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Johann Steiner, Doina Magheţi

Die Gräber schweigen Berichte von der blutigsten Grenze Europas

Verlag Gilde & Köster Troisdorf 2008


Johann Steiner (Herausgeber) Doina Magheţi (Mitherausgeber)

Die Gräber schweigen Berichte von der blutigsten Grenze Europas ISBN:

978-3-00-024991-4

Copyright:

Verlag Gilde & Köster 2008

Umschlaggestaltung: Georg Schmidt unter Verwendung eines Fotos von Michael Vastag Graphik/Landkarte: Georg Schmidt Lektorat:

Waltraud Steiner

Layout:

Georg Schmidt

Gesamtherstellung: Druckerei Schobert, Nürnberg Inhaber: Gerhard Adam Bulmannstraße 32, 90459 Nürnberg, Telefon: +49-(0)911-440669 E-Mail: info@schobert-druckde Vertrieb:

Verlag Gilde & Köster GbR Am Wassergraben 2

53842 Troisdorf Tel.: 0175-6094431, 02246/168655, 02246-2166 Internet: www.verlag-gilde-und-koester.de E-Mail: verlaggilde@web.de


Inhalt Vorwort ....................................................................................................

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Die blutigste Grenze Europas .................................................................. 11 Der lange Treck ....................................................................................... 50 Fluchtende im Vernichtungslager ............................................................ 58 Der slowakische Fluchthelfer .................................................................. 63 Ein zukünftiger Handball-Star auf der Flucht .......................................... 67 Unbeschreibliche Freude ......................................................................... 77 Den Grenzern bei Nacht entwischt .......................................................... 80 Wiedersehen in Rastatt ............................................................................ 83 Ungarische Geistliche als Fluchthelfer .................................................... 84 Über Nordafrika nach Indochina ............................................................. 87 Am Tag, als der Staatschef kam .............................................................. 99 Mit Trecker und Anhänger nach Serbien ................................................. 100 Audienz beim Staatschef ......................................................................... 103 Von zwei Spürhunden vor Triest gestellt ................................................ 108 Als Taucher die Temesch hinab .............................................................. 119 Zu acht Jahren verurteilt, nach Monaten frei ........................................... 127 Mit dem Autozug in Richtung Türkei ..................................................... 128 Das Versteck unter dem Bus .................................................................... 135 Mit falschem Pass nach West-Berlin ....................................................... 148 Ohne Visum nach Österreich ................................................................... 149 Neun Jahre lang auf die Familie gewartet ............................................... 152 Den Kopf sollt ihr treffen ........................................................................ 153 Kleinrumänien im Gefängnis von Marburg ............................................. 157 Todeskampf am Donaudurchbruch .......................................................... 162 In den Fängen der Securitate ................................................................... 165

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Durch Reisfelder in die Freiheit .............................................................. 209 Zwei Jahre für einen Blick auf die Adria ................................................. 211 Eine Flucht wie ein Kinderspiel .............................................................. 216 Der Wolf im Schafpelz ............................................................................ 219 Zehn lange Tage von Hatzfeld nach Sankt Oswald ................................. 223 Als Minderjähriger in die Freiheit ........................................................... 227 Mit Schwester und Frau über die Grenze spaziert ................................... 230 Im schaukelnden Boot über die Donau .................................................... 232 Im Stich gelassen ..................................................................................... 242 Flüchtlinge aus der Sowjetunion ............................................................. 245 Zwei Schnäpse als Muntermacher ........................................................... 247 Mit der Zange die Barthaare einzeln ausgerupft ...................................... 249 Nach Jahren der Demütigung in die Freiheit ........................................... 253 Im Kugelhagel nach Serbien .................................................................... 256 Vom Grenzgänger zum Demonstranten .................................................. 257 Von Slowenien nach Kärnten abgeschoben ............................................. 260 Folterknechte und Provokateure .............................................................. 265 Der Hinrichtung knapp entgangen ........................................................... 266 Mit dem Pfarrer vom Kirchweihball über die Grenze ............................. 268 Familientreffen vor dem Stacheldraht ..................................................... 272 Neun in einem Pkw .................................................................................. 289 20 Jahre auf der Suche nach einem Schlupfloch in die Freiheit .............. 291 Der Fluchthelfer von Possessena ............................................................. 297 Hinrichtung an der Grenze ....................................................................... 303 Hast schon gehört? ................................................................................... 306 Ein Schafhirt als Schleuser ...................................................................... 310 Der Fluchthelfer begeht Verrat ................................................................ 311 Mit der Luftmatratze über die Donau ...................................................... 312

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Bei der Einreise verhaftet ........................................................................ 321 Mit dem gepanzerten Geländewagen in die Freiheit ............................... 324 Geheimdienst-Mitarbeiter als Schlepper ................................................. 329 Der freundliche Fluchthelfer .................................................................... 332 Soldaten lassen die Hunde los ................................................................. 366 Der Theiß entlang nach Serbien .............................................................. 371 Mit der Temesch in die Freiheit geschwommen ...................................... 376 Eine Reise gen Westen ............................................................................ 381 Glück gepaart mit Pech ............................................................................ 386 Zigeuner-König auf verbotenen Pfaden ................................................... 387 Leichen verstopften die Schleusen .......................................................... 389 Kopfschuss ............................................................................................... 391 Den Sohn im Sarg abgeholt ..................................................................... 393 An der Grenze verscharrt ......................................................................... 395 Gerichtsmediziner schneiden die Einschüsse heraus ............................... 397 Eine rechteckige Kiste für den Landesmeister im Ringen ....................... 398 Erfolg im zweiten Anlauf ........................................................................ 400 Schüsse am Neusiedler See ..................................................................... 403 Elf in einem Müllwagen ............................................................................................ 406 Schlupfloch Karatschi ................................................................................................ 409 Den Grenzsoldaten eingesperrt ................................................................................. 412 Ein großzügiger Grenzoffizier .................................................................................. 415 Die Freiheit zum Preis eines Autos ......................................................... 419 Tragödie mit zwei Toten .......................................................................... 425 Die Prügelorgie dauert eine Nacht ............................................................................ 429 Nach sieben Jahren die Flucht wiederholt ............................................................... 432 Beichte in der Szent-István-Basilika ........................................................................ 435 Die Angst ging mit ..................................................................................................... 441

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Mit dem Flugzeug von Budapest nach Frankfurt ................................................... 443 Durch den Jauchegraben in die freie Welt ............................................................... 445 Dem Schleuser bleibt die vierte Abschiebung erspart ............................................ 447 Vier in einem Schlauchboot ...................................................................................... 449 Ich habe den Ekel nicht mehr ertragen ..................................................................... 451 Bibliographie ............................................................................................................... 455 Geographische Namen ............................................................................... 457

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Vorwort Es gibt keinen Friedhof am serbischen Donauufer, auf dem nicht rumänische Staatsbürger bestattet sind. Es sind Grenzgänger, die in der Zeit des Kommunismus auf der Flucht aus Rumänien ums Leben gekommen sind. Sie sind entweder ertrunken, oder aber haben rumänische Grenzer sie ertränkt, erschossen oder mit Schnellbooten absichtlich überfahren. Manch einer von ihnen hat im Winter das serbische Ufer schwimmend erreicht und ist erfroren. Ein serbischer Grenzer begrüßt eines Tages einen Siebenbürger Sachsen nach dem Durchschwimmen der Donau mit den Worten: „Ihr Rumänen seid verrückt. Geht und schaut euch einmal auf den Friedhöfen um, wie viele Tote dort begraben sind.“ Ein Beispiel ist der Friedhof von Novi Sip, ein Ort im Nationalpark Eisernes Tor, der nach dem Bau der Staumauer am Durchbruch der Donau durch die Karpaten in den 1970er Jahren neu angelegt worden ist. Bei einem Besuch Anfang 1990 habe ich an den Gräbern jener rund 35 Männer gestanden, deren Leichen im Laufe von 19 Jahren ans serbische Ufer bei Novi Sip geschwemmt worden sind. Sie hatten die Freiheit gesucht, doch sie sind ums Leben gekommen. Kein Pfarrer und kein Angehöriger hat am Grab dieser Unbekannten gestanden. Wie viele tote Grenzgänger auf dem Friedhof des in den Fluten des Stausees am Eisernen Tor untergegangenen alten Sip begraben sind, weiß keiner. Die Toten von Novi Sip sind Opfer der gestürzten kommunistischen Diktatur in Rumänien. Identifiziert werden sie wohl nie. Fotografiert wurden die Leichen nicht - und die Gräber schweigen. Auch auf der rumänischen Seite liegen tote Grenzgänger begraben, und zwar auf dem Orschowaer Friedhof auf der Sternwaldwiese. Die Kreuze mit der Aufschrift „Unbekannt“ sind inzwischen verschwunden, die kleine Schlucht, in der die Ermordeten liegen, ist mit Müll verfüllt worden. Für die geknechteten Rumänen war Jugoslawien das Tor zur Freiheit - oder zur Hölle. Wer serbischen Boden betreten hat, war noch lange nicht frei. Tausende haben die Sperranlagen überwunden, Tausende sind über die Donau geschwommen oder gerudert: Rumänen, Ungarn, Deutsche, Zigeuner oder Serben. Viele von ihnen leben längst als freie Menschen im Westen. Aber für einen Großteil wurde das Freiheitstor zur Todesfalle. Die Serben haben auch Tausende von Flüchtlingen entsprechend einer bilateralen Vereinbarung an Rumänien ausgeliefert. Für sie hat die Hölle an der Grenze mit Prügel und Folter begonnen. Die in den Orten an der Donau Bestatteten sind nur ein Teil der Opfer an der rumänischen Westgrenze. An der grünen Grenze haben ebenfalls viele ihr Leben verloren. Manch einer von ihnen soll direkt an der Grenze verscharrt worden sein.

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Was an der innerdeutschen Grenze geschehen ist, dürfte weitgehend geklärt sein. Wie die private Initiative „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ ermittelt hat, sind von 1946 bis 1989 an der Grenze 1008 Personen ums Leben gekommen. Dazu zählen auch Unfälle und Selbstmorde, ferner Todesfälle, wenn die Flucht über ein anderes Land wie beispielsweise Rumänien oder Bulgarien erfolgen sollte. 270 Personen sind durch Gewalteinwirkung an der Berliner Mauer getötet worden. Die innerdeutsche Grenze galt als die gefährlichste überhaupt, weil sie die am besten gesicherte im kommunistischen Lager war. Mehr als 1000 Tote - das ist eine hohe Zahl. Die rumänische Westgrenze war nach der innerdeutschen die wohl am besten bewachte im Ostblock: vor allem der Abschnitt im Südwesten zu Jugoslawien. Dort haben besonders viele die Flucht gewagt, weil sie ab Mitte der 1950er Jahre nicht mehr vermint war und Selbstschussanlagen fehlten. Wie viele Tote es dort gegeben hat, ist unbekannt, vielleicht sogar mehr als an der innerdeutschen Grenze. Über dieses dunkle Kapitel der kommunistischen Vergangenheit in Rumänien ist hingegen wenig veröffentlicht worden. Dazu gehört das viersprachige Buch „Die Grenze“ der Temeswarer Schriftstellerin und Journalistin Doina Magheţi, Mitherausgeberin dieses Buches, die sich mit dem Thema seit dem Fall des Kommunismus in Rumänien beschäftigt. Eigene Erlebnisse, einschließlich Foltermethoden, schildert der aus dem Banater Wiesenhaid stammende Journalist und Schriftsteller Siegfried Chambre in seinem autobiographischen Roman „Auf und davon oder Der Traum vom Roten Flugzeug“. Wie auch Unschuldige zu Grenzgängern gestempelt werden und was sie in Gefängnissen erwartet, beschreibt der aus Großkomlosch stammende Journalist und Schriftsteller William Totok in seinem Buch „Die Zwänge der Erinnerung. Aufzeichnungen aus Rumänien“. Über seine Flucht aus Rumänien berichtet Ludwig Höcher aus Dognatschka im Banater Bergland in dem Band „Seitenwechsel mit Schicksalskorrekturen. Die seltsamen und abenteuerlichen Erlebnisse in einer bewegten Zeit des 20. Jahrhunderts“. Der Kronstädter Karl-Rudolf Brandsch beschreibt seinen Fluchtversuch ebenfalls in einem Buch. Gegenwärtig verarbeitet der Temeswarer Schriftsteller Daniel Vighi seine Erfahrungen literarisch, die er binnen weniger Wochen während seiner Studentenzeit Mitte der 1970er Jahre an der grünen Grenze gesammelt hat. Es gibt bisher lediglich eine veröffentlichte Statistik über illegale Grenzübertritte in der Zeit des Kommunismus. Sie ist zu finden in einem Referat, das Doina Magheţi für die Gesellschaft für Bürgerrechte von Marmarosch-Siget verfasst hat. Die Statistik stützt sich auf Zahlen, die ihr offiziell zur Verfügung gestellt wurden. Den Angaben zufolge sollen binnen zehn Jahren, von 1980 bis 1989 rund 16000 rumänische Staatsbürger versucht haben, über die Westgrenze zu fliehen, davon sollen rund 12000 gefasst worden sein. Nach intensiven dokumentarischen Untersuchungen hat Dr. Stelian Mândruţ,

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Hauptmitarbeiter am Institut für Geschichte in Klausenburg, nur die Beiträge von Doina Magheţi in der historischen Bibliographie Rumäniens nach 1989 gefunden. Mândruţ hat in zweiwöchiger intensiver Recherche für dieses Buch eine Liste mit den Namen von mehr als hundert Geflüchteten zusammengestellt. Sie sind Sammelbuch-Enzyklopädien entnommen. Dazu gehört die Publikationsreihe „Wo sind die, die nicht mehr sind? Katalog der in kommunistischen Gefängnissen Ermordeten“, in der die Namen der Opfer alphabetisch genannt werden, ferner die inzwischen bis zum Buchstaben R gewachsene Reihe „Die Opfer des kommunistischen Terrors“ von Cicerone Ioniţoiu. Es ist fast nichts über Mord und Totschlag an der rumänischen Westgrenze dokumentiert: Grenzsoldaten und ihre Vorgesetzen führten den Schussbefehl gnadenlos aus; sie prügelten die gestellten Grenzgänger mit Gewehrkolben und Gummiknüppeln, manchmal auch bis zum Tod. Es war Methode, nicht die klügsten unter den Soldaten einzusetzen an der 994 Kilometer langen Westgrenze - 448 Kilometer zu Ungarn und 546 zu Serbien, davon 290 Kilometer Donauverlauf. Diese Gräueltaten der Grenztruppen, die dem Geheimdienst Securitate unterstellt waren, sind auch deshalb weitgehend unbekannt, weil Rumänien zum Unterschied von der DDR ausschließlich von kommunistischen Staaten umgeben war. Selbst im etwas liberaleren Jugoslawien hatte die Presse unter Tito Rücksicht auf die Nachbarn und ihre Befindlichkeiten zu nehmen. Über Mord und Totschlag an dieser Grenze konnte kaum einer berichten. Heute, 17 Jahre nach dem Sturz Ceauşescus, sind die Archive in Rumänien noch immer für Recherchen dieser Art unzugänglich. Das hat im Sommer 2007 die Societatea Timişoara (Gesellschaft Timişoara) erfahren, die sich vorgenommen hat, die Schandtaten des Kommunismus aufzudecken und die dafür Verantwortlichen anzuzeigen und anzuklagen. Im Frühjahr 2007 hat sie begonnen, in den Archiven des Geheimdienstes Securitate und der Militärstaatsanwaltschaft Beweise zu suchen für diese Verbrechen, die bis zum Sturz Ceauşescus im Jahr 1989 im Grenzabschnitt Hatzfeld begangen worden sind. Bis zum Herbst 2007 sollten Ergebnisse vorliegen. Das Vorhaben ist gescheitert. „Die Ergebnisse unserer Nachforschungen sind regelrecht entmutigend“, schreibt der Vizepräsident der Societatea Timişoara, Doru Botoiu. Er nennt die Gründe: Die Archive sind verstreut, ein guter Teil der Unterlagen wurde zerstört, sogar legal, und zwar wegen angeblichen Raummangels in den Archiven. Die Taten sind nach 15 Jahren verjährt. Die Informationsquellen sind uneinsehbar; Behörden verhindern Nachforschungen auf verschiedene Weise. Doch das Überraschende ist, dass fast keines der Opfer über sein Schicksal sprechen will. Die Ursachen sind vielfältig und komplex, aber die Hauptursache ist ihr Überdruss. Die meisten wollen ganz einfach vergessen. Ich selbst habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Doch ich hatte es anscheinend leichter mit mei-

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nen Recherchen, weil meine Gesprächspartner in Deutschland leben. Weil über Flucht, Schießbefehl, Folter, Totschlag und Mord an der rumänischen Grenze sehr wenig erschienen ist, stellt dieses Buch den Versuch dar, ein wenig Licht in all das zu bringen, was an der gutbewachten Westgrenze Rumäniens in der Zeit des Kommunismus geschehen ist. Es kommen Leute zu Wort, denen die Flucht gelungen ist, aber auch Geschlagene, Gefolterte und Erniedrigte. Inzwischen muss bezweifelt werden, dass jemals annähernd aufgeklärt werden kann, was an Grausamkeiten an der Grenze und danach in den Gefängnissen geschehen ist. Manche, die sich in diesem Buch zu Wort melden, haben ihre Erlebnisse selbst verfasst, andere haben lieber erzählt und das Niederschreiben mir oder anderen überlassen. Aus Rumänien stammende oder dort lebende Journalisten haben einige Beiträge zur Veröffentlichung bereitgestellt und mir mit Rat zur Seite gestanden. Den Kollegen Luzian Geier, Hans Fink, Cristian Ştefănescu, Franz Remmel und Michael Vastag sei Dank gesagt. Danken möchte ich auch den Historikern Stelian Mândruţ und Josef Wolf für ihre Unterstützung, ferner Georg Schmidt für seinen selbstlosen Einsatz bei der Gestaltung des Buches. Johann Steiner Juni 2008

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Einleitung Die blutigste Grenze Europas „Eine Gebirgskette, mitten durchbrochen vom Gipfel bis zum Fuß, auf einer Strecke von vier Meilen. Die beiden Seiten bilden hohe, gerade Felswände, von sechshundert bis dreitausend Fuß aufsteigend, und dazwischen der Riesenstrom der alten Welt, der Ister, die Donau.“ So beschreibt der ungarische Schriftsteller Mor Jókai in seinem Roman „Ein Goldmensch“ eine Landschaft, die in Europa ihresgleichen sucht. Die wenigen Über- und Untertreibungen am Anfang des Romans gehen aufs Konto dichterischer Freiheit, denn tatsächlich gibt es keine 3000 Fuß hohen Felswände am Strom, der höchste Berg an der Donauenge misst 768 Meter, dafür aber ist das Ausgedient haben die Wachtürme der Grenzer am Eisernen Tor. Foto: Hans Wersching gewaltige Tal nicht vier Meilen lang, sondern volle 120 Kilometer. Seit Jahrtausenden beflügelt diese grandiose Landschaft, die Schauplatz des Kampfes der Urgewalten Wasser gegen Fels ist, die Phantasie der Völker des südosteuropäischen Raums: von den Griechen der Antike bis zu den Ungarn, Rumänen, Deutschen und Serben. Schon Jasons Argonauten bauen ihr Schiff so, dass sie es in langen Fußmärschen auf den Schultern tragen können, weil sie auf der Suche nach der legendären Durchfahrt vom Schwarzen Meer durch die Donau zur Adria ihre treue Argo vor dem Zerschellen an den unpassierbaren Klippen des Eisernen Tors bewahren wollen. An der schmalsten Stelle ist der große Strom auch nach dem Bau eines Wasserkraftwerks noch immer keine 200 Meter breit. Hier, wo die Donau die Karpaten durchbricht, soll auch Hunnenkönig Attila begraben sein. Hier wurden nach Attila noch viele Grabhügel aufgeworfen - über Schuldbeladenen, aber bei weitem mehr über Unschuldigen. Am Donaudurchbruch, wo noch Reste einer

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römischen Brücke vom Ende des ersten Jahrhunderts zu sehen sind, ist stets viel Blut geflossen, sowohl bei den Eroberungszügen der Römer als auch bei denen der Türken. Auch in jüngster Vergangenheit, mitten im Frieden, haben sich sowohl hier als auch an der grünen Grenze zu Serbien dramatische Szenen abgespielt. Hier hat es Mord und Totschlag gegeben, denn es ist nicht allein beim Vollzug des Schießbefehls geblieben. An der Westgrenze Rumäniens hat es während der kommunistischen Diktatur wahrscheinlich mehr Tote gegeben als an der innerdeutschen. Nach einem übereinstimmenden Bericht der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt und des katholischen Hilfswerks Kirche in Not/Ostpriesterhilfe in München von Ende Dezember 1988 hat sich die Grenze zwischen Jugoslawien und Rumänien damals zur blutigsten Europas entwickelt. Allein 1988 seien an dieser Grenze mindestens 400 Flüchtlinge aus Rumänien erschossen worden. Zusätzlich gebe es eine große Dunkelziffer, die in der Donau ertrunken seien. Am jugoslawischen Donau-Ufer gebe es außerdem zahlreiche Gräber unbekannter Flüchtlinge, die offenbar bei Fluchtversuchen getötet und am Ufer angeschwemmt worden seien. Bei illegalen Grenzübertritten machten die rumänischen Grenzwächter ohne Warnung von der Schusswaffe Gebrauch. Außerdem setzen die Grenztruppen Bluthunde ein, die den Flüchtlingen häufig schwere Bisswunden zufügen. Auch an der Grenze zu Ungarn ist 1988 nach Angaben des Hilfswerks Kirche in Not/Ostpriesterhilfe die Zahl der Soldaten und Spürhunde erhöht worden. Denn seit Ungarn keine Flüchtlinge mehr an Rumänien ausliefert, habe ein Massenexodus eingesetzt. Über die Lage an der rumänischen Grenze berichtet die Niedersächsische Zeitung am 30. Dezember 1988: „Die in München ansässige Kirche in Not/ Ostpriesterhilfe berichtete gestern, die Leichen an der rumänischen Grenze erschossener Flüchtlinge seien oft tagelang zur Abschreckung liegengelassen worden. Die Kirche in Not beruft sich auf drei 15-jährige Jungen, denen kürzlich die Flucht über die rumänische Grenze nach Ungarn gelungen sei. Viele Flüchtlinge nützten den frühen Winter zur Flucht über die Grenze nach Ungarn. Sie hüllten sich in Bettlaken und kämen so sicherer über die schneebedeckten Felder“. Nach einem Bericht der ungarischen Zeitung Magyar Hirlap haben 290 rumänische Staatsbürger 1988 versucht, durch Ungarn nach Österreich zu gelangen. Rund 4000 haben 1988 illegal die Grenze von Rumänien nach Ungarn überschritten. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 20. Dezember 1988 berichtet, haben 1988 rund 12 500 rumänische Staatsbürger, meistens Angehörige der ungarischen Minderheit in Rumänien, zeitweilige Aufenthaltsgenehmigungen in Ungarn erhalten. In einem weiteren Bericht derselben Zeitung vom 13. September 1988 heißt

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es: „Obwohl immer noch viele Angehörige der ungarischen Minderheit Rumäniens ihr Heil in der Flucht suchen und dabei ihr Leben riskieren, lässt der Ansturm rumänischer Flüchtlinge auf ungarische Gemeinden nach.“ Das katholische Hilfswerk Kirche in Not/Ostpriesterhilfe führt diese Entwicklung auf wachsende Brutalität zurück, mit der die rumänischen Behörden gegen Flüchtende vorgingen. Es werde alles getan, um Flucht zu vereiteln: Bauern im Grenzgebiet dürften keine Heuhaufen zum Trocknen auf den Weiden lassen; Hütten, die bisher Hirten als Unterstand dienten, seien abgerissen, Spezialkommandos der Polizei aus dem Landesinnern in rumänische Grenzdörfer kommandiert, die Grenzsoldaten durch Spürhund-Patrouillen verstärkt worden. Für die Einreise in grenznahe Dörfer werde eine Sondergenehmigung benötigt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schildert in ihrem Bericht einen Grenzzwischenfall von besonderer Brutalität. Wie Augenzeugen berichteten, haben elf Schülerinnen aus Großwardein bei Valea lui Mihai einen Fluchtversuch gewagt, weil ihnen nach bestandenem Abitur als Angehörige der ungarischen Minderheit die Möglichkeit zum Studium verwehrt worden sei und sie die Schikanen der Behörden nicht mehr ertragen wollten. Grenzsoldaten hätten den Mädchen die Kleider vom Leib gerissen, sie vergewaltigt und anschließend ausgepeitscht. Nachdem die Opfer ins Krankenhaus von Großwardein eingeliefert worden waren, habe sich die Nachricht über das Verbrechen verbreitet. Aufgebrachte Bürger seien losgezogen, um die Soldaten zu steinigen; sie seien allerdings angesichts der Übermacht der Militärs entmutigt umgekehrt. Die Untaten der rumänischen Grenztruppen sind heute noch weitgehend unbekannt, denn wer hätte darüber berichten sollen, war doch Rumänien zum Unterschied zur DDR ausschließlich von kommunistischen Staaten umgeben. Selbst im etwas liberaleren Jugoslawien musste die Presse unter Tito Rücksicht auf die Nachbarn und ihre Befindlichkeiten nehmen. Hier gab es keine Westjournalisten mit der Kamera, um Soldaten bei der „Wache fürs Vaterland“ zu beobachten und ihre Taten festzuhalten. Bis heute, 17 Jahre nach dem Sturz Ceauşescus, ist dieses dunkle Kapitel der rumänischen Geschichte nicht aufgehellt. Die Archive sind noch immer für jede Recherche unzugänglich. Das hat im Sommer 2007 die Societatea Timişoara, Gesellschaft Timişoara, erfahren, die sich das Ziel gesetzt hat, die Schandtaten des Kommunismus aufzudecken und die dafür Verantwortlichen anzuzeigen und anzuklagen. Es habe überhaupt keinen Zweck, fortzufahren, sagt der Vizepräsident der Gesellschaft, Doru Botoiu. Der Sommer 2007 habe lediglich viel Arbeit, Stress und Erniedrig gebracht. Schon vor der Societatea Timişoara haben andere versucht, in die Archive zu gelangen. Sie haben die gleichen Erfahrungen gemacht. Zu ihnen gehört auch die Mitherausgeberin dieses Buches, die Temeswarer Journalistin und Schriftstellerin Doina Magheţi, die Informationen für ein Referat sammeln wollte, das

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sie auf einem im Juni 1995 veranstalteten Symposion der Gesellschaft für Bürgerrechte in Marmarosch-Siget mit dem Thema „Die Einsetzung des Kommunismus - zwischen Widerstand und Unterdrückung“ gehalten hat. Sie hat ihren Beitrag überschrieben: „Wie und wie oft an den Grenzen des kommunistischen Rumänien gestorben wurde“. Doch eine Antwort darauf konnte sie nicht geben. Sie nennt dieselben Gründe wie Doru Botoiu. Die Westgrenze Rumäniens sei in der Zeit den Kommunismus ein Gemisch aus Faszination und Schrecken gewesen: „Sie war eine Schranke vor dem Paradies oder vor dem Reich der Toten“. Für ihren Beitrag wird Doina Magheţi ein Auszug aus einem vermutlich unter Verschluss gehaltenen Bericht des Geheimdienstes zur Verfügung gestellt, in dem ganze Absätze unkenntlich gemacht sind. Der Bericht bezieht sich auf die Jahre 1980 bis 1989 und enthält Daten von Grenzgängern, die erschossen oder verletzt worden sind. Von der Brigade Temeswar der Grenztruppen ist der Autorin mitgeteilt worden, dass in dem ihr bereitgestellten Bericht die Namen von implizierten Soldaten geschwärzt worden sind. Sie dürften nicht bekannt gegeben werden, weil die Grenzer unschuldig seien und lediglich Befehle ausgeführt hätten. Alle Fälle seien inzwischen gelöst; die Soldaten, mit einer Ausnahme, stünden nicht mehr unter Verdacht, denn sie hätten entsprechend dem Dekret 367 vom 18. Oktober 1971 gehandelt, das den immer noch geltenden Schießbefehl regelt (1995, Anmerkung des Herausgebers). Jeder abgegebene Schuss während des Dienstes sei gerechtfertigt und in Untersuchungen protokolliert worden. Die Zahl der eingesetzten Wachsoldaten sei sehr groß gewesen, so dass keine Untat hätte verschwiegen werden können. Dafür hätten auch die Gegeninformanten des Geheimdienstes Securitate gesorgt. Zusagen des Sprechers der Militärstaatsanwaltschaft, Oberstleutnant Ilie Mariş, und des Oberstaatsanwalts Oberst Petre Izdrescu, sie wollten sich in Bukarest dafür einsetzen, die Unterlagen der Militärstaatsanwaltschaft Temeswar zur Einsicht freizugeben, seien nicht eingehalten worden. Die Akten seien weiterhin unter Verschluss. Doina Magheţi nennt die Namen von zwölf Grenzgängern, die von 1983 bis 1989 an der serbischen Grenze erschossen worden sind. Unter ihnen ist auch der von Gheorghe Leonte, der am 29. Mai 1987 bei Altbeba sein Leben verloren hat. Der Fall hat auch in der Westpresse Schlagzeilen gemacht, aber nur deshalb, weil Ungarn protestiert und ihn publik gemacht hat. Ein berittener rumänischer Grenzsoldat habe auf Befehl seiner Vorgesetzen die Grenze überschritten, um den Flüchtling, der sich mit einer Heugabel zur Wehr gesetzt hat, auf ungarischem Hoheitsgebiet zu erschießen. Der Soldat gehört zu den wenigen Verurteilten. Doch das Urteil ist nicht wegen der todbringenden Schüsse ergangen, sondern weil sie auf ungarischem Territorium abgegeben worden sind. Derselben Informationsquelle entnimmt Doina Magheţi die Namen von acht Soldaten, die wegen übertriebenen Schusswaffengebrauchs verurteilt worden sind.

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Es steht fest, stellt die Autorin klar, den Schießbefehl an der Grenze hat es gegeben, und er wurde ausgeführt, aber es haben auch viele Zivilisten ihr Leben verloren. Wo bleibt da die Justiz, fragt sie. 1941: Die erste Fluchtwelle Meyers Großes Taschenlexikon umschreibt Flucht als Ausweichen vor einer drohenden Gefahr durch schnellen Ortswechsel. Menschen fliehen vor Feuer, Wasser oder Krieg. Aber sie flüchten auch vor totalitären Regimen, die sie mit Kerker, Folter oder sogar mit dem Tod, mit der Vernichtung im Lager bedrohen. Die großen Fluchtbewegungen des 20. Jahrhunderts setzen schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein. Die erste Fluchtwelle aus Rumänien in Richtung Westen beginnt 1941. Stalin erhält nach Absprachen mit dem Deutschen Reich das Buchenland und Bessarabien. 1812 tritt das Osmanische Reich Bessarabien an Russland ab. Nach dem Ersten Weltkrieg wird das damals hauptsächlich von Rumänen bewohnte Gebiet Rumänien zugesprochen. Wer von den Bessarabiern Stalin fürchtet, geht 1941 nach Rumänien, aber auch nach Deutschland. Die Grenzgänger werden über das ganze Land verteilt. 1942 besetzt Rumänien diese Territorien, 1944 marschieren Stalins Truppen wieder ein. Eine neue Fluchtwelle aus dem Buchenland und Bessarabien ist die Folge. 1941 wurden Mazedo-Rumänen aus dem Pindosgebirge in Bulgarien nach Bessarbien und ins Buchenland umgesiedelt. Auch sie werden vor den Sowjets nach Rumänien flüchten. Zar Alexander I. hatte Anfang des 19. Jahrhunderts in Bessarabien, das sich zwischen den Flüssen Dnjestr, Pruth und Donau nördlich des Schwarzen Meeres ausdehnt, deutsche Kolonisten angesiedelt: Ulmer Schiffsleute bringen im Jahr 1817 mehr als 5500 Siedler donauabwärts in diese Region. Im Zweiten Weltkrieg lässt Hitler nach Absprache mit Stalin die 92 000 BessarabienDeutsche „heim ins Reich“ holen. Die beschönigende Bezeichnung verbirgt, dass es sich bei der Umsiedlung der Schwarzmeer- und Bessarbien-Deutschen um ein Exempel für ethnische Vertreibung und Säuberung handelt. Auch die Eltern des jetzigen Bundespräsidenten Horst Köhler stammen beispielsweise aus Bessarabien. Auch seine Familie hat damals ihre Heimat aufgegeben. 1944 holt die Geschichte auch die anderen Deutschen in Rumänien ein. Im Sommer und Herbst 1944 flüchten nicht nur Rumänen, sondern auch viele der rund 500 000 Deutschen aus Rumänien, die im Banat, in Siebenbürgen und im Sathmarer Land zu Hause sind, ferner viele aus Jugoslawien und Ungarn im Schutz der Deutschen Wehrmacht vor der nahenden Sowjetarmee in Richtung Westen. Bei Kriegsende sind an die 100 000 Volksdeutsche aus Rumänien auf der Flucht vor der Roten Armee. Unter den Flüchtlingen ist auch der damals erst zwei Jahre alte Hansi Schmidt aus Marienfeld, der später einmal als Handballer

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den VfL Gummersbach weltbekannt machen wird. Viele, die die Flucht nicht wagen, werden es bereuen. Im Januar 1945 verschleppen die Sowjetkommunisten 75 000 Deutsche aus Rumänien in Arbeitslager. Es sind dies Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren und Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren. Auch die arbeitsfähigen Deutschen aus Jugoslawien und Ungarn werden im Dezember 1944 und Januar 1945 in Viehwaggons in die Lager im Donezbecken gebracht. In den Lagern von Stalino und Woroschilowgrad sind nach dem Krieg rund 30 000 volksdeutsche Zivilisten und ebenso viele Kriegsgefangene aus Ungarn interniert. Aus Jugoslawien verschleppen die Sowjets rund 30 000 Frauen und Männer zur Zwangsarbeit. Etwa 15 Prozent der Häftlinge wird den Hungerstod sterben. Wer 1944 auf der Flucht vor den Sowjets, aber auch in den darauffolgenden Jahren in die Hände der Partisanen in Jugoslawien fällt, egal ob Deutscher oder Rumäne, findet meistens in den Vernichtungslagern Titos den Tod, in denen all die Jugoslawien-Deutschen festgehalten werden, denen die Flucht vor dem Einmarsch der Sowjetarmee nicht gelungen ist. Zu den ersten Fluchtopfern, die der Klausenburger Historiker Dr. Stelian Mândruţ in rumänischen Verzeichnissen gefunden hat, gehören Hans Bohn (geboren 1910) und Janni Braun (1904) aus der Banater Gemeinde Billed. Serbische Partisanen haben sie auf der Flucht abgefangen und am 28. Oktober 1944 in Großbetschkerek erschossen. Auch ihnen ist die erste Geschichte in diesem Buch gewidmet unter dem Titel „Der lange Treck“. Ebenso ist es auch Hans (1928) und Karl Brandl (1878) aus Marienfeld, dem Geburtsort des Handball-Stars vom VfL Gummersbach, Hansi Schmidt, ergangen. Partisanen richten Hans Brandl am 9. September 1949 in Mokrin hin, Karl Brandl aber schon am 28. Oktober 1944 in Kikinda. Die serbischen Partisanen töten in Großbetschkerek auch Peter Groß, Hansi Schmidts Onkel. Erschossen werden in serbischen Lagern 1949 auch der Student Octavian Caramaciu aus Bukarest, der Unteroffizier Băncilă, die Künstlerin Felicia Călugăru aus Craiova, deren Mann und Bruder, der Student Ovidiu Horeanu aus Czernowitz, die Studenten Ion Iuga und Liciu, Hauptmann Neagoe oder Negoescu, Emil Raţiu, Lucreţia Timofte und ihr Mann, ferner Vasile Tutoveanu. 1952 verliert der Landwirt Ionică Zgarcea in Werschetz sein Leben. 1953 werden Magda und Ion Totan in einem serbischen Lager hingerichtet. Sie alle gehören zu den Tausenden von Opfern des Tito-Kommunismus. Ihnen ergeht es wie den in Jugoslawien internierten Deutschen, die exekutiert oder als Leihsklaven in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Manch einem von ihnen gelingt die Flucht nach Rumänien oder Ungarn. Das schaffen aber in erster Linie Kinder, denn die halbverhungerten Alten haben meist nicht mehr die Kraft dazu. Wer von ihnen Rumänien erreicht, wird von der LiobaBenediktiner-Schwester Patricia B. Zimmermann und einem eigens von der

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Diözese Temeswar gegründeten Kinderhilfswerk betreut. Das und manches andere ist den neuen Machthabern ein Dorn im Auge. Dafür werden sie Schwester Patricia, die Priorin Dr. Hildegardis Wulff, den Temeswarer Bischof Dr. Augustin Pacha, Schulinspektor Dr. Franz Kräuter und den Domherrn der Temeswarer Diözese, Josef Nischbach, zu langen Kerkerstrafen verurteilen. Alle, außer dem 1954 gestorbenen Bischof Pacha, kommen erst 1959 im Austausch mit rumänischen Spionen nach Deutschland in die Freiheit. Minen und Bunker Bis zur Verminung der grünen Grenze zu Jugoslawien Anfang der 1950er Jahre erschießen die Grenzsoldaten noch viele Flüchtlinge, auch in dem Abschnitt, in dem die Donau die Grenze bildet. Der Historiker Mândruţ hat in rumänischen Veröffentlichungen folgende Opfer ermittelt: Živa Branda, erschossen 1946, Vasile Andrei, erschossen 1947, Ferdinand Anfred aus Orzydorf, erschossen 1947 bei Altbeba, Anton Lechmann, Tamas, Tătunea, Marineleutnant Faustin Carp, alle erschossen 1948, Gheorghe Vasile Barbu, Dominik Erhardt aus Stamora-Morawitz, Tudor Grigorescu, Vasile Jurcă, Tudor Tase, Tutunaru, alle erschossen 1949, Simion Boteanu, Nicolae Cimpoieru, Teodor Crăciun, alle erschossen 1950, Economu, erschossen 1950 zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern, Octavian Cabu und Constantin Dărădan, beide erschossen 1951. Zu jenen, denen die Flucht über Jugoslawien in den Westen gelingt, gehört Professor Dr. Ladis K. D. Kristof aus dem Buchenland. Seinen Heimatort Karapcziu verlässt er im März 1944. Der am 26. November 1918 in Czernowitz geborene Kristof flüchtet am 12. September 1948 aus Rumänien über die Donau bei Turnu Severin, schlägt sich allein durch Europa durch und gelangt ohne Englischkenntnisse 1952 in die USA. Er hat keinen Beruf, weil er für den Kriegsdienst zum rumänischen Militär einberufen worden ist und das Forstwirtschaftsstudium an der Posener Universität abbrechen musste. Der Buchenländer beginnt in Oregon als Waldarbeiter, studiert später Politikwissenschaften an der Universität Chicago, wirkt unter anderem an den Universitäten Columbia, Temple und Stanford. Mit der Ernennung zum Professor an der Portland State Universität im Jahre 1971 erfüllt sich Kristof einen Traum: Er kauft sich eine Farm in der Nähe, wo er seither mit seiner Familie wohnt. Unmittelbar nach Kriegsende ist aber auch ein Gegenstrom zu verzeichnen: Viele kehren aus dem Westen heim nach Rumänien. Sie haben es nicht einfach: Manche verlieren an den inzwischen gut bewachten Grenzen ihr Leben. Am 30. August 1947 erschießen rumänische Grenzer in der Nähe von Tschanad vier Frauen und drei Männer aus dem Banater Dorf Bakowa. Das berichtet Andreas Vincze in dem Heimatbuch „Monographie der Banater Heckengemeinde Bako-

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wa“. Michael Petla (Jahrgang 1902) und Georg Ringler junior (1923) wollen an der Grenze sieben Personen abholen, die aus russischen Lagern nach Deutschland abgeschoben worden waren und jetzt versuchen, schwarz über die Grenze heimzukehren. Ums Leben kommen Petla und Ringler junior, ferner die Heimkehrer Eva Duckhorn (Jahrgang 1926), Maria Fischer (1924), Maria Garandt (1920), Katharina Richter (1921) und Georg Ringler senior (1902). Lediglich Maria Frombach (Jahrgang 1914) und Anna Schönherr (1916) bleiben am Leben. Frombach wird angeschossen und stellt sich tot, Schönherr ist bei den ersten Schüssen ohnmächtig geworden. Die beiden Frauen können sich zunächst in ein Maisfeld und danach nach Tschanad retten, wo der aus Bakowa stammende Priester Josef Petla sie aufnimmt und ihnen anschließend die Heimreise ermöglicht. Dieser „Zwischenfall“ wäre wahrscheinlich nie bekannt geworden, wenn die beiden Frauen nicht überlebt hätten. Die Toten würden möglicherweise noch heute als vermisst gelten. Die Erschossenen wurden in Tschanad beerdigt. Später haben Angehörige von drei Opfern Exhumierungserlaubnisse erhalten. Maria Duckhorn, Maria Fischer und Katharina Richter wurden auf den Friedhof in Bakowa überführt. Wer Ende der 1940er Jahre bei der Heimkehr an der Grenze gestellt wird, kommt ins Gefängnis oder in russische Gefangenschaft. So auch Johann Wagner (geboren 1909) aus Sackelhausen, der im September 1945 mit seiner nach Österreich geflüchteten Familie die Heimreise antritt. Grenzer verhaften ihn bei Curtici, er kommt ins Lager nach Focşani und danach in russische Kriegsgefangenschaft, wo er stirbt. Ein Teil der Internierten kommt in den inzwischen in Rumänien nach sowjetischem Muster geführten Gefängnissen ums Leben. Wie Mathias Reitz in seinem Buch „Sackelhausen. Beiträge zur Geschichte einer deutschen Gemeinde im Banat“ berichtet, wird Johann Rosenauer auf dem Heimweg aus Deutschland im Spätsommer 1948 an der Grenze verhaftet und kommt als politischer Häftling fünf Jahre ins Straflager der Baustelle des nicht verwirklichten Donau-Schwarz-Meer-Kanals. Ähnlich ergeht es dem Sackelhausener Nikolaus Weber, der zu mehreren Jahren Zwangsarbeit verurteilt wird. Denn der kommunistische Terror hat längst eingesetzt. Rumänische Grenzer stellen auch Jakob Mumper (1908-1950) aus Billed bei der Heimkehr. Er stirbt im Gefängnis von Großwardein, und zwar acht Monate nach der Geburt seiner Tochter. Heimkehrer, Verfolgte und Drangsalierte suchen schon bald wieder nach Wegen, Rumänien zu verlassen. 1951 nutzen die rumänischen Kommunisten den Konflikt zwischen dem jugoslawischen Staatschef Tito und Stalin, um 40 320 Personen aus einer 25 bis 40 Kilometer breiten Zone entlang der gesamten Grenze zu Serbien in die Donautiefebene zu verschleppen. Die Deportierten stammen aus 297 Orten, 172 Gemeinden mit 125 eingemeindeten Dörfern aus dem Banat und der südwestlichen Kleinen Walachei. Sie werden auf freiem Feld ausgeladen und müssen 18

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neue Dörfer eigenhändig aufbauen. Knapp ein Viertel der Verschleppten sind Deutsche, die größten Gruppen nach ihnen stellen die Bessarabier mit rund 8 500 und die aus Bulgarien stammenden Mazedo-Rumänen mit rund 3 500 Personen. Verschleppt werden ferner 1 300 fremde Staatsbürger, mehr als 1 000 Tito-Sympathisanten und 650 angebliche Schmuggler und Schleuser. Im engen Zusammenhang mit der Deportation in die Sowjetunion im Januar 1944, der Enteignung 1945 und 1948 sowie der Verbannung in die Donautiefebene 1951 steht die Einrichtung einer Sperrzone entlang der Grenze zu Jugoslawien, in der in den Jahren 1951 bis 1954 eine dreifache, aus Betonbunkern bestehende Verteidigungslinie errichtet wird. Diese Bunker - sie sind so überflüssig wie der Westwall - existieren auch heute noch. Zum Bau dieser Bunker wurden in 15 Häusern der Lothringer Straße in Sackelhausen militärische Spezialeinheiten einquartiert. Diese Grenze ist so gut gesichert, dass eine Überschreitung in den 1950er Jahren mit ganz großen Risiken verbunden, ja fast unmöglich ist. Ein zweieinhalb Meter hoher Stacheldrahtzaun sichert lückenlos die Grenze. Davor ist ein verminter Streifen, dahinter ein mit Rechen geebneter Streifen, auf dem jede Spur zu erkennen ist. Hohe Wachtürme sind derart aufgestellt, dass der bewaffnete Wachposten die Übersicht so weit hat, wie das Blickfeld des nächsten Wachpostens reicht. Die Grenzzone ist etwa 50 Kilometer breit. Nur Einheimische und solche mit einem speziellen Ausweis dürfen sie problemlos betreten. Die Stärke der Grenztruppen, die dem Geheimdienst Securitate direkt unterstellt sind, wird Anfang der 1950er Jahre stetig erhöht. In der 4 000 Einwohner zählenden Gemeinde Marienfeld, die hier stellvertretend für alle an der rumänisch-jugoslawischen Grenze genannt wird, gibt es zwei Grenzstützpunkte, die bis 1947 zur Bataillonstärke aufgerüstet werden. Auf je vier Einwohner entfällt ein Soldat. Das Militär besetzt und belegt große ehemalige Bauernhäuser. Von 21 bis 6 Uhr gilt eine streng bewachte Ausgangssperre. Die Grenze ist mit Stacheldrahtzaun und Minenfeldern gesichert. In Marienfeld hört der Zweite Weltkrieg erst mit dem Fall des Kommunismus 1989 auf. Die ständige Militärpräsenz, der eingeschränkte und stetig bewachte Verkehr bringen Zwänge wie die eines Lagerlebens mit sich. Ein erstes Minenopfer in Marienfeld ist der Landwirt Lenhard Retzler. Eines Tages ackert er zusammen mit anderen Bauern aus Marienfeld in Grenznähe. Weil seine Pferde kräftiger sind als die der anderen Bauern, hat er einen Vorsprung. Der Grenzsoldat befiehlt ihm, anzuhalten, um die anderen aufschließen zu lassen. Als er sich solange zum Rauchen ins Gras setzen will, tritt er auf eine Mine, die ihn zerfetzt. Die Grenze zu Jugoslawien ist zur Todeszone geworden. Arbeiten an der Grenze unterliegen strengen Kontrollen. Nur einen Tag vorher geprüfte Personen sind in der Zwei-Kilometer-Zone zugelassen. Weil dieser Streifen aber einen beachtlichen Teil des Ackerlands ausmacht, gestaltet sich

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die Arbeit auf einigen Tausend Hektar äußerst umständlich. Die Marienfelder fühlen sich kaserniert. Morgens kontrolliert der erste Posten schon am Dorfrand. Für die Soldaten wird das Lesen der genehmigten Listen mit den deutschen Namen zur Schwerarbeit. Haben die Bauern es dennoch irgendwann geschafft, geht es zur Arbeit, stets auf vorher bestimmten Feldwegen. Abends dieselbe Prozedur, nur in umgekehrter Richtung. Gibt es Spuren auf dem geeggten Grenzstreifen, müssen alle Arbeiter sofort den gesamten Grenzabschnitt verlassen, in dem nur niedrige Pflanzen angebaut werden dürfen, um die Sicht der Wachposten auf den Türmen und am Boden nicht zu beeinträchtigen. Die Ausgangssperre zwischen 21 und 6 Uhr ist eine stete Herausforderung für die Jungen im Dorf und wird immer wieder verletzt, trotz zahlreicher Verhaftungen und anschließendem Gewahrsam mit Prügel im Keller der Polizei oder der Grenztruppen. Die Jugendlichen spielen mit den Grenzsoldaten Katz und Maus und bringen beachtliche sportliche Leistungen. Bemerken verspätete Jugendliche hinter einer Straßenecke eine Militärstreife, so springen sie einfach über Gartenzäune, bis die Soldaten außer Sichtweite sind. Nach 1955 bessert sich das Verhältnis zu Jugoslawien. Rumänien beseitigt Schritt für Schritt Minen und Stacheldraht, hebt die Ausgangssperre auf und reduziert die Grenztruppen erheblich. Die Kontrollen an den Einfallstraßen der Grenzorte bleiben jedoch unverändert erhalten. Der Schießbefehl gilt weiter und fordert noch zahlreiche Opfer. Noch Jahrzehnte nach Kriegsende darf in öffentlichen Gebäuden, einschließlich dem Rathaus, keine Karte über die Gemarkung der Gemeinde ausgehängt werden; Fremde könnten sich über den Grenzverlauf informieren. Auch in den späteren Jahren entzieht der Staat den Ortschaften in der Grenzzone Investitionsmittel. Stets sind die ewig wachsamen Grenztruppen beteiligt, wenn es um größere Bauvorhaben oder Menschenansammlungen geht. Dieses Korsett hemmt die strukturelle Entwicklung der Grenzgemeinden. Aber die Leute in Marienfeld oder anderswo an der Grenze begegnen diesem Druck mit ihrem unbeugsamen Willen. Sie umgehen kein Problem, sondern nehmen die Herausforderungen an wie schon Generationen vor ihnen. Mit Durchhaltevermögen, Ausdauer, Wissen und einer guten Arbeitsmoral kommen sie trotz aller Widrigkeiten voran. Die Bürger Marienfelds gewinnen den Kampf im politischen Minenfeld des Ortes täglich durch immer neue Tricks und Improvisationen, aber auch mit der Geheimwaffe des unverwüstlichen Humors. Es ist die Zeit, in der die Bewohner nach zwei Prinzipien leben: Sie sprechen aus, was sie nicht denken, und denken, was sie nicht öffentlich sagen können. Die Verbandsgemeinde Marienfeld grenzt auf 12 Kilometern an Serbien. Trotz zweier Grenzerstützpunke mit vielen Wachtürmen und speziell ausgebildeter Hunde kann dieser Abschnitt nicht vollkommen gesichert werden. Die Beobachtungstürme sind 2,5 Kilometer voneinander entfernt. Nach Einbruch

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der Dunkelheit entfernen sich die Soldaten etwa zwei Kilometer von der Grenze und postieren sich an bestimmten Plätzen entlang einer Zickzack-Linie in Form des Buchstaben W. Sie verfügen über Suchscheinwerfer und Spürhunde. Jeder Grenzerstützpunkt ist für einen Abschnitt von etwa 7,5 Kilometer zuständig. Flüchtende müssen zwischen zwei Posten auf Hochständen durchschleichen. Trotz aller Sicherungen bleibt die Grenze löchrig. Verantwortlich dafür sind auch Offiziere und Unteroffiziere der Grenztruppe, die sich ihren Sold dadurch aufbessern, dass sie Flüchtlinge über die Grenze schleusen. Der Mokriner Weg, der am Grenzerstützpunkt Marienfeld West vorbeiführt, wird zum Fluchtpfad. Einer der Offiziere, der gegen Bezahlung so manchen auf diesem Weg in die Freiheit ziehen lässt, wird entlarvt und als Ausbilder ins benachbarte Valkan versetzt. Aber auch dort verhilft er Menschen in die Freiheit. Dafür verurteilt ihn ein Gericht zu ein paar Monaten Gefängnis. Danach fährt er mit seinem Pkw mit Vollgas über einen Feldweg nach Jugoslawien. Er nimmt drei Frauen mit. Trotz des Schusswaffengebrauchs: Viele Marienfelder schaffen den Grenzübertritt. So auch Rudi, der in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft für den Grünfutternachschub von den Feldern verantwortlich ist. Eines Tages fährt er mit seinem Pferdefuhrwerk durch alle strengen Kontrollen. Ein Soldat, damit betraut, die Arbeiter nur an den gemeldeten Stellen zuzulassen, macht ihn wieder einmal auf die Verhaltensregeln aufmerksam und fragt anschließend, ob er ihm etwas zu lesen mitgebracht habe. Der Soldat wartet auf Sexhefte aus dem Westen. Der Text spielt keine Rolle, denn er spricht kein Deutsch; die abgebildeten Damen reichen ihm. Der Soldat nimmt das Päckchen Hefte in Empfang und setzt sich voller Neugierde in einen Graben. Rudi nimmt die beiden unter Decken versteckten Fahrräder hervor und radelt mit seinem Sohn über die grüne Grenze. Nach kaum 24 Stunden melden die beiden am Telefon, dass die Biermarke, die sie eben bestellt haben, ihren Erwartungen entspreche. Es ist der verabredete Hinweis für die gute Ankunft im Westen.

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Helsinki bringt die Wende Nach der Konferenz für Zusammenarbeit und Frieden in Europa 1975 artet die Flucht aus Rumänien zu einer „Massenbewegung“ aus, obwohl die Sicherheitsmaßnahmen immer schärfer werden. Allein die Zahl der als Spätaussiedler anerkannten Personen, die im Jahr 1989 Rumänien ohne Genehmigung verlassen und in der Bundesrepublik eintreffen, beträgt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 8 287. Sie gehören zu den 23 387 Spätaussiedlern, die im Jahr 1989 in die Bundesrepublik einreisen. Als mit Genehmigung Eingereister gilt, wer Rumänien mit einem gültigen Pass verlässt und im Besitz einer von deutschen Behörden erteilten Registriernummer ist, die gleichbedeutend ist mit der Anerkennung als Volksdeutscher. Die 8 287 aus Rumänien geflüchteten Personen des Jahres 1989 haben mindestens eine Grenze ohne Genehmigung überschritten, viele aber zwei oder mehr. Für die anderen Jahre liegen nach Angaben aus dem Statistischen Bundesamt keine Zahlen der ohne Genehmigung aus Rumänien eingereisten Personen vor. Die deutsche Botschaft in Belgrad verfügt über keine Unterlagen mehr über die Zahl der ausgestellten Ersatzpässe, mit denen die Flüchtlinge nach Deutschland gelangt sind. Die Akten wurden während des letzten Balkankriegs absichtlich von eigenem Botschaftspersonal vernichtet. Die Zahl 8 287 steht im Widerspruch zu einer Statistik, die die Temeswarer Grenzer-Brigade Doina Magheţi zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat. Ihr ist zu entnehmen, dass vom 1. September 1980 bis 30. September 1989 mehr als 16 000 rumänische Staatsbürger Fluchtversuche unternommen haben, wobei für das Jahr 1989 die Monate April, Mai und Juni nicht belegt sind. Von diesen 16 000 ist angeblich rund 4 000 die Flucht gelungen. Im Jahr 1975 sollen 826 Personen die Westgrenze verletzt haben, nur 72 soll die Flucht gelungen sein. Die Zahlen für die Jahre von 1980 bis 1989: 913 Fluchtversuche (584 Festnahmen), 1824 (1313), 1280 (1037), 1071 (662), 1387 (924), 1632 (1240), 1659 (1094), 1920 (1210), 1885 (1225), 2483 (1728). Schon diese Zahlen belegen nach Ansicht von Doina Magheţi, wie verzweifelt die Leute versucht haben, sich aus dem Gefängnis Rumänien zu retten. „Die Erschossenen bleiben aber in den Unterlagen der Archive versteckt, hinter verschlossenen Türen.“ Dass diese Zahlen offensichtlich nicht stimmen, belegt auch ein Zeitungsbericht. Der ungarischen Zeitung Magyar Hirlap zufolge sind 1988 rund 4 000 rumänische Staatsbürger illegal nach Ungarn gelangt. Es muss davon ausgegangen werden, dass die Kommandeure der rumänischen Grenztruppen die Zahlen zu ihren Gunsten geschönt haben, weil sie sich Ärger ersparen wollten. Sie standen unter einem gewaltigen Druck. Sie mussten ständig mit der Angst leben, mit ihren Familien Hunderte von Kilometern an eine andere Grenze versetzt zu werden. Es hat bestimmt auch Situationen gegeben, wo die Spuren der Grenzgänger

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nicht eindeutig gelesen werden konnten, beispielsweise wenn 28 zusammen davongelaufen sind und einen Trampelpfad hinterlassen haben. Die als Aussiedler anerkannten Deutschen sind nur ein geringer Teil der Personen, die die Flucht aus dem kommunistischen Rumänien nach Westen gewagt haben. Wie viele Rumänen, Ungarn, Serben, Zigeuner oder Angehörige anderer Nationalität das Land in der kommunistischen Zeit verlassen haben, müsste ebenfalls in den verschlossenen Archiven ermittelt werden. Nachdem die Societatea Timişoara (Gesellschaft Timişoara) die Recherchen um die Verbrechen an der Westgrenze Rumäniens eingestellt hat, bestehen Zweifel, ob es gelingen wird, Licht in dieses Kapitel zu bringen. Nach Angaben der Gesellschaft sind Unterlagen in verschiedenen Archiven verstreut oder vernichtet worden. Nachforschungen werden behindert, weil einige der für die Gräuel an der Grenze Verantwortlichen, Staatsanwälte und Richter noch immer im Amt sind und sich gegen Nachforschungen stemmen. Opfer sind nicht bereit, auszusagen, manche aus Angst, andere wieder, weil sie sich davon nichts versprechen und alles vergessen wollen.

Teilnehmer am zweiten Grenzgängertreffen im Juni 2007 in Ulm

Aber nicht nur in Rumänien, sondern auch in Deutschland ist der Versuch unternommen worden, etwas zu bewegen. In Ulm haben 2007 zwei Treffen von aus Rumänien Geflüchteten stattgefunden. Sie haben noch kein Konzept über eine mögliche Organisation. Sie nennen sich Grenzgänger und haben jedenfalls Schwester Patricia B. Zimmermann zu ihrer Schutzpatronin erkoren. Denn sie war es, die Flüchtlinge, ob Kinder aus dem jugoslawischen Banat oder Krieggefangene und Heimkehrer aus den Arbeitslagern in Russland, nach 1945 betreut

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und ihnen zur Weiterfahrt in den Westen verholfen hat. Auf dem 12 Kilometer langen Grenzabschnitt der Gemeinde Marienfeld sind nach dem Zweiten Weltkrieg sieben Personen zu Tode gekommen. Allein von 1948 bis 1951 erschießen die Grenzer sechs Bessarabier. In den 1960er Jahren treffen ihre Schüsse den 15 Jahre alten Erwin Habalik nachts nach einer Feier auf dem Heimweg von Albrechtsflor nach Marienfeld tödlich. Die offiziell verbreitete Version: Der Junge habe über die Grenze fliehen wollen. Doch das ist vollkommen unglaubwürdig. Die meisten Flüchtlinge nehmen den Weg über Jugoslawien. Die Grenzer des südwestlichen rumänischen Nachbarn haben ein vergleichsweise lockeres Regime. Tito lässt die meisten seiner Landsleute ins Ausland reisen; sie sind nicht eingesperrt wie die Menschen in den übrigen Ostblockstaaten. Nach dem Bruch mit Stalin Anfang der 1950er Jahre liefert Jugoslawien keine Flüchtlinge mehr aus. Das ändert sich 1965, als Rumänien und Jugoslawien einen Auslieferungsvertrag schließen. Wenn den Serben danach ein Flüchtling aus Rumänien in die Hände fällt, liefern sie ihn Rumänien dem Abkommen entsprechend aus. Wer es dagegen durch Jugoslawien bis zur österreichischen oder italienischen Grenze schafft, gelangt meistens in die Freiheit. Die politische Führung Jugoslawiens treibt ein doppeltes Spiel. Je nach Bedarf und wenn die Beziehungen zu Ceauşescu wieder einmal verbessert werden müssen, werden die gestellten Flüchtlinge an Rumänien ausgeliefert. Etwa ab 1969 stellt die bundesdeutsche Gesandtschaft in Belgrad mit Duldung der jugoslawischen Behörden DDR-Bürgern und Deutschen aus Rumänien Ersatzpässe aus, mit denen sie über Österreich nach Deutschland gelangen. 1976 ändert sich das Szenario. Tito beabsichtigt, die Nachfolgeveranstaltung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa von Helsinki in Belgrad auszurichten. Deshalb ist er zu Zugeständnissen bereit. Nach den beiden Konferenzen installiert die UNO das Amt eines Kommissars für nationale Minderheiten. Damit sind die Bürger- und Menschenrechte nicht mehr ausschließlich eine innere Angelegenheit der einzelnen KSZEMitgliedstaaten. Das Genfer Weltflüchtlingskommissariat eröffnet in Belgrad ein Büro, das illegalen Ostblockflüchtlingen bei der Suche nach einem Asyloder Aufnahmeland hilft. Es stellt Kontakte zu Botschaften her, beschafft Reisepapiere und, wenn nötig, auch Geld für die Weiterreise. Es ist ein erster Schritt zum Aufbrechen der diktatorischen Strukturen in den kommunistischen Warschauer-Pakt-Staaten. Die KSZE-Bestimmungen wirken sich auch geringfügig auf die rumänische Innenpolitik aus. Unter anderem verpflichtet sich Rumänien, den Schießbefehl an seinen Grenzen aufzuheben, hält sich de facto aber nicht daran; die Grenzgänger werden nicht mehr vor Militärgerichte gestellt, weil eine Grenzverletzung nach den Übereinkünften von Helsinki und Belgrad nicht mehr unter die politischen Straftaten fällt; die Haftstra-

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fen sind jetzt milder. Dafür nehmen aber die menschenverachtenden Prügeleien und Folterungen an den Grenzen zu; damit sollten potentielle Grenzgänger abgeschreckt werden. Die Gefangenen werden oft krankenhausreif geschlagen. So auch 1980 der Sackelhausener Michael Pohr. Die Bundesrepublik Deutschland erwirkt mit diplomatischem Geschick und leichtem Druck, dass Jugoslawien die Abschiebung der Deutschen an Rumänien beendet, ebenso die Auslieferung von geflüchteten DDR-Bürgern. Deutsche aus Rumänien und DDR-Bürger haben nichts mehr zu befürchten, sofern sie keine Straftaten begangen haben. Sie werden nach maximal 30 Tagen Haft freigelassen. Diese Zeit nutzen die Jugoslawen, um die Identität der Inhaftierten sorgfältig zu prüfen. Nach der Haft werden sie dem Genfer Flüchtlingskommissar übergeben, der sie schließlich bis zur Ausreise nach Deutschland betreut. Einen Nachteil bringen die Absprachen zwischen Deutschland und Jugoslawien nach Helsinki mit sich: Die deutsche Botschaft kann eingetroffene Flüchtlinge nicht mehr direkt mit Ersatzpässen versorgen; sie ist angehalten, die Grenzgänger an das UNO-Büro zu verweisen, das sie nach Aufnahme ihrer Daten weiterleitet an die jugoslawische Polizei. Die Jugoslawen sind daran interessiert, möglichst viele Grenzgänger abzuurteilen, denn die Massenflucht aus Rumänien ist für sie zum Geschäft geworden. Sie kassieren je Flüchtling und Gefängnistag 90 USDollar vom UNO-Flüchtlingshilfswerk. Wer kein Deutscher ist und aus Rumänien kommt, muss politische Gründe für seine Flucht vorgeben, reine Wirtschaftsflüchtlinge werden zurückgeschickt. Wer als politischer Flüchtling anerkannt ist, muss sich um ein Aufnahmeland kümmern. Kanada, Australien und Südafrika sind die Staaten, die die meisten von ihnen aufnehmen. Baptisten gehören zu den wegen ihrer Religion Verfolgten. Sie haben in Amerika eine starke Lobby und werden deshalb ab Mitte der 1970er Jahre nicht mehr Rumänien ausgeliefert. Aber auch Ungarn liefert die meisten der gefassten Grenzgänger aus. Bei den meisten Flüchtlingen handelt es sich um junge Leute. Als 1977 bekannt wird, dass die Jugoslawen die Grenzgänger nicht mehr automatisch ausliefern, steigt die Zahl der Grenzübertritte sprungartig an. Das veranlasst Rumänien zu einer verbesserten Grenzsicherung. Der Grenztruppe stehen neben Spürhunden auch Reitpferde zur Verfügung, um beweglicher und rascher zu sein. Je mehr sich die wirtschaftliche Lage in Rumänien verschlechtert, desto größer ist die Zahl derjenigen, die die Flucht über die grüne Grenze oder über die Donau wagen. Aber die Fluchtwilligen suchen auch andere Wege. Viele versuchen ihr Glück über Ungarn, über die Tschechoslowakei und die DDR, selbst über Bulgarien. Manchen gelingt die Flucht auf diese Weise. Ungarische oder tschechische Grenzer sind ab und an großzügig und öffnen den Schlagbaum nach Österreich. Ende der 1960er Jahre brauchen rumänische Staatsbürger kein Einreisevisum mehr für Österreich. Anfangs profitieren Flüchtlinge

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von dem Abkommen zwischen Österreich und Rumänien. Später sind ungarische und tschechische Grenzer angehalten, keine rumänischen Staatsbürger mehr über die Grenze nach Österreich zu lassen. Aber auch das gibt es: Sind die Beziehungen zwischen Ungarn und Rumänien wieder einmal auf einem Tiefstand, lassen die ungarischen Grenzer, wohl auf Anweisung, viele Ausreisewillige die Grenze nach Österreich passieren. Fluchtwillige profitieren manches Mal von der Laune der Grenzer. Während mancher rumänische Staatsbürger über die DDR in den Westen zu gelangen glaubt, versuchen DDR-Bürger, die Südwestgrenze Rumäniens nach Jugoslawien zu überwinden und die deutsche Botschaft in Belgrad zu erreichen. Andere wieder schlagen den Weg über die ungarisch-jugoslawische Grenze ein. Viele werden dabei ertappt und der DDR-Botschaft in Bukarest oder Budapest überstellt. Sie werden alle als Staatsfeinde wegen versuchter Republikflucht verurteilt. Manch einer stirbt im Kugelhagel der Grenzer. Dazu gehört auch ein Professor aus der DDR, den Grenzer in den 1970er Jahren bei Hatzfeld beim Fluchtversuch erschießen. Von den Rumäniendeutschen versuchen vor allem jene das Land illegal zu verlassen, die keine Verwandten in Deutschland haben und sich deshalb kaum Chancen ausrechnen, je in den Besitz eines Passes zu kommen. Viele riskieren und verlieren ihr Leben. Die Auswirkungen der Konferenzen von Helsinki 1975 und von Belgrad 1977 auf das Fluchtgeschehen in den deutschen Dörfern des Banats lassen sich an einigen Beispielen festmachen. Aus der Gemeinde Billed, die 1940 noch mehr als 3 600 deutsche Einwohner hatte, sind von 1969 bis 1989, so eine Statistik von Josef Herbst von der Heimatortsgemeinschaft, 95 Personen über die Grenze in den Westen geflüchtet oder nach Besuchsreisen im Westen geblieben. In Deutschland geblieben sind 27 Personen, 13 haben Jugoslawien-Besuche innerhalb des sogenannten kleinen Grenzverkehrs zur Flucht nach Deutschland genutzt, und über Jugoslawien und Ungarn sind 55 geflohen. Nach Fluchtversuchen verurteilt wurden acht Billeder, einer wegen Fluchthilfe. Vermisst wird seit 1960 Hans Wolz. Nachdem bekannt geworden war, dass Jugoslawien keine Deutschen aus Rumänien mehr zurückschickt, ist die Flüchtlingszahl sprungartig gestiegen: Die Billeder Statistik verzeichnet für 1975 und 1976 keine Flucht, 1977 fliehen zwei Personen, ein Jahr darauf elf, 1979 schon 15. Im Jahr 1980 sinkt die Zahl auf zehn, 1981 steigt sie auf 20. Danach sinkt sie rapide, weil sich inzwischen immer mehr Rumäniendeutsche mit Deutscher Mark und US-Dollar freikaufen und dadurch das hohe Risiko, erschossen zu werden, vermeiden können. Die Statistik für die folgenden Jahre: 1982 und 1983 fliehen je vier Billeder, ein Jahr darauf sechs, 1985 einer, in den drei folgenden Jahren je zwei und 1989 neun. Die Statistik für Deutsch-Stamora, erarbeitet von Ludwig Kiry, fällt zum Un-

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terschied zu Billed etwas anders aus. Denn das Dorf liegt an der serbischen Grenze und hatte bedeutend weniger Einwohner: 1936 waren es 1 250; trotzdem ist eine höhere Anzahl über die Grenze gegangen als aus Billed. Das hat seine Gründe: Sie mussten nicht erst in die Grenzzone einreisen, sondern kannten sich dort aus, was ihnen die Flucht erleichterte. Aus Deutsch-Stamora, das zur Gemeinde Stamora-Morawitz gehört, ist 1989, im Jahr des Umsturzes in Rumänien, 23 Frauen und Männern die Flucht über die Grenze nach Jugoslawien gelungen, in den drei Jahren davor jedoch niemandem. Die Statistik für Deutsch-Stamora weist ab 1973 folgende geglückte Fluchten auf: 1973 zwei Personen, 1979 vier, 1980 fünf, 1981 zwei, 1982 dreizehn, 1983 sieben, 1984 sechs und 1985 zwei. 1981 ist eine Flucht missglückt: Vasile Nicolaie, geboren am 23. Mai 1955, ist beim Versuch, über die Donau nach Serbien zu gelangen, ums Leben gekommen. Eine weitere Flucht ist gelungen, aber das Jahr ist unbekannt. Aus Deutsch-Stamora sind nach Kirys Statistik 24 Personen von Reisen nach Jugoslawien und Deutschland nicht mehr nach Rumänien zurückgekehrt. Aus dem nahe der serbischen Grenze gelegenen Dorf Dolatz glückt von 1975 bis zum Sturz Ceauşescus im Dezember 1989 insgesamt 118 Personen die Flucht nach Jugoslawien. Zwei Brüder fliehen, nachdem sie einen Grenzsoldaten gefesselt haben. Am 28. August 1979 überschreitet der Dorfpfarrer mit 20 Personen die Grenze nach Jugoslawien, die meisten davon gehören zur Kirchweihjugend. Sie begeben sich von der Tanzunterhaltung auf die Flucht. Ihnen folgen einen Tag darauf sieben weitere Dolatzer. Zehn Personen werden in den Jahren nach 1975 auf der Flucht gestellt, vier mit Besucherpässen nach Deutschland gereiste Personen sind nicht mehr nach Rumänien zurückgekehrt. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg waren in Dolatz rund 1 300 Deutsche zu Hause. Ferner lebten dort 160 Ungarn und Rumänen. Bis 1950 ist die Zahl der Deutschen auf 780 gesunken. Heute lebt kein Deutscher mehr in dem Dorf. Wer nicht vor dem Fall des Kommunismus flüchten konnte, hat dem Dorf danach den Rücken gekehrt. Wie Mathias Reitz ermittelt hat, sind aus der Gemeinde Sackelhausen - sie hatte 1940 rund 4 000 Einwohner - von 1945 bis 1949 insgesamt 23 Personen nach Österreich und Deutschland gelangt, die meisten illegal. Den nächsten Fluchtversuch wagen Sackelhausener erst 1966: Nikolaus Kühn und Mathias Reitz selbst. Doch serbische Polizei liefert sie an Rumänien aus. Die beiden werden nach monatelangen Verhören mit brutalen Methoden zu zwei und viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Am Abend des Tages, als Reitz bei Albrechtsflor über die Grenze geht, sind die Grenztruppen zwischen Hatzfeld und Tschene in Alarmbereitschaft, denn die geplante Flucht war verraten worden. Reitz geht jedoch nicht in diesem Abschnitt über die Grenze, sondern in der Nähe von Albrechtsflor. Er hat sich

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eine kalte Januarnacht ausgewählt, weil es leichter ist, über die zugefrorenen Kanäle zur Grenze vorzustoßen. Reitz wird am Grenzübergang Hatzfeld zurückgeschickt. Am Abend jenes Tages lässt der Kommandant des Grenzerstützpunkts zum Appell blasen. Reitz muss seine Fluchtgeschichte vor den versammelten rund 80 Soldaten erzählen. Die Schlussfolgerung des Kommandanten für seine Untergebenen: „Der Klassenfeind ist wachsam, aber wir Soldaten erfüllen unsere Pflicht nicht“. Zum zweiten Mal geht Reitz im Januar 1979 über die Grenze, auch dieses Mal bei hohem Schnee und Frost. Er schafft es, umgeht auf serbischer Seite DeutschZerne, wird aber erneut von serbischen Grenzern gefasst. Nach 20 Tagen Haft in Großbetschkerek hält er einen deutschen Ersatzpass in Händen und fährt in die Freiheit. 1968 gelingt Mathias Wetzler aus Sackelhausen während einer JugoslawienReise die Flucht nach Deutschland. 1972 fliehen Johann Wetzler und Helmut Groß. 1974 gehen Johann Egler senior und Johann Egler junior, Vater und Sohn, über die Grenze und gelangen nach Deutschland. 1976 gelingt den Brüdern Dr. Reinhold und Erich Fett mit ihrer Mutter Anna die Flucht über die Donau nach Jugoslawien und Deutschland, ferner Johann Pop. Bis zum Sturz Ceauşescus im Dezember 1989 sind aus Sackelhausen ferner geflüchtet: 1978 16 Personen, 1979 zwei, 1980 fünf, 1981 drei, 1982 sieben, 1985 vier, 1989 eine Person. Insgesamt sind 61 Sackelhausener illegal über die Grenze und mit einem Besucher- oder Dienstpass nach Deutschland gelangt. „Nirgendwo ist das Gefühl der Ohnmacht so bedrückend wie hinter Stacheldraht; aber nirgendwo wird der Freiheitstraum so intensiv geträumt wie hier.“ Das schreibt der Banater Künstler Julius Stürmer (1915 in Karansebesch geboren) in seinem Buch „Die eisige Hölle Workuta“. Stürmer war zehn Jahre hinter Stacheldraht, die längste Zeit in Workuta. Im Ostblock sind nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur die Arbeits- und Vernichtungslager von Stacheldraht umgeben, sondern auch die einzelnen kommunistischen Staaten. In Rumänien ist es ebenso. Auch dort träumen Menschen jahrzehntelang von der Freiheit. Ähnlich wie die Häftlinge in Workuta beschäftigen sie sich mit Fluchtgedanken. Stürmer und einige Mithäftlinge schmieden den Plan, mit einem Flugzeug aus der Hölle am Eismeer zu entkommen, von einem deutschen Piloten gesteuert. Ein Zufall macht den Plan zunichte. Was den Häftlingen verwehrt bleibt, gelingt einer Banater Familie aus Warjasch Jahre später. Sie bezahlt einen deutschen Piloten, und der bringt sie mit einer in der Landwirtschaft eingesetzten Maschine im Tiefflug aus dem Banat über Jugoslawien nach Österreich. Er unterfliegt die himmelwärts gerichteten Radaranlagen. In den 1980er Jahren startet eine unbekannte Zahl von Personen mit einem Flugzeug neben der Gemeinde Neupanat bei Arad und fliegt über Ungarn und Jugoslawien, um in Österreich in einem Maisfeld zu landen.

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Doch das ist die wohl einfachste Art, zu fliehen. Viele andere riskieren ihr Leben, durchschwimmen Grenzflüsse, gehen über die grüne Grenze. Die Fluchtwilligen lassen sich einiges einfallen; wer in die Freiheit will, entwickelt oft viel Phantasie. Die Flüchtlinge panzern Autos, die dem Kugelhagel widerstehen. Sie verstecken im Halbdutzend in Mähdrescher-Bunkern und entkommen über die Grenze. Zwei junge Banater täuschen in den 1970er Jahren auf einer Straße in Grenznähe einen Unfall vor. Sie fahren mit dem Pkw gegen einen Baum und übergießen sich mit roter Farbe. Der Soldat steigt vom nahen Wachturm herab, um zu helfen. Während der Grenzer Hilfe holt, laufen die beiden über die Grenze. Andere bauen mit Gas getriebene kleine Raketenfahrzeuge, um die Donau zu überwinden. Wieder andere flüchten in versiegelten Lastkraftwagen und Müllautos. Dazu gehört auch die rumänische Pop-Gruppe Phönix aus Temeswar, die geschlossen im Lastkraftwagen über die Grenzen gelangt. Doch meist haben nur diejenigen eine Chance, die sich an der Grenze auskennen oder sich auf Schlepper verlassen können. Wer nicht Bescheid weiß, den stellen die Soldaten meist schon vor der Grenze. Doch oft führt auch der Zufall Regie. Den meisten, die gestellt werden, ergeht es schlecht. Die indoktrinierten Grenzer, die als Erfolgsprämie Sonderurlaub und Geld erhalten, gebrauchen die Maschinenpistole oder prügeln, treten und foltern. Sie setzen Gewehrkolben und Gummiknüppel ein, sie schlagen mit allem, was ihnen in die Hände kommt. Sie fesseln die Gefangenen mit Draht. Manch ein Gefasster überlebt diese Prügelorgien nicht oder nur als Krüppel. Wachhunde sind auf Bewegung abgerichtet und gehen auf alles los, was sich bewegt. Aber auch das gibt es im kommunistischen Rumänien: Der Gemeindienst inszeniert mit den ihm unterstellten Grenztruppen Fluchtversuche. Auch Leute, die Rumänien nicht verlassen wollen und in Grenznähe kommen, geraten in Schwierigkeiten. So auch vier Schriftsteller, die einem Temeswarer Literaturkreis angehören, der als Aktionsgruppe Banat bekannt werden soll. Zu ihnen gehört auch William Totok, 1951 in der Gemeinde Großkomlosch in der Nähe der serbischen Grenze geboren, der seit der Aussiedlung 1987 als Journalist und Schriftsteller in Berlin lebt. Wie Totok in seinem Buch „Die Zwänge der Erinnerung. Aufzeichnungen aus Rumänien“ schreibt, lässt der rumänische Geheimdienst im Herbst 1975 durchblicken, dass die Aktionsgruppe wegen eines angeblichen staatsfeindlichen Komplotts angeklagt werden soll. Darauf stehen Gefängnisstrafen bis zu 20 Jahren. Totoks Bruder ist seit Herbst 1975 nach einer Durchsuchung des Elternhauses in Großkomlosch in Untersuchungshaft. Zum Prozess wir er von Hermannstadt nach Temeswar mit in Eisenketten gelegten Füßen überführt. Der Prozess soll Mitte November stattfinden. Kurz davor „überstürzten sich die Ereignisse“, schreibt William Totok. Auf

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einer Autofahrt nach Großkomlosch verhaften Grenzer den Literaturkritiker Gerhardt Csejka, die Schriftsteller Gerhard Ortinau, Richard Wagner, heute freischaffender Schriftsteller in Berlin, und William Totok, zusätzlich eine Kommilitonin Totoks und den Fahrer des Wagens. „Die erste Kontrolle, beim Betreten des Grenzgebiets, hatten wir ungehindert passiert, weil in meinem Personalausweis als fester Wohnsitz Großkomlosch angegeben war und ich somit das Recht hatte, Gäste zu beherbergen. Der Grenzsoldat notierte sich pflichtgemäß meine Personaldaten und informierte seine Vorgesetzten, dass ein Pkw unterwegs nach Großkomlosch sei. Etwa 15 Kilometer vor unserem Ziel hielt uns erneut eine Grenzstreife an. Nachdem uns die Personalausweise abgenommen worden waren, forderte uns einer der Soldaten auf, im Pkw sitzen zu bleiben. Etwa eine Stunde später traf ein Hauptmann der Grenztruppen namens Marina ein, auf dessen Befehl wir von einem Militärwagen in eine Kaserne nach Kleinkomlosch gebracht wurden. Nach einer allgemeinen Leibesvisitation und einer Gepäckkontrolle teilte man uns den Grund unserer Festnahme mit: Wir hätten versucht, illegal das Land zu verlassen“, berichtet Totok. Im Morgengrauen des 12. Oktober 1975 werden sie in den Arrest einer Grenzschutzeinheit nach Hatzfeld in winzige Einzelzellen gebracht. „Auf dem Korridor patrouillierte ein mit einer MP bewaffneter Soldat, der sich nur so wunderte, dass wir noch nicht zusammengeschlagen worden waren. (Bekanntlich werden diejenigen, die von Grenzsoldaten als Fluchtverdächtige bzw. während eines Fluchtversuchs aufgegriffen werden, auf die unmenschlichste Art gefoltert. Erst nach dieser ‹Sonderbehandlung› kommen die oft bis zur Unkenntlichkeit Misshandelten in Polizeigewahrsam. Später müssen sie sich vor einem Gericht verantworten und mit schweren Gefängnisstrafen rechnen).“ In Hatzfeld verhören gelangweilte Grenzoffiziere, die sich in ihrer Sonntagsruhe gestört fühlen, die Festgenommenen der Reihe nach. Die Offiziere geben offen zu, dass sie im Auftrag des Sicherheitsdienstes handeln, und zwar weil gegen Totok wegen Gefährdung der Staatssicherheit ermittelt werde. Am nächsten Tag, es ist ein Montag, werden die Verhafteten in Temeswar dem Staatsanwalt vorgeführt, der nach einem kurzen Verhör Haftbefehle ausstellt. Danach geht es ins Temeswarer Untersuchungsgefängnis. Csejka und Ortinau kommen in eine Zelle, Wagner und Totok in eine andere. Der PkwFahrer wird im selben Geschoss mit gefährlichen Kriminellen untergebracht, die Frau jedoch stecken die Wärter mit Prostituierten in eine Zelle im Kellergeschoss. In den Verhören versucht Untersuchungsrichter Oberleutnant Pele Petru, Geständnisse zu erpressen, aus denen hervorgehen sollte, dass die Verhafteten staatsfeindliche Aktivitäten betrieben hätten. Die Verhaftung findet bei Politikern, aber auch bei der Parteispitze nicht die erwartete Resonanz. Über die Hintergründe der Festnahme informieren sich

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zwei aus Bukarest angereiste Parteifunktionäre: Ilie Verdeţ, verantwortlicher ZK-Sekretär für ideologische und Nationalitätenfragen, später Premierminister, und Adalbert Millitz, verantwortlicher Sekretär im ZK für die deutsche Minderheit. Die beiden Funktionäre veranlassen die Freilassung der sechs Verhafteten. „Millitz soll bei dieser Gelegenheit allerdings die ‹Sprengung› der Aktionsgruppe befürwortet haben. Gleichzeitig erteilte er den Befehl, Ortinau und mich von der Hochschule zu relegieren. Er plädierte für einen sanfteren Kurs der Securitate, der aber umso effektiver auf das Endziel (Zerschlagen der Gruppe) ausgerichtet sein sollte“, schreibt Totok. „Vermutlich stand das Datum meiner zweiten Verhaftung damals schon fest, der allerdings auch noch der Erste Parteisekretär des Kreises durch seine Unterschrift zustimmen musste. Überraschenderweise wurden wir am Freitag zwei Offizieren des Grenzschutzes zum Verhör vorgeführt. Jeder musste noch einmal schriftlich erklären, dass keiner von uns die Absicht hatte, das Land illegal zu verlassen.“ Am Samstag beschuldigt Militärstaatsanwalt Oberst Burcă in einem Verhör Totok, staatsfeindliche Texte verfasst und den Parteitag der Kommunisten verunglimpft zu haben. Am selben Tag werden alle aus der Haft entlassen. William Totok und sein Bruder werden später zu Gefängnisstrafen verurteilt. Spurlos verschwunden An der Donau spielen sich dramatische Szenen ab. Die Soldaten schießen auf Schwimmer und Schlauchboote. Sie überfahren die Flüchtenden mit Schnellbooten, erschlagen oder ertränken sie. Serben, die die Toten bestatten, erkennen meistens, auf welche Weise die Angeschwemmten umgekommen sind. In nur seltenen Fällen nehmen die Rumänen die Leichen zurück. Sie behaupten selbst in eindeutigen Fällen, dass es sich bei den Toten um keine rumänischen Staatsbürger handelt. Und so kommt es, dass viele ihre Angehörigen vermissen und nicht wissen, ob sie auf einem serbischen Friedhof begraben sind oder aber der rumänische Geheimdienst sie hat verschwinden lassen. Anfang der 1960er Jahre verschwindet aus der Banater Großgemeinde Billed Hans Wolz. Seine Mutter und die Schwester wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Sie können nur vermuten, dass er ums Leben gekommen ist beim Versuch, seinen Traum von der Flucht in die Freiheit zu verwirklichen. Von dem am 1. April 1935 in Billed geborenen Wolz fehlt heute noch jede Spur. Wie Grete Lenhardt, seine Schwester, sagt, hat der Geheimdienst Securitate sie zusammen mit der Mutter kurze Zeit nach dem Verschwinden des Bruders vorgeladen, um herauszufinden, was die beiden Frauen wissen. Weil sie ahnungslos waren, hat die Securitate sie danach in Ruhe gelassen. Vielleicht gehört Hans Wolz zu jenen, die an der grünen Grenze zu Jugoslawien oder in

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der Donau ums Leben gekommen sind. Vielleicht ist er aber auch erschossen worden; ein Fall, der wahrscheinlich nie aufgeklärt wird. Zu denen, die in der Donau ums Leben gekommen sind, gehört vermutlich auch Walter Zerwes, geboren am 18. November 1960 in Temeswar. Als Baufachmann kommt er zur Arbeit nach Turnu Severin an der Donau. Im November 1981 verabschiedet er sich von seinen Eltern in Jahrmarkt. Sie werden ihn nie wiedersehen. Ebenfalls im November 1981 verschwindet von der Baustelle ein rumänischer Kollege Walters. Der kommt jedoch in Serbien an und gelangt schließlich nach Italien. Peter Zerwes, Walters Vater, gelingt es, mit diesem Flüchtling zu sprechen. Doch der behauptet, nicht zusammen mit Walter geflüchtet zu sein. Peter Zerwes ist sich jedoch nicht sicher, ob der Kollege seines Sohnes die Wahrheit sagt. Vielleicht waren weitere Grenzgänger dabei, rätselt Peter Zerwes. Ebenfalls 1981 sind Walter Wilwerth (geboren am 28. Mai 1961) aus Schöndorf und Valentin Frahler (geboren am 10. Februar 1953) aus Sanktanna spurlos verschwunden, vermutlich sind auch sie bei einem Fluchtversuch ums Leben gekommen. Die Hoffnung, dass ihr Sohn noch lebt, hat Katharina Frahler, Valentins Mutter, auch heute noch nicht ganz aufgegeben: „Vielleicht wird er ge funden“, sagt sie weinend am Telefon. Die beiden haben ihren Betrieb in Neuarad am Abend des 27. Oktober 1981 verlassen und sind nicht wieder aufgetaucht. Die beiden Sackelhausener Johann Wolf (geboren 1956) und Ion Druciuc (1957) sind 1979 beim Versuch, die Donau mit einem Schlauchboot zu überqueren, ums Leben gekommen, berichtet Mathias Reitz. Druciuc soll nach Angaben seines Bruders an den Rippen verletzt gewesen sein. Ob es Einschüsse oder Verletzungen anderer Art waren, sei nicht zu erkennen gewesen. Im selben Jahr ist auch Johann Lorenz (1957) aus Sackelhausen in einem MilitärValentin Frahler krankenhaus gestorben. Er ist vermutlich zu Tode geprügelt worden. Lorenz war aus der rumänischen Armee desertiert und beim Versuch, über die Donau nach Jugoslawien zu fliehen, gestellt worden. Die drei Toten wurden in Sackelhausen begraben, doch die Angehörigen durften die Särge nicht öffnen und konnten somit auch die Todesursachen nicht feststellen. 1978 erschießen rumänische Grenzer Hilde Maltry aus Bakowa beim Fluchtversuch über die Donau bei Orschowa. 1979 wird die ebenfalls aus Bakowa stammende Käthe Dassinger beim Versuch, ans rechte Donau-Ufer zu gelangen,

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in Höhe des auf der serbischen Seite gelegenen Weißkirchen angeschossen. Zu den von dem Klausenburger Historiker Mândruţ in Veröffentlichungen ermittelten Grenztoten gehören: der in Temeswar geborene Anton Altmayer (erschossen zwischen 1981 und 1984), Rodica Dumitreanu (erschossen am 1. November 1983), Nicolae Gheorghe (ermordet am 6. Oktober 1986 an der ungarischen Grenze), Gheorghe Leonte (erschossen am 27. Mai 1987 bei Altbeba an der ungarischen Grenze), Gheorghe Mugescu (erschossen 1978 an der Donau), Zoltán Oláh (erschossen am 25. Oktober 1988 bei Pereg an der ungarischen Grenze), Ion Tilin (erschossen am 26. Juni 1982 bei Altbeba) und Walter Schmidt (erschossen am 6. oder 7. Oktober 1987). Ende der 1980er Jahre artet das Fluchtgeschehen an der Donau zum Todeskampf und Massenexodus aus. Die jugoslawischen Behörden schicken die Rumänen busweise zurück. Die rumänischen Gefängnisse können die Verurteilten nun nicht mehr aufnehmen. Deshalb werden die „Vaterlandsverräter“ in ihre früheren Wohnorte zurückgebracht, mit Zwangsaufenthalt bestraft und an ihren früheren Arbeitplätzen für nur einen geringen Teil des üblichen Lohns beschäftigt. Es sind Rumänen, Zigeuner, Ungarn und Deutsche, hauptsächlich Banater, aber auch Siebenbürger Sachsen. Schlepper und Betrüger Wer nicht in Grenznähe wohnt oder arbeitet, scheitert wegen der Kontrollen meist schon vor dem Fluchtversuch. Ortsfremde gelangen in der Regel nur zufällig und mit großem Glück an die Grenze. Deshalb betätigen sich Ortskundige als Schlepper und Schleuser. Grenzoffiziere verdienen sich ein schönes Zubrot; sie kassieren wie alle Schlepper beträchtliche Summen. Früher oder später werden fast alle erwischt und bestraft. Wer nicht zur Grenztruppe gehört und als Schleuser ertappt wird, dem ergeht es ebenso schlecht wie den Flüchtlingen selbst. Er wird solange gefoltert, bis er alles preisgibt, was er weiß. Schlepper gibt es auf beiden Seiten der Grenze. Jugoslawen verdienen genauso wie Rumänen. Helfer kommen sogar aus Deutschland und Österreich. Genauso wichtig wie der Schlepper auf der rumänischen Seite ist der Fluchhelfer auf der jugoslawischen Seite, der die Grenzgänger meist im Auto durch Jugoslawien zur österreichischen oder italienischen Grenze fährt oder aber nach 1976 zur deutschen Botschaft nach Belgrad, die DDR-Bürgern und Deutschen aus Rumänien mit Duldung der jugoslawischen Behörden ab 1969 Ersatzpässe ausstellt. Bundesbürger nehmen für Verwandte und Freunde einiges in Kauf; die jugoslawischen Behörden verurteilen manch einen Bundesbürger wegen Fluchthilfe. Vielen ist nicht bekannt oder sie ignorieren, dass sie sich auch nach deutschem Recht strafbar machen, wenn sie Ausländern über die deutsche Grenze helfen.

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Mancher Grenzgänger macht die bittere Erfahrung, dass die bezahlten Fluchthelfer auf der rumänischen Seite sie verraten oder im Stich lassen, aber sie können die Betrüger nicht anzeigen, weil sie sich damit selbst ins Gefängnis bringen würden. Aber auch auf der serbischen Seite sitzen oftmals Betrüger. Sie kassieren Geld im voraus und lassen die Geflüchteten im Stich, helfen ihnen nicht weiter, drohen ihnen sogar mit Anzeige. An der Flucht verdienen aber nicht nur Privatpersonen. Der jugoslawische Staat wird ab Mitte der 1970er Jahre mit Flüchtlingen aus Rumänien viel Geld verdienen. Das UNO-Flüchtlingshilfswerk zahlt Jugoslawien für die Unterbringung jedes Gefangenen täglich 90 Dollar. Als die Regierung in Belgrad 1976 dem bundesdeutschen Drängen nachgibt, deutsche Flüchtlinge, sowohl jene aus der DDR als auch solche aus Rumänien, nicht mehr den Herkunftsstaaten auszuliefern, ist sie sich dessen wahrscheinlich nicht bewusst, dass sie damit einen Massenexodus aus Rumänien auslösen wird. Schon 1977 fliehen die Deutschen aus Rumänien in Scharen nach Jugoslawien. Sie und die anderen Flüchtlinge aus Rumänien, ihre Zahl ist viel höher als die der Deutschen, füllen die Gefängnisse in Jugoslawien. In den jugoslawischen Gefängnissen sitzen aber nicht nur Grenzgänger aus Rumänien. Siegfried Britt trifft 1970 im Gefängnis von Koper auch Polen, Tschechen und Ungarn. Franz Weszely ist 1980 im Gefängnis von Padinska Skela nördlich von Belgrad mit Leuten aus aller Herren Länder zusammen: aus der DDR, Bulgarien, aus der Sowjetunion, aus Bulgarien, aus dem Iran, dem Irak und aus Jordanien. Alle wollen über Jugoslawien in den Westen. Harte Strafen Im kommunistischen Rumänien werden sowohl der versuchte als auch der gelungene Grenzübertritt noch in den 1950er Jahren mit harten Strafen belegt. Der Liste des Klausenburger Historikers Mândruţ ist zu entnehmen: Das Militärgericht in Bukarest verurteilt den 1949 aus einem serbischen Lager nach Rumänien abgeschobenen Lehrer Valeriu Basarabeanu zu fünf Jahren Gefängnis. Das gleiche Strafmaß erhält der ebenfalls von den Serben ausgelieferte Dan Cernovodeanu. Nicolae Ştefan Craiu wird 1949 an der Grenze gestellt, verurteilt, kommt 1954 frei und flieht nach Deutschland. 1957 verurteilt das Militärgericht Temeswar Valeriu Dobrescu zu sieben Jahren Gefängnis wegen versuchten Grenzübertritts. Zu je zehn Jahren Gefängnis verurteilt das Militärgericht Konstanza 1949 die Brüder Corneliu Valentin und Dan Gabrielescu wegen Fluchtversuchs über das Schwarze Meer. Der aus Bulgarien stammende MazedoRumäne Garofil Dimciu - er wurde 1948 in Triest gefasst - stirbt noch im selben Jahr in einem rumänischen Gefängnis. Zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt ein Gericht Rozalia Lupea im Jahr 1948. Wegen Anstiftung zum Grenzübertritt

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schickt das Militärgericht Temeswar Petru Miroiu 1958 sieben Jahre ins Gefängnis. General Gheorghe Rozin, ehemaliger Befehlshaber von Bukarest, wird 1948 wegen versuchten Grenzübertritts verurteilt; er stirbt 1960 im Gefängnis von Gherla. Der Pilot Gheorghe Cucu ist von 1954 bis 1964 wegen versuchter Flucht in Haft. In Klausenburg wird 1949 der Partisan Petru Săbăduş nach missglücktem Fluchtversuch nach Serbien zusammen mit Pavel Mârza verurteilt. Der Arzt Săbăduş stirbt 1953 im Gefängnis von Gherla. 1947 stirbt im Gefängnis von Craiova der wegen versuchter Flucht verurteilte Ali Saban. Weitere Verurteilte, die in rumänischen Gefängnissen ums Leben kommen, sind: Ecaterina Aramă wird 1949 an der Grenze gestellt und stirbt im selben Jahr in Jassy; eine Frau namens Paula - ihr Familienname ist unbekannt -, Mutter von vier Kindern, stirbt in Miercurea Ciuc. Auch in den 1960er Jahren sprechen die Militärgerichte noch drastische Strafen aus. Emerich-Otto Leikep aus Hermannstadt, der im Juli 1967 mit einem gefälschten Pass bis Straßsommerrain an der österreichischen Grenze gelangt, wird zu acht Jahren verurteilt, kommt nach einer Amnestie aber nach einem halben Jahr frei. Ab 1968 wird illegaler Grenzübertritt mit Gefängnis von einem Jahr bis zu drei Jahren bestraft. Für den Fluchtversuch gibt es nur die Hälfte der Strafe. Wer ausländisches Geld hat, muss mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus rechnen. 1968, dem liberalsten Jahr in der Ära Ceauşescu, werden Grenzgänger nach einer Gesetzesänderung nicht weiter als politische Häftlinge eingestuft, aber trotzdem im Gefängnis als solche behandelt. Ein Beispiel: Ein Gericht verurteilt im Sommer 1968 Reinhold Mager nach dem alten Gesetz zu vier Jahren und seine beiden Freunde Johann Wagner und Hans Rieder zu je drei Jahren Gefängnis. Nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes wird das Urteil auf Antrag revidiert: Die drei kommen nach einem Jahr frei. Die Prozesse, mit denen die Grenzgänger in Rumänien konfrontiert werden, bezeichnet der aus dem Banat stammende Rechtsanwalt Martin Mühlroth als Zirkus vor Gericht. Er habe seinen Mandanten stets reinen Wein eingeschenkt: Er habe die Angeklagten darüber informiert, dass er das Mandat annehme, aber ihnen nicht helfen könne. Auch Mühlroth ist Grenzgänger: Er hat Serbien und die Freiheit auf einem aufgeblasenen Treckerreifen erreicht. Den Strafen der Gerichte gehen die der Grenztruppen und der Securitate voraus: Prügel und Folter. Zur Abschreckung treiben Grenzsoldaten blutüberströmte junge Männer durch die Dorfstraßen. Einen solchen Fall hat es auch in Marienfeld gegeben. Selbst ganzen Familien ergeht es ähnlich; auf der Brust tragen sie die Aufschrift: „So sehen Vaterlandsverräter aus“. Ebenfalls zur Abschreckung dienen ab und an inszenierte Schauprozesse. Sie sollen der Bevölkerung auch zeigen, dass der Staat jenen entgegenkommt, die ihre Taten bereuen. Doch

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sie bewirken stets das Gegenteil von dem, was die Kommunisten eigentlich damit bezwecken. Mit dem Thema Flucht befassen sich inzwischen auch Schriftsteller. Einer davon ist der aus Wiesenhaid im Banat stammende Siegfried Chambre (Jahrgang 1961). Chambre hat vier Fluchtversuche gebraucht, um in den Westen zu gelangen. Den ersten unternimmt er 1979 mit 18. Nach dem Versuch, in einen mit Gemüse beladenen Eisenbahnwagen einzusteigen, bleiben ihm noch Prügel erspart. Er kommt zur Securitate, wo er und seine ebenfalls gefassten Kameraden schriftlich erklären müssen, was sie an dem Waggon gesucht hatten. Sie schreiben die abgesprochene Lüge auf, und der Securitate-Offizier lässt sie frei. Sein großzügiges Verhalten kann sich Chambre erst später erklären: Die Securitate war angewiesen, nicht nur die Flucht, sondern schon Fluchtversuche zu unterbinden. Für einen Fluchtversuch hätte sich der Securitate-Offizier demnach bei seinen Vorgesetzten verantworten müssen. Deshalb akzeptiert er die Lüge in den Protokollen, der Fluchtversuch erscheint nicht als solcher, und der Geheimdienstler hat keine Unannehmlichkeiten. Was ihm die Grenzer nach der zweiten Flucht angetan haben, schildert Chambre im 1994 erschienenen Roman „Auf und davon oder Der Traum vom roten Flugzeug“. Ungarische Grenzer stellen Chambre und seine beiden Begleiter und liefern sie an Rumänien aus. Chambre schreibt: „Ein junger Grenzer legte uns Handschellen an. Er tat es mit verlegener Miene und schulterzuckend. So habe man es von der rumänischen Seite gewünscht. Wir stiegen in einen Geländewagen, und ab ging's zur Grenze. Jenseits des Grenzstreifens wartete man auf uns. Ein Major als Ranghöchster, zwei Leutnants, acht Soldaten. Ein ganz ordentliches Empfangskomitee. Die Vorgesetzten schüttelten sich die Hände, unterschrieben einen Auslieferungsvertrag, und wir wurden geheißen, denselben Weg, auf dem wir in der Nacht nach Ungarn gekommen waren, zurückzulaufen. Der ungarische Grenzsoldat nahm uns die Handschellen ab und klopfte uns ermutigend auf die Schultern. Drüben schüttelte der rumänische Major jedem von uns die Hand und sagte mit jener Freundlichkeit, die einem das Blut in den Adern gerinnen lässt: ‹Herzlich willkommen daheim.›“ Ein Leutnant schnürt auf Befehl des Majors den Gefangenen die Hände so fest zusammen, dass bald Blut und Schmerz in ihnen hämmern. Das folgende Verhör besteht zunächst aus Fausthieben ins Gesicht, auf den Hinterkopf und in den Magen. „Das Blut spritzte aus meiner Nase auf die Uniform des Grenzers. Er fluchte grässlich und warf mich in den nahegelegenen Entwässerungskanal“, schreibt Chambre weiter. „Dann öffnete er die Hose und pisste in den Graben, in dem wir inzwischen alle drei lagen. Ich versuchte, das Blut aus meinem Gesicht zu waschen. Der Grenzer lachte laut und rief: ‹Wasch nur heftig, das Wasser ist jetzt desinfiziert.› Dann knöpfte er sich die Hose zu und schrie wie besessen: ‹Raus mit euch, los, hochkommen!›

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Als Chambre aus dem Kanal kriechen will, tritt ihm der Grenzer gegen den Kopf: „Du Schwein bist noch nicht genug desinfiziert, los, weiterwaschen, sonst versaust du uns das ganze Auto.“ Einer der acht Grenzer bindet den beiden aus dem Kanal gekrochenen Leidensgenossen mit Leinenschnur die Hände auf den Rücken. Als Chambre das Ufer erreicht, ist er an der Reihe. Danach beginnt ein Major das Verhör. Weiter heißt es in dem Roman: „Wir wurden getrennt, und während der Major einen von uns verhörte, wurden die beiden anderen auf das Verhör ‹vorbereitet›. Um das Auto des Majors herum standen die Soldaten. Einer aus der Gruppe kam auf mich zu und pflanzte sich vor mir auf. ‹So, so, nach Deutschland wolltest du kleiner Neamtz (verächtlich für Deutscher) also. Was hast du den ganzen Sommer gemacht, während ich hier an der Grenze Dienst schieben musste? Hast dich in Fotzen gesuhlt, was? Und nun werde ich bestraft, weil dir die Flucht nach Ungarn geglückt ist. Hast wohl nicht gedacht, dass die dich zurückgeben, ha? Auf den Bauch, los!›“ Der Soldat tritt Chambre um, der auf seinen aus Leibeskräften schreienden Kumpel Alex fällt. Neben dem auf dem Boden liegenden Alex stehen breitbeinig zwei Grenzer, die mit je einem Bündel Betoneisen auf dessen Rücken einschlagen. Nach zwei Hieben ist das Hemd zerfetzt, nach zehn die Haut. Während sich Chambre zur Seite rollt, kommt der andere Soldat mit der Kurbel des alten Geländewagens auf ihn zu, schlägt und trifft Füße und Beine des Gefesselten, danach hilft er mit den Stiefeln nach. Dann ruft der Major wieder zum Verhör. Er möchte den Namen des Fluchthelfers erfahren. Alex liegt zehn Schritte entfernt und stöhnt. Peter, der zweite Kamerad, sitzt im Geländewagen, während ein Grenzer ihm von Zeit zu Zeit eine Ohrfeige oder einen Fausthieb verpasst. Weil Chambre die Fragen des Majors nicht beantwortet, reicht er ihn zurück an den Soldaten und wendet sich Alex zu. Der Soldat zündet eine Zigarette an und hält sie Chambre dicht vor die Nasenspitze, so dass er die Glut auf der Haut spüren kann. Und immer, wenn der Gepeinigte denkt, jetzt verbrennt er ihn, zieht der Grenzer die Zigarette weg, steckt sie in den Mund und raucht weiter. Als nur noch ein Stummel übrig ist, drückte er ihn auf Chambres Rücken aus. Weil er noch immer nicht geständig ist, geht die Folter weiter. Ein Leutnant lässt einen Wachhund auf ihn los. Der Hund ist dem mit gefesselten Händen über den Kasernenhof laufenden Geschundenen auf den Fersen und beißt ihm in den Unterschenkel. Er lässt von dem inzwischen im Dreck liegenden Chambre erst ab, als der Leutnant es ihm befiehlt. Jetzt sollte der Hund nach Alex fassen. Doch dem zerreißt er lediglich ein Hosenbein, weil sich Alex auf den Boden fallen lässt und still liegen bleibt. Alex bewegt sich trotz Aufforderung nicht. Deshalb schlägt der Leutnant ihn mit dem Gummiknüppel, zerrt ihn hoch und schiebt ihn vor sich her in sein Büro. Währenddessen sitzt Peter regungslos und mit hängendem Kopf auf einer Bank. Seine gefesselten Hände sind tiefblau.

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Plötzlich schreit er wie am Spieß. Ein Soldat, der bisher scheinbar teilnahmslos in einer Ecke gestanden hat, marschiert zu Peter, nimmt das Bajonett vom Gewehr, durchschneidet die Fesseln und lässt aus einem Schlauch Wasser über Peters Arme laufen. Nach einer Weile weicht das Blau einem dunklen, dann einem hellen Rot. Der Soldat geht danach zu Chambre, durchtrennt auch seine Fesseln und kühlt ihm Hände und Arme mit Wasser. Doch die Folter ist damit noch nicht beendet. Der Major möchte die Namen der Helfer hören. Chambre muss die Schuhe ausziehen und sich knien. Der Leutnant schlägt ihm mit dem Gummiknüppel auf die Fußsohlen. Danach muss er die Hände auf den Tisch legen, mit der Handfläche nach oben. Der Leutnant schlägt erneut mit dem Gummiknüppel zu, diesmal auf die Handflächen. Chambre schreit vor Schmerz. Danach folgt die nächste Frage des Majors: Wo das ungarische Geld geblieben sei, das sie für die Weiterfahrt mit der Eisenbahn gebraucht hätten. Chambre und seine beiden Mitstreiter haben es in Ungarn verschluckt, doch das sagen sie nicht. Chambre muss Hose und Unterhose runter lassen und sich bücken. Der Leutnant schlägt ihm mit der Hand ins Genick, dass er vornüberknickt, und kontrolliert den Mastdarm mit dem Finger, um den sein Taschentuch gewickelt ist. Weil nichts zum Vorschein kommt, tritt der Leutnant Chambre wütend mit dem Schuh ins Gesäß, so dass dieser ausgestreckt zu Boden fällt. Der Major bohrt weiter, möchte wissen, woher die sehr genaue Ungarn-Karte stamme, wenn ihnen angeblich kein Mensch geholfen hat. Als der Major die Antwort hört, die sei auf dem Flohmarkt gekauft, schäumt er vor Wut. Der Leutnant schlägt zu, wieder und wieder mit dem Gummiknüppel, auf Hände und Füße. Er hört erst auf, als Chambres Schreie in seinen Ohren schmerzen. Wenn es in Ungarn keinen Helfer gegeben habe, wer hat den dreien den Weg auf der rumänischen Seite gezeigt, das ist die nächste Frage. Auf die unbefriedigende Antwort schlägt der Major Chambre mit aller Kraft die Faust ins Gesicht. Als er aus der Ohnmacht erwacht, sitzt neben ihm Fluchthelfer Mircea mit geschwollenem Gesicht und blutunterlaufenen Augen, barfuss, die Sohlen geschwollen. Mircea fragt den aufwachenden Chambre, warum sie ihn verraten hätten. In diesem Augenblick fliegt die Tür auf, in der triumphierend der Leutnant steht. Mircea gibt zu, Chambre zu kennen, worauf der Leutnant meint: „Na also, warum nicht gleich so.“ Das Verhör ist beendet. Seine Flucht nach Jugoslawien und die anschließende Auslieferung an Rumänien ist Thema eines Buches des Siebenbürger Sachsen Karl-Rudolf Brandsch, das unter dem Titel „Flucht aus dem Reich Ceauşescus. 40 km im Fluss Timisch“ erschienen ist. Literarisch verarbeitet auch der Temeswarer Schriftsteller Daniel Vighi zur Zeit seine in ein paar Wochen als Grenzsoldat bei Valkan gesammelten Erleb-

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nisse. Über dieses Vorhaben hat Vighi vor kurzem vor der Gesellschaft für Menschenrechte in Marmarosch-Siget berichtet. Seinen Angaben zufolge waren die Grenzgänger in erster Linie junge Leute bis 30 Jahre alt. Die Grenztruppe hatte Soldaten, die Nacht für Nacht auf der Lauer lagen. Sie mussten tatsächlich liegen, in Furchen, hinter Sträuchern und durften die Stelle, wo sie sich auf die Lauer legen mussten, nicht verändern. Der Acker musste unverändert bleiben, der Soldat dufte nichts auf den Boden legen, um sich gegen Kälte zu schützen, er war lediglich mit einer Plane gegen Regen geschützt; im Winter war es erlaubt, einen Lammfellmantel gegen die Kälte zu tragen. Veränderungen waren verboten, weil sie ihre Lagerplätze verraten hätten, und Leute, die in Grenznähe arbeiteten, hätten ihr Wissen zur Flucht nutzen können. Nach einem Jahr waren all diese Soldaten rheumakrank, ausnahmslos, so Vighi. Diese jungen Männer hassten die ganze Welt. Aber in erster Linie hassten sie die unglücklichen Grenzgänger, die aus dem ganzen Land an die Westgrenze strömten. Mit Märzbeginn wurde die Sommersaison an der grünen Grenze eingeläutet. Die folgenden Monate brachten eine scheinbar unendliche Reihe von Unglücksfällen, von blutigen Heldentaten und Horrorgeschichten mit sich. Nachts gab es getarnte Wachen in den Feldern, eine Patrouille war unterwegs von einer Lauerstellung zur anderen, um zu kontrollieren, ob die Soldaten schlafen. Es ist vorgekommen, dass Soldaten auf Lauerposten auf die Patrouillen geschossen haben. Vighi berichtet weiter: „Ich hatte Angst, nachts in Lauerstellung zu gehen. Deshalb haben sie mir einen Schäferhund mitgegeben.“ Der Befehlshaber des Grenzerstützpunkts, ein Leutnant, war brutal und alkoholabhängig. Er hat sich immer gewünscht, einen Grenzgänger zu erschießen und ihn mit der Schubkarre durch Valkan fahren zu lassen - als abschreckendes Beispiel, so Vighi weiter. „Es war eine Welt, in der ich als Student nur kurze Zeit durchhalten musste. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn ich einem Grenzgänger gegenübergestanden hätte. Denn wir waren zwischen Hammer und Ambos.“ Vighi wollte sein Studium beenden, deshalb ist er nicht geflüchtet. Einer seiner Kameraden hat sich anders entschieden: Er ist über die Grenze gegangen. Manchmal wurden Unschuldige Opfer dieses endlosen Krieges zwischen Soldaten und Zivilisten. Dazu gehört eine alte Bäuerin, die an der Grenze in einem Maisfeld hackte. Aus Versehen hat sie ihre Notdurft auf der jugoslawischen Seite verrichtet. Als sie danach nichts ahnend zurück an die Arbeit gehen wollte, hat sie ein Scharfschütze von einem Beobachtungsturm aus erschossen, direkt ins Herz. Die mit Fernglas bestückten Gewehre hat die rumänische Grenztruppe aus den USA bezogen. Etwa jeder zehnte Grenzsoldat war in den 1980er Jahren mit solch einer Waffe ausgestattet. In der Ausbildung wurden den Grenztruppen alle möglichen Fälle der Grenzverletzung vorgetragen, denn die Grenzgänger entwickelten viel Phantasie. Diese realen Geschichten verbreiteten sich aber nicht nur in den Kasernen, sondern

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auch unter der Zivilbevölkerung und damit auch unter den Leuten, die sich darauf vorbereiteten, über die Grenze zu fliehen. Auch sie analysierten, diskutierten und entwickelten Strategien. Einige Ausbilder sprachen von einem mitleidlosen Wettbewerb auf Leben und Tod zwischen Grenztruppen und Verbrechern. Diese ausgegebene Losung verwendeten die Grenzsoldaten auch dann, wenn sie folterten, quälten, die Gefangenen durch Schläge entstellten und sie mit Stacheldraht fesselten. „Bevor meine Mama weint, soll lieber deine Mutter trauern.“ Dieser Spruch belegt wie kein anderer die Lage an der Westgrenze Rumäniens in den Jahren des Kommunismus. Die Ausbilder hatten den Soldaten eingeschärft, dass alles, was ein Grenzer tut, aufgezeichnet wird, wo er zu welcher Stunde auf Wache war. Und diese Akte wurde zehn Jahre lang aufbewahrt. So konnte es geschehen, dass ein Grenzsoldat auch Jahre nach der Entlassung aus der Armee noch zur Rechenschaft gezogen und ins Gefängnis gesteckt werden konnte wegen Nichterfüllung des Kampfauftrags. Beispielsweise wenn Grenzgänger Jahre nach der Flucht erzählten, wie ihnen die Flucht gelungen ist. Täglich hat es an der Westgrenze Zwischenfälle gegeben, berichtet Vighi. Jeden Abend hat der Befehlshaber des Grenzerstützpunkts zum Appell blasen lassen. Vor dem Grenzerstützpunk versammelt waren alle, vom Koch über die Wachsoldaten bis zu den Hundeführern, sie alle mussten der vom KognakKonsum rau gewordenen Stimme des Befehlshabers lauschen. Er teilte ihnen täglich mit, worauf sie sich in der kommenden Nacht und am nächsten Tag einzustellen hatten. Er gab die von der Polizei, dem Geheimdienst Securitate und vom Gegeninformationsdienst der Armee gesammelten Informationen weiter. Er wusste beispielsweise, dass aus einem bestimmten Gymnasium in Siebenbürgen Schüler verschwunden sind und wahrscheinlich an der Grenze bei Marienfeld auftauchen werden. Ihm war bekannt, dass zwei ehemalige Häftlinge im Grenzgebiet zwei Soldaten entwaffnet hatten. Aber auch das, was in den vergangenen 24 Stunden sonst passiert ist, wurde vor versammeltem Regiment gemeldet. Dazu hat auch der Tod der alten Bäuerin am Grenzstreifen gehört. Der Befehlshaber des Grenzerstützpunkts Valkan-Feld jener Tage hat die eingefangenen Grenzgänger geschont, nicht offensichtlich. Doch wenn es ging, hat er es so gedreht, dass sie nicht in die Hände anderer gefallen sind, die sie verprügelt hätten. Ähnlich hat sich auch Nikos verhalten, ein Nachkomme von Griechen, die nach dem kommunistischen Putsch nach Rumänien geflüchtet waren. Er hat nie auf Flüchtende geschossen, er hat sie einfach gestellt. Nikos gehörte zu den wenigen, die der Meinung waren, auf die alte Bäuerin hätte nie geschossen werden dürfen. Doch über all das wurde nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Mit jedem neuen Tag igelten sich die Soldaten in eine eigene Welt ein, in eine geschlossene, barbarische Welt, in der es nur noch darum ging, wessen Mutter weinen musste: die des Soldaten oder die des gefassten Grenzgängers. Der

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Wettkampf zwischen Grenzern und Flüchtlingen wurde von Tag zu Tag grausamer. Grenzgänger haben die Grenztruppen nicht nur einmal gedemütigt. Dazu haben auch jene Jugendlichen gehört, die ihren Trabant am Kühler gepanzert hatten, um die Schranke an einem kleinen Grenzübergang zu durchbrechen, der ausschließlich für den kleinen Grenzverkehr eingerichtet worden war. Einmal monatlich durften dort Leute aus beiden Teilen des Banats die Grenze passieren, um einzukaufen oder Verwandte zu besuchen. Als der Trabant die Schranke durchbrochen hatte, sind die an der Grenze wartenden Passlosen ohne Kontrolle nach Serbien gelaufen, haben sich den serbischen Grenzern ergeben, um danach die rumänischen Soldaten zu beleidigen. Andere haben sauerstoffgetriebene Gasflaschen zu Raketen umgewandelt, um im Höllentempo über die Donau zu gelangen. Die größte Schmach erleben die Grenztruppen ein paar Jahre später, so Vighi. Jugendlichen gelingt die Flucht mit einem in einem Hinterhof gebauten Flugzeug in den Westen. Zwangsarbeit Grenzübertritt wird im kommunistischen Jugoslawien mit höchstens 30 Tagen bestraft, in Rumänien mit mehreren Jahren. Im kommunistischen Rumänien bedeutet Verurteilung wegen Grenzverletzung Zwangsarbeit. 95 Prozent des erarbeiteten Lohns behält der Staat für Kost und Quartier ein. Der Rest wird nach Ablauf der Strafe ausgezahlt. Der Häftling darf kein Geld besitzen. Einkaufsmöglichkeiten gibt es nicht. Das schreibt Karl-Rudolf Brandsch aus dem siebenbürgischen Kronstadt in seinem Buch „Flucht aus dem Reich Ceauşescus. 40 km im Fluss Timisch“ nach seine Grenzübertritt als Taucher und der Auslieferung aus Jugoslawien. Das Temeswarer Gefängnis beschreibt er so: „Wuchtig und düster steht das Gefängnis in seiner Größe vor uns, erdrückend und kalt mit seinen vergitterten Fenstern. Erbaut wurde es unter Maria Theresia, Königin von Böhmen und Ungarn, nach 1740.“ Das Gefängnis, umgeben mit Stacheldraht und besetzten Wachtürmen, gleicht einer Festung. Irgendwo in den Werkstätten arbeiteten auch ausländische Fluchthelfer. Mit ihnen ist nie jemand in Kontakt gekommen. Brandsch schreibt über die Zeit der Untersuchungshaft: „Im dritten Stock werden wir in Zellen verteilt. Mit einem Kumpel werde ich in eine Zelle geschoben. Erschreckend klein ist diese, circa zweieinhalb mal dreieinhalb Meter groß. Gegenüber dem Eingang ist ein Fenster. Rechts und links an den Wänden in Längsrichtung, das Fenster fast verdeckend, stehen je drei Eisenbetten übereinander mit je einem Strohsack, einem Kissen und einer Decke. Die Kissen sind mit Stroh gefüllt. Nur einen Spalt kann das Fenster geöffnet werden, da die

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Betten es fast verdecken, und nur ein schmaler Gang dazwischen ist frei. Ein kleiner Tisch und eine kurze Bank, altes edles Mobiliar, an dem zwei Mann essen können, stehen gleich rechts, wenn man hereinkommt. Eine kahle Glühbirne an der Decke vervollständigt unseren Luxus. Zehn Männer begrüßen uns neugierig. Jetzt sind wir zwölf in diesem Loch, zwei Mann in jedem schmalen Bett. In den nächsten Tagen werden noch zwei hinzukommen, die werden auf dem Dielenboden unter den Betten schlafen müssen.“ Nach dem Urteil kommt Brandsch in einen Raum, der 72 Schlafplätze hat. Fünf Betten sind sogar doppelt belegt von jungen Männern, die sich gemeinsam auf die Flucht begeben hatten. Auch die Bänke sind als Schlafplätze besetzt, „also suchen wir uns einen Platz unter den Betten auf dem Fußboden“, schreibt Brandsch. In dem Raum sind ausschließlich Grenzgänger zusammengepfercht: 86 Mann. Zu ihnen gehören auch Franz und Dieter aus Marienfeld, die zu je sechs Monaten verurteilt worden sind. Sie werden nach der Entlassung Brandsch eine Ansichtskarte mit Grüßen aus Nürnberg schicken. Anders ergeht es Häftlingen in Jugoslawien. Dort gibt es keine Zwangsarbeit. Das Essen ist nach Berichten der Grenzgänger recht unterschiedlich, doch nicht immer so schlecht wie in Rumänien. Die meisten Gefängnisinsassen würden es vorziehen, an der frischen Luft einer Beschäftigung nachzugehen, denn die Langeweile hinter Gittern ist fast unerträglich. Doch das ist nicht immer möglich. Aussagen von Grenzgängern zufolge ist das auf die Absprachen mit dem UNO-Häftlingshilfswerk und die Zahlung von täglich 90 US-Dollar für jeden Häftling zurückzuführen. In Jugoslawien werden Häftlinge meist korrekt behandelt. Doch auch dort sind sie der Laune des Wachpersonals ausgesetzt. Wenn ein Wärter einer bestimmten Nationalität schlecht gesonnen ist, bekommen das die entsprechenden Häftlinge zu spüren. Die Wärter prügeln sogar. In den meisten Fällen ergeht es speziell Zigeunern und Albanern schlecht. Sie werden nicht zimperlich angefasst, berichten Grenzgänger. Die Zustände im Temeswarer Untersuchungsgefängnis beschreibt William Totok so: „In der etwa fünf Meter langen und zwei Meter breiten Zelle mit sechs engen Schlafstellen, bestehend aus drei doppelstöckigen Eisenbetten, befanden sich eine Latrine mit Wasserspülung und eine Dusche, die einmal pro Woche benutzt werden durfte. Beim geringsten Geräusch hatten wir uns mit dem Gesicht zur Wand aufzustellen. Den Wärtern durften wir uns nicht namentlich vorstellen, sondern mussten stattdessen unsere Nummer nennen. Ich beispielsweise hieß 24. Tag und Nacht brannte in einer mit einem Drahtnetz abgesicherten Wandnische eine schwache Glühbirne. Da jedem Häftling die Uhr abgenommen wird, verliert er jegliche Zeitorientierung. Die jeweilige Tageszeit konnte anhand des Tageslichts bloß annähernd bestimmt werden, das schwach schimmernd durch

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eine winzige, von mehreren Gittern und einer Milchglasscheibe abgesicherte Fensteröffnung in die Zelle fiel. Tagsüber war es untersagt, sich auf dem Bett auszustrecken. Den Häftlingen ist es erlaubt, in der kleinen Zelle auf- und abzugehen bzw. auf der Bettkante zu sitzen. Die Ruhezeit zum Schlafen dauert genau sieben Stunden, von 22 bis 5 Uhr. Klopfzeichen sind verboten, ebenso alle anderen Versuche der Kontaktaufnahme. Dreimal täglich mussten wir - mit dem Gesicht zur Wand gedreht - zum Appell antreten. In unregelmäßigen Abständen fanden überraschend Inspektionen statt, wobei sämtliche Zellengenossen einer peinlichen Kleidervisitation unterzogen wurden. Die Matratzen sowie sämtliche Winkel der Zelle wurden bei derartigen Kontrollen sorgfältig nach verbotenen Gegenständen (wie Papier, Bindfäden, Schnürsenkeln, Metall, Rasierklingen, Glasscherben, Nadeln, Zwirn, Zeitungen, Büchern, Spiegeln, Hosenriemen usw.) durchsucht. Die Wirkung derartiger Besuche auf die sowieso schon arg strapazierten Nerven der Häftlinge entsprach offensichtlich einem raffiniert ausgeklügelten System von Psychoterror.“ Wer in kommunistischer Zeit lange eingekerkert war, hat die Haftanstalt mit schweren psychischen und physischen Schäden verlassen. Der total entrechtete und entmündigte Häftling sei der Willkür der Gefängnisaufseher, der Ermittlungsbeamten und deren Helfershelfer ausgesetzt, die, rekrutiert aus den Reihen der Schwerverbrecher, durch ihre Kollaboration Privilegien erlangt haben. „In einer rumänischen Haftanstalt vergeht kein Tag, ohne dass Gefangene unmenschlich geschlagen werden. Die Schreie der Gefolterten dringen bis in die letzten Winkel des Gefängnistrakts und verbreiten Entsetzen unter den anderen Sträflingen“, schreibt Totok. Widerstand, als Zeichen extremer Verzweiflung, ist stets gescheitert. Wer in Hungerstreik getreten ist, wurde in einer ungeheizten Zelle isoliert, und zwar in einem dünnen Hemd und einer Unterhose. Auf dem Betonboden oder im Eisenbett ohne Matratze blieb den zur Isolationshaft Verurteilten nichts übrig, als in der Zelle auf- und abzugehen. Manchen Häftlingen wurden zusätzlich Eisenketten an den Beinen angelegt. Zu essen bekamen diese Gefolterten nur jeden zweiten Tag, hinzu kam eine Kanne Wasser. Zwangsernährung erfolgte auf Anordnung der Staatsanwaltschaft und des Gefängnisarztes, falls diese vom Überwachungspersonal überhaupt in Kenntnis gesetzt worden waren. Missliebige Häftlinge ließ man einfach verhungern. Totok weiter: „Jeder Häftling erhält bei seiner Einweisung ins Gefängnis einen Aluminiumnapf und eine Blechkanne. Viele greifen zum extremsten Mittel des individuellen Protestes, indem sie ihren Esslöffel verschlucken, den sie für wenige Minuten mittags und abends bekommen, um damit zu essen (Messer und Gabel sind verboten). Nach einem derartigen Verzweiflungsakt, mit dem sie auf sich aufmerksam machen wollen, müssen die in Lebensgefahr schwebenden Häftlinge in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Mir ist der Fall eines

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Gefangenen bekannt, der etwa zwanzig Mal seinen Löffel verschluckt hatte. Die wiederholten chirurgischen Eingriffe zur Entfernung des Metalls hatten eine enorme physische Schwächung des Häftlings zur Folge. In der Vollzugsanstalt setzte der Verurteilte seine Protestaktion ergebnislos fort. Nach einem weiteren Eingriff riskierte er alles: Mit einem scharfkantigen Blechstück trennte er sich seine kaum vernarbten Operationswunden auf und riss sich handtellergroße Hautfetzen vom Bauch, die er dem herbeigeeilten Gefängniswärter entgegenschleuderte. Der erboste Aufseher unterließ es, einen Arzt zu rufen. Der Häftling verblutete in kürzester Zeit infolge seiner sich selbst zugefügten Verletzungen. Derartige Vorkommnisse sind keine Seltenheit. Zumeist werden sie vertuscht; der Gefängnisarzt stellt einen Totenschein aus, in dem als Todesursache irgendeine harmlose Krankheit vermerkt ist.“ Häftlinge, die zu fliehen versucht haben, sind in der Regel rasch gestellt worden. Totok berichtet von zwei Fällen aus dem Untersuchungsgefängnis in Temeswar. „Während des sogenannten Spaziergangs im Freien (in einem etwa 20 Quadratmeter großen Käfig, durch dessen offene, mit einem Drahtnetz abgesicherte Decke man ein Stück Himmel sieht) gelang es den Gefangenen, zu fliehen. Noch am selben Tag wurden sie wieder eingefangen und stundenlang verprügelt. Erst spät in der Nacht verstummten ihre Schreie. Von einem barbarischen Vorfall, der sich im Temeswarer Gefängnis am 25. Dezember 1975 ereignete, berichtete mir ein Mithäftling. Sämtliche Gefangene des Isolationstrakts mussten sich splitternackt auf die eiskalten Betonfliesen des Gefängniskorridors legen. Auf die mit Handschellen aneinandergefesselten Häftlinge prügelte ein Wachkommando mit Gummiknüppeln ein. Gleichzeitig ließ der befehlshabende Offizier die Schreie der Gefolterten auf ein Tonband aufzeichnen, um nach Abschluss dieser entwürdigenden Prozedur den Opfern das Band immer wieder vorzuspielen.“ Zu essen bekamen die Häftlinge dreimal täglich. Als Frühstück gab es eine leicht gesüßte Brühe, in der neben gebrannten Gerstenkörnern manchmal auch noch gequollene Keksreste schwammen. Das Mittagessen bestand aus einer Art Suppe - ein undefinierbares, lauwarmes Gebräu, in dem manchmal eine oder zwei oberflächlich geschälte Kartoffeln schwammen - und eine zweite Brühe, zumeist aus grünen oder getrockneten Bohnen, aus madigem Sauerkraut oder verwelktem Kohl und Graupen, aus ungeschälten Kartoffeln, schmutzigem Spinat, aus Graupenbrei oder auch aus einfach in Salzwasser gekochten Makkaroni. „In dieser als zweiter Gang servierten Brühe schwimmen sogar Fleischabfälle, d.h. entweder Kuhaugen, unverwertbares Euter, Schafslippen oder borstige Schweinefüße, an denen manchmal sogar noch die Klauen dran sind. Dazu erhält der Häftling täglich 125 Gramm säuerlich schmeckendes Schwarzbrot und etwa 200 Gramm eines unausgebackenen Maisfladens (eine breiige, gelbe Masse, bekannt unter der Bezeichnung ‹turtoi›).“ Das Abendbrot eines Untersu-

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chungsgefangenen entsprach etwa dem zweiten Gang des Mittagsmahls: „keine Proteine, kein Fett, keine Vitamine - immer nur ungenießbare, wässrige Kohlenhydrate“. Auch Sportler nutzen das Schlupfloch Jugoslawien Zu denen, die Reisen nach Jugoslawien zur Flucht nutzen, gehören auch bekannte Sportler, wie der DDR-Fußballnationalspieler Falko Götz, geboren am 26. März 1962 in Rodewisch. Am 3. November 1983 setzt er sich zusammen mit seinem Mannschaftskollegen Dirk Schlegel vor dem Europapokalspiel des Berliner FC Dynamo bei Partisan Belgrad in die bundesdeutsche Botschaft in Jugoslawien ab und gelangt mit einem Ersatzpass in den Westen. Ein Gastspiel des rumänischen Erstligisten Dinamo Kronstadt in Jugoslawien nutzt auch der Handballer Bruno Zay 1970 zur Flucht. Er trampt durch Jugoslawien und gelangt über Italien und Österreich nach Deutschland, wo er sich als Spieler dem VfL Gummersbach anschließt und mit Hansi Schmidt in einer Mannschaft spielt. Zu jenen, die aus der DDR über Ungarn nach Jugoslawien gelangen wollten, gehört auch Wolfgang Andreas, der nach der Ausreise unter dem Namen Chris Wolff als Schlagersänger Karriere machen wird. Der am 2. Oktober 1954 in Chemnitz geborene Andreas versucht 1981, durch Bestechung über die tschechisch-ungarische Grenze zu gelangen, um danach die ungarisch-serbische Grenze zu überwinden. Doch er gerät an einen Gauner; die Tschechen stellen ihn, in der DDR wird er zu drei Jahren Haft verurteilt und gelangt 13 Monate nach Urteilsverkündung durch Freikauf in die Bundesrepublik Deutschland. Der angebliche Schlepper, ein in der DDR tätiger ungarischer Kellner, kassiert von Andreas 27.500 DDR-Mark. Bekannt wird Wolff 1987 mit den Hits „Palma de Mallorca“ und „Am Strand von Maspalomas“ bei Auftritten in der ZDF-Hitparade. Der Titel „Wenn die Sehnsucht brennt“ gehört zu seinen letzten Erfolgen. Doch nicht jeder, der sich im Westen in Freiheit wähnt, ist auch in Sicherheit. Ein Beispiel dafür ist der am 16. Juli 1956 in Brandenburg an der Havel geborene Fußballer Lutz Eigendorf. Ab 1970 spielt er für den FC Dynamo Berlin und absolviert sechs Länderspiele für die DDR. Am 20. März 1979 setzt er sich nach einem Freundschaftsspiel des BFC Dynamo beim 1. FC Kaiserslautern bei einem Stadtbummel in Gießen von der Mannschaft ab. Die Tatsache, dass Eigendorf beim Polizeisportklub Dynamo gespielt hat, wird ihm zum Verhängnis, insbesondere, weil der Stasi-Chef Erich Mielke ein begeisterter Fußballfan war. Hinzu kommt noch, dass sich Eigendorf in den westlichen Medien kritisch über die DDR äußert. Eigendorfs in Berlin gebliebene Frau Gabriele wird mit der Tochter unter ständige Beobachtung gestellt.

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Auch Eigendorf selbst, der 1982 vom 1. FC Kaiserslautern zu Eintracht Braunschweig wechselt, gerät ins Visier der Staatssicherheit. Westdeutsche MfSInformanten überwachen ihn fast ständig. In der Nacht des 5. März 1983 wird Eigendorf bei einem mysteriösen Verkehrsunfall schwer verletzt und stirbt zwei Tage später. Die Obduktion ergibt einen sehr hohen Alkoholgehalt im Blut. Vereinskollegen sagen aus, Eigendorf habe sich zwar am Abend mit ihnen getroffen, aber nur sehr wenig Bier getrunken. Nach Öffnung der Stasi-Archive deutet einiges darauf hin, dass der vermeintliche Verkehrsunfall ein von der Staatssicherheit der DDR geplanter oder sogar ausgeführter Mordanschlag gewesen ist. Als sich der aus dem Banat stammende Handballer Hansi Schmidt am 30. November 1963 in Köln von seiner Mannschaft abgesetzt hat, beauftragt die rumänische Botschaft Privatdetektive, die den zukünftigen Star des VfL Gummersbach aufspüren sollen. Hätten sie ihn gefunden, wäre sein Freiheitstraum rasch zu Ende gewesen. Ebenfalls in Gießen gelangt der rumänische Handballer Vasile Capră Mitte der 1970er Jahre in die Freiheit. Er springt aus dem Zugfenster auf den Bahnsteig. Denn seine Mannschaftskollegen von Steaua Bukarest und die Geheimdienstmitarbeiter in Begleitung der Mannschaft hatten ein wachsames Auge auf ihn geworfen, so dass er durch die Tür den Zug nicht hätte verlassen können. Aber nicht nur Sportler und DDR-Flüchtlinge wurden überwacht und bespitzelt; Auch Grenzgängern aus Rumänien ist es ähnlich ergangen. Anfang der 1980er ist der Wagen eines aus Rumänien geflüchteten Ingenieurs in Neuss bei Düsseldorf explodiert. Der Mann ist mit dem Leben davongekommen, der Anschlag - vermutlich steckt die Securitate dahinter - ist fehlgeschlagen. Der Staatssicherheitsrat führte unter der Nummer 506.826 vom 24. März 1969 eine streng geheime Akte über rumänische Staatsbürger, die von 1960 bis zum 31. Dezember 1968 nicht mehr von Auslandsreisen heimgekehrt sind. Das hat Doina Magheţi bei der Akteneinsicht in den Archiven des Geheimdienstes Securitate erfahren. In dieser Zeit sind der Akte zufolge 1563 rumänische Staatsbürger im Ausland geblieben, davon waren 153 Mitglieder der kommunistischen Partei, 20 waren dienstlich unterwegs, 133 als Touristen, 290 waren Jungkommunisten, fünf Mitglieder der nach dem Krieg aufgelösten sogenannten bürgerlichen Parteien. In Österreich geblieben sind 320 Personen, in Jugoslawien 308, in der Türkei 196, in der Bundesrepublik Deutschland 119, in Italien 112 und in Frankreich 99. Unter den 1866 rumänischen Bürgern, die von 1960 bis zum 31. März 1969 nicht mehr von Auslandsreisen heimgekehrt sind, waren 204 Ingenieure, 138 Ärzte, 97 Lehrer, 81 Künstler, 15 Wirtschaftswissenschaftler und vier Physiker. In derselben Zeit sind 45 Personen aus Rumänien geflüchtet, indem sie sich gefälschter Pässe bedient oder in Güterzügen oder Schiffen versteckt hatten.

