Vom Lockdown zum befreiten Denken

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Vom Lockdown zum befreiten Denken

Wie die Pandemie den öffentlichen Raum und unser Verständnis davon geprägt hat. Auf Spurensuche. | C omment la pandémie a marqué l’espace public et la perception que nous en avons. Recherches. | Come la pandemia ha inciso sullo spazio pubblico e sul nostro modo di concepirlo. Alla ricerca delle tracce. Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022

4 Corona als Verkehrskatalysator

Die Verkehrsmassnahmen in der Pandemie – und wie sie nachwirken Résumé en français: page 8 | Sintesi in italiano: pagina 8

10 « Wir müssen die Räume verändern »

Corona und Mobilität: Zukunftsforscher Stefan Carsten zieht Bilanz Résumé en français: page 10 | Sintesi in italiano: pagina 10

12 Ö fter im Freien – mehr denn je

Frei-Zeit: Die Interventionen und Konzepte rund um Kultur und Sport Résumé en français: page 14 | Sintesi in italiano: pagina 14

18 « Neue Mobilitätsb edürfnisse werden viele Leb ensentwürfe verändern »

Bedürfnisse post Corona: Fazit des Beraters Paul Dominik Hasler Résumé en français: page 18 | Sintesi in italiano: pagina 18

20 Vom Boom zur Balance

Ausgedehnter Raum für die Gastronomie – und wofür noch? Résumé en français: page 25 | Sintesi in italiano: pagina 25

26 « Pilotprojekte sind kein Ersatz für die Debatte »

Partizipation in der Pandemie aus Sicht des Forums Urban Publics Résumé en français: page 27 | Sintesi in italiano: pagina 27

30 Was wir tun können

Empfehlungen für die künftige Praxis im urbanen Raum Texte intégral en français: page 30 | Testo integrale in italiano: pagina 30

Das befreite Denken

Geht ja!, hiess es, als in Schweizer Städten während der Corona-Pandemie plötzlich Pop-up-Velowege, neue Auf enthaltsorte und grössere Boulevardrestaurants auftauch ten. Als ob das Denken befreit worden wäre, schob man in der « ausserordentlichen Lage » Pilotprojekte und längst angezeigte Veränderungen im öffentlichen Raum an. Was hat sich bewährt – und was ist wieder verschwunden? Für dieses Themenheft haben Hochparterre und ZORA, die Arbeitsgruppe ‹ Zentrum öffentlicher Raum › des Schwei zerischen Städteverbandes, nachgefragt: Verantwortliche der Städte berichten, unabhängige Expertinnen und Experten deuten den Wandel. Und wir, die Redaktion, runden die Nachlese mit fünf Anregungen ab. Beatrice Aebi, Gabriela Barman Krämer, Nadine Heller, Tom Steiner, ZORA; Rahel Marti, Hochparterre

La pensée libérée

C’est faisable! , entendait-on dans les villes suisses alors que des pistes cyclables temporaires, de nouveaux lieux de détente et de grandes terrasses de restaurant se sont multipliés pendant la pandémie. Comme si la pensée avait été libérée, on a profité de la « situation exceptionnelle » pour faire avancer des projets d’espace public annoncés depuis longtemps dans l’espace public. Qu’est-ce qui a fait ses preuves? Qu’est-ce qui a disparu? Pour ce cahier thématique, Hochparterre et le Centre de l’espace public (CEP) de l’Union des villes suisses ont demandé à des res ponsables des villes et à divers spécialistes de nous par ler de ce changement. Les membres de la rédaction ont complété le tout avec cinq recommandations encoura geantes. Beatrice Aebi, Gabriela Barman Krämer, Nadine Heller, Tom Steiner, CEP; Rahel Marti, Hochparterre

Il pensiero liberato

Tamara Janes

So war es mal! Mit ihrer Bildstrecke kramt Fotografin Tamara Janes in unseren Corona-Erinnerungen. Inspiriert hat sie das partizipative Archiv – die QR-Codes auf diesem und den folgenden Bildern führen zu den Einträgen auf der Plattform: corona-memory.ch | Voilà comment c’était! Avec sa série de photos, la photographe Tamara Janes fouille dans nos souvenirs du coronavirus. Elle s’est inspirée de l’archive participative – les codes QR de cette photo et des suivantes mènent aux entrées de la plateforme: corona-memory.ch | Un tempo era così! Con la sua serie di fotografie Tamara Janes fruga tra i ricordi legati al Covid-19. La fotografa ha tratto ispirazione dall’archivio partecipativo – i codici QR su questa immagine e su quelle che seguono rimandano alle registrazioni sulla piattaforma: corona-memory.ch

Si può fare! Questo era lo slogan nelle città svizzere duran te la pandemia da coronavirus, quando all’improvviso sono spuntate piste ciclabili pop up, nuove aree di svago e risto ranti con più tavoli all’aperto. Come se il pensiero fosse sta to liberato, in questo periodo di « situazione straordinaria » si lavorò a progetti pilota e a cambiamenti da tempo laten ti nello spazio pubblico. Che cosa si è consolidato – e che cosa è invece stato abbandonato? In questo quaderno te matico, Hochparterre e ZORA, il gruppo di lavoro Centro spazio pubblico dell’Unione delle città svizzere, hanno chie sto ai responsabili delle città e ad esperte ed esperti indi pendenti di interpretare questo cambiamento. E noi della redazione completiamo la discussione con cinque contri buti propositivi. Beatrice Aebi, Gabriela Barman Krämer, Nadine Heller, Tom Steiner, ZORA; Rahel Marti, Hochparterre

Trümpy Korrektorat Deutsch Markus Schütz Adaptation française | Adattamento italiano Weiss Traductions Genossenschaft Lithografie | Lithographie | Litografia Team media, Gurtnellen Druck | Impression | Stampa Stämpfli AG, Bern Herausgeber | Directeur de la publication | Editore Hochparterre in Zusammenarbeit mit ZORA | Hochparterre en collaboration avec le CEP | Hochparterre in collaborazione con ZORA Bestellung | Commandes | Ordinazione shop.hochparterre.ch, Fr. 15.–, € 10.—

Inhalt | Contenu | Contenuto
3Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022 Vom Lockdown zum befreiten Denken Inhalt Editorial | É ditorial | Editoriale Impressum | Impressum | Colophon Verlag | Maison d’édition | Casa editrice Hochparterre AG Adressen | Adresses | Indirizzi Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon +41 44 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag@hochparterre.ch, redaktion@hochparterre.ch Geschäftsleitung | Direction | Direzione Andres Herzog, Werner Huber, Agnes Schmid Verlagsleiterin | Directrice des éditions | Direttrice editoriale Susanne von Arx Konzept und Redaktion | Conception et rédaction | Progettazione e redazione Rahel Marti; Beatrice Aebi, Gabriela Barman Krämer, Nadine Heller, Tom Steiner Fotografie | Photographie | Fotografie Tamara Janes, www.tamarajanes.ch Art Direction | Conception graphique | Direzione artistica Antje Reineck Gestaltung | Mise en pages | Impaginazione Jenny Jey Heinicke Produktion | Production | Produzione Ursula

Corona als Verkehrskatalysator

Die Corona-Massnahmen haben den Verkehr und die Mobilität drastisch beeinflusst. Doch wie wirken sich die Eingriffe auf die gegenwärtige und künftige Praxis aus?

Text: Gabriela Neuhaus

Im Kampf gegen das Coronavirus kam unsere hochmobile Welt für einige Wochen zum Stillstand. Während des ersten Lockdowns führte das Gebot, wenn immer möglich zu Hau se zu bleiben, auch in der Schweiz zu ungewohnter Ruhe: Verstummt war das Rauschen der Autobahnen, das Dröh nen der Flugzeuge ; der motorisierte Verkehr schrumpfte auf ein Minimum zusammen. Deshalb nahmen viele Men schen nicht nur die Qualität von sauberer Luft und eines von Kondensstreifen befreiten Himmels wahr – sondern sie erlebten auch den öffentlichen Raum auf neue Weise. Statt in die Ferne zu schweifen, war man zu Fuss oder mit dem Fahrrad unterwegs und entdeckte die Vorzüge des eigenen Quartiers und der Umgebung.

Mit den ersten Lockerungen drohte jedoch der moto risierte Privatverkehr zu überborden. Denn aus Angst vor dem Virus stiegen manche vom öffentlichen Verkehr auf das Auto um. Um Gegensteuer zu geben, lancierte Mai land als eine der ersten europäischen Städte im April 2020 mit ‹ Strade aperte › ( offene Strassen ) ein Programm mit kurzfristigen Massnahmen, die die Lebensqualität ins Zentrum stellten. Die Behörden sperrten kurzerhand 35 Kilometer Strassenraum für Autos zugunsten neuer Fahrradwege und breiterer Trottoirs. So wollte man Platz schaffen, um die in Coronazeiten angesagte ‹ s oziale Dis tanz › einzuhalten. Um die im L ockdown höhere Luftqua lität und die entstandene Ruhe in die Nach-Corona-Zeit zu retten, verfügte die Stadtregierung zudem ausgedehn te Tempo-30-Zonen. Ein Vorgehen, das international für Schlagzeilen sorgte und weltweit Nachahmung fand. Auch in der Schweiz.

Verbesserungen dank Notrecht in Lausanne

« Wir hab en beobachtet, wie überall in Europa schnell diese Velospuren umgesetzt wurden », b erichtet Florence Germond, Finanz- und Mobilitätsdirektorin in Lausanne, rückblickend. In der pandemischen Ausnahmesituation erlaubte der Kanton den Gemeinden, kurzfristig Mass nahmen ohne vorgängige Publikations- und Mitwirkungs prozesse zu ergreifen. Lausanne ergriff die Chance

4 Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022 Vom Lockdown zum befreiten Denken Corona als Verkehrskatalysator

Schema

Superblock

Häuserblock

Veränderter

Strassenraum

Äussere Strassen Innerer Strassenraum

Modellierte Klassierung

des Strassennetzes

für ausgewählte Städte

M öglicher ‹ Superblock › M öglicher ‹ Miniblock › Grosse Strassen Fussgängerzone Strassenraum ‹ Superblock › Strassenraum ‹ Miniblock ›

Heutige Situation

‹ Superblock ›

Das ‹Superblock›-Konzept verkleinert den Autoverkehrsraum, um andere Formen der Nutzung im Strassenbereich zu ermöglichen, zugunsten von Lebensqualität und Nachhaltigkeit. Ein Modell auch für Schweizer Städte? |

Le concept ‹ superbloc › réduit l’espace de trafic automobile afin de permettre d’autres formes d’usage de l’espace routier, au profit de la qualité de vie et de la durabilité. Un modèle pour les villes suisses? | Il concetto di

‹ sup erblock › riduce le zone di traffico automobilistico per consentire altre forme di utilizzo dello spazio stradale, a beneficio della qualità di vita e della sostenibilità. Un modello anche per le città svizzere?

Grafiken: Sven Eggimann / Nature Sustainability; Bearbeitung: Hochparterre

Eine mögliche Einteilung in ‹Superblocks› und ‹Miniblocks› beruht auf Kriterien wie Bebauungsdichte oder | La répartition envisageable entre ‹ superblocs › et ‹ miniblocs › repose sur des critères tels que la densité de construction ou la qualité du réseau routier. | La possibile suddivisione in ‹ superblock › e ‹ miniblock › si basa su criteri quali la densità di edificazione o la qualità della rete stradale.

Grafiken: Sven Eggimann / Nature Sustainability; Bearbeitung: Hochparterre

Zürich
Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022 Vom Lockdown zum befreiten Denken Corona als Verkehrskatalysator
London

Lausanne, 2020 und 2021

Quais ohne Autos, neue Velowege und Sitzbänke statt Parkplätze: Die Stadt hat markante Verbesserungen erzielt. | Quais sans voiture, nouvelles pistes cyclables et nouveaux bancs au lieu de places de parc: la ville a réalisé des améliorations significatives. | Quais senza automobili, nuovi percorsi ciclabili e panchine al posto dei parcheggi: la città ha compiuto dei progressi notevoli. Fotos: Ville de Lausanne

Plötzlich Platz: Die Menschen geniessen die gesperrte Uferstrasse Lungolago. | Soudain de la place: les passants flânent sur les quais de Lungolago fermés à la circulation. |

All’improvviso c’è spazio: le persone si godono il lungolago chiuso al traffico. Foto: Città di Lugano

Denken Corona als Verkehrskatalysator Lugano, Sommer 2020
6 Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022 Vom Lockdown zum befreiten

und hob kurzerhand 700 öffentliche Parkplätze auf, um Platz für 7,5 Kilometer neue Velowege zu schaffen und die Aussenbereiche von Restaurants zu erweitern. « Dies barg ein politisches Risiko. Als wir die Fussgängerzone in der Innenstadt durchsetzten, gab es einen Aufschrei », er zählt Florence Germond. Ohne Corona-Regime wären die se Massnahmen nicht möglich gewesen – doch mittlerwei le sind sie demokratisch legitimiert, immer noch in Kraft und gut akzeptiert.

