Seismic Award 2018

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Seismic Award 2018

Der Roche Bau 1 erhält den Seismic Award 2018. Berichte über den Preisträger, zwei lobend erwähnte Gebäude und die Erdbebensicherheit in der Schweiz.

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Zwischen Bollwerk und Grashalm Der Roche-Turm ist das vielleicht erdbebensicherste Gebäude der Schweiz und Preisträger des Seismic Awards 2018. Ein Bericht über den Bau und die Forschung. Text: Patrick Marcolli

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Kern, verhalten sich aber flexibler. Die Menschen im Gebäude blieben bei einem starken Beben ebenso ungefährdet wie die Fassade, die vielleicht zwar undicht würde oder Risse bekäme, aber ebenso wie die Gebäudetechnik nicht Manchmal dominieren Gebäude eine Stadt genauso wie he­runterfiele. Auch die Baumaterialien spielten eine wichhistorische Ereignisse. Vordergründig zufällig, letztlich tige Rolle: So ist der Beton des Gebäudekerns deutlich aber mit innerem Zusammenhang. Die Geschichte der feinkörniger und dichter als das Standardmaterial. Entscheidend für den konstruktiven und ökonomiStadt Basel ist wohl am nachhaltigsten vom grossen Erdbeben des Jahres 1356 geprägt, das auf der Richterskala schen Erfolg ist laut Lars Keim die Zusammenarbeit von eine Magnitude von etwa 6,6 erreichte. Obwohl neuere Architekten und Ingenieuren: « Je früher und intensiver Forschungen von wenigen Dutzend Opfern ausgehen und der Austausch stattfindet, desto wahrscheinlicher ist eine nachweisen, dass die dem Beben folgende Feuersbrunst gute Lösung. » Offensichtlich ist dies gelungen, denn für den meisten Schaden anrichtete, haben sich die Jahres- die laufenden Projekte – den 205 Meter hohen Bau 2 und zahl und das Beben in den Köpfen der Baslerinnen und das Forschungszentrum ‹ P-Red › mit vier Gebäuden bis Basler festgesetzt. Dieser Umstand und die Tatsache, dass mehr als 100 Meter – spannen Herzog & de Meuron erneut erdbebensicheres Bauen für Bauherren in jüngster Zeit mit WH-P zusammen. wichtiger wurde, zeigen sich auch im höchsten Gebäude der Stadt: dem 178 Meter hohen Roche-Turm. Widerstand der Chemie Eine fünfköpfige Jury prämierte das 2015 eröffnete Nicht immer war Erdbebensicherheit in Basel ein Bürohochhaus mit dem diesjährigen Seismic Award. Die zentrales Thema. Hier, aber auch schweizweit, wird ihm Bauherrin Roche und mit ihr die Architekten Herzog & de erst seit Ende der Neunzigerjahre und verstärkt im neuen Meuron und WH-P Ingenieure verwendeten – so der Jury- Jahrtausend hohe Beachtung geschenkt. Unter anderem bericht – eine auf dem Ereignis von 1356 beruhende Erd- deshalb, weil die rasch hingestellten Betonbauten der bebeneinwirkung als Bemessungsgrundlage. Diese reicht Sechziger- und Siebzigerjahre oft mangelhafte dynamiweit über die Normanforderungen des SIA hinaus. Letzte- sche Qualitäten aufweisen. Der Doyen der Schweizer Forre rechnen mit einem nahen Beben mit einer Magnitude schung zur Erdbebensicherheit, der emeritierte ETH-Provon 5,5 bis 6. Dabei soll ein Gebäude weitgehend schaden- fessor Hugo Bachmann, führt das gesteigerte