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18. November – 31. Dezember 2019

Luis BunĚƒuel Hal Hartley


LES FILMS DU FLEUVE ET ARCHIPEL 35 PRÉSENTENT

EIN FILM VON

JEAN-PIERRE

UND

LUC DARDENNE

FESTIVAL DE CANNES COMPETITION BEST DIRECTOR

AB 5.12. IM KINO IDIR BEN ADDI OLIVIER BONNAUD MYRIEM AKHEDDIOU VICTORIA BLUCK CLAIRE BODSON OTHMANE MOUMEN


01 Editorial

Wir bitten zur Kasse Das Filmpodium der Stadt Zürich ist eine nicht gewinnorientierte kulturelle Institution. Der Löwenanteil unseres Budgets wird mit Steuergeldern gedeckt; ein aufwendiges Programm wie das unsere wäre sonst schlicht nicht finanzierbar – auch wenn wir erfreulicherweise im Sommer unseren Publikumsdurchschnitt nicht nur halten, sondern wieder leicht steigern konnten. Vielen Dank für Ihr Interesse an Billy Wilder und Toshiro Mifune! Wir mussten in den letzten Jahren jedoch ein Phänomen beobachten, das nicht nur das Filmpodium und nicht nur das Kino, sondern alle möglichen Angebote und Events betrifft: Viele Leute reservieren aufs Geratewohl Plätze an diversen gleichzeitig stattfindenden Veranstaltungen, um dann im letzten Augenblick spontan zu entscheiden, welche sie wirklich besuchen wollen, in den allermeisten Fällen leider ohne sich anderswo abzumelden. Im OnlineZeitalter ist dies mit dem Anklicken eines «Reservieren»-Buttons sehr einfach geworden. Das Problem ist, dass auf diese Weise manche Veranstaltungen scheinbar ausgebucht sind, sodass sich Leute, die an sich interessiert wären, abschrecken lassen, auch wenn im Endeffekt viele reservierte Karten nicht abgeholt werden. Solche «No-Shows» sind im Filmpodium normalerweise kein Problem, weil unsere 263 Plätze selten alle besetzt sind. Bei Sonderevents jedoch wie etwa dem Rocky Horror Picture Show-Abend im vergangenen Februar zeigte sich, dass bei 263 Reservationen satte 100 Karten nicht abgeholt wurden – nachdem viele andere potenzielle Gäste im Vorverkauf beim scheinbar vollen Haus enttäuscht abgeblitzt waren. Wir haben uns deshalb entschieden, wie die allermeisten anderen Kinos und Kulturangebote online nur noch den Kauf, nicht aber die Reservation von Karten zu ermöglichen. Wenn Sie sich auf den Online-Kauf nicht einlassen wollen, können Sie nach wie vor reservieren, nämlich telefonisch, und zwar unter unserer neuen Nummer: 044 415 33 66. So, und nun wünschen wir viel Vergnügen bei unserem besonders vielfältigen Vorweihnachtsprogramm, das vom stummen animierten Experimentalfilm über Luis Buñuel und Hal Hartley bis nach Lettland führt und zum Jahresausklang in die Zukunft anno 2019 mündet. Corinne Siegrist-Oboussier & Michel Bodmer

Titelbild: Belle de jour von Luis Buñuel


02 INHALT

Luis Buñuel – Das Spätwerk

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Die Fortsetzung unserer Buñuel-Retro­ spektive setzt ein mit letzten Werken für die mexikanische Filmindustrie, die ihm dank seines effizienten Professionalismus bald erlaubte, auch persönlichere Filme wie Nazarín (1959) zu drehen. Über Spanien, wo er mit ­Viridiana (1961) bei Kirche und Politik etliche Verwirrung stiftete, kam er in den 1960-er Jahren nach Frankreich zurück und realisierte dort Filme, mit denen er das (Gross-)Bürgertum samt seinen Werten und Konventionen frontal angriff – von Le journal d’une femme de chambre (1964) über Belle de jour (1967) bis zu seinem überragenden letzten Film Cet obscur objet du désir (1977) – und dabei immer auch seinem Hang zum Rätselhaften und zum korrosiven Humor frönte. Bild: Tristana

Hal Hartley

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Der New Yorker Drehbuchautor, ­Regisseur, Komponist und Produzent Hal Hartley ist einer der profiliertesten amerikanischen Independentfilmer der letzten Jahrzehnte. Seine tragikomischen Fabeln und vertrackten Liebesgeschichten – darunter Trust, Simple Men und die Henry Fool-Trilogie – verbinden Philosophisches mit absurdem Humor und kühne Sinnlichkeit mit bissiger Satire. Zu seinem Stamm-Ensemble zählen eigenwillige Schauspielerinnen und Schauspieler wie Adrienne Shelly, Bill Sage, Parker Posey, Martin Donovan, Elina Löwensohn und Robert John Burke. Aber auch Stars wie PJ Harvey und Jeff Goldblum geben sich in Hartleys ­Filmen die Ehre, und Isabelle Huppert bewies in seinem Anti-Thriller Amateur (1994) erstmals komisches Talent. Bild: The Book of Life


03

Lettisches Filmwochenende

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Anlässlich der baltischen Kulturtage «Terra Baltica» ein starkes lettisches Filmpanorama, mit vielen Gästen.

Das erste Jahrhundert des Films: 1999

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Filmpodium für Kinder: 43 Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt Roboter Robbi hat seine Eltern verloren und der elfjährige Tobbi macht sich mit ihm auf die Suche nach ihnen. Bild: Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt

4 × Buster Keaton Männerkörper und -kämpfe dominieren Fight Club und Beau travail, aber Todo sobre mi madre ist eine Hommage an die Frau. Being John Malkovich beschwört surreale Innenwelten, und in Ratcatcher kämpft ein Junge in Glasgow ums emotionale Überleben. Bild: Fight Club

30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft

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1989: Bewegungen, Impulse, Umbrüche spiegeln sich im Kino Rumäniens, in Isao Takahatas Grab der Leuchtkäfer und im Werk Jean-Luc Godards.

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Seven Chances, Our Hospitality, Battling Butler und Steamboat Bill Jr. – mit heutigen Sounds elektrisiert.

Einzelvorstellungen Blade Runner – Final Cut Filme von Len Lye Sélection Lumière: The Piano

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Luis Buñuel – Das Spätwerk Nach seinen surrealistischen Anfängen in Paris setzte Luis Buñuel (1900–1983) ab 1946 seine Regietätigkeit in der mexikanischen Film­industrie fort. In den anfänglich eher kommerziellen, billigen Produktionen wird zunehmend eine persönliche Weltsicht spürbar. Der zweite Teil unserer Retrospektive ist diesen Filmen gewidmet sowie jenen Werken, die er nach seiner Rückkehr nach Europa realisierte und die das europäische Filmschaffen der sechziger und siebziger Jahre prägten. 1946 war Luis Buñuel mit seiner Familie nach Mexiko gezogen und hatte dort eine Menge kommerzieller, billiger Filme gedreht. Die Produzenten liebten ihn, denn er arbeitete extrem schnell. Das lag daran, dass er sich bereits 1928, also noch vor seinem Regiedebüt Un chien andalou, Gedanken über das Drehbuchschreiben gemacht hatte. Entscheidend sei die Gliederung, schrieb er in einem Aufsatz, dank ihr verwandle sich «das Geschriebene aus etwas Literarischem in Kino». Wenn Buñuel zu drehen begann, hatte er bereits den fertigen Film im Kopf. Kaum ein Regisseur verbrauchte so wenig Filmmaterial wie er, so genau waren seine Vorstellungen. Er wollte weder atmosphärische noch sonst wie «schöne» Bilder oder gar spektakuläre Kamerabewegungen, weswegen er auch mit berühmten Kameraleuten zunächst immer Konflikte hatte, denn die buñuelsche Nüchternheit ging gegen ihren Berufsstolz. Doch hatten sie einmal begriffen, was sein Ziel war, arbeiteten sie immer wieder gern mit ihm. Am Set herrschte eine fröhliche, ja «euphorische Stimmung», wie ­Catherine Deneuve von der Arbeit an Tristana (1969) berichtete. Und JeanClaude Carrière, sein wichtigster Drehbuchmitarbeiter, erzählte, ein Tag, an dem er nicht gelacht hätte, wäre für Buñuel ein verlorener Tag gewesen. Der Regisseur selbst wunderte sich immer wieder, warum das Publikum in seinen Filmen nicht öfter lache, und tatsächlich ist schwarzer Humor eines der Kennzeichen seiner Werke. Ein anderes ist seine Vorliebe für Rätselhaftes. «Das Mysterium, ein wesentlicher Bestandteil jedes Kunstwerks», schrieb er, «fehlt allgemein in den Filmen.» Deswegen hatte er auch wenig für den italienischen Neorealismus übrig: Die Wirklichkeit, die dieser zeigte, war dem Surrealisten Buñuel zu platt, er vermisste die Dimension des Unbewussten, der Träume. Genau dieses Rätselhafte, nicht Auflösbare bewirkt, dass man sich Buñuels beste

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Der Griff nach dem Fleisch: Le charme discret de la bourgeoisie Das Letzte Abendmahl à la Buñuel: Viridiana


06 Filme immer wieder anschauen kann. Er selbst hat sich stets geweigert, irgendwelche Deutungen zu geben. Das sollten die Zuschauer bitte selbst tun, und ihm seien alle Interpretationen recht. Gott sei Dank ein Atheist Wie schwer zu fassen seine Filme sind, zeigte sich an Viridiana (1961). Der Film war eine spanisch-mexikanische Koproduktion und wurde als offizieller spanischer Beitrag am Festival von Cannes eingereicht. Stolz nahm der oberste spanische Filmbürokrat die Goldene Palme und den Preis der französischen Filmkritik entgegen. Erst als Viridiana vom Vatikan als «blasphemisch» gegeisselt wurde, nicht zuletzt wegen einer Orgie von Bettlern, deren Posen plötzlich zu jenen auf Leonardo da Vincis «Abendmahl» erstarren, begriff man in Spanien, was für einen Film man da koproduziert hatte. Der Film­bürokrat wurde sofort entlassen, Viridiana konnte erst 1977 nach dem Tod des Diktators Franco in Spanien gezeigt werden. In der Folge arbeitete Buñuel vor allem in Frankreich. Der grosse kommerzielle Erfolg von Belle de jour (1966) erlaubte ihm, La voie lactée (1969) zu drehen, worin es einzig und allein um christliche Dogmen und Ketzereien geht. Sein Leben lang kämpfte Buñuel gegen die Kirche, war mit Priestern befreundet und sagte: «Gott sei Dank bin ich noch immer Atheist.» Im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Fellini gelangen Buñuel am Ende seiner Karriere drei seiner allerbesten Werke: Le charme discret de la bourgeoisie (1972), Le fantôme de la liberté (1974) und Cet obscur objet du désir (1977). Statt wie in seinem Frühwerk wutschnaubend gegen das Bürgertum anzurennen, liess er nun dieses sich selbst lächerlich machen. Ausserdem sind die drei Filme von einer umwerfenden formalen Kühnheit und Eleganz. Danach entstanden im Gespräch mit Jean-Claude Carrière seine Memoiren «Mon dernier soupir» (1982), ein ebenso weises wie lustiges Buch. Als Luis Buñuel am 29. Juli 1983 in Mexiko-Stadt starb, schrieb das ehemalige Monty-Python-Mitglied Michael Palin in einem Nachruf: «Was immer Monty Python gemacht haben, hatte Buñuel schon vorher gemacht. Sollten Sie sich angesichts der Öde, Langeweile und Heuchelei, die als zivilisiertes Leben gelten, frustriert und hilflos fühlen, machen Sie sich nichts draus. Schauen Sie sich einen Buñuel-Film an, und es wird Ihnen besser gehen. Er hatte den Schwarzen Gürtel in Humor.» Thomas Bodmer

Thomas Bodmer ist Herausgeber, Journalist und Übersetzer und war lange Jahre Mitglied der Filmredaktion des «Züritipp». Den ersten Teil seiner Einführung könnten Sie online oder im Oktober-November-Heft nachlesen.


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Luis Buñuel

LAS HURDES Spanien 1933 Buñuel unternimmt mit seiner Kamera eine Reise in die bitterarme Region Las Hurdes und erforscht in seinem kurzen Filmessay die Bedingungen, unter denen die Menschen in diesem kahlen, bergigen Gebiet leben. «Ein kühnes Pamphlet gegen die spanische Feudalgesellschaft, die solche menschenunwürdigen Zustände (…) gelassen duldete.» (Georg ­Antosch, Neue Zeit, Berlin, 5.1.1970)

SIMÓN DEL DESIERTO Mexiko 1965 «Kurz, klug und verblüffend, spannt dieser Film eine neckische Brücke zwischen dem alttestamentlichen Buñuel von Nazarín und Viridiana und dem neuen – Belle de Jour und Le charme discret de la bourgeoisie. Simon Stylites, buchstäblich ein Säulenheiliger, erduldet Angriffe eines zynischen Zwergs und einer Reihe von Versuchungen (darunter Silvia Pinal und einige klassisch surrealistische Bilder), bevor er wie King Kong aus der Zeitlosigkeit in die Kakophonie des modernen New York entrückt wird. Keine sehr beruhigende Vision, aber selbst für Skeptiker 45 Minuten Zeit wert.» (W. Stephen Gilbert, Time Out Film Guide) LAS HURDES 28 Min / sw / DCP / F // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, angeregt durch ein Buch von Maurice Legendre, Kommentar: Luis Buñuel, Pierre Unik // KAMERA Eli Lotar // SCHNITT Carlos Savage Jr.

SIMÓN DEL DESIERTO 47 Min / sw / 35 mm / Sp/f // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Julio Alejandro // KAMERA Gabriel Figueroa // MUSIK Raúl Lavista // SCHNITT Carlos Savage // MIT Claudio Brook (Simón), Silvia Pinal (Teufel), Hortensia Santoveña (Mutter), Jesús Fernández Martínez (Rabadan, der Zwerg), Enrique del Castillo (der Krüppel), Enrique García Alvárez (Bruder Zenon), Francisco Reiguera (ein Mönch).

NAZARÍN Mexiko 1959 Der idealistisch gesinnte, in einem Elendsviertel von Mexico City die Nachfolge Jesu rigoros vollziehende Priester Don Nazario stösst bei den Herrschenden, beim Klerus, aber auch bei den einfachen und armen Menschen auf Unverständnis und Ablehnung. «Diese mexikanische Geschichte spielt 1905. Ein junger Priester fällt in Ungnade bei seinen un-

beugsamen religiösen Vorgesetzten, den Zivil­ behörden und sogar den Armen, unter denen er versucht, ein Leben in Einfachheit, Armut und Nächstenliebe zu führen. Obwohl das Werk des Regisseurs Luis Buñuel nicht eben optimistisch ist, was die Möglichkeit angeht, dass der Idealismus die Welt erobert, gilt seine Kritik nicht der Religion, sondern nur frommer Scheinheiligkeit. Untertitel. Verwirrende Themen.» (United States Conference of Catholic Bishops) «Noch immer ist dieser mexikanische Film Buñuels einer seiner gescheitesten und treffendsten, ja er hat in gut zwanzig Jahren ständig an Reputation gewonnen und gilt heute geradezu als eines seiner Hauptwerke.» (Pierre Lachat, Tages-Anzeiger 1981) 94 Min / sw / 35 mm / Sp/d/f // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Julio Alejandro, Luis Buñuel, nach dem Roman von Benito Pérez Galdós // KAMERA Gabriel Figueroa // MUSIK Macedonio Alcalá // SCHNITT Carlos Savage // MIT Francisco Rabal (Don Nazario), Marga López (Beatriz), Rita Macedo (Adara, Prostituierte), Jesús Fernández (Ujo, der Zwerg), Ofelia Guilmain (Chanfa), Noé Murayama (Pinto).

