Zwischen Garten und Gleismeer

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Themenheft von Hochparterre, August 2022

Zwischen Garten und Gleismeer

Die Siedlung Vogelsang in Winterthur ist ein architektonisches und soziales Abenteuer. Porträt einer gewagten Wohnsiedlung, ihrer Macherinnen und ihrer Bewohnerschaft.

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Editorial

Aus Freude am Experimentieren Inhalt

4 « Der Vogelsang ist wie eine barocke Kulisse » Auf einem ausladenden Spaziergang durch die Siedlung mit der Architektin Kaschka Knapkiewicz und der Jurorin Astrid Staufer.

16 Umfrage, Teil 1: Architektur und Städtebau Was gefällt an den Wohnungen – und was gar nicht ? Die Bewohnerinnen und Bewohner antworten unverblümt.

18 « Wir wollten nicht krampfhaft

etwas inszenieren » Vorstandspräsidentin Doris Sutter über die zufällige Wohnungsvergabe und das bedachte Gestalten des Miteinanders.

22 Umfrage, Teil 2: Gemeinschaft und Angebote Wo begegnet und bewegt sich die Bewohnerschaft ? Antworten gibts im zweiten Teil der grossen Umfrage.

24 Leben und arbeiten im Vogelsang Ein junger Lehrer, ein Seniorinnenpaar, drei Familien und der Hauswart erzählen von ihrem Alltag in der Siedlung.

30 Altbewährt und ambitioniert Und es geht weiter nach dem Vogelsang: Die GWG wagt sich gleich an zwei Arealumnutzungen.

Die Wohnsiedlung Vogelsang liegt oberhalb des Gleisfelds am Rand der Gartenstadt Winterthur. Sie ist ein soziales Experiment. Nebst den Wohnungen mit konventionellen 2,5 bis 6,5 Zimmern hat die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Winterthur ( GWG ) insgesamt fast zwei Dutzend Gemeinschaftsnutzungen gebaut: Kita und Kindergarten, Velowerkstatt und Gästezimmer, Recyclingräume und Waschküchen, Musik- und Fitnessraum, Pizzaofen und Badebrunnen, Siedlungslokal und ‹ Dreckschleuse ›. Der Vogelsang ist auch ein architektonisches Experiment. Die in den Hang gestaffelte Grossform mit ihren offenen und geschlossenen Höfen fügt sich raffiniert in den Landstreifen zwischen Schrebergärten – in Winterthur ‹ Pünten › genannt – und Strassenlärm ein. Die Wohnungen balancieren Ausblicke und Aussenräume, Gemeinschaft und Intimität. Die Fassaden mischen italienische Referenzen und Bretterhütten, Ockergelb und Knallgrün. Im Rundgang sprechen Architektin Kaschka Knapkiewicz und die Jurorin Astrid Staufer darüber, weshalb Wohnungen Nischen brauchen und Küchen mehrere Farben, was die Fassade mit Katholizismus und der barocken Komödie zu tun hat und wie man Kitsch vermeidet. Überhaupt kommen in diesem Heft die Menschen zu Wort: Gabriela Neuhaus spricht mit GWG-Präsidentin Doris Sutter über Gemeinschaft und Nachbarschaft, Durchmischung und Inseldasein. Karin Salm besucht den Hauswart und fünf Vogelsang-Haushalte, vom jungen Lehrer über eine grosse Patchworkfamilie bis zum Seniorinnenpaar. Dazu gibt es Infografiken und Statements aus einer Umfrage, Deborah Fehlmann wirft einen Blick in die nahe Zukunft der GWG. All das wird begleitet von Reportagefotos von Maurice Haas. Palle Petersen

Der Vogelsang im Film Ein Jahr lang hat ein Filmteam das Zügeln und Einleben im Vogelsang begleitet. Der Film gibt Einblicke in die Architektur und zeigt, wie die Bewohnerschaft den neuen Alltag im Vogelsang erfährt.

Impressum Verlag Hochparterre AG Adressen Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon +41 44 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag @ hochparterre.ch, redaktion @ hochparterre.ch Geschäftsleitung Andres Herzog, Werner Huber, Agnes Schmid Verlagsleiterin Susanne von Arx Konzept und Redaktion Palle Petersen Fotografie Maurice Haas, www.mauricehaas.ch Art Direction Antje Reineck Layout Barbara Schrag Produktion Nathalie Bursać Korrektorat Lorena Nipkow Lithografie Team media, Gurtnellen Druck Stämpfli AG, Bern Herausgeber Hochparterre in Zusammenarbeit mit Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Winterthur ( GWG ) Bestellen shop.hochparterre.ch, Fr. 15.—, € 12.—

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Über der schmalen Zugangstreppe sitzt die ‹ Laterne ›, ein überdachter, zweiseitig verglaster Aussenraum.

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Astrid Staufer war Fachexpertin in der Vogelsang-Wettbewerbsjury, Kaschka Knapkiewicz von Knapkiewicz Fickert erhielt 2014 den Zuschlag.

« Der Vogelsang ist wie eine barocke Kulisse » Die Architektin Kaschka Knapkiewicz und die Jurorin Astrid Staufer treffen sich im Vogelsang zum ausgiebigen Gespräch über Strassenlärm, Farbenfreude, Kitsch und die Klimakrise. Interview und Texte: Palle Petersen

Wie ein gerahmtes Bild: Blick über das Gleisfeld zu den Arbeiterhäusern von Töss.

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Die Siedlung Vogelsang polarisiert. « Genial », meinen die einen. « Diese Farben », stöhnen die anderen. Bei den Winterthurer Stadtratswahlen mussten die Politikerinnen Stellung beziehen. Ein Architekt erzählt, er habe die Siedlung heimlich besucht. Und sei begeistert. Wenn Architektur zum Stadt- und Szenegespräch wird, macht sie entweder fast alles falsch oder sehr viel richtig. In der Regel ist sie ausserdem gross und sichtbar, so auch der Vogelsang: 350 Meter lang, staffelt sich die Siedlung oberhalb des Gleismeers in den Hang. Eine verwinkelte Wohnburg in Ockergelb, mit Balkonen und Erkern, mit Hauben wie Bretterhütten und knallgrünen Fensterläden. Eine Genossenschaftssiedlung mit Pizzaofen und Badebrunnen, Siedlungsküche und ‹ Dreckschleuse ›. Kurzum: Der Vogelsang ist nicht triste Wohnraumversorgung, sondern platzt vor Gemeinschaftswillen und architektonischer Ambition. Der Städtebau Mit gefühlt 1000 Fragen fahre ich zum Bahnhof Winterthur. Sieben Gehminuten später stehe ich vor dem bunten Winkelspiel und bin erstaunt: Zwischen Bahngleisen und Waldrand liegt die Siedlung zugleich zentral und peripher. Bald kommt Architektin Kaschka Knapkiewicz um die Ecke, die das Projekt mit ihrem Büropartner Axel Fickert entworfen hat. Dann kommt Astrid Staufer dazu, die 2014 die Jury des Architekturwettbewerbs leitete. Wir treffen uns nicht zu einem Streitgespräch, sondern zu einer Spurensuche über den Tellerrand des Vogelsangs hinaus. Von 91 Bewerberinnen durften 15 Architekturbüros am Wettbewerb teilnehmen. Die Liste ist ein kleines ‹ Who is who › der Zürcher Wohnbauszene. Meist gewinnt man mit gutem Städtebau. Wie war es hier ? Astrid Staufer: Bei den Projektvorschlägen gab es drei Typen. Die meisten Büros arbeiteten mit Zeilen, ob unterbrochen oder gestaffelt, kammartig oder ausgreifend. Andere versuchten es mit additiven Volumen. Einige zeichneten Hoffiguren. Doch mit bekannten Typologien bekam man die Situation nicht in den Griff. Das Problem war die stark befahrene Strasse, die zugleich gegen Westen und zur Aussicht liegt. Eine offene Bebauung hätte zu Lärmproblemen geführt. Hätte man sich von der Strasse abgeschirmt, wäre eine unbefriedigende Rückseite entstanden. Diesen Clinch haben Knapkiewicz Fickert mit ihrem zellularen Typ raffiniert aufgelöst: Auf niedriger Höhe begleitet ihre Figur die Strasse, von hinten stülpen sich Arme darüber, hangseitig duckt sie sich ins Terrain. Kaschka Knapkiewicz: Auch wir versuchten es erfolglos mit Zeilen, Höfen und kombinierten Baukörpern. Dann kam der Befreiungsschlag: Wir deckten alles ab und begannen, von beiden Seiten Masse wegzuschälen und hofartige Räume auszuschneiden. Das Lärmproblem erinnerte uns an das ‹ hôtel particulier ›, einen Typus französischer Stadtpalais aus dem 17. und 18. Jahrhundert für Adel und Klerus. Drei Gebäudeflügel spannen zur lauten und schmutzigen Strasse einen Wirtschaftshof auf, der Wohntrakt ist von der Strasse abgerückt. Diese Typologie wollten wir in den Siedlungsmassstab und die Gegenwart übersetzen. Die Architekturkritikerin der NZZ fühlte sich an ein gewachsenes Dorf erinnert. Nun sprechen Sie von Masse und Subtraktion. Widerspricht sich das nicht ? Kaschka Knapkiewicz: Der Entwurf war klar subtraktiv, aber es gefällt mir, lässt sich die Siedlung nun so widersprüchlich interpretieren. Wir beginnen den Entwurf übrigens nicht mit der klassischen Setzung von Objekten und relativ zufälligen Resträumen dazwischen, sondern umgekehrt: Zuerst prägen wir die öffentlichen Aussenräume.

