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Zeitung der Jungsozialist_innen • Journal de la Jeunesse socialiste Giornale della Gioventù socialista • Gasetta da la Giuventetgna socialista

4+5 Guerre et paix Eine zweisprachige Debatte über Kriege im Namen des Friedens.

+++JUSO.ch+++

JUSO Schweiz, Postfach 8208, 3001 Bern Nr. 211, März 2015

8 Geschäftsleitung Wir stellen euch die Kandidatin Muriel Waeger vor.

10 Griechenland Neue Perspektiven für ein alternatives Europa.

Kriege. Als Sozialist_innen sind wir gefordert, uns konsequent auf die Seite der Unterdrückten und Vertriebenen zu stellen und den schamlosen Kriegsprofiteuren entgegenzutreten. Aber wer sind jeweils die «wahren Unterdrückten» in einer Welt, die mannigfaltige Widersprüche kennt? Und was für Mittel haben wir einerseits in der Schweiz und andererseits als interna-

tionalistische Linke zur Verfügung, um der Kriegstreiberei weltweit entgegenzutreten? Diese infrarot-Ausgabe widmet sich in mehreren Artikeln der Debatte um eine sozialistische Friedenspolitik, die an der Jahresversammlung in einem Positionspapier vorläufige Aufnahme finden wird.

Peace!

Von Tim Rüdiger

Vor hundert Jahren zerbrach die europäische Sozialdemokratie an der Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Die Appelle für den Frieden und die Besinnung auf den gemeinsamen Kampf für den Sozialismus blieben ungehört und die Menschheit wurde in die blutigsten Jahrzehnte ihrer Geschichte gestossen. Heute tobt nach wie vor eine Vielzahl bewaffneter Konflikte und

AZB 3900 Brig

rot rouge rosso cotschen


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INFRARot • JUSO • März 2015

Kommentar der Redaktion

«Über 50 Tote bei einem Anschlag in Nigeria», «Raketenangriff auf Militär-Hauptquartier in der Ostukraine», «Friedensgespräche im Sudan gescheitert» Push-Nachrichten dieser Art erreichen uns tagtäglich auf unseren Handys. Wir leben in kriegerischen Zeiten, das ist offenkundiger denn je. Wir fühlen uns ohnmächtig und sind beinahe abgestumpft durch die regelmässige Wiederkehr von solchen Meldungen. Der Weltfrieden scheint in unerreichbare Ferne gerückt zu sein. Mani Matter setzte in den 70er-Jahren einzig noch auf die «Hemmige» der Menschen: «Und wem e gseht, was hüt dr Mönschheit droht, so gseht me würklech schwarz, nid nume rot. Und was me no cha hoffe isch alei, dass sie Hemmige hei». Haben wir noch «Hemmige»? Hemmungslos bereichern sich einige wenige auf Kosten von Milliarden. Hemmungslos wird Kriegsmaterial in Konfliktregionen geliefert. Hemmungslos wird Hass gegen Flüchtlinge geschürt. In einer kapitalistischen Weltordnung haben «Hemmige» keinen Platz. Auch nicht der Frieden, den wir uns wünschen. Das vorliegende infrarot will in diesen stürmischen Zeiten ein wenig Orientierung bieten. Wie soll eine sozialistische Friedenspolitik aussehen? Gibt es einen gerechten Krieg? Wie begründet der Leiter der Exportkontrolle des SECO den Export von Kriegsmaterial? Diesen und vielen anderen Fragen rund um das Thema Krieg und Frieden wird in der ersten Ausgabe dieses Jahres nachgegangen. Auch interne Angelegenheiten kommen in diesem Heft nicht zu kurz. Das infrarot meldet sich hiermit in alter Form zurück! Christine

Linke Friedenspolitik – internationalistisch, antikapitalistisch

Von Tim Rüdiger Das heute global herrschende System des Kapitalismus entstand durch Raub, breitete sich durch Kriege und Kolonisierung aus und basiert in seiner alltäglichen Ausbeutung und Verdrängung zum grossen Teil auf systemischer Gewalt. Als Sozialist_innen tun wir deshalb gut daran, Kriege immer im Licht dieses Systems zu betrachten und unserer Verpflichtung zur Förderung des Friedens stets auch antikapitalistischen Kampf folgen zu lassen. Nicht jeder Krieg kann vollständig auf dieselben Gründe zurückgeführt werden und es ist falsch, hinter jedem Krieg nur die imperialistischen Interessen des Kapitals zu wittern. Wie gehen wir heute beispielsweise mit den US-amerikanischen Bombern um, die einen massgeblichen Anteil zur symbolträchtigen Verteidigung des radikaldemokratisch organisierten Kobanê gegen den «Islamischen Staat» beitrugen? Wie können wir eine sozialistische Position zu Konflikten wie dem aktuellen in der Ukraine finden, in dem es auf allen Seiten nicht an ekelhaften und reaktionären Akteur_Innen mangelt? Auch vor der tieferen Konfliktanalyse haben alle Kriege jedoch eines gemeinsam: sie bringen Unterdrückte und Vertriebene hervor. Millionen Menschen, ihrer Lebensperspektiven beraubt, sind heute auf der Flucht. Dass die heutigen Mächtigen in Europa als einzige Antwort die Aufstockung von Mauern und Stacheldrahtzäunen hervorzubringen vermögen, muss als Schande in die Geschichtsbücher eingehen.

Die JUSO Schweiz setzt in diesem Jahr auch international Zeichen für den Frieden. Vor hundert Jahren wurde unter der Führung von Robert Grimm und Leo Trotzki bei Bern das Zimmerwalder Manifest für eine geeinte Sozialdemokratie gegen den Krieg verfasst. Zusammen mit den « Nicht jeder Krieg kann vollständig auf dieselben Gründe zurückgeführt werden und es ist falsch, hinter jedem Krieg nur die imperialistischen Interessen des Kapitals zu wittern.» anderen europäischen sozialistischen Jugendorganisationen werden wir es ihnen am YES Kongress in Winterthur gleichtun und ein zweites Zimmerwalder Manifest verabschieden, mit dem wir dem sozialistischen Kampf für Frieden im 21. Jahrhundert Nachdruck verleihen wollen. Pünktlich zum Jubiläum im September wird schliesslich zur Würdigung des Manifests bei Bern eine Gedenkfeier stattfinden.


