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+++JUSO.CH+++

JUSO Schweiz, Postfach 8208, 3001 Bern Nr. 213, Dezember 2015

AZB 3900 BRIG


Mais in der Glasfaser

Mit der Spekulationsstop­p­ initiative können wir den Poker mit Nahrungsmitteln endlich beenden. Dabei gilt es, die Kritik auch auf die haarsträubenden Mechanis­ men des finanzmarktgetriebe­ nen Kapitalismus zu richten.

Von Tim Rüdiger

Wenn das Mehl für unseren Sonntagszopf zum Bäcker gelangt, hat es bereits einen langen Weg hinter sich. Das Getreide wurde von einem Bauern geerntet und von einer Müllerin gemahlen, es wurde eingelagert und herumtransportiert. So weit so verständlich. Doch in der Zwischenzeit war es auch bereits dutzende Male in Chicago, Frankfurt, New York, Genf, London oder Schanghai. Nicht physisch als Sack Mehl, sondern virtuell als Bits und Bytes – als Teil eines Wertpapiers, das von schnellen Profiten nachjagenden Banken zwischen den Rohstoffbörsen hin- und hergeschoben wird. Die inneren Notwendigkeiten des Kapitalismus – zu wachsen und Gewinn wiederum gewinnbringend zu investieren – führen dazu, dass immer weitere Bereiche des Zusammenlebens unter das Diktat des « effizient verwertenden » Marktes gestellt werden. Nachdem es für die Wirtschaft einige Jahrzehnte lang immer schwieriger wurde in der realen Welt zu wachsen, wurden in den 90er Jahren unter dem Druck marktradikaler Kräfte jene Gesetze gelockert, welche die Realwirtschaft vor der Spekulation geschützt hatten. Seither wird auf den Hunger der Welt spekuliert; der Handel mit Nahrungsmittel wurde für Superreiche und Firmen zu einer profitablen Möglichkeit, ihr Geld zu vermehren. Im virtuellen Raum des Finanzmarktes geht es nicht mehr um den Austausch von greifbaren Gütern zur Befriedigung tatsächlicher Bedürfnisse von Menschen. Hier herrschen die « nackten » Gesetze der Gewinnmaximierung – abgebildet in den Computerprogrammen, die in Bruchteilen von Sekunden reagieren und in Lichtgeschwindigkeit durch die Glasfaserkabel über den ganzen Globus untereinander kommunizieren können. Innovation und Effizienz bedeuten hier nur mehr immer noch schnellere Rechner und noch fantasievollere Finanzprodukte. Gehandelt werden heute Wertpapiere, die auf Wertpapiere verweisen, die wiederum auf andere Wertpapiere verweisen. Deren Preise werden durch Computerprogramme bestimmt, die auf Computerprogramme reagieren, welche auch wieder auf Computerprogramme reagieren. Seitdem dieser Casinokapitalismus herrscht, mehren sich die Turbulenzen und die daraus folgenden Krisen in den betroffenen Wirtschaftszweigen. Unsere Forderung, die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu verbieten, ist deshalb nur am Rande ein agrarpolitisches Thema. Sie verweist direkt auf die irren Techniken des kapitalistischen Wachstums. Die Explosion der Nahrungsmittelpreise, die durch einen angestiegenen Konsum längst nicht mehr erklärt werden kann, rief 2007 und 2008 in mehr als dreissig Ländern weltweit Aufstände hervor. Die Menschen wurden vom nackten Hunger auf die Strasse getrieben, wo sich ihre Verzweiflung in Gewalt entlud. Die Aufstände machen die Kehrseite der «  hocheffizienten  » Marktgesetze deutlich: Dort wo sie auf lebendige Menschen treffen, gerät das System aus den Fugen. Denn der Faktor Mensch ist in einer Ordnung aus Computerprogrammen und Mikrotransaktionen immer der schwerfälligste und hochgradig ineffizient. Man möchte dem personifizierten Finanzmarkt, frei nach Marie Antoinette, die Worte in den Mund legen:

Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Aktien essen! 