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Dem „Bericht über einige Schlussfolgerungen aus der laufenden Geheimdiensttätigkeit in der Abteilung Gegenspionage vom 1. April 1969“ ist zu entnehmen, dass „387 Elemente“, davon 322 Ausländer überwacht wurden. Der Geheimdienst Securitate hat sie der Spionage für „verschiedene kapitalistische Staaten“ bezichtigt. 38 rumänische Staatsbürger wurden wegen Vaterlandsverrats observiert wegen ihrer Kontakte zu Ausländern. Andere wiederum wurden verdächtigt, Ausländern Informationen zu liefern. Die restlichen 27 rumänischen Staatsbürger, die das Land illegal verlassen haben, seien dafür bekannt, dass sie sich Rumänien gegenüber feindselig verhielten. Einige seien als Agenten für ausländische Geheimdienste tätig, andere verbreiteten über die Radiosender „Freies Europa“ und „Die Stimme Amerikas“ feindselige Propaganda über Rumänien oder versuchten, Kontakt zu Flüchtlingen aufzunehmen. Zu den am häufigsten Überwachten gehörten deutsche, französische, amerikanische, israelische, italienische und englische Staatsbürger, heißt es in dem SecuritateBericht. Der Geheimdienstakte 506830 vom 5. April 1969 ist zu entnehmen, dass 1968 das Jahr mit den meisten Fluchten in den 1960er Jahren war. 619 rumänische Staatsangehörige haben das „Internationale TouEin Denkmal erinnert in Orschowa an jene, die ihr Leben ristik-Jahr 1968“ genutzt, um verloren haben beim Versuch, über die Donau in die Freiheit zu gelangen. Rumänien den Rücken zu kehFoto: Walther Konschitzky ren. Zu denen, die in den 1960er Jahren im Ausland geblieben sind, gehörten dieser Quelle zufolge sieben Securitate-Informanten. Von ihnen hätten sich sechs geweigert, weiter mit dem rumänischen Geheimdienst zusammenzuarbeiten. 51 Flüchtlinge seien als Problemfälle eingestuft worden, weil sie anscheinend feindliche Tätigkeiten gegen Rumänien im Ausland ausübten. 55 weitere seien in Abwesenheit verurteilt worden zu Freiheitsstrafen zwischen sieben und 15 Jahren und zum Einzug des

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Vermögens. Die stetig wachsende Zahl der Rumänien-Besucher aus dem Ausland hat der Securitate immer mehr Arbeit beschert. In den Archiven des Geheimdienstes ist genau festgehalten, wie viele Besucher jährlich eingereist sind: Den Unterlagen ist zu entnehmen, dass 676 000 Ausländer 1965 Rumänien besucht haben. 1966 waren es schon 916 500, in den beiden folgenden Jahren 1,2 und 1,4 Millionen und 1969 schon mehr als 2 Millionen. Zu den Aufgaben der Securitate gehörte auch die Ermittlung der Fluchtwege und Tricks der Grenzgänger. In einer für das Jahr 1969 erstellten Dokumentation heißt es, viele Touristen, die mit dem Rumänischen Automobil-Klub oder dem Rumänischen Touristik-Amt in die Tschechoslowakei gereist sind, hätten Schifffahrten auf der Donau genutzt, um sich in Österreich abzusetzen. Andere hätten in Bulgarien Ausflüge in die Türkei gebucht, um in die Freiheit zu gelangen. Um weitere Fluchtversuche zu verhindern, hat der Geheimdienst Briefe aus dem Ausland abgefangen und die entnommenen Erkenntnisse verwertet. Den Securitate-Unterlagen ist beispielsweise zu entnehmen, dass einer Bukaresterin in einem Brief der Rat erteilt worden sei, 10 000 Lei auf die Reise in die Tschechoslowakei mitzunehmen, um die Donaufahrt nach Wien buchen zu können. In einem Brief wurde einer anderen Bukaresterin geraten, in Prag die bundesdeutsche Botschaft zu besuchen, um sich ein Durchreisevisum für Dänemark oder Frankreich zu besorgen. Eine nach Österreich geflüchtete Rumänin schreibt einer Architekturstudentin, sie sollte den von ihr erprobten Trick anwenden: In Preßburg habe sie sich auf dem Bahnhof krank gestellt. Der Bahnhofsvorsteher habe darauf gemeint, sie sollte doch einfach mit dem Zug ins nur 60 Kilometer entfernte Wien fahren. Aus einem aus Italien eingegangenen Brief hat die Securitate erfahren, auf welche Art und Weise rumänische Staatsbürger in die Türkei gelangen. Der nach Italien Geflüchtete schreibt einem Bekannten: „Eine Fahrkarte von Sofia nach Istanbul kostet lediglich 10 Dollar. Versuch, je mehr Geld mitzunehmen, versteck es, denn sie ziehen Dich an der Grenze nicht bis auf die Haut aus. Es wäre gut, wenn Du das Haus verkaufst und Dir die Anschrift Deiner Schwiegereltern zulegst. Nehme das gesamte Geld vom Hausverkauf mit. Den Reisepass solltest Du über den Rumänischen Automobil-Klub besorgen. Möchten sie wissen, wohin Du willst, sage ihnen, Du wolltest Verwandte in Sofia besuchen. An der Grenze zur Türkei gibt es keine Probleme.“ Mit dem Sturz Ceauşescus im Dezember 1989 enden die Fluchtversuche aus Rumänien nach Jugoslawien. Diejenigen, die in jenen Tagen der Revolte Haftstrafen wegen illegalen Grenzübertritts verbüßen mussten, waren mehr als verärgert, weil sie die Gefahren einer Flucht noch auf sich genommen haben. Mit Öffnung der rumänischen Grenzen wären sie auch ohne Flucht in die Freiheit gelangt. Heute, wo Rumänien zur EU gehört und Serbien noch immer unter den

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Folgen des von Slobodan Milošević vom Zaun gebrochenen Balkankriegs leidet, haben sich die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt: Heute flüchten Menschen aus Serbien über die Grenze nach Rumänien. Wie die Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien in ihrer Ausgabe vom 7. August 2007 berichtet, hat der rumänische Grenzschutz rund 100 serbische Staatsbürger festgenommen, die illegal rumänisches Territorium betreten haben. Sie hätten sofort Asylanträge gestellt und den rumänischen Beamten in Aussicht gestellt: „Weitere werden folgen…“ Johann Steiner

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Flüchtlinge erzählen Der lange Treck Von Johann Steiner Seit Tagen ist Gewehr- und Kanonendonner zu hören. Er wird immer lauter. Die Deutschen in Billed in der Banater Heide haben ein ungutes Gefühl. Der Sommer ist fast zu Ende. Der Mais sollte schon gebrochen werden. Doch seit Tagen traut sich kaum noch jemand auf den Kneser und Hodonier Hotter. Und dann taucht am ersten Herbsttag der erste Rotarmist in der Sauerländer Gasse auf. Seit jenem 21. September 1944 sind fast 64 Jahre vergangen. Es sind Jahre, in denen sich das Dorf in Südwestrumänien so grundlegend verändert hat, dass die, die es seither nicht mehr gesehen haben, es kaum wiedererkennen würden. Für die, die nicht an der Front sind, beginnt im Herbst 1944 erst das große Leid. In jenen Septembertagen, aber auch noch später will kaum einer es wahr haben, was in den kommenden Monaten, Jahren und Jahrzehnten passiert. Der russische Vorposten in der Sauerländer Gasse kann keinen Feind im Dorf ausmachen und lässt seine Kameraden ausschwärmen. Auf dem Hof von Jakob Gilde im Schatten der Billeder Kirche taucht an diesem Tag ein Soldat asiatischer Herkunft auf, die Kalaschnikow im Anschlag. Sein Ziel: die Ställe. Seine Truppe braucht Pferde. Doch er findet keines. Jakob Gilde hat sein letztes Pferd - die beiden vorletzten hat die rumänische Armee ihm genommen - hinter den Strohschober gestellt. Bis dorthin geht der Rotarmist nicht. Er zieht unverrichteter Dinge ab. Das unverhoffte Auftauchen des Mannes mit den Schlitzaugen lässt bei Jakob Gilde die Alarmglocken läuten. Er will weg, bevor die Russen scharenweise einfallen. Das Pferd macht es noch möglich, und deutsches Militär, das die Russen am nächsten Tag aus dem Dorf drängt. Jakob Gilde, seine Frau Katharina und die Tochter, die auf denselben Vornamen wie die Mutter hört, zögern keinen Augenblick. Sie bereiten die Flucht vor. Sie schlachten ein Schwein, braten das Fleisch, konservieren es in Gläsern und packen das Nötigste. Am 24. September hat Jakob Gilde Geburtstag. Er wird ihn auf seinem ersten Fluchttag fahrend und marschierend verbringen. Er ist 48 Jahre alt, seine Frau 42. Die Gildes lassen einen Stall voller fetter Schweine zurück, einen Keller voller Kartoffeln, die gesamte zur Lieferung vorbereitete Hanfernte, den nicht geernteten Mais und die ganze Wirtschaft. Doch er hat viel Geld bei sich. Das Jahr 1944 war noch ein gutes Jahr für Landwirte im Banat. Zusammen mit den Gildes aus der Kirchengasse flüchtet auch ein Teil der

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Verwandtschaft. Jakob Gildes Schwester Maria aus der Altgasse, die mit Hans Szlavik verheiratet ist. Die beiden sind 49 Jahre alt und nehmen Schwiegertochter Anna und den knapp vier Monate alten Enkel Ewald mit. Die Eltern bleiben im Haus in der Altgasse: Katharina und Jakob Gilde senior weigern sich mitzufahren. Als dritte Familie begeben sich die mit den Szlaviks und Gildes verwandten Brauns aus der Altgasse auf die Flucht: Mutter Katharina mit der gleichnamigen Tochter und Sohn Hans. Dabei sind auch die Eltern der Mutter, Margarethe und Hans Wolf. Ungarische Soldaten haben ihnen die letzten Pferde weggenommen. Für den Trecker haben sie keinen Diesel mehr. Über Gertjanosch erreichen die Flüchtlinge Hatzfeld und erleben die erste Überraschung: Sie treffen Jakob Szlavik, Ewalds Vater, der sich als Angehöriger der Organisation Todt von Serbien durchgeschlagen hat. Kurzentschlossen zieht er die Uniform aus und fährt im Flüchtlingstreck als Zivilist mit. Über Sankt Hubert erreichen sie Kikinda im serbischen Teil des Banats. Unter dem Schutz deutscher Soldaten besteigt ein Teil der Flüchtlinge einen Zug, der westwärts fährt. Dazu gehören auch die Brauns und die Wolfs, die auf dem Weg ihr ganzes Gepäck verlieren, aber schließlich wohlbehalten Ried im Innkreis erreichen und in Niederbronn einquartiert werden. Sie haben es bei „ihrem“ Bauern nicht gut. Auch Maria Szlavik und ihre Schwiegertochter Anna mit dem Sohn Ewald entscheiden sich für den Zug. Der Rest der Familie fährt mit dem Pferdewagen weiter. Doch es dauert nicht lange, dann sehen sie sich wieder. Die Pferdefuhrwerke holen den von serbischen Partisanen gestoppten Zug ein. Sie setzen die Flucht mit der Familie fort. Der Pferdewagen-Treck erreicht nach wenigen Tagen die Theiß bei Segedin. Die Flüchtlinge müssen sich gedulden. Die Gildes und Szlaviks liegen acht Tage am Fluss, um mit der Fähre übersetzen zu können. Sie haben Glück und schaffen es. Die Wege sind vom vielen Regen aufgeweicht, die Pferde haben es schwer. Auf der Fahrt haben sie schon manches gute Stück weggeworfen. Weil immer wieder serbische Partisanen versuchen, die Flüchtlinge am Übersetzen zu hindern, lassen viele Flüchtlinge Pferde und Wagen mit dem letzten Hab und Gut stehen. Sie retten das nackte Leben auf die ungarische Seite. Manche profitieren davon. Jakob Gilde nimmt sich eines der zurückgelassenen herrenlosen Pferde. Er hat jetzt ein zwar ungleiches Gespann, doch zwei Pferde schaffen mehr als eins. Wie sich später im Salzburger Land herausstellen soll, gehört das Pferd einem Billeder. Viele erreichen das rettende ungarische Ufer nicht. Sie fallen in die Hände serbischer Partisanen. Dazu gehört eine Reihe Billeder Familien. Auch Hans Gilde, ein Vetter Jakob Gildes, begibt sich am 24. September auf die Flucht mit seiner Frau Regina, seiner unverheirateten Tochter Magdalena, seiner Tochter Wetti Schäfer und Enkelin Arntrud. Sie nehmen auch Margare-

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the Rademacher und deren Tochter Maria ins Schlepptau. Auch sie verlassen Rumänien bei Hatzfeld, fahren über Serbisch-Zerne, erinnert sich Magdalena Sehi geborene Gilde. Partisanen stoppen sie und zerstören Hans Gildes Traktor, der mit zwei angehängten Wagen zurückbleibt. Deutsche Soldaten vertreiben die Partisanen. Weiter geht es nachts mit den beiden Pferdefuhrwerken, die ihnen noch geblieben sind. Auf den aufgeweichten Wegen müssen sie bald einen der beiden Wagen zurücklassen, weil es die Pferde nicht mehr schaffen. Die beiden Rademacher-Frauen entschließen sich, nach Hause zu gehen. Sie schaffen es. Die anderen erreichen Deutsch-Zerne. Deutsche Soldaten schicken sie nach Kikinda, denn nur dort kann noch für ihre Sicherheit garantiert werden, so Magdalena Sehi. Doch dorthin gelangt der Treck nicht mehr. In Deutsch-Elemer fallen die Flüchtlinge in die Hände von Partisanen. In den Händen von Partisanen Diese Serben bringen die Gefangenen nach Großbetschkerek: Frauen und Kinder auf Pferdewagen. Die Männer müssen laufen, reitende Partisanen treiben sie vor sich her. In einer ehemaligen Mühle beginnt für die Männer ein unbeschreibliches Martyrium. Sie werden geschlagen, gefoltert und später erschossen. Die Frauen und Kinder, die zusammen untergebracht sind, bekommen genau wie die Männer kaum etwas zu essen. Weil die Frauen protestieren, werden die Jugendlichen nach einigen Tagen von den Männern getrennt und in den Raum zu den Frauen gesteckt, erinnert sich der damals 17-jährige Hans Ortinau. Dieses Glück haben neben Hans Ortinau ferner Hans Braun (Kirchengasse), Adi Klein und zwei Gesellen. Freigelassen werden nach wenigen Tagen die beiden Temeswarer Textilfabrikanten Josef Stefan Schmidt und Anton Knopf. Die Russen brauchen sie, um die Produktion wieder anzukurbeln. In die alte Mühle eingeliefert werden nach ein paar Tagen auch Katharina Lichtfuß und ihr Sohn Hans. Deutsches Militär nimmt sie auf dem Rückzug von Hatzfeld mit einem Rot-Kreuz-Wagen mit, weil sie auf ihrem Hof in der Vertgass (Vierten Gasse) verwundet wurden: Katharina Lichtfuß hatte ein durchschlagenes Bein, Hans Lichtfuß 18 Granatsplitter im ganzen Körper verteilt. Bis Hatzfeld sind sie zusammen mit Hans Lichtfuß' Tochter Maria und Sohn Hans geflüchtet, die jedoch von dort heimkehren. Die gefangenen Männer müssen täglich zur Arbeit. Anfangs leeren sie die Rucksäcke erschossener und umgebrachter deutscher Soldaten. Das verschimmelte Brot, das sie darin finden, ist gut gegen den Hunger, sie weichen es am Brunnen in Wasser auf und essen es. Die Männer sind in einem Raum mit Betonwänden und -boden untergebracht, Betten fehlen. Von den Decken fallen die Wanzen. Die Frauen haben Stockbetten; sie müssen sich gegen Läuse wehren. Vor dem Raum der Frauen liegt die „Schwitzzelle“. Dort erschlagen die Parti-

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sanen nachts deutsche Soldaten. Sie prügeln mit Knüppeln und Gewehrkolben auf sie ein. Die Blutlachen sind am Morgen nach den fürchterlichen Schreien in der Nacht ein weiteres Zeugnis dieses Martyriums. Unter den Gefangenen ist auch eine russische Krankenschwester. Sie wird eines Tages freigelassen. Doch sie will das Lager nur verlassen, wenn auch die anderen Gefangenen befreit werden. Ihr Protest hilft: Im Dezember werden Frauen, Kinder und Jugendliche freigelassen. Von den Billedern kommen frei: Magdalena und Regina Gilde, Wetti und Arntrud Schäfer, Susanne und Maria Weber, Gabi und Barbara Linzer, Inge, Elsi, Günther und Magda Thöreß, Magdalena, Ritzi und Adi Klein, Mädi, Hans und Anna Braun, Katharina Lichtfuß, ferner Attila Schmidts Frau. In Hatzfeld werden sie von Rumänen im Großen Wirtshaus interniert, doch es geht ihnen besser, denn die deutsche Bevölkerung versorgt sie. Jede Straße ist eine Woche lang an der Reihe, für die Geschundenen zu kochen. Ein neues Problem ist jetzt aufgetreten: Die Mädchen müssen sich vor den russischen Soldaten verstecken, um der Vergewaltigung zu entgehen. Das Versprechen, auch die Männer aus der Mühle in Großbetschkerek zu entlassen, halten die Serben nicht. Im Lager in Großbetschkerek kommen die meisten durch Genickschuss ums Leben: Dr. Hans Weber, Hans Linzer, Janni Braun, Dr. Michael Ortinau, Attila Schmidt, Peter Schwarz und Hans Bohn. Die Flucht aus dem Vernichtungslager gelingt Hans Gilde, Adam Klein, Albert Thöreß und Hans Lichtfuß. Wie Magdalena Sehi berichtet, ist ihr Vater, Hans Gilde, nach der Heimkehr ein gebrochener alter Mann. Er wird an den Folgen der Prügel sterben. Hans Lichtfuß gelingt zweimal die Flucht. Das erste Mal schicken die Rumänen ihn von Arad aus zurück nach Serbien. Das zweite Mal, im Jahr 1948, wird er wieder in Arad festgenommen, doch anschließend freigelassen. Während die einen in serbischen Lagern dahinvegetieren, setzen die anderen die Flucht fort. Mit Essen sind die Flüchtenden versorgt. Probleme gibt es nur mit Kleinkindern. Maria Szlavik klopft täglich in den Dörfern an Haustüren und bittet für ihren Enkel Ewald um Milch. Jeden Tag Milch von einer anderen Kuh, das verträgt nicht jedes Kind. Ewald übersteht es, problemlos. Für die Pferde ist gesorgt, denn der Mais ist noch nicht geerntet. Nächstes Ziel des Trecks ist die Donaubrücke in Feldwar und dann deutscher Boden. Nach einem Monat hat die Flucht in Niederösterreich ein vorläufiges Ende. Doch das weiß noch keiner. Die Familien Gilde und Szlavik machen in Aspersdorf im Kreis Hollabrunn halt. Das Bürgermeisteramt kümmert sich um die Unterbringung der Flüchtlinge. Familie Gilde wird bei Familie Haunold eingewiesen. Der Hausherr will sie im Vorbehalterhaus unterbringen. Es ist ein altes Gebäude. Das Zimmer und die Küche haben kaputte Fußböden, die Fensterscheiben sind eingeschlagen, Möbel fehlen. Als sich die beiden Frauen umsehen, müssen ihre Mienen Bände sprechen. Der Hausherr bittet sie ins Haupthaus. Er lässt das alte Haus reparieren, Dorfbewohner spenden Möbel. Sie

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kommen durch den Winter. In Aspersdorf erhält Familie Gilde Besuch. Hans Steiner, der Verlobte Katharinas, hat zwei Wochen Urlaub. Er marschiert in der Zeit, als die Flüchtlingstrecks schon unterwegs sind, als Wachsoldat mit russischen Gefangenen binnen eines Monats von Belgrad bis Wien. Auch der Neffe der Gildes, Jakob Billinger, kommt während seines Urlaubs zu Besuch nach Aspersdorf. Im Frühjahr nähert sich die Front; die zwei Familien packen wieder und fahren weiter westwärts. Über Bayern gelangen sie ins Salzburger Land. Den 8. Mai 1945 erleben sie im zu St. Georgen gehörenden Untereching. Der Tag des Zusammenbruchs ist ein schlimmer. Freigekommene Kriegsgefangene bewaffnen sich, morden und feiern Orgien. Familie Gilde kommt bei dem Landwirt Franz Spatzenegger unter. Sie hat Glück. Die Spatzeneggers sind gute Leute. Die Gildes bekommen täglich ihren Liter Milch und ausreichend Kartoffeln, bei dem herrschenden Elend nicht mit Gold aufzuwiegen. Doch was sie und ihre Gastgeber nicht ahnen können: Das Gute, das die Gildes erfahren, werden sie mit ähnlich Gutem zurückzahlen. Zu Fuß nach Prag Zwei Wochen nach dem Zusammenbruch ist Hans Steiner ein freier Mann. Als Angehöriger der Organisation Todt hat er keinen Blutgruppenstempel unter dem Arm. Deshalb entlassen ihn die Amerikaner aus der Kriegsgefangenschaft. Über die Salzach wechselt er von Bayern nach Österreich und geht zu seiner Verlobten nach Untereching. Der neue Bürgermeister von Sankt Georgen bei Salzburg nimmt ihn nur unter einer Bedingung in die Gemeinde auf: Er muss auf seinem Hof arbeiten. Auf dem Bauernhof gibt es oft Suppe zum Mittagessen. Doch wählerisch kann keiner sein. Hauptsache: Er ist satt. Weniger Glück als Hans Steiner hat Jakob Szlavik Nachdem seine Familie in Niederösterreich untergebracht ist, schlägt er sich nach Wien durch und meldet sich bei seiner Einheit. Nach Weihnachten 1944 wird er nach Prag verlegt, wo ihn seine Mutter eines Tages besucht. Sie legt die 120 Kilometer nach Prag zu Fuß zurück. Auf dem Weg zurück nach Niederösterreich nimmt ein Lastwagenfahrer sie mit. Von Prag setzt sich Jakob Szlaviks Einheit nach Westen ab. 14 Tage vor dem Zusammenbruch wird ihm noch die Blutgruppe unter den Arm tätowiert. Er gehört jetzt der Waffen-SS an. Am 4. Mai ist er mit Kameraden auf einem Bauernhof bei Salzburg. Sie sind hungrig. Doch die Bäuerin kann ihnen kein Brot anbieten. Sie dürfen sich jedoch Kartoffeln nehmen. Als sie eben die Suppe kochen wollen, tauchen Franzosen auf und stellen sie an die Wand, um sie zu erschießen. Bevor die Franzosen anlegen können, fahren Amerikaner vor und nehmen sie als Gefangene mit. Zurück bleibt alles, was sie noch haben. Auch die Uniformröcke. Sie kommen

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in ein Sammellager bei Ried am Inn. Es folgen kalte Nächte. Sie liegen ohne Schutz im Freien, morgens bedeckt Reif ihre Körper. Und sie sind hungrig. Sie werden dann in ein richtiges Lager bei Wegscheid verlegt. Auch dort plagt sie der Hunger. Doch eines Morgens duftet es nach Kaffee. Und von diesem Tag an funktioniert der amerikanische Verpflegungsnachschub. Allmählich wird alles lockerer. Jakob Szlavik und Josef Thöreß aus der Altgasse dürfen zusammen mit sechs Mann aus Kleinbetschkerek täglich nach Krems fahren, um das Kino instandzuhalten. Und dann ist der langersehnte Tag der Freiheit gekommen: der Karfreitag 1946, es ist der 19. April. Als er in Untereching eintrifft, sind die Ostereier schon gefärbt. Doch Ewald hat Angst vor dem Vater, er kennt ihn nicht. Mit den gefärbten Eiern gelingt es Jakob Szlavik, den Sohn spielend für sich zu gewinnen. Das Eis ist gebrochen. Er ist erst wenige Tage frei, da steht ein Hochzeitsfest an. Katharina Gilde und Hans Steiner sind seit dem 29. März standesamtlich getraut, jetzt bekommen sie auch den kirchlichen Segen. Seit Monaten hat die ganze Familie die Lebensmittelkarten nicht eingelöst. Jetzt reichen sie aus, um die nötige Portion Fleisch für den Hochzeitsbraten einkaufen zu können. Es ist der 23. April. Hans Steiner hat keinen Sonntagsanzug. Seine Kleidung hängt noch daheim im Schrank bei den Eltern. Aber Jakob Szlavik kann aushelfen, sein blauer Anzug hat die Flucht überstanden. So richtig wollen Hose und Rock dem deutlich größeren Bräutigam nicht passen. Er trägt den Gürtel samt Hose etwas tiefer. Es sind eben schlechte Zeiten. Inzwischen hat Jakob Gilde sein rumänisches Geld - es hätte ausgereicht, ein Haus zu kaufen -, in Reichsmark und anschließend in Schilling umgetauscht. Doch die Gedanken kreisen ständig um die Heimat. Katharina Gilde hat großes Heimweh. Maria Szlavik will ihre alten Eltern nicht allein in Billed lassen. Die Folge: Als erster fährt Hans Szlavik nach Hause, um alles zu erkunden. Im Juni machen sich Katharina und Jakob Gilde zusammen mit Tochter und Schwiegersohn, ferner Maria Szlavik mit Sohn, Schwiegertochter und Enkel auf den Heimweg. Geld für die Fahrkarten haben sie noch. Hätten sie es nicht, wäre die Heimreise gefährdet. Um die Durchreiseerlaubnis durch Ungarn zu erhalten, lassen sie sich als Ungarn registrieren. Einen Schlepper haben sie auch gefunden. Es ist ein gewisser Stefan. Er stammt aus dem serbischen Teil des Banats und spricht Deutsch, Ungarisch, Serbisch und Rumänisch. Am Tag der Abfahrt kommt Katharina Braun auf den Salzburger Bahnhof, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und sagt: „Leute, was habt ihr vor.“ Doch die Heimreisewilligen lassen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Sie steigen ein in den Zug in Richtung Osten. In Ruppertsburg die erste Überraschung. Die Ungarn kontrollieren die jungen Männer und filtern ehemalige SS-Angehörige heraus. Stefan, der Schlepper, geht zweimal zur Kontrolle, einmal für sich und das zweite Mal für Jakob Szla-

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vik. Ein Wunder, dass es nicht auffällt. Einer der Kontrolleure schaut schon schief. An der Grenze im Dreiländereck Ungarn/Rumänien/Serbien sind die ungarischen Grenzer bestochen. Doch das hindert sie nicht, den Heimkehrern vor dem Grenzübertritt die letzten Habseligkeiten wegzunehmen. Während die einen heimgehen, flüchten die anderen. 1946 kommt Katharina Brauns Bruder Hans in Niederbronn an. Nach einer Haft in Târgu Jiu kommt er ins Lager nach Russland. Nach der Entlassung kehrt er zurück nach Billed und flüchtet 1949 über die Grenzen in die Freiheit. 1949 zieht die ganze Familie nach Kaisersberg im Oberelsaß, wo sie bis 1952 bleibt. Dann dürfen die Brauns endlich nach Deutschland einreisen. Ihre Odyssee endet in Glatt im Schwarzwald. Dort finden Margarethe und Hans Wolf und später ihre Kinder, Katharina Braun und Hans Wolf, ihre letzte Ruhestätte. Den Szlaviks, Gildes und Steiners erspart die Flucht die RusslandVerschleppung. Der Verbannung in die Donautiefebene entgehen sie aber nicht. Zu Hause angelangt, stehen die Gildes vor dem Nichts. Nicht einmal ein Bett haben sie mehr. Im Haus sind Bessarabien-Flüchtlinge. Doch die rücken zusammen und machen ihnen Platz. Das Verhältnis ist gut, man hilft sich sogar. Trotzdem: Eines Tages kommt Misstrauen auf. Aus den Nahrungsmittelvorräten der bessarabischen Flüchtlinge fehlt ab und an etwas. Der Verdacht fällt auf die frisch Heimgekehrten. Der Bessarabier ist Postmeister und hat einen Lehrling. Als der Postmeister den Jungen beim Stehlen erwischt, verprügelt er ihn jämmerlich. Der Hausfrieden ist für immer hergestellt. Doch das sind Lappalien. Hans Steiner und Jakob Szlavik haben ganz andere Sorgen, ähnlich wie viele andere Heimkehrer. Beide sind vor dem Angriff auf die Sowjetunion aus der rumänischen Armee desertiert und haben sich der Organisation Todt in Serbien angeschlossen. Jetzt werden sie gesucht. Ein monatewährendes Versteckspiel beginnt. Es endet erst, so Jakob Szlavik, als Peter Mann die Pferde einspannt, unter allen Wehrmachts- und Waffen-SSAngehörigen sowie Deserteuren im Dorf eine Sammlung durchführt und die Polizei besticht. Die Verfolger sind stets Angehörige der neuen rumänischen Kolonisten, die Ende 1944 ins Dorf gekommen sind, alle Rechte haben und sich als Herren aufführen. Hans Steiner hat Glück, er entwischt ihnen immer wieder. Doch Jakob Szlavik fassen sie eines Tages bei Onkel Wendel Szlavik in der Altgasse. Sie bringen ihn zusammen mit Jakob Bürger und Josef Schöplein nach Temeswar und anschließend nach Hunedoara ins Hüttenwerk. Dort angekommen, sitzt er mit vielen anderen Eingefangenen in einem großen Raum. Doch nicht lange. Beim Schichtwechsel mischt er sich unter die vielen Arbeiter, die das Werk verlassen und geht zum Bahnhof. Er tritt die Hälfte seines Tabaks einem Eisenbahner ab, der nimmt ihn im Güterwagen nach Simeria mit. Nach zwei Tagen wird er zu Hause sein. Er muss noch einige Male umsteigen: in Deva, Maria Radna und

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Temeswar. Auf dem Bahnhof in Temeswar dann die Überraschung: Jakob Szlavik sieht den Billeder Polizeichef in den Zug einsteigen. Er geht weiter bis nach Tscharda, steigt dort in den Zug ein, in dem der Polizist sitzt. In Billed verlässt er den Zug auf der dem Bahnhof abgewandten Seite. Der Polizeichef sieht ihn nicht. Kaum sind die Flüchtlinge heimgekehrt, erreicht sie aus Untereching die Nachricht, dass der Sohn ihrer Wohltäter in Temeswar in Gefangenschaft ist. Hansi, der jüngste Sohn der Spatzeneggers, ist die Flucht aus einem serbischen Lager über die Donau gelungen. Er sitzt im Dikasterialgebäude am Domplatz ein. Bis er nach Russland verschickt wird, versorgen die Gildes ihn mit Lebensmitteln. Der Kreis hat sich geschlossen. Die Hilfsbedürftigen werden zu Helfern. Die Freundschaft zu den Spatzeneggers wird die Jahrzehnte überdauern, bis sich alle nach der Aussiedlung der Steiners 1980 in Österreich und in Deutschland wiedersehen.

Im September 1944 haben sich viele Banater Deutsche aus Angst vor der Sowjetarmee auf die Flucht begeben. Unser Foto zeigt Semlaker auf dem in Richtung Westen.

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Fluchtende im Vernichtungslager Von Anni Janzer-Kurzhals Am 18. August 1944 war mein 16. Geburtstag. Mit bedrückter Stimmung vergingen fünf Tage. Man konnte förmlich spüren, dass sich etwas zusammenbraute, denn die Nachrichtensender berichteten vom Rückzug der deutschen Truppen an allen Fronten. Plötzlich läuteten die Glocken, wir stürzten auf die Straße. Aus den Häusern kamen erschrockene Menschen, die fragten: „Wo brennt es?“ Es war der 23. August, und das Läuten bedeutete die Kapitulation Rumäniens. Das war ein Schock für mich, denn ich hatte so sehr an den Sieg und an die Sache geglaubt. Verzweifelt nahm ich mein Fahrrad, fuhr in den Weingarten, setzte mich ins Gras und starrte vor mich hin. Einen klaren Gedanken konnte ich nicht fassen. Ständig musste ich an die durch deutsche Sender verbreiteten Gräueltaten der Russen denken. Was aber dann in Wirklichkeit auf uns zukam, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen. Am Morgen hörten wir, die Gendarmen hätten Lehrer Bors in der Nacht abgeholt. Das war das Signal für die Männer, sich in den Maisfeldern zu verstecken. In der nächsten Nacht fragten die Gendarmen nach meinem Vater. Wir, zu Hause, schliefen in den Kleidern. Tagsüber verbrannten wir alle deutschen Zeitschriften im Backofen. Am Tag darauf kamen die Gendarmen erneut. Die Männer blieben im Versteck. Dann herrschte einige Tage Ruhe. Unerwartet tauchten deutsche Truppen auf; sie kamen aus Griechenland und befanden sich auf dem Rückzug. Man hörte Geschützdonner. Die deutschen Offiziere, rieten zur Flucht, da der Russe nicht aufzuhalten sei und alle arbeitsfähigen Männer in die UdSSR verschleppen würden. Im Dorf herrschte Ratlosigkeit. Die meisten Leute begannen zu packen; an wirkliches Weggehen, für immer, dachten sie dabei nicht. Schweren Herzens wurden die Wagen bepackt und gedeckt. Unsere Nachbarin bat meinen Vater, ihren Wagen doch an unseren Traktor anzuhängen. Sie hatten keine Pferde mehr, denn ihr Mann wurde vom rumänischen Militär gezwungen, mit Pferd und Wagen Munition zu transportieren. Während des Mittagläutens verließen wir das Dorf. Wir fuhren in Kolonne in Richtung Hatzfeld. Das erste Dorf auf jugoslawischem Gebiet war Zerne. Dort übernachteten wir. Es kamen Gerüchte auf, dass Partisanen die Flüchtlingskolonnen überfielen, ausraubten und die Männer ermordeten. Daraufhin kehrten einige Kleinjetschaer um. Als wir den Bruder meiner Mutter aus Gertjanosch trafen, beschlossen wir, beisammen zu bleiben, um notfalls einander zu helfen. Der Treck fuhr weiter; da brach die Achse an Onkels Traktor. Wir verloren Zeit,

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fuhren aber bis Tschestereg weiter und übernachteten auf dem Hof des Cousins meines Engels-Großvaters. Am Morgen kamen Flüchtlinge aus allen Richtungen, und deutsche Truppen besetzten die Straßen. Es gab für die Flüchtlinge die widersprüchlichsten Befehle. Wir kamen durch deutsche Orte des jugoslawischen Banats und dachten, auch diese würden evakuiert. Doch es war schon zu spät. In der Ferne hörte man Kanonendonner. Es regnete in Strömen. Die lange Flüchtlingskolonne kam nur schwer auf den aufgeweichten Straßen voran. Es war Sonntag. Unsere Familie beschloss, sich erst Montag in die Kolonne einzureihen. Am Montag nieselte es noch immer, trotzdem waren alle Wagen abfahrtbereit. Da ritt ein deutscher Soldat in entgegensetzter Richtung an uns vorbei. Mir fiel auf, dass er Opanken (Bundschuhe) anstatt Stiefel trug. Später wurde mir klar, dass es ein Späher, ein Partisan, war. Unser Fahrzeug war das dritte in der Kolonne. Plötzlich begann eine wilde Schießerei aus den Maisfeldern, die die Landstraße säumten. Gewehrschwenkende Gestalten stürzten hervor. Die Plünderer hielten alle Wagen und Traktoren an, rissen die Planen von den Wagen, nahmen und plünderten die Wagen aus oder stampften unsere Habseligkeiten in den Schlamm. Auf der Schmalspurbahn, die parallel zur Straße verlief, erschien eine Lokomotive mit Viehwaggons und hielt vor uns an. Wir wurden gezwungen, die von den Partisanen ausgesuchten Sachen in die Waggons zu tragen. Dann eine Schießerei! Wir ließen uns in den Bahngraben fallen, die Partisanen eilten dem Zug nach, der auch schon davonfuhr. Vorerst hatte uns deutsches Militär gerettet. Die Wagen wurden an die noch funktionsfähigen Traktoren angehängt, und weiter ging es - das Militär voraus, wir hinterher. Vor jedem serbischen Dorf mussten wir halten, da es immer Schießereien gab. Trotz des unaufhörlichen Regens fuhren wir den ganzen Tag hindurch und waren am Abend in Sankt Georgen an der Bega. Dort führte die Landstraße an einer von Partisanen besetzten Strecke vorbei. Also hieß es, über Feldwege weiterzufahren. Die Traktoren kamen nicht durch. Auch die Wagen versanken im Morast. Wir saßen auf dem Wagen eines Billeders, die Männer gingen zu Fuß. Regen, Dunkelheit und das Einschlagen der Geschosse waren unsere Wegbegleiter. Die Angst ließ keinen Schlaf zu. Als der Morgen graute, war unser Schreck groß: Wir hatten keine Beschützer mehr. Nur auf einem Wagen vor uns waren noch 7 Soldaten mit einem Verwundeten. Als wir uns dem nächsten Dorf näherten, banden sie ein weißes Tuch an einen Gewehrlauf und hoben diesen in die Höhe, als Zeichen, dass sie bereit waren, sich zu ergeben. Daraufhin kamen scharenweise, Gewehre schwenkende Partisanen auf uns zugelaufen, trieben uns zusammen, warfen alles von den Wagen herunter, und wir dachten, nun hätte das letzte Stündlein für uns geschlagen.

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Verängstigt und durchnässt, wie wir waren, wurden wir in eine Schule eingesperrt. Man beschimpfte und bedrohte uns. Das Argument, dass wir vor den Kriegsereignissen geflohen sind und selbst gar keine Waffen besaßen, ließen sie nicht gelten. Von den Kleidungsstücken, die sie nicht mochten und durcheinander von allen Wagen auf einen Haufen warfen, bekamen wir einige zugeteilt. Ob sie passten oder nicht, sie waren wenigstens trocken. Die Deutschen der Gemeinde Elemer versorgten uns mit Lebensmitteln. Inzwischen war auch die russische Armee eingetroffen. Dann hieß es: „Fertig zum Abtransport“. Deutsche Männer aus dem Dorf fuhren mit Pferdegespannen vor, Alte und Kinder durften aufsitzen, die anderen mussten zu Fuß gehen. Betrunkene Partisanen fuhren vorbei und schlugen mit der Peitsche auf die Vorübergehenden. Mir kam der Weg wie eine Ewigkeit vor. Die Nacht war schon angebrochen, als wir das Vernichtungslager Großbetschkerek erreichten: eine Mühle, umgeben mit Stacheldraht und tiefem Graben. Am Tor wurden die Familien getrennt, die Männer rechts, die Frauen links davon. Die Frauen hat man im Erdgeschoss, die Männer im Obergeschoss untergebracht. Überall waren Gitter und eisenbeschlagene Blechläden an Fenstern und Türen. Bretterpritschen wurden uns als Schlaflager zugewiesen, aber keine Decken, und es war schon Oktober und sehr kalt. Im Raum standen einige Eimer mit Wasser und Schöpflöffel zum Trinken. Andere Eimer, die im selben Raum standen, dienten als Abort. Diese liefen bald über und verbreiteten Gestank. Wir waren mehr als 200 Frauen und Kinder. Die Kinder weinten und schrieen, sie hatten Hunger und wollten nach Hause. Wir wollten nichts als schlafen, doch da brach draußen die Hölle los. Ein Lautsprecher plärrte mit voller Lautstärke, dazwischen dumpfe Hiebe, lautes Schreien äußerst gequälter Menschen, das immer leiser wurde, in Wimmern überging und erstarrte. So ging das Nacht für Nacht; immer wurde für neuen Nachschub an Todeskandidaten gesorgt. Ich hielt die Augen geschlossen, die Zähne schlugen mir wie im Fieber aufeinander, ich bohrte die Finger in die Ohren und meinte, wahnsinnig zu werden, nur weinen konnte ich nicht mehr. Ich betete in meiner Verzweiflung, aber es kam keine Hilfe, um die Todgeweihten zu befreien. Wir sahen bereits alle wie Gespenster aus. Morgens wurden wir in den Hof getrieben, dann brachten sie ein paar Männer, blutend, voll blauer Flecken, die sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten. Einer hatte den Verstand verloren. Er rief immerzu: „Anna, wo bist du?“ Diese Vorführung war Absicht der Sadisten. Morgens mussten die Männer zur Arbeit und bekamen abends eine Suppe ohne Brot. Frauen und Kinder erhielten täglich einen Gemüseeintopf und ein Stück Brot, man sagte, es sei vom serbischen Roten Kreuz. Ich hatte immer gedacht, Partisanen seien Vaterlandsverteidiger, Idealisten, die ihr Leben für ihr Volk einsetzten. Freiheitskämpfer sahen so nicht aus. Es war ein arbeitsscheues Raub- und Mordgesindel, das aus der Vergangenheit

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keine Lehre gezogen hatte und weiter mordete - jetzt die eigenen Stammesbrüder. Wenn ich heute nach 47 Jahren die Augen schließe und in meiner Erinnerung zurückgehe, sehe ich nur zwei der Partisanen, die noch menschliche Regungen besaßen: ein Mann der wegsah, wenn eine der Frauen auf dem Weg, um Wasser zu holen, einem der Männer, die von der Arbeit kamen, ihr vom Mund abgespartes Brot zusteckte und eine Frau, die einem Säugling täglich Milch brachte. Der Lagerkommandant, der schmutzigste und zerlumpteste der Horde, kam plötzlich in deutscher Mannschaftsuniform mit roter Binde. Es war der Henker von Großbetschkerek, eine Bestie in Menschengestalt, und auf ihn trafen die Worte Friedrich Schillers zu: „... jedoch das schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.“ Meine Großmutter, eine resolute Frau, hatte ein Knäuel Hanfbindegarn in ihrer Tasche. Nach der ersten schrecklichen Nacht schnitt sie jedem ein Stück davon ab, lang genug, um sich damit das Leben nehmen zu können und sagte: „Das ist das Letzte, was ich euch geben kann.“ Wieder brach eine Nacht voller Schrecken an. Partisanen stürzten fluchend in den Raum und schrieen: „Alles Mädli raus!“. Weinen, Schreie, Gezerre und Schlägerei setzten ein und endeten mit dem Abführen einiger jungen Frauen. An Schlafen war nicht zu denken. Langsam verrann die Zeit, alle lagen wie gelähmt da. Am Morgen, welch ein Wunder, sie kamen zurück, sie wurden nicht vergewaltigt, mussten aber das Gebäude saubermachen und alles sei voller Blut gewesen. Das Wasser mussten sie aus einem Brunnen der nächsten Straße herbeischaffen. Am Weg dorthin lagen mit Draht gefesselte Männerleichen. In jener Nacht hatten sie die deutschen Männer aus dem Dorf erschossen. Tag und Nacht brannte das Licht. Meine Großmutter musste nachts die Toilette, d.h. den Eimer, aufsuchen, da schaute der Posten gerade durchs Guckloch. Er kam herein, schrie: „Du, Spion!“ und schlug ihr den Revolver ins Gesicht. Als das Tor aufging, brachten zwei Männer einen dritten, der halbtot zwischen ihnen hing, sie ließen ihn fallen, traten mit den Stiefeln auf seine Finger und trampelten auf ihm herum. Zuletzt mussten 70 Männer ihr eigenes Grab schaufeln. Wir erfuhren von einem, dem die Flucht gelang, dass keine Hoffnung bestehen würde, unsere Angehörigen je wiederzusehen. Man brachte uns, die Frauen und die Kinder, nach all diesen Erlebnissen zum Bahnhof in einen Zug einer Schmalspurbahn. Der Zug hielt in jedem Ort. Mit wüsten Beschimpfungen durchstreifte das Gesindel die Waggons, doch enttäuscht, dass nichts mehr zu holen war, sprangen sie ab. Am 17. Oktober 1944 erreichten wir die rumänische Grenze. Seelisch und körperlich am Ende, taumelten wir dahin.

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Im Grenzstädtchen Hatzfeld brachte man uns ins einstige Bauernheim. Ein Grenzsoldat ließ uns Stroh vom Nachbarhof holen. Endlich hätten wir schlafen können, doch grauenhafte Träume ließen uns immer wieder aufschrecken. Die Nachricht, dass Flüchtlinge eingetroffen waren, verbreitete sich rasch im Ort. Ich will hier die Hilfsbereitschaft der Hatzfelder erwähnen, denn ganze Nachbarschaften kochten für uns und brachten uns zu essen. Später, als wir uns etwas erholt hatten, kochte jeweils eine Gruppe von Flüchtlingsfrauen. Die Hatzfelder lieferten uns dazu die Lebensmittel. Die Wachposten wurden bestochen und ließen dies zu. Sie schützten uns sogar vor betrunkenen russischen Soldaten. Die Wachposten, junge Männer aus dem rumänischen Altreich, die zwar kaum lesen und schreiben konnten, hassten uns aber nicht. Die Tage vergingen nur langsam, und es änderte sich nichts. Wir saßen wie die Maus in der Falle. Die Menschen wurden immer gleichgültiger, stumpfsinniger und mutloser, die Zustände immer haarsträubender, die Durchfallerkrankungen mehrten sich, und um das Ausbrechen einer Seuche zu verhindern, wurde nach zwei Monaten das Lager in Hatzfeld aufgelöst. Inzwischen war Weihnachten geworden - die traurigsten Weihnachten meines Lebens. Das war noch nicht alles. Unsere Familie war sowohl von den Verschleppungen nach Russland als auch in den Baragan betroffen, was aber zu einem anderen Kapitel gehört. Ich weiß nicht, ob mein nur noch kurz bemessenes Leben dazu ausreichen wird, das Leid, das ich in 40 Jahren dulden musste, zu vergessen. Leicht gekürzt übernommen aus „Heimatbuch Kleinjetscha“ mit freundlicher Genehmigung von Georg Schmidt.

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Der solwakische Fluchthelfer Von Evi Krämer Im Herbst 1944 tobten schwere Kämpfe in Perjamosch und Umgebung. Mutter, Großmutter, Schwester und ich flüchteten wie viele Perjamoscher vor den herannahenden sowjetischen Truppen. Wir mussten ohne meinen Vater flüchten, denn er war im August 1944 verhaftet und ins Internierungslager Târgu Jiu gebracht worden. Über Ried im Innkreis kamen wir nach Freistadt im Mühlviertel, wohin ein Bruder meines Vaters mit einer Gruppe Perjamoscher geleitet worden war. Im Mai 1945 war der unglückselige Krieg zu Ende. Freistadt war zunächst von amerikaniEvi Krämer schen Truppen besetzt, während im 10 Kilometer entfernten St. Oswald Einheiten der Sowjetarmee Quartier bezogen hatten. Eines Nachts zogen die Amerikaner ab und übergaben das ganze Mühlviertel den Russen. Die Donau wurde in Oberösterreich Demarkationslinie. Im Mühlviertel waren sehr viele Flüchtlinge. Die Russen fingen bald an, diese Flüchtlinge in ihre ehemaligen Heimatländer zu repatriieren. Amerikaner, Engländer und Franzosen warteten, bis sich die allgemeine Lage in den Heimatländern wieder normalisiert haben würde. Unser Rücktransport erfolgte in Viehwaggons, die total verlaust waren. Die Fahrt ging über Ungarn nach Arad. Dort lagen wir zwei Tage am Bahnhof, wurden registriert und in die Heimatorte entlassen. So waren wir Ende Juli 1945 wieder in der Heimat. In Perjamosch erfuhren wir, dass Vater im Januar 1945 von Târgu Jiu aus zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert worden war. Das Dorf bot einen trostlosen Anblick. Perjamosch hatte sich noch nicht von den schweren Kämpfen erholt. Ein Teil der Bevölkerung war geflüchtet, viele Väter, Söhne und Brüder befanden sich irgendwo in Kriegsgefangenschaft, von den Daheimgebliebenen waren die arbeitsfähigen Männer und Frauen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert worden. In den leerstehenden Häusern der Geflüchteten hatten sich Fremde einquartiert und verweigerten den Heimkehrern die Inbesitznahme ihres Eigentums. In unserem Haus wohnte unser ehemaliger Knecht. Für eine Zeit lang kamen wir bei Verwandten unter. Eine ständige Bleibe konnte es jedoch nicht sein. Die quälende Frage war: „Wie soll das Leben nun weitergehen? Wo gibt es Arbeit, um den Lebensunterhalt zu sichern?“ Mich beschäftigte der Gedanke, wie ich im Herbst meine Schulausbildung fortsetzen kann.

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Eines Tages besuchte uns Hans Pinczés aus Semlak. Er hatte erfahren, dass wir wieder „daheim“ sind und uns in Not befinden. Hans Pinczés war ehemaliger Genossenschafter und ein Freund meines Vaters. Weil es in Semlak im Sommer 1945 noch ziemlich ruhig war, Felder und Häuser noch nicht enteignet waren, lud er uns nach Semlak ein. Wir Perjamoscher hatten uns in Semlak schnell eingelebt. Eines Tages hieß es, die Behörden machten eine Razzia wegen der Beigewanderten. Wir versteckten uns bei grimmiger Kälte auf dem Feld unter einem Maislaubschober. Nach zwei Tagen konnten wir zurück ins Dorf. Eines Tages traf ein Brief aus Österreich ein mit der Nachricht, dass es in der Nähe von Linz ein Oberrealgymnasium für Volksdeutsche gibt und viele meiner Schulfreundinnen aus der Temeswarer Schulzeit schon dort waren. Mein Wunsch, in diesen Kreis zurückzukehren, wurde immer größer. Im Frühjahr 1947 wurde mein Vater mit einem Krankentransport aus dem Lager in Russland nach Thüringen entlassen. Ein Versuch, zu seiner Familie nach Rumänien zurückzukehren, scheiterte am bayerisch-österreichischen Grenzübergang Passau. Die Grenzbeamten empfahlen ihm, in Bayern zu bleiben und abzuwarten, bis sich die Verhältnisse in Rumänien gebessert haben. Er sollte doch die Familie ermuntern, in den Westen zu kommen. Dieser Vorschlag ließ uns aktiv werden. Mein Schwager sah in Rumänien auch keine Zukunftsperspektive mehr. Der Entschluss, das Land illegal zu verlassen, war schnell gefasst. Seine Schwester Grete und ich sollten den Anfang machen. Heinrich Bartolf, der in Wien lebte, kam immer wieder illegal nach Hause, um seinen Lebensmittelvorrat aufzubessern, so auch im September 1947. Mit ihm sollten Grete und ich über die Grenze gehen. Dazu gesellte sich noch Michael Bartolf, damals etwa 14 Jahre alt, der zu seinem Vater nach Gänserndorf bei Wien sollte. Als erstes wurden ausländische Devisen gekauft und Verhandlungen mit einem Slowaken in Nadlak aufgenommen, der uns über die rumänisch-ungarische Grenze lotsen sollte. Am 17. September 1947 war es soweit. Mit einem Fuhrwerk ging es am Abend nach Nadlak, der slowakische Grenzgänger übernahm uns. Jeder hatte einen Rucksack auf dem Rücken und eine Tragetasche in der Hand; einige Kleidungs- und Wäschegarnituren, Schinken, Speck und Brot sowie Devisen waren alles, was wir aus der Heimat mitnahmen. Über uns ein wolkenverhangener Himmel und die bange Frage, ob alles gut gehen wird: So gingen wir auf die Grenze zu. Plötzlich hatten uns Grenzsoldaten mit Hunden umstellt. Sie ließen uns in einer Reihe niederknien, stellten sich hinter uns und taten, als würden sie unsere Exekution an Ort und Stelle vollziehen. Nach kurzem Wortwechsel mit dem Nadlaker Schlepper und der Übergabe des ausgehandelten Lösegeldes plus zwei Liter Schnaps, durften wir den Graben durchschreiten, der Rumänien von Ungarn trennte. Es war ein abgekartetes Spiel, an dessen Ende sich die Grenzer und der Slowake den Gewinn teilten.

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Die erste Hürde war genommen, wir befanden uns in Ungarn. In Gänserndorf einem kleinen ungarischen Grenzdorf, durften wir bei einem Kleinbauern drei Stunden schlafen. Er brachte uns im Morgengrauen auf einem Leiterwagen zum Bahnhof in Ungarisch-Tschanad. Von dort waren wir auf uns selbst und unsere ungarischen Sprachkenntnisse angewiesen. Über Mako ging es nach Seged. Wir lösten Fahrkarten nach Budapest, wo wir gegen Mittag ankamen und bald Anschluss nach Straßsommerrain, der Grenzstation nach Österreich, hatten. Ein älterer Bahnbeamter fragte uns, woher wir kämen, und war sehr erfreut, als wir ihm Arader Komitat nannten. Dieser Eisenbahner schlug vor, uns etwa zwei Stunden lang - der Form halber - einzusperren, dann würde uns ein ungarischer Grenzer an eine Stelle bringen, von der aus wir es nicht mehr weit zur österreichischen Grenze hätten. Er wollte vermeiden, dass wir in eine Gruppe von etwa 40 Personen aus Jugoslawien geraten, die mit uns aus dem Zug gestiegen waren. So erreichten wir einen Steg, über den wir die Leitha bequem, und, wie wir meinten, ungesehen überquerten. In einem Auwäldchen hielten wir auf einer kleinen Lichtung Rast. Wir begannen gerade etwas Essbares auszupacken, als ein österreichischer Grenzer hinter uns stand: „Ja, was seh' ich denn da. Wo kommt ihr denn her, wo wollt ihr denn hin?“ Wir gaben ihm aufrichtig Bescheid, worauf er uns den Tipp gab, bis Parndorf zu gehen, dort am Bahnhof zu übernachten und den ersten Frühzug nach Wien zu nehmen. Die Nacht war lind, und so träumten wir auf einer Bank von der zurückgelegten Wegstrecke. Gegen 10 Uhr kamen wir am Wiener Ostbahnhof an. Die Bahnhofspolizei hielt Ausschau nach sogenannten Hamsterern - hungrigen Stadtbewohnern, die aufs Land fuhren, um Lebensmittel einzutauschen. Bei der Kontrolle unseres Gepäcks gerieten wir wegen des mitgeführten Specks und Schinkens sehr schnell in die Gruppe der aufgegriffenen Hamsterer. Wir wollten unsere Unschuld beteuern und erklärten den Polizisten, dass wir aus Rumänien kämen. „Aha, ihr seid's also illegale Grenzgänger“, sagten sie und schoben uns in eine andere Gruppe festgenommener Reisender. Ein Polizeirevier im X. Wiener Stadtbezirk nahm uns auf, ehe wir dann ins große Polizeigefängnis an der Rossauer Lände gebracht wurden. Dort hat man uns von unseren männlichen Leidensgefährten getrennt. Wir kamen in eine Zelle, wie man Schwerverbrecher inhaftiert: eine harte Lagerstatt, in einer Ecke die Toilette, ein Tisch und zwei Stühle und Waschgelegenheit. Gegessen haben wir aus dem Blechnapf. Zweimal täglich durften wir im Gefängnishof Runden drehen. Am vierten Tag besuchte uns eine Fürsorgeschwester, der wir dann unser „Verbrechen“ schilderten. Sie hat sofort unsere Verlegung veranlasst. Das Polizeiarbeitslager war unser nächstes Ziel. Die beiden Jungs wurden von Michaels Vater aus dem Gefängnis geholt. Ich hatte einen Freund meines Vaters benachrichtigt, der im Marchfeld, nordöstlich von Wien, einen Gutshof gepachtet hatte. Er befreite auch uns Mädchen gleich aus dem Arbeitslager. Grete

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Kleiber fuhr zu ihrer Kusine nach Wien, während ich mit auf den Gutshof fahren konnte. Wir hatten verabredet, dass wir in etwa drei Wochen von Wien aus weiterfahren würden, denn unser eigentliches Ziel war Oberösterreich, während die Bartolf-Buben in Wien vorerst zu Hause waren. Wie aber sollten wir in die amerikanische Zone gelangen? Wir hatten weder Ausweise noch eine Genehmigung, um legal in die amerikanische Zone überzuwechseln. Bekannte besorgten uns die Adresse eines Mannes, der mit seinem Boot Leute über die Enns in die amerikanische Zone setzte. Es bedurfte großer Überredungskunst und eines ansehnlichen Geldbetrages, ehe es zu einer Einigung kam. In einer stürmischen Regennacht brachte er uns schließlich ans andere Ennsufer in den Westen. Von Ried im Innkreis verständigten wir unsere Angehörigen in Semlak, schilderten ihnen den Reiseweg und wichtige Einzelheiten. Im November kamen dann meine Schwester, mein Schwager und dessen jüngere Schwester Käthe. Als Letzte kam unsere Mutter im Januar 1948, es war kurz vor Torschluss, denn das Überschreiten der rumänischen Grenze wurde immer gefährlicher, schließlich unmöglich. Geschrieben 52 Jahre nach der Flucht. Leicht gekürzt entnommen dem Semlaker Heimatbrief 1999. Evi Krämer geborene Wirth wurde am 6. April 1928 in Perjamosch geboren. 1948 Abitur in Eferding, Oberösterreich. Chemiestudium an der TH Graz. 1950 Übersiedlung nach Bayern und Heirat mit Anton Krämer aus Neupetsch. 1955-1960 Besigheim am Neckar., ab 1960 Ingelheim am Rhein. Langjährige Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft Perjamosch.

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Ein zukünftiger Handball-Star auf der Flucht Für Dr. Hans Schmidt endet der Krieg am 9. Mai 1945 in Brünn. Die rumänische Armee entlässt ihn aber erst im August 1945. Seine Familie ist geflüchtet. Ende September 1945 wird sie aus Deutschland zurück sein: Rosa Schmidt mit ihren Kindern Helga und Hansi, ihrem Bruder Friedel Günther und ihrer Mutter Katharina. Doch vor der Heimkehr steht die Flucht. Mit dem Rückzug der deutschen Truppen macht sich auch ein Teil der Banater Schwaben auf in Richtung Westen. Die Trecks geraten verschiedentlich in die Schusslinie der nachdrängenden Front. Die meisten erreichen jedoch die Straße nach Segedin und können fast ungestört nach Westen weiterfahren. Bei Feldwar überqueren die Flüchtlinge die Donau. Sie lassen den Plattensee links liegen. Durch den Bakonywald ziehen die Fuhrwerke der Banater Schwaben auf verstopften und überlasteten Straßen in Richtung der damaligen deutschen Ostgrenze. Zumeist erreichten sie diese in der zweiten Oktoberhälfte, um von dort ohne Aufenthalt in ihre Aufnahmegebiete, in erster Linie die niederösterreichischen Kreise nördlich der Donau, weitergeleitet zu werden. Auch Rosa Schmidt und ihre Mutter Katharina Günther packen die wichtigsten Sachen auf einen Pferdewagen und begeben sich im Schutz des deutschen Militärs nach Westen. Dabei sind Hansis Urgroßmutter Regina Knab, der behinderte Bruder der Mutter, Friedel Günther, der im Alter von fünf Jahren an Hirnhautentzündung erkrankt ist, und Rosas Cousine Viktoria Junker mit ihrem 1940 geborenen Sohn Helmut, mit ihrer Mutter Dorothea Müller, Tante Rosina Reinlein (1904-1996) und deren Mann Karl Reinlein. Die Flucht von Rosa Schmidt und Viktoria Junker wird zu einem reinen Frauenunternehmen. Jede hat einen Wagen, davor je zwei Pferde gespannt. Karl Reinlein, der sie die ersten Kilometer begleitet, verschwindet in Jugoslawien auf Nimmerwiedersehen. Ob er in die Hände von Partisanen gefallen oder zum Volkssturm genommen worden ist, keiner weiß es, berichtet Viktoria Junker. Die Frauen müssen nun allein zurechtkommen. Aber sie werden es schaffen, sie führen die ganze Familie nach Bayern in Sicherheit. Was sie damals nicht wissen können: Unter ihnen ist einer, der einmal einen großen Namen haben wird. Hansi Schmidt, der nach seiner zweiten Flucht 1963 die Handballer des VfL Gummersbach weltbekannt machen wird. So sind sie beim Start auf die beiden Wagen verteilt: Auf dem einen Rosa Schmidt mit den Kindern Helga und Hansi, ihr Bruder Friedel Günther, Oma Katharina Günther, Uroma Regina Knab, auf dem zweiten Viktoria Junker mit Sohn Helmut, ihrer kranken Mutter Dorothea Müller, Onkel Karl, der in Serbien spurlos verschwindet wie viele andere, und Tante Rosina Reinlein. Dorothea Müller, Rosina Reinlein und Katharina Günther sind die Töchter von Regina

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Knab, Hansis Urgroßmutter. Die Entscheidung, die Flucht ohne Männer anzutreten, fällt Rosa Schmidt und Viktoria Junker nicht leicht. Besonders Viktoria hat Probleme, denn ihr Vater ist dagegen. Und der Schwiegervater will kein Pferd dafür bereitstellen. Schließlich rückt er doch noch eines heraus. Hinzu kommt als zweites Zugtier Norma aus dem Stall von Onkel Karl Reinlein. Viktoria Junkers Vater und ihr Schwiegervater weigern sich, zu flüchten. Sie bleiben in Marienfeld. In der im Deutschen Taschenbuch-Verlag erschienenen „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa. Das Schicksal der Deutschen in Rumänien“ berichtet eine Frau mit den Kürzeln G. N. über die nahende Front und die Flucht eines Teils der Deutschen aus Marienfeld, dem Geburtsort Hansi Schmidts. Die Flucht von Rosa Schmidt und Viktoria Junker verläuft im wesentlichen, wie in diesem Bericht beschrieben. Unter den Saisonarbeitern, die die Winzer in Marienfeld beschäftigen, sind viele Rumänen aus den Nachbargemeinden. Als die Russen die Karpaten überschreiten, werden diese Burschen immer dreister. Sie rotten sich zusammen und unterhalten sich offen darüber, welche Häuser sie im Ort in Besitz nehmen wollen, wenn einmal der Kommunismus hier Einzug hält. Als G. N. eines Tages durchs Dorf geht, ruft ihr einer aus einer Gruppe umherstehender „Bengel“ nach, nicht laut, aber dass sie es gut verstehen kann: Heil Stalin. Zu solchen und ähnlichen Zwischenfällen kommt es nun immer häufiger, „so dass man sich in der Heimat immer weniger sicher fühlen“ kann. Der Kanonendonner nähert sich. Die Feldarbeit ruht, in Haus und Hof verrichten die Marienfelder nur noch das Notwendigste. G. N. berichtet weiter: Am Abend des 4. Oktober kommt ihr Mann von der Bürgerwache mit der Nachricht, dass alle Marienfelder am nächsten Morgen aufbrechen müssen. „Wir bekamen unsere Evakuierscheine und mussten uns auf den schweren Weg machen. Am 5. Oktober 44 nachmittags um 4.30 Uhr, meine Angehörigen saßen schon auf dem Wagen, und ich ging noch einmal, zum letzten Mal, durch das Haus, um Abschied zu nehmen von allem, was einem lieb und teuer war. Es war furchtbar, und mich überkam das sichere Gefühl, dass wir nie mehr hierher zurückkommen. Bis zum Dorfende waren wir etwa 20 Fuhrwerke beisammen.“ In diesem Treck sind auch Rosa Schmidt und ihre Angehörigen. Erst vor wenigen Tagen haben sie Hansis zweiten Geburtstag gefeiert, Schwester Helga ist im August drei Jahre alt geworden. Der Treck setzt sich in Richtung Kikinda in Serbien in Bewegung. Einige deutsche Soldaten begleiteten den Zug. Als er die elf Kilometer entfernte Stadt erreicht, ist es schon Nacht. Die Wagen werden in einer Reihe vor den Häusern aufgestellt. Der Kriegslärm kommt immer näher, so G. N. weiter. In der Nacht fährt deutsches Militär vorbei, mit einem Traktor, an dem Pflug und Egge angehängt sind. Auf dem Straßenpflaster verursachen die Soldaten damit einen Rie-

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senlärm. Das soll die fehlenden Panzer vortäuschen, vermutet G. N. in ihrem Bericht. Um 3 Uhr schießen Russen aus der Nähe. Die Kugeln kommen über die gegenüberliegenden Häuser geflogen und schlagen an den Wänden über den Flüchtlingswagen ein. Alle verlassen die Wagen und suchen Schutz. In den Häusern schleichen Serben umher und sprechen gedämpft. „Wir waren in eine Falle geraten. Plötzlich hörte man die Russen hurreh, hurreh schreien, und wir wussten nun, dass sie bald hier sein werden. Auf einmal schossen die Deutschen aus entgegengesetzter Richtung mit Granatwerfern über uns hinweg, man hörte das Aufschlagen und die Schreie der Verwundeten. Da kam ein deutscher Soldat, in einer Hand die Pistole, in der andern eine Taschenlampe, leuchtete uns an und sagte: ›Leute, aufsitzen, und so schnell wie möglich raus von da.‹ So fuhren wir nun zur Stadt hinaus, die Kugeln pfiffen nur so über uns. Einige haben auch etwas abbekommen davon, aber zum Glück gab es noch keine Toten.“ Über vom Regen aufgeweichte Feldwege geht es weiter. Die Räder versinken bis zu den Achsen. Die Pferde schaffen immer nur etwa 50 Schritt, müssen rasten. Die Leute werfen alles Mögliche von den Wagen, um die Last zu verringern. Sackweise liegen Lebensmittel umher, ferner Koffer mit Wäsche und Kleidern, ein neues Fahrrad, es bleibt liegen. Es gilt nur, wegzukommen, denn kaum sind die Flüchtlinge aus der Stadt, schlagen schon die Flammen aus den Häusern in Kikinda. Erste Opfer „Einem Nachbarn von uns ist der Wagen zusammengebrochen, er musste zurückbleiben, dann wurden ihm die Pferde erschossen. Er und seine Frau ließen dann alles liegen und trachteten nur noch, die Kolonne zu erreichen. Sie fuhren dann ganz ohne Gepäck mit jemand anderem mit. An einem anderen Wagen ist auch eine Achse gebrochen, er gehörte dem Landsmann K. Dieser machte sich auf, ins nächste Dorf zu gehen in eine Schmiede. Man hat nie mehr etwas von ihm gehört. Seine Angehörigen konnten die Kolonnen nicht mehr erreichen und gingen dann, wie man später hörte, zu Fuß in die Heimat zurück“, heißt es in dem Erlebnisbericht weiter. Das Schicksal anderer, die auf der Flucht in die Hände serbischer Partisanen fallen, ist bekannt. Partisanen ergreifen beispielsweise Margarethe Hochstrasser, die älteste Schwester Johann Schmidts, Hansis Großvater, zusammen mit ihrer Familie in Siegmundfeld und bringen sie in ein Vernichtungslager in Großbetschkerek. Die Lagerleitung entlässt im Februar 1945 Margarethe Hochstrasser und ihre Tochter Irene Groß. Die beiden Frauen erreichen mit Mühe die rumänische Grenze und kehren nach Lenauheim zurück. Peter Groß, der Mann von Irene, kehrt nicht mehr heim; Partisanen bringen ihn um. Er ist 49 Jahre alt. Russen holen seinen 18-jährigen Sohn Karl-Hans (1926-2005) und seine Toch-

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ter Gabriela am 26. Dezember 1944 aus dem Internierungslager. Sie stecken sie mit Landsleuten und Deutschen aus Serbien in Viehwaggons. Ihr Ziel sind Arbeitslager in Russland. Nach fünf Jahren Lager kehren Gabriela und Karl-Hans Groß 1949 heim ins Banat. Karl-Hans Groß erlebt, wie Partisaninnen seinen Vater in Serbien umbringen. Diesen Mord hält er in folgendem Gedicht fest: Meinem Vater Mein Vater! Mein Vater! Sie haben's genommen. Dein Leben. Hergeben! Sie haben's vollbracht. Die Häscher! Die Häscher! Sie waren gekommen. Zu morden. Die Horden. In blutschwarzer Nacht. Finstere Nacht. Um - ge - bracht.

Mein Vater! Mein Vater! Jetzt bin ich in Not. Sie schießen. Wir büßen. Sie quälen zu Tod. Die Weiber! Die Weiber! Im Männergewand. Sie töten. Sie röten. Mit eigener Hand. Hirnverbrannt. Blindverrannt.

Mein Vater! Mein Vater! Die Hölle ist los. Verderben. Und Sterben. Pistolengeschoß. Revolver. Revolver. Das Eisen ist kalt. Die Stirne. Im Hirne. Der Schuss ist verhallt. Gewalt. Geballt. Furiengestalt. Hansis Onkel gehört zu den 80000 deutschen Opfern des Tito-Terrors. Die serbischen Partisanen erschießen und erschlagen schätzungsweise 15000 bis 20000 Deutsche. In 49 der größeren Lager kommen die meisten Deutschen um. Mehr als zehn Prozent der Lagerinsassen sterben durch Gewalt. Die übrigen werden Opfer der unmenschlichen Verhältnisse: Sie verhungern, sterben an Seuchen und Misshandlungen. Auf dem Transport in die Sowjetunion und in den dortigen Lagern sterben etwa 4500 Menschen von rund 30000 Verschleppten aus Jugoslawien.

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Hansi und seine Familienangehörigen aus Marienfeld haben Glück. Sie entkommen den Partisanen. Gegen Mittag erreichen sie Mokrin. Seit dem Aufbruch in Marienfeld hat noch niemand etwas gegessen. Aus der geplanten Mittagsrast wird nichts. Kaum ist das Essen ausgepackt, kommen berittene Kosaken, es sind Russen, die an der Seite der Wehrmacht gegen die Sowjetarmee kämpfen. Sie fordern die Flüchtlinge auf, rasch zu packen und weiterzufahren, denn aus jedem Fenster könnten Schüsse fallen. Sie fahren noch diesen Tag und die folgende Nacht durch, meist nur der Fuhrmann auf dem Wagen, die anderen marschieren. „Zum Essen war keine Zeit, und immer hatten wir Angst, nicht mehr rechtzeitig wegzukommen.“ Deutsche Soldaten, die in Marienfeld einquartiert waren, holen den Treck ein. Drei Nächte und zwei Tage fast ohne Unterbrechung geht es weiter. Das Gefecht verfolgt die Flüchtenden. In Segedin müssen die Marienfelder einen halben Tag warten, bis sie mit der Fähre über die Theiß setzen können. Von Zwei Handballgrößen bei einem Treffen in beiden Seiten stoßen Trecks zu den Günzburg: Hans Moser und Hansi Schmidt Wartenden. Ein berittener Soldat, der den Treck begleitet, berichtet der G. N., dass sich etwa 600 Wagen gesammelt hätten. Am Abend rasten die Flüchtlinge im Freien. Doch kaum ist die Kartoffelsuppe auf offenem Feuer zum Kochen aufgestellt, gibt es Fliegeralarm. In der Nacht wieder Gewehrfeuer, Kanonendonner und der Schein der Leuchtraketen. Sterne über der Pußta Bei Feldwar passieren die Marienfelder die Donau. Der Kanonendonner ist nicht mehr so laut, schließlich ist er gar nicht mehr zu hören. Jetzt können die Menschen nachts rasten. Die Sterne über der nächtlichen Pußta bleiben manchen für immer in Erinnerung. Auch dem kleinen Hansi. Die Flüchtlinge erreichen Weißbrunn nördlich des Plattensees, die Sonne scheint. Die Mittagsrast wird von Fliegern gestört. Sie suchen im Friedhof unter den Bäumen Schutz. Deutsche, ungarische und russische Flieger jagen einander. „Man musste Angst haben, sie verfangen sich in den Bäumen. Ein deutsches und ein russisches

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Flugzeug sind auch unweit von uns abgestürzt. Unsere Kolonne kam heil davon“, heißt es in dem Bericht weiter. „Wir fuhren nun immer weiter und fragten uns oft: Wohin? Es gab aber nichts anderes mehr für uns, als mit den andern immer weiter zu fahren.“ Kurz vor der deutschen Grenze erreicht die Flüchtlinge die Nachricht, Ungarn habe kapituliert. Alle fragen sich, ob sie weiterfahren dürfen. Rosa Schmidt und Viktoria Junker samt Begleitung fahren im großen Treck mit den Marienfeldern und erreichen nach vierwöchiger Flucht Deutschkreuz. Sie gelangen nach Sieghartskirchen bei Wien, wo sie bis im Frühjahr 1945 bleiben. Als sich die Sowjetarmee Wien nähert, begeben sie sich wieder auf die Flucht. Doch sie haben keinen Wagen mehr, und von den vier Pferden ist nur noch Tante Reinleins Norma übrig. Viktorias Mutter gelingt es mit viel Geschick, einen Kälbertransportwagen zu kaufen. Darauf finden die drei Kinder Helga, Hansi und Helmut und der behinderte Onkel Friedel Platz. Sie spannen Norma davor. Viktoria Junker lenkt das Pferd und bremst, Rosa Schmidt schiebt den Wagen. Die anderen müssen gehen. Donauaufwärts gelangen sie nach Eggenfelden in Bayern. Es ist Ende April. Die zehn Flüchtlinge werden auf drei Höfe verteilt. Am 3. Mai sind Amerikaner im Dorf. Schon auf dem Weg nach Eggenfelden macht Viktoria Junker ihren Mann ausfindig. Sie findet den verwundeten Otto im Krankenhaus in Linz an der Donau. Er wird am Tag des Wiedersehens entlassen, doch er hat noch keine Papiere. Deshalb wird er den vorausfahrenden Frauen und Kindern folgen müssen. Doch kaum ist er in Eggenfelden, kommt er in amerikanische Gefangenschaft. Für Rosa Schmidt und ihre Familie endet die Flucht im Mai im bayerischen Tann bei Eggenfelden. Johann Maierhofer (1904-1993) und seine Familie nehmen die Schmidts und Günthers gut auf. Als Johann Maierhofer hört, jeder müsse Flüchtlinge beherbergen, will er nichts dem Zufall überlassen und geht ins Dorf, um sich selbst welche auszusuchen. In der Kirche fällt ihm eine sehr bedrückt wirkende Frau auf: Es ist Rosa Schmidt, Hansis Mutter. Maierhofer nimmt Rosa Schmidt mit Helga, Hansi und Onkel Friedel mit nach Hause und bringt sie im Wohnzimmer unter. Bei den Maierhofers in Tann bleiben die vier Flüchtlinge bis zum 2. September 1945. Es ist Dr. Hans Schmidts Geburtstag. Er ist 36 Jahre alt geworden. An diesem Tag treten die Schmidts und Günthers die Heimreise an. Heimkehr Rund um Eggenfelden kommen weitere Marienfelder Flüchtlinge unter. Dazu gehört auch Hans Götz. Die Gefangenschaft bleibt ihm erspart, weil er in letzter Minute in den Besitz eines Volkssturmausweises kommt und Invalide ist. Götz holt seine nach Sachsen geflüchtete Familie nach Rogglfing. Mit dem Fahrrad

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legt er die 500 Kilometer nach Sachsen zurück, mit einem Pferdewagen bringt er Anfang Juli die Familie nach Bayern. Hier trifft er seinen Bruder mit Familie. Das berichtet Hans Götz im Heimatbuch „Marienfeld“. Götz ist vier Wochen in Rogglfing, als er von zwei Männern erfährt, dass ein Transport nach Rumänien zusammengestellt wird, Interessenten sollen sich in Eggenfelden melden. Ungewisse Tage folgen. Am leichtesten fällt die Entscheidung den ehemaligen Ortsgruppenleitern und politischen Funktionären. Sie gehen nicht nach Hause und tun gut daran. Sie haben Angst vor den Russen. Ein großes Glück für viele Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen ist, dass nur wenige Flüchtlingstransporte zustande kommen. Sie haben keine Möglichkeit mehr, nach Rumänien zurückzukehren; dadurch bleibt ihnen vieles erspart. Und dann ist der Tag der Entscheidung gekommen. Rosa Schmidt zögert kaum. Sie entscheidet sich viel leichter für die Heimkehr, weil ihr Mann zu Hause ist. Viktoria Junker steht schon am Bahnhof und zögert immer noch. Zum Schluss fährt auch sie mit nach Hause: Die Mutter will gerne heim, der Vater ist zu Hause geblieben, aber der Mann ist noch in Gefangenschaft. Er wird ihr nach etwa einem Jahr heim nach Marienfeld folgen. Nach langem Hin und Her machen sich auch die Götz-Brüder mit ihren Familien auf den Heimweg. Alle sitzen in demselben Zug: Uroma Knab, Katharina Günther, Friedel Günther und Rosa Schmidt mit Helga und Hansi, ferner Viktoria Junker mit Sohn Helmut, ihrer Mutter und den Tanten. Die Fahrt ostwärts beginnt am 2. September 1945 und wird aufregend, berichtet Hans Götz weiter. Schon bald wird allen klar, dass der Zug nicht über München, Salzburg und Wien fahren wird, sondern über Regensburg durch die Tschechoslowakei. Eine gewisse Unruhe macht sich breit. Doch in der nächsten Minute sagen sich die Heimkehrwilligen, sie stehen unter amerikanischem Schutz, es kann ihnen nichts passieren. „Wenn wir vor allem in größeren Bahnhöfen auf eine freie Linie warten mussten, war es aufschlussreich, die vorbeifahrenden Lastzüge zu beobachten. Darauf waren die Maschinen ganzer Fabriken geladen. Wie gründlich so eine Fabrik abmontiert wurde, konnte man daran erkennen, dass sogar Besen und Schaufel für den Kehricht in einer Waggonecke standen. Die Maschinen waren mit Planen abgedeckt, auf fast allen Waggons stand ein russischer Soldat. Solche Transporte sahen wir mehrere, und man kann sich heute die rasche Industrialisierung der UdSSR nach dem Kriege erklären“, heißt es in dem Bericht von Hans Götz. In Eger ist noch alles in Ordnung. Die Amerikaner kümmern sich darum, dass der Zug in größeren Bahnhöfen nicht zu lange hält. In Karlsbad steigen Hans Götz und sein Bruder aus. „Junge Kerle guckten aus den Fenstern eines Personenwagens. Ihr Zug war abfahrtbereit. Wir gingen an diesem Wagen vorbei und sprachen in unserem Dialekt. Die jungen Kerle hörten deutsche Worte, und

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schon ging die Flucherei los. Sie machten Fäuste, kamen bis auf das Trittbrett, drohten und beschimpften uns immer stärker.“ Geistesgegenwärtig beginnen die Götz-Brüder Rumänisch zu sprechen. Sie verunsichern die Tschechen so sehr, dass diese bei der Abfahrt sogar zum Abschied winken. In Pilsen übernehmen Russen den Zug. Die Amerikaner teilen den Heimkehrern mit, ihre Mission sei zwangsweise zu Ende, sie würden jedoch Familien, die den Russen nicht vertrauten, zurück nach Eggenfelden mitnehmen. Von Pilsen geht es nach Prag: ein Umweg. Dort hält der Zug einen halben Tag. Tschechische Soldaten befehlen den Männern, auszusteigen, anzutreten, den Oberkörper zu entblößen und den linken Arm hochzuheben. Sie suchen nach dem Blutgruppenzeichen, dem untrüglichen Beweis für die Zugehörigkeit zur SS. Hans Götz muss handeln. Er sieht, dass ungarische Jungen aus dem Nachbarwaggon ebenfalls angetreten sind. Einer von ihnen hat das Kommando übernommen. Hans Götz geht auf ihn zu und erklärt ihm in schlechtem Ungarisch seine Lage und bittet ihn, zur Kontrolle in ihrer Reihe antreten zu dürfen. Er stimmt zu und erklärt den Tschechen, dass hier nur von Deutschen verschleppte Ungarn angetreten wären. Die Tschechen glauben ihm. Nachdem alles vorüber ist, steht fest: Von den Marienfeldern haben die Tschechen lediglich Oskar Junker erwischt. Dem gelingt es aber, nach Deutschland zu fliehen. In dem Waggon, in dem auch Rosa Schmidt und ihre Mutter Katharina Günther mit den Kindern Helga und Hansi untergebracht sind, macht sich große Sorge breit. Der Zug ist seit fünf Tagen und Nächten unterwegs. Alle sitzen dicht gedrängt in den offenen Waggons, nur mit Planen und Decken gegen Wind und Regen geschützt. Es ist so eng, dass Rosa Schmidt gezwungen ist, Hansi und seine Schwester Helga aneinander zu binden, weil immer wieder eines der Kinder von dem schmalen Schlafplatz rutscht. In Preßburg sind die Lebensmittelvorräte fast zu Ende. Hans Götz schellt an Haustüren, um Stoff für Damenblusen und Schürzen gegen Lebensmittel einzutauschen. An der Grenze wollen die ungarischen Zollbeamten die Durchreise des Flüchtlingszuges verweigern. Daniel Zimmermann, Offizier in rumänischer Uniform, beherrscht die ungarische Sprache fast besser als Deutsch. Er spricht mit den ungarischen Zöllnern. Er schildert ihnen die Situation, spricht von der Lebensmittelknappheit, von den vielen kleinen Kindern, die nicht zur Ruhe kommen und schon krank sind. Er sagt das alles in schönstem Ungarisch. Er weiß: Wenn man bei Ungarn etwas erreichen will, dann muss man ihre Sprache sprechen. Nach langem Hin und Her hat der Zug grünes Licht. Am meisten freuen sich die ungarischen Jungen, die Götz in Prag geholfen haben. Sie sind daheim und singen ein einfaches, aber schwermütiges Lied mit dem Titel „Wir fahren nach Hause“.

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Während der Fahrt durch Ungarn geht es ruhig zu: ohne Drohungen, Untersuchungen und Verhaftungen. Die meisten im Zug fühlen sich schon fast wie zu Hause. Die Heimkehrer hören aber eine mysteriöse Geschichte, die besagt, dass zwischen Budapest und Szolnok mehrere offene Viehwaggons in einem Bahnhof stünden, vollgestopft mit bis auf die Knochen abgemagerten deutschen Soldaten. Einheimische berichten von einem Zug, der mal westwärts, dann wieder ostwärts verschoben wird. Die Ungarn sind fest davon überzeugt, dass die Waggons so lange hin und her geschoben werden, bis alle den Hungertod gestorben sind. Kurz vor Großwardein ist die Fahrt zu Ende. Die Flüchtlinge sind in Rumänien. Noch im Zug die erste Kontrolle: Gesucht werden Radio- und Fotoapparate. Bewaffnete rumänische Soldaten umstellen den Zug. Die Freudenrufe bleiben den Heimkehrern in der Kehle stecken, so Hans Götz weiter. Aus den Reihen der Eingetroffenen sind Stimmen zu hören wie: „Was wollen denn die Soldaten hier, wir sind doch keine Verbrecher, wir haben doch nichts getan.“ Die Heimkehrer werden als Hitleristen beschimpft, sie hören Zurufe wie „Geht dorthin, wo ihr hergekommen seid“. Sie müssen das Gepäck auf dem Bahnsteig stapeln. Als Bewacher dürfen der älteste Mann oder die älteste Frau aus der Familie und die Kinder bleiben. Alle anderen marschieren unter militärischer Bewachung in die Großwardeiner Festung. Pöbel bedroht und beschimpft sie auf dem Marsch. Doch die Meute hat Gott sei Dank nur wenig Interesse an den neu Angekommenen, sie hat sich schon an vorher Eingetroffenen ausgetobt: steinewerfend und spuckend. Ein Jahr zuvor ist hier noch der spätere Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll als deutscher Soldat auf dem Rückzug durchgekommen. Er wird die Kämpfe rund um Großwardein in seinem Roman „Wo warst du, Adam?“ beschreiben. Die Menschen sind nicht mehr dieselben In der Festung angekommen, geschieht zunächst nichts. Die Heimkehrer übernachten auf Stroh in einem leeren Gebäude gegenüber der ehemaligen Folterkammer. In der Festung sind deutsche Soldaten eingesperrt. Die meisten jung, lustig und glücklich, den Krieg lebend überstanden zu haben. Sie lehnen in den Fenstern, sprechen mit den Neuankömmlinge und bitten um Essen, sie sind ausgehungert. Doch auch die Heimkehrer haben kaum etwas zu essen. Sie können den Hungrigen lediglich Maisbrei, Tomaten und Paprika kaufen. Schon hier in Großwardein hören die Heimkehrer den neuerdings gebrauchten Namen für ihre Heimatgemeinde. Sie heißt nicht mehr Marienfeld, sondern „America noua“, auf deutsch Neuamerika. Dieser Name stammt von den Plünderern, die meinen, Marienfeld stehe Amerika an Reichtum in nichts nach. Am anderen Tag sortiert eine Kommission unter den in der Festung Einge-

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sperrten Arbeitstaugliche für die Kohlengruben aus. Nach einigen Tagen sind Kristof Junker und Dr. Hans Schmidt in Großwardein, um ihre Familien heimzuholen. Sie bestechen die Lagerleiter. Nach insgesamt acht Tagen stehen den Marienfelder Heimkehrern Lastkraftwagen zur Verfügung. Damit gelangen sie heim. Auf der Fahrt nach Marienfeld sehen die Heimkehrer die Auswirkungen des Krieges im Banat. In den Dörfern weisen Häuser und Kirchtürme Spuren des Kampfes auf, große Schäden sind jedoch ausgeblieben. Auf den Äckern der deutschen Dörfer ist im Herbst 1944 und im Frühjahr 1945 nur wenig gesät worden. Deshalb gibt es im Herbst 1945 nicht viel zu ernten. Es stehen noch Maisstängel vom Vorjahr, die meisten Äcker liegen brach. Am 2. September sind Helga, Hansi und Rosa Schmidt mit Uroma, Oma, Onkel, Tante Reinlein, Tante Viktoria und Vetter Helmut Junker in Eggenfelden mit einem 80 Waggon langen Zug abgefahren, und am 16. September 1945 sind sie in Marienfeld. Hansi Schmidt ist auf der Heimreise erkrankt. Er hat sehr hohes Fieber. Doch jetzt sind alle daheim, auch der Vater, der sich um den Jungen kümmert. Den dritten Geburtstag wird der kleine Hansi genau wie den zweiten zu Hause in Marienfeld feiern. Marienfeld ist noch dasselbe Dorf, aber die Menschen sind nicht mehr dieselben. Die noch übriggebliebenen Deutschen sind eingeschüchtert. In den Gassen sind viele Fremde zu sehen. Die Alteingesessenen nennen sie Kolonisten. Tausende von Familien der Staatsnation, die meisten sind in Lumpen gehüllt, sind im Herbst 1944 ins „neue Amerika“ gekommen, um am sagenhaften Reichtum des Dorfes Teil zu haben. Diese Rumänen sind die neuen Herren in Marienfeld und in den anderen deutschen Dörfern. Analphabeten werden Bürgermeister. Die Deutschen sind vogelfrei. Es beginnt ein systematischer Raub- und Plünderungszug, der sich so lange hinzieht, bis bei den Deutschen nichts mehr zu holen ist.

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A.K. aus Kronstadt:

Unbeschreibliche Freude Nach der Niederwerfung Deutschlands begann sich das kommunistische Regime unter Anwendung von viel Gewalt einzurichten. Diese äußerten sich in der Verschleppung vieler Menschen aus allen Nationen. Wir Frauen mussten öffentliche Gebäude sauberhalten, und hier wurde auch vor 70-jährigen nicht haltgemacht. Nur mit viel Geld konnte man sich loskaufen. Von der Kanzel konnten wir dann, nach mehreren Monaten, die ersten Nachrichten von unserer verschleppten Jugend aus den russischen Lagern erfahren. Ein Alptraum löste sich auf, denn die unglaublichsten Gerüchte kursierten. Im Sommer 1945 kamen viele unserer technischen Spezialisten aus den Lagern zurück in die Heimat, um hier von der KP eingesetzt zu werden und lebenswichtige Betriebe wieder in Gang zu bringen. In meinem großen Bekanntenkreis unter den Ungarn ließ die anfängliche Begeisterung für das neue Regime sehr schnell wieder nach. Auch viele Rumänen machten keinen Hehl aus ihrem Glauben an die baldige Rückkehr der Westmächte zusammen mit den Deutschen. Die Bahnlinien um Kronstadt waren verstopft mit Güterzügen, voll beladen mit Beutegut, andere wieder mit deutschen Gefangenen. Von einem dieser Züge wurde eine persönliche Nachricht meiner Schwester, die mit ihrer Familie in den Westen geflohen war, für mich abgeworfen. Ein kleiner Zettel wurde mir gebracht; da beschloss ich, sie aufzusuchen. Still und heimlich erkundigte ich mich, wie und wo ich über die Grenzen gehen konnte. Reiseroute, Adressen lernte ich auswendig, um keine verdächtigen Papiere bei mir zu haben. Devisen konnte man sehr wenig und nur auf Umwegen erhalten. Es hieß, mit dem Erlös eines großen Stücks Speck gelange man durch Ungarn. Ein Vetter, der zu seiner Frau wollte, schloss sich mir an. Männer wurden verfolgt, es war ein Wagnis. Im August 1945 machten wir uns auf, fuhren trotz Verbot bis zur Grenze. Hier kehrten wir in eine Spelunke ein, um die Nacht abzuwarten. Ein junger Honvéd (Soldat) gesellte sich zu uns. Im Lokal spielte ein Zigeuner seine Weise, er entpuppte sich als Führer. Für viel Geld führte er uns auf Fußpfaden über die Grenze. Diesmal kam der schöne Mondschein ungelegen. Jeder von uns trug 40 Kilogramm Gepäck; der Zigeuner lief so rasch, dass wir ihm kaum folgen konnten. Der Morgen graute; er sagte, wir seien am Ziel. Müde waren wir, man ging sehr schwer im weichen sandigen Boden, Hügel auf und ab, durch Gestrüpp und Hecken. Ohne Angst vor den Grenzposten wäre es eine sehr romantische Tour gewesen. Als erstes ruhten wir uns aus im dichten Wald, holten uns Melonen vom Feld und erlabten uns daran. Hier erwarteten wir die Nacht. Gut

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ausgeruht, wanderten wir landeinwärts, nie auf Hauptstraßen und holten in Geschäften Erkundigungen ein. Unser kleiner Honvéd, glücklich, in seinem Land zu sein, schritt die Straße ab, als wir noch im Gebüsch ruhten. Eilig kam er zu uns zurück und flüsterte, es kämen Soldaten, er sei gesehen worden. Schnell nahmen wir unser Gepäck und huschten tiefer in den Wald. Bange Minuten vergingen, und wir hörten, wie die ungarischen Soldaten mit ihm verhandelten und nach einer Zeit mit ihm weiterfuhren. Obwohl ein Gepäckstück liegen geblieben war, hatte er uns nicht verraten. Wir eilten, so rasch es ging, um in Sicherheit zu kommen. Die Gehöfte, die wir streiften, waren menschenleer, Kinder, schlecht gekleidet, gaben uns Auskunft. In der Dämmerung schlichen wir uns an das kleine Bahnhofsgebäude, das einsam in der Gegend stand. Der Bahnwärter, mit dem wir uns rasch anfreundeten, meinte, wir seien außer Gefahr, hieß uns im Warteraum auf den Morgen warten, weil nur einmal am Tag ein Zug in die Stadt fuhr. Ich besaß etwas Geld. In der Nacht wurde ich aus dem Schlaf geweckt. Was sah ich: Zwei junge Soldaten, oh, Schreck. Er fragte nach meiner Herkunft. Verwirrt und schlaftrunken stammelte ich etwas; die Antwort kam aus der anderen Ecke; ich kannte ja nicht die benachbarte Ortschaft. Die Soldaten waren damit zufrieden und unterhielten sich noch lange mit dem Wärter. Im stillen überlegten wir, ob wir hier bleiben oder in den nahen Wald gehen sollten. Wir verhielten uns ganz ruhig. Das war unser Glück. In der Morgendämmerung patrouillierten die Soldaten und verschwanden. Die Eisenbahn hörte man schon von weitem herankommen. Inzwischen füllte sich der Warteraum mit Arbeitern. Froh, die Fahrkarte zu haben, drängten wir uns in den überfüllten Zug. Eine Gepäckkontrolle kam; ich war sehr ruhig und öffnete das Gepäck, ohne zu murren. Die Kontrolle winkte ab und sah viel gründlicher bei dem Nachbar nach. Gesucht wurde nach Schnaps und Lebensmitteln. Auf der ganzen Fahrt kam mir kein Wort über die Lippen, man hätte mich sofort als Flüchtling erkannt. In der großen Stadt angekommen, drängten wir uns mit den vielen anderen durch die Sperre und kamen gut durch. Die Beamten waren gutmütig, man fühlte direkt, dass sie wussten, wen sie vor sich hatten, man wurde förmlich zum Weitergehen geschoben. Wir verschwanden in einem großen Hof, wo ich meinen Begleiter beim Gepäck zurückließ. Ich musste nun zusehen, wie ich zu Geld kam, und hatte Pech. Vor einem Tag erfolgte die Währungsreform. Meine schönen Stoffe und Wollsachen gefielen sehr, nur Geld war überall knapp. Mit Müh und Not bekam ich den Betrag zusammen. Die Fahrt bis Budapest verlief reibungslos, wir stiegen in einem Vorortbahnhof ab, um der Sperre zu entgehen, und fuhren mit der Elektrischen (Straßenbahn) in das Stadtinnere. In der Straßenbahn wurde laut geflucht über die neuen Verhältnisse. Alle waren aufgeregt und unzufrieden. Durch Bekannte kam ich wieder zu Geld; selbst am Bankschalter, wo ich dieses eintauschte, musste ich

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mich nicht ausweisen. Gut ausgeruht und gesättigt machten wir uns mit guten Ratschlägen wieder auf den Weg. Wir benutzten Arbeiterzüge. Die Waggons hatten keine Fenster; ein Glück, dass es so warm war. Die Bevölkerung war sehr schlecht gekleidet. Der Schaffner war sehr höflich und verlangte nur die Fahrkarte. Am Bestimmungsort angekommen, fanden wir auch bald das Haus, wo wir weitere Verhaltungsmaßregeln bekommen sollten. Bepackt und zaghaft ging ich allein in den Hof. Entsetzt trat ich zurück. Was sah ich: Männer am Tisch sitzend und Karten spielend, darunter auch Gendarmen. Ein Bacsi (Onkelchen, älterer Herr) erhob sich, winkte, hieß mich freundlich grüßend nähertreten. Wir gingen in die Küche. Als er hörte, dass ich Peter, meinen Vetter, auf der Straße habe stehen lassen, holte er ihn herein. Eine warme Suppe wurde uns vorgesetzt, die wir dankend und mit Appetit aßen. Um Mitternacht wanderten wir nach seinen Angaben weiter; vorher tauschten wir Geld bei ihm, um drüben mit der Bahn bis nach Wien zu kommen. In strömendem Regen und ohne besondere Vorfälle gelang der Grenzübertritt. In Wien angekommen, suchte ich Verwandte auf. Mein Reisegefährte war hier am Ziel. Ich hielt mich drei Tage hier auf, machte mir die Reiseroute zurecht. Über die bewachten Brücken ging es nicht, ich musste sie umgehen. Diesmal ging ich am hellen Tag über die Demarkationslinie. Dann mit der Bahn bis nach Salzburg. Eine Frau, die ich um Auskunft bat, nahm mich mit in ihre Wohnung und versprach, mir nächsten Morgen weiterzuhelfen. Das tat sie in der Weise, dass sie mich vier Stunden lang zur Grenze begleitete und mein Gepäck tragen half. In einer kleinen Ortschaft trennten wir uns. Ich erkundigte mich immer nur bei arbeitenden Menschen, die auf dem Feld schafften, so auch hier. Ich blieb bis zum Abend bei ihnen und half fleißig mit. Abends fuhr ich mit ihnen in die Gemeinde, ein gutes Stück der Grenze näher. Nach ihren Angaben durfte ich auch hier nur um Mitternacht weitergehen. Dies war meine schwerste Nacht, auf schmalen Pfaden durch Dickicht, Moor und Bäche, oft ganz unheimlich, erschöpfend. Zucker, den ich zu mir nahm, gab mir wieder Kraft. Ich stand oft vor Übermüdung still, man hörte auf der Autobahn das regelmäßige Marschieren der Grenzwache, die fürchtete ich, ihre deutsche Genauigkeit. Am Morgen kam mir ein junges Mädchen entgegen, das zur Kirche eilte; es half mir sofort, nahm mir Gepäck ab, brachte mich zur Bahn und löste mir die Fahrkarte. Und so dachten die umstehenden Grenzer, ich sei aus dieser Gegend. Beglückt und erschöpft vor Seligkeit saß ich im überfüllten Zug. Meine Angehörigen fühlten, dass ich eines Tages erscheinen würde, aber dass es so rasch ging, hatten sie nicht erwertet. Diese Freude muss man erleben, sie ist unbeschreiblich. Der Bericht ist in redigierter Form dem Band „Dokumentation der Vertreibung aus Ost-Mitteleuropa III. Das Schicksal der Deutschen in Rumänien“ entnommen.

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R.G. aus Großscham:

Den Grenzern bei Nacht entwischt Im September 1946 begannen wir mit den Vorbereitungen zur Flucht. Es gestaltete sich alles sehr, sehr schwierig. Am 4. Oktober besuchten uns meine Eltern aus Großscham. Sie brachten eine Großtante mit, die mit uns zu ihren Kindern nach Deutschland wollte. Es war ein bewusstes Abschiednehmen für immer. Und darum war es schwer, wie nur etwas schwer sein kann. Noch schwerer aber war der Abschied am 10. Oktober 1946. Wir waren nämlich nach langen, kühlen Überlegungen zur Einsicht gekommen, nur unseren Buben mit uns zu nehmen und unser Töchterchen bei den Großeltern in Temeswar zu lassen. Irgendwie sollte sie später nachgebracht werden. Ein Rumäne, der uns schwarz über die Grenze bringen sollte und dafür teuer bezahlt worden war, versagte, und wir fielen der Gendarmerie und dem Grenzschutz in die Hände. Von 20 Uhr abends bis nach 2 Uhr früh des nächsten Tages wurden wir verhört und ausgefragt. Alle Bestechungsversuche unsererseits schlugen fehl. Das sonst so empfängliche rumänische Herz blieb hart. Die Angst vor eventuellen Folgen war eben größer als der vielleicht vorhandene gute Wille. Wir blieben in Haft. Der Gendarmerieunteroffizier und ein Feldwebel des Grenzschutzes nahmen uns in ihre persönliche Obhut und Überwachung. Gegen 3 Uhr legten wir uns schlafen. Wir sollten mit Tagesanbruch nach Arad gebracht werden. Die beiden Unteroffiziere spielten Karten und tranken mit dem Gemeindenotar im Zimmer nebenan. Endlich gingen auch sie schlafen. Zu allem entschlossen, weckte ich meine Frau, die Großtante und unseren Buben. Das Unwahrscheinliche gelang. Wir kamen unbemerkt aus dem Hause, bogen in eine Seitenstraße ein und schlichen mit dem Kinde und unserem schweren Gepäck an den Bäumen entlang. Schließlich betraten wir ein ungarisches Haus und erklärten dem verschlafenen Bauern sofort unsere Lage. Er begriff rasch und versteckte uns in einer halbverfallenen Spreuhütte. Darin verbrachten wir den ganzen Tag. Im Dorf wurden wir bis Mittag wie eine Stecknadel gesucht. Die schwerste Nacht sollte uns aber noch bevorstehen. Der ungarische Bauer wusste, dass wir auf ihn angewiesen waren. Er trat mit Grenzsoldaten in Verbindung, mit denen er gut bekannt zu sein schien. Um Mitternacht erschienen zwei Soldaten. Sie verlangten Riesensummen, um uns schwarz über die Grenze zu bringen. Sie sagten ganz offen, dass sie uns, wenn wir nicht zu zahlen bereit wären, ja ohne weiteres auch zum Grenzhaus und zum Feldwebel bringen könnten. Hartnäckig verhandelten wir beim Licht einer Stall-Laterne zwei Stunden lang. Endlich waren wir uns handelseinig. Unser ganzes rumänisches Geld, fast alle Forint, einen Anzug, einen Mantel, 2 neue Hemden von mir, 3 Paar Schuhe und Kleider und Wäsche sowie Seidenstrümpfe von meiner Frau mussten wir abtre-

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ten. Schließlich mussten aber auch noch meine Armbanduhr und meinen Füllfederhalter geopfert werden. Wir waren also sehr „erleichtert“. Gegen 3 Uhr morgens brachen wir auf. Die Grenzsoldaten halfen uns das Gepäck tragen. Wir kamen gut bis zum Grenzgraben voran. Dort drückten uns die Soldaten die Hand und verabschiedeten sich mit: „Drum bun!“, „Guten Weg!“ Weiter ging es querfeldein. Im Morgengrauen erreichten wir den ersten in Ungarn liegenden Hof. Den Vormittag verbrachten wir in einem Kuhstall. Nachmittags fuhr uns der Bauer zur nächsten Eisenbahnstation. Wir bestiegen anstandslos den Zug und waren am Abend des 12. Oktober 1946 in Segedin. Gott sei Dank, die Tante meiner Frau lebte noch, und wir fanden sie in ihrer alten Wohnung. Bei ihr hielten wir uns vorübergehend auf. Dank ihrer Vermittlung konnten wir Wäsche, Strümpfe, Decken usw. in Forint umsetzen, um die Fahrkarten von Szegedin nach Ödenburg damit zu bezahlen. Am 15. Oktober 1946 bestiegen wir den Zug und gelangten problemlos nach Budapest. In den Straßen der Hauptstadt Ungarns wurde gerade der Selbstmord Hermann Görings durch die Zeitungsverkäufer ausgeschrieen. Im Zug von Budapest nach Raab wollte der Schaffner unsere Fahrkarten beanstanden. Er nahm sie an sich und verschwand damit. Wir saßen unterdessen wie auf Nadeln. Schließlich gab er sie aber nach einigen Stationen wieder mit den Worten zurück: „Was geht es mich an, dass sie von einer Grenze Ungarns zur anderen fahren. Ich bin ja kein Gendarm!“ Das war mal wieder gut gegangen, und wir durften erleichtert aufatmen. Aber die Schwierigkeiten wollten nicht aufhören. In Raab mussten wir umsteigen. Im Wartesaal entgingen wir nur ganz knapp einer Ausweiskontrolle. Hier trafen wir auf Banater, die, schwarz aus Deutschland kommend, auf der Heimreise waren. Im Zug nach Ödenburg beanstandete der Schaffner unsere Fahrscheine. Auf dieser Strecke verkehrten nämlich Staats- und Privatzüge, und wir hatten ausgerechnet einen privaten erwischt. Wir mussten neue Karten lösen und standen wieder ohne Geld da. In Ödenburg hielten wir uns bei einem Bekannten auf, den das Schicksal aus dem Banat hierher verschlagen hatte. Er erklärte uns die Grenzörtlichkeiten, und wir gingen noch in derselben Nacht nach Österreich. Bei Einbruch der Dunkelheit brachen wir auf. Der Kirchturm des ersten österreichischen Dorfes und dahinter ein dunkler Berg dienten uns als Kompass. Wieder ging es querfeldein. Wir hatten schweres Gepäck zu tragen. Ab und zu hörten wir Schüsse. Scheinwerfer der ungarischen Grenzler flammten auf, strichen über das Grenzgebiet und erloschen wieder. Unser kleiner Junge hielt sich sehr tapfer. Oft fiel er, weinte leise, bis dann aber die Zähne zusammen und hielt mit uns Schritt. Erschöpft trafen wir in dem Dorf ein. Schon beim ersten Anklopfen wurde uns geöffnet. Es war Schattendorf, wir waren in Österreich. Im Dorf hatten wir Gelegenheit, die Herzen der Grenzbewohner von der allerbesten Seite kennenzulernen. Das Haus, an dem wir angeklopft hatten, nahm uns

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gastfreundlich auf. Wir konnten uns waschen, ausruhen und vor allem sorglos ausschlafen. Die Nachbarsleute halfen mit, uns zu verpflegen und lehnten - wir hatten österreichische Schillinge - jede Bezahlung entschieden ab. Mein Junge und ich waren froh, denn jetzt durften wir wieder mit den Leuten reden. Durch ganz Ungarn mussten wir stumm bleiben, weil wir der Sprache nicht mächtig waren. Bei meinem Kind war es weniger als bei mir aufgefallen. Die größte Schwierigkeit bereitete uns der Umstand, dass der Eisenbahnverkehr in Österreich eingeschränkt war und man für jede Reise eine Dringlichkeitsbescheinigung brauchte. Der Bürgermeister von Schattendorf stellte uns eine solche aus, und wir verließen am 23. Oktober 1946 den Grenzort in Richtung Wien. Abends erreichten wir die Hauptstadt Österreichs. Bei Landsleuten, deren Adresse wir von daheim kannten, fanden wir Unterschlupf. Interessant ist die Tatsache, dass die Wiener Volksdeutsche Mittelstelle (gemeint ist wahrscheinlich die Zentralberatungsstelle der Volksdeutschen, der Herausgeber), die wir um Rat und Hilfe baten, uns vor einer Weiterreise in die westlichen Bundesländer warnte; sie redeten mehr als eine Stunde lang auf uns ein, wir sollten in Wien bleiben und bei dieser oder jener Baufirma als Hilfsarbeiter eintreten. Als ich darauf erwiderte, in meinem Berufe arbeiten zu wollen und gerade deshalb Rumänien verlassen habe, wurde ich grob angefahren: „Was fällt Ihnen eigentlich ein? Wären Sie doch unten geblieben!“ Ich empfahl mich, und wir fuhren noch am gleichen Tage weiter. Wenn ich die Hilfsbereitschaft des Schattendorfer Bürgermeisters mit der Haltung der Volksdeutschen Mittelstelle vergleiche, muss ich mich heute noch für die letztere schämen. Auf der Reise von Wien über Sankt Pölten und Sank Valentin nach Prägarten wurden zweimal unsere Ausweise kontrolliert. In beiden Fällen gab man sich mit der Dringlichkeitsbescheinigung aus Schattendorf zufrieden. Wir waren am Ende unserer Kräfte, als wir am 26. Oktober 1946 Prägarten erreichten. Die Nerven lagen blank. Wie oft hatte ich Reisende beneidet, die sicheren Schrittes aussteigen konnten, die ein Weg in das vertraute Heim ihrer Heimat führte. Landsleute aus Prägarten halfen uns über die russische Demarkationslinie. Am 31. Oktober 1946 betraten wir in der Frühe die Stadt Linz, waren dann noch bis 7. November bei Bekannten in Sankt Marienkirchen an der Polzenz Gast und erhielten schließlich vom Amt für Umsiedlung in Linz eine Wohn-Einweisung in das DP.-Lager 63, Am Bindermichl. Die kleine Tochter der Familie ist im April 1947 mit der Großmutter über die Grenzen gebracht worden. Der Verfasser dieses Berichts ist bei der Rückkehr aus Österreich im Juli 1945 verhaftet worden. Nach der Freilassung im Sommer 1946 entschließt er sich zu flüchten. Der Bericht ist in redigierter Form dem Band „Dokumentation der Vertreibung aus Ost-Mitteleuropa III. Das Schicksal der Deutschen in Rumänien“ entnommen.

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H.D. aus Jahrmarkt:

Wiedersehen in Rastatt Die Enteignung wurde komplett durchgeführt, als die Kolonisten ins Dorf gekommen sind; denn was vorher die Russen nicht mitgenommen haben, nahmen sich die Kolonisten. Sie gingen in die schönsten Häuser des Dorfes, und der Deutsche musste weichen, entweder ganz aus seinem Haus und Besitz oder in die Hinter- und Nebenräume. Die Felder konnten die Deutschen nicht mehr bearbeiten, denn sie hatten keine Zugkräfte und Geräte zur Feldarbeit. Es wurde den Deutschen unmöglich gemacht, die Ernte einzuholen. Es kamen schwere Zeiten. Man hatte sich dadurch arrangiert, dass man sich mit den rumänischen Kolonisten verständigt hat und gemeinsam mit ihnen auf die Felder ging, denn sie hatten keine Ahnung von Landwirtschaft. Auch die Gärten lieferten noch Ertrag. Man hat auch Kleider und sonstige Sachen verkauft oder im Handel sich das Nötige beschafft. Ältere Leute hatten es sehr schwer; sie trugen die Not mit ins Grab und fanden so ihren Frieden. Die Zustände sind nicht mit Worten zu schildern, denn sie waren zu grauenhaft. Und so habe ich Not und Elend ertragen mit meinen kleineren drei Kindern, die noch zu jung waren zur Verschleppung; die ältere Tochter jedoch wurde mir weggenommen und nach Russland verschleppt. Im August 1947 habe ich mich vor lauter Kummer und Sorge mit meinen drei Kindern auf die Flucht begeben mit der Bahn, um zur ungarischen Grenze zu gelangen; ich kam auch dort an, aber leider nahmen sie uns fest und transportierten uns von Curtici nach Arad, von dort nach Temeswar. Da ließen sie mich frei, und ich begab mich jetzt nach Tschanad an die Grenze. Da hatte ich Glück und konnte mit den vielen Flüchtlingen aus den jugoslawischen Vernichtungslagern nach Ungarn gelangen. Mit der Eisenbahn, zu Fuß und mit Autos kamen wir über Budapest zur österreichischen Grenze. Eins muss noch gesagt werden: Die UngarnDeutschen haben uns sehr wohlwollend unterstützt und uns mit den Kindern Quartier sowie auch Essen gegeben. Gott sei Dank, denn ohne sie wäre dieser Leidensweg noch bitterer ausgefallen. Die österreichischen Grenzer (Polizei) haben uns ohne weiteres durchgelassen, und so waren wir schon eine Last von unseren Herzen los, nämlich das Unsichere und Vogelfreie; und hier sind wir wieder als Menschen behandelt worden. Von da ging es dann schon leichter bis nach Deutschland und schließlich zu meinem Ehegatten nach Rastatt. Groß war die Freude, als auch die Tochter aus Russland schon hier vor einigen Tagen eingetroffen war. Der Bericht ist in redigierter Form dem Band „Dokumentation der Vertreibung aus Ost-Mitteleuropa III. Das Schicksal der Deutschen in Rumänien“ entnommen.

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Ungarische Geistliche als Fluchthelfer Von Alexander Oprendek

Alexander Oprendek

Tschakowa im Banat Mitte der 30er Jahre. Die Hausfrauen sprechen nur von einer Sache: In der Kinogasse hat Rudolf Zimmer einen neuen Gemischtwarenladen eröffnet. Es gibt neue Waren und ein vielfältigeres Angebot. Der Einkauf läuft jetzt ganz anders ab. Wenn früher der Verkäufer das Geld einfach in den eingebrachten Schlitz in der Theke einsteckte und dieses dann in die darunter liegende Schublade fiel, so war das jetzt ganz anders. Am Ladenausgang stand eine Kasse, davor saß Frau Zimmer, um zu kassieren. Zu dieser kam der Käufer, dann rief der Verkäufer, laut und deutlich – in österreichischem Kaufmannsdeutsch: „Kassa! Zwei Lei fünfzig!“ Die Kassiererin drehte an einer Kurbel, und mit einem Kling sprang die Kasse auf. Das Geld kam hinein, und der Kunde erhielt

sein Wechselgeld. Mit Zimmer hielt auch Werbung in Tschakowa Einzug. Auf dem Land war das bis dahin nicht üblich. Die Leute gingen ins nächstgelegene Geschäft einkaufen. Fand man nicht das Gewünschte, so ging man ins nächste. Wozu Werbung? Der gelernte Kaufmann Zimmer sah das anders. Er erfand einen Werbespruch und bestempelte damit alle Tüten und Papiere, ja er verteilte auch Werbezettel und Werbegeschenke: kleine, rechteckige Taschenspiegel, die auf der Rückseite bedruckt waren: „Jeder Mensch, ob groß ob klein, kauft seine Ware beim Zimmer ein!“ Rudi Zimmer war ein Tausendsassa und ein Hansdampf in allen Gassen. Er spielte mehrere Instrumente, inszenierte Theaterstücke, führte Regie und spielte selbst mit. Er war unentwegt tätig und hatte immer neue Ideen. Was uns besonders imponierte, waren seine Fahrradkünste. Er konnte allein mit der linken Hand - die rechte hielt ein Paket - aufs Fahrrad steigen, um den rechten Fuß über den Sattel zu schwingen. Das war für uns eine Zirkusnummer, die wir nachzumachen versuchten. Doch bald war damit Schluss. Anfang der 40er Jahre schloss Rudolf Zimmer seinen Laden, er verließ Tschakowa und zog mit Frau und Kind - er hatte inzwischen eine Tochter - nach Bukarest, um dort für eine Importgesellschaft zu arbei-

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ten. Zimmer bekam den Einzugsbefehl zur rumänischen Armee. Doch er meldete sich freiwillig zur deutschen Wehrmacht. Seine Frau und seine Tochter gingen zurück nach Tschakowa. Nach Kriegsende wurden Frau Zimmer und ihre dreijährige Tochter ins Lager von Târgu Jiu interniert. Rudi Zimmer ließ sich nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Hamburg nieder. Er wollte als unbeliebter Deutscher nicht zurück nach Rumänien; er trachtete danach, Frau und Kind nach Hamburg zu holen. Zimmers Schwiegervater, Karl Gregor, war ein gewandter und fähiger Mann, ein Alleskönner, ein Mensch, der vieles schon erlebt hat, der auch in russischer Gefangenschaft war und sich in seinem Leben immer gut durchgeschlagen hat. Er hatte in Tschakowa ein gut besuchtes Photoatelier betrieben. Mit dem Unheil, das Tochter und Enkelkind widerfahren war, wollte er sich nicht abfinden. Er machte sich mit einer dickgefüllten Brieftasche nach Târgu Jiu auf und fand die entsprechende Stelle und Person und machte das, was in Rumänien immer zum Erfolg führte: Er ließ Geld fließen, bestach alle Maßgebenden und bekam seine Angehörigen frei. Die Familie hatte inzwischen Verbindung zu Rudi Zimmer in Hamburg aufgenommen und beschloss, die Flucht über Ungarn zu wagen. Nach Jugoslawien zu flüchten, wäre damals Wahnwitz gewesen; dort waren schon die Deutschen, die mit Anrücken der Front 1944 nicht geflüchtet waren, in Vernichtungslagern. 1946 und auch in den kommenden Jahren flüchtete, wer konnte, aus Jugoslawien nach Rumänien oder Ungarn. Karl Gregor fand einen Schleuser, der Mutter und Kind über die Grenze nach Ungarn bringen sollte. Vater Gregor gab der Tochter Ratschläge mit auf den Weg. Sie sollte sich nicht größeren Gruppen anschließen, kämen mehr als sechs Personen zusammen, gebe es Streit. Sie sollte stets freundlich und höflich sein, auch gegenüber ungehobelten und rüpelhaften Gesellen. Um Ermüdung vorzubeugen, sollte sie möglichst viel Wasser trinken, aber nur aus Quellen, Bächen oder reinen Flüssen. Als Lebensmittel gab er ihr eine große Seite Speck mit. Wie wertvoll diese Ratschläge waren, zeigte sich schon bald. Die Nachkriegsjahre waren Hungerjahre. Ein Stück Speck konnte Streitende besänftigen, Freude gewinnen helfen und als Bestechungsmittel dienen. Es dauerte noch einige Tage, dann wurden die beiden abgeholt und zusammen in einer Gruppe von 16 Leuten nachts zur Grenze gefahren, um unbemerkt, in der Dunkelheit des Neumondes die Grenze zu überschreiten. In Ungarn angekommen, ergaben sich Unstimmigkeiten in der Gruppe über das weitere Vorgehen; es kam zu Streit, weswegen sich der Flüchtlingstrupp auflöste und der Schleuser im Dunkel einfach verschwand. Jetzt war die Mutter allein mit ihrem fünfjährigen Kind. Die beiden irrten umher. Morgens erreichten sie erschöpft einen kleinen Ort und fielen sofort als Ortsfremde auf. Grenzer führten sie ab. Sie hatten Glück: Das Jahr 1946 war die

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Zeit der politischen Wirren, auch in Ungarn. Der Kommunismus hatte noch nicht richtig Fuß gefasst. Es gab keine klaren Anweisungen. Was sollte man nur mit einer Frau mit Kind anfangen, fragten sich die Grenzsoldaten. Frau Zimmer sprach wie viele Banater drei Sprachen, auch Ungarisch. Das anmutige und einnehmende Kind und die Mutter mit ihren guten Ungarischkenntnissen gewannen die Sympathie der Grenzer, die sich sagten, „das sind doch unsere Leute aus Rumänien, denen kann man doch nicht Schwierigkeiten bereiten und sie in eine Zwangslage bringen.“ Sie wurden stillschweigend entlassen, mit Marschverpflegung versehen und bekamen auch noch gute Ratschläge, um an die Grenze zu Österreich zu kommen. Eine große Rolle auf der weiteren Flucht spielten die Geistlichen und die Kirchen in Ungarn. Tauchte ein Problem auf, steuerten die Flüchtlinge die nächste Kirche an und sprachen beim Pfarrer vor. Der konnte helfen und bot ihnen auch ein Nachtquartier an. So kamen sie recht schnell an die österreichische Grenze. Auch dort erfuhren sie Hilfe von einem Pfarrer. Rudi Zimmer war schon in Wien und über alles im Bilde. Die Grenze zu Österreich war noch nicht so streng bewacht wie die rumänische. Der Geistliche wollte Frau Zimmer und ihr Töchterchen dennoch keiner Gefahr aussetzen und organisierte auch die letzte Etappe der Flucht minutiös. Sie wurden nach Kroisbach bei Ödenburg am Neusiedler See gebracht, wo sie bei Nacht die kaum bewachte Grenze überschritten und unbeschadet ins österreichische Mörbisch am See gelangten. Am Morgen trafen sie, wie verabredet, vor der Kirche des Ortes Rudi Zimmer. Er war vom Pfarrer dorthin bestellt worden, um seine Familie mit seinem Auto in Empfang zu nehmen. Eine abenteuerliche, gefährliche Flucht war glücklich zu Ende gegangen. Die Familie gelangte nach Hamburg, wo sie sich eine neue Existenz aufgebaut hat. Von der Flucht hat Frau Zimmer ein Andenken behalten. Am Neusiedler See wächst eine einzigartige Orchidee, der gelbe Frauenschuh. Sie hat diese einzigartige und hübsche Blume getrocknet. Sie erinnerte Jahre lang über der Kommode an die abenteuerliche Flucht.

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Über Afrika nach Indochina Von Ludwig Höcher Unmittelbar nach dem 23. August 1944 wurden alle Deutschen aufgefordert, sich bei der lokalen Gendarmerie zu melden, ihre Radios, Photoapparate, Fahrräder u. a. abzugeben. Es stellte sich später heraus, dass die Meldeliste der Deutschen vom August 1944 für die Aushebung am 15./16. Januar als Beweisliste gedient hatte. Ich war in jenen Tagen nicht zu Hause in Ferdinandsberg, sondern beim rumänischen Militär, wo ich selbstverständlich als Deutscher registriert war. Wäre ich am 15./16. Januar noch beim Militär gewesen, dann wäre ich aus den Reihen geholt und zur Verschleppung übergeben worden, wie es meinen zwei Ludwig Höcher Klassenkollegen widerfahren ist. Sie dienten in einer anderen Reserve-Offizierschule und wurden damals beim Rapport herausgerufen, umgekleidet und dem Deportationsorgan übergeben. So haben meine Kollegen Egon Wermescher und Hugo Wehry fünf Jahre im Kohlenbergbau und als Waldarbeiter in Russland arbeiten müssen. Da ich Weihnachten 1944 zu Hause erleben durfte, feierte ich diese Festtage wie gewöhnlich mit meinen rumänischen Kollegen und Freunden. Öffentliche Bälle, wie einst üblich, waren allerdings verboten. Nur am 15. Januar war solch eine Veranstaltung genehmigt. Leider wurde mir hier das Tanzen verleidet. Ein mir gut gesinnter Rumäne, der Mitglied im Gemeinderat war, nahm mich in der Pause zur Seite. Er gab mir den Rat, die Veranstaltung sofort zu verlassen. Ich verließ den Tanzsaal, ohne Abschied zu nehmen und ohne Aufsehen zu erregen. Ich machte mich trotz meiner sonntäglichen Aufmachung nach Glimboca auf, wo ich den für mich zugedachten Salasch (Stall) erreichte. Tags darauf erfuhr ich von meinem Freund Simion, der mich mit seinem Onkel hier aufsuchte, was in der Nacht vom 15. auf den 16. geschehen war. Die Aushebung aller noch hier lebenden Deutschen wurde kurz nach Mitternacht auf unmenschliche Art und Weise von den Russen durchgeführt, die von einem rumänischen Gendarm und einem Vertrauensmann, einem Kommunisten, begleitet wurden, um so die Namen und Hausnummern leichter zu finden. Herzzerreißende Szenen spielten sich ab; Mütter wurden von ihren kleinen

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Kindern getrennt. Wo keine Großmutter da war, wurden diese Kinder bei den Nachbarn untergebracht. Einige haben sich durch überstürzte Flucht in Sicherheit gebracht, doch wurden sie durch Vergeltungsmaßnahmen später gezwungen, sich zu stellen. Auch Selbstmorde hat es gegeben. Herr Müller, eigentlich ein Österreicher, erschoss sich, nachdem er zuerst seiner Ehefrau durch Kopfschuss das Ende bereiten wollte. Frau Müller überlebte jedoch und blieb von der Verschleppung verschont. Ich wurde nicht gesucht. Ich hielt mich auch die nächsten Tage in Ferdinandsberg auf, später in einem anderen Ort beim Onkel meines Freundes Simion. Meine Freunde konnten meine miserable Lage besser beurteilen als ich selbst. Sie verschafften mir zuallererst falsche Ausweispapiere mit rumänischem Namen, denn mit deutschem Namen wurde man bei einer Razzia sofort festgenommen. Sie sorgten auch dafür, dass ich aus dieser für mich gefährlichen Region, wo ich doch gut bekannt war, wegkam. Ende Januar war ich in Hermannstadt, wo ich zuerst bei meinem Freund Simion wohnte. Alles lief gut bis zu dem Tag, an dem man mir einen Rucksack mit Winterausrüstung und ein paar Skiern ins Haus brachte mit der Aufforderung, mich für den Abend bereitzuhalten. Vagen Andeutungen konnte ich entnehmen, dass Gefahr im Verzuge war. Es war mir klar, dass meine Legionär-Freunde im politischen Untergrund tätig waren. Bei einigen Aktionen war ich bereits beteiligt gewesen. Bei Nachteinbruch wurde ich von einem jungen Burschen abgeholt. Ich wusste nur, dass er mit Spitznamen Puiu hieß. Wir schlugen den Weg in die Richtung Junger Wald ein, der Straßenbahnlinie folgend. Am Friedhof angelangt, machten wir Halt, und mein Kompagnon pfiff, bis wir hinter der Friedhofsmauer ähnliche Pfiffe als Erkennungszeichen wahrnahmen. Es dauerte nur ein paar Sekunden, und schon sprangen drei Gestalten über die Mauer und sprachen uns an. Sie sprachen Deutsch, mein Freund sprach nur Rumänisch. Da erkannte ich die mir zugedachte Stellung und Verwendung: Ich wurde als Dolmetscher gebraucht. Die Gruppe der drei noch Unbekannten bestand aus Jakob Kolb, Herbert Doll und Karl Roth. Jakob Kolb, Jacky genannt, war Hauptmann des Fallschirmregiments Brandenburg und mit seiner 2. Kompanie nach dem Putsch bei Bukarest abgesprungen, um König Mihai I. zu kidnappen. Ein Versuch, der kläglich scheiterte. Wir sollten zu Fuß das Legionär-Partisanenlager in den Bergen erreichen und bis zum eventuellen Einsatz ausharren. Dort lebten wir zusammen mit 20 verschworenen Legionären bis Herbstanfang. Gelegentlich eines Abstiegs mit Jacky nach Hermannstadt erfuhren wir die letzten militärischen und politischen Meldungen. Sie waren hoffnungslos. Die Straßenkämpfe tobten schon in Berlin. Am 8. Mai kapitulierte Deutschland bedingungslos. Unsere Situation warf unzählige Fragen auf. Wie sollte es mit uns hier in der „Wildnis“ weitergehen? Ich jedoch, ausgestattet mit rumänischen Papieren,

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dazu noch mit einem Studentenausweis, fühlte mich gefeit vor jeglicher Gefahr. Unzählige Razzien, die zum Abfangen und Auffinden von „feindlichen Elementen“ tagsüber in den bereits abgeriegelten Straßen eingesetzt wurden, passierte ich ohne Emotionen. Inzwischen war aber vereinbart worden, dass ich nach Hause fahren sollte. In Ferdinandsberg fand ich alles fast wie in alter Zeit vor; Mutter war da, meine rumänischen Freunde waren vollzählig da. Nur waren sie schon in Aufbruchstimmung, um in die Universitätsstädte zu fahren. Die Sommerferien neigten sich dem Ende zu. Nur das Deutschtum, das fehlte. Von der alten Garde war nur noch Johann übriggeblieben. Da entschloss ich mich zum Studium. Ich fühlte mich sicher. Mit zwei Personalausweisen in der Tasche, besaß ich eine gewisse Immunität. Unser Herr Szabo, der Vermieter, meldete mich mit meinem rumänischen Namen bei dem Meldeamt in Klausenburg an, im guten Glauben, ich wäre Rumäne. In der Uni war ich mit dem deutschen Namen eingetragen, da meine Zeugnisse auf meinen richtigen Namen ausgestellt waren. Dann kamen die ersten Russlanddeportierten heim und erzählten hinter vorgehaltener Hand von den grausamen Bedingungen der Zwangsarbeiter, aber auch vom allgemeinen Leben im „siegreichen und blühenden Sowjetreich“. Nur Invaliden und Schwerkranke durften den Heimweg antreten. Es herrschte große Not; Lebensmittel konnten nur auf dem Schwarzmarkt gekauft werden. Nach der in Kraft getretenen Agrarreform, eher eine Enteignung des Bauerntums, kam der Markt gänzlich zum Erliegen. Während der Sommerferien 1946, die ich bei meiner Mutter in Ferdinandsberg verbrachte, wurde ich in Abständen zur Gendarmerie gerufen. Manchmal begründet, als man uns das Radio zurückgab, ein anderes Mal aber ohne jeglichen Grund, was mir damals unerklärlich blieb. Zum Glück wurde ich jedes Mal nach Hause geschickt. In Klausenburg erfuhr ich keine Schikane. In den Sommerferien 1947 fuhr ich erneut nach Hause. Anfangs unbehelligt, holte mich ein bewaffneter Gendarm ab, als wir uns schon für die Uni vorzubereiten begonnen hatten. In der Gendarmerie war schon ein Deutscher. Es war Schweinert, der auch nicht zur SS gegangen war, sondern wie ich den Militärdienst als Soldat in der rumänischen Armee abgeleistet hatte. Wir warteten gelangweilt. Es verging die Mittagsstunde, und wir saßen noch immer da, ohne den Grund zu wissen. Erst in den Nachmittagsstunden wurden wir einem bewaffneten Gendarmen übergeben, der uns in Lugosch abliefern sollte. In der dortigen Gendarmeriekaserne brüllte der Wachtmeister unseren Gendarm zuerst an, warum er uns nach Büroschluss abliefere. Der verdutzte Gendarm verneinte jede Schuld, wir seien vom Bahnhof direkt hierher gekommen. Nachdem der Wachtmeister die Papiere entgegengenommen und dem Gendarm die Heimreise befohlen hatte, fragte er uns: „Nun, was mach' ich mit euch?“ Nach einer kleinen Überlegung hörten wir: „Geht in die Stadt, sucht euch ein Zimmer, und

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morgen um 9 Uhr seid ihr wieder hier!“ Welch eine Überraschung für uns! Wir suchten uns ein Zimmer und verbrachten den Abend feuchtfröhlich. Unser Entschluss stand fest: Wir hauen ab. Tags darauf ging es nach Ferdinandsberg. Ich war entschlossen, zunächst einmal unterzutauchen. Für mich stand aber auch fest, dass ich Rumänien verlassen musste. Es wäre zu gefährlich gewesen, lediglich unterzutauchen, denn jetzt hatte ich mich bewusst den Staatsorganen entzogen, was mich schwer belasten würde. Außerdem war der Gedanke an eine Flucht aus Rumänien seit langer Zeit vorhanden. Absprachen mit einigen sehr guten Freunden waren soweit gediehen, dass wir das Vorhaben in kürzester Zeit umsetzen konnten. Für mich war die Zeit reif. Ich nahm sofort Kontakt zu den Personen auf, die sich anschließen wollten. Wir mussten eiligst aus Ferdinandsberg weg, vor allem ich. Es war nicht einzuschätzen, wie der Wachtmeister in Lugosch das Fernbleiben am nächsten Tag aufgenommen hatte. Wie würde er reagieren? Noch am selben Abend trafen wir uns am Bahnhof, nahmen aber die Gegenrichtung als Ziel, Arad an der ungarischen Grenze. Wir, die Verschworenen, waren: Simion, Ferry und ich. In Arad sollten wir Pubi Papházy treffen, der sich uns als guter Grenzführer anschließen wollte. In Arad jedoch haben wir Pubi an seiner Adresse nicht angetroffen. Man sagte uns, er sei unterwegs. Wir warteten zunächst auf Pubis Rückkehr. Da uns die Stadt doch zu gefahrvoll erschien, zogen wir aufs Land, ins Grenzdorf Curtici, wo wir Unterkunft bei einem Bauern fanden. Erster Fluchtversuch Da wir Pubi nicht erreichen konnten, entschlossen wir uns, auf eigene Faust über die Grenze zu gehen. Ferry ging eines Tages mit dem Bauern aufs Feld, um die Richtung zu erkunden. Am Abend darauf, bei Einbruch der Dunkelheit, wollten wir losziehen. Wir hatten uns schon zum Abschied die Hände gereicht, da eröffnete uns Simion, er habe sich entschlossen, nicht mitzugehen, sondern nach Hause zurückzukehren. Selbstverständlich waren wir überrascht, hatten jedoch keine Zeit, ihn umzustimmen. Also zogen wir nun zu zweit los, folgten einem Feldweg und kamen gut voran. Plötzlich hörten wir Wagengeräusche, die sich uns näherten, aber die Gefahr nicht ahnend, blieben wir auf der Straße. Auf dem Wagen saßen ein Unteroffizier und ein Grenzsoldat. Sie nahmen uns fest und fuhren uns zum Grenzerstützpunk. Der große eingezäunte Hof des Grenzerstützpunkts war voller Menschen; alle in jener Nacht gefasst. Die meisten von ihnen waren schwäbische Bauern, die in ihre Dörfer zurück wollten. Andere Schwaben wollten in den Westen, um dort ihre Familien zu erreichen, die nach Deutschland geflüchtet waren. Eine große Gruppe bildeten die Juden, die dem Ruf der internationalen jüdischen Organisation JOINT in den Westen folgen

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wollten. Wir wurden einem Offizier übergeben, der uns nach unserem Reiseziel fragte. Wir verstrickten uns schon beim ersten Verhör in Widersprüche, so dass wir beim zweiten Verhör unsere Fluchtpläne zugeben mussten. Damit zufrieden, steckte der Offizier seine Pistole in den Schaft, mit der er uns vorher gedroht hatte, falls wir ihm nicht die Wahrheit sagen würden. Nachher ließ man uns frei im Hof umherlaufen, und wir konnten somit mit den anderen Leidensgenossen sprechen. Irgendwie fielen wir auf. Besonders Juden suchten das Gespräch mit uns. Wir fanden das seltsam. Eine jüngere Frau plauderte freimütig mit uns. In unserem jugendlichen Leichtsinn verkannten wir unsere missliche Lage; wir brüsteten uns, besonders der neuen Bekannten gegenüber, wir wollten demnächst wieder einen Grenzübertritt wagen. Unser Getue erweckte Eindruck, denn diese Frau ließ nicht mehr locker und bat uns sogar, sie beim nächsten Versuch mitzunehmen. In unserer überschwänglichen Stimmung versprachen wir ihr das, und sie gab uns ihre Anschrift in Arad. Sie hieß Della Sonntag und war verwitwet. Bei Tagesanbruch wurden die Juden von außen versorgt. Es kamen, meiner Meinung nach auch Juden, die regelmäßig Essen brachten. Umso mehr staunten wir, als man uns auch bedachte. Ein Stück frisches Brot und eine Zwiebel, das kam unserem leeren Magen gerade recht, und es schmeckte vorzüglich. Ferry und ich wurden in ein Gefängnis nach Arad überführt, wo wir untätig, etwa zu sechst in einer Zelle, eine Woche verbrachten. Anschließend brachte man uns nach Temeswar, wo ich von Ferry getrennt wurde. Er, als Rumäne, wurde bis zur Gerichtsverhandlung freigelassen, ich jedoch, als Deutscher, wurde der Polizei überstellt. Wir waren zunächst etwa 50 Personen in einem Hinterhof. Es sollten aber immer mehr werden, denn Prostituierte, Zuhälter und Bettler kamen nachts hinzu. Am Nachmittag wurde ich einer anderen Polizeistelle überstellt. Auch dort ein großer Hinterhof, umgeben von leeren Büros. Nahezu 100 Menschen waren hier eingepfercht. Es dürfte die Polizeipräfektur am Domplatz gewesen sein. Die Tage verstrichen. Einige der Festgehaltenen, auch hier waren es in der Mehrzahl Schwaben, wurden weggebracht. Ich weiß nicht, ob sie in Freiheit entlassen wurden. Mit jedem Tag wurden wir weniger Gefangene. Ich blieb zurück. Inzwischen war es mir gelungen, meinen Freund Hermann, der aus Russland heimgekehrt war und hier eine führende Stellung als Ingenieur hatte, zu benachrichtigen, dass ich hier „saß“. Er kam täglich mittags zu Besuch. Ansonsten waren die Tage sehr langweilig. Ich vermied Gespräche mit den anderen, weil ich nur Klagen zu hören bekam. Die Nächte dagegen waren ziemlich kalt, und ich kämpfte mit Bewegung gegen die Kälte an. An einem Tag, als ich schließlich allein übrig war, erfuhr ich, dass ich am nächsten Tag nach Steierdorf-Anina ins Arbeitslager abkommandiert werde. Weil ich mich schon die ganze Zeit nach einer Fluchtmöglich-

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keit umgesehen hatte, gab ich meinen kleinen Handkoffer Hermann mit. Mit ein wenig Glück schien mir die Flucht möglich. Während der Mittagszeit, wenn die Beamten die Büros verließen, kam regelmäßig die Frau des Wachpolizisten, der seine Beobachtungsstelle in unmittelbarer Nähe des Tores hatte, das auch einen schmalen Durchgang hatte. Die Frau brachte ihrem Man Essen. Ich beobachtete, dass die beiden sich nicht nur laut unterhielten, sondern sogar fröhlich miteinander schäkerten. Ich nahm mir vor, zu fliehen. Mit einer Zigarette in der Hand betrat ich den breiten Gang, ging am Spionfenster vorbei und öffnete mit Herzklopfen die schmale Tür. Im nächsten Moment war ich draußen. Zwar hielt mich jemand an, aber nur, um mich etwas zu fragen. Ich erreichte das Eck der Präfektur, wo ich dann zu laufen begann, so schnell ich nur konnte. Ein Freund brachte mich für die Nacht bei einem Bekannten unter. Am nächsten Tag stieg ich am Fabrikstädter Bahnhof in Temeswar in einen Zug in Richtung Arad, denn dort sollte ich Ferry wieder treffen. Beim Einsteigen bemerkte ich eine Gruppe von vier Leuten, darunter eine mir bekannte Person. Es war unglaublich, aber wahr: unser Pubi, der Grenzführer, den wir vergebens in Arad gesucht und erwartet hatten, nun stand er da. Er gab mir Zeichen, ihn noch nicht anzusprechen. Nachdem er die drei in einem Abteil untergebracht hatte, kam er zu mir. Er versicherte mich, noch heute werde er mich aus meiner misslichen Lage befreien. Die Bahnfahrt bis zur Grenzstation Curtici verlief ohne Zwischenfall. Pubi führte seine drei Begleiter, es waren Juden, die er über die Grenze führen wollte, in sein Versteck, und ich ging zu unserem, wo ich Ferry treffen sollte. Ferry wartete tatsächlich schon einige Tage auf mir. Er hatte keine Ahnung von den Hindernissen, die sich mir entgegengestellt hatten. Als ich ihm mitteilte, dass Pubi uns am Abend besuchen werde, brach er in Lachen aus; er dachte, das sei ein dummer Scherz. Am späten Nachmittag besprachen wir mit Pubi den Fluchtplan, der noch in der kommenden Nacht in die Tat umgesetzt werden sollte. So glücklich Ferry auch war, ich konnte mich nicht recht mitfreuen. Nach dem vielen Glück der letzten Tage bedrückte mich jetzt unser Versprechen, Della mitzunehmen. Deshalb schlug ich vor, die Flucht aufzuschieben. Am Abend mussten wir noch den drei Juden die Änderung mitteilen. Da war Frau Schwarz, von Beruf Damenfriseurin, und ihre Tochter, ein gut aussehendes, lebendiges Mädchen, das noch keine 16 war. Die dritte Person war ein junger Student. Wir wurden uns einig, noch einen Tag zu warten, um Zeit zu haben, Della abzuholen. Am nächsten Tag fuhr Ferry nach Arad und kam am Abend mit Della zurück. Della wurde wohlwollend von allen aufgenommen. Am späten Abend begann die Vorbereitung. Das reichliche Gepäck wurde auf einem Leiterwagen verstaut, und dann wurden wir, nun sieben an der Zahl, unter Stroh versteckt. So

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wurden wir aus dem Hof und dann aus Curtici gefahren. Nach etwa einer Stunde unbequemer Fahrt stiegen wir aus und machten uns nun mit unseren Koffern zu Fuß auf den Weg. Der Marsch war mühselig. Frau Schwarz hatte zwei große Koffer, schwer mit Friseurutensilien aus ihrem Salon gefüllt, ihr ganzes Kapital. Ich hatte nur einen kleineren Koffer und Ferry nur eine geräumige Aktentasche, so dass wir uns als Kofferträger von Frau Schwarz betätigten. Der nächtliche Marsch kam uns vor wie eine Odyssee. In der wolkenlosen Nacht näherten wir uns mit jedem Schritt unserem Ziel, der rumänischungarischen Grenze. Einige Male mussten wir zum Verschnaufen stehen bleiben, dann wortlos im Laufschritt Bodeneinschnitte durchschreiten. Als die Grenzstreife eben um eine Ecke bog und wir damit nicht zu sehen waren, erhielten wir von Pubi das Zeichen: Los. Wir liefen der Grenze entgegen. Unbehelligt suchten wir Deckung in einem Maisfeld. Jedoch hatten uns Zigeunerjungen gesehen, die sich an uns heranmachten. Erst als sie einige Armbanduhren und etwas Schweigegeld erhalten hatten, entfernten sie sich. Den folgenden Tag mussten wir uns bei einem Bauern namens Kovács still verhalten, denn die ungarischen Grenzer kamen öfters auf einen Schluck vorbei. Erst bei Einbruch der Dunkelheit wurden die Vorbereitungen zum Abtransport getroffen. Es zeigte sich jedoch, dass unser Gepäck unmöglich unterzubringen war. Deswegen wurde vereinbart, nur das Notwendigste mitzunehmen. Die zwei großen Koffer mit den Friseurutensilien wurden sollten nach unserer Ankunft in Budapest von Pubi und Ferry abgeholt werden. Unter Stroh versteckt, wurden wir erneut mit einem Pferdewagen aus dem kleinen Ort hinausgefahren. Unser Ziel hieß diesmal Lőkösháza, der nächste Ort, wo eine JOINT, eine Aufnahmestelle für Juden, eingerichtet sein sollte. Mit den Frauen war vereinbart worden, dass wir ihnen bis Ungarn behilflich sein werden und sie im Gegenzug in Ungarn beim JOINT bezeugen werden, dass wir Juden wären, deren Papiere verlorengegangen seien. Leider war die JOINT-Stelle in Lőkösháza aufgelöst, wir mussten mit dem Zug nach Budapest. Mit jüdischem Pass nach Österreich Wir fuhren die ganze Nacht durch. In Budapest trugen wir uns beim JOINT mit Hilfe der Frauen als Juden ein und bekamen provisorische Ausweise. Ich hieß nun Mischu Silberberg, Ferry hieß Ferry Strauss, und Pubi behielt seinen Namen: Pubi Papházy. Tags darauf fuhr ich, wie schon mit Ferry und Pubi geplant, zum Hauptbahnhof. Die zwei sollten zur Grenze zurückfahren, um das Gepäck nachzuholen. Der nächste Treff wurde für einen der folgenden Tage vereinbart. An dieser Stelle muss ich über eine Abmachung berichten, die wir im Laufe unserer Feier in Lőkösháza getroffen hatten. Es dürfte am reichlich servierten guten Wein gelegen haben, dass Pubi ein gewagtes Zwischenspiel vorschlug:

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Verlockt durch die einträglichen Prämien, die er den Juden abverlangte, wollte er mit Ferry einen erneuten Grenzübertritt wagen und eine weitere Gruppe herüberführen. Die beiden zeigten sich entschlossen; meinen Einwand überhörten sie. Am vereinbarten Termin erwartete ich am Bahnhof die Rückkehr der beiden. Vergeblich. Auch an den folgenden Tagen tauchten sie nicht auf. Pubi und Ferry blieben überfällig. Ich musste annehmen, dass sie aufgeflogen waren. Den Frauen konnte ich den von mir vermuteten Grund des Fernbleibens nicht offenbaren, ich ließ sie in dem Glauben, dass sie bei einer Razzia in Ungarn festgenommen worden waren. Inzwischen hatten wir das JOINT-Lager verlassen und eine schöne und saubere Wohnung bezogen. Unsere Gastgeberin war eine Christin, die Witwe eines Juden, der in den Wirren des Krieges und der Verschleppung den Tod gefunden hatte. Sie war dem Judentum außerordentlich zugetan. Ich verehrte sie heimlich sehr. Das tägliche Leben bestand hier in der Hauptsache darin, dass ich zum JOINT gehen und von dort das Essen holen musste. Am Wochenende gab es koscheres Fleisch, es wurde für zwei Tage ausgeteilt. Inzwischen fuhren Transporte mit unzähligen Juden zur Grenze nach Österreich. Lastwagen fuhren am Tor des JOINT einzeln vor; darauf stiegen Aufgerufene, bis er voll war. Im Konvoi ging es nach Nickelsdorf zur Grenze. Nach ein paar Wochen wurde auch unsere Gruppe aufgefordert, sich bereitzuhalten. Frau Schwarz sorgte dafür, dass wir zurückgestellt wurden. So vergingen noch einige Wochen, aber Pubi und Ferry tauchten nicht auf. Für mich war klar, dass sie beim Versuch, nochmals die Grenze zu überschreiten, gefangengenommen worden waren. Inzwischen wurden wir erneut vom Joint aufgefordert, uns für den nächsten Transport bereitzuhalten. Mit einem Lkw fuhren wir im Konvoi Richtung Österreich. Wir standen dicht an dicht. Nachts ging es nach Nickelsdorf. Wir standen stundenlang auf dem Lkw ohne Halt, aber wird konnten nicht umfallen, weil einer den anderen hielt. In der Morgendämmerung hielt der Konvoi. Erst jetzt konnte man die lange Reihe der Lkw wahrnehmen. Da unser Lkw im hinteren Glied fuhr, hatte man beim Anhalten einen Überblick über das, was sich vor uns abspielte: Unzählige kleine Pünktchen und Striche, einige auch Klecksen ähnlich, bewegten sich alle in eine Richtung und nahmen die ganze Ebene ein. All diese Pünktchen waren Menschen, Juden auf der Flucht. Im wahrsten Sinne ein Exodus. Alle trugen ihr schweres Gepäck, das immer öfter von einer Hand in die andere wechselte. Einige trugen sogar zwei Koffer, über die Schultern gebunden, manche nur Rucksäcke, andere kleine Kinder. Da ich beim Überschreiten der rumänischen Grenze meinen Koffer zurückgelassen und nicht wiederbekommen hatte, war ich ohne Gepäck. Deswegen wurde ich „angeheuert“ als Träger zweier Koffer. Es war ein Job, der mir viel Kraft und Schweiß abverlangte. Ich bekam dafür eine gut duftende Toilettenseife. Damals ein Artikel, der als Grundkapital für

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allerlei Tauschaktionen geeignet war. Ich war mehr praktisch als kaufmännisch veranlagt; ich wusch mich damit. Nach ein paar Kilometern mühseligen Marsches mussten wir an der österreichischen Grenze warten. Niemand wusste, warum. Gegen Mittag rollten amerikanische Lkw an, und wir wurden erneut verladen, um die kurze Strecke bis Wien zurückzulegen. Dort wurde das große und berühmte Rothschild-Hospital angesteuert, wo wir die erste Nacht im Freien verbringen mussten. Man fürchtete, wir könnten Läuse einschleppen. Der „Visite“ des Rabbiners entgangen Tags darauf wurden wir entlaust, dann sollte die „Visite“ des Rabbiners erfolgen. Vor der „Visite“ waren Frau Schwarz, ihre Tochter und Della meinetwegen sehr besorgt. Ich wusste nicht, warum. Dann aber, als wir einen flachen Bau mit mehreren Räumen betraten, ahnte ich plötzlich, was da folgen sollte. Es ging im Gänsemarsch den Gang entlang. Da kam mir die spontane Inspiration, aus der Reihe zu treten. In dem darunterliegenden Raum befand sich noch eine Tür, die ich öffnete, und siehe da, ich stieß direkt auf meine Frauen, die erschrocken nur noch fragen konnten: „Wie war's?“ Worauf ich wahrheitsgetreu antwortete: „Ich weiß nicht!“ Die Frauen drängten mich, den Männern zu folgen, die im Laufschritt, noch ihre Hosen hochziehend, den Ausgang verließen, um den Hof zu überqueren und die Büroräume aufzusuchen. Dort wurden die Namen nochmals überprüft, und am letzten Tisch der wertvolle JOINT-Paß ausgehändigt. Auch ich war nun im Besitz eines solchen Passes. Am Nachmittag wurden wir in ein Lager gefahren. Die Zimmer waren sauber, mit Doppelbetten ausgestattet, das Bettzeug auch sauber. Das Lager befand sich im amerikanischen Sektor. Des öfteren ging ich mit Della in die Stadt, jedoch wirkte diese trostlos. Überall zerbombte Häuser, sogar der Stephansdom war beschädigt, der Prater stillgelegt. Nur einige Gaststätten schenkten leichtes Bier aus. Ein öffentliches Bad war auch in Betrieb. Dorthin ging ich mit Della, aber auch mit einer kleinen Männergruppe gern baden. Inzwischen hatte ich mich mit einem Bukarester Friseur angefreundet, der uns oft begleitete. Eines Abends begaben wir uns in den russischen Sektor. In meiner jüdischen Gesellschaft musste ich immer auf der Hut sein, meine wahre Identität nicht zu verraten. Della versuchte vergeblich, mich zu überreden, mit ihr Wien „schwarz“ zu verlassen, um über Salzburg schneller nach Triest und von dort nach Palästina zu gelangen. Sie hatte mich zwar nie gefragt, ob ich nach Palästina wollte. Eines Morgens war Della weg. Ein paar Tage später hörte ich über den Lautsprecher meinen Namen. Ich möge in die Direktion kommen. Beim Eintritt ins Büro sah ich zwei kräftige, hochgewachsene Typen im Türrahmen stehen. Der Direktor begrüßte mich mit der Behauptung: „Sie sind kein Jude!“ Ich sei schon Jude, die Mutter sei Jüdin, der Vater nicht. Da wurde mir das Wort abgeschnitten, und

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auf ein Zeichen wurde ich von den zwei Riesen mit den bereitgestellten Papieren hinauskomplimentiert und ins Rothschild-Hospital gefahren. Dort direkt ins Büro des Rabbis, der mir sofort befahl: „Hose runter!“ Ein Blick auf meinen Penis genügte, um festzustellen, dass ich nicht beschnitten war. Die zwei Riesen erhielten nun das nötige Attest und fuhren mit mir zurück ins Lager. Der Direktor eröffnete mir, dass ich nicht länger bleiben könne. Als ich nun merkte, dass man mit mir nicht grob umging, versuchte ich, Nachsicht und Milde zu erwirken. Meine Beteuerungen halfen, so dass ich ein Schreiben bekam, in dem meine Personalien als Mischu Silberberg beurkundet wurden und das als provisorischer Ausweis diente. Meinen JOINT-Paß musste ich abgeben. Ich holte aus dem Schlafzimmer meine versteckten echten Papiere, meinen Personalausweis, mein Abiturzeugnis und mein Uni-Zeugnis. Ich war wieder frei und auf mich allein gestellt. Ich musste nun sehen, wie ich nach Salzburg gelangen konnte und freundete mich mit einem Tschechen meines Alters an, der auch nach Deutschland wollte. Das große Problem bestand darin, dass wir zuerst die russisch-amerikanische Demarkationslinie überschreiten mussten. Ich benötigte keine große Vorbereitung, da ich kein Gepäck hatte, mein Freund war nur mit einem Rucksack ausgestattet. So begaben wir uns hoffnungsvoll zum Hauptbahnhof und fuhren in Richtung Linz. Die Demarkationslinie lag aber bei Dorf an der Enns, noch vor Steyr. Unsere Pläne, die Demarkationslinie zu überschreiten, waren verschieden. Mein Freund wollte einfach mit der Bahn durchfahren. Ich dagegen wollte die Demarkationslinie zu Fuß über die „grüne Grenze“ passieren. Deshalb schlug ich vor, am Bahnhof Dorf an der Enns auszusteigen und dann die beste Möglichkeit zu suchen. Ich stieg am Bahnhof aus. Kaum im Pulk der Leute aufgenommen, merkte ich, dass mein Freund hinter mir war. Ich fragte einen hochgewachsenen, kräftigen Mann, wo es über die Grenze gehe. Er war sehr überrascht über meine Frage und fragte: „Jetzt, bei Nacht?“ Es war tatsächlich schon finstere Nacht, aber nur deshalb hatte ich Mut, jemand so offen anzusprechen. Zu meiner Überraschung schlug der Mann vor, bei ihm zu übernachten und morgen, dann würden wir weitersehen. Wir folgten dem Mann in sein Haus, wo wir warmes Essen und ein sauberes Bett zum Schlafen bekamen. Am russischen Posten vorbei in die US-Zone Noch vor Tagesanbruch wurden wir geweckt. Im Finsteren gingen wir los, folgten einem Pfad über Wiesen und Felder. In der Morgendämmerung merkte ich, dass wir die Richtung zum Bahnhof einschlugen. Ich wollte es nicht glauben, aber wir näherten uns immer mehr. Als wir den Schienenstrang erreichten, fuhr gerade ein Zug ein. Es folgte ein unbeschreibliches Geschrei: Russen, die den

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Zug begleiteten, schrieen für uns unverständliche Befehle und liefen hin und her, den Zug entlang. Wir, im Pulk der Menschen, die hier ausgestiegen waren, gingen weiter, bis wir zu dem nahen Fluss kamen. Es war bestimmt die Enns, die hier die Demarkationslinie bildete. Einige Schritte davor warf ich einen Blick nach rechts, wo eine befestigte Straße den Fluss über eine Behelfsbrücke überquerte, und erschrak im selben Moment. Dort war ein Wachhäuschen vor der Brücke und ein russischer Wachposten, der dort postiert stand. Ich erwartete, dass er uns in jedem Moment auffordern würde, stehen zu bleiben. Aber welch Wunder, es tat sich nichts dergleichen. Unser Führer marschierte unbeirrt weiter, wir folgten ihm und überquerten hinter ihm den Fluss. Am anderen Ufer reichte er uns die Hand und wünschte uns viel Glück. Wir waren noch immer sprachlos, konnten ihm nicht einmal gebührend danken. Ich gebe zu, wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, auf welche Weise uns unser Mann über die Demarkationslinie führen würde, ich hätte nie zugestimmt, besonders weil es bei hellem Tag geschehen sollte. Manchmal ist es doch von Vorteil, wenn man einem unbekannten Mann sein Vertrauen schenkt. Nun waren wir in der amerikanischen Besatzungszone, einen wichtigen Schritt näher an unserem Ziel, nämlich Deutschland. Die nächste Stadt, Steyr, erreichten wir zu Fuß. Von dort fuhren wir mit dem Bus nach Linz. Da es ein regnerischer Tag war, warteten wir im Bahnhofsrestaurant, um gegen Mitternacht mit dem Zug nach Salzburg zu fahren. Dort harrten wir aus, bis mein Freund hinausging, um sich im Gang die Beine zu vertreten. Kurz darauf gab es eine Polizei-Razzia. Zwar wurde der Ausgang sofort versperrt, doch es gelang mir, dank meiner vielen Erfahrungen, die Polizisten zu überlisten. Mein Freund kam allerdings nicht mehr zurück, auch nach Stunden nicht. Weil er meine Fahrkarte bei sich hatte, musste ich erneut eine lösen. Ich fuhr dann ohne jeglichen Zwischenfall nach Salzburg und verbrachte die Nacht im Bahnhof. Ziemlich spät kam ein Pulk fröhlich lärmender Menschen herein. Ich erkannte sofort einige davon. Darunter war auch mein befreundeter Friseur aus Bukarest, den ich im Lager in Wien kennen gelernt hatte. Er berichtete mir über die wahren Hintergründe meiner „Ausweisung“: Della hatte nach Verlassen des Lager der Direktion mitgeteilt, dass ich kein Jude sei. Also habe ich Della zu verdanken, dass ich frei war. Ich konnte nicht begreifen, dass sich Della - nach meinem Einsatz, sie mit zunehmen - so „revanchieren“ würde. Tat sie es, weil ich sie nicht begleitete? In Salzburg kam ich im Europa-Hotel unter, damals eine Unterkunft für Flüchtlinge, das uns ein Essen pro Tag gewährte. Dort habe ich erneut einen Weggefährten gefunden, wieder einen Tschechen, der Hamburg als Ziel hatte. Unser Plan war, mit der Straßenbahn bis zur Endhaltestelle zu fahren und zu Fuß nach Deutschland zu wechseln. Es war der Vorabend der Währungsreform in Österreich. Mein Kumpel kaufte noch am Nachmittag auf dem Schwarzmarkt

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für sein ganzes Geld Zigaretten, damals die beste Valuta in der entbehrungsreichen Zeit. Am Abend fuhren wir los. An der Endstation stiegen wir aus, ich ging vorweg durch die enge Passage, bis ich die Schritte meines Kumpels nicht mehr hörte. Gendarmen kontrollierten den Rucksack mit den Zigaretten und führten meinen Kumpel ab. Ich lief querfeldein über die verschneiten Felder nach Salzburg zurück. Eine Festnahme hätte für mich zur Folge gehabt, nach Rumänien ausgeliefert zu werden, da ich als rumänischer Staatsbürger galt und gemäß der damaligen zwischenstaatlichen Vereinbarungen, die nach dem Kriege in Kraft getreten waren, die Rückführung in die Ursprungsländer vereinbart war. Wieder in Salzburg, dachte ich mir einen anderen Plan aus. Ich bekam einen Wink über ein Rekrutierungsbüro für die französische Fremdenlegion. Da die angeworbenen Rekruten per Bahn über Deutschland nach Frankreich gefahren wurden, plante ich mitzufahren, um in Deutschland abzuspringen. Ich ließ mich in eine Liste eintragen und kam in eine französische Kaserne nach Bregenz, war somit noch immer in Österreich. Mit einem Transport ging es tatsächlich nach Deutschland, bis Kehl am Rhein, jedoch war ein Abspringen, wie ich es mir ausgedacht hatte, nicht möglich. So kam ich in die französische Fremdenlegion, wo ich mit Datum des 10. Dezember 1947 als provisorisch aufgenommen galt. Ludwig Sigismund Höcher wurde am 5. Mai 1924 in Dognatschka im Banater Bergland geboren. Nach dem Abitur, Besuch der Reserveoffiziersschule in Arad und Teilnahme am Feldzug 1944 gegen Ungarn muss er sich 1945 wegen Verfolgung in den Karpaten verstecken. Im Herbst 1945 nimmt er ein Studium in Klausenburg auf. Er entkommt mit List und viel Glück nach zwei Festnahmen, flüchtet über Ungarn nach Österreich und wird Mitglied der französischen Fremdenlegion. Die Ausbildung erfolgt im afrikanischen Sidi-bel-Abbes, als Sergeant kommt er nach Indochina. Nach 27 Monaten kehrt er nach Afrika zurück, wo er vor der Entlassung noch zum Sergeant-Chef befördert wird. Er lässt sich in Kelheim (Bayern) nieder, wo sein Vater seit Kriegsende lebt, nimmt Arebit in einem Chemiewerk auf, beginnt an einer Ingenieurschule zu studieren und steigt vom Angestellten bis zum Laborleiter auf. Heute lebt er in Oldenburg. Diese Geschichte ist ein Teil des autobiographischen Buches „Seitenwechsel mit Schicksalskorrekturen“, das beim Autor bestellt werden kann. Ludwig Höcher ist zu erreichen unter Telefon 0441-16646.