Interview mit Simon Plüss 3

Militarismus – das Teufelsspiel Interview mit Simon Plüss, SECO, Ressortleiter Exportkontrollen/Kriegsmaterial

Von Ramina Wakil

Immer wieder bewilligt der Bundesrat Kriegsmaterialexporte in Konfliktländer wie z.B: Pakistan, Israel, Saudi-Arabien etc., obwohl diese in der Kriegsmaterialverordnung explizit verboten sind. Unter Neutralität versteht der Bundesrat nur allzu oft, dass beide Seiten eines Konflikts gleichermassen mit Waffen versorgt werden. Der Bundesrat möchte in Zukunft die Waffenbewilligung genauer überprüfen – vor allem, weil die Waffen trotz der Unterzeichnung eines Verbots an Dritte weitergegeben werden – sind das nur leere Versprechen? Liefert die Schweiz ausschliesslich Waffen in andere Länder, um mehr finanzielle Einnahmen zu generieren? Bei Rüstungsausfuhren geht es dem Bundesrat insbesondere um die Aufrechterhaltung der für die Landesverteidigung relevanten industriellen Kapazität, wie dies Artikel 1 des Kriegsmaterialgesetzes (SR 514.51) vorsieht, und damit um ein sicherheitspolitisches Anliegen. Ebenso wichtig ist aber, dass Schweizer Rüstungsausfuhren nicht zur Gefährdung von Stabilität und Sicherheit beitragen oder zur Begehung von Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden. Entsprechend sieht die Kriegsmaterialverordnung Bewilligungskriterien vor, anhand derer Ausfuhrgesuche im Rahmen von Einzelfallprüfungen durch das SECO und ggf. das EDA beurteilt werden.

Wir liefern Waffen in eine Region, von der wir wissen, dass sie dort in andere Hände gelangen? Die Schweiz liefert nicht in Regionen, von denen sie weiss, dass das Risiko hoch ist, dass Kriegsmaterial dort in die «falschen Hände» gelangen könnte. Gemäss Art. 5 Abs. 2 Bst. e Kriegsmaterialverordnung dürfen solche Ausfuhren nicht bewilligt werden. Im Übrigen lässt sich in der Regel kaum je eine ganze Region als risikoreich bezeichnen. Eine entsprechende Beurteilung muss, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, mit Bezug auf einen konkreten Endempfänger und eine konkrete Ausfuhr vorgenommen werden. Wird die Schweiz genauer prüfen müssen, an wen sie Waffen liefert? Die Schweiz prüft sehr genau, an wen Waffen geliefert werden. Die Weitergabe von Kriegsmaterial ist ohne die offizielle Zustimmung der Schweiz nicht erlaubt. Empfängerländer, an die schweizerisches Kriegsmaterial geliefert wird, müssen vertraglich zustimmen, dass sie das erworbene Kriegsmaterial nicht ohne die Zustimmung der Schweiz weitergeben. Ebenso kann sich die Schweiz das Recht ausbedingen, die gelieferten Waffen vor Ort zu kontrollieren. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern überprüft die Schweiz regelmässig im Ausland die Einhaltung der unterzeichneten Nichtwiederausfuhrerklärungen. Überprüft wurden 2013 und 2014 Waffenlieferungen nach Brasilien,

Indien, Kasachstan, Katar, Libanon und Ukraine. In all diesen Ländern hat sich im Rahmen der Kontrollen gezeigt, dass sie ihre Verpflichtung, das erhaltene Kriegsmaterial nicht ohne das Einverständnis der Schweiz zu reexportieren, eingehalten haben. 2015 sind weitere Überprüfungen, sogenannte Post-Shipment Verifications, vorgesehen. Die Interessen der Rüstungslobby werden in der Schweiz stärker gewichtet als Menschenrechte und Demokratie. Was ist Ihre Meinung dazu? Meiner Meinung nach ist diese Aussage verkürzt, und ich habe auch nicht den Eindruck, dass die Interessen der Rüstungslobby stärker gewichtet werden als Menschenrechte und Demokratie. Dass in diesem Bereich aber ein gewisses Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Zielsetzungen besteht, ist unbestritten. Nach meinem Dafürhalten besteht einer der Vorteile des politischen Systems der Schweiz gerade darin, dass immer wieder ein Ausgleich zwischen verschiedenen, sich teilweise widersprechenden Interessen herbeigeführt wird. Schliesslich möchte ich darauf hinweisen, dass die Schweiz nach wie vor über eine der strengsten Kontrollen bei der Ausfuhr von Kriegsmaterial verfügt.


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INFRARot • JUSO • März 2015

Krieg und Frieden, des questions de doctrine! Interview: François Clément und Christine Brunner

Sollen Kriege im Namen des Friedens geführt werden? Kann es einen gerechten Krieg geben? Eine zweisprachige Grundsatzdebatte über Friedenspolitik zwischen zwei Jungsozialisten. Aurèle Chastellain est membre de la Jeunesse Socialiste vaudoise et de l’armée suisse. Mais, ce jeune sergent lance-mines de l’infanterie n’est pas un va-t-en-guerre pour autant. La guerre est pour lui un mal. Mais, parfois, un mal nécessaire pour éviter le pire. Et si, une guerre doit être menée; c’est par les forces de maintien de la paix de l’ONU, pour lesquelles il souhaite travailler, et pas par une nation seule. Lewin Lempert ist Mitglied der JUSO Zürich und politischer Sekretär der GSoA. Er lehnt grundsätzlich jede Form von Militarismus ab. Den Krieg sieht er als ein Mittel des Kapitalismus, um die Interessen der Oberschicht durchzusetzen.

Lewin Lempert François: Peux-tu définir quelles guerres te paraissent nécessaires, quand ce mal devient nécessaire? Aurèle: Une guerre que l’on doit mener et une guerre qui cherche à stopper les violences extrêmes autour des religions, ressources et frontières. Dans ce cas, une intervention militaire peut être comparée à une intervention humanitaire. Pour les deux, l’objectif est de devenir inutile. Le but est d’éradiquer la misère et la violence pour ne plus avoir à utiliser ces outils.

Lewin: «Wie Ungerechtigkeit nicht mit Ungerechtigkeit bekämpft werden kann, kann auch Krieg nicht mit Krieg bekämpft werden» Mais, pour y parvenir, on doit passer par des armées pour prévenir la guerre et maintenir la paix. Lewin: Wie Ungerechtigkeit nicht mit Ungerechtigkeit bekämpft werden kann, kann auch Krieg nicht mit Krieg bekämpft werden. Unsere Aufgabe als Sozialist_innen und Sozialisten muss es sein, bewaffnete Konflikte zu verhindern. Darum sollten wir nicht dem Gedanken verfallen, uns auf die eine oder andere Seite in einem kriegerischen Konflikt schlagen zu wollen. Der einzelne Mensch steht für uns im Zentrum. Denn genützt hat den Menschen eine kriegerische Auseinandersetzung noch nie. François: Lewin dit que la guerre est toujours engagée par le pouvoir en place. Le risque d’abus autour d’un pouvoir qui décide, cela c’est la guerre à mener, n’est-il pas un problème? Aurèle: Heureusement, dans une démocratie, le peuple a le pouvoir et décide de la guerre. De plus, chaque humain a des responsabilités envers les autres; et cela aussi à l’échelle internationale. Certains pays connaissent l’horreur: la vie de civils innocents, de cultures entières et de patrimoine humain y sont en danger. C’est un devoir d’intervenir. Bien sûr, il y a déjà eu des abus. Mais, la nécessité d’intervenir dans des conflits restes. Lewin: Je reconnais que l’on doit intervenir pour porter secours à un peuple. Mais cette intervention ne doit pas être militaire. C’est l’envoi de forces d’aides civiles qui est important. Une intervention militaire n’apporte pas la paix. Elle empire les violences, augmente les armes et armées en présences et fait durer les conflits. Les conséquences sont la création de groupes

