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Inhalt

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8 Die Musterschülerin Mit gleich zwei Büchern untersucht Anke Schmidt die Welt der Muster und Ornamente. Ein Doppelschlag zur Rückeroberung der Fläche.

20 Der Flüchtigkeitsfehler Florian Schwab erzählt mit seinem computeranimierten Kurzfilm ».txt« die kräfteraubenden Vorgänge hinter den Kulissen einer Fehlermeldung. Typographie zum mitlachen!

34 Den Göttern sei Dank Yann Ubbelohde illustriert erfrischend und skuril die griechische Mythologie in seinem Buch »Prometheus«.

14 Muay Thai Saad Khayar zeigt in einer knapp 20 minütigen Dokumentation das Selbstverständnis sowie den spirituellen Hintergrund von Muay Thai in Thailand, dem Heimatland des Thaiboxens.

24 Design mit Stäbchen Luying Yu liebt Design und die chinesische Küche. Mit ihrer Diplomarbeit »Super Hua« vereint sie beide Leidenschaften. Heraus kam ein international funktionierendes Corporate Design.

36 Gemüse in der Mangelstube Was an dem Wort »Mangelstube« so besonders ist und wie man Designstudenten das Schreiben beibringt erklärt Steffen Herbold im Interview.

18 Hey, hey Wiki! Als das Web 2.0 noch ein Fremdbegriff war, entstand an der Fakultät für Gestaltung das Designwiki - eine Webseite, auf der sich Studenten, Professoren und Mitarbeiter selbst darstellen und untereinander austauschen können.

28 Post Mortem Mit viel Kunstblut stillt Gina Gorny in ihrer Diplomarbeit »Das Motiv« die menschliche Schaulust am Verbrechen.

38 Junior Agency Es wird heiß! - Das Team der HS Mannheim verbrannte beim Junior Agency Award 2006 eine Couch und gewann mit ihrer Kampagne für Vodafone Silbermetal.


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48 Die hohe Kunst der Kalligraphie Claudia Bärbel Kirsamer, Dozentin für Schrift an der HS Mannheim, spricht mit komma über ihr Atelier, ihre Ziegen und ihre Leidenschaft zur Kalligraphie.

56 Dutch Type vom Feinsten Akiem Helmling, Mitbegründer des Schriftenlabels »Underware«, berichtet von harter Arbeit, die Spaß macht und erinnert sich an seine Zeit an der HS Mannheim zurück.

44 Sternstunde Simone Ingelfinger und Jennifer Kröger erforschen fremde Welten und erschaffen ein neues Corporate Design für den nahenden Weltraumtourismus.

50 Typomachtspiele Nadine Fiege entwickelte für ihre Semesterarbeit ein interaktives Werkzeug mit dem man in typografische Welten eintauchen kann.

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46 Sauerei Hannah Strobel präsentiert im Fach Typographie einen Flyer der besonderen Sorte und lässt dabei so richtig die Sau raus.

53 Panorama aus der Dose Florian Poschlod bastelte sich aus Karton, Kleber und Coladosen eine 360° Camera Obscura. Die Ergebnisse sind schwindelerregend.

42 Hungerkünstler Kafkas Kurzgeschichte wird von Jürgen Schlotter sehr eindrucksvoll in Linoleum geschnitzt. Das macht Hunger nach mehr.

Impressum


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Ansichtssachen

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Unter dem Titel »Ansichtssachen« zeigten am 16. und 17. Februar sämtliche Kurse der Fakultät Gestaltung die Früchte des Semesters.

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Unter der Schirmherrschaft von Prof. Veruschka Götz wurde das bisher starre Konzept der Werkschau gebrochen und auf drei Stockwerken ein neues, weitaus interessanteres Ausstellungsevent auf die Beine gestellt.

1) Plakate für den Wettbewerb des Studnetenwerks bei Prof. Armin Lindauer; 2) in der Fachschaftscafeteria gab jede Menge Köstlichkeiten; 3) ausgelassene Stimmung bei anschließender Party

Neben den Kursen Fotografie, Zeichnen und Corporate Design präsetierte sich erstmalig der neue Production Design Kurs in den Räumlichkeiten der Fakultät. Die Interaktiven Medien wurden gebührend interaktiv zugänglich gemacht und für den Bereich des Bewegtbildes wurde eigens ein kleines Kino errichtet, Popcorn inklusive. Neben »Tydeos« (Typo Musikvideos) präsentierten die Typokurse auch gebundene Werke des Semesters, während etliche Diplomanden noch einmal ihre Diplomarbeiten ausstellten. Auch die Studenten des Masterstudiengangs warteten mit ihren Arbeiten zum Thema Machtspiele auf, welche auch am 17. März ihren Platz bei der »Langen Nacht der Museen« einnehmen werden. Neben dem Nationaltheater Mannheim präsentierten sich parallel zur Ausstellung mit Moccu, Neue Digitale, Jung v. Matt (Neckar) sowie Buena la Vista, echtweiß und der wob AG namhafte Agenturen, die auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind. (mf )

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Illustration: Martin Burkhardt

Schlurikorb Das Basketballtunier der Fakultät für Gestaltung feirte diesen Winter Premiere

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Was kommt denn noch? Kamel-Polo? Lacrosse? Oder vielleicht Boule? Da die Fakultät Gestaltung nicht nur durch ein familiäres Klima unter der Studentenschaft glänzt, sondern dabei auch noch ungemein sportlich ist, wissen wir bereits seit dem alljährlich stattfindenden SchluriCup. Das fakultätsinterne Fussballturnier wurde bereits in der letzten Ausgabe vorgestellt und hat seit diesem Semester ein kleines Geschwisterchen zur Seite gestellt bekommen: Der Schlurikorb. Nicht nur Etymologen werden unlängst erkennen, worum es sich dabei handelt: Ein Basketballturnier, das für viele Studenten bereits

überfällig war, ist nach Fussball noch immer die Breiteste, aber sicher nicht die einzige betriebene Sportart im Fachbereich. Und so nahm das 2. Semester all seinen Mut zusammen, wagte den Kampf gegen Windmühlen und stellte ein Sportevent auf die Beine, das den Vergleich zum bereits etablierten Pendant SchluriCup nicht zu scheuen braucht. Trotz heißer Phase zum Semesterende konnte sich der SchluriKorb über regen Zulauf freuen und sah nach zahlreichen drive-by-shootings, alleyhoops, turnovers, slam-dunks, crossovers, lay-ups, herrlichen assists und leider verbotenen backcourt-violations einen ehrenwerten Sieger: Die Auswahlmannschaft des Masterstudiengangs. Doch nach dem Spiel ist vor dem Spiel und die Vorbereitungsphase für das nächste Turnier ist bereits angelaufen, man darf also gespannt sein in welche sportlichen Richtungen der Fachbereich sich diesmal bewegt. Mein Favorit ist nach wie vor Lacrosse oder Cricket, mal schauen ob genügend Resonanz vorhanden ist ... Fortsetzung folgt, garantiert! (pf )


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Ruhm und Ehre Es geht ruhmreich weiter in Mannheim. Auch im Wintersemester 06/07 hörte man kräftig die Sektkorken knallen.

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Auch im Wintersemester 2006/2007 konnten einige Preise und Auszeichnungen der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Mannheim verbucht werden. Professor Armin Lindauer, der seit 2000 Typografie und Editorial Design lehrt sahnte einige renommierte Preise ab. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Buch- und Kataloggestaltung, Geschäftsausstattung, Konzeption und Gestaltung von Corporate Design Programmen sowie allgemeine Beratung. Er gewann im letzten Jahr insgesamt neun Preise. Darunter dreimal beim TDC (Type Directors Club, New York) und einmal den Preis der 100 Besten Plakate für die Arbeit »vor bilder«. Außerdem gewann er für das Buch »leicht sinnig« zusammen mit Helmut Lortz den IF communication Design award und den Red Dot Award in der Kategorie »best of the best«. Doch nicht nur diese Preise zeichnen Ihn aus. Auch im Ranking 2007 der Zeitschrift Page ist er unter den Top 50 der kreativen Büros und Agenturen der Design- und Werbebranche aufgelistet. (ac)

Florian Schwab, der im Sommersemester 2006 sein Diplom absolvierte, gewann damit beim Ilmenauer Medienpreis den zweiten Platz. Sein Kurzfilm »txt«, der sowohl Computeranimation als auch Realdreh zeigt, besteht zu etwa einem Drittel aus Konzeption, Concept Art und Characterdesign und zu zwei Dritteln aus praktischer Ausführung wie Modeling, Rigging, Animation, Rendern , Compositing und Schnitt. Die Arbeit zeigt den außergewöhnlichen Weg des Buchstabens vom Auswählen auf der Tastatur bis zu seiner endgültigen Position im Dokument. Florian Schwabs Vertrag bei der Agentur Soulcage-Department wurde gerade erst im Januar bis zum Sommer verlängert. Darum wird er, so sagt er, mit Freuden noch ein wenig in Bremen bleiben. (ac)


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Vortragsreihe »mannheim masters« Nach verdienter Sommerpause gaben sich auch in diesem Semester wieder hochkarätige Referenten in der Fakultät die „Klinke in die Hand“.