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Josef Györi:

Am Tag, als der Staatschef kam Diesen Tag haben sich die drei bewusst ausgesucht: den 30. August 1959. Es ist der Tag, an dem der rumänische Staats- und Parteichef Gheorghe GheorghiuDej (1901-1965) zu Besuch in Lenauheim weilt, um zu sehen, wie im Geburtsort des großen österreichischen Dichters Nikolaus Lenau (1802-1850) die kollektivierte Landwirtschaft funktioniert. An diesem 30. August starten Josef Györi (geboren am 21. Februar 1939), Josef Fuhr und Adam Kornacker in dem Banater Dorf Großjetscha mit Fahrrädern in Richtung serbische Grenze. Es regnet in Strömen, und das kommt ihrem Fluchtvorhaben entgegen. Vor dem Start trinken sie sich noch ein wenig Mut an. Und wenn sie an diesem Tag jemand gefragt hätte, wohin sie wollen, dann hätten sie die Ausrede gebraucht: nach Lenauheim, den Staatschef begrüßen. Ursprünglich wollten vier weitere junge Männer mitfahren. Doch die sind im letzten Augenblick abgesprungen. Györi, Fuhr und Kornacker erreichen die Grenze bei Ketscha. Es regnet. Die Hunde wittern die Flüchtenden nicht, auch die Grenzer merken nichts. Auf serbischer Seite angekommen, hören die drei einen Pfiff, und im nächsten Augenblick haben serbische Grenzer sie umstellt. Sie kommen in das große Flüchtlingslager Gorski Kotor. Sie warten auf die Weiterleitung nach Deutschland. Weil sich aber alles in die Länge zieht, versuchen sie auf eigene Faust wegzukommen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen glückt ihnen der Grenzübertritt von Rijeka nach Fiume. In Italien kommen sie in ein Flüchtlingslager in Triest. Sie haben kein Geld und keine Arbeit. Sie können sich kaum über Wasser halten. Josef Györi geht über die grüne Grenze nach Österreich. Die beiden Fluchtkameraden folgen ihm nach ein paar Tagen. Von Österreich geht Györi als erster über die österreichisch-deutsche Grenze. Es ist der 6. Januar 1960. Seit der Flucht über die rumänische Grenze sind mehr als vier Monate vergangen. Deutsche Grenzbeamte stellen ihn. Ein Gericht verurteilt ihn zu vier Wochen Haft wegen illegalen Grenzübertritts. Inzwischen folgen auch Fuhr und Kornacker. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis erledigt Györi die Behördengänge in Nürnberg und zieht zusammen mit seinen beiden Kameraden nach Düsseldorf. Sie finden Arbeit in einem Stahlwerk. Györi schult um zum Kellner. Fuhr lernt ein Mädchen kennen, heiratet und zieht nach Stuttgart. Kornacker wandert aus nach Kanada. Györi bleibt im Rheinland. Er lebt heute als Witwer und Rentner in Kaarst nahe Düsseldorf und fährt ab und an zum Zeitvertreib Taxi. Seine 1969 geborene Tochter lebt in Hannover. Nach der Flucht bekommen die Eltern der drei Flüchtlinge, aber auch Arbeitskollegen ernste Probleme mit dem Geheimdienst

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Mit Trecker und Anhänger nach Serbien Von Alexander Oprendek Er unterschied sich deutlich von den anderen. Wir studierten beide an der Technischen Universität Temeswar. Er hob sich deutlich von seinen Kommilitonen ab, fiel nicht so sehr durch seine Leistungen auf, vielmehr durch sein Aussehen und sein Benehmen. Er hatte eine untersetzte Gestalt: Ein großer Oberkörper mit langen Armen und großen Händen wurde von zu kurz geratenen Beinen getragen. Und dazu kamen noch enorme Füße. Er war gewissermaßen ein Bigfoot. Er ging etwas nach vorne gebeugt, seine Arme reichten fast bis zu den Knien. Beim Gehen machte er lange, seiner Statur nicht gemäß große Schritte, setzte die ganze Sohle auf einmal auf und schob so seinen Körper mit raumgreifenden Schritten voran. Er war schon von weitem zu erkennen. Auch sein Gesicht hatte etwas Besonderes, eine fliehende, niedere Stirn, eine nach vorne geschobene Nase und ein hervorstehendes Kinn. Er sprach sehr leise, lispelte und spitzte dabei den Mund. Seine Sprache hörte sich geheimnisvoll, vertraulich, ja gar konspirativ an. Mit der Rasur hatte er so seine Probleme. Auch frisch rasiert, blieb hie und da ein Bartbüschel unbeachtet stehen. Gheorghe Zăgănescu war das, was man einen Sonderling nennt, den die Kommilitonen häufig aufzogen. Lästerzungen nannten ihn den lebenden Beweis für das Bindeglied, das Darwin zu seiner Theorie der Evolution der Hominiden noch fehlte. Gefrotzelt wegen seines Ganges, meinte er nur lapidar, diese Gangart würde den Schuhabsatz schonen. Gheorghe Zăgănescu, genannt Gigel oder Gicu, war ein Unikum und nicht mit den üblichen Maßstäben zu messen. Seine Eltern waren geschieden, und er blieb in der Obhut seines Onkels, der sich aber auch kaum um ihn kümmerte. So war Gicu, der sich gerne mit dem Namen Sergiu, dem Kampfnamen eines Agenten aus einem Kriegsfilm, ansprechen ließ, nicht nur schlecht bei Kasse, sondern auch schlecht angezogen. Er hatte kein Geld für das Essen in der Mensa und konnte auch nicht die Logiskosten für das Studentenheim bezahlen. Aber er schlug sich irgendwie durch. Der Pförtner des Studentenheims wurde sein persönlicher Feind, da dieser immer wieder zu verhindern versuchte, dass sich Gicu ins Studentenheim zur Übernachtung bei einem Kollegen einschlich. Und in der Studentenkantine fand er das Mitgefühl des Personals, so dass er seinen Heißhunger stillen konnte. Ich hatte zu Sergiu ein gutes Verhältnis; er war nicht unsympathisch und hob sich wohltuend von vielen anderen, blassen und uninteressanten Figuren des Institutes ab. Wenn auch seine Eigenbröteleien nicht zu übersehen waren, so machte ich mich nicht über ihn lustig, und er schätzte das, weil ich mich damit

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von vielen unserer Mitstudenten abhob. Er besuchte mich des öfteren in meiner Studentenbude, übernachtete da auch manchmal und erzählte mir von seinen geheimen Wünschen und Gedanken. Er beherrschte leidlich die französische Sprache, schätzte die französische Literatur, träumte von Paris und Kriegsspielzeug und verehrte das weibliche Geschlecht. Wir blieben auch nach dem Studium in Verbindung. Er besuchte mich, und wir tauschten wie schon auch früher Gedanken über die Unzulänglichkeiten unseres Daseins und der politischen Orientierung des Landes aus. Wir machten uns auch Gedanken, Rumänien zu verlassen, ich wollte nach Deutschland, er nach Frankreich. Aber außer einem riskanten Fluchtversuch, der möglicherweise unabsehbare Folgen haben konnte, zeichnete sich da nichts ab. Eines Tages kam er vorbei und berichtete, er sei jetzt Chef der Technik in einer Maschinen- und Traktorenstation in Fienenfeld an der jugoslawischen Grenze. Er meinte humorvoll: „Ein strategischer Ort und ein Schritt näher zu Frankreich.“ Meine Mutter lebte 1961 noch in meinem Geburtsort Tschakowa und besuchte mich gelegentlich in Temeswar, wo ich arbeitete. Unangemeldet, außerplanmäßig und etwas irritiert erschien sie eines Tages und berichtete, dass Gicu in der vergangenen Nacht bei ihr mit einem Traktor nebst beladenem Anhänger erschienen sei und gebeten habe, die Ladung, bestehend aus viel Papier in Form von Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Heften und Notizen, auf dem Dachboden ihres Hauses lagern zu dürfen. Wir konnten uns nicht vorstellen, was das zu bedeuten hat und hofften auf eine baldige Klärung durch Gigel. Noch unklarer wurde die Lage jedoch, als nach einigen Wochen zwei Offiziere in der Uniform des Grenzschutzes in meiner Wohnung in Temeswar erschienen, um mich über Zăgănescu und meinen Umgang mit ihm zu befragen. Der Grund des Besuches wurde mir nicht mitgeteilt, und Sergiu tauchte auch nicht auf. Er war auch nicht zu erreichen; gemeinsame Bekannte wussten ebenfall nichts. Man munkelte von einem Fluchtversuch. Etwa nach einem Jahr klärte sich alles auf. Heidi, die Cousine meiner Schwägerin in Hamburg, hatte Post aus Frankreich erhalten. Ein gewisser Sergiu aus Paris lässt grüßen. Jetzt wussten wir es: Sergiu war 1961 die Flucht geglückt; er war in Paris, am Ort seiner heimlichen Wünsche, angelangt. Nach mehreren Jahren, als ich schon nach Deutschland übersiedelt war, schilderte er mir sein Abenteuer in Paris. An seinem Arbeitsplatz in Fienenfeld war er nach kurzer Zeit allen bekannt. Er pflegte seine Treckerfahrer auf den Feldern bei der Arbeit zu inspizieren; dorthin fuhr er mit seinem Traktor samt Anhänger. Alle hatten sich daran gewöhnt, dass Sergiu seine Pflicht erfüllte und täglich entlang der Grenze auf und ab fuhr. Dann kam der Tag der Flucht. Auf einer seiner Inspektionsfahrten mitten am Tag bog Gicu zwischen zwei Wachtürmen vom Fahrweg ab und überfuhr die

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Grenze. Nach 50 Metern wendete er, nahm seinen Rucksack und sprang vom Trecker und ließ ihn im ersten Gang führerlos geradeaus zurück nach Rumänien tuckern. Gicu verschwand im Gehölz. Das alles war so verblüffend schnell und unerwartet abgelaufen, dass der bestürzte Grenzschutz erst allmählich begriff, was geschehen war und vor Verwirrung nicht rechtzeitig eingriff. Die jugoslawischen Grenzschützer bemerkten erst einmal gar nichts. Später griffen Soldaten ihn doch noch auf. Eine Zeitlang wurde er auf der Polizeistation festgehalten, um später in den jugoslawischen Teil von Triest überführt zu werden. Es sah so aus, als wüssten die Serben nicht recht, was sie mit dem ausweislosen Flüchtling anfangen sollten; oder sie hatten viel Verständnis für ihn, jedenfalls deutete man ihm an, dass die Türen der Anstalt nicht immer verschlossen und bewacht seien. Weil Gicu tatenlos blieb, sagte man ihm offen, er habe wohl nicht ganz verstanden, weswegen er in die offene internationale Stadt Triest gebracht worden sei. Wenn er nicht schleunigst verschwinde, werde man ihn an Rumänien ausliefern. Jetzt wurde er hellwach und verschwand sofort aus der Anstalt. Und so erfüllte sich schließlich sein Traum, und er ging nach Paris. Er wohnte im 15. Arrondissement, 3. Rue Henry Duchéne, in einem Patrizierhaus im oberen Stockwerk. Weil er bei meinem Besuch nicht zu Hause war, gab ich der Concierge, der Pförtnerin und Betreuerin des Hauses, meine Visitenkarte mit der Rufnummer meines Hotels. Gicu rief mich an, und ich lud ihn ein in das Vier-SterneRestaurant Sergent Rekruteur auf der Seine-Insel Ile de la Cité. Ich war gespannt auf das Aussehen von Gicu. Wir trafen uns in der Nähe des Restaurants und umarmten uns herzlich. Er hatte sich nicht wesentlich verändert, das Haar nun schütterer, ausgedehnte Weisheitsecken, war frisch rasiert mit Büschelinseln und elegant armselig gekleidet. Wir schlenderten den Seinequai entlang in Richtung Restaurant, und Gicu erzählte mir die Geschichte seiner Flucht. Er arbeitete in einer französisch-rumänischen Kultureinrichtung und frönte noch immer dem alten Hobby: Er sammelte Zeitschriften und alles, was Papier ist. Er habe in seiner Wohnung eine gewaltige Sammlung seiner Zeitschriften gehortet. An den meisten Stellen sind diese bis zur Decke gestapelt. Deswegen gebe es keine Bewegungsfreiheit mehr in der Wohnung; er übernachtete daher im Büro. Er erkundigte sich, ob sein Archiv auf dem Dachboden bei meiner Mutter noch existiere. Ich beruhigte ihn, dass ihm nach wie vor alles zur Verfügung gehalten werde, was ihn sichtlich erleichterte. Ich fragte nach Zukunftsplänen. „Pläne“, meinte er nachdenklich, „die sind doch nutzlos.“ Jeder habe doch einen gemäß seinen Fähigkeiten vorgezeichneten Weg. Die Eigenschaften und Befähigungen, die jemand besitze oder sich aneigne, bestimmten dessen zukünftigen Weg. „Du musst dich da gar nicht viel bemühen. Das Leben schiebt dich dahin, wo es dich braucht.“

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Audienz beim Staatschef Von Alexander Oprendek Unangemeldet erschien er eines Nachmittags bei mir in der Wohnung in Temeswar. Ich kannte ihn nicht und hatte ihn auch noch nie gesehen. Er sagte, er sei der Nachbar von nebenan. Er war ein junger Mann von unbestimmtem Alter, groß und schlaksig, ja gar mager und nicht schlecht gekleidet. Er stellte sich vor: Jan Mojar, Gelegenheitsarbeiter. Er fing an, aus seinem Leben zu erzählen. Er war auf dem Lande aufgewachsen. Der Vater hatte die Familie verlassen, und die Mutter brachte die Kinder allein durch. Er sprach Hochdeutsch mit gewählten Worten, mit einer schönen Baritonstimme und mit stark rollendem R. Als Bauarbeiter sei das Leben eine Qual, der Geist sei nicht gefordert. Seine Kollegen, die sich lediglich mit Brot und Schnaps begnügten, ödeten ihn an; er wolle sich weiterbilden und einen Beruf erlernen. Um zu zeigen, wie ernst ihm das ist, zog er ein verschlissenes Buch aus der Tasche, ein Nachschlagewerk über deutsche Dichter, und zeigte mir, dass er eben unter dem Stichwort „Schiller in Weimar“ sein Kulturdefizit zu mindern sucht. Es schwebte ihm vor, Schlagersänger zu werden, denn Sänger hätten es leicht im Leben und müssten sich nicht dauern abrackern. Er meinte alle Voraussetzungen zu haben, nahm schon Gesangunterricht. Er wolle Rumänien verlassen und zu seinem Vater nach Leitmeritz umsiedeln. Und dann kam es: Ob ich ihm dabei helfen könne? Sein Antrag auf Umsiedlung zu seinem Vater sei wiederholt abgewiesen worden. Ich solle ihm nun helfen, eine gut formulierte Bittschrift zu verfassen, die er persönlich in Bukarest übergeben wolle. Außerdem mangele es ihm an Geld, um die Reise zu finanzieren. Ich erklärte mich bereit, ihm zu helfen. Er kam noch einige Male zu mir, ich verfasste die Bittschrift und gab ihm auch das notwendige Geld für die Reise. Drei Wochen später berichtete er mir, die Bukarest-Reise sei erfolglos gewesen. Er sei an keiner maßgeblichen Stelle vorgelassen worden. Er sollte seinen Brief in die Post geben oder einen Audienzantrag stellen, hieß es. Da er starrköpfig blieb und laut wurde, nahm Wachpersonal ihn als Randalierer fest. Erst am nächsten Tag sei er freigesetzt worden mit der Auflage, sich dort nicht mehr blicken zu lassen. Diese Art, seine Probleme anzugehen, war ihm eigen. Nach und nach lernte ich ihn besser kennen. Bei allen seinen Vorhaben blieb er verbohrt und beharrlich. Er konnte nicht zurückstecken. Bei Widerspruch blieb er trotzig und uneinsichtig. Schüchternheit kannte er nicht. Seine Ehrfurcht vor Vorgesetzten oder Persönlichkeiten hatte deutlich Grenzen. Er wollte nicht abgewiesen oder wi-

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dersprochen werden. War es der Fall, so wurde er starrköpfig, erregt und zänkisch aber nicht beleidigend. Dabei fing er an zu stottern. Seine Zähigkeit, seine Penetranz und seine Unfähigkeit, zurückstecken zu können, führten fast immer dazu, dass er sein Ziel erreichte, schon darum, weil er die Gesprächspartner ermüdete und ihn loswerden wollte. Nach all den Fehlschlägen, in Bukarest höheren Ortes vorzusprechen, hatte er Bedenken, ob er den richtigen Weg eingeschlagen habe. Er beschloss, sein Aussiedlungsbegehren unmittelbar dem Staatsoberhaupt Gheorghe Gheorghiu-Dej vorzutragen. Der Versuch, in der Staatskanzlei einen Audienztermin zu bekommen, scheiterte. Ihm wurde beschieden, sein Begehren sei aussichtslos, Ausreiseanträge würden vorweg aussortiert und an die zuständigen Ministerien weitergeleitet. Nun war er, vom Misserfolg sichtlich gezeichnet, aus Bukarest zurück. Seinen Plan, den Staatspräsidenten zu sprechen, hatte er aber nicht aufgegeben. Ihm kam eine neue Idee. Er wolle dem Staatschef an geeigneter Stelle auflauern, ihn ansprechen und ihm sein Anliegen vortragen. Das war etwas Unerhörtes, etwas noch nie Dagewesenes in einem Ostblockstaat; es war äußerst gefährlich und riskant. Das Staatsoberhaupt war stets von seinem Personenschutz umringt; wenn nur einer von den Leuten die Lage verkannt hätte, wäre sofort scharf geschossen worden. Ein Verdächtiger hätte aber auch verhaftet und nach monatelangem Verhör zu Sicherheitsverwahrung oder gar zu Zwangsarbeit verdonnert werden können. Wie auch immer, Mojar bereitete seine zweite Bukarest-Reise vor. Er pumpte mich wieder mit Erfolg an. In Bukarest angekommen, schlich er mit Ausdauer um die Staatskanzlei; er vergewisserte sich, dass Gheorghe Gheorghiu-Dej im Lande ist und einen gleichen Tagesablauf hatte. Mojar wurde Dauergast in einer Kneipe gegenüber der Staatskanzlei; er beobachtete das Geschehen von gegenüber. Der Staatschef kam täglich gegen elf Uhr mit seiner Staatslimousine an, entstieg dieser und ging die Treppe zum Regierungssitz hinauf. Am nächsten Tag lag Mojar auf seinem Beobachtungsposten auf der Lauer. Zehn Minuten nach elf Uhr verließ das Staatsoberhaupt die Limousine. Mojar flitzte aus der Gaststätte und versuchte Gheorghiu-Dej auf sich aufmerksam zu machen. Er rieft: „Domnule comandant, domnule Comandant - Herr Befehlshaber.“ Als die Leibgarde ihn abzudrängen versuchte, drehte sich Gheorghiu-Dej um, erkannte die Harmlosigkeit der Lage, machte mit der linken Hand eine beruhigende Geste und sagte wie ein volksnaher Staatsmann: „Lăsaţi-l să vină la mine“ - Lasst ihn zu mir kommen. Mojar ging zu ihm, stammelte vor Aufregung etwas von seinem Begehren, fuchtelte dazu mit seiner Denkschrift, ohne sich verständlich äußern zu können. Gheorghiu-Dej wollte das auch nicht abwarten und bat ihn in sein Büro, um das Anliegen dort in Ruhe zu besprechen.

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Dort angekommen, erklärte Mojar dem „Kommandanten“, wie gut es ihm in Rumänien gehe, es gebe auch keinen Grund zur Unzufriedenheit, es bleibe aber eine letztes übrig. Und wenn auch der Kommandant hier diesen herrlichen Palast, in dem er arbeite, ihm, Mojar, schenken würde, so bliebe doch eines übrig, die Sehnsucht nach der Mutter, der Wunsch mit der Mutter zusammen zu sein. Er redete sich so in Stimmung, dass ihm die Tränen kamen. Gheorghiu-Dej beruhigte Mojar und sagte ihm großzügig zu, sein Aussiedlungsbegehren zu befürworten. Er schrieb auf das vorgelegte Bittgesuch seine Anweisungen und bat Mojar um Geduld bis zur Erledigung. Mojar war glücklich. Meine Einwände, dass da noch einige Unwägbarkeiten vorhanden seien, wischte er vom Tisch. Ich klärte ihn auf, dass Leitmeritz nicht in Deutschland liege, sondern in Nordböhmen, in der Tschechei und jetzt Litoměřice heiße und dass er vorgebe, mal zu Vater mal zu Mutter reisen zu wollen. Das stimmte ihn überhaupt nicht nachdenklich, er meinte nur, dass es weder in Rumänien noch in irgendeinem anderen Lande ein Verzeichnis über Verwandte, Familienmitglieder und deren Aufenthalt oder Wohnsitz gebe. Es war erstaunlich, aber er hatte hier wahrhaftig eine Lücke in der Verwaltung festgestellt. Wo Leitmeritz oder Litoměřice liege, sei ihm egal, solange er einen Pass nach Deutschland bekomme. Obwohl nichts entschieden war, traf Jan Reisevorbereitungen. So fuhr er nach Perjamosch und kaufte sich in der Hutfabrik einen Tirolerhut mit Gamsbart und Anstecker. Es verging ein halbes Jahr, und es tat sich nichts. Jan wurde unruhig. Hat ihn womöglich der Staatspräsident verschaukelt? Warum rührte sich nichts, fragte er sich. Und dann das noch: Am 19. März 1965 ist Gheorghe Gheorghiu-Dej gestorben. Mojar war am Boden zerstört. Ohne diesen Befürworter sei nun alles verloren, meinte er. Ich war da anderer Meinung und beschwichtigte ihn. Sein genehmigter Antrag laufe jetzt den Weg hierarchisch, von oben nach unten, niemand würde es wagen, den Vorgang zu stoppen. Neue Entscheidungen seien nicht mehr notwendig. Wenn das erste Glied in dieser Reihe ausfällt, so sei das ohne Einfluss auf die unteren Arbeitsebenen. Der neue Machthaber Nicolae Ceauşescu werde sich bestimmt nicht rückblickend in solche Kleinigkeiten einmischen, um diesen Beschluss seines Vorgängers zu widerrufen. Ich habe recht behalten; nach weiteren sechs Monaten erhielt Mojar den Bescheid, dass sein Pass in Temeswar vorliegt. Jan eilte ins Passamt. Zu seiner Enttäuschung waren weitere Formalitäten zu erledigen; er musste Nachweise vorlegen, dass er keine Schulden habe, dass er alle Arbeitsgeräte seinem Arbeitgeber zurückgegeben habe. Und dann musste er noch eine LoyalitätsErklärung abgeben, in der er versicherte, Rumänien im Ausland nicht zu verun-

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glimpfen. Ich verfasste ihm eine Treueerklärung, er reichte diese und die weiteren Nachweise ein und hielt endlich den Pass in Händen. Das Offizielle war geregelt, Jan hatte auch den Hut für seine Auslandsreise, ihm fehlte allerdings noch Geld. Er brauchte eine beachtliche Summe. Was er schon von mir bekommen hatte und was er jetzt noch brauchte, dafür hätte ich mehrere Jahre sparen müssen. Sollte ich Jan, einem mir kaum Bekannten, eine derart große Summe ohne eine Sicherheit anvertrauen? Wir vereinbarten folgendes: Ich gebe ihm das Geld, und er verpflichtet sich, mir in Deutschland als Gegenleistung ein Auto zu kaufen und dieses nach Rumänien zu bringen. Die Endabrechnung soll zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Die letzten Reisevorbereitungen hatten begonnen: Jan kaufte sich moderne Reisekoffer, einen neuen Anzug und einen neuen Überzieher. So ausgerüstet, trat er 1966 die Reise mit der Eisenbahn an. Sein erstes Ziel war aber Prag. Ich erfuhr das erst später, und damals mutete mir das alles seltsam an. Jan meldete sich bei der Auslandsredaktion von Radio Prag. Mit der Sendung in deutscher Sprache hatte er eine harmlose Korrespondenz geführt und dem Sender ein Interview versprochen. Später habe ich den Mitschnitt der Sendung gehört, aber deren Zweck nicht verstanden. Es ging lediglich um die Eindrücke eines Durchreisenden, wobei nicht erwähnt wurde, dass es sich um einen Ausreisenden aus dem sozialistischen Rumänien handelt. Später erzählte mir Mojar, wie es ihm nach der Ankunft in Deutschland ergangen ist. Nach dem Prag-Besuch, wo er eine Mahlzeit und Taschengeld für sein Interview erhalten hatte, fuhr er nach Nürnberg und wurde bis zur Erledigung der Einbürgerung im Durchgangswohnheim in Geretsried untergebracht. Ausgedehnte bewaldete Gebiete waren ihm aus Rumänien fremd. Er wollte weg von dort. Er protestierte gegen seine Unterbringung und ging von Tür zu Tür, um seinem Missbehagen Ausdruck zu verleihen, ohne jedoch ernst genommen zu werden. Nun ließ er sich etwas Neues einfallen. Er suchte eine Holztafel, einen Besenstiel und zimmerte sich daraus ein Protestplakat. Er postierte sich am Eingang der Hauptverwaltung und hielt sein Plakat hoch. Darauf hatte er geschrieben: „Flüchtling im Wald ausgesetzt“. Der Leiter des Wohnheimes lud Mojar vor; er wollte wissen, weshalb er unzufrieden sei. Mojars Antwort: Deutschland sei ein schönes und reiches Land, hier gebe es Straßen und Städte wie im Märchen. Davon könne er aber nur träumen. Jetzt sei er endlich in Deutschland, er aber werde in die Wildnis gebracht, in einen Urwald, nur Bäume und Büsche soweit das Auge reicht, keine zivilisierte Siedlung weit und breit. Untergebracht sei er in einem Bunker. Das sei grauenhaft. „Erst rufen Sie uns nach Deutschland und betreiben dafür Werbung, um uns dann in diese unzivilisierte Öde zu verfrachten. Das ist Menschenquälerei.“

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Sein Gegenüber antwortete gelassen: „Hier im Durchgangswohnheim waren schon viele kurze Zeit untergebracht, darunter auch Bedeutende; die meisten haben sich hier wohlgefühlt und unsere unversehrte Natur genossen. Alle haben aber unseren Einsatz für sie geschätzt und begrüßt, keiner hat gemurrt. Warten Sie noch einige Tage mit Geduld und Verständnis ab, dann erhalten Sie eine Sozialwohnung in München, und die richten Sie sich ganz nach Ihren Wünschen ein und können sich dann wohlfühlen.“ So war es dann auch. Mojar bekam eine Sozialwohnung im Münchener Stadtteil Neuperlach, fand eine Stelle bei Siemens und lebte sich ein. Über einen Kollegen, einen Jugoslawien-Deutschen, lernte er ein Mädchen kennen, das er heiratete. Bei seinem ersten Besuch in Temeswar sagte er mir, ich solle mir keine Sorgen machen und mich gedulden, unsere Vereinbarung wegen des geliehenen Geldes sei unantastbar. Nach 18 Monaten konnte ich einen gebrauchten Fiat 1800 Limousine in Bukarest vom Hauptzollamt auslösen. Jan hatte den ersten Teil der Schulden beglichen. Das Auto galt in Temeswar als Luxuslimousine und weckte beachtliches Interesse. Einen Fiat 1800 hatte in jener Zeit nur die Securitate, der Geheimdienst, was zu Neid, Unruhe und zu ernsten Verwicklungen führte. Nach drei Jahren gelang mir und meiner Frau die Flucht nach Deutschland. Mein erster Weg führte zu Mojar. Wir erzählten über unser Entkommen, er über seine Arbeit als Fertigungskontrolleur bei Siemens. Wir übernachteten bei ihm. Er fuhr mit uns zum Sozialamt in München, wo er uns als seine Gäste aus Rumänien vorstellte. Wir erhielten auf Antrag das sogenannte Begrüßungsgeld. Eine nützliche Idee Jans, die uns in Deutschland das erste Geld bescherte. Der Rest des für die Ausreise geliehenen Geldes zahlte Jan uns in Raten zurück.

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Von zwei Spürhunden vor Triest gestellt Von Johannes Braun 2005 waren 40 Jahre vergangen, seit ich das größte Wagnis und Risiko meines Lebens eingegangen war. Weil es tiefe Spuren hinterlassen hat, will ich aufschreiben, was damals geschehen ist. Am 9. Dezember 2005 war ich Gast der Patin meiner Tochter, die ihren 70. Geburtstag gefeiert hat. Unter den mehr als 60 Gästen war auch ein Ehepaar, das ich nicht kannte. Der Name des Mannes, den unsere Gastgeberin mir vorstellte, waren mir allerdings bekannt. Denn mit einem jungen Mann mit diesem Namen wollte ich vor 40 Jahren die Grenze zwischen Jugoslawien und Italien bei Triest stürmen. Mein Schicksal wollte es, dass es nicht Johannes Braun klappte, er aber konnte sich durch meine Warnung noch rechtzeitig zurückziehen. Ich wurde von Schäferhunden gestellt, er konnte fliehen, eines der beiden Autos, die uns gebracht hatten, noch erreichen und an anderer Stelle mit falschem Pass die Grenze passieren. Seit jener Nacht hatten wir uns nicht mehr gesehen. Ich stellte mich vor mit der Bemerkung, dass wir uns eigentlich kennen. Er war vom Gegenteil überzeugt. Als ich ihm dann nur 29. Oktober 1965, Triest sagte, war auch für ihn alles klar. Es folgten eine stürmische, bewegte Begrüßung und ein langes Gespräch. Die Ursachen dieses Fluchtversuchs sind rasch erzählt. Nach dem Frontwechsel Rumäniens am 23. August 1944 kam einiges auf die deutsche Bevölkerung zu: Verschleppung und Enteignung, begleitet von Hass, Verachtung und Diskriminierung. Um zu verstehen, was die Menschen zu fliehen veranlasste, nenne ich ein paar Beispiele. Wer im kommunistischen Rumänien keine „gesunde Herkunft“ hatte, nicht in die Partei eintrat und nicht „Hurra“ schrie, konnte beruflich kaum aufsteigen, keine Gehaltserhöhung und keine Wohnung zugeteilt bekommen, auch nicht ins Ausland reisen. Ausland hieß für die meisten: die Ostblockländer. Für mich, der keine dieser Bedingungen erfüllte und sogar schon einen Antrag zur endgültigen Ausreise aus Rumänien gestellt hatte, gab es kein Vertrauen und somit überhaupt keine Chancen zu reisen. Seit vier Jahren war ich als Diplom-Ingenieur im Maschinenbauwerk von Reschitz beschäf-

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tigt, wohnte in einer umfunktionierten kleinen Sommerküche, in der Schrank, Bett, Tisch, Stuhl, Waschtisch mit Wassereimer und Eisenofen standen. Ich war Untermieter bei Familie Williger und sehr froh, denn vorher wohnte ich in einem Arbeiterheim am Rande der Stadt mit drei Kollegen im Zimmer. Als dann Wanzen auftauchten, fing ich welche und stellte sie in einem sauberen Marmeladeglas dem Direktor der Wohnheime auf den Bürotisch. Er fühlte sich provoziert und sagte, ich wolle ihn erpressen, um einen besseren Platz in einem anderen Heim zu bekommen. Das Ergebnis: Unsere Betten wurden zentimeterdick mit DDT-Pulver eingestreut. Von einem Meister, der mir wohlgesonnen war, erfuhr ich von dem freien Zimmer bei Willigers. Schon 1950, ich war kaum 13 Jahre alt, war mir klar, dass das kommunistische Rumänien mit seiner „Diktatur des Proletariats unter der Führung der glorreichen Sowjetunion“ nicht mehr meine Heimat sein kann, meine Zukunft konnte nur in Deutschland liegen. In den Jugendjahren suchte ich nach einer Lösung, die mir die Flucht aus Rumänien ermöglichen sollte. Ich wusste, dass ich erst mein Studium beenden musste, um nach einer gelungenen Flucht in Deutschland meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Schon während des Studiums fand ich in meinem Studienkollegen Hermann einen Gleichgesinnten. Wir suchten nach allen Schwachstellen im Eisernen Vorhang, waren sogar bereit, über das Schwarze Meer in die Türkei zu fliehen. Dazu entwarfen wir Pläne für ein Motorboot. Mit Gelegenheitsarbeiten verdienten wir das nötige Geld, um einen Motor zu kaufen. Diese Bemühungen setzten wir auch nach Studienabschluss 1961 fort, denn der Zufall wollte es, dass wir beide in der Banater Stahlfeste Reschitz, im selben Werk, Arbeit fanden. Als mir aber ein älterer Arbeitskollege im Mai 1965 eine im Lotto gewonnene Schiffsreise auf der Donau von Giurgiu nach Budapest zum Kauf angeboten hatte, griff ich sofort zu. Für diese Reise brauchte man keinen Pass, die Teilnehmer konnten mit dem Personalausweis und der Schiffskarte an Bord gehen. Das war mein Glück, den einen Pass hätte ich nie genehmigt bekommen. Wir wussten, dass in Triest täglich Jugoslawen nach Italien zur Arbeit fuhren. Es schien mir, die Chance meines Lebens sei gekommen. Es fiel mir schwer, meine Freude und meine Hintergedanken zu verbergen, alles geheim zu halten, war mir doch klar, dass ich nicht nur mich, sondern auch meine Mitwisser in Gefahr bringen würde. Deshalb konnte ich keine Informationen sammeln, um einen Fluchtplan auszuarbeiten. Bei einem Besuch in Temeswar wurde mir Karl aus der Bundesrepublik Deutschland vorgestellt. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Krimskram. Ich kaufte bei ihm einen Satz Werkzeugschlüssel aus einer Chrom-Nickel-Stahl-Legierung, den ich auch heute noch besitze. Karl war zu der Einsicht gelangt, seinen Lebensunterhalt viel leichter bestreiten zu können, wenn er Plunder aus Deutschland in Rumänien verkauft, statt in Deutschland zu

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arbeiten. So kam er stets mit einem Pkw voller Sachen angereist, die er verkaufte, um anschließend mit diesem Geld schöne Tage am Schwarzen Meer zu verbringen. Da ich die Absicht hatte, meinen Sommerurlaub auch am Schwarzen Meer zu verbringen, verabredeten wir, uns dort zu treffen. Bei diesem Wiedersehen konnte ich ihm von meiner Schifffahrt erzählen, die er auch als eine Chance sah, durch den Eisernen Vorhang zu schlüpfen. Karl erkannte sofort, dass ich auf Hilfe angewiesen bin, weil auch im liberaleren Jugoslawien die Grenze erst passiert werden musste, um in der Freiheit zu sein. Karl übernahm die Aufgabe, den richtigen Weg über die Grenze nach Italien zu suchen; Triest sollte das Schlupfloch sein. Damit er wusste, wann er mich im Hafen von Belgrad abholen sollte, schickte ich ihm ein Telegram: Ich gratulierte ihm zum 28. Geburtstag, er wusste also, dass unser Schiff am 28. Oktober im Hafen von Belgrad anlegte. Für seine Auslagen sollte ich aufkommen, zusätzlich wollte er 5000 Mark in Deutschland haben. Er wollte einen deutschen Pass mit einem mir sehr ähnlichen Kopf besorgen oder einen großen amerikanischen Wagen mit doppelter Kofferraumwand als Versteck auftreiben. Von August bis Oktober hatte er Zeit dazu. Mit dieser Absprache verabschiedeten wir uns vom sonnigen Schwarzen Meer. Vor dem Abreisetermin versuchte ich alles zu ordnen, verabschiedete mich auf eine Art, die meine Eltern, engsten Freunde und Helga schon ahnen ließen, was ich vorhatte. Hermann erhielt sogar die Wohnungs- und Motorradschlüssel, er sollte sogar mein Gehalt beheben. Das war leichtsinnig, wie sich später herausstellen sollte. Wir wurden im Donauhafen Giurgiu eingeschifft. Im Nebel ging es bis nach Belgrad. Mein Herz klopfte. Der Hafen war voller Schiffe, wir hatten am Kai keinen Platz und mussten an einem russischen Schiff anlegen. Über das Deck des russischen Schiffes betrat ich serbischen Boden, eilte dem Ausgang zu, wo ich schon Karl erblickte. Nun war ich überzeugt, dass es das Schicksal gut mit mir meint. Nach einer kurzen Begrüßung stellte er mir den Onkel eines meiner Mitreisenden auf dem Schiff vor. Ich sollte Johannes Kuhn, von dem er mir ein Foto gab, auf dem Schiff suchen und mitbringen. Mit mächtigem Herzklopfen eilte ich den Weg zurück, fand den jungen Mann, der etwa in meinem Alter war. Er verstand sofort, worum es ging, denn er hatte dieselben Absichten wie ich. Mit weichen Knien verließen wir Schiff und Hafen, begaben uns in die Autos, er zum Onkel, ich zu Karl. Die beiden hatten sich auf der Post beim Geldwechseln zufällig kennen gelernt und sofort erkannt, dass sie vor der Aufgabe standen, ihre Schützlinge in den Westen zu schleusen. Wir fuhren auf der Autobahn in Richtung Triest. Es war der 29. Oktober 1965, ein schöner, sonniger Tag, auch der Abend war angenehm, die Grillen zirpten, die Sterne zeigten sich schon am Himmel, die

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Lichter von Triest gingen an. Wir fanden einen Parkplatz etwa 500 Meter vor dem Grenzübergang, wo wir anhielten. Wir wollten den Kontrollpunkt an der Grenze umgehen, und die beiden Autofahrer auf der italienischen Seite wieder treffen. Es schien alles so selbstverständlich zu sein, dass nicht mehr viel gefragt oder gezweifelt wurde. Wir zwei machten uns auf, ich ging voran, er etwas hinter mir. Nachdem wir einige Minuten gegangen waren, stand plötzlich ein mit Maschinenpistole bewaffneter Soldat vor mir und schrie: „Stoi“ - stehen bleiben. Geistesgegenwärtig rief ich meinem Kumpel zu: „Renn zurück, ich bin gefasst.“ Der Soldat packte mich am Pulloverärmel, aus dem ich meinen Arm flink zog, im nächsten Augenblick hatte ich den ganzen Pullover abgestreift und dem Grenzer über den Kopf gestülpt. Ich rannte zurück in Richtung Parkplatz. Plötzlich knallte es zweimal. In dieser Abendstille schallten die Schüsse durchs ganze Tal. Ich war nicht getroffen und erreichte auch den Parkplatz, doch die beiden Pkw waren schon weg. Schon beim Losreißen sah ich weiter oberhalb einen zweiten Grenzsoldaten, der ließ zwei deutsche Schäferhunde von der Leine. Der eine blockierte meine Beine an den Knöcheln, der andere sprang an mir hoch. In der kürzesten Zeit hatten die Hunde meine Kleider zerfetzt, aus den Bisswunden floss Blut. Kurz darauf standen die Soldaten da. Für meinen Trick mit dem Pullover bekam ich einige Hiebe mit dem Gewehrkolben in den Rücken, dass mir die Sterne noch heller leuchteten. Ich wurde in Handschellen abgeführt und an einem Grenzerstützpunkt in eine Zelle eingesperrt. Da ich eine Decke erhielt, wusste ich, dass ich da auf einer Bretterpritsche übernachten werde. Lange lag ich auf dem harten Lager, doch ich kam nicht zur Ruhe. In früher Morgenstunde wurde ich mit einem Kleinbus nach Koper, der nächsten größeren Stadt, gefahren. Das Gefängnis, in das ich gebracht wurde, muss früher ein Kloster gewesen sein, das sagten mir die burgartigen, festen, dicken Mauern. In den Zellen waren statt Mönchen jetzt Häftlinge untergebracht. Als hinter mir die schwere Eisentür zugeschlagen hatte und der Riesenschlüssel umgedreht worden war, fühlte ich mich wie in einem tiefen Brunnen. Obwohl es Tag war, war der Raum halbdunkel, ich sah Gestalten umherhuschen. Ich fragte mich, mit welchen Mördern oder Verbrechern bist du zusammen. In diesen tieftraurigen Augenblicken kam einer auf mich zu und wollte wissen, woher ich komme. Ich sagte: „România“, er antwortete, auch er komme aus Rumänien. Auch er war aus Temeswar. Dem Namen und der Aussprache nach musste er Ungar sein. Janos „Jancsi“ Bodrogi sprach aber auch ganz gut Deutsch. Wir stellten fest, dass er eigentlich der Nachbar von Irina war, der ich einmal den Hof gemacht hatte. So hatten wir schon eine gemeinsame Bekanntschaft. Eine bessere seelische Hilfe hätte ich in dieser Stunde nicht bekommen können. Jancsi war schon seit einer Woche wegen versuchten Grenzübertritts in

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diesem Gefängnis und stellte mir die restlichen Zellenkollegen vor. Einer war Italiener, der unverständlicherweise die Grenze in umgekehrter Richtung überschritten hatte. Weil er nur Italienisch sprach, das keiner von uns verstand, blieb er für uns ein Rätsel. Der andere Schatten in der Dunkelheit war Weselin Umnikow, ein Bulgare mit gleichem Vergehen wie Jancsi und ich. Er sagte, sein Name heiße übersetzt: „Fröhlich Weiser“, er sei aber vor allem jetzt keines von beiden. Wir konnten uns gut mit ihm unterhalten, denn er sprach neben Bulgarisch auch perfekt Ungarisch und Russisch. Wir drei hatten uns zur Genüge zu erzählen, was uns ein wenig von unserer Traurigkeit und unseren Zukunftsaussichten ablenkte. Es kam noch ein vierter hinzu. Die schwere Eisentür ging auf, und ein 17 Jahre alter Junge wurde hereingeschoben. Er hieß Dietmar; er erzählte, dass er aus Duisburg komme, Krach mit den Eltern habe und mit dem Rucksack seines Großvaters aus dem Ersten Weltkrieg auf dem Rücken in den Orient wolle. Pass besitze er aber keinen. Wir drei, die wir in umgekehrter Richtung den Grenzübergang nicht geschafft hatten, zeigten wenig Verständnis für ihn. Es war wichtig, sich an dieses neue Umfeld zu gewöhnen. Das bisschen Licht im Raum kam von einem Fenster, vor das eine Holzkonstruktion montiert war, die wie ein Trog aussah. Wir hatten keinen Ausblick, vom Himmel konnte man nur einen kleinen Fetzen sehen. In einer Ecke der Zelle war ein WC hinter einer spanischen Wand, aber ohne Spülung. Ein Eimer fing „alles“ auf, er musste morgens geleert werden und verbreitete tagsüber einen üblen Gestank. Jeden Morgen sperrte der Wärter die schwere Eisentür auf und schrie in den Raum: „Kiblo“. Abwechselnd leerten wir den WC-Eimer in eine Toilette. Das Essen wurde dreimal täglich über die Türschwelle in Blechschüsselchen verabreicht. Sicherlich wollte man uns weder mästen, noch uns Freude am Essen bereiten. Morgens gab es eine Kaffeebrühe mit einer Ration Brot, die für den ganzen Tag gedacht war. Mittags gab es drei bis vier kleine sardinengroße Fische mit einem Salat aus Löwenzahn, der bitter schmeckte. Wir aßen, um zu überleben. In den ersten Tagen wurde ich ständig zum Verbinden oder zum Verhör gerufen. Weil ich keinen Ausweis hatte, war den Behörden nicht klar, woher ich komme. Ich trug ausschließlich Kleider aus Deutschland und behauptete auch, aus Deutschland zu stammen. Sie zeigten mir Stadtpläne, auf denen ich meine Adresse angeben musste. Da Deutsch und Englisch nicht als Verständigungssprachen angeboten wurden, konnte ich nur Ungarisch und Russisch verwenden, was sie vermuten ließ, ich wäre Russe. Ich war froh, beweisen zu können, aus Temeswar zu sein. Ich wollte keinesfalls nach Russland abgeschoben werden. Die Beweisführung war schwer, denn sie legten mir ausschließlich alte Karten mit inzwischen umbenannten Straßen vor. Ich wurde zu 20 Tagen Gefängnis verurteilt. Jancsi hatte nur 14 Tage erhalten. Auf dem Weg zu den Verhören sah ich im Hof fast täglich 70 bis 80 junge Ju-

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goslawen, die ebenfalls an der Grenze gestellt worden waren. Ich erfuhr, dass seit vier Wochen die Grenze strenger überwacht werde, weil jetzt die Zeit sei, wo viele Burschen, die die Einberufung zum Militärdienst erhalten, über die Grenze ins Ausland flüchten. Das war eine von vielen Erklärungen für mein Scheitern. Meine zerrissene Kleidung musste ich austauschen gegen Arbeitskleidung, die mir viel zu klein war. Um nicht halbnackt das Gefängnis zu verlassen, schenkte mir Weselin zum Abschied eine Hose, Dietmar gab mir ein weißes Nylonhemd und einen Pullover. Nach einer Woche erlaubte man mir, zu arbeiten. Ich arbeitete zwölf Stunden täglich mit einem Jugoslawen zusammen an einer Bakelitpresse, an der wir täglich 10 000 Gegenstände herstellen mussten. Der Tag war endlos, auch weil wir nicht miteinander sprechen konnten. Das einzige, was ich verstehen konnte, war: „Malo radisch, malo kradisch, dobro živiš“ - „Arbeite wenig, stehle nur wenig, dann lebst du gut“. Am Ende standen rund 20 000 Dinar auf meinem Konto. Das Geld wurde mir nicht ausgehändigt, ich konnte mir aber Notwendiges wie Zahnbürste und Zahnpaste bestellen. Es wurde mir erlaubt, zwei Briefe zu schreiben. So richtete ich einen an Karl, den ich um meine Ausweise bat; den zweiten an Helga Mathias, die ich bat, meine Eltern und Freunde zu informieren. Noch vor Ablauf der Haftzeit stellten wir einen Asylantrag, doch der half auch nicht vor der Abschiebung. Es kam der Tag, an dem Weselin und Jancsi in Richtung Heimat abtransportiert wurden. Keiner trat den Weg mit Freude an. Jeder wusste, was ihn erwartete. Wir versprachen uns, wenn wir wieder frei sind, Kontakt aufzunehmen und uns zu helfen, vor allem, wenn es einem gelingt, das Wunschziel Deutschland zu erreichen. Um den 20. November 1965 wurde auch ich mit einem Linienbus ins Gefängnis von Rijeka gebracht. Es waren nicht viele Reisende im Bus. Ein Kind wollte von seiner Mutter wissen, warum ich in Handschellen reise, und die fragte den Begleitpolizisten, worauf er meinte, ich sei aus Rumänien und wollte ohne Pass nach Deutschland. Da kam das Kind auf mich zu und bot mir seine Schokoladentafel an. Vor Rührung konnte ich meine Tränen nicht verbergen. In Rijeka blieb ich kaum 24 Stunden, dann ging es mit dem Zug nach Agram, wo ich die Zelle mit einem Mann teilte, der angeblich ein Attentat auf Tito verübt hatte. Von dort kam ich nach Sombor, wo ich das Wochenende allein in einer Zelle verbrachte. Nur eine Fliege leistete mir Gesellschaft, aus Solidarität ließ ich sie am Leben. Montagabend brachten sie mich nach Belgrad. Bei der Einfahrt des Zuges kam wegen des Gedränges eine Reisende fast unter den Zug. Es gelang mir, ihr unter den Arm zu greifen und sie zurückzuziehen. Darauf war mein Begleitpolizist etwas freundlicher zu mir. Nach einer Nacht in Belgrad folgte die letzte Station in Jugoslawien: das Gefängnis von Werschetz. Vom Bahnhof legten mein Begleitpolizist und ich den Weg zu Fuß zurück. Wir gingen an einem tiefen Graben entlang, wobei der kleine, dicke Polizist ständig

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zwischen mir und dem Graben war. Ich überlegte kurz, ob es sich lohne, ihn hineinzuschubsen und wegzulaufen. Aber wohin in Handschellen, ohne wetterfeste Kleidung, ohne Geld und Sprachkenntnisse, wieder nur bis an das andere Ende des Landes? Ich war zu müde, diese Hetzjagd auf mich zu nehmen. So ging ich brav weiter nebenher. Nach einer Übernachtung in Werschetz wurde ich in einen Jeep gesetzt, ich wusste, es geht zur rumänischen Grenze. Zwischendurch hielt der Wagen vor einem größeren Laden, man führte mich hinein, ich musste für das im Gefängnis verdiente Geld Waren einkaufen, ich durfte es nicht über die Grenze bringen. Weil ich mit einer längeren Haftstrafe rechnete und wusste, dass Zigaretten das wertvollste im Gefängnis sind, kaufte ich für die Hälfte des Geldes gute Zigaretten, für die andere Hälfte Schokolade, um mich daran zu erfreuen. Beim Verlassen des Geschäftes sah ich ein Ehepaar, Werkkollegen, Serben aus Reschitz. Sie erblickten mich auch und verbreiteten daheim Sensationsnachrichten über mich. Auslieferungsabkommen unterzeichnet Wir gingen über die jugoslawisch/rumänische Grenze zum rumänischen Grenzerstützpunkt. Soldaten überhäuften mich mit Hohn und Spott, zogen die Handschellen so fest an, dass der Schmerz kaum zu ertragen war. So stand ich etwa acht Stunden, bis mich Securitate-Offiziere aus Temeswar abholten. Mittlerweile erfuhr ich, dass Rumänien und Jugoslawien vor drei Monaten ein Auslieferungsabkommen unterzeichnet hatten, wobei Jugoslawien für jeden Gefassten einen Waggon Salz erhalten sollte. Der Securitate-Offizier, der mich übernahm, wollte wissen, ob ich mich vernünftig verhalten wolle, dann gehe es auch ohne Schellen. Jahre danach besuchte ich eine gewesene Klassenkollegin vom Gymnasium, da kam eben dieser Mann zur Tür herein und wurde als ihr Mann vorgestellt. Mich traf fast der Schlag. Zu später Abendstunde wurde ich im Temeswarer Untersuchungsgefängnis erneut mit Spott, Hohn und Beleidigungen wie Spion, Idiot, Ochse in eine Zelle geworfen, in der schon zwei in den Betten lagen. Während der Nacht kam der Wärter in die Zelle, rüttelte mich, und als ich ihn verwundert ansah, war er erleichtert. Er hatte durch das Guckloch meinen Arm vom Bett herunterhängen sehen und den Verdacht, ich hätte Selbstmord verübt. In aller Früh wurden wir geweckt. Meine Zellenkollegen waren neugierig, wen sie wohl hier als Mithäftling bekommen hatten. Einer war ein Schwabe aus der Arader Gegend; er wusste nicht, warum er da war. Der andere war der Józsi Bülös, ein Temeswarer, der meine Familie kannte, war er doch Verkäufer in einem Geschäft um die Ecke, in der Nähe des Hauses meines Onkels, aus dem wir Anfang der 1950er Jahre hinausgeworfen worden waren. Wir konnten also

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Deutsch sprechen. Józsi saß schon seit zwei Jahren. Er kannte sich aus, konnte jeden Laut deuten und voraussagen, wann wir was zu essen bekommen. Józsi wusste, wie der Raum sauber gehalten werden kann, ohne dass sich Geruch entwickelt. Hier war die Toilette auch in der Zelle, doch mit fließendem Wasser. Täglich gab es eine halbe Stunde Ausgang an der frischen Luft in einem Käfig, der sogar mit Drahtnetz überdacht war. Die ganze Anlage war auf dem Fußballplatz des Schwimmvereins untergebracht, in den ich jahrelang als Junge zum Training gegangen war und schöne, unbekümmerte Stunden meiner auslaufenden Kindheit und beginnenden Jugend verbracht hatte. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals auf diesem Fußballfeld in einer Zelle oder einem Käfig sitzen werde. Es folgten volle drei Monate, die ich hier verbringen sollte. Zu jedem Monatsbeginn wurde mir ein Vordruck zur Unterschrift vorgelegt, damit wurde ich in Kenntnis gesetzt, dass ich den Rest des Monats hier verbringe. Bei allem Pech hatte ich Glück, denn ich wurde nicht gefoltert. Trotzdem waren die stundenlangen Verhöre, zu Tag und bei Nacht, mit Drohungen auch eine psychische Belastung. Die Sicherheitsbehörden wollten wissen, ob ich für Deutschland spioniert habe. Sie wollten einfach alles wissen, vor allem, wer von der Flucht wusste, wer geholfen hat, wer die gleichen Absichten hat. Mitwissen und nicht melden wurde ebenso hart bestraft. Wie sollte ich es nur anstellen, um keinen hineinzuziehen. Alle aus meinem vorherigen Umfeld wurden zum Verhör gebracht: Eltern, Freunde, Arbeits- und Sportkollegen, Nachbarn. Nach der Hausdurchsuchung wurde mein Freund Hermann schwer belastet, was auch für ihn Konsequenzen haben sollte. Es war für mich das schlimmste, jemandem Nachteile oder Leid zuzufügen. So waren meine schriftlichen Aussagen wie eine Slalomfahrt, was den Untersuchungsoffizier Jerca zur Verzweiflung brachte; er schrie mich an, beleidigte mich und drohte mir. Meine Zellenkollegen waren wie Anwälte, sie berieten und trösteten mich. Jeden Abend fragten sie mich: „Gehen wir ins Kino?“ Das hieß für mich, einen Film, den ich einmal im Kino gesehen hatte, zu erzählen. Auch sie erzählten aus ihrem Leben; Józsi hatte eben einen Prozess laufen, weil sich seine Frau von ihm scheiden lassen wollte. Er war schon seit zwei Jahren im Gefängnis; er sollte den Vernehmern verraten, was in einem Brief stand, den er von einer Reise nach Budapest mitgebracht hatte. Da er den Brief ungeöffnet dem Adressaten übergeben hatte, konnte er nichts sagen, worauf er die Antwort bekam: „Wir haben Zeit“. Als er zum Scheidungsprozess geführt wurde, bat er mich, ihm mein weißes Nylonhemd und den Pullover zu leihen, in der Hoffnung, seine Frau umstimmen zu können. Leider half es nichts, er verlor seine Frau, die er sehr liebte und die ihn schwer enttäuschte. Weihnachten und das Jahr 1966 nahten. Selbstverständlich spürten wir nichts davon. Das einzige: Ich konnte von meiner Schokolade und vor allem den Zigaretten meinen Zellenkollegen etwas zukommen lassen, dafür überraschten sie

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mich mit einem Fettbrot mit Zwiebeln. Man kann sich kaum vorstellen, welch ein Leckerbissen es war, das Fettbrot. Um an meine Zigaretten zu kommen, musste ich vortäuschen, Raucher zu sein: Der Wachposten gab mir die Zigaretten einzeln durchs Guckloch; ich musste sie in den Mund stecken, durchs Guckloch hinausstrecken, er gab mir Feuer. Dann zog ich die Zigarette herein, der Wächter sah nach, ob die Zigarette brannte und ob ich sie rauchte. Erst dann schloss er das Guckloch, ich aber konnte meine Zigarette verschenken. Noch viele Jahre danach träumte ich, dass ich zum Raucher geworden bin, war aber stets erleichtert, als ich aufwachte und feststellte, dass es nur ein böser Traum war. Prozess im Stadttheater Ein Grund, warum die Untersuchungsoffiziere mir zürnten, war, dass ich während meiner Schiffsreise im Betrieb in Reschitz befördert worden bin, obwohl ich kein Parteimitglied war. Man setzte also in mich Vertrauen, ich aber wollte das kommunistische Arbeiterparadies verlassen, um zu den Ausbeutern, Hitleristen und Revanchisten zu wechseln. In einem Verhör wurde mir gesagt, ich könne wählen zwischen Militärgericht und Volkstribunal. Das erste war mir wegen seiner Härte schon bekannt, vom zweiten hatte ich noch nie gehört, meinte aber, mich immer gut mit dem Volk und den Arbeitern benommen und verstanden zu haben, weshalb ich mich für dieses entschied. Auch meine Zellenkollegen meinten, ich hätte gut gewählt. Der Prozess wurde auf den 26. Februar 1966 festgelegt, und zwar in Reschitz, wo ich gearbeitet hatte. Schon früh morgens fuhren mein Untersuchungsoffizier, sein Vorgesetzter, ich und ein Soldat als Fahrer in einem Pkw nach Reschitz. Auf der Fahrt sahen die Genossen einen Fasan, hielten an und jagten ihm hinterher. Der Fahrer blieb bei mir und bewachte mich. Ich verglich mein Schicksal mit dem des Fasans, drückte ihm die Daumen, war glücklich, dass sie ihn nicht kriegten. Zuerst wurde ich zur Securitate in Reschitz gebracht. Einige Stunden musste ich alleine in einem Zimmer eingesperrt warten, bis sie mich ins Stadttheater brachten, das den größten Saal in der Stadt hatte. Der Saal war voll mit Leuten, die vom Arbeitsplatz herkommandiert, und anderen, die aus Neugierde gekommen waren. Ich musste auf einem Stuhl auf der Bühne Platz nehmen, wo schon mein Freund Hermann saß. Es traf mich wie ein Messer ins Herz, als ich ihn dort sah. Wir konnten uns nur mit einem Lächeln begrüßen. Uns gegenüber war ein langer Tisch, an dem mehr als ein Dutzend Persönlichkeiten saßen. Es waren die beiden Fasanenjäger, Richter, Staatsanwälte, Juristen und Führungskräfte aus meinem Werk, Vertreter der Presse und des Rundfunks; auch Techniker waren da, die jedes Wort auf Magnetofon aufnahmen.

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Ein erster trat ans Mikrophon und erklärte den Versammelten, dass das Volkstribunal zusammengetreten sei, um die undankbaren Volksverräter Braun und Hermann wegen Landesverrats zu richten. Weitere 20 Personen meldeten sich zu Wort, alle von der Securitate bestimmt. Alle verleumdeten uns als Hitleristen, Faschisten, Rumänenhasser und Landesverräter. Sie hetzten in einem Maße, dass das Volk im Saal zu schreien begann: „Henkt sie, erschießt sie.“ Auch mein Freund Dieter Röhrich musste ans Mikrophon. Und was der dann sagte, gefiel den Genossen am Tisch nicht: „Braun war mein Freund und wird es auch bleiben“. Dafür wurde er ausgepfiffen. Außer ihm hatte niemand den Mut, etwas Positives über mich zu sagen. Vor diesem Publikum musste ich anschließend Reue bekennen, um ein mildes Urteil zu bekommen. Wie sollte ich das von mir Erwartete sagen und mich gleichzeitig verteidigen? Ich musste frei sprechen, und das noch auf rumänisch. Aus einem in jungen Jahren gelesenem Buch wusste ich wenigstens, wie ich in meiner Verteidigung vorgehen musste. Ich sagte den Versammelten: Es war nicht meine Absicht zu kränken, zu beleidigen, sollte ich das getan haben, entschuldige ich mich dafür. Aber: Seit meinem siebten Lebensjahr, seit die Kommunisten an der Macht sind, wurde ich stets zurückgesetzt: in der Schule, beim Sport, während des Studiums, in der Tanzgruppe und auf Reisen, und zwar, weil ich ein Kind eines Fabrikanten war. Deshalb fühle ich mich nicht mehr in meiner Heimat wohl und habe die Ausreise beantragt. Weil sie mir aber nicht genehmigt wird, sah ich mich genötigt, zu flüchten. Als ich das sagte, war es so still im Saal, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Am Ende verkündete ein Richter das Urteil: Ich sei nicht so schlecht, dass die Gesellschaft mich nicht brauchen könne, im Gefängnis nutze ich der Gesellschaft weniger als auf dem Arbeitsplatz, deshalb sei ich frei, dürfe den Saal als freier Mann verlassen, müsse aber ein Jahr lang als Strafe minderwertige Arbeit leisten. An jenem Abend besuchte ich noch Helga, wir sprachen noch bis spät in die Nacht. Ein halbes Jahr später standen wir vor dem Traualtar in Weidenbach, dem Ort meiner glücklichen Kindheit. Nach dem Prozess besuchte ich Jancsis Eltern in Temeswar, um ihnen von unserer gemeinsamen Zeit in Koper zu erzählen. Nach seiner Freilassung, nach knapp zwei Jahren, besuchte er mich, wir blieben in Verbindung. Vor meiner legalen Ausreise im November 1980 verabschiedete ich mich von seiner Familie. An unser Versprechen aus der Gefängniszelle in Koper fühlten wir uns weiter gebunden. Während einer Ungarnreise meldete er sich mit der Bitte, dass ich ihn herausschleuse. Ich wollte ihm genau so helfen wie einer Nichte, der die Flucht über Ungarn geglückt ist. Doch dieser erprobte Weg war nicht der richtige für ihn. Ihm wurde sein ungarischer Name zum Verhängnis, ferner sein Geburtsort Budapest - er ist dort auf der Flucht nach Kriegsende zur Welt gekom-

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men. Wieder wurde er an Rumänien ausgeliefert und verurteilt. Er konnte Ende der 1980er Jahre legal auswandern. Wir sind Freunde geblieben. Józsi hatte ich versprochen, nach Erlangen seiner Freiheit werde ich ihm 1000 Lei für ein Jahr leihen. Etwa drei Jahre später suchte er mich auf. Ich gab ihm das Geld, das er nach einem Jahr rückerstattete. Seither weiß ich nichts mehr von ihm. Am 22. November 1980 durften meine Frau, unsere beiden Kinder und ich Rumänien verlassen, nachdem wir vorher den Wert eines Hauses, das waren 15 Monatsgehälter oder 60 000 Lei, als Sparbuch an einer gewisse Stellen deponiert hatten. Den 22. November feiern wir seither als unseren zweiten gemeinsamen Geburtstag. Über jene Grenze, die ich 1965 nicht bezwingen konnte, fuhr ich als Bundesbürger 17 Jahre lang, bis zu viermal im Jahr, um auf meinem Grundstück auf Istrien Urlaub zu machen. Allerdings: Alles, was ich in dieser Zeit aufgebaut hatte, musste ich eigenhändig abreißen, es lag keine Baugenehmigung vor, nach der mich keiner in all den Jahren vorher gefragt hat. Johannes Braun, geboren am 8. August 1937 im siebenbürgischen Kronstadt, beendet die Grundschule in Weidenbach im Burzenland, legt nach dem Besuch des Deutschen Lyzeums in Temeswar das Abitur ab und studiert Maschinenbau am Temeswarer Polytechnikum. Zum Studium wird er nur zugelassen, weil er bewusst falsche Angaben in dem Fragebogen zur Aufnahmeprüfung macht. Die Frage, was sein Vater gewesen ist, beantwortet er mit Arbeiter. Den Fabrikanten verschweigt er. Wegen dieser Notlüge wäre er beinahe kurz vor dem Staatsexamen exmatrikuliert worden. Seinen ersten Arbeitsplatz findet er 1961 im Maschinenbauwerk Reschitz; von 1969 bis 1980 ist er beschäftigt an der Stahlbrücke über die Donau bei Giurgeni/Vadul Oii. Von 1981 bis 2001 arbeitet er beim TÜV Süd in Mannheim; seine Aufgabe ist die Überwachung von Schweißarbeiten im Kernkraftwerk Philippsburg-Obrigheim und des Baus von Anlagen unter Dampf, Wasser und Luftdruck in anderen Firmen.

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Als Taucher die Temesch hinab Von Franz Wilhelm Ich wurde am 24. Juli 1941 in Zeulenroda/Thüringen geboren, wo mein Vater seit drei Jahren arbeitete und auch heiratete. Wie alle musste auch mein Vater an die Front. Er fiel schon 1942 in der Nähe von Moskau. Im Herbst 1944 flüchteten meine Großeltern und meine Tante nach Österreich und kamen von da nach Zeulenroda. Weil dieses Gebiet nach Kriegsende zur sowjetisch besetzten Zone gehörte, mussten sie wieder zurück nach Perjamosch. Ich war ein schwaches Kind, und da in dem zerbombten und besetzten Deutschland die Lage sehr schwierig war, vereinbarten Mutter, Großeltern und Tante, dass sie mich mit nach Perjamosch nehmen, wo die Versorgung leichter schien. Ich hatte dann bei meinen Lieben in Perjamosch eine sehr schöne Kindheit. Es sollten aber 18 Jahre vergehen, bis ich meine Mutter wiedersah. Sie flüchtete aus der Ostzone in den Westen und konnte mich erst 1962 in Perjamosch besuchen. Sie kam mit meinem kleinen Stiefbruder, und ich freute mich sehr, meine Mutter wiederzusehen. Ich beantragte für diese Zeit Urlaub, den mir aber der Chefingenieur nicht genehmigte. Da blieb ich einfach zu Hause, um mich der Mutter, die ich so lange nicht gesehen hatte, widmen zu können. Das führte zu meiner fristlosen Entlassung. Ich sprach daraufhin beim Direktor des Betriebs vor, und die Kündigung wurde rückgängig gemacht. Von da an aber stand mein Entschluss fest, nach Deutschland zu gehen, wenn nicht legal, dann eben illegal. Den ersten Ausreiseantrag hatte ich schon 1961 gestellt. Ich wollte bei meiner Mutter sein, aber ich wollte auch anders leben. Dann fragte ich mich, ob das die Erfüllung des Lebens sein kann, jeden Tag um 4 Uhr aufzustehen, mit dem Zug in die Stadt zu fahren und, nach einer Menge Ärger am Arbeitsplatz, wieder zum Zug zu laufen und dann erst um 18.30 Uhr zu Hause zu sein. Also, mir war das irgendwie zu eintönig. Ich versuchte auch in der Stadt zu wohnen, um etwas mehr am Gesellschaftsleben teilnehmen zu können, wie Sport, Kino, Theater. Aber da war wieder das Geld zu schnell alle. Ich fuhr auch einige Male nach Bukarest zur deutschen Botschaft, wo man mir Hoffnung machte. Am 5. März 1963 bekam ich aber von der Polizei die Ablehnung. Ich war sehr enttäuscht. Damals konnte ich sehr frech und auch respektlos gegenüber Amtspersonen sein. So ging ich in Temeswar ins Parteihaus, schlich mich am Pförtner vorbei und machte einen Riesenkrach; aber die guten Genossen erklärten mir, dass es überall auf der Welt den Leuten schlecht ginge, nur in Rumänien könne man gut leben. Aber sie sahen auch ein, dass sie mich nicht richtig überzeugen konnten. Man gab mir den Rat, bei der Polizei einen neuen

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Antrag zu stellen, was ich auch tat. Nach einer langen Zeit fuhr ich wieder nach Bukarest, um nachzuhören. Die Papiere hätte man nach Temeswar geschickt, war die Auskunft. Die Temeswarer sagten, alles sei nach Großsanktnikolaus gegangen, und die wiederum sagten, sie wissen von nichts. Es war jetzt schon Herbst 1965. Da es hoffnungslos schien, legal nach Deutschland auszuwandern, musste ein anderer Weg gefunden werden. Eine Zeitlang beobachtete ich in Arad die Züge, die von Bukarest nach Wien fuhren. In einigen Waggons entdeckte ich Entlüftungsdeckel, die an der Decke befestigt waren. Aber das war dann doch nicht mein Fall. Da ich ein guter Langstreckenschwimmer war, entschied ich mich für die Donau als Fluchtweg. Ich habe mich mit guten Bekannten darüber unterhalten, aber keiner wollte mitmachen. Eines Tages unterhielt ich mich mit Herwig Röhrich darüber. Er war in der Dorfambulanz tätig und hatte eine Verlobte in Deutschland, die von Gottlob stammt. So planten wir gemeinsam die Flucht. Da es noch Winter war, hatten wir Zeit, alles sorgfältig zu besprechen. Mit den Fahrrädern wollten wir so weit wie möglich an der Temesch entlang fahren und dann nachts an einer bestimmten Stelle die Grenze nach Jugoslawien überqueren. Um sicherzugehen, fuhren wir zur Orientierung dorthin. Wir besorgten uns auch eine vergrößerte Landkarte für dieses Territorium. An allen strategischen Punkten waren Vorposten aufgestellt, als Feldarbeiter getarnt. Wir wussten auch nicht, ob die Stelle, wo die Temesch die Grenze passiert, ausgeleuchtet war. Wenn ja, hätten wir für kurze Zeit untertauchen müssen. So entwickelten wir einen Taucheranzug aus einer dicken Plastikfolie. Der Anzug bestand aus einer langen Hose und einer langen Jacke mit Kapuze; in der Hüfte dichteten wir alles mit dick eingefetteten Fahrradschläuchen ab. Die Nähte hatten wir mit einem Bügeleisen doppelt verschweißt. Für die Unterwasserbeatmung hatten wir einen Apparat aus medizinischen Schläuchen und Ventilen entwickelt. Es war mittlerweile April, und wir fuhren des öfteren an die Marosch, um die Taucherausrüstung zu prüfen und uns mit ihr vertraut zu machen. Sie hat trocken und warm gehalten. Am 15. Mai 1966 war es dann endlich soweit. Herwigs Verlobte Edith kam mit ihrem Pkw, wie vereinbart, auf Besuch. Alles, was wir für die Flucht brauchten, packten wir ins Auto, auch die Fahrräder und die Taucheranzüge. Wir fuhren durch Temeswar und dann die Landstraße parallel zur Temesch durch einige Dörfer in Richtung Grenze. Auf einem Feldweg hielten wir an, packten alles aus und besprachen uns noch einmal. Edith sollte mit ihrem Auto bei Hatzfeld nach Serbien hinüber und an einem von uns ausgemachten Punkt warten. Sie fuhr in Richtung Grenzübergang, wir mit unseren Fahrrädern in Richtung Temesch und auf dem Dammweg in Richtung Grenze. Wir hatten schon mehrere Kilometer zurückgelegt, als uns zwei Männer auffielen, die so taten, als würden sie Heu machen. Wir stiegen ab und liefen mit den Fahrrädern

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zum Ufer. Zwischen Ufer und Damm wuchsen Sträucher und Schilfrohr, da konnte man sehr gut Deckung finden. Kaum waren wir am Ufer, näherte sich oben auf dem Dammweg ein Jeep. Es waren Grenzsoldaten. Wir legten uns hinter den Sträuchern ganz flach auf den Boden. Die Soldaten hielten nur kurz an, dann fuhren sie weiter, und wir konnten aufatmen. Dann schlichen wir mit den Fahrrädern in Richtung Grenze weiter, obwohl das Gelände sehr unwegsam war. Es war schon 18 Uhr, und wir mussten noch einige Kilometer schaffen. Wir kamen an eine flache Stelle des Flusses, schauten uns nach einem dicht bewachsenen Plätzchen um, packten unsere Sachen aus und bereiteten alles vor. Allmählich wurde es dunkel. Unsere Kleidung packten wir in Plastiktüten, die wir wasserdicht machten. Dann zogen wir die Taucheranzüge an, die Fahrradschläuche banden wir fest um die Hüfte. Daran befestigten wir auch die Plastiktüten mit unseren Kleidern und Schuhen. Der Fluss war hier zwar tief, aber das Wasser floss sehr langsam. Statt mit dem Wasser abzutreiben, mussten wir die eigene Schwimmkraft einsetzen. Es waren noch mehr als zehn Kilometer bis zur Grenze. Näher konnten wir wegen der vielen Vorposten nicht heran. Es war mondhell. Laut Kalender sollte der Mond um 22.30 Uhr untergehen. Nun war es soweit. Jetzt ging es los. Wir bewegten uns lautlos schwimmend vorwärts. In der Stille der Nacht hörte man nur das Gebell der Hunde. Es war so dunkel, dass man uns vom Ufer nicht hätte sehen können. Ab und zu gab es Stellen, wo uns das Wasser nur bis zur Brust ging. Dann stießen wir uns mit den Zehenspitzen nach vorne. Wir waren schon drei Stunden im Wasser und mussten jetzt dicht vor der Grenze sein. Wir schwammen noch ein halbe Stunde. Plötzlich waren keine Bäume mehr am Ufer, und zum Himmel schauend, konnte ich die Umrisse eines hohen Wachturmes entdecken, an dem wir vorbeischwammen. Jetzt kam noch einmal große Spannung auf. Wir hielten nur die Nasenspitze aus dem Wasser und ließen uns, um kein Geräusch zu verursachen, vom Wasser treiben. Dann fassten wir uns an den Händen, rissen die Arme hoch und den Mund auf, aber ohne einen Laut hervorzubringen. Das bedeutete soviel wie Hurra, wir haben die erste Hürde geschafft. Um sicher zu gehen, schwammen wir noch ein Stückchen weiter; die Helligkeit war auf einmal wie hingezaubert. Wir stiegen das Ufer hoch, peilten die Lage - wir waren in Serbien. Vor uns lag das Dorf, hinter dem wir Edith treffen sollten. Genau vor uns lag ein Feldweg. Plötzlich kam hinter einer Schonung ein Fahrradfahrer auf uns zu. Als er uns in dieser Tauchermaskerade sah, stieg er ab, bekreuzigte sich und kehrte mit doppelter Geschwindigkeit wieder zurück zum Dorf. Jetzt, wo die Spannung nachließ, merkten wir erst, wie unterkühlt wir waren, aber die frühe Morgensonne tankte uns wieder auf. Wir verstauten unsere Taucheranzüge, zogen uns an und machten uns auf den Weg. Plötzlich heulte ein Motor auf. Wir gingen über ein Feld mit großen Heuhaufen und versteckten uns. Dann sahen wir einen Soldaten auf dem Motorrad,

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der genau auf unserer Höhe anhielt und die Gegend absuchte. Wurde Edith im Dorf festgehalten? Herwig verließ kurzentschlossen das Versteck und ging auf den Uniformierten zu, und sie fuhren ins Dorf. Jetzt machte auch ich mir Gedanken. Ich wusste, dass die Serben Flüchtlinge nach Rumänien zurückschickten, und auch, was denen dort blühte. Jedenfalls wollte ich nicht gefasst werden. So lief ich wie ein Langstreckenläufer über die Felder. Kein Wald, keine Sträucher waren in der Nähe. Man konnte so weit schauen, wie das Auge reicht. Plötzlich sah ich, vom Dorf her, eine Autokolonne herankommen. Sie hielt genau dort, wo wir uns zuerst versteckt hatten. Dann suchten sie die Gegend ab. Ich schlich mich in ein Haferfeld; die Halme waren etwa 25 Zentimeter hoch. Ich legte mich flach hin und tarnte mich, so gut es ging. Den Kopf leicht angehoben, sah ich, wie die Kolonne näher kam und genau auf meiner Höhe anhielt. Ich drückte mich tief in die Furche. Nach einer Weile fuhren sie wieder ab. Aber mein Versteck konnte ich nicht verlassen, denn die vielen Feldarbeiter waren aufmerksam geworden. Die Sonne schien mir auf den Rücken, ich war eingeschlafen, wurde aber gleich wieder wach. Zu meinem Erstaunen kehrte die Autokolonne zurück, hielt wieder auf meiner Höhe. Alle stiegen aus und kamen direkt auf mein Haferfeld zu. Die Soldaten durchkämmten das Feld, doch mich hatten sie nicht gesehen. Da hörte ich wie einer schrie: „Lasst uns gehen. Den müssen wir woanders suchen.“ Doch wie es der Zufall will, war einer auf der anderen Seite des Feldes, trampelte übers Feld und kam auf mich zu. Fast wäre er über mich gestolpert. Der Mann, in Anzug und Krawatte, eine Pistole in der Hand, war so erschrocken, dass ich dachte, er drückt ab. „Ruki gore, ruki gore“, schrie er. Ich hatte die Arme schon lange oben, doch er schrie immer noch „Ruki gore“. Man durchsuchte mich gründlich. Dann konnte ich meine Arme wieder herunternehmen. Wir gingen alle zu den Autos. Jetzt sah ich auch Ediths Wagen. Vier Offiziere stiegen zu, Schadenfreude in den Augen. Ich war der Verlierer. Zu meinem Erstaunen verhielten sie sich relativ höflich. Wir fuhren zu einer Grenzerstation. Da war ein älterer Herr, der sehr gut Deutsch sprach. Man verhörte mich. Eine junge Frau bediente die Schreibmaschine. Danach fuhren wir über mehrere Dörfer nach Großbetschkerek in ein Militärrevier. Das Verhör ging bis spät in die Nacht. Als mir dabei immer wieder die Augen zufielen, brachten sie mich in eine kleine Zelle neben der Wache. Ich bekam ein großes Stück Brot und eine Schüssel Kartoffelsuppe. Im Nu hatte ich alles verschlungen. In der Ecke der Zelle war eine Holzpritsche mit zwei Decken. Aber in dieser Nacht habe ich keine harten Bretter gespürt. Ich schlief bis 10 Uhr. Jetzt wollte ich doch gerne wissen, was mit Herwig und Edith los war. In Perjamosch hatte Herwig ein Zimmer in der Ambulanz, und weil er nicht jeden hereinlassen wollte, hatte er ein Klopfzeichen vereinbart. So klopfte ich dieses

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Zeichen ganz laut an die Zellentür (unten dicker Riegel, oben dicker Riegel, in der Mitte ein „Kirchenschloss“). Nach dem Klopfen kamen die Wärter und fragten nach. Ich antwortete ihnen, in der Nacht sei mir kalt geworden, ich brauchte eine Decke, die sie mir auch brachten. Das Gefängnis hatte eine gute Akustik, wie in einer Kirche - drei Etagen hoch, in der Mitte ein großer Hohlraum mit Geländer ringsherum. Jede Etage war mit Drahtnetz bespannt, so dass keiner über das Geländer springen konnte. Nach einer Weile hörte ich auf der anderen Seite das Klopfzeichen. Also war Herwig hier. Aber was war mit Edith? Einen Monat lang in Einzelhaft Beim nächsten Verhör versprach man mir einen Rechtsanwalt. Ich war jetzt schon einen Monat lang in der Einzelzelle. Nichts zu lesen, nichts zu schreiben. Ich übte Turnstücke, ging auf den Händen in der Zelle herum, machte Kniebeugen auf einem Bein. Einmal hörte ich Frauenstimmen auf dem Hof. Da das Fenster sehr hoch war, trug ich die Holzpritsche davor, schaute in den Hof und konnte Edith entdecken. Sie tat mir sehr, sehr leid, und ich hatte eine Portion Wut im Bauch. Am anderen Tag kam tatsächlich ein Rechtsanwalt. Er sprach Deutsch, und auch dem Aussehen nach hätte man ihn für einen Deutschen halten können. Er veranlasste, dass ich in eine Gemeinschaftszelle kam und ein deutsch-serbisches Wörterbuch bekam. So konnte ich meine Kenntnisse in Serbisch erweitern. Außerdem durfte ich Schach und Domino spielen. Aber die große Ungewissheit, die mich plagte, war immer noch da. Der Rechtsanwalt kam öfter und machte mir etwas Hoffnung. Nach zwei Monaten machten sie uns dann den Prozess. Es ging dramatisch zu. Der Staatsanwalt war ein kleiner Giftzwerg, der auch gut Rumänisch sprach. Die Serben mussten sich an das Abkommen halten, das damals mit Rumänien vereinbart war. Man verurteilte uns zu sechs Monaten wegen schweren Landfriedensbruchs. Nun konnten wir uns im Gefängnis freier bewegen. Jeden Morgen, nach dem Frühstück, mussten wir Kohle sieben. Auch Herwig war dabei. Ich entwarf einen Fluchtplan, doch eines Tages standen mehrere Herren vor der Tür. Wir mussten unsere Sachen packen. Danach legte man uns Handschellen an und führte uns hinaus. Wir stiegen in einen vergitterten Kastenwagen mit bewaffneter Bewachung. Herwig fragte den Offizier, wohin es gehe, aber wir bekamen keine Antwort. Mit großer Spannung verfolgten wir die Verkehrsschilder. Der Wagen änderte die Richtung, und dann sahen wir ein Schild mit der Aufschrift Kikinda. Das war Richtung Rumänien. Es traf uns wie ein Keulenschlag. Nach einer halben Stunde Fahrt hielten wir in Kikinda vor einem Militärrevier. Dann war es nur noch eine kurze Fahrt bis zur Grenze. Wir stiegen aus, man nahm uns die Handschellen ab. Die bewaffnete Begleitmannschaft

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ging mit uns bis zur Mitte des Grenzstreifens. Die Rumänen, die uns in Empfang nahmen, schauten uns feindselig entgegen. Fluchend und drohend band man uns die Hände mit Stricken zusammen und brachte uns zur Grenzerstation Lunga-Komlosch. Dort angekommen, wurden wir dem Chef vorgeführt. Er war in Zivil, Anzug und Krawatte. Erstaunt schauten wir uns an - wir kannten uns, denn im Zug auf dem Weg in die Stadt hatten wir öfter zusammen Karten gespielt. Da hatte ich mal wieder Glück! Das ganze war nur ein Verhör fürs Protokoll. Der Chef erlaubte sogar, dabei zu rauchen. Ein Auto kam, und die Securitate von Großsanktnikolaus stieg aus. Ich kannte alle; nicht nur vom Zug her, weil ich immer erster Klasse fuhr, sondern auch von der Marosch, abends beim Biertrinken. Der eine kam zu mir und sagte spöttisch: „He, ich dachte, wir waren in Hamburg verabredet?“ Dann fuhren sie wieder davon. Nach dem Verhör schnürte man uns wieder die Hände zusammen, und wir bestiegen einen Kastenwagen der LPG, der noch mit Kartoffelsäcken beladen war. Zwei Polizisten, mit der Pistole im Anschlag, bewachten uns. Es war uns verboten, miteinander zu reden. Wir kamen wieder ins Gefängnis, natürlich getrennt. Sechs Mann auf engstem Raum mit Etagenbetten. Vor lauter Langeweile demonstrierte ich mein Können: 40 Liegestützen, auf den Händen stehend runter in den Kopfstand und vom Kopfstand wieder in den Handstand, zehn Kniebeugen auf einem Bein. Das konnte keiner, aber mehr als eine kleine Anerkennung brachte das nicht ein. Das schlimmste aber war die Ungewissheit. Die Zellengenossen, die sich schon gut auskannten, sagten mir zwei Jahre voraus, in denen ich im Donaudelta Schilfrohr schneiden müsse. Na, das ist ja prima, dachte ich mir. Neben unserer Zelle waren Dusch- und Toilettenanlagen. Wer ein Bedürfnis hatte, klopfte an die Tür. Ich klopfte unser Zeichen; nach einer Weile dasselbe Zeichen von der anderen Seite. Es war wieder alles klar. Nach und nach hatte man meine Zimmergenossen verlegt oder auch entlassen. Plötzlich war ich wieder allein. Um die Langeweile zu überbrücken, nahm ich Brotkrümchen und knetete Schachfiguren. Die einen ließ ich so, wie sie waren, die anderen tauchte ich in Kaffeesatz - das waren dann die schwarzen. Auf meinem karierten Taschentuch spielte ich dann Schach. Aber wenn man auf die Dauer immer selbst gewinnt, macht das keinen Spaß. Dann bekam ich wieder einen Zimmergenossen - einen Oberförster aus der Karansebescher Gegend. Er war einst unter dem rumänischen Diktator Antonescu ein hoher Offizier in Bukarest, und ich bekam interessante Sachen zu hören, die nicht in den Geschichtsbüchern stehen. Wir wurden zwei- bis dreimal die Woche verhört. Allgemein war man da nicht zimperlich, aber ich hatte einen jungen Hauptmann, einen Serben aus einem Dorf neben Temeswar, der freundlich und sachlich war. Privat unterhielten wir uns auch mal auf serbisch. Es ging auf Weihnachten zu. Die Verhöre hatten

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nachgelassen, nur die Ungewissheit blieb. Doch eines Abends, es muss der 20. Dezember gewesen sein, teilte man mir mit, ich würde freigelassen, obwohl ein Landesverräter so etwas nicht verdiene. Ich war vor lauter Freude außer mir. Ich sollte in Perjamosch vor ein Volkstribunal gestellt werden und dort vor den Bürgern Reue zeigen. Wie das Volk dazu steht, wusste ich. Da brauchte ich mich nicht zu schämen. Vor lauter Freude fand ich keine Ruhe. Ich ging in der Zelle auf und ab. Um sieben kam der Friseur und rasierte mich. Er sagte mir im Vertrauen, dass Herwig auch frei ist. Nach drei Monaten sahen wir uns wieder diesmal ohne Fesseln. Wir stiegen in einen Jeep, und es ging wieder los. Auf der Pesaker Landstraße sahen wir von weitem schon die Hutfabrik. Kein Mensch kann sich vorstellen, was ich empfand, als wir Perjamosch erreichten. Wir fuhren zum Rathaus. In der Amtsstube der Polizei waren mehrere Offiziere, die ich von den Verhören kannte, Polizisten, eine Menge Parteileute, auch wieder die Securitate von Großsanktnikolaus. Alle wollten sich auf unsere Kosten profilieren, oder sie hatten keine andere Wahl. Aus der Kantine brachte man uns etwas zu essen. Ich fand es schmackhaft, denn das Essen in den letzten drei Monaten war furchtbar. Der Hauptmann aus Temeswar gab mir ein Papier zur Unterschrift. Darin verpflichtete ich mich, nicht mehr illegal über die Grenze zu gehen und gegenüber der Sozialistischen Republik Rumänien immer loyal zu bleiben. Ich sagte: „Wenn der Kukuruz (Mais) hoch ist, sehen wir weiter“. Er zwinkerte mir zu und sagte: „Das wird nicht mehr nötig sein“. Das war ein kleiner Wink, und da war meine Freude doppelt so groß. Es hatte mir einfach die Sprache verschlagen. Wir stiegen wieder in den Jeep und fuhren zum Kulturheim. Auf der Bühne bastelte Hansi Klein, der Professor, an einem Tonband, das mit dem Mikrofon verbunden war. Der Saal war voll. So viele waren nicht einmal da, als Mia Braia gesungen hatte. Dann wurde über unsere Flucht geredet. Herwig und ich mussten auf die Bühne. Ich brauchte nicht viel sagen. Der Major redete andauernd dazwischen. Aber die Freude war wichtiger als alles Gerede. Im Saal sah ich meine Tante. Trotz der Lage freute ich mich und dachte: Dieses Jahr schicke ich dir noch eine Ansichtskarte aus Deutschland. Als alles vorbei war, konnte ich tatsächlich einfach nach Hause gehen, wo meine Verwandten und Herwigs Eltern versammelt waren. Alle freuten sich über das Wiedersehen. Es wurde ganz toll Weihnachten und Silvester gefeiert. Ich suchte mir Arbeit, aber was für mich zählte, war die Hoffnung auf eine gute Zukunft. Zwischendurch war es März geworden. Eines Tages wurde ich aufgefordert, meine Papiere für die Ausreise vorzubereiten. Als alles fertig war, fuhr ich auch sofort los. Ich sagte mir, nichts wie weg. Am 28. April 1967 erreichte ich Nürnberg. Im Lager brauchte ich nicht zu bleiben, da ich in Deutschland geboren bin; ich hatte ja einen deutschen Geburtsschein und auch die deutsche Staats-

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bürgerschaft. Sofort konnte ich zu meiner Mutter, und ich bekam Arbeit in einem Stahlwerk als Gießer. Nun bin ich seit mehr als 30 Jahren in Deutschland und konnte mir, mit viel Fleiß, mein Leben so gestalten, wie ich es mir erträumt hatte. Der Bericht ist dem Band „Unser Heimatbuch. Von Perjamoschern für Perjamoscher geschrieben“ entnommen und geringfügig geändert. Franz Wilhelm ist am 8. November 2007 in Nordhausen gestorben. Wie Augenzeugen berichten, ist die Stimmung beim Schauprozess in Perjamosch zugunsten der Angeklagten gekippt. Die im Saal Versammelten haben ihre Sympathie und Anteilnahme für die beiden Angeklagten zum Ausdruck gebracht. Mit dem Prozess haben die kommunistischen Machthaber versucht gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie wollten die Bevölkerung einschüchtern, aber auch gleichzeitig beweisen, dass der Staat Reumütige großzügig behandelt.

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Emerich-Otto Leikep:

Zu acht Jahren verurteilt, nach sechs Monaten frei In den 1960er Jahren verhängen die Militärgerichte noch harte Strafen gegen Grenzgänger. Das hat auch Emerich-Otto Leikep aus Hermannstadt erfahren. Leikep gelangt im Juli 1967 mit einem gefälschten Pass, besorgt von einem Serben, bis Straßsommerrain an der österreichischen Grenze. Dort nehmen ihn ungarische Grenzer fest. Nach einer Untersuchungshaft von einem Monat im Gefängnis des ungarischen Geheimdienstes an der Kettenbrücke in Budapest wird er abgeschoben. Danach ist er einige Tage in Untersuchungshaft beim Geheimdienst in Großwardein. In Temeswar verurteilt ein Gericht ihn zu insgeEmerich-Otto Leikep samt acht Jahren Gefängnis, und zwar wegen eines unerlaubten und wegen eines versuchten Grenzübertritts. Die Haftstrafe tritt er im August im Temeswarer Gefängnis an, wo er mit weiteren politischen Häftlingen, hauptsächlich Banatern, untergebracht ist. Er erinnert sich auch an einen Bulgaren, der aus Neapel kommend über Rumänien zurück nach Sofia gelangen wollte. Am 30. Dezember 1967 ist Leikep aufgrund einer Amnestie ein freier Mann. Zusammen mit ihm verlässt ein Banater Landwirt das Gefängnis. Es ist spät abends, sie suchen eine Kneipe auf. Banater Schwaben, die an ihnen sofort den letzte Aufenthaltsort erkennen, spendieren ihnen Essen und Getränke. Am 31. Dezember 1967 ist Leikep wieder zu Hause in Hermannstadt. Die Ausreise nach Deutschland gelingt ihm auf legalem Weg 1973. Emmerich Otto Leikep wurde am 8. August 1930 im siebenbürgischen Neumarkt geboren. Vor der Ausreise hat er als Diplom-Kaufmann in verschiedenen Hermannstädter Betrieben gearbeitet. Daneben leitete er seit 1955 als Schiedsrichter Handballspiele. Nach der Ausreise 1973 war er bei BMW auf betriebswirtschaftlichem Feld tätig.

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Mit dem Autozug in Richtung Türkei Von Reinhold Mager „Wer in eines der Autos auf dem Temeswarer Bahnhof einsteigt, der kann in Istanbul aussteigen - und ist in der Freiheit.“ Diese Worte aus dem Mund des Tubaspielers Hans Rieder aus dem Orchester der Temeswarer Philharmonie haben mich und meinen Freund Johann Wagner, den wir Schlopp nannten, an einem Tag Anfang 1968 aufhorchen lassen. Rieder hatte sie aufgeschnappt von seinem Orchesterkollegen Peter Rieß, der bei den Philharmonikern die Trompete spielte. Obwohl Hans manchmal zu leichten Übertreibungen neigte, nahmen Schlopp und ich das Gesagte ernst. Ich überlegte, ob es technisch eine Möglichkeit gibt, ohne Schlüssel in die Autos zu gelangen, Reinhold Mager ohne dabei Einbruchspuren zu hinterlassen. Wir sagten uns, wenn jeder sich in den Kofferraum eines Autos einschließt und frühestens in der Türkei aussteigt, sei alles geschafft. Schlopp und ich recherchierten, wohin die Pkw geliefert wurden, zu welchen Zeiten die Züge fuhren. Es hat sich herausgestellt, dass die Güterzüge nach einem festen Fahrplan verkehrten, nur Frachten und Adressen waren verschieden. Es gab verschiedene Autotypen, die transportiert wurden. In allen Fällen waren die Autos verschlossen und die Schlüssel am Kühlergrill befestigt und versiegelt. Es war unmöglich, die Schlüssel abzumachen, ohne das Siegel zu beschädigen. Also mussten wir entweder direkt in den Kofferraum gelangen oder durch das Auto über den Rücksitz, um anschließend den Rücksitz richtig einrasten zu lassen. Den Kofferraum direkt zu öffnen erwies sich als unmöglich. Deshalb blieb nur die Variante, durchs Auto einzusteigen. Wegen der Größe des Kofferraums legten wir uns auf die Ford-Modelle Taunus 17 M und 20 M fest. Wir bastelten Werkzeuge, um die Autotüren zu öffnen und vom Inneren in den Kofferraum zu gelangen. Wir haben begonnen, mit Drahtschlingen zu experimentieren. Wir haben die Gummidichtung an der Vordertür durchstochen und mit der Schlinge die Knöpfchen an der Innenseite der Tür gehoben. Stetig haben wir unser Werkzeug verbessert und weiter geprobt. Am 6. Mai 1968 sollte es losgehen. Wir haben uns für 19.30 Uhr am Bahnhof

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verabredet. Hans Rieder, Schlopp und ich, jeder hatte seine Tasche mit Werkzeugen und Verpflegung dabei. Der Zug war pünktlich, wir warteten, bis die technischen Prüfungen der Bahn abgeschlossen waren. Ich bin auf den Wagen gestiegen, Schlopp ist mir gefolgte. Wir mussten uns hinlegen, um nicht gesehen zu werden. Der Zug fuhr immer schneller, Rieder war nicht aufgestiegen. Auf offener Strecke konnten wir uns setzen. Wir überlegten, was wir tun sollten, und beschlossen beim ersten Halt in Rekasch auszusteigen und zurückzufahren. Wir wollten Hans nicht zurücklassen. Nun hat alles seine guten und schlechten Seiten. Es war die beste Gelegenheit, unsere Werkzeuge zu testen. Es hat geklappt, wir konnten die Türen öffnen und in den Wagen gelangen. Auch vom Wageninneren in den Kofferraum zu gelangen war nicht schwierig. Trotz alledem habe ich meine Werkzeuge für den nächsten Einstieg verbessert. Aber nicht nur die technischen Fragen hatten uns vor der Flucht beschäftigt. Wir haben uns auch gefragt, was uns erwartet, falls wir ertappt werden. Grenzgänger wurden nach den damals geltenden Gesetzen zu drei bis zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Aber wir wussten, dass dieses Gesetz demnächst geändert werden soll. Die Strafen sollten milder werden. Auch das hat uns veranlasst, die Flucht zu wagen. Am 9. Mai 1968 sind wir zu dritt auf dem Rekascher Bahnhof in je einen Ford eingestiegen. Wir haben uns für Rekasch entschieden, weil der kleine Bahnhof viel ruhiger war als der Temeswarer. Wir haben die Wagentüren mit der Drahtschlinge geöffnet, die Rückbank samt Lehne entfernt, die Streben vor dem Kofferraum durchsägt; danach sind wir eingestiegen, haben die Türen verriegelt, sind in den Kofferraum gekrochen und haben Bank und Rückenlehne wieder eingesetzt. Jeder von uns hatte drei Liter Wasser und Kekse bei sich. Das sollte unserer Ansicht nach reichen, um die drei Tage zu überstehen, die der Zug über Bukarest, Russe, Sofia und Swilengrad nach Edirne in der Türkei zurücklegt. Die Fahrt konnte beginnen. Ich lag im Kofferraum und überlegte: Ich sollte am 14. Mai zum Geburtstag meiner Mutter nach Hause fahren. Ich rechnete nach und dachte, ich werde von Deutschland aus anrufen können und ihr alles Gute wünschen. Im schlimmsten Fall könnte ich aus der Türkei ein Telegramm schicken. Die erste Nacht ist planmäßig verlaufen, der Zug war in Bukarest ziemlich pünktlich angekommen. Ich hörte das Rangieren, und die Fahrt ging weiter. Am nächsten Tag, gegen 10 Uhr, hörte ich das typische Geräusch des Überquerens einer Eisenbahnbrücke. Wir hatten bei Russe die Donau passiert. Ich hatte nachgerechnet, die Fahrt werde höchstens noch einmal so lange dauern, denn wir hatten von der Strecke schon fast zwei Drittel geschafft. Doch ab da hat das Elend begonnen. Unser Waggon wurde abgehängt, und wir standen in der heißen Sonne. Es wurde immer unerträglicher. Wir fuhren ab, und an eine Stunde und wurden wieder abgehängt. Der Zug stand wieder einmal

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einen halben Tag. Je südlicher wir kamen, desto unerträglicher wurde die Hitze, das Wasser wurde knapp. Am fünften Tag nach der Abfahrt in Rekasch stand der Zug in Swilengrad im Dreiländereck Bulgarien, Türkei, Griechenland. Doch das war mir nicht bekannt. Ich habe beschlossen, in der nächsten Nacht auszusteigen und mich mit Schlopp und Hans Rieder zu beraten, denn ein weiterer Tag in der prallen Sonne war nicht zu ertragen. Was ich nicht wusste, Schlopp und Hans Rieder hatten schon am dritten Tag kein Wasser mehr. Schlopp hat es schließlich vor Durst nicht mehr ausgehalten. Er hat am Nachmittag schon den Kofferraumdeckel von innen geöffnet, ist ausgestiegen, um im Bahnhof Trinkwasser zu suchen. Er hat einen Brunnen gefunden, getrunken, einen Schock erlitten, ist zusammengebrochen, hat sich aber wieder aufgerappelt; Leute wollten ihm helfen, er konnte sich aber nicht mit ihnen verständigen, nicht nur weil er kein Bulgarisch sprach, sondern einfach auch, weil Mund und Hals so ausgetrocknet waren, dass er sich nicht artikulieren konnte. Schlopp wollte nun die Dunkelheit abwarten, um ungesehen zurück in den Bahnhof zu gelangen und wieder ins Auto einzusteigen. Er hat versucht, sich auf Umwegen zurück zum Waggon zu schleichen, doch dabei ist er einem Grenzsoldaten in die Arme gelaufen. Der Grenzer war mehr erschrocken als der Gefasste. Die Polizei konnte sich nicht mit ihm verständigen und hat ihn freigelassen, vermutlich, um ihn zu beobachten. Doch Wagner ist nicht zum Zug gegangen, er wollte die Dunkelheit abwarten. Noch vor Einbruch der Nacht haben die Bulgaren ihn wieder kassiert. Gegen 23 hörte ich die Kontrolleure, die sich von Wagen zu Wagen bewegten. Doch was ich zu jenem Zeitpunkt nicht wissen konnte: Der Kofferraumdeckel an Schlopps Wagen war geöffnet. Als die Zöllner das bemerkt hatten, wurde es plötzlich laut. Ich ahnte, dass etwas nicht stimme. Und dann dauerte es auch nicht mehr lange, bis sie den Wagen geöffnet haben, in dem ich lag. Mit vorgehaltener Pistole hat ein Grenzer mir befohlen, auszusteigen. Fürs erste war ich froh, an der frischen Luft zu sein, ich hatte keine Angst. Als ich auf den Beinen war, bin ich beinahe umgekippt, die Knie zitterten. Am 9. Mai waren wir in Rekasch losgefahren, am 14. Mai, dem Geburtstag meiner Mutter, wurden wir festgenommen. Ein Telegramm mit Geburtstagswünschen konnte ich leider nicht schicken. Die erste Nacht verbrachten wir drei bei der Grenzpolizei, die uns mit Hilfe eines Dolmetschers verhörte. Dann ging es nach Sofia und nach 14 Tagen über den Donauhafen Russe in das Gefängnis Văcăreşti in Bukarest zum Verhör. Danach wurden wir in das berüchtigte Gefängnis Jilava verlegt. Wir waren mit politischen Häftlingen in einer Zelle, insgesamt zwölf Mann. Ausgestattet war die Zelle mit einem 50 Liter großen Fass ohne Henkel, das als Toilette diente. Zwei Mann mussten das Fass jeden Morgen hinaustragen und leeren. Täglich standen uns 20 Liter Wasser zur Verfügung: zum Trinken und zum Kleiderwa-

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schen. Jeder Häftling war einmal in zwei Wochen an der Reihe, ein paar Kleidungsstücke zu waschen. Zu mehr reichten Wasser und Seife nicht. Das Essen war karg. Wir zwölf bekamen täglich einen Laib Brot, den wir penibel in ebenso viele Stücke schnitten. Einmal am Tag gab es Maisbrei und Suppe. Wir waren ständig hungrig. Unsere Nasen wurden allmählich spitz. Hans Rieder war der einzige, der ab und an den Fraß verweigert hat. Doch das hat niemanden gekümmert. In Jilava blieben wir sechs Monate, bis zur Urteilsverkündung. Das schlimmste in der ganzen Zeit war die Untätigkeit. Zu lesen gab es lediglich kommunistische Propagandaliteratur. Das Gericht hat mich nach dem alten Gesetz zu vier Jahren und Schlopp und Hans zu je drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die erhoffte und angekündigte Amnestie war noch nicht in Kraft. Nach der Urteilsverkündung wurden wir nach Straßburg am Mieresch in Siebenbürgen verlegt, in eine Zelle für vier Mann, die kaum Platz zum Stehen bot. Schlopp und ich wurden in die Produktion von Sparherden eingegliedert; unsere Aufgabe war, Backröhren herzustellen. Ich stanzte den ganzen Tag, Schlopp hämmerte. Wir schafften an die 200 Backröhren am Tag. Die Überproduktion wurde uns gutgeschrieben und sollte uns helfen, frühzeitig entlassen zu werden. Es war eine sehr schwere Arbeit. Lebensmittel, die wir von zu Hause in Paketen erhalten haben, konnten unseren Hunger stillen. Monatlich durfte jeder Häftling ein 10 Kilogramm schweres Paket mit Lebensmitteln und Zigaretten entgegennehmen. Mit Zigaretten konnte der Häftling alles kaufen. Grenzgänger sind 1968 noch nicht unter das Amnestiegesetz gefallen, haben wir eines Tages erfahren. Doch unser Prozess wurde auf Antrag neu aufgerollt; wir wurden nach dem neuen Gesetz zu je einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach einem Jahr waren wir frei: Am 9. Mai 1968 waren wir in Rekasch in die Autos gestiegen, am 14. Mai 1969 war ich zu Hause in Hodon auf dem Geburtstag meiner Mutter, mit einjähriger Verspätung. Mein Vater, dem ich nach der Entlassung bei der Arbeit auf dem Feld half, hat sich gewundert, wie viel Kraft ich inzwischen hatte. Die schwere Arbeit im Gefängnis hatte meine Muskeln gestärkt. Die Gefängniszeit hat uns nicht nur zusätzliche Kraft gebracht, wir haben sie auch zum Lernen genutzt. Ich habe Englisch gelernt, denn in der Zelle mit uns saß ein Englischlehrer, der über Jugoslawien in die Freiheit zu flüchten versucht hatte. Die Fluchtgeschichte des Lehrers: Er hat den Rhythmus des Grenzerwechsels bei Turnu Severin an der Donau studiert und sich mit einem Fahrrad auf die Flucht begeben, das er mit zusätzlichen Schläuchen versehen und auf ein Strandkissen gebunden hatte, so dass es schwamm. Damit hat er das serbische Ufer erreicht. Weil die deutsche Botschaft in Belgrad ihn abgewiesen hatte, hat sich der behinderte Lehrer, er hinkte, mit dem Fahrrad auf nach Dubrovnik aufgemacht. Er hat sich in der Ankerluke eines israelischen Schiffes versteckt und

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hatte Glück, dass der Anker nicht bewegt wurde. Als er sich beim Kapitän gemeldet hatte, hat der ihn dem noch an Bord befindlichen jugoslawischen Grenzschutz ausgeliefert mit der Begründung, er sei noch in jugoslawischen Hoheitsgewässern. Danach hat alles seinen gewohnte Gang genommen: Die Jugoslawen haben ihn an Rumänien ausgeliefert. Nach der Verurteilung hat er uns im Gefängnis getroffen. Bei der Entlassung habe ich festgestellt: Ein Häftling versucht vergebens zu verbergen, dass er aus dem Gefängnis kommt, denn man sieht es ihm immer an. Der Weg aus dem Gefängnis hat mich direkt in eine Gaststätte geführt. Nach dem Essen, als der Kellner abräumen wollte, habe ich den Löffel vom Teller genommen. Das hat mich verraten. In den rumänischen Gefängnissen war nichts wertvoller als der Löffel. War der einmal weg, hat der Häftling so rasch keinen neuen mehr bekommen. Deshalb der rasche Griff danach. Im Zug habe ich eine junge Frau getroffen, die mich auszufragen begonnen hat. Doch alles Ausweichen hat nicht geholfen, sie hat schließlich direkt nach der Dauer meiner Haft gefragt. Beim Friseur ist es mir ähnlich ergangen. Nach der Entlassung ist Hans Rieder wieder Musiker in der Philharmonie geworden. Während des Aufenthalts im Gefängnis wurde sein Sohn geboren. Auch Schlopp hat wieder Arbeit gefunden. Ich habe eine neue Stelle in einem Entwurfsinstitut für Werktransport-Maschinen angetreten. In der neuen Firma habe ich die Offensive gesucht. Bei einem Bier habe ich meinem Chef meine Vergangenheit erklärt. Da er auch Parteisekretär im Betrieb war, hat er meine Geschichte schon gekannt und wollte lediglich wissen, ob ich es noch einmal versuchen wollte. Weil ich seine Frage glaubhaft verneint habe, hat sich zwischen ihm und mir ein entspanntes Verhältnis angebahnt. Ich habe jetzt einen anderen Weg eingeschlagen. Meine Cousine war auf dem Weg der Familienzusammenführung nach Deutschland gelangt, ihr Vater war nach dem Krieg aus Angst vor den Kommunisten nicht mehr heimgekehrt. Der Cousine und deren Mutter sind unsere gemeinsamen Großeltern gefolgt. Ich hatte mich, um rascher nach Deutschland zu kommen, scheiden lassen. 1974 bin ich legal mit meinen Eltern ausgereist. Inzwischen weiß ich, dass es ein Fehler war, mich scheiden zu lassen, meine Frau hätte zusammen mit mir den Pass bekommen. Jetzt galt es, diese Scharte auszuwetzen. Therese, meine auf dem Papier von mir geschiedene Frau, und ich haben offiziell bei den rumänischen Behörden einen Heiratsantrag gestellt. Wir haben erneut geheiratet, und meine Frau war am 16. September 1976 bei mir in Deutschland. Meine Fluchtgeschichte hat eigentlich schon im Krieg begonnen. Ich habe erlebt, wie der Vater eingezogen wurde und was Angst bedeutet. Ich habe nachgefragt, was Vater im Krieg macht und wer die Russen sind. Und Großvater hat mir gesagt, „hoffentlich musst du nicht in den Krieg“. Als Siebenjähriger habe ich gesehen, wie meine Landsleute im Januar 1945 in die Viehwaggons verladen und in die Arbeitslager nach Russland verschleppt wurden. Meine Mutter

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hat dazugehört, es war nach dem Einmarsch de Russen. Der Vater war noch im Krieg. Mein Bruder, erst fünf Jahre alt, und die Schwester, sie war noch keine zwei, blieben bei den Großeltern. Es war eine Zeit, in der die Alten für die Kinder sorgen mussten. Wir Kinder waren uns den ganzen Tag allein überlassen, wir kamen abends nach Hause, weil wir hungrig waren. Dem von der Arbeit müden Großvater blieb kaum Zeit für uns. Er sagte meist nur, wir sollten die Füße waschen und ins Bett gehen. Vater ist noch 1945 nach Hause gekommen. Er führte uns Kinder wieder an der kurzen Leine. Als Schüler habe ich die Schulreformen erlebt, die Experimente der Kommunisten. Die Technische Mittelschule, an der ich eingeschrieben war, wurde in eine Berufsschule umgewandelt, mit dem Ergebnis, dass die Schüler zum Schluss statt eines Abiturzeugnisses einen Gesellenbrief erhielten. Doch der Gesellenbrief hat uns kaum etwas genutzt, denn wir hatten keine praktischen Kenntnisse erworben in dem Beruf, den wir entsprechend dem Zeugnis angeblich erlernt hatten. Ich war angeblich Elektriker. Meine Arbeit war, auf Baustellen Löcher für Hochspannungsmasten zu graben. Bei dieser schweren Arbeit erinnerte ich mich der Worte meines Lehrers Dr. Hans Weresch: „Mager, mach das Abitur“. Ich habe mich am Abendgymnasium eingeschreiben, 1958 hatte ich das Abiturzeugnis in der Tasche und habe Maschinenbau zu studieren begonnen. Tagsüber haben ich Kalk, Zement und Kohle verkauft, um mich über Wasser halten zu können. 1961 habe ich den ersten Flug des Russen Juri Gagarin ins Weltall erlebt. Ich war der Meinung, als Ingenieur auch im Kommunismus etwas bewegen zu können. Aber zwischendurch überkamen mich immer wieder Zweifel, denn die Mängel des Systems waren nicht zu übersehen. Die ersten Ausreisegedanken haben zu keimen begonnen. Als Ingenieur war ich auf viele Baustellen in ganz Rumänien tätig. 1966 bin ich nach Temeswar zurückgekehrt, habe den Maschinenbauingenieur Johann Schlopp Wagner kennengelernt. Die kommunistische Mangelwirtschaft verfolgte mich auf Schritt und Tritt. Ich musste mit weiteren zwei Kollegen eine Betriebswohnung teilen. Ich habe über die Firma immer wieder ausländische Kollegen kennengelernt und bin immer mehr ins Grübeln gekommen. Und dann ist der Tag gekommen, an dem Hans Rieder von dem erzählt hat, was Peter Rieß bei einem Glas Bier hatte fallen lassen: „Wer in eines der Autos auf dem Temeswarer Bahnhof einsteigt, der kann in Istanbul aussteigen.“ Es hätte tatsächlich so kommen können, wenn die rumänische und bulgarische Eisenbahn rascher gearbeitet hätten. Hans Rieder konnte sich den Wunsch, in Freiheit zu leben, nicht erfüllen. Er ist 1970 in Temeswar gestorben. Johann Schlopp Wagner, am 17. Januar 1940 in Sackelhausen bei Temeswar geboren, hat einen weiteren Fluchtversuch im April 1971 gewagt. Schlopp ist zusammen mit Horst Zdiarsky, geboren am 1. Juni 1942 in Bogarosch, bei Neumoldowa über die Donau geschwommen, die

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in jenen Frühjahrstagen Hochwasser geführt hat. Die Fluten haben die beiden Schwimmer auseinandergebracht; doch im serbischen Gefängnis haben sie sich wieder getroffen. Sie wollten den Serben weismachen, sie wären Bundesbürger. Die jugoslawischen Behörden haben in den beiden aber DDR-Bürger gesehen und haben sie nach Ungarn abgeschoben. Als die Ungarn sie den DDRBehörden übergeben wollten, hat Zdiarsky die Wahrheit gesagt. Die Ungarn haben Schlopp und Zdiarsky den rumänischen Behörden ausgeliefert. Schlopp wurde zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, Zdiarsky zu einigen Monate weniger. Sie mussten die Strafe in Karansebesch und Gherla absitzen und auf Baustellen arbeiten. Schlopps Strafmaß wurde nach einem Revisionsverfahren reduziert, weil er vor dem Prozess die Anklageschrift nicht einsehen durfte. Am 12. Oktober 1972 wurde Wagner aus der Haft entlassen. Im Oktober 1974 durfte er schließlich legal mit seiner Frau ausreisen. Er hat sich in Augsburg niedergelassen. Seit der Entlassung aus dem Gefängnis quälte Wagner ein Nierenleiden. Kaum in Deutschland angekommen, wurde er Dialysepatient. Trotz einer Nierentransplantation ist er früh am 2. September 2005 gestorben. Zdiarsky ist nach weiteren vergeblichen Versuchen 1978 die Flucht gelungen. Mit einem Freund und dessen Frau haben sie bei Neumoldowa ein Boot zu Wasser gelassen. Dieses Mal hat ein Bekannter sie am serbischen Donauufer mit dem Auto abgeholt und nach Belgrad zur deutschen Botschaft gebracht. Zdiarsky hat sich in Deutschland als Elektroingenieur selbstständig gemacht. Seit Herbst 2007 ist er Rentner. In Temeswar hat er in der Firma Eletrotimiş gearbeitet. Reinhold Mager hat in Deutschland den Beruf gewechselt: Er ist bei einer Firma als Programmierer eingestiegen und hat seinen Weg als Computerspezialist gemacht. Heute lebt er als Rentner in Köln.

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Das Versteck unter dem Bus Von Aurel Constantin Ritter von Onciul Ich habe lange überlegt, wie ich meine Flucht aus Rumänien beschreiben soll. Die Flucht ist zweifellos spektakulär, und es wird mir ein Vergnügen sein, sie zu beschreiben. Ich befürchte jedoch, dass sie als die Tat eines abenteuerlustigen Mannes interpretiert werden könnte. Nein, ich wollte bestimmt keine Heldentat begehen, aus reiner Lust etwas Außergewöhnliches tun. Nein, meine Flucht erfolgte aus Verzweiflung, ich konnte einfach die grausame Diktatur, die in meiner Heimat herrschte, nicht mehr ertragen. Der Gedanke, zu fliehen, kam mir, als sich die kommunistische Diktatur zu etablieren begonnen hat. Das war gleich nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen im Jahr Aurel Constantin Ritter von Onciul 1944. Die bedingungslose Unterwerfung der Rumänen, die nun auf der andern Seite der Front den Kampf weiterführten, nützte ihnen gar nichts. Sie konnten dadurch einer grausamen Unterdrückung nicht entgehen. Die Sowjets bemächtigten sich aller Güter Rumäniens, und es setzte eine Ausbeutung ein, wie es sie noch nie gegeben hat. Kommunistische Agenten wurden aus der Sowjetunion eingeführt und als Herrscher des Landes eingesetzt. Nach einer kurzen Periode des Übergangs wurde der König verjagt. 1948 wurden die großen Umwälzungen eingeleitet: Das Land wurde bolschewisiert. Das geschah mit größter Brutalität. Die Menschen wurden enteignet, eingesperrt und gefoltert. Die untersten Schichten der Bevölkerung gelangten an die Macht und gingen skrupellos ans Werk. Täglich wurden Menschen verhaftet und deportiert. Die Geheimpolizei Securitate wütete im Land. Die Zuchthäuser waren überfüllt; für die Isolierung der sogenannten Klassenfeinde wurden Straf- und Konzentrationslager nach stalinistischem Muster eingerichtet. Sträflinge mussten Sklavenarbeit verrichten: an einem nie fertiggestellten Kanal, der die Donau mit dem Schwarzen Meer verbinden sollte, beim Bau von Dämmen wie in Vlădeni, bei der Schilfernte im Straflager von Periprava im Donaudelta. Es waren im Grunde genommen Exterminierungslager, wo die angeblichen Klassenfeinde vernichtet werden sollten. Ein offener Kampf wurde ausgerufen gegen alle, die mit dem alten Regime

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etwas zu tun hatten, aber auch gegen alle, die etwas Vermögen hatten. Die untersten Schichten, Analphabeten, Dummköpfe, erhielten hohe Stellungen - sie sollten die kommunistische Revolution verwirklichen. Die neuen politischen Führungskräfte waren entweder in der Sowjetunion ausgebildete und jetzt eingeschleuste Kommunisten oder das sogenannte Proletariat, unterstützt von der Geheimpolizei. Grundbesitz, Betriebe und Immobilien wurden enteignet. Es brach eine Terrorwelle aus, die das Ziel hatte, allen Angst und Schrecken einzujagen und sie gefügig zu machen. Die sogenannte Diktatur des Proletariats war im Grunde genommen der Terror der untersten Schicht der Bevölkerung. Die neuen Machthaber, ungeschult und dumm, konnten nichts anderes, als das Land in den Ruin treiben. Unauffällig versuchten die eingeschüchterten Menschen, dem Terror zu entgehen. Halbe Dörfer wurden deportiert; die Menschen wurden aus ihren Häusern geholt und in die Donautiefebene, rumänisch als Bărăgan bekannt, unter freiem Himmel ausgesetzt, wo sie sich Lehmhütten errichten mussten. Wir, die noch zu Hause bleiben durften, rechneten täglich mit gleichem. Wir lebten in Angst und waren gezwungen, dem „wunderbaren“ kommunistischen System und den „großartigen“ Sowjetmenschen zu huldigen. Ich hatte eine riesige Wut, die ich nur mit Mühe verbergen konnte. In einer solchen Gesellschaft konnte ein jeder anständige Mensch nur ein Ziel verfolgen: die Flucht in die Freiheit. Doch dagegen sicherten die Mächtigen die Landesgrenzen, dass kaum einer sie noch überwinden konnte. Stacheldraht, Zäune, Gräben, verminte Streifen und Wachtürme machten sie undurchdringlich. Die Grenzsoldaten, die dem Geheimdienst Securitate unterstellt waren, hatten den Befehl, rücksichtslos auf Fliehende zu schießen. Rumänien wurde in ein Gefängnis verwandelt. Vergeblich hatten wir auf den Einmarsch der Amerikaner gehofft, von der Aufteilung Europas in Einflusssphären hatten wir damals noch keine Ahnung. All das ließ einen nur noch von Flucht träumen. Auch mir erging es nicht anders. Stalins Nase Der Fluchtgedanke verfolgte mich, sobald ich die Technische Hochschule in Temeswar beendet hatte. Eigentlich wollte ich Diplomat werden wie mein älterer Stiefbruder: Radu Flondor war Botschafter in Tokio. Die Kommunisten haben ihn kurzerhand eingesperrt. Nach Jahren wurde er als kranker Mann aus der Haft entlassen, kurz darauf ist er gestorben. Weil die Diplomatie für mich nicht mehr in Frage kommen konnte, habe ich den Beruf des Bauingenieurs gewählt, ihn aber ohne Liebe, jedoch mit Erfolg ausgeübt. Während des Studiums verlor ich einmal die Beherrschung und tat „etwas Fürchterliches“. Am Eingang des Temeswarer Polytechnikums, der Ingenieur-

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Hochschule, befand sich eine übergroße Büste „unseres geliebten Stalin“, den wir zu verehren gezwungen waren. Ich hatte im Geologie-Laboratorium gearbeitet bis spät am Abend. Mit der Tasche voller Steine wollte ich nach Hause gehen. Es war niemand unterwegs zu der späten Nachtstunde. Ich ging an der Gipsbüste Stalins vorbei. Er lächelte mir ironisch zu, und mich überfiel eine furchtbare Wut. Da beging ich „ein furchtbares Verbrechen“. Ich nahm einen Stein aus meiner Tasche und schlug Stalins Nase ab. Da stand nun Stalin ohne Nase vor mir und sah recht komisch aus. Erst jetzt wurde ich mir meiner „Tat“ bewusst und bin über mein unkontrolliertes Verhalten erschrocken. Sollte ich als Täter ermittelt werden, stand mir eine Gefängnisstrafe von 20 Jahren bevor. Mein Leben wäre zerstört gewesen - sie hätten mich in ein Gefängnis für politische Feinde geworfen. Ich konnte in jener Nacht nicht einschlafen. Sollte die Securitate über den Anschlag auf Stalin unterrichtet werden, dann würde sie leicht herausbekommen, dass ich bis zum späten Abend im Labor gearbeitet hatte. Mein Herz klopfte wie verrückt, als ich am nächsten Tag die Hochschule betrat. Stalin war verschwunden, es herrschte Ruhe, und die Securitate tauchte nicht auf. Ich zerbrach mir den Kopf, was geschehen sein konnte. Wahrscheinlich hat der Hausmeister den nasenlosen Stalin einfach beseitigt, ohne Meldung zu erstatten. Wie soll ich meine Freude beschreiben, als auch nach Tagen keine Untersuchung stattfand: Dem klugen Mann, der Stalin entfernt hatte, bin ich noch heute zutiefst dankbar. Er hat mein Leben gerettet. Wer weiß, ob ich eine Haft von 20 Jahren überlebt hätte. Seit dieser Begebenheit war mir bewusst, auf welch dünnem Eis ich mich bewegte und wie leicht man ins Unglück stürzen kann. Ich habe mir vorgenommen, vorsichtiger zu sein, doch ich konnte mich nicht an meinen Vorsatz halten, und das sollte mir später zum Verhängnis werden: Ich musste vier volle Jahre im Gefängnis verbringen wegen einer Lappalie - einmal musste es kommen. Nach der Geschichte mit Stalins Nase habe ich den Entschluss gefasst, mich von dieser verfluchten Gesellschaft zu verabschieden. Ich brauchte 20 Jahre, ehe es mir gelungen ist, ihn in die Tat umzusetzen. Es waren 20 Jahre, in denen ich mich unaufhörlich mit dem Fluchtgedanken befasste. Das Leben war für mich ein Provisorium. Ich wollte keine Familie gründen, weil ich keine Frau den Risiken einer Flucht aussetzen wollte. Ich wollte kein Kind zeugen, das dann in dieser Gesellschaft aufwachsen sollte. Damals wusste ich noch nicht, dass es so lange dauern würde, bis ich meine Freiheit erzwingen werde. Das Vorhaben verfolgte mich unaufhörlich, und ich handelte dementsprechend. Ich suchte mir eine Stelle als Bauingenieur im Grenzgebiet zu Jugoslawien. So konnte ich bis in die Nähe der Grenze gelangen und mich von einem überzeugen: Diese Grenze war so gut gesichert, dass eine Überschreitung in den

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1950er Jahren mit ganz großen Risiken verbunden, ja fast unmöglich war. Ein zweieinhalb Meter hoher Stacheldrahtzaun sicherte lückenlos die Grenze. Davor war ein verminter Streifen, dahinter ein mit Rechen geebneter Streifen, auf dem jede Spur zu erkennen war. Hohe Wachtürme waren so aufgestellt, dass der bewaffnete Wachposten die Übersicht so weit hatte, wie das Blickfeld des nächsten Wachpostens reichte. Die Grenzzone war etwa 50 Kilometer breit. Nur Einheimische und solche mit einem speziellen Ausweis durften sie problemlos betreten. Eine Flucht hätte eventuell durch den Fluss Temesch gelingen können. Bei Regenzeit war der Pegel viel höher als bei Trockenzeit. So hätte man bei hohem Wasserstand als Taucher die Grenze überschreiten können. Ich habe es nicht gewagt, das Risiko war viel zu groß. Beim kommunistisch geprägten Jugendfestival 1953 in Bukarest hatte ich gehofft, mit der Jugend aus dem Westen auf ihrer Rückreise mich durchschmuggeln zu können, doch es ergab sich keine Möglichkeit. So vergingen die Jahre. Die Sperranlangen an der Grenze wurden mit der Besserung des Verhältnisses zu Jugoslawien abgebaut, doch es bestand noch immer die Gefahr, erwischt zu werden und möglicherweise das Leben zu verlieren. Inzwischen besserte sich die Lage in Rumänien leicht. In den 1960er Jahren keimte die Hoffnung, dass sich die Situation entspannen könnte. Die Menschen erwarteten einen Kommunismus mit menschlichem Antlitz, losgelöst von der Sowjetunion. Diese Hoffnung wurde durch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei am 23. August 1968 vereitelt. Damit verlor auch ich die letzte Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte. Für mich gab es nun keine andere Lösung mehr. Ich war fest dazu entschlossen, es zu versuchen. Ich wollte weg, einfach nur weg. Dieser Gedanke setzte sich in meinem Gehirn fest. Ich ging auf Bahnhöfe und erkundete die Güterwagen, die fürs Ausland beladen wurden. Ich suchte nach einer Möglichkeit, hineinzuschlüpfen, notfalls durch ein Loch im Boden. In den Personenwagen entdeckte ich die doppelte Decke oberhalb des Ganges. Es war kinderleicht, an den Enden hineinzukriechen, aber es war genau so einfach, entdeckt zu werden. Meine Recherchen führten mich schließlich zu einem Bus. Es war ein jugoslawischer, der jeden zweiten Tag zwischen Neusatz und Temeswar verkehrte. Die jugoslawischen Fahrer übernachteten in Temeswar, um am nächsten Tag in aller Früh zurück nach Neusatz zu fahren. Der serbische Bus wechselte sich mit einem rumänischen ab. Der Weg führte über den Grenzpunkt StamoraMorawitz, Pantschowa nach Neusatz. Der serbische Bus weckte meine Aufmerksamkeit. Die Fahrer dieses Busses übernachteten in einem Privathaus an der Straße 7. November Nummer 11. Jeden zweiten Tag im Morgengrauen fuhr er los, um die ersten Fahrgäste in der Endstation am Temeswarer Hauptbahnhof aufzunehmen. Um 6 Uhr war Ab-

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fahrt, um 14 Uhr Ankunft in Neusatz. Die Straße 7. November mündete in den Küttelplatz und endete am Bega-Kanal an der unvollendeten Metallbrücke, die nur von Fußgängern benutzt werden konnte. Deshalb gab es wenig Verkehr auf dieser Straße. An dem Bus fielen mir mehrere Details auf, die sich für eine Flucht eigneten. Es gab zwei Gepäckräume unter dem Busboden. Beide waren seitlich eingebaut. Zwischen den beiden musste, so meine Schlussfolgerung, eine Lücke sein. Ferner stellte ich fest, dass der Motor des Busses im Heck eingebaut war, so dass keine Kardanachse und kein Auspuff die Lücke zwischen den beiden Gepäckräumen versperren konnten. Diese Beobachtungen machte ich am frühen Morgen am Busbahnhof, als die Leute einstiegen und die Klappen der beiden Gepäckräume geöffnet waren. Meine Vermutungen sollten sich als richtig erweisen. In einer Nacht des Winters 1968/69 goss ich Schnaps über meine Kleidung und gurgelte auch damit. Ich wollte den Betrunkenen mimen, falls mich jemand bei meiner Inspektion unter dem Bus ertappen sollte. Mit Taschenlampe, Metermaß, Papier und Schreibzeug machte ich mich mitten in der Nacht auf den Weg zum geparkten Bus. Ich kroch unter den Bus und stellte fest, dass zwischen den Gepäckräumen auf der gesamten Buslänge eine Lücke war, die unten mit einem im Zickzack verlaufenden Metallträger aus Streben und Winkelstahl abgeschlossen war. Der Träger war 73 Zentimeter breit. Vom Träger bis zum Blechfußboden des Busses waren es 42 Zentimeter. Auf dem Träger ruhte im Heck, geschützt durch ein Blech, der Motor. Zwischen den im Zickzack verlaufenden Streben konnte ein Mann durchschlüpfen und sich auf mitgebrachte Bretter legen. Niemand hat mich gestört, ich konnte meine Arbeit in Ruhe vollenden. Das war die Erkenntnis, die ich mit nach Hause genommen habe. Um das Vorhaben verwirklichen zu können, brauchte ich zwei 73 Zentimeter lange Bretter. Ich hatte festgestellt, dass ein Mensch in dem Raum auf dem Bauch liegen kann, wenn er drei Stützpunkte hat: in Höhe der Schultern, am Steißbein und an den Füßen. Als Stütze für die Füße konnte das Blech dienen, auf dem der Motor befestigt war. Die beiden anderen Stützpunkte waren die Bretter, die ich mir besorgen musste. Die Phase der Fluchtvorbereitung hatte begonnen. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen, um einen Misserfolg zu vermeiden. In erster Linie wollte ich, dass meine Mutter zu ihrer Schwester zu Besuch nach Nürnberg fährt und nicht mehr nach Rumänien zurückkehrt. Als sie tatsächlich nach Deutschland abreisen durfte, sagte ich ihr eindringlich, dass sie bleiben sollte, denn ich werde alles daran setzen, um ihr zu folgen. Bevor ich die Flucht mit dem Bus wagte, beantragte ich einen Pass, um nach Bulgarien zu reisen. Von dort hoffte ich, mich in die Türkei absetzen zu können. Doch mein Antrag wurde abgelehnt. Jetzt konzentrierte ich mich wieder voll auf die Fluchtpläne über Serbien. Ich musste noch einiges in Erfahrung bringen;

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zum Beispiel, ob die Grenzer in Stamora-Morawitz mit Spiegeln unter die Busse sehen, wie es an der innerdeutschen Grenze üblich war. Ferner, ob Spürhunde eingesetzt werden. Weil von dem Versteck unter dem aus Bus nichts beobachtet werden konnte, wollte ich einen Spiegel mitnehmen, mit dem ich bei ausgestrecktem Arm sehen konnte, was rund um den Bus vor sich ging. Dann war für mich wichtig, zu wissen, welche Strafe mich erwartet, falls sie mich entdecken sollten. Mein Leben wollte ich nicht aufs Spiel setzen, ich sagte mir: Lieber lebend im Osten als tot im Westen. Unter dem Bus konnte ich eigentlich nicht erschossen werden, denn sollten sie mich erwischen, dann brauchten sie nicht zu schießen, denn sie haben mich schließlich gefasst. Ich fragte einen befreundeten Rechtsanwalt, was mir bevorsteht, wenn ich ertappt werde. Illegaler Grenzübertritt wurde Ende der 1960er Jahre mit Gefängnis von einem Jahr bis zu drei Jahren bestraft. Für den Fluchtversuch gab es nur die Hälfte. Ich rechnete mir also eine Strafe von sechs Monaten aus, denn entdeckten sie mich unter dem Bus, hätte ich die Grenze noch nicht überschritten. Die sechs Monate wollte ich in Kauf nehmen. Doch ich griff noch zum letzten Mittel, um legal wegzukommen. Ich telefonierte meiner Mutter nach Deutschland; sie sollte mir ein Telegramm schicken mit der Mitteilung, dass sie schwer erkrankt wäre und ich rasch zu ihr kommen sollte. Ich beantragte einen Reisepass, obwohl ich wusste, dass mein Antrag abgelehnt wird. Aber ich merkte mir den Namen des Hauptmanns, dem ich den Antrag überreicht hatte. Der hätte bei einem eventuellen Prozess bezeugen sollen, dass ich einen Pass beantragt hatte. Ich wollte beweisen, dass die Flucht nicht aus politischen, sondern aus familiären Gründen erfolgt sei, damit das Strafmaß nicht höher als sechs Monate ausfällt. Ich wusste außerdem von meinem Freund, dem Rechtsanwalt, dass ich kein ausländisches Geld bei mir haben durfte, denn dafür gab es bis zu fünf Jahre Zuchthaus. Deshalb entschied ich, lediglich einen 50-Dinar-Schein greifbar in die Hemdtasche zu stecken, um ihn im Fall, dass ich erwischt werde, sofort verschlucken zu können. Noch ein Problem baute sich vor mir auf: Wie werde ich, total verdreckt, mein Versteck unter dem Bus in Jugoslawien bei Tageslicht in einer Stadt verlassen? Ich hoffte, der Bus werde irgendwo außerhalb der Stadt auf offener Straße halten, damit ich dann aussteigen kann. Ich beabsichtigte, in ein Feld zu laufen. Wenn mich jemand verfolgen sollte, wäre ich als ehemaliger Rugby-Spieler schneller und könnte entkommen, so meine Überlegungen. Ich hatte in Pantschowa einen Freund: Costică Bocşan. Dieser sollte dem Bus mit seinem Auto folgen, bei einer günstigen Gelegenheit, wenn der Bus hält, nahe heranfahren, damit ich unbemerkt aus meinem Versteck hervorkriechen kann. Diese Methode schien mir sehr unvollkommen, aber mir fiel nichts anderes ein.

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Prinz Charles auf der Durchreise Aber es war noch nicht soweit. Ich musste erst noch an den Grenzübergang gelangen, um festzustellen, wie der Bus kontrolliert wird. Der Zufall und der englische Thronfolger Prinz Charles halfen mir dabei. Eines Nachmittags nahm ich in meinem Büro bei der regionalen Sportorganisationsbehörde einen Anruf aus Bukarest entgegen. Mir wurde mitgeteilt, dass noch am selben Tag Prinz Charles die Grenze bei Stamora-Morawitz überschreiten werde, um in den rumänischen Wintersportort Sinaia zu fahren und an einem Bobrennen teilzunehmen. Jemand aus der Sportbehörde sollte zum Empfang nach StamoraMorawitz fahren. Es war allerdings schon zu spät, um noch rechtzeitig an den Grenzübergang zu gelangen und den Prinzen willkommen zu heißen. Ich gab die Nachricht aus Bukarest nicht an meine Vorgesetzten weiter und fuhr am nächsten Morgen mit dem Bus, mit dem ich in die Freiheit gelangen wollte, zum Grenzübergang. Dort erklärte ich den Zöllnern, ich sei gesandt, um den Prinzen im Namen der Sportbehörde zu begrüßen. Man sagte mir, was ich schon wusste: Der Prinz sei längst in Sinaia. Ich gab vor, dass es mir sehr leid täte, den Prinzen nicht begrüßen zu können und konzentrierte mich auf das, was rund um den Bus geschah. Ich stellte fest: Es gab keine Spiegel und keine Hunde. Unter dem Bus wurde nicht kontrolliert. Die Zöllner und Grenzer waren sehr nett zu mir, und ich überlegte mir, ob sie es auch sein würden, wenn sie mich unter dem Bus erwischten. Sie brachten mich sogar in ihrem Auto zur Bushaltestelle im Ort, wo ich die Rückreise nach Temeswar antrat. Nun war alles vorbereitet. Die zwei Bretter, die ich brauchte, standen bereit, den 50-Dinar-Schein hatte ich auch, und der Rasierspiegel lag bereit. Ich lud meinen Bruder aus Bukarest ein, und wir stießen auf ein gutes Gelingen des bevorstehenden Abenteuers an. Um 2 Uhr ging ich in Begleitung meines Bruders zum Bus. Ich hatte mich dick angezogen, der Februar 1969 war kalt. Mein Bruder stand Schmiere, ich lag unter dem Bus, da waren Schritte zu hören. Ich bekam sogleich die Stiefel eines Polizisten zu sehen, der seine Runde drehte. Ich blieb still liegen, bis sich die Schritte entfernt hatten. Ich versuchte, auf den Träger unter dem Bus kriechen. Doch ich stellte fest, dass ich zu dick angezogen war und nicht durch die Lücke zwischen den Streben passte. Der erste Fluchtversuch war gescheitert. Ich kroch unter dem Bus hervor und ging mit meinem Bruder nach Hause. Mein Freund in Jugoslawien wartete vergebens auf mich. Er suchte sogar die Straße bis zur Grenze ab, um sicher zu sein, dass ich nicht auf der Fahrt verlorengegangen und möglicherweise tot bin. Ich war munter, aber noch immer in Rumänien. Nach diesem Misserfolg hatte ich den Mut verloren. Die Zeit verstrich. Meine Mutter musste sich entscheiden,

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ob sie in Deutschland bleibt oder zurückkommt. Ich erhielt die Nachricht, dass sie am 2. März 1969 die Heimreise antreten werde. Am Abend des 28. Februar hatte ich Unterricht in der Meisterschule, an der ich als Lehrer mit einer halben Norm tätig war. Der Unterricht war um 22 Uhr zu Ende. Auf dem Heimweg sah ich den geparkten jugoslawischen Bus. Es war der letzte Bus, der mich in die Freiheit bringen konnte, wollte ich meine Mutter noch in Deutschland erreichen. Zu Hause angekommen, legte ich mich ins Bett; ich konnte mich aber noch immer nicht dazu durchringen, mich in mein Versteck unter dem Bus zu begeben. Ich konnte nicht einschlafen. Einerseits tat es mir leid, einen so guten Fluchtplan fallen zu lassen, andererseits hatte ich Angst. „Ja, nein, ja, nein“, so ging es mir dauernd durch den Kopf. Ich stellte den Wecker jedenfalls auf 2 Uhr ein. Als er läutete, drehte ich mich im Bett um, um weiter zu schlafen. Für den Augenblick hatte das Nein gesiegt. Ich fand jedoch keine Ruhe. Das Ja meldete sich zurück, mit aller Härte. Als Kompromiss zog ich mich an, um zum Bus zu gehen. An Ort und Stelle wollte ich dann entscheiden, ob ich mitfahre. Ich zog mich dieses Mal „vernünftig“ an: meinen besten Anzug und darüber einen Trainingsanzug. Ich nahm meine Skimütze und steckte in die Tasche der Trainingsjacke eine Baskenmütze und ein Taschentuch. Als letzten Schutz streifte ich einen Skianzug aus Plastik über. Mit den beiden Brettern unter dem Arm ging ich zum Bus. Ich stand eine ganze Weile unentschlossen davor. Schließlich siegte das Nein, und ich machte mich auf den Heimweg. Auf dem Platz an der Maria angelangt, änderte ich meine Meinung. Ich sagte mir: „Du hast diese Flucht so gut vorbereitet; monatelang hast du diesen Plan bis zur Perfektion ausgearbeitet. Jetzt willst du darauf verzichten? Ein Leben lang wirst du diesen Entschluss bereuen. Wenn sie dich erwischen, wirst du höchstens ein Jahr im Gefängnis sitzen. Das ist um vieles leichter zu ertragen, als das Bedauern ein Leben lang mit dir umherzuschleppen.“ Die Vernunft hat schließlich gesiegt. Ich ging an eine Mauer, um Wasser zu lassen, und kehrte zurück zum Bus und kroch darunter. Dieses Mal war ich nicht zu dick angezogen, ich passte durch die Lücke zwischen den Streben. Ich legte mich mit dem Bauch auf die beiden Bretter und stützte die Füße auf das Blech hinter dem Motor. Ein Brett lag unter meinem Bauch, das zweite auf Armhöhe. Es war fast bequem, so zu liegen. Ich konnte jedenfalls nicht aus diesem Versteck herausfallen. Ich dachte noch einmal, dass es leicht sei, alles wieder rückgängig zu machen. Aber den Gedanken hatte ich genau so schnell verdrängt, wie er mir gekommen war. Es dauerte nicht lange, und ich hörte immer mehr Schritte auf dem Trottoire. Die ersten Frühaufsteher gingen zur Arbeit. Und als immer mehr Menschen die Straße entlanggingen, kamen auch die beiden serbischen Fahrer. Sie stiegen in den Bus; ich hörte jeden Schritt, den sie auf dem Blechboden machten. Jetzt gab es kein Zurück mehr, ohne entdeckt zu werden. Das Abenteuer konnte begin-

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nen. Der Motor wurde angelassen, der Bus setzte sich in Bewegung. Als er abbog in Richtung Bahnhof, zog ich den Spiegel und nahm im Morgengrauen Abschied von Temeswar. Ich dachte, dass es lange dauern wird, bis ich wieder hierher kommen kann. Am Bahnhof war es laut. Die Fahrgäste stiegen ein, und auf dem dünnen Blechboden waren die Schritte laut. Dann ging es schließlich weiter über Schag, Detta an den Grenzübergang bei Stamora-Morawitz. Bis dahin verfolgte ich die Umgebung mit dem Spiegel. Doch jetzt wurde es ernst. Der Bus durchfuhr einen Graben mit einer Desinfektionsflüssigkeit. Jetzt musste er unmittelbar vor dem Grenzübergang stehen. Ich legte mich vorsichtig auf die Seite, jedes Geräusch vermeidend. Die Fahrgäste mussten aussteigen. Der Fußboden des Busses verursachte wieder furchtbare Geräusche. Dann kehrte Ruhe ein - eine unheimliche Ruhe. Die Zollbeamten begannen den Bus zu durchsuchen. Ich hörte sie deutlich sprechen und hielt den Atem an. Nach der Kontrolle wieder die Geräusche, ausgelöst von den Tritten der Fahrgäste. Schließlich startete der Fahrer den Motor, der Bus rollte ein paar hundert Meter, dann hörte ich Leute serbisch sprechen. Ich war in Jugoslawien. Ich wunderte mich, wie leicht es doch sein kann, eine Grenze zu passieren. Jetzt war die Angst verflogen, doch ich hielt mich zurück und vermied es, die Hand mit dem Spiegel auszustrecken. Bis Werschetz wollte ich in meinem Versteck bleiben und die Grenzzone verlassen, um nicht ertappt zu werden; die Serben lieferten Flüchtlinge den Rumänen aus. In Werschetz zeigte mir mein Spiegel, dass der Bus in der Stadtmitte hielt. Auf einer Bank an der Haltestelle saßen wartende Fahrgäste. Herauskriechen konnte ich nicht. Die Fahrt ging weiter in Richtung Pantschowa. Auf dem Weg wollte ich an einer Haltestelle mein Versteck verlassen. Das war so mit meinem Freund abgesprochen. Doch eben dort waren ein Dutzend Straßenbauer angerückt. Von Aussteigen konnte wieder keine Rede sein. Schließlich erreichten wir Pantschowa. Der Spiegel zeigte mir das gleiche Bild wie in Werschetz: eine Haltestelle mit vielen Menschen. In Belgrad war es nicht anders. Ich wusste, jetzt folgt eine lange Strecke bis Neusatz, wo wir um 14 Uhr eingetroffen sind. Der Bus hielt am Straßenrand, und alle Fahrgäste stiegen aus, auch die Fahrer. Sie gingen in ein etwa hundert Meter entferntes Haus, in dem die Verwaltung des Verkehrsbetriebs untergebracht war. Ich blieb allein zurück und wusste, dass ich mein Versteck verlassen musste, denn der Bus wird in eine Garage gefahren, und dann sitze ich in der Falle. Von meinem Freund Bocşan wusste ich, dass dort auch Hunde den Hof hüteten. Dann bot sich mir unverhofft die Gelegenheit, unter dem Bus hervorzukommen, als sich ein Großlastwagen näherte und zum Überholen des Busses ansetzte. Er sollte mir von dieser Seite Sichtschutz bieten. Auf der anderen Seite war ich von dem Bus verdeckt. Jetzt war es fast unmöglich, dass ich gesehen werde. Ich überlegte nicht lange und tauchte furchtbar dreckig zwischen Bus und Last-

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wagen auf. Zuerst riss ich die dreckige Skimütze vom Kopf und setzte die saubere Baskenmütze auf. Ich spuckte in mein Taschentuch und wischte mir den Dreck aus dem Gesicht. Dann zog ich die Skijacke aus und hing mir sie über den Arm. Ich schaute mich um: Keiner hatte mich beobachtet. Die Leute gingen gleichgültig an mir vorbei. Ich fühlte mich erleichtert und gelangte an einen Straßenbrunnen, wusch meine Schuhe und zog die dreckige Skihose aus. Jetzt sah ich wieder wie ein normaler Mensch aus, nicht elegant, aber wenigstens sauber. Der Neusatzer Bahnhof befand sich unmittelbar neben dem Busbahnhof. Er war mein nächstes Ziel, denn ich musste zurück nach Belgrad und von dort mit dem Bus nach Pantschowa, wo mein Freund wohnte. Gegen 15 Uhr bestieg ich einen Personenzug nach Belgrad. Auf Serbisch konnte ich soviel sagen: „Za Beograd, nach Belgrad“. Und während ich das sagte, reichte ich dem Kartenverkäufer die 50-Dinar-Note. Er gab mir meine Karte und ein Bündel Scheine, denn die Fahrt war sehr billig. Im Zug stellte ich mich schlafend, um nicht angesprochen zu werden. Die Busfahrt nach Pantschowa verlief ebenfalls reibungslos. Dort war ich schon guter Dinge. Eigentlich konnte mir nichts mehr passieren, dachte ich mir. Ich nahm ein Taxi und nannte die Anschrift von Costica Bocşan. Sie lautete Sime Čabraje 34. Der Taxifahrer sagte mir, ihm sei diese Straße unbekannt, doch ich sollte einsteigen. Er fuhr los und hielt beim ersten Verkehrspolizisten, um sich nach der Adresse zu erkundigen. Nachdem der ihm erklärt hatte, wie er dorthin gelangt, fragte er mich in schlechtem Deutsch, ob der Polizist mitfahren dürfe. Natürlich habe ich ihn mitgenommen. Er saß neben mir, aber meine Person interessierte ihn nicht. Ich sagte, ich sei aus der DDR und wolle meinen Freund besuchen. Der Polizist stieg bald aus, und der Taxifahrer brachte mich zum Ziel. Als mich Costică vor der Tür sah, war er sprachlos. Er wohnte bei seinen Eltern, die mich liebevoll aufnahmen. Noch am selben Abend fuhren wir nach Belgrad, um meine Mutter in Deutschland anzurufen. Sie hatte eben ihre Koffer gepackt, um am nächsten Morgen zurück nach Rumänien zu fahren. Im letzten Augenblick habe ich verhindert, dass sie heimfährt. Erst jetzt konnte ich aufatmen. Meine Verwandten in Deutschland taten nichts, um mich aus Jugoslawien herauszuholen. Diese Hoffnung musste ich bald begraben. Damals kannte ich lediglich die Hilfsbereitschaft der Leute in Rumänien, den Egoismus der Deutschen aber noch nicht. Keiner war bereit, nur das Mindeste für mich zu tun. Dafür aber umso mehr meine Mutter. Sie fuhr ins Auffanglager nach Friedland, um den Leiter zu beschwören, etwas für mich zu unternehmen. Er war der richtige Mann, er half mir tatsächlich. Familie Bocşan nahm mich auf wie den eigenen Sohn. Könnte ich Serbisch, hätte ich es gewagt, mit einem jugoslawischen Pass nach Italien oder Österreich zu gelangen. Doch ohne Sprachkenntnisse wäre ich sofort aufgefallen. Erst spä-

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ter, als ich schon in Deutschland war, ist mir eingefallen, dass ich zum Skilaufen an die österreichische Grenze hätte fahren sollen. Eine Grenzüberschreitung beim Skilaufen wäre einfach gewesen. Weil aus Deutschland keine Hilfe kam, musste ich selbst etwas unternehmen. Ich war schon zehn Tage in Pantschowa, und ich konnte den Bocşans nicht ewig zur Last fallen, zumal es auch für sie gefährlich war, einen illegalen Grenzgänger zu beherbergen. Hätte mich jemand entdeckt, hätten sie große Unannehmlichkeiten bekommen. Das lange Warten beunruhigte mich zusehends. Die Angst holte mich ein. Ich traute mich nicht mehr auf die Straße. Um die rumänischen Behörden zu täuschen, schickte ich Costică nach Temeswar, wo er meinen Bekannten erzählte, dass ich in die Moldau gereist wäre, um dort ein Auto zu kaufen; bei diesem Gelegenheitskauf hätte mich die Polizei festgenommen. Weil ich im Amt für Körperkultur und Sport sehr beliebt war, haben meine Kollegen alles unternommen, um mich aus den Klauen der Polizei zu befreien, doch sie haben mich nicht gefunden. Ewig konnte ich das Katz-und-Maus-Spiel nicht fortsetzen. Ich musste sehen, dass ich schnell Jugoslawien verlasse. Ich erfuhr, dass in Laibach die Eishockey-Weltmeisterschaft stattfinden wird. Ich hoffte, dass viele italienische Touristen anreisen werden. Und: Wenn mir die Flucht unter dem Bus aus Rumänien gelungen ist, warum sollte sie mir von Jugoslawien nach Italien nicht ebenso glücken? Vielleicht konnte ich mich auch als italienischer Tourist tarnen, so meine Überlegungen. Weil ich keine Maße italienischer Busse kannte, fertigte ich ein ausziehbares Brett an. Schließlich machte ich mich mit Costică auf den Weg nach Laibach. In Belgrad löste ich zwei Fahrkarten. Bis zur Abfahrt des Busses um 20 Uhr hatten wir noch eine Stunde Zeit, die ich nutzte, um noch einmal in Deutschland anzurufen. Meine Cousine teilte mir mit, dass meine Mutter in Friedland Erfolg hatte. Ich sollte mich in der deutschen Gesandtschaft in Belgrad melden, dort werde mir geholfen. Es war Samstagabend, und in der Botschaft teilte man mir mit, ich sollte am Montag vorbeikommen. Hilfe im deutschen Konsulat Ich verzichtete auf die Reise nach Laibach und kehrte zum Leidwesen meiner Gastgeber nach Pantschowa zurück. Am Montag empfing mich in der deutschen Gesandtschaft in Belgrad ein junger Angestellter, dem ich mein Anliegen vortrug. Recht unfreundlich teilte er mir mit, dass meine Fluchtgeschichte unglaubwürdig sei und er in mir eher einen Agent provocateur sehe. Ferner: Das deutsche Konsulat mische sich in solche Angelegenheiten prinzipiell nicht ein, und in diesem Fall sei es überhaupt nicht zu helfen geneigt. Wie könnte ich eigentlich einem Konsulat vorschlagen, sich an einer Illegalität zu beteiligen?

