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editorial

Wo denkst Du ist Deine Heimat? Dort wo Sie Deine Lieder singen, in Deiner Sprache reden? Dort wo sie Deine Gebete sprechen, wo sie Deine Tänze tanzen, Deine Spiele spielen? Dort wo die Pflanzen wachsen, die Du aus Deiner Kindheit kennst? Dem Einen das Kruzifix über der Tür, dem Anderen das Fahrrad auf dem er sitzt. Manch Einem die entferntesten Galaxien, der Strand vor der Ferienhütte ist es für den Anderen. Fern des Geburtsortes kann man die Heimat finden. Jeder empfindet und hält etwas Anderes für Heimat. Für seine Heimat. Unterschiedlicher könnten die uns gewährten Einblicke nicht sein. Angefangen bei dem Einzelnen, von Innen nach Außen, vom reelen in den virtuellen Raum, bis hin zu sieben Millionen. Viel Vergnügen bei Ihrer eigenen Erfahrung der Komma 9 wünsche ich Ihnen mit Freude  –  Dennis Jakoby


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Heimatboden

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Hikikomori

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Sci-Phi

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Innen und AuĂ&#x;en

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Nordisch by Nature

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Short News

Ruhm & Ehre


Mannheim Digitale

Deus ex machina

Farmville und Nussallergie

Es werde Licht

Pizza. Döner. Pierogi

Matröschka

Schicksaal

Doomed Anaglyph

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Parlez vous vin rouge? 66 N

Grün & Gold 68 H

Arts & Crafts 70

Oneven

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Deutsche & Japaner

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Anschaulich Zusammen mit der Universität der Bundeswehr München (UniBw) entwickelten die Studenten des Masterkurses der Fakultät für Gestaltung das Austellungsdesign der Hochschule für Polititk. Die HfP in München feiert diesjährig ihr 50-jähriges Bestehen. Geleitet wird der Kurs »Szenerie« von Herrn Prof. Dr. J. Berger. Die Austellung eröffnet am 22. November 2011 im Maximilianeum in München.

die englische art

Mr. Mike Sheedy von der School of Design, Leeds

Nach Partneruniversitäten in Frankreich, der Schweiz, Canada, Chile und Finnland, kann die Fakultät für Gestaltung nun auch eine weitere in England verzeichnen. Künftig soll der Austausch mit der School of Design der University of Leeds stattfinden. Die Universität beherbergt über 33.000 Studenten aus 142 Ländern. Prof. K. Beiderwellen, Auslandsbeauftragter der Fakultät, wird im kommenden Semester den Ansprechpartner Mr. Mike Sheedy vorstellen und nähere Informationen zur geplanten Kooperation geben. Ein Erasmus-Vertrag konnte bereits geschlossen werden. http://www.design.leeds.ac.uk/

Rotierend

ortswechsel

Zusammen mit dem Abriss der Hochschulgebäude kommt der Umbau. Der Campus der Hochschule Mannheim wird neu geformt. Das nahegelegene John-Deere-Werk erhält einen neuen Anschluss an die Straße mittels eines Kreisels. Gemeinsam mit seinen Studenten ist Prof. T. Duttenhoefer für die skulpturale Verschönerung des Karusells zuständig. Im kommenden Januar soll die Entscheidung, welche Kunstwerke im Zentrum stehen sollen, gefallen sein und mit der Vergabe zur Fertigung und den Vorbereitungen begonnen werden.

Nachdem der Abriss des Gebäude P beschlossen war, wurde es Zeit sich nach einer Alternative umzuschauen. Nicht nur eine Alternative, sondern wie eine umfassende Verbesserung für alle Fachbereiche erscheint der zu beziehende Ort. Auf dem ehemaligen Gelände der Firma »Vögele« unweit des Campus, nur durch die Neckarauer Straße gewes Zuhause finden. Gespannt erwarten wir die neuen Bereiche und natürlich auch das neue Komma-Büro. Bis zum 31. Oktober sollen die ersten Projekträume und Labore umgezogen sein, bis zum Sommer 2012 die gesamte Fakultät für Gestaltung.

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SHORT NEWs Prof. Dr. J. Berger, Dekan der Fakultät Gestaltung, wurde zum Vorstandsmitglied der »Konanz-Stiftung« berufen. Wichtige Bausteine der Förderung der Hochschule Mannheim, das »Interstip-Stipendium« sowie das »Albert und Anneliese-Konanz-Promotionsstipendium«, werden von der »Konanz-Stiftung« ermöglicht. Das »Interstip-Stipendium« gewährt vielen Studenten der Hochschule Mannheim die Möglichkeit Semester im Ausland wahrzunehmen.

PROCAMERA Capture the Moment

» The high-end crowd swears by it « David Pogue, NYTimes

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Jubiläum 20jähriges Bestehen durfte die Designgruppe Fanz + Neumayer diesen September feiern. 1991 von Norbert Fanz und Peter Neumayer, beide Absolventen der Hochschule Mannheim, in Schifferstadt gegründet, beschäftigt das Unternehmen inzwischen 12 MitarbeiterInnen – ebenfalls alle diplomierte Designer der Fakultät für Gestaltung. Seit zwanzig Jahren entwickelt die Designgruppe nun erfolgreich kreatives Design und Kommunikationsmaßnahmen für öffentliche Einrichtungen bis hin zu global operierenden Unternehmen. Viele Glückwünsche und weiterhin gutes Gelingen! www.fanzundneumayer.de

Designgruppe

RUHM & EHRE Vera Pardall »über die einsamkeit des einzelnen« red dot design award 2011

Das team der Fakultät design der Hoschule Mannheim »Lara Bluhme« GWA Junior Agency ss 2011 Gold- & Publikumspreis

KOMMA redaktion »Komma 7« Red dot design award adc silbernagel

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HEIMATBODEN »Das Wort ›absurd‹ bedeutet ursprünglich ›bodenlos‹, im Sinne von ›ohne Wurzel‹. Etwa wie eine Pflanze bodenlos ist, wenn man sie pflückt, um sie in eine Vase zu stellen. Blumen auf dem Frühstückstisch sind Beispiele eines absurden Lebens. Wenn man versucht, sich in solche Blumen einzuleben, dann kann man ihren Drang mitfühlen, Wurzeln zu schlagen und diese Wurzeln in irgendeinen Boden zu treiben. Dieser Drang der entwurzelten Blumen ist die Stimmung des absurden Lebens.« Mit diesen Worten beginnt die philosophische Autobiografie ›Bodenlos‹ des Medien- und Designtheoretikers Vilém Flusser. Vor den Nationalsozialisten aus Prag in das lateinamerikanische Exil nach Brasilien geflohen, kannte er den Zustand der Bodenlosigkeit gut. Was ein Boden sein kann, als wirklicher oder als Metapher, begreift man leichter, wenn man sich verständlich macht, was einem fehlt, wenn man den Boden verliert, wenn er zu schwanken beginnt oder gar im Abgrund verschwindet. Wer Boden hat, dem ist er selbstverständlich, und das Selbstverständliche macht den blinden Fleck der Wahrnehmung aus. Thematisch ist nur das Problematische. Deswegen macht es Sinn, von der Bodenlosigkeit her sich dem Boden zu nähern. Die scheinbar naheliegende Bewertung, einen Boden unter den Füßen zu haben sei ›gut‹ und ihn zu verlieren sei grundsätzlich ›schlecht‹, trägt nicht, denn wer zum Beispiel gerne schwimmt, zieht das Grundlose, zwar zeitlich begrenzt, voll Freude dem festen Boden vor, und wer mit dem Drachenflieger abhebt ebenso. Die klassischen, die Phantasie in Richtung Freiheit anregenden Medien, die Luft und das Meer, regen genau deswegen die Freiheitsphantasien an, weil sie frei vom Boden sind. Dem Boden, durch die Fallgesetze wissenschaftlich formuliert, verhaftet zu bleiben, haben die Menschen schon lange als Einschränkung erlebt. Der Traum vom Fliegen und der Traum vom Tauchen sind so alt wie die Menschheit selbst. Auch hier gilt es freilich, das richtige Maß zu finden. Wer allzulange bodenlos war, sehnt sich den Boden wieder zurück, und wer ihn ständig unter den Füßen hat, empfindet ihn als Einschränkung der Freiheit. Bei Werturteilen, den Boden betreffend, hängt alles davon ab, ob man ihn freiwillig und ganz buchstäblich verliert, zum Beispiel in der Achterbahn auf dem Jahrmarkt, oder unfreiwillig und in einem weiteren Sinn, wenn man ins Exil gehen muß, um sein Leben zu retten. Übrigens ist nicht notwendig der Boden stets unter uns; man denke nur an den Dachboden, der in der Regel über uns verortet ist. Doch nicht nur das: Der Dachboden verweist auf eine Erweiterung des Bodens zum Raum hin. Mit Kornböden, Heuböden, Dachböden usw. werden Speicherkammern zur Vorratshaltung bezeichnet, also ganze Räume. Das Lateinische kennt drei Begriffe für Boden mit verschiedenen semantischen Schwerpunkten: Einmal solum, das meint Boden, Grund, Sohle, Grundlage, Fußboden, Erdboden, dann humus, mit der Bedeutung Erdboden, Erdreich, Erde, Ackerboden, das Niedrige, Gemeine, und schließlich fundus, das heißt Grund, Boden, Tiefe, Maß, Ziel, Grundstück, Landgut. Mit fundus eng verwandt ist fundamentum: Grund, Grundlage. Und damit sind wir bei dem philosophischen Terminus der Begründung. Philosophie hat es immer mit Begründung zu tun. Letztlich geht es dabei stets um die von Kant formulierten vier Grundfragen: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich glauben, wer oder was ist der Mensch? Die Beantwortung solcher Fragen muß nachvollziehbar begründet sein. Der Philosoph versucht nun, mit unterschiedlichen

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Methoden, die dem Bewußtsein gegebene Vielfalt von Erscheinungen der empirischen Welt in Hinblick auf die Beantwortung der oben genannten Fragen zu begründen. Ob man dabei axiomatisch-deduktiv, induktiv, abduktiv oder dialektisch verfährt, sind zwar wichtige methodische Unterschiede, ihnen gemein ist aber der Versuch einer Begründung, zum Zwecke der Klärung obiger Fragen. Der Philosoph ist, etwas salopp formuliert, heute ein Bodenleger. Bis zur Neuzeit mußten die Philosophen übrigens ihren Boden nicht selbst legen. In der Scholastik, der damaligen Schulphilosophie, machte das fundamentum in re, das heißt die sachliche Grundlage für die distinctio rationis, den gedanklichen oder auch logischen Unterschied aus. Die Sachen (res) selbst als Grund anzunehmen, war in dieser Zeit insofern noch unproblematisch, weil der Kosmos ohne jeden Zweifel als Schöpfung Gottes aufgefaßt wurde. Nach dem ›Tod Gottes‹ in der Neuzeit mußten die Philosophen selbst Hand – oder besser gesagt Kopf – anlegen, um ihre Böden zu schaffen. Es reichte nun nicht mehr, auf Gottes Boden der Schöpfung zu verweisen. Auch die Religionen waren und sind nichts anderes als sakrale Versuche der Begründung dessen, was um uns herum passiert. Die Philosophie ist quasi die säkulare Version solcher Begründungen. Doch betrachten wir jetzt einmal den Boden in der Bedeutungskonstellation von humus, Erdboden, Ackerboden. An dieser Stelle drängt sich die Eigentumsfrage auf. Wem gehörte eigentlich ursprünglich der Erdboden und wem gehört er heute? Jean-Jacques Rousseau ging von einem Naturrecht auf Nutzung von Grund und Boden aus, zum Zwecke der individuellen Bedürfnisbefriedigung. Anders formuliert: Im Naturzustand gehören Grund und Boden erst einmal allen. Bei nomadisch lebenden Völkern kann man sich das durchaus vorstellen. Rousseau sah die Probleme beginnen mit der Seßhaftigkeit und der landwirtschaftlichen Nutzung der Böden. Die große zeitliche Spanne zwischen Saat und Ernte erfordert andere Eigentumsverhältnisse. Aus der ursprünglich freien Assoziation der Menschen im Naturzustand und der gemeinsamen Nutzung von Grund und Boden entsteht der durch Gesetze sanktionierte Vetragszustand, in dem sich die neue Form des Privateigentums an Grund und Boden etabliert. Im lateinischen Verb privare (rauben) ist dieser Übergang von einer Eigentumsform in eine andere noch unverblümt benannt. Mit dem nun notwendig ungleich verteilten Privateigentum beginnen für Rousseau alle Übel, Ungerechtigkeiten, Unterdrückungsphänomene, Ressentiments usw.

Illustration: Simone Cihlar

Die problematische Verteilung – nicht nur von Grund und Boden, sondern aller Güter in der Form des Privateigentums – liefert bis heute die Quelle vieler Gerechtigkeitsprobleme. Ob allerdings Zeiten freier Assoziation im Sinne Rousseaus jemals empirisch so existiert haben und ob sie für den Menschen weniger grauselig waren, darüber kann man streiten. Rousseau selbst hat das übrigens nicht vorausgesetzt: Er verstand seine Überlegung nicht als historische Erzählung, sondern als systematische und philosophische Begründung.