»Studio Soi« begeisterte die Studenten mit einem Feuerwerk aus 2D und 3D- Animation und Stock-Motion.

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Gleich zu Beginn trafen Auftraggeber und die beauftragte Agentur aufeinander. Martina Engler-Smith, Vizepräsidentin Marketing der Schott AG erläuterte den Standpunkt als Globalplayer, Helmut Ness, Vorstand der Fünfwerken Design AG zeigte wie die Agentur das Konzept visuell unterstreicht. Walter Dreher munterte die Studenten auf, ihm jederzeit Konzepte für jegliche Art von eigenen Magazinideen direkt in Hamburg, in der Redaktion von Gruner+Jahr, vorzustellen. Er als Chefredakteur von »Healty Living« muss es wissen, wenn er durch die Lande tourt und neue Ideen und Konzepte aufspürt. Anhand des Magazins Healthy Living - seinem letzten Erfolgscoup, zeigte er, wie sich der Wandel beim Megatrend Gesundheit vollzieht. Heike von Laak, Leiterin der Pressestelle von Stiftung Warentest, machte deutlich, dass es für sie keinen »Promibonus« gibt. So mussten beispielsweise Franz Beckenbauer, Uschi Glas

oder Hartmut Mehdorn die bittere Pille eines schlechten Testurteils schlucken. Welchen Stellenwert so ein Urteil haben kann, zeige sich eindrucksvoll anhand der schnellen Reaktion der betroffenen Hersteller. Für 250 000 Bosch-Mitarbeiter weltweit ein Corporate Behaviour auch visuell darzustellen, ist die (Lebens)Aufgabe von Robb Horton, Leiter der Zentralstelle Corporate Design, der Bosch GmbH. Wie er und sein Team dieses besonders starke Corporate Design zusammenhalten waren der Haupttenor in seinem Vortrag. In anderer Mission als sonst war Lukas Beckmann, Hauptgeschäftsführer der Bundestagsfraktion der Grünen zu Gast. Als Freund und Wegbegleiter von Joseph Beuys prägten sie gemeinsam den Begriff der »sozialen Plastik«, dem kreativen Mitgestalten der Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Ganz unpolitisch war es aber dann doch nicht. »Als Mitbürger müsse auch er sich seiner sozialen, kulturellen,

politischen und ökologischen Verantwortung stellen...« ermunterte er die Studenten. Als Jahresabschluss gab es noch ein visuelles »Schmankerl«. Studio Soi, Animations-, Filmund Medienzentrum aus Ludwigsburg, vertreten durch die beiden Geschäftsführer Thorben Meier und Johannes Wieland machten den hohen technischen Anspruch gepaart mit kompromissloser Ästhetik durch variationsreiche Filmbeispiele deutlich. Die vielfach prämierte Microsite des Audi R8 läßt den Flitzer auch Online auf den 1. Platz fahren. Mitverantwortlich für diesen Erfolg ist Dr. Marc Cäsar, Leiter E-Commerce der AUDI AG mit seinem Team. Das gewandelte Image von Audi, vor allem im Onlinesektor, in den vergangenen Jahren, vom »Studienratsgefährt« zum dynamischen Sportwagen wurde nicht nur anhand von Bildern, die für allgemeine Erheiterung sorgten, dargestellt. (bp)


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Quis nonumsandre min vullan ea aliscipit, quam, vel ilisim dit praesequi bla conumsan henit ullut luptatet, sum alit utetummy nibh eniatem vel doloreet amconsectem zzrilissi. Ismolorem ver ipit adionsectet digna aliquis nissectem acin ute feui essim dolorti nismoluptat velis ate del dit dolesto conumsan ver si. Idunt ipsum aliquat prat erilit autpati niamet, cor am autatem nisl illa feuguer sustrud dolorer ostrud et num inibh er se con vero conum venibh exeratio odoluptat. Inim dolortisl ulluptat ut loboreet, coreet verilla faccumm oloreet umsandiam zzrit iureros tionsequat laore feugait alisl et nonsequat ullum nonum adit landre dolut ulputpat, sequism odipsuscin ero consed ting


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Die Mustersch체lerin Anke Schmidt untersucht in ihre Diplomarbeit die vielseitige Welt der Ornamente und Muster. Ein Doppelschlag zur R체ckeroberung der Fl채che.


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Auszug aus dem Buch »Ornamente« von Anke Schmidt, Diplomarbeit betreut von Prof. Frank M. Göldner


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Seit einiger Zeit schon lässt sich die Reanimierung von Ornamenten in der Gestaltung beobachten. Ein historisches Thema mit hoher Aktualität also, dem sich Anke Schmidt von allen Seiten nähern wollte. Und da sich Alt und Jung bekanntlich nicht vertragen, hat sie sich entschlossen gleich zwei Bücher zu machen. Das erste widmet sich sorgfältig der Theorie und historischen Entstehung von Ornamenten. Was das bedeutet kann man im 220 Seiten starken »Ornamentum« bestaunen.


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Hier wird alles abgehandelt was unter den Begriff »Ornament« fällt. Es werden Motive auf ihre Bedeutung zurückgeführt und gezeigt, wie sie im Laufe der Zeit entstanden sind. Konstruktionsmöglichkeiten und Rasterseiten zum experimentieren machen das Thema noch greifbarer. Herausgekommen ist ein typographischer Leckerbissen mit Geschmäckern aus vergangenen Epochen und vielen verschiedenen Kulturen. Ein Formenrausch mit Liebe zum Detail, über den Anke Schmidt ganz nüchtern sagt: »Leider habe ich kein Buch gefunden, das alles vereint, was mich an Ornamenten interessiert. Jetzt habe ich eins, meins.« »Reornamentum«, das zweite Buch, befasst sich stattdessen mit eher neuzeitlichen Anwendungen zum Thema Ornament. Es ist eine Art Musterbuch mit Anleitungen zur Generierung von flächigen Ornamenten, also Mustern. Das Buch zeigt vor allem wie verschiedenartig Muster sein können und aus welchen Elementen man sie kreieren kann. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Anke Schmidt verwendet hauptsächlich verfremdete Landschaftsfotografien und Logos, die in ihre Einzelteile entschlüsselt, völlig neue Spielräume schaffen. Wer es genau wissen will, kann die japanische Bindung aufschneiden, in der Anwendungsbeispiele und Beschreibungen zur Konstruktion des jeweiligen Musters versteckt sind. Es gibt also jede Menge zu entdecken. (jz)


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© Sony Pictures Imageworks & Columbia Pictures MAXONs CINEMA 4D und BodyPaint 3D wurden von den Character Animation Artists bei Sony Pictures Imageworks verwendet, um den klassischen CartoonLook von „Jagdfieber – Open Season“ zu erreichen. Texture Artists, Matte Painter und Look Dev Artists nutzten die Software von MAXON für sämtliche 3DObjekte von Felsen bis hin zu Figuren in diesem ersten abendfüllenden Spielfilm von Sony Pictures Animation.