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Nein, so etwas mache die Botschaft nicht, und er war schon dabei, mich vor die Tür zu setzen. Unterwegs sagte ich noch, er solle doch bitte in Friedland anrufen, um sich zu vergewissern, dass ich es ehrlich meine. Er begleitete mich bis zur Tür und sagte, ich solle doch in einer Stunde noch einmal vorbeikommen. Die Stunde verging langsam und quälend. In dieser Zeit sollte sich mein Schicksal entscheiden. Ich hatte Glück, denn als ich das Konsulatsgebäude wieder betrat, empfing mich der junge Mann freundlich. Er sagte mir, das Konsulat werde mir helfen. Ich solle am nächsten Tag zur Polizei gehen und melden, dass ich soeben aus Deutschland gekommen wäre und meinen deutschen Pass verloren hätte. Für eine Gebühr von 15 Dinar werde mir die Polizei eine Bescheinigung ausstellen, dass ich den Pass verloren hätte. Danach könne das Konsulat mir einen Ersatzpass ausstellen, mit dem ich nach Deutschland reisen kann. Ich solle mir zwei Passfotos machen lassen, eine Eisenbahnfahrkarte nach Deutschland lösen und ins Konsulat mitbringen. Den Pass bekäme ich erst am Tag meiner Ausreise. Der Name im Ersatzpass spiele keine Rolle. Ich wählte Alexander Müller, die Namen meines Vetters in Deutschland. Strahlend verließ ich das Konsulat. Endlich brauchte ich mich nicht mehr zu verstecken. Ich war der deutsche Staatsbürger Alexander Müller. Mulmig war es mir, als ich zur jugoslawischen Polizei ging. Tagelang bin ich jedem Uniformierten aus dem Weg gegangen, jetzt sollte ich freiwillig zur Polizei gehen. Vorsichtshalber ging ich zum Bahnhof und vergewisserte mich, dass der Zug, mit dem ich angeblich aus Deutschland eingetroffen bin, auch schon tatsächlich angekommen ist. Er war pünktlich. Bei der Polizei gab es keine Schwierigkeiten. Ich bekam meine Bescheinigung und gab sie zusammen mit den Fotos und der Fahrkarte im deutschen Konsulat ab. Am nächsten Tag sollte es mit dem Zug über Wien nach Nürnberg gehen. Als ich nach dem Besuch im Konsulat froh und munter durch die Straßen Belgrads stolziere, holt mich ein Rufen von hinten ein: „Genosse Ingenieur, Genosse Onciul!“ Fast wäre ich erstarrt. Ein ehemaliger Betriebskollege war zu Besuch in Belgrad und hatte mich erkannt. Ich zeigte mich erfreut über das Wiedersehen in der Fremde. Er erzählte mir, er sei auf dem Weg zum Bahnhof, wo er um 15 Uhr mit dem Zug nach Hause fahren möchte. Um sicher zu sein, dass er keinen Verdacht schöpft, begleitete ich ihn zur Bahn und plauderte mit ihm, bis der Zug abgefahren ist. Ich wusste, dass er die Begegnung sofort in Rumänien melden werde, und dann war es aus mit meinem Märchen von der Moldau, dem Autokauf und der Festnahme. Aber mir konnte nichts mehr passieren, denn am selben Abend saß ich in einem Zug - der aber fuhr nach Westen. Trotz der ermüdenden Nachtreise war ich gierig, die neue Welt zu erkunden. Ich schlenderte durch Wien, freute mich und staunte. Ich war endlich frei, konnte sagen, was ich wollte, und endlich dorthin reisen, wohin ich wollte. Es war

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ein wunderbares Gefühl der Freude. Nach 20 Jahren unaufhörlichen Hoffens und Bangens war ich endlich ein freier Mann. Die Flucht nach Deutschland war nicht das erste Mal, dass Aurel Constantin Ritter von Onciul vor Gefahr und drohendem Unrecht davongelaufen ist. Der am 1. Januar 1928 in Czernowitz, der Hauptstadt des Buchenlands, geborene von Onciul ist mit seiner Familie zum ersten Mal am 28. Juni 1940 aus seiner Heimat vor den Russen geflohen, die nach dem Molotow-Ribbentropp-Pakt in dem nach dem Ersten Weltkrieg Rumänien zugesprochenen Landstrich einmarschiert sind. Ende Juli 1941 ist die Familie heimgekehrt, weil rumänische Truppen zusammen mit deutschen das Land mit Beginn des Russland-Feldzugs zurückerobert hatten. Im März 1944 flieht die Familie erneut vor den Russen, die wieder das Buchenland besetzen. Zuerst findet die Familie im siebenbürgischen Elisabethstadt ein Zuhause, dann übersiedelt sie nach Kronstadt. Nachdem von Onciuls Stiefvater gestorben war, ist die Mutter nach Temeswar umgesiedelt, wo der Sohn schon studierte.

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Mit falschem Pass nach West-Berlin Von Alexander Oprendek Dr. Günther Hoffmann war ein alter Bekannter aus Temeswar, wir kannten uns noch aus der Studentenzeit und hatten losen Kontakt zueinander; er war Mediziner, ich Ingenieur. Ich war erstaunt, ihn nach meiner Flucht aus Rumänien 1969 in München zu treffen. Er arbeitete als Gerichtsmediziner in der Pettenkofer Klinik, und ich wohnte damals als Single ganz in der Nähe, in der Kapuzinerstraße. Wir trafen uns regelmäßig bei mir zu Gesprächen bei einem guten Glas Wein. Dabei berichtete er mir, wie er 1968 aus Rumänien entkommen ist: „Ich hatte“, erzählte Dr. Hoffmann, „einen Onkel in Ost-Berlin. Das Passamt in Temeswar hat mir eine Reise in die DDR genehmigt. Geplant war, über Mittelsmänner einen bundesdeutschen Reisepass zur Flucht mit der S-Bahn nach West-Berlin zu kaufen. Den Pass habe ich erhalten, jedoch mit einem Mangel. Das Bild im Ausweis war derart blas und unscharf, dass bei der Kontrolle Argwohn aufkommen musste, insbesondere bei den wachsamen DDR-Grenzern. Vielleicht war das aber nur das Hämmern des schlechten Gewissens, denn andererseits passte das Bild auf jeden Normalbürger. Doch ich habe nicht mehr lange überlegt und bin zur U-Bahn gegangen. Es war ein harter Wintertag, es war grauenhaft kalt, ein entsetzlicher Schneesturm trieb die Menschen vor sich her. Matt erreichte ich die SBahnhaltestelle. Ich hatte Schnupfen und Husten und wickelte mir meinen Schal über Hals, Mund und die gerötete Nase bis über die Ohren. Es wartete kaum jemand, um die Bahn Richtung Westen zu nehmen. Darum steuerte ein Volkspolizist sofort auf mich zu. Er forderte resolut meinen Ausweis. Der Beamte und seine geschärfte Wachsamkeit mussten jedoch auch unter dem Einfluss des Wetters gelitten haben, denn er sah mich, bevor er den Reisepass untersucht hatte, sehr belustigt, aber mitleidvoll an und sagte dann ganz unmilitärisch: ›Scheißwetter‹. Dann blätterte er in meinem Pass, hielt beim Bild inne, sah mich an und meinte: ›Kein Wunder, dass man bei diesem Wetter so aussieht. Sie sind genau getroffen; das ist ein Bild fürs Panoptikum. Nein, nein‹, berichtigte er sich, ›das ist kein Bild, das ist ein Grippeattest›. Ich war durch, stieg in die Bahn und war im Westen.“

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Ohne Visum nach Österreich Von Alexander Oprendek Ich lag mit Nierensteinen im Krankenhaus, war seit zwei Wochen von heftigen Schmerzen geplagt. Bei allem Unbill kamen mir in der Klinik immer wieder Gedanken in den Kopf, die ich nicht verdrängen oder verscheuchen konnte. Ich war als junger Ingenieur seit einigen Jahren im Temeswarer Unternehmen „Elba“ tätig. Schnell habe ich mich in eine leitende Stellung in der zweiten Reihe emporgearbeitet, aber nach und nach stagnierte alles. Ich war Deutscher, stammte aus einer Beamtenfamilie und war kein Parteimitglied. Unter diesen Bedingungen war es aussichtslos, weiter Karriere zu machen. Außerdem war ich noch Junggeselle und wohnte nicht standesgemäß. Ich hatte lediglich ein Zimmer mit abgeschalteter Zentralheizung. Küche und Bad fehlten. Wasserzapfstelle und Toilette waren auf dem Flur, ein Stockwerk tiefer. Mein Arbeitgeber, der für die Wohnungsvergabe an seine Mitarbeiter zuständig war, hatte eine lange Warteliste, auf der ich ganz unten stand. Vor mir waren viele bedürftige Familien mit Kindern an der Reihe. Wäre ich verheiratet, so sagte man mir, hätte ich vielleicht eine kleine Chance auf eine Wohnung. Ohne Wohnung konnte ich andererseits nicht heiraten. Es war ein Teufelskreis. Genau so sah die Lage aus, als ich mich bemühte, eine Gasflasche für den Sparherd - in Rumänien stets Mangelware - zu kaufen. Ich sah keine Zukunft für mich und beschloss, Rumänien zu verlassen. Ein einziger Gedanke beherrschte mich: weg aus Rumänien, legal oder illegal, aber umsichtig und überlegt. Ich wollte vermeiden, dass an der Grenze auf mich geschossen wird, dass ich gefangen, verurteilt oder zum ewigen Staatsfeind gestempelt werde. Wieder in Arbeit nach meiner Genesung, galt all mein Trachten und Handeln nur diesem Ziel. Erstmals versuchte ich, eine Reise in die DDR zu buchen. Die Fahrt wurde ohne Begründung abgelehnt. Es war naiv, an eine Genehmigung zu glauben, solange man ungehindert in Berlin durchs Brandenburger Tor in den Westen gelangen konnte. Ein Jahr verging. Nun zeichnete sich eine weitere Möglichkeit ab. Unser Unternehmen war dabei, in der Schweiz eine moderne Elektroerosions-Maschine zur Stahlbearbeitung zu kaufen. Ich drängte mich in den Vordergrund, erledigte und übersetzte die Korrespondenz, dolmetschte, führte Telefongespräche, kurzum, ich organisierte alles, um im Zentrum des Geschehens zu sein. Alles klappte, eine Maschine wurde gekauft und installiert. Nun kam der von mir erwartete Moment. Mitarbeiter sollten beim Hersteller in der Schweiz die Arbeitstechnik der Maschine kennen lernen. Ich meldete mich, weil mich der Lieferant dazu eingela-

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den hatte. Die Antwort meiner Firma lautete: „Sie können doch nicht allen Ernstes erwarten, dass wir Sie in die Schweiz schicken.“ Der Plan Nummer zwei war somit auch gescheitert. Die Idee, aus Rumänien zu entkommen, ließ mich nicht mehr los. Zwischendurch quälten mich aber immer wieder auch Zweifel. Unsere Vorfahren haben vor mehreren hundert Jahren das Banat besiedelt und urbar gemacht. Hatte ich das Recht, von hier wegzulaufen? Ein Ast des Stammbaumes meiner Familie würde ausscheren und in eine andere Richtung zeigen. Unser Stammbaum beginnt damit, dass unser Urahn Liborius Oprendek um 1795 aus Böhmen als Glasermeister ins Banat zugewandert ist, und zwar nach Neupetsch. Was würde aus meinem Bruder und meiner Mutter, wenn ich die Familie verlasse. Mein Bruder war ein geschätzter Professor am Polytechnikum in Temeswar. Wird er womöglich wegen meiner Flucht in Schwierigkeiten geraten? Wer wird für meine Mutter sorgen, die seit 1953 Witwe war? Nun, dies waren keine unrealistischen Gedanken, denn wie sich später herausstellte, bekamen alle tatsächlich große Probleme, die erst mit deren Übersiedlung nach Deutschland gelöst wurden. Doch trotz aller Bedenken: Ich blieb bei meinem Entschluss, zu fliehen. Wie sich später herausstellte, war es die richtige Entscheidung. Da ich weiter eine Gelegenheit abwarten musste, habe ich auch Nutzloses zu tun begonnen, nur, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich erstellte detaillierte Tabellen von Gegenständen, die ich im Falle einer Flucht oder Ausreise mitnehmen wollte, studierte die Landkarten von Österreich, Deutschland und Berlin und prägte mir die Grenzübergänge ein. Ständig wurde ich bedrängt, in die kommunistische Partei einzutreten, was mir keinesfalls behagte und für mich nicht in Frage kam. Dann zeichnete sich unerwartet eine neue Möglichkeit ab. Ich hatte mittlerweile geheiratet. Ingrid Mann, ein deutsches Mädchen aus Hatzfeld, das einen Onkel in Magdeburg hatte. Da müsste doch eine Hochzeitsreise dorthin möglich sein, so schätzte ich. Die Chancen, eine Reisegenehmigung in die DDR zu erhalten, waren jetzt besser, denn inzwischen bestanden neue Bedingungen. Die politische Lage war gespannt, und das Land wurde abgeriegelt: Es gab keinen freien Verkehr mehr zwischen den beiden deutschen Staaten, die früheren Fluchtwege wurden verschlossen. Diese Lage müsste doch eine Erleichterung für die Reisegenehmigung in die DDR bewirken. In meiner Vorstellung würde sich auf dem Weg von Rumänien in die DDR eine Möglichkeit ergeben, ein besseres Reiseziel anzupeilen. Mein Antrag wurde wiederum abgelehnt, aber jetzt legte ich Einspruch ein und begründete meinen Reisewunsch mit einer ausführlichen und langatmigen Denkschrift. Diesmal klappte es, und wir, meine Frau und ich, erhielten die ersehnten Reisepässe. Begünstigend war, dass zu dieser Zeit zwischen Rumänien und Österreich die

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Visumpflicht abgeschafft worden war. Jetzt änderte ich meinen Reiseplan: Statt mit der Eisenbahn wollte ich die Reise mit dem Auto antreten. Ich verkaufte mein Motorrad, verwertete weiteres Hab und Gut, erwarb ein Auto und bereitete die Reise vor. Allen blieb das Vorhaben verborgen, nur meine Mutter war eingeweiht. Wenn sie aus dem Ausland eine Grußkarte mit Kirche von Tante Eulalia erhalten sollte, so ist unser Plan aufgegangen und wir sind in Sicherheit, haben wir vereinbart. Jetzt ging alles schnell. Im September 1969 reisten wir ab. Am ersten Tag kamen wir bis Budapest. Ich beschloss, nicht über die Tschechoslowakei in die DDR zu fahren, sondern bei Straßsommerrain und Nickelsdorf nach Österreich. Nach der Abschaffung der Visumspflicht musste dies doch möglich sein. So geschah es auch. Der ungarische Grenzschutz in Straßsommerrain inspizierte uns noch recht minutiös - zuerst unsere Reisepässe, dann uns, und schließlich sah ein Mitarbeiter mit einem Spiegel unter unser Auto. Es wurde uns klar, hier ging es nicht so sehr um uns, sondern womöglich um zu verhindern, dass Personen aus dem Land geschleust werden. In Nickelsdorf war dann die dumpfe, argwöhnische und misstrauische Atmosphäre aus Ungarn wie weggeblasen; der österreichische Grenzbeamte blätterte nur kurz in unseren Reisepässen und winkte uns durch. Wir konnten es nicht fassen: Wir waren ohne Mühe und ohne uns in Gefahr zu begeben, plötzlich in Österreich, im ersehnten Westen. Ich war jetzt stolz auf meine so ausgeklügelten Pläne. Hätte uns jemand - damals fühlte man immer die Securitate, den rumänischen Geheimdienst, im Nacken - gesagt, dass wir von unserem Weg in die DDR abgekommen seien, so hätten wir mit Fug und Recht sagen können, dass der kürzere und bessere Weg in die DDR über Österreich geführt habe. Kein Mensch verlangte von uns übrigens eine Erklärung. Verwandte Ingrids waren nicht wenig erstaunt, als wir bei ihnen in der Nähe von Kufstein erschienen. Keine Frage, wir wurden herzlich willkommen geheißen, blieben einige Tage dort, besorgten die Einreisepapiere für Deutschland. Über München ging es nach Nürnberg. Um nicht untätig zu sein, rief ich meine noch aus Rumänien bekannten Maschinenlieferanten in der Schweiz an und teilte den Partnern mit, dass ich die ehemalige Einladung zu einem Besuch annehme. Wir erlebten in Zürich, in Locarno und Lugano am Lago Maggiore einige herrliche Spätsommertage. Ich bekam noch einige Informationen, aktuelle Unterlagen und Sonderwerkzeuge für die gelieferte Maschine. Dann machte ich ein Päckchen und schickte alles per Eilpost an den Betrieb in Temeswar, mit besten Grüßen eines engagierten, ehemaligen Mitarbeiters. So hatte ich noch die Genugtuung, eine Arbeit zum Vorteil aller Beteiligten abschließen zu können. Alexander Oprendek wurde am 30. November 1931 in der Banater Gemeinde Tschakowa geboren. Er lebt heute als Rentner in München.

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Andreas Bordon:

Neun Jahre lang auf die Familie gewartet Es ist eine einfache Flucht, die Andreas Bordon aus Schellenberg bei Hermannstadt 1968 unternimmt. Er nutzt einen Besuch bei einer Familie in der Schweiz, um nicht mehr nach Siebenbürgen zurückzukehren. Der am 28. Januar 1930 in Schellenberg geborene Bordon ist der Einladung der Schweizer Familie gefolgt, der er drei Jahre zuvor auf dem Weg durch Rumänien geholfen hatte. Der Entschluss, Rumänien den Rücken zu kehren, hat schlimme Folgen für Bordons Familie, seine Frau und die drei Kinder, aber Andreas Bordon auch seinen Bruder. Die Tochter wird der Schule verwiesen mit der Begründung, der Staat zahle die Schule, und der Vater sei bei den Kapitalisten, die könnten für die Schule aufkommen. Die Polizei nimmt Bordons Bruder Georg fest, verhört und verprügelt ihn drei Tage lang. Arbeitskollegen, die nach ihm fragen, finden ihn blau geschlagen im Krankenhaus. Georg Bordon ist vor drei Jahren gestorben. Andreas Bordons Flucht ist einfach, doch die Familienzusammenführung umso schwerer. Sieben Jahre darf er seine Familie nicht besuchen, neun Jahre wird es dauern, bis seine Frau und die drei Kinder ihm nach Deutschland folgen dürfen. „Es war eine goldene Freiheit mit Folgen“, sagt Bordon heute, „ich bin aber Gott sehr dankbar für alles. 1977 waren wir wieder vereint mit Gottes Hilfe.“ Bordon lernt die Schweizer Familie 1965 in Schellenberg vor dem Lebensmittelgeschäft kennen. Die Schweizer, die auf einer Rundreise durch Italien, die Türkei, Griechenland und Bulgarien in Siebenbürgen angelangt sind, wollen Lebensmittel einkaufen. Doch sie haben Verständigungsprobleme und außerdem kein rumänisches Geld. Der Verkäufer darf von Gesetzes wegen keine fremde Währung annehmen. Bordon, der auch einkaufen will, greift ein, spricht die Schweizer an, bezahlt ihre Lebensmittel. Die freuen sich über die unerwartete Hilfe, wollen ihm Franken geben, doch Bordon lehnt ab, weil auch er als einfacher Bürger kein ausländisches Geld haben darf. Bordon bleibt mit der Familie in Kontakt, die ihn 1968 zum Besuch in die Schweiz einlädt.

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Den Kopf sollt ihr treffen Von Cristian Ştefănescu Am rumänischen Donauufer und an der grünen Grenze nördlich von Basiasch pflegten die grün uniformierten Grenzer spazieren zu gehen. Die Hölle tat sich auf, wenn man sich der Grenze näherte. 15 bis 20 Kilometer vor der Grenze konnte kein Fremder den Boden betreten, ohne dass ihn die Jungs durchleuchtet hätten. Warum hast du den Zug in Orschowa verlassen? Was suchst du im Zug in Richtung Orschowa? Wohin willst du? Kennst du jemanden in der Umgebung der Ortschaft? Warum betrittst du die Grenzzone? Sie kamen aus allen Teilen des sozialistischen Rumänien, die Grünuniformierten. Das war die Regel: An die Westgrenze wurden jene geschickt, die aus der Moldau, der Dobrudscha und aus dem Bărăgan, der Donautiefebene, stammten, und umgekehrt. Nicu B., mein Jugendfreund aus Orawitz, wurde an die Grenze zur sowjetischen Moldau geschickt, um die Grenze zur rumänischen Moldau zu verteidigen. Er wurde erschossen. Mein Banknachbar Gigi I. war keine 18 Jahre alt, als sie ihn eingezogen haben nach Ticvaniul Mic an die Nordwestgrenze zu Ungarn. Ein paar Wochen danach ist er im Sarg zurückgekommen, zum Kummer der Mutter und seiner ehemaligen Kollegen. Ohne Erklärung. Die gibt es auch heute noch nicht. Hingegen sind in den Grenzerstützpunkt von Orawitz Soldaten aus dem moldauischen Botoşani gekommen. Bis zur Ankunft im Banat lebten sie wie in einem Brutkasten: Niemand hat ihnen von einem anderen Lebensstil erzählt; sie kannten nur den selbst gelebten. Sie glaubten nur das, was ihnen die Kommunisten erzählten. Sie versuchten nicht einmal darüber nachzudenken. Sie führten lediglich Befehle aus - manchmal übertrieben sie auch. Einen von ihnen habe ich im städtischen Sanatorium für ansteckende Krankheiten kennen gelernt. Er war mir sympathisch. Zwar hatte er nicht viel im Kopf, aber in seiner Schlichtheit schien er ehrlich. Am Tag der Entlassung aus der Armee ist er auf meine Einladung in mein Elternhaus gekommen. Ich wollte ihn zivilisiert bewirten, bevor er die Heimreise quer durchs Land angetreten hat. Im Alter von 18 Jahren sollte ich erstmals erfahren, was sich hinter Menschen verbirgt, auf die sich das kommunistische Regime stützt. „Sie haben die Grenzgänger zu unserem Grenzstützpunkt gebracht und dort eingesperrt gehalten, bis sie zur Staatsanwaltschaft gebracht wurden. Sie haben sie in den Karzer gesteckt. Ich habe sie dort gesehen, bin zu ihnen gegangen, habe meine Hände durch die Gitter gesteckt, sie am Kragen gefasst und zu mir gezogen. Ich habe ihre Köpfe gegen die Gitterstäbe geschlagen, bis der Tomatensaft herausgelaufen ist.“ Obwohl er nicht laut geworden ist, hatte ich den

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Eindruck, als ob diese Worte des jungen Mannes aus Botoşani mir die Ohrtrommel platzen lassen. Von dem aufrechten Menschen, den ich zu empfangen geglaubt hatte, war nicht mehr viel übrig; ich habe in meinem Elternhaus einen möglichen Kriminellen empfangen. „Mensch“, habe ich ihm geantwortet, „diesen Menschen hättest du kein weiteres Leid zufügen dürfen. Es hat doch gereicht, dass sie sich den Wunsch ihres Lebens nicht erfüllen konnten, es hätte doch gereicht, dass sie in den Kellern der Polizei eine tüchtige Tracht Prügel bekommen.“ Die Antwort war ebenso unvorstellbar: „Bevor meine Mama weint, soll lieber seine Mutter trauern.“ Ich habe sie jeden zweiten Tag gesehen. Sie führten sie durch die Stadt, vom Grenzerstützpunkt zur Staatsanwaltschaft, die Hände gefesselt. Es waren vor allem junge Leute. Sie hofften, dass sie uns damit beeindrucken können. Es war gedacht als eine Art Lektion für uns Orawitzer. Wir sollten es wissen und weitergeben: „Wer so etwas tut, dem wird es wie ihnen ergehen.“ Meist waren es Gruppen von sechs bis acht Mann. Vor und hinter ihnen gingen Zeitsoldaten, die Gewehre auf die „Deserteure“ gerichtet. Sie hatten versucht, die grüne Grenze zu überschreiten; in der Nähe von Iam, Naidaş, Vrăniuţ oder Socol. Die Politruks der Militäreinheiten haben ihr Ziel aber verfehlt. In einem Städtchen, in dem der kleine Grenzverkehr mit Jugoslawien an der Tagesordnung war, die Freiheit darin bestand, zwölfmal jährlich ins Nachbarland zu fahren, um ein paar Hemden, ein Kilogramm Salz, einen Stoß Hefte oder Makrameegarn zu verkaufen und Salzstangen, Blue Jeans, Coca Cola oder eine Pastete mitzubringen, bedeutete jeder Flüchtling eine zusätzliche Inspiration. Viele sind auf die Märkte von Weißkirchen oder Werschetz gelangt, um auf den Markttisch zu steigen und zu rufen: „Es lebe die kommunistische Partei, ich bleibe in Jugoslawien.“ Doch sie sind nicht geblieben. Sie hatten ihre Weiterreise schon geplant. Sie führte entweder ins UNO-Lager von Padinska Skela nördlich von Belgrad oder nach Triest, vielleicht auch nach Österreich. Seit ich mich entsinnen kann, war Neluţu L. ein Orawitzer Junge. Er stammt eigentlich nicht aus Orawitz, er gehört zu den vielen, die heute hier leben, aber eigentlich aus der Alten Walachei oder aus der Moldau gekommen sind, um hier zu arbeiten in der Uranmine oder am Wärmekraftwerk Crivina bei Steierdorf-Anina, das eine gedankliche Missgeburt der Elena Ceauşescu ist. Ich weiß nicht mehr, wie Neluţu plötzlich auf der Bildfläche erschienen ist. Er hat seinen Dienst bei den Grenzsoldaten geleistet, an der grünen Grenze zu Jugoslawien. Er kennt alle, die mit der „Bestrafung“ der gefassten Grenzgänger zu tun hatten. Ich bin mit ihnen aufgewachsen; die Frauen einiger von ihnen waren Lehrerinnen, Kolleginnen meiner Eltern, und ich hätte nie gedacht, dass sich hinter diesen gutaussehenden Fassaden eigentlich Hyänen verbergen. „Es waren wahre Folterknechte, nur hat man sie so nicht genannt. Es waren angeblich Untersuchungsrichter“, erzählt Neluţu. „Sie haben die Grenzgänger terrorisiert. Sie

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haben ihnen die Goldkettchen, die Ringe und auch das Geld weggenommen.“ Viele dieser Henkersknechte jener Zeit sind auch noch nach dem Umsturz in Rumänien in den Ämtern. Erst der politische Wechsel 1996 hat bewirkt, dass ein Teil von jenen, die bis 1989 die Schießbefehle erteilt haben, aufs tote Gleis geschoben worden sind. „Teacă war der Leiter des Politbüros. In der Zeit des gegen Jugoslawien verhängten Embargos wurde er Befehlshaber der Grenztruppen. Er war mein Chef in Valkan. Vor seiner Stimme hat sich sogar der Hund in seiner Hütte gefürchtet. Wir verzeichneten äußerst viele Grenzüberschreitungen um 1988 bei Großsanktnikolaus. Er sagte uns: ›Tapfere Soldaten, ihr zielt auf ihre Beine, in ihrer Mutter Fotze, schießt ihnen aber in den Kopf, denn sie sind Vaterlandsverräter‹. Teacă hat uns terrorisiert. Er trieb uns morgen hinaus, um Spuren zu suchen. Du durftest nicht schießen, denn der Fluchtweg führte unmittelbar an den Häusern des Dorfes vorbei. Du hättest die Leute daheim in ihren Häusern erschossen. Wenn du aber nicht schießt, landest du im Gefängnis. Auf der anderen Seite standen Erdölbohrtürme. Dann bestand wieder die Gefahr, dass sich Kugeln verirrten und jugoslawisches Hoheitsgebiet verletzt wurde. Die Serben suchten selbst nach durchlöcherten Blättern. Das erste, was wir lernen mussten, war, die Flinte richtig zu halten, und zwar so, dass sie nicht gegen fremdes Territorium gerichtet ist. Die Serben waren sehr schwierig. Bist du der serbischen Patrouille morgens begegnet, musstest du das Gewehr in einer bestimmten Position halten und sie mit zu ihnen gerichtetem Gesicht grüßen. Wenn deine Waffe in einer verdächtigen Haltung lag, haben die Serben sofort gemeldet, die Patrouille von 9 Uhr hat die Waffe gegen ihren Staat gerichtet. Es ist allerlei vorgekommen. Wenn eine unserer Kühe nach drüben gelaufen ist, musste jemand von der Brigade in Temeswar kommen, um den Fall zu regeln. Umgekehrt war es einfacher: War uns ein Schwein aus Serbien zugelaufen, wurde es sofort über den Zoll zurückgegeben.“ Die gefassten Grenzgänger wurden zu zehnt wie die Sardinen in eine Zelle gesteckt; sie mussten tagelang stehen, bis sie nach Großsanktnikolaus oder Temeswar geschickt wurden. „Dort gab es einen namens Alexandrescu, der später Chef in Turnu Severin geworden ist; er hat sie nach Strich und Faden verprügelt. Sie mussten sich auf allen Vieren den mit Bohnen gefüllten Tellern nähern und alles wie die Hunde ausfressen - reine Schikane. In Großsanktnikolaus gab es Arrestzellen ohne Dach. Die Gefangenen schliefen auf Beton, während es schneite, erinnert sich Neluţu. „Als Grenzer durftest du keinen Kontakt zu Einheimischen aufnehmen. Wer schlafend im Dienst ertappt wurde, musste nach Temeswar, um sich verschiedene Prozesse anzuhören. Auch mich hat es getroffen. Ein Hermannstädter hatte sich mit einer aus dem Dorf eingelassen. Conseanu, der auch heute noch (2005, der Herausgeber) Militärstaatsanwalt in Temes-

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war ist, sagte uns: „Seht her, Soldaten, für ein bisschen Fotze hat er sieben Jahre aufgebrummt bekommen“. Auch das Mädchen war anwesend. Es war eine Minderjährige, kaum 17 Jahre alt, die aber schon zwei Fluchtversuche hinter sich hatte. Mein Kollege hat sieben Jahre bekommen, weil er sich mit einer Ortsansässigen eingelassen hat, dem Mädchen ist nichts passiert. Ende der 80er Jahre ist die Zeit der Hermannstädter angebrochen. „Sie steckten voller Geld und zahlten den Schleppern Hunderttausende von Lei. Hermannstädter haben für den Grenzübertritt 100 000 Lei je Person bezahlt.“ Der normale Tarif betrug 25 000 Lei. Das Dorf Valkan war voller Schlepper. Die Flüchtlinge überschritten die Grenze im Rückwärtsmarsch, um einen Grenzübertritt in die andere Richtung vorzutäuschen. „Schlimm wurde es, wenn einer auf Wacht eingeschlafen und sein Gewehr weg war. Dann ist der Geheimdienst Securitate auf den Plan getreten. Zu Ceauşescus Zeiten war es arg, wenn ein Gewehr verschwunden ist. Im Grunde genommen hat keiner ein Gewehr gestohlen, die Grenzgänger haben die Waffen lediglich versteckt, meistens unter einem Maislaubhaufen, um den Grenzer am Schießen zu hindern, falls er wach wird.“

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Kleinrumänien im Gefängnis von Marburg an der Drau Von Cristian Ştefănescu Als Gogu Gherghel 21 war, hat er entschieden, für sich die Freiheit zu wählen, zum klaren Nachteil seiner daheimgebliebenen Familie. Sein Vater, ein Volksmusikvirtuose, hatte mit seinem Ensemble die Erlaubnis für Auslandsreisen, nicht nur in den Sowjetblock. Es war im Sommer 1988, am Kirchweihfest im Dorf seiner Großeltern, in Vrăniuţ. „Wir hatten uns schon oft getroffen, um die Flucht zu besprechen, aber niemals im Detail“, erinnert sich ein Kollege Gogus aus Orawitz. Von seiner Absicht wusste keiner, aber der Verdacht lag nahe, dass er durchbrennen will. „Warum brauchst du so viel Schokolade, wenn du zur Kirchweih fährst, wo doch so viel Kuchen serviert wird?“ Aus der ganzen Clique war er der einzige, der sich für die Flucht über die grüne Grenze entschieden hat, und zwar zwischen den Dörfern Ciortea und Vrăniuţ, zusammen mit Mircea „Ciocu“ Ştefan. Wahrscheinlich deshalb mit ihm, weil dessen Mutter und Bruder schon in Deutschland waren. Sie hatten ihre Pässe für den kleinen Grenzverkehr zur Flucht genutzt. Sie hatten sich auf dem Heimweg einfach „verirrt“. Die Grenze war an dieser Stelle doppelt gesichert. „Wir sind mitten in der Nacht geflohen. Ich kannte die Gegend, weil ich oft bei meinen Großeltern zu Gast war,“ erinnert sich Gogu. Er wusste, dass die Grenzsoldaten zwischen den beiden Demarkationslinien auf einem Acker patrouillieren, der richtige Grenzstreifen sich aber erst dahinter befindet. Zwischen den beiden Linien gab es eine Dornenhecke, wie sie sich entlang der gesamten grünen Westgrenze erstreckte. „An diesem Gestrüpp haben die Flüchtlinge die meiste Zeit verloren. Wir zwei sind mit dem Rücken voraus über die Hecke, damit wir uns die Gesichter nicht zerkratzen.“ Gogu ist überzeugt: „Der Grenzer hat uns gesehen. Als wird uns gegenseitig bemerkt hatten, hat der Grenzsoldat sein Feuerzeug angezündet.“ Den Soldaten wurden damals schockierende Geschichten erzählt. Es war eine Legende in Umlauf, die besagte, dass Grenzgänger in den 70er Jahren in Marienfeld einem eingeschlafenen Soldaten den Kopf abgetrennt hätten. Die Offiziere versuchten durch solche Schauermärchen die Soldaten anzustacheln, um wachsam zu sein; es sollte der Erhaltungstrieb gegenüber der Bestie geweckt werden. Am Morgen mengen sich Gogu und Mircea in Werschetz unter die rumänischen Kleinhändler, die allerhand Nichtigkeiten verkaufen. Sie wollen nicht auffallen. Die meisten Rumänen hier auf dem Markt sind aus Orawitz. Es sind Bekannte der beiden Flüchtlinge, doch keiner vermutet, dass die beiden in Richtung Westen unterwegs sind. „Ciocu war damals in der Uranmine in Orawitz

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beschäftigt und hatte ein hohes Gehalt. Auch ich hatte viel Geld. Wir haben das Geld bei einer Rumänin gegen serbisches gewechselt und nach dem Busbahnhof gefragt. Wir konnten beide Serbisch, doch wir trauten uns nicht, zu sprechen. Überall war Polizei unterwegs; es war nicht ratsam, uns als Serben auszugeben, denn die hätten gleich gemerkt, dass etwas mit uns nicht stimmt. Wenn wir keine Kleider gehabt hätten, um uns nach der Flucht umzuziehen, wären wir sofort aufgefallen und festgenommen worden, denn die, die wir bei der Flucht getragen hatten, waren zerrissen und verdreckt,“ berichtet Gogu Gherghel. Die beiden kaufen sich Busfahrkarten, tun so, als ob sie nicht zusammengehörten, und steigen in einen Bus in Richtung Belgrad, um dort einen Zug nach Marburg an der Drau zu nehmen. „Wir kannten das serbische Geld nur schlecht. Es war in der Zeit der großen Inflation, als die Serben Millionenscheine hatten. Selbst die Einheimischen hatten kaum Zeit, das Geld kennen zu lernen, so rasch hat es sich entwertet. Es gab Tage, an denen bis zum Abend dem Preis noch eine Null angehängt wurde. Um sicher zu sein, dass uns ja kein Fehler unterläuft, haben wir bei einem Einkauf stets die größte Banknote hingegeben. Wir haben ein paar serbische Zeitschriften gekauft und uns die Bilder angesehen. Und im Zug haben wir den Mund gehalten. Ich habe Ciocu gesagt, ›du bis stumm, ich taub. Hast du noch keine von der Sorte gesehen, die fragt keiner nach ihrer Gesundheit‹“, lacht Gogu. In nicht einmal 24 Stunden erreichen die beiden die österreichische Grenze. Es ist 5 Uhr. „Orientiere dich aber im Dunkeln. Wir haben uns gesagt, wir gehen in die Richtung, in die die meisten Großlastwagen fahren. Nach etwa zehn Kilometern Fußmarsch haben wir Sankt Egidi erreicht. Auf allen Wegen waren Grenzerpatrouillen unterwegs, aber wir hatten Glück. Ein Kind hat uns erklärt, dass der Zoll hinter einer Kurve liegt. Wir haben uns auf die Terrasse einer Gaststätte gesetzt, um Pläne zu schmieden für das letzte Hindernis in der kommenden Nacht. Sankt Egidi liegt in einem Tal. Wir saßen am Tisch und studierten die Gegend. Nur noch 100 Meter trennten uns von der Freiheit. Es konnte nicht schwer sein. Welche Wacht hatten wir zu fürchten? Wir hatten eine wirklich ernstzunehmende Wacht an der rumänischen Grenze ausgetrickst, jetzt konnten doch keine Probleme mehr auftauchen. Wer hat schon einmal davon gehört, dass jemand an der österreichischen Grenze erwischt worden sei?“ Die Grenze beschreibt dort die Form eines Hufeisens. „Wir haben einen Zaun überwunden, sind an einen zweiten gelangt und sind auch über diesen gesprungen.“ Nach einem Maisfeld stoßen die beiden genau auf den Grenzerstützpunkt. Vor ihnen sind jugoslawische Soldaten zur Morgengymnastik angetreten. „Wir hatten Österreich erreicht, um 50 Meter danach wieder in Jugoslawien zu landen. Das werfe ich auch heute noch Ciocu vor, jedes Mal, wenn ich ihn treffe. Denn er hat den Vorschlag gemacht, auch über den zweiten Zaun zu springen.“ Die beiden verstecken sich noch eine Weile und machen sich erneut auf den

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Weg zum Grenzzaun. „Ich wollte eben in einen Apfel beißen, den ich vorher von einem Baum gepflückt hatte, da sehe ich zehn Meter von mir entfernt einen knienden Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag, der ›Halt‹ ruft. Das Halt hat mich verwirrt. Doch die Slowenen haben sich dieses deutschen Wortes bedient, vor allem an der Grenze zu Österreich. Woher der plötzlich aufgetaucht ist, das weiß ich nicht“, erzählt Gogu weiter. Die Grenzer überstellen die beiden der Polizei in St. Egidi, wo sie einen Tag und eine Nacht verbringen. Über die Staatsanwaltschaft geht es ins Gefängnis von Marburg. Ein Richter verurteilt sie sofort wegen illegalen Grenzübertritts zu 36 Tagen Gefängnis. Die erste Nacht verbringen sie im Dunkeln in einem Isolationsraum ohne Bett und ohne Stuhl. „Den Raum mussten wir uns mit Albanern teilen. Die Wärter haben die Albaner terrorisiert. Dabei wurden wir nicht von Serben, sondern von Slowenen bewacht. Sie erhielten keine Seife, auch keine Zigaretten; wir erhielten eine halbe Schachtel täglich. Baden mussten sie gesondert. Und sie prügelten sie. Es ist kein Wunder, dass der Krieg im Kosovo ausgebrochen ist“, erzählt Gogu. Aus dem Isolationsraum kommen sie unmittelbar in den Speisesaal. Gogu hat eben seinem Freund gesagt, nur sie beiden seien die Dummen in dieser Stadt. Die hätten noch keinen anderen erwischt, lediglich sie zwei seien in die Falle getappt. Doch kaum hat Gogu das gesagt, hört er, wie sich die rumänischen Flüche im Speisesaal überschlagen. Es gibt dort noch Hunderte ihrer Sorte. Das ganze Gefängnis ist fast ausschließlich mit Rumänen gefüllt. Von Marburg gelangen die beiden ins Flüchtlingslager von Padinska Skela nördlich von Belgrad. Einige der Rumänen, die schon einmal gefasst und abgeschoben worden sind, bringen ihnen das Märchen bei, das sie im UNO-Lager erzählen sollen, um nicht zurück nach Rumänien geschickt zu werden. „Du durftest die Flucht nicht damit begründen, dass dir in Rumänien die Stromversorgung unterbunden wird. Alles musste politisch begründet sein. Du durftest denen nur Lügen auftischen. Drei UNO-Kommissare haben uns befragt: Olga, eine Russin, Fulio, ein Italiener, und zum Schluss Vlada, ein Jugoslawe. Olga war die Garstigkeit in Person, zwei Meter groß und Nymphomanin. Sie hat ein Auge auf Ciocu geworfen. So ist er auch aus dem Lager gekommen. Sie hat ihn hinausgebracht, und seine Mutter, die schon in Deutschland zu Hause war, hat ihn in Belgrad abgeholt“, so Gogu weiter. Gogu hat dieses Glück nicht. Er schreibt und erzählt den UNO-Kommissaren das Märchen, wie er von der Feuerwehr gestohlene Tränengasgranaten in eine Parteiversammlung geworfen hat, wie er Mauern mit antikommunistischen Parolen beschmiert hat und dass er verurteilt worden ist, in den Kohlegruben des Schiltals zu arbeiten und den Zwangsaufenthalt zu verbüßen. Vlada spielt den Hundertprozentigen, insbesondere wenn es um die Daten in den Erklärungen geht. „Ich habe so getan, als ob ich nicht Serbisch verstünde. Während Vlada

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dem Übersetzer sagte, was er mich fragen soll, las ich das auf der Sohle Aufgeschriebene: die Antworten, die ich geben musste, waren natürlich Lügen, deshalb konnte ich mir die Antworten auch nicht merken. Vlada wusste eine Menge, auch, wer Securitate-Offizier in Orawitz ist. Nach drei Tagen und insgesamt einem Monat Lager haben sie mich zurückgeschickt nach Rumänien, und zwar mit dem Autobus nach Hatzfeld. Am 4. November, zwei Tage vor meinem Geburtstag, haben die Serben drei Busse mit Flüchtlingen nach Hatzfeld geschickt. Sie waren gefüllt mit Rumänen. In Padinska Skela waren 80 Mann in einem für zehn Personen bestimmten Raum untergebracht. In den Betten schliefen je zwei Mann, der Rest auf dem Boden. Die sieben Tage in Hatzfeld sind die schwersten. „Der Isolationsraum in Marburg war der reinste Luxus neben dem, was jetzt folgt.“ Rumänische Grenzer übernehmen die Gefangenen und sperren sie in einen Raum. „Vier Soldaten, die uns bewachten, verhöhnten uns. Sie hatten uns nicht in Handschellen gelegt, obwohl die Grenze nur 100 Meter entfernt war. Aber sie hatten fünf Wachhunde, deutsche Schäferhunde, in unserer Nähe platziert und uns zu fliehen eingeladen.“ Die Soldaten verfrachten sie in eines jener Gefängnisautos des repressiven kommunistischen Apparats, die Konservendosen ohne Lüftung gleichen. „Wir wussten schon vor der Abfahrt aus Jugoslawien, dass sie uns nicht ins Gefängnis stecken - sie waren überfüllt. Sie haben dich verurteilt, und du musstest die Strafe am Arbeitsplatz verbüßen. Ich konnte kaum den Augenblick erwarten, nach Orawitz zu gelangen, um erneut abzuhauen.“ Vor den Schlägen der Securitate hatte er keine Angst. „Halb so schlimm. Einer verprügelte dich und ließ dich laufen.“ Im Gefängnis von St. Egidi waren auch Kriminelle untergebracht. Im Lager von Padinska Skela waren unter den 80 Mann in einem Raum auch Banditen. Dort hat es schlimme Schlägereien gegeben. Ich habe viele gesehen und hatte keine Angst vor den Schlägen eines dummen Kleinchargierten. Der hat sich aufgespielt, dich gefesselt und hat dir ein paar Mal den Knüppel über den Rücken gezogen, und erledigt war die Geschichte. Ich wusste eines: Ich werde verprügelt, schweige und gehe nach Hause, um erneut zu fliehen.“ Gogu erzählt aus der Distanz von der Bestrafung, die ihm in jenen Tagen zuteil wurde, auch von den Schlägen mit den Handschellen auf den Kopf, die ihm ein Staatsanwalt erteilt hat. Der musste nach Hatzfeld kommen, um ihn nach Orawitz zu holen, wo er seine Strafe am Arbeitsplatz zu leisten und den Zwangsaufenthalt im Ort zu respektieren hatte. Die drei Kilogramm Möhren, die er während der sieben Tage in Hatzfeld zu essen bekommt, zeichnen ihn. „Mein Menü hat bestanden aus Möhren mit Marmelade oder aus Kohlblättern und Möhren. Wir stritten um die Gunst, Kohl und Möhren putzen und schaben zu dürfen“, berichtet Gogu. Der Raum, in dem sie gefangengehalten wurden, beschreibt er so: „Er war sechs Fuß breit und 16 Fuß lang. Eines Tages waren

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18 Mann darin untergebracht, wie die Sardinen, zwei Mann waren aneinandergefesselt. Wir standen Tag und Nacht. Es herrschte Frost, und sie ließen uns nur ein Hemd auf dem Leib.“ Als ihn der Staatsanwalt mit seinem Wagen abholt, ist er psychisch und physisch am Ende. Der Staatsanwalt bringt ihn und zwei weitere Flüchtlinge nach Orawitz. Nach einer Pause in Temeswar kehrt der Staatsanwalt zurück zum Auto und schlägt Gogu die Handschellen über den Kopf mit der Bemerkung: „Oh, Herr Gherghel, wolltest du flüchten?“ Dazu Gogu im nachhinein: „Ich war fertig, wohin hätte ich auch laufen sollen; es ist soviel Polizei umhergelaufen - du hättest es nie geschafft, die Stadt zu verlassen. Ich war so fertig, dass ich nichts gespürt hätte, selbst wenn sie mit einem Trecker über mich gefahren wären. In Hatzfeld holten dich Staatsanwälte ab, die für den Abschnitt zuständig waren, in dem du die Grenze überschritten hattest. Bist du zuerst nach Bulgarien gelaufen, wurdest aber in Serbien gefasst, dann musste dich der Staatsanwalt von Calafat an der bulgarischen Grenze abholen. Danach haben sie dich verhört. Viele sind über die Donau nach Serbien geschwommen. Den Schwimmern sind alle im Lager mit Respekt begegnet. Hatten dich die Staatsanwälte abgeholt, wollten sie wissen, wie und wo du über die Donau gelangt bist. Es hatte keinen Zweck, das zu verschweigen, denn dann haben sie dem Flüchtling zusätzliche sechs Monate aufgebrummt, wenn er die Strafe auch als Freigänger am Arbeitsplatz mit Zwangsaufenthalt im Ort verbüßen musste. Und wenn sie einen mit Gold oder ausländischem Geld erwischt hatten, hat er noch einen Zuschlag bekommen. Wenn jemand Geschmeide bei sich hatte, war es noch schlimmer: Dann wurde der Betreffende noch angeklagt wegen Kulturgüterschmuggels. Und was ist danach geschehen? Der Staatsanwalt hat alles beschlagnahmt, ohne dem Eigentümer eine Bescheinigung auszustellen, damit er ihm die Lage angeblich nicht noch zusätzlich erschwert. Er fragte, ›sollen wir die Dollar auflisten oder sollen wir das Gold aufschreiben?‹ Da konnte man nur antworten: ›Wir listen nichts auf.‹“ Aufgelistet oder nicht, Geld und Gold wurden dem Flüchtling auf jeden Fall weggenommen. „Eine Zigeunerin hat ihre goldene Halskette nach dem Sturz Ceauşescus am Hals der Frau eines Staatsanwalts wiedererkannt“, sagt Gogu.

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Todeskampf am Donaudurchbruch Von Cristian Ştefănescu Bei Mraconia, am Eisernen Tor erhebt sich auf dem rumänischen Donauufer die Büste des in Fels gehauenen Decebal. Der Dakerkönig scheint aus der Strombiegung heraus auf das serbische Ufer zu blicken. Es sieht so aus, als ob er den römischen Kaiser Trajan erwartet. An diesem von Josif Constantin Drăgan gestifteten Denkmal ist die Donau so eng, dass man mit einer Schleuder eine Fensterscheibe durchschießen könnte, stünden an dieser Stelle drüben in Serbien Häuser. Seit ein paar Jahren gibt es hier die Baustelle eines Kirchleins. Nicht wenige haben diese Stelle ausgewählt, um in den Westen zu flüchten, der sie zwar nicht erwartet, aber doch die Chance geboten hat, in Würde zu leben. An der Mündung des Flusses, der von Mraconia donauwärts fließt, gibt es einen Parkplatz. Neben einem Auto der Grenzpolizei mit offener Tür sitzen eines Abends vier Agenten rund um eine mit Kaffee gefüllte Thermosflasche. Auf der Donau kämpft ein Boot gegen die Strömung, auf das sich das Fernglas der Grenzer höchstens aus Gewohnheit richtet. Ich frage die vier, ob ich in Richtung serbisches Ufer fotografieren darf. Sie versichern mir, dass dies überhaupt kein Problem sei. Nur einer der vier Männer kann sich an die Zeit erinnern, als die Donau noch zwei Welten voneinander trennte. Er war im Telefonamt beschäftigt und täglich als Pendler mit dem Schiff unterwegs. Er erzählt uns folgende Geschichte: „Am Eisernen Tor, wo man von Deck aus das serbische Ufer berühren kann, haben sie uns stets in die Schiffskabine eingesperrt. Sie banden die Türen von außen mit Stricken zu, denn die Schraube war alt und die Schlösser kaputt. An einem Tag habe ich eine Flucht vom Schiff aus erlebt. Eine junge Frau, die wohl den Kapitän bezirzt hatte, durfte von Deck aus fotografieren. Plötzlich ist sie gesprungen. Und weg war sie. Wie sollte der Grenzsoldat das Feuer eröffnen? Er konnte es nicht, denn er hätte gegen den anderen Staat geschossen.“ Die unterirdischen Gänge, die die beiden Ufer miteinander verbinden sollen, sind Legende. Angeblich hat es einen gegeben, der die inzwischen unter dem Wasser der gestauten Donau verschwundene Insel Ada Kaleh mit Serbien verbunden hat. Die Insulaner haben im Laufe der Jahre gehört, dass Leute einfach verschwunden sind. Der Grenzpolizist empfiehlt mir, zurück nach Dubova zu fahren und in die Grotte hinabzusteigen. Dort haben viele die Flucht gewagt. Einige haben auch das andere Ufer erreicht. In Dubova erzählt ein alter Mann, der nicht genannt werden will: „Wir hatten viele Informanten. Aber sie waren auch Fluchthelfer. Wir kennen einander, denn das Dorf ist klein.“ Er sei sich sicher, dass die Leute in Dubova wissen,

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wer die Informationen ausgeplaudert hat, wenn sie den Artikel im „Jurnalul National“ lesen werden. Deshalb bittet er mich, keine Reklame für ihn zu verbreiten. In Begleitung eines ortskundigen, erfahrenen Höhlenforschers steige ich durchs Bachbett des Ponicova zur Grotte hinab. Die Trasse scheint nicht schwierig. Das Wasser findet seinen Lauf durch einen Spalt im Kalkstein und verliert sich plötzlich in der Höhle. Das war der Fluchtweg derer, die irgendwo gehört hatten, dass es bei Dubova eine Höhle mit zwei Ausgängen gibt, die mit der Donau am Eisernen Tor verbunden ist, die Stelle, die von den Ferngläsern der Grenzsoldaten am schlechtesten eingesehen werden kann. Am schwierigsten war nicht dieser Abstieg über steile und glitschige Felsen zur Höhle, sondern der Weg durchs Dorf bis zu dem Abstieg, überhaupt dann, wenn der angehende Flüchtling auch noch eine Sauerstoffflasche bei sich hatte. War dieser Abstieg durch Bach und Höhle gelungen, stand die Stromüberquerung bevor an der Stelle, an der die Donau zwischen Rumänien und Serbien am engsten ist, dafür aber reißend. Den Weg zum jugoslawischen Ufer bewältigten die Flüchtenden schwimmend, in Gummibooten und manchmal auch auf Sauerstoffflaschen. Die Sauerstoffflaschen wurden durch den erzeugten Rückstoß oft zu wahren Raketen. Viele haben ihr Leben an der Donauenge verloren, weil das Wasser zu kalt war, die Kraft nachgelassen hat oder weil sie die verbliebene Distanz bis zum serbischen Ufer nicht richtig eingeschätzt hatten, weil sie die Treibstoffzufuhr nicht rechtzeitig abstellen konnten und so von ihren sauerstoffgetriebenen Raketen regelrecht ans Felsufer geschleudert wurden. In den ersten Jahren nach dem Sturz Ceauşescus hat ein serbischer Journalist aus Rumänien auf der jugoslawischen Seite recherchiert. Unter anderem hat Joca Dolić auch einen pensionierten Kranführer gesprochen, der am Elektrizitätswerk Eisernes Tor beschäftigt war und das Wasser vor dem Staudamm von angeschwemmtem Material und Eis freihalten musste, vor allem am Ende der Regen- und Eisschmelzzeiten. Oft waren zwischen den angeschwemmten Baumstämmen auch Leichen. Manchmal sind die sterblichen Überreste derer, die das andere Ufer nicht erreicht haben, buchstäblich auseinandergefallen, bevor der Kranarm bis zum Ufer geschwenkt war. Der alte Kranführer hatte manches Erlebnis mit Grenzgängern. Die meisten sind in kalten Herbst- und Winternächten geflüchtet. In jenen Tagen haben die Grenzer nicht so scharf kontrolliert. An einem Herbsttag hat er in einem Maislaubschober auf seinem Feld einen an Unterkühlung gestorbenen Rumänen gefunden. Es sollte nicht der einzige bleiben, der so sein Ende gefunden hat: Sie flüchteten nachts und kamen zitternd vor Kälte ans Ufer, versteckten sich unter Maislaub, waren erschöpft von den Strapazen der Flucht, schliefen ein und erfroren. „Es gibt kein Dorf auf der serbischen Seite, auf dessen Friedhof es nicht wenigstens zwei Gräberreihen gibt, in denen Rumänen bestattet sind. In keinem der Dörfer habe ich weniger als zehn Gräber gezählt“, berichtet Dolić.

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Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings und Anfang der 80er Jahre haben der Kommunistenführer in Belgrad, Josip Broz Tito, und Nicolae Ceauşescu eng zusammengearbeitet, um die Zahl der Fluchten aus Rumänien in den Westen einzudämmen. Tito hatte eine Schuld bei Ceauşescu zu begleichen: Denn der rumänische Geheimdienst Securitate hat einen kroatischen General nach Craiova gelockt, ermordet und im Sarg nach Belgrad geschickt. Der General war Gegner Titos und über Sowjetrußland in den Westen geflohen. Diesen Dienst zahlt Tito Ceauşescu zurück: Von Serben erwischte Rumänen von gewissem Rang werden nicht mehr in den UNO-Flüchtlingslagern abgeliefert, sondern zurück nach Rumänien geschickt. Die Mächtigen in Bukarest lehnten es jedoch ab, die in Jugoslawien angeschwemmten Leichen anzunehmen. Die Beziehungen zu Tito waren aber nicht immer gut. Života Kostić, vor dem Zweiten Weltkrieg am serbischen Donauufer geboren, aber ab dem Alter von zwei Jahren in Liubcova bei Altmoldowa aufgewachsen, wird in den ersten Jahren der „Volksdemokratie“ in die Donautiefebene verschleppt und als Anhänger Titos von 1951 bis 1955 festgehalten. Der Vorwurf des „Titoismus“ ist gepaart mit Sippenhaft: Kostić ist verwandt mit dem Partisanengeneral Arso Jovanović, Generalstabschef des jugoslawischen antifaschistischen Widerstands und guter Freund Titos. In den 70er Jahren gelingt den beiden Kostić-Söhnen die Flucht mit dem Boot über die Donau, und zwar bei Bersaska, östlich von Liubcova gelegen. Ein paar Jahre danach will der alte Kostić seinen Söhnen nach Schweden folgen. Er macht sich in einem aufgepumpten Traktorschlauch auf Richtung serbisches Ufer. Unter der Brücke, die über den Bach Oreviţa führt, bleibt das improvisierte Boot an Schilfstümpfen hängen, schlägt leck und verliert die Luft. Auf dem Heimweg erwischen ihn Grenzer. Er kommt vor Gericht. Seine Strafe wird ihm vorzeitig erlassen durch eine allgemeine Amnestie. Was er in den 50er Jahren nicht lernt, weil er als einer mit „ungesunder Herkunft“ keine höheren Schulen besuchen darf, holt er teilweise im kommunistischen Gefängnis nach, denn dort erlernen die Häftlinge alle möglichen Berufe: Kostić wird Straßenbauer. Er gehört zu denen, die die Straße am Eisernen Tor erneuern. Eines Tages setzt er sich erneut in einen Traktorschlauch und gelangt ans andere Ufer und schließlich nach Schweden, wo er bis zur Pensionierung bleibt. Im Sommer 1995 kehrt er heim mit drei Staatsbürgerschaften in der Tasche: der rumänischen, der serbischen und der schwedischen. Die drei Artikel des am 7. Oktober 1968 in Orawitz geborenen Journalisten Cristian Ştefănescu sind im Juni 2005 als Serie in der Zeitung „Jurnalul National“ erschienen. Ştefănescu ist Rumänien-Korrespondent der Deutschen Welle und arbeitet als freier Journalist für eine Reihe von Medien. Die Übersetzung aus dem Rumänischen stammt von Johann Steiner.

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Dr. Helmut Weber:

In den Fängen der Securitate Als Helmut Weber 14 Jahre war, stand für ihn fest: In Rumänien will er nicht alt werden. Der Gedanke, seine Geburtsstadt Temeswar zu verlassen, wird ihn nicht mehr loslassen, bis er als Arzt in Deutschland angekommen ist. Doch bis das Wirklichkeit wird, vergeht viel Zeit. Der Fluchtgedanke setzt sich nicht von ungefähr im Gehirn des dürren Jungen aus dem Banat fest. Es sind die Erlebnisse im und nach dem Zweiten Weltkrieg, die ihn wie die meisten Deutschen in Rumänien in ihrem Fühlen und Denken prägen oder zumindest stark beeinflussen. Helmut Weber kommt am 25. Juli 1938 als Sohn eines Kürschner-Ehepaares in der TeDr. Helmut Weber meswarer Josefstadt zur Welt, in einem Stadtteil, der nach Kaiser Joseph II. benannt ist. Der Vater stammt aus einer Bauernfamilie in Denta. Er genießt eine hervorragende Ausbildung in der Kürschnerei Stumper in Temeswar und teilweise in Paris. In der Firma Stumper lernt er seine zukünftige Frau kennen. Bevor er sich selbständig macht und ein Wohn- und Geschäftshaus gegenüber dem kleinen Platz kauft, den die Temeswarer Deutschen kurz „An der Maria“ nennen, hat er sich zu einem hervorragenden Zuschneider emporgearbeitet. Selbst auf der Leipziger Rauchwarenmesse stellt er seine Kreationen vor. Auf dem Platz „An der Maria“, auf dem ein Standbild der Muttergottes selbst den Kommunismus überdauert hat, lässt der ungarische Adel György Dózsa (Georg Doscha), den Anführer eines Bauernaufstandes, der Legende nach im Sommer 1514 hinrichten. Als Webers Vater 1940 zum rumänischen Militär einrücken muss, hat er das Haus „An der Maria“ noch nicht ausbezahlt. 1943 verkauft die Mutter das erst Gebäude notgedrungen, denn der Zweite Weltkrieg hat für Rumänien kaum begonnen, so ist Helmut Webers Mutter schon Witwe. Dr. Helmut Weber kann sich noch gut an den Tag erinnern, als sein Vater mit anderen Männern des 5. Jägerregiments der rumänischen Armee in Reih und Glied zum Bahnhof marschiert ist. Der Vater fällt als rumänischer Soldat bei der Erstürmung des Bahnhofs im ukrainischen Saporoschje am 13. Februar 1942. Seine im November

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1941 geborene Tochter Herta hat er nicht mehr gesehen. Aber in seinem Ausweis findet seine Frau das Telegramm aus der Heimat: „Mutter und Tochter gesund“. Unvergessen bleiben für Dr. Weber die Szenen in der Familie nach dem Eintreffen der Todesnachricht. Mutter und Großmutter weinen bitterlich und raufen sich die Haare. Während sie tränenüberströmt völlig in Schmerz aufgelöst sind, eilen tröstende Nachbarn herbei. Als im September 1944 russische Verbände schon in der Temeswarer Fabrikstadt stehen, sind noch zwei deutsche Piloten in der Weber'schen Wohnung in der Zrinyi-Gasse 3 (später Alexandru-Vlahuţă-Straße) einquartiert. Nachdem sie ihr Sturzkampfflugzeug in der Nähe der Modoscher Brücke aufgeben haben, versuchen sie sich auf dem Landweg durchzuschlagen. Einem wird die Flucht über die Türkei nach Argentinien gelingen. Sein Kamerad kommt ums Leben. In den folgenden Monaten terrorisieren häufig Fliegeralarm und die Bombennächte die Menschen. Am Hauptbahnhof wird ein Treibstoffzug getroffen. Die Bombeneinschläge und Explosionen erschüttern Temeswar, die Flammen lodern weithin sichtbar in den Himmel. Eines Nachts, wieder geweckt von den heulenden Sirenen, steckt die Mutter in der Hektik beim Ankleiden - Beleuchtung ist verboten - Helmut in ein Hosenbein, so dass er nicht laufen kann. In der Dunkelheit bemerkt das niemand, und die Mutter fasst Helmut am Arm und zieht ihn über den Hof in den Garten, wo unter Obstbäumen getarnt, der Unterstand für die Bewohner des Hauses und einige Nachbarn ausgehoben war. Kaum ist der Unterstand erreicht, folgen dem dumpfen bedrohlichen Brummen des Bombergeschwaders die krachenden Explosionen der ersten Einschläge; zum Schrecken der im Unterstand Ausharrenden auch in nächster Nähe. Zur Beleuchtung ihrer Ziele werfen die Piloten nachts hell strahlende Gebilde ab, die wie grell leuchtende Tannenbäume gespenstisch vom Himmel schweben und langsam verglühen. Das Inferno dauert oft Stunden, erst dann weichen die letzten Explosionen einer gespenstischen Stille und die verängstigten Menschen können wieder aufatmen. Für den siebenjährigen Helmut sind das faszinierende Bilder, an die der inzwischen pensionierte Mann sich gelegentlich festlicher Feuerwerke auf makabere Weise erinnert. Von höher fliegenden Bombern werden häufig auch tagsüber Brandsätze abgeworfen. Einer trifft eines Mittags die Diele des Hauses genau dort, wo Hausrat gestapelt ist. Webers Mutter sieht die dichten Rauchwolken aus der Wohnung quellen, springt aus dem Unterstand und rennt mäandernd zwischen den niederprasselnden Einschlägen der Brandsätze zum Haus. Ihre Mutter schreit: „Um Gottes Willen, lass das Dina, komm zurück“. Aber sie wirft den Brandsatz, der in Decken und Teppichen steckt und nicht richtig brennen kann, auf den Hof und stürmt zurück in den Unterstand, von wo aus alle mit Schrecken das Geschehen verfolgen. Noch wochenlang geht der Bombenterror weiter, und die Russen rücken im-

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mer näher. In Freidorf, eine fast ausschließlich von Deutschen bewohnte westliche Vorstadt Temeswars, sind noch deutsche Verbände, die von den russischen Stellungen aus dem Osten der Stadt beschossen werden. Die Artilleriegeschosse fliegen auch über das Weber'sche Haus, ab und zu schlägt ein Projektil in der Umgebung ein und verbreitet Angst und Schrecken. Aus Freidorf flüchten die Einwohner vor dem Artilleriefeuer stadteinwärts und suchen Unterkunft. Einige haben auf Handkarren das Nötigste, teils auch lebendes Vieh. Webers Mutter nimmt zwei Großfamilien auf. Die Wohnung ist überfüllt mit den am Fußboden schlafenden, erschöpften Flüchtlingen. Wegen eines Kälteeinbruchs ist das Leid im Winter 1944 besonders groß. In den folgenden etwas ruhigeren Tagen werden das mitgebrachte Geflügel und ein Schwein wegen Futtermangels geschlachtet. Es gibt Leckereien im Überfluss. Es sollte das letzte Festessen sein, an das sich Helmut in den nächsten Jahrzehnten der kommunistischen Mangelwirtschaft noch oft erinnern wird. Einige Tage später zieht in der Nähe des Hauses eine auf dem Rückzug befindliche Kolonne der Wehrmacht vorbei und nimmt einige Flüchtlinge mit. Die schweren Fahrzeuge sind überfüllt und bleiben in den zerbombten Straßen trotz Kettenfahrwerks oft stecken. Deshalb müssen einige Flüchtlinge auf dem Weg aussteigen. Sie finden in den deutschen Dörfern westlich von Temeswar Unterschlupf. So auch Helmut mit seiner kleinen Schwester Herta und der Großmutter. Die Mutter bleibt im Haus in Temeswar. Sie will später folgen. Als sie nach einigen Tagen bei der Familie Mettlersch in Neusiedel bei Bogarosch eintrifft, wo Großmutter und Enkelkinder liebevoll aufgenommen worden sind und seit einigen Wochen gut verpflegt werden, sind schon alle Flüchtlingstrecks nach Serbien weitergezogen. Helmuts Mutter beschließt, mit Großmutter und Kindern nach Temeswar zurückzukehren. Dort herrscht inzwischen Terror auf den Straßen. Man kann das Haus nachts nicht mehr verlassen, ohne von der marodierenden russischen Soldateska ausgeraubt zu werden. Soldaten holen die Mutter Im Januar 1946 holt das Schicksal die Familie Weber erneut ein. Dr. Helmut Weber hat heute noch vor Augen, wie ein russischer Politkommissar mit zwei rumänischen Soldaten nachts die Wohnung betritt und seine Mutter auffordert, sich anzuziehen und mitzukommen. Helmut und seine Schwester Herta verkriechen sich bei dieser schrecklichen Szene ängstlich unter die Bettdecke. Die Großmutter, aufgelöst in Tränen, fleht um Mitleid und um Einsicht, den kleinen Kindern doch nicht die Mutter zu nehmen. Leopoldine Weber geborene Hodum gehört zu den 75 000 Rumänien-Deutschen, die in jenen Januartagen in Arbeitslager in die Sowjetunion verschleppt werden. Helmuts Mutter kommt nach Horlowka im Donezbecken, wo sie in einer Kohlengrube arbeiten muss.

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1946 wird Helmut Weber eingeschult. Auf die Frage von Dechant Georg Wetzel, was er denn später einmal werden wolle, antwortete er, Doktor. Bis 1949 besucht er die katholische Missionsschule in der Josefstadt. Mit der Verschleppung der Mutter nach Russland kehrt im Hause Weber große Not ein. Die Großmutter verdient mit handgestrickten Kleidungsstücken das Nötigste, um sich, den Enkel Helmut und dessen drei Jahre jünger Schwester Herta zu ernähren. Das funktioniert auch bis zu dem Tag, an dem Helmuts Schwester eingeschult wird. Weil die Kinder im Sommer barfuss umherlaufen, um die Schuhe zu schonen, verletzt sich die Schwester; der Fuß entzündet sich, sie kann vorübergehend nicht laufen. Einen Arzt kann die Großmutter nicht bezahlen. Sie versorgt die Wunde mit Hausmitteln, packt sich das Mädchen auf den Rücken und bringt es zur Schule. Es ist dasselbe Gebäude in der Josefstadt, in dem Helmuts Mutter mit vielen anderen Temeswarer Deutschen im Januar 1945 vor dem Transport in Güterwaggons nach Russland interniert worden sind. Als die Großmutter mit der Enkelin die Schultreppe hinaufgeht, stürzt sie und erleidet einen Knöchelbruch. Von nun an geht es den dreien noch schlechter. Die Großmutter wird im Bett liegen, bis Helmuts Mutter aus Russland heimgekehrt ist. Das ganze Bein wird sich entzünden, schwellen und schließlich schwarz verfärben. Eine Entzündung mit Verschluss der Unterschenkelvenen, eine Thrombophlebitis, führt zu einer großen offenen Wunde. Es folgen Lungenentzündung und nach einigen Wochen eine monatelang anhaltende Gelbsucht. Die Großmutter väterlicherseits lebt in ärmlichen Verhältnissen am Kleinen Dózsa-Platz (Piaţa Plevnei) und kommt regelmäßig zu Besuch, kann aber nur wenig helfen. Helmut besorgt im Rathaus ein Armenzeugnis, damit die kranke Großmutter von einem Arzt behandelt werden kann. Doch auch das bringt nichts, denn im Krankenhaus fehlen die Materialien für Röntgenbilder, und eine stationäre Aufnahme wird abgelehnt. Er kann der Großmutter lediglich zu Hause notdürftig helfen. Er pflegt sie, säubert die Wunde mit Permanganat und kocht auf Anweisung der bettlägerigen Frau das Mittagessen. Oft gibt es nichts zu kochen, dann kommt lediglich mit Wasser aufgeweichtes Altbrot, auf das Salz und rotes Paprikapulver gestreut ist, auf den Tisch. Ein anderes Mal röstet Helmut das Brot auf dem Herd, veredelt es mit Knoblauch und Sonnenblumenöl. Hungerjahre Eines Tages macht Tischlermeister Robert Tornatzki aus der Temeswarer Fabrikstadt, ein Jugendfreund des Vaters, die drei glücklich und reich zugleich. Er versorgt sie mit einigen Bratwürsten, Schinken und Speck. Dabei hat Tornatzki eine Großfamilie mit sechs Kindern zu versorgen. Er ist aber großzügig. Helmut und Herta sind oft bei Tornatzkis eingeladen, wo sie schöne Tage verbringen.

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Das Geschenk bleibt der Nachbarschaft nicht verborgen. Helmut merkt, wie die Würste rasch weniger werden. Eine Nachbarin klaut sie. Die Großmutter gibt Helmut den Rat, ein Vorhängeschloss zu besorgen und die Speisekammer abzuschließen. Ein ähnlicher Glücksfall für die Webers ist in jenen schlimmen Tagen auch der Schuhmacher Alfred Popp. Er ist der Eigentümer des Hauses in der Sterngasse (Dimitrie-Sturdza-Straße), in dem Helmut geboren wurde. Er repariert seinen ehemaligen Mietern die Schuhe kostenlos. Als Firmpate kleidet er Helmut auch neu ein. Es ist sein erster eleganter Anzug, mit kurzen Hosenbeinen. Dazu bekommt er auch neue Schuhe. Zwischen Preyer-, Stern-, Zrinyi- und Fröblgasse in der Temeswarer Josefstadt lebt in jenen Jahren wie in vielen Teilen des Banats ein buntes Völkergemisch. Helmuts Schulweg gestaltet sich anfangs zu einem Spießrutenlauf. Ein kräftiger Zigeunerjunge in der Sterngasse fordert täglich von ihm Wegezoll. Wenn Helmut kein Kleingeld bei sich hat, verlangt der kleine Wegelagerer beim nächsten Treffen die ausgebliebene Summe nach. Meist gelingt es dem schmalen Helmut, sich den Forderungen und Nachstellungen durch einen Sprint zu entziehen. Eines Tages gibt es jedoch keinen Ausweg. Er muss Schuhe zur Reparatur bringen. Sein Weg führt an den Stellen vorbei, wo der Zigeunerjunge seinem Opfer aufzulauern pflegt. Helmut ist verzweifelt, er fühlt sich in die Enge getrieben. Er macht sich mit einem Hammer im Hemdsärmel auf den Weg. Jede Deckung nutzend, schleicht er sich durch die Straße, an den gefährlichen Hauseingängen und Toreinfahrten vorbei. Trotz aller Vorsicht und Mühe geschieht das Unglück. Als der Gegner plötzlich aus einem Hauseingang hervorspringt und sich vor ihm aufbaut, schlägt Helmut ihm aus Schreck sofort mit dem Hammer auf den Kopf. Der kippt um und bleibt liegen. Helmut rennt in Panik, ohne anzuhalten, über fünf Kilometer bis in die Elisabethstadt und auf Umwegen zum Hauptbahnhof, wo er erstmals atemlos innehält. Er getraut sich erst im Schutz der Dunkelheit nach Hause. Die Großmutter empfängt ihn mit den Worten, Ziganys Vater habe ihn sprechen wollen. Helmut sagt der Großmutter, sie solle den Mann, sollte er wieder kommen, in die Schule schicken. Der kommt tatsächlich in die Schule und sagt Helmut auf ungarisch, er wisse, dass sein Sohn ein kleiner Vagabund sei, er liege noch im Krankenhaus; doch sollte er Helmut noch einmal auflauern oder sonst etwas antun, so möge er es ihm mitteilen. In jenen Tagen wird Helmut zum Jäger. Mit seiner Schleuder, im Temeswarer Dialekt Tschudri genannt, geht er auf Taubenjagd. Mancher erlegte Vogel kommt zu Hause in den Kochtopf und hilft, den Hunger zu stillen. Eines Tages findet Helmut in der Nähe des Bega-Ufers ein Katzennest. Aus dem Wurf nimmt er sich ein schwarzweißes Kätzchen mit nach Hause. Der Kater Hinze wird ihm helfen, Tauben zu fangen. Ein wenig Kleingeld verdient sich Helmut als Ministrant in der Josefstädter Pfarrkirche. Dafür muss er auch sonn- und

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feiertags schon um 6 Uhr aufstehen. Das ist besonders im Winter sehr hart, aber notwendig. Denn für jeden Dienst in der Kirche gibt es Punkte, die in regelmäßigen Abständen in Geld umgerechnet werden. Manchmal bekommt Helmut 20 Lei, ein anderes Mal 50 Lei; für ihn, die Schwester und die Großmutter ein kleines Vermögen. Ein Liter Milch kostet in jenen Tagen zwei Lei. Aber nicht nur Helmut und seinen Verwandten geht es schlecht nach dem Krieg. Helmuts Schwester Herta geht zum Spielen zu Ildiko, der Tochter des Goldschmieds im Nachbarhaus. Dieser Mann erlebt schlimme Tage. Die Russen vermuten noch viel Gold bei ihm und foltern ihn, bis er zum Krüppel wird. Im Weber'schen Haus sind jetzt hohe Offiziere der Russen einquartiert. Im Hauptflügel etablieren sie neben der Kommandantur ein Freudenhaus. Auf dem Hof spielend, lernt Helmut manchen Offizier kennen - was ihm demnächst hilfreich sein wird. Denn er ist oft auf der Jagd nach Essbarem auf Feldern und in den Wäldern um Temeswar. Er traut sich auch in die Nähe der russischen Kaserne am anderen Ende der Stadt, im Jagdwald. Dort gibt es viel Wild. Der kleine Weber fängt Ringelnattern und Frösche, hebt Vogelnester aus und erlegt mit der Schleuder so manchen Zuchtfasan. Eines Tages erwischt ihn der Wachtposten und führt ihn wegen illegalen Betretens des Kasernengeländes ab. Er kommt aber sofort wieder frei, weil ihm Offiziere aus der Kommandantur in der ZrinyiGasse begegnen, die Helmut gut kennen. Die schenken ihm Schokolade und fragen ihn, ob er sich nicht etwas verdienen möchte. Helmut darf ihnen bei Schießübungen leere Wassereimer als Zielscheibe aufstellen. Legen die Russen mit ihren Karabinern auf den Eimer an, so verschwindet Helmut flink hinter einem dicken Baum, an dem die Kugeln vorbeipfeifen. Danach springt er wieder hervor, um den weggeschossenen Eimer aufzustellen. Oft erreicht er den schützenden Baum in letzter Sekunde, bevor die Schüsse krachen. Der sumpfige Jagdwald bringt Helmut nicht nur reiche Beute ein, sondern auch die Malaria. Er kommt ins Kinderkrankenhaus. Eine rumänische Ärztin besorgt von den Russen Chinin. Trotz sieben Rückfällen wird er nach einigen Jahren bis auf eine vergrößerte Milz mit leichter Überfunktion wieder gesund. Die Krankheit bringt Helmuts Rumpffamilie in noch größere Bedrängnis. Sie lebt jetzt von Almosen der Nachbarschaft. In der vierten Klasse ist der Schularzt entsetzt, als er Helmuts abgemagerten Körper sieht. Er fragt ihn, ob er keinen Appetit habe. Als der Arzt hört, dass er nichts zu essen habe, setzt er ihn auf die Liste der Schüler, die ein Armenfrühstück in der Schule bekommen. Es stammt aus den Beständen der russischen Besatzer. „Was wir bekommen haben, hat violett bis orange ausgesehen und nach verdorbenem Fisch und ranzigem Fett geschmeckt“, erinnert sich Dr. Weber, „doch ich habe es geschluckt, es hat mir geholfen. Andere haben das Essen nicht angerührt. Deren Portion habe ich dann ebenfalls verdrückt, vorsorglich, gegen den nächsten Hunger.“ In den ersten drei Klassen der Grundschule lernt Helmut nur gotisch schrei-

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ben. Weil die rumänische Schuldirektorin die in Sütterlin verfassten Schulunterlagen nicht lesen kann, darf Helmut aushelfen, was ihm auch den einen oder anderen Bissen einbringt. Dann hat er wieder Glück, er darf die Lokalzeitung austragen. Manch ein Kunde gibt ihm das Doppelte des eigentlichen Preises. Doch Helmut liefert im guten Glauben das ganze Geld im Verlag ab, wofür er viel Lob erntet. Helmut Weber ist eines der körperlich zurückgebliebenen Kinder in seiner Klasse, eines der schwächsten. „Mir konnte jeder den Arm umdrehen“, sagt er heute. In dieselbe Klasse geht auch Walther Achs, den er schon aus dem Kindergarten kennt. Die beiden sehen sich auch außerhalb der Schule fast täglich. Es entsteht die erste Jugendfreundschaft. Walthers Onkel ist Geräteturner und nimmt Walther zum Training mit in den Sportklub. Mit Walther geht dann auch Helmut regelmäßig turnen, um ehrgeizig für seine körperliche Fitness zu trainieren. Der Sport wird ihm zum lebenslangen Begleiter mit positiver Auswirkung auf seine körperliche Entwicklung. Die Mutter kehrt heim Nach mehr als fünf Jahren kehrt Helmuts Mutter aus der Verbannung heim. Sie hat die Lagerzeit mit ihrem starken Willen und Glück überlebt. Nach zwei schweren und langen Jahren unter Tage im Kohlebergbau kommt die Rettung. Eines Tages klagt eine der russischen Aufseherinnen, ihre teure Pelzmütze sei beschädigt worden. Helmuts Mutter bietet als Kürschnerin ihre Hilfe an und flickt die Mütze so, dass kaum noch etwas von dem Schaden zu erkennen ist. Ab sofort ist sie auf Betreiben einer russischen Offiziersfrau Leiterin der Pelzmanufaktur, hat ihr eigenes kleines Zimmer und gehört unter den Häftlingen zu den Großverdienerinnen. Als sie nach mehr als fünf Jahren Verschleppung auf dem Bahnhof in Temeswar eintrifft, sieht sie gut aus, trägt eine dicke, graublaue gesteppte Wattejacke, eine sogenannte Puffoaika, wie fast alle aus den Lagern Entlassenen. Sie erreicht Temeswar mit zwei vollgepackten Riesenkoffern und mit Rubel gefüllten Taschen. Helmut und seine Schwester sind zum Empfang zum Bahnhof gekommen. „Ich habe sie sofort erkannt“, sagt Dr. Weber, „doch sie sah uns erst nicht, denn sie wurde abgelenkt. Während wir auf sie zugelaufen sind, fiel ihr eine uns fremde Frau um den Hals, eine Mitgefangene, die etwas früher als sie nach Hause gekommen war. Dann hat meine Schwester die Mutter am Rockzipfel gezogen und gefragt: „Bist Du meine Mutti“. Fast 60 Jahre sind seit jenem Tag vergangen, doch wenn Dr. Weber die Ankunft der Mutter schildert, bebt ihm das Kinn, selbst ein paar Tränen kann er nicht unterdrücken. Daheim angekommen, ist die Mutter entsetzt über den Zustand der Großmutter. Aber mit ihrer Hilfe kommt sie wieder auf die Beine. Helmuts Mutter arbei-

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tet anfangs als Weberin. Schließlich wird sie durch gute Beziehungen Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft. Das ist in jenen Tagen eine gute Stelle - sie ist an der Nahrungsmittelquelle. Der Lohn, den sie erhält, reicht jedoch nicht aus. Deshalb arbeitet sie nachts als Kürschnerin. Helmut wird Gymnasiast. Er besucht die Abteilung des Diaconovici-LogaLyzeums mit deutscher Unterrichtssprache zusammen mit seinem Jugendfreund Walther Achs. Sein zweiter Jugendfreund und späterer Fluchthelfer Stefan Pinkert, der dritte im Bunde, wird nicht angenommen, weil die kommunistischen Machthaber seine Eltern, die Kleinbauern sind, als Ausbeuter einstufen. Stefan Pinkert muss eine Arbeit annehmen und kann sich dann am Abendgymnasium anmelden. Als Arbeiter hat er dann, nach „sanierter, gesunder sozialer Herkunft“ die Berechtigung, zu studieren, entsprechend der kommunistischen Ideologie. Lehrer wie Dr. Hans Weresch, Franz Lux, Aglaia Ionescu und Anton Höckl prägen Helmut Webers Weltbild, aber vor allem der Rumänisch-Lehrer Usatiuc, den er schon von der Volksschule her kennen und schätzen gelernt hat. „Ein begnadeter Pädagoge“, sagt Dr. Weber. Er wurde von seinen Schülern respektiert und geliebt. Während seines Unterrichts, ob Vorträge über spannende Literatur oder trockene Grammatik, ist alles mucksmäuschenstill und hängt an seinen Lippen. Zu Helmuts Klasse gehört auch Franz Lotter, der Sohn eines Tischlers, der im Winter mit lumpenumwickelten Füßen zur Schule kommt. Lehrer Usatiuc setzt den Jungen, der kaum Rumänisch kann, direkt neben den wärmenden Ofen. Usatiuc gibt ihm eine Chance, hilft ihm, den Abschluss im Fach rumänische Sprache zu machen und einen Beruf zu erlernen. Eines Tages erlebt Helmut, wie die Schulsekretärin des Lyzeums einen Anruf entgegennimmt und ihn, der zufällig im Sekretariat ist, bittet, Professor Usatiuc ans Telefon zu rufen. Am anderen Ende der Leitung war, wie sich später herausstellen wird, der Geheimdienst, die Securitate. Nach Übermittlung dieser Nachricht sieht Helmut Weber den Lehrer nie wieder. Er bedauert es noch heute, der Übermittler dieser Hiobsbotschaft gewesen zu sein. Viele Jahre später trifft Helmut als Student im Sportsaal der Medizinfakultät in Temeswar einen jungen Mann namens Usatiuc. Es ist der Sohn seines ehemaligen Lehrers. Jetzt erfährt Helmut, dass sein geachteter Rumänischlehrer ins Arbeitslager am Donau-Schwarzmeer-Kanal verbannt worden war, unter dem Vorwand, die Konterrevolution unterstützt zu haben. Professor Usatiuc ist im Arbeitslager elend umgekommen. Erste Fluchtpläne In der achten Klasse schmieden Helmut Weber und seine Freunde Walther Achs und Stefan Pinkert die ersten Fluchtpläne. Sie denken über alle möglichen und

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unmöglichen Fluchtvarianten nach. Eine ist der Weg über die grüne Grenze. Schon als Schüler kommt Helmut Weber in den Sommerferien in Altbeschenowa an die serbische Grenze. Er sieht in den Ferien seinem Großonkel zu, wie er den Grenzstreifen mit vorgespanntem Pferd eggt. Nachts hört er aus der Ferne, aus Richtung jugoslawischer Grenze, die prasselnden Salven der Schnellfeuergewehre und das trockene Knallen der Karabiner. Der Großonkel meint dann, „warum lässt man sie nicht einfach gehen?“ Aber es sind oft nicht Flüchtlinge, sondern rumänische Grenzer, die dem damals häufigen Schusswechsel mit den verfeindeten „Tito-Schergen“ zum Opfer gefallen sind. Eine andere Fluchtvariante ist das Fliegen. Über Modellflug, Segelflug und Fallschirmspringen kommt Helmut Weber auch zum Motorflug. Das aufregendste war der erste Sprung mit dem Fallschirm. Davor durchlebt er die erste und bisher einzige schlaflose Nacht seines Lebens. Der zweite, und leider auch letzte Sprung ist schon ein großartiges Erlebnis. Helmut besteht auch die Prüfung als Motorflieger, erhält aber wegen politischer Unzuverlässigkeit keine Gelegenheit, zu fliegen. Trotz strenger Beschränkung der Fluglizenzen auf linientreue Lehrgangsteilnehmer, werden binnen einiger Monate fast alle Kleinflugzeuge aus Rumänien entführt. Die Tankfüllungen der Flugzeuge werden deshalb reduziert, so dass eine Flucht auf dem Luftweg fast unmöglich wird, weil das Benzin nicht für einen Flug über die Staatsgrenze reicht. 1955 ist ein Jahr der Entscheidungen in Helmuts Leben. Abitur und die Aufnahmeprüfung an der Medizinfakultät stehen an. Mit Sorge sieht seine Mutter diese Herausforderungen auf ihren Sohn zukommen, hat er doch als Deutscher ohne Parteibuch und mit „ungesunder sozialer Herkunft“, als Sohn eines selbständigen Handwerkers, also eines „Ausbeuters“, kaum Chancen, die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Die „soziale Note“ könnte zu niedrig sein und auch bei besten Zensuren in den Fachdisziplinen ein Studium unmöglich machen. Hinzu kommt, dass erhebliche Summen zur Bestechung der Prüfer praktisch die Regel sind, will man die Aufnahmeprüfung bestehen. Eine große Erleichterung sind deshalb die „Ehrendiplome“, die Abiturienten mit ausschließlich Bestnoten in jenen Jahren erhalten. Damit können sie sich ohne Aufnahmeprüfung an einer Hochschule ihrer Wahl immatrikulieren. Helmut rechnet sich gute Chancen aus, er erhofft sich ein „Ehrendiplom“. Das Abitur gelingt wie angestrebt mit der Note 5,0 (in Deutschland 1,0). Seine Hoffnung auf ein „Ehrendiplom“ ist groß. Umso größer ist dann die Enttäuschung, dass ihm keines ausgestellt wird. Helmuts Mutter spricht bei Schuldirektor Heinz Feichter vor und bittet ihn, dies zu begründen. Seine Begründung ist konstruiert: Helmut habe in Mathematik vor dem Abitur nicht die erforderlichen Leistungen erbracht, in Algebra und Geometrie habe er zwar die Bestnote, aber in Trigonometrie, kein Prüfungsfach, keine. Außerdem helfe ein „Ehrendiplom“ Helmut sowieso nicht weiter, weil er keine ausreichende „soziale No-

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te“ für eine Aufnahme an einer Universität bekommen würde. Das Diplom verleiht Direktor Feichter einer Abiturientin, deren Leistungen ebenfalls an der Grenze zum „Ehrendiplom“ stehen. Zum Unterschied zu den Webers jedoch versorgt die Verwandtschaft dieser Absolventin Feichters Haushalt reichlich mit Naturalien wie Schinken, Speck und Eiern. Dazu ist Helmuts Mutter nicht in der Lage. Was Helmuts Mutter befürchtet, tritt ein: Er besteht die Aufnahmeprüfung an der Medizinfakultät nicht, die „soziale Note“ ist ungenügend. Helmut nimmt eine Beschäftigung in der Hutfabrik an, in der Hoffnung, damit als Arbeiter eingestuft zu werden und eine bessere „soziale Note“ bei der Aufnahmeprüfung 1956 zu haben. Auch muss er helfen, das Geld für die „Privatstunden“ zu verdienen, die jene Hochschul-Professoren anbieten, die auch die Aufnahmeprüfungen abnehmen. So kassieren sie die Bestechungsgelder scheinbar legal. Helmut und seine Mutter arbeiten jetzt fast ausschließlich, um diese „Privatstunden“ bezahlen zu können, die Helmut nur abends nach Dienstende besuchen kann. Im Mai muss er den Arbeitsplatz aufgeben, um sich ausschließlich auf die Aufnahmeprüfung für Juli und August vorzubereiten. Im zweiten Anlauf schafft er es: Er wird Medizinstudent. Von mehr als 1400 Kandidaten werden 116 aufgenommen, darunter auch Helmut und sein Freund Walther Achs. Als Helmut die Zulassungsliste eingesehen hat, läuft er von der Fakultät zur nahegelegenen Post und teilt die frohe Botschaft seiner Mutter telefonisch mit. Die Erleichterung und die Freude der beiden über den gemeinsam erkämpften Erfolg sind groß. Als Student erkrankt Helmut Weber Ende des zweiten Semesters nach einem Besuch der Molkerei in Perjamosch nach reichlichem Genuss frischer Milch und Milchprodukte an Bauchtyphus; er kann sich nicht zur Jahresprüfung stellen, was für seine spätere Tätigkeit von Bedeutung sein wird. Fast hätte Helmut durch die Krankheit das erste Studienjahr wiederholen müssen, aber mit der Unterstützung seines behandelnden Arztes, Professor Theodor Vladimir Buşilă vom Epidemiespital, kann er die im Juni wegen Krankheit versäumten Prüfungen ausnahmsweise im September nachholen und so das erste Studienjahr doch noch erfolgreich abschließen. Schon im Kindergarten singt Helmut gerne im Kinderchor und übt als Achtjähriger mit einem Kroaten aus der Nachbarschaft auf der Ziehharmonika. Als Gymnasiast ist er von der Jazz-Musik begeistert. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als ein Musikinstrument zu spielen. Mit Walther Achs hört er bis spät in die Nacht Jazz, ausgestrahlt von verbotenen ausländischen Radiosendern, aber nur leise, damit Nachbarn nichts hören und sie nicht anzeigen können. Sehr beeindruckt ist Helmut von seinem Klassenkollegen Richard Oschanitzky, ein außergewöhnlich begabter Schüler, ein Musikgenie mit absolutem Gehör, der schon als Zwölfjähriger Messen komponiert, die im Dom zu Temeswar aufge-

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führt werden. Richard spielt regelmäßig die Orgel in der Kirche am LahovariPlatz. Er komponiert und improvisiert Jazz und Kirchenmusik, die verboten sind. Pater Lukas gibt ihm Tor- und Orgelschlüssel der Kirche, damit er nachts üben kann und nicht gehört wird, denn die Securitate hat überall ihre Spitzel. Helmut ist oft dabei und blättert die Partituren. Er ist beeindruckt von Richards Musik. Deshalb will auch er Klavier spielen lernen. Weil es fürs Klavier finanziell nicht reicht und das Instrument in der engen Wohnung auch nicht unterzubringen wäre, entscheidet er sich für Klarinette und Saxophon. In dem ersten Klarinettisten der Banater Philharmonie, Mihail Vlădoi, hat er einen hervorragenden Lehrer. Nach einigen Jahren ist er in der Lage, die zweite Klarinette oder Bassklarinette in der Banater Philharmonie zu vertreten. Richard Oschanitzky studiert inzwischen an der Akademie der Künste in Bukarest, wo er mit seinem Talent den einzigen Studienplatz für Komposition und Dirigat erhalten hat, und das sogar als Deutscher ohne Parteibuch. Inzwischen übt auch Walther Achs oft gemeinsam mit Helmut Klarinette und Saxophon. Walther ist schon seit Jahren ein guter Schüler des bekannten Geigenlehrers Josef Brandeisz. Weil er musikalisch begabt und im Notenlesen geübt ist, kann er auch ohne Klarinetten- oder Saxophonunterricht gut mitspielen. Walther und Helmut spielen regelmäßig an Wochenenden in Tanzorchestern und kommen damit auch zu relativem Wohlstand - sehr zur Erleichterung von Helmuts Mutter, die bis dahin alleine für die Familie gesorgt hat. Helmut wird auch Mitglied im Studentenorchester, das von Richards jüngerem Bruder, Peter Oschanitzky, geleitet wird. So kann Helmut eine von den Kommunisten geforderte sozial-kulturelle Tätigkeit vorweisen und ist damit zumindest teilweise befreit von anderen lästigen Anordnungen wie „freiwillige“ Arbeit auf dem Feld oder Entladen von Gütern, überwiegend Baumaterialien auf Bahnhöfen und Lagerplätzen. Verbotener Jazz Die Orchesterproben finden überwiegend in den späten Abendstunden statt. Wegen des Stundenplanes, aber auch, weil oft verbotene Jazz-Musik des Klassenfeindes USA gespielt wird. Eines Tages zeigt ein Spitzel sie an. Ein von der kommunistischen Partei beauftragter Funktionär erscheint abends unangemeldet zur Orchesterprobe, während dieses einen Blues einspielt. Er droht mit schweren Strafen. Peter Oschanitzky lässt das Orchester zwei Stücke spielen, den „Basin-Street-Blues“ und „Oh, St.-Louis-Women“. Er behauptet, das wären die Lieder der vom Kapitalismus unterdrückten Farbigen in den USA. Diese Idee nimmt der durch die Musik beeindruckte, leicht angeheiterte Politkontrolleur freudig auf, entschuldigt sich wortreich für das Missverständnis und geht. Die Orchestermitglieder sind erleichtert und amüsiert, sie sind Peter Oschanitzky für

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seinen Geistesblitz dankbar. Ab sofort sind sie aber alle noch vorsichtiger, um der Securitate keinen Anlas zur Einschränkung der nächtlichen künstlerischen Freiheit in der Auswahl der Musikstücke zu geben. Ende des Jahres bekommt das Studentenorchester den Auftrag, zu Silvester 1961 den „verdienten Parteikadern“ aufzuspielen. Dazu hat Helmut keine Lust. Er will sich die Neujahrsnacht nicht von der Partei verplanen lassen, vor allem seinen Schwarm nicht der Konkurrenz überlassen. Er befolgt den Parteiauftrag nicht und wird deshalb in mehreren langen Verhören bedroht, kann dann aber die Exmatrikulation von der Hochschule abwenden. Er bedauert seine „Tat“ und gelobt Besserung. Glücklicherweise hat er keine belastenden Vermerke in seinen Personalakten nach den Studentenunruhen von 1956 in Temeswar, die im engen Zusammenhang stehen mit dem Volksaufstand in Ungarn. In Temeswar sind im Herbst 1956 massive Truppenbewegungen der Russen in Richtung ungarischer Grenze zu sehen. Nichts ahnend, fährt Helmut zur Hochschule und ist erstaunt über die Militärpräsenz. Hochschule und Studentenheim sind umstellt. Gerade noch kann Helmut die Sperre passieren und erfährt, dass Studentenunruhen ausgebrochen seien und eine Demonstration geplant sei gegen die russische Besatzung. Aus dem Hochschulgebäude soll eine Nachricht ins Wohnheim nebenan gebracht werden. Weil Helmut noch am Eingang steht, wird ihm diese zugespielt. Er läuft damit in Richtung Wohnheim, wo er sich am Eingang aus dem Griff des sich ihm entgegenstellenden Wachtpostens windet und die Treppen hinaufspringt. Hinter ihm prasselt eine Salve aus einer Schnellfeuerpistole in die Wand des Treppenhauses. Nach einigen Stunden der Protestrufe werden die Studenten aus dem Heim mit vorgehaltenen Handfeuerwaffen abgeführt und auf Militärlastwagen in ein Lager außerhalb der Stadt transportiert. Helmut gelingt es während der Vorbeifahrt an der Kathedrale vom Auto abzuspringen und sich in die Büsche des Stalinparks zu schlagen. Er entkommt, ist am Abend daheim und entgeht mit dem gewagten Sprung der Eintragung in die Liste „konterrevolutionärer Elemente“, in der alle vorübergehend auf einem Kasernenhof festgehaltenen Studenten festgehalten werden. Weil seine Eltern kurz vor dem Krieg ihre eigene Manufaktur hatten, entgeht Helmut 1958 nur knapp einer Exmatrikulation. Der Säuberungsaktion von 1958 fallen einige seiner Gymnasialkollegen zum Opfer, so auch Richard Oschanitzky in Bukarest, der wieder in Temeswar auftaucht und auch prompt ein JazzOrchester gründet, das schon nach einigen Monaten große Erfolge feiert und deshalb von den Parteikadern nach Bukarest beordert wird. Das Studium darf er nach einem Jahr fortsetzten und sehr erfolgreich beenden. Später macht er erfolgreich Karriere und ist auch Dirigent des Internationalen Musik- und Chanson-Festivals in Kronstadt. Zusammen mit Richard Oschanitzky plant Helmut die Entführung eines Flug-

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Flugzeugs auf der Flugroute von Bukarest-Arad-Temeswar-Bukarest. Diese Fluchtvariante lassen sie aber fallen, nicht zuletzt wegen der Unzuverlässigkeit der Flugzeuge, denn beim Absturz einer Maschine auf dem Flug Bukarest-Arad sind auch einige Mitglieder aus Richards Jazz-Orchester umgekommen. Helmut beendet die Hochschule und absolviert anschließend den Wehrdienst als Leutnant der Reserve im Sanitätsdienst. Am 6. Juli 1963 heiratet er Hildegard Wuchner, die Tochter eines Handwerkers aus der Temeswarer Elisabethstadt, die medizinisch-technische Assistentin wird. Es folgt eine unvergessliche Hochzeitsreise auf einem 250er BMW-Motorrad. Sie führt über die Karpaten ans Schwarze Meer und ins Donaudelta. Danach tritt Weber einen Arztposten in Epidemiespital Victor Babeş in Temeswar an, und zwar bei seinem Mentor, Professor Buşilă. Aber sein Ziel ist ein Ort in der Nähe der jugoslawischen Grenze. Sein Studienkollege und Freund Walther Achs wird Arzt im Buchenland. Achs, Pinkert und Weber schmieden jetzt fieberhaft Fluchtpläne. Flucht der Freunde bringt Ärger Dann ist die Chance unerwartet greifbar nahe. Helmuts Mutter kommt als Kürschnerin mit einem Securitate-Offizier in Kontakt. Dieser informiert 1964 Webers Mutter, dass Tagesausflüge nach Belgrad möglich sein werden. Dr. Helmut Weber bereitet die Flucht durch Jugoslawien bis ins kleinste Detail vor. Zu sechst wollen sie die Reise mit Motorrädern in die jugoslawische Hauptstadt antreten. Allen wird die Reise genehmigt außer Weber und seiner Frau. Stefan Pinkert mit seinem Freund Dieter Stein, später Kinderarzt in Gaißach bei Bad Tölz, und die Brüder Karl und Armin Bappert fahren in den frühen Morgenstunden des 9. März 1965 bei winterlichen Temperaturen und Straßenverhältnissen in Temeswar los und erreichen mit ihren relativ schwach motorisierten und überlasteten 125er Motorrädern nach abenteuerlicher ununterbrochener Fahrt über den berüchtigten Autoput, die jugoslawische Autobahn, gegen 21 Uhr erschöpft und halb erfroren Marburg an der Drau, wo sie gezwungen sind, eine Ruhepause einzulegen und zu übernachten. Am nächsten Morgen sind es nur noch wenige Kilometer bis zur österreichischen Grenze. Große Spannung, ob man in Rumänien ihr Ausbleiben schon bemerkt und den Jugoslawen gemeldet hat? Sie nähern sich dem Grenzübergang, die jugoslawischen Grenzer winken sie nach kurzer Passkontrolle durch, sie erreichen bei Spielfeld Österreich die Freiheit. Die Flucht der Freunde bringt Dr. Weber Ärger ein. Er gerät in die Fänge der Securitate. Der Geheimdienst wirft ihm vor, er habe von der Flucht Kenntnis gehabt. Er hält entgegen, er habe nichts damit zu tun, er wolle nicht flüchten, sondern zusammen mit seiner Frau legal ausreisen. Deshalb habe er auch einen Antrag auf Umsiedlung in die Bundesrepublik Deutschland gestellt. Wegen

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dieses Antrags hat er keine Erlaubnis für einen Tagesausflug nach Belgrad erhalten. Beim Geheimdienst nehmen ihn drei Offiziere in Empfang. Sie drohen: Der Ausgang des Verhörs könnte schicksalhaft sein. Wenn er nicht mit der Securitate zusammenarbeiten wolle, werde er zum Staatsfeind gestempelt, und das habe schwerwiegende Konsequenzen. Eine Folge tritt bald ein: Dr. Weber verliert seine Stelle am Lehrstuhl für Epidemiologie in Temeswar und wird versetzt. Ab 1. Juli 1965 ist er Arzt im Gesundheitsamt Orawitz im Südbanat, nahe der serbischen Grenze. Dr. Webers Frau, Anästhesieassistentin im Bega-Krankenhaus in Temeswar, lässt sich etwas später auf Antrag in die chirurgische Abteilung des Kreiskrankenhauses Orawitz versetzen. Das Ehepaar bezieht auf Antrag von Kreisverbandsarzt Dr. Nicolae Creţu und mit freundlicher Genehmigung des Chefarztes der Abteilung für Infektionskrankheiten Dr. Constantin Son eine winzige provisorische Bleibe in der Isolationszelle der Infektionsabteilung des Kreiskrankenhauses Orawitz. Im Gesundheitsamt Orawitz hat sich eine ziemlich inkompetente Mannschaft zusammengefunden. Weber trifft Kollegen, die kaum Ahnung von Medizin haben. Indoktrinierte, parteihörige, linientreue Gesellen. Einziger Lichtblick ist der Kollege Dr. Attila Marosi, ein befreundeter Ungar, den Dr. Weber schon aus der Studienzeit in Temeswar gut kennt. Trotz aller Unzulänglichkeiten, Dr. Weber ist glücklich, nach Orawitz versetzte worden zu sein. Er ist zuständig für einen ganzen Kreis, der eine etwa 100 Kilometer lange Grenze zu Jugoslawien hat. Er unternimmt viele Dienstfahrten, steht unzählige Male am Grenzstreifen. Dann gibt es eines Tages Alarm. Bei Bosowitsch findet eine Roma-Hochzeit statt. Das Fleisch des Hochzeitsschmauses soll von Trichinen befallen sein. Im ganzen Südbanat sind damals noch Infektionskrankheiten wie Hepatitis, Typhus, Tollwut und Salmonellen verbreitet. Die Erreger und die von ihnen verursachten Krankheiten sollen ausgerottet werden, heißt die im Ministerium für Gesundheit in Bukarest ausgegebene Devise. Dr. Weber bekommt den Auftrag, durchzugreifen und die Hochzeitsgäste zu untersuchen. Doch ohne Polizei-Hilfe geht das nicht. Er bekommt Unterstützung; die Polizei umzingelt die gesamte Hochzeitsgesellschaft. Der für den Einsatz zuständige Offizier wundert sich, dass er sich auf Anordnungen eines „Vaterlandsverräters“ so ins Zeug legen müsse. Dr. Weber und seine Mitarbeiter aus dem Gesundheitsamt müssen den Hochzeitsgästen Blut abnehmen. Doch keiner der mitgenommenen Helfer ist dazu qualifiziert. Denn diesmal gilt es nicht, das Blut aus einer Vene zu entnehmen, sondern aus der Schlagader der Leistenbeuge. Weil keiner diese Technik beherrscht, muss Dr. Weber diese Arbeit selbst verrichten. Die Untersuchungen ergeben, dass viele Hochzeitsgäste mit Trichinen infiziert sind. Dr. Weber, der die Roma aufklärt und ihnen mit seiner Diagnose hilft, gewinnt in dem Zigeu-

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nerkönig einen neuen Freund. Aber auch andere Sippenmitglieder werden sich noch seiner erinnern. Fast zehn Jahre später, nach gelungener Flucht, macht er Urlaub in Paris; in Saint-Germain-de-Prés, ruft von einem Verkaufsstand auf der Straße ein Gaukler im Banater Dialekt der Donauschwaben Dr. Weber zu, „du Schwob (Schwabe) aus Temeswar, kennscht mich net mehr, ich war in Bosowitsch bei d'r Trichinen-Hochzeit“. Eines Tages kommt Gertrude Bär, eine Freundin Hildegard Webers, mit Willy Rist, ihrem Freund aus Ravensburg, nach Orawitz zu Besuch. Dabei ist auch Dr. Webers Schwägerin Annelie Burgermeister geborene Wuchner, heute in Unterhaching bei München zu Hause. Sie wollen mit Willy Rists Hilfe in seinem Pkw mit deutschem Kennzeichen flüchten. Willy soll erst sie bis zur Grenze bei Stamora-Morawitz bringen, dann allein nach Jugoslawien fahren, und sie nach illegalem Grenzübertritt mit dem Auto in Weißkirchen erwarten und durch Jugoslawien über Österreich nach Deutschland fahren. Der Augenblick war günstig, denn die Grenzer hatten an jenem Abend eine Übung. Die Frauen vertreten die Meinung, die Flucht sei wohl doch zu gefährlich. Willy Rist und Dr. Weber fahren dann allein an den von Dr. Weber für den Übertritt ausgekundschafteten Grenzabschnitt westlich der Nera, einem Nebenfluss der Donau, der nach Ansicht Dr. Webers zu dieser Zeit vorübergehend weniger bewacht ist. Wegen einer Wehrübung seien die Posten nur knapp besetzt. Die beiden gehen an dieser Stelle tatsächlich unbemerkt ein paar Schritte nach Serbien hinüber und wieder zurück auf die rumänische Seite. Die Gelegenheit wäre also günstig gewesen. Willy Rist hätte sie wie geplant auf der serbischen Seite abholen können. Eine vergebene Gelegenheit, der Dr. Weber später noch lange ärgerlich nachgrübelt. Für Dr. Weber wird es jetzt noch enger, denn die Grenztruppen finden seine und Willy Rists provozierenden Spuren auf dem Grenzstreifen. Die Securitate lädt ihn eine Woche später vor. Er wehrt alle Verdächtigungen ab und weist die Offiziere darauf hin, dass der Grenzübertritt zum Pinkeln aus Versehen geschah und unbeabsichtigt war. Damit sei doch bewiesen, dass er keine Fluchtpläne hege, im Gegenteil, er wolle das Land nur legal verlassen. Wir schreiben das Jahr 1965. Es ist Frühjahr. Im Kreisgesundheitsamt trifft ein Brief vom Gesundheitsministerium in Bukarest ein mit einer Liste, auf der Epidemiologen aus ganz Rumänien aufgeführt sind, die zur Spezialisierung nach Bukarest entsandt werden sollen. Darauf steht zur großen Verwunderung seines Chefs Dr. Marius Pelle und der Securitate in Orawitz auch Dr. Helmut Webers Name. Er geht im September 1966 nach Bukarest, seine Frau ist schwanger. Ein Jahr lang wird er monatlich zwischen dem Banat und Bukarest pendeln und im Juli 1967 wieder in Orawitz sein. Die Einladung zur Weiterbildung bekommt er keineswegs zufällig. Dr. Weber, der Literaturrecherchen über Tollwut betrieben hat, wird eines Tages vom

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Leiter des Programms zur Bekämpfung dieser Krankheit gebeten, in der Berggegend von Neumoldowa den Ursachen des Auftretens der Tollwut nachzugehen. Dr. Weber weiß aus einem Artikel in einer Fachzeitschrift, dass in Mexiko Forscher an Tollwut erkrankt sind, die sich in Höhlen aufgehalten haben, in denen Schwärme von Fledermäusen leben. Auch rund um Sicheviţa gibt es Höhlen mit Fledermäusen, in die sich die Bevölkerung während der Hitzeperioden zurückzieht. Der ärztliche Direktor, der das Programm zur Tollwutbekämpfung im Bukarester Ministerium für Gesundheit leitet, weiß von Webers wissenschaftlichem Interesse an diesem Thema und bittet ihn, mitzuarbeiten. Angeleitet vom Bericht über Tollwut bei Fledermäusen in Mexiko, sammelt Weber Köpfe von Fledermäusen in den Höhlen dieser Gegend, um sie in Glasbehältern, in verflüssigtem Stearin konserviert, zur Untersuchung nach Bukarest zu schicken. Die Überprüfung des eingesandten Materials bestätigt den Verdacht: Ein Teil der Fledermäuse ist tatsächlich Träger des Tollwuterregers. Während des Weiterbildungskurses bietet der Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Inframikrobiologie „Stefan Nicolau“ Dr. Weber einen Posten in Bukarest an. Er fragt ihn, was er denn bei diesen Dummköpfen in der Provinz für Perspektiven habe. Am Lehrgang nehmen 15 ausgewählte Epidemiologen teil. Sie sind im Studentenwohnheim am Ufer der Dâmboviţa relativ komfortabel in Vier-BettZimmern untergebracht. Dr. Weber besitzt ein Transistor-Kofferradio. Das Risiko, von Kollegen im Studentenwohnheim wegen Empfangs westlicher Sender angezeigt zu werden, ist groß. Dr. Weber hört vorsichtshalber nur deutsche Sender, denn außer dem deutschen Programm rumänischer Sender sind auch solche aus der DDR zu empfangen, so dass die Kollegen, die alle kein Deutsch verstehen, zwar vermuten, aber nicht sicher sind, dass er regelmäßig auch Westsender hört. Spannend wird die Situation mit den sich überstürzenden Nachrichten aus China, wo die „Kulturrevolution“ in vollem Gange ist, sowie dem sich anbahnenden Sechs-Tage-Krieg im Nahen Osten. Selbst treueste Parteigenossen unter den Kollegen sind neugierig und kommen mit der Bitte zu Dr. Weber, Radio „Freies Europa“ und andere Westsender in rumänischer Sprache hören zu können. Dr. Weber leiht das Radio den linientreuen Genossen aus, um so nicht für den illegalen Empfang verbotener Sender verantwortlich zu sein. Sein Interesse gilt jetzt hauptsächlich der bevorstehenden Geburt seines ersten Kindes. Am 3. Juni 1967 kommt Tochter Sigrid zur Welt. Seine Schwägerin schickt ihm das erfreuliche Telegramm: „Mutter und Tochter gesund“. Auf seine Fragen an die linientreuen Genossen, die sein Radio ausgeliehen haben, was sie zu den Ereignissen in China oder Israel meinen, bekommt er keine klare Antwort. Sie haben keine Meinung und sagen: „Erst nach dem Parteitag werden wir wissen, was richtig ist“. Für diese Kollegen ist die Partei allwissend, hat immer recht und macht alles richtig. Eine eigene Meinung ist da

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nicht gefragt, auch nicht erlaubt, eher gefährlich. Denken und Handeln der Genossen werden von der Partei bestimmt. Der „Typus des neuen Menschen“ ist bei diesen Genossen verwirklicht, selbständiges politisches Denken verboten, abgeschafft. Widerspruch zu Parteiparolen ist undenkbar, lebensgefährlich. Entsprechend der Parteilinie ist selbstverständlich Israel der Kriegstreiber. Auf die Frage, wieso ein so kleiner Staat mit zahlenmäßig unterlegenen Streitkräften Interesse an einem Krieg haben kann, heißt es, die Amerikaner steckten dahinter. Nur mit deren Hilfe siege Israel. Die USA sind am Übel dieser Welt schuld, aber der Kommunismus wird siegen. Im Trainingslager des Geheimdienstes Während des Sechs-Tage-Krieges vom 5. bis 10. Juni 1967 zwischen Israel auf der einen und Ägypten, Jordanien und Syrien auf der anderen Seite leiht sich auch ein jüdischer Kollege, der sich mit Dr. Weber und weiteren zwei Ärzten das Zimmer teilt, das Radio aus, um den Kriegsverlauf verfolgen zu können. Das Radio bringt Dr. Weber so nun doch Ärger ein. Die Securitate wirft ihm Agitation für den Westen vor. Doch er ist schon deren Mitarbeiter, und alle weiteren Anschuldigungen verstummen plötzlich. Denn der Geheimdienst hat ihn schon im November 1966 ins Haus des Zentralen Armeesportklubs in Bukarest bestellt. Dort empfängt ihn ein athletischer Typ in Trainingsanzug. Dieser ist Offizier und Ausbilder im Trainingslager der Securitate und überzeugt Dr. Weber mit unmissverständlichen Argumenten, einen Vertrag zu unterschreiben und an einem Spionage-Lehrgang teilzunehmen, denn eine Alternative dazu gebe es nicht, wolle er seine Frau wiedersehen. Der stellvertretende Gesundheitsminister Ştirbu kann sein Angebot, Dr. Weber in Bukarest zu beschäftigen, nicht aufrechterhalten, weil Dr. Weber 1964 einen Ausreiseantrag gestellt hat. Ştirbu rät ihm, den Antrag zurückzuziehen, doch er lehnt ab, denn er will nach Deutschland ausreisen. Dr. Weber ist voll beschäftigt mit dem Lehrgang, den Forschungen im Labor und abends mit dem Spionagelehrgang, zu dem neben Theorie auch brutaler Kampfsport, Übungen mit Waffen und Sprengmaterial gehören. Dr. Weber hat jetzt einen Securitate-Ausweis, der ihm fast alle Türen öffnet. Er hat ein zusätzliches Taschengeld, besucht Theatervorführungen, geht in Konzerte, trifft auch wieder Richard Oschanitzky, der nach Abschluss seines Studiums Dirigent des Rumänischen Rundfunkorchesters wird und nebenbei Jazz am Klavier in Bukarester Luxusrestaurants spielt, insbesondere bei offiziellen Empfängen von Gästen der Regierung aus dem westlichen Ausland. Im April 1967 ist es in Bukarest schon recht warm. Im Stadtteil Fundeni werden neue Kliniken gebaut. Es ist ein Prestigeobjekt, auf das Partei- und Staatschef Nicolae Ceauşescu ein Auge wirft. Eines Tages kommt die alarmierende

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Nachricht: Auf der Baustelle ist Typhus ausgebrochen. Unter den für die Baustelle Verantwortlichen geht die Angst um. Einige hundert Arbeiter sind schon erkrankt. Dr. Weber besichtigt im Auftrag von Professor Ştirbu die Baustelle und findet defekte Leitungsrohre in der Trinkwasserversorgung und überlaufende Latrinen. Die Arbeiter trinken verunreinigtes Wasser, die hygienischen Zustände sind katastrophal. Die Ursache ist somit rasch gefunden, aber noch längst nicht beseitigt. In dieser Zeit erfährt Dr. Weber von einem Kollegen, der seinerseits zuständig ist für Lebensmittelkontrollen, über schlimme Zustände in einer Bukarester Bierfabrik. Auch dort hat die kommunistische Misswirtschaft Unheil angerichtet. Verschobenes und gestohlenes Bier wird durch Nachfüllen von Wasser in die Biertröge ersetzt. Weil jemand jedoch vergisst, das Wasser rechtzeitig abzustellen, laufen die Tröge über, aus dem Kanalsystem kommen massenhaft Ratten in die Brauerei. In vier der insgesamt zwölf riesigen Tröge der Brauerei schwimmen eines Morgens unzählige Rattenkadaver. In der Brauerei kommt Dr. Weber die Idee: Mit Bier könnte er die Typhusepidemie auf der Krankenhausbaustelle gut bekämpfen. Er schlägt dem Brauereidirektor einen Kompromiss vor. Von Ratten will er nichts gesehen haben, wenn der Direktor ihm das verdünnte Bier aus den noch rattenfreien Zisternen überlässt. Der Direktor akzeptiert den Vorschlag. Das Bier wird weiter verdünnt und soll auf der Baustelle den Arbeitern ausgeschenkt werden. Dr. Weber bescheinigt im Gegenzug dem Brauereidirektor, dass das verseuchte Bier entsprechend den Vorschriften entsorgt worden wäre. Auf Dr. Webers Empfehlung unterbricht der Bauleiter die Wasserzufuhr, besorgt Limonade und Mineralwasser, und Dr. Weber lässt das Bier kommen. Eine Woche lang gibt es auf der Baustelle kein Leitungswasser, nur dünnes Bier, Limonade und Mineralwasser aus Zisternen und Flaschen zu trinken. Danach gibt es keine neuen Krankheitsfälle mehr. Der Baustellenleiter lässt in dieser Zeit die Wasserleitungen reparieren; die Zahl der Zapfstellen wird um die Hälfte reduziert, um alles besser unter Kontrolle zu haben. Die Epidemie ist gestoppt. Am Ende des Spezialisierungskurses steht eine Prüfungsarbeit. Aus einer Auswahl mehrerer verschlossener Briefumschläge wird von einer Kollegin das schriftliche Prüfungsthema gezogen, die Epidemiologie der Masern. Die Arbeiten werden anonymisiert abgegeben. Benotet werden sie von 1 bis 20. Die beste Note ist die 20, eine 14 heißt nicht bestanden. Ştirbu, der stellvertretende Gesundheitsminister und Lehrgangsleiter, stellt die Ergebnisse vor den versammelten Kollegen in der Reihenfolge der Noten vor. Erst bedauert er das schlechte Abschneiden von zwei Kollegen. Die besten Ergebnisse stellt er zum Schluss vor. Abschließend sagt er: „Und jetzt kommt eine Arbeit, die mir in Erinnerung bleiben wird“. Nach Eröffnung des Siegels verstummt er mit langem Gesicht

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und ergänzt trocken, „es ist Dr. Webers Arbeit“. An den Gesichtszügen ist Ştirbus Enttäuschung zu erkennen. Es wäre ihm lieber gewesen, die Arbeit stammte aus einer anderen Feder. Der Lehrgang ist endlich vorbei, und Dr. Weber kann endlich zu Frau und Tochter nach Temeswar zurückkehren. Er wird vom 15. bis 18. November 1967 nochmals zur Prüfung in Bukarest sein, die er erfolgreich besteht. Als Facharzt für Epidemiologie wird er ab sofort die Abteilung für Epidemiologie im Kreis Karasch-Severin leiten. Nach der Rückkehr aus Bukarest sieht Dr. Weber zum ersten Mal seine sechs Wochen alte Tochter Sigrid. Nun hat er eine richtige Familie, ein großes Gefühl mit neuer Verantwortung. Sigrid ist ein sehr zarter Säugling, der trotz bester Fürsorge und Pflege nur zögerlich gedeiht. Um das Kind optimal betreuen zu können, arbeitet die Mutter nach der Entbindung in einem Büro in Temeswar als technische Zeichnerin und nicht mehr in der mit Narkosegasen belasteten Atmosphäre des Operationssaals des Kreiskrankenhauses in Orawitz. Durch die vereinten Bemühungen von Mutter und Großmutter entwickelt sich Sigrid im Spätsommer 1967 zur Freude der Familie in Haus und Hof der Großeltern immer besser. Dr. Weber pendelt jetzt mit seiner BMW zwischen Temeswar und Orawitz über eine Straße voller Dauerbaustellen. Landwirtschaftsmaschinen, Pferdegespanne, Gänse und Schafherden, unzählige Schlaglöcher und ausgefranste Straßenränder sowie morastiger Belag behindern den Verkehr der überlasteten, unfallträchtigen Landstraße. Der Vater des Studienkollegen Dr. Uwe Kleitsch verliert auf dieser Straße bei einem Motorradunfall ein Bein, weil er eine am Straßenrand ungesichert und unbeleuchtet abgestellte Baumaschine streift. Bei einem Autounfall auf dem Heimweg schleudert der Wagen einer Arztfamilie aus Orawitz auf Kies und Geröll gegen einen Baum. Alle Familienmitglieder sind tot. Auch Dr. Weber soll bald erfahren, wie gefährlich diese Straße ist. An einem Freitag, nach der Rückkehr von einer anstrengenden Dienstreise in den Banater Bergen, durchgeschüttelt im Dienstwagen des Hygieneinstituts Orawitz, fährt Dr. Weber mit seiner BMW noch spät abends nach Temeswar. In der Dunkelheit muss er sehr vorsichtig sein, nicht nur wegen der bekannten Unwägbarkeiten, sondern auch wegen des häufigen Wildwechsels in der Gegend um Orawitz. Es ist trocken, aber bewölkt, die unbeleuchtete Straße ist stockdunkel. Anfangs kommt er gut vorwärts. Die kurvenreiche Straße ist frei, lediglich ungesicherte Baustellen und Schlaglöcher behindern die Fahrt. Dr. Weber hat schon mehrere im Schlaf versunkene Dörfer hinter sich, da taucht plötzlich ein Pferdegespann im Scheinwerferlicht auf, danach ein zweites. Als er einen der schwer beladenen Wagen überholen will, bäumen die Pferde, um anschließend loszugaloppieren. Die Hinterachse des Leiterwagens schleudert ruckartig nach links, und Dr. Weber kracht mit der BMW voll gegen das linke Hinterrad. Er wird im hohen Bogen über Wagen geschleudert und bleibt bewusstlos am rechten Straßenrand liegen. Nach etwa 30 Minuten kommt

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er wieder zu sich, geblendet vom Scheinwerferlicht eines schweren Lkw. Der Lkw-Fahrer rüttelt ihn und ruft, „was fällt dir ein, dich hier auszuruhen, fast hätte ich dich geplättet, steh auf, oder ich muss dich in die Leichenhalle fahren“. Seine Rettung war der Sturzhelm und die im Straßengraben liegende BMW, deren Motor weiter tuckerte. Der Lkw-Fahrer hat zuerst das Rücklicht gesehen und erst dann die am Straßenrand liegende Gestalt. Der Fahrer verständigt auf Dr. Webers Bitte einen ehemaligen Kollegen vom Gymnasium, der in jener Zeit leitender Agraringenieur in der nahen Gemeine Großscham ist. Dieser kommt sofort zur Unfallstelle, lässt Dr. Weber samt Motorrad mit einem Lkw in eine Werkstatt nach Temeswar fahren. Dort entpuppt sich der Schaden als tiefe Kerbe im Tank. Das Wagenrad mit dem eisernen Reifen hat Webers rechtes Knie nur um eine Handbreite verfehlt. Die Abenteuer und Erlebnisse auf der Landstraße und am Arbeitsplatz während der Orawitzer Zeit notiert sich Dr. Weber in einem Tagebuch. Diese Aufzeichnungen müssen wegen ihres brisanten politischen Inhalts geheim gehalten werden. Niemand weiß davon. Es entstehen daraus nach und nach mehrere Kurzgeschichten und Erzählungen, die den bedrückenden Alltag des kommunistischen Systems und die darunter leidenden Menschen schildern. Als Dr. Webers Großonkel Hans Seebacher aus Linz in Österreich zu Besuch bei Familie Weber in der Leningrader Straße (früher Gaşpar-Mihai- und Sorin-Titel-Straße) in Temeswar weilt, erklärt sich dieser bereit, eines der Manuskripte mitzunehmen und in Österreich der freien Presse zur Veröffentlichung anzubieten. Readers Digest teilt Weber per Post mit, eine der Kurzgeschichten drucken zu wollen. Der Verlag bittet Weber um sein Einverständnis. Dem Brief folgt ein kleines Geschenk: ein Füllfederhalter und ein Kugelschreiber. Jetzt ist Dr. Weber klar, dass höchste Gefahr droht. Er muss die Notizen verstecken, am besten vernichten. Während einer Kontrollfahrt zu den Schnapsbrennereien in der Umgebung von Orawitz übernachtet Dr. Weber bei einem befreundeten Bauern und übernimmt die Überwachung der Feuerstelle der Brennerei. Unbeobachtet kann er dort die Manuskripte verfeuern. Einige Tage später erfolgt eine Wohnungsdurchsuchung, und die Securitate stellt ihn wegen der Post von Readers Digest zur Rede. Nur mit Mühe kann er sich aus der Affäre ziehen. Im Winter 1967/68 geht es Dr. Weber schlecht. Er ist in den Bergdörfern bei Sicheviţa auf Inspektion, wo ihn der Wintereinbruch mit einem Schneesturm überrascht. Er kann tagelang nicht weg, die Dörfer sind von der Umwelt abgeschnitten. Die Lebensbedingungen der Leute sind ärmlich bis primitiv. Viele Menschen mit Lücken und Fehlstellungen der Zähne fallen ihm auf. Angesichts des Elends und der trüben Zukunft nehmen Dr. Webers Fluchtpläne jetzt immer konkretere Formen an. Die Sorgen kreisen um Frau und Tochter. Wie kommen sie am besten unbeschadet und so schnell wie möglich über die Grenzen bis nach Österreich? Es gibt vieles zu bedenken. Er grübelt oft bis tief in die Nacht.

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In Neumoldowa begegnet Dr. Weber in den letzten Monaten immer mehr deutschen Kollegen. Dem Chirurgen Horst Mußar, dem Radiologen Herbert Gion, dem HNO-Spezialisten Heinz Noll. Sie alle sind in den letzten Monaten hierher versetzt worden. Sollten sie ähnliche Hintergedanken haben wie er? Es verbietet sich, danach zu fragen, im Interesse der eigenen Sicherheit. Im Sommer 1968 verkauft Dr. Weber seine BMW, um deutsches, österreichisches und serbisches Geld eintauschen zu können, das ihm sein Großonkel aus Linz mitbringt. Langes Warten auf ein Schlauchboot Inzwischen planen Dr. Weber und sein Freund Dr. Walther Achs weiter. Sie meinen, der Weg über die Donau sei der bessere. Es dauert ein Jahr lang, bis sie im Besitz eines Schlauchboots sind. Walthers Vater ist Abteilungsleiter eines Konsumgütervertriebs und besorgt ihnen ein Boot. In den Sommermonaten 1968 und 1969 üben sie wochenlang auf der Temesch, um das Boot mit den Paddeln beherrschen zu lernen. Anfangs ist es zum Verzweifeln. Das kleine Schlauchboot dreht sich wie wild in der reißenden Strömung des Flusses, es ist kaum zu bändigen. Das Boot kentert immer wieder, bis sie paddeln können. Aber auch das Aufblasen will gelernt sein. Anfangs benötigen sie eine Stunde, um genügend Luft über einen gebastelten Gummischlauch mit Motorradventil in die zwei getrennten Luftkammern zu pusten. Das Üben lohnt sich: Zum Schluss reicht eine knappe Viertelstunde, ohne dass ihnen dabei allzu schwindlig wird. In Orawitz bekommt Dr. Weber inzwischen eine Gelegenheit, sich als Arzt zu bewähren. Ins Epidemiespital wird eine Hochschwangere mit Verdacht auf Gelbsucht eingeliefert. Weber untersucht sie und stellt fest, es handelt sich nicht um eine infektiöse, ansteckende Gelbsucht, sondern um eine hormonell bedingte Schwangerschaftsgelbsucht, die nach der Geburt ohne Behandlung wieder abklingt. Weber setzt sich mit seinem ehemaligen Chef, Professor Theodor Vladimir Buşilă, in Verbindung. Buşilă, der Dr. Weber schon an der Hochschule in Temeswar ins Herz geschlossen hat, rät ihm, einen Artikel in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen. Dr. Weber folgt dem Rat und sichert sich als Mitautoren Professor Buşilă und die Ärztekollegin Dr. Doina Stănescu, mit der er seine antikommunistische Einstellung teilt. Der Artikel erscheint, die Position Webers gegenüber der Securitate und seinem Chef im Hygieneinstitut Orawitz festigt sich. Das ist auch notwendig, denn inzwischen hat in Rumänien eine Gebietsreform stattgefunden. Die 16 Landesregionen mit den vielen Rayons sind aufgelöst, das Land ist jetzt in 39 Kreise aufgeteilt. Dr. Webers neue Zentrale ist jetzt in Reschitz, in der Banater Stahlfeste. Jetzt bekommt er es auch mit zusätzlichen Securitate-Offizieren und einem neuen Dienstchef zu tun. Letzterer ist zwar mit einer Deutschen verheiratet, aber Deutschenhasser.

