder Time Magazine mehr als 350 Persönlichkeiten fotografierte, unter ihnen Frida Kahlo und Claude Monet, Ingrid Bergmann und Jean Cocteau, Greta Garbo oder Humphrey Bogart. Anlässlich seines 50. Todestages prä­ sentiert das Kunstmuseum Moritzburg erstmals in Deutschland sein Œuvre – da­ runter etliche Arbeiten, die als Ikonen un­ sere heutige Sicht auf jene Zeit prägen. Die Retrospektive entsteht in transnationaler Zusammenarbeit und bildet den Auftakt für eine Reihe von Sonderausstellungen internationaler fotografischer Positionen, mit der das Kunstmuseum Moritzburg in den kommenden Jahren seinen Samm­ lungsschwerpunkt von über 60.000 foto­ grafischen Arbeiten stärker herausstellen möchte. Der zur Ausstellung erscheinende Katalog stellt die erste deutschsprachige Publikation über Murays Werk dar. Künstlerische Leitung: Thomas Bauer-Friedrich Kurator: Salomon Grimberg (US) Künstler: Nickolas Muray (US) Kunstmuseum Moritzburg, Halle/ Saale: 1.3.–10.5.2015 ↗ www.stiftung-moritzburg.de

Die Bestie und der Souverän „Profanierung“ als künstlerische und „queere“ Praxis

Wie funktionieren Prozesse der Pro­ fanierung? Was passiert, wenn sie bewusst gestaltet werden? Profan werden Dinge, wenn sie ihrem religiösen Kontext entris­ sen und auf eine Weise gebraucht werden, die ihre Heiligkeit ignoriert oder konter­ kariert und insofern „unangemessen“ er­ scheint. Akte der Profanierung zielen auf die Überwindung festgeschriebener, scheinbar sakrosankter Ordnungen, Ka­

George Eastman House, Rochester, New York © Nickolas Muray Photo Archives

­ udem entsteht ein Theaterprojekt in Z ­Kooperation mit dem Soziokulturellen Zentrum Hillersche Villa in Zittau sowie die Konferenz UTOPIELABOR mit Wis­ senschaftlern, Politikern und Schriftstel­ lern. Spätere Stationen der Schau sind Providence (USA) und Tromsø (Norwegen).

← Martha Graham, um 1926, Silbergelatineabzug, 24,4 x 19,7 cm

tegorien und Werte. Im Zentrum des ­Projektes, das mit einem sehr weiten Re­ ligionsbegriff arbeitet, stehen dement­ sprechend künstlerische Werke und per­ formative Praktiken internationaler Künstler/innen, die festgeschriebene normative Ordnungen wie Sex und Ge­ schlecht, Ethnie und Klasse in Frage stel­ len und sie bewusst einem „unangemes­ senen“ Gebrauch zuführen. Eine weitere Gruppe von Arbeiten beschäftigt sich mit „queeren“, nicht normkonformen Prakti­ ken der Aneignung von Religion und re­ ligiösen Ikonografien – nicht als blasphe­ mische Geste, sondern im Sinne eines Auslotens eines profanen, eigensinnigen Umgangs mit dem Sakralen. Andere Künstler/innen kreisen in ihren Arbeiten um die Beziehung von Religion und Öko­ nomie, von Heiligem und Geld. Außer­ dem werden die Institutionen des Wissens und der Biopolitiken samt ihren sakralen Räumen, Anordnungen und Inszenierun­ gen in den Blick genommen. Für die Aus­ stellungsräume im Württembergischen Kunstverein und im Museu d’Art Con­

temporani de Barcelona (MACBA) wird eigens für diese Ausstellung eine Gestal­ tung angestrebt, die für eine „Profanie­ rung“ des White Cube sorgt. Künstlerische Leitung: Iris Dressler Kurator/innen: Hans D. Christ, Valentin Roma (ES), Beatriz Preciado (ES) Künstler/innen: Edgar Endress (CL), Oier Etxeberria (ES), León Ferrari (AR), Geumhyung Jeong (KR), Julia ­Montilla (ES), Ocaña (ES), Genesis Breyer ­P-­Orridge (GB), Wu Tsang (US), Sergio Zevallos (PE) u. a. MACBA, Barcelona: 18.3.–28.6.2015; Württembergischer Kunstverein ­Stuttgart: 9.10.2015–18.1.2016 ↗ www.wkv-stuttgart.de


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Neue Projekte Musik & Klang

Alif::split of the wall a musical exhibition space

Das Konzert „Alif::split of the wall“ ist ein musikalisches Experiment. Für die Produktion soll ein begehbarer Auf­ führungsraum entstehen, eine Art leben­ diger, musikalischer Organismus, der den Besucher aufnimmt. Die Aufführun­ gen selbst sind sowohl Konzert wie auch experimentelles Musiktheater, Kunst­ performance und Clubnacht. Musikalisch greift das Projekt beste­ hendes Material der Komponisten Samir Odeh-Tamimi und Stefan Goldmann auf, beide Musiker werden jedoch auch neue Kompositionen entwickeln. Samir Odeh-Tamimi besitzt eine sehr eigene Musiksprache, die sich aus seiner Aus­ einandersetzung mit westeuropäischer Avantgarde und arabischer Musiktradi­ tion speist. Stefan Goldmann entwickelt konzeptionell geprägte Musik, die aus den musikalischen Formen und Mitteln von House und Techno abgeleitet ist. Den Aufführungen liegt eine von Jeremi­ as Schwarzer, Samir Odeh-Tamimi und Stefan Goldmann entwickelte musikali­ sche Matrix zugrunde. Sie besteht aus strukturierten Zeitintervallen, arabi­ schen Obertonreihen und rhythmischen Transformationen. Kompositionen und Improvisation sind als sich gegenseitig beeinflussendes Gewebe miteinander ver­ knüpft. Der Titel des Projekts bezieht sich auf eine alte Sufi-Lehrgeschichte über einen Schüler, der das Schreiben des Alif, des ersten Buchstabens des Al­ phabets, Mal um Mal wiederholt. Den Wiederholungen des Vertrauten steht der Einbruch einer völlig anderen Realität gegenüber. Das Gewebe des Gewohnten wird zerrissen, etwas völlig anderes er­ hält machtvoll Zugang. Die Konzerte sollen im Radialsystem in Berlin, in der Hamburger Kunsthalle sowie in weiteren Städten in Europa auf­ geführt werden.