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Bei der Gründung der Bundesrepublik nach dem zweiten Weltkrieg jedenfalls sind den Staatsgründern die Probleme eines auf alle gesellschaftlichen Bereiche liberal losgelassenen Privateigentums offensichtlich noch sehr wohl klar, weswegen man eine ausgewogene Mischung von Staatseigentum (zum Beispiel Bahn, Post), Kollektiveigentum (beim Wohnungsbau) und Privateigentum realisierte. Diese Eigentumstrias galt mehr oder weniger stark für alle modernen Industriestaaten der westlichen Welt nach dem zweiten Weltkrieg. Ronald Reagan in den USA und Margaret Thatcher in Großbritannien beendeten dann diesen lange Zeit gesellschaftsstabilisierend wirkenden Pluralismus von Eigentumsformen zugunsten einer Heroisierung des Privateigentums. In Deutschland schloß Helmut Kohl sich dieser Tendenz an. Und nach dem Ende der Systemkonkurrenz und des kalten Krieges zogen die anderen Länder in dieser Tendenz unter dem Schlagwort Standortsicherung nach. Prompt stellten sich die von Rousseau längst beschriebenen negativen Folgen ein. Auch Friedrich Nietzsche hat übrigens menschliches Elend mit dem Fehlen von Grund und Boden in Verbindung gebracht. Er wies darauf hin, daß sich ›Elend‹ etymologisch von ›ohne Land‹ oder ›außer Landes‹ ableiten läßt. Die Elenden – das sind Menschen, die nicht nur momentan keinen Boden unter den Füßen haben, die ständig vertrieben werden und herumirren müssen. Die moralische Vorstellung vom Elend wurde von Nietzsche so auf ihren sozialen Gehalt hin transparent gemacht. Eine gesellschaftliche Neudiskussion über die Verteilung von Gütern im Sinne des oben angesprochenen Eigentumspluralismus ist heute unbedingt notwendig, denn eine weitere Verschärfung der sozialen Gegensätze durch die Akzentuierung des Privateigentums könnte zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führen, auch in den heute noch friedlichen Demokratien. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an die Bodenreformen der Länder der Bundesrepublik Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. Wer als Privateigentümer mehr als 100 bzw. 150 ha Land besaß, mußte damals diesen Teil abgeben, wobei eine Entschädigung gezahlt wurde. So konnte eine Monopolstellung der Großgrundbesitzer verhindert werden. An dieser Stelle muß noch kurz auf die Physiokraten des 18. Jahrhunderts verwiesen werden, die bekanntlich im Boden und seiner wirtschaftlichen Nutzung die Quelle allen Reichtums sahen und daraus eine sogenannte natürliche Ordnung ableiteten. Nach kurzer Blüte wurde die Lehre aufgehoben in den ökonomischen Theorien von Adam Smith, David Ricardo und Karl Marx. Nach Marx war es die große wissenschaftliche Errungenschaft der Physiokraten, die Produktionsformen der Moderne als Formen zu begreifen, die aus ›der Naturnotwendigkeit der Produktion selbst‹ hervorgehen und ›von Willen, Politik usw. unabhängig sind‹. Ihr Fehler war allerdings, Marx zufolge, dass sie das ›Gesetz einer bestimmten historischen Gesellschaftsstufe als abstraktes, alle Gesellschaftsformen gleichmäßig beherrschendes Gesetz aufgefaßt‹ haben. Wir werden uns im folgenden einmal dem Boden ganz konkret nähern und ihn anthropologisch betrachten. Wie riecht den eigentlich der Boden, die Erde, wenn man mit der Nase an ihn herangeht? Kinder sind beim Krabbeln dem Boden am nächsten, ebenso Soldaten im Schützengraben, Gärtner und Höhlenforscher. Der archaische olfaktorische Sinn ist bei vielen Tieren zur Orientierung und Revierkontrolle von zentraler Bedeutung, während der Mensch durch den aufrechten Gang die Nase immer weiter vom Boden entfernte. Trotzdem ist auch beim Menschen der Geruchssinn, weil er so archaisch ist, von großer Bedeutung, da er heftige Emotionen auslösen kann. Staubiger Sommerboden, nasse Erde nach beginnendem Regen, der Geruch von Bohnerwachs in einem alten Amtsgebäude mit Parkettboden – so etwas löst bei vielen Menschen starke Erinnerungen aus. Vom Boden ausgehender Geruch und dadurch bewirkte starke Emotionalität verweisen stets darauf, daß wir Menschen im Kern noch Tiere sind, die Fährten aufnehmen, Feinde riechen und unser Revier markieren. Ob die ausgelösten Erinnerungslawinen allerdings positiv sind oder nicht, hängt beim olfaktorischen Sinn ganz stark von der individuellen Lebenserfahrung ab, mehr als bei den anderen Sinnen. Für die durch Gerüche ausgelöste starke Emotionalität ist eher der Psychoanalytiker zuständig als der Semiotiker. Designer reizt es immer wieder, den Geruchssinn anzuregen, gerade weil er so heftige emotionale Wirkungen auszulösen vermag. Sie sollten allerdings besser die Finger davon lassen, denn kein Sinn ist weniger codiert als dieser, deswegen lassen sich über ihn Emotionen gerade nicht steuern. Auf diesem Gebiet kann man sozusagen leicht ein Faß aufmachen, ohne die möglichen Folgen noch kontrollieren zu können. Die empirische Designwissenschaft hat herausgefunden, daß es letztlich nur eine einzige Duftrichtung gibt, die tendenziell positiv bewertet wird, nämlich die Zitrusdüfte. Anders verhält es sich bei der haptischen, visuellen oder klanglichen Wahrnehmung von Böden. Hier lassen sich semantische Codes feststellen. Für diese Sinnesfelder kann man emprische Untersuchungen anstellen und feststellen, welche Materialien, Farben, Konsistenzen – vom Eichenparkett bis zum flauschigen Teppichboden – wie wirken. Wobei aber auch hier nie vergessen werden sollte, daß

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damit stets nur Tendenzen festgestellt werden können, die nicht verallgemeinerbar sind. Aber das ist immerhin schon mehr, als beim Geruchssinn möglich ist. Gerade bei öffentlich genutzten Gebäuden wie Museen, Rathäusern, Gerichtsgebäuden, Krankenhäusern und Altenheimen sollte die Auswahl der Böden an den jeweiligen Zweck des Gebäudes rückgebunden sein. Mittlerweile sind wir in unseren Betrachtungen bei designtheoretischen Fragen im engeren Sinn angelangt, und in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Technik und Design. Der Fortschrittsbegriff im Design steht und fällt mit technischen Innovationen. Neue Materialien werden entwickelt, die ökonomisch erwünschte Tendenz zu High-Tech-Produktionen läßt auch die Böden nicht unberührt. In den meisten Neubauten sind aus Böden doppelte Böden geworden, die Leitungen, Kabel, Heizanlagen und Trittschalldämmung enthalten. Auch die Böden der Städte sind mittlerweile derart mit Leitungen unterschiedlicher Art gefüllt, daß die klassische KaProf. Dr. Thomas Friedrich nalisation bereits die altmodischste dieser Leitungen ist. In den Bö1959 geboren. Studium Graphik-Design und anschließend den liegen all die Kabel für die Vernetzung unserer aktuellen KomPhilosophie, Politische Wissenschaft und Volkskunde in munikationsmedien. Bei der heutigen Tendenz, die kapitalistische Würzburg. Lehrtätigkeit als Hochschuldozent für Geschichte Ökonomie durch technischen Fortschritt im Sinne der Koppelung von und Theorie der Visuellen Kommunikation an der Fakultät Design und High-Tech am Laufen zu halten, sollte man allerdings für Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar. Seit März nicht vergessen, daß man damit unsere Alltagswelt mehr und mehr 2000 Professor für Designtheorie und Philosophie an der Faverrätselt. Als Laie versteht man immer weniger, was die heutigen kultät Gestaltung der Hochschule Mannheim. Dort leitet er High-Tech-Geräte im Innersten zusammenhält. In früheren Zeiten das Institut für Designwissenschaft. Zusammen mit Gerhard diente Kultur und Religion vor allem dazu, sich verständlich zu maSchweppenhäuser gibt Thomas Friedrich die Buchreihe Äschen, was um einen herum in der Natur passiert. Man suchte rationathetik und Kulturphilosophie im LIT Verlag (Münster, Lonle Begründungen für die irrational erlebte Natur. Heute dient Kultur don) heraus. Seit 2002 ist er Redakteur der Zeitschrift für krioffensichtlich dazu, uns den Alltag unverständlich und abgründig tische Theorie (zu Klampen, Springe). Er ist Gründungszu machen. Früher nannte man solche Zeiten barbarisch. mitglied der Gesellschaft für Designgeschichte, berufenes Mitglied der Freien Akademie d. Künste Rhein-Neckar, des Eng verbunden mit dem Begriff Boden ist der Begriff der Heimat. Zur Deutschen Werkbundes Baden-Württemberg und Leiter der Zeit des Nationalsozialismus wurden beide Begriffe im deutschen Sektion Design der Deutschen Gesellschaft für Semiotik e. V. Sprachraum rassistisch aufgeladen, so daß man sie in meiner Generation nach dem Krieg nicht mehr benutzen wollte. Denn es war bekanntlich nicht bei der symbolischen Aufladung der Begriffe geblieben, sondern alles, was als nichtdeutsch galt, sollte ganz real vernichtetwerden. ›Blut und Boden‹ war das Begriffspaar, mit dem die Nationalsozialisten Schrecken und Vernichtung verbreiteten. Edgar Reitz hat sich in seiner berühmten Filmtrilogie vorsichtig wieder an den Begriff Hei mat herangewagt, um ihn von der rassistischen Instrumentalisierung zu befreien und neu zu codieren. Ähnliches geschieht mit dem Begriff Boden. Seine nationalsozialistische, rassistische Bedeutungsverengung wird zwar nicht vergessen, aber durch eine Neucodierung ist das Wort wieder verwendbar geworden. Heute sehnen sich viele Menschen wieder nach einem festen Boden unter den Füßen. Denn während für Rousseau die Probleme mit der Seßhaftigkeit begannen und er im Nomadenwesen ein Sinnbild des von ihm positiv bewerteten Naturzustands sah, ist es heute gerade das unfreiwillige Nomadenwesen, das bei vielen Menschen den Wunsch nach festem Boden unter den Füßen hervorbringt. Politische und ökonomische Unsicherheit zwingt weltweit immer mehr Menschen zur Auswanderung. Armuts- und Arbeitsmigration oder gar die bloße Rettung der eigenen Haut vor religiöser und politischer Verfolgung sind heutige Erscheinungsweisen des Nomadentums. Dies gilt indessen auch für die sogenannten entwickelten Industrieländer. Das Prekariat, wie heute der verarmte Teil der Bevölkerung heißt, nimmt auch in diesen Ländern stetig zu. Festen Boden unter den Füßen zu haben wird so zum Synonym von Sicherheit. In früheren Zeiten war die Natur synonym mit Gefahr und todbringender Unsicherheit. Sicherheit brachte erst die Kultur durch ihre vielfältigen, symbolischen und realen Begründungen. Heute kommen die meisten Bedrohungen, die auch zu dem neuen Nomadenwesen führen, durch die von Menschen geschaffene zweite Natur. Kultur heute schafft auf diese Weise Unsicherheit und Bodenlosigkeit – sie ist barbarisch. Wieder Boden unter die Füße zu bekommen wäre dann ein Akt hin zu einer Kultur, die nicht mehr Barbarei ist. Publikationen: Thomas Friedrich u. Gerhard Schweppenhäuser, Bildsemiotik. Grundlagen und exemplarische Analysen visueller Kommunikation, Basel 2010 Thomas Friedrich, „Ist Industriekultur Kulturerbe für Europa?“ in: Klaus Kufeld (Hg.), Europa - kreativ, Kulturregion(en) im Aufbruch, Freiburg 2008 Thomas Friedrich u. Klaus Schwarzfischer, Wirklichkeit als Design-Problem. Zum Verhältnis von Ästhetik, Ökonomik und Ethik, Würzburg 2008

Thomas Friedrich u. Jörg H. Gleiter (Hg.), Einfühlung und phänomenologische Reduktion. Grundlagentexte zu Architektur, Design und Kunst, Reihe Ästhetik und Kulturphilosophie, Band V, Münster 2007 Thomas Friedrich u. Ruth Dommaschk, bildklangwort. Grundlagenwissen Gestaltung Band 1, Reihe Ästhetik und Kulturphilosophie, Band IV, Münster 2005 —  u.v.m.

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Es ist nicht schwer, so in der Welt zu stehen, wie es andere für ricHtig halten. Es ist leicht, in der eigenen Welt zu leben, in der Einsamkeit. Doch Menschen fürchten sich davor, der Einsamkeit zu frönen.


Allein. Dieses Wort macht den meisten Menschen Angst. Es impliziert Isolation, Schmerz, Schweigen, Stille. In unserer Gesellschaft ist der Wunsch nach Selbsterfüllung oft eine Flucht vor dem, was wir Einsamkeit nennen. Die Bachelorarbeit ›Über die Einsamkeit des Einzelnen‹ von Vera Pardall nimmt sich dem Phänomen der bewusst erlebten Einsamkeit an. Die Isolation des Einzelnen, der Seinszustand als Erfahrung – umfassend dokumentiert in einem Buch, das die Einsamkeit als Krankheit, Ideal und Mode beleuchtet. Die einzelnen Kapitel lassen den Leser verstehen, welche Gründe die freiwillige oder unfreiwillige Flucht in die Wüste des Lebens haben kann. Krankheit ist wohl die uns bekannteste Form der Einsamkeit, ihre Schattenseite. Medizinisch betrachtet stellt sie eine ernst zu nehmende Gefahr für unseren Körper dar. Menschen, die sich widerwillig in die Einsamkeit begeben, setzen sich beispielsweise einer Gefahr aus, die den medizinischen Folgen des Rauchens ähnlich ist. Gegliedert in medizinische, psychologische, soziale und emotionale Aspekte ist das erste Kapitel eine Sammlung von Artikeln, die die Bedrohung der Vereinzelung verdeutlichen. Gerade diese ›kranke‹ Konnotation der Einsamkeit hat sich heute so stark in unser Bewusstsein gebrannt, dass wir es fürchten, uns auf uns rückzubesinnen.