Ein grosser Teil der Nahrungsmittelspekulation läuft über die Schweiz Auch wenn Menschen ihren Job verlieren, weil die Finanzmärkte die Wirtschaft in die Krise gestossen haben, Familien aus ihren Häusern vertrieben werden, weil auf Immobilien gewettet wird oder ganze Staaten in Bedrängnis geraten, weil Spekulanten auf ihre Zahlungsunfähigkeit setzen, zeigt sich der reale Niederschlag aus der virtuellen Welt der Finanzströme und Börsenkurse. Das Geschäft mit dem Hunger ist die perverseste Form des Kapitalismus. Seit einiger Zeit haben auch die USA und die Europäische Union erkannt, dass ein direkter Zusammenhang zwischen der Spekulation mit Nahrungsmitteln und deren effektiven Preisen auf den Lebensmittelmärkten besteht: Die Kapriolen der Spekulant_innen ruinieren die Geschäfte der Kleinbauern durch zu tiefe Preise oder führen Zehntausende durch zu hohe Preise in Hunger und existenzielle Not. Ein grosser Teil der Nahrungsmittelspekulation läuft über die Schweiz, viele Rohstoffkonzerne haben hier ihren Sitz. Unsere Spekulationsstoppinitiative ist deshalb um so wichtiger. Sie kann den Anstoss für ein globales Verbot des widerlichsten Auswuchses des Profitwahns geben. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es auch um uns selbst geht: In der kapitalistischen Logik von Wachstum und Profitmaximierung, die elementarer Bestandteil der Finanzwirtschaft ist, werden Natur, Mensch und Kultur einzig nach ihrer Verwertbarkeit gemessen. Dagegen fordern wir demokratische und kreative Menschen, die im Einklang mit der Natur und im Wissen um die Endlichkeit aller Ressourcen leben. Die Spekulation muss gestoppt werden. Beginnen wir mit den Nahrungsmitteln in der Schweiz und kämpfen wir für die Überwindung des Finanzkapitalismus weltweit!

Food Price Index

Index 250

200

Der Verlauf des Food-Price Index, welcher die Entwicklung der Lebensmittelpreise darstellt, zeigt deutlich, dass 2007/2008 eine Preisblase entstanden ist, dicht gefolgt von einer zweiten Preisblase 2011. Als 2007 die Immobilienblase in den USA geplatzt ist und in der Folge immer mehr Finanzanlagen extrem unsicher wurden, flohen die Finanzakteure in «sichere Häfen» wo sie den Wert halten konnten. Ein solcher Hafen war zum Beispiel der Schweizer Franken, ein anderer waren Nahrungsmittel. Die Finanzakteure haben den Markt mit Geld regelrecht überflutet, Folge davon waren extreme Preisblasen, die Millionen in Hunger und Not gestürzt haben.

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JA

Le prix de la faim

zur Initiative gegen Nahrungs­mittelspekulation Am 28. Februar kommt die Initiative gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln zur Abstimmung. Sie verlangt ein Verbot der Finanzspekulation auf Lebensmittelpreise, während die Preisabsicherung an den Börsen für Händler_innen und Produzent_innen weiterhin möglich bleiben soll.

• Spekulation verzerrt Preise und verursacht Hunger! 2007 / 2008 sind die Nahrungsmittelpreise explodiert und es kam zu weltweiten Hungerkrisen. Verantwortlich dafür sind die Finanzkonzerne, welche nach dem Platzen der Immobilienblase « sichere » Anlagen gesucht haben und Unsummen im Rohstoffmarkt investiert haben. Das hat zu Preisblasen geführt und Millionen von Menschen in Hunger und Armut gedrängt.

