HG-ZEITUNG 22/2020

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Pe rsön lich

HGZ No 22

Was tun mit der Plage? Essen!

RUMYANA GENOVA «BULGARISCHE WEINE ÜBERRASCHEN»

Invasive Arten sind ein Problem für die Natur. Eine mögliche Lösung: Der Mensch isst sie einfach auf. Dass das schmeckt, zeigt «Holycrab» in Berlin (DE).

Die gelernte Ingenieurin will die besten Weine aus ihrem Heimatland Bulgarien bei Schweizer Gastronomen bekannt machen.

Die Firma Holycrab hat sich einem einzigartigen Vorhaben verschrieben: den Menschen als Fressfeind gezielt in die Nahrungskette zu integrieren und so das lokale Ökosystem positiv zu beeinflussen. Auf der Speisekarte des Food Trucks, der aktuell nur noch an Messen zu finden ist, stehen invasive Arten deshalb ganz weit oben. Invasive Arten sind Pflanzen und Tiere, die nicht heimisch sind und sich wegen fehlender Fressfeinde munter vermehren können. So wie beispielsweise der amerikanische Flusskrebs im Tiergarten in Berlin (DE), einem Park im gleichnamigen Stadtteil. Waschbären schmecken lecker

Ihre Mission: die bulgarischen Weine auf die Weinkarten bringen.

men. Ich bereise mein Heimatland in den Ferien und besuche «meine» zehn Winzer regelmässig.

«Meine Weine überraschen sogar Bulgaren.» Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Gastronomen aus? Ich präsentiere Gastronomen meine Weine gerne vor Ort und mache Vorschläge für Wine and Dines. Das habe ich im Restaurant Die Waid und im «Bebek» in Zürich getan. In der Zürcher Bar am Wasser kreierten wir mit dem Himbeerwein einen Cocktail. Ich schlage Gastronomen vor, beim Wechsel der Speisekarte die Weinkarte anzupassen. Zudem haben

Lukas Bosch, Teil des Gründungstrios, sagt: «Wir hatten auch den Waschbären ein-, zweimal auf der Speisekarte. Die Reaktionen waren sehr kontrovers. In unserer Kultur ist es schliesslich nicht üblich, die putzigen Tiere zu essen.» Bei Krabben und Krebsen sei die Toleranz grösser, die Reaktionen überwiegend positiv, sagt

Z VG

wir die Möglichkeit, die Etiketten mit dem Namen der Hotels und Restaurants zu kennzeichnen. Warum nicht Gäste mit einer persönlich angeschriebenen Etikette überraschen? I N T ERV I E W S A R A H SI D LER

Zur Person Rumyana Genova wurde 1982 in Yambol, Bulgarien, geboren und hat an der Technischen Uni in Sofia studiert. 2009 zog sie mit ihrer Familie in die Schweiz. Derzeit absolviert die gelernte Telekom-Ingenieurin an der Académie du Vin in Zürich den Kurs WSET 3. Seit 2019 verkauft sie Weine. Auf Wunsch organisiert sie Weinreisen in ihr Heimatland.

Lukas Bosch. «Vor allem, wenn wir die Zusammenhänge aufzeigen. Vom Essen der invasiven Arten profitiert schliesslich nicht nur das Ökosystem, sondern auch die lokale Fischerzunft.» Der Food Truck bot dem Team im ersten Jahr ideale Voraussetzungen, um mit Gerichten, Veranstaltungsformaten und der Kommunikation zu experimentieren. Nicht zuletzt wegen der CoronaPandemie ist das Team in den vergangenen Monaten seiner Experimentierfreude treu geblieben. Lukas Bosch erläutert: «Unser Motto war und ist angesichts der aktuellen Situation mehr denn je, aus Problemen Potenziale zu machen. So liegt unser Fokus nun auf Produkten für Privathaushalte und die Gastronomie. Das ist gut angelaufen.» D É SI R ÉE K L A R ER

Zum Gründungsteam Lukas Bosch bringt als Unternehmensberater und Coach für Innovation und Transformation neuen Wind in alte Geschäftsmodelle und Denkmuster. Jule Bosch beschäftigt sich als Zukunftsforscherin mit Megatrends. Andreas Michelus wiederum hat das Kochen in den besten Küchen Berlins gelernt. Er ist der kulinarische Kopf der im Mai 2019 als Start-up gegründeten Firma Holycrab.

Mehr Informationen unter: www.1wein.ch

Wie wählen Sie Ihre Weine denn aus? Ich kaufe nur bei kleinen Produzenten ein, die ich persönlich kenne und mag. Da sie kleine Mengen herstellen, importiere ich ihre Weine exklusiv. Meist sind es Weinbauern in vierter oder fünfter Generation. Mir ist es wichtig, dass die Menschen ihre Weine von Hand und mit Herzblut herstellen und diese so natürlich wie möglich vinifizieren. Ich mag Weine mit Charakter und Geschichte. Das Terroir muss klar erkennbar sein. Jeder dieser Weine hat eine Geschichte – spannend für Gastrono-

Mehr Informationen unter: www.holycrab.berlin

H GZ : Rumyana Genova, wie kamen Sie dazu, bulgarische Weine in der Schweiz zu vertreiben? R U M YA N A G EN OVA : Ich brauchte neben meinem Beruf etwas Emotionales. Etwas, das die Leute berührt und glücklich macht. In Bulgarien werden so viele tolle Weine hergestellt, die will ich hier bekanntmachen. Es ist doch schade, wenn man überall immer dieselben Weine erhält.

Was macht bulgarische Weine denn aus? Sie überraschen oftmals mit herausragender Qualität bei einem durchschnittlichen Preis von rund 22 Franken. Weine aus Bulgarien gewinnen jedes Jahr mehr Medaillen an internationalen Wettbewerben. Es gibt viele autochthone Sorten. Rubin beispielsweise, die geschmacklich zwischen Syrah und Nebbiolo liegt. Oder die verschiedenen weissen Misket, uralte Sorten mit seltenen Aromen. Der Bergkamm in der Mitte des Landes garantiert ein gutes Klima für Weissweine in den höheren, und Rotweine in den tieferen Lagen.

Luzern, den 2. September 2020

Die Holycrab-Gründer Lukas und Jule Bosch mit Andreas Michelus (v. l . n . r.). Z VG

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