Die gesellschaftliche Bedeutung des Einsiedlerlebens ist ein junges Phänomen, das Anfang des Zweiten Weltkriegs aufkam. Mit der philosophischen Thematik und der ursprünglichen Auffassung setzt sich das zweite Kapitel von ›Über die Einsamkeit des Einzelnen‹ auseinander. Der Begriff ›einsam‹ kam zum ersten Mal im Mittelalter auf und hatte, im Vergleich zu heute, keineswegs eine negative Bedeutung. Es wurde vielmehr als ein ›Auf-sich-Rückbesinnen‹ verstanden. Dieser Relevanz des Seinszustands nehmen sich heute noch Künstler und Philosophen an. Lyrische Werke von Goethe & Co. gewähren uns einen Einblick von Einsamkeit als Geisteszustand. In der heutigen Kultur kommt dem Alleinsein aber keine geringere Bedeutung zu. Wir verstehen es als Luxusgut. Wellness, Urlaub und Entspannung als Gegenpol zu einem Alltag, der zunehmend Stress verursacht. Das Bedürfnis nach Einsamkeit ist ein Zeichen dafür, dass die Rückbesinnung auf sich selbst für den Menschen essenziell ist.  Wohl aus diesem Grund lag es für Vera Pardall nahe, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Aus ihren Erfahrungen, Gedanken und Erkenntnissen schuf sie eine Komposition aus Textfragmenten und abstrakten Grafiken, vereint in einem Magazin. Ihr Einsamkeitsbild ist geprägt von poetischen sowie philosophischen Ansätzen, unter

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Beachtung soziologischer sowie psychologischer Faktoren. Ist Einsamkeit für viele mit Trauer, Angst und sozialer Isolation verbunden, so bildet diese für Vera den Grundstein, aus der die Persönlichkeit des Individuums erwachsen kann. Die als negativ erachteten Aspekte der Einsamkeit werden akzeptiert und angenommen und als Möglichkeit, sich mit der Welt zu versöhnen, erkannt. Denn erst die Auseinandersetzung damit, sich selbst zu genügen, der Einsamkeit zu frönen und ›einfach zu sein‹, bildet eine stabile, ausgewogene und selbstbewusste Basis, um der Welt gegenüberzutreten. 

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1 Kaleidoskope und Rauten durchziehen das Magazin, eigens entwickelt aus Fotografien 2 Selbstverfasste Texte bilden das Kernstück der Bachelorarbeit 3 Abstrakte Fotografien bilden den roten Faden der Arbeit 4 Die Plakatserie umfasst neun abstrakte Motive 5 Ein Textauszug aus dem Magazin

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Der Gedanke, sich bewusst dem alltäglichen Treiben zu entziehen, spiegelt sich auch in den Fotografien, die sowohl im Magazin als auch auf der begleitenden Plakat- und Kartenserie abgebildet sind, wider. Es geschieht kaum etwas, es ändert sich wenig, nichts erinnert an das hastige Treiben der Menschen. Und so gilt es, das paradoxe System aus gekaufter Einsamkeit und dem alltäglichen Streben im Eigeninteresse zu verstehen. Doch ist es beruhigend zu wissen, dass man mit seinen Gedanken nicht alleine ist.   —  dr

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bachelorarbeit »ÜBER DIE EINSAMKEIT DES EINZELNEN« VERA PARDALL Prof. V. GÖTZ

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sci phi einen unkonventionellen zugang zur philosophie schafft Mario-ignazio cigna足 mit der bachelorarbeit sci-phi. anhand von science fiction filmen handelt er philo足sophische fragestellungen ab


Eine Idee der Zukunft ist immer spekulativ und wird von einer gewissen visionären Kraft angetrieben. Was am Ende jedoch denkbar ist, bestimmen die Möglichkeiten von heu- »Wer hätte damit gerechnet, dass Blockbuster der Populärte. Der Jetztbezug von Science Fiction drängt sich förmlich kultur Grundprobleme der Philosophie aufgreifen?!«, meint auf. Tatsächlich scheint er dem Genre funktional anzuhaf- auch Mario Ignazio Cigna und das Thema einer Bachelorten: Die Projektion der Zukunft dient als kritischer Spiegel arbeit ist geboren. Ein lockerer, freundlicher Typ in schwarder Gegenwart, sei es in soziopolitizem Metalcore-Outfit sitzt mir gescher, wirtschaftlicher oder kulturelgenüber; zwischen uns sein Buch »Es ist offenbar, dass auch ler Hinsicht. Dementsprechend sind Sci-Phi. Das Format ist schön handeine von der wirklichen Science Fiction Filme im Hinblick lich: »Ich wollte nichts zu Aufgeblanoch so verschieden ge- senes«, erklärt er, »das Format ist auf verschiedene zeitgeschichtliche dachte Welt Etwas - eine annähernd quadratisch, aber etwas Fragestellungen sehr aufschlussreich. Form mit der wirklichen höher als breit, um eine gewisse DyUnter anderem sind sie geistesgegemein haben muss.« schichtliche Quellen, die aufzeigen namik zu erhalten.« Mario ist in ers— Ludwig Wittgenstein welche Theorien, Ideologien sowie ter Linie Gestalter. Sein Interesse Lehrmeinungen jüngst besonders poan der Philosophie ist persönlich und pulär waren, darüber hinaus welche Probleme das kollekti- sekundär. Entsprechend verfolgen seine Ausführungen keine strenge Methode, sondern bilden eine ungezwungene Erve Bewusstsein beherrschten. Ob es sich im Einzelnen um örterung in Alltagssprache. »Die Type Flex im Fließtext ist bewusste oder um unbewusste Reflexionen handelt – im zwar nicht zeitlos, wird aber dem Science Fiction Thema Science Fiction Kino erfahren wir eine ganze Menge über zuträglich«, meint Mario. »Der Science Fiction Charakter das Denken und Fragen der jüngsten Vergangenheit und von ist vorhanden, gleichzeitig ist sie aber immer noch gut lesheute – kurz: über uns selbst. bar.« Der Anreiz zur Philosophie kam eigentlich über den Bruder. Science Fiction Fans sind sie beide, aber die Buchempfehlung ›Der Leinwand - Philosoph‹ hatte es Mario angetan. Außerdem entwickelte er zunehmendes Interesse für Prof. Thomas Friedrichs medientheoretische Vorträge. Wenn man Gestaltung und Philosophie mit der angenehmsten Nebensächlichkeit Science Fiction verbinden kann, ergibt sich eigentlich so etwas wie ein idealer Zustand. Sci-Phi wird von drei Säulen getragen: Dem Inhalt, der Fotografie und der Gestaltung. Inhaltlich hat Mario drei Science Fiction Klassiker ausgewählt, anhand derer sich die Arbeit strukturiert: Matrix, Terminator und Alien.

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Blinde Kuh mit Morpheus Im Film Matrix (1999) wird dem Menschen als bioenergetischem Sklaven der Maschinen eine virtuelle Scheinwelt vorgegaukelt (›Brain in a Vat‹ Theorie). Wer sich spontan an Platons Höhlengleichnis erinnert fühlt, liegt richtig, denn im Grunde beruht dieses Gedankenspiel auf einem Problem, das geistesgeschichtlich auf über zweitausend Jahre Diskurs zurückblicken kann. Die Frage ›Was kann ich wissen‹ (oder: ›Kann ich Wissen über die Welt erlangen, und wenn ja, wie?‹) reflektiert Möglichkeiten und Bedingungen menschlicher Erkenntnis. Sie begründet die philosophische Disziplin der Erkenntnistheorie, die wiederum einen besonderen Stellenwert im Rahmen der Wissenschaftstheorie einnimmt. Es gibt verschiedene wissenschaftstheoretische Strömungen, die diese Frage different beantworten würden. Mario tendiert zu den Antworten des Skeptizismus sowie zu einem radikalen Konstruktivismus, die eine prinzipielle Erkennbarkeit der Welt ausschließen. Unerwähnt bleiben Gegenpositionen etwa des Falsifikationismus oder im weiteren Sinne des Kritischen Rationalismus: Dieser vertritt die Auffassung, dass es objektive Wahrheiten gibt, der Mensch sich über diese aber niemals sicher sein kann. Theorien können sich nur bewähren, aber niemals vollständig bewiesen werden. Stattdessen bestehe die bevorzugte Methode der Wissenschaft darin, Theorien zu widerlegen. Theorien, die sich wie die auch ›Brain in a Vat‹ Theorie der

Möglichkeit ihrer empirischen Widerlegung entziehen, sind nach Sir Karl R. Popper pseudowissenschaftlich. »Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können.« (Karl R. Popper, Logik der Forschung). Möglicherweise liegt hier ein Prämissenstreit vor, der zwangsläufig zu divergierenden Auffassungen führen muss − ein chronisches Problem der Philosophie, das die Auseinandersetzungen von Philosophen bisweilen müßig erscheinen lässt. Das erkenntnistheoretische Blinde-Kuh-Spiel jedenfalls ist vor Matrix schon in Total Recall (1990) aufgetaucht, während es schließlich von Cristopher Nolan in Inception (2010) über das Phänomen des Schachteltraums auf mehrere Ebenen ausgedehnt wurde. Bei den Fotos von Gedärmen, die die sog. ›Brain in a Vat‹ Theorie veranschaulichen, handelt es sich übrigens um ein echtes Schweinehirn, sowie um eine Rinder-Lunge und Niere vom ›Fleisch-Versorgungzentrum Mannheim‹. Bereits hier werden Charakteristika von Marios Gestaltung sowie ein persönlicher Stil deutlich. Dieser ist nie eindeutig deskriptiv, sondern meist auf einer zusätzlichen, symbolträchtigen Bedeutungsebene kodiert. Dies betrifft die Grafiken wie auch die Fotografien, die häufig in der Kombination ihre Wirkung entfalten. Die Tendenz zum undefiniert Zeichenhaften legt auch inhaltlich eine Lesart nahe, die als konstruktiver Prozess im Sinne einer Hermeneutik verstanden sein will.

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Maschinen fühlen nicht

Das »Recht« des Stärkeren

Man mag es kaum glauben, aber Terminator kodiert auf einer zusätzlichen Bedeutungsebene das Leib-Seele-Problem: ›Was ist der Geist‹, ›Wie entsteht ein Gedanke?‹ ›Ist es möglich, dass das Denken ein rein neurobiologischer Vorgang ist?‹ »Ja« antwortet der Materialist und ist bereit sich das Szenario der adaptierten Vermenschlichung eines Roboters wie im ›200 Jahre Mann‹ mit Robin Williams vorzustellen. »Nein« sagt der Dualist. Für ihn ist der Geist etwas Nicht-Physisches, alleine dem Menschen Vorbehaltenes – demnach kann es keine lernfähige KI geben. Der unterschwellig anklingende Aufbau einer Vater-Sohn-Beziehung in Terminator 2 zwischen ›der Hochleistungs-Tötungsmaschine, dem Terminator, und dem Kind John Connor‹ wäre somit unmöglich. Eigentlich schade, denn genau das ist der interessantere Fall, gerade was das menschliche Selbstverständnis als privilegiertes Wesen angeht. Noch dazu ein Seitenhieb für jeden Gestalter, denn wie Mario es sagt: »Als visuell anspruchsvoller Mensch möchte man sehen, was man sich sonst nur durch die eigene Phantasie ausmalt.« 

Die Alienreihe thematisiert auf philosophischer Ebene die Begegnung mit dem völlig Anderen. Es geht um Moralphilosophie, also um die Frage: ›Was soll ich tun?‹ Moralität bedeutet in einem pragmatischen Sinn die Fähigkeit eigene Bedürfnisse für die eines anderen oder der Allgemeinheit zurückzustellen. »Kann ich den Aliens wirklich vorwerfen, etwas falsches getan zu haben [...] oder werden sie nur missverstanden?«, fragt Mario. Im Grunde geht es ihm um eine Kritik am Konzept des ›Andersartigen‹. Marios Argumentation läuft auf eine Destigmatisierung der Alienrasse hinaus, indem er das wiederkehrende Motiv des mütterlichen Beschützerinstikts, in welchem er einen gemeinsamen Beweggrund erkennt, betont. Stattdessen wendet er seinen kritischen Blick gegen die Menschheit und greift das Beispiel der Massentierhaltung auf. Hier stellt sich die Frage, warum nicht der Mensch den Tieren gegenüber gerade aufgrund seiner Überlegenheit eine moralische Verantwortung trägt. Mario beschreibt zwei moralphilosophische Ansätze: Kants Kategorischen Imperativ als Beispiel für einen gesinnungsethischen Ansatz, der eine Handlung nach der zugrundeliegenden Absicht bewertet. Demgegenüber stellt er Utilitarismus und Konsequentialismus als verantwortungsethische Ansätze, die Handlungen alleine an ihren Folgen im Sinne eines Nutzens für die Allgemeinheit messen.

bachelorarbeit »SCI-phi« Mario Ignazio Cigna Prof. T. Friedrich

Mario greift den Abstraktionsgrad, der mit der Philosophie einhergeht, in der Gestaltung wieder auf. Die uneindeutig mystifizierende Zeichensprache seiner Grafiken sowie die semiotisch kodifiziert wirkenden Fotos verschachteln das Buch dabei zu einem Gesamteindruck, der viel dem Auge des Betrachters überlässt. Über wirkungsvolle Zitate und Symbole entwickelt Mario bewusst eine Art ›pseudoreligiöse Semantik‹. Allerdings lässt sich aus der teils bedeutungsgeladenen Gestaltung keine eindeutige Systematik entwickeln, was auch nicht das primäre Anliegen des Autors ist. Vielmehr geht es Mario um die Darstellung von Science-Fiction als ›in die moderne übernommenen Mythos‹. Außerdem liebt er Symbole: Sein Logo beispielsweise leitet sich aus dem ›M‹ des protosemitischen Alphabets ab, das mehrfache Konnotationen aufweist – unter anderem steht es für Wasser.  —  pu

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innen und außen »ich wurde in einem land geboren, das es gar nicht mehr gibt.« Schon der erste Satz des filigranen Inhaltsverzeichnisses von Irene Schicks Bachelorarbeit macht neugierig. Irene beschäftigt sich in ihrer Abschlussarbeit mit Geschichte. Ihrer eigenen Geschichte, aber auch der Geschichte vieler anderer. Im ersten Teil thematisiert sie die historische Entwicklung russlanddeutscher Migration, von den Anfängen der Kolonialisierung bis heute. In 44 Kapiteln zeigt Irene eine ›Außenansicht russlanddeutscher Vergangenheit und Gegenwart‹. Charmant unprätentiöse Infografiken lockern das typografielastige, angenehm andere Geschichtsbuch auf.