Wie in Mailand hatte man in Lausanne auf Pläne zu rückgegriffen, die längst existierten. Auch in Basel war die Umnutzung von Parkplätzen plötzlich möglich, und sie ist seither nicht rückgängig gemacht worden. In Zürich be erdigte die Stadtregierung 2021 den langjährigen « Park platzkompromiss », wonach je der oberirdisch aufgeho bene Parkplatz durch einen unterirdischen kompensiert werden musste. In Lugano initiierten die Verantwortlichen im Corona-Sommer 2020 ein Pop-up-Fahrradspurprojekt, das die Fertigstellung des geplanten Radwegnetzes be schleunigte. Wo der Platz nicht reichte – etwa entlang des Seeufers –, integrierte man die Radwege in die Busspur und reduzierte das Tempolimit auf 30 Stundenkilometer. Zudem war die Uferstrasse Lungolago jeweils von Don nerstag bis Sonntag für den motorisierten Privatverkehr gesperrt, damit der Bevölkerung zusätzliche Aussenräu me zur Verfügung standen.

Das Tempolimit ist geblieben, die Sperrung für den motorisierten Verkehr nicht – obschon das verkehrsbe freite Seeufer sehr beliebt war. Zurzeit ist der Lungolago sonntags in der Sommersaison und an Veranstaltungswo chenenden geschlossen. « Vorläufig können wir auf diese wichtige Transitroute nicht verzichten. Die Zahlen zeigen, dass die Frequenzen des Autoverkehrs gegenüber 2019 so gar gestiegen sind », bilanziert Nicoletta Crivelli, in der Lu ganeser Verwaltung für den öffentlichen Raum zuständig. Die Entwicklung seit dem Lockdown sei zwiespältig: So wohl Einheimische wie auch Touristen hätten erlebt, wie schön der Lungolago ohne Verkehr sei, gleichzeitig wol le aber niemand aufs Auto verzichten. Zwar nehme auch der Veloverkehr zu, aber die Autos seien eine Katastrophe, sagt Nicoletta Crivelli. Diverse Projekte sollen nun den öf fentlichen Verkehr fördern. So fährt ab 2029 wieder ein Tram, und ein zweiter ÖV-Hub am Bahnhof soll das Stadt zentrum entlasten. Für den Lungolago schliesslich läuft ein Wettbewerb, der zeigen soll, wie Begegnungszonen die Aufenthaltsqualität verbessern könnten.

Beflügeltes Interesse an ‹ Superblocks ›

Zumindest temporär erlaubte das Corona-Notrecht, das Primat des motorisierten Privatverkehrs und den Wi derstand gegen dessen Beschränkung zu brechen. Die Er fahrungen wirken sich auf die aktuelle und künftige Stadt planung aus. « Im G egensatz zu üblichen Pilotprojekten war Corona ein ausreichend langes Experiment, um die Menschen an eine neue Situation zu gewöhnen », meint Sven Eggimann vom Urban Energy Systems Laboratory an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungs anstalt ( Empa ). Er ist üb erzeugt, dass der Druck auf die Städte, mehr Freiräume und Aufenthaltsqualität zu schaf fen, steigen wird.

Vielerorts setzt man aber auch weiterhin auf Wachs tum und opfert dafür Grünraum. Sven Eggimann befasst sich in seiner jüngsten Studie mit dem Konzept ‹ S uper block ›. Die Stadt B arcelona hat es lanciert, um die Luftund Lärmbelastung zu reduzieren. Auf einer Fläche von drei mal drei Häuserblocks soll der Durchgangsverkehr gesperrt und der Strassenraum als Aufenthaltsort aufge wertet und stärker begrünt werden. Nach anfänglichem

Weitere Infos zum Thema:

– Doris Kleilein, Friederike Meyer (Hrsg.): ‹ Die Stadt nach Corona ›, Jovis-Verlag, 2021

– Ingrid Krau: ‹ Corona und die Städte ›, Oekom-Verlag, 2021

– Partizipatives Archiv: corona-memory.ch

– Zeitschrift ‹ Dérive ›, SeptemberAusgabe 2020: ‹ Pandemie ›

– Wüest Partner: Immo-Monitoring, Herbst 2021 und ff.

– NSL Forum zum Thema Pandemie und Klimawandel (November 2021): www.nsl.ethz.ch/nsl-forum

– Materialien zur Ausstellung ‹ Shared Spaces in Change ›: www.kornhausforum.ch

– Zukunftsreport 2021: www.zukunftsinstitut.de

– Veranstaltung ‹ PandemicSpace ›, Schauraum b, Basel: www.blaserarchitekten.ch

Widerstand gelten die ‹ Superblocks › als Erfolgsgeschich te – nicht nur in Barcelona, wo man sie zum « Transforma tionsmodell für die gesamte Stadt » erklärt hat. « Corona hat das Interesse an den ‹ S uperblocks › b eflügelt », s agt Sven Eggimann. « D enn die Art, wie der öffentliche Raum genutzt wird, ist ein Stück weit auch krisengetrieben – je nach Dringlichkeit betont man andere Schwerpunkte. Ob die Reduktion von Lärm und Abgasen oder der Schutz der Gesundheit im Zentrum steht, das Ziel bleibt das gleiche: hohe urbane Lebensqualität. » In der Stadt Zürich hat das Parlament Anfang Juni 2022 mit grossem Mehr einem Vorstoss zugestimmt, der zum Ziel hat, 2024 mindestens zwei autofreie Quartierblöcke zu testen. Auch Luzern will ‹Superblocks› prüfen.

Vorläufig rührt man aber mit kleinerer Kelle an. So unterstützt die Stadt Luzern im Rahmen des Projekts ‹ Pop up-Parks › die Ide e, Parkplätze saisonal in Frei- und Grün räume zu verwandeln. Mit ‹ Brings uf d’Strass › sperrt Zü rich während der Sommerferien Quartierstrassen für den Autoverkehr. Solche Initiativen seien zwar begrüssens wert, sagt Eggimann, aber nicht unbedingt sinnvoll: « Um die Situation nachhaltig zu verbessern, braucht es eine ge zielte, ganzheitliche Herangehensweise. Neben dem Ver kehr gilt es auch Faktoren wie urbane Hitzeinseln, Regen wassermanagement oder Biodiversität einzubeziehen und dort anzusetzen, wo die Probleme am dringendsten sind. »

Befreites Denken in Lausanne Grosse Projekte für einen ökologischen Umbau der Stadt haben es hierzulande indes schwer. Das erlebt Flo rence Germond, die Finanz- und Mobilitätsdirektorin von Lausanne, tagtäglich, wenn Parkhausbetreiber ihre Zah len nicht herausgeben oder Gerichtsverfahren die Um gestaltung zentraler Plätze blockieren. Trotzdem glaubt sie, dass ihre Verwaltungsabteilung, in enger Zusammen arbeit mit der Politik, dank der Erfahrungen von 2020 künftig mehr bewegen kann. « Wir sind mutiger geworden. Corona hat unser Denken befreit. » In der Parkplatzfrage etwa habe die Pandemie zu einem Paradigmenwechsel

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geführt. Es gebe zwar noch Widerstand, aber keine Ta bus mehr, wenn es darum gehe, Parkplätze zugunsten akti ver Mobilität und mehr Lebensraum aufzuheben. Corona habe sie ausserdem gelehrt, dass man Projekte pragma tisch angehen könne. Statt jahrelang grosse, teure Um bauprojekte für den Stadtraum vorzubereiten, möchte sie künftig in zwei Phasen arbeiten. Zuerst analog zu den Co rona-Interventionen durch einfache Massnahmen ein Pro visorium schaffen, damit die Menschen die neue Situation erleben und sich daran gewöhnen können. Und wenn das neue Verkehrsregime goutiert wird und die Akzeptanz da ist, das Bauprojekt mit allen nötigen Mitwirkungsverfah ren erarbeiten. Dieses Rezept möchte Florence Germond in den Normalbetrieb hinüberretten: « Es war ein Pauken schlag, dass wir letztlich alle Massnahmen aus der Coro na-Zeit beibehalten und mit einigen Anpassungen legali sieren konnten. » ●

Le coronavirus, catalyseur des transports

Notre monde ultramobile a été mis provisoirement à l’arrêt avec la lutte contre le coronavirus. Les villes ont pu limiter le trafic motorisé, et ce, à court terme et sans processus de publication ou de participation. Lausanne a ainsi sup primé 700 places de parc pour faire de la place aux pistes cyclables et aux espaces extérieurs des restaurants. Selon Florence Germond, directrice de la mobilité à Lausanne, il n’est plus tabou de supprimer des places de parc au profit de la marche et du vélo et d’espaces de vie plus grands. À Lugano, un projet de piste cyclable temporaire a accéléré la finalisation du réseau cyclable et les quais de Lungolago étaient ouverts à tout le monde pour profiter des espaces au bord du lac du jeudi au dimanche. L’espace a entre temps été redonné au trafic motorisé, mais un concours a été lancé pour améliorer les possibilités de séjour dans cette rue au moyen de zones de rencontre.

« C ontrairement aux projets pilotes habituels, le contexte lié au coronavirus était suffisamment long pour s’ha bituer à une nouvelle situation », explique Sven Eggimann, qui travaille sur les ‹ sup erblocs › à l’Urban Energy Systems Laboratory de l’Empa. Le concept développé à Barcelone pour revaloriser les quartiers en diminuant le trafic moto risé a connu un élan majeur avec le coronavirus.

Dans toute la Suisse, les communes ont exploité cette dynamique pour accélérer la transition écologique. Cela reste toutefois difficile pour les grands projets. À Lau sanne désormais, comme lors des interventions liées au coronavirus, la population aura la possibilité de s’expri mer au sujet des solutions provisoires. Un nouveau ré gime de circulation doit d’abord générer l’adhésion et être accepté avant de passer à un projet de construction avec tous les processus de participation nécessaires. Flo rence Germond est convaincue de pouvoir désormais da vantage faire bouger les choses: « Nous s ommes devenus plus audacieux. Le coronavirus ouvert la porte à de nou velles idées. » ●

‹ Dezentralschweiz ›

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Die Coronakrise hat uns vorübergehend sesshaft gemacht. Homeoffice prägt das Verhalten von Pendlerinnen und Pend lern radikal. Diese veränderte Situation nehmen der Historiker und Raumplaner Paul Schneeberger und der Urbanist Joris Van Wezemael zum Anlass, eine präzise Skizze einer « Dezentralschweiz mit mehr Sesshaftigkeit und weniger Zwangsmobilität » zu zeichnen. Künftig soll man nicht mehr nur dezentral wohnen, sondern auch vermehrt dezentral arbeiten – zuguns ten einer ressourcenschonenden Schweiz.

Paul Schneeberger und Joris Van Wezemael: ‹ Dezentralschweiz. Wie uns Corona sesshafter macht und was das für unsere Lebensräume bedeutet ›; Edition Hochparterre, 2021, Fr. 39.—

Il coronavirus, un catalizzatore per il traffico

Durante la lotta contro il coronavirus, il nostro mondo al tamente mobile ha subito un temporaneo arresto. Una si tuazione eccezionale che ha visto le città ridurre il traffico motorizzato – rapidamente, senza processi di pubblicazio ne né partecipazione. Losanna, ad esempio, ha eliminato 700 parcheggi per fare spazio alle piste ciclabili ed amplia re le aree all’aperto dei ristoranti. Un vero e proprio muta mento di paradigma nella politica della mobilità: abolire i parcheggi per aumentare la mobilità lenta e gli spazi di vita non è più un tabù, spiega Florence Germond, direttri ce della mobilità della città di Losanna. A Lugano, il proget to di piste ciclabili pop up ha accelerato l’apertura di nuove tratte dedicate; e per offrire più spazi all’aperto, il lungola go è stato chiuso al traffico motorizzato privato dal giove dì alla domenica. Nel frattempo il lungolago è stato riaper to, ma è stata appena conclusa una procedura di mandati di studio in parallelo incentrata sullo sviluppo dello spazio pubblico come luogo d’incontro di qualità e su nuovi pos sibili utilizzi.

« Diversamente dai soliti progetti pilota, l’esperienza del coronavirus è stata sufficientemente lunga perché ci si potesse abituare alla nuova situazione » fa notare Sven Eggimann, studioso di ‹ sup erblock › presso lo Urban Ener gy Systems Laboratory dell’Empa. A Barcellona, il coronavirus ha dato slancio alla strategia di valorizzazione dei quartieri attraverso la riduzione del traffico motorizzato.

A livello svizzero, i Comuni cercano di sfruttare gli sti moli generati dalla pandemia per promuovere la trasfor mazione ecologica, nonostante i grandi progetti urbani facciano tuttora fatica ad affermarsi. Sulla scia dei provve dimenti contro il coronavirus, Losanna propone degli ordi namenti provvisori per consentire alle persone di abituar si ai cambiamenti. Una volta che il nuovo regime di traffico sarà metabolizzato e accettato, si passerà all’elaborazione di un progetto di costruzione con i necessari processi di partecipazione. Florence Germond è sicura che in futuro potrà essere più incisiva: « Siamo diventati più coraggiosi. Il coronavirus ha liberato il pensiero. » ●

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Lehren und Konsequenzen lassen sich aus diesem grossen Feldversuch für die künftige Gestaltung des Lebensraums Schweiz ziehen? Was ist nötig, damit wir unsere Zwangsmobilität auf Dauer reduzieren können? Und zwar so, dass wir künftig diesem Buch Antworten auf diese Fragen bereit. Diese basieren auf grundsätzlichen Überlegungen zu Innovationszyklen und zur Siedlungsgeschichte, auf Gesprächen mit sorgfältig ausgewählten Fachleuten aus der Arbeitswelt, der Mobilität, des wie auf Beispielen aus diesen Themenfeldern, die sie für zukunftsträchtig halten. Dezentralschweiz Paul Schneeberger und Joris Van Wezemael De
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« Wir müssen die Räume verändern »

Hat uns Corona in Bezug auf die Mobilität etwas gelehrt?