plus radicaux et plus violents et une société plus divisée. Christine: Würdest du militärische Hilfe auch als letztes Mittel, z.B. im Falle eines Völkermordes, strikt ablehnen? Lewin: Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Fälle einer militärischen Intervention als ultima ratio existieren. Ich würde hier aber niemals von einem gerechten Krieg sprechen, sondern sehe einen militärischen Verteidigungskrieg als allerletztes Mittel der Intervention. Dabei muss in einem solchen Fall ganz klar ein Auftrag der internationalen Gemeinschaft vorliegen. Es braucht ein externes, unabhängiges Gremium, welches diesen Einsatz beschliesst, durchführt und überwacht. François: Ce sont les nations puissantes qui lancent les «guerres justes». Car la guerre demande de nombreux moyens. De ce fait, l’intervention militaire à l’étranger pour une «guerre juste» n’est-elle pas réservée à quelques nations favorisées? Aurèle: Ich finde es wichtig, dass die UNO sicherstellt, dass gewisse Regeln respektiert werden. Ja, es sind die mächtigen Nationen, die intervenieren, denn sie haben auch die Mittel dazu. Um Missbräuche zu verhindern, muss die UNO gestärkt, das Vetorecht im Sicherheitsrat abgeschafft werden. Bei jeder militärische Intervention müssen ausserdem der Schutz der Zivilbevölkerung und die Hilfe beim Wiederaufbau gewährleistet werden. Bei vielen Konflikten ist eine nichtmilitärischen Lösung praktisch unmöglich. Während ausführlich über eine Welt ohne Krieg diskutiert wird, sterben viele Menschen. Lewin: Je suis en accord avec les reformes de l’ONU que tu proposes. Mais, les conflits d’aujourd’hui sont les résultats de conflits plus anciens. Et ta solution c’est encore plus de guerres. C’est une contradiction! Notre réponse n’est pas l’intervention militaire, notre réponse c’est l’interdiction de l’exportation de ma-


Krieg und Frieden 5

tériel de guerre, c’est interdire à nos banques de fournir des moyens financiers aux guerres et la solidarité internationale. François: Si les guerres actuelles sont les suites de guerres plus anciennes, pourquoi intervenir militairement dans des conflits? Aurèle: La deuxième guerre mondiale s’est déroulée en Europe; et l’Europe connait aujourd’hui la paix. Si les USA, l’Angleterre et le Canada n’étaient pas intervenus dans ce conflit, nous n’aurions plus de démocraties et de libertés en Europe. Il y a un stade où il faut intervenir! C’est les programmes qui viennent après la guerre qui rendent possible une paix durable. La guerre doit être suivie par la reconstruction, la stabilisation, la justice, la démocratie. Malheureusement, la volonté a manqué dans certains conflits. Nous n’avons pas suffisamment assumé l’aprèsguerre. Je suis d’accord qu’il faut stopper les exportations d’armes et le financement des guerres. Mais, il faut aussi augmenter le nombre de soldats suisses dans le contingent de l’ONU. La Suisse est loin derrière les autres nations neutres. Je crois que la paix mondiale passe par l’ONU et par une politique active de paix. Lewin: Im Zweiten Weltkrieg brauchte es eine militärische Intervention, da stimme ich zu. Aber wie kam danach der Frieden in Europa zustande? War es dank dieser militärischen Intervention? Nein. Die mi

Aurèle Chastellain

litärische Intervention hat den Völkermord beendet. Den Frieden brachte jedoch die diplomatische Bereitschaft der sogenannten Siegermächte, um mit den Verlierern wieder ein gemeinsames Europa aufzubauen. Es war der internationale Gedanke und die Einsicht, dass es allen Menschen längerfristig nur gut gehen kann, wenn es keine militärischen Auseinandersetzungen auf europäischem Boden mehr gibt. Ich würde aber auch bestreiten, dass in Europa heute wirklich Frieden herrscht. Es sterben mehrere tausend Menschen pro Jahr im Mittelmehr. Das ist nicht Frieden für mich. François: Aber was können wir machen, wenn ein Land sehr mächtig ist und Krieg führen will, es aber keinerlei Bereitschaft für den diplomatischen Weg zeigt? Lewin: Wenn die Situation so ist, dass zwei Gruppen Krieg führen, die diplomatischen Bemühungen scheitern und dann deswegen zusätzlich noch von externer Seite in den Konflikt eingegriffen wird, dann sind es schon drei, die involviert sind. Das funktioniert nicht. Natürlich, die Diplomatie kann für das Verhindern von Kriegen sehr hilfreich sein. Ein anderes, wichtiges Mittel ist jedoch die weltweite Abrüstung. Nur das Fehlen von militärischen Mitteln kann wirklich Kriege verhindern. Aurèle: La diplomatie et la politique ont leurs limites. Il y a un moment où le conflit devient inévitable; particulièrement si les victimes de violences sont des cibles faciles. Il y a des visions et des objectifs trop différents entre les nations ou les gouvernements pour permettre un désarmement total du monde. L’armée est un outil de prévention avant tout. Elle a pour but de dissuader les autres de conduire une guerre. Elle peut forcer les peuples, les groupes, les nations et les gouvernements à s’assoir aux tables de négociations, et cela sans coup de feu. François: Was möchtet ihr uns abschliessend noch sagen? Aurèle: Quand des cultures, la vie et le patrimoine humain sont en danger, il n’y a

pas de question à se poser: Il faut intervenir! Un monde en paix est une vision noble que je soutiens. Mais, elle a 1000 ans d’avance sur la situation réelle du monde. L’humanité n’est pas encore prête pour une planète sans armes et sans guerres. Nous devons continuer à travailler pour ce monde en paix, tout en faisant face aux réalités actuelles. Lewin: Bereits die Römer haben über den gerechten Krieg nachgedacht. Gerechtigkeit und Krieg sind für mich aber zwei Konzepte, die sich widersprechen. In der Praxis ist es zum Beispiel niemals mög-

Aurèle: «Quand des cultures, la vie et le patrimoine humain sont en danger, il n’y a pas de question à se poser: Il faut intervenir!»

lich, den Schutz der Zivilbevölkerung in einem Krieg zu gewährleisten oder am Ende eines Konfliktes einen gerechten Frieden herbeizuführen. Ausserdem ist es mir sehr wichtig, dass wir uns nicht die Frage stellen, ob und wann es einen Krieg braucht. Wir müssen uns stattdessen fragen, wie wir einen Krieg verhindern können. Und wir können einen Krieg nur verhindern, indem wir die globale Abrüstung vorantreiben und uns für eine internationale Gemeinschaft einsetzen.