Sommes-nous prêts à sacrifier la vie de milliers de personnes pour le profit de quelques-uns De Muriel Waeger Le capitalisme, c’est merveilleux! Tous ont enfin la chance de pouvoir par leurs propres moyens, qu’ils soient riches ou pauvres, atteindre la plus grande des fortunes. Etant miséreux on devrait, selon les grands discours des dirigeants de ce monde, pouvoir, par le travail et l’acharnement à la tache les égaler, puisque le marché grâce à son système infaillible de concurrence est au service de la population. Et quand on demande ce que ces gens, sans formation et à des milliards de kilomètres du « luxe » de nos clochards à nous, en Afrique ou encore en Asie profonde, peuvent faire pour atteindre la richesse promise, on me dit qu’il suffit d’être ambitieux … évidemment. Mais l’ambition est-t-elle vraiment bénéfique lorsque, confortablement assis dans son bureau le spéculateur d’un coup sur son clavier fait augmenter le prix déjà trop élevé des nutriments de milliers de nécessiteux? Est-t-elle vraiment utile lorsque jouer avec la faim et la mort des foules permet le profit et l’épanouis­ sement d’un(e) seul(e)? Si mon ambition me mène par ces moyens perfides à la richesse, alors je préfère rester simple et je le préfèrerais aussi pour mon pays! Car oui, selon les chiffres d’économiesuisse nous supprimeront par l’initiative fédérale contre la spéculation sur les denrées alimentaires plus d’emplois qu’il n’y en a dans tout ce qui concerne de près ou de loin la nourriture. Le lobby des spéculateurs a du oublier de le mentionner lors des débats parlementaires, tout comme le fait que dans les pays en voie de développement 80 % du revenu est en moyenne consacré à l’alimentation, ce qui rend ces populations extrêmement sensib-

le à la moindre variation du prix de la nourriture. Et même si nos chers amis capitalistes, libéraux et autres profiteurs qui nous gouvernent ont en vain essayé de mettre les grandes fluctuations de plus en plus imprévisibles depuis la libéralisation complète du marché spéculatif et du retrait de toute restreinte, sur le dos d’obscures raisons de d’offre et de demande, les preuves s’accumulent et démontrent la culpabilité de la spéculation. Même la banque mondiale, tout comme la FAO (organisation de l’ONU pour l’alimentation et l’agriculture) ont reconnu que les grandes crises alimentaires de 2008 et 2012 sont directement liés à ce marché sulfureux. Alors oui, camarades, bien que économiesuisse veut par ses chiffres fallacieux et ses chantages habituels nous accuser de mener le pays à la ruine et de soi-disant supprimer 30'000 places d’em­ plois, je ne suis pas impressionnée. Je suis prête à me débarrasser de ce marché pour éviter aux quelques 2,6 millions d’enfants de moins de 5 ans qui meurent de faim chaque année l’atroce agonie qu’ils ont à vivre afin de finalement pouvoir s’éteindre a tout jamais.

• Von der Schweiz aus wird der Welthunger orchestriert! Als Finanzstandort spielt die die Schweiz eine wichtige Rolle. Zahlreiche Hedgefonds und andere Finanzinstitute haben hier ihren Sitz und spekulieren auf internationalen Börsen mit Lebensmittelpreisen. Das muss gestoppt werden.

• Viele Finanzkonzerne nehmen ihre Verantwortung wahr! Einige Finanzkonzerne haben die fatalen Auswirkungen erkannt und sich aus dem Geschäft zurückgezogen, zum Beispiel der AHV-Fonds und diverse Pensionskassen. Dies muss als gesetzlicher Standard für alle gelten! • Mit Essen spielt man nicht! Nahrungsmittel sind kein Produkt wie jedes andere! Wir sind existenziell davon abhängig und Preisblasen haben verheerende Auswirkungen auf die Menschen. Nahrungsmittel dürfen nicht zum Spielball der Finanzmärkte verkommen!

Oui

 Que ce soit sur ses prix ou directement avec elle, on ne joue pas avec la nourriture!

à l’initiative contre la spéculation sur les denrées alimentaires Le 28 février, nous voterons sur l'initiative contre la spéculation sur les denrées alimentaires. Elle veut interdire la spéculation financière sur les prix des denrées alimentaires, alors que les couvertures de prix sur les marchés boursiers resteraient possibles.