Bewusstsein frei und gebrauchstauglich bleiben. Bei einem sehr star- für seismische Gefahren auch auf die schweren Beben in ken Beben wie jenem von 1356 bliebe es immerhin trag­ den Neunzigerjahren zurück, etwa in der Türkei, in Japan sicher. Wer sich nun wundert, dass das 1356er-Beben nur oder in Italien. Die von ihm initiierte Studie siehe Seite 3 etwa einen Punkt über dem Normszenario liegt: Auf der führt 23 Massnahmen auf und stiess ab 1998 in Politik und logarithmischen Richterskala entspricht ein Punkt mehr Öffentlichkeit auf offene Ohren. Auch in Basel, wo Bachmann noch ein paar Jahre zuvor bei der chemischen Ineiner rund dreissig Mal höheren Energiefreisetzung. dustrie auf Unwillen und Widerstand gestossen war. Doch 1999 vereinbarten die Behörden mit den Firmen Novartis, Steifigkeit gegen Flexibilität Martin Stumpf und Lars Keim von WH-P vergleichen Roche, Ciba Spezialitätenchemie und Valorec, dass die die Wirkung eines Erdbebens auf ein Hochhaus mit ei- bestehenden Firmengebäude ertüchtigt werden müssten. nem langen Grashalm, der sich im Wind wiegt: Je flexiDie Entwicklung der Erdbebennormen bler das Hochhaus ist, desto besser kann das Tragwerk die auftretenden Bodenbewegungen ertragen. Um diesen Die Entstehung der SIA-Normen, die Bestimmungen Effekt auszunutzen, müsste nicht zwingend die äussere über Einwirkungen von Erdbeben und BauwerkschwinForm, aber zumindest der Kern eines Hochhauses mög- gungen enthalten, sind ein Spiegelbild dieser allgemeinen lichst schlank sein. Dies wiederum steht im Widerspruch Entwicklung: Die erste Norm von 1970 beinhaltete ledigzu dem, was die Ingenieure bezüglich der weit häufiger lich eine knappe Bestimmung zu Erdbebeneinwirkungen. auftretenden Windkräfte erreichen wollen: Nämlich eine Spätere Versionen bezogen die baudynamischen Faktoren möglichst grosse Steifigkeit, damit die Nutzer die Schwan- mit ein, erliessen Bestimmungen für bestehende Bauten kungen durch starke Winde nicht wahrnehmen. Lars Keim und definierten gefährdete Zonen in der Schweiz. Hocherklärt: « Ein gutes Gebäude absorbiert die Erdbebenener- risikogebiete, wie sie die Türkei oder Japan kennen, gibt gie gezielt und kontrolliert. Wie bei Knautschzonen eines es in der Schweiz keine. Selbst die ‹  roten Bereiche ›, die Autos legen die Ingenieure Bereiche oder Elemente eines höher gefährdeten Gebiete im Wallis und um Basel, sind Tragwerks darauf aus. Das ist hilfreich für die Schadens- einem deutlich geringeren Risiko ausgesetzt. Heutzutage differenziert die SIA-Norm 261 nach Bauaufnahme und -sanierung nach einem starken Beben. » Beim Roche-Turm haben die Ingenieure und Archi- werksklassen. Grosse Gebäude wie der Roche-Turm gehötekten, vereinfacht gesagt, zwei relativ schlanke Kerne ren zur Bauwerksklasse II und orientieren sich an einer durch stark armierte Koppelbalken verbunden, die als Bodenbewegung, die statistisch alle 700 bis 800 Jahre ‹ Knautschzonen › die Energie absorbieren. So wirken die auftritt. Erdbebensicher heisst dabei: Schäden am Tragbeiden schlanken Kerne statisch gesehen wie ein grosser werk sind möglich, ein Einsturz jedoch nicht, sodass →