Dazwischen entstehen sozusagen die Baukörper, die den Freiraum begrenzen und fassen. Am Ende in diese Körper hinein die Wohnungen zu organisieren, ist fast der spannendste Teil er Arbeit, denn dabei lassen sich neue Wohntypen erfinden. Vielleicht hat die dörfliche Assoziation mit dem menschlichen Massstab der Siedlung zu tun ? Von oben betrachtet ist der Vogelsang eine quartiersfremde Grossform. Vor Ort wirkt das überhaupt nicht so. Astrid Staufer: All die Versprünge und Schrägen, die Arme und Zapfen verfeinern das System, machen es mehrdeutig. Diese Komplexität hat einen weiteren Vorteil: Die Einfamilienhäuser oberhalb am Hang haben ein gesichertes Aussichtsrecht. Aufgrund der Topografie durfte man darum stadtauswärts immer mehr Volumen bauen. Dieses Crescendo sah man vielen Wettbewerbsbeiträgen an. Im gebauten Projekt ist es kaum wahrnehmbar. Apropos Einfamilienhäuser: Ab 1911 sind hier Häuschen und Wohnzeilen nach dem Gartenstadtideal entstanden. Auch die Gründersiedlung der GWG, gebaut von 1939 bis 1941, folgte diesem Schema. Nun hat der heutige Vogelsang diese durch grössere Wohnungen für fast 400 Menschen ersetzt. Was ist der Bezug zur Umgebung ? Kaschka Knapkiewicz: Es gibt viele Aussenräume und Gärten. Ausserdem ist die Überbauung an den Rändern nur zwei bis drei Geschosse hoch. Das gestaffelte Volumen kaschiert, dass in der Mitte bis zu sechseinhalb Geschosse stehen, zumindest wenn man die Garage im Hang unter der Siedlung mitrechnet. Astrid Staufer: Trotzdem ist der Vogelsang kein Teil der Quartierstruktur, sondern im Grunde eine Insel: vorne die laute Strasse, hinten die Schrebergärten und Einfamilienhäuser, seitlich der Wald. An diesem Ort musste man eine neue und eigenständige Identität schaffen. Kaschka Knapkiewicz: Mich stört der Inselbegriff. Der Vogelsang schafft Beziehungen und reagiert auf seine in Ausdruck und Massstab komplett unterschiedliche Umgebung. Zur Stadt und der Bahn hin zeigt er sein repräsentatives Gesicht, eine Kette durchaus hoher Häuser und Torgebäude. Gegen den Hang hin löst sich die Struktur in bretterverschalte Pavillonhäuser auf, die an die Schrebergärten und Einfamilienhäuser andocken. Die Gemeinschaft Wir lassen den Kindergarten und die Velowerkstatt im Norden aus und gehen die Strasse entlang. Ein Hochtrottoir, die ‹ Promenade ›, schafft eine Ebene mit Eingangsnischen und steilen Treppenfluchten, die in die Höfe führen. Es gibt sechs normale Höfe und zwei grössere. Am ‹ Pizzahof › liegen ein Recyclingraum, zwei Gästezimmer und der Pizzaofen. Am ‹ Brunnenhof › befindet sich nebst dem zweiten Recyclingraum das Siedlungslokal mit Badebrunnen davor. Zur Strasse hin stehen die Siedlungsküche, der Fitnessraum und die Kita. Geschwungene Wege führen ebenerdig durch die Hoflandschaft an zahllosen Waschküchen vorbei, dazwischen führen Treppen zu den Gärten, Beeten und dem Spielplatz am Hang. Die Siedlung wirkt ausgesprochen öffentlich. Gemeinschaftsfördernde Architektur war offensichtlich das Ziel. Wie steht es um die Rückzugsorte ? Astrid Staufer: Das habe ich mich auch gefragt. Es ist ungewöhnlich, wie sich die Gemeinschaften rund um die Höfe und um die Treppenhäuser überlagern. Sicherlich sind die hangseitig offenen Höfe privater als die geschlossenen. Spätestens bei den verglasten Terrassen zur Strasse hin stellt sich aber die Frage nach der Privatsphäre. Im Hof →

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Auf der Hangseite ist die Siedlung bloss zwei- bis dreigeschossig. So schaffen die Neubauten eine Verbindung zum kleinteiligen Quartier mit Schrebergärten und Einzelhäusern.

Der Vogelsang ist auch eine eindrückliche Willkommensgeste an die Bahnreisenden, wenn sie in Winterthur einfahren.

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Vielförmig und -farbig ragt die Siedlung über dem als Promenade gestalteten Hochtrottoir auf.

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→ merkt man sofort, wie gut diese Lärmschutzmassnahme funktioniert. Doch die Bewohner stehen hier quasi auf einer Bühne, wie Romeo und Julia. Schön übrigens, wie sich die zwei Terrassen berühren, beinahe küssen. Kaschka Knapkiewicz: Wir planten die ‹ Laternen › zu Beginn als ungeteilte Aussenräume. Noch immer könnten zwei Nachbarinnen die Zwischenwände demontieren. Aber ich verstehe die Bedenken, denn die ‹ Laternen › sind exponiert. Allerdings besitzen nur 18 der gut 150 Wohnungen solche Terrassen. Viele Wohnungen verfügen zudem über zwei Aussenräume. Wer am Hof wohnt, hat seinen Anteil am Garten oder einen Strassenbalkon. Ähnlich orientieren sich die Wohnungen an den Gelenkstellen sowohl zu den hinteren als auch zu den vorderen Höfen. Die Bewohner können also wählen, wie privat sie es haben wollen. Astrid Staufer: Im Jura stellen die Menschen ihre Tische an die Strasse, sie möchten gesehen werden und miteinander sprechen. In der Deutschschweiz stellen wir die Tische meistens hinters Haus. Wie es hier wohl wird ?

Sind die fast zwei Dutzend Räume für Sonderangebote nicht übertrieben ? Kaschka Knapkiewicz: Dass ich jemals eine ‹ Dreckschleuse › bauen würde, hätte ich nie gedacht. Aber ich finde es toll, wie die GWG die Gemeinschaftsnutzungen entwickelt und später mit den Bewohnerinnen diskutiert hat. Im Wettbewerb gab es nur die Kita, den Kindergarten und das Siedlungslokal. Alles andere kam später dazu und ist deshalb innerhalb der Wohnungsstruktur gebaut. Theoretisch könnte man selten genutzte Gemeinschaftsräume einfach zu Wohnungen umbauen. Astrid Staufer: Das ist interessant. Immerhin ist die Struktur des Vogelsangs ganz anders als die gut umnutzbaren Industriehallen oder andere Vorstellungen von flexibel nutzbaren Strukturen. Trotzdem ist die Siedlung systematisch gedacht und lässt verschiedene Wohntypen und Nutzungen zu. Alles ist möglich. Kaschka Knapkiewicz: Genau. Es geht einzig um Geometrie, Proportionen und Ordnung. Die Nutzbarkeit ist offen.

Siedlung Vogelsang Zimmer Nasszellen Wohnbereich Ö ffentliche Bereiche / Gewerbe Waschküchen K eller / Technik

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2. Obergeschoss 1 Spielplatz Kindergarten 2 Boule-Platz 3 Püntenweg 4 Allmend 5 Spielplatz Siedlung 6 Sonnenterrasse 7 P flanzgärten Erdgeschoss ( Hofgeschoss ) 8 K indergarten 9 Gemeinschaftsbüro 10 Sommerküche mit Pizza­ofen und Grill 11 Gästezimmer 12 Gartenhalle mit Pergola 13 Hobbyräume 14 K indertagesstätte 15 Siedlungslokal 16 Siedlungsküche 17 Fitnessräume 18 Musikzimmer

2. Obergeschoss

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Untergeschoss ( Promenadengeschoss ) 19 Werkstatt 20 Recyclingräume 21 Promenade 22 ‹ Dreckschleuse ›

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Erdgeschoss ( Hofgeschoss )

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Die Wohnungen So gewagt die Siedlung Vogelsang städtebaulich und typologisch auch ist, so gewöhnlich sind die Wohnvorstellungen von Haushalten mit meist ein bis fünf Personen. Grosse Wohngemeinschaften, Clusterwohnungen oder Wohnexperimente finden sich hier keine. Die meisten Wohnungen schlängeln sich übereck oder von Hof zu Hof und haben 2,5 bis 6,5 Zimmer. Der Spaziergang führt zu einer Hofwohnung mit ‹ Laterne ›, einer geräumigen ‹ Zapfenwohnung › zwischen zwei Höfen und einer kleinen Wohnung am Rand des Systems zum Waldrand hin. Trotzdem bekommen wir bloss eine Ahnung davon, wie das Wohnen im Vogelsang funktioniert – zu viele Typen und Sonderlösungen gibt es. Es ist ein System voller Ausnahmen. Eigentlich handelt es sich beim Vogelsang um situativen Wohnungsbau. Jede Wohnung spielt die Vorteile ihrer Lage aus. Gibt es bei alledem eine übergeordnete Idee ?

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Kaschka Knapkiewicz: Eine gute Wohnung verfügt über öffentliche Bereiche wie Küche, Wohn- und Erschliessungsräume, die erlauben, dass man in einer Nische oder Ecke abseits vom Geschehen sitzen, sich dabei allein und trotzdem in der Gemeinschaft fühlen kann. Wir suchen keine funktionellen Grundrisse, die Privatheit nur in den Zimmern und die Gemeinschaft nur in den Wohnzimmern zulassen, sondern mehrdeutige Räume. Astrid Staufer: Leider sind solche lebendigen Grundrisse oft chancenlos. Unter dem Vorwand der Vermietbarkeit streben viele Investorinnen nach simplen Plänen. Nischen und Übergangszonen haben da einen schweren Stand. Liegt das nicht auch an der Geometrie, an den schrägen Winkeln, die die Überbauung prägen ? Astrid Staufer: Fast alle Schlafzimmer sind rechtwinklig, das ist clever. Der geteilte Wohnraum umspült die Zimmer, knautscht und weitet sich. Immer wieder gibt es rechte → Winkel, was gut für das Möblieren ist.

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Querschnitt durch das strassenseitige Haus.

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Schnitt strassenseitiges Haus - A4: Mst 1:500

Querschnitt durch den Treppenzugang zum Hof und durch das hangseitige Haus.