500 Jahre mit Luther

ge­füges. Hundert Jahre Krieg und Frieden zeichnet er anhand eines musikalischen Freskos nach. Veranstaltungsreihe im Rahmen Glaube und Erneuerungswille verein­ des Festivals Lux aeterna ten Martin Luther und Erasmus von Rot­ terdam, die in regem Briefwechsel stan­ Vor 500 Jahren erschütterte die Refor­ den. In Erasmus von Rotterdam – Lob der mation Europa und die Welt. Wie gegen­ Torheit wird aus diesen Briefen ­rezitiert, wärtig die Auswirkungen dieses Ereignis­ eingerahmt von Musikwerken, die zei­ ses sind, das die Ordnung in Europa gen, mit welcher Macht die Reformation nachhaltig geprägt hat, illustrieren die alle Bereiche des Lebens beeinflusste. In iTMOi – in the mind of igor setzt sich fünf Projekte der Reihe „500 Jahre mit Luther“, die im Rahmen des Hamburger der Londoner Choreograf Akram Khan mit Festivals „Lux aeterna“ stattfinden. Die dem im Zentrum von Strawinskys „Le Sac­ fünf aufwändigen Produktionen, die auch re du Printemps“ stehenden Opferritual Bezug auf das Motto der Lutherdekade mit Blick auf die biblische Geschichte von „Bild und Bibel“ nehmen, verknüpfen ein Abraham und Isaak auseinander. ausgewähltes Musikrepertoire der Epoche Ort, Musik und Bild verschmelzen in mit Licht- und Videokunst, Lesung und Darkness & Light zu einem Raum-­­Klangzeitgenössischem Tanz. Die Projekte Erlebnis. Die Musik der Orgel, die als wich­ ­setzen sich dabei mit zentralen Themen­ tigstes Instrument der protestantischen der Reformation wie Glaube, Macht und Kirchenmusik gilt, e­ rklingt hier zu großfor­ Kommunikation vor dem Hintergrund matigen Videoprojektionen der australi­ unserer heutigen Lebenswirklichkeit schen Künstlerin Lynette Wallworth. auseinander. Dadurch kreieren sie neue Zugänge zur Ideen- und Lebenswelt Künstlerische Leitung: Luthers und der Reformatoren des ­16. Jahr­ Christoph ­Lieben-Seutter hunderts. Eine wissenschaftliche Vor­ Komponist: Tan Dun (CN) Solist: tragsreihe an der Hochschule für Musik Bernard Foccroulle (BE) Musikalischer und ­Theater in Hamburg begleitet die Leiter und Solist: Jordi Savall (ES) Veranstaltungen. Kamera: Lynette Wallworth (AU) Der chinesische Komponist Tan Ensembles: Akram Khan Company (GB) Dun schrieb mit Water Passion die (Tanz), Chorakademie Lübeck, Hespèrion Matthäus-­­Passion des 21. Jahrhunderts. XXI (ES), La Capella Reial de ­Catalunya Er setzt das Matthäusevangelium mit ei­ (ES), Le Concert des Nations (ES) ner ­unkonventionellen Instrumentation in Szene. St. Katharinen, St. Michaelis, St. Petri, In Krieg und Frieden thematisiert der Kampnagel, Hamburg: 3.2.–2.3.2015 katalanische Gambist und Historiker ↗ www.elbphilharmonie.de ­Jordi Savall die aus der Reformation ↗ www.lux-aeterna-hamburg.de ­resultierenden Religionskonflikte und Umwälzungen des europäischen Macht­

Im Rahmen des Festivals MaerzMusik der Berliner Festspiele

Thema des aktuellen Festivals ist das Phänomen Zeit – Zeit als individueller und gesellschaftlicher Schrittmacher; Zeit als knappe, nicht erneuerbare R ­ essource zwischen Be- und Entschleu­nigung; Zeit als Taktgeber für die Pro­duktion wirt­ schaftlicher wie auch künstlerischer Er­ zeugnisse. Für das künstlerische Arbeiten in den Bereichen Musik, Film und Perfor­ mance ist sie als Gestaltungsdimension konstitutiv, während auf der anderen Sei­ te diese zeitbasierten Kunstformen für den Rezipienten konkrete zeitliche Er­ fahrungs- und Reflexionsräume zu eröff­ nen vermögen. Das Festival versteht sich als Beitrag zur Debatte über unseren Umgang mit Zeit und bietet über zehn Tage ein öffent­ liches Forum, das sich aus künstlerischer, wissenschaftlicher und philosophischer Perspektive mit herrschenden Zeitbegrif­ fen, -strukturen und -erfahrungen be­ fasst. Aktuelle Diskurse und Theorien sollen mit der konkreten Zeiterfahrung in einer Vielzahl von Konzerten, Installa­ tionen, Performances und Filmprojekten verschränkt werden und dem Besucher höchst unterschiedliche Zugänge zum Phänomen Zeit eröffnen. Die multimedi­ ale Begleitung des Festivals gewährleistet eine breit angelegte Dokumentation. Künstlerische Leitung: Berno Odo Polzer Künstler/innen: Ictus Ensemble (BE), Ensemble Mosaik, Minguet Quartett, Ensemble Adapter, Phill Niblock (US), Cédric Dambrain (BE), Eva Reiter (AT), Bruce McClure (US), Caspar Langhoff (CH), Yaron Deutsch (IL), Leif Inge (NO) u. a. Haus der Berliner Festspiele, Kraftwerk Berlin, Berlin: 20.–29.3.2015 ↗ www.berlinerfestspiele.de