Stefan Carsten: D er Verkehr und damit auch der öffentli che Raum haben durch die Coronakrise eine Neubewer tung erfahren. Das führt zu einem Umdenken. In grossen Städten stellen auch autoaffine Gesellschaften den Rück bau von Strassen und Parkplätzen kaum mehr infrage. Es geht nur noch um das Wie: Wie gestalten wir den Umbau und die Transformation? Wie gewährleisten wir eine inklu sive, nachhaltige und sichere Mobilität für alle?

Was zeichnet die Neubewertung und Veränderung aus? Lebensqualität ist zu einem ökonomischen Faktor gewor den. Zwar gilt sie seit Jahren als Standortfaktor, doch bis her hatte sie keine faktische Relevanz. Jetzt ist das Ver sprechen, in gesunden und nachhaltigen Stadträumen zu leben, so wichtig geworden, dass man damit Wahlen ge winnt. Die berühmteste und erfolgreichste Verfechterin dieser Politik ist Anne Hidalgo in Paris. Nach ihrer bra vourösen Wiederwahl 2020 treibt sie mit einer absoluten Mehrheit die Agenda ‹Wir wollen keine Autos› voran. Das zeigt, dass sich die Standortfaktoren dramatisch verän dert haben. Meine These lautet: Den Übergang von der in dustriellen zur wissensbasierten Gesellschaft markieren nicht nur veränderte soziale und wirtschaftliche Prinzi pien – entscheidend sind auch räumliche Strukturen. Wo sich heute Autostrassen und Autostrukturen befinden, brauchen wir künftig Mobilitätsräume für lebenswerte Nachbarschaften. Diese Transformation hat Corona stark befördert und unterstützt.

Städte wie Paris oder Barcelona haben diese Entwick lung aber schon lange vor Corona vorangetrieben. Ja, aber sie hat durch Corona eine andere Relevanz er halten. Wir erleben, dass diese Veränderungen notwen dig sind, damit wir künftig überhaupt noch operieren und wirtschaften können. Der Umbau der Strassen und die ge

testeten Pop-up-Fahrradwege haben zu einer bislang un vorstellbaren Menge an Fahrradfahrenden geführt, und wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung. Diese Tendenz trifft auf viele Städte in Europa zu. Aber wie sieht es auf dem Land aus? Man kann die Räume nicht losgelöst voneinander betrach ten. Wenn die Städte sich verändern, werden sich auch alle anderen Räume verändern. Das Tempo der Transfor mation ist auf dem Land allerdings viel langsamer. Aber wenn eine Stadt keine Parkplätze mehr anbietet, werden die Pendlerinnen und Pendler, die bisher mit dem Auto ins Zentrum fuhren, ihr Mobilitätsverhalten anpassen. Sie fordern einen Paradigmenwechsel in Bezug auf unseren Umgang mit Mobilität. Was heisst das? Erstens gilt es, Mobilität zur Verfügung zu stellen, wo sie fehlt. Im ländlichen Raum muss dazu der öffentliche Verkehr modernisiert werden. ÖV-Angebote müssen mit Scooter- und Carsharing-Optionen verknüpft werden, so dass das private Auto weniger gebraucht wird. Wir müs sen es schaffen, das Mobilitätsangebot, das sich heute auf exklusive Stadtbereiche beschränkt, in die Fläche zu befördern. Und wir müssen die Räume verändern. Von den Städten, die das bereits getan haben, wissen wir: Wo Auto infrastruktur zurückgebaut wird, fahren die Menschen weniger Auto, weil sie alternative Verkehrsmittel nutzen. Das heisst, wenn wir unsere Räume verändern, nicht nur in den Innenstädten, sondern auch in der Fläche, wird sich das signifikant im Mobilitätsverhalten niederschlagen. Was ist letztlich das Ziel? Wird der Autoverkehr aus den Zentren verschwinden?

Es gibt aggressive Städte wie Paris oder Hannover, die keine Autos mehr in der Innenstadt haben wollen. Ich bin nicht sicher, ob reine Fussgängerzonen die Lösung sind. Wir brauchen eher ein neues Raumverständnis: radikaler Rückbau von Autostrassen und Parkplätzen im öffentli chen Raum zugunsten der Fahrradinfrastruktur. Das Ziel ist mindestens eine Gleichverteilung des Raums für Auto, Fahrrad, ÖV und Fussgänger. Und dazu Tempo 30 flächen deckend in der ganzen Stadtregion, um für weniger Lärm und mehr Sicherheit zu sorgen. ●

« Nous devons faire évoluer les espaces »

« La cris e liée au coronavirus a contribué à réévaluer les transports et l’espace public », explique le futurologue Stefan Carsten, qui a conseillé la ville de Zurich sur sa nouvelle stratégie de mobilité. Cela a conduit à un chan gement de raisonnement. Dans les grandes villes, même les adeptes de la voiture ne remettent plus en question la reconversion de rues et de places de parc. La question tourne autour du comment: comment mener cette trans formation? Comment garantir une mobilité inclusive, du rable et sûre? L’objectif est une répartition équitable de l’espace entre la voiture, le vélo, les TP et les piétons. Les structures spatiales sont déterminantes. Au lieu de routes, nous avons besoin d’espaces de mobilité dans des quar tiers où il fait bon vivre, y compris à la campagne. Les transports publics doivent y être modernisés. « Nous de vons étendre l’offre de mobilité, aujourd’hui limitée aux zones urbaines à d’autres territoires. » ●

« Occorre modificare gli spazi »

« La crisi da coronavirus ha portato a riconsiderare il traffi co e, dunque, lo spazio pubblico» spiega il futurologo Stefan Carsten, consigliere per le nuove strategie di mobilità della città di Zurigo. Una circostanza che comporta un cambio di mentalità: nelle grandi città anche le persone amanti delle automobili contestano sempre meno lo smantellamento di strade e parcheggi. Rimane solo da decidere come: Come riconvertire e trasformare? Come garantire una mobilità inclusiva, sostenibile e sicura per tutti? L’obiettivo minimo è una distribuzione equa dello spazio tra automobili, bici clette, mezzi pubblici e pedoni, tenendo presente il ruolo cruciale giocato dalle strutture territoriali. Non ci servono strade per autoveicoli, bensì aree di mobilità collocate in zone di prossimità vivibili – anche in campagna, dove il tra sporto pubblico deve essere opportunamente moderniz zato. « Il nostro intento è di allargare l’offerta di mobilità, ancora oggi appannaggio delle sole aree residenziali del centro cittadino. » ●

Stefan Carsten ist Zukunftsforscher und hat unter anderem die Stadt Zürich bei der neuen Mobilitätsstrategie beraten. Er sitzt im Beirat des deutschen Bundesver kehrsministeriums für die Modernisierung des öffentlichen Nahverkehrs.
10 Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022 Vom Lockdown zum befreiten Denken « Wir müssen die Räume verändern »

Öfter im Freien –mehr denn je

Text:

Solothurn, Juni 2022 Der ‹ Kloster-Klub › gärtnert weiter, auch über die Pandemie hinaus. | Le ‹ Kloster-Klub › continue de jardiner après la pandémie. | Il ‹ Kloster-Klub › continua ad occuparsi del giardinaggio, anche dopo la pandemia. Foto: Brigitte Aeberhard
12 Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022 Vom Lockdown zum befreiten Denken Öfter im Freien – mehr denn je Im Frühling 2020 sperrten Städte Spazierpromenaden und Spielgeräte. Später stellten sie gezielt Mobiliar zur Verfügung. Nun zeigt sich: Investitionen in den Aussenraum sind willkommen.
Pieter Poldervaart

Für unsere Psyche war es ein Glück, dass der Lockdown im Frühling 2020 nicht auch noch in eine Schlechtwetterpe riode fiel. Doch der Run ins Freie führte vielerorts zu Men schenansammlungen, die so gar nicht im Sinn der Coro naprävention waren. Dramatisch zeigte sich das etwa im Tessin: Weil Auslandferien kaum möglich waren, pilgerten deutlich mehr Deutschschweizer in den Südkanton als in den Jahren vor der Pandemie.

Lugano: Neue Turngeräte und Zugänge zum See Trotzdem verzichtete die Stadt Lugano auf Sperrun gen von Fussgängerbereichen. Sie beschränkte sich auf Empfehlungen und die Präsenz von Sicherheitspatrouil len, um Menschenansammlungen allenfalls aufzulösen. Offen blieben auch die drei im Flusstal des Cassarate in stallierten öffentlichen Fitnessmaschinen. In der Pande mie dann montierte die Stadt in einem Park in Cassarate und in einem dicht bebauten Gebiet in Pregassona wei tere Turngeräte. « Am S ee haben wir sechs neue Zugänge für Schwimmerinnen und Schwimmer geschaffen », sagt Nicoletta Crivelli, Verantwortliche für den öffentlichen Raum bei der Stadt Lugano. Die Workout-Möblierung als Massnahme gegen geschlossene Fitnesscenter kam bei der Bevölkerung hervorragend an, bleibt installiert und wird um einen Standort erweitert. Die sechs neuen Seezu gänge sind zwar offiziell noch provisorisch, doch man sei daran, die Zahl der Zugänge dauerhaft zu erweitern.

Luzern: Gitter gegen den Pulk

Restriktiver ging es auf der Allmend im Tourismus zentrum Luzern zu. « Als der Kanton Ende März 2020 emp fahl, Menschenansammlungen im Freien zu vermeiden, installierten wir Informationstafeln, die zum Abstandhal ten und Maskentragen aufforderten », erzählt Armida Raf feiner, Stabschefin der Sozial- und Sicherheits direktion der Stadt Luzern. Doch während des Lockdowns ström te die Bevölkerung dennoch ins Freie. Die Stadt reagierte mit einem ‹ temp orären Fussgängerverbot › an dr ei neu ralgischen Orten: am Luzerner Quai, am Europaplatz vor dem KKL und am beliebten « Ins eli » zwis chen KKL und Yachthafen. Die Sperrung mit Gittern wurde zwar kon trovers diskutiert, aber allgemein akzeptiert. Die Altstadt hingegen blieb von rot-weissen Plastikbändern verschont; die wenigen geöffneten Läden zogen deutlich weniger Pu blikum und Touristen an als üblich. « Ander e Parks und Spielplätze inklusive Spielgeräte hielt die Stadt Luzern be wusst offen, um den Kindern Bewegung zu ermöglichen », sagt Armida Raffeiner. In der Nachbargemeinde Kriens hingegen sperrte man die Spielgeräte ab, um Infektionen zu verhindern. Auch der Verkehr der Bahnen, die auf den Pilatus und auf den Sonnenberg führen, wurde als rein touristisches Angebot eingestellt. « Weil viele Menschen daheim waren und ihre Kinder beschäftigen mussten, war aber der Run von Wanderlustigen auf die Naherholungs räume enorm », sagt Benedikt Anderes, Sprecher der Stadt Kriens, im Rückblick.

Zürich: Neue Partyformate für die Jungen

Das Seeufer in der Stadt Zürich war seit je stark be sucht – und in der Pandemie ganz besonders, was den Schutzzielen zuwiderlief. Während sieben Wochen blie ben Lieblingstreffpunkte wie Seeuferanlage, Utoquai, die Badeanlagen Tiefenbrunnen und Mythenquai oder die Bäckeranlage gesperrt. Im Gegenzug schnellte die Zahl von Lärmklagen in die Höhe, berichtet Dayana Mordasi ni, Delegierte Quartiersicherheit: « Die Pandemie hat das Ausgeh- und Ruhebedürfnis vor allem während der Nacht ruhe zusätzlich aus der Balance gebracht. Im Vordergrund

Themenheft von Hochparterre,

stand die Frage, wie wir mehr Freiraum schaffen, ohne dass mehr Lärmklagen eingehen. » Eine Möglichkeit bot die schon seit zehn Jahren erprobte ‹ Jugendpartybewilli gung ›. Damit erhalten junge Mens chen relativ unkompli ziert eine amtliche Bewilligung für eine Party an einem peripheren Ort bis morgens um sechs Uhr. Die Stadt ent schied, drei neue Formate einzuführen. Dazu zählt die ‹ Day-Party ›, die tagsüb er steigt und in der ohnehin gros sen Geräuschkulisse weniger stört. Ein zweiter Blitzab leiter für Jugendliche ist die ‹ Silent Party ›, ein Musikan lass mit Kopfhörern. «Dieses Format wurde noch nicht nachgefragt», räumt Mordasini ein. Das liege wohl daran, dass die Zielgruppe der 18- bis 25-Jährigen den Aufwand für die Beschaffung der Kopfhörer und das Kostenrisiko nicht tragen könne oder wolle. Auch die ‹ B oom-Party › hat noch nicht eingeschlagen. Die Idee dahinter: gewisse Plät ze freizugeben für das ungezwungene Musikhören über Boom-Boxen und das Abhängen in Gruppen, aber ohne den Nebeneffekt des weit hör- und spürbaren Basses. « Wir haben es noch nicht geschafft, in Szenen ausserhalb Goa und Techno vorzudringen und dieses Format schmackhaft zu machen », bilanziert Dayana Mordasini. Dennoch will man im laufenden Jahr nochmals einen Versuch wagen und mit den neuen Spezialbewilligungen mehr Angebote für Jugendliche ermöglichen. Das Bedürfnis nach mehr Freiraum besteht jedoch nicht nur bei dieser Altersgrup pe – ein neuer parlamentarischer Vorstoss verlangt, dass Parks rund um die Uhr offen sein sollen, um beliebte Treff punkte zu entlasten. Zürich sammelt gerade Erfahrungen mit dem Platzspitz, der seit 2021 durchgehend offen ist.

