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7. Oktober – 15. November 2019

Black Light Luis Buñuel


«Arnaud Desplechin, der neue Meister des Kriminalfilms.» Télérama

WHY NOT PRODUCTIONS PRÉSENTE

ROSCHDY LÉA ZEM SEYDOUX

SARA FORESTIER

ANTOINE REINARTZ

ROUBAIX, UNE LUMIÈRE EIN FILM VON ARNAUD DESPLECHIN

© 2019 WHY NOT PRODUCTIONS - ARTE FRANCE CINÉMA

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01 Editorial

Viel und vielerlei Das Filmpodium widmet seine Reihen oft einzelnen Filmschaffenden und ver­ sucht, möglichst viel von deren sehenswertem Werk zu zeigen. Das haben wir im überlangen Sommerprogramm bei Billy Wilder getan und das machen wir nun noch einmal, indem wir vom grossen Luis Buñuel nicht nur in diesem Programm, sondern auch im darauf folgenden Filme zeigen – eine Gesamt­ anzahl, die eine einzelne Programmperiode sprengen würde. Plinius der Jün­ gere wäre mit uns zufrieden, denn er verlangte ja, man müsse viel lesen, nicht vielerlei, in die Tiefe gehen, nicht in die Breite. Rundum einverstanden sind wir mit Plinius allerdings nicht, denn bei einer thematischen Reihe wie der diesjährigen Retrospektive von Locarno, «Black Light», die vor Augen führen will, wie das Kino Schwarze dargestellt hat und wie Schwarze Kino machen, geht es nicht um Konzentration, sondern um Bandbreite. Historisch wie geografisch, in Bezug auf Geschlechter, Gen­ res und Stile ist eine solche Reihe darauf angelegt, möglichst vielerlei zu zei­ gen, um zu veranschaulichen, dass Black Cinema nicht ein Ding ist, sondern ungeahnt mannigfaltig. Ein solches Unterfangen erreicht nie Vollständigkeit und wird es nie allen recht machen. Was es aber kann und soll, ist, bestehende Vorstellungen von Black Cinema aufbrechen und unsere Auffassung vom filmgeschichtlichen Kanon erweitern. Es ergeben sich dabei auch spannende Resonanzen zwischen unterschiedlichen Filmen, etwa zwischen Jack Hills Coffy und Tarantinos postmodernem Blaxploitation-Recycling in Jackie Brown sowie zwischen Jean Rouch und Safi Faye, John Singleton und C ­ auleen Smith usw. Und wie der Dozent Michael Gillespie in Locarno anlässlich von «Black Light» sagte: «Black Cinema is never the answer, it is always the ques­ tion.» Wir hoffen, dass Sie sich für solch spannende Fragen interessieren. Vielerlei bietet auch die Ringvorlesung zum 30-jährigen Bestehen des Seminars für Filmwissenschaft an der Universität Zürich: Sechs Dozentinnen und Dozenten referieren anhand ebenso vieler Filme über ebenso viele The­ men im Zusammenhang mit dem Gründungsjahr 1989. Viel und vielerlei hat Peter Hunkeler für unser Kino getan: Als Opera­ teur war er schon vor der Gründung des Filmpodiums im «Studio 4» tätig; als Fachmann für analogen Film war er bei uns massgeblich bei der Bereitstellung von 35- und 16mm-Kopien beteiligt, und nebenher besorgte er auch die gra­ fische Gestaltung von Urkunden usw. Nun geht er in Rente und hinterlässt mehrere Lücken. Wir sind ihm dankbar und werden ihn vermissen. Corinne Siegrist-Oboussier & Michel Bodmer Titelbild: Boyz n the Hood von John Singleton


02 INHALT

Black Light

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Luis Buñuel – Das Frühwerk

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Wie stellt das Kino Schwarze dar? Wie ma­chen Schwarze Kino? Wo liegen die Grenzen zwischen Blaxploitation und Emanzipation? Diesen spannenden, aber auch heiklen Fra­gen widmete das diesjährige Locarno Film Festival seine Retrospektive. Gastkurator Greg de Cuir Jr hat eine Auswahl von Filmen zusam­mengestellt, die von der Stumm­ filmära bis in die letzten Jahre reicht und von Hollywood über Jamaika, Brasilien und Afrika bis zu den ehema­ ligen Kolonialreichen Europas. Spike Lee und Julie Dash kommen dabei ebenso zum Zug wie Shirley Clarke und Joseph L. Mankiewicz, Djibril Diop Mambéty und Euzhan Palcy, ­Jules Dassin und Quentin Tarantino. Die Retro-Spektive entwickelt sich ­dabei häufig zur Re-Vision, was den filmischen Kanon angeht.

Mit Un chien andalou (1929) und L’âge d’or (1930) wurde Luis Buñuel (1900–1983) zum Vater des surrealis­ tischen Kinos. Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs kam er via USA nach Mexiko, wo er erst 1946 wieder selber Regie führen konnte, anfänglich in billigen, kommerziellen Produktionen, in denen aber zuneh­ mend seine persönliche Weltsicht spürbar wird. Sei es der fast doku­ mentarische Los olvidados (1950) oder der beissend satirische Ensayo de un crimen (1955): Das, was wir auch heute noch buñuelesk nennen – der Einbruch des Surrealen in den ­Alltag, das Abrechnen mit der Kirche und dem verknöcherten Bürgertum –, prägt auch seine mexikanischen Fil­ ­me, die den Schwerpunkt des ersten Teils unserer Retrospektive bilden.

Bild: Orfeu Negro

Bild: Un chien andalou


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30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft

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Werbefilm und Medienwandel, Pop­ kultur und Musikvideos, europäische West-Ost-Beziehungen im Umbruch, Südafrika nach der Apartheid, AIDS und Aktivismus und natürlich der Mauerfall sind die Themen von sechs Vorlesungen und Filmen zum 30. Jah­ restag der Gründung des Seminars für Filmwissenschaft anno 1989.

Das erste Jahrhundert des Films: 1989

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tierte John Woo von Hongkong nach Hollywood. Meditativer geht es in Bae Yong-kyuns Warum Bodhi-Dharma in den Orient aufbrach? zu. Bild links: Do the Right Thing

Filmpodium für Kinder: 41 Die Kinder des Monsieur Mathieu Der arbeitslose Musiker Mathieu ver­ sucht aus schwer erziehbaren Jungs einen Chor zu formen. Preisgekrönter Kinohit. Bild rechts: Die Kinder des Monsieur Mathieu

Einzelvorstellungen Spike Lees Do the Right Thing, eine Parabel über die Eskalation des Ras­ sismus im Alltag, gehört auch zur Reihe «Black Light». Steven Soder­ berghs wegweisendes Filmdebüt Sex, Lies, and Videotape errang die Palme d’Or und Daniel Day-Lewis gewann für seine Verkörperung von Christy Brown in Jim Sheridans My Left Foot seinen ersten Oscar. Das stilbildende Action-Melodram The Killer katapul­

European Arthouse Cinema Day: 40 Have You Seen My Movie? UNESCO Welttag des audio­visuellen Erbes 2019:  42 Fête des Vignerons Filmbuff-Quiz 2019  43 Zur Stadt­haus-Ausstellung «Privatsphäre»: Rear Window43 Sélection Lumière:  44 La notte di San Lorenzo


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Black Light Die diesjährige Retrospektive des Filmfestivals Locarno widmete sich unter dem Titel «Black Light» dem internationalen Black Cinema, zeigte aber nicht nur Filme von Schwarzen. Kurator Greg de Cuir Jr schildert nachstehend die Überlegungen, die ihn bei Auswahl und Zusammenstellung der Filme geleitet haben. Das Filmpodium zeigt mehrheitlich Filme, die in Locarno zu sehen waren. Einzelne Filme wurden gegen andere Raritäten ausgetauscht, die im Schein des «Black Light» hier erstmals zutage treten. Als Erstes umreisse ich die Grundregeln für diese Retrospektive über das, was ich als «internationales Schwarzes Kino» bezeichne. Schon das Wort «retro­ spektiv» impliziert eine Rückschau; manche Wörterbücher definieren es auch als «rückwirkend». Daher geht es mir nicht um das 21. Jahrhundert oder das, was wir hier «die Gegenwart» nennen könnten. Der Autor L.  P.  Hartley schrieb: «Die Vergangenheit ist ein fremdes Land; dort gelten andere Regeln.» So ist es, und diese Retrospektive ist für alle gedacht, die gerne reisen, für alle, die kulturelle Unterschiede schätzen, für alle, die offen für Entdeckungen sind. Bei ihren Erkundigungen orientiert sich diese Retrospektive an der all­ gemeinen Route der Middle Passage, des traditionellen Sklaventransport­ wegs, die als Demarkationslinie dient. Ich beschäftige mich hier mit den Lebensumständen und Kulturen der Schwarzen Völker, dort, wo wir «in die Zivilisation geworfen worden sind, (...) ohne dass wir diesbezüglich gefragt worden wären», wie der Philosoph Vilém Flusser geschrieben hat. Daher ist diese Retrospektive vielstimmig; sie ist ein Ausgangspunkt, ein Angebot und keine Schlussfolgerung. Gehen Sie nicht auf der Suche nach Antworten an sie heran. Ein weiteres sehr wichtiges Prinzip beim Aufbau dieser Retrospektive war es, die vorherrschende Definition und Auffassung von Black Cinema auf­ zubrechen und zu versuchen, etwas Breiteres und Gemeinschaftlicheres anzu­ bieten. Angeregt vom Theoretiker Michael Gillespie und einem kürzlich er­ schienenen Manifest, das er zusammen mit Racquel Gates verfasst hat, meine ich, das Schwarze Kino könne nicht auf die schlichte Repräsentationsvorstel­ lung von einem Schwarzen Körper hinter oder vor der Kamera beschränkt werden. Das Schwarze Kino kann und sollte gemäss ästhetischen, politischen und ethischen Kriterien diskutiert und muss in Bezug auf Kameraleute, Dreh­ buchautorinnen und Produzenten betrachtet werden. Was die Filmkünstler

< >

Wegweisender Klassiker: Within Our Gates (1920) von Oscar Micheaux Emanzipierter Blick zurück: Night Catches Us (2010) von Tanya Hamilton


06 betrifft, insbesondere die Regisseurinnen und Regisseure, so zielt diese Retro­ spektive auf Chancengleichheit ab, darauf, Menschen in einen Dialog zu brin­ gen, die sich normalerweise nicht auf Augenhöhe begegnen durften. Sie durf­ ten das nicht, weil das Kuratieren von Filmen eine Kampfarena ist, weil das Kino als Dispositiv in aller Regel ein nach Rassen getrennter Raum ist. Von einer Retrospektive des Schwarzen Kinos könnte man erwarten, dass sie ein Ghetto für Schwarze Regisseure schafft, das nie überwunden werden kann. Es ist aber höchst aufschlussreich, einen Spencer Williams mit einem Joseph Mankiewicz, eine Julie Dash mit einer Shirley Clarke, einen Melvin Van ­Peebles mit einem Jules Dassin, eine Euzhan Palcy mit einem Jean Rouch in einen Kontext zu stellen. Dass Schwarzen Filmschaffenden normalerweise keine Plattform gewährt wurde, die sie mit den «Meistern» des internationa­ len Kinos teilen konnten, ist ein Verlust für die Filmgeschichte und erst recht ein analytischer Irrtum. Der Ausgangspunkt: Oscar Micheaux Wo beginnt man, wenn man versucht, eine Geschichte des internationalen Schwarzen Kinos aufzubauen? Was will das Publikum wissen, im Vergleich zu dem, was es wissen muss? Das sind politische und ethische Fragen von grosser Tragweite. Diese Retrospektive kann sie vielleicht nicht ansprechen, denn sie kann wahrscheinlich nicht als historiografische Arbeit gelten. Ich möchte sie eher als historische Collage bezeichnen. Sie ist ganz bestimmt eine persönliche Reise, zu der Sie alle eingeladen sind, damit Sie eigene persönli­ che Reisen gestalten können. Wie der Titel schon sagt, ist diese Retrospektive als «Licht» konzipiert, das Ihnen im Idealfall neue Wege durch die Filmkunst weist. Sie geht aus von einem theoretischen Anfang, Oscar Micheaux, dem weltweit ersten Schwar­ zen Regisseur von Langfilmen. Within Our Gates (1920), der zweite Film, den er gedreht hat, ist das früheste erhaltene seiner Werke. 1993 wurde die einzige existierende Kopie in Spanien gefunden, wo man den Film zu La negra umbenannt hatte. Es mutet erstaunlich an, dass in diesem Gründungs­ moment ein Langfilm eines Schwarzen Regisseurs nach Europa verkauft und dort vertrieben wurde. Es ist zweifellos eine Schande, dass im 21. Jahrhundert der internationale Marktwert brillanter Arbeiten Schwarzer Filmschaffender nach wie vor in Frage gestellt wird. In den Jahren seit dem Wiederauftauchen seines Films wurde Micheaux in Kritikerkreisen von Neuem entdeckt und in den historischen Kanon eingefügt – zu Recht, denn er war eine bahnbrechende Kraft. Wir können uns Within Our Gates ansehen und seine Kühnheit und Neuartigkeit würdigen; womöglich verlangt man von uns auch, ihn anzuse­ hen und seine historische Bedeutung zu erkennen. Wer ihn sich ansieht, blickt in das Buch Genesis des internationalen Schwarzen Kinos. Man beachte, dass


07 der Titel des Films tatsächlich eine Anspielung auf das 5. Buch Mose im Alten Testament darstellt, insbesondere auf Kapitel 5, Vers 14, der besagt, dass der «Fremdling, der in deinen Toren ist», ruhen soll wie du, also Schutz und Gleichbehandlung erfahren soll. Dies ist ein moralischer Imperativ, der bis heute Gültigkeit hat. Bemerkenswert ist auch, dass der französische Name Micheaux sich aus dem alten Vornamen Michael herleitet, der aus dem Heb­ räischen stammt und «Wer ist wie Gott?» bedeutet. Die Frage ist rhetorisch, aber fordert zum Handeln heraus. Mit der Aufnahme von Within Our Gates in die Reihe feiert «Black Light» faktisch 100 Jahre Schwarzes Kino in Spiel­ filmlänge – aber diese Feier soll auch eine Lehre sein. Tradition und Disruption Diese Retrospektive konzentriert sich auf jene Filmschaffenden, die in fiktio­ nalen, narrativen Formen arbeiten. Das abendfüllende Format hat ja, histo­ risch gesehen, mehrheitlich dem Erzählen von Geschichten gedient. Gleichzei­ tig macht es auch den Anschein, dass die Spielfilmindustrie am meisten Widerstand gegen offene Formen und anti-traditionelle Ideale leistet. Demzu­ folge bildet die erzählende Fiktion die grösste Front im Kampf um die Befrei­ ung des Films von reaktionären ideologischen Zwängen. Aber das bedeutet auch, dass der Ort mit dem grössten disruptiven Potenzial für revolutionäre Formen und Inhalte die erzählende Fiktion ist. Diese Retrospektive ist eine Suche nach diesem Potenzial und ein lehrreicher Weg zu dessen Umsetzung in den Filmkünsten der Zukunft. Der Kulturkritiker Stuart Hall hat geschrieben, dass das Kino nicht als Abbild des Bestehenden gedacht werden solle, sondern als eine Form von Repräsentation, die ein Volk als neue Subjekte konstituiere und die es ermögliche, Orte zu entdecken, von denen aus gesprochen werden könne; und überdies, dass die Berufung der modernen Schwarzen Kinos da­ rin bestehe, uns zu ermöglichen, die verschiedenen Teile und Geschichten von uns selbst zu sehen und zu erkennen, um Identifikationspunkte und Positio­ nalitäten zu konstruieren, die wir kulturelle Identitäten nennen. Ich kann mir keine erhabenere Beschreibung oder Begründung für die Berufung des Kura­ tors vorstellen und keinen höheren Massstab für die herausragenden Werke, die hier gezeigt werden. Greg de Cuir Jr

Greg de Cuir Jr ist unabhängiger Kurator, Autor und Übersetzer. Er lebt und arbeitet in Belgrad.


> The Blood of Jesus.

> Strange Victory.

> No Way Out.

> La permission.

> The Cool World.


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Black Light

WITHIN OUR GATES USA 1920 «Oscar Micheaux’ kühnes, kraftvolles Melodrama von 1919 – der älteste noch erhaltene Spielfilm ­eines schwarzen amerikanischen Regisseurs – entfaltet die gewaltigen politischen Dimensionen intimer romantischer Krisen. Evelyn Preer spielt eine junge schwarze Frau in einer Stadt im Norden, Sylvia Landry, die darunter leidet, dass ihre Verlobung aufgelöst wurde. Sie zieht in den Süden und wird Lehrerin in einer unterfinanzierten Schule; als sie nach Boston reist, um Spenden zu sammeln, begegnet sie einem leidenschaftlichen Arzt und einer weissen Philanthropin, die ihre ­Sache unterstützen. Mit einem flotten und scharfkantigen Stil entwirft Micheaux ein breites Panorama der schwarzen Gesellschaft und porträtiert einen Ingenieur mit internationaler Karriere, einen Privatdetektiv mit einflussreichen Freunden, einen ausbeuterischen Gangster, engagierte Pädagogen – und das entsetzliche Umfeld einer gewalttätigen Rassendiskriminierung, die er schonungslos und grausig ins Bild setzt. Neben seiner Abscheu über die hasserfüllte Rhetorik und mörderische Tyrannei der weissen Südstaatler zeigt Micheaux besonderen satirischen Ekel vor einem schwarzen Prediger, der seiner Gemeinde den Himmel als Lohn für bedingungslose Unterwürfigkeit anbietet. ­Micheaux’ Erzähltechnik ist so gewagt wie sein Thema, mit Rückblenden und Einschüben, die die Geschichte erweitern; eine bemerkenswerte Wendung in Bezug auf Sylvias Identität gegen Ende des Films stürzt uns in einen geradezu halluzinatorischen historischen Strudel.» (Richard Brody, newyorker.com) 79 Min / sw / DCP / stumm, e Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Oscar Micheaux // MIT Evelyn Preer (Sylvia Landry), Flo Clements (Alma Prichard), Jack Chenault (Larry ­Prichard, Almas Stiefbruder), James D. Ruffin (Conrad Drebert, Sylvias Verlobter), William Smith (Philip Gentry, Detektiv), Charles D. Lucas (Dr. V. Vivian), Bernice Ladd (Mrs. Geraldine Stratton). FR, 11. OKT. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH (PIANO)

THE BLOOD OF JESUS USA 1941 Razz, ein Tagedieb und Wilderer, schiesst versehentlich seine fromme Frau Martha über den Haufen. Während sie zwischen Leben und Tod schwebt, gelangt ihre Seele an einen Kreuzweg, wo sie zwischen den Versuchungen der Hölle und dem Himmel wählen muss.