→ Kaschka Knapkiewicz: Weil wir immer mit dem Aussen- Der verglaste Balkon hebt sich über die Seitenwände, geraum beginnen, entstehen bei uns oft schräge Winkel. Bei rahmt von Flügelmauern und Regenrinnen. Die Markisen anderen Projekten haben wir die Winkel allerdings freier sind gestreift. Stossen zwei Balkone aneinander, schützen 01 5 gehandhabt, so kann man gut zirkeln und justieren. Der abwechselnd holzsichtige und grün gestrichene Latten vor 45-Grad-Winkel der Siedlung Vogelsang folgt ganz ande- neugierigen Nachbarsblicken. Die Staketengeländer nehmit schlanken Holzlatten den Sichtschutz der Bewohren Regeln und war ungleich anspruchsvoller. Im Übrigen Publikation Siedlungmen Vogelsang hangseitiges Haus -ner A4:vorweg. Mst 1:500 Die Geländer formen zugleich eine Auflagefläsind es nie genau 45 oder 135 Grad,Schnitt sondern meist ein paar Grad mehr oder weniger. Die Siedlung krümmt sich che für Pflanzenkästen. Als es zu regnen beginnt, setzen die geschwungene Strasse entlang. Das System ist defor- wir uns ins Siedlungslokal mit Hofblick. miert. Der Fluchtpunkt der konvexen und konkaven Kur- Die Treppenhäuser sind dunkelrot, die Fassaden ockergelb, die Fensterläden knallgrün. Warum so bunt ? ven sitzt in etwa beim Eschenbergturm. Es gibt gelben Anhydrit oder Riemenparkett Kaschka Knapkiewicz: Mein Partner Axel bezeichnet Farben am Boden, Kalkzementputz an den als Geschmacksverstärker. Ich selbst habe keine starke Wänden und weiss verputzte Decken. Beziehung zum Material, bloss zur Farbe. Ob Beton, Putz Was ist die Idee dahinter ? oder Fliesen rot sind, ist mir egal. Ich habe auch keine Kaschka Knapkiewicz: Die GWG wünschte sich verschiede- Farbvorurteile, mich interessiert das Nebeneinander von ne Ausbauten. Weil die unteren, aussen ocker verputzten Farben. Es ist spannend, wie sich ein Gelb neben einem Geschosse als massives Hybridmauerwerk gebaut sind, Oliv oder Himmelblau verändert. Und dass Fensterläden entschieden wir uns hier für den Bodenbelag in Anhydrit. grün sind, weiss doch jedes Kind, nicht ? In den bretterverschalten Obergeschossen gibt es in den « Keine Beziehung zum Material » klingt im Land der Mate­ Küchen Parkett und Keramikplatten in den Küchen. Diese rialwahrheit ketzerisch. Allerdings wohne ich tatsäch­lich sind übrigens leicht unterschiedlich, haben aber immer in einem weiss verputzten Altbau mit grünen Läden. drei Farben: Der Hochschrank ist schwarz, Küchenkorpus Astrid Staufer: Ich auch. Grüne, mit Leinöl gestrichene Läund Oberschrank sind weiss und rot. Mehrfarbige Küchen den gab es früher häufig bei Landhäusern. Die sollten den wirken möbliert. Einfarbige Küchen sind Küchengebirge. Häusern ein fröhliches Aussehen verleihen. Allerdings waren im Wettbewerb nicht nur die Fensterläden grün, Die Gestaltung sondern ganze Hauspartien. Das Gelb kam erst danach. Wir streifen noch ein wenig durch die Höfe. Überall Kaschka Knapkiewicz: Wir hatten anfangs die Idee, das Haus gibt es etwas zu entdecken: Da sind die grünen Fenster- solle aus dem Boden wachsen und darum grün gefärbt partien, die die Fenster im Erdgeschoss und im ersten sein, mit einem ländlich roten Dachgeschoss. Doch je länObergeschoss zusammenfassen. Dort stülpt sich die Bret- ger wir planten, desto trister fanden wir das. Dann wurde → terschalung schwebend über den verputzten Unterbau. das Haus sonniger und erdiger. Wie in Italien.

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Siedlung Vogelsang, 2021 Untere Vogelsangstrasse 177 – 209, Winterthur ZH Bauherrschaft: GWG Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Winterthur Architektur: Knapkiewicz & Fickert, Zürich ; Daniel Kasel ( Projektleitung ) ; Moritz Conrad, Etienne Girard, Samuel Meier, Lena Paulsson, Ueli Steinmann, Niels Kunz, Nora Tahiraj, Patrick Rüegg, Antonio Ciullo, Simeon Muhl, Nelly Pilz, Benjamin Locher, Michael Schrepfer ( Mitarbeit ) Bauleitung: GMS Partner, Zürich Flughafen Landschaft: Tremp, Zürich Bauingenieure: Dr. Lüchinger + Meyer, Luzern Haustechnikplanung: Amstein + Walthert, Frauenfeld Elektroplanung: 3-Plan, Kreuzlingen Bauphysik: aundb, Winterthur Baumeister: Arge Landolt, Hans Stutz, Blatter, Winterthur Holzbau Fassade: Sprenger Söhne, Seuzach Küchen: Herzog, Unterhörstetten Gartenbau: Ernst Spalinger, Zell Auftragsart: Studienauftrag mit Präqualifikation und Überarbeitung, 2014 Erstellungskosten ( BKP 1 – 5 ): Fr. 80 Mio. Baukosten ( BKP 2 ): Fr. 69 Mio. Geschossfläche: 31 300 m 2

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Wohnungsgrundrisse 2. Obergeschoss. 2

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Grundriss 2. Obergeschoss - möblierter Ausschnitt - A4: Mst 1:320

Situation 1 Siedlung Vogelsang 2 Sulzerareal 3 Bahnhof 4 Altstadt

Wohnungsgrundrisse Erdgeschoss ( Hofgeschoss ) mit Waschküche am Durchgang.

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Eigenwillige Farbgebung auch im Innern.

Die Geräumigkeit gefällt, die glänzenden Oberflächen weniger siehe Umfrage auf Seite 17.

Der offene Wohn- und Kochbereich.

Die Wohnungspalette reicht von 6,5-Zimmer-Wohnungen für Grossfamilien bis ...

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Innen oder aussen ? Beides ! Und mit Vorhängen jederzeit wandelbar.

Kinder im Vorschulalter machen rund ein Sechstel der gesamten Vogelsang-Bewohnerschaft aus.

156 Haushalte, 468 Namensschilder.

... zu geräumigen 2,5-Zimmer-Wohnungen für Einpersonenhaushalte. Themenheft von Hochparterre, August 2022 — Zwischen Garten und Gleismeer — « Der Vogelsang ist wie eine barocke Kulisse »

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→ Astrid Staufer: Die Fassade hat sich deutlich verbessert, und so muss es auch sein. Selten findet man die Balance schon im Wettbewerb, und es wäre falsch, nach der Abgabe sieben Jahre einem eilig gemachten Rendering hinterherzurennen. Mehr als die Farben interessieren mich die Referenzen: Der Vogelsang bedient sich an Bildern aus Italien, am französischen ‹ hôtel particulier › und an den Bretterhütten der Schrebergärten. Was hält das alles zusammen ? Besteht nicht die Gefahr, im Sammelsurium zu enden, im Kitsch ? Wie definieren Sie Kitsch ? Astrid Staufer: Mein Zeichnungslehrer bezeichnete Kitsch als « Verdichtung zu vieler schöner Dinge »: Sandstrand, Palmen, Meer, Sonnenuntergang, Liebespärchen – zu viel davon auf einmal, das sei eben Kitsch. Kaschka Knapkiewicz: Das klingt schrecklich protestantisch. Wir arbeiten eher wie Katholiken. Schau dir mal eine Barockkirche an, zum Beispiel jene in St. Gallen: ein grosses Durcheinander, und nicht alles daran ist schön. Auch beim Vogelsang ist nicht alles schön. Astrid Staufer: Genau, Schönheit braucht Störungen. Der Vogelsang steckt voller solcher Momente: Wie die grünen Fensterläden direkt an die Bretterschalung stossen – das ist alles andere als regelkonform. Eine Blasphemie, weil das Fassadenfleisch ums Fenster fehlt ? Kaschka Knapkiewicz: Das ist doch der Witz. Für mich ist der Vogelsang wie eine barocke Kulisse. Es gibt zwei Bühnenbilder von Serlio, eines zur Tragödie und eines zur Komödie. Das Erste ist streng und geschlossen, da passiert nur wenig. Das Zweite ist üppig und überbordend. Wir wollten ein fröhliches Haus bauen, eine Komödie. Es gibt mehr, als man auf den ersten Blick entdeckt. Im Zweifelsfall für die Reichhaltigkeit ? Kaschka Knapkiewicz: Absolut ! Astrid Staufer: Ich frage mich dennoch, wie man so unterschiedliche Referenzen sinnvoll in Beziehung setzen kann. Wie frei lassen sich Momente aus der Architekturgeschichte collagieren ? Und stellt sich nicht immer auch die Frage nach der Übersetzung in die Gegenwart ? Konkret: Sind solche Läden noch zeitgemäss ? Kaschka Knapkiewicz: Ich überlege gar nicht erst, was zeitgemäss ist. Im Grunde gibt es sowieso nichts Neues unter der Sonne. Nehmen wir das ‹ hôtel particulier ›: Natürlich bauen wir nicht mehr für Kutschen und feine Herren. Aber der Typus geht klug mit Wohnen am Strassenlärm um, das kann man transformieren.

leer, das ist schon ein wenig absurd. Auch bei der Haustechnik haben wir einiges ausprobiert, allerdings ohne Label, sozusagen projektspezifisch: Es gibt Wärmepumpen und Erdsonden, Photovoltaik auf dem Dach und statt einer Kontrolllüftung eigens entwickelte Nachströmöffnungen über den Fenstern und dazu die Abluft via Badezimmer. Auch konstruktiv ist der Vogelsang ein einfaches Haus. Wie sind Sie auf das Hybridmauerwerk gekommen ? Kaschka Knapkiewicz: Zuerst hatten wir ein konventionelles Zweischalenmauerwerk geplant, doch dann wären in den Gebäudeecken Dilatationsfugen entstanden. Die schönen achteckigen Höfe ohne präzise Kanten mit voneinander getrennten Wandflächen – eine schreckliche Vorstellung ! So kamen wir auf das System, das ausserdem ohne Isolation auskommt. Die tragende Innenschale besteht aus 18 Zentimeter starkem Backstein, die Aussenschale aus 37 Zentimeter dickem Dämmstein. Weil das aber nicht gereicht hätte, um die Normen zu erfüllen, kompensieren wir das unter der Bretterschalung in den obersten Geschossen mit einer stärkeren Dämmung. Die Fassade ist dauerhaft und darum nachhaltig. Apropos Dauerhaftigkeit: Ist eine so spezifische Architektur wie beim Vogelsang, ist das massgeschneiderte Unikat nicht starr, ineffizient und schwer umnutzbar ? Astrid Staufer: Gute Frage. Aber wie wir festgestellt haben, kann die gewählte Grundfigur durch ihren systemischen Charakter verschiedenste Wohnungen und Nutzungen aufnehmen. Mich erstaunt auch, dass die energetischen Anforderungen trotz der grossen Abwicklung erfüllt sind. Das funktioniert letztlich nur, weil die Baukörper an den Gelenkstellen zwar dünn sind, ansonsten aber sehr kompakt und kräftig. Die Siedlung knüpft an tradierte Bilder an, spielt mit Analogien und Referenzen. Muss man zukunfts­ fähige Architektur nicht radikal anders denken ? Die Klimaaktivistinnen von ‹ Countdown 2030 › fordern eine « Neuerfindung der Moderne ». Kaschka Knapkiewicz: Ausgerechnet die Moderne ! Ihr Funktionalismus hat so viel kaputt gemacht, das brauchen wir wirklich nicht mehr. Und was gibt es bitte Neues ? In den aktuellen Architekturwettbewerben sieht man vor allem Kopien früherer Metron-Projekte mit Laubengängen, Holzskelett und Aneignung. Es kann doch nicht das Ziel sein, solchen Trends hinterherzurennen ? Astrid Staufer: Die Moderne ist ein vergifteter Begriff, darum ist die Wendung unglücklich gewählt. Gemeint ist allerdings keine Neuauflage des Funktionalismus, sondern Die Klimakrise Wir verlassen das Siedlungslokal, eine kuriose Welt ein radikaler Epochenwechsel. Wir müssen mehr umbaumit quadratischen Spiegeln hinter der stolzen Bar, ge­rahmt en, erweitern und reparieren. Die Reinheit ist passé, die von expressiv überformten Abluftrohren, die kurz unter der Zukunft gehört der kunstvollen Bricolage. So gesehen hat Decke enden. Ganz offensichtlich ist das Architekturma- eure Arbeitsweise doch einiges Potenzial, oder ? chen für Knapkiewicz Fickert ein Spass. Für jedes noch so kleine Detail gibt es eine Idee, eine Form und eine Farbe. Das mag gelegentlich übersteuern, aber die Liebe zu einer Architektur, die etwas will und wagt, ist spürbar. Und der Mut der GWG, so weit zu gehen, ist offensichtlich. Mit Gedanken, Notizen und Bildern im Kopf steigen wir ins Auto der Architektin. Die Garage ist riesig, aber weitgehend leer. Im Aushub und im Beton stecken enorme Mengen Treibhausgas. Warum ist die Garage so gross ? Ist die GWG ökologisch weniger ambitioniert als sozial ? Kaschka Knapkiewicz: Das würde ich nicht sagen. Der Vogel­ sang ist mit dem öffentlichen Verkehr schlecht erschlossen. Aufgrund des erhöhten Risikos konnten wir die Park­plätze im Mobilitätskonzept bloss um einen Viertel reduzieren. Allerdings stehen viele der 150 Parkplätze nun