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Roche Bau 1, 2015 Grenzacherstrasse 124, Basel Bauherrschaft:  F. Hoffmann-La Roche, Basel Architektur:  Herzog & de Meuron, Basel Baustatik:  WH-P Ingenieure, Basel

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Grundrisse 1 Lobby 2 Besucherzentrum 3 Auditorium 4 Foyer 5 Besprechungsräume 6 Terrasse 7 Restaurant, Cafeteria 8 Kommunikationszone mit Terrasse

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Stark armierte Koppelbalken verbinden die Kerne des Roche-Turms. 22. Obergeschoss

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Seismic Award 2018 Alle drei Jahre zeichnet der Preis architek­ tonisch überzeugende und erdbeben­ sichere Gebäude aus und versieht sie mit einer Tafel. Die Bauherren erhalten eine Urkunde, die Architekten und die Ingeni­ eure ein Preisgeld von 15 000 Franken. Damit will der Preis die frühzeitige Zusam­ menarbeit von Architekten und Ingenieuren fördern und ihren Wert aufzeigen. 2018 hat die Jury unter acht eingereichten Projekten eines ausgezeichnet und zwei lobend erwähnt. In der Jury sassen: Kerstin Lang, Zürich ( Ingenieurin, Vorsitz ), Roger Braccini, Basel ( Architekt ), Pablo Horváth, Chur ( Architekt ), Yves Mondet, Affoltern a. A. ( Ingenieur ) und Renato Salvi, Sion ( Architekt ).

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Stiftung für Baudynamik und Erdbebeningenieurwesen 2004 gründete der frühere ETH-Professor Hugo Bachmann die Stiftung zur För­ derung von Wissenschaft und Praxis zu Baudynamik und Erdbebeningenieur­ wesen. Neben dem Architektur- und Inge­ nieurpreis ‹ Seismic Award › prämiert sie alle zwei Jahre eine Persönlichkeit mit dem Innovationspreis Baudynamik, dem ‹ Baudyn Award ›. Zudem vergibt sie Wei­ terbildungsstipendien. Studie ‹ Handlungsbedarf von Behörden, Hoch­ schulen, Industrie und Privaten zur Erd­bebensicherung der Bauwerke in der Schweiz ›, Studie 1998 erarbeitet vom erweiterten Vorstand der Schweizer Ge­ sellschaft für Erdbebeningenieurwesen und Baudynamik ( SGEB ).

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→ Menschen nicht an Leib und Leben gefährdet sind. Schäden an der Fassade und bei Innenausbauten sind wahrscheinlich. Kurz: Die Tragsicherheit ist gewährleistet, die Gebrauchstauglichkeit nicht. Bei stärkeren Bodenbewegungen können aber auch normgerechte Gebäude die Tragsicherheit nicht mehr gewährleisten, dann sind teilweise oder komplette Einstürze möglich. Der Roche-Turm dagegen erfüllt die SIA-Anforderungen auch bei einer Bodenbewegung, wie sie das Basler Beben von 1356 erzeugte. Statistisch tritt sie nur alle 2500 Jahre auf. Über die Anforderungen der SIA-Normen hinauszugehen, war hier doppelt sinnvoll: Zunächst ist ein Hochhaus mit rund 2000 hochqualifizierten Mitarbeitenden ein Klumpenrisiko, gegen das man sich gerne besser versichert. Ausserdem ist ein Hochhaus naturgemäss weniger steif als normale Gebäude, sodass sich höhere Anforderungen mit vergleichsweise wenig Zusatzaufwand erfüllen lassen. Sicherheit durch minimale Eingriffe Auch für den Kanton Basel-Stadt ist die Sicherheit seiner Gebäude ein Dauerthema: Er verlangt seit 2001 erdbebensichere Neubauten. Seit 2009 muss bei Umbauten und Eingriffen in die Tragstruktur die Stabilität überprüft werden. Das Parlament sprach dazu einen Kredit für die Risikoanalyse der rund 700 Gebäude im kantonalen Verwaltungsvermögen. Die Erkenntnisse flossen ab 2013 direkt in laufende Sanierungs- und Umbauprojekte ein. Einen Schwerpunkt legt der Kanton auf die Aus- und Weiterbildung von Ingenieuren, gerade bei der Ertüchtigung des Bestands. Katrin Beyer von der EPFL in Lausanne und Thomas Wenk, ehemaliger Präsident der Schweizer Gesellschaft für Erdbebeningenieurwesen und Baudynamik, leiten ein entsprechendes Forschungsprojekt und organisieren die Basler Erdbebenkurse. Sie fokussieren auf die Ertüchtigung historischer Gebäude aus Natursteinmauerwerk, wie sie in der Altstadt häufig sind. Sie wollen Regeln entwickeln, die laut Wenk « möglichst viele Bauwerke mit minimalen Eingriffen auf ein akzeptables Sicherheitsniveau bringen ». Es geht im Grunde darum, eine Zerstörung historischer Bausubstanz durch unnötige Massnahmen zu verhindern. « Mit kleinen, oft unsichtbaren Eingriffen, wie Verstärkungen zwischen Holzbalkendecken und Mauern, ist heute vieles möglich », sagt Wenk. Tests zeigten ausserdem, dass historisches Natursteinmauerwerk sich oft besser verhält als angenommen. Nicht zuletzt deshalb haben viele Basler Bauten das Erdbeben von 1356 überstanden. Ob dies heute noch so wäre, ist fraglich: Zahlreiche Umbauten im späteren 20. Jahrhundert schwächten die historische Substanz. Typischerweise entfernte man aussteifende Wände in den Erdgeschossen zugunsten grosszügiger Laden- und Schaufensterflächen.