Von 1915 bis in die 1950er-Jahre entstanden abseits von Hollywood rund 500 sogenannte «race films» mit schwarzer Besetzung und für ein schwarzes Publikum. Produziert und inszeniert wurden diese Filme in der Regel von Weissen, aber bei The Blood of Jesus zeichnete Spencer ­Williams, der später in der umstrittenen Sitcom Amos ’n’ Andy mitwirkte, für Buch und Regie. Die äusserst billige Produktion wirkt oft amateurhaft und überzeichnet, gibt aber einen Einblick in jene naiv-religiöse Denkweise, die Micheaux in Within Our Gates aufs Korn nimmt. (mb) 57 Min / sw / DCP / E // REGIE Spencer Williams // DREHBUCH Spencer Williams, Langston Hughes // KAMERA Jack ­Whitman // MIT Cathryn Caviness (Schwester Martha Ann Jackson), Spencer Williams (Razz Jackson), Juanita Riley (Schwester Jenkins), Reather Hardeman (Schwester Ellerby), Rogenia Goldthwaite (Engel), James B. Jones (Satan).

ILLUSIONS USA 1982 Hollywood, 1942. Mignon Dupree ist schwarz, geht aber als weiss durch und hat eine Stelle als Produzentin und Projektleiterin bei National Studios in Hollywood ergattert. Sie muss eine Synchronisation betreuen, bei der die schwarze Sängerin Esther Jeeter dem blonden Star Leila Grant ihre Gesangsstimme leiht. Julie Dash, die Regisseurin von Daughters of the Dust (1991), bürstet in Illusions die offizielle Geschichtsschreibung der Traumfabrik gegen den Strich. In ihrem vielschichtigen Drama führt sie vor Augen, wie beim Herstellen von Illusionen auf Zelluloid auch andere Trugbilder entstanden, etwa was die Mitwirkung von Schwarzen in der Filmindustrie anging. (mb)

STRANGE VICTORY USA 1948 «‹Erinnerst du dich, wie es war?›, fragt mehrmals ein Sprecher in Leo Hurwitz’ kühnem Essayfilm Strange Victory. In den ersten 20 Minuten blickt Hurwitz zurück auf die Jahre des Zweiten Weltkriegs, als Amerikaner jeder Couleur am selben Strick zogen, um die rassistische Tyrannei der Achsenmächte zu besiegen. Aufnahmen des Kriegsministeriums zeigen den Furor des Luftkriegs gegen Deutschland und das Leid von dessen Bevölkerung, als US-Soldaten durch Berlin jagen, um den Führer zu fangen. Der Sieg bringt die ersten Nürnberger Prozesse, mit Hermann Göring, Rudolf Hess und Co. auf der Anklagebank und tanzenden Menschen auf amerikanischen Strassen. Die Festfreude endet aber jäh, als H ­ urwitz Propaganda-Kleber und Kreide-Graffiti zeigt, die in den


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Black Light Strassen New Yorks auftauchen: ‹Helft, Amerika zu retten! Kauft nicht bei Juden!› und (...) ‹Neger haben diese Stadt ruiniert›. ‹Das Thema des Films war sehr einfach›, erklärte Produzent Barney Rosset einmal. ‹Es ging darum, wie wir den Krieg gewonnen und Hitler vernichtet haben, aber er ist entkommen. Entkommen und hierhergelangt.› (...) Was Strange Victory so fesselnd macht, ist, dass es nicht nötig ist, sich ‹daran zu erinnern, wie es war› – vielmehr wirkt der Film oft wie ein Schnappschuss einiger heutiger Wähler, die Donald Trumps Marsch in Richtung Weisses Haus beflügelt haben. ‹Eine Angst geht um im Land, eine Besorgnis›, lautet der Erzählkommentar von Saul Levitt. ‹Wir leben wie ein Mensch, der den Atem anhält, wegen dem, was morgen passieren könnte.›» (J. R. Jones, chicagoreader.com, 19.5.2016) ILLUSIONS 34 Min / sw / Digital HD / E // DREHBUCH UND REGIE Julie Dash // KAMERA Ahmed El Maanouni // MUSIK Eugene ­Bohlmann // SCHNITT Charles Burnett, Julie Dash // MIT ­Lonette McKee (Mignon Dupree), Rosanne Katon (Esther), Ned Bellamy (CJ), Jack Rader (Leutnant), Jack Lundi Faust (Hauswart), Lisa Henke (Telefonistin).

STRANGE VICTORY 71 Min / sw / DCP / E // DREHBUCH UND REGIE Leo Hurwitz // KAMERA Peter Glushanok, George Jacobson // MUSIK ­David

Darnell (Edie Johnson), Sidney Poitier (Dr. Luther Brooks), Stephen McNally (Dr. Wharton), Mildred Joanne Smith (Cora Brooks), Harry Bellaver (George Biddle).

ORFEU NEGRO Brasilien/Frankreich/Italien 1959 «Marcel Camus’ Orfeu Negro, der sowohl mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film als auch mit der Palme d’Or von Cannes ausgezeichnet wurde, verlegt den altgriechischen Mythos von Orpheus und Eurydike in den Irrsinn des ­Karnevals von Rio de Janeiro im 20. Jahrhundert. Mit seiner atemberaubenden Fotografie und seinem hinreissenden, epochalen Soundtrack war Orfeu Negro ein internationales Kulturereignis und löste den Bossa-Nova-Wahn aus, der in ganz Amerika die Stereoanlagen wirbeln liess.» (Cary O’Dell, blogs.loc.gov 15.1.2019) «Vorsichtigere und skeptischere Stimmen, die sich an den frühen Kritikern des Films orientieren (darunter einige der Protagonisten der Nouvelle Vague), weisen auf die gesellschaftspolitischen Kompromisse, die Verherrlichung der Armut und die wohl ausbeuterischen rassischen und ethnischen Aspekte des Karrierehighlights von Regisseur Marcel Camus hin.» (David Blakeslee, criterionreflections.blogspot.com, 10.5.2011)

Diamond // SCHNITT Faith Hubley, Leo Hurwitz, Mavis Lyons. 107 Min / Farbe / DCP / Port/d // REGIE Marcel Camus // DREHBUCH Marcel Camus, Jacques Viot, Vinicius de Moraes // KA-

NO WAY OUT

MERA Jean Bourgoin // MUSIK Luiz Bonfá, Antonio C ­ arlos

USA 1950

­Jobim // SCHNITT Andrée Feix // MIT Breno Mello (Orfeo), ­Marpessa Dawn (Eurydice), Lourdes de Oliveira (Mira), Léa

Bankräuber Ray Biddle und sein Bruder Johnny werden nach einem missglückten Coup mit Schussverletzungen hospitalisiert. Der schwarze Assistenzarzt Brooks betreut die beiden und ahnt, dass Johnnys schlechter Zustand einem Tumor geschuldet ist. Als er ihn untersucht und Johnny stirbt, bezichtigt ihn der rassistische Ray des Mordes. Mithilfe seiner Ex-Freundin Edie und seines anderen Bruders George versucht Ray, einen Aufstand gegen die Schwarzen anzuzetteln. «Obwohl vertraglich als vierter Darsteller aufgeführt (nicht ungewöhnlich angesichts der damaligen Einstellung Hollywoods zugunsten von Weissen), war Sidney Poitier zweifellos die Hauptfigur des Films und erntete das meiste Lob der Kritik. Seine würdevolle, bahnbrechende Darbietung zerstörte die stereotype Darstellung schwarzer Männer als duckmäuserische, gehorsame Karikaturen.» (Nathaniel Thompson, tcm.com) 106 Min / sw / Digital HD / E // REGIE Joseph L. Mankiewicz // DREHBUCH Joseph L. Mankiewicz, Lesser Samuels // KAMERA Milton Krasner // MUSIK Alfred Newman // SCHNITT Barbara McLean // MIT Richard Widmark (Ray Biddle), Linda

­Garcia (Serafina), Ademar Da Silva (der Tod), Waldemar De Souza (Chico), Alexandro Constantino (Hermes), Jorge Dos Santos (Benedito), Aurino Cassiano (Zeca).

THE COOL WORLD USA 1963 «The Cool World war Frederick Wisemans erste Auseinandersetzung mit dem Kino (er produzierte den Film) und Shirley Clarkes zweiter Film als Regisseurin/Autorin (nach The Connection). Im Kern ist das ein nicht eben aufregendes Melodram über einen schwarzen Jungen in Harlem, der auf die harte Tour lernt, dass Verbrechen keine Antwort auf soziale Probleme ist. An der Oberfläche aber ist es ein sehr viel interessanterer Blick auf den Alltag im Ghetto, strukturiert als ein Strom von ‹unbedeutenden› Ereignissen, verschiedentlich wütenden, verängstigten und abgekämpften Figuren und allzu glaubhaften Formen von Druck. Oft grob gefilmt, aber mit einem wunderbar vielschichtigen Soundtrack, in den ausgezeichneter Jazz eingebaut ist.» (Tony Rayns, Time Out Film Guide)


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Black Light This film was preserved by the Library of Congress ­National Audio-Visual Conservation Center from original camera negatives in the Zipporah Films Collection. 104 Min / sw / 35 mm / E // REGIE UND SCHNITT Shirley Clarke // DREHBUCH Shirley Clarke, Carl Lee, Warren M ­ iller, Robert Rossen // KAMERA Baird Bryant // MUSIK Mal ­Waldron // MIT Rony Clanton (Duke), Carl Lee (Priest), ­Yolanda Rodríguez (Luanne), Clarence Williams III (Blood), Gary Bolling (Littleman), Bostic Felton (Rod).

LA PERMISSION (THE STORY OF A THREE-DAY PASS) Frankreich 1968 Ein junger schwarzer US-Soldat, auf Urlaub in Paris, verliebt sich in eine weisse Französin. «‹Wie kann irgendwer glauben, dass Schwarz ein Kompliment ist?› Mit einem Drehbuch, das vom CNC mit 60 000 Dollar unterstützt wurde und während sechs Wochen in Paris und Étretat mit einem Budget von 200 000 Dollar gedreht, wählt Melvin Van Peebles’ erster Spielfilm einen kontraintuitiven Ansatz zum Thema Rassismus. Anstatt sich mit wirtschaftlichen und sozialen Ungerechtigkeiten oder polizeilicher Verfolgung zu befassen, entwickelt La permission eine Situation, in der sein Protagonist, ein junger Soldat, der auf einer amerikanischen Militärbasis in Frankreich stationiert ist, allmählich von Glück erfüllt wird. Aber in jedem Augenblick und über jeden Kanal (Sprache, Geste, Fantasie ...) kommen Missverständnisse, Fehlinterpretationen, Fehltritte und Vorurteile ins Spiel, die nicht nur zwischen Menschen herrschen, sondern auch innerhalb der Psyche.» (Nicole Brenez, Black Light, Locarno Film Festival) 87 Min / sw / Digital HD / F+E // DREHBUCH UND REGIE ­Melvin Van Peebles // KAMERA Michel Kelber // MUSIK ­Melvin Van Peebles, Mickey Baker // SCHNITT Liliane Korb // MIT Harry Baird (Turner), Nicole Berger (Miriam), Pierre ­Doris (Bauer), Christian Marin (Hotelangestellter), Hal Brav (Captain), Tria French (Madame Abernathy).

UPTIGHT USA 1968 Nach der Ermordung Martin Luther Kings beschliessen schwarze Militante in Cleveland, zur Gewalt zu greifen. Beim Raub von Waffen für den Aufstand wird ein weisser Wachmann erschossen. Als der schwarze Täter von der Polizei gefasst wird, verdächtigen die Militanten einen frustrierten und versoffenen Mann aus den eigenen Reihen, Tank, den Mann verpfiffen zu haben.

«Jules Dassins Uptight ist eine offene Thematisierung schwarzer Militanz. Zu meiner leichten Überraschung wird dabei nicht gekniffen. Es gibt keinen Rückzieher hin zu einem versöhnlichen, massvollen Ende. Die Leidenschaften und Überzeugungen der schwarzen Militanten werden frontal präsentiert, mit wenig Tröstlichem für die linken Weissen. Weisse Rassisten, schätze ich, werden über alle Massen entsetzt sein. Umso besser.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 19.2.1969) «Der Film wurde von den Schauspielern Julian Mayfield, Ruby Dee (die aus Cleveland stammt) und Jules Dassin geschrieben, auf der Grundlage von John Fords Film The Informer von 1935. (...) Im Laufe der Erzählung gibt es verblüffende Dialoge über Themen rund um die schwarze Gemeinschaft, die heute noch relevant sind.» (Kevin Jerome Everson, Black Light, Locarno Film Festival) 104 Min / Farbe / Digital HD / E // REGIE Jules Dassin // DREHBUCH Jules Dassin, Ruby Dee, Julian Mayfield, nach dem Roman «The Informer» von Liam O’Flaherty // KAMERA Boris Kaufman // MUSIK Booker T. Jones // SCHNITT Robert Lawrence // MIT Raymond St. Jacques (B. G.), Ruby Dee ­(Laurie), Frank Silvera (Kyle), Roscoe Lee Browne (Clarence), Julian Mayfield (Tank), Janet MacLachlan (Jeannie), Max ­Julien (Johnny), Juanita Moore (Mama Wells).

THE LEARNING TREE USA 1969 Der 15-jährige Schwarze Newt muss lernen, in seiner Kleinstadt, die von Spannungen zwischen der weissen Mehrheit und den Schwarzen gekennzeichnet ist, zu überleben und zu sich selbst zu stehen, auch wenn er sich dadurch gefährliche Feinde macht. «Im ländlichen Kansas der 1920er-Jahre lernt der Teenager Newt Winger, mit alltäglichen rassistischen Vorurteilen umzugehen, sei es in beunruhigenden Begegnungen mit Strafverfolgern, seinen Lehrern oder ganz allgemein dem weissen Blick. The Learning Tree zeichnet sich dadurch aus, dass er der erste Hollywood-Studio-Film eines schwarzen Filmemachers ist, aber er ist nicht nur wegweisend: Er ist auch ein einflussreiches, emotional fesselndes Drama, das zum Herzen der schwierigen Erfahrung des Heranwachsens vordringt. Dieser leise Film des vom renommierten ‹Life›-Fotografen zum Regisseur avancierten Gordon Parks, eine Adaption seines eigenen halb autobiografischen ­ Romans, vermittelt eine kraftvolle Botschaft.» ­(Aisha Harris & Dan Kois, slate.com, 30.5.2016) 107 Min / Farbe / 35 mm / E // REGIE UND MUSIK Gordon Parks // DREHBUCH Gordon Parks, Genevieve Young, nach dem Roman von Gordon Parks // KAMERA Burnett Guffey //


> Uptight.

> Petit à petit.

> The Harder They Come.

> Touki Bouki.

> Coffy.

> The Learning Tree.


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Black Light SCHNITT George R. Rohrs // MIT Kyle Johnson (Newt), Alex Clarke (Marcus), Estelle Evans (Sarah), Dana Elcar (Kirky), Mira Waters (Arcella), Joel Fluellen (Onkel Rob), Malcolm ­Atterbury (Silas Newhall), Richard Ward (Booker Savage).

PETIT À PETIT Frankreich 1971 «Ein Afrikaner entdeckt mit einem Landsmann in Paris die Grösse, aber auch die Absurdität der westlichen Grossstadt-Zivilisation. Nach zahlreichen Abenteuern in Europa und Amerika kehrt er voller Pläne in seine Heimat zurück. Mit Sinn für Humor und parodistische Möglichkeiten kehrt Cinéma-vérité-Initiator Jean Rouch den ethnologischen Blickwinkel um und zeigt, wie durch die Erfahrung westlicher Kultur die Bedeutung eigener Tradition bewusst wird.» (Lexikon des int. Films) «Ohne eine Komödie zu sein, zeigt Petit à petit eine klar parodistische Absicht, die auch an der Handlung des Films abzulesen ist: Damouré, Inhaber des Bauunternehmens ‹Petit à petit› in Niger, will nach Paris fahren, um zu erfahren, wie die Franzosen in ‹mehrstöckigen Häusern› leben, die er in seinem Land bauen will, um die Hütten zu ersetzen und in die Moderne einzutreten. Als er vor Ort ankommt (wo später sein Freund Lam zu ihm stösst), widmet sich der Möchtegern-Unternehmer einem ätzenden Porträt der französischen Gesellschaft in Form einer Erkundung, die ihn dazu führt, in Begleitung zweier Sekretärinnen und eines Clochards in die Heimat zurückzukehren.» (Nicola Brarda, critikat.com, 6.6.2017) Die eine Sekretärin wird verkörpert von Safi Faye, die später mit Mossane einen Film über den männlichen Blick auf die schwarze Frau drehen sollte (siehe S. 15). 92 Min / Farbe / DCP / F/e // DREHBUCH UND REGIE Jean Rouch // KAMERA Jean Rouch, Philippe Lazay // MUSIK Enos Amelolon, Alan Helly, Amicale de Niamey // SCHNITT Josée Matarasso, Dominique Villain // MIT Damouré Zika (Damouré), Lam Ibrahim Dia (Lam), Illo Gaoudel (Illo), Safi Faye (Safi), Ariane Bruneton (Ariane), Philippe Lazay (Clochard).