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INFRARot • JUSO • März 2015

Frische Luft für Kobanê: Nach dem Widerstand folgt der Wiederaufbau

Von Mirza Michael Hodel

Als im vergangenen September die Milizen des sogenannten «Islamischen Staates» ihre Offensive bis nach Nordsyrien ausweiteten, wurde die Grenzstadt Kobanê innerhalb weniger Tage eingekesselt. Im Rücken der Stadt erstreckt sich die 90 Kilometer lange türkische Grenze, dahinter befindet sich die türkische Stadt Suruç. Die Grenze im Rücken und die Belagerer unausweichlich vor den Augen: Eine Rettung der Stadt erschien nur aus der Luft oder von innen heraus möglich. So entschieden sich organisierte Kräfte für den Widerstand. Die Stadt Kobanê befindet sich in dem von Kurden besiedelten Gebiet «Westkurdistan», in der Region Rojava, auf syrischem Staatsgebiet. Sie liegt f lach unter einem Hügel, was die Belagerer ausgenützt haben. Unter der Führung der kurdischen YPG (Yekîneyên Parastina Gel; übersetzt: Volksverteidigungseinheiten) wurde der Widerstand gegen die tyrannischen Angreifer gebildet. Die YPG ist eine militärische Partnerorganisation der PYD (Partei der Demokratischen Union), die eng mit der kurdischen PKK zusammenarbeitet. Beide Organisationen treten für die Rechte der Kurd_innen, für eine konfessionslose, radikaldemokratische Ordnung und für Selbstverwaltung in der Region ein. Es ist primär ihrem Durchhalten zu verdanken, dass Kobanê nicht nach einer Nacht eingenommen wurde. So konnte das Blatt zugunsten der Stadt gewendet werden: Nach einem zähem Kampf von 130 Tagen wurde am 26. Januar ihre Befreiung gefeiert. Gemäss Angaben von PYD-Vertretern in Europa sind mehr als 80 Prozent aller Dörfer im Umkreis von Kobanê nun befreit. Doch was sind die Zukunftsaussichten für die Region? Am 19. Februar fand diesbezüglich eine Podiumsdiskussion im Zürcher Volkshaus statt. Zu Gast war Songül Karabuhut (Sprecherin der

aussenpolitischen Kommission des «Kurdistan Nationalkongress KNK») und Hassan Mohamed Ali (europäischer Vertreter der PYD). Gemäss ihnen ist es das Wichtigste, die beschädigte Region wieder aufzubauen und friedliche Perspektiven für die Bevölkerung zu schaffen. Das Ziel von PYD und YPG sei daher, die Selbstverteidigung und Selbstbestimmung in der Region aufrechtzuerhalten. Doch dies erfordert Mut. In Kobanê sind zurzeit 3000 Gebäude zerstört. Die drei Stadtspitäler sind dem Erdboden gleichgemacht, für dringliche Fälle steht ein provisorisches unterirdisches Notspital zur Verfügung. Gemäss Ali ist es die oberste Priorität, ein mobiles Krankenhaus aufzubauen. Doch Medikamente und Pf legepersonal fehlen. Karabuhut spart nicht mit Kritik an der türkischen Syrienpolitik: Die Türkei lehne es bis heute ab, einen «grossen Korridor» zwischen der türkischen Grenzstadt Suruç und Kobanê zu errichten. Dies sei für den Import von Medikamenten und Pf legepersonal entscheidend. Nahrungsmittel- und Medikamentenimporte für Kobanê seien von der türkischen Grenzpolizei oft abgewiesen worden. Versuche, Verletzte über die Grenze in türkische Spitäler zu bringen, seien ebenso gescheitert. Es stelle sich daher die Frage nach Stellvertreterkriegen in der Region. Es sei anzunehmen, dass neben dem Iran, der schiitische Extremisten unterstützt, die Türkei angesichts der kontroversen Kurdenfrage heimlich IS-Truppen logistisch bevorzugt hat. Trifft das zu, handelt es sich um einen Skandal. Auf europäischer und internationaler Ebene muss daher sofort Druck auf die Türkei ausgeübt und auf die Einhaltung der Menschenrechte gepocht werden. Ein Korridor zwischen Kobanê und Suruç, der Medikamente, Nahrungsmittel sowie Ärztepersonal nach Kobanê zulässt, wäre

entscheidend. Dem wird die Türkei wohl nicht zustimmen, da sie Waffenschmuggel über die Grenze fürchtet. Eines ist klar: Jede Stadt, die auf friedlichen Strukturen auf baut, ist ein wertvolles Symbol und Leuchtfeuer für den Frieden in der Welt. Dies hat Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gelernt. Kobanê soll und muss wieder frische Luft atmen. Karabuhut drückt dies mit folgenden Worten aus: «Wir wollen frei leben in Kobanê.»

Wer sich international solidarisch mit der Region Rojava und der Stadt Kobanê zeigen will, kann dies mit einer Nothilfespende tun. In Kobanê fehlen nach wie vor wichtige Medikamente, die vor Ort gekauft werden können, aber Geld erfordern. Durch die Kämpfe vom vergangenen September wurden alle drei Stadtspitäler zerstört. Die Schweizer Organisation medico international schweiz war in Kobanê und leitet die direkte Nothilfe vor Ort. Medico ist in direktem Kontakt mit kurdischen Ärzten und dem Rojava-Krisenzentrum in Suruç, welches die regionale Hilfe koordiniert. Spenden an: medico international schweiz, 8031 Zürich. 80-7869-1 Vermerk: Nothilfe Kobanê.