Künstlerische Leitung: Jeremias Schwarzer Installation: Chiharu Shiota (JP) Musik: Samir Odeh-Tamimi (IL), Stefan Goldmann, Jeremias Schwarzer Musiker/innen: Zafraan Ensemble Stimme: Salome Kammer Raum­konzept: Folkert Uhde Dramaturgie: Ilka Seifert Produktion: Zafraan ­Ensemble, Sebastian Solte © Louis Fernandez

Festival für Zeitfragen

Wien: November 2015; Radialsystem V, Berlin: März 2016; Nürnberg: Juni 2016 ↗ www.zafraan-ensemble.com

↑ iTMOi (in the mind of igor), Akram Khan Company


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Neue Projekte Bühne & Bewegung

RomAmoR

Das Bild von Roma und Sinti in der öffentlichen Wahrnehmung ist vielerorts geprägt von starren Vorurteilen – selten ein unverstellter Blick auf jene über den ganzen Erdball verstreut lebende „Min­ derheit“ von vielen Millionen Menschen, die sich gegenwärtig zunehmend aggres­ siven, antiziganistischen Übergriffen und Verbrechen ausgesetzt sieht. Sein Projekt „RomAmoR“ widmet Hellerau den kulturellen Identitäten und der gegenwärtigen Situation von Roma und Sinti: Exotisch-verklärende Klischees sollen nicht bedient, sondern als Folie für eine produktive Auseinandersetzung mit ihnen genutzt werden. Internationale Künstler/innen mit und ohne Roma-­ Hintergrund erhalten ein Forum, den ebenso mannigfaltigen wie heterogenen kulturellen und künstlerischen Reichtum der Roma-Kulturen vor Augen zu führen. Ein breitgefächertes spartenübergrei­ fendes Programm, das in transnationaler Zusammenarbeit entsteht, gibt Einblick in unterschiedliche Lebenswirklichkeiten von Roma und Sinti und verbindet zeit­ genössische mit folkloristischen, traditi­ onelle mit experimentellen Positionen. ↓ Halil Altındere: Wonderland, February 2013, Video, 8:25 min Gerahmt von einem umfangreichen Dis­ kurs- und Vermittlungsprogramm, möch­ te­ „RomAmoR“ dazu beitragen, die Das Schauspiel Stuttgart plant nun ein Festival zum Thema Terrorismus, bei dem ­Alltagswahrnehmung einer breiten Öf­ Internationales Theaterfestival am die fünf Produktionen zu einer europa­ fentlichkeit über Roma und Sinti zu Schauspiel Stuttgart weit einmaligen Gesamtpräsentation zu­ schärfen und zu verändern. sammengeführt werden sollen. AutorenSeit der Spielzeit 2013/2014 kooperiert und Künstlergespräche sowie weitere Künstlerische Leitung: Vera Marušić Choreograf/innen, Tänzer/innen: Israel das Theater Stuttgart mit dem Natio­ künstlerische Beiträge werden das Festi­ naltheater Oslo, dem israelischen Natio­ valprogramm ergänzen. Bereits im Vor­ Galván (ES), Akram Khan (GB) Musiker/innen: Jacobo Abel (ES), Roma naltheater Tel Aviv, dem Nationaltheater feld soll eine thematische Veranstaltungs­ Belgrad und der Comédie de Reims in­ reihe mit Partnern in Stuttgart, etwa dem und Sinti-Philharmoniker Frankfurt/ nerhalb des internationalen Theaternetz­ Haus der Geschichte oder dem Haus des Main, Shukar Collective (RO) Künstler/ werks Union des Théâtres de L’Europe Dokumentarfilms, stattfinden. Das The­ innen: Lita Cabellut (ES), Delaine & (U.T.E.). Im Rahmen dieser Kooperation ma Terrorismus weckt gerade in Stuttgart Damian Le Bas (GB) Fotograf/innen: sind an allen fünf Häusern Theaterpro­ Erinnerungen: Viele RAF-Mitglieder ­Joakim Eskildsen (DK), Annette duktionen entwickelt und zum Teil schon stammten aus Baden-Württemberg und ­Hauschild Kurator/innen: Timea uraufgeführt worden, die sich mit dem die Stammheim-Prozesse vor 40 Jahren Junghaus (HU) Thema Terrorismus beschäftigen. Die polarisierten die Bevölkerung. Produktion des Nationaltheaters Oslo „A Verschiedene Spielorte, Dresden: More Peaceful World“ beispielsweise wid­ Künstlerische Leitung: Armin Petras 7.9.2015–30.4.2016 ↗ www.hellerau.org met sich einer Gesamtschau terroristi­ Regie: Iva Milosevic (RS), Shay Pitowscher Phänomene, ausgehend von Steven ski (IL), Jonas Corell Petersen (NO), Pinkers Opus Magnum „Gewalt. Eine ­Ludovic Lagarde (FR), Armin Petras, neue Geschichte der Menschheit“. Das Jan Gehler, Wojtek Klemm u. a. Stück „Dragonslayers“ aus Belgrad be­ Autor/innen: Milena Markovic (SRB), fragt auf subtile und ironische Weise ein Aiat Fayez (FR), Maya Arad (IL), Fritz ganzes Jahrhundert serbischer Geschich­ Kater, Dirk Laucke, Hanoch Levi u. a. te. In der Produktion aus Tel Aviv „God Waits at the Station“ versuchen die Schauspiel Stuttgart: 25.–28.6.2015 Schauspieler, das Leben einer Selbstmord­ ↗ www.schauspiel-stuttgart.de attentäterin zu rekonstruieren.