Bern: Stühle, Spielkisten und Strategien

In Bern wiederum war die Innenstadt während des Lockdowns eher verwaist, eine Folge von geschlossenen Geschäften und von Homeoffice bei Behörden und Fir men. Vereinzelt sperrte die Stadt auf öffentlichen Plät zen Sitzbänke ab und entfernte flexible Möblierungsele mente wie Tischfussball- und Billardtische. « D och relativ schnell wurde klar, dass der öffentliche Raum eine neue Aufmerksamkeit erfährt und dass das soziale Leben sich nach draussen in die Freiräume verlagerte » , bilanziert Nadine Heller, Bereichsleiterin Gestaltung und Nutzung beim Tiefbauamt der Stadt Bern. Nach dem Lockdown re agierte man schnell auf die Bedürfnisse der Stadtbevöl kerung und öffnete die abgesperrten Bereiche wieder. Be währt hatten sich die schon früher eingeführten flexiblen roten Tische und Stühle, die im öffentlichen Raum ein Zu sammensein mit Abstand gewährleisteten. So fand 2020 die kulturelle Zwischennutzung ‹ S ockel › auf dem Waisen hausplatz in kleiner Ausführung wieder statt, zwar unter Pandemiebedingungen, aber vielleicht gerade deshalb mit einer rekordhohen Beteiligung. Nützlich war auch die ebenfalls schon vor dem Lockdown eingeführte ‹ Strate gie der lernenden Planungskultur ›, die eine rasche, flexib le und günstige Umsetzung von Bedürfnissen aus der Be völkerung mittels Kleinstmassnahmen oder temporären Testnutzungen ermöglicht, wie Nadine Heller sagt. So re agierte das aus verschiedenen Ämtern zusammengesetz te Kompetenzzentrum öffentlicher Raum (KORA) auf die Corona-Situation, indem es unter anderem in soziokultu rell benachteiligten Quartieren während der Sommerfe rien eine zusätzliche Infrastruktur zum Sitzen und Spielen bereitstellte. Diverse Orte wurden mit Billard, Tischfuss ballkästen, Pingpongplatten und anderen Spielelementen ausgerüstet, die rege genutzt werden. Immer offen blie ben zudem die Schulhöfe. Schliesslich stellte KORA auf kleinen Quartierplätzen mehr von den bereits früher ge meinsam mit Pro Juventute entwickelten Spielkisten →

Lockdown zum befreiten Denken Öfter im Freien

mehr

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Oktober 2022 Vom
denn je

bereit. Sie sind etwa mit Stelzen, Holzbausteinen oder Strassenkreiden ausgerüstet. Nadine Heller: « Die Kinder können die Behälter selbst öffnen, um damit zu spielen. Diebstahl und Vandalismus kommen selten vor. »

Solothurn: Club, Konzerte und Themenwege

Gleich mehrere Gewinner gab es infolge der Pande mie in der Stadt Solothurn. 2003 hatten die letzten sechs Kapuziner das Kloster verlassen, seither standen Gebäu de und Umgebung der Öffentlichkeit zur Nutzung offen. Der Garten allerdings verwilderte – bis sich 2020 pande miebedingt ein ‹ Kloster-Klub › bildete: Die üb erwiegend pensionierten Menschen suchten Bewegung im Freien. Seither schneidet eine Gruppe aus einem Dutzend Perso nen an zwei Nachmittagen pro Woche ehrenamtlich Bü sche und Bäume zurück, baut Gemüse an und erntet das Obst der vielen Fruchtbäume auf dem 1,1 Hektar grossen Areal. « Nach dem L ockdown sind einige Berufstätige wie der abgesprungen. Aber für viele von uns ist es eine er füllende Abwechslung », so der Koordinator Jürg Schenker.

Weil Versammlungen in Innenräumen tabu waren, nutz te man zudem die Klostermauer neu: Schulkinder zeich neten und malten Illustrationen, die zu einem Sternen-, Narren- oder Kräuterweg aufgehängt wurden und die Be völkerung dazu einluden, sich spazierend mit dem jewei ligen Thema auseinanderzusetzen. Diese Wege bestehen noch weiterhin. Den Coup landete das Kloster an Ostern 2020 mit etlichen Konzerten der anderen Art: Die Bands und kleinen Orchester befanden sich im zweiten Stock des Klosters; jede Musikerin spielte aus einem separa ten Zimmer am offenen Fenster – die Abstandsregel war s omit eingehalten. Die Gäste lauschten unten im Garten auch sie setzten die Covid-Vorschriften um. Heute werde der Aussenraum des Klosters weit intensiver genutzt als vor der Pandemie, berichtet Urs Bucher, Co-Betriebsleiter des Kapuzinerklosters: « Während unser Garten früher nur für einen Yogakurs genutzt wurde, haben wir nun regel mässig Anfragen für weitere Aktivitäten, etwa Tanzkurse. » Und wenn einmal das Wetter nicht mitmacht, bleibt immer noch der luftige Kreuzgang. ●

Das Architekturbüro Gehl in Kopenhagen hat in vier dänischen Städten untersucht, wie die Menschen die öffentlichen Räume während der Lockdowns und danach genutzt haben. Die zahlreichen Daten wurden sorgfältig ausgewertet; ermittelt wurden etwa Be wegungen, die Art der Nutzung, aber auch Gefüh le, die auf Social Media geäussert wurden.

covid19.gehlpeople.com

Plus souvent dehors –plus que jamais

Le confinement interdisait aux gens de se retrouver. Beau coup ont ainsi investi des parcs et d’autres espaces libres –où le contact rapproché restait néanmoins prohibé. La si tuation représentait aussi un défi pour les villes suisses, dont certaines ont réagi rapidement aux nouveaux be soins. Lugano a laissé ouvertes des installations publiques de fitness en plein air, créé six nouveaux accès au lac et mis en place des appareils de gym dans un quartier densé ment construit. Ces installations vont être maintenues et même agrandies.

Bien rôdé, le Centre de compétences sur l’espace pu blic KORA de la Ville de Berne a réagi rapidement à la crise du coronavirus. Dans les quartiers défavorisés, du mobi lier pour s’asseoir et des jeux ont été mis en place pendant l’été et différents lieux ont été équipés de billards, babyfoots, tables de ping-pong et autres éléments ludiques. En fin, des caisses de jeu supplémentaires ont été proposées sur les petites places de quartier, un projet déjà mené par le passé avec Pro Juventute. Les cours d’école sont tou jours restées ouvertes.

La Ville de Zurich a cherché l’équilibre entre le risque des rassemblements et le besoin de faire la fête. Si les points de rencontre phares comme les rives du lac, l’Uto quai, les plages de Tiefenbrunnen et Mythenquai ainsi que le parc Bäckeranlage ont été fermés pendant 7 s emaines, la ville a proposé trois formes d’‹ autorisations de fête pour les jeunes ›: les jeunes pouvaient ainsi obtenir assez facile ment une autorisation pour une fête dans un lieu périphé rique jusqu’à 6 h du matin.

Des privés ont aussi lancé des initiatives, comme le monastère des Capucins à Soleure. Des bénévoles ont tra vaillé dans le jardin tandis que les murs du monastère ont été utilisés pour des sentiers thématiques et une série de concerts a été organisée dans le respect des règles de dis tanciation. L’intérêt pour le jardin du monastère perdure! ●

Più spesso all’aperto –ora più che mai

Durante il lockdown era vietato incontrarsi. Molte perso ne si sono quindi recate sempre più spesso nei parchi o in altri spazi liberi, dove il contatto ravvicinato rimaneva co munque proibito. La situazione creatasi ha rappresentato una sfida anche per le città svizzere e alcune hanno saputo reagire rapidamente alle nuove esigenze. Lugano, ad esem pio, oltre ad aprire alcune palestre all’aperto ha realizzato sei nuovi accessi al lago e installato diversi attrezzi ginnici in quartieri con alte densità abitative. Queste strutture sa ranno mantenute o addirittura ampliate.

Di fronte alla pandemia, la città di Berna ha reagito in tempi rapidi grazie al ben rodato centro di competenza per lo spazio pubblico (KORA). Durante le vacanze estive, i quar tieri con disagio socio-culturale hanno potuto usufruire di una più ampia infrastruttura per sedersi e giocare. In diver se zone, inoltre, sono stati installati biliardi e biliardini, ta voli da ping pong e altri elementi ludici, mentre nelle picco le piazze di quartiere è aumentato il numero delle scatole di giochi concepite in passato assieme a Pro Juventute. I cor tili delle scuole, poi, sono rimasti sempre aperti.

La città di Zurigo ha invece cercato un compromes so tra il pericolo degli assembramenti e il bisogno di far festa. Così, sebbene i luoghi di incontro più amati come il lungolago, Utoquai, le piscine all’aperto di Tiefenbrunnen e Mythenquai e la Bäckeranlage siano rimasti chiusi per sette settimane, la città ha proposto tre nuove forme di ‹ autoriz zazione di feste per i giovani ›: con procedura relativamente semplice, ai ragazzi veniva in questo modo rilasciata un’au torizzazione ufficiale per festeggiare in zona dislocata sino alle sei del mattino.

Ma anche i privati non hanno tardato a reagire. Nel Mo nastero dei Cappuccini di Soletta, ad esempio, diversi vo lontari si sono adoperati per ripulire il giardino inselvatichi to, allestire percorsi tematici lungo le mura e organizzare tutta una serie di concerti – nel rispetto delle regole di di stanziamento. E se il distanziamento è ormai storia, l’inte resse per il giardino del monastero è rimasto. ●

Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022 Vom Lockdown zum befreiten Denken Öfter im Freien – mehr denn je

Der Gehl-Report
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Bern, 2019 bis 2021

Die vom Kompetenzzentrum öffentlicher Raum (KORA) organisierte Infrastruktur hat sich in der Pandemie bewährt. | L’infrastructure organisée par le Centre de compétences sur l’espace public (KORA) a fait ses preuves durant la pandémie. | L’infrastruttura organizzata dal centro di competenza per lo spazio pubblico (KORA) ha riscosso successo durante la pandemia. Fotos: Stadt Bern

Zürich, April bis Juni 2020

Im Frühling schliesst die Stadt die teils überfüllten Seeufer. Kaum sind die Gitter im Frühsommer entfernt, kehren die Menschen zurück. | Au printemps, la ville ferme les rives très fréquentées. Dès leur ouverture en début d’été, les gens réinvestissent les lieux. | In primavera, la città decide di chiudere le rive del lago parzialmente sovraffollate. A inizio estate, appena rimosse le reti, le rive tornano a popolarsi. Fotos: Keystone / Alexandra Wey

15Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022 Vom Lockdown zum befreiten Denken Öfter im Freien – mehr denn je

« Neue Mobilitätsb edürfnisse werden viele Lebensentwürfe verändern »

Im Bericht ‹ Post Corona ›* schreiben Sie, dass Lebens modelle sich langfristig verändern und dass die direkte Wohnumgebung intensiver genutzt wird.

Paul Dominik Hasler: Ja, vor allem Homeoffice hat sich durch die digitalen Optionen etabliert. Es wird weitere räumliche Entwicklungen auslösen, weil neue Arbeitsmodelle entstehen oder weil wir dezentraler wohnen. Das Office am Küchentisch ist meist keine langfristige Lösung. Neue Präsenzzeiten und Mobilitätsbedürfnisse werden viele Lebensentwürfe sukzessive verändern. Das reicht von der stärkeren Nutzung der unmittelbaren Wohnumgebung zu Erholungszwecken bis hin zum Umzug in die Peripherie. Die Zentren sind wieder stark frequentiert. Dehnt sich das Leben weiterhin in den Aussenraum aus? Schon seit Jahren beobachten wir eine Mediterranisie rung der Schweiz. Sie zeigt sich aber unterschiedlich: Ba sel, Zürich oder Bern erleben eine stärkere Dynamik als kleine oder mittlere Orte. Zudem variiert die Nutzungs form, je nachdem, ob es ums Einkaufen geht, um den Be such einer Veranstaltung oder eines Restaurants oder ums Promenieren. Und je nach Tageszeit frequentieren auch unterschiedliche Personengruppen einen bestimm ten Ort. Die Pandemie hat da keinen grossen Einfluss.

Sie postulieren einen Trend zum 24-StundenQuartier. Wie lassen sich da die Ruhebedürfnisse der Anwohnerschaft befriedigen?

Wir verstehen das 24 Stunden Quartier weniger als Ort der Unruhe denn als eine Form, sich den flexibler gewor denen Lebensmodellen anzupassen. Es muss möglich sein, im selben Quartier zu wohnen, zu arbeiten, sich zu erholen und einzukaufen. Die meisten Aktivitäten sind in Sachen Lärm problemlos. Konflikte zwischen Wohnen und der nächtlichen Nutzung des Aussenraums gibt es aber.

Dazu tragen die lauen Nächte und die flexiblen Tagesab läufe der Bewohnerinnen und Bewohner bei. Letzteres ist auch eine Folge des Trends zum dezentralen Arbeiten: Man muss nicht früh aus dem Haus und ist mehr vor Ort. Die Pandemie hat eine starke Verlagerung der Aktivitäten in den Grünraum auf dem Land ausgelöst. Könnten die Städte mit attraktiveren Aussenräumen einen Teil dieses Freizeitdrucks auffangen?