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Im Uranbergbau von Ciudanoviţa herrschen unbeschreibliche Zustände. Direktor Marius Pelle schickt Dr. Weber zur Kontrolle ins Bergwerk. Er muss auch die Arbeitsbedingungen beim Urantransport im Hafen von Neumoldowa kontrollieren. Er stellt fest, dass nur ein Teil des begehrten Erzes nach Russland geht, der weit größere Teil aber für harte Währung in den Westen geliefert wird. Auch um die abgeschiedenen Bergwerkdörfer im Gebiet Sicheviţa muss er sich weiter kümmern. Er gelangt jetzt in eine abgelegene Gegend, in der die Mehrheit der Bergarbeiter an Siliko-Tuberkulose, der schwersten Form einer sogenannten Staublunge, leiden. In einigen abgelegenen und schwer zugänglichen Orten der Gegend, in den Bergen nördlich von Sicheviţa, sind Missbildungen wegen Verwandtschaft sehen häufig. Die Behausungen sind ärmlich, die Hütten mit Maislaub gedeckt. Bei der Ankunft am Sanitätsstützpunkt trifft er einen Sanitäter an, der nur einen schon eher grauen als weißen Kittel, und darunter lediglich eine Unterhose mit einem gelben Fleck vorne und einem braunen Streifen hinten trägt. Mit einer einzigen Spritze impft dieser „Sanitäter“ alle Patienten. Die Kanülen trägt er im Kragen seines Kittels. Ein Greis undefinierbaren Alters fragt Dr. Weber auf der Dorfstraße, wie es denn Kaiser Franz Joseph noch gehe. Eine Eisenbahn hat noch keiner der Dorfbewohner gesehen. Dr. Webers Bericht über die Zustände unter Tage und in den Ortschaften der Gegend löst in der Chefetage des Zentralen Gesundheitsamtes einen Riesenkrach aus. Denn er hat die Wahrheit festgehalten, die aber will niemand hören. Sein neuer Chef im Kreisgesundheitsamt in Reschitz bestellt ihn zum Rapport. Der Chef bekommt einen Tobsuchtsanfall. Dr. Weber sagt dem Chef, er sei nicht nach Reschitz gekommen, um sich anbrüllen zu lassen, und schon gar nicht, um sich inkompetenten Anweisungen zu fügen. Der Chef lässt ihn wissen, er könne diesen Bericht nicht annehmen. Dr. Webers stellt seinem Chef frei, den Bericht umschreiben, ob er, Dr. Weber, ihn dann aber noch unterschreiben könne, müsse er abwarten. Dr. Weber handelt sich mit diesem Verhalten eine Strafe ein. Er wird von Orawitz nach Neumoldowa versetzt und erhält den Auftrag, sich mehr um die Bergleute in der Gegend von Sicheviţa zu kümmern, deren Schicksal er als so erbärmlich geschildert habe und für das er mitverantwortlich sei. Eine inzwischen nach Sicheviţa versetzte ungarische Ärztekollegin empfängt Dr. Weber bei seinem ersten Besuch mit der Nachricht, sie beabsichtige nicht, dort zu bleiben, sie wolle so schnell wie möglich aus dieser Gegend mit derart aussichtslos katastrophalem Gesundheitszustand der Bevölkerung zurück in ihre Heimat nach Neumarkt am Mieresch. Dr. Weber versucht, so gut er nur kann, korrekt zu arbeiten. Als nicht vertrauenswürdiges „Element“ muss er besser sein als andere und durch Leistung überzeugen. In Sicheviţa erlebt er, wie zwei Ärzte aus Reschitz zur Kontrolle anrei-

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sen. Sie haben aber nichts anderes im Sinn, „als zu fressen und zu saufen“. Die ungarische Ärztin bemüht sich, ein paar Hühner aufzutreiben und ein Essen zuzubereiten. Die angereisten Inspektoren kümmern sich tatsächlich um nichts. Nach durchzechter Nacht unterschreiben sie, alle Mängel ignorierend, Dr. Webers Protokolle unbesehen und wünschen ihm weiter gute Erfolge. Zwei Wochen später ist Dr. Weber erneut in Sicheviţa. Die ungarische Ärztin ist weg; als neuer Kreisarzt ist der Siebenbürger Sachse Dr. Walther Schuschnigg gekommen. Es zeigt sich schnell, dass Schuschnigg ebenfalls flüchten will. Sicheviţa, nahe zum Donauufer gelegen, wäre ein guter Ausgangspunkt für die Flucht. Dr. Weber nimmt sofort Verbindung zu den geflüchteten Freunden Stefan Pinkert und Dieter Stein in Deutschland auf und vereinbart einen Treffpunkt am serbischen Donauufer. Auf der Straße entlang des serbischen Donauufers, an der Stelle gegenüber der Mündung eines kleinen Donauzuflusses auf der rumänischen Seite, etwa 5 Kilometer südlich von Sicheviţa, sollten sie zwischen Mitternacht und 3 Uhr Dr. Walter Achs, Dr. Weber mit Frau und Tochter sowie Schuschnigg mit Frau erwarten. Sie sollten sie alle, nachdem sie über die Donau geschwommen sind, aufnehmen und nach Deutschland fahren. Bald darauf kommt Dr. Walther Achs nach Orawitz zu Besuch, um die Flucht zu wagen. Dr. Weber und Dr. Achs fahren zu Schuschnigg nach Sicheviţa, um die Lage zu erkunden. Doch Schuschnigg hat inzwischen kalte Füße bekommen und ist nicht wie vereinbart in seiner Praxis anzutreffen. Sie verbringen den Abend in der Arztwohnung, verlassen diese um 21 Uhr, gehen erst einige Kilometer auf der menschenleeren Dorfstraße in Richtung Donau und erreichen kurz vor Mitternacht, jetzt im ausgetrockneten Bett des aus Sicheviţa kommenden Baches, das Donauufer. Vorsichtig, wie in den Büschen an der Temesch geübt, schleichen sie den ausgetrockneten Bach entlang weiter bis zum Donauufer. Bald merken die beiden, dass sie beobachtet werden. Sie eilen auf leisen Sohlen im Schutze der Dunkelheit zurück, steigen durchs vorsorglich nicht verschlossene Fenster wieder ins Arzthaus ein und legen sich rasch in die Betten. Etwa 15 Minuten später hören sie hastige Schritte und Stimmen einer Grenzpatrouille im Gespräch mit einem Wachtposten vor dem Ärztehaus. Im nächsten Augenblick hämmern die Grenzer mit den Fäusten an die Schlafzimmertür. Dr. Weber öffnet mit vorgetäuscht verträumtem und vorwurfsvollem Gesicht. Die Häscher haben lange Gesichter. Die vermeintlich Flüchtigen stehen in Schlafanzügen vor ihnen. Auch der Wachtposten vor dem Ärztehaus bestätigt, dass niemand das Haus verlassen hätte. Beide sind durchs Hinterfenster unbemerkt ins Haus zurückgekehrt. Der Suchtrupp ist zu spät gekommen. Dieses Abenteuer endet noch einmal gut. Stefan Pinkert und Dieter Stein warten leider vergeblich mit dem Pkw am serbischen Donauufer. Bei Anbruch der Morgendämmerung treten sie die Heimreise an. Eines Tages versucht die Securitate Dr. Weber eine Falle zu stellen. Er ist auf

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der Donauinsel Ostrov, um die Molkerei der Schafhirten zu kontrollieren. Dr. Weber übernachtet mit den Hirten auf der Insel. Die Grenzsoldaten werden bei Wachwechsel abgeholt, aber Dr. Weber wird zurückgelassen. „Das war Absicht, sie hätten es gerne gesehen, dass ich einen Fluchtversuch unternommen hätte.“ Gegen 4 Uhr weckt ein Hirte Dr. Weber, die Grenzer sind da, sie wollen ihn sehen. Der Hirte sagt Dr. Weber, die Soldaten seien schon die ganze Nacht unterwegs und hätten immer wieder vorbeigesehen. Weil Dr. Weber den von Grenzern und Securitate erhofften Fluchtversuch nicht unternimmt, fahren sie ihn am nächsten Morgen von der Insel zurück in sein Hafenbüro. In Handschellen abgeführt Dr. Weber kann die ihm zugeteilte Wohnung in Neumoldowa noch nicht beziehen - sie ist noch Baustelle. Deshalb übernachtet er bei seinem Assistenten Gheorghe in Neumoldowa. Eines frühen Morgens im August 1968 hört er lautes Klopfen am mächtigen Eingangstor des Hauses. Nach einigen Minuten banger Vermutungen stürmt ein Securitate-Major mit Begleitung ins Zimmer und nimmt Dr. Weber „im Namen des Volkes“ fest. Er legt ihm Handschellen an und bringt ihn nach langer nächtlicher Fahrt über Berg und Tal nach Reschitz. In der Kaserne der Securitate schubsen und stoßen ihn Mitarbeiter in einen finsteren Kellerraum, der lediglich ein vergittertes Oberlicht als Luftloch hat. Es vergehen zwei Tage, in denen Dr. Weber außer seinem stummen Bewacher nichts sieht. Der Bewacher sitzt ihm gegenüber an einem leeren Schreibtisch, starrt ihn ab und zu an oder geht auf und ab. Einmal täglich wird ihm ein Blechnapf mit Maisbrei gereicht. Der Raum ist lediglich mit Tisch und Stuhl ausgestattet, ein Bett fehlt. Nach zwei Tagen taucht ein Offizier auf und gibt Dr. Weber die bei der Festnahme weggenommene Reisetasche zurück. Er fragt ihn nach seinem Namen und den Namen der Eltern und Großeltern. Er möchte wissen, warum er, Weber, Rumänien habe illegal verlassen wollen und ob er sich dessen bewusst sei, dass ein illegaler Grenzübertritt Vaterlandesverrat bedeute und dieses Vergehen streng bestraft werde. Dann ist Dr. Weber wieder allein. Vom Hof hört er durchs Luftloch entsetzliche Schreie, begleitet von klatschenden Schlägen. Ein Offizier betritt den Raum und schweigt wieder stundenlang. Der Dr. Weber schon bekannte Major löst diesen Offizier ab. Er beschimpft Dr. Weber und flucht, schlägt ihm einmal gegen den Kopf und droht mit Prügel. Dann geht er wieder. Das wiederholt sich mehrmals - eine Woche lang. Als Dr. Weber seine Tragetasche wieder hat, entnimmt er ihr Essen, doch das sieht der Aufseher, der ihm prompt die belegten Brote wegnimmt. Danach kommt ein bisher nicht an der Befragung beteiligter Polizeioffizier und fragt, wie er sich fühle. Dr. Weber ist erstaunt über die unerwartet höfliche Nachfrage

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und sagt ihm, er sei sehr durstig. Der Polizist erlaubt ihm, die zu dem Raum gehörende Toilette zu betreten. Weil es keinen Wasserhahn gibt, steigt Weber auf die Toilettenmuschel und trinkt Wasser aus dem Spülkasten. Als er die Toilette verlässt, sagt der Polizist, er hätte nichts gesehen. Dr. Weber ist richtig hungrig - er kramt in seiner Tasche, entdeckt einen Apfel und isst ihn. Der erste Bissen nach drei Tagen. Mehr ist ihm nicht geblieben. Am Nachmittag setzt der Geheimdienst das Verhör fort. Der Offizier möchte wissen, ob er auch gesehen habe, was am Morgen auf dem Hof geschehen sei, und fügt sofort hinzu, wenn er nicht geständig sei, werde es ihm genau so ergehen. Am Nachmittag setzt wieder das Jammern auf dem Hof ein. Dr. Weber zieht sich am Gitterfenster hinauf und sieht, wie zwei Polizisten mit Ketten auf einen Mann einprügeln. Er hört, wie einer der Polizisten zu dem Gepeinigten sagt: „Idiot, sag, wo du das Gold versteckt hast, und du bist frei“. Dann ist es plötzlich still. Der Geschlagene gibt keinen Ton mehr von sich. Dr. Weber hört, wie einer der beiden Polizisten sagt: „Du bist ein Esel, warum hast du ihn erschlagen?“ Der Angesprochene entgegnet: „Was willst du denn, jetzt ist der Fall wenigstens aufgeklärt und abgeschlossen, und wir sind um einiges reicher“. Die beiden Totschläger haben sich die Wertsachen des Erschlagenen, vermutlich auch das Gold angeeignet. Um das zu vertuschen, haben sie ihn erschlagen. Schauprozess Ende der zweiten Woche taucht in der Zelle ein weiterer Securitate-Offizier auf, schlägt dem übermüdeten und auch schon etwas benommenen Dr. Weber gegen den Kopf und fordert ihn auf, ein Papier zu unterschreiben. Er unterschreibt, ohne zu wissen, was auf dem Papier steht. Auf seine Frage, „darf ich erst lesen“, nimmt der Offizier zum Schlag aus und brüllt, „semnează imediat - unterschreibe, sofort“. Am nächsten Morgen wird er aus der Zelle geholt. In Handschellen fahren ihn Securitate-Schergen ins Kultur- und Arbeiterhaus der Stadt Reschitz. Der Schauprozess beginnt um 14 Uhr. Der Versammlungssaal im Arbeiterhaus ist voll besetzt. In der ersten Reihe sitzen Dr. Webers Mitarbeiter aus Orawitz und Reschitz. Neben seinem früheren Chef Marius Pelle ist ein Platz frei für Dr. Weber. Ein Securitate-Offizier überreicht ihm seine persönlichen Sachen. Dr. Weber nimmt Platz neben Pelle. In der Riege der Securitate-Leute, die auf der Bühne Platz genommen haben, ist auch der Offizier, der Weber genötigt hat, das Papier zu unterschreiben. Er leitet den Prozess, ergreift das Wort und teilt den Versammelten mit, er eröffne das Volksgericht gegen Weber. Der muss sich erheben und zum Publikum wenden. Der Offizier fragt, wie oft er die Grenze überschritten habe und beschuldigt ihn des Vaterlandverrats. Es folgen zahlreiche teils gleichlautende Verleumdungen aus dem Auditorium von Personen, die Dr. Weber nicht kennt. Die Anklage endet mit der Feststellung des

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Securitate-Offiziers, jetzt wisse jeder, dass Weber ein Verbrecher sei. Danach betreten Dr. Webers Chef Pelle, „eigentlich kein schlechter Mensch“, und Traian Bucăţea, Leiter des Hygiene-Instituts Reschitz, die Bühne und fügen weitere Anschuldigungen hinzu, mit der Anmerkung, dass fachlich an Weber nichts auszusetzen und damit sein illoyales Verhalten der Partei gegenüber umso bedauerlicher sei. Dr. Weber muss während des ganzen Schauprozesses stehen. Mehrere Bekannte, aber auch Unbekannte ergreifen das Wort und schildern erneut, jetzt sehr ausführlich, die angeblichen Untaten und das unkollegiale Verhalten Webers, das sie angeblich täglich erlebt haben. Die übliche Anrede „Genosse“ lassen sie stets weg. Sie bezeichnen ihn immer wieder als Staatsfeind und Verräter, beschimpfen ihn und behaupten, er wäre der Republikflucht überführt worden. Sein langjähriger Ex-Chef Pelle hat den Auftrag, Dr. Weber zu charakterisieren. Er nennt ihn einen Staatsfeind, Verräter und Republikflüchtling. Während eines unbeobachteten Moments gibt Pelle Dr. Weber Handzeichen, mit denen er ihm bedeutet, dass er nach dem Schauprozess nicht verhaftet wird. Um den Schein zu wahren, erteilt der Vorsitzende Securitate-Offizier Dr. Weber das Wort. Er muss jetzt so tun, als ob er alles bereute. Er beteuert, dass er ein neues Kapitel in seinem Leben aufschlagen wolle. Der Vorsitzende resümiert, ein Klassenfeind sei hiermit hoffentlich erfolgreich zur Ordnung gerufen worden. Ein Securitate-Offizier droht Dr. Weber anschließend, er solle sein Leben sofort und radikal ändern und sich den Richtlinien der Partei unterordnen, sonst werde er für immer von Frau und Kind getrennt. Damit ist die Versammlung aufgehoben; die Leute dürfen den Saal verlassen. Der Securitate-Offizier, der ihm die Unterschrift abgenötigt hat, befiehlt Dr. Weber, zu verschwinden. Von all dem, was seit der Verhaftung in Neumoldowa geschehen ist, weiß in Temeswar niemand, auch Dr. Webers Familie nicht. Seine Frau ist noch in Temeswar tätig und wohnt bei den Eltern in deren Haus in der Schweiz-Gasse 87 (heute Brâncoveanu-Straße). Dr. Weber verlässt in Begleitung seines Assistenten Petru Lungu das Arbeiterheim. Lungu hat den Auftrag, Dr. Weber nach Hause zu begleiten. Es ist Freitagnachmittag, ein milder, sonniger Oktobertag. Dr. Weber geht als erstes in eine Gaststätte und bestellt Mici (Ćevapčići) und ein Bier. Lungu setzt sich einfach zu ihm an den Tisch, betrachtet sich als eingeladen und greift unverschämt und fleißig zu. Dr. Weber teilt Lungu mit, er brauche nicht zu warten, denn er fahre nicht nach Orawitz, sondern nach Temeswar. Gegen 17 Uhr geht Dr. Weber in Richtung Bahnhof und trifft überraschend seinen Gymnasialkollegen und Freund Adolf Rittersporn, der mit Familie in Reschitz wohnt und arbeitet. Er lädt Dr. Weber ein, bei ihm zu übernachten. Er sagt Dr. Weber, er habe auch ins Arbeiterhaus zum Prozess gewollt, habe aber nicht gewusst, worum es sich handelt. Wegen des großen Andrangs sei er nicht mehr eingelassen worden.

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Nach einer Übernachtung bei Adolf fährt Dr. Weber am nächsten Tag nach Temeswar. Was geschehen ist, behält er für sich. Zurück im Dienst in Orawitz, trifft Weber Bucăţea bei Pelle in hitziger Diskussion. Bucăţea, sein jetziger Chef, meint, „du bist noch einmal davongekommen. Das Volkstribunal sollte dich lediglich disziplinieren. Hast noch einmal Glück gehabt, obwohl eine maßgebliche Entscheidungsträgerin meint: ›Warum soviel Aufhebens, lasst ihn doch einfach verschwinden‹. Also Vorsicht, von nun an darfst du dir den Mund nicht mehr verbrennen“. Bucăţea bestätigt Dr. Weber, er sei jetzt offiziell mit der zusätzlichen Aufgabe betreut, den Sanitätsdienst im Hafen von Neumoldowa zu versehen und zum Hafenarzt ernannt. Dr. Weber weiß genau, dieser Dienst wird von der Securitate besonders überwacht. Nach längerem Hin und Her bekommt Dr. Weber auch schriftlich vom Amt für Raumordnung eine Zweizimmerwohnung in einem der zehn neuen Plattenbauten zugewiesen, die demnächst in der Nähe des Hafens von Neumoldowa bezugsfertig werden sollen. Im selben Wohnblock werden auch der Securitateund der Polizeichef von Neumoldowa einziehen, der eine im Erdgeschoss, der andere im ersten Stockwerk. Beide sagen es Dr. Weber direkt: „Wir haben auch die Aufgabe, dich zu beschützen“. Auch Dr. Webers Frau wird in Neumoldowa keinen Schritt tun können, ohne beschattet zu werden. Die Arbeit, die Dr. Weber zusätzlich im Sanitätsdienst des Hafens von Neumoldowa versehen muss, hilft ihm beruflich weiter. Er kommt an ausländische Medikamente heran, die mit den aus Passau kommenden Donauschiffen eingeschleust werden. Diese Medikamente sind eine Voraussetzung für den Aufbau eines privaten Patientenstamms. Vor allem braucht er Mittel zur Behandlung von Nierenleiden, besonders für Patienten mit endemischer Nephritis (ständig auftretender Nierenentzündung), die in der Gegend häufig ist, vermutlich wegen der Strahlung beim Abbau des Uranerzes. Er kommt auch in den Besitz von wirksamen Medikamenten von Pharmaherstellern im westlichen Ausland, die er zur Behandlung von Rheuma, Infektionen, Stoffwechsel- und Herz-Kreislaufkrankheiten braucht. Dr. Weber hat zwar schon eine Weile seinen Arbeitsplatz in Neumoldowa, aber die Securitate verwehrt ihm noch immer den Zutritt zu der zugesagten Wohnung. Das ändert sich jedoch schlagartig, als er die an Rheuma leidende Mutter des Stadtparteisekretärs binnen einer Woche wieder mobil gemacht hat. Der Parteisekretär ordnet an, ihm die Einzugserlaubnis für die seit Monaten zugesagte Wohnung sofort auszuhändigen. In der neuen Wohnung sieht es jedoch schlecht aus. Kurz vor Wintereinbruch fehlen unter anderem Heizkörper und Armaturen, Türklinken und Fenstergriffe. Beim Securitate- und Polizeichef im Erdgeschoss und im ersten Stock ist es nicht anders. Diebstahl auf dem Bau ist in jenen Tagen die Regel. Der Polizeihauptmann, zuständig für Ordnung und Sicherheit in der Stadt, und Dr. Weber gehen gemeinsam in benachbarte, noch

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nicht bezogene Wohnblocks und demontieren all das, was in ihren Wohnungen fehlt: Armaturen, Wasserhähne, Schalter und Heizungsverschlüsse. Dr. Weber besorgt sich in Temeswar Wertheim-Schlösser, um die erbeuteten Materialien bis zum Einzug in die neue Wohnung zu sichern. Im Spätherbst 1968 ist es endlich soweit, Webers können einziehen. Aus der neuen Wohnung hat Dr. Weber aus dem Küchenfenster der 4. Etage eine unverstellte Sicht über einen Grenzabschnitt neben dem Hafengelände. Dort will er mit dem Schlauchboot ablegen. Dr. Weber beobachtet oft stundenlang die Bewegungen der Grenzsoldaten, den Wachwechsel, die Patrouillen. Er kann aber kein System dahinter erkennen, alles ist chaotisch. Inzwischen versorgt sich Dr. Weber mit ausländischer Währung. Der Onkel aus Linz ist zu Besuch und bringt Deutsche Mark, österreichische Schilling, serbische Dinar und USDollar. Dr. Walther Achs ersteht von einer Tante US-Dollar, Teil ihrer Ersparnisse aus der Vorkriegszeit. Im Sommer 1969 ist Webers Frau hochschwanger und zieht wieder zu ihren Eltern nach Temeswar. Dr. Weber fährt dienstlich häufig die Gegend ab und sammelt genaue geographische Anhaltspunkte für die Flucht. Er betreut und vergrößert seinen privaten Patientenstamm und knüpft Bekanntschaften mit den lokalen Größen. Er ist so oft wie möglich zu Besuch bei Frau und Tochter in Temeswar und übt häufig mit dem Schlauchboot auf der Temesch gemeinsam mit Dr. Walther Achs während dessen mehrwöchigen Sommerurlaubs. Am 21. August 1969 kommt Sohn Dietmar in Temeswar zur Welt. Ende September ist Familie Weber wieder in Neumoldowa vereint. Der sonnige Spätsommer 1969 zieht die Webers immer wieder in die Weinberge am nördlichen Donauufer. Die Südhänge ermöglichen eine weite Sicht über die Donau, bis tief nach Jugoslawien hinein. Von dort oben aus kann er den Blick schweifen lassen von Belobreşca am rumänischen Ufer bis zum Kirchturm in Weißkirchen, aber auch über die Donauinsel Ostrov zum serbischen Ufer von Golubac bis Veliko Gradište. Letzteres ist das Ziel, das die Flüchtlinge zu Fuß werden erreichen müssen, weil dort die Endstation des Linienbusses nach Belgrad ist. Dr. Weber träumt von der Freiheit und fühlt, es ist höchste Zeit, zu fliehen, denn sonst zieht die Securitate die Schlinge immer enger. Er weiß, im Winter 1969/70 muss er weg. Die Vorbereitungen sind längst im Gange. In Serbien könnte er bei einer Familie in Ovča nordöstlich von Belgrad unterkommen. Walthers Halbbruder, Anton Vintan, der in Bad Säckingen lebt, kennt eine rumänische Bauernfamilie in Ovča noch aus den 1950er Jahren, als im Banat Partisanen unterwegs waren und Beziehungen nach Jugoslawien unterhalten haben. Der Bauer in Ovča weiß, dass Walthers Bruder ihn für die Übernachtung fürstlich entlohnen würde. Dr. Weber ist überzeugt, die Flucht müsse, um gute Erfolgsaussichten zu haben, bei extremen Wetterverhältnissen, zum Beispiel bei strengem, womöglich stürmi-

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schen Winterwetter stattfinden. Dann sind die Chancen am größten, unbeobachtet ans Donauufer zu kommen und über das Wasser ans serbische Ufer zu gelangen. Er muss lediglich herausfinden, wie Walther unbemerkt nach Neumoldowa kommen kann und wie sie den Wohnblock mit Frau und Kindern unbemerkt verlassen können. Die Securitate lauert, der Polizeichef ist aufmerksam, aber auch Kollege Dr. Heinz Noll ist immer wieder da und drängt auf einen gemeinsamen Fluchtplan. Aber Dr. Weber kann schon aus Sicherheitsgründen nicht darüber sprechen, und ins Schlauchboot passt keine weitere Person mehr. Inzwischen meldet unerwartet Dr. Webers Schwägerin Annelie ihren Besuch in Neumoldowa an. Er versucht den Besuch zu verhindern, indem er zu den Schwiegereltern nach Temeswar fährt, um als Täuschungsmanöver eine Schweineschlacht zu planen und dafür auch eine Anzahlung zu leisten. Er kündigt an, dass seine Frau in den Tagen des Schlachtfestes mit den Kindern nach Temeswar kommen werde. Die Schwägerin sollte erst danach zu Besuch nach Neumoldowa kommen. Im Schneetreiben zur Donau Die Flucht ist für Anfang Dezember geplant. Dr. Achs kommt so gut wie unbeobachtet bei Webers in Neumoldowa an. Das Wetter, auf das sie warten, will sich aber nicht einstellen. Dr. Achs ist schon fast eine Woche bei den Webers versteckt in der Wohnung, aber Kälte und Schnee lassen weiter auf sich warten, obwohl ein Wintereinbruch vorhergesagt ist. Der Samstag und der Sonntag vergehen, dann entscheidet sich Walther, nach Hause zu fahren, denn eine zu lange, über die genehmigte Urlaubszeit hinaus dauernde Abwesenheit wäre verdächtig. Am Montag, dem 6. Dezember, kurz nach Walthers Abreise um 16 Uhr, bricht dann das sehnlich erwartete Winterwetter herein. Die Temperatur fällt unter minus 30 Grad, und es setzt heftiges Schneetreiben ein. Der Linienbus startet zwar in Richtung Temeswar, aber er kommt nicht weit. Schneeverwehungen auf den Bergstraßen zwingen den Fahrer, umzukehren. Zurück in Neumoldova, gelangt Dr. Achs im dichten Schneetreiben von der Busstation unerkannt zurück in Webers Wohnung. Als er gegen 22 Uhr an die Wohnungstür klopft, ist Dr. Weber im Erdgeschoss beim Securitate-Mann, der ihn zum Trick-Track-Spiel eingeladen hat. Webers Frau ruft ihn unter einem Vorwand aus der Partie, um ihm mitzuteilen, dass Walther zurück sei. Es stürmt und schneit bei eisigen Temperaturen, an ein Verlassen der Wohnung ist nicht zu denken. Erst im Laufe des Dienstag, es haben sich inzwischen riesige Schneemassen aufgetürmt, lässt der Wind etwas nach, die Lage ist jetzt günstig, der richtige Zeitpunkt für die lange geplante Flucht. Jetzt oder nie, sie beschließen, am 7. Dezember, in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, zu flüchten. Die Spannung wächst von Stunde zu Stunde. Hoffentlich ist Walthers Rück-

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kehr unbemerkt geblieben. Dr. Weber beginnt das Notwendige für die Flucht zu packen. Er testet die Tochter, zweieinhalb Jahre alt, und den Sohn, drei Monate alt, schon seit Wochen mit für Kleinkinder gut verträglichen und bewährten Schlaftabletten. Er verabreicht ihnen gegen Abend die nötige Dosis. Sohn Dietmar kommt in einen Fellsack, darüber eine Kunststoffhülle, Tochter Sigrid trägt mehrere Schichten Kleidung übereinander. Ein Kunststoffüberzug soll auch sie vor Nässe schützen. Dr. Weber, seine Frau und Dr. Achs tragen als Tarnung dunkle, unauffällige Winterkleidung. Als erste Vorbereitung für die Flucht stellt Dr. Weber den Kinderschlitten neben den Hauseingang. Das Treppenhaus ist stockdunkel. Hinter den Türen des Polizisten und des Kollegen Noll ist kein Laut zu hören, die Schlüssellöcher sind dunkel. Aus der Wohnung des Securitate-Majors im Erdgeschoss ist leise Musik zu hören. Beladen mit Gepäck, Frau Weber mit den schlafenden Kindern in den Armen, verlassen sie die verdunkelte Wohnung, schließen sie ab und schleichen geräuschlos über die engen Treppen aus dem Haus. Erst vorbei an der Wohnung von Dr. Heinz Noll, dann an der des Polizisten und schließlich an der des Securitate-Offiziers im Erdgeschoss. Es ist 21.30 Uhr. Sie öffnen vorsichtig das Haustor, sehen sich um; bei eisigem Wind und dichtem Schneetreiben packen sie das Schlauchboot, einen Kartoffelsack und eine Felldecke auf den zuvor abgestellten Schlitten; mit hastigen Schritten geht es in die stockdunkle Nacht hinaus. Wie geplant, umgehen sie die Siedlung nordwestlich und gelangen auf die Hauptstraße, dann halten sie sich südwärts am Donauufer entlang. Sie erreichen die Endstation des Pendelbusses für Grubenarbeiter und setzen sich auf eine Bank. Bei spärlicher Straßenbeleuchtung können sie unbeobachtet auspacken. Kaum an der vorgesehenen Stelle angekommen, sind ihre Spuren im Schnee schon nicht mehr sichtbar, Neuschnee hat sie zugedeckt. Es herrscht Totenstille, kein Mensch ist weit und breit zu sehen, maximale Sichtweite 10 Meter. Sie nehmen das Boot hastig aus der Tragetasche. Den Schlitten mit dem leeren Bootssack und den Kartoffeln verstauen sie unter der Bank. Die Kartoffeln haben sie mitgenommen, falls jemand nach dem Wohin fragen sollte. Dann hätten sie sich der Ausrede bedient, sie brächten die Kartoffeln zu Dr. Webers Hafen-Assistenten ins Dorf, damit der sie lagert; ihre Blockwohnung sei dazu ungeeignet. Jetzt ist Eile geboten, denn um 22 Uhr ist Schichtwechsel. Dann werden die Minenarbeiter mit Pendelbussen hierher zurückgefahren. Die Flüchtenden gehen mit den Kindern zielstrebig in eine seit Monaten ausfindig gemachte Bodensenke neben der Straße. In der Vertiefung endet ein Kanalschacht. Dort tritt warme Luft aus, der Schnee ist geschmolzen. Alle legen sich auf den warmen, windgeschützten Kanaldeckel. Weber und Achs beginnen das Boot aufzublasen, das sie schon nach einigen Minuten zudeckt und in kurzer Zeit ebenfalls vom Weiß des Schnees getarnt ist. Während sie das Boot aufblasen, kommen die

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ersten Busse mit den Arbeitern aus dem Bergwerk. Das Heck des Busses ragt beim Wendemanöver weit über die Bordsteinkante bis zur Vertiefung, in der die Fluchtwilligen liegen. Der Motorlärm dröhnt über ihnen. Dr. Webers Frau sagt erschrocken, „jetzt haben sie uns“. Nach der Abfahrt des letzten Busses sind noch eine Weile die Stimmen der sich entfernenden Arbeiter zu hören. Dann heult und pfeift nur noch der Wind. Die Sicht wird rasch besser, das Schneetreiben lässt deutlich nach. Vom verschneiten Schlauchboot verdeckt, lugen sie aus der Vertiefung hervor. Keine Grenzwache ist zu sehen. Plötzlich tastet sich ein gleißender Lichtkegel entlang der Uferstraße über das Versteck. Die Umgebung ist grell erleuchtet. Wieder sagt Frau Weber angstvoll, „jetzt sehen sie uns doch noch“. Aber es ist nur der Scheinwerfer eines manövrierenden Schiffes im Hafen, das seinen zugewiesenen Anlegeplatz ansteuert. Dr. Weber hält seine Frau fest, „nicht bewegen“, sagt er. Der aufragende Kopf der Frau ist in gleißendes Licht getaucht, doch indem sie regungslos verharrt, bleiben sie unentdeckt. Das Scheinwerferlicht erweist sich letztlich als sehr hilfreich, denn es ermöglicht eine gute Sicht über das gesamte Ufergelände und die Umgebung. Noch immer ist keine Wache weit und breit zu sehen. Das zugefrorene Donauufer ist jetzt über eine Länge von fast 100 Metern gut zu überblicken. Es ist kein Hindernis in Sicht, der Weg ist frei. Sie müssen jetzt los; sie geben sich nach einem letzten Blick in die Umgebung einen mutigen Ruck und springen auf. Dr. Weber und Dr. Achs erwischen das aufgeblasene Boot von beiden Seiten am Halteseil, ergreifen mit der freien Hand je ein Paddel und das Gepäck, Frau Weber die beiden Kinder, und im Laufschritt geht es, die Mutter mit den Kindern vorneweg, zielstrebig zum Donauufer. Sie erreichen in wenigen Sekunden das mehrere Meter breit zugefrorene Ufer. Frau Weber bricht nach einigen Schritten auf dem Eis ein, zum Glück nur knietief. Danach auch die Männer mit dem Boot. Es kracht fürchterlich. Doch sie treten mit großen Schritten die Eisplatten nieder, und so geht es weiter, bis sie fast bis zum Gürtel im Wasser stehen. Sie steigen der Reihe nach ins Boot. Frau Weber in Rückenlage hält die Kinder, die beiden Männer paddeln. Das Boot schießt in Richtung Fußmitte, alles bleibt still. Plötzlich wieder Scheinwerferlicht. Es ist derselbe Lastkahn, der stromaufwärts seinen Ankerplatz ansteuert. Der Lichtkegel geht über die Bootsinsassen hinweg, sie bleiben im Dunkel der Nacht unsichtbar. Wetterumschwung Jetzt erleben die Flüchtenden einen der in diesem Landstrich bekannten und gefürchteten Wetterumschwünge. Bei minus 30 Grad sind sie aufgebrochen, jetzt, im Boot auf der Donau, hört es auf zu schneien, die Temperatur ist etwas

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über null Grad gestiegen. Die winterlich gekleideten paddelnden Männer beginnen zu schwitzen. Sie kämpfen gegen die reißenden Fluten an. Walther, auf der flussabwärts gelegenen Seite des Schlauchbootes paddelnd, hat es gegen die Strömung schwerer und will mit Helmut während der Fahrt die Seite wechseln. Dabei kentert das Boot beinahe. Er muss deshalb weiter auf seiner Seite gegen die Fluten ankämpfen. Helmut versucht gegenzusteuern. Zu ihrem Entsetzten sehen sie, dass sie auf Kollisionskurs mit dem manövrierenden Schlepper sind. Er nähert sich stetig und bedrohlich mit seinem mehr als fünf Meter hohen Bug, der sie unweigerlich rammen würde, wenn sie es nicht schaffen sollten, gegen die Strömung um den Bug zu paddeln und die Strommitte anzusteuern. Die Paddler kommen schräg gegen die Strömung kaum vorwärts, sie kämpfen mit letzter Kraft. Nach bangen, anstrengende Minuten mit Keuchen und Schädelbrummen endlich Aufatmen, geschafft, etwa fünf Meter am Bug vorbei treibt das Schlauchboot jetzt im schützenden Schatten des stampfenden Schleppers in der reißenden Strömung rasch flussabwärts. Sie sind vorerst gerettet. Der Schiffsrumpf verdeckt die Hafenbeleuchtung, und sie können im Schutze der Dunkelheit durchatmen und sich etwas ausruhen. Obwohl die erschöpften Paddler das Boot nur noch steuern und ihre Arme wie gelähmt hängen lassen, geht es in hohem Tempo im Strudel der Fluten rasch dem gegenüberliegenden Ufer entgegen. Weil die Donau Hochwasser und Treibeis führt, erreichen die fünf Flüchtlinge das serbische Ufer etwa 5 km stromabwärts von der geplanten Anlegestelle, knapp unterhalb des serbischen Dorfes Golubac. Sie steigen aus, lassen Boot, Paddel und Felldecke abtreiben und erreichen durch Schlick und Kies watend über einen steilen Anstieg durch Dornenhecken den Damm, auf dem tiefe Lkw-Fahrspuren erkennbar sind. Bis zur Busstation in Veliko Gradište sind etwa fünf Stunden zu gehen. Inzwischen hat Schneeregen eingesetzt. Die Flüchtlinge brechen tief in den Schneematsch und Morast ein. Sie sind bis zu den Knien mit Schlamm verdreckt. Das mit dichtem Gestrüpp bewachsene Donau-Ufer ist nicht begehbar, schon gar nicht mit Gepäck und in der Dunkelheit. Sie müssen deshalb auf dem Damm weiter stromaufwärts gehen und erreichen nach einer Stunde Golubac. Vorsichtig schleichen sie sich an das Dorf heran. Die Lehmhütten sind mit Stroh gedeckt. Es herrscht gespenstische Stille. Lediglich in der Dorfmitte brummt ein Dieselmotor, der eine Lichtmaschine antreibt. Eine einzige Glühbirne beleuchtet die Dorfmitte. Sie kommen vorsichtig, Schritt für Schritt Deckung suchend, lautlos und unbemerkt durchs Dorf. Gespenstisch sind die Umrisse der mit Maislaub gedeckten Elendshütten auszumachen. Das dumpfe rhythmische Tuckern des Dieselmotors begleitet sie noch, als sie das Dorf schon längst hinter sich gelassen haben. Dann herrscht wieder geisterhafte Stille. Bis zur Bushaltestelle ist es aber noch ein langer und beschwerlicher Weg. Kaum haben sie das Dorf verlassen, leuchten vor ihnen auf dem Damm plötz-

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lich zwei Scheinwerfer auf. Motorgeräusch kommt immer näher. Frau Weber schreckt erneut auf, „jetzt haben uns die Serben“. Sie werfen sich in den Graben und bleiben regungslos liegen, bis der Geländewagen der Grenzpolizei vorbei ist. Fast wäre der kleine Dietmar erwacht und laut geworden. Die Mutter bedeckt, während die Grenzpolizei vorbeifährt, mit der Hand seinen Mund. Er schläft kurz danach wieder tief und ruhig. Die Gefahr ist vorbei. Die Kleider der Flüchtlinge sind jetzt vollkommen durchnässt und mit Kletten und Schlammflecken übersät. Sie nähern sich in diesem Zustand Veliko Gradište und hoffen, den Bus in Richtung Belgrad zu erreichen. Das Dorf ist gut beleuchtet, schon von weitem sind die ersten Straßenzüge gut zu sehen. Sie nähern sich über den ersten Gehweg vorsichtig der Dorfmitte, folgen der breiten und gut beleuchteten Hauptstraße und sehen schon den großen Reisebus mit laufendem Motor in der Haltestelle. Ihnen ist kalt, sie frieren in ihren durchnässten Kleidern. Plötzlich erkennen sie eine neue Gefahr, die sich ihnen von vorne in Gestalt des serbischen Dorfpolizisten nähert. Er schlendert ihnen, lässig den Schlagstock schwingend, in der Mitte der Hauptstraße entgegen. Begegnen dürfen sie ihm auf keinen Fall. Die drei bewahren die Ruhe, gehen auf den Polizisten zu. Mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten biegen sie etwa 15 Meter vor einer Begegnung nach links in eine rettende Seitenstraße ab. Der Polizist denkt sich zum Glück nichts dabei und schlendert gelangweilt geradeaus weiter. Mit großer Erleichterung gelangen sie auf einem Umweg rasch zum Bus. Dr. Weber, der etwas Serbisch kann, kauft Fahrkarten. Dr. Achs setzt sich gesondert in den hinteren Teil des Busses. Er legt seine Tasche ins Gepäcknetz, und der Bus startet auch schon. Bei flotter Musik aus dem Autoradio nimmt der Bus die ersten Kurven und entfernt sich zügig von Veliko Gradište in Richtung Belgrad. Erste Hoffnung keimt auf, dass das Vorhaben gelingen könnte. Verfolgungsjagd im Belgrader Bahnhof Es braut sich jedoch Unheil zusammen. Einem serbischen Fahrgast fällt Walthers Tasche auf, weil daraus Wasser tropft. Sein Blick schweift von der Tasche auf Walther mit seiner verdreckte Kleidung. Im nächsten Augenblick hört Weber, wie der Fahrgast dem Busfahrer auf serbisch sagt: „Pass auf. Ich glaub', wir haben Flüchtlinge an Bord. Meine Aufgabe ist, diese aufzuspüren und anzuzeigen“. Es handelt sich offensichtlich um einen Polizeiagenten in Zivil. Der Fahrer, der Dr. Weber an der Busstation die Fahrkarten verkauft hat, wehrt ab mit der Frage: „Wer soll das denn sein? Hier, das ist ein deutscher Tourist mit Familie“. Ob er das nur zur Besänftigung des Fahrgastes sagt oder ob er davon überzeugt ist - Weber weiß es nicht. Der Agent lässt aber nicht locker und fordert wiederholt während der Fahrt aufgeregt und eindringlich, der Fahrer sollte in Belgrad auf jeden Fall abwarten und niemanden aussteigen las-

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sen, bis er die Polizei verständigt habe. Der verdreckte Fahrgast, wohl ein Flüchtling aus Rumänien, dürfe keinesfalls entkommen. Kurz vor Belgrad geht Walther nach vorne zu den Webers und fragt, was er bloß tun soll. Was den Agenten zur Feststellung veranlasst, „da sind noch zwei Flüchtlinge. Die beiden mit den kleinen Kindern“. Dr. Weber meint, es bleibe nichts anderes übrig, als sofort nach der Ankunft in Belgrad rasch auszusteigen und das Weite zu suchen. Dr. Weber macht sich jetzt ernsthaft Sorgen um das Gelingen der Flucht. In Belgrad auf dem Busbahnhof haben die Flüchtlinge ein Riesenglück, wieder einmal. Beim Einparken kollidiert der Bus mit einem zurücksetzenden Pkw. Der Unfall beschäftigt die Polizei, und dem Agenten gelingt es nicht, deren Aufmerksamkeit auf die Flüchtlinge lenken. Dr. Weber überlegt nicht lange, holt seine Tochter in den Arm, drängt zum Ausstieg und rennt los. Seine Frau mit Sohn Dietmar und Walther mit dem Gepäck folgen ihm in den Belgrader Bahnhof. Der Agent und ein hinzugekommener Komplize verfolgen die Flüchtenden. Sie rennen zwischen zwei abfahrbereite Züge, in die Fahrgäste drängen, steigen in einen Waggon, laufen durch und steigen, nachdem auch die Agenten zugestiegen sind, auf derselben Seite wieder aus. Dann steigen sie in den nebenan haltenden Zug und auf der anderen Seite aus, laufen über den Bahnsteig in Richtung Seitenausgang und verlassen den Bahnhof. Die Angst treibt die Flüchtlinge zu Höchstleistungen. Sie können die Verfolger auf Abstand halten und durch das Täuschungsmanöver einen Vorsprung von etwa 30 Metern in der dichten Menschenmenge des Morgenverkehrs gewinnen. Sie rennen über die Treppe am Seitenausgang aus dem Bahnhof zum Fußgängerübergang der vorbeiführenden Hauptstraße. Am Zebrastreifen müssen sie stehen bleiben, denn die Ampel schaltet für die Fußgänger soeben von Grün auf Gelb. Vor dem Zebrastreifen steht zufällig ein freies Taxi. Sie steigen hastig ins Taxi. Die Ampel springt jetzt für den Straßenverkehr auf Grün, und Dr. Weber sagt zum Taxifahrer auf serbisch, „fahr los“. Der Taxifahrer antwortet „dobre“, gut, und reiht sich in den Verkehr ein. Die Verfolger preschen jetzt aus dem Bahnhof, spähen oben auf der Treppe umher, kommen herunter und müssen bei Rot an der Ampel stehen beleiben, während der Verkehr auf der Straße vorbeirollt. Sie schauen mit hastigen Kopfbewegungen in alle Richtungen. Vergeblich, die Flüchtlinge beobachten aus dem davonfahrenden Taxi das Geschehen und sind nach einigen Minuten weit weg. Sie sind noch einmal davongekommen; die beiden Prämienjäger an der Ampel haben das Nachsehen. Mit dem Taxi gelangen die Flüchtenden wie geplant nach Ovča, ein Dorf etwa 15 Kilometer nordöstlich von Belgrad mit überwiegend rumänischen Bewohnern. Der Bekannte von Walthers Bruder Anton Vintan, ein rumänischer Bauer, nimmt sie auf und sorgt mit seiner Frau rührend für die fünf. Am zweiten Abend hat Weber 40 Grad Fieber. Rheuma schüttelt ihn, hervorgerufen von

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einem kranken Zahn, wie sich später herausstellen soll. Die nächsten Tage verbringt Weber im Bett und bekommt vom Gastgeber Pyramidon. In Ovča geht Walther Achs zur Post, um seinen Bruder in Säckingen sowie Stefan Pinkert und Dieter Stein telefonisch um Hilfe zu bitten. Pinkert und Stein studieren in Göttingen, Stefan Betriebswirtschaft und Dieter Medizin. Sie sollen ihnen wie vereinbart helfen, aus Jugoslawien nach Deutschland zu kommen. Am Telefon sagt Achs den beiden, dass sie in Ovča, Haus Nummer 15 zu finden sind, leider ohne die Straße 1. Mai zu nennen. Die beiden kommen, finden die Flüchtlinge aber nicht, befürchten einen Hinterhalt und fahren unverrichteter Dinge zurück nach Deutschland. Walther muss ein zweites Mal zur Post, um in Deutschland anzurufen. Am selben Tag, es ist der 14. Dezember 1969, kommt Walthers Bruder Anton Vintan mit einem seiner sechs Kinder nach Ovča und holt nicht seinen Bruder, sondern Webers Frau und die beiden Kinder mit. Er hat alle Pässe seiner Familie dabei. Seine Frau ähnelt Hildegard Weber, ist in vergleichbarem Alter, und zwei der Kinderpässe passen auf Sigrid und Dietmar, so dass bei Triest ein reibungsloser Grenzübertritt möglich ist. Die Fahrt geht mit dem Auto über Triest und Bellinzona nach Bad Säckingen. Hildegard Weber schreibt aus Triest sofort eine Ansichtskarte an ihre Familie in Temeswar. Damit ist diese über die gelungene Flucht informiert und von einer großen Sorge befreit. Gleichzeitig ist auch die Securitate getäuscht, da sie annehmen muss, dass die Flüchtige außerhalb Serbiens und nicht mehr greifbar sind. Abschied von Ovča Stefan Pinkert kommt am 17. Dezember mit dem Flugzeug nach Belgrad. Dr. Weber ist an diesem Tag zum ersten Mal seit der Ankunft in Ovča auf den Beinen. Sie packen ihre wenigen Habseligkeiten, verabschieden sich von den freundlichen Gastgebern, und Pinkert bringt Weber und Achs mit einem Taxi in die deutsche Botschaft nach Belgrad. An der Einfahrt zeigt er dem serbischen Wachposten seinen deutschen Pass, der winkt das Taxi durch. Die Flüchtlinge erhalten in der Vertretung der Bundesrepublik deutsche Pässe und feiern den bisherigen Erfolg mit einem Abendessen im Bahnhofsrestaurant mit Sicht auf den Bahnsteig, wo sie vor wenigen Tagen in Panik ihren Verfolgern davongerannt sind. Um 22 Uhr sitzen sie im Zug, der sie über Spielfeld und Salzburg nach München bringt. Weil Dr. Weber Kopfschmerzen und mehr als 40 Grad Fieber hat, schaltet der Schaffner in Österreich das Rote Kreuz ein. Eine Ordensschwester vom Roten Kreuz bringt Medikamente und eine Tüte Apfelsinen ins Zugabteil. Im Winter 1969/70 verursacht eine Grippeepidemie zahlreiche schwere Erkrankungen. In Österreich und Deutschland ist die Landschaft tief verschneit. In München angekommen, tauschen sie am Hauptbahnhof einen Teil der Fremdwährung in

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Deutsche Mark. Beeindruckt sind die Neuankömmlinge von der riesigen UBahn-Baustelle am Hauptbahnhof und den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele 1972. Das Staunen hält auch im Kaufhaus Hertie am Münchner Hauptbahnhof an. Sie sehen Waren in einem noch nie erlebten Überfluss. Das erste Mal können sie alles haben, was das Herz begehrt, und mehr. Ein überwältigendes Erlebnis für Flüchtlinge aus dem kommunistischen Armenhaus mit seiner sprichwörtlichen Mangelwirtschaft. Dr. Webers Schwäche und Übelkeit trüben das Erlebnis etwas. Aber es gibt Rolltreppen und bequeme Stühle vor einer Wand mit Farbfernsehern. Er nimmt erschöpft Platz, und während sich Dr. Walther Achs und Stefan Pinkert mit kulinarischen Köstlichkeiten stärken, denkt er an die Ereignisse der letzten Tage. Sein erstes Lebensziel, mit der Familie in Freiheit zu sein, hat er durch die abenteuerliche Flucht erreicht. Kurz vor Mitternacht geht die Reise in Richtung Göttingen in einem Liegewagen weiter. Dr. Weber verschläft sie großteils. In Göttingen begrüßen Freunde und Bekannte die beiden Flüchtlinge herzlich. Dr. Weber verordnet sich Bettruhe, erholt sich in den folgenden Tagen allmählich und grübelt: Wo sind Frau und Kinder, und wie geht es ihnen? Was ist jetzt in Temeswar los? Ist das Erlebte wahr oder nur ein Traum? Denn wie er später erfahren soll, fährt einige Tage nach der Flucht seine Schwägerin doch noch nach Neumoldowa und steht vor verschlossener Tür. Sie verständigt die Polizei und lässt in Sorge um die Familie ihrer Schwester die Wohnungstür öffnen, handelt sich damit ein Verhör der Securitate ein und löst eine Großfahndung bis nach Belgrad aus. Zum Glück ohne Ergebnis. Die gelungene Flucht wird für Geheimdienst und Fahnder zum peinlichen Beweis ihres Versagens und zum Gespräch im ganzen Banat. Das und anderes mehr berichten Augenzeugen erst nach und nach in den kommenden Jahren. Nach einigen Tagen kommt Webers Frau mit den Kindern von Bad Säckingen nach Göttingen in den Waldweg 31, wo Dr. Weber und Dr. Achs seit einigen Tagen bei Pinkerts zu Gast sind, um schon bald ins Auffanglager Friedland weiterzureisen und sich als Flüchtlinge zu melden. Am 11. November 1969 hat ihre Flucht begonnen, am 19. November lassen sie sich in Friedland als Aussiedler registrieren. Nach einigen Tagen geht es nach Rastatt in BadenWürttemberg, und von dort ins Übergangswohnheim in Freiburg im Breisgau. Der NKWD klopft an Kaum ist Familie Weber in Freiburg, holt sie die Vergangenheit schon ein. An die Wohnungstür in der Lehenerstraße 110 im 10. Stockwerk klopft ein Mann. Es ist ein Bulgare und Agent des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, den Dr. Weber von seiner Ausbildung im Zentralen Haus der Armee in Bukarest kennt. Er begrüßt die Familie übertrieben freundlich und entnimmt einem Koffer Ge-

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schenke und einige hundert Mark; er sagt Dr. Weber, er bringe ihm jetzt seinen ersten Auftrag. Während des Gesprächs tut er so, als ob nichts geschehen wäre, von einer Flucht spricht er nicht. Er betont laufend den Ernst und die Bedeutung des Auftrages, über den Dr. Weber demnächst von ihm Informationen bekommen werde. Plötzlich ergreift er ein Küchenmesser und tut, als ob er damit auf Frau Weber losginge. Diese Drohgebärde sollte zeigen, was geschehen könnte, wenn der Auftrag nicht ausgeführt werde; er sollte die Familie einschüchtern und gefügig machen. Der Bulgare holt Dr. Weber am nächsten Tag ab und geht mit ihm in das Gebetshaus einer Sekte in Freiburg/Sankt Georgen. Auf den Hinweis von Dr. Weber, dass er keiner Religion angehört und als überzeugter Atheist nicht am Besuch eines Gebetshauses interessiert ist, antwortet der Bulgare, das habe keinen Einfluss auf das geplante Vorhaben. Sie betreten einen großen, hohen Raum ohne Bestuhlung, in dem dicht gedrängt rund 100 Zuhörer stehen. Ein Prediger doziert 40 Minuten über unheimliche Weltuntergangsszenarien und über andere Glaubensinhalte der Sekte. Dann nähert er sich gezielt dem Bulgaren, und der stellt Dr. Weber dem Prediger als ein neues und bedeutendes Mitglied der Gemeinde vor, als „neues Mitglied in un20. Dezember 1969: Eben in Göttingen serer Familie“. Nach einem nichtssagenden angekommen ist Dr. Helmut Weber mit Wortwechsel verabschiedet sich Dr. Weber Frau und Kindern. von den beiden und verlässt mit Gänsehaut schleunigst die versammelten Esoteriker. Jetzt heißt es für Dr. Weber auch im Westen: Vorsichtig sein, denn die Familie ist in Gefahr. Ein paar Tage später kommt ein untersetzter, etwas kurzatmiger, behäbiger älterer Herr mit blauen Lippen zu den Webers. Er sagt, er sei vom badischen Abwehrdienst. Man habe Weber mit verdächtigen Personen gesehen. Dr. Weber erwidert, er habe dem badischen Nachrichtendienst einiges zu sagen, und erklärt sich. Er bittet um Hilfe, denn er wolle vom Nachrichtendienst aussteigen, ob das sich einrichten ließe. Der Mann vom Geheimdienst gibt Dr. Weber eine Visitenkarte und meint, er könne ihn demnächst besuchen. Als Dr. Weber ihn am nächsten Tag anruft, will dieser von nichts wissen und nennt eine Adresse, unter der er mit einem bestimmten Code eine Nachricht in einem Postfach finden werde. Dr. Weber findet tatsächlich einen Brief mit einer Stuttgarter Adresse,

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wo er sich melden soll. Bei jedem Schritt, den Dr. Weber seit Auftauchen der Geheimdienstleute tut, ist Dr. Achs dabei, jedoch ohne voll in die Lage der Dinge eingeweiht zu sein. Nach Stuttgart fährt Dr. Weber mit einem VW Käfer, den er zusammen mit Dr. Achs für 300 Mark gekauft hat. Die angegebene Adresse in Stuttgart ist die des US-amerikanischen Abwehrdienstes. Dr. Weber verheimlicht dort nichts. Das hätte auch keinen Sinn gehabt, denn die Amerikaner wissen alles über ihn, von der Ausbildung im Haus der Armee in Bukarest bis zu seiner Flucht. Dr. Weber will eruieren, wie es um seine Sicherheit nach dem Ausstieg bestellt ist, denn er will nichts anderes, als seinen Beruf als Mediziner ausüben und seine Familie nicht gefährden. Die Amerikaner empfehlen ihm, er solle sich zum Beispiel in Bad Wildungen in Hessen niederlassen. Das liegt in der Nähe von Fritzlar bei Kassel, wo deutsche und amerikanische Fachleute in Zusammenarbeit für seine Sicherheit sorgen könnten. Er soll sich in der Umgebung als Arzt bewerben. Dr. Weber und Dr. Achs finden Arztstellen im Sanatorium Dr. Kienle in Bad Wildungen. Sie erhalten ein erstes Gehalt im voraus. Dr. Weber bereitet sofort den Umzug vor. Er hat in Bad Wildungen einen guten Einstand. Es geht der Familie prächtig. Frau Weber ist in der dritten Schwangerschaft. Dr. Weber besitzt eine Telefonnummer, wo er noch ab und zu anruft. Nach einigen Monaten warnt ihn der Abschirmdienst, er solle aufpassen, denn es braue sich etwas zusammen. Eines Tages wird eine gepflegte Dame im Sanatorium als Patientin aufgenommen. Dr. Weber untersucht sie, und sie fragt ihn, ob er Rumänisch spreche. Es entwickelt sich ein nichtssagendes Gespräch. Nach einer Woche lädt die Frau Dr. Weber zu einem ihrer Bekannten aus der Umgebung ein. Sie möchte ihm diesen Freund vorstellen, gibt sie vor. Dr. Weber wendet sich mit dieser Neuigkeit an die Kasseler Nummer. Es stellt sich heraus, dass er es mit einer gesuchten Spionin aus dem Ostblock zu tun hat. Der Abwehrdienst rät, die Frau zu sich nach Hause einzuladen, für den richtigen Empfang werde gesorgt. Dr. Weber sagt der Spionin, er könne ihrer Einladung aus Termingründen vorerst nicht entsprechen. Er lade sie jedoch zu sich nach Hause ein, um sie seiner Frau vorzustellen. Das ginge leider nicht, lehnte die Frau kategorisch ab, und das ist auch das letzte, was er von ihr zu hören bekommt. Zum letzten Mal bekommt Dr. Weber es mit der Securitate in der rumänischen Vertretung in Köln zu tun. Er möchte einen Antrag stellen, um aus der rumänischen Staatsbürgerschaft entlassen zu werden. Deshalb ruft er in der Botschaft an. Der Mann am Apparat vermutet, wer am anderen Ende der Leitung ist und antwortet in rumänischer Sprache mit dem wohl bekanntesten und berühmtesten aller rumänischen Flüche und einer Flut von weiteren Schimpfwörtern und Beleidigungen. Er besteht darauf, dass Weber persönlich mit der ganzen Familie nach Köln kommt, denn anders sei die Sache nicht zu regeln. Der Abschirmdienst rät Dr. Weber, er solle unbesorgt in die Botschaft gehen,

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denn man werde unauffällig alles überwachen und für einen gefahrlosen Ablauf des Besuches sorgen. Wenn Dr. Weber merke, dass man beabsichtige, die Familie festzuhalten, sollte er lediglich sagen, er müsse die rumänische Vertretung in 20 Minuten verlassen, anderenfalls gebe es für sie Probleme - dann werden er und seine Familie herausgeholt. Dr. Weber hat inzwischen einen neuen Mercedes 280 E und fährt von Bad Wildungen mit seiner Familie, nicht ohne Bedenken und mit einem recht mulmigen Gefühl zum rumänischen Konsulat nach Köln. Als die Webers mit den drei kleinen Kindern die Drehtür passiert haben, sagt der Beamte am Empfang, dass er schon Bescheid wisse und geleitet sie sofort in den Keller. Hinter ihnen schließt sich eine Eisentür, die fast so aussieht wie jene, die Dr. Weber aus dem Gefängnis in Reschitz in Erinnerung hat. Der Raum ist etwa vier mal zwei Meter groß, hat oben ein kleines vergittertes Fenster und rechts und links fest verankerte Sitzbänke. Nach zehn Minuten bangen Wartens beginnt Dr. Weber gegen die Stahltür zu hämmern. Ein Mann öffnet und brüllt „linişte“ - Ruhe. Dr. Weber trommelt weiter gegen die Tür. „Was soll das“, ruft ein Unbekannter. Dr. Weber teilt ihm mit, was ihm der Abschirmdienst mit auf den Weg gegeben hat. Nach weiteren zehn bangen Minuten sind hastige Schritte zu hören, dann steht ein elegant gekleideter Herr im Türrahmen mit zwei ausgefüllten Vordrucken in den Händen und sagt, Dr. Weber und seine Frau müssten nur noch unterschreiben. Das tun sie, werden anschließend aus dem Gebäude geführt und fahren erleichtert nach Hause. Ein paar Monate später sind sie im Besitz der Bescheinigungen über die Entlassung aus der rumänischen Staatsbürgerschaft. Als der zuständige Mann vom Abschirmdienst das erfährt, sagt er nur noch: „Das war's“. Damit ist Dr. Webers Geheimdienstkarriere zu Ende. Er kann sich ab sofort voll auf seinen Arztberuf konzentrieren. Ausbildung zum Kardiologen Statt Kurarzt will er jedoch Kardiologe werden. Dazu braucht er die Anerkennung als Facharzt für innere Medizin. Seine Spezialisierung als Epidemiologe in Rumänien ist in Deutschland nicht anerkannt. Er wechselt deshalb von Bad Wildungen ins Franziskus-Hospital Bielefeld, um die Ausbildung zum Internisten nachzuholen. Ab 14. Oktober 1974 ist er Facharzt für Innere Krankheiten. Wegen seines besonderen Interesses an Herz-Kreislauf-Krankheiten stellt Dr. Weber die Patienten des Franziskus-Hospitals im Auftrag von Professor Lampen im Gollwitzer-Mayer-Institut, heute Ost-Westfälisches Herzzentrum zu Bad Oeynhausen, zur Koronarangiographie vor. Dort lernt er die Professoren Ulrich Siquart und Paul Mertens kennen. Siquart, der vor einigen Monaten aus den USA zurückgekehrt ist, praktiziert in Bad Oeynhausen erstmalig die in den USA schon in die Klinik eingeführte Ablei-

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tung intrakardialer elektrischer Potentiale mit Hilfe spezieller Herzkatheter. Dr. Weber nimmt sich Urlaub vom Krankenhaus und übt mehrere Wochen lang in Bad Oeynhausen die neue vielversprechende Technik der Ableitung elektrischer Potentiale aus dem Herzen. Daraufhin bekommt er eine Anstellung in der Kinderkardiologie der Georg-August-Universität zu Göttingen, wo Chefarzt Professor Alois Beuren und Professor Hans J. Brettschneider, Sprecher des Sonderforschungsbereiches 89 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Kardiologie Göttingen, ihm ein Forschungsprojekt auf dem Gebiet der kardialen Elektrophysiologie genehmigt. Er soll Möglichkeiten und Nutzen intrakardialer Elektrogramme untersuchen. In Göttingen arbeitet in der Kinderkardiologie seit einigen Monaten auch sein Fluchthelfer und Freund Dr. Dieter Stein, der ihm auch die Verbindung zu Professor Beuren vermittelt hat. Dr. Stein hilft ihm, sich schnell in die besonderen Probleme der Kinderkardiologie einzuarbeiten, vor allem in die technisch sehr anspruchsvolle Herzkatheteruntersuchung von Frühgeborenen, Säuglingen und Kleinkindern mit angeborenen Herzfehlern. Dabei kommt Dr. Weber die Erfahrung mit kranken Kindern im Epidemiespital in Temeswar zugute. Nur sind die Patienten hier meist nicht leberkrank und gelb, sondern herzkrank und blau. Beeindruckt vom Leid dieser kleinen Patienten, grübeln Stein und Weber über Abhilfe nach. Dabei erscheint ihnen am ehesten die Trennung des dunklen venösen Blutes vom hellroten sauerstoffreichen der Schlagadern zur Beseitigung der Blausucht mit all ihren Risiken am aussichtsreichsten. Dies führt letztendlich zu einer neuen Operationstechnik, der Umleitung des venösen Blutes aus den Hohlvenen direkt in den Lungenkreislauf mit Hilfe einer sogenannten Cava-Pulmonalis-Anastomose. Ein Verfahren, das heute weltweit bei diesen nicht korrekturfähigen komplexen Herzfehlern Anwendung findet und den Patienten, die jetzt das Erwachsenenalter erreichen, ein normales Leben ermöglicht. Doch Schwerpunkt der Forschungsarbeiten bleibt für Dr. Weber die Diagnose und Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Gestützt auf die Erfahrungen mit der Ableitung von His-Bündel-EKG in Bad Oeynhausen, versucht Dr. Weber durch das systematische Austasten des Herzens mit Hilfe eines Elektrodenkatheters die Stelle im Herzen zu finden, die die Rhythmusstörung verursacht. Durch dieses Verfahren, das sogenannte Kathetermapping, wird der Arzt in die Lage versetzt, über denselben Katheter diese Stelle auch zu zerstören, zu veröden und die Herzrhythmusstörung zu heilen. Dabei wird dem Patienten die Brustöffnung und die Operation am offenen Herzen erspart. Die Suche nach einer Möglichkeit für eine gezielte Zerstörung der krankhaften Stelle im Herzen ohne Gefährdung des Patienten steht in jenen Jahren im Zentrum von Dr. Webers Forschung.

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Bahnbrechende Entdeckung: die Katheterablation Eine Veröffentlichung in Frankreich hilft ihm dabei weiter. Darin wird berichtet, wie ein Arzt bei einer Herzkatheteruntersuchung eine akute Rhythmusstörung mit einem Stromstoß beheben wollte und diesen Stromstoß unbeabsichtigt über den Katheter ins Herz geleitet hat. Dabei kam es zu einer Zerstörung der normalen Leitungsbahn, des His-Bündels, zu einer dauerhaften Unterbrechung der Stromleitung im Herzen. „Das war es, was ich gesucht habe“, sagt Dr. Weber heute. „Der Stromstoß in die Herzwand ermöglichte mir die Zerstörung einer zusätzlichen, den Herzrhythmus störende Nervenbahn, die erste Ablation eines arrhythmogenen Substrates, gezielt mit Hilfe des Mappingkatheters.“ Und das kam so: Im August 1982 ist sein Chef, Professor Beuren, in Urlaub. Dr. Weber ist zuständig für das Herzkatheterlaboratorium und verantwortlich für die Planung der täglich durchzuführenden Untersuchungen und Behandlungen. Stationsschwester Christl und sein Kollege und Mitarbeiter an diesem Forschungsprojekt, Dr. Lothar Schmitz, unterstützen die Katheterbehandlung, weil sie auch an den vorbereitenden Experimenten und Tierversuchen mitgearbeitet haben und ihnen diese Heilungsmöglichkeit bewusst ist. Der Patient ist ein 22 Jahre alter Maurer. Seine Firma droht ihm mit Entlassung, weil er schon viermal bewusstlos geworden ist und dabei ein lebensgefährlicher Sturz von einem Baugerüst gerade noch verhindert werden konnte. Dr. Weber klärt ihn über den Eingriff auf; der junge Mann ist einverstanden und überglücklich mit der Aussicht auf Beseitigung seiner Anfälle, sogenannter Synkopen. Der weltweit ersten Katheterbehandlung zur Behebung, das heißt Heilung von Herzrhythmusstörungen steht nichts mehr im Weg. Sie gelingt am Dienstag, dem 17. August 1982, um 10 Uhr durch einen gezielt mit dem Mappingkatheter auf die zusätzliche Leitungsbahn abgegebenen Stromstoß. Am Nachmittag, bei der Oberarztvisite, sagt der 22 Jahre alte Mann strahlend: „Wenn das anhält, habe ich es geschafft“. Während sich der Patient freut, hat der Operateur nichts zu lachen. Erst ist der geschäftsführende Oberarzt entrüstet, weil er nicht über die Katheterbehandlung informiert worden ist. Dann teilt ihm der Chef nach seinem Urlaub mit, er sei fristlos entlassen. Am nächsten Tag geht Weber nicht zum Dienst. Doch um 10 Uhr klingelt das Telefon. Professor Beuren zitiert Dr. Weber in sein Büro und fordert ihn auf, seinen wissenschaftlichen Artikel, den er einer der namhaftesten Fachzeitschriften der USA, der „New England Journal of Medicine“ in Boston, zur Veröffentlichung geschickt hat, zurückzuziehen. Dr. Weber sagt zu, denkt aber gar nicht daran. Im März 1983 veröffentlicht die Zeitschrift unter der Rubrik „Letters to the Editor“ (Briefe an den Herausgeber) den Artikel. Professor Beuren meint zu Weber, er sei ein Schlitzohr, aber lächerlich gemacht habe er die Klinik damit nicht. Als Dr. Weber schon fast zur Tür draußen ist, ruft er Weber noch nach: „Machen Sie so weiter“.

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Einen Monat später ist die betriebsärztliche Untersuchung angesagt. Der Betriebsarzt bittet Dr. Weber in sein Untersuchungszimmer. Er hat eine Lungenaufnahme vor sich hängen, auf der ein großes Bronchialkarzinom, ein Lungenkrebs, zu erkennen ist. Dr. Weber erbleicht, doch der Schrecken ist unbegründet. Die Klärung folgt noch im Röntgenraum; der Betriebsarzt hat zwei Lungenaufnahmen verwechselt. Das im Schaukasten hängende Röntgenbild gehört nicht Dr. Weber, sondern seinem Chef, Professor Alois Beuren. Dr. Weber entwickelt die Herzkathetertechnik weiter. Er setzt die von dem US-amerikanischen Arzt A. N. Damato 1969 in die Klinik eingeführte HisBündel-Elektrokardiographie ab 1976 routinemäßig in der Abteilung für Pädiatrische Kardiologie der Universität zu Göttingen ein, vor allem bei Patienten mit angeborenem Herzfehler mit teils erheblichen Anomalien im His-Bündelareal. Dadurch ist zur Lokalisierung des His-Bündels fast immer ein systematisches Austasten der Herzhöhlen erforderlich. Dieses systematische Austasten des Herzens mit dem Elektrodenkatheter wird in einem sechsjährigen Forschungsprojekt weiterentwickelt. Ergänzt durch die intrakardiale elektrische Stimulation wird es in der Kinderkardiologie in Göttingen ab 1978 ein Routineverfahren zur Untersuchung der Erregungsbildung/-leitung und zur Lokalisierung arrhythmogener Herzareale. Die Methode ist inzwischen weltweit bekannt als das Kathetermapping. Wie oben berichtet, heilt Dr. Weber im August 1982 den ersten Patienten von seiner lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörung durch einen intrakardialen DCSchock (Gleichstromschock). Es ist die erste erfolgreiche gezielte Energieabgabe zur Zerstörung eines lokalisierbaren arrhythmogenen Substrates im Herzen, die erste mapping-gesteuerte Katheterablation. Sie hat die Behandlung von Herzrhythmusstörungen revolutioniert. Ihre Bedeutung ist nach Meinung des US-Kardiologen Vance J. Plumb vergleichbar mit der Entdeckung des Penizillins für die Behandlung der Pneumokokken-Pneumonie. Von der Laserablation zur eigenen Firma Das größte Problem der Katheterablation mit Stromschock ist das hohe Risiko der Herzverletzung, die Perforation, Durchlöcherung der Herzwand. Auch ist der Stromstoß schmerzhaft, und die Patienten müssen deshalb während der Behandlung in Kurznarkose versetzt werden. Deshalb suchen Ärzte in den 1980er Jahren nach alternativen Energiequellen für die Katheterablation. Dr. Weber führt Studien mit neuen Methoden der Katheterablation durch und kommt zu diesem Zweck in die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) nach Neuherberg bei München. Dort entwickelt er die Methode der Laserablation. Er patentiert mehrere Techniken und Herzkatheter, die mit Hilfe des Lasers eine schmerzlose Katheterablation mit geringem Risiko und besten Ergebnissen

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für den Patienten ermöglichen. Die klinische Anwendung der Lasermethode erfolgt erstmalig im März 1989 im Herzkatheterlabor des Städtischen Krankenhauses München-Bogenhausen, dem Lehrkrankenhaus der TU München, unter der Leitung von Professor Wolfgang Delius. Die klinische Laserstudie wird nach Genehmigung durch die Ethikkommission der Landesärztekammer Bayern im Laserzentrum des Städtischen Krankenhauses Harlaching, dem Lehrkrankenhaus der Ludwig-Maximilians-Universität München, durchgeführt. Weil die Laserbehandlungen komplikationslos sind, kann die Methode auch in anderen kardiologischen Einrichtungen des In- und Auslandes erfolgreich getestet werden. Zur Etablierung der Lasertechnik als Routineverfahren bereitet das Institut für Klinische Kardiologische Forschung (IKKF) München Anwendertests in mehreren kardiologischen Zentren vor. Die intensiven Forschungs- und Entwicklungstests erfordern einen hohen Arbeits- und Investitionsaufwand. Dr. Weber gründet deshalb 1993 in München eine eigene Firma, die LasCor GmbH - Laser-Medizintechnik. Die Firma entwickelt und vermarktet Herzkathetersysteme für den kardiovaskulären Einsatz des Lasers. Mit Beendigung seiner klinischen Tätigkeit am Krankenhaus Harlaching im Juli 1993 widmet sich Dr. Weber mit vollem Einsatz diesem Ziel seiner Firma. Für die Rentenansprüche aus seinen Arbeitsjahren in Rumänien muss Dr. Weber Anfang der 1990er Jahre nach Temeswar und Orawitz zurückkehren, um die für die Anerkennung der Zeiten erforderlichen Gehaltsauszüge zu bekommen. Nur die mit Geschenken freundlich gestimmten rumänischen Behörden sind bereit, die erforderlichen Rentennachweise auszuhändigen. Es ist die erste und wohl auch letzte Reise Dr. Webers in die alte Heimat nach der Flucht. Er besucht die alten Stätten seiner Kindheit und Jugend sowie Kollegen und Arbeitsplätze. Trotz einiger Lichtblicke: Die Armut der Bevölkerung ist immer noch deprimierend. Kollegen wie Dr. Attila Marosi, ehemals Mitarbeiter im Hygieneinstitut in Orawitz, müssen wegen der niedrigen Rente weiter arbeiten, wo immer sich eine Möglichkeit bietet. Die Menschen leben in bescheidenen, oft ärmlichen Verhältnissen. Die alten Seilschaften der Securitate haben sich viele Privilegien gesichert. Besonders schlimm ist die Armut, ja das Elend in Neumoldowa. Der Wohnblock, aus dem Dr. Weber die Flucht angetreten hat, ist verwahrlost. Fensterstöcke der alten Wohnung fehlen, der Putz ist von den Wänden gefallen. Ärmlich gekleidete Menschen, viele Roma, teils in Lumpen, und verwahrloste Jugendliche sammeln sich neugierig um seinen VW-Bus. Zum Abschied verbringt Dr. Weber einige Minuten in bewegender Erinnerung an der Stelle des Donauufers, wo er mit Familie und Freund vor fast 40 Jahren in die kalten Fluten gestürmt ist. Keine Grenzmarkierungen, kein Wachtposten sind mehr zu sehen. Niemand beachtet den stillen Beobachter der ruhig dahinfließenden breiten Donau. Am

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westlichen Horizont ist die Silhouette von Veliko Gradište zu sehen. All die dramatischen Ereignisse der aufregenden Dezembernacht 1969 kommen in Erinnerung. Was er sieht, bestätigt ihm: Es hat sich gelohnt, die Flucht zu wagen. Seine Familie hat dadurch viel gewonnen, Jahrzehnte in Freiheit und Wohlstand gelebt, ist viel gereist und hat viel von der Welt gesehen. Es war ein selbstbestimmtes Leben, ohne Terror und ohne Behinderung der persönlichen und beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten - ohne Securitate und deren Schergen.

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Herbert Hammes:

Durch Reisfelder in die Freiheit Es war eine mit Geduld vorbereitete Flucht, die Herbert Hammes aus Temeswar und Hans Altmann aus Detta am 27. Juli 1970 gewagt haben. Drei Wochen lang sind der am 29. April 1940 in Temeswar geborene Hammes und der damals erst 18 Jahre alte Altmann von Detta an das Flüsschen Partosch in der Nähe des gleichnamigen Ortes geradelt, um beim Angeln die Grenze und die Bewegungen der Grenzer zu beobachten. Für das Unternehmen besorgen sich die beiden Angelscheine und opfern ihren Urlaub. Sie sind täglich in der Nähe des auf der rumänischen Seite liegenden Dorfes Kleingaj. Über die nach Serbien fließende Partosch führen zwei Brücken, stellen Hammes und Altmann fest. Für die Flucht eignet sich jedoch lediglich die große Brücke, sie ist erst ab 19 Uhr bewacht. Die kleine Brücke dient nur als Zugang zu den an der Grenze angelegten Reisfeldern; Soldaten bewachen sie Tag und Nacht. Hammes und Altmann suchen den Kontakt zu den Grenzsoldaten. Als sie auch auf die sich häufenden Fluchten zu sprechen kommen, äußern die Soldaten, durch die Reisfelder sei eine Flucht kaum möglich. Die beiden Angler suchen sich aber eben diese Reisfelder für ihr Vorhaben aus. Am 27. Juli 1970 ist es soweit. Am Tag schleichen sie sich über die große Brücke und verstecken sich im Gebüsch. Mit Einbruch der Dunkelheit wagen sie sich in die Reisfelder. Wo die Felder im Gebüsch enden, halten sie sich wieder versteckt. Grenzsoldaten müssen verdächtige Geräusche wahrgenommen haben, denn sie suchen hin und her. Die beiden Flüchtenden haben wahrscheinlich auf den Stegen in den Reisfeldern, von denen sie auch abgerutscht sind, Geräusche verursacht. Der Weg durch die Reisfelder ist etwa ein Kilometer lang, schätzt Hammes. Nach etwa einer halben Stunde Suchens feuern die Grenzsoldaten eine rote Rakete ab und entfernen sich von der Stelle, wo sich die beiden versteckt halten. Was Hammes damals noch nicht weiß: Die rote Rakete bedeutet, alles ist in Ordnung; eine grüne Rakete hätte Alarm bedeutet, bei dem sich alle Grenzer des Abschnitts an der ausgemachten Stelle versammelt hätten. Der roten oder grünen Rakete ist stets eine rosa Rakete vorausgegangen. Das erfährt Hammes Jahre später, und zwar von einem Bekannten, der bei den Grenztruppen Dienst leisten musste. Sobald die Grenzsoldaten weg sind, setzen Hammes und Altmann die Flucht fort. Sie kommen über den eingeebneten Grenzstreifen und stehen vor dem letzten, unerwarteten Hindernis: einem sehr breiten, mit Wasser gefüllten Graben. Sie durchwaten ihn, steigen hinauf ans Ufer und sind in Serbien. Am Ufer des Grabens verliert Hammes seine Weste. Sie und die beiden zurückgelassenen

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Fahrräder sind Beweisstücke der Flucht. Was Hammes und Altmann stets von der rumänischen Seite aus gesehen haben, ist plötzlich nicht mehr vorhanden: der Kirchturm von Großgaj. Um nicht umherzuirren verstecken sich die beiden erneut und warten bis zum Morgengrauen. Dann ist der Kirchturm auszumachen. Sie orientieren sich und erreichen das erste Dorf mit Bahnstation. Weil der Frühzug schon abgefahren ist, nehmen sie einen Bus in Richtung Belgrad. In der jugoslawischen Hauptstadt angekommen, ruft Hammes seine Verwandten an, die von seinen Fluchtplänen wissen. Bei ihnen werden sie fünf Tage verbringen. Ihr Ziel ist Triest. Doch sie wissen nicht, wie sie die lange Reise bis zur italienischen Grenze schaffen sollen, ohne verraten zu werden. Schließlich kommt Hammes' Cousin mit der Nachricht, die deutsche Gesandtschaft könne ihnen helfen. Sie suchen die Botschaft auf, bekommen Ersatzpässe und fahren mit dem Zug in die Freiheit. Am 4. August sind sie in Nürnberg. Hammes, der in Temeswar im Betrieb „Electrobanat“ als Werkzeugmacher tätig war, zieht nach Bietigheim und arbeitet schon am 13. August 1970. Arbeitskräfte sind in jenen Tagen in Deutschland noch sehr gefragt. Nach einer Umschulung arbeitet er anschließend 25 Jahre lang in der technischen Planung bei Standard Electric Lorenz, anfangs in Stuttgart, danach in der Zweigstelle Pforzheim des Konzerns. Hans Altmann zieht es zu Verwandten nach Hamburg. Er heuert auf einem amerikanischen Frachter an. Seither hat Hammes nichts mehr von ihm gehört. Der Geheimdienst Securitate wird Hammes' Bruder in Temeswar mehrmals belästigen. Er will herausfinden, ob der Bruder etwas von der Flucht gewusst hat und nervt ihn so lange, bis er sagt, wenn er gewusst hätte, dass sein Bruder durchbrennt, wäre er mitgegangen. Dann geben sie endlich Ruhe. Den Fluchweg über die grüne Grenze hat Hammes gewählt, weil er und seine Familie auf den 1960 gestellten Ausreiseantrag nie eine Antwort erhalten haben.

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Siegfried Britt:

Zwei Jahre für einen Blick auf die Adria Es muss der 7. oder der 8. Juli 1970 gewesen sein, als er mit zwei Kollegen von der Bauberufsschule in Temeswar mit dem Zug Richtung Großkomlosch aufgebrochen ist. Siegfried Britt weiß es nicht mehr genau. Doch das hat er noch in guter Erinnerung: Alle drei haben Monate lang auf diesen Tag hingearbeitet. Einer der beiden Freunde Britts heißt Mihai Leuşcă, er ist in Großkomlosch zu Hause. Der zweite heißt Roman Craşovan. Leuşcă kennt sich im Grenzgebiet zu Jugoslawien aus. Vieles hat er im Laufe der Jahre mitbekommen, aber einiges hat er vor der Flucht ausgekundschaftet. Er hat sich immer wieder auf die LauSiegfried Britt er gelegt, hat die Bewegungen der Soldaten am Bahnhof und an der Grenze beobachtet. Die drei fahren mit dem Abendzug in Temeswar los, um unter den vielen Pendlern nicht aufzufallen. In Großkomlosch steigt Leuşcă auf der Bahnhofsseite aus, Britt und der zweite Kollege verlassen den Zug rechts und verstecken sich im Gebüsch neben den Gleisen, um der Kontrolle der Grenzer zu entgehen. Leuşcă geht nach Hause, um Landkarte, Essen und Wasser zu holen. Die Landkarte und ausländisches Geld haben sich die drei von Serben besorgt, die in jener Zeit in Scharen in Rumänien einfallen und die Geschäfte leer kaufen. In einer Stunde ist er zurück in Bahnhofsnähe und holt die beiden ab. Der Marsch in Richtung Grenze beginnt. Der Weg ist beschwerlich, der Boden ist vom vielen Regen aufgeweicht. Durch Maisfelder und Gestrüpp geht es in ein Tal; der Weg führt durch sumpfiges Gelände zur Bahnlinie, der sie ein paar Kilometer folgen, bis sie auf den Gleisen einen Grenzsoldaten ausmachen. Sie werfen sich ins Gras, bleiben unentdeckt. Wären sie nicht so aufmerksam, könnte die Flucht schon zu Ende sein, ehe sie begonnen hat. Der Soldat setzt seinen Weg fort, die drei jungen Männer machen sich erneut auf. Gegen Mitternacht nähern sie sich dem mit Rechen eingeebneten Grenzstreifen, auf dem jeder Fußabdruck zu sehen ist. Britt bleibt an einem gespannten Draht hängen und löst eine gelbe Rakete aus; sie dient als Vorwarnung für die Grenzer. Die drei überlegen nicht lange, sondern sehen, dass sie vorwärts kommen. An ihnen läuft jemand vorbei, wahrscheinlich ein Soldat der Grenz-

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truppe. Sie haben noch etwa 200 Meter bis zur Grenze, entdecken einen zweiten Draht und steigen darüber, robben weiter und erreichen Serbien. Hätten sie diesen Draht berührt, wäre mit einer roten Rakete Großalarm ausgelöst worden. Sie sind dreckig und durchnässt. Neben einer Weinberghütte machen sie ein Feuerchen, um die Kleider zu trocknen. Danach schaben sie mit einem Messer den Dreck von den Kleidern, suchen und finden die Straße nach Kikinda. Sie marschieren den ganzen Tag, übernachten in einem Strohhaufen auf einem Feld. In Grenznähe wollen sie in keinen Zug einsteigen, um nicht als Flüchtlinge erkannt und verraten zu werden. Erst in Kikinda nehmen sie die Bahn in Richtung Belgrad. Von dort geht es weiter nach Agram. Obwohl sie in der kroatischen Hauptstadt ohne Geld eintreffen, müssen sie weiter. Mit Pferdewagen und Lastautos geht es bis Laibach. Es ist sehr heiß. Sie sind nun schon seit vier Tagen unterwegs und haben nichts mehr zu essen. Sie übernachten in einem Wald, in leerstehenden alten Häusern und in noch unbewohnten Neubauten, essen auf Glut gegarte Kartoffeln und Obst und Gemüse von den Feldern. Ihr Ziel ist Triest. Sie werden leichtsinnig. In einer Steigung, wo die Fahrzeuge nur sehr langsam vorankommen, springt einer der drei aus Verzweiflung auf einen fahrenden Lastwagen auf, worauf der Fahrer stoppt und sie mitnimmt in Richtung Adelsberg. Der Fahrer lässt sie schließlich aussteigen, weil er angeblich abbiegen muss. Doch der Mann kommt den Flüchtenden verdächtig vor. Sie verstecken sich in der Straßenböschung und warten eine halbe Stunde. Als sie den Weg fortsetzen, fährt Polizei vor und nimmt sie fest, der Lastwagenfahrer hat sie verraten. Die Adria ist schon in Sicht, aber das Abenteuer Flucht ist für die drei jungen Leute zu Ende. Die Polizei bringt sie ins Gefängnis nach Koper. Dort sind sie in einem Großraum eingesperrt mit Polen, Tschechen, Ungarn und Rumänen. Aus der Zelle haben sie freien Blick auf die Palmen an der Adria. Sie müssen eine Woche Gefängnis absitzen, zu dem sie wegen illegalen Grenzübertritts verurteilt sind. Am achten Tag bringen zwei Polizisten sie in Handschellen nach Laibach und tags darauf nach Belgrad. Von dort geht es mit dem Auto nach Stamora-Morawitz an die rumänische Grenze. Soldaten schikanieren und erniedrigen sie, zwingen die drei, ihre Unterkunft zu putzen. Trotzdem: Britt und seine Kollegen haben Glück, dass die Serben sie nicht am Grenzübergang Hatzfeld ausliefern. Denn dort hätten die drei die Grenzsoldaten getroffen, die sie mit ihrer Flucht überlistet haben. Und die hätten sich bestimmt an ihnen gerächt. So bleiben ihnen Prügel erspart. In der Untersuchungshaft in Temeswar will der Geheimdienst herausfinden, ob die drei Komplizen hatten. Nach zwei Wochen, an denen sie kein Tageslicht sehen, liefert die Polizei sie im Temeswarer Gerichtsgebäude am Domplatz ab. Dort erlässt ein Richter Haftbefehl; sie werden ins Polizeigebäude verlegt, wo sie zwei Wochen lang

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verhört werden. Danach kommen sie ins Gefängnis der Banater Hauptstadt. Während sie am Gefängniseingang in der prallen Sommersonne warten, wird Britt ohnmächtig. Die Untersuchungshaft im dunklen Keller hat ihre Spuren hinterlassen. Das Wachpersonal kippt ihm einen Eimer Wasser über den Kopf, Britt kommt wieder zu sich. Die drei Grenzgänger werden in einem riesigen Raum untergebracht, in dem fast alle im Banat vertretenen Nationen vereint sind: vom Rumänen über den Deutschen bis zum in Rumänien geborenen Serben. Aber auch Jugoslawen sind dabei - sie müssen wohl als Fluchthelfer enttarnt worden sein, meint Britt. Neuankömmlinge müssen im Temeswarer Gefängnis ihre Geschichte erzählen. Alle hören dann gespannt zu. Aus den Erzählungen lernen alle für die Zukunft, um bei neuen Fluchtversuchen Fehler zu vermeiden. Die Staatsanwaltschaft sähe die drei gerne wegen Gründung einer kriminellen Bande verurteilt. Der Anwalt des einen Mitangeklagten versucht zu beweisen, dass Britt als Anführer aufgetreten ist und die beiden anderen zur Flucht überredet hat. Sein Versuch scheitert, das Gericht verurteilt alle drei zu je zwei Jahren Gefängnis. Die Revision bringt keine Änderung. Die drei arbeiten vier Monate lang auf einer Baustelle in Temeswar, wo sie Betonfertigteile für Plattenbauten herstellen. Die Häftlinge erreichen die Baustelle, die hinter den Gleisen gegenüber dem Gefängnis liegt, in Fünferreihen, wobei sich einer an dem anderen festhalten muss. Im Gefängnis in Temeswar sind bis zu 60 Häftlinge in einem Großraum untergebracht. Nächste Station der drei ist das Durchgangsgefängnis Văcăreşti in Bukarest, das sie nach einer zwei Tage dauernden Fahrt in einem für den Transport von Häftlingen gebauten überfüllten Waggon erreichen. Von Bukarest geht es nach Straßburg am Mieresch, wo sie mit Schwerverbrechern untergebracht sind. Sechs Mann teilen sich eine Zelle. Je drei Betten sind übereinander angeordnet, in einer Ecke steht ein Kübel, in den sie Wasser lassen können. Das große Geschäft muss einmal am Tag außerhalb der Zelle verrichtet werden. In Straßburg arbeiten sie in zwei Schichten. Sie nageln Bretter zu Marmeladeund Gemüsekisten zusammen. Britt beschreibt das Gefängnis in Straßburg als sehr makaber, mit den Ausmaßen eines halben Dorfes. Bis in die Freiheit muss der Häftling ein halbes Dutzend Tore und Sperren durchlaufen. Nach etwa vier Monaten die nächste Station: das Gefängnis in Gherla. Dort werden die drei Flüchtlinge getrennt. Bis zu 40 Mann sind dort in einem Raum untergebracht. Britt arbeitet in einem Steinbruch. Die Häftlinge gewinnen den Rohstoff für eine Ziegelei. Nach knapp einem Jahr wird Britt entlassen, seine beiden Kollegen drei Wochen nach ihm. Britt arbeitet nach der Entlassung auf dem Bau, doch der Fluchtgedanke beschäftigt ihn weiter. 1974 heiratet er. 1975 wagt er zusammen mit Mihai Leuşcă erneut einen Fluchtversuch. Sie schlagen denselben Weg ein wie im Juli 1970,

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gelangen zur Grenze, kehren jedoch um, weil inzwischen Stacheldraht gespannt ist. Sie wissen außerdem, dass die Soldaten jetzt noch öfter schießen als vor vier Jahren und dass es auch schon viele Tote gegeben hat. Britt wechselt den Beruf, wird Feinmechaniker, wartet aus der DDR importierte Elektronenrechner, aber weg will er noch immer. Er schreibt an den Radiosender „Freies Europa“ in München, der über seinen Wunsch, Rumänien zu verlassen, berichtet. Der Geheimdienst drängt Britts Frau, sie solle ihren Mann überzeugen, nicht mehr an den Sender zu schreiben. Von Britt möchte die Securitate wissen, wie er die Briefe ins Ausland schickt. Mit der Post, sagt er dem neugierigen Offizier. Der weiß zwar, dass Britt lügt, doch er will nicht zugeben, dass die Post geöffnet wird, die ins Ausland geht. Weil er an einen Sender schreibt, der das kommunistische Regime bekämpft, muss Britt Strafe zahlen. Das Strafmaß beträgt 1000 bis 5000 Lei. Die Polizei bittet Britt zweimal zur Kasse. Beim ersten Mal wird ihm die Hälfte der Strafe erlassen, wenn er einen Betrag von 500 Lei binnen 48 Stunden bezahlt. Das zweite Mal muss er 1000 Lei bezahlen. Britt geht jetzt täglich zur Polizeizentrale in Temeswar, wo er den zuständigen Securitate-Oberst immer wieder fragt, wann er die Ausreiseerlaubnis bekomme. Zwei Geheimpolizisten versuchen ihn mit dem Vorwurf einzuschüchtern, er stehe dauernd vor dem Polizeigebäude, um die Polizei zu bespitzeln. Eines Tages bittet der Securitate-Oberst ihn in sein Büro, lässt ihn dort etwa eine Stunde lang warten. Dann teilt er Britt mit, er solle nach Hause gehen, er werde in ein paar Wochen Nachricht bekommen. Britt will das nicht recht glauben, doch der Geheimdienstmann versichert ihm, er sage die Wahrheit. Er lügt tatsächlich nicht. Britt und seine Familie bekommen die Pässe und verlassen am 15. Juli 1981 Rumänien. Doch bevor sie aus Rumänien ausreisen, versucht ein Geheimdienstoffizier, ihn zu überzeugen, er solle in Deutschland für ihn Informationen sammeln. Britt lehnt ab und teilt diesen Annäherungsversuch auch gleich bei der Ankunft in Nürnberg dem Abschirmdienst mit. In Deutschland macht er einen Fortbildungslehrgang und arbeitet danach in Wiesbaden in einem Büromaschinengeschäft, das er 1993 von seinem Chef übernimmt. Seither ist er selbständiger Unternehmer. Mihai Leuşcă aus Großkomlosch braucht noch zwei Anläufe, um in die Freiheit zu gelangen. Bei einem Grenzübertritt wird er ertappt. Die Grenzsoldaten verprügeln ihn. Beim nächsten Mal schafft er es. Heute lebt er in Kanada, sagt Britt. Von dem zweiten Kollegen weiß Britt nichts, der Kontakt ist abgebrochen.

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Siegfried Britts Entlassungsschein aus dem Gefängnis

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Horst Mayer:

Eine Flucht wie ein Kinderspiel 1993 sitzt Horst Mayer mit Kollegen aus Österreich und den USA in Năidaş im Zollamt zur Erläuterung ihres Auftrags mit rumänischen Zöllnern und Grenzpolizisten zusammen. Er ist im UNO-Auftrag mit den Kollegen an der serbischen Grenze als Beobachter eingesetzt. Sie sollen herausfinden, ob das von der UNO verhängte Embargo gegen Serbien eingehalten wird. Vor 22 Jahren war Mayer zum letzten Mal in Naidaş, unweit der Stelle, wo das Flüsschen Nera in die Donau mündet, die hier Serbien verlässt und ab sofort zum GrenzHorst Mayer strom wird. Die beiden rumänischen Kollegen wollen wissen, wieso er so gut Rumänisch spricht. Horst Mayer sagt ihnen, dass er aus dem Banater Dorf DeutschBentschek stammt. Dann fragt der eine der rumänischen Zöllner seinen Kollegen scherzhaft, ob er damals Horst Mayer den Pass für den Westen ausgestellt habe. Und an Mayer richtet er die Frage, wie er denn nach Deutschland gelangt sei - als Fisch oder Hase, das heißt: über die Donau geschwommen oder über die grüne Grenze gehoppelt. Horst Mayer zeigt auf den Hügel vor ihnen, der sie von dem Örtchen Rebenberg auf der serbischen Seite trennt, und sagt, „dort bin ich hinüber gegangen“. Die rumänischen Zollbeamten wissen nicht recht, ob sie es ihm abnehmen sollen. Nachdem er das Gespräch den österreichischen und amerikanischen Kollegen übersetzt hat, ist das Gelächter natürlich groß. Doch ob sie es glauben oder nicht, Horst Mayer (geboren 1942) und sein Freund Walter Krug (geboren 1938) sind tatsächlich über diesen Hügel in die Freiheit gerobbt, und zwar am 17. April 1971. Diesen Tag haben sie sich ausgesucht, weil die meisten Rumänen an diesem Tag anderes zu tun haben, als an Flucht zu denken: Es ist Karsamstag, und alle, auch die meisten Kommunisten, bereiten sich auf das größte Fest der orthodoxen Kirche vor. Mayer kennt den Grenzabschnitt wie seine Westentasche. Er ist seit mehreren Jahren hier als Straßenbaumeister tätig. Vor der Flucht ist er auf derselben Baustelle beschäftigt, doch als Arbeitssoldat ohne Gehalt. Als Deutscher ist er gezeichnet und darf nicht unter Waffen dienen.

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Wichtigste Voraussetzung für das Gelingen der Flucht ist: Mayer und sein Freund können sich frei in Năidaş bewegen, ohne aufzufallen. Am Karsamstag 1971 geht Mayer noch zum orthodoxen Pfarrer, um Briefmarken zu tauschen; am Abend sitzt er zusammen mit Krug, dem Bürgermeister und den Dorfpolizisten in der Kneipe. Nach der Zecherei machen sich Mayer und Krug auf den Weg. Sie gehen auf der parallel zur Grenze verlaufenden Straße in Richtung Neumoldowa. Sie kommen gut vorwärts und erreichen die Stelle, wo sie am günstigsten auf die serbische Seite wechseln können. Sie robben vorsichtig durch ein Getreidefeld. Der Weizen ist etwa 30 Zentimeter hoch. Mayer und Krug ertasten die in einem halben Meter Höhe gespannten Alarmdrähte, kriechen vorsichtig darüber hinweg und gelangen in Grenznähe. Sie bemerken zwei Grenzsoldaten mit einer eingeschalteten Laterne. Sie warten, bis sich die beiden entfernen, laufen über den geharkten Grenzstreifen und erreichen ein Akazienwäldchen. Erst nach einiger Zeit bemerkt Mayer, dass er Dornen in der Kopfhaut hat. Die beiden Flüchtlinge steigen in den Wagen eines Bekannten aus Deutschland. Über Weißkirchen geht es in Richtung Maria Theresiopel. Weil der Fahrer nicht weiter weiß, hält er, um sich anhand der Karte zu orientieren. Ein Polizeiwagen stoppt, der Fahrer steigt mit der Landkarte aus, fragt die Polizisten nach dem richtigen Weg. Die geben sich zufrieden, kontrollieren lediglich die Papiere des Fahrers. Sie setzen die Fahrt fort bis nach Nova Gorica an der slowenisch-italienischen Grenze. Lediglich die Bahnlinie bildet dort die Staatsgrenze. Mayer und Krug gehen über die Bahnlinie und sind in einem Hinterhof auf italienischer Seite. Auf der ersten Straße steigen sie wieder ins Auto des Bekannten. Zu Fuß überqueren sie auch die österreichische und die deutsche Grenze und gelangen nach Karlsruhe. Dort raten ihnen Bekannte, sich im Übergangslager in Nürnberg zu melden. Auf dem Bahnhof in Karlsruhe fordern Polizisten die beiden auf, sich auszuweisen. Sie zeigen ihre rumänischen Personalausweise. Die Beamten bitten sie auf die Wache und klären sie auf, dass auch in Deutschland der illegale Grenzübertritt strafbar sei, er koste 20 Mark. Aber der Beamte fügt hinzu, für die beiden koste er nichts. Das Geld hätten sie auch nicht aufbringen können. Mayer ist mit 100 Lei angekommen, wofür er 8,50 Mark in einer Bank bekommt. 20 Monate nach der gelungenen Flucht reisen Horst Mayers Tochter und Frau legal nach Deutschland ein. Horst Mayer bekommt nach dreijährigem Studium an der Verwaltungshochschule eine Stelle als Diplomfinanzwirt beim Zoll. Seit September 2007 ist er Pensionär. Walter Krug hat bis zur Rente als Fahrer gearbeitet. Horst Mayer hat sich auch als Fluchthelfer versucht. Er hat einen Rumänen, der ans serbische Donauufer geschwommen ist, mit dem Auto in die Freiheit gefahren. Der zweite Mann, Todi Virág, ein Ungar, der in die Freiheit schwim-

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men wollte, ist nicht am serbischen Ufer angekommen, sondern im Sarg in Temeswar. Vermutlich haben die Grenzer ihn erschossen. Horst Mayer hat Schüsse gehört. Heute sagt Horst Mayer, seine Flucht sei ein Kinderspiel gewesen im Vergleich zu dem, was andere auf sich genommen und durchgemacht haben. Das hätten ihm die Berichte der Grenzgänger beim zweiten Treffen im Frühjahr 2007 in Ulm vor Augen geführt.

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Susanne Lehne-Gärtner:

Der Wolf im Schafpelz Meine Mutter ist heute noch auf der Flucht, sagt Natalie Lehne. Die junge Frau muss es wissen. Nicht einmal hat sie die Geschichte gehört, wie ihr Vater ihre Mutter vor 36 Jahren aus dem kommunistischen Rumänien über drei Grenzen nach Köln geholt hat. Es ist eine Geschichte, die wahrscheinlich nur einem Mann einfallen kann, der bei einem Automobilhersteller beschäftigt ist. Hartmut Lehne (1943-1996) war im Personalbüro der Ford-Werke in Köln beschäftigt, hat aber auch gerne an Autos geschraubt. Im April 1971 lernt er Susanne Gärtner kennen, die am 7. Dezember 1948 in Blumenthal als Tochter von Banater Schwaben geboren wurde. Die Bekanntschaft kommt zustande über Christl, eine ehemalige Schulfreundin Susannes. Sie ist verlobt mit einem Kollegen Hartmuts. Hartmut Lehne und Susanne Gärtner mögen sich. Sie verloben Susanne Lehne-Gärtner mit dem Fluchtauto sich und wollen heiraten. Doch wer im kommunistischen Rumänien eingesperrt ist, muss eine Erlaubnis beantragen, will sie oder er einen Ausländer heiraten. Hartmut und Susanne werden einen solchen Antrag nie stellen. Susanne beendet im Juni 1971 ihr Germanistik- und Rumänistikstudium an der Universität in Temeswar, der Hauptstadt des seit Ende des Ersten Weltkriegs dreigeteilten Banats. Hartmut wird sie von April bis August 1971 siebenmal besuchen und sein Erspartes dafür opfern. Ein achtes Mal wird er erst 1977 nach Rumänien reisen. Denn am 22. August 1971, einen Tag vor dem rumänischen Nationalfeiertag, fährt Hartmut mit Susanne in die Freiheit. Hartmut hat vorgesorgt. Mit Hilfe von Kollegen baut er in den Ford-Werken eine Attrappe für seinen gelben Ford Capri 2000. Die Attrappe sieht genau so aus wie der Tank dieses Autotyps. Er schneidet hinter den Rücksitzen die Karosserie auf, so dass der Tank durchpasst. Hartmut muss ein gutes Augenmaß besessen haben. Bevor er zum siebten Mal nach Rumänien einreist, hält er kurz vor der serbisch-rumänischen Grenze in einem Maisfeld an, versteckt dort einen

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Reservetank und reist am Grenzübergang Stamora-Morawitz ein. Hinter der Grenze scheinen sich Hindernisse aufzutürmen. Auf dem Weg nach Blumenthal muss Hartmut einem unbeleuchteten Trecker ausweichen und fährt frontal in eine Bahnschranke. Die Windschutzscheibe des Capri ist zerborsten. Die Polizei droht ihm mit drei Monaten Gefängnis, falls er den Schaden von 300 Mark nicht begleicht. Um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, willigt er ein und bezahlt die geforderte Summe. Weil in Rumänien kein Ersatzteil für einen Ford zu haben ist, fährt Hartmut mit einem Taxi nach Belgrad; doch auch dort ist keine Windschutzscheibe vorrätig. Er bestellt eine. Hartmut wird sie auf dem Heimweg in Belgrad einbauen lassen. Doch zurück nach Blumenthal in Südwestrumänien. Auf dem Hof der Familie Gärtner in Blumenthal trifft Hartmut die Vorbereitungen für die Flucht. Er verlegt die Leitung für die Benzinzufuhr aus dem Kanister, den er zusammen mit Susanne in der Mulde platziert, aus der er den Tank ausgebaut hat. Was er vollbracht hat, ist reines Augenmaß. Susanne trägt einen Pullover, der genau so gelb ist wie der Ford Capri, und eine kurze Hose. Die Schuhe muss sie ausziehen, die passen nicht mehr in die Mulde. Einen einzigen gefährlichen Punkt hat die ganze Geschichte. Susanne kann das linke Knie nicht einziehen, es drückt gegen die Lehne des Rücksitzes. Wenn ein Zollbeamter die Stelle berühren sollte, fliegt die ganze Geschichte auf. Das wissen die beiden vor dem Start. Doch sie riskieren alles. An der Grenze begrüßen die Zöllner und Grenzschützer Hartmut freundlich. Er ist nach so vielen Fahrten mit seinen Geschenken schon ein Bekannter an dem Grenzpunkt. Er steigt aus dem Auto, schließt die Fahrertür ab, lässt aber die Beifahrertür offen und entfernt sich vom Wagen. In seiner Abwesenheit tastet ein Zöllner die Rückenlehne auf der Beifahrerseite tatsächlich ab. Susanne spürt es. Doch damit gibt er sich zufrieden. Als Hartmut zum Wagen zurückkehrt, öffnet sich der Schlagbaum. Er fährt über die Grenze, und kurz dahinter schreien die beiden aus Leibeskräften: „Wir haben es geschafft.“ Im Maisfeld setzt Hartmut den zurückgelassenen Tank ein, und ab geht es nach Belgrad. Während das Auto wegen der fehlenden Windschutzscheibe in der Werkstatt ist, kaufen Hartmut und Susanne Sandalen ein. Ihre Füße sind schmutzig, doch die Schuhverkäuferin nimmt es gelassen. Die beiden müssen sich gedulden, denn der Windschutzscheiben-Einbau verzögert sich, weil jeder Mitarbeiter der Werkstatt wenigstens eine Runde auf dem Hof in diesem neuen Ford drehen will. Erst am späten Nachmittag geht es weiter. Zweimal werden Susanne und Hartmut das Versteckspiel noch üben: kurz vor dem Loibl-Paß an der österreichischen und dann vor der deutschen Grenze verschwindet Susanne im Versteck. Den Tank lassen sie in Slowenien liegen. Kurz hinter der jugoslawisch-österreichischen Grenze geraten sie in ein schlimmes

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Gewitter. Beide sind erschöpft, unterbrechen die Fahrt und schlafen bis zum Morgen. Aus Klagenfurt verständigen sie Susannes Familie mit einem Telegramm über die gelungene Flucht. Jetzt weiß nicht nur die Mutter davon, sondern auch Oma und Vater. Mutter und Vater müssen zu einigen Verhören zur Polizei und zum Geheimdienst. Doch auch das geht vorbei. Als Susanne und Hartmut in Deutschland ankommen, haben sie kein Geld mehr. Die zertrümmerte Schranke und die zerborstene Windschutzscheibe haben Hartmuts Reserven aufgebraucht. Sie übernachten in einer Pension in München und warten, bis das von Hartmuts Eltern angewiesene Geld eintrifft. Eine Nacht später treffen sie in Köln ein. Weil Hartmut schon viel Urlaub in jenem Jahr genommen hat, muss er zur Arbeit. Die zukünftigen Schwiegereltern fahren mit Susanne nach Nürnberg, wo sie sich im Durchgangslager anmelden muss. Weil die Schwiegereltern Angst haben, auf ihren Sohn könne ein schlechtes Licht fallen, wenn bekannt werde, dass er als Fluchthelfer aufgetreten ist, erzählt Susanne dem Bundesnachrichtendienst ein Märchen: Ein junges Pärchen habe sie mitgebracht. Der BND-Mann sagt ihr zwar, er glaube ihr kein Wort, doch sie bleibt bei der erzählten Geschichte. Ein Gericht in Rumänien verurteilt Susanne wegen Flucht zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Sie muss in der rumänischen Botschaft in Köln 600 Mark Bearbeitungsgebühr bezahlen, um aus der rumänischen Staatsbürgerschaft entlassen zu werden. Sie traut sich jedoch nur in Hartmuts Begleitung in die Botschaft, obwohl ein Mitarbeiter namens Jirjea ihr versichert, dass ihr nichts geschehen werde. Dieser Herr lädt Susanne eines Tages telefonisch zum Essen ein. Weil sie die Einladung nicht annimmt, erfährt sie erst später, dass Jirjea Geld für Ausreisen kassiert hat - angeblich auf eigene Faust; vermutlich ist er deswegen zurück nach Rumänien beordert worden. Susannes Familie kommt in Raten nach Köln: die Oma 1974, die Eltern 1977. Vor der Ausreise der Eltern besuchen Susanne - sie ist inzwischen begnadigt - und Hartmut noch einmal Rumänien und stellen fest: Die von Hartmut zertrümmerte Schranke ist noch immer notdürftig mit Draht repariert. Susannes Flucht ist eigentlich eine Lappalie. Nervenaufreibender und ziemlich dubios sind eigentlich Geschehnisse in den Monaten davor. Im November 1970 lädt Susannes Vater ein paar deutsche Monteure nach Blumenthal zum Kirchweihfest ein. Sie bleiben bis Januar 1971 in Temeswar und laden Susanne im Gegenzug einige Male zum Essen ein. Sie besuchen in Temeswar oft das Restaurant Lloyd. Was Susanne nicht auffällt, merken zwei ihrer Kommilitonen: Edi und Nandi machen sie darauf aufmerksam, dass ein als Schafhirt getarnter Mann ihr auf Schritt und Tritt folgt. Erst jetzt bemerkt sie den Mann vom rumänischen Geheimdienst Securitate. An einem Junimorgen, unmittelbar nachdem sie ihre Diplomarbeit an der Universität erfolgreich verteidigt hat, feiert Susanne mit einer Kommilitonin, deren Freund und einem Kollegen in

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Temeswar den erfolgreichen Studienabschluss, und zwar in der Gaststätte „Groapa“ (deutsch das Loch) an der Bega. Am Nebentisch bemerkt sie erneut den Mann in der rumänischen Hirtentracht und macht die Freunde an ihrem Tisch auf den Wolf im Schafpelz aufmerksam. Der Freund ihrer Studienkollegin dreht sich um, mustert den Mann und meint: „Wenn ich gewusst hätte, dass ein Schafhirte solch saubere Fingernägel hat, ich hätte aufs Studium verzichtet.“ An diesem Tag ist die Observierung beendet. Doch endgültig los ist Susanne den Mann noch immer nicht. Er taucht eines Tages wieder in der Hauptpost auf und fragt, mit wem sie denn telefoniert habe. Auf Susannes Antwort, sie habe ihren Freund gesprochen, macht der angebliche Hirte anzügliche Bemerkungen. Als Susanne ihm sagt, sie rufe gleich die Polizei, verschwindet er aber sofort. Weiteren Schikanen dieses Mannes entzieht sich Susanne schließlich durch die Flucht. Eines ist ihr aber aufgefallen: Wenn Hartmut zu Besuch war, ist der Mann vom Geheimdienst nie aufgetaucht. Aber das könnte auch daran liegen, dass sie meist in ihrem Heimatort Blumenthal waren. In Köln findet Susanne bei einer Versicherung Arbeit. Nach einem DeutschTest ist ihr zukünftiger Chef so begeistert, dass er sie sofort einstellt. Sie muss ab sofort die aus dem Haus gehende Post auf Fehler prüfen. Damit schafft sie sich gleich einen Feind in der Person ihres Abteilungsleiters, der sie über Kollegen wissen lässt, sie solle sich mehr um den Inhalt kümmern als um die Orthographie. Als ihr alter Chef aufhört, soll Susanne zusätzlich die Stelle einer Sekretärin ausfüllen. Aus diesem Grund wechselt sie zu einer Kölner Versicherung, bei der sie noch heute arbeitet. Susanne und Hartmut werden nie Details ihrer gelungenen Flucht preisgeben, weil sie anderen, die eventuell dieselbe Idee haben, nicht den Weg verbauen wollen. Eine Ausnahme macht Hartmut bei einem Besuch von Verwandten. Dabei ist auch der 16 Jahre alte Sohn der Familie. Er spitzt die Ohren, sagt aber nichts. Zwei Jahre später, er hat kaum die Fahrerlaubnis in der Tasche, holt er mit Hartmuts Trick ein Mädchen aus dem Banater Dorf Jahrmarkt nach Deutschland.

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Horst Philipp:

Zehn lange Tage von Hatzfeld nach Sankt Oswald Horst Philipp, geboren am 25. Januar 1940 in Kreuzstätten, und Michael Zimmermann, geboren in Sanktanna, gelingt die Flucht nach Serbien nach einer harten Nacht. Sie endet nach 10 Kilometer Robben und Gehen im Morgengrauen. Doch damit sind die Strapazen noch lange nicht zu Ende. Es folgen zehn Tage der Irrungen und Wirrungen durch Jugoslawien: von Hatzfeld auf der rumänischen Seite über Klari auf der serbischen Seite nach Sankt Oswald in Österreich. Doch mit Geschick und ein wenig Glück schlagen sich die beiden 800 Kilometer durch Jugoslawien, immer auf der Hut, von Grenzern oder Polizei gefasst oder von gierigen und feindseligen Serben verraten zu werden. Horst Philipp Horst Philipp und Michael Zimmermann lernen sich Ende der 1960er Jahre als Arbeitskollegen in einem Reparaturbetrieb für Landmaschinen in Arad kennen. Sie vertrauen einander; beide haben die Absicht, auszuwandern. Im September 1970 erhält Philipp erneut eine Absage auf seinen Ausreiseantrag. Schon seit zehn Jahren versucht er mit seiner Familie Rumänien auf legalem Weg zu verlassen. Er sieht den Augenblick gekommen, die Sache auf eigene Art zu lösen. Philipp ist für die Flucht gut vorbereitet. Er weiß von einem ehemaligen Soldaten, der an der Grenze bei Hatzfeld gedient hat, dass Spürhunde nur bei Alarm eingesetzt werden. Trotzdem werden sich die beiden vor der Flucht mit Pfeffer einreiben, damit die Hunde sie nicht wittern können. Philipp hat während seiner Militärzeit an der bulgarischen Grenze beobachtet, wie die Wachwechsel erfolgen, wie die Soldaten patrouillieren. Eine Woche vor der Flucht fahren Philipp und Zimmermann die Grenzgegend um Hatzfeld mit dem Motorrad ab, um möglichst in keine Falle zu tappen. Sie fertigen sich Stelzen an, die wie Schneeschuhe aussehen und auf vier 15 Zentimeter langen Bolzen ruhen, um möglichst keine Spuren im Grenzstreifen zu hinterlassen. Sie ziehen los, ausgerüstet mit Kompass, Fernglas, Rasierapparat, Arbeitskleidung und einem Stock mit Schnur, an deren Ende eine Schraube baumelt, mit der sie die mit Leuchtraketen verbundenen Drähte über dem Boden orten wollen. Am 24. September 1971, einem Freitag, ist es soweit: Ein Bekannter fährt

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Horst Philipp und Michael Zimmermann mit dem Wagen in Richtung Grenze. Sie starten am Nachmittag nach Dienstende. Etwa 10 Kilometer vor Hatzfeld springen die beiden auf einem Feldweg aus dem langsam fahrenden Auto und verschwinden in einem Maisfeld. Am Montag, dem 27. September, wollen sie in Österreich sein. Doch daraus wird nichts.

Fluchtausrüstung: Mit auf Stelzen montierten Schuhen wollten Horst Philipp und Michael Zimmermann die Grenze überschreiten, um keine Spuren zu hinterlassen. Mit einer peitschenähnlichen Vorrichtung haben sie Stolperdrähte ertastet. Mitgenommen hatten sie ferner Kompaß, Fernglas, Karte und Taschenmesser.

Die beiden Flüchtlinge ziehen die Schuhe aus, weil sie festgestellt haben, dass sie mit Schuhen an den Füßen schon von weitem zu hören sind: Sie nehmen die Schritte der Grenzsoldaten wahr, also müssen die auch ihre hören. Sie haben im Gepäck je ein weiteres Paar Schuhe. Bis zum Morgengrauen arbeiten sich die beiden bis in Grenznähe vor. Ein Soldat entdeckt die beiden etwa 150 Meter vor dem Grenzstreifen und fordert sie auf, stehen zu bleiben. Es fallen Warnschüsse; Leuchtraketen steigen hoch, doch sie weichen in ein Maisfeld aus und laufen über die Grenze. Ihr Plan, den geharkten Grenzstreifen auf Stelzen zu überqueren, um keine Spuren zu hinterlassen, ist gescheitert. Beinahe geraten sie wieder nach Rumänien zurück, denn die Grenze schiebt sich wie eine Ausstülpung in rumänisches Gebiet, um Klari zu umklammern. Doch sie meistern auch diese Situation. Philipp und Zimmermann laufen ständig auf serbischer Seite entlang der Grenze Richtung Süden - bis zum Umfallen. Sie bleiben liegen und schlafen abwechselnd bis zum Abend. Einer hält stets Wache. Vor Deutsch-Zerne stoßen sie auf einen mit Wasser gefüllten Kanal. Am anderen Ufer sehen sie serbische Soldaten. Sie verbringen die Nacht im Maisfeld und brechen am nächsten Morgen in Richtung Großbetschkerek auf. Ihr erstes Fernziel ist Belgrad. Der Weg dorthin führt fast schnurgerade über Großbetschkerek. Ein Autofahrer nimmt sie ein Stück Weges mit, dann marschieren sie weiter. Ein Serbe spricht beim ersten Anblick sofort von Milicija, Polizei. Das reicht den beiden. Sie ergreifen sofort die Flucht und suchen Schutz

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in einem Maisfeld. Sie haben Angst, gefasst zu werden, denn die Serben schicken noch immer alle Flüchtlinge nach Rumänien zurück. Erst kurz vor ihrer Flucht haben sie vier junge Männer aus Neuarad ausgeliefert. Das wissen die beiden, was sie sehr vorsichtig macht. Kaum sind sie im Mais verschwunden, taucht ein Polizist mit Moped auf, doch der sucht sie lediglich auf Straßen und Wegen, im Maisfeld aber nicht. Nachdem der Polizist weg ist, setzen Philipp und Zimmermann den Weg fort. Ein Lastwagenfahrer nimmt sie mit nach Belgrad. Sie suchen einen Bekannten auf, den Zimmermann auf einem Flohmarkt in Rumänien kennen gelernt hat. Der fährt sie für 5000 Lei bis kurz vor Marburg an der Drau. Sie verbringen die nächste Nacht bei Kälte und Regen in einem Wald. Am nächsten Morgen gehen sie in die Stadt, um sich neu zu orientieren. Am Abend geht es weiter; Philipp und Zimmermann halten sich stets in Deckung parallel zur Hauptstraße. Sie erreichen den Stadtrand und tappen am letzten Haus in eine Falle der Grenzer: eine mit Blech abgedeckte Grube. Das Geräusch des Blechs alarmiert die Grenzer. Aber Philipp und Zimmermann geben nicht auf. Sie laufen in ein Waldstück, wechseln auf eine Wiese im Tal. Plötzlich strahlen auf einem Geländewagen montierte Scheinwerfer sie an. Sie haben Glück, weil die Soldaten die Verfolgung nicht zu Fuß aufnehmen, sondern mit dem Wagen. Philipp und Zimmermann laufen den Hügel hinauf und entkommen ihren Verfolgern, rennen den anderen Hügelhang hinunter und springen auf einen langsam fahrenden Güterzug auf und gelangen nach Laibach. Sie wissen, dass in Personenzügen im Dach ein Hohlraum ist, in den man aus dem Toilettenraum hineinkriechen kann. Sie versuchen es in einem Zug vergebens und fahren wieder zurück nach Marburg. Inzwischen sind die beiden schon seit einer Woche unterwegs und fragen einen österreichischen Busfahrer um Rat. Der rät, sie sollten es in Unterdrauburg versuchen, nach Österreich zu gelangen. Er nimmt die beiden mit dem Bus mit bis vor die Tore Unterdrauburgs. Sie gehen auf die Grenze zu und erleben, dass hier wie auch an der rumänischen Grenze Drähte gespannt sind. Philipp und Zimmermann arbeiten sich die ganze Nacht hindurch vor. Am nächsten Abend geht es weiter. Der Kompass zeigt ihnen die Richtung. Sie müssen nordwärts, dort liegt Österreich. Sie marschieren auch die zweite Nacht durch. Dann meldet sich Michael Zimmermann zu Wort: Er will nicht mehr weiter, weil er erschöpft ist. Da sieht Horst Philipp in einer Entfernung von etwa 30 Metern einen Grenzstein. Nach näherem Hinsehen weiß er, sie sind noch in Jugoslawien. Doch diese Nachricht verleiht Zimmermann neue Kraft. Sie gehen weiter den Berg hinauf und gelangen nach Sankt Oswald in Österreich. Es ist der 4. Oktober 1971. Auf einem Feldweg nimmt ein junger Mann die beiden mit seinem VW Käfer mit bis zur Dorfgaststätte. Die Wirtin ist bereit, ihnen Würstchen zu wärmen, die die beiden mit den mitgebrachten Dinar bezahlen dürfen.

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Ihr rumänisches Geld haben sie in Belgrad auf der Straße eingetauscht. Gestärkt, machen sich die Flüchtlinge auf nach Eibiswald, wo sie sich Fahrkarten kaufen und den Zug in Richtung Wien nehmen. Noch am selben Tag kommen sie dort an und besuchen Philipps Schwägerin. Philipp, mit Einreisegenehmigung für Deutschland, trifft am 12. Oktober in Nürnberg ein. Michael Zimmermann, der keine Einreiseerlaubnis hat, muss sich noch gedulden. Bis zur Lösung seines Falles wohnt er noch eine Weile bei Philipps Schwägerin. In den zehn Fluchttagen haben sich die beiden Flüchtlinge von dem ernährt, was sie auf Feldern gefunden haben: von Beeren und Kürbissen oder auch schon einmal mit einem Würstchen mit Brot, das sie an einer Bude kaufen konnten. Auf der Flucht verliert Philipp zwölf Kilogramm Körpergewicht. Die Rumänen erlauben Philipps Frau und Sohn 1973 auszureisen, nachdem er 20000 Mark Kopfgeld bezahlt hat, das sein schon in der Bundesrepublik Deutschland lebender Schwiegervater nach Rumänien gebracht hat, weil Philipp nicht nach Rumänien einreisen kann: Er ist zu anderthalb Jahren Gefängnis wegen Flucht verurteilt worden. Die Philipps lassen sich in München nieder. Michael Zimmermann findet in Darmstadt ein neues Zuhause.

Am 8. Oktober in Wien von der deutschen Botschaft ausgestellt: der Ersatzpaß für Horst Philipp

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Nikolaus Kurusz:

Als Minderjähriger in die Freiheit Als sich Nikolaus Kurusz am 18. Oktober 1971 zusammen mit seinem Freund Erwin Dick auf die Flucht begibt, ist er 18 Jahre und 12 Tage alt und nach damaligem deutschem Recht noch minderjährig. Die Eltern des am 6. Oktober 1953 in Keglewitschhausen geborenen Kurusz sind in Altbeba zu Hause, das genau im Dreiländereck Ungarn, Jugoslawien, Rumänien liegt. Freund Erwin Dick (6.11.1953-21.1.1975) stammt aus dem etwas südlicher gelegenen Tschawosch an der serbischen Grenze. Die Flucht der beiden an jenem Oktobertag hat eine Vorgeschichte: Ein Vetter Dicks ist kurz vorher wegen Verrats bei einem Fluchtversuch nach Jugoslawien gefasst worden, und Nikolaus Kurusz zwar in einem umgebauten Auto. Fluchthelfer war ein aus Berlin stammender, inzwischen gestorbener Taxifahrer aus Ulm namens Wolfgang Baier. Während der junge Fluchtwillige seine Gefängnisstrafe absitzen muss, besorgt die Frau des Fluchthelfers Geld und kauft Baier frei. Das Fluchtauto, ein Opel Diplomat, wird beschlagnahmt. Eine hochgestellte Person in Temeswar fährt ab sofort den Wagen. Das ärgert Baier. Er versenkt das Auto im Bega-Kanal. Wie Nikolaus Kurusz berichtet, schwört Baier nach der Entlassung, er werde für jeden Tag, den er im Temeswarer Gefängnis gesessen hat, einen Mann in die Freiheit bringen. Er wird zum Fluchthelfer, der sowohl Leuten aus der DDR als auch Deutschen aus dem Banat in die Freiheit verhilft - sein Beitrag zur Erlangung der Freiheit: Er sucht die Flüchtlinge in Rumänien aus, erwartet sie auf der serbischen Seite und bringt sie in die deutsche Botschaft in Belgrad, wo sie mit Pässen und Fahrkarten ausgestattet werden. Der Transport bis Belgrad ist wichtig, denn das Auslieferungsabkommen zwischen Jugoslawien und Rumänien ist noch gültig. Es ist schwierig, in die Hauptstadt Belgrad zu gelangen, ohne aufzufallen und verraten zu werden: Verräter erhalten ein Kopfgeld. Vor dem Transport durch Jugoslawien hilft Baier den Fluchtwilligen in Rumänien: Er lotst diejenigen, die sich nicht auskennen, in Grenznähe. Ihm verdanken ein paar Dutzend Leute die Freiheit. Baier ist solange als Fluchthelfer tätig, bis die Rumänen ihn ausweisen. Sein Glück: Sie können ihm trotz Be-

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schattung nichts nachweisen. Zu den ersten, denen Baier die Flucht ermöglicht, gehört ein Arztehepaar aus der DDR. Als Fluchtpreis erhält Baier den Škoda des Ehepaars. Mit diesem Wagen wird er fortan unterwegs sein und die Flüchtlinge zur deutschen Botschaft fahren. Baier sucht immer wieder Leute, die sich an der Grenze gut auskennen und mit großer Wahrscheinlichkeit den Grenzübertritt schaffen. Als Nikolaus Kurusz und Erwin Dick die Flucht planen, ist noch ein dritter Schulfreund der beiden dabei. Weil der jedoch nicht zur letzten Terminabsprache kommt, beschließen Kurusz und Dick, die Flucht vorzuziehen, damit nichts inzwischen kommt. Am 18. Oktober 1971 ist es soweit: Die beiden fahren mit dem Bus nach Kerestur, die letzte Haltestelle vor Altbeba. Denn blieben sie im Zug, kontrollierten die Grenzer sie. Doch sie wollen nicht gesehen und auch nicht registriert werden. Deshalb gehen sie über die Felder bis nach Altbeba. Nikolaus Kurusz' Eltern wissen nichts von der Fluchtabsicht der beiden. Kurusz und Dick spazieren am Abend ins Dorf und sprechen das Thema Flucht in geselliger Erwin Dick † Runde noch scherzeshalber an. Sie gehen noch einmal ins Haus Kurusz, um sich mit den Worten zu verabschieden, sie gingen ins Kino. Der 18. Oktober 1971 ist ein verregneter Tag, doch am Abend kommt die Sonne hervor, es wird sternenklar. Die beiden schleichen sich in Richtung Grenze, suchen Deckung, damit niemand aus dem Dorf sie auf dem Marsch entdeckt. Sie laufen durch ein Maisfeld, weil sie wissen, dass die Grenzer dort keine mit Leuchtraketen bestückten Drähte spannen. Sie erreichen einen Feldweg und sehen einen vorbeireitenden Grenzer, begleitet von einem Wachhund bleiben aber unentdeckt. Sie machen mit Stöcken die Drähte aus, kommen gut darunter hindurch. Plötzlich gehen rechts von ihnen Leuchtraketen hoch. Aber sie wissen, die haben nicht sie ausgelöst. Nur noch etwa 300 Meter trennen sie von der Grenze. Sie beginnen zu laufen, kommen über den geharkten Grenzstreifen und fallen in einen Wassergraben. Der Graben gehört zu den Neuerungen an der Grenze, von denen Nikolaus Kurusz noch nichts weiß. Die beiden überwinden ihn und sind auf serbischer Seite. Sie kommen durch ein Maisfeld und stehen unverhofft in einem Hof. Hunde empfangen sie kläffend. Weil die Hunde angekettet sind, können sie sich zurückziehen. Sie erreichen die Straße zwischen Majdan und Rabe. Dort soll Baier auf die beiden warten und jede halbe Stunde ein Lichtzeichen mit den Scheinwerfern geben. Zwischendurch will er auch ab und an auf der Straße hin und her fahren. Die beiden schleichen

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sich durch die Maisfelder in Richtung Kikinda, und plötzlich sehen sie die Scheinwerfer. Sie haben einander gefunden. Die beiden Flüchtlinge steigen ein, nach zehn Kilometern Fahrt hält Baier. Die beiden ziehen saubere Kleidung an, die Baier mitgebracht hat. Kurz vor Kikinda bemerkt Baier einen Wagen, der ihm ständig in demselben Abstand folgt. Sie durchfahren Kikinda und gelangen nach Großbetschkerek. Dort fährt Baier im Zickzack und biegt unbemerkt ab auf einen Hof. Nach etwa einer halben Stunde ist er sich sicher, dass sie die Verfolger los sind. Sie setzen die Fahrt fort und kommen in eine Polizeikontrolle. Baier wirft über die beiden Flüchtlinge eine Decke und eine Reisetasche, hält den Polizisten seinen und den Pass seiner Frau hin, die ebenfalls dabei ist. Die Polizisten winken sie durch. Um 20.20 Uhr sind die beiden in Altbeba gestartet, um 23 Uhr sind sie in der deutschen Botschaft in Belgrad. Der Pförtner, der Baier öffnet, lässt sie in die Tiefgarage fahren. Sie übernachten in einem kleinen Raum in der Botschaft. Am nächsten Tag fahren Nikolaus Kurusz und Erwin Dick mit dem Zug in Richtung Deutschland. Baier verabschiedet sich und kehrt nach Rumänien zurück. Er hat sein Soll für jeden Tag im Gefängnis noch nicht erfüllt. Kurusz und Dick bezahlen für die Hilfe je 600 Mark. Nikolaus Kurusz' Eltern bekommen nach der Flucht Schwierigkeiten mit der Geheimpolizei, die ihnen nicht glauben will, dass sie nichts von der Flucht wissen. Baier schickt den Eltern trotzdem noch einige Kunden, die bei ihnen übernachten, um später über die Grenze zu gehen. Weil aber in einem Dorf nichts verheimlicht werden kann, bittet Nikolaus Kurusz schließlich Baier, keinen Fluchtwilligen mehr zu seinen Eltern zu schicken. Im Oktober 1974 wird Nikolaus Kurusz' Bruder auf demselben Weg in die Freiheit fliehen. Es wird die letzte Hilfe sein, die Baier leistet. Nikloaus Kurusz schätzt, Baier hat mehreren Dutzend Leuten den Weg in die Freiheit geebnet. 1980 werden die Eltern der beiden Kurusz-Brüder auf eigene Faust die Flucht wagen. Josef (1924-2004) und Barbara Kurusz (geboren 1922) nutzen eine Fahrt mit dem Pferdewagen zur Arbeit an die Grenze und gelangen nach Jugoslawien. Doch sie sind vorbereitet. Sie wissen, dass der Bus von Rabe in 20 Minuten nach Belgrad fährt. Auch sie kommen problemlos durch. Aber inzwischen liefern die Serben auch kaum noch einen Rumänien-Deutschen an Rumänien aus. Nikolaus Kurusz und Erwin Dick bekommen als Minderjährige in Deutschland einen Vormund; sie mieten eine Wohnung in Neu-Ulm. Kurusz und Dick beginnen als Fräser zu arbeiten. Erwin Dick wird der erste Unternehmer in Deutschland sein, der mit Altglas Geld verdient. Er stellt Container auf, um Glas zu sammeln und zu verkaufen. Er ist am 21. Januar 1975 bei einem Verkehrsunfall als Beifahrer ums Leben gekommen.

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Walter Keller:

Mit Schwester und Frau über die Grenze spaziert Dr. Walter Keller hat als junger Mann Glück. Er bekommt eine Stelle als Tierarzt in der Banater Gemeinde Fienenfeld. Seine Rinderfarm liegt unmittelbar an der serbischen Grenze. Dorthin führt jeden Morgen gegen 8 Uhr sein Weg. Meistens ist er mit dem Trecker unterwegs. Er kennt die Offiziere und Unteroffiziere der Grenztruppe, pflegt Umgang mit ihnen und gewinnt ihr Vertrauen. Über die Fluchtgründe sei nur soviel zu sagen: „Ich wäre blöd gewesen, wenn ich es nicht gemacht hätte“. Sein Vater habe schon immer das Land verlassen wollen; bei ihm und seinen anderen Verwandten sei das nicht anders gewesen. Walter Keller, geboren am 21. Mai 1949 in der Banater Gemeinde Großjetscha, erlebt 1951 die Verbannung eines Teils der Deutschen aus dem Banat in die Donautiefebene. Es ist nur ein Grund, der sein Vertrauen in dieses Land zerstört. Im Februar 1976 drohen die Ereignisse sich zu überstürzen. In der Gemeinde Gertjanosch, wo sich Walters Eltern nach der Entlassung aus der Verbannung 1956 niederlassen, verbreiten ihm Übelgesonnene das Gerücht, er wolle flüchten. Auf Umwegen erfährt er, dass er deswegen von der Farm neben der Grenze versetzt werden soll. Dr. Keller überlegt nicht lange und handelt. Am Morgen des 13. Februar 1976 fährt er wie gewohnt mit dem Trecker zur Arbeit auf die Farm. Nur eines ist an diesem Tag anders: Auf dem Anhänger sind seine Frau und seine Schwester unter Stroh versteckt. Walter Keller hält vor der Farm, die Frauen steigen vom Anhänger. Es ist 8 Uhr: Die drei gehen über die Grenze, ohne dass jemand etwas davon merkt. Diese Flucht kommt einem Spaziergang gleich. Erst im Laufe des Tages fragt sich jemand, warum der Trecker nicht zurück im Dorf ist. Jetzt fällt die Flucht auf. Mit dem Grenzübertritt bei Fienenfeld sind die drei Flüchtlinge aber noch nicht in der Freiheit. Sie dürfen von den Serben nicht ertappt werden, denn die würden sie den Rumänen ausliefern; noch gilt das Auslieferungsabkommen zwischen Jugoslawien und Rumänien. Um den Weg in die Freiheit sicherer zu machen, hat Dr. Keller einen Onkel an die serbische Grenze bestellt. Er erwartet die drei schon auf serbischer Seite und fährt sie mit dem Auto durch Jugoslawien bis nach Marburg an der Drau. Dort gelangen sie über einen Stauwehr im Grenzfluss Mur von Slowenien nach Österreich. Der Onkel nimmt sie mit zu sich nach Hause nach Niederösterreich. Weil Dr. Kellers Frau keine Einreisegenehmigung nach Deutschland besitzt, meldet er sie im Flüchtlingslager Traiskirchen an. Dr. Keller spielt kurz mit dem Gedanken, sich in Österreich nieder-

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zulassen. Weil aber sein Tierarztdiplom in Österreich nicht anerkannt wird und er dafür noch vier Semester studieren müsste, entschließt er sich für Deutschland. Nach vier Wochen Aufenthalt in Österreich hat seine Frau noch immer keinen Bescheid von den deutschen Behörden. Deshalb macht Walter Keller Nägel mit Köpfen. Am 13. März 1976 überschreitet er mit seiner Frau illegal die Grenze nach Deutschland. Einen Monat später arbeitet er als Tierarzt. Dr. Walter Keller und seine Familie sind heute in Ebermannstadt zu Hause. Die Arbeit ist ihm in den rund 32 Jahren in Deutschland nie ausgegangen. Nach der Flucht der Kellers werden die für den Grenzabschnitt Fienenfeld zuständigen Offiziere alle strafversetzt. Einige sogar ins Donaudelta. Für einige hat es mir leid getan, für die anderen aber nicht, sagt Dr. Keller heute.

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Baldwin Frank:

Im schaukelnden Boot ans rettende Ufer Dieser Bericht kommt dem Herausgeber dieses Buches wie gerufen. Baldwin Frank hat ihn auf Wunsch seiner Tochter Brunhilde (Bruni) geschrieben, die inzwischen mit Torsten Buhmann verheiratet ist, zwei Söhne hat und als Architektin in Berlin arbeitet, aber schon immer genau wissen wollte, wie sie mit Vater und Mutter Rosemarie geborene Ruppert und Bruder Siegfried 1975 aus dem rumänischen Banat nach Deutschland geflüchtet ist. Bruder Siegfried war damals zehn, Brunhilde vier Jahre alt. Siegfried ist Industriekaufmann und heute Eigentümer einer kleinen Rinder- und Ziegenfarm in Brasilien. Mit Hilfe derselben Schlepper gelingt in den beiden folgenden Jahren zwei Vettern der Ein Jahr vor der Flucht: Baldwin, Rosemarie, Franks die Flucht über die Donau aus RumäSiegfried und Brunhilde Frank nien sowie Baldwin Franks Mutter Anna und ihrem Lebensgefährten Anton Bössner, ferner den Brüdern Erich und Dr. Reinhold Fett und deren Mutter Anna. Ihnen stehen mehr oder weniger Fluchthelfer auf beiden Seiten des Donauufers zur Seite. Liebe Bruni, nach meinem Studium am Institut für Bergbau in Petroşani sind wir 1968 nach Neumoldowa gezogen. Neumoldowa war früher ein kleiner Ort mit etwa 3000 Einwohnen. Anfang der 60er Jahre hat man dort große Kupfer- und Magnetit-Vorkommen gefunden und abzubauen begonnen. Am Donauufer wurde schnell eine Trabantenstadt für etwa 10 000 Bergleute und ihre Familien gebaut. Um die Bergleute bei Laune zu halten, wurde viel in Sport investiert. Ich habe eine gute Arbeitsstelle bekommen und wurde Trainer der Fußballmannschaft. Auch Mutti hatte eine gute Arbeitsstelle in der Buchhaltung. Um qualifizierte Leute nach Neumoldowa zu locken, wurden überdurchschnittliche Löhne und Gehälter gezahlt. Grubenführung, kommunistische Partei und Bürgermeister unterstützten mich tatkräftig, und so schaffte ich es in kurzer Zeit, mit der Fußballmannschaft bis in die zweite Liga aufzusteigen. Unsere Familie kam dadurch in den Genus von allen möglichen Privilegien. Es ging uns gut, es

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fehlte uns nichts. Mit dem Thema Auswanderung beschäftigten wir uns erst, als die ersten Verwandten aus Deutschland uns besuchten. Hatte man nahe Verwandte in Deutschland, so konnte man damals in Rumänien einen Ausreiseantrag stellen. Danach wurde man aber zum Hilfsarbeiter abgestuft, musste oft fünf bis sechs Jahre auf die Ausreisegenehmigung warten und Schikanen erdulden. Darum kam ein Ausreiseantrag für uns nicht in Frage. Im Krankenhaus in Neumoldowa waren auch einige deutsche Ärzte beschäftigt. Wir kannten uns. Einer, und zwar Dr. Helmut Weber, ist in einer Nacht mit einem Freund, Frau und zwei kleinen Kindern geflüchtet. Keiner wusste wie. Ein anderer, Dr. Reinhold Fett, wurde mit seinem Bruder auf der Flucht erwischt. Beide mussten ins Gefängnis. 1974 blieben Onkel Siegfried, mein Bruder, und Tante Anni, seine Frau, nach einer genehmigten Urlaubsreise in Deutschland. Der damals siebenjährige Baldwin (Dein Cousin) durfte nicht mit und blieb in Temeswar bei Oma. Nach einem Jahr, nachdem seine Eltern die rumänische Staatsbürgerschaft abgelegt hatten, durfte er nach Deutschland ausreisen. Onkel Siegfrieds Auslandsreise mit den anschließenden Folgen war mit uns allen, der ganzen Familie, abgesprochen. Nach seiner Flucht wollte der Geheimdienst Securitate uns ins Landesinnere versetzen. Weil ich aber mit der Fußballmannschaft vor dem Aufstieg in die erste Liga stand, setzten sich der Bürgermeister und die Führung des Bergbauunternehmens erfolgreich für unseren Verbleib in Neumoldowa ein. Allerdings wurde unsere Wohnung nachts beobachtet. Zu Auswärtsspielen fuhr ein Spitzel mit. Nach etwa vier Monaten hat die Rund-um-die-Uhr-Bespitzelung aufgehört. Ende Mai 1975 erhielten wir von Onkel Siegfried Post aus Deutschland, ich saß auf unserem Balkon und las den Brief. Unser Nachbar, dessen Balkon an unseren grenzte, sprach mich an. Ich erzählte ihm, dass mein Bruder mit seiner Frau seit einem Jahr in Deutschland lebt und es ihnen gut geht. Er sagte kein Wort und ging in seine Wohnung. Einige Tage später warst Du oder Siegfried, krank, und Mutti blieb zu Hause. Um die Mittagszeit rief Mutti bei mir im Büro an und fragte, ob ich nach Hause kommen könne. Zu Hause erzählte mir Mutti, sie hätte auf dem Balkon unseren Nachbarn getroffen, und der meinte, dass er, wenn wir wollten, alles in die Wege leiten könnte, um uns die Flucht nach Deutschland zu ermöglichen. Wir gingen zu ihm, und er sagte uns, dass er für eine Fluchthelferbande der Vermittler sei. Er nannte uns auch einige Namen von deutschen Familien, von denen wir wussten, dass sie geflüchtet waren. So hat er unser Vertrauen gewonnen, und das Abenteuer Flucht konnte beginnen. Er hat uns auch gesagt, falls wir ihn verraten sollten, werde der Rest der Bande uns ermorden. Zwei Wochen später kam er mit einem serbischen Ehepaar zu uns. Jugoslawen durften nach Rumänien beliebig ein- und ausreisen. Mit diesem Ehepaar, die Frau sprach ein bisschen Rumänisch, handelten wir den Preis aus. Wir einigten uns auf 120 000 Lei. Als Bergbau-Ingenieur verdiente ich

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damals 3000 Lei netto im Monat. 120 000 Lei waren ein Vermögen, etwa der Preis einer Vier- Zimmer-Eigentumswohnung. Uns fehlten 20 000 Lei. Die hat uns Onkel Pedi geliehen. Opa hat nach unserer Flucht und dem Verkauf unserer Wohnungseinrichtung in Neumoldowa die Schulden beglichen. Das jugoslawische Ehepaar hat uns gesagt, den Zeitpunkt der Flucht könnte es uns nicht nennen, weil daran mehrere Helfer beteiligt seien. Sie wollten aber etwa jede zweite Woche nach Rumänien kommen und jedes Mal bei uns 10 000 Lei zum Einkaufen abholen, bis die ganze Summe bezahlt ist. Wir haben sofort zugesagt. Hätten wir lange und in Ruhe alles überlegt, besonders die drohende Lebensgefahr, dann wären wir wahrscheinlich noch heute in Rumänien. Als erstes haben wir an Siegfrieds und Deine Zukunft gedacht. Dann, was wird, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt, werden unsere Kinder auch einmal Spitzensportler, um gut leben zu können? In Neumoldowa gab es außerdem keine deutsche Schule. Das serbische Ehepaar kam regelmäßig, und wir gaben ihm brav das Geld. Wir haben unser Auto verkauft mit der Begründung, ein größeres Auto kaufen zu wollen. Sonst haben wir nichts verkauft, um nicht aufzufallen. Der Sommer verging, der Herbst ging auch zur Neige, und es tat sich nichts. Wir hatten auch schon den Glauben verloren, dass in jenem Jahr noch etwas passiert und fingen an nachzudenken. Was ist, wenn sich das serbische Ehepaar nicht mehr meldet? Das Geld ist weg, und wir können nicht zur Polizei gehen, um Anzeige zu erstatten. So verging die Zeit. Am 7. November, es war ein Samstag, etwa um 18 Uhr läutete es an der Tür. Ich öffnete. Vor der Tür stand ein älterer, armselig angezogener Mann. Er kam in die Wohnung und sagte, dass es in der Nacht losgehe. Wir sollten um Mitternacht auf der Straße hinter dem Haus stehen. Er werde uns mit einem Pkw abholen. Liebe Bruni, Du warst gerade in Temeswar bei Oma Ruppert. Wir haben sofort bei Oma Frank und Opa angerufen, damit Dich dieser mit seinem Auto nach Neumoldowa bringt. Wir hatten Glück. Onkel Pedi war gerade zu Besuch, und so ist er mit Opa zu Oma Ruppert gefahren, hat Dich abgeholt und nach Neumoldowa gebracht. Opa war damals schon 72 Jahre alt und nicht der beste Autofahrer. Um 22 Uhr sind sie angekommen, haben Dich abgegeben und sind gleich wieder zurückgefahren. Sonst hätte ich Dich mit dem Auto eines Freundes abholen müssen. Wir haben unsere Geburtsscheine, Abschlusszeugnisse, Diplome und Kopien der Arbeitsbücher in Muttis Handtasche gepackt, uns dick angezogen, die Wohnung abgeschlossen. Um Mitternacht standen wir hinter dem Haus. Der Fluchthelfer war pünktlich. Mit dem Auto fuhren wir etwa 15 Kilometer in das kleine Fischerdorf Possessena am Donauufer, das hauptsächlich von Serben bewohnt ist. Der Fluchthelfer hat uns in einem Raum ohne Fenster untergebracht. Am Morgen hat uns seine Frau Frühstück gebracht. Um 10 Uhr hat mich seine Mut-

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ter in die Küche gerufen. Er war nicht zu Hause. Sie hat mich gefragt, ob mir bewusst sei, welch hohes Risiko wir eingehen und ob wir es uns nicht doch anders überlegen möchten. Ihr Sohn würde uns dann wieder nach Hause fahren. Ich habe ihr gesagt, dass es kein Zurück mehr gebe. Wir haben den Kindern alles erzählt, und die könnten sich in der Schule oder im Kindergarten verplappern. Außerdem haben wir viel Geld bezahlt, das wir nie zurückbekämen. Meine Fußballmannschaft hatte an jenem Sonntag ein Auswärtsspiel. Ich bin nicht mitgefahren und habe meinem Co-Trainer gesagt, dass ich nach Bukarest fahre, um ein neues Auto zu kaufen. Ich werde von dort direkt zum Spiel am Sonntag nachkommen. Um 13 Uhr ist der Fluchthelfer gekommen, es war ein Fischer. Er hatte ein kleines Ruderboot und die Berechtigung, auf der Donau zu fischen. Das Ufer wurde vom Grenzschutz in Begleitung von Hunden bewacht. An einigen Stellen, die nur der Grenzschutz und die Fischer kannten, waren dünne Drähte als Stolperfallen gespannt, die beim Berühren Leuchtraketen auslösten. Über der Donau wehte an machen Herbsttagen ein starker Wind, den die Einheimischen Koschawa nennen. Er hält meist fünf bis sechs Tage an. Am vierten Tag erreicht er meist seinen Höhepunkt. Dann kann man kaum auf die Straße gehen, weil man fast weggefegt wird. Wir hatten schon am Abend vor unserer Flucht bemerkt, dass Wind aufkommt. Der Fischer forderte mich auf, mich anzuziehen, mit ihm zum Donauufer zu kommen und zu entscheiden, ob wir zum anderen Ufer rudern sollen oder ob das Risiko zu groß sei. Sein Garten grenzte auf einer Breite von etwa 60 Metern ans Donauufer. Der Wind war ziemlich kräftig. Der Fischer sagte, die Grenze sei um die Mittagszeit kaum bewacht, weil der Schichtwechsel mit Lagebesprechung stattfindet. Am Ufer angekommen, stellten wir uns in die zwei bis drei Meter hohen Büsche. Die Donau war übergetreten, und wir mussten die letzten 30 bis 40 Meter bis zu den Büschen knöcheltief durchs Wasser waten. Jetzt hat er mir auch gesagt, warum die Flucht im Spätherbst und nicht im Sommer stattfinden kann. Wegen der Überschwemmung können die Hunde die Spur der Flüchtlinge nämlich nicht aufnehmen. Nun sollte ich entscheiden, ob wir es wagen. Er meinte, wenn das Boot wegen des starken Wellengangs kentert, dann würde er sich schon retten können, aber was machen die Frau und die Kinder? Ich dachte, mit ein bisschen Glück und mit Gottes Hilfe müsste es zu schaffen sein. Deshalb sagte ich ihm, je länger wir warten, umso stärker wird der Wind. Er hat mich mit versteinertem Gesicht angesehen, mir im Gebüsch eine kleine Erderhöhung mit einem drei Meter langen Baumstamm gezeigt und mich aufgefordert, dort zu warten, bis er Euch geholt hat. Etwa 20 Minuten später kam er mit Euch. Für mich war es eine Ewigkeit. Ihr habt so getan, als würdet Ihr im Garten arbeiten und habt Euch so dem Ufer allmählich genähert. Ich konnte von meinem Versteck aus alles beobachten.

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Das Versteck war gut gewählt. Ich habe auch Spuren früherer Flüchtlinge, Schokoladenverpackungen oder Apfelreste, auf dem Boden liegen sehen. Er brachte Euch zu mir und ging ins Haus zurück. Mutti und ich haben uns Rücken an Rücken auf den Baumstamm gesetzt. Sie hielt Dich im Arm und ich Siegfried. So vergingen etwa drei Stunden. Der Fischer, der inzwischen auf der Donau fischte, tauchte manchmal mit seinem Boot vor unserem Versteck auf. Wir konnten durch die Büsche auch die Grenzsoldaten sehen, die mit ihren Hunden am Ufer Streife gingen. Es fing an zu dämmern, da hörten wir Hunde bellen. Das Bellen kam immer näher. Wir hatten Angst, uns stockte der Atem. Der Fischer mit seinem Boot tauchte wieder auf und schaute erschrocken zu uns. Er machte Zeichen, uns nicht zu bewegen. Dann stieg er aus dem Boot, kletterte auf einen stabilen Strauch, um zu sehen, woher das Hundegebell kam. Dann beruhigte er uns: Wir sollten keine Angst haben, der Spürhund hätte einen Igel gefunden, aber Igel liefen nicht durchs Wasser. So saßen wir und beteten, dass kein Grenzposten in die Büsche leuchtet, kein Patrouillenboot auf der Donau auftaucht und das Ufer beobachtet und dass Du, liebe Bruni, nicht aufwachst und zu weinen beginnst. Die frische Luft hatte Dich in einen tiefen Schlaf versetzt. Gegen 19 Uhr kam der Fischer und forderte uns auf, ins Boot zu steigen. Wir mussten uns alle auf den Boden legen. Er deckte uns mit alten, schmutzigen Säcken zu, damit man uns nicht von einem zufällig vorbeifahrenden Schiff sehen konnte. Die Säcke stanken fürchterlich nach Fisch. Langsam entfernten wir uns vom Ufer. Die Donau war durch den starken Wind sehr unruhig, und die Wellen schwappten manchmal über den Bootsrand. Der Strom ist an dieser Stelle 1000 bis 1500 Meter breit. Auf halber Strecke waren schon drei Zentimeter Wasser im Boot. Ich wollte mich aufsetzen, um die Säcke unter uns zu legen. Es war aber nicht möglich, denn bei jeder Bewegung drohte das Boot zu kentern. Wir kamen in die Strömung, und das Boot wurde immer schneller flussabwärts und vom vorgesehenen Ziel abgetrieben. Auf einmal sagte der Fischer, er habe keine Kraft mehr zum Rudern. Ich wollte aufstehen, um weiter zu rudern, aber er schrie mich an, ruhig zu bleiben, denn das Boot kippe um. Ich weiß nicht wie, aber auf einmal waren wir aus der Strömung, das Boot wurde langsamer, und die Wellen waren nicht mehr so hoch. Kurz danach erreichten wir das rettende serbische Ufer. Wir stiegen aus und merkten, dass niemand auf uns wartete. Der Fischer zeigte uns ein rotes Hausdach und sagte, wir sollten uns, wegen der jugoslawischen Grenzposten, nicht lange aufhalten, in das Haus gehen und der Frau seinen Namen nennen. Die Frau sei in alles eingeweiht. Wir sollten nur aufpassen, dass uns ihr Mann nicht sieht. Er sei im Zweiten Weltkrieg serbischer Partisane gewesen und könne die Deutschen nicht leiden. Er würde uns anzeigen. Danach stieg der Fischer in sein Boot und ruderte zurück.