Schnitt 1 Lobby 2 Besucherzentrum 3 Auditorium 4 Foyer 5 Besprechungsräume 6 Terrasse 7 Restaurant, Cafeteria 8 Kommunikationszonen mit Terrassen 9 Gebäudetechnik, Logistik 0

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Die verletzliche Stadt Die Forschungen und Arbeiten zur Erdbebensicherheit in der Schweiz gehen weiter. Die Stahlbetonbauten der Fünfziger- und Sechzigerjahre, insbesondere Kirchen und Schulhäuser, rücken in den Fokus. Der Kanton Basel-Stadt startet ein Projekt, das Bodenbewegungsmodelle für Beben, wie jenes von 1356, mit Verletzbarkeitsmodellen des Gebäudebestands zu einem kantonalen Erdbebenrisikomodell verknüpft. Die Ergebnisse ermöglichen unter anderem eine gezielte Katastrophenvorsorge im Sinne von Ausbildung, Ressourcen- und Notfallplanung. Schliesslich sollen die Basler besser wissen, wie verletzlich oder wie stark ihre Stadt im Fall eines Bebens sein wird. Und entsprechend handeln.

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« Erdbebensicherheit kostet nur Hirnschmalz » Im Kern des Roche Bau 1 steckt über ein Jahr Planungsarbeit. Architekt Michael Fischer und Ingenieur Martin Stumpf erklären, warum gute Zusammenarbeit Geld spart. Im Hochhaus braucht man viele Lifte und grosse Schächte. Erledigt sich die Aussteifung nicht von allein ? Martin Stumpf: Beim Stahlbetonbau bis etwa 200 Meter ist das grob gesagt richtig. Ordnet man die Kernmasse schön zentrisch an, ist man bezüglich Steifigkeit schon fast am Ziel. Ohnehin ist es ja so: Mit dieser Höhe ist man längst nicht mehr an der Weltspitze. Es geht deshalb nicht um grossartige Erfindungen, sondern um das perfekte Tragwerk für diesen Bau, an diesem Ort, für diesen Kunden. Heute liegen quasi selbstverständlich vier Kerne im Gebäude. Wie kam es dazu ? Michael Fischer: In einer Art internem Wettbewerb untersuchten wir verschiedenste Ansätze, reduzierten sie dann zuerst auf fünf, später auf drei Projektvorschläge und wählten schliesslich den heutigen Turm mithilfe von Entscheidungsmatrizen. Alle diese Projekte waren bereits auf Vorprojekt-Niveau mit Ideen zur Organisation und zur Gestaltung, zum Tragwerk und zur Gebäudetechnik angereichert. Sämtliche Fachingenieure haben von Anfang an mitgedacht. Irgendwann in diesem Prozess haben wir den Kern längs und quer zerteilt. Martin Stumpf: Das war ein räumlicher Entscheid für eine offene Erschliessung und gegen endlose Korridore. Aber er war auch statisch richtig, denn so hat man den sehr steifen Kern weicher gemacht. Ein Heureka-Moment ? Michael Fischer:  Im Gegenteil. Wir Architekten haben uns ja nicht im Büro eingeschlossen etwas ausgedacht, das zufällig auch statisch Sinn ergibt. Ebenso kommen die gros­ sen Lüftungsrohre nicht von ungefähr aus den Stirnseiten. Dank dieser gebäudetechnischen Organisation werden die Kernwände möglichst wenig durchstossen. All das war ein gemeinsamer Weg, eine Zusammenarbeit. Wir haben mehr als ein Jahr am Kern gearbeitet, schliesslich ist er das A und O eines Hochhauses. Martin Stumpf: Man kann auch von einem Zusammenspiel sprechen. Wir haben mit dem Architektenteam Spielregeln formuliert: Wie stark darf man die äusseren Kernwände perforieren ? Wie viele der inneren müssen sich gegenüberstehen ? Wie stark müssen sie jeweils sein ? Sie haben uns Löcher in den Bauch gefragt, um die technischen Zusammenhänge zu verstehen. Das ist super, denn nur so kann man an die Grenze gehen. Die Vierteilung macht den Kern also weicher. Warum ist das sinnvoll? Martin Stumpf: Grundsätzlich wünscht man sich bei Erdbebenkräften eine weiche Konstruktion und bei Windkräften eine steife. Diesen Gegensatz muss man ausbalancieren. Beim Roche-Turm hatten wir prinzipiell einen sehr stei-