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Differenzierte Beläge definieren den privaten Aussenbereich der Wohnungen am Hof.

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Umfrage, Teil 1: Architektur und Wohnungen Was gefällt sehr ? Und was gar nicht ? Die Bewohnerinnen des Vogelsangs verraten ihre ehrlichen Meinungen. Thema des ersten Teils der grossen Umfrage: die Gestaltung und das Wohnen.

Wie gefallen Ihnen die architektonischen Elemente ? von 6 ( sehr gut ) bis 1 ( gar nicht ) Einpassung Holzverkleidung

Was a gefä n der Ar c llt Ih nen hitektur b es o nder s?

Gestaltung Glasbalkone Farben

« Schön, sind die Häuser keine recht­ eckigen Blöcke. Bei den vielen Grundris­ sen ist man immer neugierig auf die Wohnung der anderen. Die Architektur ist einladend, darum hat man Lust, hier Zeit zu verbringen. » « Die Farben sind klasse ! » « Trotz der vielen Wohnungen fühlt man sich nicht eingeengt. Die Höfe und die Allmend sind schön gestaltet, man fühlt sich fast ein bisschen wie in den Ferien am Mittelmeer. » « Die Durchwegung der Siedlung halte ich für gelungen, es gibt viel Raum für Aufenthalt und Bewegung. Trotzdem hat jede Wohnung eine gewisse Privat­sphäre mit Balkonen oder Sitzplätzen. » Die Wohnungsgrundrisse sind wirklich gelungen, und ich staune, wie die Architekten das kreiert haben.

? cht ? n a e m g e n isslu anders g cklich ? m st i e ü Was ätten Si nicht gl h e Was t sind Si i Wom « Natürlich ist es Geschmackssache, aber ich hätte für die Aussenfassade andere Farben gewählt und bestimmt keine grünen Fensterläden. »

Warum sind Sie hauptsächlich eingezogen ?

« Die Balkone sind toll, aber die Trennwand zum Balkon des Nachbars ( man sieht hindurch und hört alles etc. ) empfinde ich als eine sehr grosse Zumutung. » « Die Abgrenzung zwischen Promenade und Vogel­ sangstrasse könnte markanter sein – mit einem Zaun oder einer stärkeren Begrünung. Die Kinder klettern auf die Mauer, was beim nahen Verkehr gefährlich ist. »

G emeinschaft / Nachbarschaft G WG / Genossenschaft Wohnungsqualität Lage Architektur Zusatzangebote Anderes

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« Ich verstehe nicht, warum die Laternen­balkone zur Strassenseite hin offen sind. Wir kriegen so den ganzen Staub und Lärm der Strasse ab, und der Regen fällt bis in die Mitte. Ausserdem hätte man hier anstelle von Sichtglas beispielsweise auch Milchglas montieren können oder Storen, die bis ganz nach unten reichen. »

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Wie gefällt Ihnen Ihre Wohnung ? von 6 ( sehr gut ) bis 1 ( gar nicht ) Wohlbefinden Raumwirkung Farben Möblierbarkeit

g hnun ers ? o W er nd an d en b es o s a W n llt Ih ä f e g « Die Küchen und Bäder sind genial. Es gibt genug Ablagen und Stauraum, der Kühl­ schrank ist gross und übersichtlich. Mein Highlight sind die integrierte Garderobe und das Bänkchen. » « Unsere Wohnung ist offen, den­noch gibt es Rückzugsräume und -ecken. Wegen des abwechslungsreichen Schnitts wirkt sie grösser, als sie ist. » « Die Raumaufteilung in zwei Flügel mit je einem Bad lässt sich gut mit Kindern nutzen. Der Balkon nach hinten zu den Pünten und der Allmend ist sehr idyllisch. » « Die vielen grossen Fenster sind toll. Es hat viel Tageslicht, viele Blickbezüge und einen fantastischen Ausblick. » « Mir gefallen die verwinkelten Räume. So entstehen immer wieder neue Lichtstimmungen und viel­fältige Bezüge zwischen innen und aussen. » « Die unterschiedlichen Szenen je nach Blickrichtung: Hof – Allmend – Terrasse. » « Die Ästhetik. Alles ist sehr geschmack­ voll, hochwertige Baumaterialien, verspielte Architektur, jede Wohnung ist anders, auch die vom gleichen Typ. »

Was i Was st misslu h Wom ätten Si ngen ? e it sin d Sie anders g e nich t glü macht ? cklic h? « Die raumhohen Türen öffnen sich nicht zur Wand, sondern in den Raum. Das kostet viel Platz. » « Steckdosen mit USB-Anschluss und automatische Rollläden wären praktisch. » « Die Schlafzimmer sind generell etwas zu klein und unflexibel beim Einrichten. Und wenn es schon nur eine Variante gibt, das Zimmer zu möblieren, könnten sich doch wenigstens die Steckdosen an den richtigen Stellen befinden. » « Die Farbgebung in den Wohnungen, das undefi­nier­ bare Rostbraun und die Bade­zimmerfliesen finde ich unmöglich. Die vielen Fugen ziehen den Schmutz geradezu an. Auch die glänzenden Küchen­oberflächen und Spie­ gel lassen sich in einem Haushalt mit Kindern kaum sauber halten. » « Die Abwaschmaschine ist irgendwie kleiner als die, die wir zuvor hatten. » « Die Wohnung ist sehr hellhörig. Geräusche aus dem Treppenhaus und aus anderen Wohnungen dringen prak­ tisch un­gefiltert herein. Schritte werden als dumpf hämmernde Schläge über­ tragen, was eine ziemliche Zumutung ist. Ausserdem machen die grünen Fenster­ ladentüren einen unüberhörbaren Krach. Dasselbe bei den Wohnungstüren: Mit der richtigen Technik – andrücken bis zum Klick – lassen sie sich in angemes­sener Lautstärke schliessen. Viele Bewo­hnerinnen haben das aber noch nicht herausgefunden und knallen die Türen schonungslos zu. » « Der Wasserhahn beim Abwaschbecken müsste ausziehbar sein. Das ist Standard. »

Über die Umfrage Die Daten und Statements stammen aus einer Umfrage, die die GWG anfangs April 2022 online durchführte. 45 Prozent der Haushalte nahmen daran teil.

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« Wir wollten nicht krampfhaft etwas inszenieren » Das Los entschied über die Verteilung der Wohnungen. In Sachen Zusammenleben wurde aber nur wenig dem Zufall überlassen, so GWG-Präsidentin Doris Sutter. Interview: Gabriela Neuhaus

Es war Mitte April, als die letzten Umgebungsarbeiten in Gang waren und Gärtner blühende Obstbäume in den steilen Hang pflanzten. Im kommenden Herbst werden sich die Bewohnerinnen des Vogelsangs die Ernte teilen. Bereits heute steht ihnen eine ganze Reihe von weiteren Angeboten zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung – vom Pizzaofen über die Grillstelle, das Schachbrett unter der Pergola der Sonnenterrasse bis zum Badebrunnen vor dem Siedlungslokal mit Kinderspielraum. Darüber hinaus gibt es Fitnessräume, ein Gemeinschaftsbüro, ein Musikund Gästezimmer. Die Hobbyräume und die Velowerkstatt werden bald bezugsbereit sein. Noch wirkt alles frisch und neu. Gleichzeitig ist in den letzten Monaten spürbar Leben in die Siedlung eingekehrt: Knapp 400 Menschen wohnen hier, verteilt auf 156 Haushalte. Ein Sechstel der Bewohner sind Kinder, meist im Vorschulalter. « Die Siedlungsgemeinschaft ist lebendig und engagiert – wir haben einen guten Austausch mit den Leuten », freut sich Doris Sutter. Die Präsidentin der GWG erzählt nach einem Rundgang über die verwinkelten Höfe, den Spielplatz, hinunter in die Garage und wieder hinauf in die Siedlungsküche, was den Vogelsang ausmacht. Was unterscheidet die Siedlung Vogelsang vom übrigen Wohnungsangebot der GWG ? Doris Sutter: Dank der Grösse der Siedlung können wir der Bewohnerschaft hier erstmals im grossen Stil Zusatzangebote und praktische Einrichtungen wie Recyclingräume oder zwei Elektroautos im Carsharing anbieten. Insgesamt sind rund zwei Prozent der beheizten Siedlungsfläche als Gemeinschaftsräume definiert. Mit Ausnahme des Siedlungslokals können wir die Räume bei einer mangelnden Nachfrage jederzeit wieder als Wohnraum vermieten. Für die Organisation der Zusatzangebote haben wir zudem eine digitale Plattform entwickelt, über die sämtliche Bewohner und Bewohnerinnen untereinander und auch mit uns kommunizieren können. Diese Plattform nutzen wir jetzt in allen unseren Siedlungen, was uns als GWG einen grossen Schritt vorangebracht hat. Was hat Sie dazu bewogen, nebst den Wohnungen all diese Zusatzangebote zu schaffen ?