• La spéculation fausse les prix et provoque la faim!​ En 2007 et 2008, les prix des denrées ont explosé ce qui nous a conduit aux émeutes de la faim. Les groupes financiers qui, après l'éclatement de la bulle sur les marchés immobiliers, ont spéculé, avec des sommes considérables, sur les marchés des matières premières, sont responsables de cette situation. Ils ont causé d'énormes bulles spéculatives et plongé des millions de personnes dans la faim et la pauvreté. • Les famines qui ravagent le monde sont organisées depuis la Suisse! Beaucoup de fonds de placement et autres institutions financières ont leurs sièges en Suisse et spéculent sur les bourses internationales sur les prix des denrées alimentaires. Alors que de nombreux pays industrialisés régulent ce marché, la Suisse n'a rien fait. L'initiative évite à notre pays de devenir un refuge pour ces profiteurs.

• Les sociétés financières doivent assumer leurs responsabilités! Certaines acteurs des finances ont reconnu les effets catastrophiques de cette spéculation et se sont retirés de ce marché. Par exemple, le fond AVS, le Crédit Suisse et divers caisse de pension. Il est temps pour les autres de faire de même. • On ne joue pas avec la nourriture! Les aliments ne sont pas un produit financier comme un autre! Nous sommes dépendants de ce produit pour vivre. Le prix de la nourriture ne doit pas être le terrain de jeux des marchés financiers.


LEA MOSER, JUNGSOZIALISTIN, LERNENDE MEDIAMATIKERIN « Ich finde es unverantwortlich, wenn die Fäden dieses Spekulationswahnsinns in der Schweiz zusammenlaufen. Für mich kommt es nicht in Frage, nichts gegen die Ungerechtigkeit und Profitgier gewisser Firmen zu tun. Deshalb setze ich mich für die Spekulationsstopp-Initiative ein. »

MARINA CAROBBIO, CONSIGLIERA NAZIONALE PS « La speculazione sulle derrate alimentari è attualmente 33 volte più importante rispetto a dieci anni fa. Lo sapete, forti variazioni di prezzo verso l'alto possono mettere in rovina l'esistenza dei piccoli contadini. A causa del rialzo dei prezzi molte persone diventano ancora più povere e soffrono la fame. Dagli anni Novanta, il mercato dei prezzi alimentari è sempre più deregolamentato. Come illustra un'analisi della comunità di lavoro che raggruppa le principali associazioni per la politica di sviluppo, Alliance Sud, nei periodi dal 2007 al 2008 e del 2010 / 11 i beni alimentari sono diventati ancora più cari, con aumenti repentini fino al 70 per cento e picchi ancora più alti, che non possono essere spiegati solo con le variazioni climatiche e gli imprevisti. »

S TAT E JEAN ZIEGLER, SOZIOLOGE, VIZEPRÄSIDENT DES BERATENDEN AUSSCHUSSES DES UNOMENSCHENRECHTSRATES « In den Slums der Welt, in denen gemäss Weltbank 1,1 Milliarden Menschen leben, sterben bei jedem Preisaufschlag tausende Kinder. Die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel müsste deshalb sofort verboten werden. »

MENTS

BIT TUNER ALIAS MARCEL GSCHWEND, MUSIKER « Dass Millionen Menschen hungern, ist an sich schon ein Skandal. Dass sich BörsenSpekulanten an diesem Elend bereichern, gehört verboten. Deshalb sage ich Ja zur Spekulationsstopp-Initiative. »

VALENTINA HEMMELER-MAÏGA, INGÉNIEURE AGRONOME, SECRÉTAIRE SYNDICALE CHEZ UNITERRE « Cette initiative met à l’ordre du jour une thématique qui serait, sinon, simplement passée sous silence: les crises alimentaires que subissent des régions entières du globe, et leurs habitants. Le système agricole mondial s’est vu noyauté par le secteur de la finance, qui n’a qu’un seul et unique objectif: le profit, maximal et surtout immédiat. »


«Die Finanzspekulation mit Nahrungsmitteln richtet einen erheblichen Schaden an »

Der renommierte Ökonom Heiner Flassbeck fordert seit Jahr­ zehnten einen regulierten Finanzmarkt. Im Gespräch erläutert er die Notwendigkeit der Nahrungsmittelspekulation den Riegel vorzuschieben und erklärt, warum ihm die sinkenden Agrarpreise Recht geben.