bachelorarbeit »Heimat« Irene Schick Prof. Götz

»Für den historischen Teil habe ich im Vorfeld intensiv recherchiert, die Texte habe ich verschiedenen Quellen entnommen, umgeschrieben, gekürzt und angepasst. Ich habe vorher viel mit meinen Großeltern und Eltern über das Thema gesprochen, aber nur bruchstückhaft Informationen bekommen. So richtig tief bin ich im Sommer vor dem Beginn meiner Arbeit in die Thematik eingestiegen, als ich mit der Literaturrecherche begann. Erst dann fügten sich die Bruchstücke und Erzählungen zu einem Ganzen zusammen.«

vierundzwanzig


Im zweiten Buch gibt Irene eine Innenansicht russlanddeutscher Vergangenheit und Gegenwart – in sieben Geschichten und Interviews vermittelt sie subjektive Eindrücke des Begriffs ›Heimat‹, der eigenen Vergangenheit und Herkunft. Irene dokumentiert die Interviews nicht nur, sie kommentiert, berichtet über das Zustandekommen der Gespräche und stellt ihre Interviewpartner kurz vor. Sie schafft es, die Geschichten allein mit Worten zu illustrieren. »Für mich war es wichtig, dass die sieben Interviews im Vordergrund stehen und ich nicht mit auffälligen grafischen Elementen ablenke. Ich möchte dem Leser die Möglichkeit geben, eigene Bilder zu erschaffen.«

Die zwei kleinen roten Bücher der Bachelorarbeit werden von einem gebundenen Umschlag gefasst, den ein seidenes rotes Band zusammenhält. Vom bedruckten Umschlag über die nahtgebundenen Inhaltsverzeichnisse bis hin zu der japanischen Bindung – Irenes Bücher wirken sehr sorgfältig und detailverliebt verarbeitet. »Ich bin ein großer Fan der japanischen Bindung, weil ich finde, dass sie sehr edel aussieht. Bei meiner Arbeit gab es aber auch rein praktische Gründe für die Verwendung: Ich habe zuhause gedruckt und mein Drucker kann leider nicht beidseitig drucken.«

f ü nfundzwanzig


Hast du Pläne, das Buch zu publizieren, oder sogar schon Kontakt zu einem Verlag aufgenommen? »Viele haben mir dazu geraten und ich denke, dass ich das auf jeden Fall in Angriff nehmen werde. Jetzt aber noch nicht, dazu ist es noch nicht ›reif‹ genug. Ich habe noch viele andere schöne Geschichten, die leider nicht mehr reingepasst haben.«

sechsundzwanzig


Hast Du das Gefühl, durch die Recherchen und Gespräche deine eigene Vergangenheit klarer vor dir zu haben? » Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich weiß jetzt, dass andere die gleichen Erfahrungen gemacht haben wie ich und ähnliche Gefühle mit mir teilen. Das ist auf jeden Fall sehr wichtig für mich und ich bin froh, dass ich mit allen so offen reden konnte. Meine Vergangenheit und Herkunft bleibt jedoch immer noch etwas nicht Greifbares. Sie existiert nur in Erzählungen und auf alten Fotografien, wie eine Geschichte, die mir jemand erzählt hat.«  —  sb Mehr über Irene und ihre Arbeit gibt es unter www.irene-schick.de

bachelorarbeit »Heimat« Irene Schick Prof. V. Götz

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Island, eine insel zwischen feuer und eis

Menschen lieben es, sich an den Kräften der Natur zu messen, nur um am Ende zu merken, dass man sich ihr unterwerfen, ihr anpassen muss, um mit ihr zu leben. Diese Tatsache haben einige wenige Bewohner Europas schon lange begriffen. Die Isländer, ein kleines Völkchen von gut 300.000 Einsiedlern, sind zwischen Feuer und Eis, zwischen Vulkanen und Gletschern gezwungen, ihr Leben in die Obhut der Natur zu geben. Elisabeth von Mosch war schon lange verzaubert von dem Charme dieser einsamen Gegend und begab sich für ihre Bachelorarbeit auf eine Rundreise über die Insel.

achtundzwanzig

»Um Punkt zwölf geht es dann hinaus ans Lagerfeuer. Dort, am Meer, wird weiter gesungen, getrunken und getanzt. Spätestens jetzt fühlt man sich so zu Hause wie sonst nirgendwo auf der Welt.«

Für die erste Ausgabe des Magazins ›Nord‹, ein Reisemagazin für die nördlichen Breitengrade, eignet sich Island perfekt, da es alle Eigenschaften, die ein Reiseziel des Nordens haben muss, in sich vereint. Wasserspeiende Geysire, brodelnde Vulkane, einsame Fischerdörfer, reißende Wasserfälle, endlose Gesteinswüsten und die nördlichste Hauptstadt der Welt sind nur ein paar der Attraktionen, die Island zu bieten hat und die im Magazin ›Nord‹ durch Reiseberichte und Sachtexte beschrieben werden.


In Reykjavik kam Elisabeth nach ihrer Ankunft zunächst im ›Ourhouse‹ unter, einem ehemaligen Einfamilienhaus, das – in Zeiten der Wirtschaftskrise – kurzum zum Gästehaus umfunktioniert worden war. Hier war der Name Programm, Bedda, die Gastmutter, kümmert sich um jeden Bewohner nach isländischer Art mit viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Von der Hauptstadt aus ging es gegen den Uhrzeigersinn einmal um die Insel über die Ringstraße, eine der wenigen gut ausgebauten Straßen des Inselstaats. Eine Station auf ihrer Reise durch Island ist Elisabeth besonders in Erinnerung geblieben. Nach einer quälenden Fahrt über eine 60 km lange Schotterpiste fuhr sie nach Djúpavík, ein Fischerdorf, versteckt im Nordwesten Islands. Dort wollte in den 1980ern ein Mann namens Thorgilson herausfinden, woher sein Großvater stammte, und beschloss, sich gemeinsam mit seiner Frau dort niederzulassen

und dem verlassenen Ort neues Leben einzuhauchen. Seitdem kommen jeden Sommer immer mehr Besucher zu den ›Djúpavík-Tagen‹, einem Wochenende mit Ausstellungen, Essen, Musik und Tanz. Am Lagerfeuer mit Gitarre und ausgelassener Stimmung blickte Elisabeth zum Himmel. Es zeigten sich Schwaden von grünem Licht und »für einen Moment konnte es nicht perfekter sein«. ›Nord‹ ist ein gelungenes Reisemagazin, das die überlaufenen Routen Islands verlässt und dem Leser einen ganz persönlichen Blick auf die Insel erlaubt. Elisabeth vermittelt durch Landschaftsaufnahmen und spannende Texte die Ursprünglichkeit der einzigartigen Insel Island, die durch ihre Naturschauspiele beeindruckt und nicht zuletzt von der Eigenart ihrer Bewohner lebt.  —  pb

neunundzwanzig


bachelorarbeit »Nord« Elisabeth von Mosch Prof. F. Göldner

drei S S ig


doomed anaglyph »Dem Schicksal verfallen« – wenn es soweit kommt, ist man dann noch fähig, das eigene Leben selbst zu steuern oder wird man gesteuert?

dreiunddreiSSig


Gibt man sich selbst auf und übergibt sich diesem mysteriösen »Ihm«, dieser undefinierbaren Macht? Wie viel kann man das eigene Schicksal mitbestimmen, was ist vorbestimmt? Yasemin Cenberoglu versteht das Schicksal als etwas Abstraktes, dem einerseits jeder ausgeliefert ist, das andererseits aber sowohl passiv als auch aktiv beeinflusst werden kann. In ihrer Fotoreihe »doomed anaglyph« widmet sie sich den unvorhersehbaren Kuriositäten, die im eigenen Leben immer wieder Geplantes verändern und dadurch Undenkbares möglich machen. Wann sind diese Ereignisse noch als Zufall zu bezeichnen, wann kann wirklich von »Schicksal« die Rede sein? Yasemin will in ihren Bildern bizarre Situationen erzeugen. Die skurrilen Momentaufnahmen führen dazu, dass sich der Betrachter mehr Fragen stellt, als ihm Antworten geliefert werden können. Ihre Protagonisten werden in die unmöglichsten Umstände gezwungen. Der Betrachter darf sich selbst vorstellen, was passiert ist und was noch geschehen wird, ohne dass ihn Hinweise in eine Richtung lotsen. Der Betrachter wird aber nicht nur durch das »Sich-Fragen-stellen« von den Bildern gefesselt, sondern über die 3-D-Technik geradewegs in das Foto hineingesogen. Die Möglichkeit, die Bilder dreidimensional zu sehen, ist jedem Betrachter mit einer 3-D-Brille gegeben, allerdings auch nur dann, wenn das Foto dementsprechend als stereoskopisches Bild erstellt wurde. Stereoskopische Bilder sind auch unter dem Namen Anaglyphen bekannt. Dafür werden zunächst zwei leicht zueinander verschobene, komplementär eingefärbte Bilder übereinandergelagert. Diese Verschiebung wird normalerweise durch das gleichzeitige Fotografieren mit zwei identischen Kameras auf exakt gleicher Höhe mit einem Abstand von ungefähr 7 Zentimetern, dem durchschnittlichen Augenabstand des Menschen, hergestellt. Ohne diese teure Technik können keine dreidimensionalen Bilder entstehen – Yasemin jedoch war einfallsreich. Sie begann zu basteln und baute sich aus Teilen eines 360°-Panoramaaufsatzes und einem Stativschlitten eine Vorrichtung, auf der sie ihre Kamera innerhalb von Sekundenbruchteilen auf der Horizontalen verschieben konnte. Die fast identischen Bilder unterscheiden sich nur unwesentlich in ihrem Blickwinkel, werden in der Postproduktion in ihren Farbkanälen bearbeitet und danach übereinandergelagert. Mit einem Blick durch die 3-D-Brille fügt sich das Bild nun zu einem dreidimensionalen Raum zusammen. Insgesamt hat Yasemin Cenberoglu mithilfe dieser Technik acht eigenständige Fotos hergestellt, die ihre eigene Geschichte erzählen und an Filmstills erinnern. Dabei jagt ein skurriles Bild das nächste: eine kurze Pause im Futterstand des Tierparks, ein Stop im Weinladen, ein Schluck aus dem städtischen Brunnen oder doch gefesselt auf Bahnschienen auf den kommenden Zug warten. In »doomed anaglyph« ist alles möglich.  —  mf semesterarbeit »doomed ANAglyph« Yasemin cenberoglu Prof. f. GÖLDNER

vierunddreiSSig


schicksaal Räume bieten Schutz, können Heimat bedeuten, Ausdrucksmittel sein und Anlass für Geschichten geben. Räume sind überall, immer verborgen hinter Hausmauern, Fenstern oder ähnlichen Abgrenzungen zur AuSSenwelt

acht u n d d r e i S S i g


Der eigene Raum bietet die Möglichkeit, sich in die eigene Welt, die eigenen vier Wände zurückzuziehen, die Tür vor allen anderen hinter sich zu schließen. Simone Cihlar bietet uns mit ihrer Fotoserie »Schicksaal« die Gelegenheit, in genau diese privaten Räume einzudringen. In ihrem raffinierten Wortspiel »Schicksaal« wird das Zusammenspiel von Raum und Person deutlich. Denn jeder Raum erzählt vom Schicksal, dem Wesen oder dem Gemütszustand der dazugehörigen Person. Jedes Zimmer ist, wie die Mutter von Simone es so treffend beschreibt, ein »Spiegel der Seele«, denn die Einrichtung eines Zimmers zeigt dem Betrachter nicht nur, welchen Geschmack der jeweilige Bewohner hat, sondern auch, in welcher Lebensphase er sich befindet, ob er ein Ordnungsfanatiker ist oder eher der »das-räum-ich-später-weg-Strategie« folgt. Jeder Raum ist mit all seinem Interieur genauso individuell, wie die dazugehörige Person. Diese spannende Verbindung hat Simone mithilfe von zehn persönlichen Zimmern und ihren Bewohnern ausgearbeitet. Dabei setzt sie das fotografierte Zimmer direkt neben das Porträt und stellt dadurch den Informationsgehalt beider Bilder auf ein und dieselbe Ebene. Zunächst wollte Simone das Prinzip des Gegenüberstellens der Räume und der dazugehörenden Person mithilfe einer Halbformatkamera lösen. Tatsächlich hat sie es aber geschafft, an vielen Abenden im

Schwarz-Weiß-Labor die Bilder auf einem Fotopapier nebeneinander zu vergrößern. Wer schon einmal selbst in einem nahezu komplett dunklen Laborraum gestanden hat, weiß, welchen Aufwand das bedeutet. Doch Simone hat es geschafft, alle zehn Bildpaare mit exaktem Abstand auf gleicher Höhe zu belichten. Die Bilder unterscheiden sich stark. Kein Wunder, denn in dem eigenen Raum möchte man sich wohlfühlen. Damit das möglich ist, kann ihn jeder so gestalten, wie nur er selbst es möchte. Genau an dieser Stelle wird klar, dass bei der Unterschiedlichkeit der Menschen unendlich viele verschiedene Räume existieren können. Die Frage, ob das Individuum dem eigenen Raum gleicht und ob der Betrachter an einem Zimmer vielleicht sogar eine Person wiedererkennt, kann in Simones Fotoserie »Schicksaal« bestens untersucht werden.  —  mf

SEMESTERARBEIT »SCHICKSAAL« Simone CIHLAR Prof. F. GÖLDNER

neununddreiSSig


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matrรถschka Auf der SuchE nach den WURZELN