Hat man Sie schon mal so richtig hängen lassen? Aber keine Angst: CINEMA 4D lässt Sie nicht im Stich. Die Release 10 enthält mehr Funktionen bei noch leichterer Bedienung als je zuvor. Das renovierte Interface bietet perfekte Übersicht auch bei großen Projekten, Animationen gehen mit der neuen Zeitleiste noch leichter von der Hand und Character Animatoren freuen sich über MOCCA 3, das mit neu entwickelten Werkzeugen digitalen Figuren mit Leichtigkeit Leben einhaucht. 3D-Painting ist nun Standard in allen CINEMA 4D-Versionen und die HTML-Hilfe springt gezielt ein, falls doch einmal Fragen auftreten. Das und noch vieles mehr finden Sie in CINEMA 4D R10.

CINEMA 4D RELEASE 10

• Verbessertes Interface • Überarbeitete Zeitleiste • Neues CharacterAnimations-Toolkit • 16-/32-Bit 3D-Painting • HTML-Hilfesystem • Erweitertes OpenGL

3D FOR THE REAL WORLD

www.maxon.de

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Muay Thai »...das Klima in Bangkok war so unbeständig, dass wir manchmal nicht wußten, ob die Kamera überhaupt etwas mitfilmt!«

ein Film als Diplomarbeit von Saad Khayar

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Muay Thai, oder wie es hier in unseren Breiten heißt: Thaiboxen, sieht für einen Laien im Fernsehen, wie eine wilde Schlägerei ohne Regeln und Grenzen aus. In Thailand, dem Mutterland dieser Sportart, hat es allerdings einen viel tiefsinnigeren und kulturellen Hintergrund. Saad Khayar zeigt mit seiner Diplomarbeit in einer knapp 20 minütigen Dokumentation das Selbstverständnis sowie den spirituellen Hintergrund den Muay Thai in der Gesellschaft dort hat.


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Ich treffe Saad in der Cafeteria und bemühe mich keine dummen Fragen zu stellen, denn er selbst ist seit 5 Jahren ambitionierter Thaiboxer. Die Frage ob er für seinen Beruf als Kommunikationsdesigner dieser Sportart viel abgewinnen kann, scheint ihn zum Glück nicht zu irritieren. »Da Muay Thai ein relativ harter Sport ist, und es nicht nur bei den Wettkämpfen selbst, sondern auch bereits im Training richtig zur

Sache geht, hat man für ein paar Stunden andere Sorgen als Deadlines oder Ähnliches«, sagt er lachend, ernster fügt er allerdings hinzu: »abgesehen davon ist Thaiboxen für mich der Zugang zu einer anderen Kultur. Das Entscheidende ist aber die Erkenntnis, dass es immer mehrere richtige Antworten auf eine Frage gibt – das ist die wesentliche Parallele zum Kom-munikationsdesign.« ergänzt Saad, der überhaupt nicht den Anschein und das Gehabe eines harten Kampfsportlers hat.

Diplomarbeit betreut von Prof. Heinz Wyrwich


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Um ein solches Diplom zu bewerkstelligen, recherchierte er bereits 1 Jahr zuvor, knüpfte Kontakte und machte Treffen vor Ort mit unterschiedlichen Interviewpartnern aus. Einer dieser Kontakte war Wittaya Sitpreaw, ihn lernte er bereits während seiner ersten Thailandreise kennen, als er bei einem Muay Thai Camp mittrainieren konnte. Das Equipment, wie Kamera und Stativ lieh er sich von der Hochschule. Als »Assistenten« und Begleitung fragte er seinen Freund und Kommilitonen Christophe Chan Hin. »In Thailand trafen wir auf allerlei Probleme. So zum Beispiel

vertrug die Kamera das Klima in Bangkok nicht und es gab so manche bürokratische Hürde.«schertz er, obwohl der Eindruck bleibt, dass einem das Lachen bei solchen Widrigkeiten schon mal vergehen kann. Besonders Positiv blieben ihm hingegen die mindestens genauso vielen schönen Überraschungen und die hilfsbereiten Menschen in Erinnerung, die wesentlich zu dieser besonderen Diplomarbeit beigetragen haben. Zu sehen gibt es den Film bei youtube.com. Reaktionen und Feedbacks am besten gleich an den glücklichen Diplomanden. (bp)


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Hey, hey Wiki! www.designwiki.de | die Hochschulseite der HS Mannheim entwickelt sich zur Community. Und alle machen mit.

Mit dem „Schwarzen Brett Widget“ kann man die wichtigsten Neuigkeiten des Fachbereiches direkt auf dem Dashboard abrufen.

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Zu Zeiten, als sich Studenten noch nicht scharenweise in dubiose Verzeichnisse eingetragen haben und das Web 2.0 noch in die Windeln machte, entstand an der Fakultät für Gestaltung das Designwiki - eine Webseite, auf der sich Studenten, Professoren und Mitarbeiter selbst darstellen und untereinander austauschen können. Wie der Name schon ahnen lässt handelt es sich dabei um ein klassisches Wiki, in dem jedes Mitglied des Fachbereichs alle bestehenden Inhalte ändern und neue anlegen kann. Als grundlegend neue Idee kann im Designwiki zusätzlich aus jeder Unterseite ein Blog gemacht werden, in dem Beiträge chronologisch angeordnet und kommentiert werden können. Da diese Kombination aus Wiki und Blog bisher nicht existierte, programmierten die Studenten Bastian Allgeier und Arno Richter unter der

Leitung von Professor Wöhlbier in zwei Monaten ein neues, flexibles System auf PHP- und MySQL-Basis. Die Verwaltung der Fakultätswebseite wurde damit von einer einzelnen Person auf alle Mitglieder des Fachbereichs übertragen, ohne inhaltliche Vorgaben oder Beschränkungen zu machen. Anstelle einer HochglanzVisitenkarte im Netz ist so eine dynamische Website entstanden, die ständig wächst und durch die unterschiedlichen Inhalte und Arbeiten der Studenten lebt. Dass diese Plattform längst überfällig war zeigte der große Zuspruch. Innherhalb des ersten Monats hatten sich über 100 Benutzer angemeldet mittlerweile sind es 233. Sie haben zusammen in eineinhalb Jahren 280 Wikiseiten und 20 Blogs angelegt, über 3000 Dateien hochgeladen und fast 8000 Änderungen an den einzelnen Seiten vorgenommen. Die steigenden Besucherzahlen bestätigen zusätzlich, dass das System funktioniert. So besuchen mittlerweile circa 2000 Besucher wöchentlich zusammen rund 10000 Unterseiten des Wikis. (ba)


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233 angemeldete Benutzer

7.981 Änderungen an Seiten in 1,5 Jahren

280 20 203 122

Wikiseiten Blogs Blogeinträge Kommentare

RSS-Feeds für alle Blogs und die aktuellen Änderungen

Photocast mit den neusten Bildern

296 PDF´s

2.482 Bilder

355 Filme

50 Bildergalerien | 19

8.09 Gigabyte belegter Speicher

Programmierung: 446 PHP-Dateien in 82 Ordnern mit 95.921 Zeilen Code und 3.348.015 handgetippten Zeichen

2000 Besucher wöchentlich


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Der Fülchtigkeistfehler Florian Schwab entführt uns mit seinem Diplomfilm .txt in die virtuelle Welt der Computer und überdimensionaler Typenhebel und zeigt uns mit einer Prise Ironie die Auswirkungen eines kleinen Fehlers.