LA FIÈVRE MONTE À EL PAO Frankreich/Mexiko 1960 «El Pao ist ein so abgeschiedener Ort, dass selbst Touristen ihn meiden, wie wir hören; Luis Buñuel widmet ihm eine bissige Studie mit unverkennbaren Spuren von Huston, Clouzot und Francos Spanien. Als Stellvertreter für den unsichtbaren Herrscher dient ein Rohling mit Generalissimo-Mütze, mit einer stürmischen Frau, Inés (...). Als der Despot mitten in einer Rede erschossen wird, ist die erste Reaktion der Stadtbewohner, sich auf das Fleisch zu stürzen, das man ihnen nach der Zeremonie versprochen hat. Ein Tyrann ersetzt den anderen – der reaktionäre Gual (Jean Servais) übernimmt den Thron des Gouverneurs und macht sich daran, den idealistischen Verwalter Vázquez (Gérard Philipe), seinen Rivalen um die Zuneigung der Witwe, zu vernichten. (...) Der Protagonist verurteilt die Ungerechtigkeiten der Strafkolonie, doch seine Handlungen während des Gefangenenaufstands beweisen, dass Philipes Ähnlichkeit mit einem jungen Servais nicht zufällig wirkt (‹Bin ich besser?›). Un chien andalou war ein Ruf zu den Waffen, dreissig Jahre später ist sich Buñuel der Schwierigkeiten der Revolution stärker bewusst. Wie kann man eine politische Ordnung herausfordern, die einen zu verschlingen droht?» (Fernando F. Croce, cine­­passion.org) 97 Min / sw / DCP / F/e // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Lois Alcoriza, Louis Sapin, Charles Dorat, nach einem Roman von Henri Castillou // KAMERA Gabriel Figueroa


> Nazarín.

> The Young One.

> Le journal d’une femme de chambre.

> La fièvre monte al El Pao.

> Le fantôme de la liberté.

> El ángel exterminador.


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Luis Buñuel // MUSIK Paul Misraki // SCHNITT James Cuenet, Rafael ­López Ceballos // MIT Gérard Philipe (Ramón Vásquez), María Félix (Inès Vargas), Jean Servais (Alejandro Gual), Miguel Angel Ferriz (Gouverneur Vargas), Raúl Dantés (García), ­ ­Domingo Soler (Prof. Gardenas).

THE YOUNG ONE Mexiko 1960 «Ein Schwarzer flüchtet vor einem Lynchmob auf eine beinahe unbewohnte Insel vor der Küste South Carolinas. Dort ist ein rassistischer Jagdaufseher gerade dabei, sich ein verwildertes 13-jähriges Mädchen, das in seine Obhut gefallen ist, gefügig zu machen. In ungeschönter Sprache und einem bisweilen surreal anmutenden Hyperrealismus führt dieser in Mexiko gedrehte Buñuel-Film nach einem Script des Blacklist-Opfers Hugo Butler den ­alltäglichen Rassismus in den US-Südstaaten vor Augen. Dennoch wird die gängige moralische Schwarzweissmalerei je länger desto deutlicher unterlaufen. (...) Auf diese Unterminierung absehbarer moralischer Zuordnungen führte Buñuel seinerzeit den kommerziellen Misserfolg des Films zurück.» (Andreas Furler, Filmpodium Oktober 2001) 95 Min / sw / 35 mm / E/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, H.B. (= Hugo Butler) Addis, nach einer Erzählung von Peter Matthiessen // KAMERA Gabriel Figueroa // MUSIK Jesús Zarzosa // SCHNITT Carlos Savage // MIT Key Meersman (Evvie), Zachary Scott (Miller), Bernie Hamilton (Travers), Claudio Brook (Reverent Fleetwood), Crahan Denton (Jackson).

VIRIDIANA Spanien/Mexiko 1961 Die desillusionierende Schilderung des Weges einer jungen spanischen Novizin, die nach dem Selbstmord ihres Onkels auf das Kloster verzichtet und dadurch karitativ wirkt, dass sie das Landgut ihres Onkels zu einem Asyl für Notleidende macht. Eine kurze Abwesenheit der jungen Frau nutzen die Armen zu orgienhafter Zerstörung. Nur knapp kann die Zurückgekehrte einer Vergewaltigung entgehen. «Das Scheitern christlicher Nächstenliebe hat Buñuel in diesem Meisterwerk mit der gleichen Ernstnahme und ungerührten Distanz dargestellt wie in Nazarín. (...) Viridiana ist eine Komödie ohne Humor, eine Tragödie von souveräner Gelassenheit, ein realistischer Film von glasklarer Härte, zugleich ein surrealistischer Film über die condition humaine.» (Harry Tomicek, Österreich. Filmmuseum)

Nach seinem langen mexikanischen Exil war dies Luis Buñuels zweiter in Spanien gedrehter Film. Prompt wurde er zum Skandal: Die Linke warf Buñuel Kollaboration mit dem Franco-Regime vor, das nach aussen Toleranz zeigen wollte und ihm weitgehend freie Hand liess, kirchliche Kreise bezichtigten den Film der Blasphemie, sodass er in Spanien mit einem Aufführungsverbot belegt wurde. 90 Min / sw / DCP / Sp/e // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Julio Alejandro // KAMERA José F. Aguayo // MUSIK G. F. Händel, W. A. Mozart // SCHNITT Pedro del Rey // MIT Francisco Rabal (Jorge), Silvia Pinal (Viridiana), Fernando Rey (Don Jaime), Margarita Lozano (Ramona), ­Victoria Zinny (Lucía), Teresa Rabal (Rita).

EL ÁNGEL EXTERMINADOR Mexiko/Spanien 1962 Nach dem Skandalerfolg von Viridiana stand Buñuel für seinen nächsten Film ein grosses Budget zur Verfügung, und sein Produzent liess ihm viele Freiheiten. Inspiriert vom Theaterstück «Los náufragos», erzählt El ángel exterminador von einem Ehepaar, das nach einer Opernpremiere in seine Villa zum eleganten Abendessen einlädt. Ohne ersichtlichen Grund suchen die Bediensteten bald das Weite, und nach dem Essen schaffen es die Gäste nicht, das Haus zu verlassen. Tagelang sind sie gezwungen, den unerklärlich zwanghaften Zustand zu ertragen. «Das Ein- oder Ausgeschlossensein ist ein häufiges Grundmuster der Filme Buñuels, ein anderes die Unmöglichkeit der Wunscherfüllung. (…) Der Regisseur, selbst ein Kind des spanischkatholischen Grossbürgertums, variiert eines seiner Lieblingsthemen: den diskreten Charme der Bourgeoisie, die Faszination einer Gesellschaftsschicht, bei der die Fallhöhe zwischen vornehmer Etikette und völliger Haltlosigkeit ­ ­besonders gross erscheint. (…) So gepflegt, wie sich die erlauchte Gesellschaft zu Anfang gibt, so gepflegt wirkt seine Inszenierung.» (Leonore Poth, Metzler Film Lexikon) «Eine der surrealsten und einfallsreichsten Parabeln Buñuels: über die bürgerliche Gesellschaft als Gefangene ihrer selbst.» (Bruno Jaeggi, BaZ) 95 Min / sw / DCP / Sp/e // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Luis Alcoriza, nach einem Theaterstück von José Bergamín // KAMERA Gabriel Figueroa // MUSIK Domenico Scarlatti, Pietro Domenico Paradisi, gregorianische Gesänge // SCHNITT Carlos Savage // MIT Silvia Pinal (Leticia), Enrique Rambal (Edmundo Nobile), Lucy Gallardo (Lucía Nobile), ­Jacqueline Andere (Alicia Roc), Augusto Benedico (Doktor), José Bavierra (Leandro Gómez), Luis Beristáin (Ugalde).


> Le fantôme de la liberté.

> La voie lactée.

> Belle de jour.


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Luis Buñuel 100 Min / Farbe / DCP / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREH-

LE JOURNAL D’UNE FEMME DE CHAMBRE

BUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière, nach dem Roman von Joseph Kessel // KAMERA Sacha Vierny // SCHNITT

Frankreich/Italien 1964

­Louisette Hautecœur // MIT Catherine Deneuve (Séverine Sé-

Célestine tritt eine neue Stelle als Dienstmädchen in der französischen Provinz an. Aus ihrer Sicht lernt man die wohlhabenden Herrschaften, aber auch die Bediensteten kennen: Madame hört vor allem auf ihren Beichtvater, Monsieur hält sich sexuell beim Dienstpersonal schadlos und streitet bei jeder Gelegenheit mit seinem Nachbarn, und der Kutscher Joseph ist ein Faschist. Le journal d’une femme de chambre war «der erste Film in Buñuels letzter Periode, in der er hauptsächlich in Frankreich drehte und stets mit Jean-Claude Carrière als Drehbuchautor arbeitete. Der Roman von Mirbeau, der im 19. Jahrhundert spielt, ist hier übertragen ins Jahr 1928, jene Zeit, in der Buñuel den sozialen und politischen Aufruhr in Frankreich miterlebte. Sein Bild einer Provinzbourgeoisie, die altersschwach und impotent darniederliegt, während die Faschisten den Nationalismus und den Antisemitismus ausnutzen, wirkt wie eine frohlockende Revanche dreissig Jahre nach Un chien andalou.» (Dictionnaire du cinéma Larousse)

Geneviève Page (Madame Anaïs), Francisco Rabal (Hippolyte),

97 Min / sw / DCP / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière, nach dem Roman von Octave Mirbeau // KAMERA Roger Fellous // SCHNITT Louisette Hautecœur, Luis Buñuel // MIT Jeanne Moreau (Célestine), Georges Géret (Joseph), Michel Piccoli (M. Monteil), Daniel­

rizy), Jean Sorel (Pierre Sérizy), Michel Piccoli (Henri Husson), Pierre Clémenti (Marcel), Georges Marchal (Herzog).

LA VOIE LACTÉE Frankreich/Italien 1969 Die beiden Clochards Pierre und Jean machen auf dem Jakobsweg von Paris nach Santiago de Compostela eine neuzeitliche Pilgerfahrt. Dabei begegnen ihnen in einer surreal-kabarettistischen Dramaturgie Gestalten, Szenen und Beispiele aus mehreren Jahrhunderten abendländischer Kirchengeschichte. «Wie Nazarín rief er sehr widersprüchliche Reaktionen hervor. Carlos Fuentes sah in ihm einen antireligiösen Kampffilm, während Julio Cortázar sich zur Behauptung verstieg, der Film komme ihm vor, als sei er vom Vatikan bezahlt. (…) Meiner Meinung nach war La voie lactée weder das eine noch das andere. (…) Für mich ist er vor allem eine Wanderung durch den Fanatismus, bei der sich jeder gewaltsam und unerbittlich an ein Stückchen Wahrheit klammert – bereit, dafür zu töten oder zu sterben. Ausserdem fand ich, dass der Weg, den die beiden Pilger zurücklegen, gleichermassen für politische wie für künstlerische Ideologien stehen kann.» (Luis Buñuel)

­Ivernel (M. Mauger), Jean Ozenne (M. Rabour), Bernard Musson (Küster), Jean-Claude Carrière (Pfarrer).

101 Min / Farbe / DCP / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière // KAMERA Christian Matras // SCHNITT Louisette Hautecœur // MIT Laurent

BELLE DE JOUR

Terzieff (Jean), Paul Frankeur (Pierre), Delphine Seyrig

Frankreich/Italien 1967

­(Prostituierte), Georges Marchal (Jesuit), Edith Scob (Jungfrau Maria), Michel Piccoli (Marquis de Sade), Bernard Verley

Wie in vielen seiner Filme zeigt Buñuel die pathologischen Abgründe hinter der bourgeoisen Fassade. Séverine, eine scheinbar glücklich verheiratete, aber unter erotischen und masochistischen Zwangsvorstellungen leidende Frau aus grossbürgerlichem Milieu, verdingt sich stundenweise in einem Edelbordell. Ein an ihr heftig interessierter Gangster folgt ihr nach Hause, schiesst eifersüchtig auf ihren Ehemann, der, dadurch erblindet und gelähmt, von Séverine liebevoll gepflegt wird. «Ein ganz grosser Buñuel und ein Meisterwerk des sadomasochistischen Films (...). Die Vermischung von Realität und Fantasien schafft eine traumartige Atmosphäre und vervielfacht die erotische Suggestivkraft dieses Werks, in dem aber alles nur angedeutet wird, so etwa das Kästchen mit dem wunderlichen Gemurmel im Besitz eines asiatischen Freiers.» (Jean Tulard: Guide des films)

­(Jesus), Jean Piat (der Graf), Jean-Claude Carrière (Priscillian), Pierre Clémenti (Todesengel).

TRISTANA Spanien/Italien/Frankreich 1970 Ein standesbewusster Ehrenmann verführt in den frühen dreissiger Jahren in Toledo sein 40 Jahre jüngeres Mündel und zwingt der von ihm materiell wie gesellschaftlich abhängigen 18-Jährigen ein eheähnliches Verhältnis auf. Ihre Flucht mit einem jungen Maler endet erneut bei ihrem Vormund, als sie schwer erkrankt und ihr ein Bein amputiert werden muss. «Wie leicht liesse sich Tristana als Opfergeschichte von Schändung und Traumatisierung, von sexueller Ausbeutung und sozialer Einkerkerung erzählen. Aber dieser Film (...) ist viel kom-


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Luis Buñuel plexer. Als der geile alte Herr dem Mädchen den ersten Kuss aufzwingt, leuchtet etwas im Gesicht der Deneuve. Diese Tristana begreift, dass sie Tugend abgibt und Macht gewinnt. (...) Aber so, wie Tristana den herrschsüchtigen Gockel nach und nach zum hohltönenden Wicht macht, geht sie auch selbst kaputt.» (Thomas Klingenmaier, Stuttgarter Zeitung, 22.10.2013) 99 Min / Farbe / Digital HD / Sp/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Julio Alejandro, nach dem Roman von Benito Pérez Galdós // KAMERA José Fernández Aguayo // SCHNITT Pedro del Rey // MIT Catherine Deneuve (Tristana), Fernando Rey (Don Lope), Franco Nero (Horacio), Lola Gaos (Saturna), Jesús Fernández (Saturno).

LE CHARME DISCRET DE LA BOURGEOISIE Frankreich 1972

s­urrealistischer Gestaltungsmomente (...) ein schwieriges und gleichermassen amüsant-witziges Werk im Schaffen Buñuels – sein vorletzter Film.» (Lexikon des int. Films) «Buñuel führt die Episodentechnik, die er bereits in La voie lactée verwandte, noch einen Schritt weiter: Zwischen den Episoden besteht kein verbindendes Band mehr, eine Person leitet jeweils von einem Komplex zum nächsten über. (...) Die These des Films, der er durch sein Motto ‹Es leben die Ketten!› Ausdruck verleiht, besagt nichts anderes, als dass sich die bürgerliche Gesellschaft aus Unfähigkeit zur Freiheit von selbst in die Gefängnisse des Vorurteils und des falschen Denkens begibt und deshalb alle Manifestationen der Freiheit, wo sie sich auch immer regen mag, mit Gewalt bekämpft.» (Ulrich Gregor: Geschichte des Films ab 1960) 104 Min / Farbe / DCP / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière // KAMERA

Mehrere Angehörige der bürgerlichen Führungsschicht eines fiktiven lateinamerikanischen Landes verbringen ihre Zeit mit einer Folge von gegenseitigen Einladungen, doch werden sie immer wieder in ihren Geschäften dabei gestört und um den kulinarischen Genuss betrogen. «Basierend auf der Wiederholung der immer gleichen Situation und ihrer unablässigen Stei­ gerung von der Realität zum Albtraum (...), stellt diese Komödie der Frustration ein Meisterwerk des schwarzen Humors dar. Indem Buñuel alle filmischen Genres vermischt, sammelt er, unterstützt von perfekten Schauspielern, Indizien für die Absurdität der bürgerlichen Gesellschaft und des Rationalismus.» (Dictionnaire du cinéma ­Larousse) «Die Bourgeoisie liegt mir viel mehr als das Proletariat. (...) Ich fühle mich zu ihren Widersprüchen hingezogen.» (Luis Buñuel) 101 Min / Farbe / DCP / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière // KAMERA ­Edmond Richard // MUSIK Guy Villette // SCHNITT Hélène Plemiannikov // MIT Fernando Rey (Rafaele Costa), Delphine Seyrig (Simone Thévenot), Stéphane Audran (Alice Sénéchal), Bulle Ogier (Florence), Jean-Pierre Cassel (Henri Sénéchal), Julien Bertheau (Bischof), Michel Piccoli (Innenminister).

LE FANTÔME DE LA LIBERTÉ Frankreich 1974

­Edmond Richard // SCHNITT Hélène Plemiannikov // MIT Bernard Verley (Dragoner-Hauptmann), Jean-Claude Brialy (M. Foucauld), Monica Vitti (Mme Foucauld), Milena Vukotic (Krankenschwester), Michael Lonsdale (Hutfabrikant).