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Doris Sutter: In den meisten Wohnungen gibt es ein sogenanntes ‹ graues Zimmer ›: ein Zimmer, das monatlich zwischen 300 und 400 Franken kostet, aber kaum genutzt wird oder wenig Freude macht. Unser Ziel war es, seine Funktionen – Abstellraum für den Hometrainer, Platz fürs Gästebett oder den Schreibtisch – anderweitig in der Siedlung unterzubringen. So kann man bei Wohnungen auf ein Zimmer verzichten. Das senkt nicht nur die Kosten für die Haushalte, sondern ist auch ökologisch sinnvoll. Viele Genossenschaften bestimmen die maximale Wohnungsgrösse nach der Formel ‹ Anzahl Bewohnerinnen plus eins ›. Sie gilt auch im Vogelsang. Ist der Wohnraum also trotz Zusatzangeboten nicht stärker begrenzt ? Doris Sutter: Wir wollten bei der Vermietung bewusst ein neues Publikum ansprechen, eines, das vielleicht nicht so viel mit Genossenschaften am Hut hatte. Was die Mietpreise betrifft, vermieten wir im Vogelsang Wohnungen für den Mittelstand. Uns ging es darum, diesen Menschen aufzuzeigen, dass ein attraktives Gemeinschaftsangebot das ‹ graue Zimmer › mehr als ersetzen kann. Der Ansturm auf die 156 Wohnungen war enorm. Wie haben Sie die Bewerberinnen ausgewählt ? Doris Sutter: Nachdem am ersten Anmeldetermin das ITSystem unter dem Ansturm zusammengebrochen war, losten wir aus, wen wir zum Beratungsgespräch einluden. Dabei wollten wir die Hürde möglichst tief halten und verlangten von den Bewerberinnen nur ein Minimum an Informationen. Mit jeder ausgelosten Partei haben wir dann ein einstündiges Gespräch geführt und ihr das Projekt, die Wohnungen sowie die Vor- und Nachteile der Siedlung offen erklärt. Wir wollten, dass uns die künftige Bewohnerschaft kennenlernt und weiss, worauf sie sich einlässt. Haben die Gespräche auch zu Absagen geführt ? Und was für Menschen sind schliesslich eingezogen ? Doris Sutter: Schon in der Bauphase haben wir das Projekt an Infoanlässen etwa 1000 Personen vorgestellt. Natürlich erhielten wir auch Absagen. Es gab keine Visualisierungen, man konnte die Wohnung vor der Unterzeichnung des Mietvertrags nicht anschauen, weil es sie noch nicht gab. Das behagte nicht allen. Wir erklärten viel mit dem Lebensgefühl, das hier entstehen sollte: eine lebendige Nachbarschaft in einer pulsierenden Siedlung mit zahlreichen Möglichkeiten, sich auch ausserhalb der eigenen

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vier Wände zu bewegen und einzubringen. Es sagten Menschen zu, die sich von diesem Lebensgefühl angesprochen fühlten und offen genug waren, sich auf das Experiment einzulassen. Stichwort ‹ soziale Durchmischung ›: Andere Genossenschaften haben Quoten, Generationenwohnungen oder Wohnungen, die für Menschen mit Migrationshintergrund oder erschwertem Zugang zum Wohnungsmarkt reserviert sind. Weshalb verzichtet die GWG explizit auf solche lenkenden Massnahmen bei der Auswahl ihrer Mieterschaft ? Doris Sutter: Die GWG verfügt über sehr viele günstige Wohnungen. Über alle unsere Siedlungen betrachtet, ist die Durchmischung gut. Im Vogelsang haben wir aber bewusst auf Vorgaben verzichtet. Wir wollten nicht krampfhaft etwas inszenieren, lieber setzten wir auf den Zufall: Dank des Losverfahrens leben jetzt Menschen hier, die bewusst in diese Siedlung wollten und es sich auch leisten können. Gemessen an den Möglichkeiten, die sich im Vogelsang bieten, sind die Mieten nicht besonders hoch. Es gibt auch Personen mit knappem Einkommen, die genau wegen dieser Angebote hier leben und dafür auf anderes verzichten. Wie sieht eine erste Bilanz in Bezug auf die Nutzung der Angebote aus ? Doris Sutter: Von Anfang an sehr gut gelaufen sind das Carsharing und das Fitnessangebot. Aufgrund der Pandemie konnte Letzteres anfangs nur von einer Partei auf einmal genutzt werden. Diese private Nutzung hat so grossen Anklang gefunden, dass wir nun so weitermachen. Aktuell gibt es eine Nachfrage nach weiteren Geräten sowie nach einem Yoga- und Tanzraum. Auch die beiden Gästezimmer sind oft vermietet – sie haben je vier Betten und kosten pro Nacht pauschal 50 Franken inklusive Bettwäsche und Reinigung. Das Gemeinschaftsbüro hingegen ist noch schwach frequentiert, ebenso die Siedlungsküche für private Anlässe. Für eine Bilanz ist es allerdings zu früh, wir müssen dem Ganzen Zeit geben. Verschiedene Angebote im Aussenbereich sowie Hobbyräume und Velowerk­statt sind noch nicht eingerichtet, das Siedlungslokal wurde eben erst eingeweiht … Wie weit wird die Bewohnerschaft bei der Gestaltung und Bestimmung der Gemeinschafts­ angebote miteinbezogen ? Wer verantwortet die Organisation und den Unterhalt ? Doris Sutter: Wir sind im ständigen Austausch mit der Siedlungsgemeinschaft. Viele beteiligen sich an unseren Umfragen und Workshops und bringen so Wünsche und Anregungen ein, die wir aufzunehmen versuchen. Die Verantwortung für Betrieb und Unterhalt sowie für Neuanschaffungen wie Fitness- oder Spielplatzgeräte liegt bei der GWG. Damit vermeiden wir Konflikte und Rivalitäten. Initiativen aus der Bewohnerschaft unterstützen wir nach Möglichkeit – insbesondere dann, wenn sie der Gemeinschaft dienen. So leisten wir etwa Starthilfe für die Lancierung des ‹ Uno ›-Clubs: Nachdem eine alleinlebende Bewohnerin das Bedürfnis geäussert hatte, Nachbarinnen in der gleichen Situation kennenzulernen, ermutigten wir sie, über die digitale Plattform nach Gleichgesinnten zu suchen. Mittlerweile haben sich 20 Einpersonenhaushalte dem Club angeschlossen. Die GWG fördert engagiert die Nachbarschaften innerhalb des Vogelsangs. Wie steht es um die Vernetzung der Siedlung mit der umliegenden Stadt ? Doris Sutter: Nebst einer Kita gibt es einen städtischen Kindergarten. Das Trottoir auf der Strassenseite haben wir auf unserem Land und auf eigene Kosten erstellt. Dadurch wurde die Strasse verbreitert, sodass es künftig Platz für Velostreifen gibt – damit haben wir einen wichtigen Bei-

Doris Sutter ist Präsidentin des GWG-Vorstands und verantwortlich für den Bereich Zusammenleben.

trag zur Verkehrssicherheit geleistet. Eine aktive Einbettung der Siedlung ins Quartierleben bietet sich aus topografischen Gründen leider nicht an: Hier kommt niemand einfach vorbei. Was man aber sagen kann: 80 Prozent der Haushalte kommen aus Winterthur, und bei uns wohnen viele, die in der Stadt arbeiten. Ein grosser Teil der Bewohnerschaft ist mit dem Velo unterwegs. Erstaunlich ist die riesige Autoeinstellhalle unweit vom Stadtzentrum. Ist sie noch zeitgemäss ? Doris Sutter: Der Vogelsang verfügt aktuell über gleich viele Parkplätze wie Wohnungen – das sind weniger Parkplätze, als die Bauordnung vorschreibt. Aus diesem Grund haben wir mit der Stadt ein Nachhaltigkeitskonzept ausgearbeitet. Es besagt, dass Personen, die in der Siedlung wohnen, ihr Auto hier parken müssen und keine Dauerparkkarte fürs Quartier erwerben können. Trotzdem haben wir viel zu viele Autoparkplätze, das stimmt. Bei den Velos ist es umgekehrt: Jeder Wohnung steht pro Schlafzimmer kostenlos ein Veloplatz zur Verfügung. Das reicht vielen nicht. Vor allem für die zahlreichen Velos mit Anhängern haben wir deshalb Autoparkplätze umfunktioniert. Ohnehin sollen sich die Angebote den wechselnden Bedürfnissen der Bewohnerschaft anpassen. Wir sind genügend flexibel dafür, nicht zuletzt dank der digitalen Plattform, die Austausch und Organisation enorm vereinfacht. Hier liegt noch viel Potenzial für die Zukunft.

Ein buntes, lebendiges Angebot Im Vogelsang leben knapp 400 Menschen in 156 Wohnungen. Rund 90 Wohnungen kosten brutto 1300 bis 2000 Franken bei 58 m2 bis 90 m2 Hauptnutzfläche. Die restlichen Woh­nungen kosten 2000 bis 3000 Fran­ken bei 92 m2 bis 158 m2 Haupt­ nutz­­fläche. Zum Zeitpunkt des Einzugs setzten sich die Haus­haltsgrössen wie folgt zusammen: 42 × 1 Person 50 × 2 Personen 21 × 3 Personen 33 × 4 Personen 8 × 5 Personen 2 × 6 Personen

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Es ist genug für alle da: Die Waschküche ist grosszügig bestückt, waschen kann man spontan und jederzeit.

Das einzige Auto im Veloraum.

Zehn Haushalte besitzen ein Abo für das Musikzimmer.

Im Gemeinschaftsbüro stehen feste Plätze zur Miete. Wer flexibel im Büro arbeiten möchte, löst ein Abonnement.

Rund die Hälfte der Haushalte hat ein Fitnessabo gelöst, es kostet zehn Franken pro Monat.

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Die Recyclingräume sind besonders beliebt siehe Umfrage auf Seite 22.

Das Siedlungslokal wurde eben erst eingeweiht.

Wirds beim Spazieren mit dem Hund schlammig, wartet die ‹ Dreckschleuse ›.

Die Garage ist 300 Meter lang und bietet Platz für 150 Autos.

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Umfrage, Teil 2: Gemeinschaft und Angebote Wie ist das Miteinander im Vogelsang ? Was gefällt und was fehlt ? Im zweiten Teil der Umfrage beantworten die Bewohner Fragen rund um das gemeinschaftliche Leben und die vielen Zusatzangebote.

Welches ist Ihr Lieblingsangebot ? ( Anzahl Nennungen ) Recyclingräume GWG-Auto

Im Vogelsang leben rund 400 Menschen. Wie leicht ist es, jemand Neues kennenzulernen ?

Fitnessraum

von 6 ( sehr leicht ) bis 1 ( sehr schwer )

Siedlungslokal

6

Leihraum Waschküchen

5

Polyroly-Veloanhänger Siedlungsküche Werkstatt

4

Welches Angebot vermissen Sie ?