fen Kern. Aufgrund der Geometrie ist er längsseitig noch immer so steif, dass er ein Beben wie jenes schadenfrei überstünde, das Basel im Jahr 1356 verwüstete. In Querrichtung dagegen sorgen duktile, stark armierte Koppelbalken dafür, dass er bei Windlasten und kleinen Beben steif genug bleibt. Erst bei stärkeren Beben verformt er sich und absorbiert so die Energie. Das tut er übrigens auch bei Beben, die noch stärker sind als jenes von 1356 – und genau das ist der Vorteil einer duktilen Konstruktion gegenüber einer steifen. Also ist der Bau bei extremen Beben in Längsrichtung länger schadenfrei, in Querrichtung länger standsicher, dafür irreparabel beschädigt ? Martin Stumpf:  Exakt. Das ist sinnvoll, denn das Beben von 1356 ging vermutlich vom Reinachgraben aus, der in etwa in der Längsachse liegt. Ohnehin tritt ein Beben dieser Stärke statistisch nur alle 2500 Jahre auf. Die Situation ist völlig anders als etwa in China oder Kalifornien, wo es das häufiger gibt. Auch beim Bau 1 hätte man die verformbaren Koppelbalken als demontierbare Stahlträger ausführen können. Aber die Mehrkosten dafür rechnen sich einfach nicht angesichts der verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit. Apropos rechnen: Wie viel teurer war es, den Bau auf ein so starkes Beben wie 1356 auszulegen statt auf das weit schwächere Szenario der SIA-Norm ? Martin Stumpf: Grundsätzlich wäre das Tragwerk das gleiche. Rechnet und konstruiert man clever, kostet Erdbebensicherheit praktisch nichts. Zumindest nicht in Beton und Stahl. Mehr Sicherheit kostet nur Hirnschmalz, man muss länger nachdenken, sich besser abstimmen und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Umgekehrt gilt dasselbe: Wer schlecht plant, muss nachher flicken und alles dick machen. Das kostet. Michael Fischer:  Eine Einschränkung gibt es. Wenn der Rohbau zwar stehen bleibt, aber den Menschen Bauteile auf den Kopf fallen, ist wenig gewonnen. Darum sind beim ­Roche-Turm alle Befestigungen – von abgehängten Decken über Leitungen und Bühnentechnik bis zu Fassaden­ elementen – auf grössere Kräfte ausgelegt. Hierfür hat man schon mehr Geld ausgegeben, aber da bewegen wir uns im tiefen einstelligen Prozentbereich. Der Roche Bau 2 wird 2021 fertig und mehr als 200 Meter hoch. Was wird anders ? Michael Fischer:  Weil er nicht 90 Meter lang ist, sondern nur 60, ist der Kern gedrungener und bloss längs geteilt. Die Prinzipien, die wir uns überlegten – Teilung und Verbindung mit Koppelbalken, stirnseitige Luftauslässe – konnten wir übernehmen. Das spart definitiv – und zwar Hirnschmalz und Geld.  Interview: Palle Petersen

Michael Fischer ( 49 ) ist Partner bei Her­ zog & de Meuron in Basel. Er war Pro­ jektleiter beim Actelion Business Center, beim Ricola-Kräuterzentrum, bei der Bergstation Chäserrugg und beim Roche Bau 1. Zurzeit ist er für die weitere Ent­ wicklung des Roche-Areals verantwortlich.