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Lassen Sie uns eins vorwegnehmen, damit die Überschrift hier nicht zu Missverständnissen führt: Florian Schwabs computeranimierter Kurzfilm .txt ist ein fehlerfreies, makelloses Glanzstück der Erzählkunst. Alles beginnt in einem virtuellen Raum. Vor farblosem Fond, untermalt von unbestimmten Echos erscheint eine fremdartig industrielle Formation. Was zunächst wirkt, wie das monströse Gepäck-Terminal eines intergalaktischen Weltraumflughafens, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als... doch halt! Wir wollen doch nicht schon im Voraus den Anfang verraten. Während Sie den Auftakt einer entzückend ironischen Geschichte verpassen, werfen wir einen Blick auf den Menschen hinter dieser Arbeit. Wann immer Florian Schwab das Arbeitsgerät seiner Wahl öffnet, sei es Maya, Photoshop oder ein Skizzenbuch im Folianten-Format,


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Ein eindrucksvoller Weg vom Scribble zur fertigen Animation. 22 |

erscheint es Unbeteiligten, als öffne er gleichzeitig ein Füllhorn unerschöpflicher Virtuosität. Woher nimmt er seine Inspiration? Sicher nicht aus seinem Zimmer. Eine Matratze, ein Schrank, ein wackeliges Regal. Bildschirme und Grafik-Tablett ruhen auf einer aufgebockten Tischplatte, die einmal eine Tür gewesen ist. Auf dem Boden stapeln sich Bücher und Zeitschriften über Animationstechniken mit unzähligen Filzstiften um die Wette. Ob er diese Bücher alle gelesen hat? Sehen wir nach! Die Handlung hat inzwischen den Bogen in eine Parallelwelt gespannt, die uns tagtäglich begegnet und doch gänzlich unbekannt ist: sie führt uns in die Tiefen unseres Computers. Eine sterile Umgebung, die in diffuser Beleuch-

tung schimmert. Drei, nein vier Protagonisten tauchen auf, die von gradliniger Filmmusik getragen ein Animationsballett erster Güte aufführen. Verraten wir mal soviel: Sie schreiben einen Text. Bei digitalen Trickfilmen dreht sich alles um Modelling, Rigging, Rendering, Compositing… Kauderwelsch, den nur wenige Menschen verstehen. Aber was immer es ist – hier scheint alles einen Sinn zu ergeben! Der Filmer be-herrscht sein Handwerk, dass uns die Augen übergehen. Viel wichtiger allerdings ist die liebevoll durchdachte Story, die uns sanft einen Spannungsbogen hinauf leitet, der von mehr zeugt, als der reinen Animationskunst: Von der Gabe, Geschichten zu erzählen. Und das verdammt witzig!


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Der erste große Höhepunkt hat mit einem Punkt in der Höhe zu tun. Einem tollpatschigen Protagonisten passiert der berühmte Flüchtigkeitsfehler. Hier wird dem Kenner klar, dass die Kunst, den Zuschauer glücklich zu machen auch diesem Filmemacher nicht einfach zugeflogen sein kann. Die altbackene Weisheit, dass Kreativität zu soundsoviel Prozent dasunddas ist, vor allem aber jede Menge Fleiß, offenbart sich hier schonungslos und macht sich wichtig. Tja, sein Fehler, nicht wahr?

Fast erscheint es unnötig zu erwähnen, dass das dicke Ende natürlich noch kommt. Mit .txt hat Florian Schwab ganz großes Kino abgeliefert! Ein genialer Film, an den man sich zwangsläufig erinnert, und zwar täglich. Und neben der Freude, etwas über die Hintergründe einer Fehlermeldung zu erfahren, kennen wir jetzt vor allem eins: Die Tücken des Magnetismus in einem makrotypografischen Mikrokosmos. (mn)


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Design mit Stäbchen Wer schon mal in einem Asialaden war, um etwa Currrypaste, Koriander oder Kokosmilch zu kaufen, hat sicherlich die exotischen Waren vor Augen, die in jede erdenkliche Ecke gestopft sind. Asiatisch kochen macht SpaĂ&#x;, das Einkaufen ist ein Abenteuer.


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Luying Yu, eine chinesische Wahlmannheimerin, bringt mit ihrer Diplomarbeit »Super Hua« Licht ins Dunkel der engen und unübersichtlichen Gänge der Asialäden. In 4 Monaten gelang ihr ein mustergültiges Konzept für eine Asia-Supermarktkette. Wo andere sich mit einem Corporate Design begnügen, hat Luying sich gleich noch Gedanken über Architektur, Shopkonzept und Werbestrategie gemacht. »Ich möchte den deutschen Kunden helfen, fremde Produkte kennen zu lernen und ihnen eine fremde Esskultur näher bringen.« erzählt

Luying über die Absichten ihrer Arbeit. Bisher fehlt den Asiamärkten eine klare Positionierung aber vor allem eine klare einheitliche Markenführung. »Super Hua«, zu deutsch »Super China«, schafft Abhilfe. Das Erscheinungsbild vereint exotische Elemente und chinesischen Charme mit einer modernen Anmutung. Luyings Leidenschaft für die chinesische Küche gepaart mit der messerscharfen Analyse des deutschsprachigen Marktes half ihr ein Konzept zu entwickeln, dass durchaus reif ist, die Herzen der Asiafreunde in Deutschland zu erobern.


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Dabei geht die Abenteuerlust, die man im Laden beim durch die Gänge Streunen verspürt, nicht verloren. Mit ihrer Heimat blieb Luying stets eng verbunden. So bekam sie auch Unterstützung von einer befreundeten Architektin aus Beijing, welche die 3D Modelle zusteuerte. Um in Genuss von traditionell chinesischem Essen zu kommen, kocht Luying lieber selbst. »Es gibt viele Unterschiede zwischen chinesischen Restaurants

in Deutschland und in China. In Deutschland gehe ich nur chinesisch essen, wenn eine besondere Spezialität geführt wird oder wegen der Atmosphäre.« Vielleicht wäre »Super Hua« sogar etwas für den chinesischen Markt. Schließlich geht mit der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung auch das Aufstreben des chinesischen Designs einher. Überall entstehen neue Designhochschulen und Wettbewerbe.

Der Wert von Marken wird auch in China zunehmend erkannt. Luyings Arbeit macht nicht nur Lust auf chinesisches Essen, man möchte sofort loszuziehen und bei »Super Hua« eine Packung Basmatireis, frisches Gemüse und Sojasauce kaufen und sich vom fachkundigen Personal eine Kostprobe zubereiten lassen. Guten Appetit! (jb)


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Diplomarbeit von Luying Yu, betreut von Prof. Axel Kolaschnik


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Post Mortem Gina Gorny entführt uns in die Abgründe literarischer Verbrechen und zeigt uns, wie ästhetisch der inszenierte Tod sein kann.

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Diplomarbeit von Gina Gorny betreut von Prof. Frank M. Göldner

»Den Entschluss zum Mord hatte er infolge seines leichtsinnigen, kleinmütigen Charakters gefasst.« (Dostojewski, Schuld und Sühne) Gina Gornys Diplomarbeit »Das Motiv« widmet sich in theoretischer Form dem Verhältnis zwischen Fotografie und Kriminalliteratur und erschafft durch dreizehn inszenierten Stillleben von Mordschauplätzen eine seltsam ästhetische Atmosphäre. Im entstandenen Buch wird der Betrachter mit der menschliche Schaulust am Verbrechen konfrontiert. Er blickt durch das detektivische Auge der Kamera auf Licht und Schatten in der Literatur. Die dreizehn zur Schau gestellten Verbrechen entspringen Kriminalromanen dreizehn verschiedener Autoren von Dostojewski über Agatha Christi bis zu George Simenon und Friedrich Dürrenmatt.

Die Anmutung der Fotografien ist nicht abscheulich und grausam, sondern ästhetisch inszeniert und orientiert sich an der Modefotografie. Gina wollte sich in der Diplomarbeit ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung widmen, der Literatur. Sehr schnell landete sie bei der Kriminalliteratur, da sie für die Fotografie die meisten Motive bereit hielt. Am Anfang stand die Recherche des Medienkontextes von Fotografie und Kriminalliteratur und dabei stieß Gina auf Roland Barthes. Seine Fototheorien gehen davon aus, dass ein fotografierter Mensch objektiviert wird. Er erlebt einen Tod im Kleinen. Auch der Krimiautor Raymond Chandler äußert sich innerhalb seiner Romane ähnlich, einer Fotografie hafte nichts Lebendiges an. Gina legt viel Wert darauf, die Stillleben nicht zu blutig und wie Polizeifotos aussehen zu lassen, sondern sich ihnen ästhetisch zu nähern. Mit viel Kunstblut und maskenbildnerischem Geschick setzte sie die Opfer nach der Romanvorlage in Szene und zeichnete die dunklen Gefühle, die dem Mord vorangingen, für uns nach. Dies gelang ihr so gut, dass man sofort den Krimi lesen möchte, dem die Szenerie entsprungen ist. Nach ihrem Diplom zog Gina Gorny nach Berlin, um dort als Fotodesignerin Fuß zu fassen. (as)


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Den Göttern sei Dank! Yann Ubbelohde illustriert und erfindet in Bildern die Geschichte des Prometheus neu und entführt uns in die antike Welt der griechischen Mythologie. Nur ist seine eben nicht antik und irgendwie anders.