Gemeinschaftsbüro Pizzaofen

3

Sauna Jugendraum

Spielplatz

2

Garten Kohlensäure-Wasserhahn Gästezimmer

Wo und wie oft begegnen Sie den anderen Bewohnerinnen ? von 4 ( sehr oft ) bis 1 ( nie ) Hof Promenade Waschküche Treppenhaus / Lift Allmend Sitzplatz / Balkon Veloraum Garage Recyclingräume Leihraum

Wie wichtig sind Ihnen die Zusatzangebote ? von 6 ( sehr wichtig ) bis 1 ( gar nicht wichtig ) Recyclingräume Waschküchen Spielplatz Siedlungslokal Velo- und Holzwerkstatt Kohlensäure-Wasserhahn Gemeinschaftsgarten Zusatzkeller Dreckschleuse Musikzimmer

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Die Zusatzangebote sind …

Was a gefä n der Sie llt Ih nen dlung b es o nder s?

genau richtig zu viel zu wenig

« So stelle ich mir die Zukunft von ver­dichtetem Bauen vor. Der private Platz ist beschränkt, aber noch im­mer grosszügig. Die vielen Gemeinschaftsräume sorgen für unglaublich viel Lebensqualität. » « Die Architektur fördert Begegnungen unter Nachbarn. Die Kinder können sich in den Höfen verstecken und ‹ Trotti › fahren, die Erwachsenen begegnen sich spontan. Die Waschküchen sind nicht im Keller versteckt, sondern locken farbenfroh zum Schwatz. Der schöne Badebrunnen ist ein Gaudi für Jung und Alt. Die Durchmischung ist gut. » « Die ganze Siedlung macht den Eindruck einer Gemeinschaft. Man hilft sich, wo man kann. Und dass die GWG sich wirklich dafür interessiert, wie es den Bewohnerinnen geht, ist eine willkommene Neuheit. In unserer alten Wohnung waren wir vor allem ‹ als Portemonnaie › geschätzt. »

? n? acht e m g e n g lu s miss ie ander lücklich ? st i Was ätten S nicht g h e Was t sind Si i Wom « Autofrei hätte ich die Siedlung noch toller gefunden. Die Garage finde ich schon etwas überdimensioniert. »

« Ich hätte gerne Waschtage reserviert. » « Die Waschküchen. Ich kann vier Maschi­nen aufs Mal benutzen. So bin ich nach etwas mehr als einer Stunde fertig mit Waschen. Unglaublich. Oder ? » « Dank der Durchmischung von Jung und Alt, Familien und Alleinstehenden sowie anderen Konstellationen fühlen sich alle wohl und zugehörig. Wirklich eine schöne Gesamtatmosphäre. »

« Mich stört der Kleingeist betreffend Schuhe vor der Türe oder Kleider­ständer, vorab im obersten Stock. Wider die Eiferer und Regu­ lie­rungs­wütigen plädiere ich für mehr Angemessenheit und Pragmatismus. » « Der Badebrunnen könnte grösser sein. » « Klar, man kann nicht überall und immer 26 Grad Raumtemperatur anbie­ten, trotzdem wird zu wenig geheizt. Die Schlafzimmer sind ja auch Spiel­ zimmer oder Homeoffice, da kann man nicht mit der Bettflasche und ‹ Chriesi­ stein ›-Kissen nachhelfen. Zudem sitzen ältere Menschen viel und frieren öfters. » « Mit mehr Budget hätte ich neben der Glasfaserdose einen Netzwerkan­schluss 4 × RF45 geplant, bei Wohnungen mit mehr als vier Zimmern ausserdem einen Netzverteiler. »

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Texte: Karin Salm

Der junge Berufstätige Christian Bodenmann, Lehrer, 24 Jahre 2,5-Zimmer-Wohnung, Untere Vogelsangstrasse 203

« Ich bin ein grosser Fan des Musikzimmers, dort übe ich regelmässig Saxofon. »

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« Das ist meine erste eigene Wohnung. Lustigerweise habe ich in der alten Siedlung, die abgerissen wurde, mehr oder weniger an der gleichen Stelle gewohnt. Das gab mir sofort ein heimatliches Gefühl. Kommt hinzu, dass ich mich hier sehr wohlfühle, weil alle so friedlich unterwegs sind. Man kommt mit allen rasch ins Gespräch. Mich begeistern die vielen praktischen Dinge in der Wohnung: die Küchenschubladen mit ihren Stoppern, der pflegeleichte Boden, die eingepassten Vorhangstangen. Zugegeben, das sind Details. Aber sie zeigen, dass man an die Bedürfnisse der Bewohnerschaft gedacht hat. Ich bin ein grosser Fan des Musikzimmers, dort spiele ich regelmässig Saxofon. Diese Woche war ich jeden Tag dort, um für ein Konzert mit der Harmonie Turbenthal zu üben. Das Online-Anmeldesystem für den Raum funktioniert nach dem Prinzip ‹ first come, first serve ›. Ich hatte bisher nie Probleme, einen freien Termin zu finden. Wenn dann die Werkstatt fertig ist, werde ich sie für kleine Reparaturarbeiten am Velo nutzen. In den Töpfen auf dem Balkon wachsen Tomatensetzlinge, die ich mit meinen Kindergartenkindern herangezogen habe. Bald werde ich die Tomaten in grössere Gefässe umtopfen und auf den Balkon stellen. Das passt dann perfekt, weil der Innenhof eine mediterrane Ausstrahlung hat. Ich möchte auf jeden Fall ein paar Jahre im Vogelsang wohnen bleiben. Die Velofahrt bis zu meinem Arbeitsort dauert zehn Minuten, ich bin schnell in der Stadt und in der Natur. Das ist perfekt. »

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Das Seniorinnenpaar Susi Kirchmayr, Wohnbegleiterin, 72 Jahre Gertrud Wirth, pensionierte kirchliche Sozialarbeiterin, 75 Jahre 3,5-Zimmer-Wohnung, Untere Vogelsangstrasse 197

« Für uns ist das gemeinsame Wohnen auch ein Wagnis. »

Gertrud Wirth: Unsere Gäste reagieren mit einem « Wow ! », wenn sie unsere Wohnung betreten. Alle sind beeindruckt von der Ausstrahlung, der Helligkeit und dem grossen, laternenartigen Balkon. Ich muss gestehen: Die Laterne hat auch uns sehr überrascht. Aufgrund der Pläne konnten wir uns gar keine richtige Vorstellung davon machen. Susi Kirchmayr: Für uns ist das gemeinsame Wohnen auch ein Wagnis, denn als Paar leben wir nun zum ersten Mal unter einem Dach. Wir haben uns darum für die grösste unter den 3,5-Zimmer-Wohnungen beworben. Der genossenschaftliche Gedanke war zwar nicht zentral, dennoch hat uns das Gemeinschaftliche angesprochen. Gertrud Wirth: Ich bin in einem sozialdemokratischen Milieu und in einer Genossenschaft aufgewachsen und habe nicht nur gute Erinnerungen daran. Es gab oft Streit. Aber hier ist es anders. Susi Kirchmayr: Hier im Vogelsang wirken alle hoch motiviert und sind daran interessiert, dass das Gemeinschaftliche gelingt. Dieses ist auf jeden Fall am Entstehen. Die GWG-Verwaltung ist offen, die Bewohnerinnen sind zugänglich, und unser Hauswart Simon ist extrem hilfsbereit. Ihn kann man schlicht alles fragen ! Die vielen verschiedenen Gemeinschaftsräume haben wir bisher selten genutzt – das Recyclingangebot finden wir jedoch super. Gertrud Wirth: Die Siedlung ist dicht und sehr lebendig. Was das bedeutet, war uns am Anfang nicht bewusst. Um uns ein bisschen abzuschirmen und weniger abgelenkt zu sein, haben wir an den Fenstern Plissees montiert. Susi Kirchmayr: Ich bin Mitglied in der Gartengruppe. Wir haben uns schon einmal getroffen, einen Teil des Gemeinschaftsgartens gejätet und die Blumenmischung ‹ Bienenapéro › ausgesät. Im Sommer wird der Blühstreifen für die Bienen hoffentlich ein tolles Nahrungsangebot sein.

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Die Patchworkfamilie Ida Ademi, GL-Assistentin, 37 Jahre Saphira Guggisberg, im 2. Lehrjahr FAGE, 17 Jahre Amon Guggisberg, im 1. Lehrjahr Konstrukteur, 16 Jahre Leon Guggisberg, Sportschüler, 13 Jahre Reto Eugster, Projektleiter in einer Werbeagentur, 36 Jahre Yann Unterberger, Sportschüler, 15 Jahre Loïc Unterberger, Schüler 1. Sek, 13 Jahre 6,5-Zimmer-Wohnung, Untere Vogelsangstrasse 193

« Die Farbigkeit ist richtig gut. Sie verströmt italienisches Ferienfeeling. »

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Ida: Von aussen wirkt es, als ob diese Siedlung so dicht ist, dass es gar keinen Raum für Privatsphäre gibt. Aber dieser Eindruck täuscht: Hier kann man sich total zurückziehen und fühlt sich absolut frei. Reto: Das stimmt. Für mich war dieser Aspekt die grösste Überraschung. Da im Vogelsang alles so verwinkelt ist, gibt es viele spannende räumliche Perspektiven. Unsere Wohnung verfügt im Koch- und Wohnbereich insgesamt über vier Fenster – und damit über vier ganz unterschiedliche Ausblicke. Ida: Das ergibt fast schon ein Panorama. Wobei es auch etwas anspruchsvoll war, die Wohnung einzurichten. Sohn Yann: Mir gefallen die hohen Räume in der Wohnung und der Fitnessraum. Sohn Loïc: Der ist mein Highlight, dort kann ich ungestört trainieren. Das kommt mir im Basketball zugute. Sohn Leon: Das geht mir genauso. Ich bin fünfmal pro Woche dort. Toll ist auch, dass wir alles – Karton, Glas, PET und Papier – gleich in den Recyclingräumen der Siedlung entsorgen können. Früher mussten wir das alles durch die halbe Stadt tragen. Ida: Der gedeckte Balkon ist ein Gewinn. Reto und ich sitzen viel draussen. Reto: Wir haben auch eine Terrasse. Ich finde es sehr interessant, dass wir via Balkon und Terrasse zu ganz unterschiedlichen Nachbarn Kontakt haben. Tochter Saphira: Mein Lieblingsplatz ist die Terrasse, von meinem Zimmer habe ich direkten Zugang dazu. Die Mittagssonne dort ist herrlich. Sohn Amon: Mein Entspannungsort ist das Sofa im Wohnzimmer. Leider ist es meistens besetzt. Reto: Es war gar nicht so einfach, für eine siebenköpfige Patchworkfamilie eine Wohnung zu finden. Wir mussten lange suchen. Ida: Während der Bauphase sind wir oft hier vorbeigefahren und haben gerätselt, wo unsere Wohnung genau liegen würde. Als die Fassade gelb gestrichen wurde, haben wir zuerst leer geschluckt. Aber wenn ich sehe, was in einigen Neubauquartieren an langweiligen Wohnklötzen hochgezogen wird, ist die Farbigkeit richtig gut. Sie verströmt italienisches Ferienfeeling.