Interna 7

AG Lernende – Stand der Dinge Interview: Christine Brunner

An der Delegiertenversammlung in Schaffhausen beschloss die JUSO Schweiz letztes Jahr eine ausserparlamentarische Kampagne für die Rechte der Lernenden. Die Arbeit der AG Lernende rückte mit diesem Entscheid weit nach oben auf der Prioritätenliste der JUSO. Verantwortliche der AG ist die gelernte Lebensmitteltechnologin Pascale Buser. Zurzeit studiert sie Umweltingenieurswesen an der ZHAW Wädenswil. Dem infrarot gibt sie Auskunft über den Stand der Dinge. Wer ist bei der AG Lernende dabei? Unsere AG besteht zurzeit mehrheitlich aus Lernenden und Ausgelernten. Dennoch arbeiten auch einige aus dem Gymnasium mit. Den Lernenden ist es ein besonderes Anliegen, sich «in eigener Sache» zu engagieren, sprich den zukünftigen Lernenden aufgrund von eigenen Erfahrungen eine rosigere Ausgangslage zu ermöglichen. Wo siehst du momentan den grössten Handlungsbedarf? Das Ansehen der Lehre ist nach wie vor gering. Der Weg über das Gymi an die

Hochschule scheint in vielen Köpfen noch der einzige zu sein, welcher eine gesicherte Zukunft garantiert. Eine andere Baustelle sehe ich bei den Lernenden selbst. Sie müssen sich ihrer Rechte bewusst werden und so die Möglichkeit haben, sich gegen Missstände zu wehren. Sie sollten durch die ersten Jahre in der Berufswelt nicht gleich vergrault werden. Wo steht die AG Lernende im Moment? Was wurde bereits gemacht? Grosse Erfolge können wir bisher noch nicht vorweisen, da es die AG noch nicht lange gibt. Mit dem Entscheid der DV in Schaffhausen gewann unsere Arbeit aber ziemlich an Bedeutung. Dies verleiht uns nun den Schwung, kräftig anzupacken. Welche Ziele verfolgt ihr? Welche konkreten Pläne habt ihr, um diese zu erreichen? Wir streben eine Sensibilisierung auf die Thematik in der JUSO an. Wir wollen unsere Ideen überzeugend und glaubhaft in die Gesellschaft und auf die Politbühne tragen.

Momentan arbeiten wir an einem Workshop, mit welchem wir eine Sektionstour machen werden. Einerseits soll das Thema Berufslehre den Nicht-Lernenden näher gebracht werden. Anderseits geben wir den Sektionen einen Leitfaden ab, wie wir die Berufsschulbesuche gestalten wollen. Welche Schwierigkeiten erwartest du bei eurer Arbeit? Da die JUSO grösstenteils aus Studierenden besteht, haben wir Zweifel bezüglich unserer Glaubwürdigkeit an den Berufsschulen. Weiter stellt sich die Frage, ob wir die erwünschte Präsenz an den Berufschulen aufbringen können, da die Genoss_innen tagsüber selbst Programm haben und das verfügbare Zeit- und Energiebudget gering ist. Möchtest du dich in der AG Lernende engagieren? Dann melde dich bei info@juso.ch

NEIN zum Schnüffelstaat Von Lewin Lempert

Wieder einmal erleben wir in der Schweiz eine paradoxe politische Situation. Zeitgleich wie die Bürgerlichen den linken Parteien das Totschlag-Hammer-Kommunismus-Argument an den Kopf werfen, verfechten sie eine totalitäre Überwachungspolitik. «Frei bleiben» ist das Motto der SVP, «liberal» nennt sich die FDP und die CVP ist - wie immer - im Kinderwagen mit dabei, gleichzeitig wird mit dem BÜPF aber ein schamloser Freiheitsentzug betrieben. Das Bundesgesetz zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF) ist ein Paradebeispiel dieser unsäglichen Politik. Anstatt multinationale Konzerne wie Google, Apple und Co. in ihrer Datenüberwachung und -speicherung an die Leine zu nehmen, stellt das BÜPF den einzelnen Menschen unter Generalverdacht und beraubt ihn seiner Freiheit. Mit dem BÜPF sollen in Zukunft die Randdaten der Telekommunikation, sprich mit wem wir wie, wann und wo telefonieren, ein ganzes Jahr gespeichert werden. Zusätzlich wäre es er-

laubt, Staatstrojaner auf Computern zu installieren, welche verschlüsselte Kommunikation erfassen können. Die Resultate dieser Überwachung wären nicht nur der zivilen Justiz zugänglich, sondern ebenfalls der intransparenten und höchst undemokratischen Militärjustiz. Neben dem BÜPF ist mit dem Nachrichtendienstgesetz (NDG) ein weiteres Gesetz in Beratung, welches diese Schnüffelstaat-Methoden noch weiter ausweiten würde. Damit hätte der Nachrichtendienst etwa die Möglichkeit, die Schlafzimmer der Bürger_innen zu verwanzen. «Big Brother» und der schweizerische Fichenskandal, der Ende der 80er-Jahre aufflog, geben sich freundschaftlich die Hand! In Zeiten von «Charlie Hebdo» ist es natürlich ein Leichtes, die präventive Überwachung der Gesellschaft als Frage der Sicherheit darzustellen. Was jene, welche sich mit dem Argument der Terrorbekämpfung für einen verstärkten Überwachungsstaat einsetzen, jedoch vergessen, ist Fol-

gendes: Radikalisierung entsteht nicht über ein verdächtiges SMS oder eine kodierte Mail, denn radikalisiert wird, wer sich sozial ausgeschlossen und perspektivenlos in einer kommerzialisierten, sterilen und normierten Gesellschaft wiederfindet. Und mit dem BÜPF werden nicht einige wenige überwacht, sondern jede und jeder, egal ob gross oder klein, dick oder dünn. Unsere Antwort als JUSO darf also nicht präventive Überwachung und Repression auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit sein, sondern der Einsatz für eine solidarische und gerechte Gesellschaft. Darum sollte die JUSO sowohl gegen das BÜPF als auch gegen das NDG das Referendum ergreifen. Nur so können wir den Schnüffelstaat stoppen!


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INFRARot • JUSO • März 2015

Muriel Waeger Von Christine Brunner

Nebst den bisherigen Mitglieder kandidiert neu Muriel Waeger für die Geschäftsleitung der JUSO Schweiz. Muriel, wer bist du? Ich bin fröhlich und manchmal auch ein bisschen verrückt. Ich studiere Chemie und Geschichte und mag Extremsportarten.

Vorname: Muriel Name: Waeger Alter: 20 Wohnort: Fribourg Sektion: JUSO Waadt Bisherige Ämter: Informatikverantwortliche in der Geschäftsleitung JUSO Waadt, SP Delegierte Mein politisches Vorbild: Rosa Luxemburg Mein politisches Feindbild: Margaret Thatcher Dieses Buch muss man gelesen haben: «Der gute Mensch» von Sezuan von Bertolt Brecht Diesen Film muss man gesehen haben: «Chat noir, chat blanc» von Emir Kusturica Das beste sozialkritische Lied: «Mon père était tellement de gauche» von Les Fatals Picards Lieblingszitat: «Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben dafür eine Welt zu gewinnen» Karl Marx

Auf welchem Weg kamst du zur JUSO? Ich war während der Zeit, als die Abstimmung zur Minarett-Initiative stattfand, in Deutschland. Als das Ergebnis feststand, wurde ich als Rassistin bezeichnet. Meine deutschen Schulkolleg_innen verstanden nicht, wie so etwas geschehen konnte. Auch ich verstand es nicht. Ich habe gemerkt, dass ich viele Dinge in der Schweiz und auf der Welt verändern möchte. So bin ich dann an meine erste JUSO-Versammlung gegangen. Was hat dich dazu bewogen, für die Geschäftsleitung zu kandidieren? Ich habe in den vergangenen Jahren viele Texte übersetzt, zum Beispiel für die Workshops WSWS I und II. Zudem habe ich mich immer bemüht, Personen aus der Westschweiz für Aktionen und Veranstaltungen zu begeistern. Ich möchte meinen Aktivismus aber noch verstärken. Die politische Arbeit finde ich sehr interessant und es würde mich freuen, wenn ich mich in der Geschäftsleitung engagieren könnte. Ich muss aber auch zugeben, dass ich wahrscheinlich nicht kandidiert hätte, wenn man nicht auf mich zugekommen wäre. Wofür möchtest du dich als Mitglied der GL stark machen? Ich möchte, dass die JUSOs der Deutschund Westschweiz noch stärker zusammenarbeiten und dass die Mitglieder der Westschweiz vermehrt an nationalen Ereignissen teilnehmen.