Erika Boldt begab sich auf die Suche nach ihren Wurzeln und reiste dafür bis nach Sibirien, ihrem Geburtsland. Ihre Großeltern waren im Sommer 1941 aufgrund ihrer deutschen Abstammung in ein sibirisches Dorf deportiert worden. Ihren Besitz mussten sie zurücklassen. Erikas Großmutter erinnert sich bis heute an das Gebrüll des Viehs. Obwohl Erika mit ihren Eltern Sibirien schon früh wieder verlassen hatte, besuchte sie jeden Sommer ihre Großeltern. Während ihrer Aufenthalte lernte sie den Tagesablauf des sibirischen Landlebens, besonders den der Frauen kennen. Durch den engen Kontakt zu den weiblichen Bewohnern stellte Erika bald fest, dass sich die sibirischen Lebensumstände sehr von dem Alltag unterschieden, den sie aus Deutschland kannte. Die Frauen verbrachten die meiste Zeit mit Arbeit und gingen früh ins Bett, um sich von den Strapazen zu erholen. Für ihre Bachelorarbeit hat Erika die Frauen ihrer Heimat mit der Mamiya RB 67 im Mittelformat fotografiert und präsentiert sie im chronologischen Verlauf der sibirischen Geschichte. So kam sie auch auf den Titel ihrer Arbeit, »Matröschka«: sibirische Frauen von groß bis klein, von alt bis jung. Die älteren Frauen sind von der Sowjetära geprägt und kennen das moderne westliche Leben kaum. Die Frauen mittleren Alters haben das Leben vor dem Zerfall der UdSSR noch kennengelernt, sind aber mit dem okzidentalischen Lebenswandel vertraut. Und schließlich gibt es die Kinder, die nur das fortschrittliche, unkonventionelle Russland kennen und gespannt in ihre Zukunft blicken. Von jeder Person hat Erika zwei Bilder geschossen. Bei dem ersten Foto handelt es sich um ein Porträt, das der abgebildeten Person die Möglichkeit gibt, als Persönlichkeit in eine Beziehung mit dem Betrachter zu treten. Der direkt in die Kamera gerichtete Blick erweckt den Eindruck, die Abgebildete sähe den Betrachter unverwandt an. Auf dem zweiten Foto sieht man die Porträtierte einer alltäglichen Tätigkeit nachgehen, wie z. B. dem Melken. Erika war es ein besonderes Anliegen, viel von der Umgebung aufzunehmen, um dem Betrachter einen Einblick in ein typisch sibirisches Dorfleben zu gewähren. Auffällig bei den Fotografien ist die blaue Farbe, die sich wie ein roter Faden durch ihre gesamte Bilderserie zieht. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: In der Sowjetunion gab es nur zwei deckende Holzfarben in Braun oder Blau zu kaufen. So hat sich der Großteil der Bevölkerung beim Anstrich ihrer Häuserfassade für die freundlichere Farbe Blau entschieden. Für „Matröschka“ hat Erika zwei Monate lang jeden Tag von morgens bis abends im Farblabor ihre Bilder vergrößert. Wie die Frauen auf ihren Bildern ist sie nachts müde ins Bett gefallen, um am nächsten Morgen mit der gleichen Leidenschaft wieder aufzustehen und Abzüge zu machen. Eine Arbeit, die sich gelohnt hat.  —  sc Bachelorarbeit MATRÖschka Erika Boldt Prof. F. Göldner


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pizza,döner,pierogi Ein Film, der trefflicher ein groSSes Problem der heutigen Gesellschaft nicht veranschaulichen könnte: Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit unter Jugendlichen

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Adrian ist Kosovo-Albaner. Er ist zwölf Jahre alt und besucht die Jungbuschschule in Mannheim. Mit seiner Mutter lebt er in ärmlichen Verhältnissen. Er bedauert seine Situation, erst recht, als er das gut situierte Leben seiner Schulfreunde Olli und Matze sieht. Seine beiden Freunde tolerieren keine Ausländer, was dazu führt, dass Adrian seine Nationalität verheimlicht. Obwohl auch Ollis Vorfahren aus einem anderen Land stammen, sie kamen einst aus Polen nach Deutschland, betrachten sich Olli und Matze als ›vollwertige‹ Deutsche, denen es vorbehalten ist, über Mitschüler anderer Herkunft zu urteilen. Sie erteilen Verbote, fordern Gefälligkeiten und verüben Gewalttaten. In einem Notizheft, genannt ›Kanakenbuch‹, halten sie die Namen ihrer Opfer und die An-

zahl derer Vergehen gegen das eigens geschaffene Rechtssystem fest. Der Gruppe gehört auch Adrian an, denn die Freundschaft ist ihm sehr wichtig. Doch zunehmend kommt es zu inneren und äußeren Konflikten, welche es Adrian erschweren, sein gut gehütetes Geheimnis zu verbergen. Durch Zufall wird er entlarvt. Zunächst wenden sich die Freunde von ihm ab, worunter er sehr leidet. Doch letzten Endes ist die Freundschaft stärker. Die Jungen verbrennen gemeinsam das ›Kanakenbuch‹, das für den Kurzfilm titelgebend ist. Julita Alter war es von Beginn an ein Anliegen, ausländische Mitbürger in Deutschland in ihrer Bachelorarbeit zu thematisieren. Viele von ihnen leben unter menschenunwürdigen Bedingungen, während sie um Asyl bitten. Ungefähr drei Monate wohnen sie in Siedlungen

speziell für Ausländer und warten umzäunt und abgeschirmt auf eine staatliche Entscheidung. Es folgt entweder die Abschiebung oder der Zugang in ein neues Leben. Ehrenamtlich arbeitete Julita für die Diakonie in einem Mehrgenerationenhaus in Ludwigshafen und kam so in Kontakt mit Menschen aus verschiedenen Ländern. Das inspirierte sie zu ihrem Werk. Sie führte Gespräche mit den oft mitteilungsbedürftigen Menschen und erfuhr mehr über deren Kultur und Sitten. Eines Tages machte sie einen Ausflug mit ein paar ausländischen Frauen in einem Bus. Viele Sprachen füllten den Fahrgastraum. Plötzlich hörte sie zwei Jungen, die ihrem Unmut kundtaten: »Dieser Bus stinkt nach Kanaken!« Der Grundgedanke für Julitas Film war gebo-

Einundfünfzig


ren. Sofort wusste sie, er müsse über Kinder mit Toleranzproblemen handeln. Zu Recherchezwecken ging sie zu Familien und wollte mehr über das Leben der Kinder, deren Zukunft und Wünsche sowie das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Schule erfahren. Julita arbeitete ein Drehbuch aus und begann zu planen. Da ihr groß angelegtes Projekt nicht allein zu stemmen war, bildete sie ein Team aus zwanzig Personen, die die verschiedenen Bereiche abdeckten (Musik, Maske, Kostüm, Schnitt, Licht und Ausstattung). Um passende Kinderdarsteller zu finden, veranstaltete sie ein Casting, in welchem sie eine Szene vorsprechen ließ. Danach begannen die Proben, die für zwei Monate angelegt wurden, denn sie wollte den Kindern genügend Zeit geben, um sich untereinander kennenzulernen und mit der jeweiligen Rolle auseinanderzusetzen. Die erwachsenen Darsteller fand sie im Nationaltheater oder im Mehrgenerationenhaus. Für die Rolle der Mutter Adrians gewann sie Florije, eine Kosovo-

zweiundfünfzig

Albanerin, die schon in Fernsehproduktionen und Theatervorstellungen in ihrer Heimat erfolgreich mitgewirkt hat. Nachdem eine Drehgenehmigung für die Stadt Mannheim und das Hafengelände erteilt und Haftpflichtversicherungen abgeschlossen wurden, konnte der Dreh vonstattengehen. Julita ließ die Darsteller ihre eigenen Ideen in das Konzept einbringen und erzielte damit ein hohes Maß an Authentizität. Sie wählte bedacht und mit umfassender Konzeption ihr Setting aus und schuf durch Requisite, Farbgebung und Licht eine eindringliche Atmosphäre. Beispielsweise wurde das Zuhause von Adrian, eine Wohnung im Jungbusch, blau gestrichen, mit alten zusammengewürfelten Möbeln und einer Vielzahl von Abnutzungsspuren ausgestattet, um den Eindruck eines ärmlichen Zusammenlebens zu erzielen. Schließlich entstand ein fast zwanzigminütiger Jugend- oder ›Coming-of-Age‹-Film, der sich durch professionelle Machart und cineastische

Wirkung auszeichnet. Ein Film für Jung und Alt, der sich spielend leicht mit anderen Kurzfilmen dieses Genres messen kann. Er übt Gesellschaftskritik, indem er die Probleme vor Augen führt, ohne dabei plump oder billig zu wirken. Das Motiv des ›Kanakenbuchs‹ ist ein passendes Bild für die fehlende Toleranz ausländischer Mitbürger und die damit verbundene Brutalität und Gewaltbereitschaft in Deutschland. Es gilt als Auslöser der Handlung, in der sich der jugendliche Held befindet. Er setzt sich mit grundlegenden menschlichen und sozialen Fragen auseinander, die seine Sicht auf Familie und Freundschaft erweitern. So ist der Film besonders geeignet für Schulen und soziale oder religiöse Einrichtungen, die mit der Problematik zu kämpfen haben. Ein Film, den es unbedingt zu fördern gilt!  —  jh


Wie sehen deine Pläne aus – Master, arbeiten oder Weltreise? »Die Weltreise steht leider noch nicht auf dem Plan, aber Master auf jeden Fall!«   Was denkst du: Wo wirst du in ein paar Jahren arbeiten? »Ich arbeite momentan im Printmedienbereich. Meine große Leidenschaft ist jedoch der Film, aber Filme zu machen kostet enorm viel Geld. Das neue Treatment für den nächsten  Kurzfilm liegt in der Schublade, und die Hoffnung, dass ich in Zukunft einen Produzenten dafür finden würde, ist nach wie vor da.«

Was macht einen guten Kurzfilm aus? » Ich bin überzeugt, dass vor allem eine solide Handlung einen guten Film ausmacht, egal ob der Film lang oder kurz ist. In einem szenischen Film sind interessante Charaktere wie auch passende Dialoge enorm wichtig, aber auch die Schauspieler sollen überzeugend und authentisch wirken.«   Wie haben Familie, Freunde, Bekannte oder auch Unbekannte auf deinen Film reagiert?  » Sie waren begeistert, überrascht, teilweise auch traurig. Meine Eltern, die in Polen leben, waren geschockt,  als sie ihr eigenes Hochzeitsfoto in Großformat im Film entdeckt haben.«   Wie war für dich die Zeit nach der Bachelorarbeit?  »Nach der Bachelorarbeit, einer sehr intensiven Zeit, bekam ich endlich die Möglichkeit, bestimmte Details nachzuarbeiten, auch Verbesserungsmöglichkeiten parallel zu durchdenken, um bei den nächsten Projekten diese Erkenntnisse einfließen zu lassen. Das Bachelorstudium war für mich eine wunderbare Zeit, die ich nicht missen möchte, nicht nur wegen der Erlangung weitreichender fachlicher Kenntnisse, ich musste auch lernen, mich besser zu  organisieren, zu strukturieren. Außerdem lernte ich in dieser Zeit sehr viele Leute kennen.«

bachelorarbeit »KANAKENBUCH« Julita Alter Prof. T. Friedrich Dr e i u n d f ü n f z i g


es werde licht was machen eigentlich immer diese typen neben dem dj?

SEMEsterarbeit »lichtgestalten« kolja v. boekel & philip brückner Prof. H. wyrwich

vierundfünfzig


Man kommt in den Club und der ganze Raum blitzt und blinkt. Dass hinter diesen projizierten Silhouetten und Formen an der Wand ein kreativer Kopf steckt, scheint nur wenigen Menschen klar zu sein. Benjamin Jantzen, einer der Protagonisten in dem Film ›Lichtgestalten‹ steht neben dem DJ und hinterlegt die massive Soundkulisse mit schnell wechselnden Bildern. Die Projektionsfläche, zwei weiße Tücher auf einem Holzrahmen, hat er noch vor wenigen Stunden selbst zusammengezimmert, um später eine ›fette durchgehende Projektion‹ zu haben. Frank Amann und Sandro Knopp vom VJ-Duo ›Formelektronisch‹ setzen in ihren Lichtkompositionen vor allem auf abstrakte Formen. Die Quadrate und Kreise in verschiedenen Farben lassen die Grenzen zwischen Wand, Boden und Publikum verschwimmen und setzen den engen Club erfolgreich in Szene. Spätestens jetzt ist klar, dass es der DJ ohne seine beiden Begleiter schwerer gehabt hätte, das Publikum in Wallung zu bringen. Fritz Stier, ein Künstler der sich seit Jahren mit dem Medium Licht auseinander setzt, liebt es Kunst an ungewöhnliche Orte zu bringen

und dadurch in einen neuen Kontext zu setzen. Deshalb freut ihn die wachsende Anzahl sogenannter ›Visual Jockeys‹ in deutschen Diskotheken. Kolja van Boekel und Philip Brückner halten diese Entwicklung auch für bemerkenswert. Deshalb machten sie sich für ihre Semesterarbeit auf die Suche nach Menschen, die sich kreativ mit dem Medium Licht auseinander setzen. Heraus kam ein dokumentarischer Film, der einen Einblick in die Arbeit Mannheimer Lichtgestalten gewährt.  —  pb


farmville und nussallergie Hilfe! meine Cola weiSS wer ich bin. Über QR-Codes, Augmented Reality und Die Alltagstauglichkeit moderner Technologien Die Xbox 360 thront neben einem 40-Zoll-Flatscreen. Um die Apps des iPhone 4 zieht Pacman  seine Bahnen. Aus Tontöpfen grüßen mich freundliche Pappblumen im 8-BitStil. Ich schlage mein Notizbuch auf und streiche den Satz ›Bist du selbst besonders spieleaffin?‹ aus meinem Fragenkatalog. Ich soll ein Interview führen. Mein Interviewpartner ist Christian Schäfer. Das Thema: seine Bachelorarbeit ›Digital Blur – The Future Of Packaging‹.  Mein Notizbuch ist gut gefüllt, denn die Arbeit, bestehend aus einem Film, einem Kartenspiel und dazugehöriger iPhone-App tut genau das, was sie soll: Sie regt zum Nachdenken an. Der Film, ein visionärer Ansatz darüber, welche Vorteile Konsumenten und Verkäufer aus dem Einsatz diverser Technologien auf Verpackungen ziehen können, pflanzt Ideen. Ideen, die im Kopf des Zuschauers heranwachsen – zu Gedankenkonstrukten, die schwer in Zaum zu halten sind. Die Stimme eines professionellen englischen Sprechers erzählt von QR-Codes, Digital Ink, Punktesystemen und personalisierten Informationen. Wie ausführlich und tief gehend hierbei recherchiert wurde, stellt sich in meinem Gespräch mit Christian bald heraus. Der Themenbereich ›Verpackungsdesign‹, in dem sich heute vor allem zwei Trends, nämlich Technologie und