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Die junge Familie Nora Ernst, Nachhaltigkeitsmanagerin, GLP-Stad­t-parlamentarierin, 35 Jahre Simon Amann, Entsorgungsspezialist, 35 Jahre Malo, 2,5 Jahre 4,5-Zimmer-Wohnung, Untere Vogelsangstrasse 209 Simon: Unsere Siedlung ist sehr durchlässig. Das hat damit zu tun, dass es hier fast schon verwirrend viele Wege gibt, sodass man auf verschiedene Arten irgendwo hingelangen kann. Diese Wege und die wabenförmige Struktur fördern Begegnungen. Das gibt eine sehr entspannte Atmosphäre, man lernt sich schnell kennen. Nora: Ein Weg führt mitten durch die Siedlung. So kommen wir von unserer Wohnung, die ganz am Rand liegt, bequem zur Kita. Malo steht gerne am Fenster und schaut hinunter in den Hof. Dort ist immer etwas los. Auch die Züge, die vor dem grossen Fenster vorbeibrausen, faszinieren ihn. Wir haben unser neues Sofa so platziert, dass wir durchs Fenster Richtung Wülflingen und auf die Gleise sehen. Simon: Ich staune, dass wir im Haus rein nichts von unseren Nachbarn hören. Hier wurde richtig gut gebaut. Nora: Natürlich, wenn die Fenster geöffnet sind, hören wir den Autolärm auf der Unteren Vogelsangstrasse. Doch da die Strasse so nahe am Haus liegt, sehen wir die Autos nicht. Ich habe einen Arbeitsplatz im Coworkingraum gemietet. Wir besitzen ein Abonnement für den Fitnessraum, nutzen ab und zu eines der Elektroautos und haben die Siedlungsküche für ein Familienfest reserviert. Simon: Kürzlich hat mich Hauswart Simon angesprochen und gefragt, ob wir schon einen der Veloanhänger, einen sogenannten ‹ Polyroly ›, ausprobiert hätten. Nora: Freunde haben schon gewitzelt, diese Siedlung sei mit all den Angeboten wie eine ‹ All-inclusive-Feriensiedlung ›. Ich würde sagen: Mit all den Angeboten ist hier zeitgemässes Wohnen möglich. Das passt perfekt zu unserer Lebensphase: Wir arbeiten beide 80 Prozent, haben ein Kleinkind und bekommen bald Nachwuchs. Die Siedlung hilft, all das unter einen Hut zu bringen. Simon: Dazu möchte ich noch ergänzen: Wir sind subito in der Stadt und in der Natur, wir können von der Gemeinschaft profitieren und uns bei Bedarf gut zurückziehen.

« Hier ist mit all den Angeboten ein zeitgemässes Wohnen möglich – das passt perfekt zu unserer Lebensphase. »

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Die Kleinfamilie Silvia Kaden-Vagt, Chemikerin, 44 Jahre Toni Vagt-Kaden, Biochemiker, 42 Jahre Mara, 8 Jahre Katharina, 7 Jahre 5,5-Zimmer-Wohnung, Untere Vogelsangstrasse 189

Publikation Siedlung Vogelsang

Grundriss Schema Mieterwohnungen - A4: Mst 1:2500/1:1000

Wir haben vorher ganz in der Nähe des Vogelsangs gewohnt. Unsere alte Wohnung war sehr hellhörig, und wir hatten immer das unangenehme Gefühl, die anderen zu stören. Hier in der Siedlung leben enorm viele Kinder, und man hört trotzdem kaum etwas. Silvia: Am alten Wohnort standen wir sozusagen ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs. Waschen konnten wir nur einmal pro Woche. Hier ist das Waschen spontan und jederzeit möglich. Ich habe auch ein absolut sicheres Gefühl, wenn die beiden Mädchen draussen spielen. Tochter Mara: Ich finde es cool, dass ich jetzt ein eigenes Zimmer habe. Tochter Katharina: Im langen Gang machen wir Turnübungen. Schauen Sie mal, wie gut ich den Spagat kann ! Tochter Mara: Ich kann den Handstand gut. Mama sagt, dass ich vorher die Füsse waschen muss, damit es auf den Wänden keine Abdrücke gibt. Toni: Das Wohnen hier ist richtig schön. Es fühlt sich überhaupt nicht an wie in einer typischen Neubausiedlung mit klobigen, sterilen Klötzen. Es beeindruckt mich, wie die Architekten diese grosse Siedlung harmonisch in den Hang eingefügt haben. Das macht sie trotz ihrer Grösse weniger wuchtig. Silvia: Stimmt. Obwohl das Orangegelb der Fassade schon etwas gewöhnungsbedürftig für mich war. Allerdings hat es auch den Vorteil, dass wir den Gästen nie lange erklären müssen, wo wir wohnen. Unsere Siedlung ist überall bekannt. Ich mag Holz. Darum wäre mir ein Holzboden, wie es ihn in den oberen Wohnungen hat, lieber gewesen. Unser gelber Bodenbelag erinnert mich an das erste Auto meines Vaters: einen bahamagelben Trabant. Aber für die Kinder ist der Boden prima. Toni: Die Lage ist attraktiv: Wir sind sofort in der Stadt und im Wald. Und der Schulweg der Mädchen ist kurz. Silvia: Die Gemeinschaftsangebote haben wir noch nicht genutzt. Wir arbeiten ja beide Vollzeit – mein Mann in Zürich, ich in Schaffhausen. Toni:

« Früher konnten wir einmal pro Woche waschen, hier geht das jederzeit spontan. »

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« Der Vogelsang ist wie ein Paradies, das auch ohne mich funktionieren muss. »

Der Hauswart Simon Staub, Hauswart, 28 Jahre

« Es wäre nicht mein Ding, Aufgaben abzuarbeiten, die andere sich ausgedacht haben. Der neue Vogelsang ist deshalb für mich wie ein Paradies: Ich kann alles von Grund auf entwickeln, Checklisten erarbeiten oder Putzmaschinen bestellen, die am besten für die verwinkelten Gänge geeignet sind. Am Schluss muss alles rundlaufen – auch ohne mich. Das habe ich bei der Berufsfeuerwehr der SBB so gelernt. Schauen Sie sich zum Beispiel das grossartige neue Siedlungslokal an: Ich muss herausfinden, wie wir die dortigen übergrossen Spiegel am besten reinigen können. Auch müssen wir entscheiden, wann und wie oft wir den Raum

überhaupt putzen wollen. Tun wir es nämlich zu häufig, ist das eine Einladung an alle, das Lokal unordentlich zu hinterlassen. Dies wäre auf Dauer nicht sinnvoll. Der Recyclingraum ist mein persönliches Highlight. Wie praktisch und übersichtlich er aussieht ! Alles ist wie auf den öffentlichen Sammelstellen angeschrieben, die Bewohnerschaft kann sogar Kunststoffbehälter abgeben. Ein moderner Hauswart muss IT-affin sein. In meinem Büro stehen drei Bildschirme, fast wie in einer Kommandozentrale. Über die GWG-App lassen sich Gästezimmer, Fitness- und Musikzimmer reservieren oder Abos für das Gemeinschaftsbüro bestellen, wir schalten alles frei. Mit dem Chip auf den Wohnungsschlüsseln erhalten die Bewohnerinnen dann Zugang. Die 300 Meter lange Garage ist cool. Dort muss ich streng darauf achten, dass keine Gegenstände auf den Parkplätzen gelagert werden, sonst würde rasch ein Chaos ausbrechen. »

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Altbewährt und ambitioniert Kaum ist der Vogelsang bezogen, stehen die nächsten Bauprojekte an: Mit dem Depot Deutweg und dem Regi-Areal wagt sich die GWG nun an zwei Arealumnutzungen. Text: Deborah Fehlmann

« Mit Schönem überzeugt man », sagt GWG-Geschäftsführer Andreas Siegenthaler. Zumindest die Fachwelt gibt ihm da recht: 2019 befanden sich unter den 16 Nominierten für den Architekturpreis Kanton Zürich gleich zwei GWG-Bauten: die Siedlungen Orenberg in Ossingen und Flarzett in Elsau. Doch auch Mieterinnen und Mieter schätzen überhohe Räume, massgeschreinerte Küchen, Pflanzbeete und moderate Mieten. « Manche Leute sind nur wegen unserer Siedlung von Winterthur oder Zürich nach Ossingen gezogen », so Siegenthaler. Die Gemeinschaft ist im Siedlungsleben inbegriffen. Nun stehen zwei Bauprojekte an, bei denen die GWG auf Altbewährtes setzt und die zugleich ambitionierter sind als frühere. Zum einen erprobt die Genossenschaft erstmals das Bauen im Bestand, zum anderen will sie die künftigen Orte mit ihrer Umgebung verweben. Im Winterthurer Mattenbachquartier baut sie zusammen mit den Genossenschaften Gaiwo und Talgut auf dem Areal eines alten, teilweise geschützten Busdepots eine Wohn- und Gewerbesiedlung. Der Entwurf stammt von Conen Sigl mit Schmid Landschaftsarchitekten. Im thurgauischen Eschlikon soll sich das Regi-Areal nach den Plänen von Roider Giovanoli und Bernhard Zingler Landscape Projects zum Ortszentrum mausern. Dafür spannt die GWG mit der Erbin der einstigen Metallwarenfabrik zusammen. Mit der Klimadebatte sei auch bei der GWG die Sensibilität für Ressourcen und graue Energie gewachsen, sagt Architekt und Vorstandsmitglied Philipp Brunnschweiler. « Die grossen Betonmassen der Siedlung Vogelsang sehen wir heute kritischer. » Dass sich die GWG des brisanten Themas ‹ Bauen im Bestand › gerade jetzt und zweifach annimmt, ist dennoch mehr Zufall als Strategie. Denkmalschutz und Wirtschaftlichkeit Die drei Genossenschaften, die im Winterthurer Mattenbachquartier bereits viele Wohnungen besitzen, bewarben sich schon vor zehn Jahren um das Baurecht auf dem Busdepot-Areal. Damals betrachteten sie den Ort als interessante, da zentral gelegene ‹ grüne Wiese ›. Die alten Hallen aus ökologischen Gründen zu erhalten, stand nicht zur Diskussion. Ohnehin hätte sich unter der geltenden Baumassenziffer im grossvolumigen Bestand kaum ein wirtschaftlich tragbares Projekt realisieren lassen. « Umso irritierender war im ersten Moment die Unterschutzstellung der ältesten Halle, des Verwaltungsbaus und des Vorplatzes, aufgrund deren wir viel Wohnfläche zu verlieren hatten », erinnert sich Jann Wäckerli, Vizepräsident der GWG und ebenfalls Architekt. Nun verknüpft der Gestaltungsplan Denkmalschutz und Wirtschaftlichkeit, indem er anstelle der Baumassenziffer eine maximale anrechenbare Geschossfläche definiert. « Seither sehen wir den Bestand als Riesengewinn », sagt Wäckerli, « als eine identitätsstiftende Struktur, auf die man aufbauen kann. »