TERRORisms

Courtesy the artist and Pilot Gallery

Eine HELLERAU-Hommage an die Roma- und Sinti-Kulturen

Impulse Theater ­Festival 2015 „Gesellschaftsspiele“ – Internationale Sonderprojekte im Rahmen des Festivals

Das Impulse Theaterfestival ist die wichtigste internationale Plattform freier Theaterproduktionen im deutschsprachi­ gen Raum. Mit der Ausgabe 2015 hat das Festival einige strukturelle Änderungen vorgenommen, die es auf eine feste, zu­ kunftsfähige Basis stellen und dem Festival Planungssicherheit geben. Impulse wird künftig jährlich stattfinden. Dann jeweils nur an einem Festivalort, der mit jeder Ausgabe zwischen den beteiligten Städten Mülheim, Köln und Düsseldorf wechselt. Das Festival 2015 in Mülheim fragt nach der strukturellen Ähnlichkeit von Theater und Politik: Wo und wie ist im Theater Partizipation möglich, die über ein Mitmachen, Mitspielen, Mitlaufen ­hinausgeht? Für 2015 lädt Impulse ins­ besondere solche Produktionen freien Theaters ein, die sich unmittelbar in ge­ sellschaftliche Prozesse einmischen und Theater als ein politisches „Labor der Ge­ genwärtigkeit“ begreifen.


29 Das Festival wird sich künftig auch in­ ternational stärker vernetzen. So fördert die Kulturstiftung des Bundes im Jahr 2015 ein internationales Sonderprojekt, in dessen Rahmen drei Künstler eingeladen sind, ortsspezifische Arbeiten zu ent­ wickeln: Der kurdische Künstler Ahmet Ögüt begründet für zwei Jahre die „Silent Ruhr-University“, eine Plattform für den Wissensaustausch mit Flüchtlingen und Asylsuchenden. Sie soll all jene zusam­ menbringen, die in ihren Heimatländern in akademischen Berufen tätig waren und ihre Berufe aufgrund ihres jeweiligen Sta­ tus in Deutschland nicht ausüben dürfen. Die niederländische Theatermacherin Lotte van den Berg hat sich in ihren ­Arbeiten häufig mit dem Verhältnis zwi­ schen Zuschauen und Agieren beschäf­ tigt. In Düsseldorf wird sie nun eine Auf­ führung entwickeln, die jeden Tag einen neuen Blick auf die Stadt wirft. Und der britische Künstler Phil Collins entwirft und bespielt während des Festivals ein „Reisezentrum“ mit einem symbolischen Busbahnhof. In den zugehörigen Bussen wird ein Teil des Begleitprogramms des Festivals stattfinden, u. a. mit Vorträgen und performativen Lectures von Künstlern und Wissenschaftlern wie Milo Rau, HansThies Lehmann oder Carl Hegemann. Künstlerische Leitung: Florian Malzacher Künstler/innen: Lotte van den Berg (NL), Silent University (TR), Klasse von Phil Collins (GB) u. a.

nach Israel und in die USA gebracht ha­ ben und der mit Chaos, Instabilität und Unordnung übersetzt werden kann. Und so lädt das Projekt zur Auseinanderset­ zung mit künstlerischen Positionen, die sowohl die aktuelle Krise wie auch die Zonen des Widerstands verhandeln. Das Projekt Balagan wird 2015 den Schwerpunkt des sechsten Nordwind Festivals bilden. Das 2006 in Berlin ge­ gründete, biennale Festival Nordwind hat sich in den letzten Jahren als Plattform für die performativen Künste aus dem europäischen Norden einen Namen ge­ macht. Zum Festival selbst sind weitere Künstler aus Skandinavien, den ­baltischen Ländern, den USA und Deutschland ­eingeladen, thematisch auf das Programm von Balagan Bezug zu nehmen. Künstlerische Leitung: Ricarda Ciontos Kurator/innen: David Elliot (HONS), Cornelia Puschke Künstler/innen: ­Bildende Kunst: AES, Bakhut Bubikanova, Vladislav Mamyshev-Monroe, ­Natalie ­Maximova, RECYCLE, Anastasia ­Vepreva, Oleg Ustinov; Performance: ZIP Group, Voina Group (alle RU) HAU, Sophiensaele, Volksbühne, ­Berlin; Kampnagel, Hamburg; Hellerau, Dresden; Dampfzentrale, Bern: ­ 9.11.–16.12.2015 ↗ www.nordwind-festival.de

Paul McCarthy – Stage Coach & Theo Altenberg – Invite Performative Utopien des Wiener Aktionismus und der Amerikanischen Westküste

Künstlerische Leitung: Henning Nass Künstler/innen: Paul McCarthy (US), Theo Altenberg, Günter Brus (AT), Harald Falckenberg, Jörg Heiser, Carolee Schneemann (US), Barbara T. Smith (US), Jaki Liebezeit, Burnt Friedman, Bernhard Schütz, Jeri Jeri (SN), Attila Muehl (AT), Charly Roussel (AT) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-­ Platz, Berlin: 10.9.–4.10.2015