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Wir standen noch drei Minuten und hofften, die jugoslawischen Fluchthelfer würden doch noch kommen. Doch vergebens. Wir hatten Angst, in die Hände der jugoslawischen Grenzposten zu fallen. Die hätten uns wahrscheinlich wieder an Rumänien ausgeliefert. Wir gingen zu dem Haus mit dem roten Ziegeldach. Doch wir mussten feststellen: Es ist gar nicht so einfach, in ein fremdes Haus zu gehen, ohne dass der Hausherr einen sieht. Im Hof brannte Licht, und zwei Männer löschten Kalk. Hinten im Stall saß eine Frau und molk eine Kuh. Die Männer füllten drei Eimer mit Kalk und gingen damit ins Haus. Dies war der Moment, in dem wir unbemerkt zu der Frau gelangen konnten. Wir liefen zum Stall, die Frau sah uns erschrocken und fragend an. Nachdem wir den Namen des Fischers genannt hatten, schüttelte sie den Kopf und machte uns Zeichen, ihr zu folgen. Sie führte uns in einen Holzverschlag hinter einem Schweinestall und bedeutete uns, ruhig zu sein und uns auf eine Bank zu setzen. Sie ging zurück in den Kuhstall. In dem Verschlag war es stockfinster, der Lehmfußboden war feucht und kalt. Es stank fürchterlich nach Schweinemist. Nach 30 bis 40 Minuten kam sie wieder und brachte für jeden einen halben Apfel. Plötzlich hörten wir Stimmen vom Hof, und die Frau kam mit zwei Männern zu uns. Einer davon war der jugoslawische Fluchthelfer, der alle zwei Wochen mit seiner Frau zu uns gekommen ist, um Geld abzuholen. Wir waren froh, endlich eine vertraute Person zu sehen. Mit einem Pkw fuhren wir in Richtung Belgrad. Nach einer Stunde, ich glaube es war Mitternacht, hielten die Männer auf einem Gaststättenparkplatz in einem Dorf an und gingen essen. Uns ließen sie im Auto sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Nach etwa 20 Minuten kam einer mit vier Sandwichs zurück. Noch nie hat ein Sandwich so gut geschmeckt, wir hatten den ganzen Tag nichts gegessen außer dem halben Apfel. Die beiden Männer waren mehr als eine Stunde in der Gaststätte. Nach weiteren zwei Stunden Fahrt waren wir im Haus des jugoslawischen Ehepaars angelangt, in einem Ort an der jugoslawischen Festlandgrenze. Wir bekamen zu essen und durften einige Stunden schlafen. Um 8 Uhr gab es Frühstück. Am Tisch saß ein fremder Mann. Die Frau, die etwas Rumänisch sprach, erklärte uns, dass der Mann uns über Marburg an der Drau an die österreichische Grenze fährt. Er zeigt uns, wo wir schwarz über die Grenze nach Österreich gelangen, fährt selbst legal nach Österreich, nimmt uns dort wieder auf und bringt uns nach Graz zu Muttis Onkel. Damit waren wir einverstanden. Der Mann sprach kein Wort Rumänisch oder Deutsch. Nach dem Frühstück ging die Reise in einem alten, verrosteten Pkw der Marke Škoda los. Es waren etwa 800 Kilometer bis Marburg in Slowenien. Wir fuhren wieder in Richtung Belgrad. Unsere Kleider waren von der Bootsfahrt verdreckt, aber wieder trocken. Von einigen Kleidungsstücken hatten wir uns getrennt. Du, liebe Bruni, wurdest einmal komplett entblättert. Oma Ruppert hatte Dir alles dreifach angezogen, und es war auch gut so. In Belgrad, an

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einer Ampel, ist uns einer auf den alten Škoda aufgefahren. Unser Fahrer hat sich mit dem Unfallgegner wegen der zerbrochenen linken Hinterleuchte angelegt und wollte nicht wegfahren, bis der den Schaden ersetzt hat. Wir hatten Angst, dass Polizei kommt. Deshalb haben wir ihm Muttis Halskette und ihren Ring angeboten, damit er endlich weiterfährt. Damit war er einverstanden. Wir sollten Marburg erreichen, ohne etwas gegessen zu haben. Eine kleine Panne hat es doch noch gegeben: Du wurdest von der zweiten Kleiderschicht entblättert, weil Du erbrochen hattest. Jetzt warst Du nur noch mit dem Nötigsten bekleidet. Kurz vor Mitternacht sind wir in Marburg am Grenzübergang angekommen. Der Fahrer stellte das Auto auf einem großen, leeren Parkplatz ab und bedeutete mir, ihm zu folgen. Ihr habt im Wagen gewartet. Wir gingen in eine Gaststätte, er bestellte zwei Kaffee, und wir stellten uns an einen Tisch vor ein großes Fenster. In der Gaststätte waren außer uns keine weiteren Gäste. Er zeigte auf das Fenster und sagte etwas auf Serbisch. Ich konnte die Straße bis Österreich und den Grenzübergang gut beobachten. Gegenüber der Gaststätte stand das Grenzerhaus, und etwa 80 Meter dahinter war Wald. Ein Lkw, dessen Fahrer nach Österreich wollte, hielt vor dem Grenzerhaus an. Nach einigen Minuten kamen zwei Baldwin Frank 1962 auf dem Grenzposten aus dem Haus, gingen zur FahrerFußballplatz von Jiul Petroşani seite und kontrollierten die Papiere. Da ging die Gaststättentür auf, und drei jugoslawische Polizisten traten ein. Mir stockte der Atem. Ich dachte: Euch hat man schon festgenommen, und jetzt suchen sie mich. Ich fing an zu zittern und konnte die Tasse nicht mehr halten. Die Polizisten gingen zur Bedienung und bestellten etwas. Der Fluchthelfer hatte meine Panik bemerkt und machte mir Zeichen, sofort zu gehen. Wir gingen zurück zum Auto, wo Mutti mit Euch wartete. Er forderte Euch auf, auszusteigen, setzte sich ans Steuer und fuhr, ohne ein Wort zu sagen, in Richtung Jugoslawien davon. Jetzt standen wir um Mitternacht auf dem leeren Parkplatz an der österreichischen Grenze. Was nun? Da kam gerade ein Lkw mit Anhänger. Ich sagte zu Mutti, nimm Siegfried an die Hand, ich habe Dich auf den Arm genommen, und wir sind hinter dem Lkw über die Straße gelaufen, dann eine steile Böschung auf der anderen Straßenseite hinunter auf eine Wiese. Wir warteten kurz in der Hoffnung, dass die Grenzbeamten inzwischen auf die Fahrerseite des Lkw gegangen

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sind und uns nicht mehr sehen können. Dann liefen wir die etwa 50 Meter zum Wald und noch 30 Meter in diesen hinein. Ich sagte Mutti, wenn jemand ruft, nicht stehen bleiben, immer weiterlaufen. Wir hofften, wenn die Grenzposten Kinder sehen, werden sie nicht schießen. Im Wald gingen wir nach einer kurzen Pause parallel zur beleuchteten Straße nach Österreich. Nach etwa 500 Metern kamen wir auf einen 20 Meter breiten, sauber geharkten Grenzstreifen. Wir überquerten ihn. Nach weiteren 200 bis 300 Metern sahen wir dann schon beleuchtete Werbetafeln in deutscher Sprache. Jetzt waren wir sicher, in Österreich zu sein. Wir umarmten uns und gingen wieder zur Straße. Plötzlich hörten wir ein Auto mit Sirene und Blaulicht aus Jugoslawien kommen. Wir dachten, man hätte unsere Fußspuren im Grenzstreifen entdeckt. Also liefen wir wieder zurück in den Wald und versteckten uns. Das Auto, ein dunkelblauer VW-Käfer mit jugoslawischem Kennzeichen, wendete aber und fuhr zurück nach Jugoslawien. Wir gingen noch etwa einen Kilometer durch den Wald und dann erst auf die Straße. Bis Graz waren es noch 60 Kilometer. Wir versuchten, per Anhalter dorthin zu kommen. Keiner blieb stehen, und so gingen wir glücklich und entspannt die Straße entlang. Denn wir wussten: Wir sind in Österreich und in Sicherheit. Ein Auto mit zwei jugoslawischen Gastarbeitern blieb stehen. Sie nahmen uns mit. Sie sprachen Deutsch und arbeiteten in Wien. Wir sagten ihnen, dass wir einen Motorschaden hatten und zurück nach Graz wollten. Bei Graz hielten sie an, und wir stiegen aus. Weil wir kein Geld für sie hatten, fingen sie an zu schimpfen. Wir gingen in Richtung Stadt. Es war noch Nacht, die Straßen waren hell beleuchtet. Vor einer Diskothek stand ein Taxi. Wir stiegen ein und nannten dem Fahrer die Adresse von Muttis Onkel. Er meinte, Kainbach liegt 15 Kilometer von Graz entfernt. In Kainbach angekommen, mussten wir feststellen, der Onkel wohnt nicht mehr da. Da fiel Mutti ein, dass die Tante im Krankenhaus arbeitet. Also sind wir zum Krankenhaus in Kainbach gefahren. Da war alles dunkel und verschlossen. Der Taxifahrer wurde ungeduldig. Doch wir hatten kein Geld, um ihn zu bezahlen. Wir klopften mehrmals an das Krankenhaustor. Da öffnete in der ersten Etage eine Krankenschwester das Fenster. Sie kannte Muttis Tante, sagte, sie sei umgezogen, und erklärte uns, wie wir sie finden. Nach langer Suche standen wir vor dem Haus, Wir klingelten an der Tür. Der Onkel im Schlafanzug öffnete, er kannte uns nicht. Wir ihn auch nicht, wir hatten uns noch nie gesehen. Wir hatten auch keinen Briefwechsel. Er ist nach dem Krieg in Österreich geblieben. Mutti ging zu ihm, erklärte ihm in kurzen Sätzen, wer wir sind, und bat ihn, den Taxifahrer zu bezahlen. Dies tat er auch sofort. Dann gingen wir ins Haus, die Tante kam dazu, und wir erzählten ihnen unser Abenteuer. Ich bat ihn, telefonieren zu dürfen. Ich rief Onkel Siegfried in Deutschland an. Er war als Sicherheitsingenieur im Erzbergwerk in Bad Grund

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im Harz beschäftigt. Als das Telefon nachts bei ihm läutete, dachte er an einen Arbeitsunfall im Bergwerk. Als ich dann am Telefon war und ihn bat, uns von Muttis Onkel in Graz abzuholen, da musste er sich erst hinsetzen und sich vergewissern, wach zu sein und nicht zu träumen. Er hatte keine Ahnung, dass wir die Absicht hatten, zu flüchten. Er schrieb sofort seinem Bergwerkdirektor einige Zeilen und bat um drei Tage Urlaub. Ich habe ihn noch gebeten, uns frische Kleidung mitzubringen, weil unsere von der Flucht verdreckt sei. Er ist gleich losgefahren. Im Nürnberger Aufnahmelager für Spätaussiedler hat er erfahren, dass es in Graz ein deutsches Konsulat gibt, das uns weiterhelfen wird. Abends ist er in Graz angekommen. Am nächsten Tag sind wir ins deutsche Konsulat in Graz gegangen. Dort hat man uns gesagt, es werde mindestens eine Woche, vielleicht auch noch länger dauern, bis wir die Pässe zur Einreise nach Deutschland bekämen. Ich habe der Sachbearbeiterin gesagt, dass wir zwei Grenzen unter Lebensgefahr überschritten haben und über die österreichischdeutsche Grenze das Lied „Das Wandern ist des Müller Lust“ singend gehen werden. So lange werden wir nicht warten. Darauf hat sie gelächelt, mit dem Konsul gesprochen und mit Deutschland telefoniert. Sie hatte den Fall gelöst: Wir mussten schnell Passbilder in der Stadt machen und bekamen Pässe. Sie waren nur zwei Tage gültig. Wir sollten uns sofort im Aufnahmelager Friedland melden, weil Onkel Siegfried im Harz in Niedersachsen wohnte. Wir haben uns von Muttis Tante und Onkel verabschiedet und sind gleich losgefahren. In der Nähe von Passau haben wir übernachtet, und am nächsten Tag, dem 12. November 1975, sind wir weitergefahren. In den Kasseler Bergen hat uns der erste Schnee überrascht. Sofort bildete sich ein kilometerlanger Stau, wir kamen kaum voran. Onkel Siegfried war müde, und ich setzte mich ans Steuer. Es war keine Umstellung, da er noch seinen Wagen aus Rumänien fuhr. Spät abends waren wir erst in Bad Grund. Am nächsten Tag haben wir uns in Friedland gemeldet. Damals kamen sehr wenige Aussiedler nach Deutschland, das Lager war fast leer, und man hat sich sehr um uns bemüht. Jeder wollte uns helfen. Dr. Kuhn, der Leiter des Lagers, ein sympathischer Mann, seinen Namen und seine Worte werde ich nie vergessen, hat zu mir gesagt, wir sollten zu ihm kommen, wenn wir alles erledigt haben. Nach zwei Tagen waren wir fertig. Ich klopfte an seine Bürotür, und er bat uns, Platz zu nehmen. Wir unterhielten uns ein wenig, und zum Abschied sagt er uns: „Sie werden auch auf Schwierigkeiten stoßen, aber lassen Sie sich nicht unterkriegen. Treten Sie selbstbewusst auf, denn Sie und Ihre Familie sind ein Gewinn für Deutschland. Zwei gesunde Kinder, der deutschen Sprache mächtig, Sie beide mit einer guten Ausbildung, die den deutschen Steuerzahler nichts gekostet hat. Von dieser Sorte könnten wir mehr gebrauchen. Alles Gute, viel Glück und auf Wiedersehen.“ Wir hatten, auch auf Onkel Siegfrieds Rat, als Ziel Baden-Württemberg gewählt und sind

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ins Übergangswohnheim nach Pforzheim gekommen. Keiner konnte ahnen, dass ich kaum fünf Monate später, im März 1976, im Erzbergwerk Grund die Arbeitsstelle von Onkel Siegfried übernehmen werde. Liebe Bruni, es ist nur eine Kurzbeschreibung unserer Flucht. Beim Schreiben 30 Jahre nach der Flucht hatte ich wieder ein mulmiges Gefühl. Viele Grüße an Torsten und Küsse an die Kinder, Servus Mutti und Vati Kassel, Ostern 2007

Grandiose Landschaft: Der Donaudurchbruch mit Blick in den "Kleinen Kessel" Foto: Walther Konschitzky

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Erich Fett:

Im Stich gelassen Mit demselben Fischer wie die Franks machen sich am 12. November 1976 die Brüder Erich (geboren am 21. April 1949) und Dr. Reinhold Fett (6. Februar 1943 - 29. Mai 2005) zusammen mit ihrer Mutter Anna (30. Januar 1915 - 20. August 1977) auf den Weg in die Freiheit. Sie erreichen das serbische Ufer, doch der serbische Fluchthelfer ist nicht da. Dr. Reinhold und Erich Fett mit Mutter Anna Er lässt die drei einfach im Stich, trotz der 3000 Mark, die er im voraus kassiert hat. Die beiden Brüder lassen ihre Mutter im Maisfeld stehen und machen sich auf den Weg ins Dorf. Um 2 Uhr entdecken sie vor einem Haus zwei Autos mit deutschen Kennzeichen. Sie klopfen ans Fenster, es wird geöffnet. Die beiden Flüchtlinge geben sich als Bundesbürger aus, sie geben vor, ihr Wagen sei liegengeblieben. Dr. Reinhold Fett erinnert sich, dass er vor kurzem eine Frau aus dem Dorf behandelt hat, die zu Besuch in Rumänien war. Er bittet den Mann, der ihnen geöffnet und in deutscher Kriegsgefangenschaft etwas Deutsch gelernt hat, sie zu dieser Frau zu fahren. Der Frau schenken die beiden reinen Wein ein. Sie ist bereit, ihnen weiterzuhelfen. Sie holen die Mutter aus dem Maisfeld, fahren zu dem Fluchthelfer nach Werschetz. Der droht ihnen mit der Polizei. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Hilfe der Frau weiter in Anspruch zu nehmen. Sie fährt die drei Flüchtlinge nach Belgrad zur Botschaft. Die Reise von Belgrad nach Nürnberg verläuft ähnlich wie Tausende andere. Diese gelungene Flucht ist nicht der erste Versuch der beiden Brüder, in die Freiheit zu gelangen. Erich hat zwei misslungene Versuche und sein Bruder einen hinter sich. Den ersten wagen die beiden im April 1969 gemeinsam mit einem Ehepaar aus ihrer Heimatgemeinde Sackelhausen in der Banater Heide. Der Schlepper verrät sie. Die Flucht soll auf dem Donaunebenfluss Nera mit Schlauchbooten beginnen. Grenzer stellen die vier schon in der Nähe des Städtchens Orawitz. Die Grenzer verprügeln sie. Im Arrest im Grenzerstützpunkt von Orawitz können sie nächtelang nicht schlafen. Sie sind in Einzelzellen im Keller eingesperrt, in die kaum ein Bett hineinpasst. Zur Toilette dürfen sie nicht, wenn sie müssen, sondern wenn es die Wachhabenden sagen. Zu essen gibt es

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täglich ein Stückchen Brot, das sich jeder einteilen oder auf einmal essen kann. Nach zwei Wochen sind sie in Reschitz in Untersuchungshaft beim Geheimdienst Securitate. Dort werden sie erneut verprügelt, aber auch all die anderen Foltermethoden müssen sie über sich ergehen lassen. Sie müssen nachts die Zimmer wechseln, die Geheimdienstler sperren Mörder zu ihnen in die Zellen. Die ganze Einschüchterung dauert fünf Tage, dann geht es zurück nach Orawitz, wo das Gericht sie zu je 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Ihr Verteidiger ist der aus DeutschSankt-Michael im Banat stammende Anwalt Martin Mühlroth, der später selbst über die Donau flüchten wird. Nach ein paar Monaten in Orawitz werden Die Fett-Brüder in das Bukarester VăcăreştiGefängnis verlegt. Die etwa 500 Kilometer lange Reise dauert eine Woche lang. In dem Eisenbahnwaggon sind 70 Mann eingepfercht. Als Toilette dient ein Loch im Fußboden. Abgemagert nach der Entlassung aus der Haft: Vor der Flucht hat Reinhold Dr. Reinhold Fett und sein Bruder Erich Fett 97 Kilogramm gewogen, nach der Entlassung nur noch 63. Im Gefängnis erkrankt er an Diabetes. Erich Fett magert von 75 auf 62 Kilogramm ab. Kaum sind die beiden aus dem Gefängnis, wagt Erich Fett im Juli 1970 einen zweiten Fluchtversuch. Er will von Orawitz aus die Donau zu Fuß erreichen. Doch etwa fünf Kilometer vor dem Ziel entdecken Unbekannte ihn und rufen die Grenzer. Dieses Mal verprügeln ihn die Soldaten noch fürchterlicher als beim ersten Mal. Dasselbe Gericht verurteilt ihn zu zehn Monaten Gefängnis. Auf seiner „Reise“ durch die Gefängnisse trifft Erich Fett auch seinen Vetter Johann „Schlopp“ Wagner, der ebenfalls schon zum zweiten Mal wegen eines Fluchtversuchs verurteilt ist. Nach gelungener Flucht lässt sich Erich Fett in Trier zum Physiotherapeuten ausbilden. Seit 24 Jahren hat er seine eigene Praxis in Limburg an der Lahn. Dr. Reinhold Fett findet nach der Flucht 1976 eine erste Stelle in einer Kinderarztpraxis in Limburg. Nach erfolgter Anerkennung als Kinderfacharzt übernimmt er diese Praxis und die Kinderbelegabteilung am Sankt-Vincenz-Krankenhaus

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in Limburg. Ihm obliegt auch die Untersuchung der Neugeborenen in den drei Krankenhäusern in Limburg, Diez und Hadamar. Als Mitvorsitzender und späterer Obmann der Semmelweis-Vereinigung Banater Heilberufler erwirbt er sich bleibende Verdienste. Eng verknüpft mit der beruflichen ist die wissenschaftliche Tätigkeit von Dr. Fett, die ihm schon als Schüler und Student in Temeswar Verdienstdiplome einbringt. Als Arzt verfolgt er aufmerksam den wissenschaftlichen Fortschritt, sammelt umfangreiches statistisches Material und stellt eigene Untersuchungen an. Die Resultate veröffentlicht er in einschlägigen Fachzeitschriften in Rumänien und Deutschland. Aus Dr. Fetts reger publizistischer Tätigkeit zeugen vor allem drei von seiner Heimatverbundenheit. Es sind dies das „Heimatbuch Sackelhausen“, „Dr. med. Hans Röhrich. Biografie eines Chirurgen“ und seine Beiträge zum ersten Band der Geschichte des Heilwesens im Banat. Den schon weitgediehenen zweiten Band kann er nicht mehr abließen. „Dr. Fett war Kinderarzt mit Leib und Seele; er war es nicht nur von Beruf, sondern auch aus Berufung. Das Wohl seiner zahlreichen und zufriedenen Patienten ging ihm über alles, auch über sein eigenes Wohl - wie man nachträglich wohl feststellen kann. Aus gesundheitlichen Gründen musste Dr. Fett erst die Kinderabteilung des Sankt-Vincenz-Krankenhauses und dann auch seine Praxis aufgeben. Die rapide einsetzende Verschlechterung seines Zustandes band ihn in den letzten vier Jahren ans Krankenbett“, schreibt Professor Dr. Diethard Schiller in einem Nachruf.

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Flüchtlinge aus der Sowjetunion Von G. C. Als sich Jugoslawien endgültig aus dem Ostblock löste und Tito von den rumänischen Medien aufs Übelste beschimpft wurde, kursierten in meinem damaligen Wohnort Kronstadt allerlei Gerüchte, wie man über die Donau schwarz in den Westen gelangen könne. Jugoslawische Grenzer schickten angeblich nicht zurück. Auch der Weg zu westlichen Botschaften zwecks Ausstellung provisorischer Reisedokumente zum Verlassen Jugoslawiens in Richtung Westen war nicht versperrt. Es soll auch Hilfsorganisationen gegeben haben, die beispielsweise Flüchtlinge, welche schwimmend die Donau überquert hatten, neu einkleideten und verpflegten. Aber es war auch bekannt, dass auf illegale Grenzgänger von rumänischer Seite scharf geschossen wurde, auch über die Grenzlinie in Flussmitte hinaus. Ein Freund, ein ausgezeichneter Schwimmer, ist 1968 beim Queren der Donau erschossen worden und wurde eine Woche lang im Wasser liegen gelassen. Den Halbverwesten durfte die Familie dann abholen. Im Totenschein stand „beim Baden ertrunken“. Eine Autopsie war nicht gestattet. Als ich damals mit Familie das Banat bereiste, waren wir Binnenländer nicht wenig erstaunt über die vielen fliegenden Händler aus dem serbischen Banat, die in Hatzfeld oder Orawitz auf Märkten Nylonhemden, Digitaluhren oder Taschenrechner verkauften und dafür Wintersalami hinüber nahmen. Bei meiner Frage an erfahren wirkende Händler, ob sie sich denn vorstellen könnten, bei der Heimreise einen blinden Passagier mitzunehmen, waren sie gar nicht überrascht und meinten nur, dass das nicht billig sei, weil ja eine Menge Leute bestochen werden müssten. Aber bei mir war damals der Ausreisedruck noch nicht so groß, ich zog eine solche Flucht noch nicht in Erwägung. In den 1970er Jahren wurde der Druck aber immer größer. Anlässlich einer Dienstreise nach Reschitz besuchte ich Bekannte in Temeswar. Sie hatten gute Verbindungen und konnten eine Kontaktadresse beschaffen. Es gab einen gut organisierten Schleuserring für intellektuelle Flüchtlinge aus der Sowjetunion. Die Schleuser waren bereit, auch Rumänen mitzunehmen, über Geld wurde nicht gesprochen. Die Schlepper sprachen Rumänisch mit einem Siebenbürgern nicht geläufigen Akzent, wahrscheinlich Serbisch, denn die Russen verstanden sie. Treffpunkt war der kleine ärmliche Ort Cărbunari südlich des SemenikGebirges. Fluchtwillige mussten in Bauernkleidung anreisen und Geduld mitbringen. Die Flucht fand nur im Winter bei starkem Frost und möglichst keinem Schnee statt, damit keine Spuren hinterlassen werden. Ich versuchte im Winter 1976 zu fliehen. Nach längerem Nachtmarsch sollte die Gruppe von einem Boot

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über die Donau gebracht werden. Mehr wurde nicht gesagt, und es fragte auch keiner. Jeder musste seine Identität für sich behalten. Das Mitführen von Gepäck war nicht erlaubt. Die Namen der Schlepper waren nicht bekannt, man sprach sich auch nicht mit Namen an, für die Sammelstelle war nur ein Vorname vereinbart, den ich nicht mehr weiß. Die Schlepper warnten die Flüchtlinge vor gezielt falschen Ortsschildern und täuschenden Entfernungsangaben im Grenzgebiet. Jeder sollte sich den Weg einprägen, denn wer eine alte Landkarte bei sich hatte, machte sich verdächtig, und neue Karten hatten im Grenzgebiet stets „weiße Flecken“. Die Straße von Orawitz nach Neumoldowa sollte gemieden werden, weil sie teilweise durch nicht einsichtbares Sperrgebiet verläuft. Die bevorzugte Anmarschroute führte durch die Nera-Klamm. Man benutzte den Linienbus von Reschitz bis Bosowitsch und von da den Bus nach Şopotu Nou, dann ging es zu Fuß durch die Klamm. Fahren per Anhalter war verboten, weil hier auch getarnte Fahrzeuge des Grenzschutzes unterwegs waren. Nach einigen Wartetagen in Cărbunari mit Ausgehverbot und guter Verpflegung war es dann endlich soweit. Für den nächtlichen Marsch hatten wir eine Gebärdensprache eingeübt; Verhaltensregeln wurden ausgegeben, falls geschossen oder man gefasst werde. Bei Schüssen sollten wir uns flach auf den Boden legen und reglos bleiben. Bei einer Festnahme sollte jeder sagen, er hätte die Flucht selbst geplant, wir hätten einander zufällig begegnet. Schuhe, Kleidung und Haut wurden mit einer scheußlich stinkenden Flüssigkeit eingerieben, vermutlich zum Schutz gegen Spürhunde. Aber unmittelbar vor Abmarsch nach Einbruch der Dunkelheit wurde das Unternehmen plötzlich abgeblasen, es war wohl irgendwo zu einem Zwischenfall gekommen, denn die beiden Schlepper wirkten sehr betroffen und verließen als erste die Sammelstelle in großer Eile. Es blieb mein einziger Versuch, Rumänien über das Banat zu verlassen. Der Name des Verfassers dieser Zeilen ist dem Herausgeber bekannt. G. C. ist 70 Jahre alt, hat einen technischen Beruf ausgeübt und nach dem missglückten Fluchtversuch Rumänien legal verlassen.

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Klaus Kappel:

Zwei Schnäpse als Muntermacher Wir schreiben das Jahr 1978. Viele Albrechtsflorer haben ihr Heimatdorf schon für immer verlassen. Sie sind nach Deutschland ausgewandert. Die meisten anderen wollen ihnen folgen, auch Klaus Kappel (Jahrgang 1951). Er lässt sich wie viele seiner Landsleute nicht abschrecken von dem, was ihn an Folter erwarten würde, sollte er beim Grenzübertritt erwischt werden. Auch er kennt die Beispiele der gefassten Grenzgänger, die die Soldaten als abschreckendes Beispiel durchs Dorf getrieben haben. Sie waren gefesselt, die Folterspuren waren deutlich zu erkennen. Aus dem nur vier Kilometer von der serbischen Grenze entfernten Albrechtsflor haben 25 Personen bis zum Fall des Eisernen Vorhangs die Flucht als Weg in die Freiheit gewählt. Zu ihnen gehört auch Klaus Kappel. „Meine Situation war hoffnungslos. Wir hatten keine Verwandten in Deutschland, und als letzter wollte ich auch nicht im Dorf zurückbleiben. So fasste ich eines Tages den Entschluss, das große Risiko einzugehen, und machte einen oberflächlichen Plan. Es musste alles gründlich durchdacht werden. Ich brauchte viele Informationen, bis der Plan endlich konkret wurde, musste mir serbisches Geld besorgen, um nach Belgrad fahren zu können. Bei Besuchen in Albrechtsflor spähte ich die Gegend aus. Ich fand heraus, dass die Beobachtungstürme an der Grenze 2,5 Kilometer voneinander entfernt waren und mein Fluchtweg nur zwischen den Türmen liegen kann. Der Entschluss reifte. Ohne meiner Familie etwas zu sagen, wagte ich es eines Eine Woche vor der Flucht: Klaus Kappel Tages. Es war der 5. Juni 1978. Ich fuhr mit Frau Helmine und Sohn Kunibert mit dem Motorrad von Nero über Marienfeld nach Albrechtsflor durch die „Hirrescht Gass“ in Richtung Valkan. Ich kam nicht weit, und ein Grenzsoldat verlangte meine Papiere. Er fragte mich, wohin ich fahre. Geistesgegenwärtig antwortete ich: Ich besuche Verwandte, und er ließ mich fahren. Jetzt, wo der Grenzer auf mich aufmerksam geworden war, konnte ich meinen Plan nicht verwirklichen. Die Situation erschien mir lebens-

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gefährlich. Deshalb fuhr ich zuerst in den Nachbarort Valkan und ging ins Wirtshaus. Dort habe ich mir mit zwei Schnäpsen Mut angetrunken. Ich fuhr auf demselben Weg zurück in Richtung Albrechtsflor. Ich beobachtete die Türme genau. An einem Beobachtungsturm konnte ich den Grenzer genau ausmachen. Ich wusste, dass ich noch anderthalb Kilometer fahren muss, um weit genug entfernt von ihm zu sein und unbeobachtet zu bleiben. Als ich das Gefühl hatte, weit genug weg zu sein, stellte ich mein Motorrad ab an einem übersichtlichen Rübenfeld und begann zu laufen. Der Schweiß stand mir auf der Stirn, ich muss kreidebleich vor Angst gewesen sein. Nach 500 Metern erreichte ich den geharkten Grenzstreifen; jetzt waren es nur noch einige Meter bis zur eigentlichen Grenze. Ich rannte, was ich konnte. Plötzlich stand ich vor einem nicht allzu tiefen Wassergraben, den ich überwinden musste. Um keine Zeit zu verlieren, überquerte ich den Graben in voller Montur. Meine graue Hose war völlig verschmutzt, in den Schuhen stand das Wasser. Ich war in Serbien. Es war alles ruhig, so dass ich mich erholen konnte. Ich musste aber sehen, dass ich so schnell wie möglich von der Grenze wegkomme. Über Mokrin gelangte ich nach Kikinda. Weil ich fremd war, musste ich nach dem Bus nach Belgrad fragen, was sich als schwierig herausstellte. Deutsch sprach hier niemand. Nachdem ich die Busstation gefunden hatte, sagte man mir, der Bus sei ausverkauft, ich müsste die Fahrkarte privat kaufen. Die Abfahrtszeit näherte sich, und ich war immer noch sehr aufgeregt. Ich stieg einfach ohne Fahrkarte in den Bus ein. Als ich noch einen Deutschen kennen gelernt hatte, fühlte ich mich erleichtert. Der Bus erreichte gegen 17 Uhr Belgrad. Dort fragte ich mich durch zur deutschen Botschaft und wurde am Eingang von einem Posten auf Waffen und Akten kontrolliert. Ich musste Bilder für den Ersatzpass machen lassen. Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Orient-Expreß über Graz und München nach Nürnberg in die Freiheit. Meine Familie musste keine Repressalien erdulden, meine Frau und mein Sohn konnten aber erst im November 1979, also 17 Monate später, zu mir in den Westen kommen.“ Klaus Kappel hat als Dreher im Temeswarer Betrieb für elektrische Messgeräte IAEM gearbeitet, in Mannheim ist er bei Mercedes beschäftigt. Die Geschichte hat Peter Feisthamel aufgezeichnet.

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Mit der Zange die Barthaare einzeln ausgerupft Von Michael Reisenauer Nach einer wunderschönen Kindheit und darauffolgender Jugendzeit in der herrlichen Natur Siebenbürgens, stellte ich als Erwachsener fest, dass das unbeschwerte Leben zu Ende ist. Ich geriet ins Visier der kommunistischen Machthaber, wurde bei verschiedenen Razzien nach der Herkunft meiner westlichen Kleidung, nach Lebensgewohnheiten und Eigenarten gefragt. Zu meiner völligen Überraschung wurde ich als 19-jähriger zum Wehrdienst einberufen. Was mich total stutzig machte: Ich wurde einer Einheit des Geheimdienstes Securitate in Broos zugeteilt. Im Laufe der fast zweijährigen Eliteausbildung Michael Reisenauer wurde mir bewusst, weshalb ich für diese Aufgabe ausgesucht worden bin. Ich musste nämlich regelmäßig nach Dienstschluss Offizieren und Studenten der Einheit Deutschunterricht erteilen. Immer wieder forderten meine Vorgesetzten mich auf, mich an der Militärakademie anzumelden. Doch meine Freiheit und Unabhängigkeit waren mir wichtiger als irgendwelche Militärtitel. Weil ich schon 1973 zusammen mit meinen Eltern den ersten Ausreiseantrag gestellt hatte, war mir diese SecuritateGeschichte sowieso unheimlich. Nach dem Wehrdienst war mir klar, dass ich mit der kommunistischen Ideologie überhaupt nichts zu tun haben wollte. Nach dem Militärdienst stellte ich immer wieder Ausreiseanträge, die aber regelmäßig abgelehnt wurden. Deshalb wollte ich endlich Nägel mit Köpfen machen. Ich verfasste ein Memorandum in doppelter Ausführung, legte meine Geburtsurkunde und meinen Personalausweis dazu und fuhr damit nach Bukarest zur deutschen Botschaft und ins Innenministerium. Im Memorandum stellte ich dar, dass ich nicht weiter gewillt war, vom rumänischen Staat als Gefangener behandelt zu werden, verlangte die Entlassung aus der rumänischen Staatsbürgerschaft und weigerte mich, in Zukunft jede staatliche Arbeitsstelle anzunehmen. Nachdem ich das Memorandum in Bukarest abgegeben hatte, machte ich mich schleunigst per Anhalter Zu Hause aufin den Neppendorf Heimweg. erwartete mich schon die Securitate; sie nahm mich auch gleich mit nach Hermannstadt. Im Securitate-Gebäude fragte Oberst Moraru, ob ich wisse, was ich verbrochen habe. Er meinte: „Entweder bist du nicht

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ganz normal, oder du bist sehr gerissen und weißt ganz genau, was du tust.“ Ich antwortete: „Diese Entscheidung überlasse ich Ihnen, aber Sie sollten wissen, ich werde meinen Weg unbeirrt weitergehen, egal, was passiert.“ Weil jedoch weiterhin Absagen auf meine Ausreiseanträge kamen, fasste ich 1977 mit drei Freunden den Entschluss, über die Grenze zu gehen. Ende Juli oder Anfang August 1978 war es soweit. Ein Freund aus Deutschland, der zu Besuch war, erklärte sich bereit, uns bis zur jugoslawischen Grenze mitzunehmen. So fuhr ich zusammen mit Fritz Mentele, Willi Hawelka und Ioan Dragomir in Richtung Stamora-Morawitz. Den ersten Tag erkundeten wir aus einem Waldstück heraus die allgemeine Lage. Am nächsten Abend machten wir uns auf den Weg in Richtung Grenzstreifen. Wir wussten aus verschiedenen Quellen von Wassergräben und Stolperdrähten, die bei Berührung Leuchtraketen auslösen. Wir robbten in Richtung Jugoslawien. Vorweg hielten wir einen Strohhalm, um die Stolperdrähte zu erfühlen. Willi und ich kamen an einen betonierten Wassergraben, der etwa brusthoch Wasser führte. Diesen durchwateten wir und befanden uns im Niemandsland. Dragomir war etwas füllig, dadurch hatte er den Anschluss an uns verloren. Wir wähnten uns schon in Sicherheit, als plötzlich auf der anderen Seite des Grabens eine Leuchtrakete losging, die Dragomir ausgelöst hatte. Im Nu war alles taghell erleuchtet, und schon stand ein Grenzer bei Dragomir und schoss wie wild um sich. Wir sahen uns das Drama vom anderen Grabenufer an. Der Grenzer forderte uns mit der Maschinenpistole im Anschlag auf, durch den Graben ans andere Ufer zu schwimmen. Inzwischen hatten sich die ganzen wachhabenden Grenzer um uns versammelt und bearbeiteten uns mit Gewehrkolben und Tritten, bis sie erschöpft waren. Anschließend brachte man uns in den Grenzerstützpunkt, wo das Verhör erst richtig begonnen hat. Sie wollten wissen, wie wir so unauffällig in Grenznähe kommen konnten. Mit einer Zange haben sie mir die Barthaare einzeln ausgerupft, um mir ein Geständnis zu entlocken. Sie führten uns der Reihe nach zu den wartenden Autos am Grenzübergang. Dort stand auch unser Freund aus Deutschland, der uns mitgenommen hatte, in der Warteschleife. Aber wir haben ihn nicht verraten. Wir wurden anschließend in einem erbärmlichen Zustand - ich hatte drei gebrochene Rippen und Blutergüsse - mit einem Kleinbus nach Temeswar ins Gefängnis gefahren und ohne weitere Versorgung in eine Zelle mit Schwerkriminellen gesteckt. Nach zwei Tagen ohne Verpflegung wurden wir in Handschellen gelegt und mit dem Zug nach Hermannstadt gebracht. Im Hermannstädter Gerichtsgebäude fragte der Richter, ob ich zugebe, dass ich das Land illegal verlassen wollte. Ich sagte, ich könne darin nichts Illegales erkennen. Von Geburt her sei jeder ein freier Mensch, der selber bestimmen möchte, wo er lebt.

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Weil seit der Konferenz für Menschenrechte in Helsinki Flucht über die Grenze als nicht mehr strafbar galt, hat mich der Richter wegen „anarchischer Lebensweise“ zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Wir wurden aus dem Gerichtssaal direkt nach Straßburg am Mieresch gebracht. Dort angekommen, wurde ich sofort kahlgeschoren. Man gab mir einen Papiersack, in den ich meine Kleider hineinstopfen musste. Der Gefängniswärter kippte einige handvoll DDT dazu und verschloss ihn anschließend. Ich kam in eine Einzelzelle. Das Bett, das einzige Mobiliar, war mit einem Schloss an der Wand befestigt. In der Wand, hinter einem Gitter, brannte eine 15-Watt-Birne, und in der Ecke stand ein Holzeimer als Kloersatz. 30 Tage verbrachte ich in diesem Raum ohne jeden Kontakt zur Außenwelt. Morgens gab es eine Scheibe Maisbrei, dazu eine Scheibe Marmelade, mittags eine klare Suppe mit Maisbrei, abends einen Teller Arpacaş, ein aus gebrochenen Getreidekörnern gekochter Brei. Die Notdurft verrichtete ich in den Holzeimer, den ein Häftling einmal am Tag leeren musste. Zum Zeitvertreib veranstaltete ich mit verschiedenen Insekten, von denen es nur so wimmelte, Wettrennen. Ich dirigierte meine „Rennpferde“ mit einem Strohhalm. Nach 30 Tagen holte man mich aus der Zelle. Ich musste nun meine Kleider aus dem Papiersack anziehen, die bestialisch nach DDT stanken. Anschließend wurde ich mit meinem Entlassungsschein auf die Straße geschoben. Weil ich kein Geld in der Tasche hatte, stellte ich mich an den Straßenrand, um per Anhalter nach Hause zu fahren, was bei meiner Ausdünstung nicht leicht war. Ich kam aber wohlbehalten heim mit dem festen Vorsatz, am nächsten Morgen sofort zum Passamt zu gehen und eine Audienz bei Oberst Moraru zu erzwingen. Am nächsten Morgen stand ich dann frisch gewaschen vor dem Passamt, und mein alter Bekannter, Hauptmann Fluieraru, raufte sich bei meinem Anblick die Haare. Ich machte ihm verständlich, dass ich das Passamt ohne Gespräch mit Moraru nicht verlassen werde. Der Hauptmann verschwand und erschien kurz darauf, um mir das Tor aufzuschließen. Mein Plan war aufgegangen. Der Oberst, nicht sehr erfreut, mich zu sehen, fragte mich, ob ich meine Ausreisegedanken immer noch nicht aufgegeben hätte. Ich erzählte ihm, dass ich mich von nichts und niemandem in meinem Vorhaben aufhalten ließe. Weil der Oberst meine Entschlossenheit ernst nahm, schickte er mich mit dem Versprechen nach Hause, bis Ende 1980 meinen Fall zu lösen. Das Jahr neigte sich dem Ende zu, ohne dass ich eine Antwort erhalten hätte. Am 3. Januar 1981 stand ich wieder vor dem Passamt und begehrte erneut Einlas. Der verzweifelte Hauptmann Fluieraru machte sich wieder auf den Weg zu seinem Chef. Er kehrte ziemlich schnell zurück und schickte mich nach Hause, meine Papiere seien mit der Post unterwegs. Inzwischen hatte meine Frau alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mich suchen zu lassen, denn just an diesem Tag ist die Ausreisegenehmigung mit der Post eingetroffen.

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Nun ging es erst richtig los mit Behördengängen und Bestechungen. Mit allen möglichen Tricks, Geld und Sachwerten habe ich dann mühsam die benötigten Bescheinigungen aufgetrieben. Es dauerte noch ein halbes Jahr, bis endlich alles beisammen war. Wir packten Kisten mit Hausrat und allen möglichen und unmöglichen Dingen, die einen Neuanfang in der neuen Heimat erleichtern sollten. Am 3. Juli 1981, also neun Jahre nach unserem ersten Ausreiseantrag, war es nun endlich soweit. Meine Frau, meine Tochter, damals ein Jahr alt, und ich machten uns auf den Weg nach Bukarest. Auf dem Flughafen Otopeni checkten wir ein, gingen durch die Grenzkontrolle übers Rollfeld zur Gangway des wartenden Flugzeuges. Meine Frau war als erste im Flugzeug. Ich folgte mit meiner Tochter auf dem Arm ein Paar Schritte hinterher. Der Grenzer wollte meinen Pass sehen. Plötzlich wurde ich brutal aus der Reihe gerissen und hatte auch sofort einen Gewehrlauf zwischen den Rippen. Der Soldat gestikulierte wie wild und sprach gleichzeitig mit dem Tower über Funk. Aus den Sprachfetzen konnte ich zusammenreimen, worum es ging. Meine Tochter war im Reisepass meiner Frau eingetragen. Aber ich hatte das Kind auf dem Arm. Ich versuchte dem Grenzer klarzumachen, dass er meine Frau aus dem Flugzeug holen müsse, um deren Reisepass zu kontrollieren. Mit viel Mühe gelang es mir, die Situation zu klären. Es kamen noch einmal Erinnerungen hoch von der Grenze, von diesen unmöglichen Betonköpfen, die nicht akzeptieren wollten, dass ein Mensch sein Leben selbst in die Hand nehmen möchte. Nachdem das Missverständnis behoben war, durfte ich das Flugzeug betreten. Zwei Stunden später waren wir in Frankfurt am Main, wo wir von vielen Freunden und Verwandten erwartet wurden. Michael Reisenauer wurde am 12. Dezember in Neppendorf bei Hermannstadt geboren. Er ist ein Nachfahre der sogenannten Landler, die Kaiserin Maria Theresia im 18. Jahrhundert wegen ihres evangelischen Glaubens aus dem Salzburger Land nach Siebenbürgen verbannt hat, wo sie in den Siebenbürger Sachsen schon Untertanen hatte, die sich vom katholischen Glauben abgewandt hatten.

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Otto Krachtus:

Nach Jahren der Demütigung in die Freiheit Otto Krachtus gehört zu den Flüchtlingen, die wegen der Arbeit, die sie zu verrichten hatten, mehr oder weniger problemlos an die Grenze gelangt sind. Sie mussten lediglich Geduld haben und den richtigen Zeitpunkt zur Flucht nutzen. Für den am 27. März 1933 in Albrechtsflor geborenen Otto Krachtus schlägt die Stunde der Freiheit am 1. Juni 1978. Schon seit dem vergangenen Winter weiß er wie viele seiner Landsleute, dass die Serben keine rumäniendeutschen Flüchtlinge mehr ausliefern. Jetzt will auch er es wagen. Er ist in der Abteilung Albrechtsflor der Marienfelder Staatsfarm als Treckerfahrer tätig. Er muss an diesem ersten Tag im Juni in einem Weingarten unmittelbar an der serbischen Grenze pflügen. Wer in einem drei Kilometer breiten Streifen zur Grenze arbeitet, muss sich ausweisen können, ferner hat er eine Bescheinigung der Staatsfarm vorzuweisen. Für Otto Krachtus kein Problem, denn er hat den schriftlichen Auftrag, in dem Weingarten an der Grenze zu arbeiten. Schon seit zwei Tagen pflügt Krachtus in dem Weingarten, doch noch hat sich nicht die richtige Gelegenheit zur Flucht ergeben. Krachtus hat Geduld. Er will nichts überstürzen und schon gar nicht in eine Kugel aus der Maschinenpistole eines Grenzsoldaten laufen. Am dritten Tag, dem 1. Juni, geht das Spiel weiter: Der Soldat auf dem Wachturm beobachtet ihn, und Krachtus, der auf einem hochgelegten Trecker über den Rebenreihen sitzt, lässt den Grenzer nicht aus den Augen. Dann sieht Krachtus, wie der Soldat vom Beobachtungsturm steigt und einem Reiter zustrebt, der etwa einen Kilometer von der Grenze entfernt unterwegs ist. Es ist ein Grenzer, der vom Stützpunkt Marienfeld nach Valkan reitet. Krachtus vermutet, der Soldat ist zu dem Reiter gegangen, um sich eine Zigarette zu schnorren. Als sich der Grenzer weit genug entfernt hat, steigt Krachtus vom Trecker. Es ist 10 Uhr, bis zu dem 15 Meter breiten Grenzstreifen sind es etwa 200 Meter. Krachtus lässt den Motor eingeschaltet, beginnt zu laufen und ist fast im Nu in Serbien. Weil er nichts bei sich hat außer seinem Ausweis und 300 Lei und außerdem Arbeitskleidung trägt, fällt er einer jugoslawischen Patrouille nicht auf, er grüßt serbisch und hat die nächste Hürde genommen. Sein Ziel ist das fünf Kilometer entfernte Mokrin. Etwa einen Kilometer vor dem Dorf kommt ihm ein Wagen entgegen. Als der Fahrer ihn sieht, wendet er, öffnet die Tür und bittet ihn, einzusteigen. Krachtus ist einem Grenzoffizier in die Arme gelaufen, der vermutlich von den rumänischen Grenzern benachrichtigt worden war. Um 22 Uhr verurteilt ihn ein Richter zu 14 Tagen Gefängnis. Über einen Dolmetscher teilt der Richter Krachtus mit, dass er danach weiter kann, falls sich

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sich herausstellt, dass er nichts auf dem Kerbholz habe. Nach der Urteilsverkündung geht es gefesselt nach Großbetschkerek ins Gefängnis. Die 14 Tage verbringt Krachtus in Einzelhaft; er bekommt in dieser Zeit lediglich einen Grenzgänger aus Hatzfeld zu sehen. Die nächste Station ist das Gefängnis in Padinska Skela. Am 34. Tag nach der Festnahme besucht ihn ein aus Genf angereister UNO-Mitarbeiter in der Gefängniszelle. Ein Verwandter hatte nämlich in Genf bei der Menschrechtskommission angefragt, weil so lange nichts von Otto Krachtus zu hören war. Er teilt dem Festgehaltenen auf rumänisch mit, dass er gekommen sei, um die Deutschen aus dem Gefängnis herauszuholen. Das tut er auch. Nach 34 Tagen darf sich Otto Krachtus zum ersten Mal baden. Vorher konnte er sich nur notdürftig in einem Trog waschen. Der UNOMitarbeiter veranlasst, dass er zu einem Friseur kommt, denn inzwischen ist ihm ein Bart gewachsen. Noch am selben Tag setzt ihn der UNO-Mitarbeiter nach Erledigung sämtlicher Formalitäten in der deutschen Botschaft in Belgrad in den Zug in Richtung Nürnberg. Otto Krachtus kommt dort in seiner Arbeitskleidung an: in einer Hose, einem Hemd und einer leichten Jacke. Er tritt den vorgeschriebenen Gang durch die Ämter im Nürnberger Lager an. Als er jedoch bemerkt, dass er in seinen Kleidern nur negativ auffällt, fragt er, ob er Station 15, die Kleiderkammer des Roten Kreuzes, nicht vorziehen dürfte. Er kleidet sich neu ein, danach wird der Gang durch die Ämter vom Spießrutenlauf zu einer angenehmen Sache. Zwei Jahre später ist auch die Familie in Nürnberg: seine Frau und die beiden Töchter. Otto Krachtus findet in einem Chemiewerk in Frankenthal Arbeit. Inzwischen ist er Rentner. Sein Entschluss, zu fliehen, ist nicht zufällig gekommen. Otto Krachtus und seine Familie haben fast alles mitgemacht, was Deutschen in Rumänien nach dem Zweiten Weltkrieg angetan worden ist. Mutter Maria (geboren 1913) wird im Januar 1945 mit weiteren deutschen Frauen und Männern aus Rumänien in die Arbeitslager in die Sowjetunion verschleppt. Sie stirbt dort 1947 an Unterernährung. Während die Mutter verschleppt wird, ist der Vater Josef Krachtus (1907-1973) noch beim rumänischen Militär. 1951 trifft Otto Krachtus, seinen Bruder Oskar (1938-2003), den Vater und die Großmutter, Magdalena Hügel (1890-1951), ein anderes Schicksal: Sie werden zusammen mit 40 300 weiteren Personen aus dem Banat in die Donautiefebene deportiert. Die DeportiertenListen weisen 19 034 als reiche Bauern aus, 1054 als Titoisten, 1330 als Staatsbürger Jugoslawiens, 349 als politische Häftlinge und 1218 als illegale Grenzgänger. Die meisten Deportierten dürfen die Donautiefebene Ende 1955 und Anfang 1956 verlassen. Nur solche, die mehr als 50 Hektar Boden besessen haben, müssen bleiben. Zu ihnen gehört auch Familie Krachtus. Sie darf erst im März 1963 den Ort Salcâm verlassen. 1958 und 1959 wird die Hälfte der Deportier-

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ten-Häuser im Dorf abgerissen. Nur die Mitte des Dorfes bleibt erhalten. Deshalb müssen viele in den Dorfkern umziehen. In Salcâm leben in jener Zeit außer den wenigen Banatern noch Rumänen aus dem inzwischen wieder sowjetisch gewordenen Buchenland und aus Bessarabien, aus Bulgarien geflüchtete Mazedo-Rumänen und weitere rumänische Familien, die nach der Entlassung freiwillig bleiben wollen. In vielen leerstehenden Häusern werden politische Gefangene untergebracht, weil zu jener Zeit die kommunistische Repression unzähligen Menschen die Freiheit geraubt hat und die Gefängnisse längst nicht alle Verurteilten fassen können. „Wir haben bis zu unserer Entlassung zwölf Jahre unter primitivsten Verhältnissen gelebt, unter hygienischen Bedingungen, die man heute keinem Haustier zumuten würde, und - was besonders schmerzlich war - ohne Freunde und Verwandte. Das schlimmste kam jedoch im März 1963, als wir freigelassen wurden. Endlich wieder zurück in die Heimat! Aber wo sollten wir wohnen? Dass wir nicht in unsere ehemaligen Häuser konnten, wussten wir, die waren von der Staatsfarm besetzt. Wir wollten doch nur ein kleines Zimmer mit Küche, wenigstens soviel, wie wir auch im Bărăgan gehabt hatten. Damit wären wir zufrieden gewesen“, sagt Otto Krachtus. Die Albrechtsflorer Kommunisten, unter ihnen auch Deutsche, sagen einfach nein und verweigern Otto Krachtus und seiner Familie eine Unterkunft. Sie lassen sie in keine der leeren Wohnungen einziehen, obwohl genügend vorhanden sind. Otto Krachtus weiter: „Auch heute noch kann ich es nur als eine Schande bezeichnen, was uns angetan wurde.“ Er kommt 1963 mit seiner Familie bei den Schwiegereltern unter. 1957 hat er im Bărăgan die ebenfalls aus Albrechtsflor stammende Maria Wünschel (geboren 1937) geheiratet. Sie haben zwei Töchter: Anneliese (geboren 1958) und Gisela (geboren 1961). Gisela wird in Deutschland Johann Schmaltz aus dem Banater Ort Saderlach heiraten, dem zusammen mit einem Arbeitskollegen eine spektakuläre Flucht gelungen ist, die ebenfalls in diesem Buch beschrieben ist.

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Adelheid Krachtus-Plenck:

Im Kugelhagel nach Serbien Oskar Krachtus, Otto Krachtus' Bruder, versucht im Dezember 1979 mit den beiden Töchtern, seiner Frau und Josef Brems und dessen Frau nach Jugoslawien zu flüchten. Ein Grenzsoldat soll sie über die Grenze lotsen. Das hat er wenigstens versprochen und dafür viel Geld kassiert. Der Mann ist jedoch ein Verräter und darauf bedacht, befördert zu werden. An der Grenze lässt der Soldat alle festnehmen. Grenzer führen alle in den Grenzerstützpunkt Großsanktnikolaus ab. Sie schicken die Frauen nach Hause. Die Männer werden festgehalten. Die Grenzsoldaten prügeln Oskar Krachtus bis zur Bewusstlosigkeit. Dann spritzen sie ihn mit einem Aufputschmittel wach, um ihn weiter schlagen zu können. Einzelheiten über die Prügel gibt Oskar Krachtus nie preis, sagt Adelheid Plenck, seine älteste Tochter (geboren 1961). Ein Gericht verurteilt Oskar Krachtus zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis. Das Geschehene lässt die Tochter Adelheid und ihre Schwester Hella (geboren 1963) nicht mehr ruhen. Sie haben sich geschworen, über die Grenze in die Freiheit zu gehen. Als gefasste Grenzgänger dürfen sie zwar nicht in Grenznähe arbeiten, doch am 2. Juni 1983 schultern sie ihre Hacken und marschieren zur serbischen Grenze. Sie überschreiten sie; Grenzsoldaten schießen, doch sie treffen nicht. Die beiden Mädchen wollen zu Fuß nach Kikinda. Ein Mann sagt ihnen, wie sie am besten hingelangen. In Kikinda nehmen sie den Bus nach Belgrad. Sie übernachten in einem Park, um am nächsten Tag die deutsche Botschaft zu besuchen. Danach geht es mit dem Zug nach Nürnberg. Der Geheimdienst schikaniert eine Zeitlang die Eltern der beiden Mädchen, doch die geben nicht zu, dass sie von den Fluchtabsichten der Töchter gewusst haben. 1985 erhalten Anna (geboren 1936) und Oskar Krachtus die Ausreiseerlaubnis auf Drängen des Auswärtigen Amtes in Bonn. Adelheid und Hella Krachtus hatten sich an Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher gewandt.

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Vom Grenzgänger zum Demonstranten Von Josef Brems Weil mein Vater im Zweiten Weltkrieg deutscher Soldat war, lernte ich schon in früher Kindheit ein Leben mit Verfolgung, Bespitzelung und Hausdurchsuchungen kennen. Schon in der Jugend war es mein Ziel, Rumänien in Richtung Deutschland eine neue Heimat zu suchen. Aus diesem Grund besorgte ich mir nach meinem 18. Geburtstag die Einreisegenehmigung in die Bundesrepublik. Meine Ausreiseanträge wurden zurückgewiesen. Die Jahre vergingen, ohne dass ich etwas erzielt hätte. Ich verfolgte die politischen Veränderungen und war froh, mir die Schlussakte von Helsinki besorgen zu können. Josef Brems Mit diesem Band ging ich ab sofort zu den Audienzen ins Passamt, bis man mich nicht mehr empfangen hat. 1977 habe ich meine Korrespondenz mit dem Radiosender „Freies Europa“ in München begonnen. Ich schrieb Briefe in rumänischer Sprache, die in den Sendungen vorgelesen wurden. Deswegen musste ich zweimal Geldstrafen bezahlen, das erste Mal 500 und das zweite Mal 5000 Lei. Weil die Radiosendungen mir auch nicht weitergeholfen haben, suchte ich einen anderen Weg, um die Ausreise zu erzwingen. Ich plante etwas Spektakuläres. Ich kannte weitere Personen, die sich in der gleichen Lage befanden wie ich. Verbindung habe ich aufgenommen zu Rudolf Becker (heute in Frankenthal zu Hause), Helga Frank (Augsburg) und Maria Steyer (Karlsruhe). Die drei waren sofort einverstanden, mit nach Bukarest zu fahren und zu demonstrieren. Ich fertigte ein Spruchband an mit einem rumänischen Text. In deutscher Übersetzung lautet er: „Wir, die Gruppe von vier Deutschen aus dem Banater Land, fordern für uns und unsere Familien Ausreisepässe oder den Tod.“ Unser Vorhaben teilte ich auch dem Sender „Freies Europa“ mit. Helga Franks Schwester, die schon in Deutschland lebte, war zufällig zu Besuch in Marienfeld. Sie hat den Brief mitgenommen und in Deutschland in die Post gegeben. Der Brief wurde am 28. Juli 1978 in den Abendnachrichten vorgelesen. Wir vier waren schon am 27. Juli nach Bukarest gefahren, sprachen in der deutschen und in der US-Botschaft vor, teilten unser Vorhaben mit, aber niemand konnte uns Unterstützung zusagen. Am 28. Juli um 14 Uhr rollten wir

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unser Spruchband aus. Wir standen still wie Statuen vor dem Hotel Intercontinental gegenüber der Bukarester Universität. Nach acht Minuten kamen an die 20 Polizisten mit mehreren Wagen. Sie brachten uns in einem geschlossenen Auto zum Polizeisitz des ersten Bukarester Bezirks. Polizisten befragten und beschimpften uns, sie nannten uns Chaoten, sie sprachen von einer Schandtat. Sie protokollierten alles und warfen uns in einen Raum zu Kriminellen, wo wir bis zum nächsten Morgen blieben. Mit einem Wagen wurden wir in ein großes Gebäude gefahren, wo wir mit Stadtstreichern, leichten Mädchen und Kriminellen zusammen waren. Alle wurden der Reihe nach aufgerufen und abgeführt, um nach kurzer Zeit wieder zurückzukommen. Als letzte waren wir vier Demonstranten dran. Man brachte uns zusammen in einen Raum im ersten Stock. Zwei Frauen fragten nach Namen, Beruf und Herkunft. Sie wollten auch wissen, was uns zu demonstrieren veranlasst habe. Nach der Vernehmung kamen wir in den Keller. Kurz danach wurden wir mit den anderen in den Gerichtssaal getrieben. Erst dann war uns klar, wo wir waren. Die Frau, die uns befragt hatte, gab jedem sein Urteil bekannt. Wir waren sprachlos, als man uns wegen „Parasitismus, als Mitglieder einer anarchistischen Gruppierung“ verurteilte. Helga Frank und Maria Steyer wurden zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, Rudolf Becker und ich zu drei. Ich wollte wissen, wer oder welches Gericht uns verurteilt hat, denn ich habe weder einen Richter noch einen Staatsanwalt gesehen. Ich fragte, wo hier die Gerechtigkeit bleibe. Ich bekam jedoch keine Antwort. Ich fragte, wie es nun weitergehen soll, denn unsere Strafe könne auf drei Arten abgegolten werden: durch Bezahlen eine Geldbetrags, durch unbezahlte Arbeit an der alten Arbeitsstelle oder durch Gefängnis. Die Antwort darauf war, das müsse die Polizei des Landkreises festlegen. Bis dahin blieben wir entsprechend dem Urteil in Haft. Wir wurden nach Temeswar überführt, wo ich sofort um Vorsprache beim Polizeichef gebeten habe. Am nächsten Morgen kam der Chef persönlich in meine Zelle und sagte höhnisch, wir müssten unsere Strafen absitzen, dies sei der Lohn für „unsere Tat“. Das fordere auch unser Bürgermeister, der der Meinung sei, wir hätten eine beispielhafte Strafe verdient. Nach einer Woche wurden wir ins Temeswarer Gefängnis verlegt, wo wir weitere Gesinnungsgenossen getroffen haben, die ihre Ausreise durch Hungerstreik erzwingen wollten. Es waren Leute aus Temeswar, Arad, Lugosch und Reschitz. Wir waren an die 40 Mann. Tagsüber wurden wir in einen etwa 20 Quadratmeter großen Raum über der Küche gesperrt, in dem die Temperatur auf mehr als 35 Grad stieg. Nachts waren wir in einem kalten Raum in einem anderen Bau untergebracht. Drei Wochen lang konnten wir uns nicht waschen, es gab nur einen Hahn, aus dem kaltes Wasser floss. Täglich wurde nur darüber gesprochen, wie der Kampf nach der Freilassung weitergehen soll. Nach einem Monat wurde ich mit weiteren fünf Personen in eine Zelle im Polizeigebäude

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gebracht. Darunter war ein Marienfelder, der wegen Unterschlagung einsaß und als Spitzel bekannt war. Er wollte ständig von mir wissen, was ich nachher vorhabe. Ich erzählte ihm Märchen. Nach drei Monaten wurde ich auf die Straße gesetzt, ohne einen Entlassungsschein erhalten zu haben, der das Beweismittel dafür gewesen wäre, dass ich drei Monate lang gesessen habe. Man schob mich mit Gewalt auf die Straße. Kurze Zeit nach meiner Entlassung hat mich Oskar Krachtus angesprochen, ob ich mit über die Grenze wolle. Für mich und meine Frau sollte ich 20 000 Lei bezahlen. Oskar Krachtus kannte einen Grenzsoldaten, der bei ihm ein- und ausging. Wir trafen uns am 21. Januar 1979 bei Krachtus im Haus in Albrechtsflor. Der Treffpunkt an der Grenze wurde mit dem Soldaten abgesprochen, er erhielt die Hälfte des versprochenen Geldes. Er gab Krachtus im Gegenzug als Garantie ein Bestandteil seiner Maschinenpistole. Wir trafen den Soldaten um 1 Uhr, er führte uns in Richtung Grenze. Plötzlich schrie er in die Nacht: „Handelt“. Im nächsten Augenblick waren wir von Soldaten umstellt. Sie schossen, wir mussten uns zu Boden werfen, die Soldaten hetzten vier Hunde auf uns. Die Hunde haben aber nicht gebissen, weil sich keiner von uns gerührt hat. Die Grenzer haben uns die andere Hälfte des Bestechungsgeldes und das Bestandteil der Maschinenpistole abgenommen. Prügelnd brachten sie uns zum Grenzerstützpunkt nach Großsanktnikolaus, wo wir verhört wurden. Von dort ging es nach Temeswar, wo wir unterschreiben mussten, keinen Fluchtversuch mehr unternehmen zu wollen. Wir wurden zu Geldstrafen von 2000 Lei verurteilt und auf freien Fuß gesetzt. Am nächsten Tag wurde im Marienfelder Rathaus eine große Sitzung veranstaltet, zu der aus jedem Betrieb mehrere Personen eingeladen waren. Dabei waren ein hoher Geheimdienstmitarbeiter und die örtlichen Polizisten. In der Sitzung hat mich der Bürgermeister in den Dreck gezogen und gesagt, es sei unverantwortlich, mich frei umherlaufen zu lassen. Nach der Sitzung wurden Oskar Krachtus und ich abgeholt. Wegen Schmiergeldzahlung wurden wir verurteilt: Oskar Krachtus zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis und ich zu einem Jahr. Wegen guter Führung wurde ich am 30. Juli 1979 aus dem Temeswarer Gefängnis entlassen. Am 22. August hat man mir die Antragspapiere vor die Nase geworfen und mich zum Teufel geschickt. Am 9. Februar 1980 konnte ich nach vielen Schikanen das Land verlassen. Ein 20 Jahre währender Kampf, der mich geprägt hat, war zu Ende. Josef Brems wurde am 22. Mai 1942 in Albrechtsflor geboren, aufgewachsen ist er in Marienfeld, wo er auch die Volksschule besucht hat, und zwar in einer Klasse mit dem späteren Handball-Idol Hansi Schmidt vom VfL Gummersbach. Er ist heute in Frankenthal zu Hause. In Marienfeld war er Buchhalter, in Deutschland Industriefachwirt in einem Maschinenbaubetrieb.

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Von Slowenien nach Kärnten abgeschoben Von Hannelore Stuhlmüller Ich war noch ein Kind, als meine Eltern schon Anträge zur Ausreise in die Bundesrepublik gestellt haben. Jegliche Bemühungen, das Land verlassen zu können, waren erfolglos. Auswandern war oft ein Gesprächsthema bei uns im Haus. Damit ich nach der Heirat nicht aus der Akte genommen werde, hat mein Mann unseren Familiennamen angenommen. Georg und ich haben 1974 geheiratet. Ich war 18 und er 20 Jahre alt. 1975 haben wir wieder eine Absage auf unseren Antrag erhalten. Mein Vater und ich haben aber gleich in der Folgewoche einen neuen Antrag gestellt. Mein Mann war zu jener Zeit zum Militärdienst eingezogen. Wegen des Ausreiseantrags wurde er von allen verantwortungsvollen Aufgaben ferngehalten, durfte bei keinem wichtigen Manöver oder Gespräch dabei sein. Das Telegramm, mit dem ich ihm die Geburt seiner ersten Tochter mitteilen wollte, wurde ihm erst nach zwei Monaten überreicht. Doch schon vorher, ich war erst 16 Jahre alt, hatte ich ein schlimmes Erlebnis: 1972, nach der Flucht meiner Taufpatin und deren Familie über die grüne Grenze nach Jugoslawien, war ich geschockt vom Vorgehen des Geheimdienstes Securitate. Weil keine Spuren an der Grenze zu finHannelore und Georg Stuhlmüller den waren, versuchten Geheimdienstmitmit Tochter arbeiter, etwas aus mir „auszuquetschen“. Ich wurde von zu Hause - trotz Protestes meiner Eltern - abgeholt, unterwegs massiv bedroht, musste aus dem Wagen aussteigen und die Finger zwischen die Autotür halten. Mit der Drohung, mir die Finger zu zerquetschen, wollten sie mich zur Aussage zwingen. Ein weiterer Einschüchterungsversuch während der Fahrt: Man wird mir auch das schulische Weiterkommen und überhaupt meine ganze Zukunft verbauen. Nach der Entlassung vom Militärdienst hat mein Mann seine Arbeit in der Möbelfabrik „Mobila Banatului“ in der Banater Hauptstadt Temeswar wieder

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aufgenommen. Ende 1977 und Anfang 1978 gab es Probleme in seinem Betrieb. Es wurde schlechte Ware an den Kunden im Ausland geliefert. Die Mitarbeiter mussten die Fehler der Führung ausbaden: Der Lohn wurde ihnen gekürzt. Wir hatten inzwischen zwei Kinder und keine Zukunftsperspektive. Das war ein wichtiger Grund, warum wir Pläne zu schmieden begonnen haben, das Land über die grüne Grenze zu verlassen. Mein Vater wollte sich mit meinem Mann zu gegebener Zeit auf den Weg machen. Mein Mann hat Überstunden geleistet und konnte sich vier freie Tage nehmen, um in meinem Heimatort Lunga die Lage an der rumänisch-serbischen Grenze zu erkunden. Als wir in Lunga bei meinen Eltern angekommen waren, hat mein Vater Angst bekommen und wollte nicht mehr mitgehen. Das Risiko war ihm zu groß, weil inzwischen die Grenze streng bewacht wurde. Es war an einem Sonntagnachmittag im Juli 1978, als wir bei den Eltern mit einem Bus angekommen sind. Meine Eltern - vor allem meine Mutter - haben mich überredet, mit meinem Mann zu gehen. Ich weigerte mich zunächst, weil ich unsere Töchter (18 Monate und drei Jahre alt) nicht zurücklassen wollte. Mein Mann drängte aber, weil man nach 17 Uhr nicht in Grenznähe durfte. Meine Oma wohnte im letzten Haus vor der Grenze. Georg wollte an diesem Abend noch durchs Dach des Hauses meiner Oma beobachten, wie die Soldaten eingeteilt sind und wie der Wachwechsel und die Kontrollen stattfinden. Weil ich keine für eine Flucht geeignete Kleidung mitgebracht hatte, um ja nicht aufzufallen, hat mir meine Mutter ihre Sandalen, eine Strickjacke und einen aus dem Banater Wallfahrtsort Maria Radna mitgebrachten Medaillon gegeben. Ich wollte die Sachen nicht, weil ich davon überzeugt war, dass wir zurückkommen werden. Sie aber sagte, „Kind, ich spüre, dass du dieses Haus nicht mehr betrittst“. So war es dann auch. Ich musste Oma ablenken, damit sie nichts bemerkt. Sie sollte nichts von unserem Vorhaben wissen. Auf einmal kam mein Mann und sagte, es geht los. Ich war dermaßen überrascht und wollte nicht mit. Doch er sagte, „jetzt oder nie“. Die Oma haben wir ins Haus gelotst und sind dann in Richtung Grenze gegangen. Wir mussten den Stacheldrahtzaun etwas aufschneiden, um durchkriechen zu können. Hinter dem Stacheldraht standen Sojabohnen bis zum Grenzstreifen. Zum Glück hat mein Mann zwischen den Bohnen noch drei Drähte gesehen, die nur ein paar Zentimeter über dem Boden gespannt waren. Diese Drähte waren mit Leuchtraketen verbunden. Blieb man hängen, gingen diese los. Um die Drähte zu überwinden, mussten wir durchkriechen, sonst hätten uns die Grenzer gesehen. Es war noch heller Tag, die Sonne schien. Doch wir haben es geschafft. Robbend durch die Sojabohnen haben wir den Grenzstreifen erreicht. Dahinter war Jugoslawien - etwas tiefer gelegen. Auf dem Streifen angekommen, sahen wir links von uns zwei serbische Soldaten

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erzählend beisammenstehen, rechts von uns - nicht weit entfernt - zwei rumänische Soldaten, die auf einer Bank saßen. Ebenfalls links, aber etwas weiter, zwei weitere rumänische Soldaten mit Spürhund. Wir hatten unheimliche Angst und lagen regungslos auf dem Streifen. Zum Glück sind die zwei Serben in die andere Richtung gegangen, und wir sind, so schnell es ging, auf die jugoslawische Seite in einen Kanal gekrochen. Auf der ersten Straße in dem serbischen Ort Nakodorf haben wir uns umgedreht und zurückgeschaut. Ich habe geweint und gesagt: „Was haben wir getan? Sehen wir unsere Kinder je wieder?“ Doch mein Mann ließ mir keine Zeit und drängte mich auf den Weg in Richtung Kikinda. Dort wollten wir etwas Geld umtauschen, eine Fahrkarte nach Belgrad kaufen, um zur deutschen Botschaft zu gelangen. Wir sind nach Mitternacht in Kikinda angekommen und haben erst dann gesehen, dass wir einige Verletzungen vom Stacheldraht, den Sojabohnen und den Christusdornen im Kanal hatten. Am Morgen haben wir Geld gewechselt und Busfahrkarten gekauft. Doch der nächste Bus fuhr erst um 13 Uhr. Wir haben uns aber trotzdem gefreut, dass wir schon so weit gekommen waren, wussten aber nicht, dass wir schon verraten waren und von der örtlichen Polizei gesucht wurden - verraten von zwei Frauen, die am Vortag mit uns im Bus waren. Nach langen Ausweichversuchen hat uns die Polizei um 12.45 Uhr festgenommen. Wir wurden Zeugen, wie dem Verfolger eine Belohnung übergeben wurde. Wir wurden einem Schnellrichter vorgeführt. Er wollte uns zu 30 Tagen wegen Aufenthalts ohne gültige Papiere verurteilen. Mit Hilfe einer Dolmetscherin, die dem Richter auch unsere Verletzungen gezeigt hat, wurden wir nur zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Auf unsere Frage, wie es danach weitergeht, wurde uns mitgeteilt, dass die Papiere nach Belgrad geschickt werden. Dort werde entschieden, wo wir hin dürfen oder müssen: nach Österreich, Italien oder zurück nach Rumänien. Im Gefängnis in Großbetschkerek konnte eine Frau ein wenig Deutsch sprechen. Über sie habe ich erfahren, dass wir nach diesen zehn Tagen auf der Fahrt aus dem Gefängnis an der ersten Kreuzung auf das Abbiegen achten sollten. Geht es nach links, bedeutet das zurück nach Rumänien, geht es nach rechts, haben wir die Richtung Belgrad eingeschlagen. Im Gefängnis waren mein Mann und ich getrennt und durften uns nicht sehen. Nach Verlassen des Gefängnisses mit dem Polizeiwagen haben wir mit großer Angst auf das Blinken vor der Ampel geachtet. Der eine Polizist hat dies bemerkt, gelacht und uns mit einer Handbewegung gesagt: „Via Ceauşescu, via Ceauşescu“. Zum Glück ging es doch nach rechts in Richtung Belgrad. Etwa 20 Kilometer vor Belgrad ging es plötzlich in eine andere Richtung - in einen Waldweg, der vor einem größeren Haus auf einer Lichtung endete. Keiner hat uns etwas gesagt. Weil es aber so etwa um die Mittagszeit war, haben wir gedacht, dass die Polizisten hier etwas essen wollen. Beim näheren Hinsehen

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habe ich auf der Tür Gefängnis in serbischer Sprache gelesen. Wir wurden wieder getrennt. Kein Mensch hat uns gesagt, was mit uns geschieht. Wir wurden nach einer geraumen Zeit durch eine Hintertür über einen Hof in getrennte Gebäude gebracht. Wir wussten 13 Tage lang nichts voneinander, auch nicht, warum wir dort eingesperrt waren. Habe ich eine Wärterin etwas gefragt, hat sie nur die Achsel gezuckt. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass dies das Gefängnis von Padinska Skela ist. Am 13. Abend gegen 22 Uhr hat man uns zusammen mit vier weiteren Flüchtlingen aus Rumänien in ein sehr enges, verkleidetes Auto gepfercht. Die Fahrt hat bis in die Morgenstunden gedauert, aber keiner hat uns gesagt, wohin es geht oder was in Belgrad beschlossen worden ist. Morgens waren wir im Gefängnis von Marburg an der Drau. Irgendwann, noch am selben Tag, wurden vier von uns aus der Zelle geholt. Mit uns werde es noch weitergehen. Die anderen zwei werden nach Österreich transportiert. Es gab einen großen Krach, weil sie drei Freunde aus der Banater Stadt Reschitz voneinander getrennt hatten, die über die Donau geschwommen und auf dem Weg nach Australien über Frankreich waren. Es gab aber kein Pardon. Wir vier wurden wieder in dasselbe Auto gesperrt, und weiter ging die Fahrt ins Ungewisse. Am Nachmittag erreichten wir Aßling. Dort wurden wir wieder in einem Gebäude untergebracht, das über Gefängniszellen verfügte. Dann kam ein Mann in Zivil mit sehr guten Deutschkenntnissen zu uns und erklärte, dass wir nun in seiner Obhut seien. Wir müssten nach Italien. Das Wie müsste noch geklärt werden. Er würde uns am Abend abholen, bis dahin wisse er mehr. Am Abend ist er mit einem zweiten Mann zu uns gekommen und hat uns mitgeteilt, Italien nehme uns nicht auf, weil an diesem Tag Aldo Moro ermordet worden ist. Wir müssten nach Österreich. Wir waren über diese Nachricht sehr froh, weil keiner von uns nach Italien wollte. Wir mussten versprechen, in Österreich nicht zu verraten, dass wir in Jugoslawien verhaftet und eingesperrt waren. Wir haben natürlich alles versprochen, um weiterzukommen. Gegen 22 Uhr hat man uns - meinen Mann und mich - abgeholt. Es wurde uns zur Wahl gestellt: Wir könnten durch einen sehr langen Tunnel von Aßling nach Villach in Kärnten gehen, in dem nur Güterzüge verkehren, wir könnten aber auch über den Berg klettern. Dritte Möglichkeit: Wir könnten am letzten Bahnhof vor der Grenze zu Österreich in einen unversiegelten Wagen eines Güterzugs einsteigen. Wir haben uns für letzteres entschieden. Unser Mann ist am Bahnhof ausgestiegen, um nach einer günstigen Gelegenheit zu suchen. Wir mussten uns im Auto versteckt halten. Nach langer Suche und der Öffnung eines vollen Kohlewaggons, den wir nicht mehr schließen konnten, haben wir einen Viehwaggon ohne Siegel entdeckt. Dort sind wir eingestiegen. Unser Begleiter hat uns noch gesagt, dass nach dem Tunnel Österreich liegt und wir so weit wie nur möglich fahren sollten. In Villach war aber schon Endstation.

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Dort wussten wir nicht weiter, und ohne Geld hatten wir auch keine Aussichten, weiterzukommen. Deshalb haben wir uns bei der Polizei gemeldet. Wir waren wieder zu viert, da die zwei anderen in demselben Güterzug waren. Die österreichische Polizei hat uns in Gewahrsam genommen und einem Haftrichter vorgeführt. Dieser hat uns zu einer Woche Haft verurteilt. Als mein Mann dies gehört hat, wollte er aufgeben. Er wollte in kein Gefängnis mehr. Er hatte auf diesem Weg auch schon sehr viel Gewicht verloren und gedacht, wir kämen nie an ein Ziel. Wir konnten ihn aber zum Glück überreden. Wir wurden leider wieder getrennt. Wir hatten hier sehr große Angst bei den Befragungen, dass wir nicht eventuell etwas von unserem Aufenthalt in Jugoslawien verraten. Nach sieben Tagen wurden wir in Begleitung von zwei Polizisten per Bahn in das große Lager von Traiskirchen gebracht. Dort war alles überfüllt. Wir waren mit sechs weiteren Familien mit Kindern in einem Raum untergebracht. Ich habe mich bei dem Leiter nach einer anderen Möglichkeit und einem schnellen Weiterkommen erkundigt. Wir bekamen die Auskunft, dass wir Reisepässe bei der deutschen Botschaft in Wien beantragen müssen, das dauere aber eine gewisse Zeit. Leider hatten wir das Pech, dass ausgerechnet nach unserem Antrag die Botschaft sechs Wochen wegen Sommerurlaubs geschlossen hatte. Danach stellte sich heraus, dass die Einreisegenehmigung meines Mannes verlorengegangen war und wir auf eine neue Bestätigung aus Deutschland warten mussten. Das dauerte aber lange. Ende November durften wir als Staatenlose in die Bundesrepublik Deutschland einreisen. Schon während unseres Aufenthalts in Österreich habe ich zahlreiche Anträge gestellt, damit die rumänischen Behörden unsere Kinder ausreisen lassen. Die Kinder durften uns erst 18 Monate nach unserer Flucht folgen. Sie kamen dann ganz alleine - wie, ist bis heute noch nicht endgültig geklärt. Sie waren während des Flugs von Bukarest nach Frankfurt am Main in der Obhut einer Familie aus Siebenbürgen. Inzwischen haben wir die Familie über den kirchlichen Suchdienst in Stuttgart gefunden. Diese Familie hat dort einen Suchantrag nach den zwei kleinen Mädchen aus dem Banat, die am 17. Dezember 1979 von Bukarest nach Frankfurt geflogen sind, gestellt. Wir haben telefonischen Kontakt aufgenommen. Wegen Krankheit ist noch kein Treffen zustande gekommen. Das wollen wir aber sobald wie möglich nachholen, um uns auch endlich bedanken zu können. Wir haben uns anfangs in Crailsheim niedergelassen. Weil die Verdienstmöglichkeiten Anfang der 1980er Jahre dort nicht die besten waren, sind wir 1981 nach Ludwigsburg umgezogen. 1986 ist unser Sohn in Ludwigsburg geboren. Inzwischen haben wir vier Enkelkinder. Mein Mann ist bei der Firma Porsche in der Logistik tätig. Ich bin seit 2005 beim Kirchlichen Suchdienst in Stuttgart als Sachbearbeiterin beschäftigt.

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Robert Alzner:

Folterknechte und Provokateure Das Wochenende, das mit einem Freitag Ende April 1979 im Grenzerstützpunkt Gertjanosch in der Banater Heide mit Schlägen begonnen hat, wird Robert Alzner nie vergessen. Der Hermannstädter (geboren am 14. Dezember 1960) und ein Freund haben sich blauäugig auf den Weg gemacht, um über Jugoslawien nach Deutschland zu gelangen. Aber die beiden sind lediglich bis nach Gertjanosch gelangt. Denn schon dort, 20 Kilometer vor der Grenze, standen in kommunistischen Zeiten Soldaten, um nach dem Woher und Wohin zu fragen. Weil die beiden Siebenbürger Sachsen niemanden in der Grenzzone kennen, sind sie reif für die Folterkammer. Soldaten führen sie ab in den örtlichen Grenzerstützpunkt, wo sie sie bis Montag mit Unterbrechungen schlagen und foltern. Dabei sei auch ein Major der Grenztruppe gewesen, der das Verhör immer wieder mit der Androhung von Schlägen unterbrochen hat, berichtet Robert Alzner. Die Soldaten, die sich als Folterknechte betätigen, schlagen gezielt mit Gewehrkoben auf die Leber und treten aus Leibeskräften auf die beiden ein. In den für die Gefangenen bestimmten Fraß spucken sie vorher. Robert Alzner tritt seinen Teller weg. Das ist Ursache genug für die Soldaten, ihn erneut zu prügeln und zu fragen, ob er so mit dem Essen des Staates umgehen müsse. Das Martyrium in Gertjanosch hat erst am Montag, dem vierten Tag nach der Festnahme, ein Ende. Die beiden Siebenbürger werden ins Temeswarer Gefängnis verlegt und mit Spitzeln - Robert Alzner vermutet mit Polizisten - in eine Zelle gesperrt, die sie aushorchen und provozieren sollen. Die erzählen den beiden Sachsen, sie seien schon in Jugoslawien gewesen und wüssten deshalb, wie schlecht es den Leuten dort ginge. Die Provokateure zeigen den beiden Gefolterten eine Eisenstange unter der Matratze und meinen, damit könnten sie sich den Weg aus der Haft freischlagen. In Temeswar bleibt es bei Provokationen, Schläge bleiben ihnen erspart. Zwei Polizisten holen die beiden ab und bringen sie nach Hermannstadt, wo sie erneut geschlagen werden und ein Richter sie nach einer Woche Arrest zu einem Monat Haft wegen versuchten Grenzübertritts verurteilt. Die Strafe verbüßen sie in Straßburg am Mieresch. Kurz nach der Entlassung aus dem Gefängnis erhält Robert Alzner die Einberufung zum rumänischen Militär. Nach Deutschland kommt er erst nach dem Fall der Mauer. Ein Freund schmuggelt ihn bei Rudolphstein aus der DDR in den Westen. Kontrollen finden in jenen Tagen kaum noch an der innerdeutschen Grenze statt. Robert Alzner lässt sich bei Günzburg nieder und arbeitet seither als Fernfahrer.

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Dieter Weidenhof:

Der Hinrichtung knapp entgangen Als Dieter Weidenhof am 8. März 1979 nach Hause kommt, erkennt seine Frau ihn nicht wieder. Sein Gesicht ist entstellt von den Schlägen, die er in der vorvergangenen Nacht bezogen hat. Ein Dutzend Grenzsoldaten ist über ihn und seinen Freund hergefallen, zuerst direkt an der rumänisch-serbischen Grenze, unweit bei Ostern, dann in dem Grenzerstützpunkt Hatzfeld. Sie haben ihn getreten, mit Gewehrkolben und Gummiknüppeln geschlagen. Zweimal ist er bewusstlos geworden. Der Unterkiefer ist gebrochen, das Steißbein angebrochen. Nach zwei Tagen lassen ihn die Grenzer laufen. Er darf nach Hause, sein Freund Walter auch. Die beiden sollen als abschreckendes Beispiel durch Hatzfeld gehen und all jene mahnen, die sich mit ähnlichen Dieter Weidenhof Gedanken umhertragen. Dieter Weidenhofs Freund Walter ergeht es am schlimmsten. Weil beide nicht verraten wollen, wer sie in Grenznähe gefahren hat, legen sie Walter auf einen Tisch und prügeln so lange mit dem Gummiknüppel auf die Fußsohlen, bis er es nicht mehr aushält und den Fahrer nennt. Doch zurück zur Flucht: Schon einige Male haben die beiden Freunde, die Arbeitskollegen in der Hatzfelder Schuhfabrik sind, über Flucht gesprochen und Pläne geschmiedet. Am 4. März 1979 ist es soweit. Sie wollen das Unternehmen starten. Ein dritter Hatzfelder fährt sie mit dem Wagen auf dem Umweg über Großkomlosch bis an die Stelle, wo die Landstraße bei Ostern am nächsten zur Grenze liegt. Gegen 23 Uhr steigen sie aus und beginnen, über die Felder zu robben. Sie bewältigen die etwa vier Kilometer lange Strecke bis zur Grenze, durchschneiden mit der Zange Stacheldraht, überwinden einen drei Meter tiefen Graben, sehen vor sich eine dunkle Erhebung und meinen, die gehöre schon zu Serbien. Als sie sich nähern, entpuppt sich die Erhebung als Maislaubschober. Dahinter steht ein rumänischer Grenzsoldat. Die beiden Flüchtlinge jagen dem Soldaten den Schrecken in die Glieder. Sie versuchen, ihn zu beruhigen, bieten ihm Geld an, damit er sie laufen lässt, doch alles vergebens, der hat Angst und feuert

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eine Leuchtrakete ab. Im Nu ist ein Dutzend Grenzsoldaten mit Spürhunden um die beiden Flüchtlinge versammelt. Zu dem Zeitpunkt hätte eine Völkerwanderung über die Grenze stattfinden können, sagt Weidenhof, denn auf dem ganzen Abschnitt war sie nicht mehr bewacht. Die Soldaten sind mit den beiden Gefangenen beschäftigt. Einige beginnen, wild zu schießen. Kugeln schlagen zehn Zentimeter von den beiden Gefassten in den Boden. Einer will die beiden sogar erschießen. Doch der Soldat, den sie überrascht haben, legt sich für sie ins Zeug und lässt das nicht zu. Hätte der Soldat nicht eingegriffen, es hätte an jenem frühen Morgen des 5. März 1979 zwei weitere Hinrichtungen an der rumänischserbischen Grenze gegeben. Bis die mit Draht Gefesselten im Grenzerstützpunkt den Offizieren übergeben werden, sind sie schon zweimal bewusstlos geschlagen worden. Der Fahrer, der die beiden in Grenznähe gebracht hat, kommt mit einer Geldstrafe davon. Dieter Weidenhof und sein Kumpel werden nach zwei Tagen Arrest als abschreckende Beispiele freigelassen, ein Prozess bleibt ihnen erspart. Weidenhofs Freund hat eine gebrochene Rippe. Ein Jahr später hält Dieter Weidenhof die Pässe in der Hand. Er verlässt mit Frau und den beiden Kindern Hatzfeld in Richtung Deutschland. Er findet Arbeit als Hausmeister. Die Stelle hat er auch heute noch.

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Dominik Kerbel:

Mit dem Pfarrer vom Kirchweihball über die Grenze Diese Flucht hat in der kommunistisch kontrollierten Presse keine Schlagzeile bekommen. Doch die Nachricht war im Südwesten Rumäniens in aller Munde: Der Dolatzer Pfarrer samt Kirchweihjugend ist durchgebrannt. Die Flucht nach Jugoslawien ist geglückt. Auch in der Redaktion der deutschen Tageszeitung „Neuer Weg“ im entfernten Bukarest erzählen sich die Redakteure lachend die Neuigkeit, manch einer klopft sich sogar heimlich auf die Schenkel. 21 Personen, davon zehn Frauen, haben den Grenzern ein Schnippchen geschlagen: Pfarrer Wenzel Demel (1921-1999) mit seiner Köchin, deren Kindern, zwei Töchter und der neunjährige Sohn, mit einem Bienenzüchter und 15 weiteren Jugendlichen. Doch die 21 werden noch staunen: Das Tüpfelchen aufs i setzen sieben weitere Dolatzer, die ihnen zwei Tage später folgen und die schon in Serbien Inhaftierten im Gefängnis überraschen. Über die Flucht aus dem nahe der serbischen Grenze gelegenen Dorf Dolatz berichtet Dominik Kerbel, der am 28. August 1979 zusammen mit den 20 Gleichgesinnten die Grenze nach Jugoslawien überschritten hat. Die 28 Mann, die das kleine Dorf Ende August 1979 in zwei Schüben verlassen, gehören zu den 118 Dolatzern, denen die Flucht von 1975 bis zum Sturz Ceauşescus im Dezember 1989 gelungen ist. Zwei Brüdern ist es geglückt, einen Grenzsoldaten zu fesseln und zu fliehen. Zehn Personen wurden auf der Flucht gestellt, vier mit Besucherpässen nach Deutschland gereiste Personen sind nicht mehr nach Dolatz zurückgekehrt. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg waren in Dolatz rund 1300 Deutsche zu Hause. Ferner lebten dort 160 Ungarn und Rumänen. Bis 1950 ist die Zahl der Deutschen auf 780 gesunken. Heute lebt kein Deutscher mehr in dem Dorf. Wer nicht vor dem Fall des Kommunismus flüchten konnte, hat dem Dorf danach den Rücken gekehrt. Den Fluchtzeitpunkt hätten die 21 wohl nicht besser auswählen können: das Ende des Kirchweihfestes, das in den Banater Dörfern ursprünglich am Tag des Schutzpatrons der Kirche abgehalten und später auch als Erntedankfest empfunden wurde. In Dolatz hat es drei Tage lang gedauert. Samstags haben die Kirchweihbuben den Maibaum aufgestellt, am Sonntag ist die Kirchweihjugend - unverheiratete Paare in örtlicher Tracht - mit Musik in die Kirche marschiert, hat nach der Messe die Honoratioren im Dorf eingeladen, um am Nachmittag und Abend zum Tanz einzuladen. Mit einem erneuten Marsch durchs Dorf und einer Tanzunterhaltung ist der dritte Kirchweihtag zu Ende gegangen. So auch am Montag, dem 27. August 1979. Vom Kirchweihball über die Grenze, diese Parole hat Pfarrer Demele der Dorfjugend für jenen späten Abend ausgegeben.

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28. August 1979: Vor der Flucht feiert die Dolatzer Dorfjugend noch Kirchweih. Der Straußversteigerung geht ein Tanz ums Fass voraus

Um 23.30 Uhr bilden sich am Rande von Dolatz kleine Gruppen. Keiner, außer den Drahtziehern, weiß, wer zu welcher Gruppe gehört. Auch die Namen der Teilnehmer in den anderen Gruppen sind unbekannt. Die kleinen Gruppen schließen sich zu zwei voneinander unabhängigen Gruppen zusammen. Die Flucht ist gut vorbereitet. Ein Imker, der seine Bienen an der Grenze weiden lässt, leistet wichtige Vorarbeit. Er markiert den Fluchtweg mit aus Papier gefalteten Pfeilen, die er mit Steinen beschwert. Ihnen werden die Flüchtenden folgen - wie Hänsel und Gretel den Kieselsteinen. Doch noch ist es nicht soweit. Die beiden Gruppen müssen noch durch manches Feld marschieren. Um 5.20 Uhr sind sie an der Grenze. Treffpunkt ist ein mit dem Bienenzüchter vereinbarter Punkt zwischen Gier und Tschawosch. Als die zweite Gruppe eintrifft, ist das Staunen

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groß. Denn keiner hat erwartet, dass noch andere Fluchtwillige auftauchen. Doch so einfach, wie sich das anhört, verläuft das Unternehmen nicht. Die Teilnehmer sind ständig auf der Hut. Große Sorgen bereiten ihnen die Schafhirten mit ihren scharfen Hunden. Die Schaftreiber kennen keine Gnade, sie schicken die Hunde los, sie sind Spitzel und kassieren für jeden Erwischten eine Belohnung. Mehrmals müssen sich der Pfarrer und die Dolatzer Kirchweihjugend in dieser Nacht auf den Boden werfen und ruhig verhalten, um nicht von den Hunden aufgespürt zu werden. Auf dem Weg zur Grenze durchwaten die Flüchtenden einige Entwässerungskanäle. Die Strapazen sind groß. Pfarrer Demele ist kurz davor, aufzugeben, weil seine Kräfte schwinden. Er will zurückbleiben und für die anderen beten, dass sie gut in Deutschland ankommen. Doch das lassen die anderen nicht zu. Kerbel und sein Schwager tragen ihn durch den letzten Graben. Auch der Seelsorger schafft es. In Serbien angekommen, marschieren die 21 Frauen und Männer auf dem Deich des Flusses Temesch, der auf rumänischer Seite in Wolfsberg im Banater Bergland entspringt, hinter Tschwaosch Serbien erreicht und in Pantschowa, kurz hinter Belgrad in die Donau mündet. Auf dem anderen Temeschufer taucht ein Mann auf. Und der erkennt an der schmutzigen Kleidung sofort die Flüchtlinge. Kurz darauf nähern sich serbische Polizeiautos. Was dann passiert, ist filmreif, sagt Kerbel. Die Polizisten springen mit Maschinenpistolen im Anschlag aus den Autos und fordern die 21 Dolatzer auf, einzusteigen. Wenn auch der Auftritt der Polizei am Temeschufer dramatisch ausgesehen hat, was danach folgt, ist harmlos. In Konak angekommen, können die Flüchtlinge nur staunen, die Polizei serviert ihnen ein Mal, zu dem auch Melonen und Obst gehören. Ein Richter verurteilt die 21 Banater Schwaben zu je zehn Tagen Haft wegen illegalen Grenzübertritts; Männer, Frauen und die minderjährige Tochter und der neun Jahre alte Sohn der Pfarrersköchin werden im Gefängnis von Großbetschkerek getrennt untergebracht. Und dort erleben sie ein nicht geahntes Wiedersehen mit sieben Landsleuten, die den Wirrwarr nach der Flucht der 21 Mann starken Truppe genutzt haben, um selbst in die Freiheit zu gelangen. Dominik Kerbels Grenzgang 1979 ist nicht sein erster Fluchtversuch. Ein erster ist dem am 24. Oktober 1949 im benachbarten Tschakowa Geborenen am 31. Juli 1969 misslungen. Damals hatte er sich mit einem noch Minderjährigen auf den Weg gemacht durch den Grenzort Stamora-Morawitz. Während Kerbel durch die strenge Kontrolle am Bahnhof kommt, behalten die Grenzer den von ihm getrennt gehenden Fluchtgefährten zum Verhör zurück, und der gibt zu, dass er mit Kerbel flüchten wollte. Die Soldaten stellen Kerbel kurz vor der Grenze. Er hat Glück, die Grenzer verprügeln ihn nicht. Anderen ist es in solch einem Fall ganz übel ergangen. Kerbel berichtet von einem Kollegen aus dem Nachbarort Tolwadin, der mit ihm beim Militär war. Soldaten haben ihn 1972

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zwischen Gier und Tschawosch auf der Flucht gestellt und totgeprügelt. Einen weiteren jungen Mann haben sie zum Krüppel geschlagen. Er hat die Freiheit in Nagold erlebt, doch seinen 50. Geburtstag nicht mehr. Nach einem Verhör in dem Städtchen Detta kommt er zu den politisch Inhaftierten in die Untersuchungsabteilung des Gefängnisses in der Banater Hauptstadt Temeswar. Das Gefängnis ist die Katastrophe, sagt Kerbel. 42 Mann teilen sich einen Raum, darunter sind sieben Grenzgänger. Drei Betten türmen sich übereinander. Tagsüber müssen die Häftlinge Weidenruten in einem stinkenden Sud kochen, um sie fürs Korbflechten vorzubereiten. Und wieder hat Kerbel Glück. Sein Prozess ist für den 25. August 1969 anberaumt. Doch am 21. August kommt er frei. Ceauşescu hat eine Amnestie anlässlich des Nationalfeiertags erlassen, der am 23. August gefeiert wird. Es ist der Tag, an dem Rumänien Deutschland 1944 den Krieg erklärt hat, um bis Mai 1945 an der Seite der Sowjetunion gegen den ehemaligen Waffenbruder zu kämpfen. Von den 28 Frauen und Männer, die Ende August 1979 Dolatz den kommunistischen Terror gegen die Freiheit in Deutschland eingetauscht haben, ist keiner auf der Strecke geblieben, sagt Kerbel. Zwei Beispiele: Pfarrer Demel war Seelsorger in zwei Gemeinden in Baden-Württemberg. Kerbel selbst hat es bei Mercedes-Benz in Sindelfingen bis zum Gruppenleiter Verfahren- und Umweltschutz gebracht.

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Familientreffen vor dem Stacheldraht Von Elisabeth Loris Das Thema Deutschland war oft Gesprächsstoff in unserer Familie, seit meine Großeltern 1961 übergesiedelt waren. Nachdem die Behörden zahlreiche unserer Ausreiseanträge abgewiesen hatten, schien uns dieses Ziel unerreichbar. Meine Mutter war öfter in Deutschland zu Besuch; manchmal blieb sie auch drei Monate dort, um zu arbeiten. Doch sie kam immer Elisabeth und Franz Loris mit Tochter Angelika in wieder zurück, weil sie sich nicht ihrer ersten Wohnung in Rastatt. von der Familie trennen konnte. 1969 war auch meine Schwester Erika, damals 16 Jahre alt, dabei; sie kamen nach drei Wochen wieder zurück. Meine Schwester wäre am liebsten dort geblieben, doch dafür war sie zu jung. Wir beide schmiedeten danach oft Fluchtpläne, doch wir verwarfen sie immer wieder. Es war alles zu gefährlich. 1972 kamen unsere Cousinen mit dem Auto zu Besuch. Das nutzten wir für einen Tagesausflug an die Donau, um die Möglichkeiten zu prüfen, mit einem Boot nach Serbien zu gelangen. Doch wir waren beide derselben Meinung: nicht übers Wasser. Trotz unserer vielen Pläne, Deutschland schien für uns ein unerreichbares Ziel zu bleiben; wir konnten nur davon träumen. Leider ging für Erika dieser Traum nie in Erfüllung. Sie verunglückte 1975 tödlich, zusammen mit unserer Oma. Ein schwerer Schicksalsschlag für uns alle. 1978 starb auch unsere Oma in Deutschland, und meine Mutter stellte noch einmal einen Besucherantrag. Meine Mutter und ich wurden zum Geheimdienst Securitate bestellt. Man sagte mir, meine Mutter könnte nach Deutschland fahren, wenn ich ein Papier unterschreiben würde, das mich verpflichtete, Rumänien nicht mehr zu verlassen, falls sie nicht zurückkommt. Das war Erpressung, doch ich unterschrieb. Mutter bekam den Pass und fuhr im Februar 1978 weg. Bei ihrer Abreise sagte ich zu ihr, sie habe die Wahl: zu bleiben oder zurückzukommen, doch ich würde hier nicht alt. Ich sah keine Zukunft mehr für uns Deutsche, auch nicht für meine kleine Tochter, damals ein Jahr alt. Meine Mutter fand in Deutschland Arbeit, wohnte bei Verwandten, die sie zum Bleiben zu überreden versuchten. Ab und zu rief ich sie an, und sie ent-

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schloss sich schließlich für Deutschland. Ihre Eltern waren beide in Deutschland gestorben; es war wohl das letzte Mal, dass sie einen Pass bekommen hatte. Diese Entscheidung fiel ihr sehr schwer: Von der Familie getrennt zu sein, mit zwei süßen Enkelkindern, die auf sie warteten, und die Frage: Wann sieht man sich wieder? Ab Sommer 1978 fuhr ich zweimal wöchentlich nach Temeswar zur Audienz bei der Securitate, weil es hieß, es beschleunigt die Ausreise, wenn man sich dort oft blicken lässt. Mir half es weniger. Bei der Audienz wurde man einzeln aufgerufen und konnte seine Situation vortragen. Oftmals hieß es, meine Mutter soll zurückkommen, es würde ihr nichts geschehen. Oder ich wurde nur angebrüllt, kam überhaupt nicht zu Wort, ich sei zu jung, um auszureisen, soll für diesen Staat noch etwas leisten. Öfter wurde mir jenes Schriftstück gezeigt, ob ich vergessen hätte, was ich unterschrieben habe. Manchmal öffnete ich nur die Tür, da wurde schon geschrieen, „raus, was suchst du hier“. Doch ich ließ nicht locker, kam immer wieder. Mit einer Bekannten fuhr ich auch nach Bukarest zur deutschen Botschaft. Die Botschaftsmitarbeiter konnten leider auch nichts tun, die Entscheidung lag bei den rumänischen Behörden. Ich ging weiter in Audienz, und so wurden wir im Sommer 1979 vor eine Kommission gerufen, die über unsere Ausreise entscheiden sollte. Den Beamten der Securitate trugen wir unser Anliegen vor, doch ihre Antwort war nur, Mutter sollte zurückkommen, es wird ihr nichts passieren. Sie würden uns nicht ausreisen lassen. Normalerweise war kein Widerspruch geduldet, doch mein Vater trat vor und sagte in gebrochenem Rumänisch: „Als ihr uns nach Russland verschleppt habt, wusstet ihr, dass wir Deutsche sind - und auch ohne Sie werde ich nach Deutschland kommen“, drehte sich um und ging. Dass es tatsächlich kurze Zeit später so kommen würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt keiner von uns. Mir wurde klar, dass sie mich nicht legal ausreisen lassen werden. Deshalb planten mein Mann und ich mit einem befreundeten Ehepaar die Flucht. Doch der Plan scheiterte, weil die Frau Angst hatte. Mein Vater bekam oft diese Diskussionen mit, dann sagte er immer wieder, er werde nur mit Pass ausreisen, nie illegal über die Grenze gehen. Er sei zu alt, um alles stehen und liegen zu lassen und ganz von vorne zu beginnen. Er war damals 61 Jahre alt. Aus der Kur zur Grenze Im August 1979 fuhr mein Vater nach Lippa zur Kur und kam zum Wochenende heim, um nach dem Rechten zu sehen. Das Haus, die Hühner, der Garten, das war seine Welt, darin blühte er auf. Ende August waren wir samstags und sonntags zu einer Hochzeit eingeladen. Samstag Mittag - wir waren fast fertig, um wegzugehen, kam ein fremder Mann zu uns nach Hause und fragte, ob mei-

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ne Mutter in Deutschland sei und ob wir auch dahin wollten. Wir sollten es uns überlegen und bereden, er würde in ein paar Tagen wiederkommen. Ich bat ihn ins Wohnzimmer, machte ihm einen Kaffee, doch der Mann war sehr nervös. Er erklärte uns in kurzen Worten, wo wir die Grenze passieren, was es kostet und dass es sicher sei, und weg war er. Als ich ihm auf die Gasse folgte, war er wie vom Erdboden verschluckt. Danach dachte ich, was war das denn? Hat sich jemand einen Scherz mit uns erlaubt? Mein Mann und ich hatten keine Zeit, darüber nachzudenken, ob der Unbekannte es wirklich ernst meinen könnte, weil wir an diesem Wochenende auf beiden Hochzeiten beansprucht wurden. Wir waren als Kellner, wie es damals üblich war, voll beschäftigt. Montags morgens ging ich von der Hochzeit heim, war müde, wollte nur noch schlafen. Mein Mann half beim Aufräumen, und mein Töchterchen schlief bei den Schwiegereltern. Mein Vater fuhr montags morgens zurück nach Lippa zur Kur. Unser Zimmer lag an der Straße. Gegen 13 Uhr klopfte jemand an die Rollläden, rief meinen Namen, ich soll herauskommen, es suche mich jemand - es war der Fremde. Ich bat ihn ins Haus, und er fragte, wie wir uns entschieden hätten. Heute wäre der Moment, um über die Grenze zu gehen. Es kostet 40 000 Lei je Person, und wir treffen uns um 16 Uhr vor dem Temeswarer Hauptbahnhof. Im nächsten Augenblick war er weg. Entschieden, entschlossen? Mein Mann und ich hatten überhaupt keine Zeit, darüber zu reden. Ich stieg kurzentschlossen aufs Fahrrad - ich musste meinen Mann sprechen. Es war ein kühler Tag, dass ich fror, merkte ich erst später. In der Eile hatte ich mich viel zu dünn angezogen. Mein nächster Gedanke war, mein Vater muss als erster weg. Ich fuhr in die Hintere Reihe (Gasse) zu den Brauteltern, dort fand ich meinen Mann. Die Männer waren mit Aufräumen fertig und saßen noch im Hof. Nach einigem Hin und Her konnte ich ihn zur Seite ziehen, um ihm zu sagen, worum es gehe. Schlagartig war er präsent. Wir fuhren heim, holten das Geld, das wir zum Glück bar hatten, denn wir hatten zwei Wochen vorher unser Auto verkauft. Wir fuhren in den Graben, ein Cousin meines Mannes, der sich schon in Deutschland niedergelassen hatte, war eben zu Besuch. Wir hofften, er werde uns nach Lippa zu unserem Vater fahren - Fehlanzeige, er war weggefahren. Nun wussten wir nicht, an wen wir uns wenden sollten. Wer bringt uns so schnell nach Lippa und dann zum Hauptbahnhof nach Temeswar? Wem konnte man trauen? Wir fuhren durch die Lothringer Gasse, dann die Neugasse hoch und hatten Glück. Auf einer Brücke vor einem Haus stand ein Auto. Wir gingen hinein und fragten den Mann, ob er bereit sei, uns in dieser kurzen Zeit zu fahren. Er sagte zu, und los ging es. Die Fahrt war sicher filmreif, die Zeit knapp. Er hielt sich an keine Geschwindigkeitsbeschränkung, auch nicht in den Dörfern; Enten und Gänse stoben auseinander.

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In Lippa angekommen, fragte ich an der Rezeption nach Vaters Zimmer. Ich klopfte an, ging hinein, Vater hielt gerade Mittagsschlaf. Er erschrak, als er mich sah, dachte, es sei etwas passiert. Er war doch erst vor ein paar Stunden hierher gefahren. Ich beruhigte ihn und sagte, es gehe in der Nacht über die Grenze. Ich packte das Nötigste in seinen Koffer, wir wollten fahren, doch die Frau an der Rezeption sagte, das geht nicht, er kann nicht einfach so weg. Ich erklärte ihr, wir hätten familiäre Probleme, und Vater würde morgen wieder kommen. Und weg waren wir. Mit Vollgas fuhren wir in Richtung Temeswar. Ich saß mit meinem Vater auf dem Rücksitz und versuchte, ihm zu erklären, dass er heute Nacht über die Grenze geht. Doch ich glaube, es drang gar nicht recht zu ihm vor, er war zu sehr überrumpelt worden. Wir fuhren auf der Landstraße am Dorf vorbei, da fragte er, „gehen wir nicht mehr heim? Was wird aus meinem Garten?“ Es war gerade Erntezeit. Wir erreichten ein paar Minuten vor 16 Uhr den Hauptbahnhof, der Mann erwartete uns schon und stellte uns einen älteren Herrn vor. Er sprach gut Deutsch und hieß angeblich Krämer. Er war sehr freundlich, sagte, er würde gut auf Vater aufpassen, wir sollten uns keine Sorgen machen. Er fragte Vater auch, ob er Angst habe, doch dieser sagte, er habe noch nie vor etwas Angst gehabt. Krämer schien sehr ruhig und gefasst, erklärte mir, sie würden mit dem Zug nach Großkomlosch fahren und nachts über die Grenze gehen. Sie gelangten ohne eine Kontrolle nach Großkomlosch, die Grenzer beachteten sie kaum. Sie gingen durchs Dorf zum Haus, das früher Krämer gehört hatte, wie er sagte, inzwischen wohnten Zigeuner darin. Dort übernachteten sie. Die Flucht wurde um einen Tag verschoben, Krämer erwartete noch ein junges Paar aus Temeswar, hieß es. Bevor sie in den Zug gestiegen sind, übergab ich das Geld in einer Plastiktüte. Der Zug fuhr los, mein Vater stand am Fenster, winkte uns zum Abschied, er wirkte ruhig, gelassen. Danach gingen wir mit dem Mann, der uns in Jahrmarkt besucht hatte, Kaffee trinken, doch im Lokal konnten wir nicht frei sprechen; also gingen wir in einen Park und setzten uns auf eine Bank. Ich war ebenfalls zur Flucht entschlossen. Ich hätte keine Sekunde gezögert, doch nicht ohne meine zweieinhalbjährige Tochter. Ich hab den Mann angefleht, gebettelt, es musste doch eine Möglichkeit geben, das Kind mitzunehmen. Vielleicht in einem Rucksack und auf dem Rücken, es ist doch Nacht, das Kind schläft doch - aber er ließ sich nicht erweichen, es ist viel zu gefährlich, das geht nicht, kein Kind. Wenn wir uns entschieden hätten, morgen um dieselbe Zeit am Hauptbahnhof. Und weg war er. Wir kannten weder seinen Namen, noch wussten wir, wo er wohnte. Wir waren ratlos, wussten nicht, was wir tun sollten und fuhren deswegen mit der Straßenbahn zu unseren Bekannten in die Fabrikstadt. Sie fielen aus allen Wolken, als sie hörten, welche Chance wir jetzt hätten, und sie nicht nutzen

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wollten. Wir diskutierten stundenlang. Ich schlug vor, mein Mann soll allein gehen mit meinem Vater, der noch in Großkomlosch auf den Startschuss für die Flucht wartete. Das wollte er nicht, und ich wollte nicht ohne mein Kind flüchten. Die Bekannten meinten, ich soll die Kleine zu den Schwiegereltern geben, dort sei sie bestimmt gut aufgehoben, und sie würde sicher bald ausreisen können, wenn wir weg sind. Endlich sah ich ein, dass die Flucht das beste sei. Mit diesem Entschluss fuhren die Bekannten uns mit dem Auto nach Hause. Es war sicher schon 20 Uhr. Als wir in Jahrmarkt ankamen, stand meine Tochter mit verweinten Augen mutterseelenallein auf der Gasse, eine Tüte in der Hand. Sie stand da verloren, hilflos, das schnitt mir ins Herz. Ich nahm sie in den Arm, und alles war gut. Später kam mein Schwiegervater und nahm sie wieder auf dem Fahrrad mit in die Hintere Reihe, weil er merkte, da stimmt etwas nicht. Ich sagte zu meinem Mann, du kannst gehen, aber ich las mein Kind nicht allein hier, es wird so verzweifelt sein wie eben, wenn ich gehe, es ist noch viel zu klein und braucht mich. Die Diskussionen haben von vorne begonnen. Schließlich sagte ich mir, dass dies vielleicht die einzige und letzte Gelegenheit war, Rumänien zu verlassen. So entschloss ich mich doch, diesen Schritt zu wagen. Doch welches Risiko wir eingingen, haben wir nicht bedacht. Die Freunde fuhren uns um 22.30 Uhr zu den Schwiegereltern. Die schliefen schon. Für sie war es auch ein Schock, als wir ihnen sagten, wir würden über die Grenze gehen, dass wir die Kleine bei ihnen lassen. Meine Schwiegermutter fing an zu weinen, die Kleine wachte auf, erschrak und weinte auch. Ich nahm sie auf den Arm, ging mit ihr in die Küche, wo es nicht so laut war, redete beruhigend auf sie ein, ging mit ihr auf dem Arm hin und her. Es war sehr schwer für mich, musste mich sehr beherrschen, um nicht zu weinen, doch ich wusste, ich muss stark sein für sie. Ich sagte ihr, „du musst jetzt ganz tapfer sein, du bleibst eine Weile lang hier bei Oma und Opa, weil ich ein paar Tage weg muss. Aber bald komme ich wieder und hol dich ab, das verspreche ich dir“. Als sie sich beruhigt hatte, legte ich sie ins Bett, wartete, bis sie eingeschlafen war - ein kleiner Engel. Das war mein letzter Gedanke ich konnte danach nicht weinen, hatte keine Tränen, vielleicht waren die letzten Stunden ein bisschen viel, auch weil wir zwei Nächte nicht geschlafen hatten. An diesem Tag vergaßen wir auch zu essen. Die Freunde brachten uns heim und fuhren nach Hause. Doch schlafen konnte ich in dieser Nacht nicht. Ruhelos ging ich durch alle Zimmer, öffnete die Schränke, sah hinein, da war alles, was man braucht. In jedem Zimmer neue Möbel, Einbauküche, Bad, wir hatten alles, und jetzt sollten wir abschließen und gehen? War die Entscheidung richtig? Schließlich war alles mit dem Fleiß und Schweiß meiner Eltern aufgebaut. Ich betete zu Gott, er möge mir helfen, diese Entscheidung endgültig und richtig zu fällen. Noch war es nicht zu spät, noch konnten wir da bleiben.

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Ich wurde immer ruhiger und wusste, das ist der richtige Weg. In der Früh ging ich noch einmal durchs Haus, dann in den Garten, auf die Tenne, fütterte die Hühner, den Hund, streichelte ihn noch einmal, ging in den Hof, sah hoch zu den Tannenbäumen, dachte, dass ich einmal gehört habe, wenn die Tannenbäume höher sind als das Haus, verlässt es der Besitzer. Bei uns traf es zu. Wir packten blaue Arbeitsanzüge in eine Tasche, nahmen unsere Ausweise und ein paar Lei, schlossen Haus und Hoftor ab und gingen in den Graben. Der Verwandte aus Deutschland, der in Jahrmarkt zu Besuch weilte, fuhr uns nach Temeswar. Dort trafen wir meinen Schwiegervater, der ging zur Bank und lieh uns noch eine Summe Geld, weil unseres nicht reichte, um den Schlepper zu bezahlen. Weil wir noch etwas Zeit hatten, fuhren wir zu unseren Freunden in die Fabrikstadt. Die boten uns noch Essen an, doch wir kriegten keinen Bissen hinunter. Die Anspannung war zu groß. Um 16 Uhr trafen wir den Mann am Hauptbahnhof; wir stiegen in den Zug, ich übergab ihm das Geld, und er verschwand. Krämer erwartete uns im Zug, er schien sehr ruhig, saß uns gegenüber und sagte, egal, was passiert, heute Nacht gehen wir über die Grenze. Wir sollten ruhig und locker bleiben. Doch das war nicht so einfach. Ich spürte eine innere Unruhe, mein Magen drehte sich um. Der Zug setzte sich in Bewegung, wir unterhielten uns mit Krämer, damit wir abgelenkt waren. Weinige Kilometer vor der Grenze kamen bewaffnete Grenzsoldaten in unser Abteil, direkt auf uns zu. Wir waren fremd und daher verdächtig. Sie verlangten unsere Ausweise und fragten, was wir hier im Grenzgebiet machen. Das sei für uns verboten. Krämer sagte, er wohne in Großkomlosch, mein Mann sei Elektriker und würde ihm etwas reparieren. Die Grenzer waren skeptisch, sahen auch nach unserer Tasche, öffneten sie aber nicht. Da hatten wir Spielzeug über die Arbeitsanzüge gelegt - sie nahmen unsere Ausweise mit und gingen weg mit den Worten, „wir werden schon sehen“. Ich zitterte innerlich vor Angst, doch Krämer beruhigte uns und sagte, egal, was passiert, auch wenn sie uns die Ausweise nicht mehr zurückgeben, wir gehen heute Nacht über die Grenze. Es sei alles arrangiert. Am Bahnhof würde uns eine Zigeunerin erwarten, ich solle so tun, als würde ich sie gut kennen, davon würde viel abhängen. Und tatsächlich: Der Zug hielt an, wir stiegen aus, die Grenzer kamen schon auf uns zu, da sah ich die Zigeunerin, ging schnurstracks auf sie zu, umarmte und küsste sie, fragte, wie es ihr gehe, was die Kinder machten. Sie tat auch so, als würde sie uns kennen. Es war Theater, das wir spielen mussten, denn die Grenzsoldaten standen daneben und beobachteten uns genau. Schließlich gaben sie uns zögernd die Ausweise zurück. Ich hing mich bei der Zigeunerin ein, wir wollten los, da fragte ein Grenzer: Und wie lange bleibt ihr denn? Einige Tage, bis die Arbeit fertig ist, gab Krämer zurück. Wir setzten unseren Weg fort, die Zigeunerin und ich voraus, mein Mann und Krä-

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mer dahinter. Er sagte immer wieder: Dreht euch nicht ein einziges Mal um, keinen Blick zurück, geht ganz locker, wir werden noch beobachtet. Wir gingen zum Haus der Zigeunerin. Als wir in den Hof traten, stand mein Vater auf dem Gang. Als er uns kommen sah, griff er sich fassungslos an den Kopf und sagte: „Um Gottes Willen, ihr seid das?“ Ihm hatten sie gesagt, ein junges Paar aus Temeswar würde mitkommen; dass wir dieses Paar sind, ahnte er nicht. Das Familientreffen in Großkomlosch, kurz vor dem Stacheldraht, missfiel ihm. „Ist euch überhaupt bewusst, was ihr da tut? Wenn wir an der Grenze erschossen werden, ich bin ein alter Mann, aber ihr seid jung, dann ist die ganze Familie ausgelöscht, was wird dann aus dem Kind?“ Darüber nachzudenken, dafür hatten wir überhaupt keine Zeit. Das war auch besser so. Die Zigeunerin meinte es sicher gut mit uns, setzte uns gebackene Eier vor, Vater aß als einziger, wir kriegten keinen Bissen hinunter. Selbst Trinken fiel uns schwer. Wir mussten vorsichtig sein, hielten uns im Zimmer auf, und bevor wir aufbrachen, schickte die Zigeunerin ihren Sohn los, um zu sehen, ob die Luft rein war, denn nebenan wohnte der Dorfpolizist. Es war alles ruhig. 18 Uhr, die Zeit war gut gewählt, denn wir mussten quer durchs Dorf, trafen meist ältere Leute, die jungen waren noch nicht daheim von der Arbeit. Mein Vater hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, ging ganz locker einher und grüßte freundlich. Außerhalb des Dorfes trafen wir eine Frau mit ihrer Kuh. Er fragte, „gibt die Kuh auch Milch?“ Sie sah uns noch lange hinterher, irgendwann verschwanden wir in einem Maisfeld und warteten auf die Dunkelheit. Die Zeit wollte nicht vergehen, wir hörten die Grenzer vorbeilaufen mit ihren Hunden - wir verhielten uns ganz still. Endlich brach die Nacht herein, doch das Wetter war nicht so günstig. Es war mondhell und windstill. Wir zogen die mitgebrachte Arbeitskleidung über unsere Kleidung, verließen das Maisfeld und gingen los. Krämer gab die Richtung an, er kannte sich anscheinend genau aus. Plötzlich zwei Schüsse hintereinander - wir warfen uns auf den Boden, wagten kaum zu atmen und warteten, was passieren würde. Vater hatte einen chronischen Husten, den er nicht unterdrücken konnte. Er hielt sein Taschentuch vor den Mund, doch wir hatten Angst, dass es gehört werde, denn es war windstill. Plötzlich war es so, als würde uns von oben jemand beistehen, der Himmel überzog sich mit Wolken, und es wehte ein leichter Wind aus der Richtung, wo die Grenzer patrouillierten. Sie waren nicht weit weg von uns, wir sahen sie mit ihren Taschenlampen. Sie trafen zusammen, unterhielten sich, wir hörten sie, doch verstanden nur einige Wortfetzen. Sie trennten sich wieder. Sie gingen in verschiedene Richtungen. Wie lange wir so regungslos auf dem Acker lagen, weiß ich nicht, wir hatten kein Zeitgefühl, es schienen Stunden zu vergehen. Ich lag flach auf dem Boden, sah plötzlich, wie sich das Gras im Wind bewegte und dachte, die Grenzer kommen auf uns

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zu. Vater sagte auch, „ich glaube, ich höre schon ihre Schritte“. Dabei war es wohl sein eigener Herzschlag, den er hörte. Die Nerven waren bei uns allen bis aufs äußerste angespannt. Alarm ausgelöst Als die Grenzer außer Sicht- und Hörweite waren, sagte Krämer, „jetzt müssen wir uns auf allen Vieren fortbewegen und sehr vorsichtig sein. Ab jetzt müssen wir auf Alarmdrähte achten“. Er wusste nicht genau, wo und in welcher Höhe sie gespannt waren. Es galt, sie rechtzeitig zu entdecken, und zu meiden, denn beim Berühren lösten sie Leuchtraketen und Alarm aus. Mein Mann war sehr nervös, was auch verständlich war, denn spätestens ab den Schüssen wurde uns bewusst, dass es um Leben und Tod ging. Ich war ruhig, betete im stillen, legte alles in Gottes Hand. Weil ich ruhig war, meinte Krämer, ich hätte die besseren Nerven, ich soll mit ihm vorausrobben. Langsam und sehr vorsichtig tasteten wir uns vorwärts - ich bückte mich, sah gegen den Himmel, da - ein Draht - wir robbten vorsichtig unten durch. Bloß den Draht nicht berühren. Und so schafften wir auch die nächsten vier Drähte, die in unterschiedlichen Höhen angebracht waren. Wir tasteten uns sehr langsam voran. Immer wieder blieben wir kurz liegen, horchten in die Nacht, es war alles ruhig, keine Bewegung. Auf allen Vieren ging es weiter. Hände und Knie taten weh von den harten Schollen, doch Krämer tröstete uns, wir hätten es bald geschafft. Wir erreichten den nächsten Draht, doch Vater kam aus Versehen dran - es war Alarm auf der ganzen Linie. Es schrillte in Abschnitten, es war furchtbar. Ängstlich blieben wir auf dem Boden liegen, darauf wartend, dass jeden Moment eine Leuchtrakete hochgeht. In der Ferne sah man die Lichter eines Autos, und ich sagte, jetzt können wir liegen bleiben, sie holen uns ab. Aber wir hatten auch diesmal Glück, das Auto drehte, fuhr in die andere Richtung. Es war Gott sei Dank der letzte Alarmdraht vor der Grenze. Wahrscheinlich lösten Tiere öfter Alarm aus. Wir blieben noch eine Weile liegen, lauschten, es blieb alles still und dunkel. Wir rafften uns auf, überstiegen den Draht, gingen ein Stück weiter auf den harten Schollen. Doch auf einmal ganz weicher, feiner Boden - es war der Grenzstreifen, der am nächsten Morgen unsere Fußspuren preisgab. Krämer sagte, „lauft jetzt“. Wir rannten alle, so schnell wir konnten, in ein Maisfeld. „Jetzt habt ihr es geschafft, ihr seid in Jugoslawien.“ Er nahm einen Flachmann aus seiner Jackentasche, bot uns zu trinken an, doch keiner bekam auch nur einen Schluck hinunter. Mein Vater wollte sich eine Zigarette anzünden, aber seine Hand zitterte so sehr, dass er es nicht schaffte. Da wir nicht ganz sicher waren, wo wir eigentlich sind, begleitete uns der Mann bis zur Straße. Ab und zu kam ein Auto mit jugoslawischem Kennzeichen vorbei. Also nahmen wir an, nicht mehr in Rumänien zu

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sein. Wir hatten noch eine Bitte an Krämer. Er solle nach Jahrmarkt zu den Schwiegereltern fahren und ihnen ausrichten, dass wir sicher über die Grenze und in Jugoslawien angekommen sind. Als Erkennungszeichen, das war mit den Schwiegereltern ausgemacht, gaben wir ihm eine Pfeife mit, welche mein Mann selbst gemacht hatte. Wie wir später erfuhren, war er tatsächlich zu ihnen gefahren. Krämer verabschiedete sich, wünschte uns alles Gute und ging wieder zurück nach Rumänien. Es war kühl in dieser Nacht, es begann zu regnen. Wir suchten Schutz unter einem Baum und warteten auf den Morgen. Als es zu dämmern begann, gingen wir auf die Straße. Wir wussten nicht, in welche Richtung wir gehen sollten, es gab keine Schilder. Irgendwann blieb ein Bus stehen, wir stiegen ein, er fuhr los, nach einer Weile fragte der Busfahrer, wo wir hin wollten. Nach Belgrad. Er fuhr nach Hatzfeld Gott sei Dank blieb er stehen. Wir stiegen aus und gingen in die andere Richtung. Es war wenig Verkehr, und so wunderten wir uns, dass ein Auto neben uns anhielt. Ich sah eine weiße Mütze auf dem Vordersitz liegen und wusste, es ist ein Polizist. Er forderte uns auf, einzusteigen, ich vorne, mein Mann und Vater hinten. Damals konnte ich mich sehr gut auf serbisch verständigen, es kam mir zugute. Der Polizist fragte, „seid ihr heute nacht rübergekommen?“ Wo wir hin wollten, und ob wir noch Familie in Rumänien hätten. Er war sehr nett und mitfühlend, sagte, wir sollten alles befolgen, was er uns sagt, dann werden wir unser Ziel erreichen. An einer Weggabelung blieb er stehen, fragte, wo wir hin wollten, links oder rechts. Egal wohin, nur nicht mehr nach Rumänien zurück. Er brachte uns auf die Polizeistation von Kikinda zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Es war 6 Uhr, Schichtwechsel, die Polizisten waren genervt, weil wir ausgerechnet jetzt kamen. Sie sperrten uns in einen kleinen Raum unter der Treppe, ohne Fenster, ohne Luft. Auf der Heizung lagen ein frisches Baguette und Salami. Mein Vater und mein Mann verschlangen es im Nu. Ich kriegte keinen Bissen hinunter. Mir wurde schlecht, ich klopfte an die Tür, durfte mich auf eine Bank setzen, bewacht von einem Polizisten. Es ging mir den ganzen Tag sehr schlecht; obwohl ich seit Tagen nichts gegessen hatte, bekam ich keinen Bissen hinunter. Wenn ich einen Schluck Wasser trank, musste ich mich übergeben. Mir wurde erst jetzt richtig bewusst, was wir getan hatten. Vielleicht sehe ich mein Kind nie wieder - es trennt uns eine unüberwindbare Grenze. Doch es gab kein Zurück mehr. Wir wurden den ganzen Tag verhört, einzeln und zusammen, wir sagten immer, wir hatten keinen Fluchthelfer, sind auf eigene Faust herübergekommen. Nachmittags wurden wir vor ein Gericht gestellt und zu 20 Tagen Gefängnis verurteilt, weil wir die jugoslawische Grenze ohne gültige Papiere überschritten haben, hieß es. Wir wurden von zwei Beamten abgeführt, mein Mann in Handschellen; in einem verschlossenen Wagen wurden wir nach Großbetschkerek gebracht. Dort

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nahm man uns Ausweise, Eheringe und Geld ab, doch bei der Entlassung bekamen wir alles wieder. Ich wurde in den Frauentrakt geführt - einen langen Flur entlang. Am Ende wurde eine Tür geöffnet, etwa 20 Frauen starrten mich an. Ich war verunsichert, wusste nicht, in welcher Sprache ich sie anreden sollte: auf deutsch, rumänisch oder serbisch? Ich entschloss mich für Deutsch, und das Eis war gebrochen, es waren Frauen, die genau wie ich über die Grenze gegangen waren. Sie waren alle neugierig, wie und wo wir über die Grenze gekommen sind. Es wurden viele Geschichten ausgetauscht. Weil die Betten nicht ausreichten, schliefen ich und eine Frau auf einer Matratze auf dem Boden. Ich glaubte, gut geschlafen zu haben, doch die Frau erzählte mir am nächsten Morgen, ich sei nachts aufgestanden, geradeaus Richtung Tür gegangen, hätte immer wieder gesagt, ich will über die Grenz, ich will über die Grenz“. Doch als ich die Tür berührte, und merkte, da ist ein Hindernis, drehte ich mich um und sagte: „Die Grenz is zu, die Grenz is zu“. Ich legte mich wieder hin und schlief weiter. Ich konnte es kaum glauben, weil ich nie schlafwandle, doch sie schwor mir, dass es so war, sie wollte mich nur nicht aufwecken. An diesem Abend nahm ich den ersten Bissen zu mir, nach drei Tagen. Unglaublich. Im Gefängnis wurden wir noch einmal verhört, Fotos und Fingerabdrücke wurden gemacht. Wir wurden nicht schlecht behandelt, wenn nur die Tage nicht so unendlich lang gewesen wären. Um 6 Uhr war Weckzeit und um 21 Uhr, nach dem Appell auf dem Flur, wurde das Licht gelöscht. Zum Frühstück gab es immer frisches Weißbrot und eine undefinierbare Brühe in kleinen schwarzen Töpfen. Am ersten Morgen nach dem Frühstück wurde ich müde, wollte nur schlafen, saß apathisch da, konnte keinen klaren Gedanken fassen, ich war wie benebelt, den ganzen Tag. Am nächsten Morgen dasselbe, und so trank ich jeden Morgen mein Töpfchen schön leer, weil ich merkte, etwas wurde uns da hineingetan: Wir wurden ruhiggestellt, wahrscheinlich war es das beste, sonst hätte man vielleicht zu sehr gegrübelt. In der Innentasche meiner Jacke hatte ich ein Foto meiner kleinen Tochter, ich holte es jeden Tag hervor, betrachtete es und fragte mich, wie es ihr wohl geht, wie wird sie das alles verarbeiten? Wird sie mit ihrem kindlichen Gemüt begreifen, was geschehen ist? Für mich war alles so unendlich weit weg. Wir hatten weder Seife noch Zahnpaste. Alle paar Tage wurden wir in einen Duschraum gebracht, ein Stück Seife für uns alle, nasse Leintücher zum Abtrocknen. Kaum waren wir drinnen, schrie draußen der Polizist: „Schnell, schnell“. Wir hatten nur die Kleider, die wir trugen, ab und zu wurde ein Stück ausgewaschen, ohne Waschmittel, am Bett zum Trocknen aufgehängt. Das Essen war oft ungenießbar, versalzen, und wenn wir uns beschwerten, war es sehr gepfeffert. Schließlich sagten wir nichts mehr, es war nicht zu ändern. Im Zimmer nebenan waren jugoslawische Frauen inhaftiert. Die hatten den Auftrag,

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uns zu beobachten, was sie auch gewissenhaft taten. Wir konnten nicht einmal allein aufs Klo, schon war eine hintendran. Oft hörten wir im Hof Männerstimmen. Ich hätte so gern gewusst, ob mein Mann und mein Vater beieinander waren. Eines Nachmittags fasste ich den Mut, stieg auf die Heizung, sah durchs Fenster hinunter in den Hof, und tatsächlich, sie gingen nebeneinander her. Ich war beruhigt, Hauptsache, sie waren zusammen. Wie ich später hörte, waren sie viel schlimmer dran als wir. 30 Mann im Zimmer, es wurde viel geraucht, als Toilette hatten sie ein Fas im Zimmer. Einmal täglich durften wir im Hof spazieren gehen. Der Gefängnisdirektor besuchte uns auch einmal, er sprach gut Deutsch, gab uns den Rat, uns nicht zu widersetzen. Dann würden wir an unser Ziel kommen. Sonntags bekamen die jugoslawischen Frauen Besuch, sie brachten immer schönes Obst mit hoch, lagerten es in ihrem Zimmer. Ich bekam immer ganz lange Zähne und dachte oft, wenn ich da draußen bin, esse ich nur noch Obst. Die Tage vergingen nur langsam, manchmal schien ein Tag wie eine kleine Ewigkeit. Wir hatten Zeitungen im Zimmer, in kyrillischer Schrift. Die las ich aus lauter Langeweile, obwohl ich nicht alles verstand. Eines Morgens kam ein Beamter mit einer Liste, las meinen Namen, ich wurde entlassen. Ich verabschiedete mich von den Frauen, wurde hinunter in einen Raum gebracht, dort warteten mein Mann und mein Vater. Sie trugen Vollbart. Sie konnten sich nicht rasieren, die Klingen waren stumpf. Wir freuten uns, uns wiederzusehen, obwohl wir keine Ahnung hatten, wie es weitergehen soll. Meinem Mann wurden Handschellen angelegt, wir wurden in ein Auto verfrachtet. Wir konnten nicht hinaussehen, es wurde uns auch nicht gesagt, wo wir hinfahren. Irgendwann stoppte der Wagen, und wir stiegen aus. Sie führten uns in ein Häuschen. In einem Büro wurde uns alles wieder abgenommen, ein Beamter brachte meinen Mann und meinen Vater weg. Mich nahm eine Beamtin mit. Wir gingen über ein weitläufiges Gelände, auf dem einstöckige Häuser standen. Die Beamtin führte mich im ersten Stock eines Hauses in einen großen Schlafsaal. Auf den Betten saßen einige Frauen, sie sahen erbärmlich aus, ungepflegt. Sie starrten mich an, und mir wurde unheimlich. Ich dachte, oh, Gott, wo bin ich hier gelandet? Wahrscheinlich waren die Frauen psychisch krank. Als ich versuchte, mich mit ihnen zu verständigen, kam eine andere Beamtin und sagte, ich sei hier falsch, ich müsste ins Erdgeschoss. Unter der Treppe öffnete sie eine Tür, ich ließ einen Freudenschrei los, denn da waren die Frauen vom Gefängnis, die zwei Tage vor mir weggegangen waren. Ich wurde ins Zimmer bugsiert, die Tür verschlossen. Das Zimmer war sehr klein, je zwei Etagenbetten an den Wänden, ein Waschbecken und Toilette. Wir schliefen zu zweit in einem Bett, die anderen auf dem Boden, wir waren etwa ein Dutzend Frauen. Wir waren, wie ich später erfuhr, im UNO-Lager in Padinska Skela.

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Essen gingen wir in ein gegenüberliegendes Gebäude, die jugoslawischen Frauen aßen auch dort. Sie schrieen, spuckten, warfen die Teller vom Tisch, manchmal verging einem der Appetit. Wir hatten mehr Freiheit als im Gefängnis, durften nachmittags draußen in der warmen Septembersonne sitzen. Wir bekamen jeden Tag einen Apfel; es war wie ein Geschenk für mich. Bei uns war auch ein junges Mädchen aus Deutschland. Wie es uns erzählte, war es mit dem Zug unterwegs, wurde eines Nachts von der Polizei aufgegriffen und hierher gebracht, den Grund dafür verriet es uns nicht. Eines Nachmittags wurde es richtig hysterisch. Deshalb schlossen die Wärterinnen es im Zimmer ein. Das Mädchen tobte, schrie, warf alle Matratzen von den Betten. Zwei Beamtinnen wollten es beruhigen, schafften es aber nicht, weil sie sich nicht verständigen konnten. Sie riefen mich zu Hilfe, ich sollte mit dem Mädchen reden, es beruhigen. Es war völlig durchgeknallt. Und weil ich selbst nicht wusste, was ich tun sollte, setzte ich mich zu ihm und erzählte ihm unsere Geschichte: dass wir alles in Rumänien zurückgelassen haben, auch unser Kind, dass wir für die Freiheit unser Leben riskieren, aber jetzt genau wie es im Ungewissen sind, wie es weitergehen soll. Ich redete lange auf das Mädchen ein, es beruhigte sich, schließlich haben wir beide geheult, danach brauchte ich einige Zeit, um mich zu beruhigen. Es waren die ersten Tränen seit unserem Weggehen, mir wurde jetzt alles viel bewusster. Nur in Gruppen durch Belgrad Wir waren drei Tage in diesem Lager. Am folgenden Morgen wurden wir zusammengetrommelt; ein Beamter kam mit einer sehr langen Liste, 34 Personen wurden entlassen. Wir bekamen je ein Lunchpaket, sie beschrieben uns den Weg, und wir marschierten los. Es war ein schöner Herbsttag. Wir gingen über Felder, ich genoss die Weite. Wir erreichten eine Bushaltestelle. Mit dem Bus fuhren wir nach Belgrad. Am Busbahnhof in Belgrad aßen wir unsere Lunchpakete und machten uns danach auf die Suche nach der UNO-Adresse. Es wurde abgestimmt, wer Serbisch oder Englisch spricht. Ein junger Mann und ich führten die Gruppe an, fragten uns durch. Wir liefen stundenlang durch die Stadt. Einige ältere Frauen und Männer waren schon müde, wollten aufgeben, doch wir haben sie immer wieder aufgemuntert. Endlich waren wir da. Es hieß, Familien hätten Vorrang. Da war eine Familie Weber mit zwei Söhnen und als nächste waren wir an der Reihe. Unsere Personalien wurden aufgenommen, und auf unseren Wunsch wechselten sie unser restliches rumänisches Geld in Dinar. Als alle soweit waren, wurde uns eindringlich ans Herz gelegt, wir sollten nicht einzeln, sondern nur in Gruppen in die Stadt gehen. Es sei zu gefährlich, es seien oft Schlepper unterwegs, die Ausschau nach Flüchtlingen hielten und diese nach Rumänien zurückbrachten. Wie Touristen sahen wir nicht aus, son-

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dern ungepflegt, die meisten ängstlich und verstört. Wir wurden in zwei Gruppen geteilt, die einen kamen in ein Hotel in der Stadt und wir außerhalb in ein Motel. Wir fuhren mit der Straßenbahn dahin, es war abgelegen, aber sauber. An der Rezeption wurde uns gesagt, dass unsere Mahlzeiten nur serviert würden, wenn die Gruppe vollzählig ist. Wir waren vor 20 Uhr im Speisesaal, hatten alle schon Hunger. Es wurde abgezählt, es fehlten drei Männer. Nach langer Überredungskunst wurde uns das Essen doch serviert; kaum hatten wir zu essen begonnen, kamen die drei Kinogänger. Sie wurden von allen Seiten beschimpft. Ab da waren sie immer pünktlich. Es gab Hähnchen und Pommes frites. Salat und Brot standen auf dem Tisch. Wahrlich ein Festmahl für uns alle. Kein Krümel blieb übrig, und es wundert mich heute noch, dass die Knochen von den Hähnchen nicht mitgegessen wurden. Wir schliefen wie die Murmeltiere, keiner traute sich, das Motel zu verlassen. Am nächsten Morgen kam ein UNO-Vertreter, um für uns Passbilder machen zu lassen. Doch leider fanden wir in der ganzen Stadt keinen Automaten, der funktionierte. Nach langem Suchen fanden wir einen Fotografen, der uns die Passbilder zu einem günstigen Preis anbot. Nachmittags kauften wir noch Lebensmittel und Obst mit den restlichen Dinar, danach fuhren wir ins Motel zurück, blieben in unseren Zimmern. Am nächsten Morgen gingen wir zur deutschen Botschaft und sahen mit Entsetzen, dass nebenan die rumänische Botschaft war. Wir klingelten an der deutschen Botschaft, es machte keiner auf. Es war zu früh. Wir hatten alle Angst, wir würden von den Rumänen gesehen und vielleicht noch in die Botschaft gezerrt. Wir standen alle beieinander auf einem Haufen, wie verängstigte Hühner. Hoffentlich, dachten wir, ging jetzt nicht noch alles schief. Wir klingelten nach einer Weile noch einmal, die Tür wurde geöffnet, wir stürmten hinein, rannten fast die Angestellten um. Wir waren alle ängstlich, doch sie beruhigten uns, sagten, hier könne uns nichts passieren, wir seien geschützt, so als wären wir auf deutschem Boden. Niemand könnte uns etwas anhaben. Wir brauchten eine Weile, bis wir begriffen, dass wir tatsächlich in Sicherheit waren. Ich versuchte mich abzulenken, las in den Zeitschriften, die dort lagen. Das Personal war sehr freundlich und umsichtig. Wir bekamen Ersatzpässe, und es wurde uns gesagt, damit könnten wir nun in die Bundesrepublik ausreisen. Sollte dieser Traum endlich wahr werden? Ich konnte es nicht glauben. Als alle mit Pässen versorgt waren, gingen wir zum Bahnhof. Dort trafen wir die Gruppe wieder, die in dem anderen Hotel war. Wir waren wie eine Herde Schafe, darauf bedacht, dass alle zusammenblieben. Mittags setzten wir uns in den Zug. Normalerweise bin ich immer optimistisch, doch damals konnte ich einfach nicht glauben, dass wir in Richtung Deutschland fahren. In Wien hielt der Zug etwas länger, ein Verkäufer kam mit Süßigkeiten vorbei. Ich wollte mir auch etwas kaufen, doch vor lauter Staunen und Überlegen

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konnte ich mich nicht entscheiden. Schließlich wurde es dem Mann zu bunt und er sagte: „Wenn’s net wissen, was woll’n, fahr ich weiter. Bis zum nächsten Mal“. Er war weg, ich hatte das Nachsehen. In Salzburg wurden wir alle aus dem Zug geholt. Die Pässe wurden kontrolliert, und mit dem nächsten Zug fuhren wir nach Freilassing. Es war Freitag, der 21. September 1979. Am Bahnhof wurden wir von Männern erwartet, die brachten uns in Autos auf eine Polizeistation im Wald. Wir wurden noch einmal verhört, blieben aber bei unserer Aussage: Wir sind auf eigene Faust über die Grenze gegangen. Denn wir dachten, vielleicht könnten auch noch andere auf demselben Weg flüchten. Mein Onkel wohnte damals in Ainring. Er wusste von meiner Mutter, dass wir unterwegs sind. Wann wir ankommen würden, wusste niemand, doch ganz sicher an dieser Grenzstation. Der Nachbar meines Onkels war an dieser beschäftigt. Den bat er, ihn anzurufen, wenn wir ankommen, egal bei welcher Tagesoder Nachtzeit. Und so ergab es sich, dass Onkel und Tante vom Einkaufen kamen, als der Nachbar sie anrief. Ohne etwas auszupacken, kamen sie zu uns. Wir wussten nichts davon und waren deshalb erstaunt, als wir aufgerufen wurden, mit nach draußen zu kommen. Die Freude war groß, Onkel und Tante zu sehen. Normalerweise hätten wir mit den anderen nach Nürnberg gemusst, doch weil Freitag war, fuhren wir mit dem Onkel heim. Ich finde es heute noch sehr schade, dass wir damals, als wir bei ihm ankamen, kein Foto machten. Doch es gab Wichtigeres zu tun. Nach einer ausgiebigen Dusche gingen wir in sauberen Kleidern als erstes zur Post, schickten ein Telegramm nach Jahrmarkt. Wir riefen auch gleich meine Mutter an, die damals in Stuttgart arbeitete. Sie fragte ungläubig, „seid ihr wirklich hier, wie geht es euch, seid ihr nicht krank? Geht es euch gut?“ Sie setzte sich in den Zug und kam spät abends zum Onkel. Wir saßen die halbe Nacht beisammen und erzählten. Schließlich war es ein Wiedersehen nach anderthalb Jahren, jetzt war ein Teil der Familie wieder vereint. Nachmittags fuhr mein Onkel mit mir einkaufen. Ich staunte nur, was es da alles gab. Er fragte mich immer wieder, was er mir kaufen soll, was ich gerne hätte, doch ich sagte, ich möchte nichts, las mich nur schauen. Ich hatte keine Wünsche, war nur froh, dass wir endlich unser Ziel erreicht hatten, egal, wie es weiterging. Wir waren jung und davon überzeugt, dass wir einen Neuanfang schaffen würden mit der Arbeit unserer Hände. Wir hatten zwei schöne Tage bei Onkel und Tante erlebt, lernten die Familien der beiden Cousins kennen. Am Montagmorgen fuhren wir mit dem Zug nach Nürnberg ins Aufnahmelager. Dort wurden wir registriert, bekamen ein Zimmer und gingen einkaufen. Wir haben praktisch mit nichts wieder angefangen, denn wir hatten nichts. Doch die Freude, dass wir hier waren, überwog alles andere. Ich ging in einen Laden, stand an der Kasse, mein Mann draußen. Er gab mir

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durch ein Zeichen zu verstehen, dass er ein Feuerzeug braucht. Ich stand da, vor der Kassiererin, und mir fiel dieses Wort nicht ein. Es kam mir alles in den Sinn, doch dieses Wort suchte ich vergeblich. Ich wusste mir nicht zu helfen, also gab ich der Frau ein Zeichen, als würde ich ein Feuerzeug anzünden. Sie verstand sofort, mir war das sehr peinlich. Doch ich denke, sie erlebte täglich solche Szenen. Nach dreitägigem Aufenthalt fuhren wir mit dem Zug nach Rastatt, kamen in ein Durchgangslager. Weil meine Mutter in Stuttgart war, hätten wir uns nach den Regeln der Familienzusammenführung auch dort niederlassen sollen, doch wir wollten nicht in eine Großstadt. Wir bekamen ein Drei-Bett-Zimmer und Geschirr. Ich ging einkaufen, kochte uns ein Essen in der Gemeinschaftsküche. Nachmittags standen wir auf der Straße vor dem Haus, schauten uns um, es war schönes Wetter. Plötzlich blieb ein Auto stehen, ein Mann stieg aus und rief freudig: „Ja, das gibt’s doch net, des is doch der Kassnel Stef. Was macht ihr dann do?“ Es war Josef M. Die Familie lebte schon seit einigen Jahren hier, seine Frau verwandt mit meiner Mutter. Am nächsten Tag luden sie uns zum Essen ein, wir waren auch bei unseren ehemaligen Nachbarsleuten eingeladen. Überall wollten die Leute etwas über unsere Flucht hören. Mein Vater zeigte, wie wir über die Grenze gekrochen sind, die Leute lachten und amüsierten sich. Dass mein Vater nach Stuttgart gehen würde, war klar. Meine Mutter hatte dort eine Einzimmer-Wohnung. Wir wären gern in Rastatt geblieben, doch im Lager war kein Platz. Am nächsten Tag kam ein ehemaliger Arbeitskollege meines Mannes vorbei und machte uns den Vorschlag, bei ihm zu wohnen. Wir gaben ihn als unseren Cousin aus und gingen mit ihm in die Danziger Straße. Er hatte eine Zwei-Zimmer-Wohnung und bot uns das Schlafzimmer an, das war komplett leer. Ich ging ins Lager, bat um Decken und Kissen. Frau T. sagte, sie kenne einen Mann, der Matratzen zu verschenken hat. Ich organisierte einen kleinen Handwagen, ging dorthin, nahm die Matratzen mit, machte sie sauber, legte sie auf den Boden ins Schlafzimmer, rollte das eine Federbett als Kissen zusammen, und schon hatten wir ein Nachtlager. Ich freute mich, wir hatten ein Dach über dem Kopf. Es würde alles gut werden, ich glaubte daran. Ich ging auch einmal in die Kleiderkammer, holte mir eine dicke Jacke und zwei Pullis für den Winter. Eines Morgens rief mich Frau T. zu sich ins Büro, hielt mir eine Tüte hin und sagte - das ist für Sie. Zwei lange Hosen, zwei Handtücher und Nähzeug, ich war überglücklich. Das Glück begleitete uns weiter. Wir waren drei Tage in Rastatt, da bekam mein Mann Arbeit bei Mercedes, hatte dieselbe Schicht wie der Mann, bei dem wir wohnten und konnte mit ihm zur Arbeit fahren. Ich fand leider keine Arbeit, ich war Näherin von Beruf. Ich versuchte, meine Tage mit Putzen und Kochen auszufüllen. Wenn ich einmal nichts zu tun hatte, ging ich in die Stadt, in die

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Läden, einfach um mich umzusehen. Gekauft hab ich nur Lebensmittel, denn das Geld war knapp. Aber ich begnügte mich damit, ich war zufrieden. Mir fehlte nur eins: mein Kind. Schlimm waren die Abende, als ich allein war, weil die Männer Nachtschicht hatten. Viele unbeantwortete Fragen, wie geht es ihr, ist sie gesund, wann werde ich sie wieder in den Armen halten können, gingen mir durch den Kopf. Ich schrieb Briefe an den Außenminister, an das Deutsche Rote Kreuz, bat um Hilfe. Ich hab gebetet und gehofft. Mein Flehen wurde erhört. Ende November konnten die Schweigereltern die Papiere für die Kleine einreichen. Wir suchten uns eine Zwei-Zimmer-Wohnung und zogen am 15. Dezember mit unseren wenigen Habseligkeiten ein. Als erstes kauften wir uns ein Radio, um wenigstens Nachrichten hören zu können, später Küche und Schlafzimmer auf Raten. Meine Mutter griff uns unter die Arme, gab uns etwas Geld. Damit kauften wir unser erstes Auto, einen Ford. Wir waren jetzt mobil, herrlich. Das Weihnachtsfest kam immer näher. Ich ging oft über den Weihnachtsmarkt, sah die Kinder, und mir wurde das Herz ganz schwer. Was hätte ich nicht alles dafür gegeben, wäre mein Mädchen bei mir. Eines Abends sagte mein Mann zu mir, wir bleiben über die Feiertage nicht hier. Was sollen wir allein in der Wohnung, wir fahren zu meinem Onkel nach Bayern. Dieser war bei uns zu Besuch, kurz bevor wir über die Grenze gegangen sind. Mein Mann sagte damals zum Spaß, „wenn das Chriskindche schellt, steh ich vor deiner Tür“. Keiner ahnte damals, dass es wirklich so werden würde. Deshalb wollte er jetzt hin. Einen Tag vor Heiligabend fuhren wir weg. Wir fanden ein uriges Bauerndorf vor und wurden von der ganzen Familie herzlich aufgenommen. Wir erzählten viel, die Zeit verging im Nu. Einen Tag vor Silvester fuhren wir zu unseren Freunden nach Waldkraiburg. Mit ihnen feierten wir unser erstes Silvester in Deutschland. Wir haben gelacht und getanzt, das Feuerwerk bestaunt, ein paar Stunden lang alles vergessen. Es tat uns sehr gut, in diesen Tagen nicht allein zu sein. Am 2. Januar fuhren wir heim, das Auto beladen mit Sachen, die uns geschenkt wurden. Anfang Januar rief meine Schwägerin an, die Kleine habe den Pass bekommen, sie würde bald ausreisen können. Wir weinten beide vor Freude, sicher würde sie bald hier sein. Wir kauften ihr ein Bettchen, Spielsachen, richteten im Wohnzimmer eine Spielecke für sie ein. Eine Woche nach ihrem 3. Geburtstag, am 27. Januar 1980, kam sie in Frankfurt am Main an. Wir fuhren mit dem Auto hin, nahmen eine befreundete Familie mit, deren Sohn erst anderthalb Jahre alt war und mit demselben Flugzeug ankam. Wir fuhren rechtzeitig weg, lieber früher dort sein als zu spät. Ich war innerlich aufs äußerste angespannt, legte mir zurecht, was ich alles sagen wollte, fragte mich auch, wird sie uns überhaupt noch erkennen? Mir war mal heiß, mal kalt, ich ging mit der Frau spazieren, wir konnten nichts mehr reden. Dann eine Durchsage: Der Flug aus Buka-

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rest hat eine Stunde Verspätung. Die schien endlos zu sein. Endlich war es soweit, wir sahen es - ein Mädchen aus Jahrmarkt, war in derselben Maschine, es trug sie auf dem Arm. Sie sah müde aus, wahrscheinlich hatte sie geschlafen. Sie trug ein rotes Mäntelchen und hatte eine weiße Mütze auf, süß sah sie aus. Ich nahm sie auf den Arm, sie sah mich mit ganz großen Augen an, und ich brachte keinen einzigen Ton heraus, die Kehle war mir wie zugeschnürt. Wir gingen ein Stück weiter, ich ließ sie hinunter. Mein Mann nahm sie an der Hand und sagte, „jetzt gehen wir Gummibären suchen“. Sie entdeckte auch gleich einen Automaten. Sie freute sich, und damit war das Eis gebrochen. Wir hatten ihr eine große Puppe mitgebracht, die sie in Staunen versetze. Dann nahm sie mich an der Hand, erklärte mir, dass sie meine goldene Kette am Hals trägt. Was sie so noch alles in ihrer Tasche hat, dürfe sie aber keinem sagen. Sie plapperte munter drauflos. Als wir in die Tiefgarage kamen und sie das Auto sah, sagte sie „Papa, das ist ja mein Auto“. Unser Wagen daheim war auch gelb, daran konnte sie sich noch erinnern, damals sagte sie auch, das ist ihr Auto. Ich war erstaunt, dass sie das alles noch wusste. Die Kinder schliefen im Auto, und wir Erwachsenen waren froh und erleichtert, dass sie endlich da waren. Allmählich fiel die Anspannung von uns ab. Wir fuhren das Ehepaar heim, die Kinder spielten noch miteinander, es war eine Freude, ihnen zuzusehen. Wir fuhren in unsere Wohnung, sie staunte, freute sich über die Spielsachen und fremdelte überhaupt nicht. Sie war froh und glücklich, dass sie wieder bei uns war. Oft umarmte sie uns beide und sagte Mama und Papa, ich bin so froh, dass ich bei euch bin. Wir waren es auch. Nach Monaten der Ungewissheit, Angst und Sorgen hatte ich meine kleine Tochter wieder. Es sind Augenblicke des tiefen Glücks, der Dankbarkeit, die man nie vergisst. Ich verbrachte viel Zeit mit ihr. Im Sommer 1980 zogen meine Eltern von Stuttgart nach Rastatt, wir waren wieder eine Familie. Ich fand auch bald Arbeit, und so haben wir uns hier eine Existenz aufgebaut durch den Zusammenhalt der Familie und mit viel Fleiß. Elisabeth Loris ist 1954 geboren, ihr Mann 1952 und der Vater 1918.