THE HARDER THEY COME Jamaika 1972

Regisseur und Autor Perry Henzell wollte einen Film drehen, der wirklich repräsentativ für das jamaikanische Volk und die jamaikanische Gesellschaft ist, einen Vorzeigefilm, der ein Jahrzehnt nach der Unabhängigkeit dazu beitragen würde, ein Gefühl von nationaler Identität zu entwickeln. Als The Harder They Come in einem 1500-plätzigen Kino in Kingston uraufgeführt wurde, kamen rund 40 000 Zuschauer. Die Jamaikaner, die sich zum ersten Mal auf der Leinwand dargestellt sahen, sorgten für eine unglaubliche Begeisterung und Reaktion im Publikum.» (Lorenza La Bella, wordsinthebucket.com, 17.2.2016) 105 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Perry Henzell // DREHBUCH Perry Henzell, Trevor D. Rhone // KAMERA Peter Jassop, Frank Saint-Just, David McDonald // MUSIK Jimmy Cliff, F. Hibbert, Derek Harriot // SCHNITT John Victor Smith, Reicland Anderson // MIT Jimmy Cliff (Ivanhoe Martin), Janet Bartley (Elsa), Carl Bradshaw (José), Ras Daniel Hartmann (Pedro), Basil Keane (der Pfarrer), Bobby Charlton (der Manager).

COFFY USA 1973 «Oberflächlich betrachtet nur ein weiterer Blaxploitation-Film (einer der ersten, der eine Frau in einer starken Hauptrolle zeigt), zeichnet sich Coffy durch seine unerbittliche moralische Schwärze aus. Mit einem Drehbuch, das an die Sensationspresse gemahnt, und einer willkommenen sexuellen Unverblümtheit entpuppt sich die Welt, in der Coffy lebt, als eine, in der soziale, sexuelle und politische Ausbeutung schlicht die Norm sind. Was den Film ausmacht, ist im Wesentlichen die Figur von Coffy, wie sie von Pam Grier mit zunehmender Entfremdung gespielt wird: Als Krankenschwester, die die Männer jagt, die für die Sucht ihrer kleinen Schwester verantwortlich sind, trifft sie die bewusste Entscheidung, jene sexuellen Situationen zu manipulieren, in die sie die Männer hineinzwingen. Es ist eine Darbietung, die dem Genre trotzt und es untergräbt.» (Verina Glaessner, Time Out Film Guide) 90 Min / Farbe / Digital HD / E // DREHBUCH UND REGIE Jack Hill // KAMERA Paul Lohmann // MUSIK Roy Ayers // SCHNITT Chuck McClelland // MIT Pam Grier (Coffy), Booker Bradshaw (Howard Brunswick), Robert DoQui (King George),

«You can get it if you really want», heisst Ivans Lebensphilosophie und einer der berühmten Songs aus diesem Film. Doch dem schönen Credo steht die harte Realität gegenüber. Ivan ist der Underdog mit der prototypischen Lebensgeschichte: Als mittelloser junger Mann kommt er vom Land in die jamaikanische Hauptstadt Kingston und träumt von Geld und Ruhm. Sein einziges Talent ist die Musik. «Der auf der Insel geborene und aufgewachsene

William Elliott (Carter), Allan Arbus (Arturo Vitroni), Sid Haig (Omar), Barry Cahill (McHenry), Lee de Broux (Nick).

TOUKI BOUKI Senegal 1973 Kuhhirt Mory und seine Freundin Anta, eine Studentin, träumen davon, Dakar zu verlassen, um


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Black Light nach Paris aufzubrechen. Natürlich fehlt es an Geld für die Schiffspassage und auch die trickreich entwendete Kiste mit den vermeintlichen Gesamteinnahmen für die Errichtung eines Denkmals zu Ehren von Charles de Gaulle führt nicht ans Ziel. Deshalb müssen die beiden zunächst einen Playboy ausnehmen, ehe sie sich die Schiffstickets leisten können. «Ein mitreissender, vielschichtiger, aus allen Nähten platzender Entwurf zur Faszination des schwarzen Kontinents für die Versprechungen der westlichen Welt. Das schlägt sich auch im wirbelnden Stil des Autodidakten Mambéty nieder: Touki Bouki, Wolof für ‹Die Reise der Hyäne›, kombiniert Noir und Nouvelle Vague, Komödie und ­Sozialkritik, ist ein Gegenpol zum grossflächigen Ausverkauf im zeitgleichen Blaxploitation-Kino: Die Bilanz mag bitter sein, die Inszenierung aber sagt ‹anything goes›.» (Österreich. Filmmuseum Wien, Sept. 2004) 89 Min / Farbe / DCP / OV/d // DREHBUCH UND REGIE Djibril Diop Mambéty // KAMERA Georges Bracher, Pap Samba Sow // MUSIK Josephine Baker, Mado Robin, Aminata Fall // SCHNITT Siro Asteni // MIT Magaye Niang (Mory), Mareme Niang (Anta), Aminata Fall (Tante Oumy), Ousseynou Diop (Charlie).

LOSING GROUND USA 1982 Sara Rogers, eine schwarze Philosophie-Professorin in New York, begibt sich auf eine intellek­ tuelle Suche nach der Bedeutung der Ekstase, während ihr Mann Victor, ein Maler, sich einer handfesteren Erforschung der Freude widmet. Um zu feiern, dass er ein Werk an ein Museum verkauft hat, beschliesst Victor, ein Landhaus zu mieten, wo er nach Jahren als Vertreter des abstrakten Expressionismus zu mehr Realismus zurückkehren kann. Abseits der Stadt wird die Sommeridylle des Paares durch Saras Forschungsarbeit und Victors Beziehung zu einem jungen Modell erschwert. «Der Film endet auf eine Art und Weise, wie es nur wenige Filme über das Leben der Schwarzen tun: mit einem mehrdeutigen Schluss. Schwarze Menschen sind emotional komplex, intelligent, stilvoll, hungrig, stachelig. In Losing Ground sind sie weder Heilige noch Sünder – sie sind auf schmerzliche, wunderschöne Weise menschlich.» (Anjelica Jade Bastién, vulture.com, 20.2.2018) Kathleen Collins, Theaterautorin und Dozentin, starb 1988 im Alter von 46 Jahren an Krebs. Losing Ground blieb ihr einziger Spielfilm. 86 Min / Farbe / DCP / E // DREHBUCH UND REGIE Kathleen Collins // KAMERA Ronald K. Gray // MUSIK Michael Minard // SCHNITT Kathleen Collins, Ronald K. Gray // MIT Seret

Scott (Sara Rogers), Bill Gunn (Victor Rogers), Duane Jones (Duke), Billie Allen (Mutter), Maritza Rivera (Celia), Gary ­Bolling (George), Noberto Kerner (Carlos).

✶ am Sonntag, 11. November, 20.45 Uhr: Einführung von Sarah Owens (Professorin für Visuelle Kulturen, ZHdK)

RUE CASES-NÈGRES Frankreich 1983 Martinique, 1930. Der Waisenjunge José wächst bei seiner strengen Grossmutter M’Man Tine auf und treibt mit anderen Kindern Schabernack, während die Erwachsenen in den Zuckerrohrfeldern malochen. In der Schule fällt er aber durch gute Leistungen auf und bekommt die Chance, sich um ein Stipendium an einer Schule in der Hauptstadt Fort-de-France zu bewerben, was M’Man Tine unterstützt. Doch das ist nicht ohne Opfer zu schaffen. Euzhan Palcy, die auf Martinique aufwuchs, wollte schon mit zehn Jahren Filmemacherin werden und betete darum, zu diesem Zweck schneller erwachsen zu werden. Joseph Zobels Roman «Rue Cases-Nègres» wurde für sie zur Obsession. Nach autodidaktischen Anfängen, die ihr erlaubten, ein 52-Minuten-Drama zu drehen, das im Fernsehen von Martinique Furore machte, und einem Filmstudium in Paris versuchte sie lange umsonst, Geld für eine Verfilmung von «Rue Cases-Nègres» aufzutreiben. Alle Hindernisse habe sie in Werkzeuge umgewandelt, sagt sie, und der Film gewann schliesslich weltweit zwanzig Preise, darunter vier in Venedig und den ersten César für eine Regisseurin überhaupt. (mb) 103 Min / Farbe / DCP / F+Kreolisch/e // REGIE Euzhan Palcy // DREHBUCH Euzhan Palcy, nach dem Roman von Joseph Zobel // KAMERA Dominique Chapuis // MUSIK Groupe ­Malavoi // SCHNITT Marie-Josèphe Yoyotte // MIT Garry ­Cadenat (José), Darling Légitimus (M'Man Tine), Douta Seck (Medouze), Joby Bernabé (M. Saint-Louis), Francisco Charles (Aufseher), Marie-Jo Descas (Léopolds Mutter).

DO THE RIGHT THING USA 1989 Text siehe Seite 35

BOYZ N THE HOOD USA 1991 «John Singleton (1968–2019) lehnte sich stark an seine eigenen Jahre als Teenager an und machte eine weitgehend ahnungslose Welt mit den harten urbanen Realitäten allzu vieler afroamerikani-


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Black Light scher Leben bekannt. Die Story folgt Tre, einem intelligenten Jungen, der von seiner alleinerziehenden Mutter losgeschickt wird, um bei seinem hartgesottenen Vater im von Verbrechen geplagten Stadtteil Crenshaw zu leben. Dort wächst er zusammen mit seinen Jugendfreunden auf, den Halbbrüdern Ricky – sein Traum ist es, American Football zu spielen – und Doughboy, der für ein Leben in Banden und im Drogenhandel bestimmt zu sein scheint. (...) Jahre vor der ‹Black Lives Matter›Bewegung zeigte Boyz n the Hood, wie das Leben im Ghetto durch einen giftigen Mix aus Rassismus, Armut, Gewalt und Drogenmissbrauch entwertet worden war. Doch Singletons Film brachte auch andere Anliegen aufs Tapet – die heimtückische Gefahr der Gentrifizierung etwa und wie wichtig es ist, dass schwarze Väter ihre elterliche Verantwortung wahrnehmen. Die Tatsache, dass das Ensemble von Boyz n the Hood zwei zukünftige Oscarpreisträger umfasst – Cuba Gooding Jr. und Regina King –, zeugt vom Auge des Regisseurs für Nachwuchstalente. Der eigentliche Coup jedoch bestand darin, Ice Cube als streitlustiges Bandenmitglied Doughboy zu besetzen, eine Rolle, die den ehemaligen N.W.A.-Star auf den Weg zum Filmstar führte.» (Neil Smith, bbc. com, 30.4.2019) 112 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // DREHBUCH UND REGIE John Singleton // KAMERA Charles Mills // MUSIK Stanley Clarke // SCHNITT Bruce Cannon // MIT Cuba Gooding Jr. (Tre Styles), Laurence Fishburne (Furious Styles), Angela Bassett (Reva Styles), Ice Cube (Doughboy/Darren), Morris Chestnut (Ricky Baker), Tyra Ferrell (Mrs. Baker), John Cothran (Lewis Crump), Lexie Bigham (Mad Dog), Regina King (Shalika).

SANKOFA Burkina Faso/USA/Deutschland 1993 «Mona ist ein Model, das seine schwarze Hautfarbe zu vermarkten weiss. An der ghanaischen Küste posiert die schwarze Schönheit mit der blonden Perücke am Strand genau vor jener Festung, wo bis ins 19. Jahrhundert hinein Tausende von afrikanischen Sklaven gefoltert, vergewaltigt und verschleppt wurden. Sankofa, ein afrikanischer Trommler, singt dort die ewige Totenklage, und Mona gerät in seinen Bann. Als Mona zögerlich die Kellerverliese der alten Festung betritt, werden die Geister, die Sankofa beschworen hat, wieder zum Leben erweckt. Mona gerät in den Strudel der Geschichte ihrer Mütter und Väter und wird als Shola auf einer Zuckerrohrplantage in Jamaika wieder lebendig. Als privilegierte Haussklavin hat Shola einen schweren Weg vor sich, bis sie sich zu ihrer schwarzen Identität bekennen

und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen kann.» (trigon-film.org) «Das Spannende an Haile Gerimas üppigem, folkloristischem Breitwandfilm über die schwarze Sklaverei ist dessen poetische Überzeugung, die mit viel filmischem Geschick umgesetzt wird. Geboren in Äthiopien, aber in den USA tätig, besuchte Gerima die Filmschule der UCLA etwa zur gleichen Zeit wie Charles Burnett und Larry Clark, aber Sankofa zeigt, dass er einen eigenen Kamerastil und eine eigene politische Vision hat. (...) Der faszinierende Soundtrack von David J. White umfasst sowohl amerikanischen Jazz und Blues als auch afrikanische Elemente.» (Jonathan Rosenbaum, chicagoreader.com) 125 Min / Farbe / DCP / E+Akan/d // DREHBUCH, REGIE UND SCHNITT Haile Gerima // KAMERA Agustin Cubano // MUSIK David J. White // MIT Oyafunmike Ogunlano (Mona/Shola), Alexandra Duah (Nunu), Kofi Ghanaba (Sankofa), Nick Medley (Joe), Mutabaraku (Shango).

MOSSANE Deutschland/Senegal 1996 «Mossane, Gewinner der Sektion ‹Un Certain Regard› in Cannes, ist ein Film über ein schönes 14-jähriges Mädchen aus einem ländlichen Serer-Dorf; sie wird von vielen geliebt, auch von ihrem eigenen Bruder und Fara, einem armen Studenten. Obwohl sie seit Langem dem reichen Diogaye als Frau versprochen ist, widersetzt sich Mossane den Wünschen ihrer Eltern und führt ihre Beziehung zu Fara weiter. Safi Fayes wunderschöner, kraftvoller Film beginnt mit einer detaillierten Beobachtung des zeitgenössischen Dorflebens und entwickelt sich mit der zunehmenden Kraft eines antiken Dramas. Der Film zeigt die Stärke einer jüngeren Generation, die sich gegen archaische Traditionen auflehnt, und schwelgt in der Darstellung von deren Mut und Drang nach Emanzipation. (...) Safi Faye ist eine der einflussreichsten afrikanischen Filmemacherinnen, deren Arbeit stark von ihrem Studium als Ethnologin inspiriert ist und auf der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Fiktion balanciert. Sie begann ihre Karriere im Film als Schauspielerin 1970 in Jean Rouchs Petit à petit (siehe S. 13). 1972 trat sie hinter die Kamera.» (fffest.org, 2018) 105 Min / Farbe / 35 mm / Wolof/d/f // DREHBUCH UND REGIE Safi Faye // KAMERA Jürgen Jürges // MUSIK Yandé ­Codou Sène // SCHNITT Andrée Davanture // MIT Magou Seck (Mossane), Isseu Niang (Mutter Mingue Diouf), Moustapha Yade (Samba), Abou Camara (Onkel Baak), Alioune Konaré (Fara), Alpha Diouf (Ngor), Ibou N’Dong (Vater Farba Diouf).


> Losing Ground.

> Sankofa.

> Rue Cases-Nègres.

> Mossane.

> Drylongso.

> Illusions.


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Black Light

JACKIE BROWN USA 1997 Die alternde Stewardess Jackie Brown arbeitet für eine Billig-Airline. Um ihr spärliches Gehalt aufzubessern, schmuggelt sie für den Waffenhändler Ordell Robbie Geld über die mexikanische Grenze. Als die Polizei das spitzkriegt und Jackie als Lockvogel zur Überführung Robbies einsetzen will, plant sie beide Seiten zu überlisten, um selbst ans grosse Geld zu kommen. Anders als in der Romanvorlage «Rum Punch» ist die Heldin keine Blondine namens Jackie Burke; Tarantino änderte ihren Namen und ihre Ethnie, weil er Pam Grier, Star von BlaxploitationFilmen wie Foxy Brown und Coffy, für die Idealbesetzung der lebensüberdrüssigen, aber cleveren, attraktiven und toughen Protagonistin hielt. (mb) «Jackie Brown ist keine Kopie von Tarantinos vorherigen Filmen, sondern besticht durch einen neuen Stil und schwört die Magie von Elmore Leonards Vorlage herauf. In einer Sequenz diskutieren Robert De Niro und Bridget Fonda über ein Foto an der Wand, und es ist so perfekt geschrieben, getaktet und gespielt, dass ich spontan applaudierte. (…) Man geniesst jeden Moment von Jackie Brown. Wer sagt, der Film sei zu lang, hat eine kinematische Aufmerksamkeitsstörung. Ich wollte, dass die Figuren stundenlang reden, betrügen und intrigieren.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 24.12.1997) 154 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Quentin Tarantino // DREHBUCH Quentin Tarantino, nach dem Roman «Rum Punch» von Elmore Leonard // KAMERA Guillermo Navarro // SCHNITT Sally Menke // MIT Pam Grier (Jackie Brown), Samuel L. Jackson (Ordell Robbie), Robert Forster (Max Cherry), Bridget Fonda (Melanie Ralston), Michael Keaton (Ray Nicolette), ­Robert De Niro (Louis Gara).