CET OBSCUR OBJET DU DÉSIR Frankreich/Spanien 1977 Im Zug von Sevilla nach Paris erzählt ein älterer Herr namens Mathieu einer merkwürdig zusammengewürfelten Gesellschaft Mitreisender von seiner unerfüllten Leidenschaft zu Conchita, einer jungen Tänzerin. «Eigentlich sollte es diesen Film gar nicht geben. 1974, nach Le fantôme de la liberté, wollte sich Luis Buñuel, damals 74-jährig, zur Ruhe setzen. Sein Freund und Produzent Serge Silberman aber liess nicht locker und drängte ihn, einen weiteren Film zu drehen. (...) Im Gegensatz zu anderen Regisseuren war der ‹Atheist von Gottes Gnaden› auch im hohen Alter auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Cet obscur objet du désir ist sein letzter und zugleich einer seiner besten Filme. Er handle davon, ‹wie jemand vergeblich versucht, in den Besitz des Körpers einer Frau zu gelangen›, schrieb Buñuel in seiner Autobiografie ‹Mein letzter Seufzer›.» (Thomas Allenbach, Programm Kino Rex Bern, Februar 2017) 102 Min / Farbe / DCP / F/d / // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière, nach dem Roman

«In locker verbundenen Episoden, die miteinander keinerlei durchgängige Handlung mehr aufbauen, denunziert Buñuel die Freiheit als ‹Gespenst›, als Schimäre in einer Gesellschaft, die vor der Freiheit Angst zu haben und zu ihr nicht fähig zu sein scheint. Durch starke Nutzung ­

«La femme et le pantin» von Pierre Louÿs // KAMERA Edmond Richard // MUSIK Richard Wagner // SCHNITT Hélène Plemiannikov // MIT Fernando Rey (Mathieu), Carole Bouquet (Conchita), Angela Molina (Conchita), Julien Bertheau (Edouard), André Weber (Martin), Bernard Musson (Inspektor), Milena Vukotic (eine Reisende), Muni (die Concierge).


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Hal Hartley Das amerikanische Independentkino der letzten dreissig Jahre wurde von mehreren Filmschaffenden geprägt, aber kaum einer war so ­eigenwillig wie Hal Hartley. Seine aphoristischen Dialoge, sein witziges Spiel mit Genres und Klischees und seine stets leicht abgehobenen Figuren machen seine Filme unverwechselbar – und zu einem grossen Vergnügen. In den 1980er- und 90er-Jahren war Hal Hartley eine der zentralen Figuren jener neuen Generation von Filmschaffenden, die für einen Höhenflug des unabhängigen US-Autorenkinos sorgten. Während einige ihrer Vertreter wie etwa Steven Soderbergh später zum Mainstreamkino wechselten und so von traditionellen Produktionsstrukturen abhängiger wurden, blieb Hartley dem Geist des Independent-Kinos treu. Oftmals nahm er Budgetkürzungen in Kauf, um seine künstlerische Souveränität zu bewahren. Er verbog sich nicht für andere, und an Publikumserwartungen orientierte er sich höchstens, um diese zu unterlaufen. «Heute ist mir klar, dass ich mich damit hätte auseinandersetzen sollen, um mehr Erfolg zu haben. Aber ich glaube, dass ich so erfolgreich war, wie ich sein musste», sagt er. Und fügt hinzu: «Ich habe immer geglaubt, dass mein Interesse für den Film sich von dem anderer Menschen nicht wesentlich unterscheidet und dass das Publikum ebenfalls daran interessiert ist, Menschen zu begegnen, die anders sind als sie selbst.» Trouble and Desire Diese Haltung zeigt sich wiederholt in den Figuren seiner Filme: Ein Literaturprofessor prügelt sich in Surviving Desire (1992) mit einem seiner Studenten, weil dieser Dostojewski nicht mag, in Amateur (1994) schreibt eine ExNonne pornografische Kurzgeschichten, und die Titelfigur von Henry Fool (1997) ist ein verurteilter Sexualstraftäter. In den Fokus rücken Figuren fernab des amerikanischen Traums – getrieben von Ärger und Begehren. Und trotzdem oder gerade deswegen hatte Hal Hartley von seinem ersten Film an Kultstatus. Er ist Regisseur, Drehbuchautor, Cutter, Produzent, Filmmusikkomponist und Selbstvermarkter. Sein Werk umfasst nicht nur Schlüsselfilme des US-Independentfilms, sondern ist ein noch nicht zu Ende geschriebenes Kapitel in der Geschichte des amerikanischen Autorenfilms. Hartley eroberte innert kürzester Zeit die Herzen einer Generation von Filmbuffs. Sein Frühwerk hatte einen wesentlichen Einfluss auf den IndiefilmBoom und die Werke, die in der Folge daraus entstanden. So dankt etwa der Indie-Filmer Kevin Smith im Abspann von Clerks (1994) vor Richard Linklater, Spike Lee und Jim Jarmusch an erster Stelle Hal Hartley dafür, ihm «den


15 Weg zu weisen». Mit seinem für nur 75 000 US-Dollar und in weniger als zwölf Tagen gedrehten satirischen und formal präzisen Debütfilm The Unbelievable Truth landete Hartley 1989 am Toronto Film Festival einen Überraschungshit. Das Filmteam und die Darstellerinnen und Darsteller heuerte er weithin in seinem privaten und universitären Freundeskreis an. Den Preis für das beste Drehbuch gewann er zwei Jahre später mit Trust, der heute als einer der wichtigsten US-Indiefilme gilt. Trockener «deadpan»-Humor zum einen, philosophische Sätze zum anderen. Seiner weiblichen Hauptfigur legt er Zeilen wie «Ich heirate dich, wenn du zugibst, dass Respekt, Bewunderung und Vertrauen gleich Liebe ist» in den Mund. Seine lakonische Ironie unterwandert die Dramatik. Hartley möchte, dass das Publikum gleichzeitig fühlt und denkt. Simple Men, 1992 in Cannes im Wettbewerb, erklärte der Filmwissenschaftler David Bordwell zum Paradebeispiel für Hartleys eigentüm­ lichen Stil, der sich durch die Auseinandersetzung mit etablierten Kinostil­ richtungen entwickelt hat und von Jean-Pierre Melville, dem späten Fassbinder, Dreyer oder Godard beeinflusst ist. Letzteren lässt er in seinem Kurzfilm ­Accomplice (2010) zu Wort kommen. 1991 drehte Hartley für den nichtkommerziellen US-Fernsehsender PBS die unkonventionelle Romantikkomödie Surviving Desire, die später mit den Kurzfilmen Theory of Achievement und Ambition auf VHS-Kassette erschien und in dieser Retrospektive erstmals neu restauriert und digitalisiert auf der grossen Leinwand zu sehen ist. Hartley krempelt mit choreografierter Körperlichkeit das Innenleben seiner Figuren nach aussen. In Surviving Desire drückt der soeben geküsste Dozent Jude seine Freude durch einen leichtfüssigen Tanz aus, der in einer verhängnisvollen Pose endet. Auch in Simple Men wird abgetanzt. Hartley schreckt nicht davor zurück, seinem Publikum die Künstlichkeit des Films in Erinnerung zu rufen – auch verbal, indem er zum Beispiel eine Dialogzeile mehrmals wiederholen lässt. Formal zeichnen sich seine Filme durch anti-naturalistisches Schauspiel, Ellipsen, philosophische und absurde Dialoge, rhythmischen Schnitt, stilisierte Farben und den Verzicht auf Establishing Shots aus. Die örtliche Beschränktheit in seinen Filmen erzählt nicht nur viel über seine Figuren und deren gesellschaftliches Umfeld, sondern auch über die begrenzten filmischen Möglichkeiten, die das unabhängige Filmemachen mit sich bringt und die sich typischerweise in zweckmässigen Nahund Grossaufnahmen zeigen. Experimentelles und Episches Von seinem Frühwerk nabelt sich Hartley 1994 mit Amateur ab. Er begibt sich in weitläufigere Gefilde und verpflichtet auch eine internationale Schau< >

Coole Fallstudie: Trust Generationenwechsel: Ned Rifle


16 spielgrösse: Isabelle Huppert, die gleich selber bei Hartley um eine Rolle gebeten hatte. Seine Musen Adrienne Shelly und Parker Posey lässt er im selben Jahr im Musical-Kurzfilm Opera No. 1 als Feen auf Rollschuhen das Liebesleben von Sterblichen aufmischen. Flirt (1995) spielt in New York, Berlin und Tokio und erzählt die gleiche Story dreimal mit jeweils unterschiedlichen Darstellerensembles. Es ist sein persönlichster Film, ein Experiment, gespickt mit selbstreflexiven Kommentaren. The Book of Life (1998) ist sein erster längerer Film, den er auf Digital-Video gedreht hat. Von impressionistischen ­Verzerrungseffekten über Verpixelung bis hin zum Umschalten vom farbigen zum schwarzweissen Bild nutzt er auf erfrischende Weise die Möglichkeiten der damals neuen Technik. An jene bislang ungewohnte Videoästhetik in Hartleys Schaffen schliesst sieben Jahre später sein avantgardistischer ­Science-Fiction-Film The Girl from Monday (2005) an. Henry Fool, Hartleys Meisterwerk, wurde 1998 in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Mit Fay Grim (2006) und Ned Rifle (2014) hat er ihn seither zu einer Trilogie erweitert, die das Publikum nicht nur in die Probleme und Abenteuer der Familie Grim einweiht, sondern auch tief in die amerikanische Gesellschaft blicken lässt. Ned Rifle liess sich bei einem Budget von 386 000 US-Dollar vollständig von Hartleys internationaler Fangemeinde über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanzieren und gewann an der Berlinale den Preis der Ökumenischen Jury. Von 2005 bis 2010 lebte Hartley in Berlin. Neben der Inszenierung von Fay Grim und Recherchen über die französische Philosophin und Sozial­ revolutionärin Simone Weil arbeitete er hauptsächlich an der Film-Oper «La Commedia». Daneben realisierte er mehrere «Berliner» Kurzfilme, unter anderem seinen Tagebuchfilm A/Muse (2010), in dem er sich mit seinem Entscheid befasst, in die USA zurückzukehren. Hartley fühlt sich lebendiger, wenn er Filme macht. Deshalb wird er dem Filmemachen treu bleiben, auch wenn er nicht mehr die Leuchtfigur des Independentkinos ist, die er Anfang der 1990er-Jahre war. Lorenzo Berardelli

Lorenzo Berardelli ist freier Filmkurator. Die Zitate im Text stammen aus einem Interview, das Lorenzo Berardelli mit Hal Hartley in Hinblick auf diese Retrospektive schriftlich führen konnte. Die Retrospektive wurde vom tba film collective (Lorenzo Berardelli, Federico Chavez, Marc Frei, Stéphanie Meier und Natalia Schmidt) kuratiert und zu wesentlichen Teilen mitorganisiert.


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Hal Hartley 107 Min / Farbe / Digital HD / E/d // DREHBUCH UND REGIE

THE UNBELIEVABLE TRUTH

Hal Hartley // KAMERA Michael Spiller // MUSIK The Great

USA 1989

Outdoors, Philip Reed // SCHNITT Nick Gomez // MIT Adrienne

Josh, ein geheimnisvoller Mann in Schwarz, heuert in seiner Heimatstadt auf Long Island bei der Autowerkstatt von Vic an. Josh war im Knast, aber ist es wirklich wahr, dass er wegen Mordes gesessen hat? Vics hübsche halbwüchsige Tochter Audry, die an den drohenden Weltuntergang glaubt, ist von dem Fremden fasziniert, was ihr Papa ungern sieht. «Die unglaubliche Wahrheit über The Unbelievable Truth ist, dass diese ausgefallene, souveräne schwarz angehauchte Komödie das Spielfilmdebüt ihres Autor-Regisseur-Produzenten Hal Hartley und der Hauptdarsteller Adrienne Shelly und Robert Burke ist. Lässig, eindeutig billig (...), aber gut aussehend, zeigt der Film einiges von dem moralischen Trickreichtum von Sex, Lies and Videotape und der kleinstädtischen Exzentrik von Twin Peaks.» (Joe Brown, Washington Post, 3.8.1990)

Rebecca Nelson (Jean Coughlin), John MacKay (Jim Slaughter),

90 Min / Farbe / Digital HD / E/d // DREHBUCH, REGIE UND

SURVIVING DESIRE

Shelly (Maria Coughlin), Martin Donovan (Matthew Slaughter), Edie Falco (Peg Coughlin), Gary Sauer (Anthony), Matt Malloy (Ed), Suzanne Costollos (Rachel).

AMBITION USA 1991 Ein Tag im Leben eines jungen Künstlers, der sich nach beruflichem Erfolg und der Aufmerksamkeit schöner Frauen sehnt, aber nur Frustration und Gewalt erfährt.

THEORY OF ACHIEVEMENT USA 1991 Jung, mittelständisch, weiss, gebildet, ungelernt, abgebrannt, betrunken. Ein angehender Schriftsteller versucht sich als Makler und verkauft Brooklyn als nächste Kunstmetropole der Welt.

SCHNITT Hal Hartley // KAMERA Michael Spiller // MUSIK

USA 1992

Jim Coleman // MIT Adrienne Shelly (Audry Hugo), Robert John Burke (Josh Hutton), Christopher Cooke (Victor Hugo), Julia McNeal (Pearl), Gary Sauer (Emmet), Katherine Mayfield (Liz Hugo), Mark Chandler Bailey (Mike).

TRUST GB/USA 1990 Maria fliegt wieder mal von der Highschool und sie ist schwanger vom Football-Star der Schule. Der will nichts von Vaterschaft wissen, und Marias eigener Vater bleibt nach einem Familienkrach auf der Strecke. Der Einzelgänger Matthew wiederum verliert nach einem Angriff auf seinen Vorgesetzten seinen Job in der Computerfabrik, was ihm Scherereien mit seinem Vater einbringt. Klar, laufen sich Maria und Matthew über den Weg. «Als Filmemacher ist Hal Hartley eine kuriose Kombination – ein Klamauk-Komiker im Laborkittel. Er hat zwei Spielfilme gedreht, The Unbelievable Truth und jetzt Trust, und beides sind coole, auffallend originelle Fallstudien über die soziale Desintegration des Mittelstands. Nicht viele Filmemacher haben mit dem Finger über die blank geschrubbten Resopal-Tresen der Vororte gestrichen und da Inspiration gefunden, aber das ist das Revier, das Hartley am besten kennt, und er beschreitet es mit der Sicherheit des Fachmanns, die Ohren gespitzt nach jedem gebrochenen Tonfall, jedem pochenden Rhythmus.» (Hal Hinson, Washington Post, 16.8.1991)

«Surviving Desire förderte Hartleys Faszination für die kalte Mechanik der Liebe, indem er eine Beziehung erträumt zwischen einem sarkastischen, zweifelnden Hochschulprofessor namens Jude und seiner Studentin Sofie, einer neugierigen, forschen Buchhandlungsangestellten, die eine romantische Liaison ersehnt. Die beiden schäkern und tauschen Philosophien aus und setzen sich mit ihren Unsicherheiten auseinander, auf dem gefährlichen Weg zu dem, was sie für Liebe halten. (...) Der bloss 50 Minuten lange Film sprintet mit Höchstgeschwindigkeit durch dieses Spiel um schiefes Liebeswerben und interpretiert Hartleys metronomdichten Dialog geschickt als verbalen Tanz zwischen zwei Intellektuellen, die versuchen, ihre magnetische Anziehung zu unterdrücken.» (Brian Orndorf, efilmcritic.com) AMBITION 9 Min / Farbe / Digital HD / E/d // DREHBUCH, REGIE UND ­MUSIK Hal Hartley // KAMERA Michael Spiller // MIT George Feaster, Hannah Sullivan, Rick Groel, James McCauley, David Troup, Chris Buck, Margaret Mendelson, Julie Kessler, Bill Sage.

THEORY OF ACHIEVEMENT 18 Min / Farbe / Digital HD / E/d // DREHBUCH UND REGIE Hal Hartley // KAMERA Michael Spiller // MUSIK Hal Hartley, Jeffrey Howard, John Stearns // MIT Bob Gosse, Jessica Sager, Jeffrey Howard, Elina Löwensohn, Bill Sage, Naledi Tshazibane, Nick Gomez, Ingrid Rudefors, Mark Chandler Bailey.


> The Unbelievable Truth.

> Simple Men.

> Surviving Desire.

> The Book of Life.


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Hal Hartley SURVIVING DESIRE 53 Min / Farbe / Digital HD / E/d // DREHBUCH, REGIE UND SCHNITT Hal Hartley // KAMERA Michael Spiller // MUSIK The Great Outdoors, Hal Hartley // MIT Martin Donovan (Jude), Matt Malloy (Henry), Rebecca Nelson (Katie), Julie Kessler (Jill), Mary B. Ward (Sofie), Thomas J. Edwards, George Feaster, Lisa Gorlitsky, Emily Kunstler, John MacKay.