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Neun in einem Pkw Von Michael Vastag Homers Epos „Odyssee“ aus dem späten 8. Jahrhundert v. Chr. gehört zu den bekannten Werken der abendländischen Literatur. Bekanntlich schildert es die Abenteuer, die König Odysseus und seine Gefährten auf ihrer Heimfahrt aus dem Trojanischen Krieg nach Ithaka erlebt hatten. Folgende Geschichte kann zweifelsohne auch als eine „Odyssee“, eine Irrfahrt, bezeichnet werden, die zwar keine zehn Jahre gedauert, dafür aber einen wahren Hintergrund hat. Im Mittelpunkt stehen ein junger selbstbewusster Banater Schwabe aus Hatzfeld und seine acht Wegbegleiter, die für ihre Flucht in die Freiheit anstelle des Schiffes einen knallroten Pkw der Marke „Dacia 1300“ benutzt haben. Wir werden ihn fortan einfach „Fluchti“ nennen. Im sozialistischen Rumänien galt der „Dacia 1300“ als Traumwagen, zumal er recht teuer war und der Kunde bis zu seiner Auslieferung, ähnlich wie im Bruderland DDR, lange Wartezeiten in Kauf nehmen musste. Lediglich unser „Fluchti“ war eine Ausnahme. Er stand von Anfang an unter einem besonderen Stern. Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein „Traumwagen“; sein Eigentümer hat ihn beim Lotteriespiel der Rumänischen Sparkasse ohne lange Wartezeit gewonnen. Der Vater und dessen Sohn besuchten die Fahrschule und kamen auch auf Anhieb in den Besitz des Führerscheins. Alles lief wie geschmiert. „Warum sollte uns das Glück nicht weiter die Treue halten“, dachte sich eines Tages der Sohn, und klügelte einen verrückten Fluchtplan aus. Es war die Zeit, als in den Banater Ortschaften nahe der jugoslawischen Grenze fast täglich neue Fluchtversuche über die grüne Grenze bekannt wurden. Einmal war es ein Mähdrescher, aus dessen Bunker mehrere Personen über das Niemandsland sprinteten, ein anderes Mal Freiheitsliebende, die auf dem fahrenden Schnellzug in Richtung Jugoslawien sprangen. Es gab aber auch solche, die sich tagelang in den grenznahen Mais- und Rübenfeldern versteckt hielten, bis sie den richtigen Augenblick für den gefährlichen Sprint in die Freiheit wagten. Und genau diese Zeit machte sich der Sohn des Besitzers von „Fluchti“ zu nutze, um seinen ausgefallenen Plan zu verwirklichen. Gemeinsam mit Freunden bereitete er den Pkw für die Abenteuerfahrt in die große Freiheit vor. Ort und Zeitpunkt des Fluchtversuches waren genau ausgeklügelt. Am 15. Mai 1979, um 17 Uhr, war es soweit. Sie starteten mit Vollgas in einem Weizenfeld bei Marienfeld mit sechs Erwachsenen und drei Kindern in Richtung Grenzzaun. Es war die Zeit des Patrouillenwechsels an der Grenze. Die für einige Augenblicke abgelenkten Soldaten bemerkten den Wagen erst wenige Meter vor dem Grenzzaun. Die Grenzer versuchten zwar das

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Fahrzeug durch Schüsse zu stoppen, doch zum Glück der Insassen verfehlten sie ihr Ziel. „Fluchti“ hatte an der Stoßstange ein Pflugmesser angebracht, das durch die Geschwindigkeit und das Gewicht des Wagens den Grenzzaun mit Leichtigkeit durchtrennt hat. Angst- und Freudenschreie der neun Flüchtlinge übertönten in diesen kritischen Augenblicken den aufheulenden Motor, die nach wenigen hundert Metern von serbischen Grenzern zum Anhalten aufgefordert wurden. Der große Streich war gelungen, „Fluchti“ hatte zum zweiten Mal Menschen glücklich gemacht. Nach Verbüßen der Haftstrafe wegen illegalen Grenzübertritts haben die neun Flüchtlinge ihr Ziel, die Bundesrepublik Deutschland, erreicht. Der knallrote „Dacia 1300“ wurde noch von vielen in Jugoslawien bewundert, bis er 1980 seinem Eigentümer in Hatzfeld zurückgegeben wurde. Dieser hatte mit seiner Familie in der Zwischenzeit die Ausreisegenehmigung erhalten und durfte entsprechend den rumänischen Vorschriften „Fluchti“ nicht mit nach Deutschland nehmen. Zum letzten Mal hat sein Besitzer den Wagen am 25. Juni 1981 genutzt auf der Fahrt von Hatzfeld nach Arad, wo er mit der Eisenbahn die Reise zu seinem Sohn in die Bundesrepublik angetreten hat. Rund sechs Jahre durfte ich mich anschließend stolzer Eigentümer „Fluchtis“ nennen. Die Lackkratzer vom Stacheldrahtzaun hatte ich nie entfernen lassen, nur die Lüftungsschächte musste ich von jeder Menge Weizenkörnern reinigen. Auf meiner täglichen Autofahrt zum Arbeitsplatz nach Temeswar standen an der Ausfahrt des Heidestädtchens immer zahlreiche Anhalter, die ungeduldig auf eine Fahrgelegenheit warteten. Acht Mitfahrer konnte ich nie aufnehmen, aber vier waren es immer. Und jeder wollte die Geschichte dieses knallroten „Dacia 1300“ hören, der bis dahin schon einigen Glück gebracht hatte. Im Frühling 1987 war es dann auch für mich und meine Familie soweit. „Fluchti“ brachte uns zur Ausreise nach Arad. Ehrlich gesagt, es fiel mir schwer, mich von meinem Odyssee-Wagen zu verabschieden. Er wurde mir im Laufe der Zeit zu einem treuen Weggefährten, der mich nie im Stich gelassen und stets gut ans Ziel gebracht hat. 15 Jahre später, als ich mit meiner Familie Hatzfeld besuchte, um meinem Sohn den Geburtsort seiner Eltern vorzustellen, erkundigte ich mich nach „Fluchti“. Es dauerte auch nicht lange, bis ich ihn fand. Inzwischen hatte er das biblische Alter von 25 Jahren erreicht. Hinter einem Schuppen stand er zwischen Schrott und Gerümpel. Die Farbe war verblasst, die Karosserie von Rost zerfressen - ein trauriger Anblick, der mich fast zu Tränen rührte. All das konnte ich in wenigen Worten meinem Sohn nicht erklären. Genauso wenig wie die zerfallenen oder zum Teil unbewohnten Häuser, die einst stolzen Betriebe, in denen unsere Eltern das Brot für die Familie verdient hatten. Ich fühlte mich als Fremder. Trotz allem war ich zufrieden, wenigsten noch einmal „Fluchti“, das legendäre Fluchtauto, gesehen zu haben.

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20 Jahre auf der Suche nach einem Schlupfloch in die Freiheit Von Jörg Jakob Schmitz Mein bisheriges Leben war, um es musisch auszudrücken, eine Symphonie in Dur und Moll. In verschiedenen Lebenssituationen waren die Dur-, in anderen die Mollklänge dominant. Heute sind es zum Glück die DurKlänge, die mein Leben ausmachen, habe ich doch nach 20-jährigem Suchen eine neue Heimat in Wiesbaden gefunden. Hier hatte ich Arbeit, hier wohnt mein Sohn mit seiner Familie, hier verbringe ich meinen Ruhestand. Um aber nach Wiesbaden zu kommen, bin ich einen 20-jährigen Weg gegangen, der zermürbend war und mich oft an die äußerste Grenze der Belastbarkeit brachte. Trotzdem glaube ich, den Humor nicht verloren zu haben. Ich kann noch herzhaft lachen und ausgeJörg Jakob Schmitz lassen feiern. 1958 wollte meine Familie einen Antrag zur Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland stellen. Wir bekamen aber nicht einmal Formulare ausgehändigt. Deshalb stellten wir 1960 einen Antrag zur Ausreise in die DDR, zu einem fiktiven Verwandten. Dabei hofften wir, über Berlin in die Bundesrepublik fliehen zu können. Damals war dies noch möglich, weil die Mauer noch nicht stand. Unser Antrag wurde erst im April 1962 genehmigt. Nach monatelangem Ärger mit dem Geheimdienst Securitate konnten wir im September 1962 in die DDR umsiedeln. Nun war aber die Berliner Mauer da. Jetzt war uns jede Fluchtmöglichkeit genommen, zumal wir neu im Land und mit den DDR-Gepflogenheiten nicht vertraut waren. Nun saßen wir da, ohne es zu wollen. Kaum waren drei Wochen verstrichen, wollten wir bei den DDR-Behörden Anträge zur Umsiedlung in die Bundesrepublik stellen. Mein Großonkel in Wolfsburg hatte uns sofort „Zuzugsgenehmigungen in die Bundesrepublik" zukommen lassen. Als Antwort bekamen wir: „Es führt kein Weg in die Bundesrepublik, eventuell zurück nach Rumänien". Was blieb uns jetzt übrig: Maul halten und mitmachen, sogar das uns aufgedrängte Staatsbürgerrecht annehmen, brauchten wir doch Arbeit, um die Familie zu ernähren. Zwar ist es uns hier viel besser ergangen als in Rumänien: Unser Sohn konnte studieren, ich habe mich weitergebildet und

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bin auch ohne Parteibuch zum Kreisschulfachberater aufgestiegen. Nun brauchte ich nur noch zu hospitieren und Berichte darüber zu schreiben, wie die Lehrer die Schüler zu „sozialistischen Persönlichkeiten" erziehen. Gott, war das ein Unsinn! Aber es ist mir gut gegangen, denn außer den „Standardberichten" hatte ich nur einmal im Quartal vor dem Kreisausschuss über den „Stand der Dinge" in den üblichen sozialistischen Floskeln zu berichten und die Weiterbildung der Lehrer im Kreis zu koordinieren. Was aber macht der Esel, wenn es ihm gut geht? Er geht aufs Eis tanzen. Wir schmiedeten ganz im geheimen Fluchtpläne. Da wir nicht zu den Toten an Mauer und Stacheldraht zählen wollten, entschlossen wir uns zur Flucht über Drittländer. Die Augen haben wir allerdings davor verschlossen, dass Tausende von DDR-Flüchtlingen gestellt wurden und schmachvoll viele Jahre in den Gefängnissen Honeckers verbringen mussten. Wie alles ausgehen würde, konnte keiner voraussehen. Wir konnten nur hoffen, dass es nicht ins Gefängnis geht, wie es meiner Schwester und ihrem damaligen Mann ergangen war, als sie 1968 den ersten Fluchtversuch unternommen hatten. Sie kamen in Halle an der Saale ins Gefängnis. Mitentscheidend für unseren Fluchtplan war, dass ich es als „normaler Mensch" nicht mehr übers Herz brachte, den Sozialismus zu preisen, hatten es doch schon die Spatzen von den Dächern gepfiffen, dass das sozialistische Wirtschaftssystem versagt hat. Und gerade das sollte durch schamlose Lügen, und in meiner Funktion musste ich kräftig mitlügen, vor der ganzen Bevölkerung vertuscht werden. Oft musste ich Sachen sagen, die mir die Schamröte ins Gesicht trieben. Nach einer gewissen Zeit konnte ich das nicht mehr. Ich litt fürchterlich, ich kam mir unglaubwürdig vor. Darüber hinaus hatte mein Sohn dieselbe Gesinnung wie ich. Deshalb beschlossen wir, aus der DDR zu fliehen, obwohl uns allen klar war, dass ein Misslingen der Flucht uns allen viele Jahre Gefängnis, wahrscheinlich sogar im berüchtigten Bautzen, eingebracht hätte, konnte man uns doch eine „geplante" Flucht vorwerfen. So etwas wurde von den Honecker-Schergen besonders hart bestraft. Solchen „Straftätern" hat man sogar die Kinder weggenommen und sie zur Adoption freigegeben. Mehrere Jahre haben wir an den Fluchtplänen gearbeitet. Meine Schwiegermutter und mein Vater haben uns sehr geholfen, waren sie doch schon als Rentner 1973 und 1975 legal in die Bundesrepublik ausgereist. Rentner durften auswandern, ganz legal, sogar ganz problemlos, musste doch der „Arbeiter-undBauern-Staat" ihnen keine Rente mehr bezahlen. Damit die Stasi uns nicht auf die Schliche kommt, musste alles streng geheim ablaufen. Nicht einmal engsten Freunden konnte man sich anvertrauen. Ich hatte sogar Angst, das Vorhaben meiner Schwester mitzuteilen, die auch gerne mitgekommen wäre, war sie doch derselben Gesinnung. Sie war aber mit einem Mann verheiratet, der sehr gerne und oft zu viel erzählte. Ihm konnten wir nicht trauen. Deshalb mussten wir sie dort lassen. Am schwersten fiel dies meinen

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Eltern. Sie wussten von unserem Unterfangen, haben sogar tatkräftig geholfen, durften meiner Schwester aber nichts davon sagen. Ich versprach ihnen aber, sie so bald wie möglich nachzuholen. Das geschah zwei Jahre danach. Erst musste unsere Flucht gelingen. Passtausch vor der Grenze Endlich war es soweit: Am Vortag des 2. August 1980 machten wir unsere Wohnung sauber. Mit DDR-Pässen für eine Urlaubreise nach Rumänien ausgestattet, ging es los. Wir waren zu neunt: sechs Erwachsene und drei Kinder. Zuerst fuhren wir nach Leipzig, wo wir noch zehn Tage aus fluchttechnischen Gründen verbringen mussten. Dort verkauften wir unser drei Jahre altes Auto zum Neuwert. Dann übernachteten wir im Interhotel, musste doch unser DDRGeld ausgegeben werden. Wir frühstückten sogar Schnecken, in der DDR eine Rarität. Sie verursachten mir allerdings, wohl auch in Verbindung mit der Angst, die wir auszustehen hatten, Gallenbeschwerden. Jetzt ging es los, nur in Sommerurlaubssachen, in Richtung Rumänien. Bis Ungarn lief alles normal. Wie sollte es aber weitergehen, gerade am springenden Punkt, von Ungarn nach Rumänien? In Budapest erwartete uns meine Schwiegermutter mit „unseren" Westpässen. Diese erhielten wir von der bundesdeutschen Botschaft in Budapest, mussten doch die West-Behörden auch DDR-Bürgern Pässe aushändigen. Wir waren doch „auch Deutsche", zumindest der Verfassung nach. Unsere Westpässe enthielten sogar die Stempel für die Einreise nach Ungarn und nach Rumänien. In Budapest stiegen wir, nachdem wir gefälschte Durchreisestempel in unsere Pässe eingetragen hatten, in einen Zug in Richtung Rumänien. Gewappnet waren wir mit Schlaftabletten für die drei Kinder und auch für jene Erwachsenen, die schlechte Nerven hatten. Vor der rumänischen Grenze nahmen Kinder und zwei Erwachsene die Tabletten ein. Danach schliefen sie. Bei der Ausreise aus Ungarn zeigten wir den ungarischen Behörden unsere gültigen DDR-Pässe. Als die ungarischen Grenzer verschwunden waren, vernichteten wir unsere DDR-Papiere und warfen sie aus dem Zug. Es bereitete uns riesengroßes Vergnügen, zuzusehen, wie der Fahrtwind die letzte DDR-Bürde in alle Richtungen zerstreute. Jetzt konnten wir aufatmen. Nun waren wir „West-Bürger, endlich West-Bürger.“ Als solche fuhren wir über Curtici nach Rumänien, sogar mit einem gefälschten Ausreisevisum der Ungarn. Den Rumänen zeigten wir unsere West-Pässe. Sie drückten, ohne mit den Wimpern zu zucken, den Einreisestempel hinein. Am liebsten hätten wir uns alle umarmt, laut gejubelt und vor Freude getobt, war doch die Hürde genommen. Wir hatten dem verhassten DDR-Regime den Rücken gekehrt. Meine damalige Frau, mein Sohn und ich, die alles zu überwachen hatten, andere mussten aus fluchttechnischen Gründen tief schlafen, kauerten uns jetzt in eine Ecke und weinten ganz

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im stillen. Es waren Freudentränen. In Arad angekommen, übernachteten wir bei Verwandten, die erste Gruppe aber fuhr sofort in Richtung Belgrad. Damit nichts auffällt, mussten wir uns teilen. Die zweite Gruppe fuhr nach Bukarest, um von dort nach zwei Tagen mit einem Flugzeug nach Belgrad zu fliegen. Für die erste Gruppe gab es in Belgrad noch einen Zwischenstopp. Er war ohne besondere Vorkommnisse, nur stöhnten wir vor Hitze und Durst. Endlich fuhr der Zug von Belgrad ab und diesmal in Richtung Freiheit. Es ging über Österreich nach ... „unserem Deutschland“, nach dem Deutschland, in welches wir schon 1960 wollten. An der jugoslawisch-österreichischen Grenze gab es keine Probleme, waren wir doch jetzt stolze „West-Bürger“ Endlich, wir schrieben den 13. August 1980, kamen wir in Frankfurt am Main an. Es waren 20 Jahre seit unserem damaligen Vorhaben vergangen, 20 Jahre zu spät, 20 Jahre verlorene Zeit, ein 20 Jahre langes Suchen nach dem Schlupfloch in die Freiheit. Nun fuhren wir nach Idstein im Taunus und warteten auf den Rest der Familie. Sie stellten sich, wie geplant, nach zwei Tagen ein. Wir waren überglücklich, war doch die ganze Familie, unbemerkt von Honeckers Henkern, im „goldenen“ Westen angekommen. Waren wir nun alle Sorgen losgeworden? Waren wir tatsächlich in der vielgepriesenen Freiheit? Und wie würden wir uns hier zurechtfinden? Es waren Fragen, die wir uns gleich stellten. Nächste Station das Zentrallager für DDRFlüchtlinge in Gießen, und welche Freude: Dort trafen wir andere DDRFlüchtlinge, die „ihren" Fluchtweg gefunden hatten. Einige sind über Mauer und Stacheldraht, zwar schwer verletzt, aber trotzdem angekommen. Andere sind nach mehreren Fluchtversuchen aus Honeckers Kerkern losgekauft worden. Dritte sind von Rumänien nach Jugoslawien durch die Donau geschwommen. Um das leisten zu können, haben sie mehrere Jahre trainiert. Im Visier des Bundesgrenzschutzes Nun aber begann der Ernst des Lebens im Westen: Fälschlicherweise hatten wir angenommen, mit offenen Armen empfangen zu werden, gehörten wir doch zu denen, die Honecker ein Schnippchen geschlagen hatten. Sehr groß aber war unsere Enttäuschung, als ein älterer Herr im Lager Gießen, er gehörte dem Bundesgrenzschutz an, uns verhörte und partout nicht glauben wollte, dass wir, neun Personen, wirklich geflüchtet sind. Er nahm ernsthaft an, wir seien von den DDR-Behörden als Spitzel herübergeschleust worden. Wir aber konnten ihm nur sagen, dass wir keine Spitzel sind. Beweisen konnten wir ihm das nicht. Man stelle sich die Situation vor: Wir alle, die wir über mehrere Jahre nach einem Fluchtweg gesucht hatten, das Honecker-Regime hassten, sogar unsere Freiheit, überhaupt alles aufs Spiel gesetzt hatten, sollten DDR-Spitzel sein? Das war schlimmer als eine eiskalte Dusche.

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Der Bundesgrenzschützer ließ sich aber von nichts überzeugen. Jetzt beobachtete uns der Bundesgrenzschutz ein ganzes Jahr lang, bis endlich mal ein Herr kam und uns mitteilte, dass sich seine Behörde davon überzeugt habe, dass wir nicht eingeschleust worden sind. Somit war diese Angelegenheit erledigt. Ein anderes Problem machte uns größere Sorgen: die Arbeitslosigkeit. Meine damalige Frau, meine Schwiegertochter und ich waren Lehrer und suchten Arbeit in einer Zeit, wo es in Deutschland mehr als 70 000 arbeitslose Lehrer gab. Wir aber haben nur gedacht, wir seien Lehrer. In Wirklichkeit waren wir ohne Qualifikation, denn unsere Bildungsnachweise wurden nicht anerkannt. Der Sohn war Agrar-Diplom-Ingenieur, im Westen ein Beruf ohne Chance. Nun saßen wir alle da. Dort, wo es uns, von den politischen Querelen abgesehen, gut gegangen war, hatten wir alles aufgegeben. Ein Zurück gab es nicht. Und hier, alle chancenlos. Ein wahrlich mulmiges Gefühl. Des Nachts fanden wir kaum Schlaf. Darf man aber aufgeben? Es waren Kinder da. Was konnte und musste man in dieser Situation tun? Quälend waren diese Gedanken. Wen aber kümmerte das? Es gab nun einmal diese deutsch-deutschen Schicksale. Einige suchten anderwärts Arbeit, andere ließen sich umschulen, mein Sohn machte sich selbständig. Und tatsächlich kam alles ins Rollen. Auch ich bekam, dank der Hilfe meiner ehemaligen siebenbürgisch-sächsischen Kollegin Maria Drotleff und ihrer Schwester in Neu-Isenburg, eine Stelle als Lehrer an einer Schule in Wiesbaden. Ab jetzt lief alles gut. Schon nach zwei Jahren hätte ich die Leitung der Schule übernehmen können. Ich tat es aber nicht, brachten mir doch meine Seminare an Volkshochschule und Privatschulen mehr Geld ein. Und wir brauchten es. Und dann ein Rückschlag: Die vielen Aufregungen, die ich während und nach der Flucht wegen der Arbeitslosigkeit durchstehen musste, machten mich krank. Ich wurde 1989 operiert und ging kurz danach vorzeitig in den Ruhestand. Es ist aber inzwischen ein Unruhestand, denn ich erteile noch privat und an Volkshochschulen Wochenendseminare und bin dabei - und wahrscheinlich auch deshalb - gesund und leistungsfähig. Nach unserer Flucht wurde ich von den DDR-Behörden verfolgt. Es wurde am 29. August 1980 von den Helfershelfern Honeckers über mich ein Dossier mit zahlreichen „Ermittlungsberichten“ angelegt und vom Ministerium für Staatsicherheit Fahndung mit dem Ziel einer Strafverfolgung eingeleitet, und zwar über die Staatsanwaltschaft des Bezirkes Halle am 8. September 1980. Unterzeichnet wurde der Fahndungsbefehl von Oberstleutnant Schwengner, Oberleutnant Krause und Generalmajor Schmidt. Zu gerne würde ich diese Leute kennen lernen. Ich bin auf der Suche nach ihnen. Der Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik hat ein Ermittlungsverfahren angeordnet. Zu meiner Genugtuung musste der Staatsanwalt das Verfahren einstellen, „weil sich der Beschuldigte außerhalb des Territoriums der DDR befindet“. Beim

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Lesen dieser Passagen, die Gauck-Behörde in Erfurt stellte sie mir zur Einsichtnahme zur Verfügung, musste ich gelegentlich laut lachen, obwohl mich Gallenschmerzen plagten, genau wie damals, am Tag der Flucht. Jetzt fühle ich mich wohl, blicke zuversichtlich in die Zukunft und hoffe, dass mir noch einige Jahre Glück und Gesundheit beschieden sind. Weil mich Politik immer sehr interessierte, möchte ich auch über meine „politische Karriere" berichten: Begonnen hat es 1941. Da wurde ich, ohne eigenes Zutun, Pimpf (Hitlerjunge). Eigentlich hat es Spaß gemacht, gab es doch viele gemeinsame sportliche Begegnungen. Sie haben Freude bereitet, die einem das Elternhaus nicht hätte bieten können. Diese Karriere scheiterte. Wieder ohne eigenes Zutun wurde ich in Schäßburg Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes. Auch diese Karriere scheiterte; 1951 wurde ich ausgeschlossen, weil meine Eltern angeblich Ausbeuter waren. Der Rausschmiss hat mir nichts ausgemacht, war ich doch nur Mitläufer. Schlimm war es, als wir kurz vor dem Staatsexamen der Pädagogischen Schule verwiesen werden sollten. Es kam schließlich doch nicht dazu; ich durfte die Prüfungen ablegen. Nach meiner Tätigkeit als Lehrer in Blumenthal und nach meiner Militärzeit als Arbeitssoldat erhielt ich eine Stelle in Engelsbrunn bei Arad. In der DDR bekniete man mich, in die SED einzutreten. Der kommunistischen Qual schon von Rumänien aus überdrüssig, konnte ich das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren und suchte nach Ausreden, um der Sache zu entgehen. Mal sagte ich, ich sei kirchlich gebunden, ein anderes Mal redete ich mich damit heraus, dass ich noch nicht reif dafür sei. Ewig konnte ich dem Druck nicht mehr standhalten; ich trat in den Sommerferien 1971 in die Liberaldemokratische Partei Deutschlands (LDPD) ein. Da es auch eine „staatstragende" Partei war, ließ man mich endlich in Ruhe. Die LDPD war ein Sammelbecken derjenigen, die mit der SED nichts zu tun haben wollten. In der Bundesrepublik dachte ich, ich könnte eine politische Heimat in der CDU finden. Deshalb trat ich gemeinsam mit meinem Sohn 1982 ein. Als ich recht bald zum stellvertretenden Ortsvorsitzenden von Schierstein hätte gewählt werden sollen, hat mich der Mut verlassen, und wir traten nach knapp zwei Jahren wieder aus. Es ging mir alles zu schnell, und so scheiterte auch das. Ruhe fand ich aber trotzdem nicht. Ich suchte weiter nach einer politischen Heimat. Als sich die Statt-Partei zu etablieren begonnen hat, wurde ich Mitglied und sofort zum Schriftführer gewählt. Das hat Freude bereitet. Aber wegen der Streitereien des Bundesvorstandes löste sich die Partei auf. Somit ist leicht festzustellen, dass sich in meiner „politischen Karriere" nur Mollklänge ergeben haben. Jörg Jakob Schmitz wurde 1932 in der Banater Gemeinde Deutsch-Sankt-Peter geboren; nach Abgang von der Volksschule hat er die Lehrerbildungsanstalt im siebenbürgischen Schäßburg besucht und beendet.

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Hermine Breitenbach, Marianne Messmer:

Der Fluchthelfer von Possessena: „Tut es nicht.“ Hermine Breitenbachs Tante kniet vor der Nichte und versucht, sie und ihren Mann von ihrem Fluchtvorhaben in letzter Minute abzuhalten. Das hohe Risiko lohne sich nicht, sagt die aus Deutschland zu Besuch gekommene Tante. Das Abenteuer Flucht über die Donau sei viel zu gefährlich. Doch Hermine und Jakob „Buck“ Breitenbach beide Jahrgang 1950, sie stammt Hermine und Jakob Breitenbach aus Guttenbrunn, er aus Billed im Banat - lassen sich von dem Vorhaben durch nichts mehr abbringen. Freunde und Bekannte, Nachbarn und Arbeitskollegen verlassen inzwischen scharenweise das Banat. Das Ausreisefieber grassiert 1981 nicht nur in den westlichen Teilen Rumäniens. Es hat auch andere Landesteile, und schon seit langem die Breitenbachs erfasst. Bekannte haben ihnen den Weg zum richtigen Fluchthelfer geebnet. Es ist ein Serbe aus Possessena. Vor den Breitenbachs hat er schon wenigstens drei Dutzend Leuten zur Flucht über die Donau verholfen. Auch sein Sohn ist Fluchthelfer, doch der hält sich etwas zurück, er hat wohl etwas Angst. Hermine Breitenbach beschreibt ihren Fluchthelfer, der inzwischen gestorben ist, als einen großen, nervösen Mann, der wohl absichtlich ungepflegt in Erscheinung tritt. Als Hermine ihn im März 1981 zum ersten Mal sieht, sagt sie nur, „oh, Gott, mit diesem Mann sollen wir durchbrennen“. Hermine will von dem Mann wissen, was sie anziehen sollte, denn es könnte sein, dass das Schlauchboot kentert. Darüber brauche sie sich keine Gedanken zu machen, meint der Fluchthelfer, denn dann gebe es keine Rettung in dem eiskalten Donauwasser. Jedes Mal, wenn der Serbe aus Possessena auftaucht, lädt er seine Kunden in die besten Restaurants in Temeswar ein. Er ist großzügig, zahlt die Zeche, denn Geld hat er wie Heu. Der Mann aus Possessena ist selbständiger Böttcher. Er kommt zu neuen Kunden, selbst wenn sie ihm nur eine Postkarte schicken, mit dem Hinweis, sie hätten Holz zur Fassherstellung für ihn. Am Tag, als die Breitenbachs über die Donau in einem von deutschen Touris-

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ten am Schwarzen Meer erstandenen Schlauchboot paddeln sollen, erhalten sie eine Absage. Hansi Hubert aus Perjamosch ist zusammen mit einem Freund vor ihnen auf der Kundenliste. Ihn und seinen Freund kann der Fluchthelfer am geplanten Tag nicht unbemerkt nach Possessena schleusen. Grenzsoldaten haben Hubert und seinen Freund bei der Routinekontrolle im Auto des Fluchthelfers gesehen und ihre Namen aufgeschrieben. Die beiden müssen am nächsten Tag wieder Possessena verlassen, damit die Grenzsoldaten keinen Verdacht schöpfen. Sie registrieren, dass die beiden Possessena wieder verlassen haben. Hubert und sein Freund gelten als Gäste des Fluchthelfers. Der schleust sie erneut an dem Tag nach Possessena ein, an dem die Breitenbachs eigentlich flüchten sollten. An diesem Tag erleben Harro Hames, der Bruder Hermine Breitenbachs, und ein Vetter am serbischen Ufer bange Stunden. Sie warten vergebens. Die beiden sind speziell aus Deutschland angereist, um Hermine und Jakob Breitenbach nach Belgrad zu fahren und sie vor einer eventuellen Festnahme und Haft in Jugoslawien zu bewahren. Sie schreien sich die Kehlen aus dem Hals. Doch das Rufen nach Hermine und Jakob hilft nicht. Die beiden Wartenden befürchten Schlimmes und reisen zurück nach Deutschland. Am 2. Dezember 1981, einem Montag, ist es dann doch soweit. Hermine und Jakob Breitenbach, die in Temeswar leben und als Mathematiker im Rechenzentrum arbeiten, bringen Tochter und Sohn zu den Großeltern nach Billed. Sie holen Hermine Breitenbachs Vater, der Busfahrer ist, in Guttenbrunn ab und fahren mit dem eigenen Pkw nach Orawitz im Banater Bergland, wo der Fluchthelfer sie in einer Gaststätte abholen soll. Die Fahrt wird ein kleines Abenteuer, denn es schneit und die Straßen sind glatt. Jakob Breitenbach und sein Schwiegervater lösen einander am Steuer ab. Jeder meint, der andere könnte besser steuern. Um 17 Uhr erreichen sie die vereinbarte Gasstätte in Orawitz, eine Stunde später ist der Fluchthelfer dort. Hermine Breitenbachs Vater übernachtet wegen des Schneefalls in einem Hotel und fährt erst am nächsten Tag nach Hause. Der Fluchthelfer nimmt Hermine und Jakob Breitenbach in seinem Wagen mit. Es ist 21 Uhr. Das Schlauchboot hat der Serbe schon vorher anlässlich eines Besuchs in Temeswar mitgenommen. Die Grenzer bemerken die beiden auf der Hinterbank im Wagen nicht, denn bei der Ankunft in Possessena ist es schon stockdunkel. Der Fluchthelfer bringt die beiden in einem Raum unter, der eigens für Flüchtende mit Tisch, Stühlen, Bett und Schrank eingerichtet ist und früher einmal Werkstatt oder Stall war. Er serviert ihnen Wurst mit Brot und Rotwein. Um Mitternacht fordert der Fluchthelfer Hermine und Jakob auf, das Boot aufzupumpen. Er öffnet das Tor, vergewissert sich, dass niemand auf den Straßen ist, zeigt ihnen die Gasse, die zwischen ein paar Häusern hinunter zum Do-

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nauufer führt, und rät ihnen, das Gebell der Hunde einfach zu ignorieren. Hermine und Jakob Breitenbach sehen Schatten vor sich. Doch sie stammen von alten Weiden. Sie erreichen das Ufer, lassen das Boot zu Wasser. Jakob schaufelt mit dem Paddel Wasser auf Hermine, die zu schimpfen beginnt. Dann paddeln sie richtig, wie sie es unzählige Male geübt haben, orientieren sich an einem Licht und erreichen das rettende serbische Ufer. An einem Maislaubschober entledigen sich die beiden ihrer Gummistiefel und ziehen Schuhe an. Es beginnt zu regnen. Sie erreiPaddelübungen an der Marosch bei Guttenbrunn: Hermine chen morgens ein Dorf, wo und Jakob Breitenbach bereiten sich auf die Flucht vor. ein Bus abfahrtbereit steht. Die Leute um sie herum sprechen alle Rumänisch. Mit dem Bus gelangen sie nach Belgrad. Als sie dem Mitarbeiter der deutschen Botschaft sagen, es habe sie niemand gesehen, sagt er ihnen, dass sie Ersatzpässe bekämen und ihnen die Haft und das UNO-Lager erspart blieben. Eine Familie aus einem Nachbarort bei Guttenbrunn bezeugt in der Botschaft, dass beide Deutsche seien. Das Ehepaar ist nach Belgrad gekommen, weil es erkunden will, wo ein junger Mann geblieben ist, der einen Fluchtversuch unternommen hat, aber verschwunden ist. Hermine und Jakob Breitenbach telegraphieren von Belgrad nach Hause: „Wir sind auf dem Weg nach Deutschland“. Sie fahren los in Richtung Nürnberg, ändern jedoch ihr Ziel. Sie wollen nach Stuttgart in die Weißenburgstraße, wo eine Tante wohnt. Dort angekommen, steht das Essen schon bereit. Die Tante hat gekocht und die beiden erwartet. Ein halbes Jahr später dürfen Hermine und Jakob Breitenbach ihre Kinder auf dem Flughafen in Frankfurt am Main in die Arme schließen. Der Empfang fällt nicht wie erwartet aus: Die vier Jahre alte Heike und der sechs Jahre alte Christian haben die Eltern fast schon vergessen. Das Eis ist aber rasch gebrochen. Als die Kinder in einem Schaufenster im Flughafen die vielen Spielsachen sehen, entfährt es Heike auf rumänisch: „Te doare capul“ - das hältst du im Kopf nicht aus. Als die Breitenbachs den Raum zur Unterbringung der Flüchtlinge in Possessena betreten, hat der Fluchthelfer längst Geld wie Heu. Das Geschäft läuft schon seit einigen Jahren. Schon zwei Jahre davor können sich Marianne und Dietmar Messmer, beide Jahrgang 1950 - sie geboren in Perjamosch, er in Sackelhausen, davon überzeugen. Als sie den Schrank in dem Raum öffnen, liegen vor ihnen Bündel mit 100-Lei-Banknoten. „Soviel Geld auf einem Hau-

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vor ihnen Bündel mit 100-Lei-Banknoten. „Soviel Geld auf einem Haufen habe ich seither nicht mehr gesehen“, sagt Marianne Messmer, die Schwester Hansi Huberts. Der erste ihr Bekannte, der den Weg über Possessena und die Donau in die Freiheit gewählt hat, ist der Mann einer Cousine ihrer Schwiegermutter. Er kommt im August 1977 mit dem Boot ans serbische Ufer. Im November 1977 folgen ihm Frau und Tochter auf demselben Weg in die Freiheit. Marianne und Dietmar Messmer wollen schon wegen ihres behinderten Sohnes in die Freiheit. Sie hoffen, dass Ärzte in Deutschland Ralf helfen können. Ihr 1974 geborner Sohn ist Opfer des Größenwahnsinns des rumänischen Diktators Nicolae Ceauşescu und seines 1966 erlassenen Dekrets, demzufolge Abtreibungen erst nach der Geburt des vierten Kindes zulässig und Kaiserschnitte nur in äußersten Notfällen zulässig sind. Ralf Marianne und Dietmar Messmer mit Sohn Ralf hätte eigentlich mit einem Kaivor der Flucht über die Donau serschnitt auf die Welt geholt werden müssen. Die Ärzte halten sich an die diktatorischen Vorgaben; das Kind kommt ohne Kaiserschnitt zu spät zur Welt und ist seither wegen Sauerstoffmangels behindert. Als der serbische Fluchthelfer Marianne und Dietmar Messmer 1979 zum ersten Mal in Sackelhausen besucht, um die Flucht zu besprechen, sagt er, ohne zu zögern, zu, dass auch Ralf mit darf. Er ist gerührt, als er das Kind sieht, denn er hat selbst eine Tochter, die von epileptischen Anfällen geplagt wird. Für das Kind müssen die Messmers keinen Fluchtlohn bezahlen. Auch sie kommen wie später die Breitenbachs für 70 000 Lei in die Freiheit. Dietmar Messmers Schwester Heidi besorgt das Schlauchboot in Deutschland, das die drei am 6. November 1979 über die Donau tragen wird, und seine Großeltern bringen es im Koffer nach Rumänien. Marianne und Dietmar Messmer gelangen mit einem Donauschiff nach Possessena. Die beiden nehmen sich Urlaub; sie arbeiten in Temeswar, sie als Mathematikerin im Rechenzentrum, er in einem Betrieb als Maschinenbauingenieur. Sie fahren mit Ralf nach Bukarest zur Behandlung in ein Krankenhaus, nicht zum ersten Mal. Auf dem Heimweg steigen sie in Turnu Severin aus dem Zug und nehmen ein Passagierschiff stromaufwärts nach Neumoldowa. Von dort geht es zu Fuß nach Possessena. Auf dem Schiff wollen Grenzer wissen, was sie denn veranlasst habe, das Schiff zu besteigen. Dietmar Messmer tischt ihnen

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eine Geschichte auf: Die Schifffahrt wäre als Belohnung für den behinderten Sohn gedacht nach der doch belastenden Behandlung in Bukarest. Wenn der Junge Wasser sehe, beruhige ihn das stets. Die Grenzer nehmen ihm die Geschichte ab. Der Weg nach Possessena ist frei. In Neumoldowa wartet schon der Fluchthelfer auf sie. Er sagt Marianne und Dietmar Messmer, er werde vorausmarschieren. Sie sollten ihm in einigem Abstand folgen und so tun, als ob sie sich nicht kannten. Wenn sie jemanden hinter sich sehen, sollten sie in ein Hotel gehen. Es folgt ihnen niemand. Am Abend sind sie in Possessena im Raum der Flüchtlinge, wo schon das Schlauchboot aus Deutschland bereitliegt. Dietmar Messmers Vater hat einen Koffer mit dem Boot ganz einfach in einen Linienbus zum Gepäck der Passagiere gestellt und sofort das Weite gesucht. Der herrenlose Koffer ist ohne ihn in Possessna angekommen. Der im Bus sitzende Fluchthelfer hat ihn in Possessena einfach mit nach Hause genommen. Der serbische Fluchthelfer serviert Marianne und Dietmar Messmer gebratenen Speck, Brot, Schnaps und Wein. Er möchte offenbar, dass sich Dietmar ein wenig Mut für die Flucht antrinkt, vermutet Marianne. Gegen Mitternacht schickt der Helfer die beiden mit Kind und Boot los; jetzt sei Wachwechsel bei den Grenztruppen, der geeignete Moment. Er überzeugt sich, dass niemand auf der Straße steht. Die beiden laufen, begleitet von Hundegebell, zur Donau. Kaum sind sie im Boot, meldet sich Ralf trotz der Schlaftablette zu Wort. Marianne Messmer rüttelt ihn, und als Ralf das Wasser sieht, beruhigt er sich. Dietmar kniet vorne im Boot und paddelt, Marianne sitzt hinten auf dem Bootsrand, die Beine über Ralf, damit der sich nicht erheben und in die Donau fallen kann. Auch Marianne paddelt. Das Üben während des Sommers zahlt sich jetzt aus. Sie kommen zügig voran, haben schon die Strommitte erreicht, da meinen sie, das Unternehmen Flucht wäre zu Ende. In einem Boot steht ein Mann aufrecht und schielt auf die paddelnden Flüchtlinge. Dietmar und Marianne verständigen sich darauf, sie wollten aufhören zu paddeln, falls es sich um einen Grenzer handeln sollte. Doch es kommt anders, als sie vermuten. Das Boot nähert sich, macht einen Bogen um das Schlauchboot und entfernt sich in Richtung rumänisches Ufer. Der Mann im Boot gibt keinen Laut von sich. Ob er Angst hatte oder einfach geschwiegen hat, um die Flüchtenden nicht zu gefährden - die Messmers wissen es nicht. Marianne und Dietmar Messmer orientieren sich an einem Licht, paddeln kräftig weiter und erreichen das serbische Ufer, das mit Beton befestigt und rutschig ist. Dietmar Messmer steigt aus dem Boot, das er soweit wie möglich die Böschung hinaufschiebt. Marianne Messmer steigt auf den Bootsrand und erreicht mit Ralf den oberen Uferrand. Dietmar lässt das Boot wegschwimmen und arbeitet sich ebenfalls das Ufer hinauf. Sie müssen nun eine parallel zur Donau verlaufende Straße finden. Dorthin gelangen sie jedoch nur durch einen Wassergraben. Dietmar trägt Ralf und Marianne nacheinander durch den Kanal, damit wenigstens sie bei der Kälte trocken bleiben.

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Die drei erreichen die Straße, auf die sie einen Gummistiefel stellen als Erkennungszeichen für die Fluchthelfer, die mit dem Auto aus Deutschland angereist sind. Dabei ist auch Dietmars Schwester Heidi. Gegen 2 Uhr entdecken die Fluchthelfer den Stiefel, halten an. Dietmar Messmer nähert sich dem Auto in einem etwas sonderbaren Aufzug: Er hat die nassen Kleider abgelegt und eine als Reserve mitgebrachte Strumpfhose seiner Frau und seine Lederjacke an. Die Messmers steigen ins Auto und sehen, dass sie rasch vom Donauufer wegkommen. Im ersten Ort ziehen sie saubere Kleider an, die die Helfer mitgebracht haben. Noch am selben Tag erhalten sie Pässe in der deutschen Botschaft in Belgrad, mit dem Auto geht es nach Deutschland. Zwei Tage später sind sie im Übergangslager Unna-Massen in Nordrhein-Westfalen. Die Nachricht von ihrer Flucht verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Banat. Zwei Wochen später sollten Dietmar Messmers Eltern auf demselben Weg folgen. Weil sie jedoch nicht unbemerkt nach Possessena gelangen, müssen sie wieder nach Hause fahren. Sechs Wochen später gelingt auch Anna (Jahrgang 1930) und Nikolaus (19262006) Messmer die Flucht über die Donau. Sie gelangen problemlos mit einem Bus nach Belgrad und von dort mit dem Zug nach Deutschland. Hansi Hubert, Marianne Messmers Bruder, wäre schon gerne sofort der Schwester in die Freiheit gefolgt, überlegt es sich aber, denn er hat noch vier Semester zu studieren. Er will das Elektronikstudium in Temeswar zu Ende bringen und dann erst flüchten. Er hält in den zwei Jahren den Kontakt zu dem Fluchthelfer aus Possessena aufrecht. Er geht in unregelmäßigen Abständen mit ihm in Temeswar ins „Lloyd“ oder „Continental“, um zu essen. Doch bevor er das Studium beendet hat, ruft ein Vetter Hermine Breitenbachs in Düsseldorf bei den Messmers an. Er möchte wissen, ob ihr Fluchthelfer derselbe Mann ist, mit dem die Breitenbachs Kontakt aufgenommen haben. Die Breitenbachs wissen nicht, ob sie dem Mann trauen können. Marianne Messmer bittet ihren Bruder, er möge die Breitenbachs im Rechenzentrum in Temeswar suchen. Doch Hansi Hubert verwechselt Jakob „Buck“ Breitenbach mit Heinz Buschbacher, der ebenfalls im Rechenzentrum arbeitet und vorher mit den Breitenbachs und Marianne Messmer Mathematik an der Universität in Temeswar studiert hat. Buschbacher klärt Hubert über den Irrtum auf und schickt ihm Jakob Breitenbach. Hansi Hubert beruhigt Jakob Breitenbach, es handle sich um denselben Fluchthelfer. Während den Breitenbachs die Haft in Jugoslawien erspart bleibt, verrät eine alte Frau Hansi Hubert und dessen Fluchtgefährten, so dass die beiden nach Hermine und Jakob Buck Breitenbach in Deutschland ankommen. Die Breitenbachs finden als Mathematiker und Informatiker Arbeit und ein angemessenes Auskommen, ebenso Marianne Messmer. Dietmar Messmer und Hansi Hubert finden Ingenieursstellen.

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Walter König:

Hinrichtung an der Grenze Was am Morgen des 27. Mai 1979 an der rumänisch-serbischen Grenze bei Hatzfeld geschehen ist, kann nur als Hinrichtung ohne Prozess bezeichnet werden. Zwei Grenzsoldaten prügeln mit Gewehrkolben auf einen Verwundeten ein. Ob er schon vor dem Graben, der Rumänien noch von Serbien trennt, gestorben ist, wissen wahrscheinlich nur die beiden Grenzsoldaten. Augenzeugen, die den Toten in der Leichenhalle des örtlichen Krankenhauses gesehen haben, berichten, sein Kopf sei zertrümmert gewesen. Der Mann sei zunächst lediglich durch einen Wadenschuss am Weiterlaufen gehindert worden. Zur Rechenschaft sind die beiden Soldaten bestimmt nicht gezogen worden. Wahrscheinlich ist, dass die Vorgesetzten ihnen Sonderurlaub gewährt haben. Die Namen der Soldaten kennt keiner, der Ermordete heißt Peter Döme. Er hat Frau und ein kleines Kind hinterlassen. Und das ist den Schüssen und der Hinrichtung vorausgegangen: An jenem Sonntagmorgen macht sich Walter König aus Hatzfeld auf den Weg zu seinem Schwager. Andreas Hubert hat die Nacht durchgefeiert und ist erst gegen 4 Uhr nach Hause gekommen. Walter König weckt ihn und sagt ihm lediglich, zieh dich an, wir fahren. Es ist 7.10 Uhr. Schon wenigstens 15-mal hat sich Walter König in den vorausgegangenen anderthalb Jahren auf den Weg gemacht, ist aber immer wieder zurückgekehrt. Seine Frau ist schon seit langem in Deutschland, er will ihr folgen. An diesem Tag muss alles klappen, sagt er sich. Zu dritt wollen sie eine Lücke in den Hindernissen vor der Grenze nutzen, die kaum einer kennt, außer dem Ungarn Döme. Walter König und Dōme arbeiten in der Hatzfelder Ziegelei „Ceramica“ und schmieden seit langem Fluchtpläne. Schon vor der Grenze reihen sich Gräben, Zäune, Schlagbäume und Eisenpfosten aneinander und bilden eine schier unüberwindbare Barriere. Dann erst kommt die streng bewachte Grenze mit dem tiefen Graben. Döme kennt die einzige Lücke in diesem Grenzwall, denn er wohnt in der Nähe des Grenzerstützpunktes und hat beobachtet, dass der Kommandant der Militäreinheit mit seinem Wagen zwischen zwei eng gesetzten Eisenpfeilern neben dem Sportplatz durchfährt, um zu seinem Arbeitsplatz zu kommen. Der Pkw passt knapp zwischen den Pfosten durch. Auf der anderen Seite ist der Sportplatz nicht gesichert. Wer mit dem Auto zwischen den beiden Pfosten durchkommt, kann mit Vollgas bis zur Grenze fahren. Diese Lücke nutzen die drei an jenem Sonntagmorgen. Ihr Wagen ist umlackiert, er ist jetzt genau so rot wie jener des Kommandanten. Das Rot soll den Grenzsoldaten signalisieren: Hier fährt euer Vorgesetzter vor. Walter König und

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sein Schwager steigen ins Auto, holen Döme ab und fahren langsam durch die Lücke zwischen den Pfosten. Mit Höchstgeschwindigkeit rasen sie dann am Wachtturm vorbei; noch 650 Meter trennen sie von der Grenze. Sie haben Glück, der Posten schläft. Er wiegt sich wohl in Sicherheit; wer hätte gedacht, dass jemand anderes als der Befehlshaber dieses Stützpunkts mit dem Auto hier vorfährt. Zwei Soldaten, die von der Grenze in Richtung Militärstützpunkt kommen - es ist eben Schichtwechsel -, springen zur Seite, das Auto rast weiter bis zur Grenze. Andreas Hubert hält mit einer Vollbremsung. Während die drei Flüchtenden aus dem Auto springen und laufen, beginnt der aus dem Schlaf gerissene Soldat zu schießen. Vor dem Grenzgraben anzuhalten war ein irreparabler Fehler, sagt Walter König heute. Ursprünglich sollte Andreas Hubert über das links liegende Rübenfeld weiterfahren, um aus der Schusslinie zu kommen. Das wäre möglich gewesen, denn das Feld war glatt und trocken, sagt König. Der Soldat trifft Döme an der Wade. Er bleibt liegen. Andreas Hubert läuft links in ein Getreidefeld und wirft sich hin. Walter König rennt im Bogen in Richtung Grenzgraben. Der Soldat und ein herbeigeeilter Kollege schlagen mit Gewehrkolben auf den blutenden Verletzten ein. Sie zertrümmern ihm den Schädel, so dass er vermutlich noch an Ort und Stelle stirbt. Weil sich die Grenzer auf Döme konzentrieren, erreicht Walter König den Graben und barfuss das rettende serbische Ufer. Andreas Hubert hat Glück, er hebt im Weizenfeld den Kopf und vergewissert sich, dass sich der Soldat nicht getraut, auf ihn zu schießen, denn es könnten sich Kugeln auf die serbische Seite verirren. Auch er überwindet den Graben und ist in Sicherheit. Es wird Jahre dauern, bis er dieses Erlebnis verarbeitet hat. Es ist Sonntagmorgen, und an Feiertagen bearbeiten die auch anderwärts beschäftigten Kleinbauern im sozialistischen Serbien ihre Felder. Das ist auch rund um Heufeld so. Walter König und sein Schwager sehen, wie sich einer der Serben, kaum hat er sie erblickt, auf den Weg ins Haus macht, um die Grenzpolizei von ihrer Ankunft zu verständigen. Walter König und Andreas Hubert wollten ursprünglich das Dorf links umgehen, doch jetzt ändern sie ihren Plan, wechseln die Richtung und umgehen das Dorf rechts. Sie haben sich kaum in einem Gebüsch an der nahen Straße versteckt, fährt auch schon die Grenzpolizei vorbei. Doch die ist falsch informiert und sucht die beiden auf der anderen Dorfseite. Nach ein paar Minuten überqueren sie die Straße und gehen im Zickzack durch die Felder in Richtung Kikinda, und zwar barfuss, die Hosen hochgekrempelt, die Jacken auf den Schultern, als ob sie zu den auf den Feldern arbeitenden Serben gehörten. Ziel der Geflüchteten ist Kikinda. Vor Kikinda verstecken sie sich unter einer Brücke, säubern ihre Kleider, um anschließend getrocknet, aber noch immer mit hochgekrempelter Hose weiterzugehen. Die beiden suchen einen serbischen Eisenbahner, den

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Königs Mutter kennt. Dazu wollen sie Kikinda einmal von Ost nach West und dann von Nord nach Süd durchlaufen, um das gesuchte Haus zu finden. Sie haben Glück, finden schon beim ersten Versuch die Straße und die Hausnummer. Kurz vor Mittag betreten sie das Haus; es ist ein altes schwäbisches Bauernhaus, das einmal einem geflüchteten oder in einem der Vernichtungslager Titos umgekommenen Donauschwaben gehört hat. Walter König bittet den Serben um Schuhe und Kleidung, ferner um Hilfe für die Fahrt nach Belgrad. Dafür kann er sich in Hatzfeld bei Königs Mutter als Lohn 10 000 Lei abholen. Er bekommt sie, wenn er den Autoschlüssel überbringt, den König ihm jetzt überreicht. Der Serbe ist einverstanden und lädt die beiden zum Sonntagsmahl ein. Sie essen zusammen mit dem Ehepaar und seinem halben Dutzend Töchter. Der Serbe organisiert den Transport nach Belgrad. Um 2 Uhr werden sie abgeholt und in einem Wagen in die serbische Hauptstadt gebracht. Sie erreichen die deutsche Botschaft noch vor der Öffnungszeit, doch sie werden eingelassen. In der Botschaft treffen sie acht weitere Flüchtlinge; zwei davon sind mit Fahrrädern über die Grenze gegangen. Kurz hinter der österreichischen Grenze - es ist die erste Station in Bayern tauchen im Zug Polizisten mit vorgehaltener Maschinenpistole auf und führen Walter König und die anderen im Abteil, die alle aus Rumänien kommen, mit erhobenen Händen ins Freie. Nach einer Kontrolle dürfen sie wieder einsteigen und weiterfahren. Nach der Flucht ruft ein Grenzer bei Königs Eltern an. Er versucht sie zu täuschen mit der Nachricht, sie hätten Sohn und Schwiegersohn beim Grenzübertritt erwischt. Wie Soldaten mit dem, was an der Grenze geschehen ist, umgegangen sind und welche Einstellung sie hatten, belege ein Gespräch, das zwei Grenzer auf einer Zugreise geführt haben, sagt Walter Königs Vater Franz: Ein Soldat fragt den anderen: „Meinst du wohl, du wärst der einzige, der welche in den Himmel geschickt hat?“ Seit dem Fluchttag der drei Hatzfelder sind 29 Jahre vergangen. Walter König hat seither Rumänien nicht mehr betreten. Kurz nach der Ankunft findet er Arbeit bei Mercedes, trennt sich von seiner Frau. Inzwischen ist er zum dritten Mal verheiratet. Er malt wie sein Vater, Franz König, Banater Landschaften; doch viel seltener, denn er hat nicht soviel Zeit wie der 83 Jahre alte Herr.

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Hast schon gehört? Von Hans Stefan Hast schon gehört? Das war das Schlagwort in den 70er und 80er Jahren, als viele Deutsche in Rumänien im Fluchtfieber waren. Hast schon gehört? Dieser und jener ist abgehauen. Jeder wollte sich nach einem Fluchtweg umschauen. Wir hatten satt den Kommunismus und das Ceauşescu-Regime, es gab für uns in jener Zeit nur ein Thema: Wie kann ich fliehn? Man hat sich umgehorcht, überall und an jeder Stelle, bis wir endlich fanden die eine oder andere Fluchtquelle. Es gab zwei klassische Möglichkeiten, übers Festland oder über die Donau. Einige versuchten es in der Gruppe, andere alleine oder sogar mit ihrer Frau. Der eine plante seine Flucht akribisch über Jahre hinaus, manch anderer hatte spontan die Chance, und schwups war er draus. Bei mir war es so, ich hatte schon in der Zeit vor meiner Flucht die deutschen Botschaften in Prag und Budapest besucht und wollte mit Hilfe der Botschaften meine Chance ergreifen, aber meine Gespräche konnten zu keinem Ergebnis dort reifen. Enttäuscht und deprimiert kam ich immer wieder zurück und wollte es versuchen offiziell im Hof bei Herrn Vrăbeţ (Leiter des Passamtes, der Herausgeber) mein Glück, aber die langen Menschenschlangen, die Formulare, es gab große und kleine, schreckten mich ab, es fehlte mir die Geduld und so gab's für mich nur das eine. Das eine, also die Flucht, war für mich am damaligen Tag der deutschen Einheit, es war der 17. Juni im Jahr 79, und der brachte mir meine Freiheit. Nachkirchweih war bei uns in Jahrmarkt, Sonntag früh am Morgen nahm ich Abschied von meinen schlafenden Kindern und der Frau, die machte sich Sorgen. Wir waren zu viert, einer aus Orzydorf, zwei Temeswarer und ich, die Spannung stieg von Stunde zu Stunde, erstaunlich, meine Angst aber wich. Wir trafen uns alle an einem konspirativen Ort mit unseren Fluchthelfern in Temeswar und warteten den vorhergesagten Regen ab, es stieg bei uns allen der Druck. Endlich war es soweit, um 22 Uhr ging es mit zwei Fluchthelfern in einem Kastenwagen Richtung Morawitz zur Grenze, vor Aufregung konnten wir kaum sitzen oder was sagen, wir hatten uns für die Flucht über das Festland entschieden, wurden aber so nass in der Nacht, als ob wir durch die Donau getrieben. Ein Fluchthelfer hat uns unterwegs immer wieder die Orientierung zu deuten versucht, links, das sind die Lichter von Morawitz und rechts die von Naidaş, er hat plötzlich geflucht. Jetzt ist der Moment, springt raus, sagte der eine, und der andere öffnete die Tür, wir taten das auch der Reihe nach und blieben dabei alle heil im Dunkeln, wir vier. Von nun an waren wir auf uns und unsere Intuition alleine gestellt in der Dunkelheit, im Regen haben wir uns robbend Richtung Grenze gequält. Die besagten Lichter haben wir immer bis zum ersten Wäldchen akribisch im Auge behalten, danach fragten wir uns, was links und was rechts ist, und mussten die Orientierung neu gestalten.

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Die befürchteten Drähte, die Signale auslösen sollten, entdeckten wir unterwegs zum Glück, wir irrten in der Dunkelheit umher, aber wir schlichen immer weiter, es gab kein Zurück. Als das Morgengrauen erwacht, haben wir die ersten Wachtürme vor uns Sicht, obwohl man uns jetzt schon entdecken konnte, scheuten wir uns nicht. Das Gebell der Hunde war schon zu hören, und der Regen hat in Strömen von oben gedrückt. Endlich da, der Grenzstreifen und der ersehnte Stacheldrahtzaun mit Konservendosen bestückt. Der Reihe nach sind wir ohne besondere Vorkommnisse und Probleme da durchgestiegen, noch durch ein Dickicht und Wäldchen, dann konnten wir uns vorerst in Freiheit wiegen.

Elisabeth und Hans Stefan Wie auf Kommando war's uns jetzt plötzlich kalt, und wir mussten all unsere Nöte verrichten, in einem Wäldchen, in aller Ruhe, von da aus konnten wir die Gefahren sichten. Erlöst, mit geschwollenen Knien und Ellenbogen, bibbernd vor Kälte, müde und durchnässt, geht's über Felder und Wiesen durch Dreck und Matsch weiter gen West. Richtung Werschetz suchten wir die Straße etwas hilflos und desorientiert, wir hörten etwas brummen, ein Bus mit rumänischem Kennzeichen ist vorbeipassiert. Wir schauten uns fragend an, unsere Enttäuschung war groß, es kamen uns fast die Tränen, Gott steh uns bei und hilf, wir dachten schon, wir sind noch immer bei den Rumänen. 'ne Weile später kam ein älterer Herr uns mit seinem Mofa gemächlich entgegen, den hielten wir an und fragten ihn nach der richtigen Richtung und unseren Wegen. Halb serbisch und halb rumänisch haben wir uns einigermaßen verständigen können, wir hatten auch den Eindruck, er würde uns unsere Flucht sogar gönnen. Inzwischen hat es nicht mehr geregnet, und die Sonne erwärmt uns mit ihren ersten Strahlen, da kommt plötzlich uns ein Auto mit einem Grenzoffizier und seiner Frau entgegengefahren. Bremsenquietschend hält er an, steigt aus, die Hand an der Pistole im Halfter und fragt nach unseren Dokumenten, er war ein Serbe; wir hätten keine dabei, haben wir zu ihm gesagt. Erst bat er uns höflich und tat später mit seiner Waffe Nachdruck verleihen, nach unserem anfänglichen Zögern, mussten wir dann doch in sein Auto einsteigen. Als ob wir Böses geahnt hätten, und in diesem Moment hatten wir kein Glück, bringt der uns doch tatsächlich an die rumänische Grenze zurück. Da wurden wir von den serbischen Grenzern mit Tee und kargem Essen betreut, das anschließende Verhör war etwas langatmig und hat uns nicht sehr gefreut. Danach haben sie uns wegen illegalem Grenzübertritt nach Weißkirchen vors Gericht gebracht und im Namen des serbischen Volkes zu vier Wochen Knast verurteilt, hat man uns gesagt.

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Das Gefängnis in Werschetz sollte dann unsere Logis für die nächsten drei Wochen sein, 25 Mann eingeengt in einer Zelle, mit einem Klo in der Ecke, im Juni, es war heiß obendrein. Davor hat man uns aller Wertsachen, der Gürtel und Schnürsenkel entledigt, den Kopf kahl geschoren und nochmaliges Verhör, das dauerte ewig. Rumunski Kurvabanda (rumänische Hurenbande) hat uns so mancher Wärter beim morgendlichen Appell genannt, an manchen Tagen durften wir zu einer Runde in den Hof, wo an jeder Ecke ein Wärter stand. Mit gesenktem Kopf und mit den Händen auf dem Rücken drehten wir Runden, man behandelte uns gut, nur die paar Zigeuner unter uns wurden geschunden. Drei Wochen Ungewissheit und karge Vollpension haben an unserer Substanz gezehrt, wir ließen alles so über uns ergehen, wir haben uns nicht gewehrt. Die einzige Abwechslung waren die Mahlzeiten und die täglichen Appelle, oder wenn einer aufs Klo musste, vor der ganzen Mannschaft in unserer Zelle. Nach drei Wochen wurden wir namentlich aufgerufen, wir bekamen all unsere Sachen zurück, und ohne zu sagen, was jetzt passiert, stiegen wir in einen Bus und fuhren ein ganz schönes Stück. Wir wussten nicht, wohin's geht, was mit uns passiert und was uns geschieht, bis sich mal wieder Knasttore öffneten und ein Gefängniswärter in unseren Bus reinschielt. Wir waren nun in Padinska Skela bei Belgrad in einem großen Gefängnis, und die Zelle war's auch, übermüdet, alleine gelassen, ohne irgendwelche Informationen und mit leerem Bauch. Auf den Wänden in diesem Raum war so mancher Name verewigt und seine Flucht betextet von unseren Vorgängern, einige Namen bekannt, damit haben wir nicht gerechnet. Nach ein paar Tagen öffnet sich die Tür, eine UNO-Botschafterin tritt herein, die erklärte uns einiges, brachte uns zur deutschen Botschaft, die ließen uns rein, hier bekamen wir einen provisorischen Pass, Fahrkarte und zur Verpflegung ein paar Mark, stürzten uns anschließend auf eine große Portion Cevapčić, wir fühlten uns jetzt stark. Danach gingen wir freiwillig zurück in den Knast zum Übernachten, weil die österreichischen Botschafter unser Visum nicht früher zustande brachten. Aber dann war es soweit, nach fast vier Wochen voll Ungewissheit und Warten konnten wir endlich als freie Menschen mit dem Zug gen Westen starten. Nach einer mehrstündigen Unterbrechung in Freilassing an der Grenze auf dem Polizeirevier, da wurden wir nochmals verhört, wurden aber gut behandelt, unterschrieben noch ein Papier. Dann fuhren wir bis München, und bis zu unserem Anschluss nach Nürnberg machten wir Pause, jetzt konnten wir endlich ein Telegramm schicken, an unsere Angehörigen zu Hause. Angekommen in Nürnberg im Lager, samstagabends spät, nur die Hausmeisterin war noch parat, wir standen vor ihr ein bisschen unbeholfen, ungepflegt, stinkend, unrasiert und fern der Heimat. Sie hat uns jedem ein Verpflegungspäckchen gegeben und uns die Zimmer zugewiesen, wir wollten nur noch etwas essen, endlich mal duschen und die erste Nacht in der Freiheit genießen. Unsere Enttäuschung war groß, als wir uns hastig unserem Päckchen mit Essen zuwandten, da war so komisches, dunkles, nach nichts schmeckendes Brot, das wir bis dahin nicht kannten. In einem großen Topf mit Wasser wollte ich viel Milch mit der Kondensmilch mir machen, ganz heiß, trotz aller Päckchen, die ich da hineintat, wurde zu meinem Entsetzen das Wasser kaum weiß. Übers Wochenende sind wir verwundert und verdutzt vor den Schaufenstern durch Nürnberg getappt, alles war plötzlich anders, sauber, gepflegt, viele schöne Sachen, wir waren platt. Ja, dann am Montag, die Bürobesuche, der Registrierschein, das kennt ihr ja alle noch gut, mit 150 DM Begrüßungsgeld in der Tasche trennten sich dann unsere Wege, wir machten uns Mut. Der eine ging zu Verwandten oder zu Bekannten oder wurde in ein anderes Lager verstreut, seitdem haben wir nichts mehr voneinander gehört und uns auch nicht mehr gesehen, bis heut.

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Wir haben die Freiheit gefunden, aber haben wir die Gerechtigkeit jetzt auch? Ich glaube, es geht uns jetzt auf jeden Fall besser als damals, sagt mir mein Gefühl im Bauch. Schön so ein Treffen, nach so vielen Jahren mit Leidensgenossen, die dasselbe haben erlebt, die dieses Abenteuer eingingen, ihr Leben aufs Spiel setzten, nur weil sie nach Freiheit gestrebt. Den Organisatoren, die dieses Treffen der Durchgänger zustande gebracht haben, will ich im Namen aller hier Anwesenden, ihr habt das super gemacht und danke sagen.

Hans Stefan hat das Gedicht anlässlich des zweiten Grenzgängertreffens im Juni 2007 in Ulm geschrieben. Hans Stefan wurde am 23. Dezember 1953 in der Banater Gemeinde Jahrmarkt geboren. Nach Berufsschule und Abitur hat er im Temeswarer Betrieb Technometal in der Arbeitsvorbereitung gearbeitet und in der Mannschaft des Betriebs Handball gespielt. In Deutschland hat er zuerst unterschiedliche Tätigkeiten bei VW in Hannover und MTU (früher Maybach) in Friedrichshafen ausgeübt. Nun ist er seit fast 25 Jahren im Projektmanagement des Luft- und Raumfahrtunternehmens EADS (früher Dornier) tätig.

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Andreas Klein:

Ein Schafhirt als Schleuser Am 28. August 1979 türmt der Dolatzer Pfarrer mit der Kirchweihjugend über die Grenze nach Jugoslawien. Am nächsten Tag erreicht die Nachricht auch Andreas Klein in Neupanat bei Arad. Der am 23. April 1952 Geborene wird hellhörig. Diese Flucht lässt ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. Denn seine Frau Magdalena stammt aus Dolatz und hat noch über ihren Vater gute Beziehungen ins Heimatdorf, obwohl sie schon 1969 nach Neupanat umgezogen ist. Kleins Schwiegervater, Johann Tutenoi, recherchiert und macht einen Hirten ausfindig, dessen Schafe an der Grenze bei Dolatz weiden. Der Hirt steckt als Schleuser anscheinend mit den Grenzern unter einer Decke. Je Person kassiert er 30 000 Lei Schleuserlohn. Als Klein mit seiner Frau und Josef Zahn und dessen Sohn, der auch auf den Namen Josef hört, mit dem Zug in Richtung Grenze fahren, kontrollieren die Grenzsoldaten die vier nicht. Der Schafhirte bringt sie über Felder und Kanäle in seine Hütte. Am 19. November 1979 um 3.30 Uhr kassiert er seinen Lohn, und die vier überschreiten die Grenze. An der Bersau-Brücke wartet schon Kleins Bruder. Doch ein Treckerfahrer verrät die Flüchtlinge. Jugoslawische Grenzer nehmen sie fest. Sie erwischen auch Kleins Bruder, der Jugoslawien binnen 24 Stunden in Richtung Deutschland verlassen muss und zwei Jahre nicht wieder betreten darf. Ein Richter verurteilt die vier Flüchtlinge zu je 20 Tagen Haft wegen illegalen Grenzübertritts, die sie in Großbetschkerek verbüßen müssen. Nach weiteren fünf Tagen im UNO-Lager in Padinska Skela kommen sie mit Hilfe der deutschen Botschaft nach Deutschland. Ihren in Rumänien bei den Großeltern zurückgelassenen Sohn sehen sie nach sechs Monaten wieder. Andreas Klein, der vor der Flucht Schweißer in der Arader Waggonfabrik war, arbeitet heute als Techniker in einer Firma bei Rastatt.

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Anni und Günther Thinnesz

Der Fluchthelfer begeht Verrat Als Anni (Jahrgang 1950) und Günther Thinnesz (Jahrgang 1952) am 5. Dezember 1979 vor Marienfeld die Bahngleise erreichen, stehen Grenzsoldaten mit der Kalaschnikow im Anschlag und stellen sie. Wieder einmal ist ein Fluchtversuch gescheitert. Ein Fluchthelfer aus dem Nachbarort Albrechtsflor an der serbischen Anni und Günther Thinnesz Grenze hatte das Ehepaar zusammen mit weiteren vier Leuten von Triebswetter Richtung Grenze geführt. Der Marsch durch die Nacht ist nach etwa 15 Kilometern zu Ende. Das ganze Unternehmen ist verraten worden. Anni Thinnesz vermutet, dass der Fahrer, der sie von Temeswar nach Triebswetter gebracht hat, der Verräter war. Die Grenzsoldaten fesseln die sechs Fluchtwilligen und den Helfer und bringen sie in den Stützpunkt nach Großsanktnikolaus. Die Soldaten rühren die beiden Frauen und Günther Thinnesz nicht an, hingegen verprügeln sie die restlichen drei Flüchtlinge und den Fluchthelfer. Die Tatsache, dass die Soldaten Günther Thinnesz in Ruhe gelassen haben, erklären sie so: „Ihr wart uns von Anfang an sympathisch“. Günther Thinnesz' Vetter ist nach der Prügelorgie gelb-blau im Gesicht, sein Rücken ist voller Striemen. Dem Fluchthelfer schlagen die Soldaten so lange mit dem Gummiknüppel auf die Fußsohlen, dass er tagelang nicht auftreten kann. Am Morgen werden die Gefassten nach Temeswar verlegt und verhört. Am Ende des Verhörs fragt der Geheimdienstoffizier rhetorisch Anni und Günther Thinnesz, „was soll ich nun mit euch machen?“ Er lässt die beiden laufen. Am nächsten Tag gehen sie wieder zur Arbeit. Der Fluchtversuch hat das Ehepaar 20 000 Lei gekostet. Die Freiheit haben sie sich schließlich erkauft. Der rumänische Geheimdienst hat dafür 10 000 Deutsche Mark kassiert, der Mittelsmann 50 000 Lei. 1982 verlassen Anni und Günther Thinnesz mit ihren Kindern Heike und Holger Rumänien mit offiziell ausgestellten Pässen. Anni Thinnesz hat in Temeswar als technische Zeichnerin gearbeitet, in Augsburg hat sie eine Beschäftigung als Sachbearbeiterin in der Kalkulation gefunden; Günther Thinnesz war in Rumänien Elektrotechniker, heute arbeitet er für eine Düsseldorfer Firma im Vertrieb.

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Mit der Luftmatratze über die Donau Von Franz Weszely 14. Juli 1980. Es ist Montag, 7 Uhr. Meine Frau bereitet sich vor, um zur Arbeit zu gehen, und fragt, „hast du auch nichts vergessen, fehlt nichts in deinem Gepäck“, das ich schon am Vorabend zurechtgerichtet habe. Der Augenblick des Abschiednehmens ist gekommen, der mit der Hoffnung verbunden ist, die Zukunft der ganzen Familie neu zu ordnen. Es ist ein schwerer Abschied von Frau und Kindern. Um 9.30 Uhr läutet mein erster Partner an der Haustür. Gheorghe Grecu ist als erster gekommen. 20 Minuten später trifft TrandaFranz Weszely fir Monea ein. Ich überprüfe erneut die Schwimmhilfen und trage sie ins Auto. Jetzt heißt es auch Abschiednehmen von den Kindern, denen ich die Wahrheit nicht sagen darf. Sie müssen sich mit der Lüge abfinden: Vater fährt nach Lugosch und Konstanza. Um 10.30 Uhr fahren wir los und halten nicht mehr in Reschitz. In Orawitz kaufe ich die letzten Sachen für den Weg: eine Batterie für die Armbanduhr, es ist ein Gelegenheitskauf zum Preis von 75 Lei. In einem Schnellimbissrestaurant essen wir zu Mittag. Die Kontrollen der Grenzer auf dem Weg nach Drencova verlaufen problemlos. Hinter Neumoldowa suchten wir die Ablegestelle aus. Etwa 25 Kilometer vor Orschowa halten wir auf einem relativ großen Parkplatz, um Quellwasser zu trinken, kühlen eine Flasche Bitter, um Zeit für das Erkunden der Umgebung zu haben. Um nicht aufzufallen, fahren wir weiter in ein nahegelegenes Dorf zu einem Verwandten meines Bekannten namens Belodedić. Wir wollten Fische kaufen, sagen wir den Grenzern, die uns kontrollieren. Zu Hause sind allerdings nur die Oma und Belodedićs Schwester, die uns zum Essen einladen. Bis zum Abend ist die Flasche Bitter leer und der Hausherr eingetroffen. Auf unsere Bitte hin holt er Hausherr noch eine Flasche Bitter aus dem Dorfladen. Wir haben Belodedić gut zugeprostet mit dem Hintergedanken, ihn soweit unter Alkoholeinfluss zu setzen, dass er unseren Abschied nicht überwachen kann. Während die drei weiter trinken, lege ich mich um 1 Uhr

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schlafen. Kurz vor 3 Uhr wecken sie mich. Ich stehe auf, wir verabschieden uns mit dem Versprechen, nächste Woche wiederzukommen. Wir haben sehr aufgepasst, dass er nichts von unserem Vorhaben erfährt 15. Juli 1980. Um 3 Uhr erreichen wir den Parkplatz mit der Quelle, den wir uns als Ablegestelle für unsere Flucht ausgesucht haben. Die Luftmatratzen liegen in Kisten bereit. Lediglich das Kopfkissen meiner Matratze ist noch nicht aufgeblasen. Grecu und Monea legen als erste ab. Ich blase die Luftmatratze noch fertig auf. Inzwischen bemerke ich, dass sich die beiden schon ein gutes Stück vom Donauufer entfernt haben. Das jagt mir den Schrecken in die Glieder, so dass auch ich sofort mit der Luftmatratze ins Wasser gehe. Der Start ist einfach. In der Strommitte gerate ich ins Scheinwerferlicht eines gegen den Strom ankämpfenden Schiffes. Ich ignoriere den Ruf vom Schiff, weil ich weiß, dass es genau so fatal wäre, jetzt zu stoppen wie umzukehren. Ich gleite von der Luftmatratze, muss mein Gepäck neu ordnen und beginne mit der bloßen Hand zu rudern. Die Paddel hat der Strom mitgenommen. All das zusammen bewirkt, dass ich weit abtreibe, aber ich strenge mich an, weil ich erwarte, dass mich Grenzer mit einem Schnellboot suchen werden. Ich rechne damit, dass die Besatzung des Frachters die Grenzer über meine Flucht informiert. Als ich mir keine Chancen mehr ausrechne, das Ufer zu erreichen, bemerke ich vor mir im Wasser trockenes Geäst. Ich weiß jetzt, das rettende serbische Ufer kann nicht mehr weit sein. Und tatsächlich: In etwa 25 Meter Entfernung ist das Ufer auszumachen. Ich verlangsame das Tempo, rudere ruhig, um nicht von serbischen Grenzern entdeckt zu werden. Ich bin angekommen, nass, allein, freue mich, aber die Kälte ist unerbittlich. Ich raffe meine Sachen zusammen und folge dem Ufer, um die beiden anderen zu finden. Ich muss etwa anderthalb Kilometer auf Asphalt zurückgelegt haben und mich in Höhe des Autos befunden haben, das wir am rumänischen Ufer haben stehen lassen. Weil ich keinen der beiden finden kann, verstecke ich mich in einem Wäldchen, aus dem ich die Straße beobachten kann. Hochbetrieb am rumänischen Ufer Bei Sonnenaufgang ziehe ich mich aus, um meine Kleider zu trocknen. Am rumänischen Ufer bemerke ich Hochbetrieb. Grenzer sind mit dem Schnellboot unterwegs, um uns zu suchen. Soldaten haben das zurückgelassene Auto umstellt, sie können den Motor nicht abstellen und die Scheinwerfer nicht ausschalten. Wir haben den Motor laufen und die Scheinwerfer brennen lassen, um einige Minuten Vorsprung gewinnen zu können, ehe sie uns zu suchen beginnen. Gegen 9 Uhr fahren sie das Auto zum Grenzerstützpunkt. Den ganzen Tag

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verbringe ich an dieser Stelle. Alles, was mir geblieben ist, sind ein paar geräucherte Würste. Alles andere musste ich wegwerfen, die fünf Schachteln Apolonia-Zigaretten, die Streichhölzer, alles war nass. Am Nachmittag setze ich mich in die Sonne ans Donauufer, in der Hoffnung, dass mich meine beiden Kollegen finden. Um 19 Uhr entdecke ich eine Person, die vor mir steht und mich anblickt. Ich stehe auf, um die Straße zu überqueren und erkenne Grecu. Von Monea wisse er nichts. Er sei etwa 15 Kilometer über die Höhen gegangen, habe unsere Namen gerufen, doch niemand habe ihm geantwortet. Schließlich sei er einem Bach bis zum Donau-Ufer gefolgt und habe mich so gefunden. Wir essen von dem Brot und von den Konserven, die Grecu über die Donau gerettet hat. Weil wir Monea bis 22 Uhr nicht finden, starten wir zu Fuß in Richtung Belgrad. 16. Juli 1980. Wir gehen die Nacht durch und hüten uns, entdeckt zu werden. Taucht ein Auto auf, verlassen wir die Straße und verstecken uns. Am Morgen legen wir eine Pause ein, um danach den Weg fortzusetzen und immer wieder zu verschwinden, wenn ein Fahrzeug auftaucht. Durch einige Dörfer sind wir tagsüber gegangen, doch am Nachmittag müssen wir uns wieder wegen des dichten Verkehrs verstecken. Den ersten Tag bringen wir relativ gut hinter uns, wir haben noch Kraft und Essen. Mit Einbruch der Dunkelheit brechen wir erneut auf. 17. Juli 1980. Wir können den Weg nicht lange fortsetzen, sind physisch am Ende, hungrig, unausgeschlafen und haben Blasen an den Fußsohlen. Ich gleich fünf am rechten Fuß, ich weiß nicht mehr, wie ich auftreten soll. Weil uns aber auch Trinkwasser fehlt, sind wir ganz fertig. In der Nacht schleichen wir durch ein Städtchen, ohne Wasser zu finden. Am Stadtrand betrete ich einen Hof und fülle die Wasserflasche. Wir stillen den Durst und legen uns in einem Wäldchen schlafen. Die Luftmatratzen tragen wir noch immer mit. Bei Tagesanbruch geht es weiter. Weil die rumänische Grenze schon weit hinter uns ist, werden wir mutig und marschieren den ganzen Tag. Größere Ortschaften umgehen wir und ernähren uns von Obst, das wir am Wegesrand finden. Die Ruhepausen sind stets kurz. Am Abend versuchen wir an einer Tankstelle, per Anhalter weiterzukommen. Doch keiner nimmt uns mit. Wir legen uns wieder in einem Wäldchen schlafen. Weil uns Stechmücken plagen, entfachen wir ein Feuer und schlafen abwechselnd bis zum Morgen. Dann geht es weiter. Um 11.45 Uhr nimmt uns der Fahrer eines gelben Kleinwagens mit und setzt uns in der Mitte einer Kleinstadt ab. Weil wir kein jugoslawisches Geld haben, geben wir ihm 50 Lei. Nach der Ankunft sage ich Grecu, er soll auf der Straße warten, während ich in Geschäfte gehe, um Geld zu wechseln. Kaum habe ich Grecu allein gelassen, fordert ein Polizist ihn auf, sich auszuweisen. Ich verzichte auf mein Vorhaben und verfolge die beiden aus der

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Distanz. Auf Umwegen nähere ich mich Grecu, doch als er mich erblickt, bedeutet er mir, ich sollte umherspazieren. Ich gehe an ihm vorbei, als ob wir uns nicht kannten, in der Überzeugung, der Polizist hat ihn als Köder aufgestellt. Ich schlage erneut einen Umweg ein, um ihm, allerdings aus einer anderen Richtung, zu begegnen. Doch Grecu ist verschwunden. Nach etwa zwei Stunden gehe ich zum Bahnhof. Vielleicht ist Grecu dorthin gegangen, denn er hat irgendwann vorschlagen, wir sollten der Bahnlinie bis nach Belgrad folgen. Auch am Bahnhof finde ich ihn nicht. Entlang der Schienen erreiche ich den Stadtrand, kehre in die Stadt zurück und marschiere auf der Straße in Richtung Belgrad. Vom Stadtrand sehe ich in einiger Entfernung einen Mann mit rotem Hemd. Hoffnung keimt auf: Es könnte Grecu sein, der auch mein Gepäck bei sich hat. Und tatsächlich, er ist es. Der Polizist hat Grecu laufen lassen, der sich lediglich mit einem Militärpass ausweisen konnte, den Personalausweis hatte er zu Hause gelassen. Dafür hat er sich allerdings auf die Suche nach mir begeben, in der Hoffnung mich beim Schwarzhandel zu ertappen. 18. Juli 1980. Es ist Morgen, wir sind sehr müde und hungrig, wir hoffen, per Anhalter weiterzukommen. Wir müssen nicht lange warten, und ein Kleinwagen mit Anhänger hält an. Der Fahrer spricht soviel Rumänisch, dass wir uns verständigen können. Wir wollen um 11.30 Uhr in Belgrad am Bahnhof sein, um nach Temeswar zu fahren, sagen wir ihm. Sein Ziel ist jedoch nicht die jugoslawische Hauptstadt. Der Fahrer setzt uns unweit der Autobahn ab. Er nimmt unseren Vorschlag an, Geld zu wechseln. Für eine 1000-Dinar-Banknote geben wir ihm 1200 Lei. Fürs Mitnehmen will er kein Geld annehmen. Am Ende der Autobahn, die nach Belgrad führt, stoppt ein Wagen mit deutschem Kennzeichen. Mit dem Fahrer, der auch ein wenig Rumänisch spricht, unterhalte ich mich auf Deutsch. Er ist Gastarbeiter in Deutschland. Er nimmt uns mit bis vor die Tore Belgrads mit. Zum Preis von 106 Dinar fahren wir mit einem Taxi zum Bahnhof. Unser Gepäck können wir nicht abgeben, denn in der Aufbewahrungsstelle muss sich jeder ausweisen, und im Belgrader Bahnhof patrouillieren sehr viele Polizisten. Wir lassen uns in einem Friseursalon rasieren, essen in einer Kneipe Leber und trinken je ein Bier dazu. Zusammen geben wir dafür 180 Dinar aus. Wir kommen zu dem Schluss, dass das Leben teuer ist und wir schon bald kein Geld mehr haben werden, wenn wir so weitermachen. Über die UNO ins Gefängnis Am Abend wollen wir mit dem Zug nach Laibach fahren und uns in Richtung italienische Grenze vorarbeiten. Wir spazieren durch die Stadt, kommen in einen Park und stellen fest, dass wir noch zu viel Gepäck haben. Grecu entledigt sich seiner Luftmatratze. Ich werfe eine ziemlich schmutzig gewordene Jacke

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weg, ferner eine Unterhose, ein Unterhemd und meine Sandalen. Ein Paar Socken schenke ich Grecu, denn er hat keine mehr. Danach gehen wir wieder zum Bahnhof, um von der nahegelegenen Post zu Hause anzurufen. Auf der Post bringe ich die Telefonnummer der deutschen Botschaft in Erfahrung. In der Botschaft meldet sich eine Frau, die mir sehr zuvorkommend sagt, ich solle vorbeikommen. Ich werfe eine Ansichtskarte für meine Familie in den Briefkasten, lasse Grecu mit dem Gepäck im Park zurück und fahre mit dem Taxi zur Botschaft. Die Fahrt kostet 90 Dinar. Den Polizisten vor der Botschaft ignoriere ich. Die Frau, die ich schon am Telefon gesprochen habe, macht mir klar, ich könne Jugoslawien nur dann legal verlassen, wenn ich mich im UNO-Verbindungsbüro melde. Ein UNO-Mitarbeiter werde uns zur Polizei begleiten. Ich versuche, der Frau in der Botschaft zu erklären, es sei lachhaft, dass wir uns nach all dem, was wir unternommen haben, um nicht von der Polizei entdeckt zu werden, nun freiwillig stellen sollten. Weil das aber der einzig legale Weg sei, wollten wir uns fügen. Nach zwei Stunden verlasse ich die Botschaft, hole Grecu im Park neben dem Bahnhof ab. Wir kommen im UNO-Gebäude nach Dienstschluss an. Eine Putzfrau ruft sofort die Polizei. Wir laufen aber nicht mehr weg, sondern beschließen, uns zu ergeben. Die Polizei in einer nahegelegenen Dienststelle ist bis Mitternacht mit uns beschäftigt. Sie nimmt unsere Daten auf, droht uns mit Abschiebung nach Rumänien. Danach fahren Beamte uns ins Hauptquartier der Belgrader Polizei. 19. Juli 1980. Die ganze Nacht verbringen wir auf einem Brett in einer Zelle, ohne uns ausstrecken zu können. Trinkwasser fehlt. Morgens geht es zum Verhör: zuerst zur Polizei, dann zum Passdienst, wo ein Polizist als Dolmetscher auftritt. Er spricht sehr gut Rumänisch. Das ganze dauert bis in den Nachmittag hinein. Danach stecken sie uns wieder in die Zelle. Doch wir werden wieder abgeholt und erhalten unser Gepäck. Ein Inhaftierter, der Deutsch spricht, übersetzt uns das Richterurteil: 15 Tage Haft wegen illegalen Grenzübertritts. Am Abend werde wir zusammen mit anderen Verurteilten ins Gefängnis nach Padinska Skela, 20 Kilometer nordöstlich von Belgrad, gefahren. 20. Juli 1980. Auch die kommende Nacht verbringen wir in einer sehr dreckigen Zelle ohne Betten zusammen mit weiteren Gefangenen. Sie lassen uns noch immer im ungewissen, was mit uns geschehen wird. Wir haben Pech, dass es Sonntag ist, denn so folgt eine weitere Nacht in dieser Zelle. Das einzig Positive: Wir erhalten eine warme Mahlzeit, die allerdings ekelhaft ist. In der Zelle erfahren wir nach und nach, was uns in etwa erwartet. 21. Juli 1980. Es ist Montag. Am Morgen werden wir in die Registratur geführt; sie nehmen uns unsere Habe, Geld und die Kleider, wir werden in Häftlingskleidung gesteckt. Frisch gewaschen, kommen wir in die Friseurstube.

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Grecu ist der erste, der dran kommt. Der Friseur schneidet ihm das Haar ganz kurz. Mir bleibt das schon erspart, denn inzwischen weiß der Friseur, dass wir Ausländer sind, denen das Haar nur auf Wunsch geschnitten wird. An meinen Kopf wagt sich der Friseur nicht mehr heran. Die neue Zelle ist nicht mit der alten zu vergleichen: Sie ist sehr sauber. Es ist uns verboten, sie mit Schuhen zu betreten. Von 5 bis 20 Uhr darf nicht geschlafen werden. 22. Juli 1980. Die Gefängnisordnung sieht vor: Aufstehen um 4.30 Uhr, Mittagessen um 13 Uhr und Abendessen um 18.30 Uhr. Ab heute müssen wir arbeiten. Um 8 Uhr geht es in den Gefängnisgemüsegarten. Heute haben wir die Kohlplantage mit der Hacke aufzulockern und das Unkraut zu beseitigen: für mich eine sehr schwere, weil ungewöhnliche Arbeit. Am Nachmittag kann jeder seine Zeit frei gestalten: Schach spielen, lesen - aber es stehen nur Bücher in serbischer Sprache zur Verfügung - fernsehen, spazieren, Fußball oder Basketball spielen. 23. Juli 1980. Dasselbe Programm wie gestern. Ich verfolge am Fernseher die Olympischen Spiele von Moskau, obwohl ich nicht viel verstehen kann; abends sehe ich mir Filme an. Seit gestern Nachmittag wissen wir, dass es in dem Gefängnis auch ein UNOLager für Flüchtlinge aus kommunistischen Ländern gibt, die nach Australien, Österreich, Italien, Amerika, Deutschland, aber auch in andere Länder ziehen wollen. Jetzt sind wir überzeugt, sie werden uns nicht nach Rumänien zurückschicken, denn wir können durchs Fenster mit denen aus dem UNO-Lager sprechen. Weil wir keine Zigaretten mehr haben, tragen wir uns auf die Liste derer ein, die am Donnerstag einkaufen wollen. 24. Juli 1980. Wegen schlechten Wetters müssen wir heute nicht zur Arbeit. Den ganzen Tag verbringen wir im Hof oder vor dem Fernseher. Fast stündlich gehe ich ans Fenster, um mit den UNO-Insassen zu sprechen. Ich will wissen, wer neu angekommen ist und ob Monia, unser verschwundener Fluchtkamerad, in einem anderen Gefängnis sitzt. Aber keiner weiß etwas. Am Nachmittag bekommen wir unsere Bestellungen: Ich 15 Schachteln jugoslawische Zigaretten und eine Stück Seife, Grecu zehn Schachteln Zigaretten. 25. Juli 1980. Normales Morgenprogramm. Wir fahren hinaus, um Kohl zu pflanzen. Die Arbeit ist nicht so schwer, aber mir sagt die Bewegung an der freien Luft besser zu als den anderen. Ich gehöre zu jenen, die stets am schnellsten fertig sind. Grecu stellt sich so an, als ob er nichts könnte. Er fragt dauernd, wie dies oder jenes gemacht werde. Zum Schluss helfe ich ihm, damit er mit seiner Reihe fertig wird. Wer im Gemüsegarten arbeitet, bekommt um 10 Uhr Brot und Pastete. Die jugoslawische Pastete schmeckt viel besser als die rumänische. Am Nachmittag stehe ich erneut am Fenster, um zu erfahren, wer aus Rumänien eingetroffen ist.

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26. Juli 1980. Wir hoffen, heute frei zu bekommen, denn es ist Samstag, und samstags wird in Jugoslawien nicht gearbeitet. Nachdem die Häftlinge, die in der Stadt arbeiten, das Gefängnis verlassen haben, müssen auch wir raus, um die Blumenbeete vor dem Gefängnis zu jäten. Jetzt haben wir Gelegenheit, mit einer Gruppe von Rumänen zu sprechen, die gesondert untergebracht sind und auf die Abreise nach Australien warten. Sie haben die ärztlichen Untersuchungen schon hinter sich; sie sind besser untergebracht, aber von allen anderen im Gefängnis isoliert. Sie haben schon die Gewissheit, dass sie in die freie Welt kommen, denn sie haben schon die Einreiseanträge in der britischen Botschaft gestellt. 27. Juli 1980. Arbeitsfreier, ruhiger Tag. Den ganzen Tag verbringe ich im Hof in der Sonne oder vor dem Fernseher. Als Abwechslung blättere ich in Zeitschriften, die die Häftlinge mitbringen, die in der Stadt arbeiten. Darunter sind auch Sexzeitschriften. Die Häftlinge verdienen in der Stadt an die 120000 Dinar im Monat, damit können sie sich einiges leisten. Zwei Tage nach dem Kauf habe ich keine Seife mehr. Sie ist mir unter dem Kopfkissen heraus geklaut worden. 28. Juli 1980. Beim Morgenappell melde ich dem Kommandanten, dass ich Fieber hätte. Um 9 Uhr bin ich beim Arzt, der ein bisschen Deutsch kann und mir Medikamente verabreicht. Unter den jugoslawischen Gefangenen treffe ich auch anständige Leute, mit denen ich mich anfreunde. Am Fenster wird die Ankunft einer weiteren Gruppe von Rumänen gemeldet. Sie stammen aus dem Kreis Temesch an der serbischen Grenze und aus Bukarest. 29. Juli 1980. An diesem Donnerstag bekommen wir erneut Zigaretten und ein Stück Seife. Auf dem Feld müssen wir Erbsen hacken, eine relativ leichte Arbeit, aber die Hacke muss dauernd in Bewegung sein. Nach dem Mittagessen sehe ich mir die Sendung von den Olympischen Spielen an, draußen ist es viel zu heiß. 30. Juli 1980. Wir sind erneut auf dem Feld. Diesmal pflanzen wir wieder Kohl. Dieses Mal werde ich gelobt, aber das lässt mich kalt, denn das Lob bringt mir sonst nichts ein. Isolationshaft für Arbeitsverweigerung Ein ägyptischer Freund namens Sosep Hasem weigert sich, zu arbeiten, und kommt dafür in Isolationshaft. Bei den Emigranten hat sich erneut etwas getan. Ein Schub ist in der Nacht in Richtung Australien abgeflogen; ihr Platz ist aber schon von Neuankömmlingen aus Rumänien eingenommen worden.

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31. Juli 1980. Beim Kohlhacken bekomme ich Wasserblasen in den Händen, die Feldarbeit ist mir überdrüssig geworden, aber die Zeit musste irgendwie verstreichen. Erstaunt bin ich, wie viele Rumänen flüchten; das hätte ich nie geglaubt, hätte ich es nicht gesehen. 1. August 1980. Wider Erwarten müssen wir erneut zur Arbeit aufs Feld. Grecu beginnt Krautpflanzen auszuhacken; er schlägt stets zu, wenn die Aufsicht woandershin blickt. Beim Abendappell fallen auch unsere Namen. Wir gehören zu jenen, die am nächsten Morgen die Anex-Gruppe verlassen, um in jene der Freizulassenden versetzt zu werden. Die letzte Nacht als Gefangene steht uns bevor. Ich kann jedoch nicht richtig schlafen. 2. August 1980. Der langersehnte Tag bricht an. Wir müssen nicht mehr hinaus aufs Feld. Um 8.30 Uhr liefern wir die Sträflingskleidung ab und legen unsere Zivilkleidung an. Wir werden zu den Emigranten verlegt und treffen Leute aus aller Herren Länder: aus der DDR, aus der Sowjetunion, aus Bulgarien, aus dem Iran, dem Irak, aus Jordanien. Das hätte ich nicht erwartet: So viele Jugendliche, die sich nach Freiheit sehnen und dafür selbst ihr Leben riskieren. Und noch ein Gedanke geht mir durch den Kopf: Rumänien verliert seine mutigsten Jugendlichen, die das Land dringend brauchte; doch mit diesem politischen System wird es noch zahlreiche weitere verlieren. Allein im vergangenen Jahr sollen 40 000 dem Land den Rücken gekehrt haben. In dieser Gefängnisabteilung wollen alle wissen, wie der andere es geschafft hat. Einige berichten von Erschießungen an der Grenze, und ich muss an Monea denken, von dem ich nicht weiß, wo er ist. 3. August 1980. Wir sind isoliert in einem großen, vergitterten Raum und warten, dass jemand kommt und uns die Freilassung mitteilt, aber es kommen nur die Wärter mit dem Essen. Betten haben wir keine, alle, außer mir, müssen auf dem Boden schlafen. Ich habe noch meine Luftmatratze, die ich aufblase, um mich draufzulegen. Wir diskutieren, spielen Schach oder Backgammon. Es kommen immer wieder neue Flüchtlinge an; es hat den Anschein, als ob sich seit meiner Flucht etwas Schlimmes ereignet hat. 4. August 1980. Wir warten alle ungeduldig, dass der Gefängnisdirektor auftaucht, um die ersten Abgänge zu verkünden. Weil er nicht kommt, steigt die Spannung. Den ganzen Tag verbringen wir mit Spielen. 5. August 1980. Wir sind uns sicher, heute muss es passieren. Doch wir täuschen uns. Nach dem Mittagessen beschließen wir, die wir nach Deutschland wollen, am Abend in den Hungerstreik zu treten. Aber dann die Wende: Ein Aufseher kommt und bittet die für Deutschland bestimmten Insassen hinaus zum Fotografieren, der UNO-Beauftragte sei gekommen. Wir sind jetzt über-

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zeugt, dass die deutsche Botschaft über unser Schicksal informiert ist. 6. August 1980. Der UNO-Beauftragte hat uns versprochen, dass wir am 7. August hier rauskommen. Dann doch noch eine Überraschung: Sie teilen uns mit, wir sollten unsere Sachen packen, es geht zur UNO-Verwaltung in Belgrad. Um 9 Uhr stehen wir am Gefängnistor mit unserem Gepäck. Sie ernennen mich zum Gruppenchef, geben mir Geld, mit dem ich für alle sieben Busfahrkarten kaufen soll. Bei der UNO bekommt jeder 2500 Dinar, davon muss jeder 2330 Dinar für die Eisenbahnfahrkarte nach Nürnberg ausgeben. Ein UNOMitarbeiter sammelt das Geld ein, um uns die Fahrkarten zu besorgen. Die nächste Nacht verbringen wir auf UNO-Kosten im Hotel. Auch das Essen ist frei. Am nächsten Morgen müssen wir um 8 Uhr in der deutschen Botschaft sein. 7. August 1980. Nach der ersten richtigen Mahlzeit seit der Flucht und nach der ersten Nacht in einem richtigen Bett fällt das Aufstehen am nächsten Morgen leicht. Um 7 Uhr bin ich schon vor der deutschen Botschaft. Wir bitten, auf den Hof gelassen zu werden, damit wir uns in Sicherheit fühlen können. Die Antragsformulare sind rasch ausgefüllt. Um 11 Uhr halte ich einen deutschen Reisepass in Händen. Damit gehe ich mit den anderen zur UNO, die uns die Durchreisevisa in der österreichischen Botschaft besorgt. Der Versuch scheitert, eine Telefonverbindung mit Rumänien herzustellen. 8. August 1980. Ich schlafe erneut sehr gut im Hotel; nach dem Mittagessen geht es erneut zur UNO, die uns das letzte rumänische Geld in Dinar umtauscht und uns die Pässe und die Fahrkarten aushändigt. Auf dem letzten Spaziergang durch Belgrad kaufe ich mir Essen für die Reise und eine Brieftasche. Unser Zug fährt um 15.40 Uhr los. Wir sind zu sechst: vier Mann aus dem Kreis Temesch im Südwesten Rumäniens und zwei Mann aus der DDR. Um 1.15 Uhr erreichen wir Österreich, über Salzburg geht es nach Bayern. 9. August 1980. Wir sind in Deutschland. Wir erleben eine neue Welt mit geordneten Fluren. Noch vor 10 Uhr erreichen wir München. Schon um 10.15 Uhr geht es weiter nach Nürnberg, wo uns ein Taxifahrer ins Übergangsheim bringt. An der Rezeption erhalten wir ein Lunchpaket für zwei Tage. 10. August 1980. Es ist Montag. Der Lauf durch die Ämter beginnt und ist am späten Nachmittag beendet. Franz Weszely, geboren am 18. Oktober 1942 in Karansebesch, arbeitet vor der Flucht als Fahrer im Eisenhütten-Werk in Reschitz. Er lässt sich in Krefeld nieder. Trandafir Monea ist die Flucht nicht gelungen. Die Strömung der Donau hat ihn zurück ans rumänische Ufer getrieben. Er ist über die Berge in Richtung Herkulesbad nach Hause gelangt, ohne dass ein Grenzer ihn entdeckt hätte. Er ist inzwischen gestorben. Gheorghe Grecu ist von Belgrad nach Australien gegangen, wo er eine neue Heimat gefunden hat.

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Bei der Einreise verhaftet Von Andrea Dobré Mein Vater, Vasile Dobré, war Kommunist. Ein richtiger Kommunist, so ganz nach der Weltanschauung von Marx und Engels. Ihm gefiel die Doktrin der Gleichheit aller. Zu dieser wurde er erzogen. Er war so etwas wie ein Selfmademan. Mit fünf Jahren wurden er und seine Schwester Waisen. Er kam in die Obhut einer Tante aufs Land. Die Tante, eine alleinstehende, arme, einfache und bigotte Frau, die keinen Beruf hatte, ernährte sich von den kümmerlichen Erträgen ihres kleinen Gartens. Das reichte kaum für einen, bestimmt aber nicht für drei. Der Junge musste arbeiten. Es gab keine andere Lösung. Sie nahm den Knaben und sprach in einer nahen Fabrik vor. Minderjährige durften jedoch nicht eingestellt werden. Das wusste auch die Tante; sie überzeugte die Herren in der Personalabteilung mit plausiblen Argumenten: „Wir haben keine andere Wahl. Soll er hier nachts die Fenster einschlagen und einbrechen, soll er ein Dieb oder ein Asozialer werden? Soll er ein Bettler oder ein Vagabund werden, oder soll er verhungern?“ Das beherzte und resolute Auftreten der alten Frau verfehlte die Wirkung nicht. Der Junge war für sein Alter schon gut entwickelt; man beschönigte seine Papiere und stellte ihn ein. Dem Jungen gefiel das gar nicht. Ungelernter Arbeiter wollte er nicht sein, sondern er wollte auf die Schule und einen Beruf lernen. Das trostlose und perspektivelose Leben auf dem Lande in einem rumänischen Weiler ödete ihn an und bot für seine Pläne keine Perspektiven. Kurzerhand ging der aufgeweckte, kluge Junge von zu Hause weg und meldete sich in einer Militärschule. Er nahm nun sein Schicksal und seine weitere Entwicklung selbst in die Hand. Er war begabt und strebsam und mauserte sich nach und nach zum Musterschüler. Sein Eifer hielt an; Fleiß, Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit deuteten schon früh auf eine außerordentliche Laufbahn hin. Er wurde Militärpilot und zuletzt Major der Luftwaffe im Stützpunkt Bukarest, wurde mehrfach ausgezeichnet und kam zu Geld und Ansehen. Der kommunistischen Ideologie war er zugeneigt. Deren praktische Verwirklichung verfolgte er jedoch argwöhnisch. Die Führungsschicht schuf sich selbst das Paradies auf Erden: Sie sicherte sich Macht, Wohlstand, Valutaläden und Auslandsreisen. Sie nannte ihre Politik „Diktatur des Proletariates“; in Wirklichkeit war sie jedoch der „Diktator des Proletariates“. Eine Frage quälte meinen Vater schon seit längerem, nämlich die, die schon Palmiro Togliatti (1893-1964), der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, in seinem politischen Testament seinen Zeitgenossen hinterlassen hat:

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Was ist falsch in unserer Politik und einem politischen System, das erlaubt, dass Leute wie Stalin an die Macht kommen, und ihnen gestattet, ungehindert ihr Unwesen zu treiben? Solche Fragen beschäftigten auch meinen Vater; er suchte darauf Antworten. Meine Mutter war eine Dame der guten Gesellschaft. Sie war eine Nachfahrin einer adeligen, früher einmal reichen deutsch-ungarischen Familie aus Siebenbürgen. Sie besuchte ein Mädchenpensionat, genoss eine erlesene Erziehung und sprach mehrere Sprachen. Sie pflegte die Tradition der vornehmen Bukarester Damen aus guter Familie, die untereinander nur die Sprache der Gebildeten sprachen: Französisch. Sie war stolz auf ihren Mann, hatte er es doch im Leben zu etwas gebracht; er war angesehen, die Familie war intakt, und er brachte reichlich Geld heim. Seine Bezüge waren die eines Ministers, obwohl er weder zur Nomenklatura gehörte, noch sich politisch betätigte. Unserer Familie fehlte es an nichts. So dachten wir. Mutter belehrte uns aber eines Besseren. Ihr kam die Idee, mit mir und meiner Schwester nach Bugarien zu fahren, um am Goldstrand des Schwarzen Meeres einen Badeurlaub zu genießen. Ihr Reiseantrag wurde aber von den Behörden abgelehnt: ohne Begründung. Sie war enttäuscht, fassungslos und fragte sich, wie kann man einer angesehenen, regimetreuen Familie eine Reise verweigern, und das sogar noch ins sozialistische Nachbarland. Vater Vasile nahm es gelassener. Seine tiefe Verachtung galt all den primitiven und gedankenlosen Apparatschiks. Er nannte sie einfach Schurken. Sein Stolz verbat ihm jeden Einspruch. Er sagte nur: „Der Weg zum Kommunismus ist mit Schurken gepflastert.“ In unserer Mutter gärte es seit dieser Reiseverweigerung. Sie fragte sich und ihren Mann, wenn wir nicht einmal nach Bulgarien fahren dürfen, wie können wir dann hoffen, einmal Paris oder Rom zu besuchen? Sind wir denn eingesperrt in unserem Land, und dürfen wir nicht die Welt sehen? Der Hinweis Vaters auf das schwierige Pflaster des Kommunismus genügte ihr nicht, und sie drängte ihn, etwas zu unternehmen, am besten dem sozialistischen Gedankengut abzuschwören und das Land zu verlassen. Vater und manche seiner Kollegen arbeiteten im Urlaub in der Landwirtschaft. Sie flogen Agrarflugzeuge. Dafür hatten sie russische Maschinen des Typs Antonow AN-2 zur Verfügung, die leicht für die jeweiligen Zwecke umgerüstet werden konnten, Flugzeuge mit starkem Motor und sicherem Flugverhalten, das auf kurzen Bahnen landen und starten konnte. Der Gedanke, mit dem Flugzeug zu fliehen, war Vater nicht geheuer; er wäre doch kein Abweichler oder Landesverräter. Die Idee blieb dennoch gegenwärtig, konnte aber mit keinem der Gefährten oder Genossen erörtert werden. Das wäre viel zu gefährlich gewesen, denn der Geheimdienst hatte viele Ohren. So blieb eine mögliche Flucht ein Thema, das Mutter immer wieder vorbrach-

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te, aber für Vater zum quälenden, zermürbenden Gedanken wurde. In dieser Zeit der Unentschlossenheit, es war das Jahr 1980, kam Vater eines Tages ganz aufgewühlt nach Hause. Wir sahen sofort, dass etwas Aufregendes geschehen sein muss. Ich wurde hinausgeschickt, was mich veranlasste, an der Tür zu horchen. Aristide Mihalcea, ein Pilot und Kamerad meines Vaters, ist mit dem Flugzeug über die Grenze nach Jugoslawien geflohen. Er hat die Antonow umgerüstet, voll betankt und ist im Morgengrauen unter dem Radar über die Westgrenze geflogen. Große Aufregung beim Geheimdienst; Nachforschungen und Befragungen folgten. Fluchtpläne waren für uns plötzlich wahnwitzig und unmöglich. Alles wurde auf Eis gelegt und vorerst gar nicht mehr darüber gesprochen. Auch Mutter stellte aus Angst ihre Überzeugungsarbeit Vater gegenüber ein. Nach einigen Jahren dann die Überraschung: Mihalcea war auf einmal wieder da. Irgendwann wollen alle Flüchtlinge einmal zu ihren alten Bindungen zurück. Er hatte die rumänische Staatsbürgerschaft abgelegt und war zu Besuch nach Rumänien gekommen. Er war sich sicher, dass ihm nichts geschehen konnte. Doch er irrte. Er wurde bei der Einreise verhaftet und wegen Diebstahls und illegaler Ausfuhr eines Transportmittels aus dem Eigentum des Staates zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Diebstahl eines Flugzeuges kam für meine Familie keinesfalls in Frage. Sie resignierte und verzichtete darauf, das Land zu verlassen. Das war das Ende der Fluchtpläne meiner Eltern.

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Johann Schmaltz:

Mit dem gepanzerten Geländewagen in die Freiheit Als Johann Schmaltz und sein Arbeitskollege am 25. Oktober 1980 mit einem allradgetriebenen Geländewagen bei Fienenfeld im Banat durchs Weizenfeld in Richtung serbische Grenze fahren, fallen Schüsse aus den Maschinenpistolen zweier Grenzsoldaten. Die Kugeln aus den Kalaschnikows prallen von dem neuen Wagen ab, den beiden Flüchtenden passiert nichts. Kaum haben die Soldaten das Feuer eröffnet, müssen sie es auch schon einstellen. Der am 4. November 1956 in Saderlach im Banat geborene Schmaltz und sein rumänischer Kollege haben genau die Stelle zur Flucht ausgesucht, wo die Grenze halbkreisförmig ins serbische Gebiet hineinstülpt. Johann Schmaltz Als die beiden mit dem Auto von einer links des Halbkreises stehenden Erdölsonde, die sie angeblich reparieren wollten, mit dem Geländewagen losfahren, sitzen zwei Soldaten genau an den Stellen, wo der Radius den Halbkreis abdecken würde. Im Augenblick, wo der Jeep diese gedachte Linie erreicht, müssen die beiden aufhören zu feuern, denn sonst könnten sie sich gegenseitig treffen. Danach dürfen sie nicht mehr schießen, weil die Kugeln serbisches Gebiet erreicht hätten. Schmaltz weiß, wo die beiden Soldaten sitzen. Er ist eben von der ersten Plattform des Förderturms herabgestiegen. Ein dritter Soldat sitzt in einiger Entfernung zum links postierten. Er kann nicht eingreifen, denn sein Kollege sitzt ihm im Weg. Schmaltz und sein Arbeitskollege haben es geschafft. Die Rundumpanzerung des Geländewagens hat sie geschützt, Mühe und lange Planung haben sich gelohnt. Auch die Windschutzscheibe des Autos ist mit fünf Millimeter starkem Blech unterlegt. Schmaltz als Beifahrer gibt seinem fahrenden Kollegen Anweisungen, wie er den Wagen zu steuern hat. Er blickt durch ein Drei-Zoll-Rohr, das aus dem Wagen unter der Motorhaube hindurch zum Kühlergrill hinausführt und den Blick nach vorn freigibt. Die beiden Flüchtenden fahren mit dem neuen Geländewagen in einen mit Schlamm gefüllten sechs Meter breiten Kanal und flüchten zu Fuß weiter. Schmaltz verliert die Schuhe. Er und sein Kollege erreichen nach einem Lauf von etwa einem Kilometer ein Maisfeld. Als Orientierungspunkt dient ihnen ein Schornstein in Pardan, wo sein Freund Matthias

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Eisele aus Olching bei München in einem grünen Wagen auf sie wartet. Mit auf die Flucht gehen wollten eigentlich zwei weitere Männer: Schmaltz' Vetter und ein weiterer Arbeitskollege. Der Arbeitskollege springt im letzten Augenblick ab: Er hat 90 000 Lei auf der Bank liegen und will die nicht verlieren - bei einer gelungenen Flucht würde der rumänische Staat das Geld beschlagnahmen. Weil der abgesprungene Kollege mit einem Zementtransporter an die Grenze fahren und Schmaltz' Vetter mitnehmen sollte, ist die Fluchtgruppe von vier auf zwei Mann geschrumpft. Schmaltz sagt dem Vetter nichts von der eingetretenen Wende. Schmaltz möchte kein Risiko eingehen, denn es ist für einen Deutschen, der bei Erdölfördergesellschaft beschäftigt ist, kaum noch möglich, auf ein Ölfeld in Grenznähe zu gelangen. Weil schon eine Reihe von Mitarbeitern der Firma über die Grenze gelaufen ist, bekommt kaum noch einer die Erlaubnis, in Grenznähe zu arbeiten. Auch Schmaltz nicht. Er stellt sich selbst einen Ausweis aus, der ihm den Weg an den Posten vorbei zur Grenze freimacht. Schmaltz kann sich jetzt als Ingenieur ausweisen. Er stellt sich und dem Fahrer auch den nötigen Dienstschein aus. Am 24. Oktober 1980 steht fest: Am nächsten Tag werden die beiden mit dem Geländewagen in Richtung Fienenfeld starten. Schmaltz hat die Zuschnitte für die Wagenpanzerung fertig. Um 19.30 Uhr geht er zur Post und teilt seinem Freund in Deutschland telefonisch mit, dass die Hochzeit - es ist das Kennwort für die Flucht - am nächsten Tag um 16.30 Uhr stattfindet. Nachts nimmt er noch einen Kasten mit Reagenzgläsern aus dem Büro seiner Schwester, die als Chemieingenieurin bei der Erdölgesellschaft beschäftigt ist. Der Kasten soll als zusätzlicher Beweis dienen, dass Schmaltz als Ingenieur zu einer dringenden Prüfung an die Sonde neben der Grenze geschickt worden ist. Am Samstag, dem 25. Oktober 1980, nimmt Schmaltz noch seinen Lohn entgegen, 2300 Lei, und um 13.30 Uhr fahren er und sein Kollege los. Am Militärstützpunkt Fienenfeld weisen sich die beiden aus. Offiziere wie Soldaten tragen Paradeuniform, weil sie den Tag der Armee begehen. Schmaltz scherzt: Er sagt dem Offizier, er dürfe feiern, aber er selbst, der eigentlich zu einer Hochzeit eingeladen sei, müsse jetzt arbeiten. Stets treffe es die jungen Leute, wenn zusätzliche Arbeit anfalle. Der Offizier versucht ihn zu trösten; auch er sei einmal jung gewesen, und auch ihm sei es nicht anders ergangen. Er winkt die beiden durch. An der Sonde direkt neben der Grenze steht ein Wächter, der Schmaltz abnimmt, dass er den Druck in der Sonde messen müsste; er lässt ihn auf die Plattform steigen. Schmaltz sieht sich aber lediglich um. Er weiß jetzt, wo die Soldaten Position bezogen haben. Aber er weiß auch, dass die Flucht durchs Weizenfeld erfolgen muss. Er verlässt die Plattform, steigt in den Wagen, der Fahrer wendet. Parallel auf dem zur Grenze verlaufenden Weg geht es ein Stück zurück, dann steuert er nach links in das Weizenfeld in Richtung Grenze. In Pardan steigen die beiden Flüchtlinge in den grünen Wagen des Freundes

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und erreichen die deutsche Botschaft in Belgrad, wo ein Mitarbeiter sie zur Polizei schickt, denn er könne ihnen erst nach Absitzen der Haft weiterhelfen. Schmaltz bedankt sich und meint, wenn sie die streng bewachte rumänische Grenze überwunden hätten, könnten sie die anderen beiden auch noch überschreiten. Im Wagen des Freundes geht es nach Sankt Egidi. Sie erreichen den Grenzort gegen 22 Uhr und stehen vor einem zweieinhalb Meter hohen Zaun. Sie wollen zwischen den Pkw über die Grenze nach Österreich. Die Wagen müssen zu jener Zeit noch einzeln in Boxen fahren, wo sie kontrolliert werden. Ist ein Auto in der Box, schließt sich der Ausgang. Die beiden Flüchtlinge rennen gleichzeitig los. Jeder hat eine leere Box im Visier. Schmaltz' Arbeitskollege kommt durch und ist in Österreich. Als Schmaltz in „seine“ Box rennt, folgt ihm ein Wagen, und der Ausgang schließt sich. Um aus der Falle zu kommen, muss er die Flucht nach rückwärts antreten. Durch Wald gelangt er in einer Dreiviertelstunde an die Mur. Es ist kalt, die Mur führt Eis. Schmaltz zieht sich aus, packt die Kleider in eine Tüte und steigt ins Wasser. Er verwundet sich an der Brust, überwindet den etwa 10 Meter breiten Fluss und meint, in Österreich zu sein. Doch plötzlich stehen zwei jugoslawische Soldaten neben ihm. Schmaltz bietet ihnen sein Gehalt an, das er mitgenommen hat. Einer der Grenzer ist bereit, ihn für das Geld laufen zu lassen, der zweite aber nicht. Polizei holt ihn ab und bringt ihn nach Marburg an der Drau. Um 15.30 Uhr verurteilt ein Richter ihn zu 14 Tagen Gefängnis. Schmaltz sitzt drei Tage lang in Einzelhaft. Es geht ihm gut: Die Wärter bringen ihm Milchkaffee und Schnitzel. Nach den drei Tagen kommt er in eine Zelle, in der sechs Rumänen aus der Kleinen Walachei einsitzen. Schmaltz wird ihr Dolmetscher. Die Zeit vertreiben sich die Landsleute mit Mühlespiel. Nach Österreich abgeschoben Am 14. Tag erscheint ein Hauptmann, lässt alle sieben in einen Kastenwagen einsteigen. Die Fahrt geht los; plötzlich hält der Wagen, alle sieben müssen ein Stück Papier unterschreiben, dann geht es zur österreichischen Grenze in die Freiheit. Die Freigelassenen marschieren los, vor einem Ort entdecken sie Leute. Sie meinen, schon wieder vor einer Grenze zu sein. Sie robben durch Schneematsch und merken schließlich, dass die Leute vor ihnen Straßenbauer sind. Es ist Mittagszeit. Schmaltz sieht einen alten Bauern, der eben die Straße fegt, geht auf ihn zu und bittet um eine Zigarette. Er bekommt sie, teilt sie mit den anderen. Sie wissen jetzt, dass sie in Österreich sind. Die Gruppe teilt sich. Schmaltz und einer der sechs haben Deutschland als Ziel. Die anderen fünf gehen ins Flüchtlingslager Traiskirchen bei Wien. Dort wollen sie abwarten, bis Australien oder Kanada sie als Neubürger aufnimmt.

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Schmaltz und sein Begleiter, der zu seiner Schwester nach Darmstadt will, marschieren los. In zwei Tagen und drei Nächten schaffen sie 142 Kilometer. Sie ernähren sich von Äpfeln, die sie noch in den Plantagen finden. Sie versuchen vergebens per Anhalter weiterzukommen; keiner nimmt sie mit. Sie erreichen Ziethen. Schmaltz wechselt in einer Bank sein Gehalt. Für 2000 Lei erhält er 100 Schilling. Die reichen, um eine Landkarte und drei Brote zu kaufen. An einer Tankstelle fragt Schmaltz einen Bremer Lkw-Fahrer, ob er sie in Richtung Deutschland mitnimmt. Er tut es. Auf der Fahrt fragt der Fahrer Schmaltz aus, der ihm sogar die Telefonnummer seines Freundes Matthias Eisele in Deutschland gibt. Der Fahrer gibt jedem der beiden einen Flachmann. Die beiden Flüchtlinge trinken und legen sich in der Koje schlafen. Nach einer Stunde weckt der Fahrer die beiden, lädt sie in eine Raststätte ein und spendiert jedem eine Bockwurst, dazu Kaffee. Er wiederholt die Bestellung dreimal. Die inzwischen gesättigten Flüchtlinge legen sich erneut schlafen. Als der Fahrer die beiden ein zweites Mal weckt, steht der Lastkraftwagen schon zwei Kilometer hinter der deutschen Grenze. Auf dem Rastplatz begrüßt sie Schmaltz' Freund Matthias Eisele. Der Fernfahrer hat ihn telefonisch herbeigerufen. Der gelungene Grenzübertritt am 25. Oktober 1980 ist nicht der erste Fluchtversuch, den Schmaltz unternommen hat. Im September 1979 hat sich Schmaltz zusammen mit einem Vetter in einer eigens gezimmerten 2,30 Meter langen und 50 Zentimeter breiten Kiste auf einem Lastkraftwagen der Ölfördergesellschaft versteckt. Über die Kiste sind mit Kohlenstaub gefüllte Säcke gestapelt. Der Kohlenstaub wird an einer Ölsonde an der Grenze bei Hatzfeld gebraucht. Eines Tages um 16 Uhr geht es los. Aber der Lkw versagt kurz vor dem Ziel. Grenzer tauchen auf, ein Offizier und ein Soldat bleiben in der Nähe, bis das Auto repariert ist. Sie begleiten den Wagen bis zur Sonde und warten, bis er entladen ist. Die beiden in der Kiste bleiben unentdeckt. Der Lkw-Fahrer nimmt sie mit zurück. Als er sie aus der Kiste steigen lässt, stellen die beiden fest, dass sie sich kaum bewegen können. Eine Flucht in diesem Zustand wäre unmöglich gewesen. Die beiden hätten auf ein Kommando des Fahrers die Kiste an der Grenze verlassen sollen. Als Schmaltz im Januar 1981 bei der rumänischen Botschaft in Köln die Entlassung aus der rumänischen Staatsangehörigkeit beantragt, erfährt er, dass er in Abwesenheit zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden sei. Damit seinem Antrag entsprochen werden könne, müsse er vorher für den angerichteten Schaden aufkommen: Er betrage 85 000 Lei. Er sei entstanden, weil er den neuen Wagen in den Kanal an der Grenze gefahren habe. Schmaltz ruft in der Botschaft an und fordert den Mann am Ende der anderen Leitung auf, ihm seine 800 Lei zurückzugeben, die er schon für die Absage bezahlt habe. Er bekommt aber kein Geld zurück, ruft im Februar erneut an und erfährt, seine Strafe sei

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inzwischen nach einer Amnestie halbiert. Schmaltz profitiert von weiteren zwei Amnestien: am 1. Mai und am 23. August 1981. Danach beträgt seine Reststrafe noch vier Monate. Im September lassen die rumänischen Grenzer ihn nicht einreisen. Kurz darauf fährt er wieder in Richtung Rumänien, und zwar mit 24 000 Mark in der Tasche. Seine Schwester braucht sie, um sich und die Familie freizukaufen und ausreisen zu dürfen. Anfangs heißt es, er dürfe nicht ins Land. Als er aber sagt, die Grenzer sollten einmal nachhören, ob nicht doch ein Hinweis angekommen sei, dass er mit Geld auftauchen werde, ist der Weg frei für ihn. Die Überraschung erlebt er erst bei der Ausreise. Die Grenzer lassen den halben Wagen auseinandernehmen, weil sie versteckte Papiere darin vermuten. Die hat Schmaltz tatsächlich dabei, doch dort, wo er sie versteckt hat, vermuten sie die Grenzer nicht. Johann Schmaltz lebt heute mit seiner Familie in Frankenthal in der Pfalz. Beschäftigung hat er gefunden als Maschinenführer bei Mercedes in Mannheim.

Diesen Dienstausweis hat sich Johann Schmaltz selbst ausgestellt, um an die Grenze fahren zu können.

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Valentin Seifer:

Geheimdienst-Mitarbeiter als Schlepper Wer den richtigen Schlepper hat, dem bereitet auf der Flucht über die rumänisch-serbische Grenze höchstens der Jauchegraben Schwierigkeiten. Das erfahren Hilde (geboren am 30. November 1954) und Valentin Seifer (geboren am 9. Februar 1950) sowie Josef Emeneth aus Sanktanna am 13. November 1980. Ein etwa 30 Jahre alter hauptamtlicher Mitarbeiter des Geheimdienstes Securitate fährt die Hilde und Valentin Seifer drei in seinem Wagen an die Grenze bei Großsanktnikolaus und entlässt sie in die Freiheit. Hilde und Valentin Seifer bezahlen dafür 60 000 Lei, ein kleines Vermögen. Als Zugabe wechselt eine Gasflasche für den Betrieb eines Sparherds, damals in Rumänien kaum zu haben, den Eigentümer. Die drei sind die letzten, denen der Geheimdienstler zur Flucht verhilft. Vor ihnen sind mit seiner Hilfe schon 49 Männer aus Sanktanna nach Jugoslawien gelangt. Frauen wollte er nicht über die Grenze schleusen. Valentin Seifer kommt an den Mann über das Kennzeichen seines Wagens heran. Zuerst will das nicht gelingen, weil eine Ziffer nicht stimmt. Doch dann fällt Seifert die falsche Ziffer ein; er findet den jungen Mann, der ihn beim ersten Kontakt schroff abweist. Ein paar Tage später hört er aber schon zu. Valentin Seifer solle sich in einer Woche erneut melden. Der Schlepper hält Seifer einige Monate hin. In dieser Zeit hilft er Andreas Henger senior und junior und deren Nachbarn über die Grenze. Andreas Henger ist mit Seiferts Cousine Theresia verheiratet. Eine Woche nach den Hengers sind Seifers und Emeneths an der Reihe. Hilde Seifer ist die einzige Frau, die der Geheimdienstmann über die Grenze schleust. Er nimmt die drei mit seinem Wagen mit bis zur Grenze. Sie müssen zweimal aussteigen, und zwar kurz vor den Stellen, an denen Grenzposten alle Vorbeikommenden kontrollieren. Die drei müssen die Posten umlaufen; danach nimmt der Grenzer die Flüchtlinge erneut ins Auto und fährt sie bis in Grenznähe. Alles ist so geplant, dass sie beim Wechsel der Grenzposten ankommen. Der Wechsel dauert eine halbe Stunde. In dieser Zeit müssen die drei die Grenze überschritten haben. Sie kommen um 21.45 Uhr an, steigen sofort aus und ge-

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hen Richtung Serbien. Eine Flamme über einer Fabrik in Kikinda zeigt ihnen den richtigen Weg. Weil sich der Lehm der Feldwege wie Kleister an die Schuhe heftet und das Fortkommen erschwert, zieht Valentin Seifer die Schuhe aus und geht auf Socken weiter. Seine Frau und Emeneth tun es ihm gleich. Die drei Flüchtenden überwinden sechs Kanäle, die zugefroren sind; sie müssen die dünne Eisschicht mit der Brust durchbrechen, um durchzukommen. Der letzte Kanal ist gefüllt mit Gülle, aus dem sie nur mit schwerer Mühe herauskriechen können. An der Kanalkante ist Stacheldraht gespannt. Valentin Seifer trägt eine dicke Jacke aus Kalbleder, die ihm sein Freund Jakob Reinholz geschenkt hat. Rheinholz und seine Frau Theresia, die heute in Lahr/Schwarzwald zu Hause sind, hatten schon die Genehmigung, Rumänien zu verlassen, doch sie warten die Flucht der Seifers ab. Mit der Lederjacke als Schutz auf dem Rücken stemmt sich Valentin Seifer unter den Stacheldraht und hebt ihn mit seiner Körpergewalt hoch. Die Jacke wird zwar durchlöchert, doch alle drei kommen durch. Die Jacke bewahrt Seifer auf als Andenken an die gelungene Flucht. Ein serbischer Grenzposten stellt die drei. Im Gefängnis von Großbetschkerek werden sie verhört. Eine Nacht sind Valentin Seifer und Josef Emeneth in einem Raum mit 30 geflüchteten Rumänen. Sie sind alle in derselben Nacht in Jugoslawien eingetroffen. Nach der ersten Nacht werden Seifert und Emeneth von den Rumänen getrennt. Die Serben stecken sie in eine Zelle ohne Bett und ohne Decke. Das einzige Fenster ist in zwei Metern Höhe. In der Ecke der Zelle steht ein nicht geleerter Kübel, der als Abort dient. Das einzig Positive: Die Heizkörper sind sehr warm. Nach der zweiten Nacht müssen die beiden den Kübel leeren. Ein Wärter holt Valentin Seifer ab, um Decken zu holen. Die Decken sind nass und stinken nach Urin. Seifer will trockene aussuchen. Doch das verbietet ihm der Wärter mit einem Schlag mit dem Gummiknüppel über den Rücken. Als die Decken auf dem Heizkörper zu trocknen beginnen, wird die Luft so schlecht, dass die beiden meinen, nicht mehr atmen zu können. Während die beiden in der Zelle festgehalten werden, dürfen die Rumänen auf dem Hof täglich ihren Rundgang machen. Auch die Frauen haben Gelegenheit, sich auf dem Hof zu bewegen. Seifer steigt eines Tages Emeneth auf die Schultern und sieht durch das zwei Meter hohe Fenster seine Frau, der er sich durch eine schon seit der Jugend bekannte Melodie pfeifend zu erkennen gibt. Dann ist der 30. November gekommen, Hilde Seifers Geburtstag. Seifer und Emeneth formen aus Zeitungspapier Blumen und werfen sie zum Fenster hinaus auf den Hof. Das hat Folgen: Der Wärter schlägt wieder mit dem Gummiknüppel zu und vernagelt das Zellenfenster. Jetzt fehlt den beiden auch noch die frische Luft. Nach 21 Tagen sehen die beiden Männer Hilde Seifer vor dem Umzug nach Padinska Skela wieder. Die beiden Männer stecken noch immer in den von der

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Gülle verdreckten Kleidern, Hilde Seifer hingegen ist geduscht, ihre Kleider sind gewaschen. Die Seiferts erhalten ihre Tasche zurück, doch den Inhalt sehen sie nicht mehr. Alles, was darin war, vom Löffel übers Messer bis zur Gabel ist verschwunden. In Padinska Skela, dem Gefängnis mit UNO-Lager nördlich von Belgrad, begrüßen an die 100 Rumänen die drei Neuankömmlinge mit der frohen Botschaft, dass sie nach drei Tagen frei sein werden. Wie Valentin Seifer sagt, haben die serbischen Behörden die Rumänen in jenen Tagen nicht abgeschoben, sondern in die Nähe der italienischen Grenze gefahren, damit sie sich ins Nachbarland absetzen konnten. Am dritten Tag sind die drei Flüchtlinge aus Sanktanna frei. Im Warteraum des UNO-Lagers, wo sie auf die Aufnahme ihrer Daten warten, kommt eine Beamtin und ruft Valentin Seifer ans Telefon. Er erschrickt. Doch gleich danach macht sich Freude breit. Am anderen Ende der Leitung ist Familie Reinholz, die die Valentins schon seit drei Wochen sucht. Plötzlich hat Valentin Seifer alles vergessen; die Strapazen der Flucht, die Haft. Freudentränen rinnen ihm über die Wangen. Als die UNO-Mitarbeiter das sehen, müssen auch sie weinen. Die Valentins erhalten Pässe in der deutschen Botschaft. Sie wechseln die 10 000 Lei, die Hilde Seifer in die Lederjacke ihres Mannes eingenäht hat. Mit den Dinar kaufen sie ein. Sie brauchen neue Kleider, wollen die verdreckten loswerden. Am 9. Dezember 1980 hören sie noch einige Weihnachtslieder in der deutschen Botschaft, anschließend verlassen sie Belgrad in Richtung Westen. An der österreichischen Grenze schüttelt der Zollbeamte jedem der drei die Hand und wünscht einen guten Anfang in Deutschland. Die drei Grenzgänger haben wieder Tränen in den Augen. Am 10. Dezember sind sie in Nürnberg. Hilde und Valentin Seifer können sechs Monate später ihren Sohn wieder in die Arme schließen. Die Seiferts lassen sich anfangs in Freiburg im Breisgau nieder; seit 1997 sind sie in Breisach am Rhein zu Hause. Hilde arbeitet als Schneiderin in einem Modehaus, Valentin als Hausmeister - zuerst in einem Modehaus und neuestens in einer Sportlerklinik; seit 2000 hat er seinen eigenen Hausmeisterdienst.

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Josef Herbst, Josef Stadtfeld, Hans Hahn junior, Hans Krier:

Der freundliche Fluchthelfer Wenn einige der acht Mann aus der Billeder Flüchtlingsgruppe zusammensitzen und Erinnerungen austauschen, kommt ab und an die Geschichte des Jakob Lenhardt auf die Tagesordnung. Und dann haben wieder einmal alle etwas zu lachen. Als die acht aus der Banater Gemeinde im Südwesten Rumäniens am Morgen des 7. August 1981 zusammen mit weiteren 20 Frauen und Männern über die rumänisch-jugoslawische Grenze laufen, ist Lenhardt gut gerüstet. Von seinem nach dem Krieg in Deutschland gebliebenen Vater hat er Motorradhandschuhe mitgebracht. Sie reichen bis an die Ellenbogen und gehören genauso zu seiner Fluchtausrüstung wie ein zünftiges Fleischermesser. Damit, so seine damalige Vorstellung, hätte er die scharfen Hunde der Grenzsoldaten abwehren können. Die Handschuhe sollten Schutz gegen Bisse bieten, mit dem Messer wollte er die Hunde abschlachten. Die Ausrüstung hat Lenhardt nicht gebraucht. Gott sei Dank, sagt Josef (Sepp) Herbst (geboren 1933), der ebenfalls zu der Gruppe gehört. Alle 28 sind durchgekommen, manche mit kleinen Blessuren.