DRYLONGSO USA 1998 «Drylongso» ist ein afrikanischer Ausdruck für «normal» oder «alltäglich». Pica ist in Oakland Studentin in einem 35-mmFotografiekurs. Sie hat Mühe, den Anforderungen zu genügen, weil sie ihre Zeit mehrheitlich darauf verwendet, Polaroidfotos von jungen schwarzen Männern aus dem Viertel zu machen, die sie für eine bedrohte Spezies hält, wegen der Ghettogewalt, aber auch, weil ein Slasher junge Frauen und Männer umbringt. Die gleichaltrige Tobi, deren alleinstehende Mutter ständig auf Tournee ist, wird vor Picas Augen von ihrem Freund Jefferson misshandelt. Tobi verkleidet sich fortan als Junge und freundet sich mit Pica an. Malik, Picas Freund,

fällt dem Slasher zum Opfer. Sie baut ihm eine Art Schrein und wird von den Angehörigen anderer Toter gebeten, auch diese so zu ehren. Dieser Spielfilmerstling und -solitär von Cauleen Smith, die inzwischen zum Star der ­ Kunstszene avanciert ist, wirft einen neuen, ­weiblichen Blick auf das Ghettomilieu, feinfühlig und originell, mit zwei sehr überzeugenden Hauptdarstellerinnen. (mb) Print courtesy of the Academy Film Archive. 86 Min / Farbe / 16 mm / E // REGIE UND SCHNITT Cauleen Smith // DREHBUCH Salim Akil, Cauleen Smith // KAMERA Andrew Black // MUSIK Curt Harpel, Pat Thomi // MIT Toby Smith (Pica Sullivan), April Barnett (Tobi), Will Power (Malik), Channel Schafer (Gloria Sullivan), Salim Akil (Mr. Yamada), Stacey Marbrey (Tiffany).

NIGHT CATCHES US (PREMIERE) USA 2010 «Night Catches Us, Tanya Hamiltons Regieerstling, gilt es zu schätzen. Der Film spielt im Sommer 1976 im Viertel Germantown in Philadelphia und erzählt von zwei ehemaligen Black Panthers, nachdem sich der Traum der 1960er-Jahre in etwas Praktischeres verwandelt hat. Die Anwältin Patricia ist überrascht, als Marcus, ein ehemaliger Liebhaber aus den glorreichen Zeiten, nach vier Jahren rätselhafter Abwesenheit in der Stadt auftaucht. Patricias neunjährige Tochter Iris ist fasziniert. Ihre Mutter hat ihr Dinge verheimlicht, einschliesslich der Umstände, die dazu führten, dass die Polizisten ihren Vater Neal töteten, als sie gerade mal acht Monate alt war. Hamilton hat es nicht eilig, Antworten zu geben. Sie lässt ihren hypnotisierenden Film sich an uns ranschleichen und einsickern, bis wir ihn in den Knochen spüren. Dass Hamilton am Cooper Union College Malerei studiert hat, trägt ebenso dazu bei, dass die Bilder nachwirken, wie die eindringliche Lichtsetzung des Kameramannes David Tumblety. Hinzu kommt tolle Musik von The Roots, und schon hat der Film uns im Griff. Anthony Mackie und Kerry Washington könnten nicht besser sein; sie hatten mich schon beim ersten Wort in der Tasche. (...) Merken Sie sich Tanya Hamiltons Namen. Sie ist eine echte Entdeckung.» (Peter Travers, Rolling Stone, 2.12.2010) 90 Min / Farbe / Digital HD / E // DREHBUCH UND REGIE Tanya Hamilton // KAMERA David Tumblety // MUSIK The Roots // SCHNITT John Chimples, Affonso Gonçalves // MIT Anthony Mackie (Marcus Washington), Kerry Washington (Patricia Wilson), Jamara Griffin (Iris Wilson), Tariq Trotter (Bostic Washington), Amari Cheatom (Jimmy Dixon), Jamie Hector (Dwayne «Do-Right» Miller), Wendell Pierce (David Gordon).


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Luis Buñuel – Das Frühwerk Luis Buñuel (1900–1983) war eine der prägendsten Regiepersönlich­ keiten des 20. Jahrhunderts. Mit Un chien andalou (1929) und L’âge d’or (1930) wurde er zum Vater des surrealistischen Kinos, doch der ­Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs unterbrach seine Laufbahn und führte ihn via USA nach Mexiko, wo er erst 1946 wieder selber Regie führen konnte. Denen würde er es zeigen! Seit 1924 befand sich der junge Luis Buñuel in Pa­ ris, doch so sehr er die Surrealisten bewunderte, kennengelernt hatte er die Gruppe noch nicht. Zusammen mit einem Freund, dem Maler Salvador Dalí, schrieb er Anfang 1929 ein Drehbuch, das auf ihren Träumen beruhte und aus dem sie systematisch alles eliminierten, was sich rational erklären oder als Symbol deuten liess. So einen Film hatte es noch nie gegeben. Um das Publikum zusätzlich zu verwirren, nannten sie ihn Un chien andalou. Ein Hund kam darin natürlich nicht vor. Stattdessen sah man schon in den ersten Minuten, wie Buñuel per­ sönlich ein Rasiermesser schärfte und dann damit das Auge einer jungen Frau aufschnitt. Später begrapschte ein Mann die Brüste der wieder zweiäugigen Frau. Als er ihr noch dichter auf den Leib rücken wollte, hinderten ihn Seile daran, an denen Priester und zwei Konzertflügel mit Eselkadavern hingen. Der Film sei konzipiert worden als «ein verzweifelter, leidenschaftlicher Aufruf zum Mord», schrieb Buñuel später. In Erwartung eines Skandals und um sich gegen seine Gegner wehren zu können, stopfte der junge Regiedebü­ tant die Taschen voller Steine. Zu seiner grossen Verwunderung wurde der Film jedoch bejubelt; der Surrealisten-Papst André Breton erteilte Buñuels Werk gar die höheren Weihen und nahm den Autor in den erlauchten Kreis auf. Der Surrealismus war zunächst keine ästhetische, sondern eine philoso­ phische Bewegung, die sich aus dem Dadaismus entwickelt hatte. Sie wollte die Vorherrschaft der bürgerlichen Vernunft brechen, indem sie dem Unbe­ wussten den Vorrang gab. Leben und Traum seien «kommunizierende Röh­ ren», schrieb Breton, wobei nicht immer klar sei, was den höheren Wirklich­ keitsgrad habe. Solche Gedanken fielen beim ehemaligen Jesuitenschüler Buñuel, der mit 16 Jahren vom katholischen Glauben abgefallen war, auf fruchtbaren Bo­ den: Der Surrealismus wurde für ihn eine Art Religionsersatz. Gleichzeitig

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Irrfahrt: Subida al cielo (1951) Irrlicht: Un chien andalou (1929)


20 gibt es keinen anderen Filmregisseur, dessen Werk so von christlichen Dog­ men durchtränkt ist, wie Luis Buñuel. Geboren wurde er am 22. Februar 1900 in der Stadt Calanda in Arago­ nien. Alles sprach dafür, dass er zu einem «señorito» herangezogen werden sollte, einem jungen Mann der Oberschicht, der vom Vermögen der Familie leben konnte. Doch Luis wollte studieren, zog nach Madrid, wo er sich in ei­ nem Studentenheim mit Leuten wie dem Schriftsteller Federico García Lorca und dem Maler Salvador Dalí anfreundete. Nach naturwissenschaftlichen Fä­ chern wie Agrartechnik und Entomologie verlegte er sich auf das Studium der Philosophie und der Literatur. Von Paris nach Mexiko Ein Jahr nach dem Tod des Vaters zog er 1924 nach Paris, wo er unter ande­ rem als Regieassistent von Jean Epstein arbeitete. Un chien andalou trug sei­ nem Regisseur nicht nur die Aufnahme in den Kreis der Surrealisten ein, son­ dern führte bald auch zur Entfremdung von diesen, denn der Film lief neun Monate lang in einem Kino – und kommerzieller Erfolg war André Breton ein Gräuel. Buñuels nächster Film L’âge d’or (1930) wurde dann glücklicherweise ein Skandal und vom Polizeipräfekten verboten. In Spanien drehte der Regis­ seur 1933 Las Hurdes, einen Dokumentarfilm über eine der ärmsten Gegen­ den Spaniens, der prompt von der Regierung verboten wurde – von den Dreh­ arbeiten dazu handelt der Animationsfilm Luis Buñuel en el laberinto de las tortugas. Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs wurde Buñuel von den Republikanern nach Hollywood geschickt, wo er spanische Synchronfassun­ gen herstellte. Eigene Filme machen konnte er aber erst wieder 1946, nach­ dem er mit seiner vierköpfigen Familie nach Mexiko gezogen war. Zunächst drehte er dort billig gemachte, kommerzielle Filme, in denen viel getanzt und gesungen wurde. Doch im Lauf der Zeit vermochte er auch in diese Filme Bilder und Traumsequenzen hineinzuschmuggeln, die wir heute als buñuelesk bezeichnen. Los olvidados (1950) schliesslich ist ein realisti­ sches Drama über verwahrloste Kinder. Unvergesslich jedoch bleibt der Alb­ traum, in dem eine Mutter ihrem Sohn ein bluttriefendes Stück Fleisch anbie­ tet. In Cannes wurde Buñuel für Los olvidados nach 18 Jahren Unsichtbarkeit als bester Regisseur ausgezeichnet. Thomas Bodmer

Thomas Bodmer ist Herausgeber, Journalist und Übersetzer und war lange Jahre Mit­glied der Filmredaktion des «Züritipp». Die Fortsetzung seines Textes publizieren wir mit dem 2. Teil unserer Buñuel-Retrospektive im November/Dezember-Programmheft.


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Luis Buñuel

UN CHIEN ANDALOU Frankreich 1929

L’ÂGE D’OR 63 Min / sw / DCP / F/e // SCHNITT, REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Salvador Dalí // KAMERA Albert ­Duverger // MUSIK Georges Van Parys // MIT Gaston Modot (der Mann),

«Der grosse Klassiker des surrealistischen Films, der in Zusammenarbeit von Luis Buñuel und ­Salvador Dalí entstanden ist. Buñuel ist am Anfang des Filmes zu sehen, wie er ein Rasiermesser schleift, mit dem ein Auge zerschnitten wird – einer der berühmtesten Schockmomente der Filmgeschichte.» (Bonner Sommerkino 2004) «Einige Szenen sind bewusst als anarchische Provokation gedacht, andere lassen sich als poetische Metaphern deuten – insgesamt attackieren die vieldeutigen Bilder nachhaltig die herkömmlichen Vorstellungen von Ratio und Normalität. An deren Stelle tritt die Logik des Traums, die auflösende Kraft der Fantasie.» (Lexikon des int. Films)

Lya Lys (die Frau), Max Ernst (der Räuberhauptmann), Pierre

L’ÂGE D’OR

Buñuel unternimmt mit seiner Kamera eine Reise in die bitterarme Region Las Hurdes und erforscht in seinem kurzen Filmessay die Bedingungen, unter denen die Menschen in diesem kahlen, bergigen Gebiet leben. «Wichtig wird die Frage, worauf Buñuel die Kamera richtet. Es sind nie folkloristische Motive. Meist sind es Ansichten davon, wie grausam die Natur hier mit dem Leben umgeht. (…) Diesen Bildern ordnet Buñuel den Ton entgegen. Den Film begleitet ein Kommentar, der in Inhalt und Tonfall genau dem Kommentar eines beliebigen Kulturfilms entspricht. (…) Der Kontrast, den auch die Musik noch unterstützt (…), macht auch etwas anderes deutlich: den Unterschied zwischen der grausamen Wirklichkeit der Hurdes und unserer Zivilisation, die solche Kommentare am laufenden Band produziert, vielleicht, um die Wirklichkeit nicht sehen zu müssen. » (Klaus Eder, in: Luis Buñuel, Reihe Hanser, 1975) «Ein kühnes Pamphlet gegen die spanische Feudalgesellschaft, die solche menschenunwürdigen Zustände (…) gelassen duldete. Hier hat kritische Aussagekraft bereits zu einem Formwillen gefunden, wie er in späteren Dokumentationen nicht immer anzutreffen ist.» (Georg Antosch, Neue Zeit, Berlin, 5.1.1970)

Frankreich 1930 Aus dem verspielten «épater le bourgeois» von Un chien andalou wird jetzt blutiger Ernst: «Gezeigt wird ein Liebespaar, das am Vollzug seiner Liebe durch die ‹etablierten Ordnungsmächte› gehindert wird. Eine ‹normale› Handlung gibt es allerdings in diesem Film nicht. Die Geschichte einer Amour fou, einer unbedingten, alle Konventionen verachtenden Liebe wird unterbrochen, kontrastiert und kommentiert durch Wochenschaubilder und durch Sequenzen eines Dokumentarfilms über Skorpione. Die ‹Ordnungsmächte› – Kirche, Militär, Familie – werden in berühmt gewordenen Sequenzen attackiert. (…) Der Schluss des Films ist eine deutliche Anspielung auf ‹Die 120 Tage von Sodom› des Marquis de Sade: Vier Männer verlassen ein Schloss, in dem sie 120 Tage in wildesten Ausschweifungen verbracht haben; einer von ihnen sieht aus wie eine populäre Christus-Darstellung. Dieser Film schockierte die bürgerliche Welt.» (Reclams Filmführer) Die Vorführung des Films in Paris wurde durch rechtsextreme Krawallmacher gestört; der Polizeipräfekt Chiappe nahm dies zum Vorwand, den Film zu verbieten. Erst 1981 wurde L’âge d’or in Frankreich freigegeben. UN CHIEN ANDALOU

Prévert (Péman, ein Räuber), Caridad de Laberdesque, Pancho Cossío, Jacques B. Brunius, Paul Éluard. 4K-Restaurierung der Cinémathèque française und des Centre Pompidou, MNAM-CCI/Service du cinéma expérimental

✶ am Montag, 15. Oktober, 18.15 Uhr: Einführung von Jan Sahli

LAS HURDES Spanien 1933

BUÑUEL EN EL LABERINTO DE LAS TORTUGAS Spanien 2018

20 Min / sw / DCP / Stummfilm mit Musik, e Zw’titel // SCHNITT, REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, ­Salvador Dalí // KAMERA Albert Duverger // MIT Pierre Batcheff (der Mann), Simone Mareuil (die junge Frau), Luis Buñuel (Mann mit Rasiermesser), Salvador Dalí (ein Seminarist), Jaume Miravitlles (ein Seminarist), Fano Messan (der Zwitter).

Paris, 1930: Nach dem Skandal um L’âge d’or scheint Luis Buñuels Karriere schon fast wieder am Ende, als er den Vorschlag erhält, einen Dokumentarfilm in der Gegend von Las Hurdes in Spanien zu drehen. Dank eines Lotteriegewinns seines Freundes Ramón Acín lässt sich der Film finanzieren. Für Buñuel und sein kleines Team wird der Dreh zu einer einschneidenden Erfahrung.


> Las Hurdes.

> Los olvidados.

> Buñuel en el laberinto de las tortugas.

> L’âge d’or.


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Luis Buñuel Salvador Simó hat in Buñuel en el laberinto de las tortugas eine Graphic Novel von Fermín Solis umgesetzt, wobei er seinen Animationsfilm mit Realaufnahmen aus Las Hurdes unterschneidet. «Es ist ein gespenstischer Effekt, dieses Nebeneinander eines fiktiven Making-ofs und des realen Ergebnisses, das Nebeneinander zweier unterschiedlicher Darstellungsformen, die klar voneinander getrennt sind und doch eng miteinander verschmolzen. (…) Immer wieder gewährt Simó in Form von Flashbacks kurze Ausflüge in die Kindheit des ungewöhnlichen Künstlers, um so seinem Wesen noch ein bisschen näherzukommen. (…) Buñuel en el laberinto de las tortugas spielt dann auch mit diesen Gegensätzen, ist mal realistisch, dann wieder grotesk, baut zwischendrin schon mal eine surreale Szene ein – passend zu den realen Werken von Luis Buñuel.» (Oliver Armknecht, film-rezensionen.de, 28.3.2019)

gestalten. Los olvidados, gedreht in Slums unweit vom Zentrum von Mexiko-Stadt, zeigt in harten, aber unterkühlten Bildern eine von Gewalt und Grausamkeit beherrschte Gesellschaft. Los olvidados schockierte das an kommerzielle Melo­dramen und Komödien gewöhnte mexikanische Publikum. Buñuel wurde in Mexiko als ‹Nestbeschmutzer› beschimpft, aber 1951 in Cannes ausgezeichnet.» (Programm Filmpodium, Nov./Dez. 2010) 88 Min / sw / DCP / Sp/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Luis Alcoriza, Max Aub (Mitarbeit), Pedro de Urdimalas (Mitarbeit) // KAMERA Gabriel Figueroa // MUSIK Rodolfo Halffter, Gustavo Pittaluga // SCHNITT Carlos Savage // MIT Alfonso Mejía (Pedro), Roberto Cobo (El Jaibo), Stella Inda (Marta, Pedros Mutter), Miguel Inclán (Don Carmelo, der Blinde), Alma Delia Fuentes (Meche), Héctor López Portillo (Richter), Francisco Jambrina (Direktor der Reformschule), Efraín Arauz (Cacarizo), Javier Amezcua (Julián), Mario Ramírez (Ojitos), Salvador Quiros (Schmied), Jesús García

LAS HURDES

Navarro (Julíans Vater).