Nachhaltigkeit, gegenüberstehen, ist sehr groß. Während der Bereich der Nachhaltigkeit schon weitgehend erforscht ist, steckt der technologische Teil der Forschung noch in den Kinderschuhen. Der wichtigste und interessanteste Punkt hierbei ist die Wandlung der Verpackung vom bloßen Container zum Medium und Informationsträger. Die Verpackung hebt das Produkt von anderen Produkten ab und ist eines der wichtigsten Verkaufsinstrumente am Point of Sale. Dabei hat die Verpackung einen entscheidenden Vorteil gegenüber Werbespots oder Plakatwerbung, da der Kunde ihr wesentlich mehr Vertrauen entgegenbringt. Nun ist der hohe Stellenwert eines guten Verpackungsdesigns nichts Neues. Innovativ ist hingegen die Tatsache, dass der auf der Verpackung befindliche Content dank neuer Technologien nicht mehr statisch sein muss, sondern dynamisch und personalisierbar gemacht werden kann. Wie dies im Detail aussehen kann, konkretisiert der Masterstudent Christian Schäfer bewusst nicht. Die benötigten Technologien sind vorhanden, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie bezahlbar werden. Die daraus resultierenden Möglichkeiten erörtert er dafür umso präziser. So müsste bei einer innovativen Verpackung der Preis einer Ware, wenn das Verfallsdatum naht, nicht ma-


nuell herabgesetzt werden, sondern könnte sich automatisch anpassen. Die Transparenz der Ware würde zu einem objektiveren Kaufverhalten und direkten Verhältnis von Preis und Qualität führen, wohingegen die derzeitige Preisdifferenzierung eher durch Marke und Verpackung gesteuert wird. Durch Belohnungssysteme könnten Markenhersteller eine bessere Bindung zu ihren Produkten schaffen, durch das neu geschaffene Einkaufserlebnis hätte der Einzelhandel die Chance, sich klarer von der ›Online-Experience‹ abzugrenzen und wäre dadurch wieder im Rennen. Während des Interviews fühle ich mich wie ein geladener Gast des Kardinal Mendoza, dem Kolumbus in der Sage seinen Trick mit dem Ei vollführte. Ich kenne QR-Codes, Digital Ink

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und das Internet. Smartphones sind nichts Neues für mich, und dennoch erfahre ich von einem Berg von Möglichkeiten, die ich selbst noch nie in Betracht gezogen habe. Ich habe jedoch Bedenken. Will ich das alles wirklich? Und vor allem, wollen die Hersteller das wirklich? Will ich tatsächlich, dass ein Getränkehersteller weiß, wie viele Flaschen von welchem Getränk ich zu welcher Zeit an welchem Ort getrunken habe, nur um Bonuspunkte zu sammeln? Und will der Getränkehersteller im Gegenzug wirklich, dass ich genau ablesen, kann wie ›light‹ seine Getränke tatsächlich sind? Christian beantwortet meine Bedenken mit gesundem Optimismus. Unterm Strich bezeichnet er die Möglichkeiten als eine Win-Win-Situation. So haben die Hersteller zum Beispiel


wenig Interesse an tatsächlichen Daten Einzelner. Und die Transparenz der Produkte ist ein Schritt, bei dem die Hersteller mitziehen müssen, da diejenigen, die gute Qualität produzieren, dies auch zeigen wollen und werden. Dass der 27-jährige der momentanen Medienentwicklung positiv gegenüber steht, zeigt sich auch in seinem Kartenspiel. Hier gibt er Designern und Herstellern nützliche Tools der Gamification zur Hand, mit denen sie die Bindung zu ihren Produkten steigern können. Auf meine Frage warum er sein gesammeltes Wissen als Kartenspiel und seine gesamte Arbeit unter einer Creative-Commons Lizenz zur Verfügung stellt, anstatt sich selbst als Gamification-Guru an Unternehmen zu verkaufen antwortet Christian damit, dass sich dies keinesfalls gegenseitig ausschließe. Er sieht das Kartenspiel eher als Werbung und nicht als Substitut für sich selbst. Vieles von dem Wissen, das er sich angeeignet hat, hat er aus dem Netz und will es nun gebündelt und aufbereitet der Allgemeinheit zurückgeben. Frei zugängliches Wissen bedeutet für ihn Chancengleichheit. Über die Macht dieses Wissens ist er sich durchaus bewusst. Ich frage nach Farmville-Süchtigen Trophäenjägern, World of Warcraft Goldfarmern und Vielfliegern die Extrastops einlegen um zusätzliche Meilen zu kassieren. Christian kontert mit der Frage, ob denn nicht Werbung generell

böse wäre? Ich komme ins Grübeln und muss mich fragen, wo ich die Grenze ziehen würde. Nach einem Nachmittag voller Diskussionen über die Rettung des Einzelhandels, die Erfindung der Konservendose und Produkten, die von meiner Laktoseintoleranz wissen, mache ich mich auf den Heimweg. Unterwegs halte ich noch kurz und kaufe mir eine Dose Erdnüsse. Ich entscheide mich für die in der gelben Verpackung. Fürs Erste noch ohne digitalen Nährwertvergleich.  —  ses

bachelorarbeit »Digital blur« Christian Schäfer Prof. h. Wöhlbier

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deus ex machina

Wie eine App den Alltag von 7 Millionen Deutschen schlagartig ändern könnte »Es gibt für alles eine App!« tönt der Werbeslogan des Unternehmens mit dem angebissenen Apfel. Katharina Boepple erarbeitete in ihrer Bachelorthesis das Konzept einer solchen App im Bereich der Telemedizin.


Katharina setzte sich in ihrer Abschlussarbeit mit der Mensch-Maschinen-Schnittstelle auseinander und entwickelte eine App namens »HealthCoach«. Ihr Konzept soll den 7 Millionen Deutschen, die unter Diabetes leiden, Klarheit und Transparenz im täglichen Umgang mit der Krankheit bieten. Andererseits soll sie dem betreuenden Arzt ermöglichen, den Krankheitsverlauf nachzuvollziehen, Ergebnisse schnell zu erhalten und digital die Patientenakten zu organisieren. Und das alles, ohne dass ständige Sprechstundentermine den Patienten räumlich und zeitlich binden. Die Vernetzung zwischen Arzt und Patient vereinfacht sich. Der Alltag eines unter Diabetes mellitus leidenden Menschen wird von seiner Krankheit bestimmt. Vor jedem Essen ein Stich in den Finger, Blutzucker messen und die entsprechende Menge Insulin spritzen. Das wären bei mir zehn Stiche täglich: fünfmal in den Finger, fünfmal mit der Spritze. Schon den bloßen Gedanken empfinde ich als unangenehm. Katharinas App möchte den Alltag eines Diabetes-Patienten nicht nur erleichtern, sondern könnte ihn sogar nachhaltig verbessern. Nachdem der Patient sich von seinem betreuenden Arzt einen kleinen Chip implantieren lässt, kann dieser den Krankheitsverlauf und die Ergebnisse am Tablet-PC einsehen. Die Messwerte werden abgespeichert und durch die App interpretiert. Anschaulich visualisiert sie die Blutzuckerwerte, den Blutdruck, das Gewicht und die tägliche Bewegung mithilfe von Kurven und Diagrammen. Katharina setzt dabei dezente Farben ein, die Daten werden grafisch klar dargestellt, ohne einen sterilen, medizinischen Beigeschmack zu hinterlassen. Nach einer persönlichen Begrüßung durch den HealthCoach erscheint die Tagesübersicht, ein direkter Wechsel zur Werteübersicht ist möglich. Die Werte lassen sich je nach gewähltem Intervall zurückverfolgen. Die Krankheitsgeschichte lässt sich somit leicht nachvollziehen. Zusätzliche Informationen über das Befinden oder die Höhe der Kalorien der letzten Mahlzeit können ergänzend hinzugefügt werden. Anhand der gemessenen Daten schlägt der HealthCoach Rezepte vor, die dem individuellen Diätplan entsprechen. Weitere Infos über vorteilhafte Nahrungsmittel ergänzen den Ernährungshelfer. So wird der Patient für eine gesunde und ausgewogene Lebenshaltung sensibilisiert. Darüber hinaus hilft der HealthCoach bei der täglichen körperlichen Ertüchtigung. Lauf- und Walkingstrecken in der Umgebung werden angezeigt und können von Nutzern bewertet werden. Die motivierenden Nachrichten, die die App auf den Bildschirm schickt, runden das Konzept ab. Warnungen über einen zu hohen oder zu niedrigen Blutzuckerspiegel werden optisch wie akustisch abgegeben und darüber hinaus an das Smartphone geschickt. Im Notfall wird der betreuende Arzt informiert. Sollte die schematische Übersicht nicht ausreichen, lässt sich die Darstellung vergrößern, wie von Ipad und Co. gewohnt mit einem einfachen Auseinanderbewegen der Finger auf dem Bildschirm. Eine weitere Funktion blendet Daten ein und aus, vergrößert oder korrigiert Werte. Der HealthCoach ist, ähnlich wie ein Personal Trainer, ein täglicher Begleiter. Auch wenn Katharina Boepple von einem Szenario im Jahre 2015 ausgeht – weit ist die Fiktion nicht von der Realität entfernt. Wünschenswert wäre die Umsetzung allemal. Exkurs: Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung, die zu erhöhten Blutzuckerwerten führt und extreme Folgeerkrankungen hervorrufen kann. Der Körper kann keine Glukose in die Zellen aufnehmen. Die Glukose

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bleibt im Blut und die Traubenzuckerneubildung in der Leber verläuft ungebremst, was in Korrelation zu einem Blutzuckeranstieg führt. Das Blut wird dadurch zäh und dick. Der Patient muss eine strikte Diät einhalten um dem entgegenzuwirken oder das körpereigene Hormon Insulin von außen zuführen.  —  dj

Leidest du selbst unter Diabetes? Wie kamst du auf das Thema? Katharina:»Ich leide zum Glück selbst nicht an Diabetes, denn die Recherche und Arbeit mit dem Thema hat mir gezeigt, wie anstrengend und zeitaufwendig ein Leben mit dieser Krankheit ist. Mein Thema hat sich aus der Frage heraus ergeben wie die digitalen Errungenschaften unserer Zeit in Zukunft unser Leben noch stärker beeinflussen werden. Hier gibt es viele Lebensbereiche die in Frage kommen, doch meine Recherche hat ergeben, dass gerade im Gesundheitsbereich eine Integration digitaler Geräte in den Alltag in Zukunft eine logische und auch notwendige Konsequenz ist. Der demographische Wandel in Deutschland und der damit steigende Mangel an medizinischen Fachkräften fordert den Einsatz von Telemedizin. Erst an dieser Stelle kam das Thema Diabetes für mich ins Spiel, da ich meine Zielsetzung und Ausarbeitung anhand eines bestimmten Krankheitsbildes darstellen wollte. Die ›Volkskrankheit‹ Diabetes ist weit verbreitet und beeinflusst bei den Betroffenen einen großen Teil des Alltags. Aus diesem Grund konnte ich an diesem Beispiel sehr gut zeigen, wie eine e-Health Applikation nicht nur den Alltag eines Diabetes-Patienten verbessern könnte, sondern hilft einen besseren und gesünderen Lebensstil zu entwickeln.« Du hast dein Praktikum bei Neue Digitale/Razorfish absolviert, wo du nun auch arbeitest. Wie der Name schon sagt eine Kreativ Agentur für digitales Marketing. Was gestaltest du hauptsächlich und wirst du auch in die Konzeption der Projekte eingebunden? »Bei Neue Digitale/Razorfish arbeite ich seit einem halben Jahr als Screendesignerin und konnte zuvor in meinem Praktikum und während meiner Bachelorzeit bereits an vielen spannenden Projekten mitwirken. Mein Aufgabenbereich reicht vom klassischen Webdesign über das Gestalten von Social Media Inhalten bis hin zu Interfacedesign für


iPhone und iPad-Applikationen. Auf der anderen Seite bin ich als Teil des Kreativteams bei Ideenfindung und Erarbeitung von Konzepten dabei.« Die digital natives werden immer jünger - wenn du Kinder hättest, wann hätten sie ihr erstes Smartphone? »Jede Generation wächst mit anderen Medien auf und lernt diese zu verstehen und in den Alltag zu integrieren. Ich hätte kein Problem damit meinem Kind mit 10 oder 11 Jahren ein Smartphone an die Hand zu geben. Wichtig ist nur, dass man ihm einen verantwortungsbewussten Umgang mit diesen Geräten beibringt.« ›Chips und Elektronik im menschlichen Körper‹ hat sich vor ein paar Jahren noch nach Science-Fiction angehört. Wie sieht deiner Meinung nach die Zukunft aus? »Wir merken immer mehr wie wir mit unseren digitalen Devices verschmelzen und uns im Alltag helfen lassen. Ich denke, dass es in eingen Jahren selbstverständlich sein wird digitale Geräte zur medizinischen Kontrolle in seinem Alltag einzusetzen. Dadurch soll natürlich nicht der Gang zum Arzt ersetzt werden, denn die persönliche und mitfühlende Komponente kann hierdurch nicht ersetzt werden. Jedoch kann meiner Meinung nach vor allem chronisch Kranken geholfen werden.« Abschließend, deine Wahl: iOs oder Android? »Meiner Meinung nach vollzieht sich die Entwicklung der Androidgeräte zu langsam, gerade was den Applikations-Markt angeht. In unserer schnelllebigen Gesellschaft stellt das ein Hindernis dar. Ich bin ein absoluter Apple-Vertreter, weil sich die Produkte unheimlich schnell der Gesellschaftentwicklung anpassen und die intuitive Benutzerführung und klare Gestaltung einfach alle anderen Betriebssysteme übertrifft.«

bachelorarbeit »healthcoach« katharina boepple Prof. h. wöhlbier

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MANNHEIM DIGITAL

FRAMEBOY

Der »Frameboy« von Sandra Czanik, Friederike Nelson und Matthias Jaster produziert Töne beim durchbrechen von Lichtschranken, welche innerhalb eines Holzrahmens angeordnet sind. Das interaktive Musikinstrument bietet dem User eine völlig neue Erfahrung im Umgang mit Klängen, da auf die haptische Rückmeldung, die man beim musizieren gewohnt ist, verzichtet wird. Das Instrument wurde selbst gefertigt, Matthias ist gelernter Schreiner und somit ging der Bau des Rahmens leicht von der Hand. Frei schwebend im Raum begeisterte der »Frameboy« viele Besucher beim diesjährigen B-Seite Festival.