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Himmel und Erde waren geschaffen: das Meer wogte in seinen Ufern, und die Fische spielten darin; in den Lüften sangen beflügelt die Vögel; der Erdboden wimmelte von Tieren. Aber noch fehlte es der Welt an einer wirklich skurrilen und illustrativen Umsetzung der Geschichte von Prometheus. Diesem Mißstand nahm sich Yann Ubbelohde in seiner Diplomarbeit an. Zeus sei Dank, denn sonst wären wir nie in den Genuss einer kippenrauchenden Athene, eines schwitzenden, leicht übergewichtigen Prometheus und der unheilbringenden Pandora-Konserve gekommen. Yanns eigene und sehr freie Interpretation der Sage Prometheus, nach der Zusammenfassung von Gustav Schwab, ermöglicht eine neue, lebendige und ungebundene Sicht auf die Götter der griechischen Mythologie. Für ihn stand fest in seiner Diplomarbeit zeichnen zu wollen und da er sich schon als Kind für Sagen und die griechische Mythologie interessierte, fiel es ihm nicht schwer, sein Diplomthema in dieser faszinierenden und übernatürlichen Welt zu suchen. Yann durchforstete bekannte Mythen und fokussierte sich sehr schnell auf Prometheus, den Schöpfungsmythos der Griechen, sozusagen das Äquivalent zu der biblischen Genesis. Von Anfang an war klar, dass er in seinen Illustrationen ohne Farbe arbeiten wollte. Ein Experiment in Schwarz-Weiß und mit Kugelschreiber sollte es werden. In seiner Diplomarbeit wollte Yann freier und spontaner arbeiten als bisher, so versuchte er möglichst auf Vorzeichnungen zu verzichten. So mussten zwar Ungenauigkeiten und Verzeichnungen in Kauf genommen werden, aber die Illustrationen wirkten dadurch viel

lebhafter. Die Typo färbte Yann rot und so entstand der höchstmögliche Kontrast: Schwarz, Weiß und Rot. Der Betrachter muss sich Zeit nehmen und Spaß daran haben, genauer hinzuschauen und Details zu entdecken, die auf den ersten Blick nicht sofort erfasst werden konnten. Genauso wie Prometheus selbst: War er jetzt ein Betrüger, ein Dieb oder der Lichtbringer des Menschen? Ansichtssache. Genauso wie Yanns eigene bildhafte Interpretation von ihm, ein dicklicher liebenswerter Kerl mit zuviel Bart und Stirnband.

Yann Ubbelohde ist 24 Jahre alt und möchte langfristig seinen Lebensunterhalt durch zeichnen und illustrieren verdienen können. Wir haben da gute Hoffnung. (as)


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Gemüse in der Mangelstube Steffen Herbold ist Creative Director und Texter bei wob in Viernheim, außerdem schreibt er Songtexte (unter anderem für die Band »Popforscher«), verfasst Theaterstücke und hat das Essay-Buch »Poesie für Manager« geschrieben. Als Dozent an der Hochschule Mannheim bewegt er die Studenten mit seiner gnadenlosen Ehrlichkeit zum Schreiben.

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Herr Herbold, wer ist König? Kunde oder Text? Zu meinem großen Mißvergnügen ist meistens die Marktforschung König. Alles wird solange geprüft und durchgetestet, bis es tot ist. Auf diese Weise entsteht schwerlich etwas Originelles oder Neues, da man die Meinung immer genau aus der Mitte holt. Meiner Ansicht nach können Marken auf diesem Weg nur ganz schwer ein eigenständiges Profil gewinnen. Ich fürchte, dass am jüngsten Tag der Werbung alle Anzeigen gleich aussehen werden. Der Dienstleistungsgedanke kommt also immer vor dem guten Stil? Wenn ich in einer Agentur arbeite, bin ich natürlich Dienstleister. Jeder, der etwas anderes sagt, schwindelt. In der heutigen Situation würde wohl kaum ein Agenturchef Arbeitsplätze aufs Spiel setzen, nur um einem Kunden zu sagen: »Mir passt das aber nicht, wie sie mit Typografie umgehen«. Wenn so was geschieht, ist das Tischtuch meist eh’ schon zerschnitten. Aber: Es gibt im Werberleben auch immer mal

wieder Kunden, mit denen man Pferde stehlen kann. Dann kann man mal etwas Neues wagen und experimentieren. Wie wird man heute Texter? In Texterschmieden? Ich denke nach wie vor, dass man Texter durch »learning by doing« wird. Ich suche ganz gerne Texter in geisteswissenschaftlichen Studiengängen, weil die Leute dort lernen, mit Denksystemen zu hantieren. Aber prinzipiell können gute Texter von überall her kommen. Ich kenne Kaufleute, Theologen, Taxifahrer und Ärzte, die gute Texter geworden sind. Übrigens auch Designer. Was bringt ihnen persönlich die Arbeit mit den Studenten? Was nimmt man mit? Mit jungen Leuten zu arbeiten ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt. Ich genieße es, wenn 20jährige etwas zu sagen haben, ich hasse es, wenn sie sich an der Hochschule bedienen lassen, als wären sie im Restaurant. Man durchlebt doch während des Studiums nochmals so etwas wie

eine »intellektuelle Pubertät«. Die Hochschule ist eine sehr gute Plattform, um da anzusetzen und sozusagen geistig erwachsen zu werden. Diese Möglichkeit spüre ich auch jetzt noch, obwohl ich mittlerweile auf der anderen Seite des Tisches sitze. Diese Zeit kommt im Leben nie wieder. Das Blöde daran ist, dass man das vorher nicht weiß. Eigentlich müsste man daher alles mit drei Strohhalmen gleichzeitig aufsaugen. Sie sind bei ihrer Arbeit eigentlich immer von Gestaltung umgeben. Gibt es den Gestalter Herbold? Nie! Das einzige, was ich mache, ist mit meinen Kindern am Samstag Mittag Gemüse abmalen. Wir setzen uns hin, legen eine Zwiebel oder Tomate auf den Tisch und malen sie ab. Nein, im Ernst. Designer sollten Design machen, Texter sollten texten und darüber kann man zusammen Konzepte machen. Ausnahmen bestätigen die Regel.


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Wie weit hält Text in ihrem Leben Einzug? Gestalter können oft kaum noch ein Speisekarte lesen, ohne sie typographisch zu untersuchen. In dem Restaurant, in dem ich vorgestern saß, war in der Speisekarte Zucchini mit »ck« geschrieben, deshalb konnte ich sie aber trotzdem essen. In Abwandlung eines Satzes von Adorno sage ich: »Text ist das allerwichtigste, aber so wichtig nun auch wieder nicht«. Lernt man im Laufe seines Berufes, die Arbeit in der Agentur zu lassen? Nein, natürlich nicht. Man bleibt wach. Andererseits muss man auch lernen, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Man sieht irgendwann, dass es Wichtigeres im Leben gibt. Wenn man an Gegenden in der Welt denkt, in denen Design nun wirklich eher ein drittrangiges Problem ist, weiß man ganz schnell wieder, was im Leben zählt. Auf eine Weise ist es auch Luxus, sich derart differenziert mit Dingen wie Design zu beschäftigen.

Was liest ein Texter abends seinen Kindern vor? Oh! Hier klaffen Wunsch und Realität leider sehr weit auseinander. (lacht) Meine ältere Tochter will eigentlich nur Pferdegeschichten vorgelesen haben und die Jüngere liebt Feen. Manche Bücher finde ich so schlimm, dass ich sie während dem Vorlesen umformuliere. Die Ältere hat das leider mittlerweile rausbekommen und liest jetzt zur Kontrolle immer mit. Mein Lieblingskinderbuch ist »Pu, der Bär« von Alan Alexander Milne, das darf ich leider nur mir selbst vorlesen. Noch eine letzte Frage: Haben Sie ein Lieblingswort? Ich komme oft in Seckenheim an einem kleinen Laden vorbei, an dem ein Schild mit dem Wort »Mangelstube« angebracht ist. Eine aussterbende Zunft. Ich denke jedes Mal, wenn ich daran vorbeifahre: »das wäre doch eine gute Geschäftsidee für das 21. Jahrhundert«. Es mangelt an so vielem, da ist es doch gut, eine Mangelstube zu haben, oder? Deshalb finde ich das Wort einfach großartig. (ba, jz)

Steffen Herbold erschuf 2006 mit Designstudenten der HS Mannheim das Buch »Alle Sachen – Eine subjektive Enzyklopädie der Dinge«.