In der Durchgangsstelle für Aussiedler in Nürnberg angekommen sind: (von links) Josef Herbst, Matthias Lay, Jakob Lenhardt, Josef Stadtfeld, Hans Hahn junior, Rudolf Kastel, Hans Hahn senior, Helmut Lay und Hans Herbst. Foto: Peter Krier

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Darunter ist eine Frau, die wegen Grenzübertritts verurteilt und erst vor zwei Wochen zur Entbindung in Hafturlaub geschickt worden ist. Dabei sind außerdem eine im sechsten Monat Schwangere und eine Frau mit ihrem zwölfjährigen Sohn. Diese Flucht und eine Reihe von weiteren illegalen Grenzübertritten haben Fluchthelfer von April bis Oktober 1981 ermöglicht in einem Grenzabschnitt bei Tschawosch. Vermutlich Verrat setzt dem ganzen ein Ende. Hauptfluchthelfer Basilius K. (Name geändert) kommt ins Gefängnis. Er bricht aus, flieht nach Serbien und gelangt nach Italien. Von dort holen ihn einige der Flüchtlinge, die 1981 mit seiner Hilfe Rumänien verlassen haben, nach Deutschland. Mathias (Matz) Hell (geboren 1933) sammelt Geld und schickt es Basilius. Inzwischen hat sich die Spur des freundlichen Fluchthelfers verloren. Basilius, der angeblich Baptist ist, kassiert im Sommer 1981 von jedem Flüchtling 20 000 Lei. Eine Vierzimmerwohnung wechselt in jener Zeit in Rumänien den Eigentümer für rund 120 000 Lei. Mehr oder weniger Eingeweihte wollen wissen, dass Basilius seinen Anteil an dem Schlepperlohn nicht für sich behalten, sondern der Baptistengemeinde in der Banater Hauptstadt Temeswar gespendet hat. Über ihn sprechen die meisten seiner Kunden mit Respekt, manche nennen ihn sogar den freundlichen Helfer. Von den Grenztruppen ist mindestens ein Offizier als Helfer tätig, wahrscheinlich aber mehrere. Eingeweiht sind außerdem Peter Stein (1933-1987) als Vermittler zwischen Fluchthelfer und Fluchtwilligen, ferner ein Treckerfahrer. Peter Stein aus dem Dorf Denta ist Nachtwächter und Basilius Baggerführer auf einer Kanalbaustelle an der serbischen Grenze. Deshalb kennt sich Basilius dort aus wie in seiner Westentasche. Als Entwässerungskanalbauer an der Grenze lernt er, ob er will oder nicht, die Grenzer kennen. Rudolf Kastel (geboren 1940 in Temeswar), der Basilius über die Frau seines geflohenen Arbeitskollegen Karl Loth (geboren 1942 in Temeswar) kennen lernt, beschreibt den Fluchthelfer als dunklen, kräftigen Mann mit Narben im Gesicht, die er anfangs als Folge von Schlägereien deutet. Wie er später erfährt, sind es Spuren von Misshandlungen bei Polizeiverhören. Als Reaktion darauf hilft er Auswanderungswilligen, illegal die Grenze zu passieren. Basilius ist zu jener Zeit etwa 30 Jahre alt und ein kräftiger, sportlicher Typ, sagt Hans Hahn senior aus Billed. Basilius versucht stets, ein Vertrauensverhältnis zu seiner Kundschaft aufzubauen. Er erzählt beispielsweise Rudolf Kastel, wie er seinem Bruder zur Flucht nach Kanada verholfen hat und von dessen illegalem Besuch über die grüne Grenze beim schwerkranken Vater in Rumänien. Zusammen mit Kastel fährt er mit dem Auto ins Grenzgebiet, um die Aufstellung der Soldaten nach Einbruch der Dunkelheit zu beobachten. Mit einem kanadischen Militärnachtsichtgerät kann er auf zwei Kilometer Entfernung jede Bewegung wahrnehmen. Basilius

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lehrt Kastel, Geräusche zu deuten, ferner, wie man sich am besten bewegt und welche Kleidung am besten tarnt. Die Fahrt zur Grenze erfolgt jedes Mal anders. Die Flüchtlinge steigen immer in wechselnden Orten um oder starten in Temeswar mit einem anderen Verkehrsmittel. Basilius ist vorsichtig. Auf der Fahrt zur Grenze bekommt Kastel auch das mit: Nach Einbruch der Dunkelheit entfernen sich die Soldaten etwa zwei Kilometer von der Grenze und postieren sich an bestimmten Plätzen entlang einer ZickzackLinie in Form des Buchstaben W. Sie verfügen über Suchscheinwerfer und Spürhunde. Jeder Grenzerstützpunkt ist für einen Abschnitt von etwa 7,5 Kilometer zuständig. Flüchtende müssen zwischen zwei Posten auf Hochständen durchschleichen. Die Bewässerungs- und Entwässerungskanäle in diesem Grenzabschnitt führen zu einem großen Sammelkanal, der auf serbischer Seite in die Temesch mündet; die Temesch fließt bei Belgrad in die Donau. Die Kanäle werden Rudolf Kastel periodisch mit Löffelbaggern vom Schlamm gesäubert. Die Baggerfahrer kennen alle Kanäle und wissen, in welchem Kanal nachts Posten stehen und welcher nahe der Grenze mit einem Drahtverhau verschlossen ist. Ein Kanal ist etwa fünf Meter breit und drei Meter tief. Er hat einen Böschungswinkel von 45 Grad. Wasser und Schlamm bedeckten seine Sohle. Basilius' Wissen und das seiner Mittelsmänner sind Voraussetzung für das Gelingen der Flucht. Und noch etwas ist wichtig: Die Flüchtenden müssen südwärts gehen. Basilius sagt seinen Kunden stets, sie sollten darauf achten, dass keiner nach Überschreitung der Grenze von der vorgegebenen Himmelsrichtung abweicht, weil dann die Gefahr bestehe, wieder in Rumänien zu landen. Deshalb besorgt sich Kastel eine serbische Militärkarte des Grenzgebiets und einen Nachtkompass, der der 28 Mann starken Gruppe tatsächlich von Nutzen sein wird. Auf welche Weise Basilius zum Fluchthelfer wird, berichtet Marlene Nagy (geboren 1957) aus Kleinbetschkerek, die inzwischen ein zweites Mal verheiratet ist, damals aber die Schwiegertochter Peter Steins war. Am 2. Februar nutzt Marlene Nagys Mutter einen Besuch in Jugoslawien zur Flucht nach Deutschland: Susanne Paul (geboren 1937) ist im Besitz eines Passes für den sogenannten kleinen Grenzverkehr, der ihr erlaubt, nach Serbien zu fahren, um einzukaufen und kleine Geschäfte abzuwickeln; sie aber auch verpflichtet, noch am selben Tag heimzukehren. Nach der gelungenen Flucht sucht Marlene Nagys Va-

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ter, Franz Paul, eine Möglichkeit, um seiner Frau nach Deutschland folgen zu können. Über den Schwiegersohn, Johann Stein (geboren 1954), kommt die Verbindung zu Mitvater Peter Stein und zu Basilius zustande. Peter Stein will allerdings lediglich Franz Paul, seinem Mitvater, helfen. Er will eigentlich nicht, dass sein Sohn mit dem Schwiegervater flüchtet. Wenn er das gewusst hätte, wäre er nie mit dem Vorschlag an Franz Paul herangetreten - wird er später seinem Sohn sagen. Den ersten Schub schafft Basilius am 6. April 1981 über die Grenze bei Tschawosch: Franz Paul, dessen Tochter Hannelore (geboren 1961), Johann Stein, Franz Hoffner, Johann Paul, der allerdings nicht mit Franz Paul verwandt ist, und einen unbekannten Rumänen. Aus Franz Pauls Familie bleiben lediglich Tochter Marlene wegen ihrer beiden Kinder und die Oma daheim in Kleinbetschkerek, der Rest folgt Basilius zur Grenze. Zweieinhalb Jahre dauert es, bis Marlene Nagy zusammen mit ihren beiden Töchtern und der Oma die Ausreisegenehmigung erhalten werden. Doch auch nur deshalb, weil es ihr Anfang September 1983 gelingt, dem rumäniAnna und Mathias Hell mit Anna Kilzer schen Staatschef Nicolae Ceauşescu bei in Pforzheim einem Besuch in der Banater Hauptstadt Temeswar einen Brief mit ihrem Anliegen zu überreichen. Ihre vorhergehenden Anträge sind angeblich stets verlorengegangen. Um den Brief überreichen zu können, mischt sich Marlene Nagy mit ihrer drei Jahre alten Tochter auf dem Arm unter die zum Jubeln zusammengetriebene Menschenmenge am Straßenrand. Nach der geglückten Übergabe führen Mitarbeiter des Geheimdienstes Securitate Marlene Nagy und ihre Tochter ab in eine Schule in der Stadtmitte, wo sie zusammen mit vielen Gleichgesinnten den ganzen Tag festgehalten und verhört wird, allerdings ist der Umgangston ausnahmsweise höflich. Nachdem Ceauşescu seine Rede gehalten hat, lässt der Geheimdienst die Festgehaltenen laufen. Als Marlene Nagys Eltern zum ersten Mal nach der Flucht nach Rumänien fahren, lässt der Geheimdienst sie spüren, wie er mit Leuten wie ihnen umzugehen pflegt. Grenzbeamte schikanieren sie, die Mutter muss sich ganz ausziehen. Weil die Grenzer ihre Pässe nicht abstempeln, schicken die ungarischen Kollegen die beiden zurück nach Rumänien. Die beiden geraten in Panik, denn sie wissen nicht, weshalb die Ungarn sie zurückgewiesen haben.

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Im Mai 1981 organisiert Basilius den zweiten Grenzübertritt; und danach den dritten mit Matz Hell, seiner Frau Anna aus Kleinbetschkerek, mit Peter Dietz aus Sankt Andreas, Anna Kilzer aus Jahrmarkt (geboren 1937) und Karl Loth aus Temeswar. Diese dritte Flucht unter Basilius' Regie hat Anna Kilzer am 27. August 1982, ein Jahr nach der Ankunft in Deutschland, in Schönstatt auf'm Berg aufzuschreiben begonnen. Am 27. Juni führt Basilius 16 Frauen und Männer an die Grenze. Zu ihnen gehören auch Anna und Matz Hells Töchter mit den Schwiegersöhnen: Anni (1953) und Hans Krier (1951), Katharina (geboren 1958) und Hans Szabo (geboren 1952), ferner Magdalena und Toni Szabo aus Überland. Auch Krier schildert Basilius als vorsichtigen Mann. Die Leute, die er über die Grenze schleust, sucht er stets selbst aus. Von denen, die er akzeptiert, darf keiner auf eigene Faust jemanden mitbringen. Das verbietet er jedem. Über das Zusammenwirken von Basilius mit Grenzoffizieren berichtet Hans Krier: „Kurz vor der Grenze standen wir plötzlich im Scheinwerferlicht. Doch passiert ist nichts. Ich bin mir sicher, die haben uns gezählt, damit sie wussten, welchen Anteil sie von Basilius zu bekommen hatten.“ Am 3. September 1981 führt Basilius 18 Frauen und Männer an die serbische Grenze. Dabei ist auch Johann Pauls Familie: seine Frau Anna und die Töchter Sieglinde und Inge. Und dann, am 29. September, dem Tag, als die Securitate Basilius verhaftet, geht die Erfolgsgeschichte zu Ende; sie hat lediglich einen Sommer gewährt. Anna Kilzer: Abschied nach der letzten Maiandacht Ja, ja, es war schon ein ereignisreiches Jahr, das Jahr 1981. Mitte Mai fing es an, da hörte ich zum ersten Mal davon, dass sich meine Wünsche, nämlich nach Deutschland auszureisen, verwirklichen sollten; also ein Hoffnungsschimmer. Als ich aus dem Urlaub, den ich in dem Kurort Slănic Moldova verbracht hatte, zurückgekehrt war, da hörte ich mit Verwunderung, dass Anna Hell Urlaub genommen hatte. Denn sie hatte nichts von Urlaub erwähnt. Nun, wir hatten uns nicht mehr getroffen, und ich war sehr erstaunt, als eines Morgens die Gabor in den Lagerraum kam und mir sagte, Tante Anni ist am Eingangstor, sie sucht dich und Seppi Guth. Ich rief Seppi, und wir gingen zum Tor, wo Anna Hell wartete. Was sie uns zu sagen hatte, war phänomenal. Geradeheraus fragte sie uns, ob wir mitkommen wollten, denn Matz, ihr Mann, hat jemanden gefunden, der uns über die Grenze bringt. Seppi bedauerte, er habe keine 20 000 Lei. Ich hatte keine Bedenken, ich sagte sofort, ich gehe mit, wenn die Flucht nicht übers Wasser führt. Komisch an der ganzen Sache war: Während wir unsere Flucht besprachen, kamen unsere „Herren“ einer nach dem anderen zur Arbeit und marschierten an uns vorbei. Wir sagten noch, wenn die wüssten, was wir besprechen - das würde die umhauen.

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Anna sagte mir noch, dass wir uns am Donnerstag treffen und dann zu Basilius gehen werden, wo alles besprochen wird. An Christi Himmelfahrt trafen wird uns also alle: Da waren Familie Hell, ich, ein Kollege von Mathias und Peter Dietz aus Sankt Andreas. Basilius fragte uns, wann wir gehen wollten, am Montag, dem 1. Juni, oder am Mittwoch. Wir waren uns alle einig: Wenn wir gehen, dann so schnell wie möglich; denn eine so schwerwiegende Angelegenheit sollte man ganz rasch hinter sich bringen, um nicht noch lange darüber nachzudenken und eventuell Angst zu bekommen, so dass man im letzten Augenblick abspringt. Basilius sagte uns nun, wir sollten uns Essen für zwei bis drei Tage in eine kleine Tasche packen, die jeder selber tragen kann, denn auf einem solchen Weg kann einem niemand helfen; jeder hat genug mit sich selbst zu tun. Ich packte also eine Tasche mit etwas Unterwäsche, Handtuch, einem Paar Schuhe und sonst dem Allernotwendigsten. Das war am Sonntag, dem 31. Mai, und am Montag sollte das große Abenteuer beginnen. Der Entschluss fiel uns nicht leicht, denn wir mussten alles zurücklassen, und man weiß ja nie, wie eine solch illegale Sache ausgeht. Man musste damit rechnen, erwischt zu werden. Und was einem dann blüht, wussten wir alle nur zu genau. Zur selben Zeit war mein Bruder Georg aus Deutschland zu Besuch, er hatte für mich 5000 Mark mitgebracht. Ich sollte versuchen, mit dem Geld einen gültigen Pass zu bekommen, um legal ausreisen zu können. Ich hatte tatsächlich jemanden gefunden, der die Sache mit dem Pass geebnet hätte, doch jetzt hatte ich kein Interesse mehr daran, was ich meinem Bruder aber nicht sagen konnte, denn der hätte mir abgeraten, und das konnte ich jetzt nicht gebrauchen. Es war für mich doch einfacher, 20 000 Lei zu bezahlen, statt 5000 Mark Schulden bei der Ankunft in Deutschland zu haben. Doch zurück zum Tag vor dem Weggehen. Es war Sonntag, der 31. Mai. Mein Bruder Franz mit Familie war auf einer Hochzeit. Ich lud meine Schwester zu mir ein, denn ich wollte nicht weggehen, ohne es ihr zu sagen und ohne mich von ihr zu verabschieden. Sie kam, und dabei war auch Renate. Doch die schickte ich zu Anni Marx, damit wir uns ungestört unterhalten konnten. Meine Schwester war nicht begeistert von meinem Vorhaben, aber als sie sah, dass ich fest entschlossen war, da wünschte sie uns gutes Gelingen. Am Abend war die letzte Maiandacht. Seppi, unser Kantor, fragte mich: „Was sollen wir singen“. Da Anna Tasch auch da war, wünschte ich mir „Immaculata“ und „Stern im Meere“, denn ich wollte den Jahrmarktern etwas Schönes zum Abschied singen. Zum letzten Mal sangen wir, Anna und ich, gemeinsam das Solo „Jungfrau, Jungfrau sündenlos und makelrein, las uns diesem Schutz empfohlen sein und höre mein Flehen, neige dein Antlitz, gib meiner Herrin Friede und Heil“. Ich glaube, so innig und schön wurden diese Lieder noch nie gesungen. Etwas war anders - alle haben es gemerkt, auch Anna hat es gefühlt, wie sie mir nachträglich schrieb. Nach der Maiandacht sagte ich zu Susi Tassinger, komm, lass uns

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zu Lissi Küchler hinüber gehen. Susi wusste ja, dass es mein letzter Abend daheim war. So sprachen wir noch ein paar Minuten mit Lissi, die keine Ahnung von meinen Plänen hatte, aber sie war mir ein guter Kumpel auf der Arbeit und auf dem Heimweg von der Arbeit. Darum wollte ich sie noch einmal sehen. Das war der letzte Abend daheim. Für Montag, den 1. Juni, hatte ich die Schicht getauscht. Ich musste weg von der Spätschicht, weil wir uns um 19 Uhr bei Basilius treffen sollten. So fuhr ich denn in der Früh zur Arbeit, um 15 Uhr war ich wieder zu Hause. Als ich angekommen war, sagte mir meine Schwägerin Lissi, wir müssen noch zur Post, dein Koffer ist angekommen. Den hatte ich nämlich im Dezember in Slănic Moldova in die Post gegeben, und jetzt, nach sechs Monaten, ist er angekommen, gerade an einem so wichtigen Tag. Auf dem Weg zur Post machte ich noch einen Sprung in die Kirche, denn noch nie hatte ich die Hilfe des himmlischen Vaters so dringend nötig wie in der bevorstehenden Nacht. Ich wollte auch Dank sagen für alle Gnaden und Gaben, die ich hier in diesem Gotteshaus empfangen habe, wollte Abschied nehmen, und vor allem unser Vorhaben in die Hände Gottes und seiner heiligen Mutter legen. Und dann waren sie auch tatsächlich bei uns, haben uns beschützt und geleitet. Deo gratias. Als ich zu Hause war mit meinem verloren geglaubten Koffer, da kamen auch schon Hilde und Seppi, die mich mit dem Auto nach Temeswar bringen sollten. Ja, bis hierher war alles noch gut, aber nun wurde es ernst. Alles fing an, Gestalt anzunehmen, es hieß nun, von Bruder und Schwägerin Abschied zu nehmen. Es war nicht leicht, denn die Sorge, wie wird es ausgehen, lastete auf uns. Ich sagte ihnen, wenn ihr nichts hört, sind wir glücklich durchgekommen, denn wenn wir in Rumänien geschnappt werden, muss uns der Ortspolizist abholen. Und das erfahrt ihr dann sofort. Werden wir in Jugoslawien gefasst, kann ich mich nicht melden, dann müssen wir ins Gefängnis, und das ist ein gutes Zeichen. Eine letzte Umarmung, ein letzter Kuss und Händedruck, und ich verließ für immer mein Elternhaus, in dem ich eine arme, aber frohe und glückliche Kindheit und Jugendzeit verlebt habe. Wir kamen auf die Straße, und wer stand da, der Joschi und der Sepp, unsere Nachbarn. Um ihren Fragen nach dem Wohin zu entgehen, rief ich ihnen ein Servus zu und stieg rasch ins Auto, denn niemand durfte etwas von meinem Vorhaben wissen. Sie waren die letzten, die ich im Dorf sah. Die Fahrt in die Stadt verlief ziemlich schweigsam, jeder hing seinen Gedanken nach. In Temeswar trafen wir Anna Hell. Wir fuhren gemeinsam in den Stadtteil Mehala. Die Männer kamen mit der Straßenbahn. Es musste jedes Aufsehen vermieden werden. Dann kam der Abschied von Hilde und Seppi - ein schlimmer Moment, denn sie waren die letzten, die ich von meiner Familie sah. Beide weinten, denn sie hingen an mir, sie hatten Angst um mich. Sie blieben so lange stehen und winkten, bis wir um die erste Ecke verschwunden waren.

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Es war aber doch nicht so leicht, wie es anfangs schien, etwas lag schwer auf meiner Brust: die Ungewissheit, was wohl in der kommenden Nacht geschehen wird. Wird das Unterfangen gelingen? Nun, ich tat das einzig Richtige, das man in solch einer Lage tun kann. Ich habe mich und meine Begleiter der Liebe Gottes empfohlen, es möge sein Wille geschehen. Auch dem Schutz seiner lieben Mutter habe ich uns empfohlen, und siehe, wir wurden nicht enttäuscht. Sie waren immer bei uns. Danke. Als Anna und ich bei Basilius ankamen, waren die Männer schon dort, und da war auch noch der Karl Loth, auch er war mit von der Partie. Nun waren wir alle zusammen. Für sie alle war es noch schwerer, denn sie ließen Frau und Kinder zurück, und die Anna und der Matz ihre Kinder, Enkel und die Mutter. Um 21 Uhr war es soweit: Es kam der Fahrer, der uns bis ins letzte Dorf vor der Grenze bringen sollte. Wir verließen nun getrennt Basilius' Wohnung, denn wir durften auch hier kein Aufsehen erregen. Basilius und Karl gingen voraus, Peter und ich folgten, Anna und Matz waren die letzten. Der Fahrer bat Peter und mich an der Ecke in den Wagen, Anna und Matz ein Stück weiter. Wir fuhren bis zum Hauptbahnhof. Ich blieb im Auto, die anderen nahmen ein Taxi bis ins 10 Kilometer südlich von Temeswar gelegene Schag. Querfeldein Als wir dort ankamen, stiegen Anna, Matz und Peter wieder zu uns ins Auto. Und nun ging die Reise los. Es war schon abenteuerlich, wie wir quer durch die Dörfer fuhren, die Mitte meidend, damit wir nicht gesehen werden, denn wir waren schon im Grenzgebiet. Die Namen der Dörfer, durch die wir gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Nur an Tschakowa kann ich mich noch erinnern. Wir erreichten das letzte Dorf, Tolwadin. Dort hieß es, das Auto rasch und lautlos verlassen. Der Fahrer musste zurück nach Temeswar, ohne gesehen zu werden. Wir mussten den letzten Weg zu Fuß antreten. Es war 23 Uhr. Wir kamen gut voran und gingen feldeinwärts; ungeackerte Flächen wechselten sich ab mit Gerstenäckern, die von tiefen Kanälen durchzogen wurden, ferner mit Stoppelfeldern und gras- und distelbewachsenen Parzellen. Dann standen wir vor einem breiten, mit Schweinemist gefüllten Graben. Wir mussten durch. Bis zu den Knien waren wir verdreckt. Um jedes Geräusch zu vermeiden, mussten wir die Schuhe ausziehen. Zunächst ging alles gut, aber allmählich tauchten Probleme auf. Das Gelände bereitete uns Schwierigkeiten: Es ist nämlich nicht einfach, barfuss durch Stoppeln, Disteln, Dornen und über trockene Schollen und durch Wassergräben zu gehen. Allmählich wurden die Fußsohlen wund. Meine Schuhe hatte ich in einem Kornfeld abgestellt, da sie mir zu schwer geworden waren. Ich hatte ein Paar Reserveschuhe dabei. Wir mussten rasch vorankommen, konnten aber fast nicht mehr auftreten. Und dann geschah es auch schon: Plötz-

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lich hat Anna schlapp gemacht; sie konnte einfach nicht mehr, bei jedem Schritt ging sie in die Knie, und Matz hatte seine liebe Not mit ihr. Er redete ihr gut zu, wir hätten es doch bald geschafft, wir müssen vorwärts, denn zurück ist es ebenso gefährlich wie nach vorn. Und wenn wir es schaffen, sind wir in Freiheit, schau, wie die Anna Kilzer so mutig voranschreitet. Matz hat es tatsächlich geschafft, die Anna hat sich wieder gefangen. Während der ganzen Diskussion gingen wir pausenlos weiter, denn um 2 Uhr mussten wir an der Grenze sein. Als Anna wieder in Ordnung war, fing es mit mir an. Ich fiel immer mehr zurück. Bei jedem Schritt ging ich in die Knie, manchmal berührte meine Hand den Boden. Es war, als ob ich über Nägel ging. Und nun musste sich Matz meiner annehmen. Er sagte: „Schau einmal, wir haben es doch bald geschafft. Bisher ging doch alles gut, und wir werden es schaffen, weil wir es wollen, schau, die Anna ist wieder obenauf. Du wirst es auch können.“ Ich sagte ihm, lieber würde ich 10 000 Mark Schulden machen, als diesen Weg gehen. Jetzt mischte sich Anna ein. Sie forderte die Männer auf, meine Tasche zu tragen. Sie taten nämlich so, als ob sie nicht mitgekriegt hätten, dass Anna und ich große Probleme hatten. Ja, wenn der Matz nicht gewesen wäre, ob das ganze für uns auch so gut ausgegangen wäre? Ich war froh, als wir uns wieder einmal auf den Boden legen mussten; es war eine kleine Verschnaufpause, die gut tat. Basilius hielt Ausschau nach seinen Kumpeln, die Lichtsignale geben sollten, aber noch war es nicht soweit. Wir kamen noch über einige Wassergräben, Brücken, an verlassenen Schafställen vorbei. In der Ferne waren die Lichter der Grenzerhäuschen zu sehen. Am schauerlichsten war das Bellen der Hunde, es klang in der Nacht bedrohlich. Es schien uns wahrscheinlich doppelt so laut, weil unsere Nerven zum Zerreißen angespannt waren. Es war bald 2 Uhr, wir näherten uns der Grenze. Ich erlebte die längsten Stunden meines Lebens. Endlich - wir lagen auf dem Boden - sahen wir das Lichtsignal aus einem Gebüsch hochsteigen. Wir wussten, unsere Helfer sind in der Nähe. Sie hatten uns das Zeichen gegeben, weiterzugehen, es droht keine Gefahr, der Weg ist frei. Mit neuem Mut gingen wir vorwärts, doch da drang plötzlich Motorengeräusch an unsere Ohren. Wir warfen uns zu Boden, es war in einem Gerstenfeld, hielten den Atem an und lauschten und warteten. Es waren vielleicht noch 50 Meter bis zur Grenze. Es hatte den Anschein, als kämen die Scheinwerfer des Traktors genau auf uns zu. Doch zu unserer Erleichterung bog er nach links ab. Wir atmeten auf, noch einmal gut gegangen. Nun lagen wir da, Basilius gab uns die letzten Ratschläge mit auf den Weg, denn hier trennte er sich von uns und musste den ganzen Weg zurückgehen. Er gab uns einen Schluck Schnaps aus der Flasche - es war der erste in meinem Leben -, dann fragte er uns, ob wir noch laufen können. Wir sagten, nicht ohne Schuhe. Da durften wir die Schuhe zu unserer großen Erleichterung wieder anziehen, denn unsere Fußsohlen waren wund, sie schmerzten unheimlich bei

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jedem Schritt. Mit den Schuhen an den Füßen fühlten wir uns fast wie neu geboren. Basilius küsste uns zum Abschied und wünschte uns für den weiteren Weg viel Glück. Er kam uns noch dreimal nachgelaufen und bat uns immer wieder, uns ja links zu halten, wenn wir über dem Graben sind, denn rechts macht der Graben eine Biegung, und ehe wir uns versehen, sind wir wieder in Rumänien. Wir waren bald über dem Graben, hatten somit die Grenze überschritten. Wir waren auf der rettenden Seite. An Ausruhen war aber nicht zu denken. Wir gingen weiter, immer weiter durch mannshohes, fingerdickes Gestrüpp, das die Serben hier an der Grenze gepflanzt hatten. Vom Tau wurden wir ganz nass. Endlich hatten wir das Gestrüpp hinter uns. Jetzt mussten wir uns entscheiden: Gehen wir nach rechts oder nach links. Peter und Karl wollten nach rechts. Matz aber nach links. Anna meinte, weil die zu zweit diese Ansicht vertraten, hätten sie recht. Matz regte sich auf und sagte, dann geht doch mit, ich gehe in die andere Richtung. Er ging los, und alle folgten ihm. Und siehe, er war auf dem richtigen Weg. Wir erreichten den Feldweg, von dem Basilius gesprochen hatte. Plötzlich sahen wir einen großen Schatten vor uns. Weil wir dachten, vor uns ist ein Grenzerstützpunkt, wichen wir in einen Obstgarten zur Rechten aus. Wir setzten uns auf einen Baumstamm, denn das Gras war nass. Wir froren gewaltig, denn wir waren durchnässt. Meine Strümpfe hingen in Fetzen von den Beinen. Ich schnitt sie einfach ab. Sie waren Teil einer Strumpfhose. Diesen Rest bewahre ich noch heute als Andenken an die gelungene Flucht auf. Bald begann es zu dämmern. Ein neuer Tag zog herauf - was wird er bringen? In der Gewissheit, das Schlimmste hinter uns zu haben, sind wir mit neuem Mut aufgebrochen, nicht bevor wir uns vergewissert hatten, was es mit dem in der Nacht gesehenen Schatten auf sich hat. Der Schatten entpuppte sich als gestapelte Baumstämme. Weil von denen keine Gefahr drohte, konnten wir den Weg fortsetzen. Wir gingen bis zum Fluss Bersau, der im Banater Bergland auf rumänischer Seite entspringt, fast ganz kanalisiert ist und etwa 100 Kilometer nördlich von Belgrad in die Temesch mündet, die sich wieder kurz hinter der serbischen Hauptstadt in die Donau ergießt. Wir gingen auf dem Damm und wollten ein bis zwei Dörfer hinter uns bringen, um im dritten einen Bus in Richtung Belgrad zu nehmen. Geld hatten wir, Matz und Anna jugoslawisches, ich Deutsche Mark. Doch aus unseren Plänen wurde diesmal nichts. Nachdem wir uns in einem Graben gereinigt hatten, gingen wir weiter. Die Grenzer staunen Plötzlich tauchte ein alter Mann auf einem Fahrrad auf, blieb stehen, um uns anzusprechen. Er wusste genau, woher wir kamen, fuhr zurück ins Dorf und meldete uns bei der Grenztruppe an. Die Grenzer kamen uns schon bald entge-

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gen, um uns in Empfang zu nehmen. Wir blieben ganz gelassen, denn wir wussten, dass wir nicht an Rumänien ausgeliefert werden. In Konak nahm ein Grenzer unsere Personalien auf, aber alle Anwesenden sahen uns erstaunt an. Doch wir kannten den Grund nicht. Dann endlich rückte einer heraus mit der Sprache: Wir waren alle so sauber. Alle anderen kamen stets verdreckt an. Wir klärten sie auf: Unsere dreckigen Kleider lagen auf einem Haufen am Kanal, wir hatten uns umgezogen. Dann wunderten sie sich, dass zwei Frauen in Annas und meinem Alter, wir waren Mitte 40, dabei sind. Sonst kämen auch viele Frauen über die Grenze, aber stets nur junge. Die Grenzer übergaben uns der Polizei. Ein Richter verurteilte uns zu je 20 Tagen Gefängnis. Die Polizei brachte uns in ein gemischtes Frauen- und Männergefängnis nach Großbetschkerek. Bei der Einlieferung mussten wir all unsere Sachen abgeben: Geld, Essen, nur die Taschen mit der Wäsche durften wir behalten. Bei der Entlassung bekamen wir alles zurück, es fehlte nichts. Wir wurden von den Männern getrennt. Ein junger Gefängniswärter, der sich über meinen Rosenkranz lustig gemacht hatte, brachte uns hinauf, wo wir uns eine Zelle aussuchen durften. Da war eine kleine Zelle, in der zwei Jugoslawinnen eingesperrt waren. Wir entschieden uns aber für die größere mit sechs Betten, denn wir sagten uns, darin ist mehr Luft. Als die Inhaftierten vom Spaziergang zurückgekehrt waren, stellte sich heraus, dass in unserem Zimmer noch zwei junge Frauen aus Rumänien untergebracht waren: Lissi und eine Rumänin aus dem Grenzstädtchen Hatzfeld. Am ersten Tag gab es Bratkartoffeln mit gebratenem Speck. Oh, habe ich zu Anna gesagt, da kann man es aushalten. Wir suchten uns also je ein Bett aus für die Nacht. Die Tage im Gefängnis hatten ihren Anfang genommen. Jeden Morgen machte ich einen Strich an die Wand, um nicht die Zeitrechnung zu verlieren Wir mussten um 4 Uhr aufstehen, um 7 Uhr kam das Frühstück. Es gab Kaffee, manchmal Tee, ich mochte beides nicht. Aber wir bekamen sehr gutes Brot, immer frisch, ein ziemlich großes Stück, das hat wunderbar geschmeckt. Nach ein paar Tagen nahm man uns die Fingerabdrücke, dann mussten wir eine Erklärung abgeben, warum wir geflüchtet sind. Ein netter junger Herr hat uns in dem Raum, in dem wir waren, den Fernseher eingeschaltet und uns gesagt: „Schreibt, ihr braucht euch nicht zu beeilen.“ Nach langer Zeit kam er wieder und sagte: „Nun müsst ihr aber gehen, ich kann euch nicht länger hier behalten.“ Nach einigen Tagen wurde Anna wieder als erste gerufen, dann kam ich an die Reihe. Wir kamen zu einem Herrn, der gut Rumänisch sprach und Rumänien gut kannte, wie aus seinen Fragen zu ersehen war. Der wollte alles genau wissen, wie es in Rumänien ist und warum wir weggegangen sind, ob es nicht doch politische Gründe gebe. Er wollte auch wissen, ob jemand uns zur Grenze geschleust hat, ob es nicht vielleicht Basilius war. Natürlich lautete unsere Antwort nein, unsere Männer hätten Kompass und Karte gehabt, wir brauchten niemanden, denn wir seien keine Jugendlichen mehr.

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Von unseren Männern wussten wir nichts, nur in welchem Zimmer sie waren. Sie haben es uns angezeigt, indem sie den Wasserkrug in ihr Fenster stellten, wenn wir auf dem Hof waren. Weil Anna fürchterlich hustete, wussten sie stets, wann wir draußen auf unserem täglichen Spaziergang waren. Dieser Husten hat schon immer in der Fabrik in Temeswar angekündigt, dass Anna kommt. Und jetzt blieb das Echo nicht aus: Ihr Mann hustete zurück, so dass es sogar dem Posten auffiel. Aber so wussten wir, wo sie sind, denn sonderbarerweise wechselte der Krug von einer Ecke in die andere. Was wir nicht wussten, war, dass die Männer kein einziges Mal in den 20 Tagen ihre Zelle verlassen durften. Sie hatten den Kübel im Zimmer, mussten auf dem Fußboden schlafen und hatten nur eine Decke. Uns ging es hingegen sehr gut. Der Direktor war sehr nett zu uns, er sprach ziemlich gut Deutsch und unterhielt sich zum Ärger der Jugoslawinnen mit Anna und mir. Eines Tages bat er uns - es war kein Befehl -, sein Büro sauber zu machen. Wir putzten die Fenster, saugten und wischten Staub; wir taten es gerne, denn es war eine Abwechslung vom Gefängnisalltag. Im Gefängnis lernten wir, wie zermürbend Langeweile sein kann. Auch den Blumengarten durften wir hacken, das tat gut, wir waren draußen an der frischen Luft, und die Zeit verging schneller. Eines Tages, wir putzten eben den Flur, da kamen unsere Männer. Sie mussten ihre Fingerabdrücke abgeben und durften nicht mit uns sprechen. Wir konnten nur kurz winken, dann waren sie auch schon an uns vorbei. Sie waren ganz gelb um die Nase. Doch warum, das konnten wir erst später verstehen, als sie uns erzählten, dass sie nie aus der Zelle hinaus durften. Eigentlich bekamen wir alles Nötige: Seife und Handtuch, wir hatten auch kaltes und warmes Wasser. Und einmal in der Woche, samstags, durften wir auch duschen; das war wie ein Fest. Um 12 Uhr kam das Mittagessen, es war fast immer genießbar. Nur die Fische aß ich nicht, aber wir hatten ja Brot, so dass wir keinen Hunger leiden mussten. Um 18 Uhr bekamen wir das Abendessen, und um 21 Uhr mussten wir noch einmal beim Appell stramm stehen. Dann durften wir schlafen gehen. Das waren lange Tage. Oft haben wir „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt. Ich glaube, ich werde in meinem ganzen weiteren Leben auf dieses Spiel verzichten. Auch während des Tages konnten wir uns schlafen legen, mussten aber auf den Beinen sein, wenn der Wärter kam - wir durften uns nicht dabei erwischen lassen. Abgeschoben Eines Tages putzten wir wieder einmal die Büros, als Nachschub ankam; somit waren wir schon fünf in unserer Zelle. Es war eine junge Rumänin namens Geta. Als erste kam Lissi frei, so dass wir wieder vier waren. Mit den Neuzugängen wurde unsere Unterwäsche immer weniger. Wir mussten allen etwas davon

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abgeben, denn sie kamen mit leeren Händen. Wir hatten zwar auch nicht viel, doch wir teilten das Wenige, das uns geblieben war. Die beiden Jugoslawinnen stritten sich immer dann, wenn es ums Putzen ging. Wir hatten da keine Probleme, packten alle an, und dann waren wir auch rasch fertig. Auch der Flur musste gewischt werden. Wenn der erzählen könnte, wie oft wir darauf auf und ab gegangen sind, gesungen und gebetet haben, wir hatten ja so viel Zeit. Als Geta elf Tage da war, wurde sie gerufen. Ihre Zeit war noch nicht um, wir ahnten aber schon, dass sie den Rumänen ausgeliefert wird. Auch sie sagte gleich mit aschfahlem Gesicht: „Die schicken mich zurück.“ So war es auch. Nach diesem Vorfall kam der Direktor wieder zu uns und sagte: „Macht euch keine Sorgen, ihr geht da hin, wohin ihr wollt. Geta ist mit einer Gruppe Zigeunern gekommen, und wenn nur einer in einer Gruppe Dreck am Stecken hat, werden alle den Rumänen übergeben. Ihr aber braucht keine Angst zu haben.“ Als sich unsere Haft dem Ende näherte, besuchte uns der Direktor erneut, es war am Sonntag, unserem vorletzten Tag. Er kam, um uns zu sagen, dass wir am nächsten Tag frei sein werden. „Eure Zeit ist um“, sagte er, „wir müssen euch leider länger hier behalten, ob wir wollen oder nicht.“ Es klang so, als ob er sich entschuldigen wollte, weil wir bei ihm eingesperrt waren. Und er fügte hinzu: „In dieses Zimmer werde ich einen Fernseher stellen als Erinnerung an euch.“ Er hat Wort gehalten. Die Hell-Mädchen, die Töchter von Matz und Anna, die mit Basilius' nächstem Schub die Grenze überschritten haben, konnten es bestätigen. Sie fanden den Fernseher schon in dem Zimmer vor. Am Montag war es dann soweit: Im Laufe des Vormittags wurden wir gerufen; wir hatten schon alles in die Taschen gepackt und nahmen nun Abschied von unseren Leidensgenossinnen, die noch bleiben mussten. Als wir hinunter kamen, waren die Männer schon da. Sie sahen gar nicht gut aus, besonders Karl war ganz grau im Gesicht. Sie sind die ganze Zeit nicht an die frische Luft gekommen. Aber auch sie waren froh, alles gut überstanden zu haben; niemand hatte ernsten Schaden genommen. Wir verließen Großbetschkerek. Die Fahrt ging Richtung Padinska Skela, etwa 20 Kilometer nördlich von Belgrad gelegen. Es war eine ziemlich lange Fahrt. Anna und ich saßen vorne bei den Polizisten, die Männer hinten im abgeschlossenen Raum. Das erste Stockwerk in diesem Gefängnis war ein von der UNO betreutes Auffanglager für Flüchtlinge. Als wir in Padinska Skela in der Zelle waren, sagte ich zu Anna, hier hätte ich es nicht so lange ausgehalten wie in Großbetschkerek. Es war ein kleiner Raum mit vier Betten und einem WC. Hier trafen wir ein Mädchen aus Klausenburg, das mit seinem Bruder durchgegangen war. Die beiden wollten nach Australien. Weil aber nur selten ein Flugzeug Richtung Australien flog, mussten die beiden wochenlang in dem Gefängnis ausharren. Dann kam noch eine Rumänin hinzu, so dass alle Betten belegt waren. Die war aber unser Glück, denn die Toilette, wenn man die so nennen kann, war sehr verdreckt. Und dementsprechend war

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auch die Luft in der Zelle verdorben. Die Neue krempelte die Ärmel hoch und säuberte die Toilette. Manch einer hätte sich dabei die Gelbsucht eingehandelt. Auch hier gab es reichlich zu essen, hauptsächlich Bohnen, so dass wir nie Hunger litten. Als ich am Abend ins Bett geklettert war, Anna schlief unten und ich oben, da fand ich auf der Matratze wieder bekannte Namen, die ich schon in Großbetschkerek gelesen hatte. Darunter war auch der Name von Susi, daneben standen Ankunfts- und Abfahrtsdatum. Da wusste ich: Wir bleiben nur eine Nacht hier. In der Nacht auf einmal Geräusche: Es begann zu glucksen und zu stinken. Die Toilette war übergelaufen. Die ganze Zelle stand unter Brühe. Wir trommelten an die Zellentür, bis die Aufseherin kam. Wir wollten hier raus. Erst wollte sie uns nicht hinaus lassen, aber die kannte unsere Anna nicht. Die sagte zu ihr, ich sei am Magen operiert worden, wenn mir etwas passiere, sei sie dafür verantwortlich. Wir durften raus, setzen uns auf eine Bank im Hof oder liefen umher, was uns gut tat. In der Hoffnung, dass dies unsere erste und letzte Nacht in Padinska Skela ist, hatten wir unsere Sachen schon gepackt und warteten. Als wir da auf der Bank saßen, da war es mir, als sähe ich unsere Männer über den Hof zum Tor gehen. Ich rief Anna zu, hier gehen unsere Männer. Wir liefen schnell zurück in die Zelle, um nachzusehen, ob wir nichts vergessen haben. Und dann war auch schon die Stunde der Erlösung da. Unsere Aufseherin kam und sagte auf serbisch „dva Anna“, die zwei Anna. Da zogen wir frohen Herzens los. Die Männer waren schon an der Pforte. Sie und auch wir mussten zum letzten Mal angeben, warum und wann und wie wir die Grenze passiert haben. Dann kam Olga, eine UNO-Mitarbeiterin. Sie hat uns abgeholt, um uns nach Belgrad zu bringen. Sie zeigte uns, wie wir zur deutschen Botschaft gelangen. Und dann ging es direkt zur UNO. Dort waren noch ein paar Fragen zu klären. Dann machten wir fünf uns auf den Weg zur Botschaft. Ohne Schwierigkeiten haben wir sie gefunden, wir wurden auch gleich eingelassen, man hat schon auf uns gewartet. Als alle Personalien und Daten aufgenommen waren, bat man uns in einen Raum, wo wir eingeschlossen waren. Nach ein paar Stunden brachte man uns die inzwischen fertigen Reisepässe und Geld. Jetzt tat sich uns schon eine andere Welt auf. Wir haben in einem schönen Hotel gebadet, gegessen, geschlafen und gefrühstückt. Danach haben wir alles für die Reise nach Deutschland eingekauft. Olga gab uns unsere Fahrkarten, und am Abend traten wir die große Fahrt in die Freiheit und in eine neue Heimat an. Die Zöllner an der jugoslawisch-österreichischen Grenze merkten sofort, woher wir kamen, und wussten, dass es bei uns nichts zu kontrollieren gab. Wir schliefen etwas, als aber der neue Tag heraufzog, waren wir hellwach, denn da konnten wir schon die in den Himmel ragende österreichische Bergwelt bewundern. Es war eine bezaubernde Landschaft, durch die wir fuhren. Bald war auch die Grenze nach Deutschland überschritten, und wir fuhren durch das schöne

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Bayern direkt nach München. Dort mussten wir umsteigen in einen Zug nach Nürnberg. Wir hatten aber keine Ahnung, dass der Zug, den wir bestiegen hatten, ein Intercity ist, unsere Fahrkarten dafür aber nicht gültig waren. Nach einigem Hin und Her durften wir unbehelligt in Nürnberg aussteigen. Der Schaffner wünschte uns auch noch alles Gute für die Zukunft. So sind wir wohlbehalten am 25. Juni 1981 in Nürnberg angekommen. Wir gingen zur Bahnhofsmission, und eine Frau brachte uns zur Straßenbahn, die am Durchgangslager vorbeifährt. Weil das Lager aber überfüllt war, steckte mich der Mann vom Dienst in ein Zimmer mit den Hells. Er sagte zu Matz: „Ich meine es gut mit Ihnen, Sie dürfen mit zwei Damen in einem Zimmer schlafen.“ Es machte uns nichts aus, denn wir waren die besten Freunde, die es auf Erden gab. Dann begann der Papierkrieg. Am Wochenende fuhren Anna und Matz nach Forchheim, wo Annas Schwester wohnte, und ich war bei den Dutscheks. Als wir uns am Montag trafen, hatten die Hells schon ein Stadtfest gefeiert. Sie hatten eine Landsmännin bei sich, die uns half, die Fragebogen auszufüllen. Und im Eilverfahren hatten wir unsere Papiere. Es schlug die Stunde der Trennung. Die Hells fuhren nach Forchheim, wo sie sich inzwischen ein neues Heim geschaffen haben. Ich fuhr nach Hamburg, wo mein Bruder nach dem Krieg geblieben ist. Ich traf am 1. Juli in der Hansestadt ein. Am 1. August 1982 zog ich nach Memhölz ins Allgäu. Wo Peter und Karl sind, weiß ich nicht. Memhölz, den 28. Oktober 1982 P.S. Obwohl ich sicher bin, dass ich dieses Abenteuer nie vergessen werde, habe ich es trotzdem aufgezeichnet, um es in späteren Jahren nochmals lesen zu können, um mir nochmals vor Augen zu führen, wie und unter welchen Umständen ich nach Deutschland kam. Ja, ja, es war ein ereignisreiches Jahr, das Jahr 1981. Anna Kilzer, die in Temeswar in der Strumpffabrik beschäftigt war, hat bis zur Pensionierung als Krankenhausstationshelferin in Deutschland gearbeitet. Ein Bündel Hunderter für den Treckerfahrer Eigentlich wären die beiden Töchter des Ehepaars Hell und ihre Männer am liebsten gemeinsam mit den Eltern geflüchtet. Doch Basilius lehnt diesen Wunsch im Mai ab. Er vertröstet sie auf das nächste Mal. Leicht ist es Anna und Hans Krier nicht gefallen, Kleinbetschkerek zu verlassen. Sie lassen ihre fünf und sieben Jahre alten Kinder zurück. Das Haus ist frisch renoviert. Kaum sind Anna und Mathias Hell zwei Wochen von zu Hause weg, kommt Hans Kriers Schwager eines Abends mit Basilius im Trabant vorgefahren. Basi-

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lius will seine nächsten Kunden kennen lernen. In einem ersten Gespräch will er erkunden, ob er ihnen vertrauen kann. Er schärft ihnen ein, dass sie mit niemandem über das Vorhaben sprechen dürfen, aber auch keinen Unangemeldeten am Fluchttag mitbringen dürfen. Basilius behält es sich vor, die Kunden selbst auszusuchen. Ein zweites Mal sieht Krier den Fluchthelfer am 26. Juni in dessen Wohnung in Temeswar. Dabei ist ein Verwandter. Basilius teilt den beiden mit, dass es am nächsten Tag losgeht. Als Krier Basilius' Wohnung verlässt, hat er noch ein ungutes Gefühlt. Er weiß nicht, ob er und seine Frau mitgehen sollen. Denn sie wissen noch immer nicht, ob die Eltern in Sicherheit sind, entweder in Jugoslawien oder in Deutschland. Doch zu Hause empfängt ihn seine Frau mit einem Telegramm in der Hand und der Nachricht, dass die Schwiegereltern gut in Nürnberg angekommen sind. Hans und Anna Krier fassen neuen Mut, sie werden am nächsten Tag die Flucht antreten. An diesem 26. Juni fragt eine Nachbarin Anna Krier in der Dorfbäckerei: „Und wann brennt ihr durch?“ Anna Krier antwortet ihr: „Morgen.“ Als sie nach Hause kommt und ihrem Mann das sagt, meint er nur: „Du hast recht. Morgen gehen wir.“ Basilius hat den 27. Juni, einen Samstag, als Fluchtdatum festgelegt. Anna und Hans Krier lassen die beiden Kinder bei den KrierGroßeltern zurück und wagen die Flucht. Am Sonntag beim Kirchgang fragen die Kinder die Oma, wo denn die Eltern seien. Die Oma greift zu einer Notlüge und macht den Kindern weis, sie wären in den Banater Wallfahrtsort MariaRadna gefahren und werden bald mit einem großen Ball als Geschenk zurückkehren. Anna und Hans Krier fahren am Fluchttag mit verschiedenen Zügen nach Temeswar, damit niemand Verdacht schöpfen kann. Nach der Geldübergabe lädt Basilius die beiden, ferner Anna Hells Schwester und Schwager in seinen Trabant und fährt in Richtung serbischer Grenze. Er lässt sie in einem Maisfeld aussteigen, wo sie warten müssen, bis er wiederkommt und den Start zur eigentlichen Flucht gibt. Vor Anbruch der Dunkelheit ist Basilius da und bittet die inzwischen eingetroffenen 16 Frauen und Männer, auf den hinter einen Trecker gespannten Anhänger zu steigen. Hans Krier sieht, wie Basilius dem ziemlich verängstigten Treckerfahrer ein Bündel Hundert-Lei-Scheine als Beruhigung in die Hand drückt. Danach geht es los bis zu dem Weg, wo eine in die Flucht nichteingeweihte Patrouille vorbeikommen soll. Dort lässt er den Treckerfahrer absteigen und setzt sich selbst ans Steuer. Er fährt querfeldein, bis es nicht mehr weitergeht. Alle 16 auf dem Anhänger wissen, dass sie bis spätestes 3 Uhr an der Grenze sein müssen. Wenn sie es nicht schaffen, müssen alle zurück. Das hat ihnen Basilius eingeschärft. Zu Fuß geht es durch Sonnenblumenfelder, durch Mais. Ab und an müssen sich alle zu Boden werfen, warten, dann wieder einmal stehen bleiben. Sie warten auf ein Zeichen mit der Taschenlampe. Es bedeutet, dass die Luft rein ist und keine Gefahr besteht.

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Sie erreichen einen Kanal, müssen jetzt auf dem schräg abfallenden Ufer marschieren, die Schuhe haben sie in den Händen. Basilius läuft oben am Ufer und nimmt ab und an einen Schluck aus der Whisky-Flasche. Sie bleiben ein letztes Mal stehen und warten auf zwei Mann, die mit einem Motorrad kommen und laut singen sollen, als Zeichen, dass die Flucht fortgesetzt werden kann. Dann taucht ein Grenzoffizier in Zivil auf. Er hat zwei Mann bei sich, die zu der Flüchtlingsgruppe stoßen. Sie haben freies Feld vor sich, Scheinwerfer erleuchten es hell wie ein Fußballstadion. Es ist der Augenblick, den Krier auf dem zweiten Grenzgängertreffen in Ulm beschrieben hat. Die am Geschäft beteiligten Grenzoffiziere zählen die Schäfchen, sie wollen nicht betrogen werden. Dann geht es durch einen letzten Kanal. Sie durchschwimmen ihn und passen auf, dass ihre Taschen mit der sauberen Kleidung nicht durchnässt werden. Die Flüchtlinge müssen noch eine Stunde durchhalten, dann sind sie in Serbien und folgen dem Bersau-Damm. Einheimische verraten sie an die Grenzer. Ein Richter verurteilt sie in Setschan zu 20 Tagen Gefängnis wegen illegalen Grenzübertritts, die sie in Großbetschkerek im Gefängnis absitzen müssen. Über das Gefängnis Padinska Skela geht es weiter nach Belgrad ins UNO-Büro, wo ihnen Olga nach drei Tagen gültige provisorische UNO-Flüchtlingsausweise ausstellt. Als sie in der deutschen Botschaft ankommen, fragt ein Beamter, ob sie die sieben Personen seien, die Olga angekündigt hat. Mit Ersatzpässen kehren sie zurück ins UNO-Büro, Olga besorgt ihnen in der österreichischen Botschaft Durchreise-Visa. Mit Geld von der deutschen Botschaft, das sie wie alle Flüchtlinge in den nächsten zwei Jahren zurückzahlen müssen - dazu haben sie sich schriftlich verpflichtet -, kaufen sie sich bis Nürnberg gültige Einsenbahnfahrkarten und treten die Reise in Richtung Westen an. Anna und Hans Kriers Kinder treffen am 20. Dezember, ein halbes Jahr später, in Deutschland ein. 28 Mann in einem Schub Anfang Juli 1981 kommt Sepp Herbst von der Arbeit heim nach Billed und will sich den Schweiß abduschen, den der heiße Sommertag ihm aus den Poren getrieben hat. Der Rettungsfahrer will auf dem Weg ins Badezimmer noch die Tür an der Bibliothek schließen, weil sein Sohn Hans dort mit Freunden sitzt. Er will nicht stören. Dann fällt das Wort Grenze. Das macht ihn hellhörig. Entgegen seiner Art lauscht Josef Herbst. Jetzt möchte er genau wissen, was sich sein Sohn, dessen Vetter Helmut Lay, Hans Hahn junior und Horst Lenhardt zu sagen haben. Denn inzwischen wird auch in Billed in der Banater Heide fast nur noch über Auswandern oder Flucht gesprochen. Der Auswanderungsgedanke hat sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Sie sehen, wie ihre Nachbarn und Freunde das Land verlassen. Die letzten der rund 300 000 Deutschen, die noch an eine Zukunft in Rumänien geglaubt haben, sind inzwischen auch bereit,

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nach Deutschland umzusiedeln. Viele sind zu allem entschlossen. Denn seit Spätsommer 1980 sind die Läden im ganzen Land leer. Der Strom ist rationiert und in den meisten Ortschaften zwischen 20 und 22 Uhr komplett abgeschaltet. Die Leute sitzen zu Hause bei Kerzenlicht und warten auf bessere Zeiten. Ceauşescu verkauft alles ins Ausland, um Rumäniens Schulden zu begleichen, auch seine Deutschen. Die Juden sind längst an Israel verkauft. Die Lebensmittelknappheit, die Mangelwirtschaft tragen dazu bei, dass sich immer mehr Manschen in Rumänien mit dem Gedanken tragen, das Land zu verlassen, koste es, was es wolle. Wer als Deutscher legal ausreisen will, muss Schmiergeld zahlen, will er vor anderen den Pass in der Hand halten. Mittelsmänner sammeln das Geld und liefern es in Bukarest an höchster Stelle ab. Wer jedoch keine Verwandten im Westen hat, muss sich etwas anderes einfallen lassen. Da bleibt meist nur der illegale Grenzübertritt übrig. Selbst Personen aus der DDR tauchen an der rumänisch-jugoslawischen Grenze auf, haben aber mangels Ortskenntnissen kaum eine Chance zu fliehen. Über die Not, die inzwischen im Rumänien Ceauşescus herrscht, gibt Hans Hahns Tagesbuch Auskunft. Der am 9. Januar 1962 in Billed geborene Hahn notiert unter Freitag, 3. Juli 1981: Nach Temeswar gefahren, kleine Einkäufe machen, die bis zum Schluss wirklich klein blieben. Von der Josefstadt bis ins Neubauviertel Circumvalaţiunii kaufte ich nur zwei Kilogramm Tomaten. Nur um eine Einkaufstasche zu bekommen, lief ich eine halbe Stunde. Mal hatten sie kein Wechselgeld, mal keine Taschen. Wollte einkaufen: Butter, Zucker, Kaffee, Fleisch, Käse, Margarine, Honig, Milchpulver, Toilettenpapier, Schokolade, doch leider war von all dem in ganz Temeswar nichts zu finden. Heißer Julitag. Heute weiß Hans Hahn noch genau Bescheid, wie es damals war: „Normalerweise standen auf meiner Einkaufsliste auch Bestellungen der Nachbarn, die keine Zeit hatten, ins 25 Kilometer entfernte Temeswar zu fahren, um einzukaufen. Ich fuhr gewöhnlich mit einem Bummelzug um 5 Uhr los und war gegen 6 Uhr auf dem Hauptbahnhof in Temeswar. Die Zeit bis zum Schulbeginn um 8 Uhr verbrachte ich mit Schlangestehen vor Kaufhäusern, für manchmal 250 Gramm Butter.“ Sepp Herbst duscht vorerst nicht, geht in den Garten, um mit seiner Frau über das zu sprechen, was er eben gehört hat. Elisabeth und Sepp Herbst kommen zu dem Schluss, dass sie mit den Eltern der drei anderen Jugendlichen sprechen müssen. Josef Herbst macht die Runde im Dorf. In der Altgasse hat Hans Hahn senior einen Tipp: Ein Verwandter seiner Frau, der im Nachbarort Kleinbetschkerek zu Hause ist, kennt einen Ausweg. Katharina Hahn sucht ihren Verwandten auf, der Peter Stein aus Denta kennt, der als Nachwächter auf der Kanalbaustelle an der serbischen Grenze arbeitet. Peter Stein stellt die Verbindung zu Fluchthelfer Basilius her. Sepp Herbst besucht Basilius in Temeswar in einem

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Wohnblock neben dem Pulverturm. Basilius nennt ihm den Preis: 20 000 Lei für jeden Flüchtling. Sepp Herbst lädt die vier fluchtwilligen Jugendlichen und deren Väter zu sich nach Hause in die Vertgasse ein. Sie werden sich rasch einig. Alle wollen mit, lediglich Horst Lenhardt nicht. Er will nicht ohne seine Freundin weg. Es steht nun fest: Zur Flucht bereit sind Josef und Hans Herbst (geboren 1963), Hans Hahn senior (1931) und Hans Hahn junior (1962), Matthias (1931-2003) und Helmut Lay (1961) - jeweils Vater und Sohn -, Jakob Lenhardt (1937), und als achter stößt Josef Stadtfeld (1946) dazu. Als Patenonkel will Josef Herbst Stadtfeld die Fluchtchance bieten. Von der Möglichkeit, das Land illegal verlassen zu können, erfährt Hans Hahn junior am 21. Juli 1981. Die Tagebucheintragung an jenem Dienstag beginnt folgendermaßen: Eine großartige, sensationelle Nachricht. Marlene Paul, eine entfernte Verwandte aus Kleinbetschkerek, erzählte Mutter, dass es einen Mann gebe, der Personen nach Jugoslawien schmuggle. Wenn einer von unserer Familie mitmachen möchte, soll er sich bei ihr melden, denn vor dem 1. August wird gestartet. Jetzt gibt es noch Zwistigkeiten bei uns: Ich will allein fahren, und Vater will auch mitkommen, aber was wird aus den anderen? Die Schwester muss zur Schule, Mutter kocht und pflegt Oma und Opa. Und wer arbeitet? Je Person sind 25 000 Lei zu zahlen, also ein Spottpreis gegen andere, die 60 000 bis 100 000 Lei zahlen. Ich kann mein Gefühl gar nicht ausdrücken, wenn ich denke, nur noch einige Tage in Rumänien bleiben zu müssen. Mittwoch, 22. Juli 1981: Nichts Wichtiges getan. Nachts konnte ich gar nicht richtig einschlafen, und morgens war ich schon um 7 Uhr wach, obwohl Schulferien sind. Ich fahre noch zu meinem Freund Horst, der hat, glaube ich, Dinar, mit denen kann man sich in Serbien gut durchschlagen und wird vielleicht nicht von der Polizei gestellt. Donnerstag, 23. Juli 1981: Unsere Nachbarin, die Leni-Tant, wird schon in Deutschland sein. Sie ist Mittwochmorgen legal abgereist - nach mindestens fünf Generationen Nachbarschaft steht das Haus nun leer. Samstag, 25. Juli 1981: Das Tagebuch ist 10 Monate alt. Morgen ist in Kleinbetschkerek Kirchweih, dann fahren Schwester, Mutter und Vater hin und hören gleichzeitig, wann die Abfahrt geplant ist. Heute regnet es. Mittwoch, 29. Juli 1981: Gestern Abend war auf Jugoslawien II die Show mit John Denver und seiner berühmten Country-Musik. Die ganze Band bestand eigentlich aus ihm, dann Johnny Cash, Glenn Travis Campbell und Roger Miller. Die Show dauerte 50 Minuten. Heute war den ganzen Tag über miserables Wetter. Donnerstag, 30. Juli 1981: Einer der schönsten Tage dieses Jahres und überhaupt vielleicht. Ein Mann brachte uns die Nachricht. Sie lautet: Abfahrt nächste Woche. Ich fuhr angeln. Also noch einige Tage in Rumänien. Herrlich ist das… Heute Abend sagte mir Mutter noch, dass die Abfahrt Montag, 3. August,

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oder Dienstag, 4. August, erfolgt. Sepp Herbst ist mit Lenhardt und dem Nachrichtenüberbringer nach Temeswar gefahren, um Genaues zu erfahren. Sie werden bald zurück sein. Freitag, 31. Juli 1981: Bis 12 Uhr geschlafen; ich dachte, heute kommt mein Freund Fredi nach Billed zum Angeln. Nachmittags spielte ich ein wenig Tennis, später fuhr ich zu Horst. Höchstwahrscheinlich geht es den 4. August los. Also noch vier Tage. Samstag, 1. August 1981: Morgens in der Sonne gelegen und am Nachmittag gebadet und ferngesehen. Morgen in der Früh kommt endlich Fredi, dann gehen wir noch einmal angeln. Sonntag, 2. August 1981: Fredi war um 9 Uhr da, dann gingen wir drei - auch Horst ist gekommen - nochmals gemeinsam angeln. Fredi fing einen etwa 250 Gramm schweren Hecht. Zwei andere sind ihm entwischt. Nachmittags waren wir ein Bier trinken. Ja, auch der Antialkoholiker Horst trank sein Bier. Es war auch sehr heiß heute. Fredi fuhr um 22 Uhr nach Hause; er kommt aber Mittwoch noch mal, da bin ich vielleicht nicht mehr hier. Allein Horst informierte ich von diesem Unternehmen. Noch zwei schlaflose Nächte liegen vor mir, dann ist es soweit. Wenn ich nur wüsste, wie es ausgehen wird. Montag, 3. August, 1981: den ganzen Tag herumgetrödelt. Abends kam die Nachricht, dass morgen nicht das große Abhauen sein wird, sondern vielleicht Mittwoch oder Donnerstag. Dienstag, 4. August 1981: Natürlich bis Mittag geschlafen. Nachmittag reparierte ich noch das Fahrrad, und abends fuhr ich zu Horst; da trafen wir auch Hans-Dieter, der zu Besuch aus Deutschland hier ist. Wir blickten mit dessen mitgebrachtem Feldstecher in den sternenklaren Himmel oder hörten Musik. Um 2 Uhr war ich daheim. Mittwoch, 5. August, 1981: Bis Mittag geschlafen, da berichtete mir Vater, dass wir morgen Nachmittag abfahren. Wir treffen uns um 16 Uhr am Pulverturm. Das Wetter ist herrlich, etwa 28 Grad. Der Mond ist noch eine Sichel, etwa der fünfte Tag nach Neumond. Er wird uns nicht stören, denn nach Mitternacht wird er verschwunden sein. Heute Abend wurde auf der Sauerländer Hutweide noch ein Fußballspiel ausgetragen. Es spielten in der einen Mannschaft Horst Breitenbach, Walter Engrich, Hans Koch, Alfred Krauser und noch zwei kleinere Jungen; bei uns spielten: Werner Muttar, Fredi Szélpál, Hans Muttar, Hans-Dieter Frick, Gerhard Mann, ich und noch ein kleiner Junge. Horst Röhrich ist ja als Antisportler bekannt; er stand abseits und schaute zu. Endresultat 4:0 für uns. Das Wetter war ideal. Donnerstag, 6. August, 1981: Freie Fahrt. Hier hören die Tagebuchaufzeichnungen vorerst auf. Die nächste Eintragung macht Hans Hahn junior am 23. Januar 1982. Nach fast fünf Monaten hab' ich

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heute mein Tagebuch endlich wiederbekommen. Mutter hat es mit den SchillerMädchen mitgeschickt, die in Rumänien zu Besuch waren… Am letzten Tag schrieb ich mit großen Buchstaben: AUF WIEDERSEHEN IN DEUTSCHLAND! IN DER FREIHEIT! Und nun will ich schildern, was seit dem 6. August 1981 geschehen ist: Es war der Tag unseres Aufbruchs. Hans Herbst und ich sollten um 1 Uhr am Bahnhof in Billed sein und mit dem Zug nach Temeswar fahren. Es war 11 Uhr. Noch etwa eine Stunde bis zum Abschied. Wir aßen in aller Ruhe zu Mittag, unsere Taschen waren vollgepackt und wogen zusammen vielleicht 16 Kilogramm. Um 12 Uhr kam Maria Hirth, unsere Nachbarin, und wollte noch etwas von Mutter… Es war schon langsam Zeit, dass ich mich auf den Weg machte. Vater fuhr um halb zwei mit dem Autobus, damit es nicht auffiel. Endlich ging unsere Nachbarin, und kurz darauf verabschiedete ich mich von Mutter, Schwester und Großvater. Großmutter lag schon ein halbes Jahr lang im Bett und wusste nichts mehr von der Welt. Mir war klar, dass ich sie niemals mehr sehen werde. Mutter und meine Schwester Ilse begleiteten mich auf die Straße und winkten mir nach. Ich hatte den Eindruck, als wäre dies mein erster Schultag und nicht der Weg in meine Zukunft, in die Freiheit. Obwohl es verboten war, jemanden in unsere Fluchtpläne einzuweihen, konnte ich nicht widerstehen, meinem besten Freund Horst unser Geheimnis anzuvertrauen. Wir trafen uns auf dem Bahnhof, wo auch Hans Herbsts Bruder Fredi wartete. Der Zug kam, ich stand auf der Treppe und gab noch jedem die Hand, zuerst Fredi, der von allem nichts wusste, dann Horst. Beide winkten uns noch nach. Um 16 Uhr sollten wir alle am Pulverturm sein. Hans und ich waren als erste dort, dann kamen Jakob Lenhardt, mein Vater, Hans Herbsts Vater, Helmut Lay mit seinem Vater und Sepp Stadtfeld. Jeder stand an einem anderen Platz, und dieser wurde oft gewechselt. Nur Hans und ich saßen auf einer Bank und hatten den ganzen Platz im Auge. Auf der anderen Straßenseite war Sepp Herbst, der den Vermittler spielte. Er wusste auch, wo der Mann wohnte, der uns in die Freiheit bringen sollte. Im Augenblick warteten wir auf einen Mann mit einer grünen Mütze, der aus einer bestimmten Richtung kommen sollte. Als dieser auftauchte, folgte Sepp Herbst ihm und kam nach kurzer Zeit wieder zurück. Das Geld musste eingesammelt werden, jeden kostete die Freiheit 20 000 Lei. Als die 160 000 Lei beisammen waren, trug Sepp Herbst sie in einen Wohnblock, aus dem er nach kurzer Zeit wieder herauskam. Er hatte das Geld abgegeben und einige Informationen bekommen. Wir nahmen unsere Taschen und gingen in Richtung Hauptbahnhof. Was Hans Hahn junior nicht weiß, ergänzt Sepp Herbst: Nach der Übergabe schickt Basilius seinen Sohn mit dem Geldbeutel an einen unbekannten Ort. Der Fluchthelfer informiert Herbst, dass jeder aus seiner Gruppe sehen muss, wie er

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nach Tschakowa gelangt. Treffpunkt ist ein Maisfeld vor der Ackerbauschule. Dort sollten sie auf zwei Wagen der Marke Dacia warten. Die acht Billeder machen sich auf den Weg zum Temeswarer Hauptbahnhof. Dort besteigen sie zwei Taxis, deren Fahrer das Geschäft illegal betreiben. Josef Herbst mit seinem Sohn, mit Schwager Matthias Lay und dessen Sohn Helmut sitzen im Wagen eines Deutschen. Der Fahrer will wissen, woher die vier kommen und was sie in Grenznähe wollen. Josef Herbst, der neben dem Fahrer sitzt und nicht so leicht in Verlegenheit zu bringen ist, sagt, sie wären Kanalbauer aus Großscham und hätten einen freien Tag, um einzukaufen. Josef Herbst hat Glück: Er nennt den Namen eines Mannes in Großscham. Der Mann ist zufällig der Onkel des Fahrers. Die Fahrt bis in die Nähe der Ackerbauschule verläuft problemlos. Treffpunkt Maisfeld Doch jetzt lassen wir Hans Hahns Tagebuch wieder sprechen: Nachdem die Taxen zurückgefahren waren, schlenderten wir auf einem planierten Feldweg. Nach kurzer Zeit kam ein gelber Wagen angefahren, der Fahrer machte uns Zeichen, ins Maisfeld zu gehen. Dort warteten wir, bis die zwei angekündigten Wagen kamen. Gegen 19.30 Uhr tauchte erneut ein Wagen auf, der Fahrer hupte kurz. Sepp Herbst lief auf den Feldweg und kam gleich zurück. Er sagte nur „auf“, wir sprangen alle hoch, griffen nach unseren Taschen und marschierten los. Wir gelangten in ein anderes Maisfeld; in einer Lichtung stand ein Traktor mit Anhänger. Ein Mann kam näher und gab das Zeichen, aufzusteigen. Um uns herum bewegte sich plötzlich das gesamte Maisfeld. Wir trauten unseren Augen nicht: Von allen Seiten stürmten Menschen aus dem Feld und liefen zu dem wartenden Traktor. Die gehörten glücklicherweise alle zu uns. Viele von ihnen kannten wir, einer war sogar aus Billed: Hans Mumper. Sepp Herbst erinnert sich außerdem an Josef Paul mit Frau Anna und Tochter Isolde, Karl Schibinger mit seiner Frau Helga und seiner Schwester Ilse, Hedwig und Josef Muth aus Kleinbetschkerek, Karl Schäfer und Josef Schneider aus Neubeschenowa und Rudolf Kastel, zwei Frauen aus Temeswar, einen Rumänen und eine Frau mit einem etwa zwölfjährigen Jungen aus Temeswar. Hans Hahn schreibt weiter: Auch eine Frau, im sechsten Monat schwanger, war dabei. Die hatte drei Monate im Gefängnis gesessen, wegen versuchten Grenzübertritts. Auf dem Anhänger waren wir 26 Leute (tatsächlich waren es 28 Mann, der Herausgeber), und wenn uns die Flucht gelingen würde, so wäre das der größte Coup, von dem ich je gehört habe. Der Anhänger war mit Stroh ausgelegt, auf dem wir alle lagen oder geduckt hockten. In der Traktorkabine waren drei Männer, darunter unser Führer Basilius, ein hoher, schlanker Mann mit

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schwarzen Haaren, der angeblich eine Pistole und ein Infrarotfernglas bei sich hatte. Die Flüchtlinge kommen an einem Posten vorbei, der schon weit vor der Grenze aufgestellt ist. Statt einen Bahnübergang zu benutzen, biegt der Treckerfahrer rechts ab, um durch ein ausgetrocknetes Bachbett unter der Bahnlinie hindurchzufahren. Es geht vorbei an einem verlassenen Hof, einer Pußta. Alle sind still, nichts ist auf dem Anhänger zu hören. Nach etwa einem Kilometer feldeinwärts steigen alle vom Anhänger, und Basilius beginnt alles einzusammeln, das beim Gehen Geräusche verursachen könnte, einschließlich Schlüssel und Münzen. Die Sonne beginnt zu sinken. Doch die Flüchtlinge warten, bis es richtig dunkel ist. Dann bittet Basilius alle, ihm im Gänsemarsch zu folgen. Am Friedhof des Dorfes Dolatz bleibt er mit der Mannschaft stehen. Es ist das Dorf, aus dem am 28. August 1979 der Pfarrer zusammen mit seiner Köchin und der Kirchweihjugend, 21 Mann, über die Grenze geflüchtet sind. Aus dem Straßengraben neben der Friedhofsmauer taucht eine Gestalt auf. Der Mann hat sein Gesicht geschwärzt, er will unerkannt bleiben. Er ist Offizier der Grenztruppe. Aus einer Kanne teilt er Wasser aus. Dann lässt er zwei Flaschen Whisky rund gehen, der Alkohol soll den Flüchtenden Mut machen. Sepp Stadtfeld erkennt die Lage sofort und meint zu Sepp Herbst, am besten sei es, unmittelbar dem Unbekannten zu folgen, denn der kenne sich hier aus. Und wenn der verschwinden sollte, wisse man sofort, dass Gefahr drohe. Die Billeder sammeln sich hinter dem Offizier. In großem Bogen umgehen sie Dolatz. An einer Straße taucht plötzlich Scheinwerferlicht auf. Ein Polizist auf einem Motorrad fährt vorbei, bemerkt die Flüchtenden aber nicht. Der Grenzoffizier winkt die Flüchtlinge über die Straße. Der Fluchtweg führt jetzt durch einen der vielen Kanäle. Es ist der schwierigste Teil des Weges: Die Ufer fallen schräg ab, und die Kanalsohle ist mit Schlamm bedeckt. Doch sie lassen auch den Kanal hinter sich, kommen durch ein Sonnenblumenfeld, über einen leeren Acker und durch ein Stoppelfeld. Der Fluchtweg führt im Zickzack durch die Felder. Für Hans Hahn junior ist das Sonnenblumenfeld der schwerste Teil der Strecke. Er hält fest: Es war ein Feld mit schweren, reifen Sonnenblumen. Diese schlugen uns gegen den Kopf, die Brust, die Arme und Beine; dabei musste man den Vordermann noch im Auge behalten. Das Tempo war hoch. Mein Vater rutschte ein paar Mal aus und fiel hin. Auf einmal blieben wir stehen und mussten unsere Schuhe ausziehen und in die Hand nehmen. Wir hüpften mehr, als wir gingen auf diesem trockenen Boden. Wir erreichten wieder einen Kanal. Es war mittlerweile schon etwa eine Stunde nach Mitternacht, und nun kam der schwierigste Teil des Weges. Wir mussten entlang der steilen Uferböschung gehen, denn im Kanal stand Wasser. Wir gingen etwa eine halbe Stunde lang, Schuhe und Taschen in den Händen. Plötzlich fiel die Frau, die mit dem Jungen

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auf der Flucht war, und verletzte sich am Fuß. Doch sie musste weiter, so sehr sie auch jammerte. Sogar ich rutschte manchmal aus und kam in bedrohliche Nähe des Wassers. Wie muss es der schwangeren Frau ergangen sein, fragt Hans Hahn im Tagebuch. Sepp Herbst erinnert sich weiter: Die Flüchtenden kommen in nur 100 Metern an einem Grenzposten vorbei. Und kaum haben sie ihn passiert, ist der Grenzoffizier wie vom Erdboden verschwunden. Jetzt übernimmt Basilius das Kommando. Er führt sie etwa 300 bis 400 Meter weiter, zeigt ihnen die Richtung an und sagt, dort liegt Jugoslawien. Hans Hahn schreibt: Ich biss öfters die Zähne zusammen und unterdrückte einen Schmerzensschrei. Endlich standen wir auf offenem Feld und atmeten zwei Sekunden auf. Die Sicht war schlecht, wir konnten nur die Erde unter uns sehen. Wir waren jetzt nahe am Ziel. Es war ein zwei Meter breiter, fein geebneter Streifen, auf dem die Grenzposten am nächsten Tag eventuelle Fußabdrücke erkennen konnten. Dieser wurde jeden Morgen kontrolliert. Wir überquerten ihn, ohne dass uns jemand anhielt, und gelangten wieder an einen Kanal, der mit Schlamm gefüllt war. Dort blieb Basilius stehen und gab jedem, der an ihm vorbeikam, einen Klaps. Er sagte, dass hinter dem Kanal die Freiheit auf uns warte. Wir brachen bis zu den Knien in den Schlamm ein, doch alle erreichten das andere Ufer. Basilius war schon verschwunden. Jetzt erst zogen wir die Schuhe wieder an. Es war etwa 3 Uhr. Wir waren also vier Stunden unterwegs. Nach einigen Minuten erreichten wir einen etwa 50 Meter langen hohen und etwa 3 Meter hohen Busch, der eher einem Dickicht glich. Beim Nahekommen erkannten wir, dieser Wildwuchs war voller riesiger Dornen. Dagegen waren Rosendornen gar nichts. Wir versuchten, das Dickicht - es muss wohl zehn Meter breit gewesen sein - an einigen Stellen zu durchbrechen, doch es gelang uns nicht. Sollten wir gerade am letzten Hindernis scheitern? Beim Versuch, diese unvorstellbare Wand zu durchdringen, machten wir durchaus einen Riesenlärm. Da fasste sich der kräftige Sepp Stadtfeld ein Herz und brach die Äste mit bloßen Händen um. Später stellte sich heraus, dass seine Hände mit Dornen gespickt waren; er blutete sicherlich fürchterlich, was man bei dieser Dunkelheit nicht sehen konnte. Wir folgten ihm alle hinterher, obwohl wir kaum zwei Meter in der Minute zurücklegten. Das Reisig knisterte und krachte, als würde eine Horde Wildscheine hindurchlaufen. Auf einmal war Sepp Stadtfeld, der noch immer an der Spitze war, verschwunden. Wir schauten nach unten und entdeckten ihn zwei Meter unter uns im Kanal. Wir sprangen ihm alle nach, und sogar ich hatte Mühe, am anderen Ufer hochzuklettern. Ich griff nach dem Gras an der Böschung und zog mich hinauf. Wir halfen einem nach dem andern ans andere Ufer. Schließlich waren wir alle oben und somit in Jugoslawien. Mein Vater und Rudolf Kastel, der Ingenieur aus Temeswar, zogen erst jetzt ihre Schuhe wieder an. Ihre Füße waren voller Dornen, und das Herausziehen anzusehen

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war schon grauenhaft. Ein Teil der Flüchtenden hält sich an Basilius Rat und umgeht das hohe Gestrüpp auf der rechten Seite. Bald sind auch die letzten kleinen Hindernisse überwunden, und die Flüchtenden sehen einen jugoslawischen Grenzstein, erinnert sich Sepp Stadtfeld. Kaum sind sie auf der rettenden Seite, stellt Hans Hahn junior fest, dass sie die falsche Richtung eingeschlagen haben. Was der junge Mann anhand der Sterne feststellt, bestätigt Rudolf Kastels Kompass. Hätten sie die Route nicht korrigiert, wären sie nach Rumänien zurückgegangen. Sie erreichen die kanalisierte Bersau und teilen sich in zwei Gruppen auf. Zu den acht Billedern gesellen sich Victor Căliniuc, Rudolf Kastel und die Frau mit dem zwölfjährigen Jungen. Weil die Frau nicht schwimmen kann, lassen sie ihr Vorhaben fallen, am anderen Ufer weiterzugehen. Der neunte Billeder, Hans Mumper junior, bleibt bei der anderen Gruppe und wird zusammen mit sieben weiteren Personen nach Tagensanbruch den Bus in Richtung Belgrad besteigen. Dort angekommen, sprechen sofort Taxifahrer die Flüchtlinge an. Sie erkennen sofort an deren schmutzigen Kleidung, dass hier Grenzflüchtlinge eingetroffen sind. Sie bieten ihnen an, sie zum Preis von 100 Dinar zur deutschen Botschaft zu fahren. Am 7. August hat für diese acht die Flucht begonnen, am 8. August ist sie mit der Ankunft in Nürnberg zu Ende. Noch etwas rascher sind die Schibingers. Verwandte aus Österreich, die eben zu Besuch waren, haben auch die Grenze überschritten, allerdings legal, und erwarten sie mit dem Wagen an der ersten Bersau-Brücke. Im Tagebuch hält Hans Hahn ferner fest: Wir gingen entlang der Bersau, und bald hatten wir kein Trinkwasser mehr. Vom langen Fußmarsch hatten wir jetzt Durst und tranken Wasser aus der Bersau. Gegen Morgen legten wir uns auf zusammengetragenem Stroh schlafen. Ich konnte nicht viel schlafen, denn es war sehr kalt, auch war das Stroh nass vom Tau. Nach zwei Stunden setzten wir den Weg fort. Wir hatten bisher etwa 40 Kilometer zurückgelegt. Unser Ziel war die deutsche Botschaft in Belgrad. Bisher umgingen wir die Dörfer, um nicht gefasst zu werden, aber der Durst plagte uns immer mehr, und wir entschlossen uns, in ein Dorf zu gehen, um Wasser nachzufüllen. Wie Sepp Herbst berichtet, marschiert die Gruppe der Billeder bis zu einem Bahnwärterhaus, um Wasser zu trinken und den Bus in Richtung Belgrad zu nehmen. Als die ersten das Wärterhaus verlassen, fährt ein Auto vor. Fünf Minuten später haben Polizisten in Zivil die Grenzgänger umstellt. In der nächstgelegenen Dorfkneipe in Konak müssen sie an Tischen mit verdreckten Tischdecken Platz nehmen. Rudolf Kastel entledigt sich des Ausschnitts seiner jugoslawischen Militärkarte, indem er sie unter die Tischdecke schiebt. Hans Hahn junior sieht in der Kneipe zum ersten Mal in seinem Leben einen Farbfernseher. In Rumänien gab es so etwas noch nicht. Am Nachmittag geht es in Begleitung mit einem Bus in Richtung Setschan.

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Durch ein nicht ganz geschlossenes Fenster entledigt sich Kastel des Kompasses. In Setschan verurteilt ein Richter die Aufgegriffenen im Schnellverfahren wegen illegalen Grenzübertritts zu drei Wochen Gefängnis. Die drei Wochen müssen sie in Großbetschkerek absitzen. Die örtliche Polizei fährt die Verurteilten in zwei mit Blechverschlägen versehenen Kleinbussen dorthin. Sie sitzen dicht gedrängt wie die Heringe, je sechs Mann in einem Auto. Die Sonne brennt erbarmungslos auf die Dächer; die Insassen glauben, verdursten zu müssen. Am Abend erreichen sie das Gefängnis in dem Banater Städtchen Großbetschkerek. Eine Glocke, gegossen in Temeswar, der Hauptstadt des Banats, begrüßt sie. Sie stammt noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der Zeit der österreichischen Krone, als das Banat noch nicht dreigeteilt war. Die Neuankömmlinge müssen alles abgeben, was sie besitzen: Geld, Uhren, Messer, Schmuck, Schnürsenkel und Gürtel. Das Gefängnispersonal notiert alles peinlich genau. Hans Hahn junior lassen sie nicht einmal die Unterhose. Hans Hahn berichtet weiter im Tagebuch: Wir wurden alle in Zelle 18 eingesperrt. Dort warteten schon die drei jungen Männer aus der Gruppe hinter uns, die bereits vorher gefasst worden sind. Die vier Frauen, darunter auch die schwangere, kamen in eine andere Zelle, der zwölfjährige Junge in ein Kinderheim. In der Zelle waren wir zu 13 Personen: Sepp Herbst mit Sohn Hans, Mathias Lay mit Sohn Helmut, Vater und ich, Jakob Lenhardt, Sepp Stadtfeld, Rudolf Kastel, Victor Căliniuc, Josef Schäfer, Karl Schneider und Josef Muth. Die Zelle war etwa 16 Meter lang, 9 Meter breit und 4 Meter hoch. Die Fenster waren vergittert, und die Tür aus Eisen hatte zwei Öffnungen: ein Guckloch und einen Spalt, um Essen zu fassen. In der Zelle standen ein Tisch, eine kurze Bank und zwei eiserne Schränke. Das WC war in der Ecke eingemauert, jedoch ohne Tür. Es war ein Plumpsklo, und darüber gab es einen Wasserhahn, woraus wir auch das Trinkwasser entnahmen. Am ersten Tag wurde mir übel, ich musste mich erbrechen; das Bersau-Wasser war wohl schuld. Später wurden noch andere aus unserer Gruppe krank, die ebenfalls das Kanalwasser getrunken hatten. Montags und dienstags wurden wir einzeln zum Verhör gebracht. Wir gaben aber nicht viel preis. Soweit Hahns Tagebuch. Unter den Verhörten ist auch Rudolf Kastel. Die Ermittler wissen, dass er als Ingenieur am gemeinsam von Rumänien und Jugoslawien gebauten Wasserkraftwerk Eisernes Tor beschäftigt war. Die Polizisten wollen hören, wie seine serbischen oder kroatischen Arbeitskollegen heißen und womit sie sich beschäftigen. Ferner sind sie an Schwachpunkten oder von der rumänischen Seite böswillig eingebauten Schwachstellen interessiert. Auf dem Tisch liegen Zeichnungen, die Kastels Unterschrift tragen. Leugnen ist nutzlos. Die Polizisten behaupten, dass ein kroatischer Arbeitskollege in Temeswar dem rumänischen Geheimdienst Securitate im Verhör gesagt habe, Kastel sei Geheimnisträger für

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die Bauten am Eisernen Tor, und so gebe es nur zwei Möglichkeiten, falls er nicht kooperativ sei: Er werde längere Zeit in Jugoslawien festgehalten oder aber nach Rumänien zurückgeschickt. In die Gefängniszelle zurückgekehrt, grübelt Kastel Tag und Nacht über seine Situation. Am ersten Abend in Großbetschkerek sieht es noch so aus, als ob die Häftlinge mit Essen verwöhnt werden. Es gibt Weißbrot mit Salami. Doch das ändert sich. Von Tag zu Tag bekommen die Insassen weniger in den Napf. Das Essen ist im August 1981 im Gefängnis von Großbetschkerek karg. In der Suppe schwimmen ein paar Erbsen oder Bohnen. Das Brot ist rationiert. Die jungen Gefangenen haben es am schwersten. Sie sind immer hungrig und versuchen stets, das Endstück des Brotes zu ergattern, denn es sieht nach mehr aus. Zum Schluss müssen sie die Gürtel um einiges enger schnallen. Schlecht ergeht es den Rauchern. Ihnen gehen die Zigaretten aus. Sie beginnen sich aus Zeitungspapier und dem Material eines alten Besens Ersatzzigaretten zu drehen. Sie verbreiten damit einen unheimlichen Gestank in der Zelle. Dann endlich werden sie vom Gefängnispersonal mit serbischen Zigaretten beliefert. Bezahlen müssen sie bei der Entlassung. Hans Hahn schreibt weiter: Zu essen bekamen wir dreimal am Tag. Morgens Kaffee oder Tee mit Brot und Marmelade oder Butter. Zuerst waren wir froh, denn in Rumänien bekam man die Butter nicht mal in den Geschäften. Mittags waren im Blechteller Suppe, Reis oder Bohnen. Abends gab es Brot mit einem Stückchen Wurst oder auch Suppe. Unseren Hunger stillten wir aber mit Wasser. Morgens und nachmittags wurden wir zehn Minuten in den Hof geführt. Tagsüber war es sehr heiß in der Zelle, außerdem hatten wir noch fünf Raucher, die eine Zigarette an der anderen anzündeten. Abends konnte man die Luft mit dem Messer schneiden, und meine Augen brannten fürchterlich. Wir schliefen auf Matratzen, die auf dem Boden lagen. Nachts kamen die Stechmücken durch die offenen Fenster, so dass wir morgens fürchterlich zerstochen waren. Wir schlugen die Mücken tot, und das Blut spritzte nur so aus den Viechern heraus. Nach 20 Tagen sah die Mauer aus, als wäre sie bunt tapeziert. Am 15. Tag brachten sie noch zwei Jungen aus Siebenbürgen zu uns in die Zelle. Den ganzen Tag spielten wir Mühle und Backgammon. Die Figuren und Würfel machten wir aus geknetetem Brot, das wir trocknen ließen. Die Punkte im Würfel färbten wir mit Zigarettenasche. Am 20. Tag wurden wir mit zwei Polizeiwagen abgeführt, aber nicht nach Belgrad, wie wir alle dachten, sondern in ein anderes Gefängnis, nach Padinska Skela, einem berüchtigten Jugendknast. Dort waren die Bedingungen noch schlechter. Das Zimmer glich einem Korridor und hatte 22 Betten. Wir waren anfangs 20 Personen, und nach vier Tagen schon 53, ist in Hahns Tagebuch verzeichnet. Rudolf Kastel kennt andere Einzelheiten von diesem 27. August 1981: Die

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Polizeiwagen mit den Flüchtlingen halten plötzlich in einem Seitenweg vor einem Schlagbaum. Ein Holzportal versperrt den Feldweg; auf einer Tafel steht auf serbisch Zatvora, Gefängnis. Das erste Stockwerk im neuen Gefängnis in Padinska Skela ist ein von der UNO betriebenes Flüchtlingsauffanglager. Von der Hochzeit ins Gefängnis Die Zustände beschreibt wiederum Hahn: Die Luft roch nach Schweiß und Urin, denn das offene WC nebenan hatte keinen Ablauf. Man pinkelte praktisch in den Urin auf die Erde. Die Decke war voller Fliegen und Spinnen. So viele Fliegen auf einem Haufen habe ich noch nie gesehen. Die Wände waren mit Dummheiten und Sprüchen übersät. Wir waren 17 Deutsche, der Rest waren Rumänen, manche wussten nicht einmal, wohin sie wollten, Hauptsache raus aus Rumänien. Der Boden war bedeckt mit Staub und Zigarettenstummeln. Wenn nicht einer von uns gekehrt hätte, hätten sich die anderen einfach in den Unrat gelegt. Einer von den Insassen berichtete, wie er mit seinem Saxophon in einem aufgeblasenen Traktorschlauch über die Donau gepaddelt ist. In Jugoslawien spielte er noch auf einer Hochzeit, an der er ungeladen teilnahm, bevor er sich den Behörden stellte. Er berichtete von einem Friedhof auf jugoslawischer Seite, auf dem diejenigen bestattet werden, die nicht lebend ankommen und keine Ausweise bei sich hätten. Viele werden von Grenzerbooten mutwillig überfahren, einige einfach erschossen. In diesem Gefängnis verbrachten wir fünf Tage, bevor wir 17 Deutschen in drei Gruppen nach Belgrad abgeschoben wurden. Zuerst waren die Frauen dran, dann die Väter mit den Söhnen und am dritten Tag der Rest. Victor Căliniuc blieb als einziger aus unserer Gruppe im Gefängnis zurück, und der Abschied von uns fiel ihm schwer. Er sagte, er wolle nach Kalifornien. Er war der einzige Rumäne in unserer Gruppe. Als wir am 1. September 1981 Padinska Skela verlassen haben, um das UNO-Büro in Belgrad aufzusuchen, weinte Căliniuc wie ein Kind. Er durfte das Gefängnis noch nicht verlassen, berichtet Hans Hahn junior. Die frisch Entlassenen sehen ungepflegt aus: die Kleider sind verdreckt, die Unterwäsche ist notdürftig gewaschen. Nach einem kurzen Aufenthalt im UNOBüro bei Olga gehen die Flüchtlinge mit einem Schriftstück in der Hand über einen Boulevard zur deutschen Botschaft. Beim unerwarteten Anblick der rumänischen Fahne - die rumänische Botschaft ist neben der deutschen - laufen sie aus Angst, es könne ihnen im Vorbeigehen noch etwas zustoßen, auf die andere Seite der vielbefahrenen vierspurigen Straße. In der deutschen Botschaft erhalten alle Pässe und Geld, das sie in Deutschland zurückzahlen müssen. Im nahegelegenen Hotel Astoria können sie sich ausruhen. Dort fühlen sie sich regelrecht verwöhnt. Sie freuen sich über ein heißes Bad und saubere Bettwä-

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sche. Am 2. September erreichen sie Nürnberg. Und wieder lassen wir Hans Hahns Tagebuch sprechen: Wir schickten sofort ein Telegramm nach Hause, denn unsere Familien wussten wenig von unserem Verbleib. Unzählige Landsleute kamen uns besuchen, und jeder brachte etwas mit. Vater und ich bekamen vom Staat 12 Mark pro Tag. Ich aß mich satt von dem, was man in Rumänien nicht bekommt: Butter, Käse, Schokolade. Im Durchgangslager in Nürnberg blieben wir bis zum 22. September 1981. Ende September ist Basilius' letzter Transport nach Deutschland gekommen. Er hat ungefähr 80 Personen in die Freiheit verholfen. Am 1. November ist meine Großmutter an Altersschwäche gestorben. Sie war 81 Jahre alt. Aus der 28 Mann starken Gruppe ist keiner bekannt, der in der neuen Heimat Deutschland nicht seinen Weg gemacht hätte. Stellvertretend für alle seien drei Beispiele genannt: Josef Herbst arbeitet bis zum Rentenalter bei Mercedes. Josef Stadtfeld ist noch immer als Maurer auf der Baustelle tätig. Hans Hahn junior geht nach einer Lehre als Bankkaufmann ein halbes Jahr nach Irland und anschließend in die USA, um Englisch zu lernen. Er arbeitet im Vertrieb einer US-Firma in Düsseldorf und für eine Maschinenbaufirma in Bad Honnef bei Bonn. Von dort wechselt er zu einem Konkurrenten nach Bologna, Italien, der im Jahr 2000 vom amerikanischen Multi und weltgrößten Baumaschinenhersteller Caterpillar geschluckt wurde. Dort leitet er heute noch als VertriebsManager das Segment Straßenbaumaschinen in Afrika und im Nahen Osten. Er lebt mit seiner Frau Yoko und seiner dreijährigen Tochter in Bologna. Anna Paul: Mit dem Herrgott im Rucksack in die Freiheit Es war der 3. September 1981, ein noch warmer Sommertag, als wir uns mit Angst, Hoffen und Bangen von unserer Oma um 17 Uhr verabschiedeten. Unser Ziel war eine ungewisse Zukunft, die im Westen lag. Es war der Tag, an dem das lang ersehnte Verlangen nach Freiheit, nach einem besseren Leben für unsere Kinder wahr werden konnte. Ich hatte eine schwere Kindheit hinter mir. Nach dem Krieg sind wir geflüchtet und im Oktober 1944 in Sankt Pölten in Niederösterreich angekommen. Doch wir sind zurückgekehrt in die alte Heimat. Im Juni 1951 haben uns die Kommunisten in die Donautiefebene verbannt. Dort erlebten wir wieder Hunger und großes Elend. All das hat mein junges Leben geprägt. Daher rührte auch der Wille, zu kämpfen, um meinen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. In den 1970er und 1980er Jahren schwoll der Auswanderungsstrom der Rumäniendeutschen rasant an. Jeder meinte, nur noch gegen Bezahlung eines Kopfgeldes das Land verlassen zu können. Wir hatten niemanden, der uns Deutsche Mark dafür geborgt hätte, deshalb war ich als Mutter entschlossen,

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einen anderen Weg zu finden. Weil ich lange Jahre auf der Post in Kleinbetschkerek gearbeitet habe, hatte ich großen Anteil am Dorfleben. Ich wechselte aber den Arbeitsplatz, weil unsere jüngere Tochter ein kränkelndes Kind war. Ich wollte mehr Zeit für sie haben und flehte zu Gott, er möge mir den Ort zeigen, wo das Kind gesund werden kann. An meinem 40. Geburtstag und nach 20 Ehejahren hat sich das Leben am 5. April 1981 für meine Familie verändert: Um 18 Uhr war Basilius, unser Fluchthelfer, in Kleinbetschkerek im Haus der Familie Stein. Am Vortag hatte Margarethe Zillich, meine ehemalige Arbeitskollegin von der Post, uns den Kontakt zu Basilius hergestellt. Das Gespräch mit Basilius war erfolgreich. Um 21 Uhr stand fest, dass Johann, mein Mann, das große Risiko auf sich nehmen wird, um nach Serbien zu flüchten. Mit diesem Entschluss hat der große Leidensweg unserer Familie begonnen. Meine Schwiegermutter und ich versuchten den Wochenanfang mit Brotbacken und Saubermachen zu gestalten, wir hatten schlaflose Nächte hinter uns. Mutter war das Herz schwer. Sie hatte ihren Mann im Krieg verloren, und jetzt wollte der einzige Sohn ein großes Risiko eingehen und in die Fremde gehen. Uns beiden fiel die Trennung als Eheleute schwer, weil es Jahre dauern konnte, bis wir uns wiedersehen. Weil mein Mann krank geschrieben war und am Montag, dem 6. April, nach Temeswar in die Poliklinik fahren Nach der gelungenen Flucht: (von links) Johann, Inge, Anna und Sieglinde Paul musste, hatte er die Möglichkeit, die nötigen Papiere zu besorgen und die 20 000 Lei Fluchthelferlohn von der Bank abzuheben. Unsere Töchter gingen mit ähnlichen Sorgen zur Schule. Mutter und ich schlachteten den alten Hahn, kochten eine gute Suppe und backten Mohnstrudel. Unsere letzte Bratwurst sollte meinem Mann als Wegzehrung mit auf den Fluchtweg gegeben werden. Mein Mann und Sieglinde, unsere älteste Tochter, kamen gegen 15 Uhr von Temeswar nach Hause. Das Essen war serviert, doch uns rutschte kein Bissen die Kehle hinunter. Ich hatte einen Kinderrucksack mit dem Nötigsten gepackt. Neben Bratwurst, Mohnstrudel und Brot hatte ich darin Kleider verstaut, damit sich mein Mann einmal umziehen kann. Zwei Stunden später verabschiedeten

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wir uns von unserem Vater. Wir standen alle schluchzend und weinend in der Küche. Ich begleitete meinen Mann auf die Straße. Er setze sich aufs Fahrrad, ein letztes Winken. Mit dem Zug fuhr er in der Abenddämmerung in eine ungewisse Nacht. Mutter und ich versuchten, unsere seelisch sehr mitgenommenen Töchter zu trösten. Als der Himmel seine dunklen Nachtschatten herunterließ, saßen Mutter und ich unter sternenklarem Himmel in der Scheune und beteten den Rosenkranz in alle Himmelsrichtungen, der liebe Gott möge eine schützende Hand über unseren lieben Vati halten. Basilius hatte versprochen, am nächsten Morgen um 4 Uhr bei Marlene zu sein, um uns die Nachricht vom Gelingen der Flucht zu bringen und um seine 20 000 Lei abzuholen. Mein Mann und seine vier Fluchtkameraden sind gut in Serbien angekommen, haben sich aber verirrt und sind der Polizei in die Arme gelaufen. Aus dem Gefängnis in Großbetschkerek konnten sie mit Hilfe eines Wärters nach ein paar Tagen eine Postkarte hinausschmuggeln mit der Botschaft: „Gut angekommen“. Jetzt fiel uns ein Stein vom Herzen. Aber wir hatten uns zu früh gefreut, denn für uns ging der Terror erst los. Fast täglich bekamen wir Besuch von der Polizei und vom Geheimdienst Securitate. Inge, unsere kleinste, war am mutigsten. Immer, wenn der Polizist in der Nähe war, flüchteten Mutter und ich auf den Speicher, und sie verteidigte sich tapfer, sie wisse lediglich, dass Vater in die Poliklinik nach Temeswar gefahren und nicht zurückgekehrt sei. Mit Gottes Hilfe ist unser Vater am 20. April 1981 mit dem Rosenkranz um den Hals, den ihm Mutter zum Abschied gegeben hat, in Forchheim angelangt. Der Frühling war zu Ende, und der Sommer zog durchs Land. Basilius hatte in unserem Dorf eine gute Quelle entdeckt, und ganze Familien flüchteten. Nach dieser Erfolgsserie telefonierte ich mit meinem Mann und fragte ihn, ob es nicht gut wäre, dass ich mit unseren minderjährigen Töchtern Urlaub in Wolfsberg in den Banater Bergen machen sollte. Er hat sofort meinen Plan durchschaut und mir versichert, wenn Basilius verspricht, uns über die Grenze zu führen, dann hält er auch Wort. Nun war der Plan geschmiedet, wir hatten Mut gefasst. Im Juli kam ein Bekannter aus Deutschland zu Besuch und brachte mir einen 16 Seiten langen Brief meines Mannes mit einer Skizze, der in den Ärmel einer Lederjacke eingenäht war. Er gab uns darin Ratschläge, wie wir uns auf der Flucht und in Jugoslawien verhalten sollten. Unsere Tochter Sieglinde, in jenen Tagen in der schönsten Jugendzeit, war verliebt in Harald, der inzwischen längst ihr Mann ist. Mit Harry hatte sie schon mehrere schöne Kirchweihfeste gefeiert. Doch inzwischen war ihm und seiner Familie die Ausreise nach Deutschland geglückt. Also war Sieglindes sehnlichster Wunsch, auch dorthin zu gelangen, wo Harry und ihr Vater schon waren. Harry war in unsere Fluchtpläne eingeweiht. Am Morgen des 3. August 1981, an seinem 18. Geburtstag, holte er seinen Führerschein ab, und um 12

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Uhr war er schon mit dem Auto in Richtung Rumänien unterwegs. Als Harry bei uns angekommen war, fuhr er uns in den Wallfahrtsort Maria Radna. Dort hat Mutter für jeden von uns einen Rosenkranz gekauft und nochmals für uns alle vor der Flucht gebetet. Wir waren 18 Personen, die in jener Nacht mit Basilius den Weg an die serbische Grenze antreten sollten. Weil Basilius die Flucht immer wieder verschieben musste, haben wir fast in jeder Nacht unser Gepäck in Harrys Wagen geladen. Er sollte damit nach Serbien fahren, um uns dort zu erwarten. So vergingen die Tage, und ich dachte, dass inzwischen jeder Vogel auf dem Dach erkennen kann, was wir vorhaben. Es war August, die Kinder hatten Ferien, und ich hatte mir Urlaub genommen. Der Abschied fiel mir schwer. Ich musste meine alten, kranken Eltern und meine Geschwister zurücklassen. Also fuhr ich noch einmal zu meiner Schwester nach Billed. Meinen Schwager habe ich gebeten, er möge zu unseren Eltern fahren und sie trösten. Doch für alte Leute gibt es keinen Trost, nur Tränen. Inzwischen waren auch Harrys Eltern mit dem Auto aus Deutschland eingetroffen. Und zwei Tage später, am Donnerstag, dem 3. September, hieß es Abschied nehmen von den Eltern. Das bedeutete, alles aufgeben, was man sich in 20 Jahren Ehe nach vorheriger Enteignung und Verschleppung unter schwierigen Umständen wieder angeschafft hatte. Zum Glück hatten mein Mann und ich die nötigen 80 000 Lei, die wir für die Fluchthilfe zu zahlen hatten. Harry und seine Eltern haben uns in den Autos nach Temeswar gefahren, wo Basilius uns auf dem Josefstädter Marktplatz erwartete. Basilius hat uns 18 in Taxis verfrachtet, und los ging es zur Ackerbauschule nach Tschakowa, wo wir uns im Maisfeld versteckten und auf drei Pfiffe warteten. Nun saß ich da mit zwei minderjährigen Mädchen, Sieglinde war 17 und Inge gerade einmal 13 Jahre alt, um den schweren Fußmarsch nach Serbien anzutreten, gekleidet mit gleichen Lederjacken wie unser Vater bei der Flucht im April. In gleichen Rucksäcken hatten wir ein paar Sachen verstaut: das Kreuz, auf dem mein Mann und ich uns die Ehe versprochen hatten, unseren Trauschein, unsere Geburtsscheine und für jede von uns ein Paar Schuhe und je eine Hose zum Umziehen. Um den Hals trug jede ihren Rosenkranz aus Maria Radna. Mit Gottvertrauen fuhren wir auf einem Anhänger, gezogen von einem Traktor, in Richtung Grenze. Es ging durch Dörfer, über Felder, dann folgte der Fußmarsch, barfuss durch Sonnenblumenfelder, Sumpf und Schlamm. Als wir die Grenze überschritten hatten, folgte ein Verwirrspiel: Der eine wollte hü, der andere hot. Aber Basilius hatte mir den Weg genau beschrieben: Wir müssen einer uns zur Linken gelegenen Baumallee folgen. Diese führt uns zu drei weißen Häusern, und dahinter, nach ein paar Schritten nach links, stoßen wir auf das Flüsschen Bersau. Wenn wir dem Wasserlauf folgen, kommen wir zur Konaker Brücke, wo Harry und seine Eltern auf uns warten wollten. Wir gingen bis 3 Uhr. Alle waren schon erschöpft. Inge, unsere Jüngste, war kraft-

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los, sie sagte: „Mutti, ich kann nicht mehr, mein Herz reißt mir ab“. Das veranlasste mich, mit meinen Töchtern zurückzugehen zu den drei weißen Häusern. Ich sagte mir, entweder wir finden Harry oder die serbische Polizei. Als wir die drei Häuser erreicht hatten, ging ich durch ein Gebüsch und war auf dem Bersau-Deich. Allerdings konnte ich die Strömung nicht ausmachen. Die Männer haben sich an den Händen haltend eine Kette an dem steilen Kanalufer gebildet, bis der letzte in Wassernähe war, um eine Zigarrenschachtel zu Wasser zu lassen und die Strömungsrichtung zu ergründen. Mit der Strömung ging es auf dem Deich südwärts. Harry und sein Vater kamen uns schon entgegen. An der Konaker Brücke standen für uns drei Autos bereit. Alle 18 Flüchtlinge wurden darin verfrachtet, und es ging los in Richtung Belgrad. In Harrys Wagen waren wir zu acht. Harry als Fahrer, Inge und ich auf dem Beifahrersitz, Auf der Hinterbank saßen vier Personen, eine weitere lag quer auf deren Beinen. Am 4. September 1981, um 6.30 Uhr, waren wir vor der verschlossenen deutschen Botschaft in Belgrad. Die Botschaft öffnete um 9 Uhr. Wir mussten uns wegen unserer schmutzigen Kleider verstecken und schlichen uns später in kleinen Gruppen an. Als wir endlich eingelassen wurden, fragte ein Botschaftsangehöriger, ob denn die rumänische Grenze in dieser Nacht offen gewesen sei. In kleinen Gruppen wurden wir in Zimmer gesperrt, doch keiner fragte uns, ob wir durstig oder hungrig sind. Gegen Abend starteten wir, ausgestattet mit deutschen Pässen, mit zwei Autos Richtung Westen. Die Strapazen der letzten Tage machten sich jedoch bald bemerkbar. Harry und sein Vater, unsere Fahrer, waren sehr müde. Sie konnten fast nur noch Schritttempo fahren. Am 5. September um 10.30 Uhr erreichten wir das Lager in Nürnberg. Am selben Tag ging es weiter nach Forchheim, wo uns unser Vati empfangen hat. Dort erst stellten wir fest, dass bei ihm die Armut groß war. Es fehlte an allem. Er hatte kein Messer, keinen Löffel, keine Gabel. Auch Kopfkissen fehlten. Wir sind angekommen mit Gottvertrauen, dem Rosenkranz um den Hals und dem Herrgott im Rucksack. Mit dem ersten Geld, das ich in Nürnberg erhalten habe, kaufte ich zwei Rosenkränze als Dank für die Mutter Gottes; der eine war bestimmt für den Altar der Gnadenkapelle in Maria Radna, der zweite für den Marienaltar in unserer Dorfkirche in Kleinbetschkerek. Wir hatten unser Ziel erreicht. Aber es folgten noch drei schwere Jahre mit vielen Tränen, die ich wegen meiner alten Eltern und wegen des Fremdseins vergossen habe. Verrat Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Das Sprichwort hat auch im Falle des Schlepperwesens seine Gültigkeit. Was am 29. September 1981 passiert, ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auf Verrat zurückzuführen. Den

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sechsten und letzten Schub bringt Basilius am 29. September 1981 zur Grenze. Zu den acht Leuten gehören Ewald Stock und Walter Vanghele aus Sackelhausen, ferner Helmut Kunzelmann (geboren 1961) aus Neubeschenowa. Die Gruppe teilt sich hinter der Grenze. Der Maschinenbaustudent Stock und drei Mann folgen Basilius' Rat, streben südwärts und gelangen auf dem BersauDamm in die Freiheit. Hinter der Grenze wartet schon Stocks Schwager, um die beiden Sackelhausener nach Belgrad zur deutschen Botschaft zu bringen. Das Vorhaben gelingt. Von Belgrad geht es weiter mit dem Auto nach Rastatt. Den beiden vorauseilenden Sackelhausenern folgen lediglich zwei Mann. Die vier anderen schlagen einen Bogen nach rechts. Einer von ihnen, ein Temeswarer, erklärt, er wolle nicht weiter, berichtet Kunzelmann. Er wolle wissen, wo er sei. Kunzelmann und die beiden anderen wollen ihn nicht zurücklassen. Sie beschließen, zu warten, bis es hell wird, um dann über weiteres zu entscheiden. Als es hell ist, sehen sie rechts von sich zwei Häuser. Sie gehören, wie sich bald herausstellen soll, zu einer Pumpstation. Davor stehen zwei Männer, der eine mit einem Knüppel in der Hand. Der Temeswarer sagt den anderen drei, er wolle die beiden Männer fragen, wo Serbien liege. Er geht los, und die drei folgen ihm zur Pumpstation. Er fragt auf rumänisch nach Serbien und erhält zur Antwort, er solle warten, gleich werde er mit den anderen abgeholt. Als diese Worte fallen, beginnen Kunzelmann und die beiden anderen zu laufen, durchqueren einen tiefen Graben, dahinter ist Serbien. Die Männer vor der Pumpstation halten den Temeswarer, dessen Name keiner kennt, fest. Kunzelmann vermutet, er habe gar keinen wirklichen Fluchtversuch unternommen. Was er die ganze Nacht mit ihnen getrieben habe, sei ein abgekartetes Spiel gewesen. Der Mann ist wahrscheinlich als Verräter in die Gruppe eingeschleust worden. Basilius wird noch am selben Tag verhaftet. Wieder einmal ist ein Schlupfloch an der rumänisch-serbischen Grenze gestopft. Kunzelmann und die beiden mit ihm im letzten Augenblick über die Grenze gelaufenen Gleichgesinnten treffen in einem Maisfeld zwei der schon am frühen Morgen Geflüchteten. Sie setzen jetzt zu fünft den Weg fort, werden aber von serbischen Grenzern gefasst. Was folgt ist bekannt: Gefängnis, deutsche Botschaft, Fahrt nach Nürnberg. Die Securitate misshandelt Basilius fürchterlich. Er wird angeblich zu acht Jahren Haft verurteilt. Doch es gelingt ihm zu flüchten. Er schlägt sich bis nach Italien durch und meldet sich bei Matz Hell, der unter den Leuten, denen Basilius den Weg in die Freiheit gezeigt hat, Geld für den Fluchthelfer sammelt. Basilius gelangt nach Deutschland, besucht auch Mathias Hell; doch inzwischen hat sich seine Spur verloren. Keiner weiß, wo er lebt.

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Soldaten lassen die Hunde los Von Erika Metzger Ich war beseelt von dem Gedanken, mir eine neue, bessere Zukunft aufzubauen, in Freiheit in einem Land wo Ordnung, Disziplin, Ehrlichkeit und Verlas als hohe Werte gelten; ein Land, von dem so viele meiner dort neu beheimateten Landsleute nur Gutes zu berichten wussten. Dort führten Fleiß und Zielstrebigkeit zum Erfolg. Dieses Land, welches ich so idealisierte, war Deutschland. Und dieses Land wollte ich auf alle Fälle erreichen. Es war im Jahr 1981. Zu jener Zeit lebten meine Eltern auf einer Baustelle am Fluss Poneasca bei Bosowitsch, wo ein Wasserkraftwerk gebaut wurde. Nach ersten Erfahrungen als Aushilfserzieherin im Kindergarten der Erika Metzger Hanffabrik in Billed betreute ich auf der Baustelle Poneasca die Kinder der Arbeiter und Angestellten. Mein festes Domizil war nach wie vor Billed; an den Wochenenden fuhr ich nach Hause zu meinen Großeltern. Der Weg führte durchs Grenzgebiet: durch die Orte Orawitz, Großscham, Detta, ganz nah entlang der grünen Grenze zu Jugoslawien. Mein Wunsch, über Jugoslawien nach Deutschland zu flüchten, wurde immer größer. Zwar wusste ich, dass die blaue Grenze, die Donau, nicht weit entfernt war, doch für die Flucht übers Wasser fehlte mir der Mut. In meiner Freizeit konnte ich mit anderen einkaufen fahren, Poneasca war als mein zweiter Wohnsitz im Personalausweis eingetragen. Mein rumänischer Familienname Găina ermöglicht es mir, die Region zu erkunden, ohne aufzufallen. Von meinem geheimen Plan erzählte ich niemandem, nach dem Motto: „Der Zaun hat Augen und die Mauer Ohren „. Lediglich meine Eltern wussten davon. Immer wieder bat ich meinen Vater, sich umzuhören, wer für so ein Vorhaben in Frage komme. Eines Abends erzählte mein Vater, dass es einen gewissen T. gibt, der sich sehr gut in der Grenzregion auskennt. Mit ihm könnte man es wagen, über die Sache zu reden. Es dauerte nicht lange, und ich wurde T. vorgestellt. Dann lernte ich drei Männer aus Mediasch kennen, die auf der Baustelle in Poneasca arbeiteten und das Land auch verlassen wollten. T. sagte, nicht er werde die Gruppe führen, sondern Bekannte, die oftmals durch ein Schlupfloch bis Öster-

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reich ziehen und danach an derselben Stelle wieder ins Land zurückkommen. Jene kennen sich besser aus als er. Der Schlepperlohn kostet 10 000 Lei sofort und nochmals 10 000 nach der Ankunft in Deutschland. Diesen Betrag sollten meine Eltern entrichten nach Erhalt eines Codeworts von mir. Wir warteten ungeduldig auf das Startsignal; manchmal dachte ich, wir seien reingefallen. Doch dann sollte plötzlich alles ganz schnell gehen. Es war der 9. Juni 1981, spät abends ging es los. Mein Vater fuhr uns mit einem geliehenen Wagen nach Orawitz. Vor dem Ort war eine Kontrollstelle der Grenzer - die winkten uns durch. Das hätte eigentlich für uns ein Alarmsignal sein müssen, denn normalerweise wurde jeder kontrolliert. Wir hielten uns geraume Zeit in einem Restaurant auf, nachdem mein Vater sich verabschiedet hatte und auf einem anderen Weg zurückfuhr. Zur vereinbarten Zeit kam der nächste Pkw, am Steuer saß nicht Herr T., sondern Frau T. Sie fuhr uns nach Großscham, wo wir unsere Schleuser trafen, zwei Zigeuner. Constantin, einer aus unserer Gruppe, sagte, er traue dem ganzen nicht, so sei das nicht vereinbart gewesen. Wir anderen jedoch waren nicht umzustimmen. Uns war alles recht, wir waren berauscht von der Vorstellung, in ein paar Stunden in Freiheit zu sein. Wir wollten von den Bedenken Constantins nichts hören. Viel Zeit blieb uns auch nicht. Das Auto war weg, und die Dämmerung brach herein. Viel hatte ich nicht bei mir: Deutsche Mark, Dollar, Dinar, meinen Schmuck, mein Adressbuch, in dem auch die Telefonnummer der deutschen Botschaft in Belgrad stand. Ich trug Jeans, einen dünnen Pullover und einen Anorak mit Kapuze. Wir gingen los: Einer unserer Führer voran, der zweite hinter uns vier Fluchtwilligen. Der Weg führte durch die dunklen Gassen des Ortes, nur ab und an brannte eine Straßenlaterne. Wir verließen Großscham und gingen durch Felder. Geredet haben wir kaum. Die Sinne waren bis zum äußersten angespannt, um Konturen des fremden Umfeldes zu erkennen oder Geräusche wahrzunehmen. Man hörte immer wieder Hundegebell, mal in der Ferne, mal näher, so wie es auf dem Land im Banat damals war. Es war ein unbeschreibliches Gefühl: Ich hatte den Eindruck, die anderen hören mein Herz rasen, meine Atemzüge wären so laut, als würden sie mich verraten, dann war noch die Angst da, es könnte doch etwas schief gehen. Aber der Wunsch, nach Deutschland zu gelangen, die Hoffnung, bald das Tor der Freiheit zu betreten, gab neuen Mut und Antrieb. So wurde der Schritt wieder leichter, schneller, fast trat man dem Vordermann auf die Fersen, aber man sah auch forschend nach hinten, ob alle noch da seien, sah das bleiche Licht der paar Straßenlaternen in die Ferne rücken. Wir wurden sicher geführt. Als ich schon den Eindruck gewonnen hatte, dass die beiden Kenner des Terrains wären, fielen plötzlich aus dem Gebüsch am Wegrand Schüsse. Soldaten schossen abwechselnd in die Luft und in den Bo-

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den. Mit den ersten Schüssen setzte lautes Gekläffe ein. Dann brüllten die Soldaten Befehle: „Runter, auf den Boden, Gesicht auf den Boden, Hände seitwärts“. Und immer wieder Schüsse. Diese sollten uns den nötigen Respekt einflößen, aber auch Verstärkung herbeirufen. Ich war erstarrt, ich war in jenem Moment unfähig, das Geschehene zu begreifen. Ich wünschte, die Erde sollte sich auftun und mich verschlingen, um der ganzen Situation zu entkommen. Die Schau schien aber kein Ende nehmen zu wollen. Erdklumpen flogen um uns, ich dachte, die Zeit steht still, aber ich war noch am Leben. Später wurde protokolliert, wie viele Salven die Soldaten abgefeuert hatten. Mein Körper fühlte sich bleischwer an, ich verspürte einen Druck im Kopf, ein Sausen in den Ohren, als ob mir das Trommelfell geplatzt wäre. Dann umzingelten die Soldaten uns, sie verteilten Fußtritte nach Belieben, mancher bekam weniger ab, der andere mehr; anfangs blieb ich noch etwas verschont. Dann haben sie uns befohlen, uns hintereinander aufzustellen. Die Soldaten teilten sich auf, sie gingen vor, seitlich und hinter uns. In diesem Moment warf ich mein Portemonnaie weg. Die Soldaten, die uns seitlich bewachten, führten Hunde an der Leine. Diese schnappten zu, kläfften fortwährend, ich hatte riesige Angst vor den Hunden. Und so kam es, dass die Bestien mich am meisten angriffen. Sie ließen nicht los, quetschten mehr als sie bissen, und die Soldaten schimpften uns Vaterlandsverräter und Deserteure. Dazwischen hagelte es immer wieder Hiebe mit dem Gummiknüppel. Kein Laut kam über meine Lippen, um jene nicht noch mehr zu reizen, aber auch aus Trotz, weil wir ihnen so leicht ins Netz gegangen sind und jetzt zurück ins Elend mussten. Diese Tortur nahm mit der Ankunft auf dem Hof des Grenzerstützpunktes Großscham ein Ende. Im Licht der Hofbeleuchtung merkten sie erst, dass ich als einzige Frau dabei war. Nun wurden wir getrennt, die zwei Roma kamen zusammen zum Verhör in einen Raum, uns vier brachte man in einen Raum mit Tischen und Bänken - es könnte ein Speise- oder Aufenthaltsraum gewesen sein. Soldaten bewachten uns, machten sich lustig über uns und freuten sich über fünf Tage Sonderurlaub, weil sie uns erwischt hatten. Papiere und alles andere, was wir bei uns hatten, mussten wir vor uns auf den Tisch legen, alles wurde erfasst, Daten aufgenommen. Immer wieder waren Stimmen zu hören und Geschrei, die beiden Roma wurden geschlagen und haben mit Sicherheit mehr verraten, als sie wollten. Von unserer Gruppe war ich am meisten zugerichtet. Meine Jeans war zerlöchert, ich konnte kaum stehen, die Beine von den Hundebissen geschwollen, sie brannten wie Feuer - so tapfer wie ich vorher war, so gab ich mich jetzt ganz meinem Schmerz hin. Am frühen Morgen wurden die zwei Roma und ich in einem geschlossenen Auto in die Dorfambulanz gebracht, wo wir ärztliche Hilfe bekamen: Die Wunden wurden mit Jod gesäubert, ich glaube, wir wurden auch geimpft. Das Ausmaß der Prügel konnte man erst jetzt erkennen. Die Gesichter

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der beiden Fluchthelfer waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt, ihr Gang war nicht besser als der meine - schräg, verzerrt. Ich dachte: Oh, Gott, werden wir wieder normale Menschen? Wir wurden zurückgebracht in den Stützpunkt mit den Worten: Blicke nach unten, Schande über euer Tun. Inzwischen waren hohe Offiziere aus Temeswar angekommen. Gegen Mittag wurden wir in einem geschlossenen Auto über Detta nach Temeswar gebracht. Ab nun war ich in UHaft im Polizeigebäude. In der U-Haft wurden mir meine persönlichen Sachen weggenommen. Danach wurde ich verhört. Ich versuchte, alles so wie auf dem Grenzerstützpunkt zu wiederholen, obwohl man hier schon in die Details ging. Irgendwann knallten die mir meine Brieftasche auf den Tisch. Sie hatten das Terrain, wo wir erwischt worden waren, nochmals abgesucht und sie gefunden. Leugnen half nichts. Ich gestand, dass es meine Brieftasche ist. Weil darin ausländisches Geld war, haben sie mich plötzlich zur Rädelsführerin gestempelt, die Kontakte zu Personen im Westen pflegt. Sie wussten mehr aus meinem Leben und Umfeld als ich selbst. Die Chance, mich zu rechtfertigen oder zu verteidigen, war gleich null. Die Vorgehensweise der Securitate war mir bekannt. Ich hatte jetzt nur noch den Wunsch, endlich in Ruhe gelassen zu werden. Was ich zu jenem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass sie auch meinen Vater verhaftet hatten mit der Begründung, Fluchthilfe geleistet zu haben. Auch Frau T. sollte verhaftet werden, weil sie aber drei kleine Kinder hatte, blieb sie verschont. T. ist nach unserer Verhaftung selbst geflüchtet, genau an jener Stelle, wo es uns nicht gelungen war. Später wurde er in Abwesenheit verurteilt - er war schon in Italien. Als der Fall geklärt war, ging es ins Temeswarer Gefängnis. Zwei Tage war ich mit drei Frauen in einer Zelle; wir wurden ärztlich untersucht und danach in andere Zellen verteilt. Anfangs arbeitete ich von 6 bis 18 Uhr in der Konservenfabrik. Bald merkte ich, dass es dort noch andere Flüchtlinge gab, dass ich nicht die einzige war, der die Flucht missglückt war. Weil wir nur morgens und abends beim Transport in und aus der Fabrik Tageslicht zu sehen bekamen, meldete ich mich zur Arbeit im Garten. Anfangs konnte ich den Rhythmus mit den anderen nicht mithalten, doch es kam Hilfe. Eine Lehrerin und ihre Mutter aus Hermannstadt nahmen mich in die Mitte und halfen mir beim Hacken, mal die ein paar Meter, mal die andere ein paar Meter. Die Aufseher duldeten es. Pause hatten wir von 12 bis 13 Uhr, in der gab es Mittagessen, es war sehr schlecht. Verurteilt wurde ich in Detta. So wie mein Fall vor Gericht geschildert wurde, war er mir total fremd. Doch hatte man eine Wahl? Meine Mutter hatte für mich einen Anwalt verpflichtet, der die Richter kannte. Meine Oma hatte ihm 10 000 Lei gegeben, damit er ein mildes Urteil erwirken soll. Später habe ich erfahren, dass er meiner Oma das Geld zurückgegeben hat. Er hat ihr zu erklären versucht, dass es eine Amnestie geben wird und wir entlassen werden. So war es

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dann auch: Am 19. August 1981 war ich frei. Erst beim Prozess in Detta habe ich erfahren, dass mein Vater auch wegen Fluchthilfe angeklagt worden war, weil mich niemand bis zum Beginn des Verfahrens im Gefängnis besuchen dufte. Er ist am selben Tag wie ich freigekommen. Mein Wunsch, nach Deutschland auszuwandern, erfüllte sich erst am 24. März 1985. Heute lebe ich zufrieden mit meiner 15 Jahre alten Tochter Nicole in einem kleinen Ort in der Vorderpfalz. Die Ereignisse von damals kann ich wohl nie ganz vergessen, aber sie haben an Intensität verloren und gehören der Vergangenheit an. Ich weiß heute, dass Licht und Schatten zusammengehören und dass es viel schlimmer hätte ausgehen können. Ich durfte aber auch eine positive Erfahrung machen: Es gibt auch anständige Leute. Der Anwalt verhielt sich in der damaligen korrupten Zeit äußerst human und loyal.

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Der Theiß entlang von Ungarn nach Serbien Von Alfred Bartolf In Rumänien sah ich für mich nur wenige oder gar keine Zukunftschancen, darum fasste ich den Entschluss, irgendwie nach Deutschland zu gelangen. Das war aber auf legalem Wege nicht möglich, deshalb blieb mir nur eine Möglichkeit, die Flucht. Semlak liegt in Grenznähe. Für seine Bewohner bestand die Möglichkeit, am sogenannten kleinen Grenzverkehr mit Ungarn teilzunehmen. Es waren Tagesreisen in die grenznahen Städte Makó oder Seged, um uns mit Kleinigkeiten zu versorgen, die bei uns Mangelware waren. Aus Ungarn konnte ich nicht nach Alfred Bartolf Deutschland ausreisen, die Ungarn ließen keinen passieren, aber die Jugoslawen. Doch wie nach Jugoslawien gelangen? Von Rumänien aus war dies nicht möglich. Viele, die versuchten, sich nur der jugoslawischen Grenze zu nähern, wurden von den rumänischen Grenztruppen aufgespürt, schrecklich misshandelt oder gar getötet. Unzählige haben im Laufe der Jahre an dieser Grenze ihr Leben gelassen. Kurz bevor ich geflüchtet bin, hat man mir von einem jungen Mann berichtet, der vermisst wurde. Er ist bist heute nicht wieder aufgetaucht. Einige meiner Semlaker Jugendfreunde, die den Verdacht erweckt hatten, dass sie nach Jugoslawien flüchten wollen, wurden schon im Arader Bahnhof festgenommen. Man hatte sie verraten, sie waren geständig und mussten für Monate ins Gefängnis. Daraufhin war mir klar, dass ich einen Fluchtversuch nur allein unternehmen werde. Man konnte kein Vertrauen haben, denn die Spitzel der Securitate waren allgegenwärtig. Ein Jahr lang arbeitete ich an dem Plan, irgendwie von Ungarn nach Jugoslawien und von dort nach Deutschland zu gelangen. Im Sommer 1981 machte ich eine Urlaubsreise in die DDR. Bei der Gelegenheit habe ich mir Landkarten für die Flucht beschafft. In Arad besuchte ich einen Judo-Lehrgang, um mich körperlich fit zu machen und im Notfall auch verteidigen zu können. Ich arbeitete damals im Chemiekombinat in Glogowatz, wohnte aber zu Hause in Semlak zusammen mit meinen Eltern und meiner Großmutter. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, warum ich abends immer so spät nach Hause kam, habe ich auch noch einen Lehrgang für Fernsehtechnik besucht, wodurch meine Fa-

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milie dann auch auf keine bösen Gedanken kam. Am Nachmittag des 3. November 1981 fuhren mein Vater und ich wieder einmal nach Seged, um noch für die Schweineschlacht einzukaufen. Mein Entschluss stand schon lange fest, bei der nächsten Ungarn-Fahrt zu flüchten. Um nicht aufzufallen, zog ich ganz normale Straßenkleidung an, allerdings warme Sachen, denn es war schon recht kühl. Vater hatte keine Ahnung von meinem Vorhaben. In Ungarn angekommen, waren meine Gedanken schon ganz auf die Flucht ausgerichtet, und Vater staunte nur, dass ich überhaupt keine Lust am Einkaufen hatte. Ich wartete nur, dass es Abend wurde, denn dann sollte es losgehen. So kaufte Vater nun allein ein. Als er damit fertig war und sagte, es sei Zeit, nach Hause zu fahren, teilte ich ihm mit, dass ich nicht mitkomme. Er war sprachlos. Als er sich gefangen hatte, fragte er mich, ob ich denn auch warm genug gekleidet sei? Vater hatte nach dem Krieg selbst die Erfahrung gemacht, schwarz über die Grenzen zu gehen. Er war im Herbst 1944 mit seinem Vater und zusammen mit vielen Semlakern vor der herannahenden Sowjetarmee geflüchtet. Nach vielen Abenteuern landeten sie schließlich in Wien, von wo aus er mindestens dreimal schwarz über alle Grenzen nach Hause nach Semlak kam. Ich versicherte ihm, mich warm genug gekleidet zu haben, denn ich trug eine khakifarbene Pelzjacke, dicke Unterwäsche und Socken, und sogar eine Mütze aus Schafspelz hatte ich dabei. Die Mütze habe ich heute noch, die anderen Sachen natürlich nicht mehr. Ein Paar neue Socken, die wir in Ungarn nicht verkauft hatten, steckten auch noch in meiner Jackentasche. Ein kleiner Fehler war mir bei der Ausrüstung doch unterlaufen. Ich hatte in aller Eile Halbschuhe angezogen, Schnürstiefel wären besser gewesen. Zum Glück hat es nicht geregnet. Als Vater merkte, dass es keinen Sinn hat, mich von meinem Plan abzuhalten, sagte er: „Lass uns wenigstens einiges zu essen und trinken kaufen, damit du unterwegs etwas hast“. Und wie recht sollte er haben. Wir verabschiedeten uns, Vater wünschte mir noch Glück, aber er wusste nicht, wie ihm geschah. Er blieb versteinert stehen, und ich ging meinem Ziel entgegen, ohne mich umzusehen, denn ich wollte nicht weich werden. Unsere Wege trennten sich plötzlich, und das für lange Zeit. Für mich begann die abenteuerliche Reise in die Freiheit, nach Deutschland. Ich hatte weder Landkarten noch Kompass bei mir, die mich verdächtig gemacht hätten, aber in meinem Kopf war die Karte gespeichert, dort konnte keiner hineinsehen. Ich ging zur Theiß, und dann immer am rechten Ufer entlang. Doch schon kurz hinter der Stadt tauchte das erste Hindernis auf, ein Stolperdraht, den ich jedoch leicht überschritt, denn es war noch etwas hell. Nun war mir bewusst, dass ich mich schon in Grenznähe befand. Schon bald tauchte der nächste Stolperdraht auf, der aber nicht so leicht zu überwinden war. Er befand sich auf einem Steg über einem Kanal, der aus der Theiß kam. Das wäre nicht so bedeutsam gewesen, aber auf der anderen Seite des Kanals stand ein bewaffneter un-

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garischer Grenzsoldat mit einem Schäferhund, den er an einen Baum angebunden hatte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich in einer Bodenmulde zu verstecken und abzuwarten. Es wurde Nacht, der Himmel stand voller Sterne. Stunden vergingen und es war bestimmt schon nach Mitternacht, als der Grenzer wegging, den Hund aber zurückließ. Das war meine Chance. Ich ging über den Steg und trat an den Stolperdraht, der sofort eine Leuchtrakete auslöste. Vom Militärdienst wusste ich, dass diese Leuchtraketen immer nur einen Kreisrand, und keinen Mittelpunkt ausleuchten können. Ich hielt an und verweilte, bis die Rakete erlosch. Erst dann setzte ich meinen Weg fort. Ich entfernte mich schnell von dem Steg und hörte Soldaten schreien und Hunde bellen. Ich kroch in ein Gestrüpp und wartete ab, bis wieder Ruhe eingekehrt war. Dann galt es, festzustellen, ob meine Marschrichtung noch die richtige war. Es war eine klare Nacht. An den Sternen konnte man sich gut orientieren; auch das hatte ich geübt. Ich suchte den großen Wagen, dann den Polarstern und stellte fest, dass ich in die falsche Richtung gelaufen war. Doch ich konnte schnell wieder den Weg nach Süden erkennen. Nie hätte ich gedacht, dass diese Kenntnisse aus dem Geographieunterricht für mich einmal so wichtig würden. Am Morgen des 4. November stand ich wieder vor einem Stolperdraht, als plötzlich ein Hase aufsprang und gegen den Draht rannte. Ich erstarrte vor Schreck, dachte nun, dass dieser Hase Alarm auslösen wird, aber kurz davor kehrte er um, ohne ihn zu berühren. Dann schritt ich selber drüber und ging weiter in Richtung Süden, immer der Theiß entlang. Sie war mein Wegweiser. Das Gebiet, in dem ich mich befand, war bewaldet und voller Gestrüpp, ideal zum Tarnen und Verstecken geeignet. Der Morgen dämmerte, und ich ging weiter durch Wald. Ich hörte Stimmen. Es waren Waldarbeiter. Ich schlich mich an sie heran, konnte aber nicht feststellen, ob sie ungarisch oder serbisch sprachen. Ich ließ sie weiterarbeiten und entfernte mich. Es wäre sicher nicht gut gewesen, wenn sie mich bemerkt hätten. Gegen Mittag kam ich an den Waldesrand und direkt vor einen Wachturm, vor welchem bewaffnete Soldaten standen. Den sauber geeggten Grenzstreifen konnte ich deutlich sehen. Es waren keine Drähte gespannt, und es gab auch keinen Zaun. Diese kurze Strecke, vom Waldrand zum Grenzstreifen zu überwinden, wäre bei Nacht kein Problem gewesen. Aus der Theiß kamen aber zwei etwa einen Meter dicke Bewässerungsrohre. Sie verliefen dicht am Grenzstreifen vorbei. Sie hätte ich übersteigen müssen. Ich entschloss mich, die Nacht abzuwarten, um dann den entscheidenden Schritt meiner Flucht zu wagen. Aus dem Wald heraus beobachtete ich weiterhin aufmerksam das Verhalten der Grenzer. Der Wind war günstig, er wehte aus der Richtung der Grenzer mir direkt ins Gesicht. Ich konnte ihre Gespräche gut hören, aber nicht verstehen. So kauerte ich den ganzen langen Nachmittag angespannt im Gebüsch und wartete auf die Abenddämmerung, um in ihrem Schutze die ungarisch-

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jugoslawische Grenze zu überschreiten. Als es dunkel genug war, näherte ich mich den Rohren und kletterte über das erste. Zwischen den beiden Rohren verkroch ich mich zuerst, um die Lage zu beobachten. Ich kletterte auch über das zweite Rohr und ging schnell über den Grenzstreifen. Dann sah ich den Grenzstein vor mir. Auf ihm stand auf der einen Seite geschrieben „Ungarische Volksrepublik“ und auf der anderen „Jugoslawische Föderation“. Jetzt war ich sicher, in Jugoslawien zu sein, und musste die ungarischen Grenzer nicht mehr fürchten. Die Erleichterung war sehr groß, da mir bewusst war: Ab jetzt konnte nicht mehr viel schief gehen, die Jugoslawen hätten mich im Falle einer Festnahme nicht an Rumänien ausgeliefert. Zu meiner Überraschung waren auf der jugoslawischen Seite keine Grenzer zu sehen. Die Wachtürme waren nicht besetzt. Ich setzte meinen Weg südwärts in Richtung Kanischa fort, bis ich an eine Straße kam und mich erschöpft in den Straßengraben legte, um ein wenig auszuruhen. Fast zwei Tage und zwei Nächte hatte ich gefroren und nicht geschlafen. Kaum eingeschlafen, wachte ich vor Kälte wieder auf. Verwahrlost und vom Gestrüpp ziemlich übel zugerichtet, beschloss ich, meinen Fußmarsch in Richtung Belgrad fortzusetzen. Seit ich von zu Hause weg war, hatte ich kaum etwas gegessen, und zu trinken hatte ich auch nichts mehr. Doch dann tauchte neben der Straße ein Hof auf, in dem Leute herumhantierten. Ich ging hinein, grüßte auf ungarisch und bat um Wasser. Sie deuteten einfach auf den Brunnen, und so füllte ich meine leere Flasche und machte mich aus dem Staub. Deutsch durfte ich nicht sprechen, ich wäre sonst aufgefallen. Hätten die Leute mich an die Polizei verraten und wäre ich geschnappt worden, so wären sie dafür mit einer Kopfprämie belohnt worden, und ich in das UNO-Sammellager gekommen. Aber es war mein Glück, sie machten sich nicht viel aus meiner Anwesenheit. Von Kanischa nach Senta bin ich getrampt. Mit dem Fahrer, der mich mitgenommen hatte, sprach ich Ungarisch, und er antwortete Serbisch. Wir haben uns zwar nicht verstanden, aber prima unterhalten. In Senta ging ich nun an einen Zeitungskiosk, um eine Ansichtskarte zu kaufen. Ich wollte meiner Familie schreiben, dass ich fürs erste durchgekommen war. Doch womit kaufen? Forint und Lei wollte niemand haben. Jetzt waren die neuen Socken an der Reihe. Der Verkäufer am Kiosk war ein alter Mann. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass ich eine Postkarte und eine Briefmarke brauchte, zwar kein jugoslawisches Geld habe, aber ein Paar neue Socken anbieten könne. Offensichtlich hatte er verstanden, was ich wollte, denn er gab mir die Postkarte und die Briefmarke, aber auch die Socken zurück. Ich habe mich bedankt und bin schnell weggegangen. Die Karte traf nach einigen Wochen in Semlak bei meinen Eltern ein. Von Senta ging es weiter in Richtung Neusatz. Ein Stück bin ich getrampt, musste jedoch bald wieder aussteigen, weil es sich herausstellte, dass der Wagen in eine andere Richtung fuhr, als ich

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wollte. Nun stand ich wieder am Straßenrand. Ein rotes Auto mit deutschem Kennzeichen fuhr vorbei. Ich winkte verzweifelt und siehe - das Auto hielt an. Der Fahrer fragte, wohin ich wollte. Ich sagte, ich möchte nach Belgrad. Er war einverstanden, mich ein Stückchen mitzunehmen, obwohl er selbst nicht nach Belgrad fahren wollte. Wir unterhielten uns auf deutsch, und er fragte mich, was ich in Belgrad wolle. Ich erzählte ihm, woher ich komme und wohin ich möchte. Danach besprach er etwas mit seiner Frau in seiner Sprache, das ich nicht verstand. Diese Familie brachte mich an den Busbahnhof von Neusatz, kaufte mir eine Fahrkarte nach Belgrad, gab mir sogar noch etwas Geld, sagte mir, wann und von wo der Bus nach Belgrad fährt. Es war eine jugoslawische Gastarbeiterfamilie aus der Oberpfalz und ich pflegte später in Deutschland freundschaftliche Beziehungen zu ihr. In Belgrad ging ich direkt zur deutschen Botschaft, um meinen Wunsch, die Einreise in die Bundesrepublik, vorzutragen. Man hat mich trotz meines verwahrlosten Zustandes höflich empfangen. Der Beamte von der Botschaft sagte mir, er würde mir sofort einen vorläufigen Pass ausstellen, wenn ich Fotos hätte. Hierzu schickte er mich in die Nähe des Bahnhofs zu einem Fotografen, der sehr schnell Passfotos machen würde. Der Beamte gab mir aber zu verstehen, dass in der Nähe des Bahnhofs öfter gefahndet würde und so verwahrlost wie ich sei, müsste ich verdammt aufpassen, dass man mich nicht verhaftet. Es hat aber alles gut geklappt, und ich kam mit den Fotos zurück zur Botschaft. Dort schlug man mir nun vor, zuerst in ein Sammellager der UNO zu gehen, was ich aber entschieden ablehnte. So stellte man mir einen vorläufigen Pass aus und behielt meine rumänischen Ausweispapiere zurück. Wochen später habe ich sie in Deutschland wiederbekommen. Am Abend des 5. November 1981 bin ich todmüde in Belgrad in den Zug gestiegen und war am nächsten Tag in Nürnberg, dem Ziel meiner Sehnsucht. Das erste Wochenende in der Bundesrepublik habe ich in Ingolstadt bei Freunden verbracht. Dort hatte sich eine Reihe Semlaker eingefunden, und ich erzählte freimütig und leichtsinnig, was ich in den letzten Tagen erlebt hatte. Wir unterhielten uns ausgelassen, und es wurde so mancher Schluck getrunken. Anscheinend war jemand unter den Zuhören, der meine Erzählungen weiterleitete. Es sollte mir und meinen Angehörigen schaden: Erst nach sieben Jahren sollten sie zu mir ausreisen dürfen, erst als ich bei der rumänischen Botschaft massiven Druck gemacht und mit Hungerstreik gedroht hatte. Gekürzt dem „Semlaker Heimatbrief. Alfred Bartolf wurde am 13.08.1957 in Semlak geboren. Nach dem Abitur in Hatfeld, Militärdienst und Ausbildung zum Mess- und Regelmechaniker. In Deutschland Weiterbildung zum Industriekaufmann. Verheiratet mit Elisabeth geb. Heim, ein Sohn. Alfred Bartolf lebt mit seiner Familie in Neu Ulm.

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Gerhard Dick:

Mit der Temesch in die Freiheit geschwommen Die Banater im Dreiländereck Rumänien, Serbien, Ungarn erleben den 10. Oktober 1981 als warmen, angenehmen Herbsttag. An der Endhaltestelle der Eisenbahnstrecke, die Temeswar, die Hauptstadt dieses Landstrichs, mit dem Grenzort Cruceni verbindet, steigen drei Mann aus dem Zug: Gerhard Dick (geboren am 27. Juni 1963) und Ewald Tussler (geboren am 8. Juni 1962) mit seinem Vater Franz Tussler. Die drei kommen mit dem letzten Zug aus Temeswar. Sie machen sich zusammen zu Fuß auf den Weg in ihren Heimatort Tschawosch. Gerhard Dick gibt vor, wie gewöhnlich an diesem Wochenende seine Eltern in Tschawosch besuchen zu wollen. Die Tusslers wohnen seit 1976 in Temeswar, sie wollen zu Ewalds Tante und seinem Onkel, die die Nachbarn der Eltern von Gerhard Dick sind. Tschawosch liegt an der rumänisch-serbischen Grenze als letzte Ortschaft des rumänischen Banats auf dem linken Temeschufer. Die Temesch entspringt im rumänischen Teil des Banats bei Wolfsberg im Banater Bergland und mündet in Pantschowa kurz hinter Belgrad in die Donau. Nach der Zerschlagung Österreich-Ungarns infolge des Friedensvertrags von Trianon 1920 wird das Banat zwischen Serbien und Rumänien aufgeteilt, ein kleiner Nordwestzipfel mit der Stadt Segedin bleibt Ungarn erhalten. Mit der neuen Grenzziehung vom 24. März 1924 verliert Tschawosch seine zentrale Lage, etwa 5 Kilometer vom Distriktsitz Modosch entfernt, wird in eine Randlage gedrängt und von allen Städten und Marktflecken Rumäniens isoliert. Die nahe Temesch-Brücke in Modosch ist für die Tschawoscher wegen der neuen Grenze auf serbischer Seite nicht mehr zugänglich, die Ortschaften jenseits der Temesch nicht mehr erreichbar. Die nächste Brücke ist flussaufwärts 25 Kilometer entfernt. Die Tschawoscher sind auch vom Modoscher Bahnhof abgeschnitten. Sie müssen jetzt eben nach Cruceni am rechten Ufer der Temesch gehen. Dazu bedienen sie sich einer kleinen Personenfähre, um das Temesch-Ufer zu wechseln. Der nächste südlich der Temesch gelegene Bahnhof ist in Gier, 12 Kilometer entfernt. Als Gerhard Dick und sein Freund Ewald mit dessen Vater den Fußmarsch entlang der Grenze antreten, haben sie schon ein gutes Gefühl. Kein Soldat begleitet sie diesmal auf dem Heimweg. Das kommt den beiden jungen Männern 18 und 19 Jahre alt - wie gerufen. Vor einer Woche haben sie entschieden: Sie wollen die erste Gelegenheit nutzen, um nach Serbien durchzubrennen. Die Zeit ist an diesem 10. Oktober anscheinend reif dafür. Warum dieses Mal kein Bewacher mitgeht? Sie wissen es nicht. Sie können nur vermuten, dass vielleicht

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der eine oder andere Aufpasser vor dem Fernseher sitzt, denn an diesem Abend spielt die rumänische Fußball-Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation gegen die Schweiz. Nach einem Fußmarsch von einer Stunde erreichen die drei das TemeschUfer. Lubinko, der serbische Fährmann, ist nicht zu sehen, er kommt auch auf Rufen und Klopfzeichen nicht. Ewald Tusslers Vater wartet auf den Fährmann, die beiden jungen Männer verstecken sich im Ufergras, so gut es geht. Plötzlich tauchen am linken Flussufer ein Grenzer und eine Frau auf. Die Frau kommt mit der kleinen Fähre ans rechte Ufer und Ewalds Vater anschließend ans linke. Sie kommen auch ohne Fährmann zurecht. Die Frau wohnt in einem Haus, von dem aus ihr Mann eine Pumpstation an den zahlreichen Kanälen in diesem Landstrich bedient. Gerhard Dick weiß heute noch nicht, ob die Frau sie gesehen oder einfach übersehen hat. Eines weiß er aber sicher: Die Frau gehörte zu den Spitzeln. Am linken Ufer lädt Ewald Tusslers Vater den Grenzer zu einem Schnaps ein. Der nimmt einen Schluck aus der Flasche und marschiert gemächlich mit Tussler ins Dorf, der ihn ins Gespräch über das bevorstehende Fußballspiel Rumänien gegen die Schweiz zieht - als Ablenkungsmanöver. Inzwischen robben die beiden jungen Männer ins Wasser und treiben mit der Strömung in Richtung Serbien. Keiner bemerkt sie, obwohl sie nur 30 Meter entfernt an einem Grenzposten vorbeischwimmen müssen. Doch die leichte Dämmerung kommt ihnen entgegen: Der Grenzer steht auf dem Hochstand und raucht. Sie können ihn vom Wasser aus sehen. In einer Viertelstunde wollten die beiden die rettende serbische Seite erreicht haben, doch sie brauchen eine Stunde, denn die Serben haben den Fluss gestaut, so dass die Strömung immer langsamer wird; sie müssen mit eigenen Kräften schwimmend das Weite suchen. Mit nassen Kleidern steigen die beiden aus dem Wasser. Gerhard Dick hat seinen Personalausweis und den Führerschein verloren. Sie gehen nach Modosch. Ewald Tussler hat dort eine Tante. Ewalds Mutter hat ihm genau beschrieben, wie er zum Haus der Tante gelangt, dessen Tor die Aufschrift H und I trägt. Die beiden finden das Haus problemlos, doch die Tante ist im Krankenhaus. Ihr Mann, ein Ungar, spricht kein Deutsch, so dass ein erstes Problem auftaucht. Sie verständigen sich mit dem Mann mit Händen und Füßen und wissen schließlich: Der Hausherr will die Flüchtlinge so rasch wie möglich loswerden. Die beiden möchten eigentlich eine weitere Nacht bleiben, weil sie nicht sonntags vor der geschlossenen deutschen Botschaft in Belgrad warten wollen. Vor beiden liegt eine lange Nacht, denn sie können nicht schlafen. Sie hoffen, dass ihr Gastgeber morgens nicht rechtzeitig wach wird und der Bus ohne sie losfährt. Doch daraus wird nichts. Ewalds ungarischer Onkel weckt sie. Mit dem ersten Bus fahren die beiden los. Ihre Kleider sind über Nacht auf dem