Ausserdem will ich mich für die LGBTRechte engagieren. Im Verband der Westschweizer LGBT sind wir im Moment daran, entsprechende Forderungen zu formulieren. Ich möchte, dass sich die JUSO wieder vermehrt mit dieser Thematik befasst. Welche Themen sind, wenn es nach dir geht, in den nächsten Jahren zentral für die JUSO? Das Thema der Ökonomie finde ich am wichtigsten. Wenn wir die Wirtschaft, die Basis des kapitalistischen Systems, verändern können, können wir einen kompletten Systemwechsel erreichen und allen, die darunter leiden, helfen. Wir müssen den Menschen in der Schweiz die Augen öffnen und ihnen beweisen, dass es Alternativen zum Kapitalismus gibt. Viele Leute finden viele Dinge ungerecht, aber oftmals erkennen sie die Gründe nicht. Die Frage der Bildung ist für mich hier sehr zentral. Wir müssen auch weiterhin für mehr soziale Gerechtigkeit kämpfen. Kannst du uns zum Schluss noch eine JUSO-Anekdote zum Besten geben? Es ist nicht wirklich eine Anekdote, aber ich erinnere mich sehr gut an meine erste Delegiertenversammlung der JUSO Schweiz, die in Lausanne stattfand. Jean Ziegler und ein Kantonsrat der SVP waren da und diskutierten über Agrarpolitik. Dieser Kontrast hat mich sehr überrascht, das hatte es seither nicht mehr gegeben. Wir waren uns da tatsächlich mit einem SVP-Politiker und Bauer bezüglich der Nahrungsmittelspekulationsfrage einig. Hier habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass unsere Politik die einzige ist, die keine Widersprüche enthält.


Kinokultur 9

Victime et coupable De François Clément

Une chose est certaine pour mes camarades et moi quand nous sortons de la séance: «Snow Therapy» est génial! Mais, quant à l’interprétation de la place de chaque protagoniste de ce film, même après une heure de débat devant la gare, personne n’est d’accord. C’est que ce film Suédois de Ruben Östlund, prix du jury «un certain regard» au festival de Canne, s’attaque frontalement à notre vision du couple et du rôle de chacun dans celui-ci. Entrecoupant le massacre du modèle occidentale de la famille par des paysages magnifiques, où les explosifs des «avalanches contrôlées» donnent un sentiment d’orage ou de guerre qui approche piégeant les protagonistes. Cet orage (ou cette guerre) commence par une faute du pater familias: Devant une avalanche, il fuit, abandonnant sa femme et ses enfants. Heureusement, plus de peur que de mal, c’est une fameuse «avalanche

contrôlée», la famille ne risquait rien. Entre deux rires nerveux, tout le monde reprend donc sa place, en apparence. En apparence, car, le père a échoué dans son devoir de protéger sa famille. Il est coupable et doit reconnaitre sa faute publiquement. Il perd ainsi sa place de père protecteur de la famille, voir même sa virilité. Pourtant, le père devient rapidement aussi victime. Victime d’une femme qui ne peut pas accepter qu’il ne remplisse pas le rôle de héros, attribué à son sexe. Victime de son ami plein de bonne volonté qui lui parle comme s’il était émasculé. Victime du jugement humiliant de toutes les personnes qui découvrent l’histoire. Mais, le réalisateur ne veut pas épargner le spectateur. Finalement, le père devient aussi notre victime. Nous qui l’avons aussi jugé. Nous qui comme les protagonistes, sommes victimes des stéréoty-

pes genrés et coupable de les imposer aux autres. Seul bémol, le réalisateur n’a pas réussi à choisir sa fin, et semble donc enchaine les plans finaux. Mais, il réussit son pari. Car quel que soit notre interprétation des actes de chaque protagoniste, on sort bien ébranlé du cinéma.

2 minutes avant la «douche froide»

«Leviathan» – Korruption und Wodka Von Christine Brunner

Szene aus «Leviathan» - Kolyas Sohn sitzt bei einem Walskelett International wird der Film «Leviathan» des Regisseurs Andrey Zvyaginsev gefeiert. Er gewann in diesem Jahr den Golden Globe und wurde sogar als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert. In Russland selbst weiss man nicht, ob man stolz oder beleidigt sein soll. Dem russischen Kulturminister Wladimir Medinski passt der Film überhaupt nicht, er würde ein stereotypes Russlandbild vermitteln. In «Leviathan» gibt es denn auch kaum eine Einstellung, in der nicht Wodka getrunken oder gef lucht wird. Noch viel weniger gefällt Medinski wohl, dass der Film Kritik an Putins Russland übt. «Leviathan» wurde notabene zu einem Drittel mit staatlichen Fördergeldern gedreht.

Der Film zeigt ein korruptes Russland, in dem die Bürger_innen durch eine unheilige Allianz von Politik, Justiz und Kirche unterdrückt werden. Der Automechaniker Kolya lebt mit seiner Familie in einem idyllisch gelegenen Haus im Norden Russlands. Um an dieser Stelle eine Kirche zu errichten, hat es der korrupte Bürgermeister Vadim just auf dieses Meeresgrundstück abgesehen und will ihn dafür mit einer lächerlichen Summe Geld entschädigen. Damit können sich Kolya und seine Familie nicht mal eine einfache Wohnung in der Stadt leisten. Der Protagonist lässt sich daraufhin auf einen aussichtslosen Kampf gegen den Bürgermeister ein. Machenschaften mit fatalen Konsequenzen nehmen ihren Lauf.

Die Aufmerksamkeit, die «Leviathan» international erhält, hat sicher zu einem gewissen Grad mit seiner schonungslosen Kritik am heutigen Russland zu tun. Der Film hat aber nebst seiner Aktualität auch in künstlerischer Hinsicht ausgesprochen viel zu bieten. Epische Landschaftsbilder, das Erzählen in Metaphern, raffinierte Anspielungen auf das Buch Hiob und Hobbes «Leviathan» sowie subtiler Humor sind nur wenige von vielen Gründen, warum es sich bei Zvyagintevs Film um ein Meisterwerk handelt. «Leviathan» läuft seit dem 12. März 2015 in den Deutschschweizer Kinos.