Das ist ein wichtiger Ansatz, wobei nicht jede Zielgruppe auf jedes Angebot anspricht. Im Park eine Picknickdecke ausrollen und den Grill anwerfen ist gerade bei Menschen mit Migrationshintergrund oder jungen Erwachsenen be liebt. Andere suchen eher die Lounge oder den Waldpfad. Ein vielfältiges Angebot in den urbanen und suburbanen Räumen deckt viele Bedürfnisse ab und verhindert, dass die Freizeitmobilität und der Druck aufs Land steigen.

Etliche Städte haben die Krise genutzt, um Pilotprojekte ins Leben zu rufen. Was ist mit denen, die wenig unternommen haben – wie sind sie zu sinnvollen Veränderungen zu bewegen?

Leider fehlt uns dazu eine ausreichende Vergleichsbasis. Zudem handelt es sich um unterschiedliche Typen von Nutzung – Verkehr, Spielplätze, Gastronomie. Eine Analyse dazu wäre interessant, aber zurzeit lässt sich diese Frage nicht beantworten. ●

* ‹ Post Corona: Ein Kurzbericht zu den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Siedlungsentwicklung in der Schweiz ›; Espace Suisse, Verband für Raumplanung, Bern, April 2021

Paul Dominik Hasler ist Ingenieur und betreibt das ‹ Büro für Utopien › in Burgdorf mit Fokus auf Innovationen im Bereich Stadtentwicklung, Identität und Koexistenz. Er hat mit dem Espace-SuisseBeratungsangebot ‹ Netzwerk Altstadt › mehr als 50 Städte und Ortskerne begleitet.

« L es nouveaux besoins de mobilité changeront de nombreux projets de vie »

« L e semi-confinement et la pandémie influenceront l’ur banisation en Suisse », explique Paul Dominik Hasler, in génieur et co-auteur du rapport ‹ Post Corona ›, publié par Espace Suisse à l’été 2021. « L e télétravail est établi. Il don nera lieu à de nouvelles évolutions spatiales en créant de nouveaux modèles de travail ou un lieu de vie décentralisé. Les nouveaux horaires de présence et besoins de mobili té changeront de nombreux projets de vie. » Il doit p ouvoir être possible de vivre, travailler, se détendre et faire ses achats dans le même quartier. Une offre variée dans les espaces urbains et suburbains permet de couvrir de nom breux besoins tout en protégeant le paysage de la pres sion croissante de la mobilité de loisirs et de la quête d’es paces verts. ●

« L e nuove esigenze di mobilità modificheranno molti stili di vita. »

« Il lockdown e la pandemia avranno un impatto sullo svilup po degli insediamenti svizzeri. » Così le previsioni di Paul Dominik Hasler, ingegnere e coautore del rapporto ‹ Post Corona ›, pubblicato da Espace Suisse nell’estate del 2021.

« Dalla piena affermazione del telelavoro scaturiranno ul teriori sviluppi territoriali, sia per i nuovi modelli lavorativi sia per la scelta di vivere in zone decentrate. I nuovi tempi di presenza sul lavoro e le nuove esigenze di mobilità ridise gneranno gradualmente molti progetti di vita. » Deve esse re possibile abitare, lavorare, riposare e fare la spesa nello stesso quartiere. Un’offerta diversificata nelle aree urbane e suburbane risponde a molte esigenze e contrasta l’incre mento della mobilità del tempo libero e la pressione sugli spazi verdi nel paesaggio. ●

18 Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022 Vom Lockdown zum befreiten Denken « Neue Mobilitätsbedürfnisse werden viel Lebensentwürfe verändern »

Vom Boom zur Balance

Es gab eine Pandemiephase, in der man drinnen bleiben musste – im allgemeinen Lockdown. Und es gab eine Pha se, als man draussen bleiben musste – vor Bars, Cafés und Restaurants, die zeitweise nur an der frischen Luft bewir ten durften. Damit die Gäste Abstand halten konnten, er laubten Städte und Gemeinden den Betrieben grössere Aussenbereiche auf öffentlichem Grund. Unkompliziert: Eine Bewilligung war nicht nötig, und Gebühren wurden gesenkt oder ganz erlassen, wie die nachfolgenden Be richte aus den Städten zeigen.

Die befragten städtischen Verwaltungen sind froh, dass sie der Gastronomie in einer schwierigen Lage unter die Arme greifen konnten. Man freute sich auch, dass dies half, Strassen und Plätze wiederzubeleben. Zufrieden ist ausserdem der Verband für Hotellerie und Restauration, Gastrosuisse: « Die er weiterten Aussenflächen ermöglich ten es den Betrieben, die eingeschränkten Kapazitäten etwas zu kompensieren », s chreibt Daniela Kimmich vom Verband auf Anfrage. « Sie trugen zu einer besseren Aus lastung bei, und das hob die Wirtschaftlichkeit. »

Zu viel des Guten

Verwaltungen benennen aber auch die Nachteile des Gastrobooms. Besonders die Altstädte erfasste dieser Boom in einem derartigen Ausmass, dass das Stadtbild darunter litt, wie es etwa aus Aarau oder St. Gallen heisst. Teils konnten Fussgängerinnen und Fussgänger nicht mehr kreuzen wegen der zusätzlichen Tische auf den Trot toirs. Oder Trauben von Gästen wichen zum Schwatzen, Trinken oder auch zum Anstehen auf die Strassen aus, wo es gefährlich werden konnte. Und die Orgie der Pflanztröge, mit denen Wirtinnen und Wirte ihre Schützlinge schon immer gerne abschirmten, verursachte nun wehr hafte Umfassungen im öffentlichen Raum. Auch der Lärm wurde da und dort beklagt.

Manche Städte haben die Zusatzflächen darum wie der abgeschafft. Andere gewähren sie bis Herbst. Für das nächste Jahr sind Baubewilligungen nötig. Doch die Gas troszene macht Druck – sie möchte das eroberte Terrain nicht wie derhergeben. Das wirft Fragen auf: Was gewinnt

der öffentliche Raum, wenn die Gastronomie sich aus dehnt, und was geht verloren? Welchen Anteil soll der Kon sum vereinnahmen, und wie sorgt man überall – auch an begehrten Lagen – für den nötigen Ausgleich? Wer und was wird verdrängt?

Platz für alle und alles Randständige litten zwar in der Pandemie aus vielen Gründen, erklärt Simon Weis von Sicherheit Intervention Prävention (SIP) Zürich. Sie galten generell als « C oronaverdächtig » und wur den stärker gemieden als ohnehin. Mehr Gastronomie aber betrachtet Simon Weis nicht als Bedrohung. Im Gegenteil: « Wenn Restaurants sich aus breiten und länger geöffnet sind, dann sind mehr Orte belebt und mehr Menschen unterwegs. Und dann fallen Gruppen wie Alkoholikerinnen, aber auch Jugendliche we niger auf und stehen weniger unter Generalverdacht. »

Im Gegenzug fordert Weis jedoch, dass auch die nichtkommerzialisierten Flächen nützlich und einladend ge staltet und unterhalten sind. « Es braucht überall genug Sitzgelegenheiten und öffentliche Toiletten. » Aus den grösseren Gastrobereichen abzuleiten, dass die öffentli che Hand weniger Infrastruktur bereitstellen muss, wäre der falsche Schluss.

Pandemie und Klimawandel festigen die langjährige Tendenz: Boulevardcafés und Biergärten sind auch hier zulande ein fester Bestandteil des Strassenbilds und des Strassenlebens, ja, der Stadtentwicklung geworden. Und natürlich ist es erfreulich, wenn viele sich den Gang ins Restaurant oft und gerne leisten können. Aber wir haben im öffentlichen Raum auch noch viel anderes vor. Attrakti ve Fuss- und Velowege einzurichten, erfordert Platz; mehr Vegetation für die Biodiversität und gegen die Hitze wach sen zu lassen, erfordert Platz. Sollen sich die vielzitierte Partizipation und die Aneignung im öffentlichen Raum entfalten, setzt dies vor allem eins voraus: Platz. Dann darf nicht jeder freie Fleck verplant oder vermietet sein. Neben all dem braucht es auch Leere. Je intensiver die Nutzung der einen öffentlichen Räume, desto notwendiger ist die Leere in anderen.

In der Pandemie durften Restaurants ihre Aussenbereiche ausdehnen. Nun fragt sich, wo der zusätzliche Konsum andere Ziele im öffentlichen Raum befördert – und wo nicht.
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Aarau: Verkleinerung der Aussenrestaurants

Gespräch mit Anna Borer, stv. Stadtbaumeisterin und Co-Leiterin Stadtentwicklung, Aarau

Die Aarauer Altstadt wandelt sich zu einem gastronomi schen Hotspot. In der Pandemie legte die Gewerbepolizei für die zahlreichen Restaurants, Betrieb für Betrieb, mög liche Zusatzflächen fest – meist vor dem Lokal, teils auch vor dem Nachbarhaus. Weil keine absolute Gleichbehand lung möglich war, verlangte dies Fingerspitzengefühl.

Trotz des Wohlwollens in der Bevölkerung zeigten sich allmählich negative Aspekte der Ausdehnung, sagt Anna Borer. Zugänge waren verstellt, noch mehr Velos als sonst standen herum, und wo in den autofreien Gassen noch der Bus zirkuliert, konnten Passanten kaum noch ausweichen. Auch Jugendliche seien teils verdrängt wor den, etwa weil der Schlosspark zum Biergarten umgenutzt wurde. Die Gastronomie habe das Altstadtbild fast über prägt, meint Anna Borer. Dies veranschaulichen Bilder, auf denen die Plätze wirken, als finde ein permanentes Foodfestival statt. Die Stadt hat die Flächen darum wie der verkleinert. « Nicht ganz zurück zum früheren Zustand, aber abgestimmt auf andere Nutzungen. »

Auch das Aareufer werde stärker genutzt, und die Menge an Abfall und Schmutz sei in der Pandemie gestie gen, sagt Anna Borer. Nicht zuletzt, weil man vor einiger Zeit alle öffentlichen Toiletten bis auf drei geschlossen und auf das ‹ Nette Toilette ›-Konzept gesetzt habe. Doch wenn Restaurants wie im Lockdown geschlossen sind, scheitert dieses Konzept. Zurzeit richtet die Stadt neue Zugänge für das Baden in der Aare ein und baut die dritte Buvette am Flussufer. Zudem hat sie mit dem Mühlematt hof die letzte grosse private Liegenschaft am Ufer gekauft.

« Die intensivere Nutzung der öffentlichen Räume infolge der Pandemie fällt zusammen mit einer allgemeinen Urba nisierung, ausgelöst etwa von Zuzügerinnen und Zuzügern aus grösseren Städten », stellt Anna B orer fest.

Aarau startet nun den Prozess ‹ Altstadtentwicklung ›: Gemeinsam will man herausfinden, ob die Altstadt ruhig und unmöbliert sein soll, also eher museal – oder ob es laut und bisweilen etwas chaotisch sein darf; ob die Auf

teilung in einen ruhigeren und einen lauteren Teil wei terhin funktioniert; wie sehr sich die Gastronomie in den Erdgeschossen breitmachen soll. Und wo sich die vielen Velos unterbringen lassen.

Rheinfelden: Ein neuer Plan für die Allmendflächen Gespräch mit Corinne Caracuta, City-Managerin, Rheinfelden Als City-Managerin ist Corinne Caracuta die Drehschei be zwischen Gewerbe, Vereinen und Stadtverwaltung in Rheinfelden. Die Stadt erlaubte in der Pandemie grössere Aussenbereiche ohne Spezialbewilligung, Kontrolle und Gebühren. Im Lockdown entstanden Take-aways mit Web sites, ein Innovationsschub für Rheinfelden, so Caracuta.

Seit dem zweiten Halbjahr 2022 erhebt die Stadt wie der Gebühren. Die City-Managerin prüfte mit jedem Be trieb den Boulevard-Nutzungsvertrag, um festzulegen, welche Flächen bestehen bleiben könnten. Eine Baube willigung verlangt Rheinfelden weiterhin nicht. Anhand des Reglements für die Nutzung des öffentlichen Grundes prüft das City-Management zusammen mit der Polizei Ab stände, Mobiliar und Dekorationselemente. So werden An träge auf Nutzung von Allmendfläche zügig, in der Regel innerhalb von zwei Wochen, abgewickelt.