SIMPLE MEN Italien/GB/USA 1992 «Es beginnt, aufrüttelnd, mitten in einem Raubüberfall. Innert weniger Minuten wird Bill McCabe von seinen Komplizen im Stich gelassen, erfährt, dass sein inhaftierter Vater – Sportheld oder politischer Terrorist? – verschwunden ist, und bricht mit seinem buchvernarrten Bruder nach Long Island auf, um den Papa zu suchen. Das ist der Anfang einer Reihe von temporeichen Abenteuern, bei denen die Brüder nicht nur einander, sondern – nach einer rätselhaften, vielleicht gefährlichen Begegnung mit Kate, Elina und Martin – auch sich selbst verstehen lernen. In Hartleys eigenartiger Erzählung über die Höhen und Tiefen des Lebens junger, ernster und ungebundener Menschen im Hinterland von New York gibt es so viel zu geniessen. Der Film sieht toll aus, mit satten Farben und scharfen Halbtotalen, die die lakonisch stilisierten Axiome und Ironien in Hartleys drolligen Dialogen ergänzen. Die Geschichte bietet mehr als genug Wendungen und Abschweifungen, um einen doppelt so langen Film zu füllen; die Schauspieler sind in bewundernswertem Einklang mit dem skurrilen Sinn für Charakterisierung des Regisseurs.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide) 105 Min / Farbe / Digital HD / E/d // DREHBUCH UND REGIE Hal Hartley // KAMERA Michael Spiller // MUSIK Ned Rifle // SCHNITT Steven Hamilton // MIT Robert John Burke (Bill ­McCabe), Bill Sage (Dennis McCabe), Karen Sillas (Kate), Elina Löwensohn (Elina), Martin Donovan (Martin), Chris Cooke (Vic), Mark Chandler Bailey (Mike), Jeffrey Howard (Ned Rifle), Holly Marie Combs (Kim), Joe Stevens (Jack), Damian Young (Sheriff).

AMATEUR Frankreich/USA/GB 1994 «Manche werden sich nie für die trocken-humorige Ästhetik von Autor und Regisseur Hal Hartley erwärmen. Zum Teufel mit ihnen. Wir anderen sind im Hartley-Himmel bei Amateur, einem scharfsinnigen Thriller, der in dunkles und unerforschtes Terrain vordringt. Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert ist neu in der Hartley-Welt, aber sie ist bereit für jede Überraschung, die er ihr zumutet. Huppert ist köstlich als

Isabelle, eine Nonne, die ihr Kloster verlassen hat, um Pornografie zu schreiben. In einer schmierigen Kneipe in Manhattan trifft sie auf einen Mann mit Gedächtnisverlust namens Thomas. (...) Er wundert sich über diese selbsternannte Nymphomanin, die zugibt, dass sie noch nie Sex hatte. ‹Ich bin wählerisch›, sagt sie. Isabelle sieht etwas Liebenswertes in Thomas, aber das passt nicht zu seiner wahren Identität des sadistischen Pornografen, dem die Bandenbosse, die er beraubt, der Buchhalterpartner, den er betrogen, und die Gattin, die er zur Prostitution gezwungen hat, den Tod wünschen. Die aussergewöhnliche Besetzung verleiht Hartleys Riffs über Sex, Lügen und Ausbeutung Pfiff und erstaunlich viel Herz. Amateur ist ein weiterer kreativer Sprung in der Karriere eines leidenschaftlich erfinderischen Originals.» (Peter Travers, Rolling Stone, 19.5.1995) 107 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // DREHBUCH UND REGIE Hal Hartley // KAMERA Michael Spiller // MUSIK Jeffrey Taylor, Ned Rifle // SCHNITT Steven Hamilton // MIT Isabelle Huppert (Isabelle), Martin Donovan (Thomas Ludens), Elina Löwensohn (Sofia Ludens), Damian Young (Edward, der Buchhalter), Chuck Montgomery (Killer), Dave Simonds (Killer).

FLIRT USA/Deutschland/Japan 1995 «Hartleys jeu d’esprit geht von einer faszinierenden Prämisse aus: Das gleiche Drehbuch wird dreimal inszeniert, mit drei verschiedenen Besetzungen, sodass sich lokale kulturelle Unterschiede und das kumulative Wissen des Betrachters verschiedentlich auf Tonlage und Umsetzung auswirken können. ‹New York, Februar 1993› bietet die herben Liebeswirrungen, die man aus dem früheren Werk des Regisseurs kennt, denn Bill (Bill Sage) gibt sich 90 Minuten Zeit, um zu entscheiden, ob seine Zukunft bei seiner Partnerin Emily (Parker Posey) liegt, und lässt seine Entscheidung von Walters (Martin Donovan) selbstmörderischer Reaktion auf die Abweisung durch Bills andere Geliebte bestimmen. In ‹Berlin, Oktober 1994› zögert der schwarze Amerikaner Dwight (Dwight Ewell) wegen seiner Affäre mit dem Kunsthändler Johann (Dominik Bender), und ein Chor von erfrischend einfachen Handwerkern erklärt die selbstreflexiven Strategien des Films. ‹Tokio, März 1995› dreht sich um die Butoh-Darstellerin Miho (Miho Nikaido, Hartleys Frau) und den zu Besuch gekommenen amerikanischen Filmemacher Hal, der vom Autor/Regisseur selbst mit komischer Gehemmtheit verkörpert wird. Obwohl die aphoristischen Dialoge und der schlaue Witz inzwischen selbstverständlich sind, erlaubt diese Struktur Hartley, mehr und mehr erzählerische Exposition abzuwerfen, was eine Godard’sche


> Amateur.

> Flirt.

> Fay Grim.

> Henry Fool.


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Hal Hartley Verspieltheit erzeugt und auch das Interesse des Regisseurs an rein choreografischen Nuancen erneuert.» (Trevor Johnston, Time Out Film Guide)

zwei Feen auf Inlineskates und einem Menschenpaar, das von der Liebe eigentlich gar nichts wissen will.

85 Min / Farbe / 35 mm / E/d // DREHBUCH UND REGIE Hal

A/MUSE

Hartley // KAMERA Michael Spiller // MUSIK Hal Hartley,

USA 2010

­Jeffrey Taylor // SCHNITT Steve Hamilton // MIT Bill Sage (Bill), Parker Posey (Emily), Martin Donovan (Walter), Dwight Ewell (Dwight), Dominik Bender (Johann), Miho Nikaido (Miho), Hal Hartley (Hal), Michael Imperioli (Michael).

HENRY FOOL

Eine deutsche Schauspielerin, die schon als Kind zum Fan eines amerikanischen Regisseurs geworden ist, will diesen während seines BerlinAufenthalts überzeugen, sie zu seiner nächsten Muse zu machen.

THE BOOK OF LIFE

USA 1997 Simon Grim, ein schüchterner Müllmann, unterhält seine promiskuitive Schwester Fay und seine depressive Mutter. Als bei den Grims der schmuddelige, obdachlose Henry Fool einzieht, der behauptet, eine welterschütternde Lebensbeichte zu verfassen, wird Simon zu eigener schriftstellerischer Tätigkeit animiert. Der erste Teil von Hartleys grosser Trilogie, die er mit Fay Grim und Ned Rifle fortsetzte. «Henry Fool ist mit Abstand der beste Film des Autors/Regisseurs Hal Hartley. (...) Er wirkt irgendwie grösser als die Geschichte, die er erzählt. Es ist ein Film über die Macht der Worte, über das Schicksal, über die Mythenbildung der Medien und die dünne, schwer fassbare Linie zwischen Akzeptanz und Ablehnung, Erfolg und Misserfolg. (...) Kurz gesagt, es gibt hier Ebenen von Wahrheit und Beobachtung, an die sich Hartley nie zuvor gewagt hat – und die nur wenige Filmemacher je erreichen.» (Mick LaSalle, San Francisco Chronicle, 1.7.1998) 137 Min / Farbe / Digital HD / E/d // DREHBUCH, REGIE UND MUSIK Hal Hartley // KAMERA Michael Spiller // SCHNITT Steve Hamilton // MIT Thomas Jay Ryan (Henry Fool), James Urbaniak (Simon Grim), Parker Posey (Fay Grim), Maria Porter (Mary), James Saito (Mr. Deng), Kevin Corrigan ­ ­(Warren), Liam Aiken (Ned), Miho Nikaido (Gnoc Deng).

Frankreich/USA 1998 «Hartleys typisch ironischer, witziger und einfallsreicher Beitrag zur Millennium-Serie von Haut et Court (für la Sept/Arte) sieht vor, dass Christus widerwillig von seinem Vater nach New York geschickt wird, um den Tag des Jüngsten Gerichts zu überwachen; währenddessen hofft Satan, die Apokalypse zu stoppen und gleichzeitig seine Suche nach missratenen Seelen fortzusetzen. Die Handlung, die philosophischen Diskussionen und die Schauspielkunst sind so vergnüglich wie eh und je, aber das Besondere an diesem Hartley-Film ist sein belebender Einsatz von Digital-Video und Experimenten mit Ton und Musik.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide) «Launig und doch tiefernst, übersetzt Hal Hartleys The Book of Life das Buch der Offenbarung frei in eine hippe religiöse Fabel, die sarkastisch beginnt und immer nachdenklicher wird.» (Stephen Holden, New York Times, 10.10.1998) ilACCOMPLICE

3 Min / Farbe / Digital HD / D+E+F // DREHBUCH UND REGIE Hal Hartley // MIT Jean-Luc Godard, Jordana Maurer.

OPERA NO. 1 8 Min / Farbe / Digital HD / E // DREHBUCH, REGIE UND ­MUSIK Hal Hartley // KAMERA Michael Spiller // // SCHNITT Steve Silkensen // MIT Parker Posey (Fee #1), Adrienne Shelly (Fee #2), Patricia Dunnock (Trish), James Urbaniak

ACCOMPLICE USA 2010 Vor dem Hintergrund eines längst vergangenen Kunstdiebstahls wird Hartleys Idol Jean-Luc ­Godard zu seinem Verständnis von Filmemachen befragt.

OPERA NO. 1 USA 1994 In Hartleys witziger Mini-Opernparodie kommt es zu amourösen Irrungen und Wirrungen zwischen

(James).

A/MUSE 11 Min / Farbe / Digital HD / E+D // DREHBUCH UND REGIE Hal Hartley // MIT Christina Flick.

THE BOOK OF LIFE 63 Min / Farbe + sw / Digital SD / E // DREHBUCH UND R ­ EGIE Hal Hartley // KAMERA Jim Denault // SCHNITT Steve ­Hamilton // MIT Martin Donovan (Jesus Christus), PJ Harvey (Magdalena), Dave Simonds (Dave), Thomas Jay Ryan (Satan), Miho Nikaido (Edie), D. J. Mendel (Anwalt), Katreen Hardt (Empfangsdame), James Urbaniak (Gläubiger), Martin Pfefferkorn (Märtyrer).


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Hal Hartley

THE GIRL FROM MONDAY USA 2005 «Hartley nennt The Girl from Monday einen ‹Pseudo-Science-Fiction-Film über die Art und Weise, wie wir jetzt leben›. (...) Diese poetische Satire und Genreparodie malt sich eine Zukunft aus, in der eine Revolution, die ein Unternehmen namens MMM (Major Multimedia Monopoly) an die Macht brachte, zu einer ‹Diktatur des Konsumenten› geführt hat. Verfügbares Einkommen ist die wichtigste revolutionäre Tugend, jeder Einzelne gilt als ‹Investition mit Wachstumspotenzial›, und ‹die sexuell aktivsten und sexuell verfügbarsten Erwachsenen geben am meisten Geld aus›. Jeder hat am Handgelenk einen Barcode eintätowiert, und wenn zwei Personen sich für Sex entscheiden, scannen sie an einem Geldautomat-ähnlichen Gerät ihre Barcodes ein und erhöhen ihre jeweilige Bonität durch diese ‹Investition› ineinander. Dieser sozial korrekte Sex stärkt auch die Gesamtwirtschaft. (...) Hartleys verspielter Sinn für das Absurde ist mehr philosophisch als politisch, nicht so sehr verzweifelt als grimmig amüsiert – und deswegen nachdenklicher.» (Jonathan Rosenbaum, chicagoreadercom, 14.4.2005) 84 Min / Farbe + sw / Digital SD / E // DREHBUCH, REGIE UND MUSIK Hal Hartley // KAMERA Sarah Cawley // SCHNITT Steve Hamilton // MIT Bill Sage (Jack), Sabrina Lloyd (Cecile), Tatiana Abraços (Mädchen vom Monday), Leo Fitzpatrick (William), D. J. Mendel (Abercrombie), James Urbaniak (Funk), Juliana Francis (Rita), Edie Falco (Richterin).

FAY GRIM USA/Deutschland/Frankreich 2006 Henry Fool ist nach der fahrlässigen Tötung eines Mannes nach Europa entwischt, aber sein Schwager, der Dichter und Nobelpreisträger Simon Grim, ist wegen seiner Mitschuld in Haft. Da wird Henrys Frau und Simons Schwester Fay vom CIAMann Fulbright kontaktiert, der Henrys literarisch wertlose Lebensbeichte für einen gefährlichen verschlüsselten Bericht über Henrys frühere Agententätigkeit hält. Wenn Fay nach Europa reist und Henry samt seinen Memoiren aufspürt, wird Simon freigelassen. Fay ahnt nicht, in welche Räuberpistole sie hineingeraten wird. «Fay Grim arbeitet geschickt mit den visuellen Motiven des Spionagethriller-Genres und übersteigert sie ins Absurde. Mit einer endlosen Handlung, deren Details und Wendungen in unverdaulichen Expositionsklumpen dargelegt werden, suggeriert er eine unbehagliche Fusion von Syriana, Casino Royale, Zelig und The Da Vinci Code, garniert mit einem Austin-Powers-Grinsen. Un-

ter allem Spott aber ist der Film ein Kommentar über die grassierende Paranoia, die die Welt seit dem 11. September im Griff hat.» (Stephen Holden, New York Times, 8.5.2007) 118 Min / Farbe / Digital HD / E/d // DREHBUCH, REGIE, SCHNITT UND MUSIK Hal Hartley // KAMERA Sarah Cawley // MIT Parker Posey (Fay Grim), Jeff Goldblum (Agent Fulbright), James Urbaniak (Simon Grim), Saffron Burrows (Juliet), Liam Aiken (Ned Grim), Elina Löwensohn (Bebe), Leo Fitzpatrick (Carl Fogg), Chuck Montgomery (Angus James), Thomas Jay Ryan (Henry Fool), Anatole Taubman (Jallal).

NED RIFLE USA 2014 Fay Grim sitzt als angebliche Terroristin im Knast. Ihr Sohn Ned, der bei einer christlichen Pflegefamilie aufgewachsen ist, hat nur ein Ziel: Er will seinen Vater Henry Fool aufspüren und töten, weil er das Leben von Neds Mutter verpfuscht hat. Seine Suche führt ihn zu seinem Onkel Simon, der sich inzwischen von der Lyrik auf die Produktion von Online-Comedy verlagert hat. Ned begegnet auch der attraktiven Susan, die eine Dissertation über Simons Werk geschrieben hat und aus eigenen Motiven Henry finden will. «Der Film gipfelt in einer seltsamen Enthüllung, die sich – wie bei vielen Trilogien – auf bisher unbekannte Ereignisse aus früheren Stadien der Serie bezieht. Aber obschon diese unvermittelte Entwicklung die absurde Erzählung an ihre Grenzen treibt, findet die Handlung zu einem natürlichen Bestimmungsort. Der poetische Rhythmus, mit dem Hartley eine Trilogie voller Aktivität beendet, ist eine straffe, packende Abschiedsgeste. Mit Ned verlagert sich die Trilogie auf einen echten Helden, auch wenn seine Absichten nicht untadelig sind. Allein schon dank seinem Wunsch, die Dinge in Ordnung zu bringen, wird Ned zur besonnensten Figur in der Geschichte dieses einzigartigen Franchise. (...) Am Ende von Ned Rifle haben alle ihre Geschichten zum Abschluss gebracht, doch die letzte Entscheidung fällt die Hauptfigur.» (Eric Kohn, indiewire.com, 8.9.2014) 85 Min / Farbe / Digital HD / E/d // DREHBUCH, REGIE UND MUSIK Hal Hartley // KAMERA Vladimir Subotic // SCHNITT Kyle Gilman // MIT Aubrey Plaza (Susan Weber), Parker ­Posey (Fay Grim), Martin Donovan (Rev. Daniel Gardner), Robert John Burke (Chet), Liam Aiken (Ned Rifle), James Urbaniak (Simon Grim), Bill Sage (Bud), Lloyd Kaufman (Zach), Gia ­Crovatin (Olive), Jefferson Mays (Dr. Ford).