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In Eschlikon fand nicht die Genossenschaft das Areal, sondern umgekehrt. Die Eigentümerin suchte via Verband Wohnbaugenossenschaften Winterthur nach einer Entwicklungspartnerin und wurde mit der GWG fündig. « Das Regi-Areal steht nicht unter Schutz, und die Hallen haben einen geringeren emotionalen Wert als jene des Busdepots », so Brunnschweiler. Eine Machbarkeitsstudie des Architekten Moritz Holenstein gab den Anstoss, zugunsten des Klimas auf einen Totalabbruch zu verzichten. Die wohl wichtigste Erkenntnis war die, dass die Weiternutzung des weitläufigen Untergeschosses einen Aushub überflüssig macht. Die Projektwettbewerbe entschieden schliesslich, was erhalten wird. Gesetzt waren bloss die geschützten Teile des Busdepots, und dementsprechend reichte die Bandbreite der Entwürfe vom radikalen Arbeiten im Bestand bis zur Beschränkung auf das notwendige Minimum. Gewonnen hat jeweils ein Mittelweg. Noch ist vieles offen Im Bild wirken die fröhlich-industriellen Wohnwelten verführerisch, doch viele kritische Punkte sind noch offen: Funktioniert die winkelförmige Aufstockung beim Busdepot brandschutztechnisch, energetisch und statisch ? Sind die Projekte innerhalb des finanziellen Rahmens überhaupt umsetzbar ? Jann Wäckerli ist optimistisch und sagt: « Sicher gibt es hier mehr offene Fragen und Zweifel als bei Neubauten. Aber die beiden Projekte haben auch deshalb gewonnen, weil sie glaubhaft aufgezeigt haben, wie die Transformation gelingen kann. » Auch programmatisch liessen die Wettbewerbsprogramme vieles offen – angefangen beim Wohnungsmix bis zu den gewerblichen und gemeinschaftlichen Nutzungen. « Wir haben ohnehin kein Standardprogramm, das wir in all unseren Siedlungen durchziehen. Wir schauen situativ, was es gibt, was es braucht und was gefragt sein könnte », sagt Geschäftsführer Siegenthaler. Ob aus dem von Roider Giovanoli gezeichneten Café Regi am Schluss ein Fitnessraum wird und ob auf dem Depotdach anstelle von Conen Sigls Musikzimmer ein Malatelier oder ein Meditationsraum entsteht, wird sich noch zeigen. Schon jetzt ist sicher, dass die Siedlungen nicht nur ihren Bewohnerinnen etwas bieten sollen, sondern auch den Anwohnern. Die Gemeinde Eschlikon setzt grosse Hoffnungen in das Genossenschaftsprojekt: In den Kopfbau an der Strasse soll eine Detailhändlerin einziehen, und allenfalls wird die Gemeindebibliothek auf das Areal verlegt. Beim Busdepot dient die Öffnung auch den Genossenschaften selbst: Mit Quartierplatz und Kindergarten, Gewerbeflächen und Coworkingräumen erhalten auch die Menschen aus den umliegenden Siedlungen ein Quartierzentrum, das aktuell noch fehlt. Ob die GWG mit ihren künftigen Siedlungen auf weitere Auszeichnungen hoffen kann ? Die Ausgangslage ist vielversprechend.

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Regi-Areal, Eschlikon ZH Eschlikon ist ein Strassendorf ohne richtiges Zentrum. Am grossen Kreisel gruppieren sich kleine Läden, Bank und Pizzeria. Etwas versteckt hinter Wohnhäusern liegt wie ein schlafender Drache das gezackte Sheddach der längst stillgelegten Metallwarenfabrik Regi. Läuft alles nach Plan, wird hier ab 2026 das Dorfleben spielen. Das Fabrikkonglomerat auf dem Regi-Areal wuchs mit den Jahren nach den Bedürf­ nissen des Betriebs. Roider Giovanoli erhalten von jedem Bebauungstyp des vielgestaltigen Bestands mindestens ein Stück: Die älteste Fabrikhalle legen sie frei, den beiden Shedhallen stutzen sie die Seiten. So entsteht Raum für drei Neu­ bauten, den zentralen Regiplatz, ein Sträss­chen und zwei Gassen, die das Areal mit der Umgebung verbinden. Auf dem Platz und auf den Gassen findet das dörfliche Leben statt. Der geplante Grossverteiler liegt zwar im neuen Kopfbau an der Hauptstrasse, doch die ge­ plante Gemeindenutzung in der mittleren Shedhalle ist auch für Anwohnerinnen interessant. Der Weg dorthin führt die Regigasse entlang, wo sich die Wohnungseingänge und Küchen der in die seitliche Shedhalle eingebauten Wohnungen auf­ reihen. Das bauliche Gegenstück dieses Shedhallen-Wohnhauses ist ein neuer, dreigeschossiger Wohnriegel auf der ge­ genüberliegenden Seite des Platzes. Auch dort liegen Eingänge und Küchen an der Gasse, während die Sitzplätze ins Grüne und ins angrenzende Quartier ausgerichtet sind. Rund 70 Wohnungen sind

es insgesamt, und die Bandbreite reicht von konventionell geschnittenen Maisonetten und Neubauwohnungen mit Lauben­ gang bis hin zu dreieinhalb Meter ho­hen Wohnhallen und kompakten Shed Lofts mit Schlafgalerie im Bestand. Mit einem hohen Anteil an Kleinwohnungen bietet die GWG eine Alternative zu den vielen unterbesetzten Familienwohnungen und Einfamilienhäusern in der Gegend. Neues ist aus Holz, und eine neue Holzfas­ sade verbindet das volumetrisch hete­ rogene Ensemble visuell. Am meisten Res­ sourcen spart das Projekt jedoch mit dem Bestand. Gut 1500 Kubikmeter Beton und 50 Tonnen Stahl bleiben bestehen, der Löwenanteil im riesigen Untergeschoss. Dort finden künftig die Autos der Genossenschafterinnen und Laden­ kunden Platz – eine autofreie Wohnsiedlung scheint im Strassendorf noch nicht denkbar zu sein.

Depot Deutweg, Winterthur ZH Anstelle von Fahrzeugen findet man heute im Busdepot am Deutweg handgeschreinerte Wagen, Kanus und Musik­ instrumente. Seit der Depotschliessung dienen die alten Hallen Handwerks­ betrieben, Kunstschaffenden und anderen Kleinunternehmen als temporärer Arbeitsplatz. Conen Sigl wollten etwas von diesem umtriebigen, kreativen Ort in die Zukunft mitnehmen. Ihr Projekt be­wahrt deshalb sowohl baulich als auch atmosphärisch möglichst viel und fügt Not­wendiges hinzu. Die denkmalgeschützte Urhalle im Zentrum des Areals bleibt praktisch unbe­rührt als nutzungsoffener Gemeinschaftsraum stehen. Darin verteilen sich Ateliers und Gästezimmer in mobilen Elementen, die sich bei Bedarf zur Seite schieben las­sen. In der ‹ Gewerbehalle › nebenan werken Bewohnerinnen und Gewerbetreibende Tür an Tür. An den Stirnseiten schliessen zwei komplementäre Aussenräume an dieses soziale Zentrum an: Zur Strasse hin lädt die Piazza mit Quartierzentrum, Kindergarten, Spielplatz und Pergola auch Aussenstehende ein. Auf der ruhigen Rückseite schafft der Gemeinschaftsgarten eine Verbindung zum angrenzenden Wohnquartier. Von Kletterpflanzen berankte Gassen lankieren die Hallenlängsseiten und erschlies­sen zwei lange Wohnzeilen. Das sechsgeschossige Laubenganghaus im Osten ersetzt eine alte Halle. Der Abbruch ermöglicht die Erstellung einer Tiefgarage und erleichtert den Bau barrie-

refreier Wohnungen für die Genossenschaft Gaiwo. Die Halle im Westen bleibt bestehen, sie inspirierte die Architekten zu schmalen, umso höheren Maisonetten mit Galerie und Wendeltreppe. Um sich den hohen Anteil an gemeinschaftlichen Flächen im Erdgeschoss leisten zu können, muss das Areal in die Höhe wachsen. Mit Ausnahme der Urhalle und des Ver­ waltungsbaus werden deshalb alle Hallen um vier Wohngeschosse in Holzbau­wei­se aufgestockt. In gut sechs Jahren sollen die 140 Wohnungen bezugsbereit sein. Wer weiss, vielleicht werden dann auch einige der jetzigen Zwischennutzerinnen in die alten Hallen zurückkehren, wie es sich die Architekten im Wettbewerbsentwurf vorgestellt haben.

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Überbauung REGI-Areal, Eschlikon Projektwettbewerb für die GWG Winterthur Roider Giovanoli Architekten, Zürich

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Einst Fabrik, bald Dorfzentrum.

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Gassen mit berankten Pergolen.

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Zwischen Garten und Gleismeer Die Genossenschaftssiedlung Vogelsang in Winterthur ist eigenwillig: Die gestaffelte Grossform zwischen idyllischen Schrebergärten und lauter Strasse schafft im wilden Winkelspiel allseitig Ausblicke und Aussenräume. Die Fassaden mischen italienische Referenzen und Bretterhütten, Ockergelb und knalliges Grün. Der Vogelsang ist auch ein Gemeinschaftsexperiment. Nebst den 156 Wohnungen verfügt er über fast zwei Dutzend gemeinschaftliche Angebote wie Kita, Pizzaofen oder Fitnessstudio. Das Heft begegnet den Menschen hinter und in der Siedlung: Jurorin Astrid Staufer, Architektin Kaschka Knapkiewicz, GWG-Präsidentin Doris Sutter, Hauswart Simon Staub und denen, die viel zu selten über Architektur und Wohnen sprechen: den Bewohnerinnen. www.gwg.ch

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Hochparterre X / 18 — Titel Artikel


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