WELCHE FOLGEN HAT DIE SPEKULATION MIT NAHRUNGSMITTELN? Diese Entwicklung hat einen regelrechten Rausch an den Rohstoffmärkten ausgelöst. Die Preise sind massiv angestiegen und das nicht nur an den Finanzmärkten, sondern auch im physischen Markt. Wenn an den Finanzmärkten Preise gebildet werden, dann laufen die physischen Märkte hinterher, weil sie sich an den Finanzmärkten orientieren. Am Ende gibt es nur einen Preis. Steigende Nahrungsmittelpreise haben notwendigerweise die Konsequenz, dass viele Menschen sich diese nicht mehr leisten können und deshalb Hunger leiden. Die Finanzspekulation mit Nahrungsmitteln richtet einen erheblichen Schaden an. UNUMSTRITTEN SCHEINT, DASS NAHRUNGSMITTELPREISE VON EINFLÜSSEN WIE STEIGENDER NACHFRAGE ODER DÜRREN BEEINFLUSST WERDEN. WELCHE ROLLE SPIELT DIE SPEKULATION DABEI? Die kann ganz unterschiedlich ausfallen. In einigen Bereichen hat die Spekulation die Bewegungen, welche schon existierten, verstärkt, in anderen Bereichen wurden die Preisschwankungen gänzlich von der Spekulation ausgelöst. Das passiert an allen Finanzmärkten, ungeachtet dessen, was gehandelt wird. Warum sollten Rohstoffe da eine Ausnahme sein? Steigende Preise müssten doch den Produzent_innen von Nahrungsmitteln helfen und das Angebot erhöhen. Dem ist so, wenn die hohen Preise dauerhaft sind. Wenn sie nur kurzfristig steigen, ist das nicht der Fall. Im Gegenteil, denn wenn die Produzent_ innen keine Stabilität der Preise erwarten können, hemmt das die Investitionen in die Produktion stark. WER PROFITIERT IN DIESEM GESCHÄFT? Profitiert haben vor allem die Finanzinstitute. Sie haben über einen gewissen Zeitraum hinweg grosse Profite gemacht. Ob sie gleich viel wieder verloren haben, wage ich zu bezweifeln. Gelitten haben – wie immer – die Konsument_innen.

Interview: Franziska Bender

Der 1950 geborene Professor Dr.  Heiner Flassbeck war deutscher Staatssekretär und von 2003 / 2012 bei der UNOrganisation für Welthandel und Entwicklung Direktor der Abteilung für Globalisierung und Entwicklungsstrategien.

DIE INITIATIVE WILL DIE BÖRSENSPEKULATION MIT NAHRUNGSMITTELPREISEN VERBIETEN – WIE KOMMT ES, DASS AN DEN BÖRSEN ÜBERHAUPT AUF DIE PREISE VON LEBENSMITTELN SPEKULIERT WERDEN KANN? Diese Entwicklung hat sich erst in den letzten Jahren ergeben. Angefangen hat die Spekulation mit Nahrungsmitteln mit den Absicherungsgeschäften, die es schon seit über hundert Jahren gibt. Ursprünglich war die Idee, dass Produzent_innen und Spekulanten quasi eine Wette abschliessen konnten, wie die Ernte verlaufen wird. Die Produzent_innen hatten damit die Möglichkeit, sich preislich abzusichern, während die Spekulanten, die zwar dem Risiko der Preisschwankungen ausgesetzt waren, auch Profite einstecken konnten. Das alles war relativ unproblematisch. Dann aber, Anfang der zweitausender Jahre, sind sehr viele Finanzspekulanten mit Derivaten und anderen Produkten auf diesen Markt gedrängt – alle in der gleichen Erwartung, nämlich dass die Nahrungsmittelpreise steigen. Man ging davon aus, dass der Rohstoff-Superzyklus auf uns zukommt, sprich dass die Preise über einen langen Zeitraum hinweg stark ansteigen. Genau davon wollte man profitieren. Mit der Idee der Absicherung hat das aber nichts mehr zu tun. BRAUCHT ES DENN DIE SPEKULANTEN FÜR DIE PREISABSICHERUNG? Preisabsicherung und Spekulation werden immer wieder vermischt, haben aber heute nichts mehr miteinander zu tun. Jenen, die in den zweitausender Jahren in den Markt gedrungen sind, ging es nie um Absicherung. Ein Beispiel dafür ist der Momentum Fonds der Deutschen Bank, dessen Grundidee es war, eine Marktbewegung, wie zum Beispiel steigende Nahrungsmittelpreise, aufzugreifen, zu verstärken und Profit daraus zu ziehen. Das hat keinen Bezug mehr zur ursprünglichen Idee der Preisabsicherung.