Sein Essayband »Poesie für Manager«, in dem er kühne Zusammenhänge zwischen Ökonomie und Poesie knüpft, erschien 1997 bei Piper.


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Silver Surfer Wieviele gute Arbeiten lauern wohl in kleinen, dunklen Schubladen unzähliger Ikea-Möbelstücke, welche in kleinen WG-Zimmern ein ebenso trauriges Dasein fristen? Hunderte? Tausende?

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Um solche Arbeiten vor dieser Art Wach-Koma zu retten, müssen sie bei Wettbewerben eingereicht werden, welche zum Glück nicht allzu rar gesät sind. Während die meisten namhaften Designwettbewerbe die Gestaltung von Neuen Medien, Bewegtbild und vorwiegend Editorial Design würdigen, ist der GWA Junior Agency Award deutschlandweit der bedeutendste Wettbewerb für den Nachwuchs der Werbebranche. Zum wiederholten Mal nahm im Sommersemester 2006 auch die HS Mannheim, Fakultät für Gestaltung, in Zusammenarbeit mit der Uni Mannheim, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaften am Junior Agency Award teil. Anfang April hieß es dann für 8 Studenten der HS Mannheim und 2 weiteren der Uni Mannheim »Vorstellungsgespräch« bei der betreuenden Agentur JWT in Frankfurt. Im Briefing wurde zum ersten Mal der Kunde genannt: Die UMTS MobileTV Sparte von vodafone. Zur gleichen Zeit startete vodafone die mittlerweile bekannte »make the most of now« Kampagne, die konzeptionell und visuell als Grundlage dienen sollte.


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Die Arbeit der Studenten in der Zeit von April bis Juli lässt sich schwer in wenige Sätze packen. Nach umfassender Recherche zur Technik UMTS und MobileTV, einer Analyse des Marktes, gefolgt von einer weitreichenden Zielgruppenanalyse anhand verschiedener Studien begann erst spät die konzeptionelle Entwicklung der Werbekampagne. Wo gehobelt wird, fallen auch Späne und so landeten dreiviertel aller Ideen im Papierkorb, ehe das Leitmotiv der gesamten Kampagne feststand, welches durch sämtliche Medien führt: burn your couch! Die miefige Couch ist Symbol für alles Alte und Konventionelle, gerade im Bezug auf eingestaubte Fernsehgewohnheiten. Die Zielgruppe möchte die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, wann und vor allem wo sie fernsieht. Sie ist lust- und erlebnisorientiert und beruflich als auch privat sehr mobil. So entstanden neben klassischer Printwerbung wie Anzeigen, DirektMailings, CityLights und CityCards auch eine Website inkl. Webbanner, Ambients und ein Event im großen Stil. Die vielen Nachtschichten, die für die Kreation der Werbemittel eingelegt wurden, sind letztendlich mit einem hervorragenden 2. Platz belohnt worden. Die Jury lobte beim Team Mannheim/Frankfurt vor allem die unerwartet hohe Professionalität der Präsentation, den ausgearbeiteten Media-Mix und die absolut unkonventionelle Art der Ideen und Umsetzung. Von Hochschulseite wurde das Projekt durch Prof. Kai Beiderwellen und Sandra Krahl betreut. (pf )

Die glücklichen Preisträger (v.l.n.r): Holger Lehmann, Stefan Schrön, Pascal Fedorec, Alexej Sadovnikov, Marina Tschitakova, Florian Hefermehl, Katarina Bös, Felix Steingrube, Haroon Baig, Christian Brand


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Ein Hungerkünstler Jürgen ist ruhig, bescheiden, immer freundlich. Und wenn man ihn sich so anschaut, so möchte man meinen, dass er beinahe ein Pendant zum Protagonisten der von ihm illustrierten Kurzgeschichte sein könnte.

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1922 schrieb Franz Kafka »Ein Hungerkünstler«. Eine Parabel auf eine Eigenart des Menschen: das Streben nach Aufmerksamkeit, Ansehen und Beachtung, und der tiefe Fall, wenn eben diese Anerkennung ausbleibt und man seinen festen Platz in der Gesellschaft verliert. 6. Semesterarbeit von Jürgen Schlotter, betreut von Prof. Armin Lindauer

»Ich habe schon einiges von Kafka gelesen«, sagt Jürgen Schlotter, »und diese Geschichte hat mir sofort gefallen, da sie gewisse Parallelen aufweist«. Denn auch die Kommunikationsbranche birgt heute große Risiken, sich nur auf einen Bereich zu beschränken und nicht über den Tellerrand hinauszuschauen, denn der tiefe Fall kommt schnell, wenn deine Fähigkeiten nicht mehr den Anforderungen genügen. Für seine Semesterarbeit hat Jürgen lange eine Schrift gesucht, die Kafka und seinem Hungerkünstler gerecht wird, doch er wurde nicht fündig. Was tun? Man entwirft ein eigenes Typeface. Und so schnitzte er sämtliche 26 Glyphen des Alphabets in Linolplatten, digitalisierte sie in liebevoller Kleinarbeit und fügte anschließend sehr subtil kleine störende Elemente hinzu, um die Strenge zu lockern und das Schriftbild aufzubrechen.

Herausgekommen ist dabei die »Schlottesk«, welche er noch immer erweitert und Buchstabenvariationen entwickelt. Die rauhe, kantige und kühle Art seiner Schrift und der Illustrationen spiegeln einen abgemagerten und in sich zerrissenen Protagonisten wider, ohne dabei plump zu wirken und ergänzen sich dabei gegenseitig nahezu perfekt. Die Technik des Linolschnitts unterstützt diesen Charakter weitaus mehr als es eine reine Zeichnung der Buchstaben je vermocht hätte. Unterm Strich stehen 29 Seiten, 13 Illustrationen mit sensiblem Einsatz von Farbe und eine Schrift, welche durch einen hohen illustrativen Charakter und dennoch guter Lesbarkeit besticht. Jürgen Schlotters Diplomarbeit rückt allmählich in greifbare Nähe und wenn »Ein Hungerkünstler« einen Vorgeschmack gegeben hat, darf man jetzt schon gespannt sein, was noch kommen mag. (pf )


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Simone Ingelfingers Corporate Design für »Orbis«.

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Sternstunde Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2007. Simone Ingelfinger und Jennifer Kröger waren ein Semester lang unterwegs, um fremde Welten zu erforschen und ein neues Corporate Design für den nahenden Weltraumtourismus zu finden.


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Das Erscheinungsbild für den Weltraumtourismus von Jenny Kröger. Beide Arbeiten wurden betreut von Prof. Armin Lindauer.

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Als Orbis bezeichnet man das Verlassen der eigenen Umlaufbahn und das Eintreten in eine Neue. Genauso beschrieben Simone Ingelfinger und Jennifer Kröger auch die Arbeit an ihrem Projekt. Sie betraten thematisch Neuland, indem sie sich dem Corporate Design des Weltraumtourismus widmeten. Die Herausforderung bestand darin, das unendliche Universum zu fassen und zu Papier zu bringen. Für ihr Rasterthema im Logo nahm sich Simone die Sterne zum Vorbild, das geordnete Logo suggeriert Sicherheit. Form und Typo haben denselben Duktus und stehen auf prägnantem, zitronengelbem Papier, das einen Gegenpol zum homogenen Signet bietet. Jennifer spielte mit den Rotationsbahnen, die sowohl in Logo und Farbe, als auch im Muster aufgegriffen

wurden. In der Farbwahl fand sie Orientierung im Weltraum, der dunkelblaue Himmel und die gelb-orangefarbigen Sterne bilden einen Komplementärkontrast. Die runde Formensprache der Bildmarke spiegelt sich zusätzlich in der Typo wider. Es fand im Vorfeld eine enge Abstimmung und Zusammenarbeit bei der Ideenfindung statt, doch im jeweiligen Kreativprozess entstanden zwei völlig konträre Ansätze. Die Arbeit an den Projekten hat Simone und Jennifer selbst Lust auf eine Weltraumreise gemacht, natürlich nur falls sich Sponsoren finden. Simone Ingelfinger ist 28 Jahre alt und nimmt kommendes Semester genau wie Jennifer Kröger ihr Diplom in Angriff. (as)


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Sauerei Viel Haut zeigte Hannah Strobel bei der Präsentation ihrer Semesterarbeit im Fach Typografie.