10 INFRARot • JUSO • März 2015

Eine Chance für Europas Linke Von Tim Rüdiger

Nachdem lange Zeit kein Riss in der neoliberalen Hegemonie von Austerität und Deregulierung erkennbar war, ermöglicht der Wahlsieg des linken Bündnisses Syriza in Griechenland neue Perspektiven für ein alternatives Europa.

Die europäische Linke steht und fällt mit Alexis Tsipras. Foto: Lorenzo Gaudenzi, flickr Jahrzehntelang wechselten sich in Griechenland die liberalkonservative Nea Dimokratia und die «sozialdemokratische» Pasok in der Regierung, heisst: in der Bildung einer eigenen Klientelpolitik, ab. In der Finanzkrise und durch die anschliessenden Bankenrettungen geriet das Land in wirtschaftliche Schieflage. Ohne mit den Wimpern zu zucken, setzten die zwei Parteien gemeinsam die neoliberalen Reformen durch, die von der Troika (IWF, EU-Zentralbank, EU-Komission) an Hilfeleistungen geknüpft wurden. Die strukturelle Schwäche Griechenlands, die vor al«Syriza bietet ein Beispiel für das erfolgreiche Verschieben einer bürgerlichen Hegemonie und kann uns auch wegen ihrer starken Verwurzelung in den sozialen Bewegungen und lokalen Basisinitiativen als Vorbild dienen.»

lem aus der unfairen, auf Lohndumping beruhenden deutschen Exportpolitik hervorgeht, wurde niemals kritisch-ökonomisch hinterfragt. Die Folgen der Refor-

men waren desaströs: Pensionär_innen, die sich zwischen Medikamenten und Lebensmitteln entscheiden mussten, weil ihre Rente zusammengestrichen wurde. Jugendliche, die massenweise vor der extremen Arbeitslosigkeit ins Ausland flohen. Staatliche Besitztümer wurden zu Schleuderpreisen an Private verkauft. In der Folge brach die Konsumnachfrage fast vollständig ein und stiess die Wirtschaft noch tiefer in den Teufelskreis. All dies bildete den idealen Nährboden für die neonazistische Chrysi Avgi, die in den letzten Jahren einen besorgniserregenden Aufstieg erfuhr, indem sie den Menschen eine einfache, alternative Erzählung bot: Schuld seien die Migrant_innen, die Juden, die Linken.

Ein neuer Typus Linkspolitiker_in Vor diesem Hintergrund war der deutliche Sieg von Syriza mehr als ein Grund zum Feiern. Das Bündnis hat es geschafft, in der durch die Austeritätspolitik hervorgerufenen humanitären Krise das Vertrauen der Menschen für Lösungen zu gewinnen, die ausserhalb der traditionellen neoliberalen Denkmuster liegen. So sollen der Mindestlohn und die Renten wieder erhöht, Privatisierungsprojekte rückgängig gemacht und Steuerbetrug effizienter ver-

folgt werden. Ebenso wurde kurz nach der Wahl allen im Land geborenen Ausländer_innen das griechische Bürgerrecht verliehen. Syriza bietet ein Beispiel für das erfolgreiche Verschieben einer bürgerlichen Hegemonie und kann uns auch wegen ihrer starken Verwurzelung in den sozialen Bewegungen und lokalen Basisinitiativen als Vorbild dienen. Die prägnanten Vertreter der Partei – allen voran Premierminister Alexis Tsipras und Finanzminister Yanis Varoufakis – verstehen es ausgezeichnet, ihre Politik glaubwürdig symbolisch zu unterlegen. Wenn sie mit Lederjacken und ohne Krawatten den Technokrat_innen der Troika gegenübertreten, mit dem Taxi oder Motorrad statt in der verdunkelten Staatslimousine zur Arbeit fahren oder in der Economy Class an internationale Verhandlungen reisen, ist deutlich zu sehen, dass das keine auswechselbaren Politiker des alten Systems sind. Als Manko bleibt jedoch, dass auf relativ weiter Flur keine weiblichen Syriza-Politikerinnen sichtbar sind.

Den Riss ausweiten

Zu hoffen bleibt nun, dass Griechenland in den Verhandlungen mit seinen europäischen Geldgebern genug Kraft aufbringen kann, um Raum zur Umsetzung der dringend notwendigen Reformen zu gewinnen. Parallel dazu ist internationale Solidarität angesagt, um den kleinen Riss in der neoliberalen Hegemonie auszuweiten. Wehren wir uns gegen die Stigmatisierung der «faulen Pleitegriechen» im Boulevard und in den Gesprächen des Alltags! Wenn es gelingt, in Griechenland selbstbewusste alternative linke Politik zu betreiben, ist das ein ermutigendes Signal für progressive Kräfte in ganz Europa. Als nächstes könnte in Spanien die aus der Protestbewegung 15-M entstandene linke Partei Podemos (übersetzt «Wir können») dem Weg von Syriza folgen. Doch für die Jünger der neoliberalen Sparpolitik steht das Überleben ihrer ganzen Ideologie auf dem Spiel. Und verletzte Hunde sind zäh und bissig …


Smash Sexism! 11

Wollen wir mehr Verwaltungsrätinnen? Von Florian Vock

Die geschlechtliche Einordnung in Frau und Mann ist, bei allen Veränderungen der Art der Zuordnung und der geschlechtlichen Durchdringung der Gesellschaft, historisch hoch stabil. Folglich liegt es nahe, biologische, soziale und auch kulturelle Faktoren zusammen zu denken. Entscheidend ist die Frage, warum Unterscheidungen in Frauen und Männer relevant werden und wie diese gesellschaftlich bewertet werden. «Fakt ist: Die bürgerliche Vorstellung von Emanzipation hat das Leben der Frau nicht einfacher gemacht.» Klassischerweise verstehen wir unter Gleichstellung in der Politik die Repräsentation von Frauen in Politik und Gesellschaft, die Beteiligung von Frauen an Entscheidungen, die Arbeitsteilung im öffentlichem und privatem Bereich, die Verteilung der Ressourcen Zeit, Geld, Mobilität oder Information.