VIER GEWINNT

Das Spiel »Vier gewinnt« von Anika Christmann ist die digitale Variante das analoge Brettspiels. Eine LED-Matrix ersetzt die Spielsteine, die durch Knöpfe von beiden Seiten bedient wird. Angefangen beim Schaltplan der Platinen bis zur Ätzung des Gehäuses ist das Projekt komplett selbst realisiert worden.

LIGHTRACER

Kolja van Boekel möchte mit seinem »Lightracer« ebenfalls den Spieltrieb der Menschen wecken. Auf einem sieben Meter hohen LED-Turm kann man eine Linie mit Hilfe einer eigens umgebauten RCAuto-Fernbedienung steuern. Die Schnelligkeit und Farbe der Linie ist vom Benutzer manipuliebar. Da der Benutzer dem »Lightracer« stets um die vier Seiten des LED-Turms folgen muss, beeinflusst das Spiel das Verhalten des Spielers.


Seit nun mehr als zwei Jahren besteht das Mannheim Digital Lab an der Fakultät für Gestaltung und eröffnet damit den Studenten völlig neue Möglichkeiten. Im MadLab können die Studierenden durch offenes und intensives Arbeiten an Projekten, das Verhalten der Mensch-MaschineSchnittstelle erforschen und eigenständig an der Umsetzung von Technik und Gestaltung arbeiten. Kooperationen mit anderen Fakultäten und Organisationen, wie zum Beispiel dem B-Seite Festival in Mannheim bieten ein hohes Potenzial, das bereits zahlreiche Projekte zum Erfolg gebracht hat. Ein Beispiel dafür ist das Projekt »Mad Kong« von Florian Gerstner, Andreas Hofer und Nico Rojas. In diesem Interaktiven Spiel hat der User die Möglichkeit einen Gorilla, der großflächig auf eine Hauswand projiziert wird, über Twitter zu steuern. Sind in dem Tweet Keywords oder deren Synonyme enthalten, wird eine entsprechende Animation abgespielt und der »Mad Kong« tanzt, klettert oder winkt.


parlez vous vin rouge ?

Im Frühjahr fand bereits zum 16. Mal der Workshop der Fakultät für Gestaltung zusammen mit der französischen Partnerhochschule École Supérieure des BeauxArts in Caen statt Der vom deutsch-französischen Jugendwerk unterstützte Workshop findet jährlich abwechselnd in Caen und Mannheim statt. Je zehn Studenten der beiden Hochschulen bekommen die Möglichkeit, gemeinsam Arbeiten zu einem vorgegebenen Thema zu erstellen. Das Thema des diesjährigen Workshops war »Changement/Veränderung« und wurde erst bei der Ankunft in Caen bekannt gegeben. Gestalter mit teilweise sehr unterschiedlichen Schwerpunkten arbeiteten zwölf Tage lang zusammen an ihren Projekten. Da Herangehensweise und Umsetzung vollkommen freigestellt waren, brachten die Teams sehr unterschiedliche Ergebnisse hervor: Ein Trickfilm, ein Buch mit Texten und experimentellen Illustrationen, eine etwas andere Wahlkampagne und eine Installation wurden am Ende in einer Präsentation vorgestellt. Für die Studenten ist der Austausch mit der Kunsthochschule in der Normandie extrem wertvoll - das internationale Teamwork fördert sowohl den interdisziplinären als auch den interkulturellen Dialog. Anfängliche Sprachbarrieren waren spätestens nach dem zweiten gemeinsamen Abend französischer Gastfreundschaft überwunden.  —  sb Eine ausführliche Dokumentation der entstandenen Arbeiten ist auf dem öffentlichen Blog des Workshops zu finden: http://www.esamcaen.fr/mannheim/workshop16

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Workshop »Caen #16« Prof. Dr. J. Berger

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grün & gold Die Teilnehmer der beiden Kernmodule Brand Design und Advertising Design wurden im vergangenen Semester für ihr Engagement nicht nur mit Credits belohnt Das Team um die Professoren Jean-Claude Hamilius und Axel Kolaschnik konnte sich beim renommierten »Junior Agency Award« des Gesamtverbands der deutschen Kommunikationsagenturen (GWA) beim diesjährigen Wettbewerb in Köln gegen die Mitstreiter sieben weiterer Hochschulen durchsetzen und erhielt den Award in Gold sowie den begehrten Publikumspreis. Im Rahmen der »GWA Junior Agency« erarbeiten Studierende ein Semester lang Kommunikationslösungen an realen Kundenaufträgen. Unterstützt werden sie hierbei von der Agentur, die für den entsprechenden Kunden verantwortlich ist. Das Mannheimer Team wurde von der Agentur Publicis Frankfurt betreut. Der Auftrag für den Kunden

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BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) lautete: »Entwickeln Sie eine Kampagne, mit der die Aufmerksamkeit des BUND auf Facebook deutlich gesteigert wird.« Nach einer langen Phase der Ideenfindung fiel die Entscheidung auf das Konzept »Naturfabrik«. Das Team bezog sein Lager über den Vorlesungszeitraum hinweg in der Hochschule, um dort gemeinsam zu recherchieren, konzipieren und bis zum Schluss kreieren, natürlich nicht ohne Diskussionen, Frust und zahlreiche Rückschläge.  Herzstück der Kampagne ist ein animierter Teaserfilm. Er zeigt, wie ein Schmetterling die metallene Pflanze »Lara Bluhme« zum Leben erweckt und sie aus ihrer tristen Welt


führt. Von dem Falter geleitet trifft Lara auf eine echte Blume. Diese märchenhafte Story soll dem Zuschauer die Bedeutung einer funktionierenden Umwelt und Natur wieder stärker ins Gedächtnis rufen. Verknüpft ist der Spot mit der BUND-Fanseite auf Facebook und einer Microsite. Über Likes und Kommentare, die User auf der FacebookSite abgeben, verändert sich das Erscheinungsbild der interaktiven Microsite: Die Naturfabrik aus Beton, Metall und Schrott wird grüner und zeigt, wie facettenreich die Arbeit des BUND ist. Neben der Kreation der Microsite, der flankierenden Werbemaßnahmen in klassischen und neuen Medien sowie zusätzlicher Out-of-Home-Kommunikation wurde auch der komplette Film von Studenten der Fakultät für Gestaltung erschaffen. Simon Autenrieth, Florian Gerstner und Philipp Unterreiner sind bei der Arbeit an Lara Bluhmes Geschichte über sich hinausgewachsen und trugen maßgeblich dazu bei, Jury und Publikum für den BUND und das Mannheimer Team zu gewinnen. Die 10köpfige Jury lobte die leicht umsetzbare Idee, das gelungene poetische Storytelling sowie die unprätentiöse Präsentation des Konzepts.

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Möglicherweise wird die »Naturfabrik« tatsächlich realisiert, derzeit sprechen die Kommunikationsexperten von Publicis mit dem BUND darüber, das prämierte Konzept umzusetzen. Das Mannheimer Team bestand aus Simon Authenrieth, Steffen Brückner, Anika Christmann, Farahnoosh Entezari, Natalie Frank, Ann-Kathrin Gehrmann, Lidia Gradwol, Kristin Höflein, Dennis Jakoby, Nico Köhler, Laura Setzer, Philipp Unterreiner, Predrag Vargovic, Florian Gerstner, Wenzel Vigula, Alexandra Strömich und Melanie Waddell. Begleitet wurden die Studenten von Ljubomir Stoimenoff, Manuel Böhm und Michael Kuhn (PUBLICIS) sowie Prof. Jean Claude Hamilius und Prof. Axel Kolaschnik.  —  sb Den Teaserfilm finden Sie hier: http://vimeo.com/26805555

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1 Das Team in Köln 2 Briefing bei Publicis 3 Pause 4|5 Ausschnitte des Films 6 Microsite

Semesterarbeit »Naturfabrik - Lara Bluhme« Kernmodule Brand Design & Advertising Design Prof. J.C. Hamilius & Prof. a. Kolaschnik

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Arts & crafts

Stickerhype und Handarbeit, Papproboter und Überraschungspakete. Wer oder was ist eigentlich diese »Artillery«?

»Irgendwann waren die Sticker überall«, erklärt Christian Hartmann. »Ein Mädchen, das ich noch nie gesehen hatte, stand neben mir an der Ampel und hatte einen auf ihrer Tasche kleben.« Virales Marketing, wie es im Buche steht. In ganz Mannheim und Karlsruhe sind sie zu finden, die Aufkleber, die das markante Artillery Logo in gebrochener Schrift tragen. Was tatsächlich dahinter steckt, wissen allerdings wenige. »Der Hype war nicht beabsichtigt«, ergänzt Sascha May. Zusammen mit Carolin Wanitzek und Christian Hartmann bildet er das Gestalter-, Grafiker- und Künstlerkollektiv »Artillery«. Die guten Freunde haben ihr Leben dem schmalen Grat zwischen Grafik, Illustration und Kunst gewidmet. Sie teilen dieselbe Leidenschaft, fühlen sich abseits des Computers am wohlsten, der als Werkzeug meist erst im letzten Stadium der Produktion herangezogen wird. Dennoch sind die drei alles andere als eine homogene, gleichförmige Masse. Ihre verschiedenen Herangehensweisen machen die Spannung und die Vielfalt ihrer Projekte aus. So ist der Stil der »Artillery« nicht der Stil eines Einzelnen, sondern die Schnittmenge dreier Gestalter, welche die Liebe zum Detail teilen, sich gegenseitig beeinflussen und zusammen neue Projekte schaffen, die über den Horizont des Einzelnen hinaus gehen. Für die Gestalter, ist »Artillery« eine Plattform, ihre Hausmarke. »Im besten Fall ist alles, was man macht, auch Teil von Artillery.« Oftmals ist es so, dass »Artillery« auf eine Ausstellung aufmerksam wird. Dann setzen sich die drei Gestalter zusammen und beschließen, für diese Ausstellung etwas zu konzipieren. Geplant und umgesetzt wird gemeinsam. So war es auch mit den Überraschungspaketen: Für eine Ausstellung wurden 100 kleine Leinwände gestaltet und ausgestellt. Anschließend wurden sie verpackt und verkauft, ohne dass die Käufer wussten, welches Motiv sie gerade erstanden haben. »Erst waren die Leute skeptisch, weil sie nicht sehen konnten, was sie eigentlich kaufen«, erklärt Caro, »aber als das Konzept einmal angenommen wurde, waren sie richtig euphorisch, haben angefangen zu tauschen und sich gegenseitig beim Auspacken zuzusehen.«

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Dieses Beispiel beschreibt exemplarisch das Konzept der »Artillery«. Auch wenn das Künstlerkollektiv Auftragsarbeiten annimmt, will »Artillery« immer seinen Stil beibehalten: alles aus einer Hand, alles möglichst selbst gemacht, immer ein kleines Extra obendrauf, »immer ein bisschen special«.  —  ses


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Von links nach rechts: Christian Hartmann, Carolin Wanitzek und Sascha May

2 Gemeinschaftsprojekt Rotk채ppchen 3

Robotrock - Die Grundform der Roboter stammt von Artillery, das Design von befreundeten K체nstlern

4 Regen - Carolin Wanitzek

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EIN INTERVIEW MIT DEM SCHRIFTGESTALTER GERARD UNGER

ONEVEN sich mit den 26 Buchstaben bzw. 42 Zeichen, darunter Ziffern, beschäftigen muss. Und das nächste Mal, da ihr mich darauf aufmerksam gemacht habt, werde ich mit dem Komma beginnen. — Gibt es denn auch Zeichen, die Sie eher zum Schluss machen? Ganz früher in meiner Karriere habe ich die Buchstaben ganz am Ende des Alphabetes mit Diagonalen nicht sehr geliebt. Ich habe versucht sie zu vermeiden. Aber man kann keinen vernünftigen Text ohne diese Zeichen setzen, also habe ich mich daran gewöhnt. — Wann denken Sie gibt es genug Schriften? Das ist natürlich eine schlimme Frage für einen Schriftgestalter. Die meist gehörte Bemerkung, wenn ich erwähne, dass ich Schriftgestalter bin, ist, dass es doch schon genügend Schriften gibt. Als ich damals meinem zukünftigen Schwiegervater begegnet bin und er wissen wollte, mit was ich meinen Lebensunterhalt verdiene und ich ihm sagte, dass ich Schriftgestalter bin, entgegnete er, dass das Alphabet doch schon längst erfunden worden sei. Das habe ich auch schon viele Male gehört. Es ändert sich aber mit der Zeit. Schriften werden altmodisch, auch wenn Schriften aus der Vergangenheit überarbeitet wurden. Aber ich denke, dass es bei einem doch so beschränkten Thema wie dem Alphabet nicht zu einem Ende der Variationsmöglichkeiten kommt. Jede neue Generation entwickelt neue Möglichkeiten zu variieren. Das Gleiche ist es beispielsweise bei Stühlen. Wenn man ins Vitra Design Museum nach Weil am Rhein geht findet man hun-