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Brav? – Unscheinbar? Hannah Strobels erster Entwurf »Just Woman«.

Zwischen Koteletts und Petersilie lagert der Flyer heute im Gefrierfach.

Jeder Mensch hat auch eine unanständige Seite, doch wer besitzt schon den Mut diese offen zu zeigen? Kein Problem für Hannah Strobel (1. Semester). Nachdem ihr erster Entwurf eines selbstdarstellenden Flyers (siehe rechts), ganz dem Klischee der Frau entsprechend, als brav und sehr passend beurteilt wurde, ließ sie für den zweiten Flyer buchstäblich die Sau raus. Eingedeckt mit Eisbein machte sie sich ans Werk. Sie zog die noch frische Haut ab und nähte die zähen Teile zusammen. Mit Hilfe von drei zusammengebundenen Nadeln und einem Fässchen Tusche tätowierte sie die Worte »Ich

bin eine Drecksau«. »Das trifft schon manchmal auf mich zu […] und ich habe auch schon wirklich unanständige Sachen gemacht«, so Hannah Strobel. Heute liegt das gute Stück in ihrem Gefrierfach. (ms)


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Die hohe Kunst der Kalligrafie Gerne wird sie in eine Nische gedrängt, von Liebhaberei und brotloser Kunst ist da die Rede. Sicherlich gehört eine gehörige Portion Leidenschaft zur Kalligrafie, aber dann kann sie in ihrer schönsten Form gedeihen und erfolgreich in Corporate Design und Werbung eingesetzt werden.

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Nach ihrer Ausbildung zur Werbetechnikerin studierte Claudia Bärbel Kirsamer bei keinem geringeren als Professor Kurt Weidemann. Wissenschaftliche Dozentin für Schrift ist sie seit 2002 an der Hochschule Mannheim. Sie bietet außerdem Aktionen und Vorträge an, berät Theater und Film bei Schreibszenen, recherchiert und testet Schreibgeräte, rekonstruiert alte Schriften und entwickelt neue Alphabete. Unter ihrem Ateliernamen »CBK« kreiert und bereichert sie mit großem Erfolg unter anderem Werbestrategien, Logos, Prospekte, Champagneretiketten oder Reisebusse mit ihren schwungvollen Schriftideen. Frau Kirsamer, Sie unterrichten seit 2002 Kalligraphie an der Hochschule Mannheim. Wie sind Sie dazu gekommen? Im August 2002 klingelte bei mir das Telefon und am anderen Ende war Professor Armin Lindauer. Es war Sonntag und ich dachte zunächst an einen Scherz. Ich kannte weder Professor Lindauer, noch die Hochschule in Mannheim, denn mein Wohnort liegt über 200 Kilometer entfernt auf der Schwäbischen Alb. Auf mich aufmerksam wurde Herr Lindauer durch das Buch »Who’s Who in German Design«.

Wie gestalten Sie Ihren Unterricht an der Hochschule Mannheim und welche Ziele verfolgen Sie damit? Es ist heute sehr wichtig, einen Weg durch den »Buchstaben-Dschungel« zu finden. Dazu ist ein fundiertes Fachwissen über Schrift dringend notwendig, um immer die richtige Auswahl treffen zu können. Im Unterbewusstsein nimmt selbst jeder Laie wahr, ob die Schrift passt oder nicht. Um eine Sensibilisierung für Schriften, ein Formgefühl zu entwickeln, um die Spreu vom Weizen trennen zu können, um einen klaren Über- und Einblick in die verschiedensten Schriftformen zu bekommen, muss zunächst mal die Ursprungsform unserer Buchstaben kennen gelernt und eine Beziehung hergestellt werden, zwischen unseren Kleinund Großbuchstaben, zwischen klassischen Antiquaformen und konstruierten serifenlosen Schriften.


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Man bemerkt sofort Ihre Leidenschaft für die Schrift und die Buchstaben. Ja, denn da in unserer heutigen Zeit, durch die tägliche Flut von Werbezetteln, durch die überfüllten Briefkästen mit Drucksachen, Schrift und Buchstaben eher abwertend betrachtet werden, haben die Menschen ganz vergessen, dass Schrift und Schreiben eine Faszination ist. Eigentlich kann man von der größten Erfindung der Menschheit sprechen. Es sind ja nur 26 Zeichen, mit denen man weltweit kommuniziert!

Was machen Sie, wenn Sie die Studenten nicht gerade die Schreibfedern schwingen lassen? Im letzten Jahr konnte ich 25 Jahre Atelier CBK feiern. Ein Auftrag, der mich in dieser Zeit sehr bewegt hat, war ein Vater, der mich bat, seiner Tochter im Gefängnis per Post Kalligrafieunterricht zu geben. Auch die Arbeit mit geistig behinderten Menschen ist eine Bereicherung. Es erreichen mich außerdem immer mehr Anfragen bezüglich Kalligrafie als Meditationshilfe. Da unser Haus und unser Grundstück im Biosphärengebiet liegen, kommen viele Kunden mit dem Wunsch zu mir, bei den Ziegen, unterm blühenden Apfelbaum oder im duftenden Heu zu sitzen und zu schreiben. (ac)


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Buchstabensuppe a2+b2=c2 oder der Satz des Pythagoras als Hilfsmittel f端r Designer?


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Nadine Fiege entwickelte für ihre Semesterarbeit ein dynamisches Werkzeug, mit dem man Typografie interaktiv beeinflussen kann. Anhand verschiedener Einstellungen ist es möglich, einzelne Buchstaben zu experimentellen Typo-Animationen zu generieren.

Hinter jedem Modul verbergen sich zahlreiche Funktionen und Formeln, vor allem der Satz des Pythagoras half Nadine bei der Entwicklung dieses in Flash realisierten Projektes. Ihr ist es gelungen, Design und Mathematik symbiotisch in einem Projekt zu vereinen. Der Anwender kann durch Veränderungen mathematischer Variabeln, sowie durch die Mausführung die komplette Anmutung und Beschaffenheit dieses typografischen Erlebnisses interaktiv beeinflussen. Es gibt verschiedene Bereiche, in die man per Mausklick gelangen kann. »universe« zum Beispiel: Hier öffnet sich dem Besucher eine ganze Typo-Galaxie, die auf die Bewegungen der Maus reagiert. Spiel, Spaß und Forschung in einem. Was will man mehr? (ms)


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jeweils 150 x 25 cm, s/w Prints, selbst entwickelt


Panorama aus der Dose

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Florian Poschlod bastelt sich aus Karton und Coladosen eine Camera Obscura und versucht uns hinters Licht und in den Schatten zu führen.