28 Min / sw / DCP / F // SCHNITT, REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, angeregt durch ein Buch von Maurice ­Legendre, Kommentar: Luis Buñuel, Pierre Unik // KAMERA

SUSANA Mexiko 1950

Eli Lotar.

BUÑUEL EN EL LABERINTO DE LAS TORTUGAS 77 Min / Farbe / DCP / Sp/d // REGIE Salvador Simó // DREHBUCH Salvador Simó, Eligio R. Montero, nach der Graphic Novel von Fermín Solis // KAMERA José Manuel Piñero // ­MUSIK Arturo Cardelús // SCHNITT José Manuel Jiménez // MIT DEN STIMMEN VON Jorge Usón (Luis Buñuel), Fernando Ramos (Ramón Acín), Gabriel Latorre (Vater von Luis Buñuel), Pepa García (Mutter von Luis Buñuel), Cyril Corral (Eli Lotar), Rachel Lascar (Vicomtesse de Noailles), Luis Enrique de Tomás (Pierre Unik).

Am 28. Oktober zeigen wir den Film im Rahmen des International Animation Day, der von ASIFA (Association internationale du film d'animation) organisiert und von der Schweizer Trickfilmgruppe GSFA unterstützt wird.

LOS OLVIDADOS Mexiko 1950 «Der eben erst aus dem Knast entlassene Jaibo, grossmäuliger Anführer einer Kinder- und Jugendbande, wird von Pedro, einem eher zurückhaltenden Jungen, dabei beobachtet, wie er einen jungen Arbeiter umbringt, den er für einen Verräter hält. Jaibo lässt Pedro ziehen, bürdet ihm jedoch absolutes Stillschweigen auf. Luis Buñuel kam 1947 nach Mexiko und versuchte, in der dortigen Filmindustrie Fuss zu fassen. Nach dem Erfolg seiner Mainstream-Komödie El gran calavera gestattete ihm sein Produzent, einen Film nach seinen eigenen Vorstellungen zu

«Ein gelungenes Beispiel für Buñuels Kunst, auf zwei Ebenen zu inszenieren. Susana ist eine junge Frau, die in einer stürmischen Gewitternacht aus einer Besserungsanstalt flieht und auf der Hazienda von Don Guadalupe aufgenommen wird. Dessen Familie ist ein Muster an Tugend und Liebenswürdigkeit. (…) ­Susana, die bewusst dämonisiert wird, zerstört dieses Idyll. ‹Carne y demonio›, ‹Fleisch und Dämon› lautet der Untertitel im Original (…). Dieser Untertitel ist reine Ironie, denn Susana ist die fleischgewordene sexuelle Versuchung und sie geizt nicht mit ihren Reizen, nackte Beine und Schultern setzt sie bewusst ein. (…) Doch alles wird gut. (…) Der Dämon ist entfernt und am nächsten Tag ist die gute alte Ordnung wiederhergestellt. Die Sonne scheint, Vater und Sohn sind versöhnt (…). Eine Idylle des Lächelns, die zum Grausen ist. Buñuel kritisierte sich selber im Nachhinein, dieses Ende nicht satirisch genug überhöht zu haben. Doch diese Sorge ist unbegründet. Jemandem, der diesen Schluss nicht als Satire erkennt, ist nicht zu helfen. Susana ist eine unterhaltsame Spitze gegen den selbstgefälligen Machismo, nicht nur in Mexiko. Seine Wirkung bezieht der Film gerade daraus, dass er komplett die Perspektive der bigotten Bürger einnimmt und sie sich selbst blossstellen lässt.» (Siegfried König, filmzentrale.com) 82 Min / sw / 35 mm / Sp/f // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jaime Salvador, Rodolfo Usigli, nach einer Geschichte von Manuel Reachi // KAMERA José Ortiz Ramos //


> Susana.

> Subida al cielo.

> Abismos de pasiรณn.

> ร‰l.


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Luis Buñuel MUSIK Raúl Lavista // SCHNITT Jorge Bustos // MIT Rosita Quintana (Susana), Fernando Soler (Don Guadalupe), Matilde Palou (Doña Carmen), Víctor Manuel Mendoza (Jesús), María Gentil Arcos (Felisa), Luis López Somoza (Alberto, der Sohn).

LA HIJA DEL ENGAÑO Mexiko 1951 Ein kleiner, ehrenwerter Angestellter jagt seine untreue Ehefrau aus dem Haus und lässt seine Tochter von Freunden grossziehen, da sie von einem anderen Mann stammen soll. Als der verbitterte Mann Jahrzehnte später erfährt, dass sie sein eigenes Kind ist, versucht er, sie wieder aufzuspüren. «Buñuel bleibt strikt in den Konventionen eines mexikanischen Melodrams, aber hin und wieder macht er die Dinge mit einem schlauen Akzent von Nachdruck oder mit einer Spur verzerrtem Understatement lebendig. (…) Auf diese Weise führt uns Buñuel fast unmerklich weg vom Klischee und hin zu einer phänomenologischen Beschreibung emotionaler Beziehungen (…) bis zu dem Punkt, wo er ironisch wird.» (Freddy Buache: Luis Buñuel, L’âge d’homme, 1970) Der auf einem Theaterstück basierende Stoff wurde in Spanien unter dem Titel Don Quintín el amargao zweimal verfilmt; bei der zweiten Verfilmung durch Luis Marquina im Jahr 1935 wirkte auch Buñuel – ungenannt – als Drehbuchautor und Regisseur mit. 80 Min / sw / 35 mm / Sp/f // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Raquel Alcoriza, Luis Alcoriza, nach einem Bühnenstück von Carlos Arniches // KAMERA José Ortiz Ramos // MUSIK ­Manuel Esperón // SCHNITT Carlos Savage // MIT Fernando Soler (Don Quintín Guzmán), Alicia Caro (Marta), Rubén Rojo (Paco), Nacho Contla (Jonrón), Fernando Soto «Mantequilla» (Angelito), Lily Aclemar (Jovita), Amparo Garrido (María), Álvaro Matute (Julio), Roberto Meyer (Lencho García), ­ ­Conchita Gentil Arcos (Toña), Francisco Ledesma (Cafébesitzer), Salvador Quiroz (Bahnhofsvorsteher).

SUBIDA AL CIELO Mexiko 1951 «Ein chaotischer, wunderbarer Film von Buñuel. Gleichermassen weit entfernt vom avantgardistischen Früh- wie vom aufwendig produzierten Spätwerk, ein kleiner Film mitten im populären Kino. Die Autorenambition scheint am Rande durch, in kleinen Details, zu surrealistischen Höhen schwingt Buñuel sich nur einmal, anlässlich einer Traumsequenz, auf. (…) Eine Horde wild zusammengewürfelter Gestalten fährt in einem klapprigen Gefährt durch Mexiko. Wer warum wohin will, ist von Anfang an

mehr als unklar. Und so verwundert es nicht, dass so gut wie niemand irgendwo ankommt. Nicht einmal der Busfahrer. Der lädt stattdessen seine gesamten Fahrgäste auf die Geburtstagsfeier seiner Mutter ein. (…) Noch jede Idee bleibt auf halbem Weg stecken, die Abenteuerfilmelemente (Blitz und Donner während der Busfahrt) meint Buñuel noch weniger ernst als alles andere. Doch all die kleinen, nicht auch nur halbwegs ausformulierten Ideen ergeben in ihrer Gesamtheit durchaus einen grossen Film.» (Lukas Foerster, somedirtylaundry.blogspot.com, 12.2.2008) Der erste Film von Luis Buñuel, der in Cannes für die Palme d'Or nominiert wurde. 85 Min / sw / 35 mm / Sp/f // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Manuel Altolaguirre, Juan de la Cabada, Luis Buñuel, Lilia Solano Galeana, nach einer Geschichte von Manuel Altolaguirre // KAMERA Alex Phillips // MUSIK Gustavo Pittaluga // SCHNITT Rafael Portillo // MIT Lilia Prado (Raquel), Esteban Márquez (Oliverio Grajales), Carmen Gonzáles (Albina, Oliverios Frau), Manuel Dondé (Don Eladio, Abgeordneter), Roberto Cobo (Juan), Luis Aceves Castañeda (Silvestre, Busfahrer), Beatriz Ramos (Elisa), Manuel Noriega (Notar), Roberto Meyer (Don Nemesio Álvarez y Villalbazo), Pedro Elviro ­«Pitouto» (Hinkender), Pedro Ibarra (Manuel), Leonor Gómez (Doña Linda).

ABISMOS DE PASIÓN Mexiko 1953 Nach langer Abwesenheit muss ein Mann bei seiner Rückkehr in die Heimat feststellen, dass seine Jugendliebe inzwischen mit einem reichen Hazienda-Besitzer verheiratet ist. Ihre Leidenschaft flammt erneut auf, doch erst im Tod finden die beiden wieder zusammen. «Abismos de pasión geht auf einen alten Plan aus Buñuels surrealistischen Anfängen in Frankreich zurück: Es ist eine sehr freie, konzentrierte Fassung von Emily Brontës Roman ‹Wuthering Heights›, einem singulären, abgründigen Stück der englischen Romantik (1847). Was Buñuel daran faszinierte, war die Darstellung eines zentralen Begriffs des Surrealismus, der schon in seinen Frühwerken Un chien andalou und L’âge d’or auftaucht: des ‹amour fou›, der über alle Schranken und Normen hinausgreifenden leidenschaftlichen Liebe von elementarer Kraft und barbarischer Wildheit. (...) Buñuels exzessives Poem – dessen Masslosigkeit in jeder Hinsicht erstaunlich, für viele verwirrend und für manche wegen der schlechten, holzigen Schauspieler unfreiwillig komisch sein mag – erscheint mir als eines seiner aggressivsten, glühendsten, gewaltigsten Manifeste gegen die (bürgerliche) Kultur, wenn nicht gar gegen Kultur überhaupt.» (Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau, 21.1.1974)


> Cela sâ&#x20AC;&#x2122;appelle lâ&#x20AC;&#x2122;aurore.

> La mort en ce jardin.

> Ensayo de un crimen.


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Luis Buñuel 90 Min / sw / 35 mm / Sp/f // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Arduino Maiuri, Julio Alejandro, nach dem Roman «Wuthering Heights» von Emily Brontë // KAMERA ­Augustín Jiménez // MUSIK Raúl Lavista // SCHNITT Carlos Savage // MIT Irasema Dilián (Catalina), Jorge Mistral (Alejandro), Lilia Prado (Isabel), Ernesto Alonso (Eduardo), Luis A ­ ceves Castañeda (Ricardo), Francisco Reiguera (José, Diener), ­Hortensia Santoveña (Wirtschafterin), Jaime González (Jorge).

ÉL Mexiko 1953 «In Él widmete sich Buñuel der Seelenanalyse eines Psychopathen: Francisco, ein wohlangesehener Bürger und musterhafter Christ, der aber nicht frei ist von Frustrationen und autoritären Neigungen, wird von einem Eifersuchtskomplex gegen seine viel jüngere Ehefrau verfolgt; der Komplex steigert sich bis zum Delirium und zur Paranoia: Francisco stösst Stricknadeln durch Schlüssellöcher, um imaginäre Voyeure ins Auge zu treffen. Höhepunkt ist eine Fiebervision des Protagonisten, dessen Eifersucht in einer Kirche bis zum Wahnsinn anwächst: Die Gesichter der Gläubigen und des Priesters verzerren sich ihm minutenlang zu grinsenden und kichernden Teufelsfratzen.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des modernen Films, Sigbert Mohn Verlag 1965) «‹Er› ist ein Wahnsinniger, dessen Krankheit den Knebelungen entspringt, mit denen religiös gesteuerte Gesellschaftsrituale sein Sozialverhalten vergewaltigt haben. Denn die Kirche deformiert Buñuels Menschen durch ihren überirdischen Reinheitsanspruch zu Seelenkrüppeln, die zerrieben werden zwischen gehorsamer Frömmigkeit und der Hölle ihrer Gedanken.» (Ponkie, Abendzeitung München, 9.7.1970) 91 Min / sw / 35 mm / Sp/f // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Luis Alcoriza, nach dem Roman von Mercedes Pinto // KAMERA Gabriel Figueroa // MUSIK Luis Hernández Bretón // SCHNITT Carlos Savage // MIT Arturo de Córdova (Francisco Galván de Montemayor), Delia Garcés (Gloria ­Milalta), Aurora Walker (Esperanza Peralta, die Mutter), Luis Beristáin (Raúl Conde, Ingenieur), Carlos Martínez Baena (Velasco, Pater), Manuel Dondé (Pablo, Majordomus), Rafael Banquells (Ricardo Luján), Fernando Casanova (Beltrán, Notar), Antonio Bravo (Gast), León Barroso (Kellner), Carmen Dorronsoro de Roces (Pianistin).

ROBINSON CRUSOE Mexiko/USA 1954 «Die Abenteuer des englischen Schiffbrüchigen auf einer einsamen Insel nach dem populären Roman von Daniel Defoe, inszeniert von Luis Buñuel

während seiner produktiven mexikanischen Schaffensphase. Buñuel lieferte einen geradlinigen, handwerklich anspruchsvollen Abenteuerfilm, der ohne Pathos und weltanschauliche Phrasen auskommt. Nur in Crusoes Fieberträumen folgt Buñuel seinem surrealistischen Erbe. Ansonsten gilt sein besonderes Augenmerk der Frage, inwieweit die sogenannte Zivilisation dem Menschen nützlich, zuträglich oder entbehrlich ist: ein Motiv, das sich als roter Faden durchs Gesamtwerk des Regisseurs zieht.» (Lexikon des int. Films) 90 Min / Farbe / 35 mm / E // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Philip Ansell Roll, Luis Buñuel, nach dem Roman von Daniel Defoe // KAMERA Alex Phillips // MUSIK Anthony Collins, Luis Hernández Bretón // SCHNITT Carlos Savage, Alberto Valenzuela // MIT Dan O’Herlihy (Robinson Crusoe), Jaime Fernández (Freitag), Felipe de Alba (Captain Oberzo), José Chávez (Seeräuber), Emilio Garibay (Seeräuber).

ENSAYO DE UN CRIMEN Mexiko 1955 «Frivol und sympathisch nimmt Buñuel hier die Psychoanalyse auf den Arm: Ein nicht mehr ganz junger Mann im Besitz einer magischen Spieluhr träumt seit Kindertagen davon, Frauen zu ermorden. Nachdem er sich einmal zu einem Tatversuch aufrappeln kann, segnen diese Auserwählten stets auf andere Art und Weise bereits das Zeitliche, ohne dass unser Freund auch nur einen Finger, geschweige denn den betreffenden ­Damen auch nur ein einziges Haar gekrümmt hätte! Tote pflastern seinen Weg (…), aber zum Mörder hat er es immer noch nicht gebracht. Doch die wahre Liebe wird es schon richten.» (Claudia Siefen, dasmanifest.com) «Die drei Honoratioren am Hochzeitsfest repräsentieren all das, was Buñuel sein Leben lang attackierte: die Dreifaltigkeit aus katholischer Kirche, bigottem Bürgertum und Militär. Vordergründig bietet die Szene ein freundliches, etwas selbstgefälliges Gespräch. Doch eben durch diese übertriebene Selbstgefälligkeit, durch die Art der Darstellung desavouiert Buñuel dieses Bürgertum. Die genüssliche Selbstdarstellung wirkt schärfer als jede Kritik. Hier fände kein noch so strenger Zensor auch nur ein abfälliges Wort im Dialog. Trotzdem ist die Umsetzung eine beissende Satire. Der Schluss zeigt uns Archibaldo, der in einem Sack die verhängnisvolle Spieluhr stellvertretend für seine Kindheitserinnerungen im See versenkt und anschliessend fröhlich und befreit durch den Park spaziert. Rein zufällig trifft er Lavinia wieder und verschwindet schäkernd mit ihr aus dem Bild. Was für ein Happy End. Archibaldo scheint geheilt


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Luis Buñuel und geht einer befreiten Beziehung entgegen. Wir haben hier ein für Buñuel typisches Happy End vor uns. Mehrmals erhielt Buñuel von den Behörden Auflagen, das Ende eines Films abzuändern. Und Buñuel verfeinerte dadurch sein Genie der Doppelbödigkeit, sodass er, in scheinbarer Vorwegnahme möglicher Zensur, seine bigotten Kritiker unterläuft. Er bietet ein Happy End, doch er bietet ein so übertriebenes Happy End, dass seine Übertreibung spürbar und als Satire erkennbar wird.» (Siegfried König, filmzentrale.com) 90 Min / sw / 35 mm / Sp/f // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Eduardo Ugarte Pages, nach dem Roman von ­Rodolfo Usigli // KAMERA Augustín Jiménez // MUSIK Jorge Pérez // SCHNITT Jorge Bustos // MIT Ernesto Alonso (Archibaldo de la Cruz), Miroslava Stern (Lavinia), Rita Macedo ­(Patricia Terrazas), Ariadna Welter (Carlota), Rodolfo Landa (Alejandro), Andrés Palma (Carlotas Mutter), Carlos Riquelme (Kommissar), José María Linares Rivas (Willy Cordurán), ­Leonor Llausás (Gouvernante), Eva Calvo (Archibaldos Mutter).