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Lettisches Filmwochenende Anlässlich der Kulturtage «Terra Baltica» greift das Film­podium eines der drei baltischen Länder heraus und präsentiert mit 24 Filmen das bis jetzt umfangreichste lettische Filmprogramm in Zürich. Das Ange­bot umfasst Perlen aus der Zeit zwischen 1966 und 2019 und präsentiert neben Spiel- und Dokumentarfilmen auch Animationsfilme für Kinder und Erwachsene. Wie viele Völker Europas lebten die Letten und Lettinnen vor sehr langer Zeit hauptsächlich von der Jagd und der Fischerei. Aber sie jagen noch heute. Die Filmschaffenden Lettlands «jagen» nach Antworten auf die grossen Fragen des Lebens, und zwar mit dem Medium Film. Und das macht das Filmschaffen aus dem nordischen Land so spannend und universell. Das lettische Kino ist nicht nur schwermütig und ernst – es gibt daneben auch Spiel, Spass und grotesken Humor. Die Balten sind durch die Klimabedingungen nicht nur «zwangsläufig» Melancholiker. Ihre Emotionen können auch kochen, bis es nicht mehr weitergeht, wie in Jānis Nords’ Schaum vor dem Mund. Aktuelle Tendenzen im Spielfilm seit den 1960er-Jahren Der Regisseur Rolands Kalniņš (*1922) vertrat im Film der 1960er-Jahre die Tendenz, möglichst direkt und persönlich über den Einfluss der politischen Spannungsfelder auf das Schicksal der Menschen zu reden. Er reagierte damit auf den durch Stalins Regime geforderten klischeehaften Stil und dessen Auslegung der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sein Film Vier weisse Hemden (1967) ist ein schlagendes Beispiel für den Modernismus in Lettland. Der dem sozialistischen Kanon nicht entsprechende Stil und die Blossstellung der damaligen Zensur wurden dem Film zum Verhängnis. Er wurde verboten und erlebte seine Premiere erst 1986. Die aktuellen Handschriften im heutigen lettischen Filmschaffen werden durch drei Spielfilme von Laila Pakalniņa (*1962), Jānis Nords (*1983) und Viesturs Kairišs (*1971) repräsentiert. Wie andere ihrer Generation konnten Kairišs und Nords ihre Ausbildung ausserhalb Lettlands machen. Im Gegensatz dazu steht die Generation von Pakalniņa, die nur in Moskau oder Leningrad Film studieren konnte, da Lettland bis 1991 keine Filmhochschule haben durfte. Laila Pakalniņa, die auch eine grosse Meisterin des Dokumentarfilms ist, erweckt in Dawn mit einem traurig-grotesken und humorvollen Erzählstil den verbotenen und weitgehend vernichteten Film Die BeshinWiese von Sergej Eisenstein zum Leben, unterstützt durch die starke Arbeit des mehrfach ausgezeichneten polnischen Kameramanns Wojciech Staron. Melanies Chronik ist ein filmisches Epos über das Schicksal Tausender Men-


25 schen, die von den Sowjets in den 1940er-Jahren aus Lettland nach Sibirien deportiert und umgebracht wurden. Der Film verbindet Lettland und die Schweiz auf besondere Weise, da die Schweizerin Sabine Timoteo die Hauptfigur meisterhaft verkörpert und dafür 2017 mit dem lettischen Filmpreis «Lielais Kristaps» als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Jānis Nords beschäftigt sich mit den Herausforderungen seiner Zeitgenossen. 2017 seziert er im Beziehungstriller Schaum vor dem Mund eine Dreiecksbeziehung, wie sie in Lettland oder sonst wo möglich ist. Kraftvolles Dokumentar- und Animationsfilmschaffen Das lettische Dokumentarkino ist ebenfalls mit historischen und aktuellen Arbeiten vertreten. In den 1960er-Jahren wurden im damals staatlichen ­ Kinostudio Riga verschiedene Versuche unternommen, die Sprache des ­ ­Dokumentarfilms neu zu definieren. So entstand der sogenannte poetische Dokumentarfilm oder Rigaer Stil, der sich in die modernistischen Strömungen der damaligen Zeit einfügte. Mit Hercs Franks’ 10 Minutes Older (1978) und Ist es leicht, jung zu sein? von Juris Podnieks (1986) stehen zwei bahnbrechende lettische Dokumentarfilme auf dem Programm. Das aktuelle Dokumentarfilmschaffen ist durch Filme von Laila Pakalniņa, Andrejs ­ ­Verhoustinskis und Kristīne Briede vertreten. Die lettischen Animationsfilme zeichnen sich durch Farben- und Gestaltungsreichtum und sehr unterschiedliche Techniken aus, denn die Filmemacherinnen und Filmemacher kennen keine formalen Grenzen: Sie suchen die Gegensätze, bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Zwei- und Einsamkeit, Weiblichkeit und Männlichkeit, zwischen hoher Gesinnung und dumpfem Alltag. Die Sprache und die Figuren der lettischen Animationsfilme sind ­melancholisch und mutig, ironisch und mystisch, leidenschaftlich und unsicher. Wie eben Menschen so sind! Wir laden Sie ein zur Entdeckungsreise in die Filmwelt Lettlands. ­Lettland ist keine Terra incognita, kein «weisser Fleck» in der Kinolandschaft Europas. Das Kino aus Lettland ist alles andere als blass. Laipni lūgti – herzlich willkommen!  Uldis Mākulis Uldis Mākulis ist Kulturveranstalter in Zürich. Er hat das Programm mit dem FilmpodiumTeam zusammengestellt und ist die treibende Kraft hinter dem Kulturverein Hydrargyrum, der sich zum Ziel gesetzt hat, den Kulturaustausch zwischen der Schweiz und dem Baltikum zu fördern. Er veranstaltet unter anderem die baltischen Kulturtage «Terra Baltica», die vom 12. Oktober bis Ende Dezember 2019 mit zahlreichen Veranstaltungen in Zürich stattfinden. www.terrabaltica.ch

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 To Swallow a Toad (im Animationsfilmprogramm für Erwachsene): Krötenschlucken als Erfolgsrezept 10 Minutes Older: Grosse Emotionen im Puppentheater, eingefangen von Hercs Franks


> Dawn.

> Vier weisse Hemden.

> Melanies Chronik.


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Lettisches Filmwochenende

AUF DER SPUR DER RIGAER DOKUMENTARFILMSCHULE:

SNOW CRAZY (Sniegs) Lettland 2012

BRIDGES OF TIME (Laika tilti ) Lettland/Estland/Litauen 2018 «Bridges of Time erzählt von der Geburt des poetischen Dokumentarfilms in Litauen, Lettland und Estland in den 1960er- und 1970er-Jahren. Die baltische Neue Welle mit Filmemachern wie Hercs Franks, Uldis Brauns, Ivars Seleckis, Andres Sööt und Aivars Freimanis entwickelte eine eigene Filmsprache. Im Kontrast zum sowjetischen Pathos suchte sie die Schönheit nicht in Militärparaden oder bei Helden der Arbeit, sondern im einfachen Alltag. Bei ihren subtilen Stilmitteln bedienen sich auch Audrius Stonys und Kristīne Briede für ihren leisen Essayfilm, der tatsächlich Zeiten überbrückt.» (filmfestival-goeast.de).

Lettland liegt an der Ostsee und hat, «technisch gesehen», keine Berge; der höchste Punkt liegt 311,6 m ü. M. Dies und die globale Erwärmung hindern die Letten und Lettinen aber nicht daran, Ski fahren zu wollen, vielmehr fordert dies ihre Kreativität heraus.

HELLO, HORSE! (Zirdziņ, hallo! ) Lettland 2017 Laila Pakalniņa folgte der Empfehlung der Einheimischen aus einem Gebiet an der Ostgrenze Lettlands, «die schreckliche Strasse» zu filmen. Da­ raus ist ein Film darüber entstanden, wie sich alles ändert und doch gleich bleibt. «Oder es bleibt alles gleich, während das Ganze sich ändert.»

LIDIJA Lettland 2017 Das Porträt einer besonderen Persönlichkeit Lettlands, der Dissidentin Lidija Doroņina-Lasmane (*1925), die bis Januar 1987 vierzehn Jahre als politische Gefangene in verschiedenen Gefängnissen verbrachte. Gleichzeitig spiegelt sich im Leben von Lidija die Geschichte Lettlands. Der Film erhielt 2017 den lettischen Filmpreis als Bester Dokumentarfilm. BRIDGES OF TIME 78 Min / Farbe + sw / Digital HD / OV/e // REGIE Kristīne Briede, Audrius Stonys // DREHBUCH Kristīne Briede u. a. // KAMERA Valdis Celmiņš, Audrius Kemežys // SCHNITT Andra Doršs,

THE KIOSK Schweiz 2013 «Die verträumte Kioskfrau Olga hat die Herzen des Publikums im Sturm erobert. Der Animationsfilm wurde an unzähligen Festivals gezeigt und erhielt viele Auszeichnungen.» (srf) Die Kioskfrau der gebürtigen Lettin Anete ­Melece beobachtet die Welt fast so akribisch wie Laila Pakalniņa. ON RUBIKS’ ROAD 30 Min / Farbe / ohne Dialog // DREHBUCH UND REGIE Laila Pakalniņa // KAMERA Uldis Jancis.

SNOW CRAZY

Kostas Radlinskas.

30 Min / Farbe / ohne Dialog // DREHBUCH UND REGIE Laila

LIDIJA 35 Min / Farbe / Digital HD / Lettisch/d // REGIE Andrejs Ver-

Pakalniņa // KAMERA Uldis Cekulis, Valdis Celmiņš u. a.

houstinskis // DREHBUCH Andrejs Verhoustinskis, Henrieta

HELLO, HORSE!

Verhoustinska // KAMERA Gints Bērziņš.

24 Min / Farbe / ohne Dialog // DREHBUCH UND REGIE Laila Pakalniņa // KAMERA Ivars Burtnieks.

DOK-FILME VON LAILA PAKALNIŅA:

THE KIOSK 7 Min / Farbe / DCP / ohne Dialog // DREHBUCH UND REGIE

ON RUBIKS’ ROAD (Pa Rubika ceļu) Lettland 2010 Laila Pakalniņa nimmt einen 1980 gebauten und in der Volksprache nach dem damaligen Vorgesetzten der Kommunistischen Partei Alfrēds Rubiks genannten Veloweg zwischen Riga und dem Strandkurort Jūrmala unter ihre «cineastische Lupe» und gewährt so Einblick in den Alltag bzw. die Freizeit der lettischen Bevölkerung.

Anete Melece // MUSIK Ephrem Lüchinger.

10 MINUTES OLDER (Vecāks par 10 minūtēm ) UdSSR 1978 Kinder erleben eine Puppentheateraufführung, Hercs Franks schaut ihnen dabei zu – eine Ikone des lettischen und europäischen Dokumentarfilms.


> Bridges of Time.

> Ist es leicht, jung zu sein?.

> Schaum vor dem Mund.

> Snow Crazy.

> Diversion.

> Jacob, Mimmi und die sprechenden Hunde.


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Lettisches Filmwochenende

IST ES LEICHT, JUNG ZU SEIN? (Vai viegli būt jaunam?) UdSSR 1986 Seit Mitte der 1980er-Jahre wollte Juris Podnieks (1950–1992) einen Film über Jugendliche machen. Sein authentisches Interesse für sie ermöglichte eine unglaubliche Offenheit vor der Kamera, noch lange bevor Michail Gorbatschow «die Zeit der Freiheit des Wortes» ausgerufen hatte. Nach seiner Fertigstellung schlug der Film ein wie eine Bombe, da er das Sowjetsystem blossstellte. Sogar Michail Gorbatschow sollte ihn später als «Schwalbe der Perestroika» bezeichnen. Das feinfühlige Porträt einer Generation, die bis dahin in der offiziellen sowjetischen Ideologie keinen Platz hatte. 10 MINUTES OLDER 10 Min / sw / DCP / Ohne Dialog // DREHBUCH UND REGIE Hercs Franks // KAMERA Juris Podnieks.

IST ES LEICHT, JUNG ZU SEIN? 84 Min / Farbe + sw / Digital HD / Lettisch/e // REGIE Juris ­Podnieks // DREHBUCH Juris Podnieks, Ābrams Kleckins, Jevgeņijs Margoļins // KAMERA Kalvis Zalmancis // MUSIK Mārtiņš Brauns // SCHNITT Antra Cilinska.

LETTISCHES ANIMATIONSFILMPROGRAMM FÜR ERWACHSENE

dienen die lettische Folklore (Ki-ke-ri-gū) und Literatur oder persönlich erlebte Geschichten. ­ Tiere, die Umwelt retten wollen (Der Igel und die Grossstadt), der Zirkusbär, der keinen Platz in der Welt der Menschen findet (Ursus), oder Chorknaben, die im Chor Verbundenheit und die Macht der Lieder erleben (Chorreise). Ohne Dialog und darum in allen Sprachen verständlich! DETAILPROGRAMM s. filmpodium.ch und Flyer im Kino.

VIER WEISSE HEMDEN (Četri balti krekli) UdSSR 1967 Cēzars Kalniņš ist Telefonmonteur, Dichter, Komponist und Sänger einer Band im Riga der 1960erJahre. Als die Tätigkeiten der Musiker ins Visier der Beamtin Anita Sondore geraten, sind die künstlerische Freiheit und die Existenz der Gruppe bedroht. Ein Meisterwerk der Neuen Welle der lettischen Kinos. In einer Episode zeigt der Film eine Sitzung einer Sonderkommission und verdeutlicht damit die Macht der damaligen sowjetischen Zensur. Genau diese Episode wurde dem Film zum Verhängnis: Er wurde verboten und bis 1986 nicht gezeigt. 50 Jahre nach der Fertigstellung des Films wurde er 2017 zum 95. Geburtstag vom Regisseur Rolands Kalniņš digital restauriert. 76 Min / Farbe / DCP / Lettisch/e // REGIE Rolands Kalniņš // DREHBUCH Gunārs Priede // KAMERA Miks Zvirbulis // MU-

Wie der kleine Hahn mit seiner Stimme in Ki-ke-ri-gū (1966) von Arnolds Burovs, dem Gründer des Animationskinos in Lettland (s. Filmprogramm für Kinder), ruft das Kurzfilmprogramm das Filmpodium-Publikum wach. Die Filmschaffenden erkunden eigene und vernetzte, globale Welten mithilfe von Puppen- und Zeichentrick oder Computer­ animation. Ob es um die Vergänglichkeit der Menschen und der Zeit geht (It`s About Time), um das Spannungsfeld zwischen Mensch und Tier (Veterinarian) oder um die Antworten auf die grossen ­Fragen des Lebens (The Ship) – die Filmschaffenden aus Lettland beweisen, dass sie eine globale Filmsprache sprechen, die keine nationalen Grenzen kennt. DETAILPROGRAMM s. filmpodium.ch und Flyer im Kino.

LETTISCHES ANIMATIONSFILMPROGRAMM FÜR KINDER Animationskino aus Lettland von Zeichentrick zu Puppen-, Plastilin- und Compu­teranimation. Die Filmschaffenden erzählen Geschichten, die überraschen und berühren. Als Inspirationsquellen

SIK Imants Kalniņš // SCHNITT Zigrida ­Geistarte // MIT Uldis Pūcītis (Cēzars Kalniņš), Dina Kuple (Anita Sondore), Līga Liepiņa (Bella).

DAWN (Ausma) Lettland/Estland/Polen 2015 Jaņcuks ist Pionier in der Kolchose Ausma in der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Sein prügelnder, trinkender Vater ist offenkundig ein Gegner der Sowjetmacht und plant eine Verschwörung gegen die Kollektivierung. Pflichtbewusst verrät ihn sein Sohn und wird dadurch zum Helden und Vorbild, kommt aber durch die Hand seines rachsüchtigen Vaters ums Leben. Die in hinreissendem Schwarzweiss gefilmte Geschichte basiert auf einem sowjetischen Mythos der 1930er-Jahre, der von Pakalniņa nach Lettland versetzt wurde: Der Bauernjunge Pawlik Morosow soll von Verwandten erschlagen worden sein, weil er seinen Vater wegen Versteckens von Getreide angezeigt hatte. Als Pakalniņa während ihres Studiums das Drehbuch von Sergej Eisensteins Die BeshinWiese über Pawlik Morosow las – der Film wurde


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Lettisches Filmwochenende 1937 durch Intervention von Stalin vor der Fertigstellung verboten und ist nur noch als rekonstruiertes Fragment erhalten –, packte es sie: «So ein schwarzer Humor wie sonst nirgends! Schwarz, haarsträubend und witzig zugleich» – wie das Meisterwerk der Lettin Laila Pakalniņa. 96 Min / sw / Digital HD / Lettisch/e // DREHBUCH UND R ­ EGIE Laila Pakalniņa // KAMERA Wojciech Staron // MUSIK ­Vestard Šimkus // SCHNITT Kaspar Kallas // MIT Antons ­Georgs Grauds (Jančuks), Vilis Daudziņš (Vater von Jačuks).