Der amerikanische Performance-­ Künstler Paul McCarthy und die Protago­ nisten des Wiener Aktionismus haben The­ men, Methoden und Ästhetiken der Kunst des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein maßgeblich geprägt. 50 Jahre nach ihren ersten Arbeiten treffen die Pioniere der amerikanischen und der europäischen Neo-Avantgarde nun zum ersten Mal in der Volksbühne aufeinander. Im Herbst 2015, als Auftakt zur letzten Spielzeit unter Frank Castorf, präsentiert die Volksbühne erstmalig Arbeiten Mc­ Carthys in einem Theaterraum. Dort ent­ wickelt er gemeinsam mit seinem Sohn Damon den Werkkomplex „Stage Coach“ – eine Melange aus begehbarer Installa­ tion und Film, Performance, Musik und Malerei. Zeitgleich finden unter dem Motto „Invite“ etliche spartenübergrei­ fende Veranstaltungen rund um den Wie­ ner Aktionismus statt. Theo Altenberg leitet das Projekt, das einen besonderen Schwerpunkt auf die Inszenierung von Reenactments zentraler Filme jener ös­

Die Premiere dieser „Orfeo“-Insze­ nierung findet während der Ruhrtrienna­ le 2015 in der ehemaligen Mischanlage der Kokerei Zeche Zollverein statt, die mit ihrer spektakulären Raumarchitektur die Inszenierung prägen wird. Die junge deutsche Regisseurin ­Susanne Kennedy, das niederländische Künstlerduo Suzan Boogaerdt & Bianca van der Schoot sowie das Solistenensem­ ble Kaleidoskop entwerfen gemeinsam Monteverdis „Orfeo“ als eine Musik-The­ ater-Installation und als individuellen

terreichischen Bewegung legt. In der ver­ tiefenden Zusammenarbeit beider Künst­ ler möchte das Projekt die wechselseitige Beeinflussung von Bildender Kunst und Theater ausloten und Synergieeffekte zwischen erprobten Bühnenästhetiken und neuer ästhetischer Inspiration durch die Bildenden Künste generieren – vor dem Hintergrund der zentralen Frage, welche gesellschaftspolitische Relevanz die Kunstutopien der 1960er Jahre heute noch besitzen.

Parcours durch mehrere Räume. So ent­ steht auf der Grundlage der bekannten Oper ein musikalisches Wahrnehmungsex­ periment. Dem besonderen Ort und der visuellen Wucht der Mischanlage der ehe­ maligen Zeche setzt das Bühnenbild Räu­ me entgegen, die so banal wie hyperrea­ listisch wirken. Die Unterwelt ist hier als „moderne“ Vorhölle gestaltet, sie besteht aus billigen Wohnküchen, Schlafzim­ mern und Warteräumen: eine „Ästhetik des Vorstadtzimmers“. Die musikalische

↗ www.volksbuehne-berlin.de

ORFEO Eine Musik-Theater-Installation in 8 Räumen nach Claudio Monteverdi

Verschiedene Spielstätten in Mülheim a.d. Ruhr, Düsseldorf, Köln: 11.–21.6.2015 ↗ www.nrw-kultur.de ↗ www.festivalimpulse.de

Balagan!!!

Courtesy of the artists and Galerie Volker Diehl

Zones of Resistance. Fokus Russland

In den baltischen und ost-skandinavi­ schen Ländern genauso wie in Deutsch­ land besteht eine enge und lebendige Verbindung zur russischen Kultur. Das Projekt Balagan spürt diesem Verhältnis im Bewusstsein der schwierigen politi­ schen Beziehungen nach und lädt dazu über 70 Künstler/innen und Kulturschaf­ fende ein, in Berlin, Hamburg und Dres­ den ihre künstlerischen Positionen zu präsentieren. Im Rahmen der Sektion „Balagan Dreams“ stellen junge russische Künstler/innen ihre Strategien in Zeiten des Umbruchs vor. Aktivisten treffen auf Theatermacher und Performer, bildende Künstler, die in Galerien ausstellen, auf Künstler, die aus dem Untergrund ope­ rieren. Die Sektion „Balagan Works“ zeigt Gastspiele wichtiger zeitgenössischer rus­ sischer Regisseure und „Balagan Express“ ist eine bilaterale Austauschplattform in Kooperation u. a. mit Kampnagel Ham­ burg, der Volksbühne Berlin und Hellerau Dresden. Russische und deutsche Kultur­ schaffende sind in diesem Rahmen einge­ laden, in Workshops über ihre Arbeit und ihre Arbeitsbedingungen zu diskutieren. Der Titel des Projektes „Balagan!!! Zones of Resistance“ nimmt Bezug auf den Be­ griff Balagan, den russische Migranten

← Blue Noses: Mask Show


30 Grundlage bildet Monteverdis Kompo­ sition. Zusätzlich wird das Ensemble Kaleidoskop neue Stücke sowie elektro­ nische Samples, basierend auf Fragmen­ ten der Originalkomposition, entwickeln. Wie auch bei Monteverdi wird das Prinzip des Echos eine entscheidende Rolle spie­ len. Die einzelnen Räume der Installation können „miteinander spielen“, d. h. die Musik in einem Raum kann die in einem anderen Raum beeinflussen. Das Publi­ kum wird die einzelnen Räume in kleinen Gruppen durchschreiten. Es wird auf Or­ feo treffen, der dort ruhelos umherwan­ dert, das Publikum mit sich nimmt oder es wieder verlässt. Nach etwa einer Stun­ de endet der Parcours durch die Unter­ welt, ein erneuter Besuch würde das Hö­ ren neuer Variationen erlauben, eine neue Version dieser mythischen Geschichte.