Martin Stumpf (45) ist Geschäftsführer von WH-P Ingenieure in Basel. Er war Projekt­ leiter beim Roche Bau 1 und betreut nun die weitere Entwicklung auf dem Areal. Ausserdem ist er für den Elbtower in Ham­ burg verantwortlich, das mit 233 Metern derzeit höchste Bauprojekt Deutschlands.

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Perfekte Verschmelzung

Gemauerte Kraft im Stickereiquartier in St. Gallen: Pilaster und Brüstungen werden oben schmaler.

Das Faltwerk der Betondecken prägt die Räume.

Der Büroneubau steht im historischen Sticke­ reiquartier in St. Gallen. Die repräsentativen Ge­ bäude in diesem Viertel zeugen von der globalen Bedeutung, die die industrielle Stickerei dieser Stadt und der Region insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte. Das Volumen des neuen Gebäudes wurde weitgehend bestimmt durch den Ortsbildschutz des Quartiers. Die Fas­ sade aus gelbem Ziegelstein, die Assoziationen zu den historischen, oft amerikanischen Vorbil­ dern nachempfundenen Gebäuden in der Nach­ barschaft weckt, steht selbsttragend vor dem Stahlbetontragwerk. Die Besonderheit des Hau­ ses zeigt sich aber erst im Inneren: Es ist das Be­ tonfaltwerk der Decke, das die Räume bestimmt. « Der Neubau in Stahlbeton überzeugt durch eine Verschmelzung von Architektur und Inge­ nieurhandwerk », schreibt die Jury des Seismic Awards. Das zeige sich im klaren, durchdachten Konzept des Tragwerks und zeuge von « intensiver Zusammenarbeit von Architekt und Ingenieur be­ reits in der Entwurfsphase ». Das Tragwerk besteht aus Wänden, Rahmenelementen und als Faltwerk ausgebildeten, vorgespannten Decken: « Diese entstehen nicht nur aus formaler Intention, son­ dern stellen eine architektonisch und ingenieur­ technisch intelligente Lösung dar, um den Grund­ riss in der Breite stützenfrei zu überwinden. » Mit den Fassadenrahmen in Längsrichtung und den Wänden in Querrichtung der stirnseitig angeord­ neten Erschliessungszonen gelang es dem Planer­ team, trotz der inneren Freiheit von statischen Ele­ menten ein optimales Verhalten im Erdbebenfall zu erreichen.  Patrick Marcolli, Fotos: Roger Frei Bürogebäude Unterstrasse, 2017 Unterstrasse 12, St. Gallen Bauherrschaft:  Asga Pensionskasse, St. Gallen Architektur:  Arge Corinna Menn ( federführend ), Zürich, und Mark Ammann, Zürich Baustatik:  Arge Pedrazzini Guidotti, Lugano, und Borgogno Eggenberger + Partner, St. Gallen

Der Kräfteverlauf bei Horizontallasten in den aussteifenden Querwänden und in der Fassade.

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Alte und neue Tragstruktur 1 Mauerwerk (  Aussteifung Aufstockung ) 2 Metallkonstruktion ( Vertikalstruktur Aufstockung ) 3 Holzdach 4 Metallkonstruktion ( Vertikalstruktur Balkone ) 5 Verstärkung Bestandes­fassaden mittels Holzrahmen ( Aussteifung Bestand )

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Offen auf der ganzen Breite: Wohnung im siebten Stock.