AKTUELL SINKEN DIE ROHSTOFFPREISE RELATIV RASANT. WIDERSPRICHT DAS DER THESE, DASS DIE SPEKULATION EINEN EINFLUSS AUF DIE PREISE HAT? Nein, im Gegenteil, das Sinken der Preise bestätigt die These sogar. Die Finanzinvestoren sind in Erwartung steigender Preise in den Markt gedrängt. Anders als beispielsweise Aktien werfen Rohstoffe an sich noch keinen Gewinn ab. Nur eben, wenn man Profit aus der Preisentwicklung zieht. Als dann aber die Erwartungen stetig steigender Preise enttäuscht wurden, sind die Finanzinstitute wieder abgezogen. Das lässt sich nun anhand der fallenden Preise beobachten. Aber nicht nur die enttäuschten Erwartungen waren ausschlaggebend, sondern auch die Regulierungen die man international eingeführt hat. Sogenannte Positionslimits haben beispielsweise in den USA die Finanzakteure zunehmend aus dem Markt vertrieben. Die Positionslimits werden zwar aktuell wieder angefochten, aber im deregulierten Finanzmarkt ist oft schon die Drohung wirksam. DAS HEISST, DIE REGULIERUNGEN HABEN DAZU GEFÜHRT, DASS DIE MÄRKTE SICH WIEDER NORMALISIEREN? Ja, dazu hat die Regulierung einen erheblichen Beitrag geleistet. Aber auch die internationale Kritik an der Nahrungsmittelspekulation hat viel bewegt. Viele Finanzinstitute haben sich aus diesem Markt zurückgezogen. IST DAS ZIEL DAMIT SCHON ERREICHT? Nein, am Ziel sind wir noch lange nicht angelangt. Gerade in Europa und in der Schweiz wurde die Problematik ungenügend rezipiert. Viele bestreiten immer noch den Einf luss der Finanzindustrie auf die Preisbewegungen. Daher ist es umso wichtiger, dass die kritische Auseinandersetzung mit der Nahrungsmittelspekulation nicht abbricht und sinnvolle Regulierungen eingeführt werden.

« Viele bestreiten immer noch den Einfluss der Finanzindustrie auf die Preisbewegungen. Daher ist es umso wichtiger, dass die kritische Auseinandersetzung mit der Nahrungsmittelspekulation nicht abbricht und sinnvolle Regulierungen eingeführt werden. »


Aktivismus gegen Millionen

Woher kommen eigentlich die Flyer, die wir verteilen? Und wer bestimmt, wann unsere Aktionstage sind? Eine erfolg­ reiche Abstimmungskampagne braucht Organisation und Struktur. Wer hinter der Abstimmungskampagne der JUSO und der SP steckt und was sie alles geplant haben.

Von Oliver Heimgartner

AKTIV SEIN! Gemeinsam können wir diese Initiative gewinnen. Millionen für einen teuren Abstimmungskampf haben wir keine. Aber wir haben die Unterstützung all derjenigen Menschen in diesem Land, die der Meinung sind, dass mit Hunger und Tod kein Geld verdient werden darf. Das wollen wir sichtbar machen: Wir werden Fahnen verteilen, die an Balkonen und an Fenstern aufgehängt werden können. Dafür sind wir auf die engagierte Mitarbeit aller JUSO-Mitglieder angewiesen. Unser Kampagnen-Team besteht bis jetzt aus folgendem Personen: Leona Klopfenstein ist für die Basiskampagne verantwortlich. Ladina Triaca koordiniert das landesweite Unterstützer_innenkomitee. Franziska Bender bereitet die ganzen inhaltlichen Punkte auf und ich koordiniere die Kampagne. Von Dezember bis Februar werden zusätzlich acht Campaigner_in-