schiedenen Fachbereichen der Universi­ tät Jena und der Gedenkstätte Buchen­ wald. Ein umfangreiches Begleitbuch vertieft die einzelnen Aspekte des The­ menkomplexes. Künstlerische Leitung: Giselle Vegter (NL), Ilil Land-Boss (IL) Musikalische Leitung: Bart van de ­Lisdonk (NL) Konzeptionelle Mitarbeit / Performance: Nenad Fiser (BA/NL) Pädagogische Beratung / Performance: Charlott Dahmen (BA/NL) Performance: Tina Keserovic (AT) Dramaturgie: ­Friederike Weidner, ­Marcel Klett Theaterhaus Jena: 7.–17.5.2015 ↗ www.theaterhaus-jena.de

einen Zeitraum von mehreren Wochen Räume, deren Bespielung sich an der Fünf-Elemente-Lehre der chinesischen Philosophie orientiert. Danach wandert das Projekt über Rijeka und Hamburg nach Malmö. Der „Apparat“ lädt an jedem Ort zu Vorträgen, Performances und Konzer­ ten ein. Am Ende einer jeden Station steht „Dreck: Die Show“, die die Ergebnisse je­ weils bündelt und präsentiert. Ein Blog dokumentiert den Prozess. Künstlerische Leitung: Stefanie Wenner Raum: Thorsten Eibeler Künstler/ innen: Simone Aughterlony (NZ/CH), Quast & Knoblich, cobratheater.cobra, Manuela Infante (CL), Liz Rosenfeld (US), Colin Hacklander (US), Farahnaz Hatam (IR/US)

Herzstück der Konferenz ist ein Klima-­Parcours mit sechs Themenstati­ onen, die gemeinsam von Wissenschaft­ ler/innen und Künstler/innen verschie­ dener Sparten wie Prue Lang, Anna Mendelsohn und Milo Rau erarbeitet und in Szene gesetzt werden. Daneben werden Theaterproduktio­ nen zum Thema Klima u. a. von Philippe Quesne und Katie Mitchell aufgeführt. Ergänzt wird das Programm durch Akti­ onen, Vorträge und Diskussionen. In der „Klimaoase“ finden beispielsweise Diskurse mit renommierten Denkern der Klima- und Wachstumsforschung statt. „A Meeting of Minds“ bietet Gelegenheit zu einem Experten-Besucher-Gespräch unter vier Augen. Ein Vermittlungspro­ gramm für Kinder und Jugendliche er­

Regie: Susanne Kennedy, Suzan ­Boogaerdt (NL), Bianca van der Schoot (NL) Musikalische Konzeption und Leitung: Michael Rauter Sänger: ­Hubert Wild Ensemble: Solisten­ ensemble Kaleidoskop Kohlenmischanlage Zollverein Essen: 20.8.–6.9.2015; Berlin: September 2015; Operadagen Rotterdam: Mai 2016

© Dr. Patricia Corcoran, Sedimentary Petrologist, University of Western Ontario

↗ www.kaleidoskopmusik.de

Sieben Räume Unbegreifen Performance-Installation

Holocaust, Srebrenica, Ruanda – Völ­ kermord konfrontiert uns mit den nicht fassbaren Untiefen menschlichen Verhal­ tens. Immer wieder scheitert die Mensch­ heit an diesem „Problem aus der Hölle“ (Samantha Power, 2002). Und doch gibt es in dieser Hölle Menschen, die mit ei­ nem Akt der Menschlichkeit Widerstand gegen Willkür und Gewalt leisten. Wovon werden menschliches Verhalten und Mo­ ral beeinflusst und wie kann es zu Völker­ mord und Gewaltexzessen kommen? Die Performance-Installation „Sieben Räume Unbegreifen“ möchte in sieben begehba­ ren Räumen spür- und erlebbar machen, dass diese Fragen niemals nur die „Ande­ ren“ betreffen, sondern immer auch uns selbst. Das Projekt untersucht anhand von ethischen, psychologischen, soziolo­ gischen und künstlerischen Positionen universelle Mechanismen von Gruppen­ konformität, Ausgrenzung und Erniedri­ gung und erkundet die Ressourcen, die Menschen zum Widerstand befähigen. Die Besucher durchwandern die Räu­ me, die die Aspekte „Menschlichkeit“, „Spiel“, „Poesie“, „Mythen“, „Erzählung“ und „Fragen“ behandeln. Sie können da­ bei in einem Wechsel von Rezeption und Interaktion verschiedene Aufgaben lösen und unterschiedliche Perspektiven und Rollen einnehmen. Im finalen „Raum des Rechts“ wird schließlich ein Tribunal in­ szeniert, das sich an Gerichtsprozessen orientiert, die z. B. gegen Adolf Eichmann oder Ratko Mladić geführt wurden. Nach der Präsentation in Jena geht die Performance auf Gastspieltour, u. a. nach Amsterdam. Das interdisziplinäre Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit ver­

↓ Plastiglomeraten

Dreck Ein Apparat zur Herstellung besserer Darstellungen von Wirklichkeit

Das Projekt nimmt sich einer unge­ wöhnlichen Materie an: dem Dreck und anderen Hinterlassenschaften der Gesell­ schaft und nicht zuletzt den Überbleibseln, dem Ausschuss der Kunstproduktion. Die­ se vermeintlich wertlosen Stoffe bilden den Ausgangspunkt für eine prozessorientierte künstlerische Initiative, deren Ziel es ist, ausgehend von der Materie Dreck ein neu­ es Bewusstsein für Materie allgemein zu schaffen. Das Projektlabor „Dreck“ unter­ nimmt den Versuch, dieses scheinbar ver­ nachlässigte Material zum Thema für Kunst und Theater aufzubereiten. Acht Künstler/innen, darunter Ma­ nuela Infante, Simone Aughterlony und Thorsten Eibeler, experimentieren an ver­ schiedenen Stationen mit Materie aller Art und reflektieren dabei Zeitlichkeit und Nachhaltigkeit. Sie starten im Heizhaus der Berliner Uferstudios den sogenannten „Apparat Dreck“ und entwickeln hier über

Uferstudios, Berlin: 1.6.–14.7.2015; drugo more Rijeka: 15.–30.9.2015; Kampnagel, Hamburg: 26.10.–8.11.2015; Inkonst, Malmö: 4.–14.2.2016 ↗ www.uferstudios.com

Save the world Eine utopische Expedition mit Experten, Künstlern und Wissenschaftlern

möglicht ihnen, in die Rolle politischer Entscheidungsträger zu schlüpfen. Der Kongress entsteht in Kooperation mit dem Beethovenfest Bonn, weiterhin setzt das Theater Bonn die Zusammenarbeit mit in Bonn ansässigen Organisationen wie der Bundeszentrale für politische Bil­ dung, dem Deutschen Institut für Ent­ wicklungspolitik, dem Zentrum für Ent­ wicklungsforschung und verschiedenen Institutionen der UN fort.