Vorbildlicher Hybrid Nach einer Gesamterneuerung ist das 1958 mit fünf Geschossen erstellte Haus in Genf nun drei Geschosse höher. Das Baugesetz des Kantons vereinfacht seit einiger Zeit Aufstockungen, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Im neuen Volumen finden vier ineinander verschränkte Woh­ nungen Platz: eine L-förmige Geschosswohnung, ein Studio, eine Maisonette sowie eine grossflä­ chige, von unten erschlossene Geschosswoh­ nung. Die Architekten setzten die neuen Geschos­ se nicht einfach auf die bestehende Substanz, sondern schufen ein gänzlich neues Haus, bei dem der Schnitt zwischen Alt und Neu erst auf den zweiten Blick erkennbar wird. Ein Raster aus glänzenden, kupferfarbenen Streifen – entworfen vom Künstler Karim Noureldin – verbindet die beiden Teile und zeigt dem Betrachter die Schnitt­ stelle zwischen Bestand und Neubau. Die Jury des Seismic Awards schreibt: « Das Gebäude zeigt interessante Möglichkeiten einer differenzierten Verwendung von unterschiedli­ chen Materialien und Konstruktionsarten zu ei­ nem Hybridbau auf. » Damit meint sie die leichten Stahlkonstruktionen für die neuen, südseitig an­ gebrachten Wintergärten und das Tragwerk der Aufstockung, bestehend aus Stahlleichtbau, Mau­ erwerks- und Stahlbetonwänden. Letztere beide steifen die Aufstockung aus. Insbesondere lobt die Jury « das weniger gebräuchliche System mit Holzrahmen für die horizontale Aussteifung eines Mauerwerksbaus mit Stahlbetondecken ». Diese Holzrahmen dienen gleichzeitig der Wärmedäm­ mung. Gelobt werden ausserdem Aspekte der städtebaulichen Verdichtung, eine Erhöhung der Lebensqualität sowie die Ausführung einer Auf­ stockung in engen urbanen Rahmenbedingungen.  Patrick Marcolli, Fotos: Joël Tettamanti Aufstockung Wohnhaus, 2014 Avenue de Sécheron 9, Genf Bauherrschaft:  Privé, c / o Régie du Rhône, Petit-Lancy Architektur:  Burrus Nussbaumer Architectes, Genf Baustatik:  Ingeni, Carouge

Aufgestockt in Genf: Der bronzen schimmernde Raster verweist auf die Grenze von Alt und Neu. Sonderdruck aus Hochparterre 10 / 18 —  Seismic Award 2018 — Vorbildlicher Hybrid

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Seismic Award 2018

Alle drei Jahre prämiert der Seismic Award ar­chitektonisch überzeugende und erdbeben­ sichere Gebäude. Der Roche Bau 1 in Basel von Herzog & de Meuron Architekten und WH-P Ingenieuren überzeugte 2018 die Jury. Geschickt binden Koppelbalken vier Betonkerne so an­einander, dass das Tragwerk bei Wind­ lasten steif bleibt und sich bei starken Beben verformt. Der Sonderdruck erklärt das Projekt und lässt die Planer zu Wort kommen. Er präsen­ tiert die zwei lobend er­wähnten Pro­jekte, eine Wohnhausaufstockung in Genf und einen Büro­ neubau in St. Gallen. Schliesslich blickt er auf die Entwicklung des erdbebensicheren Bauens in der Schweiz und auf den Stand der Forschung. www.baudyn.ch

Diese Broschüre wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt ( BAFU ) gedruckt und verteilt. Die Publikationen des BAFU zum Thema Erdbeben sind zu finden unter www.bafu.admin.ch / erdbeben → Dokumente

Einladung

Die Stiftung für Baudynamik und Erdbeben­ ingenieurwesen lädt Planer und Bauherren ein, nach Abschluss eines geeigneten Projekts eine Eingabe vorzubereiten für den Seismic Award 2021. Zugelassen sind neue, ertüchtigte und aufgestockte Gebäude, die in den Jahren 2016 bis 2020 fertiggestellt und bezogen worden sind oder werden. Letzter Ein­ gabetermin ist der 31. Januar 2021. www.baudyn.ch

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