CELA S’APPELLE L’AURORE Frankreich/Italien 1956 Die Liebesgeschichte eines idealistisch gezeichneten Arztes auf einer Insel vor Frankreichs Mittelmeerküste, verbunden mit dem Drama um einen Arbeiter, der nach seiner willkürlichen Entlassung den ausbeuterischen Arbeitgeber erschiesst. «Cela s’appelle l’aurore hat viel und auf eine direktere Weise mit einer sozialen Realität zu tun, als dies bei vielen anderen Filmen Buñuels der Fall ist, von den Berichten sozialen Elends wie Las Hurdes und Los olvidados abgesehen. Deutlich wird eine Aufteilung der Menschen in Klassen. (…) Der Stil bewegt sich zwischen einem soziale Details fast dokumentarisch registrierenden Realismus und, in Ansätzen, einem Melodram.» (Klaus Eder, in: Luis Buñuel, Reihe Hanser 1975) «Viele Elemente seines Films hat Buñuel getreu aus der Romanvorlage von Emmanuel Roblès übernommen, zugleich sind diese Elemente aber so sehr von der Tonalität seiner Persönlichkeit, ja seiner Obsessionen durchdrungen, dass Cela s’appelle l’aurore ganz und gar ein Film von Luis Buñuel ist. (…) Insgesamt wird man in seinem Werk nur wenige andere Filme finden, die so buñuelesk sind wie Cela s’appelle l’aurore.» (Georges Sadoul, Les Lettres Françaises, 17.5.1956) 102 Min / sw / 35 mm / F // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean Ferry, nach dem Roman von Emmanuel Roblès // KAMERA Robert Le Febvre // MUSIK Joseph Kosma // SCHNITT Marguerite Renoir // MIT Georges Marchal (Dr. Valerio), Lucia Bosé (Clara), Gianni Esposito (Sandro

Galli), Nelly Borgeaud (Angéla), Julien Bertheau (Fasaro), Jean-Jacques Delbo (Gorzone), Robert Lefort (Pietro), ­Brigitte Elloy (Magda), Henri Nassiet (Angélas Vater), Gaston Modot (Giuseppe), Marcel Pérès (Fesco).

LA MORT EN CE JARDIN Mexiko/Frankreich 1956 «In einem fiktiven südamerikanischen Staat terrorisieren die Polizeikräfte der faschistischen Junta die Bevölkerung. In einem kleinen und abgelegenen Dorf lässt sich eine Gruppe von Diamantenschürfern nicht drangsalieren und probt den Aufstand. Als es brenzlig wird, flüchtet Chark mit einem Pater, der Hure Djin und zwei weiteren Gefährten in die Tiefen des Dschungels. Die unwirtliche Umgebung entwickelt sich für die Abenteurer zur Hölle und führt zunehmend dazu, dass innerhalb der Gruppe Spannungen entstehen, die in handfeste Auseinandersetzungen ausarten. Einen intelligenten Genrefilm in der Art von Le salaire de la peur hatte Meister-Regisseur Luis Buñuel im Sinn, als er La mort en ce jardin inszenierte. Aber auch in diesem Film konnte es Buñuel nicht lassen, surrealistische Elemente einzufügen, so eine dreiminütige Sequenz von Traumund Schockbildern.» (moviepilot.de) «La mort en ce jardin ist reich an surrealistischen ‹images-choc›. (…) Es gibt auch Bilder von geradezu altmodischer Schönheit (wie in den Collagen von Max Ernst), die an die Lithografien in alten Reisebüchern erinnern. So die letzte Einstellung: der breite Fluss, durch einen Rahmen grüner Zweige gesehen, in der Mitte das Boot der Geretteten, wie es sich gegen den offenen Horizont entfernt – ein Bild von utopischer Glückseligkeit.» (Enno Patalas, Filmkritik, Mai 1958) 107 Min / Farbe / DCP / F // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Alcoriza, Luis Buñuel, Raymond Queneau, nach der Erzählung von José-André Lacour // KAMERA Jorge Stahl jr. // MUSIK Paul Misraki // SCHNITT Marguerite Renoir // MIT ­Simone Signoret (Djin), Georges Marchal (Chark), Charles ­Vanel (Castin), Michel Piccoli (Pater Lizzardi), Michèle Girardon (Maria), Tito Junco (Chenko), Raúl Ramírez (Álvaro), Luis Acevedes Castañeda (Alberto), Jorge Martínez de Hoyos (Hauptmann Ferrero).


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1989: Bewegungen, Impulse, Umbrüche Diesen Herbst feiert das Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich sein 30-jähriges Jubiläum. Das Gründungsjahr 1989 wird in einer Filmreihe mit Vorträgen von international renommierten Referentinnen und Referenten beleuchtet. Mehr zum Programm: www.film.uzh.ch/de/jubiläum Filmreihe und Vorträge: donnerstags vom 19. Sept.–12. Dez. 2019

HOW TO GET AHEAD IN ADVERTISING GB 1989 «Richard E. Grant ist der endlos charmante Dennis Bagley, ein ständig angespannter Werbefachmann, an dessen Schulter ein böses, sprechendes Geschwür zu spriessen beginnt. Das Geschwür spricht nur zu Bagley, schweigt zum Rest der Welt und scheint zu wachsen. Diese ätzende Satire stammt vom talentierten Team, das schon hinter dem Kultklassiker Withnail and I stand. Ihnen gelingt eine Tour de Force von verbalem Ringen und körperlicher Komödie.» (criterionchannel.com) «Bruce Robinson war Schauspieler (der englische Leutnant in Truffauts L’histoire d’Adèle H.), schrieb dann das Drehbuch von The Killing Fields und wurde 1987 Autor und Regisseur von Withnail and I. Dieser ergreifende Film über zwei junge Engländer, die die 1960er-Jahre hinter sich lassen, bleibt im Gedächtnis: Die ausholende ­ Sprache und die Performance spiegelten eine zu-

rückhaltende Kultur unter aussergewöhnlichen, hitzigen Bedingungen wider. How to Get Ahead ... führt diese Qualitäten noch weiter, als ob das Treibhausleben der Werbeagentur nicht ungewöhnlich würde, sondern zur englischen Gesellschaft in extremis.» (Stanley Kauffmann, criterion.com, 10.7.2001) 90 Min / Farbe / 35 mm / E // DREHBUCH UND REGIE Bruce Robinson // KAMERA Peter Hannan // MUSIK David Dundas, Rick Wentworth // SCHNITT Alan Strachan // MIT Richard E. Grant (Bagley), Rachel Ward (Julia), Richard Wilson (Bristol), Jacqueline Tong (Penny Wheelstock), John Shrapnel (Psychiater), Susan Wooldridge (Monica), Hugh Armstrong (Harry Wax), Mick Ford (Richard), Jacqueline Pearce (Maud).

The film is presented by special arrangement with Handmade Films.

✶ am Donnerstag, 10. Oktober, 17.00 Uhr: Vorlesung: Yvonne Zimmermann, Philipps-Universität Marburg


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30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft

MILLI VANILLI: FROM FAME TO SHAME Deutschland 2015 «Das Popduo Milli Vanilli war in den 1990er-Jahren der Schwarm einer ganzen Mädchengeneration – bis ein Skandal seine Karriere beendete: Es kam heraus, dass die beiden Musiker nicht selber sangen. Im Film wird die Entstehung und die Geschichte des Phänomens Milli Vanilli geschildert, massgeblich Beteiligte wie der Musikproduzent Frank Farian und die Managerin Milli Segieth kommen zu Wort.» (srf.ch) «‹Wenn man den Amerikanern ihre eigene Coca-Cola verkaufen will, dann muss alles stimmen.› Mit diesem schlitzohrigen Statement ­kommentiert Frank Farian das Konzept der Castingband Milli Vanilli. Drei Nummer-eins-Hits machten das Discopop-Duo, von Farian am Reissbrett entworfen, Ende der achtziger Jahre zur erfolgreichsten deutschen Band in den USA. ­ Frontmann Robert Pilatus verlor dabei rasch die Bodenhaftung. Grossmäulig erklärte er im I­nterview, er sei talentierter als Bob Dylan, Paul ­McCartney und Mick Jagger zusammen: ‹Ich bin der neue Elvis.›

Hochmut kommt vor dem Fall, der nicht lange auf sich warten liess. Als während eines Liveauftritts das Playback wie eine Schallplatte hing, erlebten 80 000 Zuschauer live mit, dass Pilatus und sein Partner Fabrice Morvan gar nicht selbst sangen. Die beiden mussten ihren Grammy zurückgeben und schlitterten in den wohl peinlichsten Skandal der Pophistorie. Erzählt wurde die Geschichte bislang aus der Boulevardperspektive. (...) Milli Vanilli: From Fame to Shame erzählt diese Geschichte aus einer neuen Sicht. Die dicht gewobene Dokumentation will den Etikettenschwindel um Farians ferngesteuerte Boygroup keinesfalls rechtfertigen, macht aber zweierlei deutlich: Die Musik war nicht zufällig erfolgreich, und die beiden Frontmänner hatten ein gewisses Charisma.» (Manfred Riepe, Der Tagesspiegel, 22.7.2016) 52 Min / Farbe / DCP / D // DREHBUCH UND REGIE Oliver Schwehm // KAMERA Benno Soukup // SCHNITT Ellen Scheider.

✶ am Donnerstag, 17. Oktober, 17.00 Uhr: Vorlesung: Henry Keazor, Universität Heidelberg


30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft

BEFORE THE RAIN (Pred doždot) Mazedonien/GB/Frankreich 1994 Der Spielfilmerstling Before the Rain des in den USA ausgebildeten Fotografen und MusikvideoRegisseurs Milčo Mančevski war zugleich der erste Film, der in seiner Heimat, der neu gegründeten Republik Mazedonien, realisiert wurde. Wenig überraschend behandelt der Film denn auch die schwelenden Konflikte in der jungen, vom jugoslawischen Trennungskrieg verschont gebliebenen Nation. Erzählt werden drei Geschichten, jeweils mit einem eigenen Titel, die jede für sich stehen könnte, sich aber nach und nach zu einem Ganzen summieren. Die erste Geschichte, Words, spielt im ländlichen Mazedonien und handelt vom muslimischen Mädchen Zamira, das sich, eines Mordes beschuldigt, beim jungen orthodoxen Mönch Kiril versteckt. Die zweite Geschichte, Faces, wechselt nach London. Der Kriegsfotograf Aleksander hat genug von seinem Job und möchte mit seiner ehemaligen Geliebten, Anne, die als Bildredaktorin bei einer Nachrichtenagentur arbeitet, zurück in seine mazedonische Heimat reisen. In der dritten und längsten Geschichte, Pictures, kommt Aleksander in seiner Heimat an – wir sind wieder

im Dorf der ersten Geschichte. Auf der Flucht vor seinen Dämonen und der Kriegsgewalt muss er feststellen, dass hier nichts mehr so ist, wie es früher war. Mančevski beschwört mit einer – ausser in wenigen, intimen Momenten – stets bewegten Kamera (Manuel Teran) immer wieder eine Stimmung wie vor dem Regen, vor dem Sturm herauf. Sein Erzählstil ist elliptisch, dennoch bleibt der Film klar. Die bei genauer Betrachtung auftauchenden «Fehler» im Zeitkontinuum sind gewolltes Stilmittel. Mančevski spielt virtuos mit der Zeit; gerade in der Möglichkeit von Parallelitäten oder Löchern sieht er einen Ausweg aus der Gewaltspirale. Before the Rain wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen als bester Film ausgezeichnet. (pm) 113 Min / Farbe / 35 mm / OV/d // DREHBUCH UND REGIE Milčo Mančevski // KAMERA Manuel Teran // MUSIK Anastasia // SCHNITT Nicolas Gaster // MIT Rade Šerbedžija (Aleksander), Katrin Cartlidge (Anne), Grégoire Colin (Kiril), Labina Mitevska (Zamira), Jay Villiers (Nick), Silvija Stojanovska (Hana), Phyllida Law (Annes Mutter), Josif Josifovski (Pater Marko), Kiril Ristoski (Pater Damjan).

✶ am Donnerstag, 24. Oktober, 17.00 Uhr: Vorlesung: Patricia Pfeiffer, Universität Zürich

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30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft

LETTER TO MY COUSIN IN CHINA

Vielleicht ist das Zuhause nicht dort, wo man wohnt, sondern wie man lebt?» (Henion Han)

Südafrika 1999 52 Min / Farbe / DCP / E/Chin/e // DREHBUCH, REGIE, KA-

Der Filmemacher und Fotograf Henion Han lebte und arbeitete als Sohn chinesischer Einwanderer aus der Provinz Hainan in Johannesburg in Südafrika. Er starb 2018. Während 20 Jahren sammelte Han das Material zu seiner Dokumentation Letter to My Cousin in China. Darin erzählt er die persönliche und bewegende Geschichte seiner Familie, wie die Eltern während 14 Jahren unterwegs getrennt voneinander lebten und sich, wieder vereint, in Johannesburg niederliessen. Wie sie dort unter der Apartheid des Landes litten und zusätzlich wegen ihres hainanischen Dialekts kaum Anschluss an die chinesische Diaspora fanden. Nach 20 Jahren wurde der Vater nach Taiwan versetzt, kehrte aber wieder nach Südafrika zurück, weil er auch dort nicht heimisch wurde. Schliesslich folgt Han seinem sterbenden Vater bei den Vorbereitungen für seine letzte Reise. (pm) «Ist es nicht ironisch, dass meine Mutter und Grossmutter in den USA begraben sind – einem Ort, an dem sie noch nie zuvor waren? Ich schaue mich an und frage, was ist Heimat? Wo ist die Heimat? Ich bin Chinese, und doch bin ich es nicht. Ich spreche kein fliessendes Chinesisch, geschweige denn kann ich lesen und schreiben, aber meine Vergangenheit, meine Wurzeln sind nicht etwas, das ich einfach ignorieren kann. Und meine Kinder, was sind das für Leute, halb weiss, halb chinesisch? Nationalität und Patriotismus scheinen in diesem Zusammenhang bedeutungslos zu sein.

MERA, SCHNITT Henion Han.

✶ am Donnerstag, 31. Oktober, 17.00 Uhr: Vorlesung: Ruth Simbao, Rhodes University, South Africa (in engl. Sprache)

DIE MAUER DDR 1990 «Der Künstler Jürgen Böttcher, zu DDR-Zeiten als Maler ‹Strawalde› bekannt, drehte 1989/1990 seine persönlichen Impressionen von den letzten Tagen der Berliner Mauer. Er zeigt geschichtsträchtige Schauplätze wie den Potsdamer Platz, den Reichstag und das Brandenburger Tor, aber auch stillgelegte unterirdische Bahnhöfe. Die Mauer nutzt er im Moment ihrer Zerstörung als Projektionsfläche für historische Filmzitate, die vom Kaiserreich über die NS-Diktatur bis zur Zeit der deutschen Teilung reichen.» (filmportal.de) 99 Min / Farbe + sw / 35 mm / D/e // DREHBUCH UND REGIE Jürgen Böttcher // KAMERA Thomas Plenert // SCHNITT ­Gudrun Steinbrück.

✶ am Donnerstag, 14. November, 17.00 Uhr: Vorlesung: Matthias Steinle, Université Sorbonne Nouvelle Paris 3


30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft

THE GARDEN GB 1990 «Derek Jarman hatte zwei Gärten, einer befand sich in Dungeness, hier begann er nach seiner HIV-Diagnose zu gärtnern: ‹Der Gärtner gräbt zu einer anderen Zeit, ohne Vergangenheit oder Zukunft, ohne Anfang oder Ende›, heisst es in seinem Journal. Sein zweiter Garten ist dieser Film. Er beginnt mit dem Bild eines Mannes, der an einem Schreibtisch schläft, das Gesicht auf einem offenen Notizbuch ruhend. Eine Stimme sagt: ‹Ich will diese Leere mit dir teilen›, dann folgt eine Reihe Vignetten, in der Halluzinationen eines rein männlichen Garten Eden sich allmählich auflösen. Dies ist ein Kino der Ekstase; von überall her droht Auslöschung, Freunde sterben stumm, queere Körper werden gepeitscht, gehängt, gesteinigt und von Kameras verfolgt. Repräsentation scheint Gewalt und Freiheitsentzug nach sich zu ziehen. Dies ist aber auch ein Kino der Gemeinsamkeit, das auf der Hoffnung gründet, dass es möglich sei, seine Träume, sein Scheitern, seine Unsicherheiten und seine Sorgen zu teilen. Jarman zeigt sich immer wieder beim Gärtnern, überreicht uns Pilze, Steine, Schmetterlinge, Mohnblumen, Schnecken, Krähen, Wolken, Umarmungen und Musik – ein Garten der Bilder.» (Berlinale Forum, 2019) Digital restaurierte Fassung 2018.

THEY ARE LOST TO VISION ALTOGETHER USA 1989 «Provoziert durch die Weigerung des HelmsAmendments, explizite Informationen zur AIDSPrävention für schwule Männer, Lesben und Men-

schen, die Drogen intravenös konsumierten, zu finanzieren, ist They Are Lost to Vision Altogether ein trotzig lyrischer Gegenangriff, der von ethischer Dringlichkeit und moralischer Notwendigkeit bestimmt wird. In den Worten des Regisseurs Tom Kalin versucht das Video, ‹die Erotik zurückzugewinnen und die Widersprüche von Sexualität und Romantik angesichts einer monolithischen und kulturell obligatorischen Heterosexualität anzugehen. Es räumt freimütig Ambivalenz ein und versucht, nicht verloren zu gehen oder in das Meer dessen geschoben zu werden, was andere für unsere kollektive Geschichte halten.›» (Bill Horrigan, American Film Institute Video Festival, 1989) THE GARDEN 95 Min / Farbe / DCP / E/d // DREHBUCH UND REGIE Derek Jarman // KAMERA Christopher Hughes // MUSIK Simon ­Fisher-Turner // SCHNITT Peter Cartwright // MIT Tilda Swinton (Madonna), Johnny Mills (Liebhaber), Philip MacDonald (Joseph), Pete Lee-Wilson (Teufel), Spencer Leigh (­Maria Magdalena/Adam), Jody Graber (Junge), Roger Cook (Christus), Stephen McBride (Erzähler).