Künstlerische Leitung: ­ Nicola ­Bramkamp, Andrea Tietz Der CO2-Ausstoß ist in den vergange­ Regie: Milo Rau (CH), Jose Miguel nen Jahrzehnten rasant gestiegen, die glo­ Jimenez / The Company (CL/IE), Anna bale Erwärmung nimmt zu. Ob Artenster­ Mendelssohn (AT) Choreografie: Jochen ben, Wassermangel oder Extremklima, die Roller, Prue Lang (AU) Musiker: Amund Auswirkungen des Klimawandels sind Sjolie Sveen (NO), Blumio (JP) Comvielfältig. Im Zentrum von „Save the pagnie/Ensemble/Orchester: Philippe world“ 2015 steht deshalb die globale Quesne/Vivarium Studio (FR) Speaker: Klima­frage. Der theatrale Kongress, der­ Pablos Holman (US), Richard Tol (NL) Denk- und Spielräume für eine utopische Lichtinstallation: Oliver Bienkowski Expedition in das Jahr 2030 eröffnet, lädt internationale Experten, Künstler, Wis­ Halle Beuel, Bonn: 18.–20.9.2015 senschaftler und das Publikum zu einem ↗ www.theater-bonn.de Dialog über den Klimawandel ein.


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DIE ANGST VOR DER SPIEGEL-BESTSELLER­LISTE Propaganda zum ­Selbstkostenpreis oder ­ notwendige Aufklärung? Der Freistaat Bayern hat als Rechtsnachfolger jede Veröffent­ lichung von Hitlers „Mein Kampf“ in Deutschland mit Hinweis auf das ­Urheberrecht verhindert. Ende 2015 aber läuft der Urheberschutz aus. Verleger haben angekündigt, das Buch zumindest in Teilen zu veröffent­ lichen. Gleichzeitig wollen die Justiz­ minister der Länder den Vertrieb des Buches in Deutschland weiterhin ver­ bieten. Ein Gespräch mit dem Ber­ liner Historiker Michael Wildt über die Gefahren und die Chancen einer Veröffentlichung.

Herr Professor Wildt, sollte Hitlers „Mein Kampf“ in Deutschland vertrieben werden dürfen? Ja. Ich finde es schlecht, wenn ein Geheimnis um das Buch gemacht wird. Es ist ein zentrales Dokument des Nationalsozialismus, und ich glaube, man darf um solche Texte keinen Kokon spinnen, sondern sollte sich mit ihnen beschäftigen, sich mit dem Hass, dem Antisemitismus und dem Rassismus, der in ihnen steckt, auseinandersetzen. So wie wir das mit Hitlers Reden tun, die schon seit vielen Jahren der Wissenschaft und der Öffentlichkeit in einer seriösen Edition des Instituts für Zeitgeschichte zugänglich gemacht worden sind. Hat das Buch tatsächlich eine so wichtige Rolle für den Nationalsozialismus gespielt? Schon mit den Wahlerfolgen der Nationalsozialisten in der Weimarer Republik ist das Buch aus der Ecke e­ ines irrelevanten völkischen Pamphlets herausgekommen. Nach 1933 war „Mein Kampf“ dann die wichtigste Propa­gan­ daschrift, so bekamen unter anderem frisch verheiratete Paare ein Exemplar vom Standesbeamten überreicht. Den Mythos, dass es das ungelesenste Buch des Nationalsozialismus gewesen sei, kann ich auch nicht entdecken. Es gibt viele Bände mit Anmerkungen und Anstreichungen. Die Leute haben es gelesen und sich Gedanken gemacht. Bekäme das Buch durch die Entscheidung, es weiterhin nicht vertreiben zu dürfen, einen zusätzlichen Reiz? Das befürchte ich. Ich kann gut verstehen, dass es in den 50er Jahren, also unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Aufdecken der

nationalsozialistischen Massenverbrechen, nur schwer denkbar gewesen wäre, dass der bayrische Staat Hitlers „Mein Kampf“ zum Druck freigibt. Da bot das Urheberrecht eine passable Möglichkeit, den Vertrieb des Buches zu verhindern, ohne es explizit zu verbieten. Das Buch ist aber heute ­ vor allem ein historisches Dokument, mit dem wir uns auseinandersetzen sollten. Ist seine Propaganda noch gefährlich? Wegen dieses Pamphlets wird heute kein Mensch mehr Neo-Nazi. Die­ jenigen aus der rechtsradikalen Szene, die das Buch wollen, haben es längst von irgendwelchen obskuren Websites runtergeladen. Wer es unvoreingenommen liest, wird von seinem kruden ­Antisemitismus und hohlen Rassismus ab­gestoßen, es kommt in einer unsäglichen Sprache daher, sein Stil ist nicht nur altbacken, im Grunde ist das Buch lächerlich schlecht geschrieben. Warum dann der Beschluss der Länderjustizminister? Natürlich kann es in den ersten Wochen nach Erscheinen passieren, dass Leute sich das Buch kaufen, weil es auf einmal beim Händler auf dem Stapel liegt, und weil sie selbst lesen wollen, was denn da nun wirklich drin steht. Dann fände sich „Mein Kampf“ vielleicht für kurze Zeit auf den ersten Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste wieder, was keine schöne Momentaufnahme wäre, inklusive der Kommentare in der internationalen Presse. Aber das wäre, denke ich, zu verschmerzen. Dass mit dem Buch Geld verdient werden soll, ist außerdem schwer erträglich. Die Verleger werden deshalb hoffentlich unter Druck stehen und die Frage beantworten müssen, ob sie mit einem antisemitischen Pamphlet Gewinn machen wollen. Schließlich kann die Veröffentlichung auch bei den Überlebenden der Schoah und ihren Angehörigen Schmerz und Befremden auslösen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Der Beschluss könnte auch die Publikation von „Mein Kampf“ des­Münchner Instituts für Zeitgeschichte verhindern. Das wäre in der Tat einigermaßen sonderbar, denn der Auftrag an das In­ stitut, eine historisch-kritische Edition von „Mein Kampf“ zu erarbeiten, beruht auf einem einstimmigen Beschluss