nen die Sektionen in den unterschiedlichen Regionen bei der Kampagne unterstützen. Das Ziel: Am Wochenende vom 5. und 6. Dezember rufen wir bereits tausende JUSO- und SP-Mitglieder an, damit sie bei sich zuhause eine Fahne aufhängen. Das schaffen wir nicht alleine! Wir brauchen deine Hilfe, denn nur mit einer aktiven Basis können wir zeigen, wie viele Menschen die Spekulation mit Nahrungsmitteln verabscheuen. Das gilt auch für andere Bereiche der Kampagne. Wir brauchen dich, damit die Kommentarspalten in Zeitungen voll sind mit Leser_ innenbriefen. Für die nationalen Aktionstage am 12. Dezember und 13. Februar, an denen wir dutzende von Aktionen in der ganzen Schweiz durchführen wollen, brauchen wir viele gute Ideen und viele Aktivist_innen, die sich auch in der Kälte

« wir brauchen deine Unterstützung! »

auf die Strasse trauen, Punsch und Flyer verteilen, mit den Leuten reden, an Podien diskutieren und ihre Verwandten davon überzeugen, dass sie am 28. Februar JA stimmen für die Initiative «Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln». GAME OVER Wenn nach Weihnachten zehntausende Unterstützer_innen eine Fahne aus dem Fenster hängen, hunderttausende Flyer in den Briefkästen liegen, an jeder Ecke fünf Kleber zeigen, wie viele Aktivist_innen hinter dieser Kampagne stehen, dann werden unsere Gegner_innen zittern. Dann ist klar: Man verdient kein Geld mit Hunger und Tod anderer Menschen! Jetzt ist Schluss damit: GAME OVER!

HILF MIT BEI DER ABSTIMMUNGSKAMPAGNE! SCHREIB EINE E-MAIL, WAS DU TUN MÖCHTEST UND DEINEN NAMEN, ADRESSE UND HANDYNUMMER AN: OLIVER.HEIMGARTNER@JUSO.CH WAS KANNST DU TUN? • Ich will Flyer verteilen • Ich habe am 9., 16. oder 23. Januar zwei Stunden Zeit, um Fahnen zu verteilen • Ich will eine Fahne aufhängen • Ich will Leser_innenbriefe schreiben • Ich will spenden! • Ich habe Zeit einmal am Nachmittag im Sekretariat bei Kampagnenaufgaben zu helfen

AIUTA LA CAMPAGNA DELLA VOTAZIONE! SCRIVI UNA MAIL DICENDO COSA TI PIACEREBBE FARE E INDICANDO IL TUO NOME, INDIRIZZO E NUMERO DI TELEFONO A: OLIVER.HEIMGARTNER@JUSO.CH COSA PUOI FARE? • Voglio distribuire volantini • Ho tempo due orette il 9, 16 o il 23 gennaio per distribuire bandiere • Voglio appendere una bandiera • Voglio scrivere una lettera per i giornali • Voglio fare una donazione! • Ho tempo per aiutare un pomeriggio in segretariato

AIDE POUR LA CAMPAGNE! ECRIS-NOUS UN EMAIL AVEC CE QUE TU PEUX FAIRE, TON NOM, ADRESSE ET NUMÉRO DE TÉLÉPHONE À: OLIVER.HEIMGARTNER@JUSO.CH QUE PEUX-TU FAIRE? • Je veux distribuer des flyers. • J’ai le temps le 9, 16 ou 23 janvier pour aider à distribuer les drapeaux. • Je veux un drapeau. • Je veux écrire un courrier des lecteurs. • Je veux faire un don! • J’ai le temps, un après-midi, pour venir aider le secrétariat dans les activités de campagne.


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www.jss.ch · Kontakt: infrarot@juso.ch · 031 329 69 99 · Redaktion: Anna Bleichenbacher · Christine Brunner · Ramina Wakil · Simeon Marty · Jeremy Bacharach · Design & Layout: art.I.schock GmbH, Zürich · www.artischock.net · Druck: S & Z Print · 3902 Brig-Glis Infrarot erscheint 3 Mal pro Jahr.

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Infrarot 213  

Spezialausgabe Spekulationsstopp-Initiative

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