MELANIES CHRONIK (Melānijas hronika ) Lettland/Tschechien/Finnland 2016 Das Journalistenpaar Melanie und Aleksandrs Vanags und ihr achtjähriger Sohn Andrejs werden am 14. Juni 1941 im von Sowjets okkupierten Lettland verhaftet. Wie rund 15 000 andere Letten werden sie nach Sibirien deportiert. Bei unmenschlichen Bedingungen muss Melanie Zwangsarbeit leisten. Die Kraft, um am Leben zu bleiben, schöpft sie aus Hunderten von Liebesbriefen an ihren von ihr getrennten Mann, die nie abgeschickt werden dürfen. Der Film ist mehr als eine rein auf den Erinnerungen der Journalistin Melānija Vanaga (1905– 1997) basierende Chronik. Mit den ausdrucksstarken Bildern von Kameramann Gints Bērzinš und der hervorragenden Schweizer Schauspielerin Sabine Timoteo in der Titelrolle ist Viesturs Kairišs ein Meisterwerk gelungen. Melanies Chronik war 2016 der meistgesehene Film Lettlands.

79 Min / Farbe / Digital HD / Lettisch/e // REGIE Jānis Nords // DREHBUCH Jānis Nords, Matthew Gossett // KAMERA ­Tobias Datum // MUSIK Mikolaj Trzaska // SCHNITT Agnieszka Glinska // MIT Raimonds Celms (Roberts), Vilis Daudziņš ­(Didzis), Ieva Puķe (Jana), Imants Strads (Polizist).

JACOB, MIMMI UND DIE SPRECHENDEN HUNDE (Jēkabs, Mimmi un runājošie suņi) Lettland/Polen 2019 Der siebenjährige Jacob lebt in der Stadt, zeichnet am liebsten Hochhäuser und träumt davon, später einmal Architekt zu werden – genau wie sein Vater. Als dieser länger auf Geschäftsreise muss, soll Jacob den Sommer bei seiner Cousine Mimmi in einem historischen Stadtteil von Riga verbringen. Bald erfahren Jacob und Mimmi, dass der Bau eines Wolkenkratzers geplant ist – ausgerechnet hier im Park, ihrem Spiel- und Rückzugsort. Gemeinsam mit einem Rudel sprechender Hunde beschliessen sie, einzugreifen, und schmieden einen geheimen Plan, um das Vorhaben zu stoppen. Ein spannendes und lustiges Sommerabenteuer über eine ungewöhnliche Freundschaft in handgemalter Animation. 70 Min / Farbe / Digital HD / Lettisch/e; deutsch eingesprochen // ab 6/8 // REGIE­ Edmunds Jansons // DREHBUCH Liga Gaisa // MUSIK ­Krzysztof A. Janczak // SCHNITT Edmunds Jansons, Michal Poddebniak // MIT DEN STIMMEN VON ­Eduards Olekts, Nora Džumā, Andris Keišs.

105 Min / sw / DCP / Lettisch/d // REGIE Viesturs Kairišs // KAMERA Gints Bērziņš // MUSIK Kārlis Auzāns, Arturs Maskats, Aleksandrs Vaicahovskis // SCHNITT Jussi Rautaniemi // MIT Sabine Timoteo (Melanie), Edvins Mekšs (Andrejs), Ivars Krasts (Aleksandrs), Guna Zariņa (Katrina).

SCHAUM VOR DEM MUND (Ar putām uz lūpām ) Lettland/Polen/Litauen 2017 Im Leben des Kampfhundetrainers Didzis und seiner Frau Jana läuft scheinbar alles blendend. Als Roberts, ein Schüler der Sportschule, wo Jana als Ärztin arbeitet, ins Leben der beiden eindringt und die dressierten Hunde Džina, Boss und Dargo verschwinden, beginnt das Leben des Paares aus dem Ruder zu laufen. Der an der Berlinale ausgezeichnete Regisseur Jānis Nords erzählt seinen packenden Beziehungstriller in einer kargen Filmsprache. Ihn habe die Entstehung einer Dreiecksbeziehung interessiert und weniger, wer wen zu Tode beisse, sagt Jānis Nords.

Viele der Filmschaffenden sind am lettischen Filmwochenende im Filmpodium anwesend und präsentieren ihre Filme persönlich. Am 23. und 30. November finden ausserdem ­Animationsworkshops für Kinder statt. Bitte beachten Sie die Angaben in der Programmübersicht und auf www.filmpodium.ch Für die gute Zusammenarbeit und Unter­ stützung danken wir


31 30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft

1989: Bewegungen, Impulse, Umbrüche Diesen Herbst feiert das Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich sein 30-jähriges Jubiläum. Das Gründungsjahr 1989 wird in einer Filmreihe mit Vorträgen von international renommierten Referenten und Referentinnen beleuchtet. Mehr zum Programm: www.film.uzh.ch/de/jubiläum Filmreihe und Vorträge: donnerstags, noch bis 12. Dezember 2019

12:08 EAST OF BUCHAREST (A fost sau n-a fost?) Rumänien 2006 «12:08 East of Bucharest von Corneliu Porumboiu (setzt sich) auf eine sehr kluge, teils wahnsinnig komische Weise (mit den Ereignissen von 1989 auseinander). Der Film spielt in der Provinz. 16 Jahre nach der ‹Revolution› veranstaltet der eitle Besitzer eines rührenden Provinzfernsehsenders mit seinen Gästen – einem trinkenden Schullehrer und einem einsamen Pensionär – eine Talkshow. Es geht um die Frage, ob es ’89 eine Revolution gegeben habe oder nicht; ob die Menschen in der Provinzstadt also vor der Flucht Ceausescus um 12:08 Uhr oder erst danach demonstrierten. Die Schauspieler des Films, die sonst in Provinztheatern spielen, sind unglaublich gut. Der Film ist wunderbar komisch, gerade im Detail, ohne dabei je zynisch oder aufdringlich zu werden.» (Detlef Kuhlbrodt, taz.de, 20.11.2006)

«Ich war zu dem Zeitpunkt, als das kommunistische Regime zusammenbrach, 14 Jahre alt und kann mich nur allzu gut daran erinnern. An dem Tag, als das Regime fiel, spielte ich draussen Pingpong, während meine Eltern wie angewurzelt vor dem Fernsehapparat sassen.» (Corneliu Porumboiu) 89 Min / Farbe / 35 mm / Rum/d // DREHBUCH UND REGIE Corneliu Porumboiu // KAMERA Marius Panduru // MUSIK Rotaria // SCHNITT Roxana Szel // MIT Mircea Andreescu (Emanoil Piscoci), Teodor Corban (Virgil Jderescu), Ion Sapdaru (Tiberiu Manescu), Mirela Cioaba (Doamna Manescu), Luminita Gheorghiu (Doamna Jderescu), Cristina Ciofu (Vali), Lucian Iftime (Lica), Annemarie Chertic (Vera).

✶ am Donnerstag, 21. November, 17.00 Uhr: Vorlesung: Dana Mustata, University of Groningen (in engl. Sprache)


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30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft

88 Min / Farbe / 35 mm / Jap/d // REGIE Isao Takahata //

DAS GRAB DER LEUCHTKÄFER

DREHBUCH Isao Takahata, nach der Kurzgeschichte von

(Hotaru no haka) Japan 1988

­Akiyuki Nosaka // KAMERA Fumi Yamamoto // MUSIK Michio

«In den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs kommt die Mutter des 14-jährigen Seita und seiner vierjährigen Schwester Setsuko bei einem Bombenangriff ums Leben. (...) Der Lebenswille von Seita aber reisst nicht ab. Unerschütterlich versucht er, seiner kleinen Schwester nicht nur das Überleben, sondern auch Momente des Glücks zu ermöglichen – obgleich er selbst niemanden hat, mit dem er seine Angst und Verzweiflung teilen kann. Aber Setsuko leidet an Unterernährung und wird bald ernsthaft krank.» (kinofilmwelt.de)

Shinohara Yoshiko (die Mutter), Yamaguchi Akemi (die Tante).

Mamiya // SCHNITT Takeshi Seyama // MIT DEN STIMMEN VON Tatsumi Tsutomu (Seita), Shirashi Ayano (Setsuko),

✶ am Donnerstag, 28. November, 17.00 Uhr: Vorlesung: Maria Tortajada, Université de Lausanne (in engl. Sprache)


30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft

LE RAPPORT DARTY

4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE

Frankreich 1989

(4 luni, 3 saptamani si 2 zile) Rumänien 2007

«Französische Unternehmen schienen nie zu lernen, dass Godard nie so etwas wie traditionelle Werbung machen würde, und als die Haushaltsgerätekette Darty dem schelmischen Regisseur einen Werbespot in Auftrag gab, geriet sie in Schwierigkeiten. Das Resultat: eine kühne Dekonstruktion des Konsumverhaltens, von den Geldgebern abgelehnt.» (mubi.com)

HISTOIRE(S) DU CINÉMA: TOUTES LES HISTOIRES Frankreich 1989

«So wie ‹Finnegans Wake›, das Kunstwerk, mit dem Histoire(s) du cinéma am ehesten vergleichbar scheint, sich irgendwann in eine theoretische Phase nach dem Ende der englischen Sprache versetzt, projiziert sich Godards Opus magnum ebenfalls in die Zukunft, um zu fragen: ‹Was war Kino?› Das Werk ist schichtweise aufgebaut, ­sowohl akustisch als auch visuell – eine Dimension, die besonders deutlich wird durch das dichte Gewebe, das durch die einzelnen Kanäle des Soundtracks entsteht. (Jonathan Rosenbaum, ecm­records.com, 1999) LE RAPPORT DARTY 50 Min / Farbe / DCP / F // DREHBUCH, REGIE, KAMERA, SCHNITT Jean-Luc Godard, Anne-Marie Miéville // MIT AnneMarie Miéville (Mlle Clio), Jean-Luc Godard (Nathanael, der Roboter).

HISTOIRE(S) DU CINÉMA: TOUTES LES HISTOIRES 51 Min / Farbe + sw / Digital SD / F/e // DREHBUCH, REGIE, KAMERA Jean-Luc Godard.

✶ am Donnerstag, 5. Dezember, 17.00 Uhr: Vorlesung: Michael Witt, University of Roehampton, London (in engl. Sprache)

«Gabita ist im vierten Monat schwanger. Dass ihre Freundin Otilia bei Bekannten im Studentenheim die 3000 Lei zusammengesammelt und nach kleinen Bestechungen mit West-Zigaretten ein Hotelzimmer für den Eingriff bekommen hat, bringt sie nicht weiter. Herr Bebe, der die Operation vornehmen soll, fordert energisch eine Aufstockung seines Lohns. Die Studentinnen sollen ihm sexuell zu Diensten sein, erst danach würde er die Sache fachmännisch erledigen. Die Ökonomisierung des Seins: Der rumänische Regisseur Cristian Mungiu bringt sie denkbar konsequent auf die Leinwand. Auf den Filmfestspielen von Cannes wurde er dafür zu Recht mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. (Christian Buss, Der Spiegel, 22.11.2007) 113 Min / Farbe / 35 mm / Rum/d/f // REGIE Cristian Mungiu // DREHBUCH Cristian Mungiu, Oleg Mutu // KAMERA Oleg Mutu // SCHNITT Dana Bunescu // MIT Anamaria Marinca (Otilia), Laura Vasiliu (Gabita), Vlad Ivanov (Herr Bebe), Alexandru Potocean (Adi), Luminita Gheorghiu (Adis Mutter), Adi Carauleanu (Adis Vater).

✶ am Donnerstag, 12. Dezember, 17.00 Uhr: Vorlesung: Gertrud Koch, Berlin

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34 Das erste Jahrhundert des Films

1999 Kurz vor der Jahrtausendwende, als die Welt vor dem Millennium Bug zittert und sich unheilvolle Spekulationen und Szenarien überschlagen, stürmen wie selten zuvor originelle und wegweisende Produktionen die Leinwand: Filmemacher brechen mit Regeln und Traditionen des Kinos und erfinden neue Erzählformen und Effekte. Um Körperlichkeit, Maskulinität und Identitätskrisen kreisen viele dieser Filme, so etwa David Finchers grossartig inszenierter Thriller Fight Club, der die Kritiker polarisiert, im Kino hinter den Erwartungen zurückbleibt, auf DVD aber zum Kultfilm avanciert und Einzug in die Popkultur findet; oder Claire Denis’ rätselhafter, berauschender Beau travail, in dem die Regisseurin die dunklen Randzonen des Begehrens erforscht und ihren Blick auf französische Fremdenlegionäre richtet, die halb nackt unter der Wüstensonne exerzieren. Und nicht zuletzt Spike Jonzes Spielfilmdebüt Being John Malkovich: In rasantem Tempo stellt die skurrile Komödie Fragen zur menschlichen Existenz, reflektiert auf ironische Weise den Starkult der Traumfabrik und überzeugt durch witzige Dialoge. Pedro Almodóvars oscargekröntes Melodrama Todo sobre mi madre ist hingegen eine feinfühlige, berührende Hommage an die Frauen: Diese nehmen ihr Leben in die Hand und stehen in unerschütterlicher Solidarität zueinander; Männer spielen darin praktisch keine Rolle mehr, es sei denn, sie haben sich in Frauen verwandelt. Die Sorgen und Nöte einer Kindheit zeichnet weiter Lynne Ramsay in ihrem Spielfilmdebüt Ratcatcher nach, das zu den aufregendsten filmischen Entdeckungen aus dieser Zeit gehört. Sie setzt dem Elend eines Glasgower Arbeiterviertels wunderschöne Momente voller Poesie entgegen und schafft es, die Gefühlswelt eines Jungen sichtbar zu machen – ihr Werk heimste an Festivals rund um Welt Preise ein und wirkt noch lange nach. Tanja Hanhart Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 ­wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. ­Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, im Jahr 2019 sind Filme von 1919, 1929 usw. zu sehen. Weitere wichtige Filme von 1999

American Beauty Sam Mendes, USA Audition (Odishon) Takashi Miike, J Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz Daniel Schmid, CH Blair Witch Project D. Myrick, E. Sánchez, USA Boys Don’t Cry Kimberly Peirce, USA Eyes Wide Shut Stanley Kubrick, GB/USA Ghost Dog Jim Jarmusch, USA/F/D Magnolia Paul Thomas Anderson, USA

Mein liebster Feind Werner Herzog, D Mulholland Drive David Lynch, USA Ordinary Heroes (Qian yan wan yu) Ann Hui, HK Rosetta Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, B/F The Matrix The Wachowski Brothers, USA The Sixth Sense M. Night Shyamalan, USA The Virgin Suicides Sofia Coppola, USA Der Wind wird uns tragen (Bad ma ra khahad bord) Abbas Kiarostami, Iran


Das erste Jahrhundert des Films: 1999

FIGHT CLUB USA/Deutschland 1999 Ein namenloser New Yorker verabscheut seinen langweiligen Bürojob und leidet an chronischer Schlaflosigkeit. Er schleicht sich als Simulant in diverse Selbsthilfegruppen ein, um seine erstarrte Empfindungsfähigkeit wiederzubeleben. Das lindert seine Schlaflosigkeit so lange, bis die todessehnsüchtige Marla in diesen Gruppen auftaucht. Kurz darauf trifft er auf Tyler Durden, der ihn zu einer Prügelei auffordert – von da an organisieren die beiden den «Fight Club» und ziehen damit schon bald Männer aus der ganzen Stadt an. Ein fulminanter, verstörender Amoklauf gegen das überzivilisierte Leben, mit einer hochkarätigen Besetzung. «Es prügeln sich Edward Norton und Brad Pitt als Chaosrebellen in David Finchers atemberaubender Gewaltsatire Fight Club, die damals einen Nerv traf. (...) Der Film schlug 1999 ein wie eine Bombe und avancierte schnell zum Kultfilm. Als Vorlage für seine Zivilisations- und Konsumkritik diente Fincher der Roman von Chuck Palahniuk, den das Hollywood-Wunderkind stilistisch brillant aufbereitete.» (srf.ch)