THEY ARE LOST TO VISION ALTOGETHER 13 Min / Farbe + sw / DCP / E // REGIE, DREHBUCH, KAMERA, SCHNITT Tom Kalin // MUSIK Chris Cochrane.

✶ am Donnerstag, 7. November, 17.00 Uhr: Vorlesung: Tom Kalin, New York (in engl. Sprache)

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34 Das erste Jahrhundert des Films

1989 Inspiriert von Reformbestrebungen in der Sowjetunion, in Polen und Ungarn, erwuchs im Frühling 1989 in Peking aus anfänglichen Studentenprotesten eine echte Demokratiebewegung, bis die Regierung Soldaten in die Haupt­ stadt schickte und den Aufstand blutig niederschlagen liess; in Europa wur­ de zur gleichen Zeit der Eiserne Vorhang löchrig, Tausende flüchteten aus der DDR, Massendemonstrationen folgten, bis am 9. November in Berlin schliesslich die Mauer fiel. In diesem Jahr sorgten gleich zwei US-amerikani­ sche Independent-Filme für Furore: Spike Lees Do the Right Thing, die enga­ gierte Auseinandersetzung mit der Problematik des zeitgenössischen Rassis­ mus in Amerika, wurde Auslöser hitziger Debatten und hat bis heute nichts von seiner aufwühlenden Kraft eingebüsst. Steven Soderberghs Filmdebüt Sex, Lies, and Videotape, eine prägnante Studie zwischenmenschlicher Ent­ fremdung, traf den Nerv der Zeit und wurde in Cannes zur Sensation. Viel Beachtung erhielt auch Jim Sheridans My Left Foot, die beeindru­ ckend gespielte, sensibel inszenierte Verfilmung der Autobiografie des spas­ tisch gelähmten Christy Brown; das Drama brachte Daniel Day-Lewis seinen ersten Oscar ein und war Irlands Einstieg in die globale Filmindustrie. Eines der visuell erstaunlichsten Action-Melodramen der achtziger Jahre gelang John Woo: Sein kunstvoll stilisierter The Killer verhalf ihm zum Durchbruch, öffnete ihm den Weg nach Hollywood (wo er derzeit mit dem Remake be­ schäftigt ist) und beeinflusste Filmemacher in aller Welt. Mit einem medita­ tiv-ruhigen Rhythmus überraschte hingegen Bae Yong-kyun: Sein Warum ­Bodhi-Dharma in den Orient aufbrach? gewann in Locarno den Goldenen Leoparden, schaffte – als erster südkoreanischer Film überhaupt – den Sprung in die Studiokinos und verzaubert uns noch heute mit seiner stillen Geschichte und überwältigenden Bildern.  Tanja Hanhart Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 ­wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. ­Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, im Jahr 2019 sind Filme von 1919, 1929 usw. zu sehen. Weitere wichtige Filme von 1989 Batman Tim Burton, USA/GB Crimes and Misdemeanors Woody Allen, USA Dead Poets Society Peter Weir, USA Dekalog Krzysztof Kieślowski, PL/BRD Drugstore Cowboy Gus Van Sant, USA Eine Stadt der Traurigkeit (Beijing changshi) Hou Hsiao-hsien, Taiwan Monsieur Hire Patrice Leconte, F

Mystery Train Jim Jarmusch, USA Kick That Habit Peter Liechti, CH La vie et rien d’autre Bertrand Tavernier, F Roger & Me Michael Moore, USA Tetsuo Shin’ya Tsukamoto, J The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover Peter Greenaway, F/NL/GB When Harry Met Sally ... Rob Reiner, USA


Das erste Jahrhundert des Films: 1989

DO THE RIGHT THING USA 1989 Ein heisser Tag in einem schwarzen Viertel Brooklyns: Mookie arbeitet als Pizzabote für Sal, einen Italo-Amerikaner, der hier seit 20 Jahren eine Pizzeria betreibt. Ein schwarzer Aktivist beklagt sich, dass Sal auf seiner «Wall of Fame» keine Schwarzen aufgenommen hat, und droht mit einem Boykott, woraufhin Sal ihn mit einem Hausverbot belegt. Die Auseinandersetzung schaukelt sich immer weiter hoch, bis die angestauten sozialen Spannungen explodieren. Spike Lee schaffte mit Do the Right Thing, den er mit knalligen Farben, Humor und viel Fein­ gefühl inszenierte, den Durchbruch. Der Film, Komödie und beklemmende Gewaltstudie zugleich, legte einen wichtigen Grundstein für das New Black Cinema und hat auch 30 Jahre später nichts von seiner aufwühlenden Kraft eingebüsst. «Ich habe nur wenige filmische Erfahrungen in meinem Leben gemacht, die mit dem ersten Mal, als ich Do the Right Thing sah, vergleichbar sind. Die meisten Filme bleiben oben auf der Leinwand, nur wenige dringen in deine Seele ein. Im Mai 1989 verliess ich die Vorführung am Festival in Cannes mit Tränen in den Augen. Lee hatte etwas beinahe Unmögliches geschafft: Er hatte einen Film über die Rassenproblematik in Amerika gedreht, der mit allen Figuren mitfühlt.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 27.5.2001) «Der Film war eine pointierte Auseinandersetzung mit der damaligen Rassenpolitik New Yorks. (...) Es war auch ein packendes menschliches Drama mit einer grossartigen Besetzung,

von Veteranen wie Ossie Davis und der verstor­ benen Ruby Dee bis hin zu Neulingen wie Martin Lawrence und Rosie Perez; (...) ebenfalls mit an Bord: Danny Aiello, John Turturro, Giancarlo ­Esposito, Samuel L. Jackson, Bill Nunn, Robin Harris und Lee selbst als Pizza liefernder, ­Müll­eimer werfender Mookie. Do the Right Thing, den Barack und Michelle Obama bei ihrem ersten Date ge­sehen haben, gilt heute als Kunstwerk sowie als Meilenstein des afroamerikanischen ­ Films.» (Gavin Edwards, rollingstone.com, 20.6.2014) Dieser Film gehört auch zur Reihe «Black Light» (siehe S. 4ff). 119 Min / Farbe / 35 mm / E/d // DREHBUCH UND REGIE Spike Lee // KAMERA Ernest Dickerson // MUSIK Bill Lee // SCHNITT Barry Alexander Brown // MIT Danny Aiello (Sal), Spike Lee (Mookie), Richard Edson (Vito), Ossie Davis (Da Mayor), Ruby Dee (Mother Sister), John Turturro (Pino), Bill Nunn (Radio Raheem), Samuel L. Jackson (Mister Señor Love Daddy), Giancarlo Esposito (Buggin Out), Rosie Perez (Tina, Mookies Freundin), Robin Harris (Sweet Dick Willie), Martin Lawrence (Cee).

Mitarbeitende, Studierende und Gäste des Seminars für Filmwissenschaft der Universität ­Zürich führen einzelne Filme der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» ein. Neben dem filmhistorischen Kontext werden f­ ormale und thematische Aspekte betrachtet.

✶ am Montag, 21. Oktober, 18.15 Uhr: Einführung von Kiran Kuzhippallil (Studierender am Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich)

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Das erste Jahrhundert des Films: 1989

SEX, LIES, AND VIDEOTAPE USA 1989 Ann ist mit John verheiratet, der sie heimlich mit ihrer Schwester Cynthia betrügt. Sie lernt den schüchternen Graham kennen, einen früheren Collegefreund von John, dessen Leidenschaft es ist, Frauen vor der Videokamera über ihre ­erotischen Fantasien reden zu lassen. Als sich ­Cynthia von ihm filmen lässt, ist Ann schockiert und zieht sich von Graham zurück – bis sie da­ hinterkommt, dass John und Cynthia eine Affäre haben. Steven Soderbergh soll das Drehbuch für sein Filmdebüt in nur acht Tagen geschrieben haben; Sex, Lies, and Videotape wurde in Cannes mit der Goldenen Palme sowie dem Darstellerpreis für James Spader ausgezeichnet. Der Erfolg von Sex, Lies, and Videotape gilt als grosse Initialzündung der amerikanischen US-Independent-Bewegung der 90er-Jahre. Der Film wurde 2006 in das National Film Registry der US-amerikanischen Library of Congress aufgenommen. «Sex, Lies, and Videotape zeugt von einer beeindruckenden Reife. (...) Entgegen dem Titel zeigt Soderbergh kaum nackte Haut oder Sex und vermeidet jegliche Effekthascherei, was ihm erlaubt, unerschrocken komplexe moralische und

psychologische Aspekte zu beleuchten. Keine der Figuren ist ganz aufrichtig oder frei von Komplexen; alle schrecken zunächst davor zurück, für ihre Handlungen die volle Verantwortung zu übernehmen. Die Schauspieler sind grossartig: Ausgehend von Soderberghs witzigen, scharfsinnigen, perfekt gedrechselten Dialogen sorgen sie dafür, dass der Film intellektuell ebenso anregend wirkt wie emotional.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide) «Mein Lieblingssieger von Cannes: Steven ­Soderberghs Debüt lancierte die Karriere eines der faszinierendsten Regisseure Hollywoods – und veränderte die Filmindustrie für immer. (...) Soderberghs Film hat den Zeitgeist eingefangen (...), ist aber bis heute nicht veraltet. Die zentralen Themen – Liebe geht über Sex, Technologie dient als Puffer – muten nach wie vor bedeutungsvoll an.» (Henry Barnes, The Guardian, 17.4.2015) 100 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // DREHBUCH, REGIE, SCHNITT Steven Soderbergh // KAMERA Walt Lloyd // MUSIK Cliff ­Martinez // MIT James Spader (Graham), Andie MacDowell (Ann), Peter Gallagher (John), Laura San Giacomo (Cynthia), Ron Vawter (Therapeut), Steven Brill (Barfly), Alexandra Root (Frau auf einem Videoband), Earl T. Taylor (Hausherr), David Foil (Johns Kollege).


Das erste Jahrhundert des Films: 1989

MY LEFT FOOT Irland/GB 1989 Dublin in den 1930er-Jahren: Christy Brown, das zehnte Kind einer Arbeiterfamilie, ist spastisch gelähmt und kann nur den linken Fuss bewegen. Mit grosser Hartnäckigkeit lernt er schreiben und malen, aufopfernd unterstützt von seiner Mutter. Der Vater stirbt, bevor der Verkauf von Christys Bildern und Büchern der Familie ersten Wohlstand bringt. Durch seine Lebensqualen verbittert, bricht der sexuell frustrierte Künstler unter Alkoholeinfluss in immer heftigere Wutanfälle aus. Erst als er die Zuneigung einer Krankenschwester gewinnen kann, ändert sich sein Leben. Jim Sheridan gelang mit seinem Regiedebüt My Left Foot nach der Autobiografie von Christy Brown ein Meisterwerk, das sich durch tiefe und berührende Menschlichkeit auszeichnet. Daniel Day-Lewis verlieh Christy faszinierenden Charme und verzichtete auf Larmoyanz; er lernte für seine Rolle tatsächlich, mit dem Fuss zu schreiben, und wurde für seine überragende schauspielerische Leistung mit dem Oscar ausgezeichnet, ebenso wie Brenda Fricker als beste Nebendarstellerin.

«Die Figur von Christy Brown enthüllt einige von Daniel Day-Lewis’ Methoden, die ihm später zum Erfolg verhalfen. Es wird erzählt, dass er nur auf den Namen seiner Figur reagiert habe. Er vertiefte sich so sehr in die Rolle, dass er nie seinen Rollstuhl verliess und von der Crew mit einem Löffel gefüttert werden musste. Er war so sehr darauf bedacht, in seiner Rolle zu bleiben, dass er sich offenbar zwei Rippen brach, weil er so lange Zeit verkrümmt dasass. (...) Jim Sheridan: ‹Für seine Rolle verbrachte Daniel mehrere Wochen mit Kindern, die wirklich an Zerebralparese litten. Wie schwierig wäre es gewesen, sich nur für die Kamera wie sie zu verhalten und dann nach jeder Aufnahme wieder zurückzuspringen, als wäre nichts gewesen?›» (bbc.co.uk, 31.1.2018) 103 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Jim Sheridan // DREHBUCH Shane Connaughton, Jim Sheridan, nach der Autobiografie von Christy Brown // KAMERA Jack Conroy // MUSIK Elmer Bernstein // SCHNITT J. Patrick Duffner // MIT Daniel Day-Lewis (Christy Brown), Brenda Fricker (Mrs. Brown, Christys Mutter), Fiona Shaw (Dr. Eileen Cole), Ray McAnally (Mr. Brown, Christys Vater), Hugh O’Connor (der junge Christy Brown), Cyril Cusack (Lord Castlewelland), Ruth McCabe (Mary Carr), Alison Whelan (Sheila).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1989

THE KILLER

(Die xue shuang xiong) Hongkong 1989 Jeff, ein Profikiller auf dem Weg zum Ausstieg, raubt bei einem Auftrag versehentlich der Sängerin Jennie das Augenlicht. Von Schuldgefühlen geplagt, wird er zum Schutzengel der blinden Schönen – was so weit geht, dass er ihr eine Augenoperation finanzieren will. Nur: Dafür muss er noch einmal einen letzten Auftrag erfüllen. Widersacher des Killers ist ein ehrgeiziger Cop, der aber auch Bewunderung für die Professionalität und den Ehrenkodex seines Gegners aufbringt. John Woos furioses Action-Melodram The Killer gehört zu den Kultklassikern des «Heroic Bloodshed»-Genres. «Das internationale Durchbruchswerk von John Woo, das alle Themen und Formen versammelt, welche man seither mit seinem Schaffen assoziiert: Männer halten sich gegenseitig Pistolen an den Schädel, Tauben stieben bei allen sich bietenden Gelegenheiten auf, Blickwechsel werden in Montageexzessen zelebriert, Schiessereien gleichen Opernduetten. The Killer ist ein zutiefst kantonesisches Melodram (...), in dem Jean-Pierre Melville wild gekreuzt wird mit Sam Peckinpah und Chang Cheh wiedergeboren im Zeichen des Vaters Martin Scorsese. Ein grosser Film, dem die Zeit wohltut.» (Rui Hortênsio da Silva e Costa, filmmuseum.at, 4/2012)

«Mit seinen elegischen, ballettartig choreogra­ fierten, kunstbluttriefenden Mega-Massakern, laufend wechselnden, zum Teil extremen Kameraperspektiven, symbolträchtigem Dekor, Parallelmontagen, Rückblenden, Standbildern und Zeitlupen wirkte der Kantonese wie kein anderer stilbildend bei der Inszenierung von furiosen Feuergefechten, erst in Asien, dann auch in den Vereinigten Staaten. Die kunstvolle Stilisierung, das geschickte Spiel mit Filmzitaten und verschiedenen Verhaltensmotiven begeistert Cineasten und Filmemacher in Ost und West.» (Ralf Umard, ray-magazin.at, 5/2012) «‹Die meisten Actionszenen choreografiere ich selbst, weil ich ein ziemlich guter Tänzer bin›, so John Woo. ‹Eine Action-Sequenz ist wie eine Tanz-Szene oder wie wenn ich mit den Schauspielern tanze.›» (Tim Molloy, thewrap.com, 21.6.2019) 110 Min / Farbe / 35 mm / Kantonesisch/e // DREHBUCH UND REGIE John Woo // KAMERA Peter Pau Tak-Hai, Horace Wong Wing-Hang // MUSIK David Wu Dai-Wai, Lowell Lo Koon-Ting // SCHNITT Fan Kung-Wing // MIT Chow Yun-Fat (Jeff), Danny Lee Sau-Yin (Insp. Li Ying), Sally Yeh Chian-Wen (Jennie), Paul Chu Kong (Sidney Fung), Kenneth Tsang Kong (Sgt. Tsang Yeh), Shing Fui-On (Hay Wong Hoi), Tommy Wong KwongLeung (Teddy Wong Hung), Ricky Yi Fan-Wai (Frank Chen).


Das erste Jahrhundert des Films: 1989

WARUM BODHI-DHARMA IN DEN ORIENT AUFBRACH?