Eine umfassende Geschlechterpolitik bedeutet aber auch, mehr als nur zwei Geschlechter im Blick zu haben. Dazu zählt die Frage nach Sexismus im Alltag und den Normen und Werten, die vermittelt werden. Welche Stereotypen gelten für Frauen und Männer? Welche Rollen werden über Bilder und Sprache zugewiesen? Nicht zuletzt bedeutet es auch, mehr als nur die Anzahl Verwaltungsrätinnen zu zählen. Denn neben der Frage von Geschlecht, Sexualität, Identität oder Praktik eines Individuums gibt es weitere gesellschaftliche Faktoren, die massgeblich über Freiheit und Selbstbestimmung richten. Was sind die Lebensbedingungen von Frauen? Fragen der sozialen Stellung der Frau, der Rasse und Klasse, sind ebenso entscheidend. Alles andere wäre Märchenfeminismus. Fakt ist: Die bürgerliche Vorstellung von Emanzipation hat das Leben der Frau nicht einfacher gemacht. Durchschnittlich zwei Minuten täglich wenden verheiratete Männer für Hausarbeit heute auf. Frau hingegen kümmert sich nicht mehr nur um Haushalt und Kindererziehung, darü-

ber hinaus verdient frau jetzt auch noch Geld. Vielleicht sollten wir als Linke vermehrt auf Care-Arbeiterinnen aus Polen achten, um den Erfolg der feministischen Idee zu messen. Oder an die häusliche Gewalt in gutschweizerischen Ehen. Oder uns fragen: Was hilft es der Emanzipation, wenn die Hausarbeit der frisch gewählten Verwaltungsrätin jetzt neu von einer migrantischen Putzfrau erledigt wird?

Smash Sexism!

Die AG Gleichstellung der JUSO Schweiz veranstaltet in vier Städten vier Events zu den Themen Chancengleichheit, Queer, Familienmodelle, Pornografie und erweitert mit diesen Themen auch gleich den Begriff der Gleichstellung auf Lebensweisen, Praktiken und soziale Strukturen. Wenn du bei der AG mitarbeiten möchtest, melde dich bei info@juso.ch

Jakob: Leider ja. Wir alle sind geprägt von gesellschaftlichen Normen. Durch Sensibilisierung und das konsequente Aufzeigen von sexistischen Vorfällen können wir dem entgegenwirken. Ist eine sexismusfreie Welt eine Welt ohne Geschlechter? Pascale: Nein, sich einem Geschlecht zugehörig zu fühlen, soll in der Wahlfreiheit der Menschen bestehen (bleiben), für andere jedoch keine Rolle mehr spielen. Jakob: Nicht zwingend. Das Wichtigste ist Toleranz aller Formen von Geschlecht und Identität. Pascale Buser und Jakob Lienhard, Mitglieder der AG-Gleichstellung Was ist ein Geschlecht? Pascale: Geschlecht wird an biologischen Merkmalen oder sozialen Rollen festgemacht. Jakob: Ein gesellschaftliches Konstrukt, das zur Kategorisierung von Menschen dient. Wie viele Geschlechter gibt es? Pascale: Keines und /oder beliebig viele. Jakob: Unendlich viele!

Was ist Sexismus? Pascale: Diskriminierung aufgrund verschiedenster Aspekte der Geschlechterthematik Jakob: Diskriminierung aufgrund des Geschlechts Gibt es in der JUSO Sexismus? Pascale: Ja klar, auch wir sind Teil dieser Gesellschaft und sind (leider) nicht (immer) immun gegen deren Einflüsse.

Lesetipp: Pascale: «Co-Feminismus» von Markus Theunert Jakob: Alles von Laurie Penny


Die letzte Seite 12

Goodbye and good luck!

A l’heure de faire le bilan de ces deux années passées au sein du comité directeur de la Jeunesse Socialiste Suisse, je réalise que c’est une expérience qui – au-delà des connaissances techniques acquises sur des sujets politiques très variés - m’a fait traverser toutes sortes d’états émotionnels: de l’embarras à la joie, en passant par l’agacement. Cela avait donc commencé avec une légère honte, en janvier 2013, en passant sur une chaîne de télévision locale pour parler du WEF, alors que mon visage était orange à cause du fond de teint qu’on m’avait appliqué. Ce jour-là, j’ai regretté la télé en noir et blanc. Heureusement, il y a aussi eu des moments drôles, souvent, comme quand on refaisait les chorégraphies de Claude François, à Chandolin, en attendant l’arrivée des participants au camp d’été. Et puis l’année suivante - au camp toujours - être membre du comité avait signifié, pour moi, devoir me verser de la farine dans les cheveux pour me déguiser en une référence suisseallemande que je ne connais même pas (en l’occurrence, il s’agissait de Gilbert Gress, commentateur sportif). De manière générale, si je veux rester zen, j’évite de penser au nombre d’heures passées dans le train, surtout lorsqu’il fallait aller jusqu’en Thurgovie pour boire une bière en 45 minutes, avant de refaire le trajet inverse pour rentrer chez soi. Seuls ceux qui n’ont jamais dû sillonner un pays rêvent de grands empires … En dehors de ces événements plutôt particuliers, il y avait évidemment les fameuses séances de comité, grâce auxquelles j’utilise désormais le mot « concept » dans des discussions de tous les jours.

En tant que romande, j’y ai découvert une culture du travail bien différente de la mienne. Par exemple, la notion de «vite fait, bien fait » n’est pas vraiment reconnue. Au contraire, il faut avouer que mes collègues de comité formeraient une excellente équipe si la discipline «longues réunions» était un sport de compétition! Concernant la compréhension de l’allemand, c’est bien connu: C’est dans la douleur que l’on progresse. J’ai donc pu remballer mon air perdu – même s’il revient au galop dès que je suis confrontée à du schwytzerdütsch – et je me dis qu’il est presque dommage de partir maintenant que je comprends ce qui se dit en séance … Mais il y a un temps pour tout, et d’autres personnes sont prêtes à relever les nombreux défis qui s’annoncent pour le futur de la JS. Ce temps passé au comité directeur a comporté son lot de moments inoubliables, d’apprentissages et de rencontres. En faire partie a constitué une réelle chance de mettre les pieds dans les coulisses de la JS Suisse, parmi les fous rires et les grands débats. L’aventure valait le détour! Salutations solidaires, Charlotte Gabriel PS: Cette liste d’anecdotes peut donner l’impression que le comité directeur est composé d’une bande de tarés qui ne font que des trucs bizarres. Dites-vous bien que ce sont les nombreuses heures (voir même: jours) passées à travailler de manière très sérieuse pour la JS qui nous rendent un peu dingues …

Impressum Herausgeber: Infrarot – Infrarouge –Infrarosso – Infracotschen · Spitalgasse 34, PF 8208, 3001 Bern, www.juso.ch, www.jss.ch · Kontakt: infrarot@juso.ch, 031 329 69 99 · Redaktion: Anna Bleichenbacher, Christine Brunner, Ramina Wakil Design & Layout: art.I.schock GmbH, Zürich, www.artischock.net · Druck: S & Z Print, 3902 Brig-Glis · Infrarot erscheint 3 Mal pro Jahr.

Profile for Juso Schweiz

Infrarot Nr. 211  

März 2015

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