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Fremdartig verzerrt und ineinander verschoben kratzen Florian Poschlods Bilder an dem Wahrheitsgehalt der Fotografie, die objektive Realität abbildet. Florian Poschlod setzte auf seine Imagination und verließ das sichere und warme Nest der hochentwickelten Technik, um Bildausschnitt und Belichtung zum Teil in Zufalls Hand zu legen. Im Kurs «Offenes Projekt Fotografie” bei Professor Frank Göldner widmete sich Florian intensiv seinem Interesse der 360° Fotografie, doch die horizontale Ausrichtung der Kamera bei typischen Panorama-Landschaftsaufnahmen war ihm nicht genug. Er experimentierte mit den Rotationsmöglichkeiten der Kamera. Durch den anderen Blickwinkel entstanden zum Teil völlig abstrakte, nicht wiedererkennbare Aufnahmen obwohl die Formelemente immer noch in ihrem ursprünglichen, räumlichen Zusammenhang stehen. Florian bastelte sich aus Karton, Kleber und Coladosen eine 360° Camera Obscura. Vier Blenden in einer Reihe erstellen vier Einzelaufnahmen und nach jeder Aufnah-

»Die Arbeit hatte von Anfang an einen sehr experimentellen Charakter.« me wird die Kamera um 90° weitergedreht. Jede Blende hat ebenfalls einen Bildwinkel von 90° und so ergibt sich nach vier Aufnahmen ein Gesamtbild von 360°. Mit dieser Lochkamera fotografierte Florian auf einem Schwarz-Weiß Kleinbildfilm von 20 cm Länge. Die analoge Technik ermöglichte ihm, das Bild schon komplett während des Fotografierens zu komponieren. Dabei spielte der Zufall eine große Rolle: er entdeckte, dass sich collagenartige Bilder erzeugen lassen, indem die Kamera nicht immer um exakt 90° weitergedreht wird. So lassen sich Formen auflösen oder überlagern. Die Übergänge zwischen den einzelnen Bildern waren überraschend exakt und so bleibt der Eindruck einer realen Raumsituation bestehen, was das Gefühl von Schwindel beim Betrachter noch verstärkt. (as)


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HS Mannheim Absolvent Akiem Helming über seine Arbeit bei Underware, seine Erinenrungen an Mannheim und warum er sich bei der Arbeit daheim fühlt. Du hast an der Hochschule Mannheim studiert. Was hast Du für Erinnerungen an diese Zeit? Das war gerade die Umbruchphase. Ich habe mein Studium angefangen als die Fakultät noch in der Innenstadt lag, mein Diplom habe ich dann bereits am neuen Campus gemacht. Das fand ich sehr schade, denn durch den Zusammenschluss mit der technischen Fakultät dort war alles viel technischer und schulischer. Da wo ich arbeite, möchte ich mich daheim fühlen, das ist in der Praxis in Designstudios auch so. Ich finde Schulen interessanter, wo man seine Freiheiten hat. Das Problem in Mannheim ist, dass man nicht sieht, dass es eine gestalterische Fakultät ist, es ist zu wenig Austausch vorhanden, es hängt zu wenig an den Wänden und ist allgemein zu schulisch. Ich habe meine Zweifel an dieser Philosophie. Aber das ist nicht nur ein Problem von Mannheim sondern auch an vielen anderen Hochschulen so. Wie habt ihr drei euch gefunden? Wir haben uns in Den Haag an der Akademie kennengelernt, wir befanden uns damals alle drei im Aufbaustudium.

Würdest Du sagen, dass ihr modische Schriften macht? Nein, definitiv nicht. Ich würde sie eher als zeitlos beschreiben. Wie kann man als Schriftgestalter ohne dem nahrhaften Zubrot Corporate Fonts/Corporate Design überleben? Schriften machen und versuchen davon zu überleben, das klappt eigentlich ganz gut. Wichtig ist nur, dass man möglichst sorgfältig an einer Schrift arbeitet und dass sie auch 100% funktioniert. Dieser Prozess dauert meist zwischen ein und zwei Jahren, was schwierig ist, weil man keine Einkünfte hat, aber danach ist die Chance größer, dass die Schrift lange im Gebrauch bleibt. Trotz des unaufhaltsamen Vormarsches der technisierten Welt, gibt es immer auch den Wunsch nach dem Organischen, dem Unvorhersehbaren. Spiegelt das eure Philosophie wider? Nein, eigentlich nicht. Als Ausgangspunkt zeichnen wir die Schrift immer mit der Hand. Gestaltung ist die eine Sache, wie die ganze Schriftfamilie am Schluss aussieht eine ganz andere. Jeder Schrift soll eine deutliche Idee zugrunde liegen. Wenn man zu dritt daran arbeitet, ist


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e p y T ch t Du n e st n i e F vom

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es einfacher, den Abstand zu bewahren, denn auch Techniken wie OpenType werden immer komplexer. Manchmal sieht man bei euren Arbeiten vergangene Zeiten durchblitzen. Wo holt ihr euch eure Inspirationen? Das kommt daher, dass wir traditionell arbeiten. Wir versuchen immer eigenständig zu arbeiten und uns nicht an anderen zu sehr anzulehnen. Die Arbeiten sind schon eher mit klassischen Modellen auf unsere Art umgesetzt. Alles, was man von Underware hört und sieht steckt voller Leidenschaft und Idealismus. Das klingt nach jeder Menge Spaß und harter Arbeit. Erzähl doch mal ... Ja, das ist tatsächlich so. Wir sind sehr kritisch uns selbst gegenüber und wir können uns gut gegenseitig kritisieren. Das dauert zwar immer etwas länger aber es kommt der Sache zu Gute. Und wir können uns auch gegenseitig gut motivieren.

In Holland wimmelt es anscheinend von guten Schriftgestaltern. Gibt es so etwas wie eine holländische Schule? Wenn ja, zählt Underware dazu? Sicher gibt es die holländische Schule. Gerrit Noordzij hat angefangen an der KABK in Den Haag zu unterrichten. Die berühmten Schriftgestalter kommen fast alle von dieser Schule. Die KABK ist so ziemlich der einzige Ort in Europa, wo man Schriftgestaltung praktisch erlernen kann. Ihr seid mit der Bello auf Platz 98 der 100 besten Schriften bei Fontshop. Was haltet ihr von dem Ranking? Ich halte das Fontshop Ranking für eine gute Idee, aber schwierig weil das womöglich als die Wahrheit angenommen wird. Beim 100 Meter Lauf gibt es die 10 Schnellsten, aber bei Schriften ist das ganz anders. Letztenendes ist es nicht mehr und nicht weniger, als die Wahl einer Jury. Aber es ist eine Utopie, dass man die besten Schriften finden kann, denn schon die Kriterien sind subjektiv. Eigentlich ist es nicht

möglich eine Rangliste zu machen. Bei Autos würde es auch nicht gehen. Was wäre auf Platz 1 Golf oder Ferrari? Beim Fontshop Ranking finde ich sehr gut, dass alles sehr gut recherchiert ist. Zu jeder Schrift wird immer eine kleine Geschichte erzählt. (jb, jz, pf )


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Gestalter-Index

Impressum Hochschule Mannheim Fakultät für Gestaltung komma Redaktion Windeckstraße 110 68163 Mannheim redaktion@komma-mannheim.de Chefredakteur: Johannes Brückner (jb) Redaktion: Bastian Allgeier (ba) Alessia Corallo (ac) Pascal Fedorec (pf ) Michael Frahm (Fotos) Bernhard Pompeÿ (bp) Anna Schlecker (as) Mirka Laura Severa (ms) Julian Zimmermann (jz) Papier: On Business 160 g/m2

Großes Foto von links: Yann Ubbelohde (yannubbelohde@gmx.de), Jürgen Schlotter (vico.js@web.de), Saad Kyayar (saad_issa_khayar@

Trucard Duo matt 350 g/m2

web.de), Nadine Fiege (kontakt@nadinefiege.de), Simone Ingelfinger (simone.ingelfinger@onlinehome.de), Florian Poschlod (florian_

Beide Produkte sind exklusiv

poschlod@web.de) , Jenny Kröger (jenny_kroeger@gmx.de)

bei Deutsche Papier erhältlich. www.deutsche-papier.de Typografie: Auto, Bello, Dolly, Fakir und Sauna von Underware; www.underware.nl Druck: BB Druck, Ludwigshafen

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Coverfeinstanzung: Kremo, Mosbach; www.kremo.de Rahmen von links: Gina Gorny (ginollo@gmx.de), Luying Yu (afish001@yahoo.com), Florian Schwab (floriversum@yahoo.de),

»komma« beruht auf einer Diplom-

Anke Schmidt (aschmidtle@web.de), Hannah Strobel (hannah@mediasun.eu)

arbeit von Moritz Nolting (mn). Wir danken: Moritz Nolting, Prof. Kai Beiderwellen, Prof. Veruschka Götz, Prof. Axel Kolaschnik, Prof. Armin Lindauer, Prof. Hartmut Wöhlbier, Martin Burkhardt, Rainer Diehl, Volker Keipp, Sandra Krahl, Sigrid Wilhelm, BB Druck, Deutsche Papier, Getty Images, Kremo, Maxon, Underware Anzeigen: anzeigen@komma-mannheim.de Nachbestellung, Feedback und Mediadaten: www.komma-mannheim.de



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