Im Frühjahr liess Caracuta zudem jede kommerziel le Fläche auf Allmendboden vermessen und anhand der Daten einen Stadtplan erstellen. Was bisher als ExcelDatei existierte, ist jetzt visualisiert. « Wir erfassen die Verteilung der Flächen auf einen Blick und können Kenn zahlen erheben. Dank des Plans werden auch Leerstände ersichtlich, und wir können sie gezielter bewirtschaften. Auch die Gewerbepolizei profitiert vom Plan: Sie kann Flä chen nun an Ort und Stelle per Handy überprüfen. »

Basel: Mehr Verständnis für Prozesse Gespräch mit Daniel Arni, Tiefbauamt des Kantons Basel-Stadt, Leiter Allmendverwaltung

Die Stadt Basel erlaubte Betrieben, ihre bewilligten Bou levardflächen so weit wie möglich auszudehnen, solange Durchgänge und Sicherheitsbestimmungen gewahrt blie ben. « Weil wir das personell nicht hätten prüfen können,

Berichte aus sechs Städten →

Allmendflächen (Ausschnitt) Vermietete Flächen

Marktgasse

Fröschweid Futtergasse

Marktgasse

Kuttelgasse

Kirchgässli

Albrechtsplatz

Brodlaube Geissgasse

Bahnhofstrasse

Kirchgässli

Rheinfelden, 2022

Ein neuer Plan zeigt, wo und wie stark der öffentliche Grund in der Altstadt kommerziell genutzt wird. | Un nouveau plan indique où et comment la voie publique de la vieille ville est utilisée à des fins commerciales. | Un nuovo piano indica dove e in che misura il suolo pubblico del centro storico è utilizzato ai fini commerciali. Plan: Stadt Rheinfelden; Bearbeitung: Hochparterre

21Themenheft von Hochparterre, Oktober 2022 Vom Lockdown zum befreiten Denken Vom Boom zur Balance Rindergasse

Rhein

setzten wir auf Eigenverantwortung – und das hat funk tioniert », b erichtet Daniel Arni. Als indirekte Kontrollin stanz wirkten Reklamationen, wovon jedoch nur wenige eintrafen. Die Betriebe durften auch die Parkplätze als Gastflächen nutzen, wenn sie dies meldeten; sechs Res taurants nahmen die Option in Anspruch. Die Regelungen gelten noch bis Oktober 2022, danach sind für die Zusatz flächen wieder eine Baubewilligung und Gebühren fällig. Wie viele Betriebe die grösseren Flächen beibehalten wol len, ist offen. Daniel Arni schätzt, dass die Nachfrage in folge der Pandemie gestiegen ist.

Der Basler Grosse Rat möchte den Betrieben die Ge bühren für die gesamte Zeit der Corona-Bestimmungen erlassen, ein Vorstoss dazu ist in Bearbeitung. Da es um Hunderttausende Franken geht, arbeitet die Verwaltung zurzeit eine Vorlage aus.

Generell habe man kulant reagiert, wenn es um be triebliche Anliegen im Aussenraum ging, sagt Arni. Es gab vereinzelt Läden und Cafés, die ihre Produkte vor dem Ge schäft verkaufen wollten, als sie schliessen mussten. « Wir boten solche Möglichkeiten nicht aktiv an, zeigten uns aber bei Anfragen offen. » Im Unterschied zu den üblichen Prozessen habe man den Ermessensspielraum stärker aus gereizt, jedoch ohne rechtliche Risiken einzugehen. « Mein Eindruck ist, dass uns dieses Ausloten und die Gespräche insgesamt mehr Verständnis für den Bewilligungsprozess verschafft haben », bilanziert Arni.

Luzern: Massgeschneiderte Gastronomieflächen, fortgesetzte Pilotprojekte

Gespräch mit Christoph Bättig, Stabschef Direktion Umwelt, Verkehr und Sicherheit, Stadt Luzern

In Luzern begrüsste man grundsätzlich grössere Aussen restaurants. Christoph Bättig erwähnt die Burgerstrasse, die durch zusätzliche kleine Gastroflächen belebt wur de: « Gut für das Strassenbild, gut für die Atmosphäre. » In der Neustadt, etwa an der Winkelriedstrasse, durften die Betriebe auch auf Parkplätzen wirten. Dort wurden die Durchgänge für den Fussverkehr allerdings teils schmal. Am Mühleplatz kamen sich Tische, Stühle, Fussgänger und Velofahrerinnen vermehrt in die Quere.

Ein Luzerner Extremfall ist der Bereich Rathausquai und Unter der Egg: Hier montierte die Stadt zwei öffent liche Sitzbänke ab, um mehr Platz für Cafés zu schaffen –und schränkte damit die freie Nutzung des Orts zuguns ten der kommerziellen ein. Ob das so bleibt, müsste laut Bättig nun anhand eines Baugesuchs entschieden werden, das der Betrieb einzureichen hätte.

Das Potenzial habe sich deutlich erweitert, stellt Bät tig fest, denn als Richtwert war die Verdopplung der gast ronomischen Aussenfläche erlaubt. « Wir hab en jeden ein zelnen Platz untersucht und werden zusätzliche Flächen im ordentlichen Baugesuchsverfahren dauerhaft bewilli gen oder wieder verkleinern. Wo möglich, möchten wir sie beibehalten, aber massschneidern. » Auch Luzern erprobt ‹ me diterrane Nächte › mit Gastro-Öffnungszeiten am Wo chenende bis ein Uhr nachts, was weitere Anhaltspunkte für die Nutzung des öffentlichen Raums liefern wird.

Die Pilotphase Corona bilanziert Bättig positiv. « Oft muss die Verwaltung darauf achten, dass sie keine Präju dizien schafft. Das entfiel in der ausserordentlichen Situation – wir mussten rasch entscheiden. » Bättig möchte bei geeigneten Platz- und Strassengestaltungen mit Pilotpha sen und Pop-up-Projekten weiterarbeiten. « Damit err ei chen wir, parallel zu den umfangreichen, oft langwierigen Planungsprozessen bis zur Realisierung und Inbetrieb nahme, schnell und niederschwellig sicht- und spürbare Aufwertungen und lernen für die langfristige Gestaltung. »

St. Gallen: Auslotung von Nutzungskapazitäten

Gespräch mit Florian Kessler, Stadtplaner St. Gallen

Um elf Prozent sind die St. Galler Boulevardrestaurants in der Pandemie gewachsen siehe Seite 25. Eine formlose Mel dung genügte. Auch mobile Bauten waren erlaubt. Solche gewährt das kantonale Planungs- und Baugesetz im pri vaten Bereich während dreier Monate pro Kalenderjahr ohne Bewilligung. St. Gallen dehnte die Regel auf den öf fentlichen Raum aus; sie gilt noch bis Ende 2022.

« Die gr össeren Aussenwirtschaften waren breit ak zeptiert », sagt Stadtplaner Florian Kessler. Auch er selbst nahm sie positiv wahr. « Die luftig ange ordneten Cafés hat ten etwas Grosszügiges. » Die vitale Aussengastronomie habe das öffentliche Leben trotz Pandemie aufrechterhal ten. Gerade der Altstadt habe dies gutgetan: « D ort wirkten die leeren Gassen besonders eigenartig. »

Per 31. März 2022 hat die Stadt die Zusatzflächen je doch wieder aufgehoben. Die Denkmalpflege hatte kriti siert, dass zusätzliche grossformatige Sonnenschirme die Sicht auf die Altstadt beeinträchtigten. Da und dort –an der Multergasse zum Beispiel – seien sich auch Cafés, Velofahrer und Fussgängerinnen in die Quere gekommen, sagt Florian Kessler.

Jetzt können Betriebe ein Baugesuch für die Zusatz fläche einreichen; ein Teil ist bereits bewilligt. Man prüfe diese Gesuche wie üblich funktional und ortsbaulich, so Kessler. « D ie Frage ist: Welche Nutzungsintensität ver trägt ein Platz, eine Gasse? Seit 2020 fanden kaum Veran staltungen statt. Darum kann eine grössere Aussenwirt schaft heute stören, wo sie bis eben noch kein Problem war. » Nun brauche es wieder Platz für Anlässe, Standaktio nen, den Markt – für das öffentliche Leben ohne Konsum zwang. Auf Plätzen wie dem Marktplatz oder dem Gallus platz sind laut Kessler grössere Cafés vertretbar. Sie seien gross genug für verschiedene Nutzungszwecke.

Dass die St. Galler Boulevardgastronomie wächst, hat weniger mit der Pandemie als mit dem Wandel in den ver gangenen 20 Jahren zu tun: Zwischen 2002 und 2021 ha ben sich die Aussenwirtschaften von 75 auf 158 verdop pelt. Zudem hat die Stadt 2021 und 2022 ‹ me diterrane Nächte › b ewilligt: 28 Betriebe durften von Juni bis August freitags und samstags ihre Aussencafés bis ein Uhr ge öffnet lassen. (Anm. der Red.: Der Versuch war bei Redak tionsschluss noch nicht ausgewertet.)

Zürich: Überarbeitung des ‹Leitfadens Boulevardgastronomie›

Gespräch mit Rahel Nüssli, Sozialgeografin, Projektleiterin Strategien Stadträume, und Jacqueline Parish, Landschaftsarchitektin / Raumplanerin, Leiterin Konzepte und Planungen, Tiefbauamt Stadt Zürich Gastro Stadt Zürich war parat: Gleich im Herbst 2021 for derte der Gastroverband mit der Petition ‹ Mehr Wow für Zürich ›, die in der Pandemie erweiterten Aussenwirtschaf ten zu erhalten. Um maximal 30 Prozent hatten die Betrie b e die Sitzplätze erhöhen dürfen. Um herauszufinden, wo sich die grösseren Gastroflächen dauerhaft einrichten lassen, überarbeitet die Stadt nun den ‹ L eitfaden Boule vardgastronomie ›. Bis Oktober 2022 sind die erweiterten Flächen ohnehin noch kostenlos erlaubt. Ab 1. März 2023 ist eine neue Baubewilligung nötig, falls die Betriebe grös sere Aussenflächen beanspruchen als vor der Pandemie. Auf Gebühren für die Nutzung des öffentlichen Grunds zu verzichten, geht übrigens ins Geld: Von April bis Dezem ber 2022 nehme die Stadtpolizei 5,9 Millionen Franken we niger ein, gibt die Stadt an.

« Wir wollen einen Ausgleich finden », erklärt Rahel Nüssli. Sie ist im Tiefbauamt zuständig für den Leitfaden.

« Wenn die Gastronomie öffentliche Räume belebt und

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Lebensfreude in der Altstadt. Nach der Pandemie stutzt die Stadt die Gastroflächen jedoch wieder etwas zurück. | Joie de vivre en vieille ville. Mais après la pandémie, la ville réduit à nouveau les zones dédiées à la restauration. | Voglia di vivere nel centro storico. Nella post-pandemia la città ha tuttavia parzialmente ridotto le aree gastronomiche. Fotos: Jiří Vurma

Denken Vom Boom Aarau, August 2021 Basel, April 2021 Am Rhein tummeln sich die Menschenmassen, bis die Restaurants wieder öffnen dürfen. | La foule se presse le long du Rhin, jusqu’à ce que les restaurants puissent ouvrir de nouveau leurs portes. | Le persone si affollano lungo il Reno in attesa che i ristoranti possano riaprire. Foto: Keystone / Stefan Bohrer
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Luzern, September 2021

An der Frankenstrasse im Neustadt-Quartier werden Gäste auch auf ehemaligen Parkplätzen bedient. | D ans la Frankenstrasse du quartier Neustadt, les hôtes sont servis sur d’anciennes places de parc. | Nella Frankenstrasse del quartiere Neustadt servizio ai clienti anche negli ex parcheggi. Foto: Stadt Luzern

St. Gallen, April 2022

Feierabend an der Rosenbergstrasse. Die Bar darf ihre Tische auf beiden Seiten des Trottoirs aufstellen. | Fin de journée dans la Rosenbergstrasse. Le bar peut placer ses tables des deux côtés du trottoir. | Dopo il lavoro nella Rosenbergstrasse. Il bar è autorizzato a posizionare i suoi tavoli su entrambi i lati del marciapiede. Foto: Anna-Tina Eberhard

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wirtschaftlich davon profitiert, ist das eine gute Wech selwirkung. Daneben sollen auch konsumfreie Aufenthal te weiterhin ausreichend Platz haben und die Ansprüche der Mobilität » – der Fussverkehr, damit Personen mit Kin derwagen und Rollstühlen kreuzen können. Oder der Velo verkehr, der ebenfalls teilweise das Trottoir nutzen muss. « Für all dies sind die vorgeschriebenen zwei Meter Trot toirbreite oft zu schmal. »

Seit Frühling 2022 wirkten sich die grösseren Aussen bereiche stärker auf andere Nutzungsformen aus, sagt Jacqueline Parish, im Tiefbauamt für Konzepte und Pla nungen zuständig. « D enn nun finden viele Aktivitäten wie der statt. Dieser Normalisierung müssen wir Zeit geben.

Auch die Alltagsnutzung erfordert Platz. » Parish möchte die Entwicklung so lenken, dass der Gastroausbau ande re Ziele im öffentlichen Raum unterstützt – etwa durch mehr Elemente zur Beschattung des öffentlichen Raums.

« Je mehr Platz die Gastronomie einnimmt, desto stärker muss sie sich als Teil des öffentlichen Raums verstehen. Dies gilt besonders für Boulevardgastronomie auf zentra len Plätzen wie dem Sechseläutenplatz oder dem Münster hof. Der Mehrwert muss gegenseitig sein. » ●

Zusatzfläche in Zahlen Aussengastwirtschaftsflächen vor und während der Pandemie:

– Luzern: vorher 5900 m2, zusätzlich 750 m2, plus 12,7 %

– St Gallen: vorher 3600 m2, zusätzlich 400 m2, plus 11,1 %,

– Rheinfelden: vorher 880 m2, zusätzlich 90 m2, plus 10 %

– Chur: vorher 1571 m2, zusätzlich 800 m2, plus 51 % (!)

Du boom à l’équilibre

Pour que la clientèle des restaurants puissent respecter les règles de distanciation pendant la pandémie, il a été per mis de créer des espaces plus larges sur la voie publique, sans autorisation nécessaire et avec diminution voire exo nération des frais, comme rapportent certaines villes.

Les villes sont ravies d’avoir pu soutenir ainsi le sec teur de la restauration dans une situation difficile. On s’est réjoui de voir les rues et places animées. Gastrosuisse, l’association de l’hôtellerie-restauration, est aussi satis faite: « L es terrasses extérieures étendues ont permis un meilleur taux d’occupation », indique Daniela Kimmich.