(Dharmaga tongjoguro kan kkadalgun?) Südkorea 1989 In einem buddhistischen Kloster in den dicht­ bewaldeten Bergen Südkoreas leben drei Mönche: Der älteste von ihnen ist Hye-gok, ein Zen-Meis­ ter, der mit der Natur und den Dingen eins geworden ist, der jüngere sein Schüler Ki-bong, der sich noch auf dem Weg zur Erleuchtung befindet, der jüngste der Waisenjunge Hae-jin, den Hye-gok in seine Obhut genommen hat. Ihr Alltag ist geprägt vom Rhythmus der Jahreszeiten und von der sanften Monotonie der religiösen Rituale. Bae Yong-kyun heisst jener südkoreanische Künstler, «der 1989 mit seinem Erstling Warum Bodhi-Dharma in den Orient aufbrach? die Filmwelt von Cannes überfordert hatte, dann am Festival von Locarno unter grossem Applaus den Goldenen Leoparden abholte und einen Schweizer Journalisten zum Statement verlockte: ‹Das ist der erste Film, der jede Kritik überflüssig macht.› (...) Bae Yong-kyun und seine Frau hatten acht Jahre lang an dem Filmprojekt ihres Lebens gearbeitet. Alles hat Bae Yong-kyun in Eigenverantwortung gemacht: Er schrieb das Buch und produzierte den Film, er setzte das Licht an den

Schauplätzen, die er gefunden hatte, er führte die Kamera, nahm die Tonwelten auf, montierte das Gedrehte zu einem Gedicht über die Natur und das Leben als Teil von ihr. (...) Das Geschehen in diesem Film liegt nicht in einem Erzählstrang, das Geschehen erzählt sich aus der Tiefe der Bilder, die Bae Yong-kyun aufgenommen hat. Denn um seine drei Figuren herum (...) dominiert eins: die alles beherrschende Natur. (...) Bae Yongkyun will die Erfahrung, von der sein Film berichtet, nachvollziehbar machen, erfahrbar und nicht nur betrachtbar. (...) Meditativ ist dieser Film, weil er ganz einfach in sich ruht, in den eigenen Bildern.» (Walter Ruggle: Welt in Sicht, edition trigon-film 2008) «Ein Film voller Klarheit und Schönheit, dessen einfache und doch rätselhafte Geschichte in überwältigenden Bildern erzählt wird. (...) Der Film regt an, das Wesen der Dinge hinter ihrer vordergründigen Erscheinung zu ergründen.» (filmdienst.de) 137 Min / Farbe / 35 mm / Kor/d/f // DREHBUCH, REGIE, ­KAMERA, SCHNITT Bae Yong-kyun // MUSIK Chin Kyu-young // MIT Yi Pan-yong (Hye-gok, der alte Mönch), Sin Won-sop (Ki-bong, der junge Mönch), Huang Hae-jin (Hae-jin, der Novize), Ko Su-myong (Abt), Yun Byeong-hui (Ki-bongs Mutter).

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40 European Arthouse Cinema Day:

Have You Seen My Movie? 2011 erregte Christian Marclay Aufsehen mit seiner 24-stündigen Videoinstallation The Clock, die unzählige Filmclips zum Thema Uhrzeit aneinanderfügte. Einer seiner Assistenten, der in Kanada geborene Wahl-Londoner Paul Anton Smith, hat nun einen eigenen Supercut produziert: Have You Seen My Movie? ist ein ebenso unterhaltsamer wie anregender Film, der das Kinoerlebnis feiert und am European Arthouse Cinema Day am 13. Oktober im Kino gesehen werden will. «In Have You Seen My Movie? nimmt Smith Clips aus einer sehr breiten Pa­ lette von Filmen und schneidet sie zusammen, um eine Makroerzählung über das Erlebnis des Kinobesuchs und eine Vielzahl von Mikroerzählungen in die­ sem wunderbaren Rahmen hervorzubringen. Die breitere Geschichte des Films folgt einem relativ einfachen, linearen Ansatz, bei dem die Menschen zuerst im Kino ankommen – von denen, die sich eine Freikarte ermogeln wol­ len, bis hin zu prunkvollen Anlässen mit rotem Teppich – und weiter, bis schliesslich alle nach Hause gehen, nachdem sie gemeinsam das Ende von Casablanca gesehen haben. Smith schneidet nicht nur Material aus Filmen über Menschen im Kino zusammen, sondern auch Clips von dem, was sie dort sehen. Dabei gibt es freilich meistens einen offensichtlichen Bruch mit dem, was die Figuren tat­ sächlich sehen, was oft zu amüsanten und genialen Gegenüberstellungen führt.» (Craig Skinner, flickreel.com, 13.10.2016)

HAVE YOU SEEN MY MOVIE? / GB/Kanada 2016 129 Min / Farbe + sw / DCP / E u. a. // REGIE UND SCHNITT Paul Anton Smith.


41 Filmpodium für Kinder

Die Kinder des Monsieur Mathieu

Ein warmherziger Film, der mit grossen Emotionen, feinem Humor und einem mitreissenden Soundtrack bezaubert.

DIE KINDER DES MONSIEUR MATHIEU (Les choristes) / Frankreich/Schweiz/D 2004 93 Min / Farbe / 35 mm / D / ab 6/10 // REGIE Christophe Barratier // DREHBUCH Christophe Barratier, Philippe Lopes-­Curval // KAMERA Dominique Gentil, Carlo Varini // MUSIK Bruno Coulais, Christophe Barratier // SCHNITT Yves Deschamp // MIT Gérard Jugnot (Clément Mathieu), François Berléand (Rachin), Kad Merad (Chabert), Jean-Paul Bonnaire (Maxence), Jean-Baptiste Maunier (Morhange als Kind), Jacques Perrin (Morhange als Erwachsener), Maxence Perrin (Pépinot).

Frankreich, 1949: Der arbeitslose Musiker Clément Mathieu tritt einen Job als Aufseher in einem Internat für schwer erziehbare Jungs an. Hier herrscht ein verbitterter Direktor, der die Kinder mit Prügeln und Arrest quält. Diese strengen Erziehungsmethoden sind dem herzensguten Monsieur Mathieu zu­ tiefst zuwider. Gegen den Willen des Direktors gründet er einen Chor und ge­ winnt allmählich das Vertrauen seiner widerspenstigen Schützlinge. Christophe Barratiers Spielfilmdebüt Die Kinder des Monsieur Mathieu ist eine hinreissende Ode an die Kindheit, die zu einem sensationellen Publi­ kumshit wurde, dank der berührenden Geschichte, den überzeugenden Schau­ spielern und der ergreifend schönen Musik. (th) KINDERFILM-WORKSHOP Im Anschluss an die Vorstellungen vom 2. und 9.11. bietet die Filmwissenschaftlerin Julia Breddermann einen FilmWorkshop an (ca. 45 Min., gratis, keine Voranmeldung nötig). Die Kinder erleben eine Entdeckungsreise durch die Welt der Filmsprache und werden an einzelne Szenen und Themen des Films herangeführt.


42 UNESCO WELTTAG DES AUDIOVISUELLEN ERBES 2019

SO, 27. OKT. | 17.30 UHR

FÊTES DES VIGNERONS UND ALKOHOL IN DER SCHWEIZ Aus Anlass des UNESCO Welttags des au-

wochenschauen zur schweizerischen Alko-

diovisuellen Erbes präsentiert die Cinéma-

holpolitik sowie die für die RTS produzierte

thèque suisse gemeinsam mit dem Film­

Reportage Répression de l'Absinthe (1960)

podium ein Programm rund um die Fête des

von Claude und Jean-Pierre Goretta über

Vignerons und zur Bedeutung von Alkohol

das wohl umstrittenste und berüchtigtste

in unserer Kultur.

alkoholische Getränk der Schweiz.

Wer etwas besprechen will, trifft sich auf

moderierte Anlass von einem Gespräch mit

ein Glas, wer feiern will, erhebt es, und

dem Berner Historiker Juri Auderset, Mithe-

manchmal schaut man auch zu tief hinein:

rausgeber des Buches «Rausch & Ordnung.

Alkohol ist Teil unserer Kultur, zwischen

Eine illustrierte Geschichte der Alkohol-

Genuss und Sucht, Rausch und Ordnung,

frage, der schweizerischen Alkoholpolitik

Legalität und Verbot. Zum Welttag des au-

und der Eidgenössischen Alkoholverwaltung

diovisuellen Erbes gehen das Filmpodium

(1887–2015)» und einer kleinen Weindegus-

und die Cinémathèque suisse in einer ge-

tation mit der Weinhandlung südhang.

Eingerahmt wird der von Severin Rüegg

meinsamen Veranstaltung der vielfältigen Geschichte des Alkohols in der Schweiz nach – über Anbau, Konsum, Tradition und Regulierung. Präsentiert werden historische Filmaufnahmen zum Waadtländer Weinfest Fête des Vignerons, dessen früheste, sorgfältig kolorierte Aufzeichnungen von 1905 in die Frühzeit des Films zurückreichen und live vertont werden; Film­

PROGRAMM: Historische Filmdokumente der Fêtes des vignerons der Jahre 1905 bis 1955 Filmwochenschauen zur Schweizerischen Alkoholpolitik Répression de l'Absinthe (1960), Reportage der Radio Télévision Suisse Romande; Regie: Claude und Jean-Pierre Goretta (F), handkoloriert, Farbe + sw / DCP Die stummen Filme von 1905 und 1927 werden von André Desponds am Flügel begleitet.


43 ZÜRCHER FILMBUFF-QUIZ 2019

FR, 1. NOV. | 20.00 UHR

Anfang November lädt das Filmpodium wieder Kinokenner und Filmfreundinnen ein, mental die Klingen zu kreuzen und abseits des Internets mit echtem Filmwissen zu brillieren. Für die Profis im Publikum gibt es Handicaps, damit engagierte Amateure gleiche Chancen haben, die attraktiven Preise zu gewinnen. Wie bei den TV-Vorbildern muss man beim Filmbuff-Quiz aber nicht selber > Slumdog Millionaire.

mitspielen, um Spass zu haben. Man kann

auch nur seine Lieblingskandidatinnen anfeuern – oder einfach die eingespielten Clips geniessen und H ­ öhepunkte (und Peinlichkeiten) der Filmgeschichte Revue passieren lassen. Aufgrund der grossen Nachfrage empfehlen wir allen, die einen Sitzplatz auf Nummer ­sicher wollen, den Vorverkauf oder die frühzeitige Reservation. 

Corinne Siegrist-Oboussier & Michel Bodmer

SO, 3. NOV. | 11.00 UHR

ZUR STADTHAUS-AUSSTELLUNG

«PRIVATSPHÄRE – GESCHÜTZT, GETEILT, VERKAUFT» REAR WINDOW / USA 1954 112 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Alfred Hitchcock // DREHBUCH John Michael Hayes, nach der Erzählung von Cornell Woolrich // KAMERA Robert Burks // MUSIK Franz Waxman // SCHNITT George Tomasini // MIT James Stewart (L. B. «Jeff» Jefferies), Grace Kelly (Lisa Fremont), Wendell Corey (Det. Thomas J. Doyle), Thelma Ritter (Stella), Raymond Burr (Lars Thorwald), Judith Evelyn (Miss Lonely Hearts). An den Rollstuhl gefesselt beobachtet Jeff aus Langeweile aus dem Fenster seine Nachbarn. Dabei meint er, einen Mord entdeckt zu haben. «Hitchcocks Versuch über die Gier der Augen, über die Won-

Bis Ende Februar 2020 ist im Stadthaus die Ausstellung «Privatsphäre – geschützt, ge-

nen und den Albdruck des Voyeurismus in Form eines spannenden Thrillers.» (Lexikon des int. Films)

teilt, verkauft» zu sehen. Als Ergänzung zeigt

Im Anschluss folgt ein Gespräch mit Prof. Dr. Monika

das Filmpodium zwei Filme, die unter dem

­Dommann, Historikerin, Collegium Helveticum und

Aspekt der Privatsphäre diskutiert werden.

und Medienwissenschaftler, Universität Zürich.

­Universität Zürich, und Dr. Johannes Binotto, Kultur-

Den Auftakt macht Hitchcocks Voyeur-Thriller Rear Window. Im Februar folgt die clever zusammengestellte YouTube-KompilationsDoku In My Room von Ayelet Albanda.

Ausstellung von Stadt Zürich Kultur in Zusammenarbeit mit dem Collegium Helveticum im Stadthaus vom 19. September 2019 bis 29. Februar 2020. Näheres unter: www.stadt-zuerich.ch/ausstellung


44 SÉLECTION LUMIÈRE

LA NOTTE DI SAN LORENZO 1954 drehten die Brüder Paolo und Vittorio

Die Flüchtlinge durchleben unterwegs in

Taviani ihren ersten Film: Die kurze Doku-

der toskanischen Landschaft alle Stadien

mentation San Miniato, luglio '44 schilderte

der Hoffnung und der Verzweiflung und

traumatische Kriegserlebnisse, die sie und

­sehen sich in einer legendär gewordenen

ihr antifaschistischer Vater in ihrer Hei-

Sequenz mit italienischen Faschisten kon-

matstadt durchgemacht hatten. 28 Jahre

frontiert. La notte di San Lorenzo ist an sich

später verarbeiteten die Tavianis den Stoff

ein historischer Film in dem Sinn, als er von

in La notte di San Lorenzo von Neuem, dies-

einer vergangenen Zeit erzählt. Durch

mal aus der rückblickenden Perspektive

die märchenhaft-mythischen Überhöhun-

­einer Frau, die damals ein Kind war, und

gen und melodramatischen Zuspitzungen

fiktional verfremdet.

lassen die Tavianis die Handlung aus dem bloss Historischen abheben und den Film

«Heimlich schleicht sich im Sommer 1944

über die wunderbare Figur des Mädchens

eine Gruppe von BewohnerInnen aus ihrem

zur universellen Aussagekraft gelangen.

Heimatdorf San Miniato in der Toskana, um

Das ist ein Friedensfilm von elementarer

den US-amerikanischen Befreiern entge-

Sinnlichkeit und Wucht.» (Walter Ruggle,

genzueilen. Die Zurückbleibenden suchen

trigon-film.org)

gemäss Anweisungen in der Kirche Schutz und fallen einem Vergeltungsschlag der

✶ am Montag, 7. Oktober, 18.15 Uhr:

Deutschen zum Opfer.

Einführung von Madeleine Hirsiger

LA NOTTE DI SAN LORENZO / Italien 1982 105 Min / Farbe / DCP / I/d/f // REGIE Paolo und Vittorio Taviani // DREHBUCH Paolo und Vittorio Taviani, Giuliani G. De Negri, Tonino Guerra // KAMERA Franco Di Giacomo // MUSIK Nicola Piovani // SCHNITT Roberto Perpignani // MIT Omero Antonutti (Galvano), Margarita Lozano (Concetta), Claudio Bigagli (Corrado), Massimo Bonetti (Nicola), Miriam Guidelli (Belindia), Enrica Maria Modugno (Mara), Sabina Vannucchi (Rosanna), Norma Martelli (Ivana).


45 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Marius Kuhn (mk), Primo Mazzoni (pm), Laura Walde PRAKTIKUM Kaj Edghill // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 412 31 25 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, NEU: Tel. 044 415 33 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Academy Film Archive, Beverly Hills; Robyn Aronstam, Johannesburg; Arsenal Filmverleih, Tübingen; Arsenal Distribution, Berlin; Bonner Kinemathek; Bremedia Produktion, Bremen; Bundeskunsthalle, Bonn; Carlotta Films, Paris; Centre Pompidou, Paris; La Cinémathèque française – Musée du cinéma, Paris; Arthur Cohn, Basel; Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin; The Film Sales Company, New York; Les Films du Jeudi, Paris; Films sans frontières, Paris; HandMade Films, Bynea; Independent Cinema Office, London; JMJ Productions, Paris; Southern Methodist University, Dallas; Tom Kalin, New York; Kinemathek Le Bon Film, Basel; Kino Lorber, New York; Latido Films, Madrid; Manakifilm, New York; Milestone Films, Harrington Park; Park Circus, Glasgow; Salzgeber Medien, Berlin; Screenbound, Lutterworth; Shout! Factory, Los Angeles; Cauleen Smith, Chicago; Paul Anton Smith, London; TF1 Studio, Boulogne; Théâtre du Temple, Paris; trigon-film, Ennetbaden; Warner Bros. Entertainment Switzerland, Zürich; Women Make Movies, New York; Xenon Pictures, Hawthorne; Zipporah Films, Cambridge (MA). DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS, Zürich // KORREKTORAT Nina Haueter, Daniel Däuber // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 6000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Jahrhundert-Abo: CHF 50.– (für alle in Ausbildung; freier Eintritt zu den Filmen der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» // Programm-Pass: CHF 60.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen einer Programmperiode) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Hal Hartley

Luis Buñuel – Das Spätwerk

Der New Yorker Drehbuchautor, Regisseur,

Nach seinen surrealistischen Anfängen in

Komponist und Produzent Hal Hartley ist

Paris drehte Luis Buñuel (1900–1983) ab

einer der profiliertesten amerikanischen ­

1946 in der mexikanischen Filmindustrie

­Independentfilmer der letzten Jahrzehnte.

zunächst eher kommerzielle, billige Pro-

Seine tragikomischen Fabeln – darunter

duktionen, doch wird ab den 50er-Jahren

Trust, Simple Men und Henry Fool – verbin-

eine persönliche Weltsicht spürbar. Der

den Philosophisches mit absurdem Humor

zweite Teil unserer Retrospektive ist diesen

und kühne Sinnlichkeit mit bissiger Satire.

Filmen gewidmet sowie jenen Meisterwer-

Zum Stamm-Ensemble zählen eigenwillige

ken, die er nach seiner Rückkehr nach Eu-

Schauspielerinnen und Schauspieler wie

ropa realisierte und die das europäische

Bill Sage, Parker Posey, Martin Donovan,

Filmschaffen der sechziger und siebziger

Elina Löwensohn und Robert John Burke,

Jahre prägten, darunter Viridiana, Belle de

und Isabelle Huppert bewies in Hartleys

jour, La voie lactée und Le charme discret de

Anti-Thriller Amateur (1994) erstmals ihr

la bourgeoisie sowie Buñuels letzter cineas-

komisches Talent.

tischer Seufzer: Cet obscur objet du désir.


«Ein ergreifendes Fresko über drei Jahrzehnte chinesischer Geschichte.» POSITIF

WANG XIAOSHUAI, CHINA

AB 7 . O KTO B ER IM K INO

Profile for Tanja Hanhart

Filmpodium Programmheft Oktober/November 2019 // Programme issue October/November 2019  

Black Light // Luis Buñel – das Frühwerk // 30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft // Das erste Jahrhundert des Films: 1989 // Filmpodium für...

Filmpodium Programmheft Oktober/November 2019 // Programme issue October/November 2019  

Black Light // Luis Buñel – das Frühwerk // 30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft // Das erste Jahrhundert des Films: 1989 // Filmpodium für...

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