des bayrischen Landtages. Die geplante Edition wird deutlich machen, wo Hitler überall lügt, wie er die Wirklichkeit verdreht, und sie wird die völkischen und rassistischen Hintergründe zeigen. Das Institut für Zeitgeschichte will die Edition selbst herstellen und zum Selbstkostenpreis vertreiben. Außerdem soll sie im Internet kostenlos veröffentlicht werden. Ein Nichterscheinen wäre eine vertane Chance, denn eine mündige Gesellschaft braucht in Bezug auf den Nationalsozialismus vor allem eins: Information und Aufklärung. Glauben Sie, dass sich die Haltung der Justizminister noch ändert? Ich hoffe es. Denn was würde passieren, wenn es tatsächlich einen Verleger gibt, der das Buch im Januar auf den Markt bringt, die Landesjustizminister dagegen vorgehen und der Verleger vor Gericht klagt? Dann hätten wir eine gesellschaftliche Auseinandersetzung um ein Gerichtsverfahren, bei dem es um ein NS-Dokument und die Meinungsfreiheit ginge. Und das fände ich fatal. Es darf keine juristische Auseinandersetzung geben, wie sie im Beschluss der Justizminister angelegt ist, sondern es muss eine öffentliche Debatte sein. Das Interview führte Tobias Asmuth

Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2 Eine Annäherung an ein verbotenes Buch

Adolf Hitlers 1925/1926 zum ersten Mal veröffentlichte Propagandaschrift „Mein Kampf“ wurde bis 1945 millionenfach ver­ trieben. Nach 1945 hat der Freistaat Bayern­ als Rechtsnachfolger Adolf Hitlers eine Publikation auf dem deutschsprachigen Markt verhindert. Doch 2015 läuft der Ur­ heberschutz aus, und die Debatte, ob und in welcher Form das Buch veröffentlicht werden darf, hat längst begonnen. Als Auftragsproduktion des Kunstfests Weimar und des Deutschen Nationalthe­ aters Weimar und in Koproduktion mit zahlreichen deutschsprachigen Bühnen und Festivals wird das Theaterkollektiv Rimini Protokoll (Haug / Wetzel) „Mein Kampf“ auf die Bühne bringen. Anknüp­ fend an Helgard Haugs und Daniel Wet­ zels im Jahr 2006 realisierte Inszenierung von „Das Kapital“ von Karl Marx entsteht eine Theaterproduktion, die „Mein Kampf“ als literarischen Text und histo­ risches Zeugnis in den Mittelpunkt stellt. Trotz seiner Auflagenhöhe gilt „Mein Kampf“ als eines der am wenigsten gele­ senen Bücher. Wenn es jedoch nicht ge­ lesen wurde, welchen Zweck erfüllte es dann? Und wer würde das Buch heute kaufen, wer es lesen? Haug und Wetzel wollen untersuchen, worauf der Mythos des Buches gründet und welche Anknüp­ fungspunkte für die gegenwärtig erstar­ kenden nationalistischen Bewegungen in Ost und West das Buch bietet. Recherche und Proben werden von Mitarbeitern der Stiftung Buchenwald und bekannten His­ torikern begleitet. Wie auch in anderen Produktionen von Rimini Protokoll wer­ den in einem groß angelegten, internati­ onalen Castingprozess die Experten des Alltags bestimmt, die auf der Bühne ihre persönliche Perspektive auf das Buch for­ mulieren. Die Uraufführung soll 2015 auf dem Kunstfest Weimar stattfinden, zahl­ reiche nationale und internationale Gast­ spiele sind geplant. Künstlerische Leitung: Rimini Protokoll (Haug / Wetzel) Regie: Helgard Haug, Daniel Wetzel Ausstattung: Marc Jungreithmeier Dramaturgie: Sebastian Brünger

Michael Wildt hat nach einer Buchhändler-Lehre beim Rowohlt-­ Verlag Geschichte, Evangelische Theologie, Sozio­ logie und Kulturwissenschaft an der Uni­versität Hamburg studiert. Mit einer vielbeachteten Studie über das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes habilitierte sich der Historiker 2001 für das Fach Neuere Geschichte an der Universität Hannover. 2002 gastierte Michael Wildt als Forschungs­ mitarbeiter am Jerusalemer International ­Institute for Holocaust Research in Yad Va­ shem. Außerdem war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) im Arbeitsbereich „Theorie und Geschichte der Gewalt“. Seit 2009 ist Michael Wildt Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Arbeitsgebiet Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Sein Schwerpunkt: Die Zeit des Nationalsozialismus.

DNT / E-Werk, Weimar: 3.9.2015–31.7.2016; Graz: 24.9.–11.10. 2015; Münchner Kammerspiele: ­ 12.–31.10.2015, Nationaltheater Mannheim: 1.11.–31.12.2015; Hebbel am Ufer, Berlin: 1.12.2015–31.1.2016 ↗ www.kunstfest-weimar.de


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Themenheft 'Religion'

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