«Katja Nicodemus: ‹Wenn Edward Norton Sie in Fight Club zum ersten Mal anruft, hört man nur, wie Sie am anderen Ende der Leitung Cracker oder Chips zermalmen.› Brad Pitt: ‹Das Erste, was wir als Kinder lernen, ist, beim Essen den Mund zu schliessen. Fincher beschreibt den Zerfall all dieser Normen und Konventionen (...): Die Dinge, die du besitzt, werden anfangen, dich zu besitzen. Wir wollten klarmachen, dass wir nicht von den Gegenständen definiert werden, die uns umgeben. Auch wenn sich das vielleicht trivial ­anhört. Finchers Film war eine Art Gegenbewegung zu den Lifestyle- und Werbe-Auswüchsen dieser Jahre.›» (Brad Pitt im Interview mit Katja Nicodemus, zeit.de, 18.10.2007) 139 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE David Fincher // DREHBUCH Jim Uhls, nach dem Roman von Chuck Palahniuk // KAMERA Jeff Cronenweth // MUSIK The Dust Brothers // SCHNITT James Haygood // MIT Edward Norton (Protagonist/ Erzähler), Helena Bonham Carter (Marla Singer), Brad Pitt (Tyler Durden), Meat Loaf (Robert «Bob» Paulsen), Jared Leto (Angel Face), Zach Grenier (Richard Chesler), Rachel Singer (Chloe), David Andrews (Thomas).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1999

BEAU TRAVAIL Frankreich 1999 Mitten in der Wüste von Dschibuti: Ein Trupp der Fremdenlegion exerziert unter der prallen Sonne. Adjutant Galoup kennt nichts anderes als die Armee und erfreut sich der Zuneigung seines Vorgesetzten, bis ihm ein junger Soldat seine Vorrangstellung streitig macht. Er beschliesst, den Rivalen ausser Gefecht zu setzen. Claire Denis’ Beau Travail ist ein berauschendes, bildgewaltiges Film-Gedicht, in dem die Regisseurin den Mythos des soldatischen Männlichkeitsbildes seziert. Unvergesslich die letzte Szene, in der sich Denis Lavant als Galoup in einem mit Spiegeln ausgekleideten Raum plötzlich aus seiner Erstarrung löst, als er «The Rhythm of the Night» hört: eine tänzerische Explosion. «Claire Denis setzt Körper in Szene, die keine andere Funktion haben, als im Exerzieren ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten. Die Kamera folgt Muskeln, Linien und Sehnen, neugierig, ohne sich ihres Interesses zu schämen. Beau travail ist die Fantasie einer Regisseurin, die den männlichen Körper in der Wüste wie unter ­einem Vergrösserungsglas betrachtet. (...) ‹Das Körperliche sollte das Zentrum, das Objekt meines Films sein. Der zäh trainierte Körper als Gefängnis der Gefühle. Deshalb haben wir, Kamerafrau Agnès Godard, die Darsteller und ich, alle zusammen zwei Monate lang militärisch trainiert. (...) Die Körper der Männer sollten wie die Fortsetzung der atemberaubenden vulkanisch er-

starrten Umgebung wirken. (...) Beau travail ist nicht eine Sekunde lang eine Feier des Militärischen. Ich zeige, was von den Männern bleibt, wenn sie alles andere verloren haben – nur die Idee, dass die Disziplin ein Ideal verkörpert. Das ist keine Feier, sondern eine Tragödie›.» (Claire Denis im Interview mit Katja Nicodemus, taz.de, 10.2.2000) 90 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Caire Denis // DREHBUCH Claire Denis, Jean-Pol Fargeau, basierend auf «Billy Budd» von Hermann Melville // KAMERA Agnès Godard // MUSIK Eran Tzur // SCHNITT Nelly Quettier // MIT Denis ­Lavant (Galoup), Grégoire Colin (Gilles Sentain), Michel Subor (Kommandant Bruno Forestier), Marta Tafesse Kassa (junge Frau), Nicolas Duvauchelle (Fremdenlegionär).


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Das erste Jahrhundert des Films: 1999

TODO SOBRE MI MADRE

BEING JOHN MALKOVICH

Spanien/Frankreich 1999

USA 1999

Manuela lädt ihren Sohn Esteban zum 17. Geburtstag zu einer Aufführung von Tennessee ­Williams’ «Endstation Sehnsucht» ein. Nach der Vorstellung wird Esteban von einem Auto überfahren und stirbt. Manuela verlässt Madrid und macht sich auf die Suche nach Estebans Vater, dem Transsexuellen Lola, der nie etwas von seiner Vaterschaft erfahren hat. In Barcelona findet sie nicht nur alte Freunde, sondern auch neuen Sinn für ihr Leben. Todo sobre mi madre ist der erste Film von ­Pedro Almodóvar, der im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes gezeigt wird – das farb­ intensive Melodram gewinnt den Regiepreis und in den folgenden Monaten über vierzig internationale Festival- und Kritikerpreise, darunter den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. «Elementares Kino, eine Mutter verliert ihren Sohn (...). Alles über seine Mutter wollte der Sohn wissen, ständig hatte er sich Notizen gemacht in sein Schreibheft, seine Neugier lebt nun weiter, obsessiver, weniger naiv, in der Mutter. Sie begegnet drei Frauen, einer Nutte, einem verführten Mädchen aus der Bourgeoisie, einer Theaterdiva, und zusammen entwickeln sie eine Solidarität, wie sie nur noch im Märchen denkbar scheint. (...) Alle Welt – erklärt Almodóvar – weiss, dass es im ganzen Katalog der menschlichen Leiden, der unglücklicherweise so gross ist, nichts Vergleichbares zum Verlust eines Sohnes gibt.» (Fritz Göttler, schnitt.de) «Es ist die Kraft der Frauen, die Almodóvar feiert (...). Seine technische Virtuosität macht Todo sobre mi madre zu einem grossen Kinofilm, seine Feinfühligkeit macht ihn zu einem grossen Erlebnis.» (Eckhard Vollmar, viennale.at)

Der erfolglose Puppenspieler Craig Schwartz lebt mit seiner unscheinbaren Frau in einer Kellerwohnung in New York. Durch seinen neuen Job als Aktensortierer lernt er die schöne Maxine kennen und entdeckt hinter einem Wandschrank zufällig einen Gang, der jeden Eintretenden einsaugt und für 15 Minuten in den Kopf von John Malkovich katapultiert. Craig sieht seine grosse Chance. Being John Malkovich ist ein Film über Identitätskrisen und Selbstsuche, der durch die hervorragenden Darsteller überzeugt und für Regisseur Spike Jonze und Drehbuchautor Charlie Kaufman den internationalen Durchbruch bedeutete. «Was für ein unendlich einfallsreicher Film! (...) Es gibt selten einen Film, der uns in der letzten halben Stunde genauso überrascht wie in der ersten (...). Malkovich selbst ist Teil der Magie(...). Irgendwann betritt er sich selbst, was etwa so ist, als würde man in das schwarze Loch der eigenen Persönlichkeit gesogen, und dieser Trip führt zu einer der seltsamsten Szenen, die ich je in einem Film gesehen habe. (...) Being John Malkovich ist ein Film, der eine neue Welt für uns erschafft und daraus wunderbare Dinge hervorbringt.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 29.10.1999)

99 Min / Farbe / 35 mm / Sp/d/f // DREHBUCH UND REGIE

112 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Spike Jonze // DREHBUCH Charlie Kaufman // KAMERA Lance Acord // MUSIK Carter Burwell // SCHNITT Eric Zumbrunnen // MIT John ­Cusack (Craig Schwartz), Catherine Keener (Maxine Lund), John Malkovich (John Horatio Malkovich), Cameron Diaz (Lotte Schwartz), Orson Bean (Dr. Lester), Mary Kay Place (Floris).

Mitarbeitende, Studierende und Gäste des Seminars für Filmwissenschaft der Universität ­Zürich führen einzelne Filme der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» ein. Neben dem filmhistorischen Kontext werden f­ ormale und thematische Aspekte betrachtet.

­Pedro Almodóvar // KAMERA Affonso Beato // MUSIK Alberto Iglesias // SCHNITT José Salcedo // MIT Cecilia Roth (Manuela), Marisa Paredes (Huma Rojo), Penélope Cruz (Schwester Rosa), Eloy Azorín (Esteban), Candela Peña (Nina), Antonia San Juan (Agrado), Rosa Maria Sardà (Rosas Mutter).

✶ am Montag, 16. Dezember, 18.15 Uhr: Einführung von Andri Erdin (Studierender der ZHdK)


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Das erste Jahrhundert des Films: 1999

RATCATCHER GB/Frankreich 1999 Im Glasgow der siebziger Jahre: Der zwölfjährige James wächst in einem trostlosen Arbeiterviertel auf, der Vater ist arbeitslos und meist betrunken, die Müllmänner streiken, Ratten tummeln sich zwischen den Müllsäcken. Als sein bester Freund bei einer harmlosen Rangelei im Kanal ertrinkt, irrt James, geplagt von Schuldgefühlen, ziellos umher. Trost findet er bei Margaret Anne, die aber von älteren Jungs als Objekt erster sexueller Erfahrungen benutzt wird. Unverhofft stösst James etwas ausserhalb der Stadt auf eine idyllische Naturlandschaft, die für ihn zum Ort der Träume wird. Lynne Ramsay sorgte mit ihrem Kinodebüt Ratcatcher international für grosses Aufsehen: Ihr mit poetischen Bildern erzähltes Drama macht die Gefühlswelt des Jungen sichtbar und gibt Einblick in die industrielle Landschaft ihrer Heimat, die geprägt ist von Armut, Alkoholismus und Vernachlässigung – immer aber gibt es da auch Momente der Wärme. Schon kurz nach seiner Veröffentlichung galt Ratcatcher als moderner Klassiker des britischen Kinos.

«In ihrem atemberaubenden, stilsicheren Debütfilm lässt Ramsay eindringlich eine schwierige Glasgower Kindheit aufleben. Ratcatcher (...) untersucht die Erfahrungen eines armen Jungen, der sich bemüht, seine Träume und seine Schuld mit dem Elend, das ihn umgibt, in Einklang zu bringen. Mithilfe von schönen, schwer fassbaren Bildern, ungeschönten schauspielerischen Darbietungen und unerwartetem Humor kontrastiert Ratcatcher den urbanen Zerfall geschickt mit einer reichen Innenlandschaft von Hoffnung und Ausdauer, und so entsteht ein Werk, das gleichzeitig roh und tief poetisch ist.» (criterion.com) «Wahrscheinlich der beeindruckendste britische Film der jüngeren Vergangenheit, (...) nicht weniger als ein Triumph.» (Sight & Sound) 94 Min / Farbe / 35 mm / E/d // DREHBUCH UND REGIE Lynne Ramsay // KAMERA Alwin H. Küchler // MUSIK Rachel ­Portman // SCHNITT Lucia Zucchetti // MIT William Eadie (James), Tommy Flanagan (Da), Mandy Matthews (Ma), ­Michelle S ­ tewart (Ellen), Lynne Ramsay Jr. (Anne Marie), Leanne ­Mullen (Margaret Anne), Thomas McTaggart (Ryan).

✶ am Montag, 9. Dezember, 18.15 Uhr: Einführung von David Schlittler (Studierender am ­Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich)


39

4 × Buster Keaton Nach zehn Jahren leidenschaftlichen Engagements haben unsere Kollegen vom IOIC – «Institut für Incohärente Cinematographie» – beschlossen, sich eine Pause zu gönnen. Sie feiern die nun die über sechsjährige Zusammenarbeit mit dem Filmpodium mit einem Buster-KeatonSchluss­bouquet, zu dem die IOIC All-Stars Iokoi, Bit-Tuner, Dadaglobal und Steve Buchanan in wechselnden Formationen die Musik beisteuern.

> Seven Chances.

THE FROZEN NORTH USA 1922 Buster entsteigt der New Yorker Untergrundbahn, seltsamerweise mitten in Alaska. Dennoch scheint er zu Hause zu sein. Als er dort seine Frau mit einem andern im Ehebett erwischt, erschiesst er das Paar, um kurz darauf festzustellen, dass er sich in der Hausnummer geirrt hat.

füllen die Chaussee und eilen schneller und schneller hinter dem armen, schwarzen Pünktchen Buster einher. (Darauf folgt eine) Hetz- und Verfolgungsjagd durch San Francisco, in der Keaton sich nicht nur als unglaublichster Läufer der Filmgeschichte, sondern auch als einer der grossen Regisseure von Massen erweist.» (Harry Tomicek, Programmblatt Österreich. Filmmuseum, März 1986) THE FROZEN NORTH 17 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, e Zw’titel // DREHBUCH

SEVEN CHANCES USA 1925

UND REGIE ­Edward F. Cline, Buster Keaton // KAMERA Elgin Lessley // MIT Buster Keaton (der böse Mann), Joe Roberts (der Fahrer), Sybil Seely (die Frau), Bonnie Hill (die hübsche Nachbarin).

Buster Keaton hat als bankrotter Makler Aussicht auf ein Millionenerbe, wenn er innert einer bestimmten Frist verheiratet ist. Erst findet er keine Braut, dann jagen ihn Horden heiratswütiger Frauen. «Keatons Komik erfindet Formen, die nichts ihresgleichen haben. Seine Totalen weiten den Blick und beziehen den realen Umraum ganz ursprünglich und eigenständig ins Geschehen mit ein: Fünfhundert weissgekleidete Bräute in spe

SEVEN CHANCES 57 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE ­Buster Keaton // DREHBUCH Clyde Bruckman, Jean C. ­Havez, Joseph A. Mitchell, nach der Theaterproduktion von David Belasco, nach dem Stück von Roi Cooper Megrue // ­KAMERA Byron Houck, Elgin Lessley // SCHNITT Buster ­Keaton // MIT Buster Keaton (James «Jimmie» Shannon), T. Roy Barnes (Billy Meekin, sein Partner), Snitz Edwards (sein Anwalt), Ruth Dwyer (Mary Jones), Jean Arthur (Miss Jones).


40

4x Buster Keaton Credits

OUR HOSPITALITY

STEAMBOAT BILL JR.

USA 1923

USA 1928

William McKay, der letzte eines durch Blutfehde ausgerotteten Geschlechts, verliebt sich ahnungslos in die ebenfalls letzte Überlebende der feindlichen Familie. Durch das Gesetz der Gastfreundschaft geschützt, kommt er zwar mit dem Leben davon, hat aber haarsträubendste Gefahren und abenteuerliche Verfolgungsjagden zu bestehen. «Dies war Keatons zweiter Langspielfilm und sein erstes langes Meisterwerk. (…) Das Setting der Geschichte (das Jahr 1831, in der Frühzeit der Bahn) wird in die Handlung integriert und alle Lacher entspringen direkt der Geschichte und ­ den Figuren. Busters Rettung seiner Geliebten aus e ­ inem Wasserfall gehört zu den wagemutigsten und legendärsten akrobatischen Stunts überhaupt.» (Tony Rayns, Time Out Film Guide)

«Das letzte grosse Meisterwerk von Buster Keaton, das der Komiker selbst produzierte und bei dem er noch die volle künstlerische Kontrolle hatte. Als studierter Schwächling muss er sich bewähren, als er seinem Vater, einem MississippiDampfer-Kapitän, helfen soll, der gegen harte Konkurrenz zu kämpfen hat. Das furiose Ende des Films, in dem ein Zyklon alles durcheinander wirbelt und Buster Keaton dank seiner athletischen Fähigkeiten noch heute verblüffende Stunts vollbringt, ist in die Filmgeschichte eingegangen.» (Programm Bonner Sommerkino, 2009) «Eine herrliche Komödie, angesiedelt in einem verschlafenen Uferstädtchen tief im Süden. (…) Urkomisch, versteht sich: präziser Beobachtung entspringende Gags und schwungvoll-athletische Stunts jagen sich durch den ganzen Film. Was aber am meisten entzückt, ist die präzise Beschreibung des Kleinstadtlebens. Dazu Keatons komisches Bewusstsein für die eigene Figur, etwa wenn er und sein Vater einen Hut kaufen, um Juniors Schwächlingsbéret zu ersetzen – ein vorbildliches Stück Filmkomödie.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide)

75 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, e Zw’titel // ­REGIE­ Buster Keaton, John G. Blystone // DREHBUCH Jean C. Havez, Clyde Bruckman, Joseph A. Mitchell // KAMERA Gordon ­Jennings, Elgin Lessley // MIT Buster Keaton (William McKay), Joe Roberts (Joseph Canfield), Natalie Talmadge (Virginia, Canfields Tochter), Ralph Bushman (Clayton).