Mais cet essor n’est pas sans inconvénient: les vieilles villes ont été si prises d’assaut que leur image en a souf fert. L’espace pour la marche a rétrécis au profit des tables supplémentaires. Et on s’est plaint ici et là du bruit.

Certaines villes ont pour cette raison supprimé les extensions de terrasses supplémentaires tandis que d’autres les autorisent jusqu’à l’automne. Des permis de construire seront requis pour l’an prochain. Le secteur de la restauration ne souhaite toutefois pas céder ces nou veaux acquis, ce qui soulève des questions: lorsque la res tauration et la consommation s’étendent, qu’est-ce que l’espace public a à gagner? Au détriment de qui et de quoi?

Simon Weis, du SIP (Sécurité Intervention Prévention) Zurich, explique que les grands restaurants ne sont pas une menace pour les marginaux. « Si plus de lieux sont ani més et que plus de personnes se déplacent, des groupes comme les alcooliques ou les jeunes se font moins remar quer et suspecter. » En contrepartie, les surfaces non com mercialisées doivent être aménagées de manière utile et accueillante. S. Weis souligne qu’un nombre suffisant de sièges et de toilettes publiques est nécessaire partout.

La pandémie et les changements climatiques conso lident la tendance: la restauration fait partie intégrante de l’image des rues et de l’évolution urbaine. Mais elle n’est que l’une des nombreuses exigences dans l’espace public. Les chemins piétons, les pistes cyclables et la végétation ont besoin de plus d’espace, tout comme la participation et l’appropriation dont on parle tant. Et il faut aussi du vide. Plus l’utilisation de certains espaces publics est intense, plus le vide est nécessaire dans d’autres. ●

Dal boom all’equilibrio

Per garantire il distanziamento sociale, durante la pande mia ai ristoranti è stato concesso di creare maggiori spazi occupando l’area pubblica. La procedura era molto sem plice: nessuna autorizzazione e tasse ridotte o eliminate, come documentato dai brevi resoconti di alcune città. Le amministrazioni si dicono soddisfatte perché sono riu scite a sostenere la ristorazione in questa situazione diffi cile. I ristoranti all’aperto hanno rianimato strade e piazze –per la gioia delle persone. Manifesta soddisfazione anche GastroSuisse, Federazione esercenti albergatori: « Ampliare gli spazi esterni ha consentito di sfruttare meglio le nostre capacità », s crive Daniela Kimmich di GastroSuisse.

Ma il boom ha dei risvolti negativi: nei centri storici l’ampliamento è stato tale che il paesaggio urbano ne ha sofferto. L’aggiunta di tavoli ha reso meno agevole il pas saggio dei pedoni e, qua e là, si è levata qualche lamentela per il rumore.

Molte città hanno allora deciso di eliminare gli spa zi aggiuntivi, altre di mantenerli, ma solo fino in autunno; dall’anno prossimo occorrerà una licenza edilizia. Il setto re della ristorazione, tuttavia, non è intenzionato a cedere il territorio conquistato, il che pone le seguenti domande: Cosa guadagna lo spazio pubblico dall’espansione di risto ranti e consumi? A scapito di chi e di che cosa?

Per i soggetti marginali l’ampliamento dei ristoranti non rappresenta una minaccia, spiega Simon Weis di Si cherheit Intervention Prävention (SIP) Zurigo. « Più i luo ghi sono vissuti e pieni di gente, meno alcuni gruppi – gli alcolizzati o anche i giovani – saranno notati ed esposti al sospetto generale ». Anche le aree non commerciali, però, dovrebbero essere concepite e mantenute in maniera fun zionale e attraente. Weis chiede che vi siano ovunque posti a sedere e bagni pubblici a sufficienza.

La pandemia e il cambiamento climatico hanno raffor zato una tendenza che dura da anni: la ristorazione è diven tata parte integrante del paesaggio stradale e dello svilup po urbano, ma nello spazio pubblico è solo una tra le molte richieste. I tracciati pedonali e ciclabili, il verde, persino la riappropriazione del territorio e la famosa ‹ partecipazione › richiedono più spazio. E poi c’è bisogno del vuoto: quanto più intensivo è l’utilizzo di uno spazio pubblico, tanto più necessario è il vuoto in un altro. ●

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Lindsay Blair Howe ist Assistenzprofessorin für Architektur und Gesellschaft sowie stellvertretende Leiterin des Instituts für Architektur und Raumentwicklung an der Universität Liechtenstein. Sie hat das Forum Urban Publics Zurich mitgegründet.

Philippe Koch ist Politikwissenschaftler und Professor mit Schwerpunkt Stadtpolitik und urbane Prozesse an der Zürcher Hoch schule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er hat das Forum Urban Publics Zurich mitgegründet.

Urban Publics Zurich (upZ)

Das Forum für Urbanistinnen und Urbanisten will die globale Forschung zur Stadt mit der lokalen städtischen Praxis verbinden. Urban Publics erkundet Stadtent wicklungsprozesse und organisiert informelle Debatten dazu. Trägerinnen und Träger sind neben Lindsay Blair Howe und Philippe Koch auch Hanna Hilbrandt, Assistenzprofessorin für Sozial- und Kulturgeografie an der Universität Zürich, sowie David Kaufmann, Assistenzprofessor für Raumentwicklung und Stadt politik an der ETH Zürich.

« Pilotpr ojekte sind kein Ersatz für die Debatte »

Vielseitig nutzbare öffentliche Räume haben sich bewährt. Und die Pandemie war keine partizipative Phase – im Gegenteil, wie Mitglieder des Forums Urban Publics Zurich bilanzieren.

Welche Schlüsse zieht ihr aus der Pandemie für den öffentlichen Raum?

Forum Urban Publics: Die Pandemie hat gezeigt, wie wich tig der Zugang zu öffentlichen Räumen ist und wie wichtig ihre Qualitäten sind. Am ZHAW-Institut Urban Lands cape haben wir herausgefunden, dass mehrfach nutzbare öf fentliche Räume im Lockdown gleich oder sogar intensi ver genutzt wurden als davor.* Besonders Landschafts räume im Siedlungsgebiet, etwa der Murg-Auen-Park in Frauenfeld, waren beliebt – zum Spielen, zum Sporttrei ben oder einfach als Treffpunkt zum Schwatzen. In mono funktionalen Bereichen, etwa auf dem Richtiplatz in Wal lisellen, hielten sich dagegen kaum noch Menschen auf. Auch Interviews von Studierenden des Departements Architektur an der ETH Zürich mit Stadtbewohnern wäh rend der Pandemie zeigen: Öffentliche und begrünte Räu me waren wichtig, um eine gewisse Alltäglichkeit und Geselligkeit aufrechtzuerhalten.** Kurz: Eine räumliche, funktionale und programmatische Vielfältigkeit, verbun den mit der Möglichkeit, sich Orte anzueignen, macht öf fentliche Räume wie auch Bewohnerinnen und Bewohner resilienter.

Städte haben in der Corona-Krise die Bewilligungspraxis für die gastronomischen Aussenräume gelockert oder kurzerhand temporäre Velowege geschaffen. Wenn der bürokratische Aufwand geringer wird, nimmt die Partizipation dann automatisch zu?

Nein. Die Pandemie war keine partizipative Phase – im Gegenteil: Lockerungen und Pilotprojekte wurden in der Regel ohne öffentlichen Austausch beschlossen. Die Ver waltungen konnten ohne die üblichen Diskussionen han deln. Manche Gruppen konnten ihre Bedürfnisse einfa cher durchsetzen, zum Beispiel im Gastrobereich. Andere

waren sogar mit zusätzlichen Vorschriften konfrontiert. Genauso spontan und diskussionslos, wie die Massnah men entstanden, sind sie zum Teil auch bereits wieder ver schwunden. Denn die politischen Konstellationen sind ja gleich geblieben, und mehrheitlich werden wohl auch die bürokratischen Prozesse wieder so verlaufen wie vorher. Würdet ihr die Städte nicht dafür loben, dass sie Pilotprojekte lanciert und sich die Methode ‹ Trial and Error › erlaubt haben?

Doch, das begrüssen wir. Versuchen ist wertvoll, selbst wenn man scheitert. Denn man kann dadurch Daten und Erkenntnisse sammeln. Wurde das Angebot genutzt und von wem? Brauchen die Anwohnerinnen etwas anderes? Eine Verwaltung soll auch mal ein Pilotprojekt einfach durchsetzen können. Umgekehrt braucht die Verwaltung ein « offenes Ohr » – wie wir es nennen würden – für die An liegen und Ideen der Menschen. Jemand muss das hören wollen. Nicht einmal bei Partizipationsprojekten ist das selbstverständlich, auch wenn sie so genannt werden, und selbst vorbildlich durchgeführte Pilotprojekte stossen auf Widerstand. Sie sind kein Ersatz für die politische Debat te – und das ist auch gut so. Wichtig ist es, das Vorhaben anschliessend auf breiter Ebene auszuwerten.

Insgesamt scheint die öffentliche Hand durch die Pandemie gestärkt, und bei der Gestaltung des Aussenraums hat sie den Lead übernommen.

Das zeigt etwa der ‹ Post Corona ›-Bericht von Espace Suisse siehe Seite 18. Gleichzeitig ist in diesem Bereich die Mitwirkung essenziell. Ein Dilemma?

Ja – denn gerade bei der Gestaltung des öffentlichen Raums kommen gute Ideen oft « von unten ». Im L ockdown haben sich die Menschen auf kleinem Massstab selber or ganisiert. Sie spazierten im Quartier, sie picknickten am

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Rand des Stadtwalds, sie spielten fast rund um die Uhr an den Pingpongtischen. Doch selbst diese Co-Kreation und Aneignung im Kleinen muss von der öffentlichen Hand ge stattet sein, denn oft ist nicht klar, was erlaubt ist und was verboten. Auch dafür braucht es wieder das « offene Ohr ». Wie seht ihr das Verhältnis von staatlicher Lenkung und Partizipation in der Zukunft? Wir müssen absichern, dass die Städte in der Planung die Be dürfnisse der Menschen mitdenken. Sie sollen wissen, wie die Nutzung der öffentlichen Räume sich entwickelt. Sie sol len verschiedene Perspektiven pflegen, am besten durch Di versität in den eigenen Reihen, um Räume für alle zu ermög lichen. Und sie sollen dafür sorgen, dass die erforderliche Infrastruktur zur Verfügung steht. Dafür kann die öffentliche Hand mit Akteurinnen und Akteuren der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, informell und auf Augenhöhe. ●

* Philippe Koch, Stefan Kurath, Simon Mühlebach: ‹ Figurationen von Öffentlich keit. Herausforderungen im Denken und Gestalten von öffentlichen Räumen ›; Triest-Verlag, 2021

** Ethnografien von Studierenden der Dozentur Soziologie während der Pandemie: https://works.arch.ethz.ch/faculty/ christian-schmid

« L es projets pilotes ne remplacent pas les débats »

« La p andémie a montré l’importance de l’accès aux es paces publics et des qualités de ces derniers. » C’est ce qu’expliquent Lindsay Blair Howe et Philippe Koch du fo rum urban publics Zurich, qui souhaite conjuguer la re cherche urbaine et la pratique. « Pendant le s emi-confine ment, les espaces publics à usage multiple ont été autant voire plus utilisés qu’avant, en particulier les espaces pay sagers des zones urbaines comme le Murg-Auen-Park de Frauenfeld. En revanche, il n’y avait quasiment personne dans les espaces monofonctionnels comme la Richti-Platz de Wallisellen. » Une diversité spatiale, fonctionnelle et de programmation associée à la possibilité de s’approprier les lieux renforce la résilience des espaces publics et de la population.

La pandémie n’était pas une phase participative. Les assouplissements et projets pilotes ont généralement été décidés sans échange public. Les mesures ont parfois aus si disparu de la même façon. Une administration doit pou voir imposer des projets pilotes tout en ayant une oreille attentive pour les demandes et idées citoyennes. « Il faut que quelqu’un soit à l’écoute. Nous devons nous assurer que les villes tiennent compte des besoins des gens dans la planification. » ●

Die unsichtbare Kehrseite Nicht nur die Boulevardgastronomie ist während der Pandemie gewachsen, auch Home-Delivery und der Online-Handel generell sind angestiegen. Die notwendige Logistik gewährleisten Online-Plattformen mit Scharen von Botinnen und Boten auf dem Velo, in Autos und Lieferwagen. Ihre Arbeitsorte sind Strasse und Bord kante. Obwohl sie vermeintlich unsichtbar sind, beeinflussen Online-Plattformen zunehmend die Stadtentwicklung. Dieses Thema untersucht der Doktorand Nicolás Palacios Crisóstomo in seiner Dissertation ‹ Platforms and Urbanism: Challenges for Urban Governance › im Netzwerk Stadt und Landschaft an der ETH Zürich: https://spur.ethz.ch/researchoverview/urban-policy-and-politics/ urban_platforms.html

« I pr ogetti pilota non sostituiscono il dibattito »

« La pandemia ha evidenziato l’importanza sia dell’accesso agli spazi pubblici che del loro livello qualitativo » affermano Lindsay Blair Howe e Philippe Koch di Urban Publics Zurich, un forum che promuove il collegamento tra ricerca e prassi urbanistica. « Il lo ckdown ha spinto ad usare gli spazi pub blici multifunzionali con intensità uguale o addirittura mag giore a prima, in particolare le aree verdi nelle zone urbane, come il Murg-Auen-Park di Frauenfeld. Per contro, le aree monofunzionali, ad esempio la piazza Richti di Wallisellen, erano sempre più vuote. » La molteplicità spaziale, funziona le e programmatica, unita alla possibilità di appropriarsi di un luogo, rende gli spazi pubblici e le persone più resilienti.