— Wie kamen Sie dazu Leseschriften zu entwickeln? Als ich anfing war das eine holländische Tradition. Damals gab es eigentlich kaum holländische Gestalter, die Headlineschriften entwarfen. Es gab schon viele gute, seriöse Textschriften und so hab ich angefangen mich langsam davon zu entfernen, Spaß hineinzubringen und darüber hinaus Headlineschriften zu entwickeln. Ich muss aber auch ganz ehrlich sagen, ich bin ein Mensch für Textschriften und weniger für Headlineschriften. Warum kann ich auch nicht erklären. Ich hab immer Bücher geliebt. Ich bin sozusagen in einer Bibliothek aufgewachsen, da mein Vater sehr viele Bücher besaß. — Beginnen Sie mit einem bestimmten Wort, wenn Sie eine Schrift gestalten? Nein. Ich habe auch keine Vorliebe für einen Buchstaben. Wenn man mir diese Frage stellt, nenne ich immer den Buchstaben »G«, weil mein Vorname mit G anfängt. Aber dies ist nicht wirklich so. Es sind meist auch zufällige Wörter, die immer wechseln. Was ich nicht will ist, dass es Routinearbeit wird, wobei man immer den selben Arbeitsvorgang hat. Ich ändere immer so viel wie möglich, dass der Spaß bleibt. — Fällt Ihnen dann ein bestimmter Buchstabe für eine Schrift ein und arbeiten dann davon aus weiter? Nein, auch nicht. Meistens sind es die Kleinbuchstaben »o« oder »n«. Es gibt 26 Buchstaben und man kann ja nicht alle vermeiden. Ich habe versucht mit neuen Formen zu arbeiten, aber es kommt der Moment in dem man dreiundsiebzig

derte, tausende von Stühlen, aber im Prinzip ist der Stuhl nur ein Ding zum Sitzen mit Lehne, Sitzfläche und Beinen, aber das Konzept an sich bietet endlose Variationen. Das scheint etwas im menschlichen Geist zu sein. — Sind Sie der Meinung, dass man heute noch aus der Masse der Gestalter herausstechen kann? Ja, daran habe ich keine Zweifel. Es hängt von der Persönlichkeit des Gestalters ab. Es gibt allerdings im Moment, speziell was serifenlose Schriften angeht, das Problem, dass es zuviele Gestalter gibt, die versuchen eine immer kleiner werdende Nische mit Schriften zu füllen, die schon vorhanden sind. Etwas Schönes haben einmal zwei schweizer Gestalter gemacht. Es gab in den 60er Jahren die Helvetica und die Univers und sie mischten diese zwei Schriften. Sie nannten sie »Unica«, allerdings ist sie nie erfolgreich geworden. Kein Wunder. — Wie gehen Sie mit dem dilettantischen Gebrauch von Ihren Schriften um? Wenn ich anfange mir darüber Gedanken zu machen, könnte ich nicht mehr schlafen. Als Gestalter sollte man sich nicht den Kopf darüber zerbrechen. — Ist es Studenten möglich Ihre Schriften kostenlos zu verwenden? Ich werde oft gefragt, ob man meine Schriften verwenden kann. Ich habe auch nichts dagegen. Ich sage dann immer, dass sie meine Schriften für 3 Monate kostenlos verwenden dürfen, wenn sie mir danach ein Exemplar —


rer Arbeit mit meiner verwendeten Schrift zu schicken. Und wenn sie das dann auch tatsächlich machen, können sie meine Schrift auch weiterhin benutzen. Falls der Student aber wirklich was bezahlen will, möchte ich nur einen symbolischen Betrag. — Welcher Schriftgestalter hat Sie am meisten inspiriert? William A. Dwiggins und der Holländer Jan van Krimpen. Er ist einer der holländischsten Schriftgestalter überhaupt. Man kann nicht holländischer sein. Einer meiner Helden ist auch ein französischer Schriftgestalter: Roger Excoffon. Er hat damals in den 1950er Jahren eine Schrift entwickelt, die beim Betrachten der einzelnen Buchstaben einen fremdartigen Fleck erzeugen. Erst im Kontext erkennt man ihn dann. Das ist eine wunderbare Leistung. — Woran liegt es denn, dass Holland ein Zentrum der Schriftgestaltung ist? Wie Erik Spiekermann schon sagte, ist Holland das Land mit den meisten Schriftgestaltern pro Quadratkilometer. Aber wir lesen nicht mehr als andere Menschen auch. Die, die am meisten lesen, sind die Norweger. Es ist kaum zu erklären. Zufällige Faktoren haben dazu beigetragen. — Wie gehen Sie mit dem Kompromiss zwischen Platzersparnis und Lesbarkeit um, wenn Sie eine Leseschrift entwickeln, wie beispielsweise die »Gulliver«? Ich lege großen Wert darauf Schriften zu gestalten, die man auch direkt benutzen kann. Und gleichzeitig versuche ich so viel wie möglich mit der Schrift zu experimentieren, aber so, dass die Konventionalität der direkten Benutzbarkeit und die Experimente nicht kollidieren. Trotzdem kann dies auch vorkommen. Als die »Swift« 1975 herauskam, fanden sie viele noch abscheulich. Eine Frau hat sogar damals zu mir gesagt, dass sie böse Ecken hat. Was sie damit meinte habe ich nie verstanden. Aber nach drei Jahren war nichts mehr davon zu hören. Scheinbar braucht eine Schrift eine gewisse Zeit um akzeptiert zu werden. Und ich muss sagen, dass ich es mit der »Swift« auch ein wenig übertrieben habe. »Gulliver« war auch einmal an einem Punkt, da hatte ich eine 7pt Schrift, die sah aus wie 10pt. Die war so abscheulich, die würde niemand kaufen. Ich habe daraufhin die Schrift wieder etwas konventionalisiert und daraus ist dann die »Gulliver« entstanden. — Also so viel wie möglich Experimente oder so wenig wie möglich? So viel wie möglich, ja so viel wie möglich.  —  dr/pb

»Eine Frau hat sogar damals zu mir gesagt, dass sie böse Ecken hat. Was sie damit meinte habe ich nie verstanden.«


Illustration: Simone Cihlar

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Deutsche & Japaner DE UT S CHE & JAPA N ER C R EAT I V E STU D IO

Deutsche & Japaner ist ein junges Designstudio aus Mannheim. Durch ihr abwechslungsreiches Portfolio und ihre facettenreiche Tätigkeit in den unterschiedlichsten Gestaltungsbereichen haben sie sich in der Designszene bereits einen Namen machen können. Seit der Gründung 2008 ist viel passiert, das Team um die beiden Gründer Ina Yamaguchi (I) und Moritz Firchow (M) hat sich um zwei Grafikdesigner, David Wolpert (D) und Julian Zimmermann (J), erweitert. komma hat Deutsche & Japaner in ihrem Büro für ein kurzes Interview besucht.

Wie kam es zu Deutsche & Japaner, wie habt ihr euch gefunden? M: Zunächst haben Ina und ich D&J gegründet, da wir u. a. Arcademi (A. d. R.: Designblog) zusammen als Unternehmung gestartet haben und in dem Zuge auch Jobs erledigen wollten, die Produkt- und Grafikdesignkontexte bedienen. Das haben wir dann knapp anderthalb Jahre gemacht, bis David und Julian zu uns gestoßen sind, zunächst um einen freigewordenen Raum in unserem Büro zu mieten. Die Bürogemeinschaft hat dann aber so gut geklappt, dass wir beschlossen haben, uns füreinander stark zu machen. So kam es, dass wir vier Deutsche & Japaner neu definiert haben. Inwiefern neu definiert? M: Wir haben das Erscheinungsbild neu entwickelt, aber auch der Workflow hat sich verändert. Indem das Team größer wurde, konnten wir mehr Leistung erbringen und schneller arbeiten. Vor allem durch die spezifischeren Talente, die jeder in die Gruppe einbringt, sei es in

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Grafik, Editorial oder Produktdesign, wurden neue Schwerpunkte gesetzt, mit denen man besser jonglieren kann. Wie würdet ihr euren Stil beschreiben? M: Den eigenen Stil beschreiben ist natürlich schwierig, weil man sich selbst nicht festlegen möchte. Was man für uns aber festhalten kann, ist, dass wir die Dinge ernsthaft behandeln und die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema suchen. Wir arbeiten sehr genau auf bestimmte Jobs und Kunden zu. Ansonsten ist es uns ein Bedürfnis, Dinge aus ihrem Kontext zu nehmen. Zum Beispiel bei Printgeschichten auch mal dreidimensional zu arbeiten, da wir z. B. auch Produktdesigner und Szenografen im Team haben. D: Wir arbeiten sehr interdisziplinär. Wir sind nicht auf einem Schwerpunkt festgelegt, sondern können viele Themenfelder auf einmal bedienen. I: Es gibt natürlich Grundsätze. Wir wollen immer das Beste rausholen und pflegen grundsätzlich den Austausch untereinander. Auch wenn wir nicht alle gleichzeitig an einem Projekt arbeiten, sind trotzdem alle daran beteiligt und involviert. Es ist wichtig, Feedback zu geben, da jeder aus einem anderen Blickwinkel auf die Dinge sieht. Das Projekt muss in der Gruppe bestehen. Wir sind alle sehr unterschiedlich, aber an dem gleichen Ergebnis interessiert. Wie kommt ihr an Aufträge? M: Als wir Arcademi gegründet haben, hatten wir in Zürich den Auftrag, ein Corporate Design für einen Laden zu machen. Das hat dann so gut funktioniert, dass sich die Dinge fließend weiterentwickelt haben. D: Vieles läuft auch über Mundpropaganda und Empfehlungen. Wenn wir unsere Arbeit gut machen und die Kunden zufrieden sind, empfehlen sie uns natürlich weiter. I: Referenzen sind unglaublich wichtig. M: Ich glaube, dass Akquise heute kein aktuelles Modell ist. Wir hatten sehr viel Glück, dass sich die Vorstellungen unserer Kunden mit unseren decken. J: Ich denke, die beste Werbung ist gute Arbeit, und durch das Internet hat man die Möglichkeit, dass die eigene Arbeit auch gesehen wird und für sich sprechen kann. Was ist das Schönste am kreativen Prozess? I: Das kommt auf das Projekt an. Ich mag die Abwechslung.

M: Ein Highlight ist natürlich, nach getaner Arbeit das Ergebnis zu sehen. Das Material zu sehen, auf dem Arbeiten gedruckt wurden oder einen fertigen Raum zu betrachten. I: Es ist sehr bereichernd zu sehen, dass Sachen funktionieren. Wenn es sich einfach nahtlos in Geschehen und Nutzen einfügt. Das finde ich spannend, wenn man gar nicht mehr sieht, dass es Design ist.

DE UT S CHE & JAPAN ER C R EAT I V E STU D IO

Wie strukturiert ihr Arbeitsprozesse? I: Wir versuchen, die Arbeitsprozesse sinnvoll zu optimieren und zu gliedern. Es gibt jemanden, der für das jeweilige Projekt verantwortlich ist und Kontakt zum Kunden pflegt oder sich um die Archivierung kümmert. Und dann bilden sich nach Fähigkeiten die Teams. D: Je nach Bedarf gibt es schon klar verteilte Kompetenzen. Es kommt aber auch immer auf das Projekt an, wie viel Recherche man braucht. I: Wir lernen immer noch sehr viel voneinander. Nicht nur von den Skills, sondern auch von Herangehensweisen. Das ist das Tolle daran, dass wir so unterschiedlich sind. Was ist gutes Design? J: Gutes Design muss nicht immer Produkte anpreisen. Es kommuniziert einfach das Richtige und erfüllt die Aufgabe, die ihm gestellt wurde. Es ist wichtig, dass man beim Betrachten das richtige Gefühl vermittelt bekommt. M: Man darf auch den Faktor Spaß nicht so unter den Tisch kehren. Zwar geht man die Themen heutzutage ernsthafter an, Nachhaltigkeit ist heute z. B. ein Thema. Aber es sollte Spaß machen, es anzuschauen. M: Es ist schön, dass es so eine Kunstverwandtschaft hat und trotzdem eine Mission erfüllt. Und es bleibt auch immer ein Ausdruck.  —  sc

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EINSAMKEIT ~ Vera Pardall ~ brief@verapardall.de

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SCI-PHI ~ Mario Ignazio Cigna ~ mario@hellomario.de

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HEIMAT ~ Irene Schick ~ irene.schick@web.de

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NORD ~ Elisabeth von Mosch ~ elisabethv.mosch@web.de

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DOOMED ANAGLYPH ~ Yasemin Cenberoglu ~ hello@just-ignore.me

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SCHICKSAAL ~ Simone Cihlar ~ simone.cihlar@googlemail.com

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MATRÖSCHKA ~ Erika Boldt ~ erika.boldt@yahoo.de

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KANAKENBUCH ~ Julita Alter ~ julita.alter@googlemail.com

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Lichtgestalten ~ Kolja van Boekel & Philip Brückner ~ kovabo@googlemail.com

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DIGITAL BLUR ~ Christian Schäfer ~ c.k.schaefer@gmail.com

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HEALTHCOACH ~ Katharina Boepple ~ mail@katharina-boepple.de

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impressum

Herausgeber Hochschule Mannheim, Fakültät für Gestaltung komma Redaktion Paul-Wittsack-Straße 10 68163 Mannheim redaktion@komma-mannheim.de Anzeigen anzeigen@komma-mannheim.de Feedback & Mediadaten www.komma-mannheim.de Erscheinung & Auflage halbjährlich, 2500 Stück Chefredaktion (dj) Dennis Jakoby Redaktion (pb) Philip Brückner, (sb) Steffen Brückner, (sc) Simone Cihlar, (mf ) Marta Fromme, (jh) Jan Henkel, (pu) Philipp Unterreiner, (dr) David Ruff, (ses) Sebastian Schellenberger

Lektorat Lisa Bitzer http://www.lektorat-bitzer.de/

UmschlagVEREDELUNG Siebdruck Transparentlack Chris Hartmann und die komma Redaktion

Papier Umschlag: Invercote G FSC 260 g/m, von Iggesund Innenteil matt: PROFIbulk1.1 FSC 115 g/m, von Sappi Innenteil glanz: PROFIgloss 135 g/m, von Sappi Diese Papiere sind Exklusivqualitäten der IGEPA-Group info@igepagroup.com www.igepagroup.com

WIR DANKEN Unseren Professoren und Mitarbeitern, Bernd Barde, Antonio Spano, Stephan Wolf und Silke Veth von NINO Druck, Jürgen Rotsche und Andreas Mücke von IGEPA, Hannes von Döhren, Monica Shane von Commercial Type und Philip Emde. Besonderen Dank an Chris Hartmann, Rainer Diehl, Lisa Bitzer, Raum Mannheim, Eva Feldmann und Arno Richter, Martina Wagner, Alexander Münch & Georg Malkusch.

Typografie Textrusion, Jakob Runge www.26plus-zeichen.de Lyon Text, Commercial Type www.commercialtype.com

Die in der komma enthaltenen Artikel spiegeln die Meinung der Redaktion wieder, nicht die Meinung der HS Mannheim. komma beruht auf einer Diplomarbeit von Moritz Nolting

Druck NINO Druck GmbH, Neustadt/Weinstraße www.ninodruck.de


Komma 9  

Die neunte Ausgabe des komma-Magazins widmet sich der Heimat und dem Einfluss auf die Gestaltung desIndividuums. Tief in uns verwurzelt ist...