BATTLING BUTLER USA 1926 «Aus Liebe wird ein verwöhnter Millionärssohn zum Boxer wider Willen. Obwohl er für seine Angeberei heftig Prügel bezieht, erweist er sich schliesslich aufgrund seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung als Sieger. Trotz etlicher Mängel in der Dramaturgie dieser Theateradaption wurde der Film zu Keatons erfolgreichstem Stummfilm. Er wird dank seiner vielschichtigen Aussage und herrlicher Gagsequenzen zu Recht zu Keatons Meisterwerken gerechnet.» (Lexikon des int. Films) «Battling Butler setzt die für Buster Keaton typische Reflexion über die Sinnfälligkeit und Sinnlosigkeit von Regeln und Konventionen fort. Kaum ein Sujet eignet sich dafür besser als der Sport, wo die Beachtung der Regeln ebenso wesentlich ist wie zu gewinnen.» (Walter Schobert)

70 Min / sw / DCP / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Charles Reisner, Buster Keaton (ungenannt) // DREHBUCH Carl ­Harbaugh // KAMERA Bert Haines, J. Devereaux Jennings // SCHNITT J. Sherman Kell // MIT Buster Keaton (William «Willie» Canfield jr.), Ernest Torrence (William Canfield sen., genannt «Steamboat Bill»), Tom Lewis (Tom Carter, Steuermann), Tom McGuire (John James King), Marion Byron («Kitty» King), Joe Keaton (Friseur).

76 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, e Zw’titel / ab 6 // R ­ EGIE Buster Keaton // DREHBUCH Paul Gerard Smith, Al Boasberg, Charles B. Smith, Lex Neal, nach der Komödie von

> Steamboat Bill Jr..

­Stanley Brightman, Austin Melford // KAMERA J. Devereaux Jennings, Bert Haines // MIT Buster Keaton (Alfred Butler, der Millionärssohn), Snitz Edwards (sein Butler), Walter James (ihr Vater), Buddy Fine (ihr Bruder), Francis McDonald (Alfred «Battling» Butler), Mary O’ Brien (seine Frau).

Do, 26. bis So, 29. DEZ. | 20.45 UHR LIVE-VERTONUNG: Iokoi, Bit-Tuner, Dadaglobal und Steve Buchanan in wechselnden Formationen; Details s. filmpodium.ch und ioic.ch


41 BLADE RUNNER

DI, 31. DEZ. | 20.45 UHR

Ridley Scotts Blade Runner, eine freie Adaption von Philip K. Dicks Roman «Do Androids Dream of Electric Sheep?» , zeigte uns 1982 ein dystopisches Los Angeles, wie es sich in der fernen Zukunft von 2019 darstellen soll. Ja genau, Blade Runner spielt heute, jetzt, in diesem Jahr, das nun zu Ende geht. Vor den guten Vorsätzen zieht man zu Silvester gerne Bilanz. Ziehen wir sie für

BLADE RUNNER – FINAL CUT / USA 1982 117 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Ridley Scott // DREH-

Blade Runner gemeinsam. Gibt es inzwi-

BUCH Hampton Fancher, David Webb Peoples, nach Motiven

schen fliegende Autos? Haben wir Kolonien

Philip K. Dick // KAMERA Jordan Cronenweth // MUSIK

auf anderen Planeten? Träumt Siri von Alexa? Und wissen wir überhaupt noch, was Schafe sind? Auf ein fröhliches 2020!

des Romans «Do Androids Dream of Electric Sheep?» von ­Vangelis // SCHNITT Terry Rawlings // MIT Harrison Ford (Rick Deckard), Rutger Hauer (Roy Batty), Sean Young ­(Rachael), Daryl Hannah (Pris), Edward James Olmos (Gaff), M. Emmet Walsh (Bryant), Brion James (Leon Kowalski).

WE ARE ALL IN THIS TOGETHER

Filmstill: Birds of Passage, 2018

NOVEMBER 2019


42 FILME VON LEN LYE

DI, 19. NOV. & MI, 20. NOV. | 18.15 UHR

LEN LYE'S COLOUR BOX & LEN LYE ON THE HOME FRONT Len Lye (1901–1980) gehörte zu den Pionie-

kriegs für das britische Informationsminis-

ren des Experimentalfilms und des handge-

terium MOI; die Kurzfilme liefen im Vor­

machten «direct film», der ohne Kamera

programm der Kinos. (...) Auch wenn in

auskam. Seine Kurzfilme, die zumeist für

manchen Propagandafilmen spielerischer

Werbezwecke oder – im Zweiten Weltkrieg –

Charme einer realistischen Fotografie und

für Propaganda verwendet wurden, faszi-

sachlicher Ansprache weicht, zeugen sie

nieren als wegweisende Dokumentarfilme

noch immer von vollendetem Formbe-

und Vorläufer des Musikvideos. Noch bis

wusstsein. (...) In Friedenszeiten bedurften

zum 26. Januar 2020 widmet das Museum

dann weniger ernste Themen Lyes doku-

Tinguely in Basel Len Lyes vielfältigem Werk

mentarischer Vermittlung; in New York

eine Ausstellung.

­arbeitet er für die feuilletonistische Wochenschau-Serie ‹March of Time›.» (Daniel

«Alles ist Rhythmus in den handgemachten

Kothenschulte, s. o.)

Filmen von Len Lye. Dieses Programm seiner bekanntesten abstrakten und semi-­ abstrakten Filme beginnt mit seinem wegweisenden Stummfilm Tusalava: Inspiriert von der Kunst der australischen Ureinwohner verweisen abstrakte Formen auf die Triebkräfte der Evolution. Lyes positive Lebensphilosophie, die er ‹Individual Happiness Now› nannte, findet ihren mitreissenden Ausdruck in seinen farbigen Musikfilmen der 30er-Jahre. (...) Lye gilt als Erfinder des ‹handmade film›, der ohne Kamera auskam. Lye färbte, stempelte, bemalte und zerkratzte das meist gefundene Filmmaterial synchron zu seiner Lieblingsmusik – vorzugsweise lateinamerikanische Hits.» (Daniel Kothenschulte, Programmheft Stadtkino Basel, Oktober 2019) Der Filmemacher und Produzent Keith Griffiths zeichnet im Dokumentarfilm Doodlin’ nicht nur ein Porträt des Filmemachers Len Lye; er zeigt auch, wie Lyes handge-

LEN LYE'S COLOUR BOX / 1929–1966 67 Min / Kurzfilme / sw und Farbe // REGIE Len Lye.

✶ am Dienstag, 19. November, 18.15 Uhr: präsentiert und kommentiert von Daniel Kothenschulte LEN LYE ON THE HOME FRONT DOODLIN' / GB 1987 52 Min / Dokumentarfilm / sw und Farbe / Digital SD / E // REGIE Keith Griffiths. MIT Ann Lye u. a.

LEN LYE ON THE HOME FRONT / 1940–1943 78 Min / Kurzfilme / sw und Farbe / E // REGIE Len Lye.

machte Filme sich zu seinem übrigen künstlerischen Schaffen verhalten. «Wie andere renommierte Filmemacher arbeitete Lye während des Zweiten Welt-

Programmdetails: siehe www.filmpodium.ch Wir danken dem Stadtkino Basel, von dem wir dieses ­Programm übernommen haben, für die schöne Zusammenarbeit.


43 Filmpodium für Kinder

robbi, Tobbi und das Fliewatüüt

Der Kinderbuchklassiker über einen erfindungsreichen Jungen und seinen Roboterfreund kommt auf die Leinwand: Witzig und actionreich.

ROBBI, TOBBI UND DAS FLIEWATÜÜT / Deutschland/Belgien 2016 106 Min / Farbe / DCP / D / ab 6/8 // REGIE Wolfgang Groos // DREHBUCH Jan Berger, nach dem Kinderbuch von Boy Lornsen // KAMERA Armin Golisano // MUSIK Helmut Zerlett // SCHNITT Martin Wolf // MIT Arsseni Bultmann (Tobbi Findeisen), Jona Rausch (Stimme von Robbi), Jördis Triebel (Tobbis Mutter), Ralph Caspers (Tobbis Vater), Alexandra Maria Lara (Agentin Sharon Schalldämpfer), Sam Riley (Agent Brad Blutbad), Friedrich Mücke (Sir Joshua), Bjarne Mädel (Matti, der Leuchtturmwächter).

Niemand kann sich so tolle Erfindungen ausdenken wie der schlaue elfjährige Tobbi. Eines Tages landet direkt vor seinen Füssen der kleine Roboter Robbi. Dieser hat beim Absturz seines Raumschiffes seine Roboter-Eltern verloren und will nun an den Nordpol, um sich auf die Suche nach ihnen zu machen. Zusammen bauen Robbi und Tobbi das rote Wundergefährt Fliewatüüt, das ebenso fliegen wie schwimmen und fahren kann. Die beiden müssen sich beeilen, denn der gefährliche Sir Joshua und dessen Superagenten haben es auf das Herz des kleinen Roboters abgesehen. Doch niemand sollte unterschätzen, wozu die besten Freunde der Welt fähig sind! Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt, eine frisch inszenierte Verfilmung des Kinderbuchklassikers von Boy Lornsen, mischt Action mit ruhigen Momenten sowie Szenen voller Wortwitz und Slapstick und erzählt von Freundschaft, ­Anderssein und Selbstvertrauen: kindgerecht, spannend und unterhaltsam. KINDERFILM-WORKSHOP Im Anschluss an die Vorstellungen vom 23.11. und 7.12. bietet die Filmwissenschaftlerin Julia Breddermann einen ­Film-Workshop an (ca. 45 Min., gratis, keine Voranmeldung nötig). Die Kinder erleben eine Entdeckungsreise durch die Welt der Filmsprache und werden an einzelne Szenen und Themen des Films herangeführt.


44 DO, 19. DEZ. | 18.15 UHR MO, 30. DEZ. | 15.00 UHR

SÉLECTION LUMIÈRE THE PIANO

Musik als Ausdrucksmittel einer stummen

Jane Campions Gothic Romance ausserge-

Frau, Untreue als Ausweg aus einer aufge-

wöhnlich. Der Film verleiht der traditionel-

zwungenen Ehe: Jane Campions The Piano

len Liebesgeschichte einen frischen Wind.

war 1993 in verschiedener Hinsicht eine

Die Figuren sind starrköpfig und intro­

wegweisende Emanzipationsfabel.

vertiert – und Campions Verweigerung von Gefühlskitsch lässt diese raue Obsessions-

Mitte des 19. Jahrhunderts: Ada reist mit ih-

geschichte so bewegend werden. Nie unter-

rer Tochter nach Neuseeland, um eine

schätzt sie die Kraft, die physische Beses-

arran­ gierte Ehe mit dem Briten Alisdair

senheit auf die menschliche Seele ausüben

Stewart einzugehen. Seit ihrem sechsten ­

kann, und erotische Leidenschaft wird für

Lebensjahr drückt sich die stumme Ada

einmal mit viel Ehrlichkeit thematisiert.»

durch Handzeichen oder ihr geliebtes Kla-

(Geoff Andrew, Time Out Film Guide)

vier aus, das mit im Gepäck ist. Aufgrund

Jane Campion gewann als erste Frau die

des aufwendigen Weitertransports verkauft

Goldene Palme; 1994 wurde sie in der Sparte

Stewart das Instrument jedoch an seinen

Regie für den Oscar nominiert und gewann

Bekannten Baines. Dieser lässt Ada für Kla-

ihn für das beste Drehbuch. Oscars errangen

vierstunden zu sich kommen und unterbreitet

auch Holly Hunter und Anna Paquin als beste

ihr ein Angebot, wie sie sich ihr Instru­ment

Haupt- resp. Nebendarstellerin­.

Taste für Taste zurückerobern kann. «Insbesondere dank seiner Darsteller und der Filmmusik von Michael Nyman ist

✶ am Donnerstag, 19. Dezember, 18.15 Uhr: Einführung von Julia Marx

THE PIANO / Australien/Neuseeland/Frankreich 1993 120 Min / Farbe / DCP / E/d // DREHBUCH UND REGIE Jane Campion // KAMERA Stuart Dryburgh // MUSIK Michael Nyman // SCHNITT Veronika Jenet // MIT Holly Hunter (Ada McGrath), Anna Paquin (Flora McGrath), Harvey Keitel (George Baines), Sam Neill (Alisdair Stewart), Kerry Walker (Tante Morag), Geneviève Lemon (Nessie).


45 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Primo Mazzoni (pm), Laura Walde PRAKTIKUM Kaj Edghill // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 412 31 25 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, NEU: Tel. 044 415 33 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Absolut Medien, Fridolfing; Animācijas brigāde, Riga; Atom Art, Riga; AV Visionen, Berlin; British Film Institute, London; Casa Azul Films, Lausanne; The Coproduction Office, Paris; The Festival Agency, Paris; Les Films du Jeudi, Paris; Films sans frontières, Paris; Frenetic Films, Zürich; Hargla Company, Riga; Imperial War Museums, London; Impuls Pictures, Steinhausen; Juris Podnieks Studio, Riga; Kairos-Filmverleih, Göttingen; Kinemathek Le Bon Film, Basel; Lagardère Entertainment Rights, Boulogne Billancourt; Len Lye Foundation, New Plymouth; Lunohod Studio, Riga; Egils Mednis, Riga; Mythenfilm, Schwyz; National Film Centre of Latvia, Riga; Ngā Taonga Sound & Vision, Wellington; Österreichisches Filmmuseum, Wien; Park Circus, Glasgow; Pathé Films, Zürich; Pathé UK, London; Possible Films, New York; Rija Films, Riga; Stadtkino, Basel; Stadtkino Wien; Studiocanal, Berlin; Tamasa Distribution, Paris; Tasse Film, Riga; TF1 Studio, Boulogne ; VFS Films, Riga; Virage Productions GmbH, Zürich; Warner Bros. Entertainment Switzerland GmbH, Zürich. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS, Zürich // KORREKTORAT Nina Haueter, Daliah Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 6000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Jahrhundert-Abo: CHF 50.– (für alle in Ausbildung; freier Eintritt zu den Filmen der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» // Programm-Pass: CHF 60.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen einer Programmperiode) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Stummfilmfestival 2020

James Mason

Martin Girod, ehemaliger Koleiter des Film-

Seine Stimme gilt vielen als die schönste

podiums, hat unser jährliches Stummfilm-

der Filmgeschichte, und schon früh machte

festival erschaffen und bisher hauptsäch-

James Mason (1909–1984) damit auf sich

lich kuratiert. 2020 tut er dies zum letzten

aufmerksam. Seine Filmkarriere begann

Mal, und zwar mit Verve. Zu den Highlights

mit mässigen Melodramen und seine Fähig-

des Programms zählen Moulin Rouge von

keit, verletzliche, brüchige Charaktere zu

E. A. Dupont, Der Golem von Paul Wegener,

spielen, brachte erst Carol Reed in Odd Man

Dowschenkos Semlija, The Blot von Lois We-

Out (1947) richtig zur Geltung. Ab 1948

ber, Buster Keatons The Cameraman, Dr. Je-

drehte der Brite auch in Hollywood, wo

kyll and Mr. Hyde mit John Barrymore und

grosse Regisseure sein Talent einzusetzen

Dragnet Girl, ein Krimi von Yasujiro Ozu. Live

wussten, etwa Joseph L. Mankiewicz (Five

begleitet werden diese Meilensteine wie

Fingers), George Cukor (A Star is Born) und

­immer von einer erlesenen Garde von Musi-

Stanley Kubrick (Lolita). Eine seiner letzten

kerinnen und Musikern, die jede Filmvor-

Rollen spielte er in Alexandre, dem Erstling

führung zum einmaligen Event machen.

des Schweizers Jean-François Amiguet.


A B 19 . D EZ EM BER I M K I N O

KARIM AÏNOUZ BRASILIEN

«Die Leute müssten in einen Film wie den brasilianischen The Invisible Life of Eurídice Gusmão stürmen, eine Geschichte über zwei Schwestern, jede rebellisch auf ihre Weise.» F A Z

Profile for Tanja Hanhart

Filmpodium Programmheft November/Dezember 2019 // Programme issue November/December 2019  

Luis Buñuel – Das Spätwerk // Hal Hartley // Lettisches Filmwochenende // Das erste Jahrhundert des Films: 1999 // Filmpodium für Kinder:...

Filmpodium Programmheft November/Dezember 2019 // Programme issue November/December 2019  

Luis Buñuel – Das Spätwerk // Hal Hartley // Lettisches Filmwochenende // Das erste Jahrhundert des Films: 1999 // Filmpodium für Kinder:...

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