La pandemia non è stata un periodo di partecipazio ne. In genere, l’introduzione di allentamenti e progetti pilo ta è stata decisa senza alcun dibattito pubblico. Allo stes so modo queste misure sono state poi in parte revocate. Un’amministrazione deve senz’altro attuare dei progetti pi lota, ma con un orecchio teso ai problemi e alle proposte di cittadine e cittadini. « Ci sarà pur qualcuno propenso all’a scolto. Dobbiamo accertarci che la progettazione urbana tenga conto dei bisogni delle persone. » ●

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Was wir tun können | C e que nous pouvons faire | C osa possiamo fare

Die pandemiebedingten Erfahrungen mit und in urbanem Raum lassen sich auch für die Zukunft nutzen. Fünf Handlungsempfehlungen. | Les expériences faites pendant la pandémie avec et dans l’espace urbain peuvent aussi être utilisées à l’avenir. Cinq recommandations. | Le esperienze fatte durante la pandemia con e nello spazio urbano possono essere utili anche per il futuro. Cinque proposte d’intervento.

1

Das wachsende Interesse am öffentlichen Raum nutzen und eine bessere Qualität durchsetzen | Exploiter l’intérêt grandissant pour l’espace public et exiger une meilleure qualité | Sfruttare il crescente interesse per lo spazio pubblico e migliorarne la qualità Sollte überhaupt noch ein Beleg dafür gefehlt haben, wie bedeutend öffentliche Räume für das Wohl der Menschen sind – die Pandemie hat ihn geliefert. Corona hat enthüllt, welche Qualitäten zählen: Zugänglichkeit, Nutzbarkeit, Viel seitigkeit. Verbreiten wir diese Erkenntnis. Setzen wir uns in Städten und Gemeinden für einladende Aussenräume al ler Art ein. Denn die Menschen sind oft und gerne draussen, und je mehr ihre vielfältigen Bedürfnisse durch öffentliche Räume erfüllt werden, desto besser ist die Lebensqualität. S’il fallait encore une preuve de l’importance de l’espace public pour le bien-être des personnes, la pandémie nous l’a apportée. Le coronavirus a mis en avant les qualités re quises: accessibilité, utilité, polyvalence. Diffusons ces connaissances. Engageons-nous dans les villes et com munes pour des espaces extérieurs accueillants. Les gens sont souvent et volontiers dehors; plus leurs besoins va riés seront satisfaits par les espaces publics, meilleure sera leur qualité de vie. Se ce ne fosse stato ancora bisogno, la pandemia ci ha for nito l’ennesima prova di quanto lo spazio pubblico sia im portante per il benessere delle persone. Il coronavirus ha messo in luce i valori che contano davvero: l’accessibilità, l’utilizzo, la versatilità. Diffondiamo questa nuova consape volezza. Impegniamoci per rendere accoglienti tutti gli spa zi all’aperto di città e Comuni. Le persone, infatti, stanno spesso e volentieri all’aperto e più gli spazi pubblici rispon dono ai loro molteplici bisogni, migliore è la qualità di vita.

2

Den Bedarf an reichhaltigen öffentlichen Räumen anerkennen und ihm gerecht werden | Identifier et satisfaire le besoin en espaces publics riches | Riconoscere e soddisfare il bisogno di spazi pubblici differenziati

So unterschiedlich wie die Menschen sind ihre Ansprü che an öffentliche Räume. Um herauszufinden, welche Ansprüche ein bestimmter Ort erfüllen soll, fragt man die Menschen am besten selbst. In der Pandemie bewähr ten sich unterschiedlich nutzbare Orte. Nicht erst seither, aber seither ist besonders klar: Städte und Gemeinden brauchen vielseitige öffentliche Räume, um einer vielsei tigen Gesellschaft gerecht zu werden.

Les exigences en matière d’espaces publics varient for tement selon les individus. Afin de découvrir les besoins pour un certain lieu, le mieux est de poser directement la question aux intéressés. Les lieux à usage multiple ont fait leurs preuves pendant la pandémie. Ce n’est pas nou veau, mais on l’a particulièrement réalisé depuis: les villes et communes ont besoin d’espaces publics variés pour ré pondre aux différents besoins de la société. Le esigenze nei confronti degli spazi pubblici sono diverse tanto quanto lo sono le persone. È quindi bene rivolgersi di rettamente a loro per comprendere a quali bisogni concreti un determinato luogo deve rispondere. La pandemia ha vi sto l’affermarsi dei luoghi di utilizzo differenziato. Ciò che era chiaro già prima, adesso lo è ancora di più: per rispon dere ai bisogni di una società molteplice, le città e i Comuni hanno bisogno di spazi pubblici molteplici.

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Zentrum öffentlicher Raum

Das Zentrum öffentlicher Raum (ZORA) ist eine Kommission des Schweizerischen Städteverbands. Es fördert den Informations- und Erfahrungsaustausch unter Städten mit vergleichbaren Aufgaben im öffentlichen Raum. Mitglieder sind zur zeit die elf Städte Aarau, Basel, Bern, Lugano, Luzern, Solothurn, St. Gallen, Wil SG, Winterthur, Zürich und Zug. www.zora-cep.ch

Le centre de l’espace public

Le Centre de l’espace public (CEP) est une commission de l’Union des villes suisses. Il encourage l’échange d’infor mations et d’expériences entre les villes ayant des missions comparables dans l’espace public. Onze villes en sont actuellement membres: Aarau, Bâle, Lugano, Lucerne, Soleure, St-Gall, Wil SG, Winterthour, Zurich et Zoug. www.zora-cep.ch

Centro spazio pubblico

Il Centro spazio pubblico (ZORA) è una commissione dell’Unione delle città svizzere che ha come obiettivo la promo zione dello scambio di informazioni ed esperienze tra città con compiti affini in materia di spazio pubblico. Attualmente 11 città sono rappresentate in ZORA: Aarau, Basilea, Berna, Lugano, Lucerna, Soletta, San Gallo, Wil SG, Winterthur, Zurigo e Zugo. www.zora-cep.ch

Die Redaktion

ZORA-Mitglieder: Beatrice Aebi, Leiterin Stadtplanung Wil; Gabriela Barman Krämer, Stadtplanerin Solothurn (bis September 2022); Nadine Heller, Bereichsleiterin Gestaltung und Nutzung, Tiefbauamt Stadt Bern; Tom Steiner, Geschäftsführer ZORA; Rahel Marti, Redaktorin Hochparterre

La rédaction

Membres du CEP: Beatrice Aebi, respon sable de l’urbanisme à Wil; Gabriela Barman Krämer, urbaniste à Soleure (jusqu’en septembre 2022); Nadine Heller, responsable du département Aménagement et utilisation, service des ponts et chaussées de la ville de Berne; Tom Steiner, directeur du CEP; Rahel Marti, rédactrice de Hochparterre

La redazione

Membri della commissione ZORA: Beatrice Aebi (Wil), responsabile pianifica zione urbanistica; Gabriela Barman Krämer (Soletta), urbanista (fino a settem bre 2022); Nadine Heller (Berna), responsabile settore configurazione e uti lizzazione, Ufficio delle costruzioni; Tom Steiner, direttore di ZORA; Rahel Marti, redattrice di Hochparterre

4Eine kreative Atmosphäre für kreatives Planen schaffen | Créer une atmosphère propice à la planification créative | Concepire ambienti creativi per progetti creativi Bevölkerungswachstum, Klimakrise, neues Mobilitätsver halten: In der Orts- und Stadtplanung sind alle Disziplinen gefordert. Alte Muster aufzubrechen, gelingt mit einem flexiblen, spontanen und kreativen Denkstil. Die Zeit ruft nach aktuellen und verlässlichen Vorgaben – und sie ruft nach planerischer Courage und politischem Beistand, um, wo nötig, Spielräume aufzuspüren und kreativ auszufüllen. Croissance de population, crise climatique, nouveau com portement de mobilité: la planification urbaine est inter disciplinaire ou ne sera pas. Pour se libérer des anciens modèles, il faut une approche flexible, spontanée et créa tive. L’époque exige des directives actuelles et fiables, ain si qu’un courage de planification et un soutien politique pour identifier les marges de manœuvre nécessaires et les exploiter de manière créative.

La crescita della popolazione, la crisi climatica, i nuovi comportamenti relativi alla mobilità: la pianificazione del territorio coinvolge tutte le discipline. Per scardinare i vec chi modelli, il pensiero deve essere flessibile, spontaneo e creativo. Il presente chiede linee guida aggiornate ed affi dabili, e invoca una pianificazione coraggiosa e il giusto so stegno politico per poter, dove necessario, individuare gli spazi d’azione e riempirli con creatività.

3

Planung mit Pilotprojekten etablieren |

Planifier avec des projets pilotes | Pianificare sulla base di progetti pilota

In der Pandemie entfiel manch normaler Planungsprozess. Stadtverwaltungen probierten Neues aus, sammelten Er fahrungen – schnell und kostengünstig. Diese lernende Kultur lässt die Planung dynamischer werden. Und sie ent lastet davon, vorab alles wissen zu wollen oder zu müssen. Ja, Unausgegorenes kann scheitern, und die Öffentlichkeit kann einen dafür verbal bestrafen. Darum erfordern Expe rimente Mut und eine konstruktive Fehlerkultur. So entwi ckelt man tragende Lösungen.

Le processus de planification a souvent été perturbé par la pandémie. Les administrations communales ont fait des essais économiques et mis en œuvre rapidement. Cette culture de l’apprentissage rend la planification plus dyna mique, sans vouloir ou devoir tout savoir à l’avance. Certes, les projets parfois pas encore mûrs peuvent échouer et les initiateurs peuvent ainsi s’attirer les foudres du grand public. C’est la raison pour laquelle les expériences exi gent du courage et une culture positive de l’erreur afin de mettre au point des solutions durables.

La pandemia ha vanificato non poche procedure standard di pianificazione. Le amministrazioni cittadine, tuttavia, hanno imboccato nuove strade e acquisito esperienze, in tempi rapidi e a basso costo. Questa cultura data dallo spe rimentare, oltre ad infondere nuova linfa vitale alla pianifi cazione, alleggerisce dal peso di voler o dover sapere tutto in anticipo. È vero, i progetti non maturi a volte falliscono e l’opinione pubblica può reagire male. Ecco perché speri mentare implica coraggio e una cultura dell’errore costrut tiva: così si sviluppano soluzioni sostenibili.

5

Die Erfahrungen anderer in der eigenen Stadt respektive Gemeinde anwenden | Appliquer les expériences des autres dans sa propre ville ou commune | Applicare le esperienze altrui alla propria realtà cittadina o comunale Städte und Gemeinden funktionieren unterschiedlich. Es gibt keine Gelingrezepte in Bezug auf den öffentlichen Raum – aber überall Zutaten und Möglichkeiten. Die Pan demie hat gezeigt: Wo ein Wille war, da war ein Weg für Veränderungen. Die Ideen und Konzepte rund um grösse re Städte sind im kleineren Kontext adaptierbar. Auch in Montreux, Mendrisio oder Muttenz lässt sich von den Er fahrungen lernen und etwas bewegen. Les villes et les communes fonctionnent différemment. Il n’existe pas de recette miracle en matière d’espace pu blic mais on trouve partout des ingrédients et des possi bilités. La pandémie l’a montré: là où il y a une volonté, il y a une voie pour le changement. Les idées et concepts des grandes villes sont adaptables à une échelle plus réduite. À Montreux, Mendrisio comme à Muttenz, on peut aussi ti rer des leçons des expériences et faire évoluer les choses. Città e Comuni funzionano in maniera diversa. Riguardo allo spazio pubblico non esistono ricette vincenti, ma dap pertutto vi sono ingredienti e opportunità. La pandemia lo ha dimostrato: dove c’è la volontà, è possibile aprire la stra da verso il cambiamento. Le idee e i concetti elaborati per le grandi città sono adattabili ai contesti più piccoli; anche a Montreux, Mendrisio o Muttenz è dunque possibile fare tesoro delle esperienze altrui e cambiare qualcosa. ●

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Vom Lockdown zum befreiten Denken

Ob in Lugano, Lausanne oder Luzern: Die Pandemie hat im öffentlichen urbanen Raum der Schweiz zahlreiche Interventionen ausgelöst. Dieses Themenheft fasst die wichtigsten Ansätze und Veränderungen zusammen. Ent scheidungsträger in den Städten sowie unabhängige Expertinnen und Experten ziehen Bilanz und blicken in die Zukunft.

Du confinement à la pensée libérée

Que ce soit à Lugano, Lausanne ou Lucerne, la pandémie a donné lieu à de nombreuses interventions dans l’espace public urbain de Suisse. Ce cahier thématique résume les principales approches et évolutions en la ma tière. Les décisionnaires des villes mais aussi d’autres spécialistes tirent le bilan et ouvrent des perspectives d’avenir.

Dal lockdown al pensiero liberato

Non importa se a Lugano, Losanna o Lucerna: la pandemia ha reso necessari numerosi interventi nello spazio pubblico urbano svizzero. Il presente quaderno tematico ne riassume i principali approcci ed i cambiamenti. I responsabili dell’amministrazione pubblica ed esperte ed esperti indipendenti fanno un bilancio della situazione guardando al futuro.

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